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Container

Edel-Container

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Holzmodule taugen nicht nur als Provisorien. Es gibt sie auch mit guter und solider Architektur, wie eine Siedlung von Werner Sobek zeigt.

Text: Christoph Gunßer

Der sprichwörtliche schwäbische Häuslebauer hat es heute, zumindest in den Ballungsräumen, schwer, seinen Traum zu verwirklichen. Knappes Bauland und teure Baupreise treiben selbst den konventionellsten Bauherrn auf neue Wege, zum Beispiel zum Fertighaus, dessen Anteil im Südwesten schon deutlich höher ist als andernorts.

Systemisches Denken, wie es die Anbieter von Fertighäusern seit Langem pflegen, gewinnt nun zusätzliche Aktualität, seit die Wohnungsmärkte durch die Zuwanderung noch enger geworden sind. Die Experten sind sich einig: Da hilft nur Neubau, rasch und kostengünstig. Allein in Baden-Württemberg sollten pro Jahr 40.000 Wohnungen entstehen, heißt es.

Nordöstlich von Stuttgart, im Rems-Murr-Kreis, ergab sich eine Neubau-Initiative zunächst eher nebenbei: Der Landrat war auf der Suche nach raschen Lösungen mit temporären Bauten – allerdings für die geplante interkommunale Landesgartenschau. Darum war man an Werner Sobek herangetreten. Der prominente Bauingenieur und Architekt, Nachfolger von Frei Otto am Institut für leichte Flächentragwerke der Uni Stuttgart, entwickelt seit einigen Jahren auch Modul- oder Montagehäuser, wie sie der moderne Pionier der Szene, Konrad Wachsmann, in den Zwanzigern nannte. Sobeks in Kooperation mit einem schwäbischen Fertighaushersteller entstandenes Experimentalhaus „B10“ am Rande der Weißenhofsiedlung hatte 2014 Aufsehen erregt. Daraufhin war mit dem Dübelhersteller Klaus Fischer ein anderer Tüftler auf Sobek zugekommen. Gemeinsam gründeten sie eine Firma für Modulhäuser – „um das Bauen von seiner archaischen Seite zu befreien“, wie sie sich ausdrückten. Es geht um ressourcenschonenden Leichtbau, nach der Plattformstrategie der Automobilindustrie „lean“ produziert, für betuchtere wie auch finanzschwächere Kunden.

Die Weltlage schuf 2015 zunächst ärmere Nachfrager. Auch im Rems-Murr-Kreis mussten rasch Unterkünfte für Flüchtlinge geschaffen werden. So bekamen Sobeks „schnelle Häuser“ ihre erste Chance: An zwei Standorten in Winnenden und Kernen beauftragte die Kreisbaugesellschaft die Firma Aktivhaus mit Siedlungen in Modulbauweise.

In der Kleinstadt Winnenden fanden auf einer Wiese am Waldfriedhof 39 Module Platz. Die Stadt hatte die Nutzung dieser zu einer Jugendhilfeeinrichtung gehörenden Fläche am Rand eines gutbürgerlichen Wohngebiets politisch durchgesetzt mit der klaren Option, das bisherige Sondergebiet in drei Jahren zum Allgemeinen Wohngebiet zu machen. Die Neubauten sollten also kein Provisorium sein, sondern als Sozialer Wohnungsbau taugen.

Die beiden 45 und 60 Quadratmeter großen Module bestehen aus einer mit Lärchenholzrosten verkleideten Holzständerkonstruktion, deren Hohlräume Hanf und Holzfaserplatten ausfüllen. Bodentiefe Holzfenster und -türen von einheitlichem Format verteilen sich locker über die Holzquader. Gummilippen-Dichtungen sorgen dafür, dass alles demontierbar bleibt. Überhaupt sind alle Baustoffe recyclingfähig oder kompostierbar. Der Dämmstandard entspricht dem Wohnungsbau.

Lernen von Lego

Auf der Basis genormter Schnellverbindungen lassen sich die Module wie Lego-Steine kombinieren. Wie im Modulbau üblich, waren die nächtens (und nicht ganz so nachhaltig von einem Hersteller aus dem europäischen Ausland) per Tieflader herantransportierten Bausteine an einem Tag montiert.

