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Schulbau

„Der Unterschied ist gewaltig“

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Barbara Pampe leitet seit 2014 den Projektbereich Pädagogische Architektur bei der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Nach der Arbeit in verschiedenen Architekturbüros gründete sie 2011 mit Vittoria Capresi „baladilab“. Das Foto zeigt die Architektin bei der Präsentation der Workshopergebnisse „Profil einer Bildungslandschaft“ auf dem Fachkongress Bildungscampus Efeuweg im September letzten Jahres in Berlin.

Wie können Architekten aktuellste pädagogische Konzepte räumlich umsetzen?
Wir sprachen mit Schulexpertin Barbara Pampe über falsche Vorstellungen, böse Überraschungen und die Relevanz der Phase Null.

Interview: Brigitte Schultz

Frau Pampe, was ist derzeit die größte Herausforderung für Architekten im Schulbau?
Sich freizumachen von den eigenen Schulerfahrungen. Die meisten von uns haben noch ein konventionelles Bild von Schule – und so entwerfen wir dann. Aber die Nutzer, die pädagogischen Konzepte und die Aufgaben einer Schule haben sich gewandelt. Doch darüber wurden die Architekten nie wirklich informiert.

Bekommt man diese Informationen nicht mit einer Wettbewerbsauslobung?
Viele Wettbewerbe basieren immer noch auf Musterraumprogrammen in Form von Raumlisten. Räumliche Zusammenhänge oder Aktivitäten werden nicht beschrieben. In anderen Bereichen, zum Beispiel im Krankenhaus- oder Bürobau, ist eine vorgeschaltete Phase Null selbstverständlich. Da klärt man zuallererst, welche Nutzungen untergebracht werden müssen, wie die Zusammenarbeit aussieht, wer wie oft im Büro ist und wie oft woanders oder wie große Teams sich treffen. Bei Schulen hat man das nie gemacht, weil es eben diese Raumlisten gab.

Wann wurden denn die Raumlisten erstellt?
Die Grundlage ist wahrscheinlich vor 100 Jahren entstanden und basiert auf der damaligen Organisation einer Schule: ein Tisch, zwei Schüler dran, Mindestabstand zur Tafel, Gang zur Tür: ergibt x Quadratmeter pro Klasse. Und das Ganze immer für einen Lehrer und eine gleich große Gruppe von Schülern. Aber heute passieren in einer Schule ganz andere Dinge: Projekte werden gemacht und präsentiert, es wird teamorientiert, jahrgangsübergreifend und inklusiv gearbeitet, in verschiedenen Gruppen … Die Schüler sind ganztags da, müssen essen und sich erholen können. Das Nutzungsspektrum hat sich komplett gewandelt. Doch in die Raumprogramme ist das fast nie eingeflossen.

„Das Nutzungsspektrum hat sich komplett gewandelt. Doch das ist nicht in die Raumprogramme eingeflossen.“

Um das zu ändern, engagieren Sie sich mit der „Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft“ für die Phase Null im Schulbau. Was macht eine gute Phase Null aus?
Die Phase Null stellt die entscheidenden Weichen für den gesamten Planungsprozess. Hier müssen alle Beteiligten gemeinsam – und das ist ziemlich komplex im Schulbau – ein Raumprogramm mit Raumzusammenhängen, Nutzungsüberlagerungen und Anforderungen an die Raumqualitäten erstellen, das eine belastbare Grundlage für die weitere Planung ist. Da geht es auch um einen klugen Umgang mit dem Budget: Wie viele Quadratmeter sind möglich, worauf kann verzichtet werden, für was kann man andere Räume mitnutzen, vielleicht sogar im Stadtteil?

Seit 2012 haben Sie zehn Kommunen mit je 100.000 Euro bei einer Phase Null unterstützt. Wie werden die Mittel in den Pilotprojekten eingesetzt?
Mit einem Großteil wird ein Schulbauberatungsteam finanziert. Es besteht jeweils aus einem Architekten und einem Pädagogen und moderiert, berät, begleitet und steuert den Phase-Null-Prozess, zum Beispiel durch Workshops. Ein wichtiger Bestandteil ist auch eine Exkursion, bei der alle Beteiligten – das Schulverwaltungsamt, das Hochbauamt, Lehrer, Eltern, Schüler, manchmal auch Menschen aus dem Stadtteil oder der Politik – drei Schulen besuchen, die ähnliche Aufgaben beispielhaft gelöst haben.

