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Abschiedswort

Unterbezahlt und unbezahlbar

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Der Architektenstand hat etwas charmant Vorgestriges – das wir morgen gut gebrauchen können. Ein Resümee zum Abschied als Chefredakteur.

Text: Roland Stimpel

Vor genau zehn Jahren geriet ich unter die Architekten. In der Zeit davor hatte ich viel mit Immobilienmenschen zu tun. Nicht mit Provisionsmaklern oder Wohnungsspekulanten, sondern mit professionellen und kompetenten Managern von Gewerbeimmobilien, die ein so klares wie schlichtes Wertegerüst haben, ziemlich rational vorgehen, entsprechend berechenbar und trocken sind. Oft allzu sehr: War mal ein gesellig gedachter Abend fällig, dann verengte sich der Gesprächsfluss meist rasch zu einem dünnen Immobilien-Rinnsal.

Ganz anders bei Architekten. Da wusste ich vorher nie, wohin die Abende neigen würden – zur Ideenwerkstatt oder zum Dogmenstreit, zur Stadtdebatte oder zum Energietechnik-Diskurs, vielleicht auch zu Günter Grass oder Goya. Ich wusste auch nie, ob da coole Macher auftreten würden, vergeistigte Bildhauertypen oder Missionare der guten und wahren Form. Aus der stahlblauen Immobilienwelt kam ich in ­eine vielfarbig schillernde, in der Herzblut so wichtig ist wie in der vorigen Welt Excel-Tabellen.

Sobald das Berufsverständnis zutage trat, fühlte sich das oft wie eine spannende Zeitreise rückwärts an – vom frühen 21. ins mittlere 19. Jahrhundert. Die Immobilienleute agierten voll in unserer von großen Organisationen, Regeln und Renditen geprägten Welt. Orte, Objekte und Personen sind darin ziemlich austauschbar. Die traditionelle Leitfigur vieler Architekten ist das bürgerliche Individuum, das die Welt vor 150 Jahren dominierte. Als Idealpaar gelten nach wie vor der persönliche, an den Ort gebundene und für ihn mitverantwortliche Bauherr und sein für ihn planender, höchstselbst verantwortlicher Treuhänder-Architekt und universeller Baumeister, der jede Bauaufgabe beherrscht und ihre Komplexität bewältigt.

Seitdem haben sich nicht nur am Bau die Gewichte gewaltig verschoben – von Individuen zu Institutionen, von lokal verwurzelten Generalisten zu globalen Spezialisten. Das hat der Architektenstand im Ganzen eher halbherzig bis widerwillig mitgemacht, was ihn in den Augen Dritter manchmal weltfremd und querköpfig erscheinen lässt. Aber es ist ein wichtiger Beitrag zur mentalen und sozialen Artenvielfalt; ohne solche Widerhäkchen wäre die Welt glatter und öder.

Vor allem in den vielen kleinen Büros zahlen Architekten dafür aber einen nicht ganz niedrigen Preis, und ihre Bauherren oft auch. Er fällt an, wenn die Komplexität und Differenzierung über den individuellen Kopf wächst. Schon beim Dorfgemeinschaftshaus weiß kein Einzelner mehr alles, was zu Gestaltung, Funktionen, Kosten, Statik, Brandschutz, Energietechnik, Materialeigenschaften, Akustik, Vertragsrecht, Honorarrecht, Bauordnungs- und Planungsrecht oder Haftungsrecht gefragt ist. Wer nicht delegiert, sich spezialisiert und Expertenteams bildet, der scheitert unvermeidlich an irgendwelchen Punkten. Das gilt nicht nur fürs Wissen, sondern auch für die persönlichen Talente: Wer ist schon schöpferischer Entwerfer, zäher Kalkulierer, geschickter Verhandler und effizienter Baustellen-Manager zugleich? Wer sich all das zutraut, ist entweder genial oder anmaßend. Nur große Büros können glaubhaft mit einer Ballung all dieser Kompetenzen werben.

