Artikel drucken Artikel versenden

Wohnwagon

Auf Achse

Diesen Artikel teilen:

Der Trend zu Mobilität und Selbstversorgung findet immer mehr Anhänger. Ein Wiener Unternehmen hat die autarke, fahrbare Wohnhütte perfektioniert.

Text: Wojciech Czaja

Daniel Glasl steht vor seinem winzig kleinen Holzhaus am Tegernsee, das erst kürzlich in einer deutschen Lifestyle-Zeitschrift als „kleinste Villa Deutschlands“ betitelt wurde. Die Assoziation ist gar nicht so weit gegriffen. Das gerade einmal 15 Quadratmeter große mobile Bauwerk, das bezeichnenderweise auf den Namen „Max“ hört, hat alles, was man braucht: Raum, Komfort, Infrastruktur.

Max: Auch das kleine Modell hat Parkett aus Altbrettern. Hinter Bodenklappen verbirgt sich Stauraum. Dort befinden sich auch ein Wassertank und ein Energiespeicher.

„Mit diesem kleinen Almwagen will ich einen Kontrast zu den großen und unpersönlichen Hotels schaffen“, sagt Glasl, der das Häuschen auf Airbnb vermietet. „Das ist eine umweltbewusste Alternative zu bisherigen Urlaubsformen, denn man fühlt sich geborgen und naturnah und ist dabei vollkommen unabhängig.“ Die Idee zum Bau des sogenannten Wohnwagons kam dem bayerischen Naturburschen, als sich seine eigene Wohnsituation veränderte und er dabei kurzfristig mit einem Viertel seiner bisherigen Wohnfläche vorliebnehmen musste. Ein Problem war das keineswegs. Im Gegenteil: „Ich habe gemerkt, wie schön das ist und wie wenig man braucht, um glücklich zu sein.“

Hinter dem dunkel gebeizten Häuschen auf Rädern, das mit seinen abgerundeten Enden unverwechselbar und einprägsam daherrollt, verbirgt sich das Wiener Unternehmen WW Wohnwagon GmbH. Das 2013 gegründete Start-up hat es nicht nur auf die Mobilität abgesehen, sondern vor allem auch auf Nachhaltigkeit und Autarkie. Sämtliche Baustoffe, wie etwa die biogebeizten Fichten- und Lärchenlatten sowie die Wärmedämmung aus Schafwolle, sind behutsam gewählt. Hinzu kommt eine zum Großteil autarke Vollversorgung mit selbst produziertem Strom und geschlossenem Wasserkreislauf mitsamt Wasseraufbereitungsanlage.

Fanni: Das große Modell lässt sich per Erker erweitern. Die Zentralheizung wird durch die Solarzellen gespeist. Bei Bedarf wird mit Holz nachgeholfen. Eine App gibt den Überblick.

Den eigenen Strombedarf decken die Wagons mittels einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. In Kombination mit einem kleinen Holzofen sorgt diese auch für die Beheizung und Warmwasserproduktion. Das nötige Nutzwasser entnimmt das Häuschen dem eigenen Kreislauf, in dem rund 650 Liter unterwegs sind. Das benutzte Wasser wird innerhalb eines Tages über eine Grünkläranlage auf dem Dach gereinigt und wieder dem Kreislauf zugeführt. Ganz ohne Wasser hingegen kommt die Trockentoilette aus. Den Urin reinigt die Grünkläranlage, Fäkalien werden mittels Holzkohle, Steinmehl und Biofaser am eigenen Grundstück kompostiert. Und sogar WLAN ist im Ökostrom-Paket inkludiert.