Wie weit muss man für beispielhafte Projekte fahren?
Noch vor zehn Jahren hätte ich gesagt: ins Ausland. Mittlerweile kann man auch innerhalb Deutschlands beobachten, wie die veränderte Nutzung von Schulen mit Architektur zusammengeht (siehe auch aktueller Beitrag Die Schulbauwelle).

Was ist bei einem solchen Beteiligungsprozess besonders zu beachten?
Die größte Aufgabe ist es, ein gemeinsames Verständnis von räumlichen und pädagogischen Voraussetzungen und Zusammenhängen zu etablieren. Wichtig für Entscheidungen ist eine möglichst kleine Lenkungsgruppe – die können nicht 30 oder 40 Personen in Workshops treffen. Und dieses System muss natürlich gut kommuniziert sein, damit jeder weiß, welchen Einfluss er auf den Prozess hat – und welchen eben nicht.

Wie sind Ihre Erfahrungen aus den bisherigen Pilotprojekten?
Der Unterschied zu einem herkömmlichen Prozess, der ja oft ganz ohne eine Phase Null abläuft, ist schon gewaltig. Wenn die Schulgemeinde zum ersten Mal im Rahmen eines Realisierungswettbewerbs involviert wird, ist sie als Gruppe von Laien oft nicht in der Lage, plötzlich Grundrisse zu bewerten. Oft kommen dann die Überraschungen – und die Beschwerden – erst, wenn schon gebaut wird. Die Phase Null hingegen qualifiziert alle Beteiligten. Danach haben die Architekten ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse der Schule, und die Schulleitung kann bei architektonischen Fragen kompetent mitreden. Die Rollen sind klar und damit ist die Zusammenarbeit für den Rest des Planungsprozesses schon sehr gut eingespielt.

Was passiert idealerweise nach einer guten Phase Null?
Darüber denken wir gerade gemeinsam mit unseren Pilotkommunen nach. Ist es der offene Wettbewerb, ist es ein Gutachterverfahren oder ein Einladungswettbewerb?
Und wie gestaltet man den?

Gibt es schon eine Tendenz?
Basierend auf den Möglichkeiten der öffentlichen Hand: auf jeden Fall ein Wettbewerb. Aber man muss alles, was man in der Phase Null erarbeitet hat, im Preisgericht auch prüfen. Das geht nicht mit 100 Arbeiten. Also muss man sich etwas Gutes überlegen, um die Teilnahme zu begrenzen – ohne nachher nur die Büros dabeizuhaben, die schon besonders viele Klassenraum- Flur-Schulen gebaut haben. Außerdem muss es wahrscheinlich eine Art Kolloquium oder eine Hospitation in der betreffenden Schule geben, um den teilnehmenden Büros die Ergebnisse der Phase Null lebendig zu vermitteln. Auch das weitere Verfahren muss die in der Phase Null gelebte Partizipation weiterführen.

Kern Ihrer Arbeit sind die Schulbauberater – wie qualifiziert man sich dazu?
Bei uns hat sich das aus der Arbeit am Thema entwickelt. Wir kannten Pädagogen und Architekten, die bereits als Berater zusammengearbeitet haben. Nach den ersten Pilotprojekten haben wir dann gemerkt, dass der Bedarf aus unserem Beraterpool kaum zu decken ist. Deswegen haben wir zweimal eine Weiterbildung für Architekten und Pädagogen angeboten. Aber ohne intensive Vorerfahrungen geht es nicht.

Bieten Sie diese Weiterbildung weiterhin an?
Dieses Jahr haben wir es nicht geschafft. Eigentlich wäre es toll, einen anderen Träger dafür zu finden. Die Anfragen von Schulen oder Kommunen mehren sich gerade. Der Bedarf steigt.

Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Gebildet“ finden Sie in unserem DABthema Gebildet

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