Artikel drucken Artikel versenden

Glosse

Guck mal, ich koche!

Diesen Artikel teilen:

Dass alle offene Küchen wollen, ist ein großer Erfolg der Architektenschaft.
Aber ist das wirklich ein Erfolg?

Rezeptur: Heiko Haberle

Das Auto als Statussymbol beeindruckt niemanden mehr. Für die ganz Jungen ist es nun das Fahrrad, für die Generation darüber die offene Designer-Küche. Ein schöner Erfolg für Planer, Hersteller und IKEA, der Resultat einer jahrzehntelangen Lobby- und Medienarbeit ist. Und eine absolute Ausnahme, denn nur selten finden Lieblingsideen von Architekten auch so großen Anklang bei den Nutzern, dass sie zum Must-have werden. Begonnen hat es in der Nachkriegszeit mit kleinen Durchreichen zwischen Küche und Essbereich. In den 1970er- und 80er-Jahren sah man bei fortschrittlichen Bauherren schon vereinzelt in einen Tresen aufgelöste Küchenwände. Und heute fließen Wohnraum und Küche am besten ineinander. Nur eine Insel zum Kochen und Schnippeln schwimmt im Raummeer. Dabei wird in Deutschland insgesamt viel weniger gekocht als früher, dann aber anspruchsvoller und mit großer Geste und meistens von Papa. Also müssen glänzende Oberflächen, Dampfgarer, Brotbackautomat und Eismaschine sein. Aber Vorsicht: Zur Abgrenzung taugt die offene Küche nicht mehr lange, denn sie ist inzwischen sogar im Sozialen Wohnungsbau angekommen.

Aber wollen das wirklich alle oder sind sie bloß von schönen Bildern geblendet? Der im Geschosswohnungsbau viel beschworene nutzungsneutrale Grundriss wird natürlich vereitelt: Eine riesige Koch-Ess-Sofa-Landschaft wird wohl für immer genau das bleiben und kann kein Kinder-, Schlaf- oder Arbeitszimmer werden. Aber auch im Alltag zeigen sich Nachteile: Da lädt der Gastgeber zum Show-Cooking und was erlebt man beim festlichen Dinner hautnah? Kleckereien, Flüche, Schweiß, Verbrennungen, womöglich sogar blutende Wunden. Da möchte man auf dem Sofa in Ruhe ein Buch lesen, doch was stört? Der surrende und gurgelnde Geschirrspüler. Da will man auf dem großen Flachbildschirm einen Film schauen, aber der Fischduft von gestern ist noch immer nicht verzogen und hat sich sogar in den Polstern der Sitzlandschaft festgesetzt. Am meisten für eine Wiedereinführung der häuslichen Funktionstrennung spricht aber vermutlich, dass man immer gleich aufräumen muss und keine Tür hinter dem ganzen Chaos schließen kann.

Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.

 

Passend zum Thema





Kommentare

Wir freuen uns über Ihre Beiträge und bitten Sie, die Regeln dieses Forums einzuhalten:

  • Bitte nennen Sie uns Ihren Namen und Ihre e-Mail-Adresse. Anonyme Statements werden nicht veröffentlicht. Ihre e-Mail-Adresse wird selbstverständlich nicht mit veröffentlicht und nur im Falle von Rückfragen durch die Redaktion genutzt.
  • Schreiben Sie zur Sache.
  • Teilen Sie etwas Neues mit.
  • Nennen Sie Argumente.
  • Bitte keine Beleidigungen.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zurückzuweisen.
Texte können erst nach Freischaltung durch die Redaktion erscheinen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.