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Schulbau

Die Schulbauwelle

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Lernlandschaft: Klassenräume ohne Türen, gläserne Wände, bequemes Sofa – so sieht eine zeitgemäße Lernumgebung in der Berufsschule in Hamburg-Eidelstedt (SchröderArchitekten, 2017) aus. Das vielfältige Angebot an Arbeitsplätzen in diesem kleinen „Campus“ nutzen selbst die Lehrer.

Der Investitionsrückstau an deutschen Schulen ist ein Dauerthema. Doch langsam kommt Bewegung in den Schulbau. Viele Städte verabschieden sich von der Flurschule und planen Neubauten, die sich an Reformkonzepten orientieren.

Text: Doris Kleilein

Erinnert sich noch jemand an das Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung? Oder an das Konjunkturpaket II? Mit den beiden großen Bauprogrammen sind in den letzten 15 Jahren bereits beträchtliche Mittel in den Schulbau geflossen. Vier Milliarden Euro ließ sich die Regierung Schröder von 2003 bis 2007 den Ausbau der Ganztagsschulen kosten, weitere zehn Milliarden Euro stellte der Bund nach der Finanzkrise 2008 bereit, um die Bauwirtschaft anzukurbeln – Geld, mit dem auch viele Schulen saniert und erweitert wurden. Doch der Bedarf ist nach wie vor enorm: In einer Umfrage der KfW-Bank im September letzten Jahres schätzten die Kämmerer deutscher Kommunen, dass weitere 34 Milliarden Euro in die Sanierung von 53.500 Schulen investiert werden müssen.

In der Berufsschule in Hamburg-Eidelstedt gruppieren sich je drei Unterrichtsräume um eine gemeinsame Zone. Zwei solche Cluster gibt es pro Etage.

Im Schulbau rächt sich nicht nur die jahrzehntelange Vernachlässigung des Bestands. Viele Experten fordern auch, dass Schulen radikaler neu gedacht werden müssen, um im internationalen Vergleich der Bildungssysteme mithalten zu können. „Wir haben nicht nur einen Investitions-, sondern auch einen Innovationsrückstand“, so Karl-Heinz Imhäuser, Vorstand der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. „Konzepte aus der Vergangenheit werden für die Zukunft betoniert.“ Allzu oft wurden unter dem hohen Zeitdruck althergebrachte Raumkonzepte nicht infrage gestellt und Schulen nur halbherzig um Mensa oder Hortraum erweitert. Dabei haben sich seit dem „Pisa- Schock“ im Jahr 2000 die Anforderungen an die pädagogische Arbeit so verändert wie zuletzt in den Siebzigerjahren. Das rhythmisierte Lernen in der Ganztagsschule, bei dem Unterrichts- und Freizeitangebote sich abwechseln, verlangt flexible Raumprogramme. Hinzu kommen die Inklusion, die Digitalisierung, mehr soziale Arbeit – und zuletzt auch die Aufnahme von etwa 300.000 Flüchtlingskindern an deutschen Schulen.

Mag es im Bestand auch mühsam sein, neue Raumprogramme zu implementieren: Die Neubauwelle, die gerade anrollt, bietet die Gelegenheit für weitreichende Reformen. Viele Städte verzeichnen Zuzug und damit explodierende Schülerzahlen – allein in Berlin rechnet man mit 75.000 zusätzlich benötigten Schulplätzen bis zum Jahr 2024/25 und hat ein Schulbauprogramm mit 30 Neubauten aufgelegt. Da die Zeit drängt, wurde in der Hauptstadt Mitte letzten Jahres eine „Task-Force“ aus Verwaltung, Architekten und Schulvertretern gegründet, mit deren Hilfe die üblichen Planungs- und Bauzeiten von bis zu neun Jahren auf die Hälfte reduziert werden sollen. Doch nicht nur Berlin muss handeln: In vielen größeren Städten sollen Schulen gebaut werden. München und Leipzig haben jeweils mehr als dreißig Schulen angekündigt, Bremen sechs, Frankfurt am Main neunzehn.

