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Universitätsbauten

Architektur für Architekten

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Dorfzentrum: Der Neubau ist auf einer Seite von Bestandsgebäuden umgeben. In der historischen Produktionshalle links entstehen die Studios für die Studenten.

Das neue Architekturgebäude der Uni Kassel ist gestalterisch gelungen.
Doch die Planungskultur bei der Entwicklung des gesamten Campus wird kritisiert.

Text: Heiko Haberle

Ganz anders sollte die Gesamthochschule Kassel werden, als sie 1971 gegründet wurde: interdisziplinär und offen in der Ausrichtung, baulich kleinteilig und innenstadtnah. Dass am vorgesehenen Standort auf dem ehemaligen Gelände der Henschel-Werke gut erhaltene Industriehallen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgerissen wurden, passte aber nicht so ganz ins Bild einer Reformhochschule. Schon eher das postmoderne Dorf, das in den 1980er Jahren von den Stuttgarter Architekten Höfler und Kandel als Herzstück des Campus gebaut wurde. Trotz Kritik an seinen Gassen und Pergolen und funktional teilweise fragwürdigen Lösungen hat sich über die Jahre in „Schlumpfhausen“, wie es liebevoll genannt wird, eine lebendige kleinstädtische Idylle eingestellt. Sie lebt von der Mischung aus Bibliothek, Mensa, Büros und Hörsälen mit eingestreuten Cafés, studentischen Initiativen und Wohnungen.

Als Hessen 2007 das Hochschul-Investitionsprogramm „Heureka“ auflegte, nahm man in Kassel eine nördliche Erweiterung des Campus in Angriff, um die räumliche Enge zu beheben und Fakultäten von anderen Standorten abzuziehen. Den Wettbewerb gewann 2008 das junge Berliner Büro raumzeit. Die Architekten Jan Läufer, Friedrich Tuczek und Gunnar Tausch hatten sich im Studium an der TU Berlin kennengelernt. Läufer und Tuczek waren danach wissenschaftliche Mitarbeiter in Kassel gewesen. „Wir wollten Qualitäten des alten Campus, etwa den menschlichen Maßstab, aufnehmen, dabei aber weniger verwinkelte Räume schaffen“, sagt Läufer. Ihr Plan setzt sich aus relativ dicht gestellten polygonalen Baukörpern zusammen, die eine Abfolge von Plätzen und nur angedeutete Achsen erzeugen. Neun Jahre nach dem Wettbewerb steht etwa die Hälfte der Neubauten. Schon jetzt wird deutlich, dass der neue Campus auch vom Imagewandel deutscher Universitäten zeugt. Statt Bildungsexperimenten stehen die Außenwirkung und Kooperationen im Vordergrund. Entsprechend verschwand auch die „Gesamthochschule“ gänzlich aus dem Namen. Wo in „Schlumpfhausen“ alles gemischt war, wird nun nach Funktionen getrennt: ein zentrales Hörsaalzentrum – das sich auch vermieten lässt –, ein Studentenwohnheim, eine Kita, ein noch zu sanierender Altbau für den AStA und andere studentische Initiativen. Ein „Selbstlernzentrum“ mit fast 350 Arbeits- und Ruheplätzen hat gerade eröffnet (siehe aktueller Beitrag: Bildungsland Deutschland), ebenso ein „Science Park“ für Start-up-Ausgründungen. Dass bei den bisher fertiggestellten Häusern metallische Fassaden überwiegen, ist vermutlich einem von raumzeit verfassten Gestaltungshandbuch geschuldet, das für den südlichen Bereich silbrige Fassaden vorsieht.

Farbverlauf: Ein Gestaltungshandbuch regelt die Fassadenfarben. Die großen silbernen Bauvolumen im Zentrum stehen noch nicht.

Dorf statt Großform

Da der Wettbewerb mehrere Realisierungsteile umfasste, ergaben sich für raumzeit auch konkrete Bauaufträge: neben dem 2015 eröffneten Hörsaalzentrum der Umbau zweier Altbauten und ein Neubau für die Fakultät Architektur, Stadtplanung, Landschaftsplanung (ASL). Deren bisheriger Hauptsitz im alten Verwaltungsgebäude der Firma Henschel wird aufgegeben. Weitere Lehrstuhlbüros und Studios in mehreren kleinen Bestandsbauten weiter nördlich werden aber weiterhin genutzt und wurden um einen Neubau ergänzt. Zum kleinen ASL-Dorf gehört auch die ehemalige Produktionshalle des Zeltplanen-Herstellers Gottschalk, in der künftig die Modellwerkstatt und die studentischen Arbeitsplätze liegen sollen – losgelöst von den Lehrstühlen und teilweise als Großraumbüro. Das gefällt nicht jedem. Doch das war so gewünscht, damit sich Erstsemester- und Master-Studenten austauschen können. „Ansonsten bilden sich Grüppchen, die sich einschließen und erst am Semesterende wieder zum Vorschein kommen“, berichtet Läufer.

Betonkern: Der Sichtbeton wurde im Atrium bis zur Decke geführt, wo er in Oberlichtern endet.