Hier sind die meisten Module ein- bis zweigeschossig „back to back“ gruppiert, was die Belichtung und Besonnung einiger Innenräume deutlich einschränkt und auch die Zonierung der langen Wohnungen nicht immer günstig gestaltet. Jedoch ergeben sich große, kompakte Baukörper, die geräumige Höfe fassen, die begrünt und auch schon mit Bäumen bepflanzt wurden. Besonders reizvoll sind die großen Dachterrassen vor den oberen Wohnungen.

Das transportbedingte Modulmaß beträgt maximal 4,40 mal 18 Meter Länge; dadurch wirken die Wohnungen noch etwas schlauchartig. In der Nachnutzung als Sozialer Wohnungsbau sollen sie mit Nachbar-Einheiten über Durchbrüche verbunden werden. Vergleichbares bieten andere Hersteller auch jetzt schon für die Flüchtlingsnutzung an; Sobeks Aktivhaus gibt es derzeit nur in der Edel-Baureihe mit Modul-übergreifendem Grundriss. Dort gibt es auch keine Beschränkung auf ein Fensterformat, sondern raumgroße Panoramafenster vom doppelten Modulpreis an aufwärts. Die einfachen, zu gut 1.600 Euro brutto pro Quadratmeter beziehbaren Module sollen sich bis zu vier Geschosse hoch stapeln lassen und eine modulare Solarnutzung zulassen. Ein eigenes Technikmodul erlaubt diverse Optionen der Heizung.

Als Zugabe, die wenig kostete, besitzen die Container sogar Dachterrassen für die Bewohner.

Im Pilotprojekt wirkt die Holzschalung hochwertig. Sie bindet die Siedlung sehr gut in den Landschaftsraum ein. Bei flüchtigem Blick kann die kleine Siedlung fast als „normaler“ Wohnungsbau durchgehen. Bei näherem Hinsehen sind indes die Fugen und Bleche der „Bausteine“ erkennbar. Die davorgestellten stählernen Treppen wirken etwas zu massiv und zudem ob ihrer Durchgangshöhe unfallträchtig. Am hässlichsten fallen am Rande die typisch deutschen Müllcontainer ins Auge, die unbehaust herumstehen …

Alles wirkt aber, als könnten die Häuser hier ganz archaisch Wurzeln schlagen. Mit Flexibilität waren ja frühere Erfahrungen eher ernüchternd – es wurde schlicht nichts verändert. Ob also mit den Bausteinen tatsächlich weiter „gespielt“ wird, bleibt abzuwarten. Auch ist unklar, ob das junge Start-up jemals Stückzahlen erreichen wird, welche die Entwicklungskosten einspielen.

In diesem Frühjahr beginnt der Bau der Siedlung im benachbarten Kernen. Hier will man die Module mit bunten Trespa-Platten verkleiden und auch kleinere Änderungen in Konstruktion (Massivholzdecken) und Grundriss (längere Schlafzimmer) ausführen.

Schlicht, aber wirksam: Einfach und rustikal wirken die Bauten auch im Inneren.

Ein rasch wachsender Markt

Der Modulmarkt ist derzeit hart umkämpft. Während weiterhin, auch in Winnenden, öde temporäre Unterkünfte aus herkömmlichen Baucontainern entstehen, bieten einige Holzbaufirmen eine durchaus ähnliche Qualität wie hier gezeigt. Seit den Neunzigerjahren schon treibt Kaufmann Bausysteme aus Vorarlberg die Entwicklung voran. Als Marktführer liefert die Firma Systembauten nach ganz Europa, hängt aber die Low-Budget-Bauten aus Marketing-Gründen nicht gerade groß heraus.