Das Lernhauskonzept

Während skandinavische Länder seit Langem mit spektakulären Schulbauten wie dem „Ørestad Gymnasium“ in Kopenhagen (3xn Architekten, 2007) auf sich aufmerksam machen, tut man sich in Deutschland schwer mit offenen Lernlandschaften. Doch wer beim Schulbau noch lange Flure mit Klassenzimmertüren vor Augen hat, muss auch hierzulande umdenken. „Lernhäuser“ heißt das Konzept der Stunde, nach dem große Schulen in überschaubare Einheiten aufgeteilt werden. Dass in München bereits alle neuen Schulen nach dem Lernhausprinzip gebaut werden, ist das Verdienst von Rainer Schweppe. Der Schulentwicklungsexperte hat in München als Referatsleiter für Bildung und Sport das „Münchner Lernhauskonzept“ implementiert und zuvor in Herford das Modell der Offenen Ganztagsschule nach skandinavischem Vorbild eingeführt. Jetzt berät er auch den Berliner Senat. „Die Unpersönlichkeit großer Schulen wird aufgelöst und es entsteht ein besonderes Miteinander“, so Schweppe. „Es gibt nach unseren Erfahrungen weniger Sitzenbleiber, weil ein Lehrerteam über Jahre hinweg für die Entwicklung einer bestimmten Gruppe von Schülern verantwortlich ist.“

Im Lernhaus arbeiten die Schüler aller Klassenstufen in räumlichen und organisatorischen Clustern. Mehrere Klassen bilden eine kleine Schule in der Schule, mit Lern-, Unterrichts- und Ruheräumen, aber auch mit eigenen Garderoben, Toiletten und einer Lehrerstation. Die Räume eines Lernhauses gruppieren sich um eine Mitte: ein Forum, das im Lauf des Tages flexibel genutzt wird. Mit dem Abschied von der Flurschule trennen sich viele Städte auch von veralteten Musterraumprogrammen zugunsten neuer Raum- und Funktionsprogramme. Das Angebot an „pädagogischnutzbaren Flächen“ wird vor allem durch die Foren und Differenzierungsräume erweitert, aber je nach Stadt und Schultyp kommen auch Inklusionsräume, die es bislang nur in speziellen Schwerpunktschulen gab, eine Vergrößerung der Unterrichtsräume oder eine Erweiterung der Mensa und der Küchenbereiche hinzu.

Im Neubau (oben rechts) der Neuen Schule Wolfsburg sind die allgemeinen Unterrichtsbereiche in Jahrgangsclustern mit je vier Klassenräumen organisiert, die sich zur gemeinsamen Mitte öffnen.

Mehr Angebot, höhere Kosten?

Mehr pädagogisches Angebot bedeutet aber auch: Die Schulen werden größer. Im Berliner Schulbauprogramm steigt die Nutzfläche für jeden Schüler von 3,98 auf 5,21 Quadratmeter. Eine erste Kostenschätzung sieht 22,6 Millionen Euro Baukosten für eine dreizügige Grundschule vor (KG 200–700), etwa 5,2 Millionen Euro mehr als im bisherigen Modell.

„Es ist unsere Aufgabe, kostengünstige Lösungen zu finden“, so die Präsidentin der Berliner Architektenkammer Christine Edmaier. Um die Kosten gering zu halten, könnte die Möblierung der Schulen zumindest teilweise in den architektonischen Entwurf integriert werden, anstatt teure Möbel aus dem Katalog zu bestellen. Auch in Sachen Lüftung, Akustik und Brandschutz sollen kreative Lösungen gefunden werden, etwa das Zusammenlegen von Fluchtwegen und Erschließung. Ein zentraler Gedanke bei der Kostenersparnis ist die flexible und sinnvolle Nutzung von Flächen: Flure werden zu Foren, Räume nicht nach Vormittag (Schule) und Nachmittag (Hort) getrennt, sondern den ganzen Tag über unterschiedlich genutzt. „Durch die integrierte Nutzung von Vor- und Nachmittagsräumen entstehen hochwirtschaftliche Schulen. Das wird sich langfristig bewähren“, kommentiert Rainer Schweppe.

Auch die Öffnung der Schulen in den Stadtteil hinein soll weiter ausgebaut werden, wie es Hamburg bereits mit dem „Bildungszentrum Tor zur Welt“ (bof Architekten, 2013), einem Vorzeigeprojekt der IBA, umgesetzt hat. Nicht nur Sporthallen sollen, wie bislang, von externen Vereinen genutzt, auch Bibliotheken, Seminarräume und Foren können sich für die Erwachsenenbildung öffnen und zum sozialen Treffpunkt im Kiez werden. Pilotprojekte werden an vielen Orten entwickelt. In Köln entsteht beispielsweise die „Bildungslandschaft Altstadt Nord“, indem sieben Bildungseinrichtungen gemeinsam ein Raumprogramm entwickelt haben: Unterm Strich sind die Kosten geringer, als wenn jede Schule einzeln geplant hätte – und durch die Bündelung von Kapazitäten wird oft ein Mehrwert erzeugt, wie ein gemeinsam nutzbares Selbstlernzentrum oder eine Schulküche, die sich die Institutionen einzeln nicht hätten leisten können. In den Niederlanden wird diese Öffnung seit Jahrzehnten mit guten Erfahrungen praktiziert, sie setzt allerdings auch eine gewisse Offenheit und Flexibilität der Nutzer voraus.

