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Raumluft

Luftveränderung

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Sollen Gebäude die Anforderungen an eine gesunde Raumluft erfüllen, muss der Architekt besonders auf die Qualität der Baustoffe achten. Diese Aufgabe wird nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs deutlich komplexer.

Text: Peter Bachmann

Von vielen Akteuren immer noch unbeachtet, entfaltet ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Praxis der deutschen Baustoffzulassung enorme Wirkung auf alle am Bau Beteiligten. Vor allem die Architekten sitzen zwischen den Stühlen, wenn es darum geht, Gebäude zu bauen oder zu sanieren, die den Kriterien des Umweltbundesamtes an eine gesündere Innenraumluft entsprechen sollen. Doch was ist jetzt anders?

Am 16. Oktober 2016 trat in der Rechtssache C-100/13 das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in Kraft, das bereits zwei Jahre zuvor gefällt worden war. Damit setzt die EU den Anspruch auf den Vorrang des freien Warenverkehrs gegenüber nationalstaatlichen Regelungen jetzt auch im Baubereich um. Konkret bedeutet das, dass für in der EU harmonisierte Bauprodukte, das sind Produkte, für die eine europäische Norm existiert, keine zusätzlichen nationalen Zulassungskriterien mehr gelten. Demnach dürfen für die Produktgruppe nur noch Bauprodukte hergestellt, gehandelt und verbaut werden, die lediglich über eine CE-Kennzeichnung verfügen. Die der CE-Kennzeichnung zugrunde liegenden EU-Normen berücksichtigen allerdings nur die Übereinstimmung des Produktes mit den vom Hersteller erklärten Eigenschaften; Vorgaben zu Emissionen von Schadstoffen sind in den EU-Normen bislang nicht enthalten. Dabei sieht die europäische Bauproduktenverordnung (BauPVO) ausdrücklich vor, dass Mitgliedsstaaten auf die Ergänzung der zugrunde liegenden EU-Normen hinwirken sollen. Daher hatte Deutschland 2015 auch gegen sechs unvollständig harmonisierte Bauproduktnormen Einwände erhoben, von denen die Normen für Holzfußböden und Sportböden zurückgewiesen wurden. Dagegen hat die Bundesregierung am 19. April 2017 Klage erhoben. Bis zur Klärung des Rechtsstreites behalten daher die deutschen Vorgaben für die Emissionsprüfung für Holzfußböden und Sportböden weiter ihre Gültigkeit. Für alle anderen für die gesundheitliche Qualität von Innenräumen relevanten Produktgruppen, wie Boden- und Wandbeläge, Klebstoffe, Estriche, Wand- und Deckenverkleidungen, Holzwerkstoffe, Putze, Mauersteine, Abdichtungen, Wärmedämmstoffe, Zemente und Betonfertigteile, enthalten die EU-Normen zu Emissionen von Schadstoffen keinerlei Vorgaben.

Die Konsequenzen des Urteils stehen den Bestrebungen entgegen, Gebäude so zu bauen oder zu sanieren, dass sie nach Fertigstellung die Kriterien des Umweltbundesamtes an eine gesündere Innenraumluft mit Sicherheit einhalten. Auch bei den Nachhaltigkeitszertifizierungen von Gebäuden nach DGNB, BNB, LEED oder dem NaWoh-Standard sind zu hohe Innenraumbelastungen als „K.-o.-Kriterien“ definiert.

Verantwortung verlagert

Das EuGH-Urteil hatte auch eine Neustrukturierung und Änderung der Musterbauordnung (MBO) zur Folge. Die Bauregellisten des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt) verloren ebenfalls ihre Gültigkeit. Die prinzipiellen Anforderungen an die Sicherheit von Gebäuden haben sich zwar grundsätzlich nicht geändert; sie unterliegen nach wie vor der nationalstaatlichen Regulierung. Es wurden jedoch die Verantwortlichkeiten hinsichtlich der Sicherheit von Bauprodukten von der nationalstaatlichen auf die private Ebene verlagert – angefangen beim Hersteller über den Handel, die Architekten und Bauunternehmen bis hin zu den Bauherren und Investoren. Diese Verantwortlichkeiten betreffen alle sicherheitsrelevanten Kriterien eines Bauproduktes, neben seiner gesundheitlichen Qualität zum Beispiel auch Fragen des Brandschutzes, der Standsicherheit und des Schallschutzes.

Das vom Architekten zu erfüllende Schutzniveau bleibt zwar gleich, aber die konkrete Anforderung „gesunde Innenraumluft“ wurde entgegen der Empfehlung des Umweltbundesamtes nicht in die MBO aufgenommen. Inwieweit die Bundesländer der Empfehlung in ihren Landesbauordnungen folgen, bleibt abzuwarten. Die bislang von Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen entsprechend novellierten Landesbauordnungen enthalten lediglich die bisherigen Anforderungen, etwa in § 3 „Allgemeine Anforderungen“.