Der Neubau in Form eines lang gezogenen Sechsecks ist überraschend klein. Umso überdimensionierter erscheint zunächst das offene Erdgeschoss, das fast die halbe Grundfläche einnimmt. Die Obergeschosse ruhen hier nur auf schlanken Stützen und einem Treppenkern. Damit wird eine einfache Verbindung von der angrenzenden Nordstadt zum Flüsschen Ahna auf der Ostseite des Campus und zum dort entstehenden Park geschaffen. Außerdem kann der überdachte Freiluftbereich für Ausstellungen und den Bau größerer Modelle genutzt werden. Den Rest des hohen Erdgeschosses nehmen zwei kleine Hörsäle, die sich zusammenschalten lassen, und ein noch recht leeres Foyer ein. Ein öffenbares Wandmöbel und eine rollende Theke sorgen aber zumindest zeitweise für studentisches Leben. Geschickt gelöst ist der Übergang zu den Obergeschossen: Durch die relative Enge einer zweiläufigen Treppe gelangt man nach oben, wo sich ein dreigeschossiges Atrium öffnet. Hier versammeln sich Seminarräume, Computerlabore, die Fakultätsverwaltung, Lehrstuhlbüros, Räume für die Fachschaft und über zwei Etagen an der Südspitze das Fakultätsarchiv – eine praktische Einrichtung, die anderen Unis fehlt. Hier lagern alle Seminar- und Abschlussarbeiten. Obwohl die Grundanlage der Etagen gleich ist, erscheint das Atrium abwechslungsreich, weil das Auge auf jeder Etage unterschiedlich geschnitten ist und an den Enden wechselseitig Treppen angeordnet sind. Um den Raum mit seinen vielen Verwaltungsfunktionen zu beleben, wurden die senfgelben Türen mit Vitrinen für Aushänge oder mit Schaufenstern für kleine Modelle versehen. Nicht alle Lehrstühle nutzen das aus, sogar Sichtschutz-Folien sind zu finden. Auch ansonsten sind nicht alle mit ihren neuen Arbeitsplätzen zufrieden. Die Kritik ähnelt der an vielen Neubauten und zielt auf den schwindenden Einfluss auf die Haustechnik ab. Trotz manueller Belüftung der Büros über Öffnungsflügel neben der Festverglasung und viel offen liegendem Beton als Speichermasse wird von Überhitzung berichtet. Deshalb sollen die Windsensoren, die den Sonnenschutz zu häufig nach oben fahren, neu eingestellt werden, erklärt Tuczek.

Im Grundriss des 2. OG ist ganz rechts das Fakultätsarchiv, ganz links sind zwei Seminarräume.

Aneignung braucht Zeit

Die Studierenden sind nicht ganz so kritisch, loben etwa das Atrium als Begegnungsraum, den es im Altbau mit seinen langen Fluren so nicht gegeben habe. Es ist aber noch der Respekt vor dem Neuen zu spüren, sodass Spuren der Aneignung erst zaghaft verteilt sind. Wenn der Umbau der benachbarten Produktionshalle für die Studios fertig ist, kommt aber vermutlich auch diese in Fahrt. Was genau aber in der Halle gebaut wird, darüber scheinen die Studenten wenig zu wissen. An eine Beteiligung, etwa Workshops, kann sich zumindest in der aktuellen Studenten-Generation niemand erinnern. Das mag daran liegen, dass die Heureka-Mittel eine schnell zu nutzende Gelegenheit darstellten und die Universität nur ein Akteur von vielen ist: Der Bauprozess wurde von einem hessischen Landesbetrieb gemanagt, Bauherr war das hessische Finanzministerium. Doch selbst im Dekanat scheint man unter Beteiligung nur Projektbesprechungen, Gremienarbeit und Entwurfspräsentationen zu verstehen.

Kein Wunder also, dass sich – weniger bezogen auf das ASL-Haus als auf den Campus insgesamt – eine Initiative aus Lehrenden, Studierenden und Anwohnern gegründet hat. Sie kritisiert neben den fast gänzlich versiegelten Freiräumen zwischen den Bauten die mangelnde Einbeziehung der Bewohner der Nordstadt, ein Zurückfahren von Transparenz und studentischem Mitspracherecht sowie ein Verschwinden sozialer Biotope. Beispielsweise erfuhr man nur über Umwege davon, dass die Flächen eines studentisch betriebenen Biergartens und einer Fahrradwerkstatt für die Baulogistik vorgesehen waren. Die endgültige Räumung des Platzes geschah ohne Vorankündigung – wie damals bei den Henschel-Hallen. Aus Protest hatte man den Platz zuvor nach Lucius Burckhardt benannt, jenem Mitbegründer des integrierten Studiengangs Stadt-/Landschaftsplanung und Verfechter von offener Kommunikation und Partizipation. Doch heute ist Aneignung dort schwer möglich, weil der Platz durch fest installierte Sitzsteine und teils unebene Bodenbeläge fixiert ist. Dem erfrischend unkonventionellen Städtebau, ebenso wie dem Hörsaalzentrum und dem ASL-Gebäude, merkt man auf wohltuende Weise an, dass bei den Architekten das Studium noch nicht so lange zurückliegt. Doch zeitgemäße und mutige Architektur scheint in Kassel in einem merkwürdigen Kontrast zu einer unzeitgemäßen und wenig dynamischen Planungskultur zu stehen. Ausgerechnet hier, wo einst neue Lehrmethoden erprobt wurden und wo am Lehrstuhl ASL Interdisziplinarität und Partizipation traditionell hochgehalten werden, verwundert das.

Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Gebildet“ finden Sie in unserem DABthema Gebildet

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