In der bekanntlich nicht sehr innovationsfreudigen Baubranche gab es in der Vergangenheit Neuerungen meist nur in Notzeiten, wenn alles sehr schnell gehen musste. Dieses Odium verhinderte dann eine breitere Akzeptanz in besseren Zeiten – eine Erfahrung, die schon Konrad Wachsmann mit seinen Holzbausystemen machte. Auch kleinere Anbieter, wie zum Beispiel Bauer Holzbau in Wangen/Allgäu, bauen heute ansehnliche Holzhäuser für Flüchtlinge – sogar mit deren Hilfe: Das Unternehmen lernt sie an und bietet denen mit Bleibeperspektive eine Ausbildung.

Die Lebenserwartung der Modulbauten geben Hersteller mit dreißig oder auch hunderten von Jahren an. Ohne baulichen Holzschutz an den Fassaden erfordern sie sicher Pflege, erlauben aber auch leichte Anpassung an die Verhältnisse. Denn die sind ja selbst im Schwabenland nicht mehr so stabil und berechenbar wie einst. Gut möglich also, dass mit den Modulen auch ein Mentalitätswandel in Gang kommt.

Bitte keine Besichtigungen!

Leider muss zum Schluss noch eine Anmerkung sein: Auch wenn kein Zaun die Flüchtlingssiedlungen abschirmt, sind sie für Besucher tabu. Sicherheitsdienste vertreiben jeden und unterbinden das Fotografieren – zum Schutz der hier untergebrachten Menschen.

Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg).


Wohnen wie daheim
Ein Buch über Flüchtlingsbauten baut auf die Lebensgewohnheiten in den Herkunftsländern
Die besondere Stärke dieses Buchs sind die Texte über das Wohnen im Nahen Osten. So gibt der syrischstämmige Mitherausgeber Yasser Shretah einen Überblick über Haus- und Wohnungstypen seiner Heimat und die damit verbundenen Vorstellungen vom Zusammenleben. Egal ob traditionell oder unter dem Einfluss von Kolonialismus oder Moderne entstanden: Die Trennung von Gäste- und Familienbereich ist bei allen Wohnformen zu finden. Besonders die einfachen, ländlichen Typen kann man sich fast direkt auf modulare Wohnheime übertragen vorstellen. Es folgen durch viele eindrückliche Fotos bereicherte Berichte über syrische Flüchtlinge im Libanon, wo sie selbst organisiert für Wohnraum sorgen müssen – in den palästinensischen Flüchtlingsvierteln der Hauptstadt oder in informellen Siedlungen auf dem Land.

Dass aus Flucht und Vertreibung auch in Europa eine bisher wenig beachtete Baugeschichte des „Flüchtlingswohnens“ resultiert, zeigt eine historische Zusammenfassung vom Mittelalter bis zu den Nissenhütten der Nachkriegszeit. So wurden in Deutschland für vertriebene Protestanten ganze Städte neu gegründet (Erlangen-Neustadt, Neu-Isenburg, Neu-Hanau) und in Potsdam für „Gastarbeiter“ ein holländisches Viertel imitiert. Die Stadt Wien startete für Arbeitsmigranten, aber auch für Flüchtlinge des Ersten Weltkriegs ein Wohnungsbauprogramm, von dem sie bis heute profitiert.

Zu kurz kommen aber auch handfeste Informationen über politische, planerische und bauliche Strategien nicht. Anhand von eingestreuten Beispielen erfährt der Leser mehr über Baurecht, Zuständigkeiten, Verfahren und Sonderprogramme wie den „Wohnungspakt Bayern“ und das Münchener Sofortprogramm „Wohnraum für Alle“. Der abschließende Beispielteil zeigt viele gelungene Projekte, darunter auch einige Holzbauten, kann aber naturgemäß nicht die gleiche Fülle liefern wie die Datenbank „Making Heimat“ des Deutschen Architekturmuseums (www.makingheimat.de). Mit ihrem Blick auf die Herkunftskultur vieler Flüchtlinge und bereits bewährte Modelle schafft die Publikation aber beste Voraussetzungen, um ganz eigene neue Lösungen entwickeln zu können.

Lore Mühlbauer, Yasser Shretah (Hrsg.)
Handbuch und Planungshilfe Flüchtlingsbauten. Architektur der Zuflucht: Von der Notunterkunft zum sozialen Wohnungsbau
DOM publishers, Berlin 2017, 304 Seiten, 78 Euro

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