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Bergbauhalde Duhamel

Im Wald und auf der Halde

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Das neue Saarpolygon auf der Halde Duhamel soll Sinnbild des Strukturwandels im kleinsten Bundesland sein.

Text: Christoph Gunßer

Zwei skurrile Ausguck-Objekte ragen neuerdings in den saarländischen Himmel. Lage, Form und Botschaft könnten gegensätzlicher kaum sein.

Wer kürzlich im Saarland unterwegs war, hat das eine Objekt sicher schon wahrgenommen: Vom halben Land aus sei das zeichenhafte Monument auf der 150 Meter hohen Bergbauhalde Duhamel bei Saarlouis zu sehen, heißt es. Das „Saarpolygon“ soll Sinnbild des Strukturwandels im kleinsten Bundesland sein: 250 Jahre lang wurden hier Flöze gegraben und Halden aufgetürmt. Nun gibt es 2.150 Hektar Montan-Brachen, für die es neben einer „Erinnerungskultur“ dringend neue Konzepte und Ideen braucht. Die rund dreißig Meter hohe begehbare Stahlgitterskulptur der jungen Berliner Architekten Katja Pfeiffer und Oliver Sachse ist das Ergebnis eines internationalen Wettbewerbs.

„Haldenereignisse“ dieser Art gab es ja schon andernorts, zum Beispiel den im Rahmen der IBA Emscher Park entstandenen Bottroper Tetraeder. Wo im Saarland einige der Auslober (unter Führung einer Tochtergesellschaft der früheren Ruhrkohle AG) am liebsten eine schlichte Barbara-Kapelle gebaut hätten, schwingt sich das Polygon kühn mit zwei schräg eingespannten Röhrentragwerken in den Himmel, die in knapp dreißig Metern Höhe durch eine 40 Meter lange Brücke verbunden sind.

Fremd und offen: Wallfahrt zur Folgelandschaft
Je nach Blickwinkel bilden die drei versetzten Röhren ein Tor, ein Dreieck oder ein X, was entfernt an Fördertürme oder Bergmannswerkzeug erinnert. Wer zu Fuß die weitläufige schwarze Halde erklommen hat, gelangt über 133 Stufen in den Schrägen des Monuments auf die Brücke. Dort liegen einem die Ungetüme der noch aktiven Dillinger und der stillgelegten Völklinger Hütte zu Füßen (letztere inzwischen Weltkulturerbe), dazu ein weiter munter rauchendes Kohlekraftwerk, aber auch die Saar und viele Bergmanns-siedlungen. Bemerkenswert viele der Stufen des Bauwerks wurden übrigens von Berg- leuten gesponsert, nur rund ein Sechstel der 1,5 Millionen Euro Baukosten kamen vom Land. Nachts sind die Treppen von innen weiß illuminiert, das Objekt gewinnt dann die Qualität eines Ufos oder gar Menetekels. Das Polygon hat ohne Zweifel das Zeug zur Wallfahrtsstätte. Die Frage ist nur noch: wofür? Lässt sich so ein starker, zentraler neu-alter Ort nicht auch missbrauchen? Die Architektin Katja Pfeiffer sieht bislang keine Anzeichen, dass etwa Neonazis vom Haldenplateau Besitz ergreifen. Die sozialen Netzwerke sind stattdessen voll von entspannten Polygon-Postings. Die Freizeit-gesellschaft genießt offensichtlich die hundert Jahre lang gesperrte Location, Gleit-schirmflieger wie Schmetterlinge nutzen die Thermik der dunklen Halde, die sich eine neue Art von Natur langsam zurückerobert.