In einem so vielfältigen Beruf ist kein Architekt in seinen Fähigkeiten und Neigungen wie der andere. Bauherren wollen ihn auch darum nicht blind einkaufen. Das scheint mir nach vielen Gesprächen das größte Hemmnis zu sein, einen Wettbewerb auszuloben – oder wenigstens seine Teilnehmer auf vorher analysierte und allesamt potenziell akzeptable Büros einzugrenzen. Die praktizierten Verfahren mögen vor allem bei staatlichen Auslobern oft überbürokratisiert sein – grundsätzlich kann man aber Bauherren kaum verübeln, dass sie im oft größten Investitionsprojekt ihres Berufs- oder Privatlebens das Heft in der Hand behalten wollen.

Im Urteil darüber liegen die Außensicht auf Architekten und ihre herkömmliche Selbstsicht oft weit auseinander. In der Selbstsicht ist der Wettbewerb, der offene zumal, ein Kernelement des Berufs: freier Zugang für alle freien Baumeister, reine Qualitätsauswahl ohne Ansehen der Person und damit chancengleiche Sprungbretter für Nachwuchstalente und ein bürgerlich-baukulturelles Abmühen um die beste Lösung – oft selbstlos, weil vergeblich.

Im tatsächlichen Leben der meisten Architekten sind Wettbewerbe aber höchstens noch Randerscheinungen. So haben nach der jüngsten Umfrage der Architektenkammern – deren Position ich hier nicht vertrete – im Jahr 2015 überhaupt nur 21 Prozent aller Büros an Wettbewerben teilgenommen und nur rund fünf Prozent an offenen Verfahren. Wettbewerbe sind auch keine Domäne der jungen, kleinen Büros, die sie als Sprungbretter nutzen: Nur acht Prozent aller Ein-Menschen-Büros haben sich in jenem Jahr an einem Wettbewerb beteiligt, dagegen 69 Prozent der relativ großen Büros mit zehn und mehr Köpfen. Kein Wunder: Meist wird vor dem Wettbewerb aussortiert oder exklusiv zu ihm eingeladen – letzteres bevorzugt größere Büros.

Kleine Büros können sie sich auch kaum leisten: 125 Stunden und 5.800 Euro kostete im Mittel die Teilnahme an einem Wettbewerb, schon zu den oft bescheiden kalkulierten Stundensätzen. Und das bei geringer Gewinnchance. Das Sich-Einlassen auf Wettbewerbe ist, freundlich ausgedrückt, ein Geschenk der Architekten an Bauherren und Gesellschaft. Unfreundlich ausgedrückt sind sie ein Feld der kollektiven Selbstausbeutung, das nicht unbedingt viel größer werden sollte. Man stelle sich kurz vor, nicht nur 21 Prozent aller Büros würden, sondern 100 Prozent müssten Aufträge über Wettbewerbe akquirieren. Es wäre der Ruin des Berufsstands.

„Finanzieller Gewinn steht bei selbständigen Architekten auf Rang 19 von 20 erfragten Zielen. Eine geradezu sensationelle Absage an die dominierende Form des Wirtschaftens, die ich bewundere – aber nicht grenzenlos.“

Zudem kommt auch aus großen und offenen Wettbewerben oft nicht das reine baukulturelle Glück heraus. Erfunden wurden sie einst für herausgehobene, besondere Bauten, heute insbesondere kulturelle, und hier finde ich sie auch angemessen. Da sind Fantasie, Experimente und starke individuelle Lösungen gefragt, gern auch der Bruch mit dem Vorgefundenen. All das kann aber nicht die Masse der Alltagsbauten prägen, für die entspannte Gefälligkeit und respektvolle Anpassung die höheren Tugenden sind. Tugenden, die allerdings in Wettbewerben nicht gefragt sind – da gähnt der Fachpreisrichter eher.

Es ist kein Zufall, dass das Innovation und Originalität treibende Instrument Wettbewerb vor allem in historischen Stadtzentren zum Scheitern neigt. Kurz vor und während meiner Architektenblatt-Zeit gab es eine ganze Serie solchen Scheiterns: Für den Hamburger Domplatz, das Frankfurter Dom-Römer-Areal, beim Dresdner Gewandhaus, beim Aachener „Bauhaus Europa“, dem Saal der Staatsoper in Berlin oder der Kongresshalle in Heidelberg zeichnete erst eine von Experten dominierte Jury etwas Zeitgeistiges, teils Spektakuläres aus, das anschließend per Bürgerprotest gekippt wurde.