100 Prozent autark

„In der Regel sind all unsere Wohnwagons zu 100 Prozent autark“, sagt Theresa Steininger, die das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Partner Christian Frantal leitet. „Im privaten Wohnbereich nehmen die Kunden in Kauf, dass autarke Systeme stets von Mutter Natur abhängig sind und dass beispielsweise weniger Strom zur Verfügung steht, wenn die Sonne sich mal nur selten blicken lässt. Doch ein Hotelgast will in diesem Punkt keine Kompromisse eingehen. Daher statten wir die Hotelwagen in den meisten Fällen mit einem klassischen Back-up-System aus.“

In den letzten vier Jahren wurden bereits 22 Wohnwagons nach Österreich, Deutschland, Belgien und in die Schweiz verkauft – einige als Gästeherberge, andere als Sommerhäuschen im Grünen und ein beachtliches Drittel sogar als vollwertiger Hauptwohnsitz. Angeboten werden Max, Karl und Fanni – jedes einzelne Projekt erhält in Absprache mit dem Kunden seinen eigenen Namen – in drei unterschiedlichen Größen. Die kleinere Einheit ist sechs Meter lang und bietet 15 Quadratmeter Nutzfläche, die größere kommt auf zehn Meter Länge und 25 Quadratmeter Innenfläche. Auf Wunsch kann die große Version auch mit einem ausfahrbaren Erker ausgestattet werden, sodass sich die zur Verfügung stehende Wohnfläche im geparkten Zustand auf 33 Quadratmeter vergrößert. „Das ist unsere Junior-Suite“, sagt Steininger mit einem Augenzwinkern.

Produktion im eigenen Werk

Waren die ersten Wohnwagons noch alte Anhängerwagen der Bundesforste, die umgebaut und entsprechend adaptiert wurden, handelt es sich bei den aktuellen Modellen um hochwertige Konstruktionen, die im eigenen Werk in Niederösterreich hergestellt werden. Das Fahrgestell besteht aus verzinktem Stahl, die Bodenplatte aus diffusionsgeschlossenen Hochleistungsdämm-Elementen. Im 50 Zentimeter hohen Doppelboden verbirgt sich die gesamte Haustechnik samt Wassertank und Energiespeicher. Die dazwischen liegenden Leerräume dienen als versteckte Lagerräume, die über öffenbare Bodenklappen leicht zugänglich sind. Der gesamte Aufbau darüber, der weitaus weniger statischen und dynamischen Strapazen ausgesetzt ist als das 22 Zentimeter über der Straße schwebende Fundament, steht ganz im Zeichen der nachwachsenden Rohstoffe: Pfosten-Riegel-Konstruktion mit Fichtenstaffeln, Wolldämmung, Lärchenfassade und Lehmputz im Innenraum. Hinzu kommen Möbeleinbauten aus Vollholz, behandelt mit Wachsen sowie mit biologischen Farben und Lacken. Armaturen und Accessoires sind aus Messing, Kupfer und Stein. Besonders stolz ist man auf den serienmäßig angebotenen Parkettboden aus gebrauchten Altbrettern.

Klärdach: Brauchwasser fließt in eine Grünkläranlage auf dem Dach. Die Sumpfpflanzen filtern durch Mikroorganismen im Wurzelwerk.

„Natürlich gehen wir auch auf individuelle Kundenwünsche ein“, sagt Theresa Steininger, die beruflich mit „Frau Trude“, einem knallroten Opel-Transporter, Baujahr 1955, durch die Lande kurvt. „Aber im Großen und Ganzen kann man davon ausgehen, dass sich unsere Käufer mit dem von uns angebotenen Stil gut identifizieren können.“ Ein wenig erinnert das Innenleben an Landhausküche und Country-Chic. Die Beschläge, Kanten und Details zeichnen sich durch weiche Rundungen aus, die Bullaugen über der Küchenzeile haben etwas Maritimes, und spätestens wenn man die Herzausschnitte in den Stuhllehnen entdeckt hat, versteht man die Wohnwagon-Chefin, die im Interview den Wiener Künstler Friedensreich Hundertwasser zitiert: „Die gerade Linie ist gottlos.“

Immobil: Wohnwagons baute man, weil autarke Systeme bei festen Häusern schwer umsetzbar waren. Nach der Lockerung einiger Bauvorschriften steht nun in der Schweiz das erste nicht rollende Eigenheim der Wagenbauer.