Über allen Wipfeln keine Ruh
Die intakt gebliebene Restnatur des Saarlandes liegt kaum zwanzig Kilometer nördlich von hier: Um die berühmte Große Saarschleife bei Mettlach wurde immer schon gern gewandert. Jetzt geht man hier nicht mehr in den Wald, sondern auf ihn – auf einem im vorigen Jahr eingeweihten Baumwipfelpfad. Der private Investor „Erlebnis Akademie AG“, der bundesweit bereits vier solcher Einrichtungen betreibt, legte eine 1.250 Meter lange luftige Trasse an, die an der Hangkante über der Saar in einem spektakulären Aussichts- turm gipfelt. Bis in 42 Meter Höhe schraubt sich hier die 2,50 Meter breite Rampe (mit einer maximalen Steigung von sechs Prozent) zu einer 70 Quadratmeter großen Aussichtsplattform empor. Die 462 Meter lange Strecke hinauf macht dabei bereits viel vom Erlebnis aus, wie bei den Vorgängerpfaden des Unternehmens auf Rügen, im Schwarzwald und im Bayerischen Wald, wo der börsennotierte Investor übrigens zu Hause ist. Mag Norman Fosters vom Prinzip her verwandte Reichstagskuppel auch deutlich filigraner sein – der Rampen-Turm im Wald ist mächtig. Er ragt weit, allzu weit, über die hier eher schmächtigen Baumkronen hinaus, um besondere Blicke freizugeben. Erstaunlicherweise bekam das Bauwerk hier ohne große Umschweife die naturschutz-rechtliche wie auch die Baugenehmigung. Winzig wirkt zu seinen Füßen der historische schiefergedeckte Pavillon – ein Kontrast fast wie im Frankfurter Bankenviertel. Auch in der Fernsicht vom Tal aus stört der Turm die ruhige Silhouette der Waldlandschaft, wo bislang weit und breit kein Bauwerk steht, empfindlich. Doch zählten solche Bedenken wenig. 200.000 zahlende Besucher erwartet man hier im Jahr. Bei 10 Euro Eintritt dürfte sich die Investition in Höhe von 4,7 Millionen Euro schon recht bald amortisieren. Die von Arbeits-losigkeit und Abwanderung geplagte Region hat Impulse bitter nötig. Auch wenn man am Pfad hier nichts direkt verdient – Pfad und Betrieb gibt es nur als Komplettpaket –, hofft man auf Jobs und wachsende Steuereinnahmen durch den Tourismus. Der Architekt Josef Stöger aus Schönberg im Bayerischen Wald hat den Turm, wie auch seine Vorgänger, entworfen. Bei der Pfad-Planung hat er hierzulande fast eine Alleinstellung. Gefragt, warum die Projekte so gut laufen, mutmaßt er, die Leute bräuchten halt ein Highlight, um in die Natur zu gehen. Die Pfade sind, anders als etwa Klettergärten, für jedes Alter geeignet, in diesem Fall sogar barrierefrei. Gibt es noch ein tiefer liegendes Motiv? Womöglich meldet sich der Affe in uns, der einfach gern in Bäumen unterwegs ist, zumal, wenn es so bequem geht wie hier.

Konstruiert sind die Türme aus Brettschichtholz, verstärkt und ausgesteift mit Stahl. Den offen liegenden Bohlen und Handläufen aus Lärche und Douglasie gibt der Planer eine Lebensdauer von 10 bis 12 Jahren; die durch Bleche und Opferplatten geschützte Konstruktion taxiert er auf 20 bis 25 Jahre. Neuartigen Holzverbundstoffen gegenüber ist Stöger reserviert. Die Leute wollten natürliches Holz sehen. Der frei stehende und nicht im Erdreich eingespannte Turm schwingt in der exponierten Lage spürbar. Im Herbst rüstete man daher mehrere Tonnen schwere Schwingungstilger nach. Die Leute seien insgesamt angetan vom neuen Erlebnis-Event, meint Stöger. Nur ganz vereinzelt war von einem „Holzmonster“, einer „Parkhaus-Rampe“ im Wald die Rede und davon, dass es früher hier viel beschaulicher zuging. Heute gibt es Bewirtung und Bespaßung für die Kinder. Und der Erfolg hält an, denn der Architekt deutet an, dass weitere Wipfelpfade in der Republik geplant seien.

Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg).

Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.

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