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Arbeitsmarkt

Architekten verzweifelt gesucht

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Architekten sind gefragt wie nie. Wie Kommunen und Architektenbüros um die besten Bewerber konkurrieren.

Text: Stefan Kreitewolf

Sabrina Kolano kommt frisch von der Uni. Nach Mensa, Bibliothek und Seminaren beschäftigt sie sich bei HPP Architekten mit Bürogestaltungen und beginnt mit Vorentwürfen. Seit März arbeitet sie bei dem Düsseldorfer Büro als Innenarchitektin. Am Ende ihres Studiums in Detmold hatte sie die Qual der Wahl. „Es gibt unzählige Jobangebote“, sagt sie. Zu sechs Gesprächen wurde sie eingeladen. Zwei Angebote lehnte sie ab. Dann landete sie bei HPP. Kolanos Jobeinstieg klappte reibungslos. Um ihre beruflichen Chancen in der Zukunft macht sich die Kölnerin keine Sorgen.

Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, berichtet: „Die wirtschaftliche Lage ist derzeit für viele deutsche Architekten gut.“ Das hebt die Laune: Laut einer Umfrage des ifo Instituts, die vierteljährlich die Stimmung unter Architekten erfragt, waren diese im ersten Quartal 2017 so optimistisch wie nie. Nur jeder elfte Architekt schätzte seine Lage als „schlecht“ ein. Die Bundesagentur für Arbeit zählte im April lediglich 2.067 arbeitslose Architekten. Verglichen mit derzeit rund 132.800 deutschen Architekten, entspricht das gerade einmal 6,4 Prozent. Die geringe Arbeitslosigkeit sowie die Hochstimmung im Berufsstand sind vor allem auf die gute wirtschaftliche Lage und die niedrigen Zinsen zurückzuführen. Es wird gebaut – und das freut die Architekten.

Teilzeit, Gleitzeit, Elternzeit, Home-Office

„Während sich vor zehn Jahren noch Stellengesuche und Stellenangebote die Waage hielten, sind die einschlägigen Fachportale heute voll mit Angeboten“, sagt Claus Klein, Vorstandsmitglied und Vorsitzender des Ausschusses „Belange der Tätigkeitsarten“ bei der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen. Ein „Spiegel“-Bericht aus dem Jahr 2006 unterstreicht seine Retrospektive. Darin ist die Rede von einer „anhaltend schlechten Auftragslage“. Wer überleben wolle, müsse „eine Nische finden – oder den Beruf wechseln“. So eine Situation sei heute unvorstellbar, sagt Klein. Architekten können angesichts der guten Auftragslage bei der Jobsuche sogar wählerisch sein, sagt der 58 Jährige, der bei der Stadt Meerbusch als Bereichsleiter Service Immobilien arbeitet.

„Gerade für Kommunen ist es angesichts der großen Konkurrenz um talentierte Architekten sehr schwer geworden, geeignetes Personal zu finden.“

Claus Klein, Architektenkammer Nordrhein-Westfalen

„Gerade für Kommunen ist es angesichts der großen Konkurrenz um talentierte Architekten sehr schwer geworden, geeignetes Personal zu finden“, sagt Klein. Das beträfe nicht nur seine Behörde, die an der Düsseldorfer Peripherie „nicht gerade der Nabel der Welt ist“, wie Klein es nennt. „Deswegen versuchen wir aktuell, anderweitig attraktiv zu sein“, sagt er. Das umfasst neben flexiblen Arbeitsmodellen, etwa Teilzeit und Gleitzeit, auch Elternzeitmodelle für Männer und Frauen. Auch Home-Office-Regelungen seien für bestimmte Aufgaben möglich.

„Außerdem bieten wir eine große Bandbreite an Tätigkeitsfeldern“, berichtet Klein. Vom Wohnungsbau über Verwaltungsbauten bis zur Friedhofshalle werde in seiner Behörde alles geplant, umgebaut und instand gehalten. Besonders junge Architekten, die gerade von der Universität kommen, würden in Kommunen zu „Universalisten“ ausgebildet. „Finanziell können wir bei den Gehältern allerdings wenig tun, weil wir als Kommunen an die Tarifregelungen gebunden sind“, erläutert Klein. „Im Zweifel bekommt ein junger Architekt zum Jobeinstieg bei uns 100 Euro weniger als in einem Büro.“

Bewerbersuche auf das Ausland ausgeweitet
Anders ist das in der freien Wirtschaft, also bei Architekturbüros. Rico Lehmeier, Geschäftsführer von Berschneider + Berschneider Architekten aus Pilsach in Bayern, berichtet: „In den letzten drei, vier Jahren haben wir die Einstiegsgehälter um fast zehn Prozent angehoben.“ Das sei nötig gewesen, um überhaupt in die engere Auswahl von Jobsuchenden zu kommen. Während noch vor ein paar Jahren vielerorts ein Monatsgehalt von 2.000 Euro brutto inklusive regelmäßiger Überstunden üblich war, liegt das Gehalt heute deutlich höher. „Nach dem Studium ist ein Einstiegsgehalt von 2.800 Euro möglich, mit Master bis zu 3.000 Euro, bei außerordentlichen Qualifikationen kann das Einstiegsgehalt auch über 3.000 Euro liegen“, verrät Lehmeier. Er ergänzt: „Spätestens nach zwei Jahren im Büro steigt das Gehalt stetig mit wachsender Erfahrung und Selbstständigkeit der jungen Architekten.“ Die Bezahlung solle ja nicht nur die Leistung honorieren, sondern auch Lebensqualität ermöglichen und Wertschätzung für den Mitarbeiter widerspiegeln, sagt Lehmeier.

„Gleichzeitig versuchen wir, uns anderweitig zu empfehlen, zum Beispiel übernehmen wir Seminargebühren bei Weiterbildungen unserer Angestellten, unterstützen eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio und ermöglichen auch das Arbeiten von zu Hause“, ergänzt er. Das Beispiel zeigt: Die Situation hat sich umgekehrt. „Nicht mehr wir, die Arbeitgeber, suchen uns die Architekten aus, sondern die Architekten können sich ihren Arbeitgeber aussuchen“, sagt Lehmeier. Das sei für einen Bürostandort in eher ländlicher Region abseits der Großstädte mit Universitäten und Hochschulen nicht unbedingt einfach. „Deswegen haben wir unsere Bewerbersuche auf die europäischen Nachbarländer ausgeweitet“, berichtet er. Mittlerweile zählen deswegen zum Team von Berschneider + Berschneider ein Architekt aus China und zwei Architektinnen aus Spanien.

Architekten in Deutschland in Zahlen
■ 110.272 Hochbauarchitekten
■ 7.510 Landschaftsarchitekten
■ 6.588 Stadtplaner
■ 5.970 Innenarchitekten
■ 8,5 Milliarden Euro jährliches Planungsvolumen (Deutschland, 2016)
■ 240 Milliarden Euro jährliche Bausumme (Deutschland, 2016)
■ 2.067 arbeitslose Architekten (Statistik der Bundesagentur für Arbeit, April 2017)

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