Aus juristischer Not heraus

Doch woher stammt die Idee, einen mobilen Wohnwagen anzubieten – wo doch der Camping- und Trailer-Markt im mittel- und nordeuropäischen Raum schon ziemlich gesättigt scheint? „Die Uridee hatte weniger mit Mobilität zu tun als vielmehr mit dem Wunsch nach einem umweltfreundlichen, autarken Wohnsystem“, sagt Steininger, die bis 2013 eine Marketing- und Grafikagentur leitete. „Doch weil die Bauvorschriften im deutschsprachigen Raum so streng sind und eigentlich kaum autarke Lösungen zulassen, haben wir uns entschieden, unsere Ideen auf Räder zu packen und den Kunden ein Haus anzubieten, das sie im Notfall überall hin begleiten kann.“ Je nach Größe und Ausstattungsgrad muss man mit 50.000 bis 150.000 Euro pro Wohneinheit rechnen.

Obwohl die mobile Tugend nur eine juristische Not ist, nehmen viele Kunden sie gerne in Anspruch. „Die meisten Wohnwagons, die wir ausgeliefert haben, werden zumindest am eigenen Grundstück hin und her gefahren, damit man sie je nach Jahreszeit am jeweils optimalen Standort parken kann. Mit einem klassischen Haus wäre so etwas nicht möglich.“ Daniel Glasl, der Herr am Tegernsee, ist derzeit sogar auf der Suche nach Interessenten, die seinen Max auch einmal anmieten und an einem anderen Ort aufstellen möchten. Mit 2,55 Meter Breite und 10 km/h Höchstgeschwindigkeit ist der Wohnwagon für die Straße zugelassen.
Derzeit arbeitet Steininger, nachdem der Erfahrungsschatz größer geworden ist und die strengen Bauvorschriften in den letzten Monaten etwas gelockert wurden, an autarken Wohnmodellen auch ohne Räder. In der Schweiz wurde soeben das erste sich selbst versorgende Einfamilienhaus fertiggestellt. Weitere Häuser mit 50, 70 und 90 Quadratmetern Nutzfläche sind in Planung. Doch das Unternehmen lebt nicht nur von der mobilen Architektur: Einen großen Anteil am Umsatz macht ein Webshop aus, der unter dem Motto Autarkie mehr als 500 Produkte und Komponenten anbietet. Die Nachfrage ist enorm. In den kommenden Monaten soll das Angebot auf 700 Produkte ausgeweitet werden.

„Der Wohnwagon“, sagt Steininger am Ende des Gesprächs, „ist meine Art, mit der Unzufriedenheit mit der heutigen Welt umzugehen und diesen Ärger zu kompensieren. Ich wünsche mir ein Reflektieren und Rückbesinnen auf die einfachen Dinge im Leben und auf eine gewisse Demut gegenüber der Umwelt.“ Wie es scheint, sehen das immer mehr Bauherren genauso.

Wojciech Czaja ist freier Architekturjournalist in Wien.


Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil

Passend zum Thema





Kommentare

Wir freuen uns über Ihre Beiträge und bitten Sie, die Regeln dieses Forums einzuhalten:

  • Bitte nennen Sie uns Ihren Namen und Ihre e-Mail-Adresse. Anonyme Statements werden nicht veröffentlicht. Ihre e-Mail-Adresse wird selbstverständlich nicht mit veröffentlicht und nur im Falle von Rückfragen durch die Redaktion genutzt.
  • Schreiben Sie zur Sache.
  • Teilen Sie etwas Neues mit.
  • Nennen Sie Argumente.
  • Bitte keine Beleidigungen.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zurückzuweisen.
Texte können erst nach Freischaltung durch die Redaktion erscheinen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*