Partizipation kontra Typisierung

Ob sich durch Partizipation generell Einsparmöglichkeiten im Schulbau finden lassen, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Partizipation sollte im Schulbau grundsätzlich verankert werden“, so Susanne Hofmann, die mit ihrem Büro „Die Baupiloten“ bereits viele Schulen unter Teilhabe der Schulgemeinschaft umgestaltet hat. „Allerdings haben nur wenige Architekturbüros das Know-how, wie Partizipationsprozesse ablaufen, und müssten eigentlich mit Experten zusammenarbeiten.“

Rainer Schweppe wiederum hält Partizipation beim Neubau von Schulen für schwierig, da es in der Planungsphase noch keine Schulgemeinschaft gibt, die man einbeziehen könnte. Die Aufteilung in Lernhäuser bietet allerdings einen klaren Rahmen für Architekturbüros: Räumliche Beziehungen müssen nicht neu erarbeitet werden, sondern sind bereits definiert. Architekten könnten sich auf die Ausformulierung der Raumprogramme am jeweiligen Standort und auf die architektonischen Themen wie Transparenz, Blickbeziehungen, Materialität und Konstruktion konzentrieren. „Eine Typisierung und Modularisierung zumindest in Teilbereichen bietet sich an“, so Schweppe. Die Lernhäuser als autarke Minischulen können bestehende Gebäude erweitern, auch können gleiche Schultypen gebündelt werden. „Man sollte die Architektur allerdings nicht zu sehr festschreiben, da dies die Kreativität einschränkt“, so Hofmann.

Clever ausgenutzt: Auf kleiner Fläche bietet der Außenraum der evangelischen Grund- und Gemeinschaftsschule Jakobus in Karlsruhe (wulf architekten, 2013) viele Möglichkeiten. Das verdankt sich der Idee, die Dachfläche der Sporthalle als zusätzliches Spiel- und Sportfeld zu gestalten.

Die Schulen der Zukunft

Ob Typenschule, individuell entworfene Gebäude, Umbauten oder gar Umnutzungen: Wer wissen will, wie gute Schulen heute entwickelt werden, kann dies in den „Leitlinien für leistungsfähige Schulbauten in Deutschland“ der Montag Stiftung nachlesen (aktuelle Ausgabe 2014). Die architektonische und stadträumliche Qualität neuer Schulen hängt allerdings auch entscheidend von den Planungs- und Bauverfahren ab, die von den Städten ausgeschrieben werden. Wird es offene Wettbewerbe geben, bei denen auch kleinere und jüngere Büros eine Chance haben? Oder kommen nur Generalplaner zum Zuge, die bereits eine Schule gebaut haben und einen Jahresumsatz aufweisen können, der für die meisten Büros schwindelerregend hoch ist? Zweistufige Verfahren wären denkbar, die zunächst allen Architekturbüros offenstehen und in der zweiten Phase mit Partnern wie Haustechnikern und Landschaftsarchitekten ergänzt werden.

Gerade wenn die finanziellen Mittel bescheiden sind, ist Kreativität gefragt. In Städten mit hohem Leerstand werden zum Teil auch bestehende Liegenschaften genutzt, wie dies beispielsweise die nach der Wende gegründeten Jenaplanschulen praktizieren: In Weimar ließ sich die Schule auf zwei Standorte ein und zog mit einem Teil der Schule in einen Plattenbau am Stadtrand, in Nürnberg belegte sie über Jahre hinweg sogar Räume in einem ehemaligen Industriebau, dem leer stehenden Quelle-Gebäude von Ernst Neufert.

Wie die Schule der Zukunft aussieht, wird derzeit in vielen Ländern neu definiert – in der Schweiz und in Japan etwa lösen Schulen wie das transparente, vom Industriebau beeinflusste Schulhaus am Leutschenbach in Zürich (Christian Kerez, 2008) oder die Grundschule ohne Wände und Türen in Uto (CAt, 2008) traditionelle Typologien auf. Es wird Zeit, dass auch aus Deutschland internationale Impulse für den Schulbau kommen.

Doris Kleilein ist Architekturjournalistin und Redakteurin der Bauwelt in Berlin.

Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Gebildet“ finden Sie in unserem DABthema Gebildet

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