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Glosse

Der koschere Balkon

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Gewitzte Architekten lassen die Balkone tanzen. Gläubige Juden wird es freuen.

Luftnummer: Heiko Haberle

Haben Sie schon Ihre Laubhütte vorbereitet? Die Voraussetzungen dafür haben Sie vielleicht. Das Laubhüttenfest erinnert an den Auszug der Juden aus Ägypten und deren provisorische Behausungen während der siebentägigen Flucht. Anfang Oktober ist es wieder soweit: Dann errichten gläubige Juden aus Holzlatten, Palmwedeln und Zeltplanen Behausungen, in denen sieben Tage lang gewohnt und sogar geschlafen wird. Wer einen Garten hat, ist fein raus, weil die Hütte unter freiem Himmel stehen muss. Ein Balkon mit einem anderen Balkon darüber ist hingegen als Bauplatz ungeeignet. Wenn die Freisitze jedoch verspringen, ist alles wieder gut. Der koschere Balkon ist, unabhängig vom tatsächlichen Bedarf, in Israel zum baulichen Standard geworden.

Diese architektonische Sitte ist nun endlich in Deutschland angekommen, wenn auch vermutlich aus profanen Gründen. Auf der Suche nach neuen Ideen, um selbst schlichtesten WDVS-Lochfassaden Leben einzuhauchen, sind Investoren und Architekten auf den Balkon gekommen. Selbst im sozialen Wohnungsbau setzt sich der koschere Balkon langsam durch. Die entstehenden Muster mögen zwar spielerisch aussehen, hierzulande überwiegen aber die Nachteile: weniger Schutz vor Regen, Sonne und den neugierigen Blicken von oben. Auch das Potenzial des Balkons als Gestaltungselement ist bei uns noch lange nicht ausgeschöpft. Die israelischen Kollegen sind eindeutig mutiger: Da laufen Balkone im Zickzack über die Fassaden, werden als Welle schmaler und breiter oder formieren sich zu riesigen Treppenlandschaften. Mit Stützen, Luftbalken oder Bögen wird der Balkon zur ausladenden Kabine. Der Architekt liefert das Gerüst für die Laubhütte also schon mit, im Extremfall gleich die ganze Hütte, die dann ganzjährig als Erker dient. Und wer der überbordenden Fantasie überdrüssig wird, der entwirft ganz klassisch übereinander liegende Balkone und schneidet dann in Teilbereichen Löcher hinein oder lässt eine so große Aussparung, bis von der Hälfte des Balkons nur noch eine Kontur bleibt. Für den deutschen Wohnungsbau ist also trotz vielversprechender Ansätze im wahrsten Sinne des Wortes noch viel Luft nach oben.

 

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