Eine Frage der Haftung

Für Architekten stellt sich die Situation aktuell sehr unübersichtlich dar. Zum einen muss bei der Überprüfung von Produkteigenschaften geklärt werden, welche Art von Nachweis vorliegt. Denn es gibt im europäischen Bauproduktenrecht für die Bauprodukthersteller eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Übereinstimmung ihres Produktes mit europäischen Vorgaben zu erklären. Ob und welche Angaben der Hersteller zur (gesundheitlichen) Qualität seines Produktes macht, bleibt ihm überlassen. Auch ob und in welcher Form er die gesundheitliche Qualität seiner Produkte von Dritten überwachen lässt, steht dem Hersteller offen. Bauherren werden versuchen, die Verantwortung an die Architekten weiterzugeben. Mit der Verantwortung würden auch Haftungsfragen entsprechend weitergereicht. Architekten käme damit die Aufgabe zu, Erklärungen auf Übereinstimmung mit den gesetzlichen Vorgaben oder der Ausschreibung durch den Investor zu überprüfen. Das bedeutet nicht nur einen enormen verwaltungstechnischen Aufwand, sondern auch ein entsprechendes Haftungsrisiko.

Wichtige Labels: Durch die Liberalisierung des deutschen Bauproduktemarktes ist die Bedeutung von Prüfzeichen deutlich gestiegen.

Qualitätskriterien für Baustofflabel

Für Architekten, deren Planungsziel eine überprüfbar gute gesundheitliche Qualität des Bauwerks ist, spielen deshalb verlässliche und belastbare Prüfzeichen für Bauprodukte eine zentrale Rolle. Dafür müssen die Bauprodukte von einem akkreditierten Labor geprüft und zertifiziert werden. Die Bedeutung solcher Prüfzeichen ist durch die Liberalisierung des deutschen Bauproduktemarktes in der Folge des EuGH-Urteils weiter gestiegen. Ein Beispiel ist das TÜV-Rheinland- Prüfzeichen „Schadstoffgeprüft“. In Kooperation mit dem Sentinel Haus Institut wird dieses Prüfzeichen zur Schaffung von Klarheit und Transparenz bezüglich der gesundheitsbezogenen Eigenschaften von Bauprodukten in den Markt gestellt. Mit diesem anspruchsvollen Zeichen dokumentieren Hersteller auf freiwilliger Basis in Anlehnung an das bewährte AgBBSchema die hohe gesundheitliche Qualität ihrer Bauprodukte.

Die Gültigkeit sowie die Inhalte des Zertifikats können in der „Certipedia”-Datenbank des TÜV Rheinland überprüft und eingesehen werden. Darüber hinaus gibt es weitere, alternative Prüfzeichen für Bauprodukte, die das Sentinel Haus Institut in Zusammenarbeit mit dem TÜV Rheinland im Rahmen ihrer gemeinsamen Initiative „Gesündere Gebäude“ anerkennen und als Voraussetzung für die Listung von Bauprodukten auf der Onlineplattform www.bauverzeichnis.gesündere-gebäude.de akzeptieren.

Diese enthält aktuell rund 1.700 hinsichtlich Schadstoffemissionen geprüfte Produkte aller Sparten. Diese können von registrierten Nutzern recherchiert, zu persönlichen Merklisten zusammengefasst und exportiert werden. Zudem stehen Leitfäden und Empfehlungslisten für Ausschreibungs- und Vergabeaspekte zur Verfügung, die Architekten, Bauunternehmen und Bauherren zusätzliche Sicherheit bieten.

Peter Bachmann ist Geschäftsführer des Sentinel Haus Instituts in Freiburg.

INFO

Gesundheitliches Qualitätsmanagement
Gebäude, die entsprechend dem Qualitätsmanagement des Sentinel Haus Instituts in innenraumrelevanten Bereichen mit geprüft emissionsarmen Baustoffen errichtet werden und deren Innenraumluftqualität nach Fertigstellung vom TÜV Rheinland überprüft wurde, können eine Prüfbescheinigung erhalten, die die Einhaltung der Grenzwerte bestätigt. Die Objekte können dann im Bauverzeichnis „Gesündere Gebäude“ präsentiert werden.

Fachkonferenz zu Konsequenzen des EuGH-Urteils
Am 15. November 2017 veranstalten der TÜV Rheinland und das Sentinel Haus Institut in Köln eine eintägige Fachkonferenz mit Experten und Baupraktikern zum aktuellen Stand der Umsetzung des EuGH-Urteils und zu seinen Konsequenzen für die Bauwirtschaft. Die Veranstaltung richtet sich an Investoren und Bauherren, Architekten, Bauunternehmen, Sachverständige, die Wohnungswirtschaft und andere Akteure. Das Programm und die Referenten werden veröffentlicht auf: www.gesündere-gebäude.de

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