Die blöden Laien! Die Entfremdung allzu vieler Architekten – zum Glück längst nicht aller – vom gemeinen Nutzer- und Betrachtervolk ist weit fortgeschritten. Das ist teils so gewollt: Man kann sich als Elite fühlen und in Gestaltungsfragen ein Monopol beanspruchen, man pflegt das, was bei Soziologen Distinktion heißt und bei manchen anderen unfreundlich Dünkel.

Das klassische Architekturstudium, geprägt vom Entwurf und lehrenden Entwerfern, verleitet dazu. Die Ausbildung junger Leute und die Integration in den Berufsstand verfeinern nicht (nur) Gestaltungssinn, Geschmack und Qualitätsmaßstäbe, sondern sie verschieben sie auch. Auffällig wird wichtiger als gefällig, originell wichtiger als angepasst, Reduktion und Körperhaftigkeit zählen mehr als Bild und Fläche. Das gilt natürlich auch für manche Nicht-Architekten, genauso, wie es längst nicht für alle Architekten gilt. Aber das Ganze wird vor allem als Experten-Laien-Kluft wahrgenommen, eben weil es fast immer Architekten sind, die diese Kluft bereitwillig vertiefen.

Überheblichkeit und Intoleranz waren das Unangenehmste, was ich unter Architekten erlebt habe. Da gibt es einige, die jeden mit anderer ästhetischer Vorliebe rhetorisch in die AfD-Ecke der reaktionären Kleingeister zu stellen versuchen. Zur Ehrenrettung der Berufspraktiker sei aber gesagt: Weltfremd-dogmatische Kunsthistoriker können noch viel schlimmer sein, und wir Architekturjournalisten die Allerschlimmsten.

Auf andere Art übel war und ist es, wenn Architekten sich selbst in praktischen Fragen wichtiger nehmen als die Menschen, für die sie arbeiten. Ich habe Fälle erlebt, wo das gestalterische Ego gnadenlos und teils mit intriganten Methoden über Alltagswünsche der Bauherren gestellt wurde. Auch zu Fassadendetails, die gewöhnliche Betrachter noch nicht einmal bemerken. Hier empfiehlt sich mehr architektonische Entspanntheit. Wer wie der legendäre Bruno Taut Mietern wütende Briefe wegen Tüllgardinen in seinen transparenten Eckfenstern schickt, gilt außerhalb der Architektenschaft eher als anmaßender, egozentrischer Haustyrann denn als Ritter der Baukultur.

Zurück zu den charmanten Seiten des Berufsstands. In einer Umfrage vor einigen Jahren konnten Architekten aus 20 möglichen Berufszielen die ankreuzen, die für sie wichtig waren. Dabei kam das Ziel, finanziellen Gewinn zu machen, auf Rang 19 von 20. Eine geradezu sensationelle Absage an die dominierende Form des Wirtschaftens, die ich bewundere. Aber nicht grenzenlos. Denn sie führt dazu, dass sich Architekten, gemessen an ihrer Kompetenz, ihrem Einsatz, Einfallsreichtum und in Kauf genommenen Risiken, viel zu schlecht bezahlen lassen. Egal, ob das Honorar auf irgendeine individuelle Weise ausgewürfelt oder in ambitioniertesten HOAI-Auslegungen errechnet wird.

Zwar hat sich in meinen zehn Jahren unter Architekten der Markt für sie extrem verbessert, oft sogar völlig umgedreht: In blühenden Regionen und gefragten Arbeitsfeldern müssen Bauherren betteln, damit Architekten für sie ein bisschen ihrer gefragten Zeit abknapsen. Das mündet aber weiterhin nicht in kollektivem Reichtum. Gemessen an gleicher Leistung und Kompetenz in anderen Berufen, sind Architekten unterbezahlt. Das ist die Schattenseite jenes wundervollen Individualismus und Idealismus, den ich anfangs beschrieben und in den zehn Jahren immer wieder genossen habe. Man kann auch sagen: Architekten sind ziemlich unbestechlich und lassen sich ihre Verantwortung für eine gut gebaute Welt nicht abkaufen. Damit sind sie für unsere Gesellschaft unbezahlbar.

Roland Stimpel hat Ende März als Chefredakteur aufgehört und bleibt Autor für das DAB. Künftige Chefin ist Brigitte Schultz, die zum 1. Mai anfängt.

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