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Gartenstadt Puchenau

Mach mir den Hof

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Urbanes Dorf: In Puchenau gruppieren sich fast tausend Häuser um Höfe und autofreie Wege.

Wenn schon Eigenheim, dann bitte effizient: Ein Hofhaus nutzt das Grundstück viel besser aus als ein freistehendes Einfamilienhaus. Trotzdem wird das kompakte und introvertierte Wohnen erst langsam wiederentdeckt.

Text: Christoph Gunßer

Eine Generation von Planern pilgerte nach Puchenau und staunte. Roland Rainers Gartenstadt bei Linz mit ihrem Teppich aus verschachtelten Bungalows an abwechslungsreichen, verkehrsfreien Wegen bot eine Wohnqualität, die in der auto- und objektfixierten Nachkriegszeit verloren gegangen war. Heute würde man von einem „urban village“ sprechen.

Die Vorteile der Bauweise für den öffentlichen Raum verdeutlicht die Zeichnung des Architekten Roland Rainer.

Doch Puchenau, gebaut ab 1965 bis 2000, ist nur die berühmteste Siedlung eines Typs, der eine Zeit lang recht weit verbreitet war: Teppichsiedlungen aus Gartenhof- oder Atriumhäusern, teilweise kombiniert mit Terrassen- oder Reihenhaustypen, wurden bis in die Siebzigerjahre auch in einigen deutschen Städten geplant, etwa 1962 in der Karlsruher Nordweststadt von Reinhard Gieselmann und 1965 von Ortwin Rave in Münster. Das Olympiadorf in München von Heinle, Wischer und Partner, Werner Wirsing und anderen war Ž1972 ein Höhepunkt – der sehr geschätzt wird, auch von bekannten Architekten, die dort wohnen.

„Low rise, high density“, wie es die Briten nannten, war eine im Grunde uralte Bauform: Roland Rainer zeigte gern Luftbilder iranischer, türkischer und chinesischer Städte, die sämtlich labyrinthische Hofhausstrukturen aufweisen. Adolf Loos, Heinrich Tessenow und Leberecht Migge standen bei Rainers Reformbemühungen Pate; Mies van der Rohe und Ludwig Hilberseimer hatten bereits um ˜1930 prinzipiell endlose Hofhausmuster entworfen, die allerdings Papier blieben. Walter Schwagenscheidt brachte nach dem Krieg den Reiz der Bauweise mit Skizzen eines „Ohnekleider-Höfchens“ auf den Punkt – der uneinsehbare Freiraum und die ringsum šießenden Wohnräume galten auf der Interbau 1957Ž als hip. In ihrer Beschwingtheit unübertrožen sind zwei Winkelbungalowsiedlungen bei Kopenhagen von Jorn Utzon, die etwa zeitgleich mit Puchenau entstanden. Dessen Erweiterung fiel Ende der Siebziger auch spielerischer aus. Was die Vorbildfunktion des Projektes betraf, resignierte Rainer später. Ihm gelang nur ein kleines, ähnlich dicht gewebtes Folgeprojekt in der Wiener Tamariskengasse.

Dichte Packung: Das „tiefe Haus“ von Pentaplan in Graz bündelt über einer gemeinsamen Garage 24 Reihenhäuser mit Atrien im Obergeschoss.

Höhle versus Villa

In den experimentierfreudigen Siebzigern gaben deutsche Bauminister Studien zum „kosten- und ächensparenden Bauen“ in Auftrag, in denen die Effi‚zienz des verdichteten Flachbaus wissenschaftlich nachgewiesen wurde: Erschließung und Außenwandanteil werden durch die grenzständige Bauweise minimiert; private wie halb öffˆentliche Freiräume sind im Vergleich zu Einfamilienhausgebieten von hoher Qualität; es lassen sich aufgrund geringerer Verschattung passivsolare Gewinne erzielen, das SicherheitsempfiŒnden ist hoch – und auch Barrierefreiheit lässt sich leicht realisieren. Trotzdem geriet die Hof-Idee in Vergessenheit. Wo die „Hüslipest“ (der Schweizer Begriˆff ist unübertroffen) nicht wütet, prägen heute Reihenhaus und Stadtvilla die Neubaugebiete, in zentraleren Lagen Blöcke und Wohnhochhäuser (vgl. „Die Riesen zähmen“).

Zu den Gründen für diese typologische Verarmung befragt, geraten selbst versierte Gebäudekundler ins Grübeln. Gerade auf immer kleiner geschnittenen Grundstücken sind Hofhäuser in puncto E‚ffizienz eigentlich unschlagbar. Wohnanlagen dieser Art brauchen nur rund ein Viertel der Fläche von Einfamilienhausgebieten. Aber sie brauchen ein spezielles Baurecht. Und mangels aktueller Vorbilder fehlt es bei Bauämtern wie -trägern an Fantasie. Hofhäuser taugen zudem nicht für eine repräsentative Fassadenarchitektur. Auf archetypischer Ebene stehen sich hier gewissermaßen Höhle und Villa, Intro- und Extrovertiertheit gegenüber. Generell wird stetig mehr Wohnflƒäche verlangt – da kann das im Idealfall eher bescheidene Hofhaus nicht mithalten. Für Thomas Jocher von Fink+Jocher Architekten, München, ist zudem das Nachbarrecht ein heikler Punkt: „Die Grenzbebauung birgt viele Konflƒikte.“ Außerdem seien die Menschen zu bequem, um ihre Bierkisten über Wohnwege zu schleppen. Die Stellplatzfrage hält er für sehr wichtig – und die Baulandpreise: „Auch der Teppich frisst Fläche.“ Sein Büro baut darum fast nur noch Blockstrukturen.

„Die Wohnqualität gibt heute nicht den Ausschlag“, bestätigt Stadtplaner Klaus Humpert aus Freiburg. Er attestiert dem frei stehenden Haus eine größere Flexibilität – und es gebe mehr Abstellraum. Am anderen Ende der Skala sieht er im Geschossbau die standardisierbare, pfƒegeleichtere Alternative.

Flickenteppich: Im Biberacher Baugebiet Talfeld lassen sich die verschiedenen Bauformen gut vergleichen.

Eine Chance für den suburbanen Städtebau

„Der Straßenraum, die Anordnung von Stellplätzen und die Struktur der Häuser müssen beim Hofhaus viel sorgfältiger geplant werden. Der Verzicht auf die Abstandsƒfläche bereitet immer wieder baurechtliche Hindernisse. Es gibt also erhebliche „Anfangswiderstände“, sagt auch Architekt Clemens Dahl aus Geisenheim, der sich mit der Webseite www.hofhaus-projekt.de für die Renaissance des Bautyps einsetzt. Er beklagt: „Bei den typischen Neubaugebieten auf dem Land hat sich der Städtebau als gestaltende Instanz völlig zurückgezogen. Statt Quartiere und Straßenräume zu gestalten, wird hier nur noch die Gestalt der Häuser reglementiert – selten mit überzeugendem Ergebnis.“ Der Architekt hošfft: „Mit dem Hofhaus besteht die Chance eines Neuanfangs für den Städtebau.“ Ganz verschwunden sind die Hofhäuser demnach nicht – der Begriffš wird indes eher weit gefasst. Auf dem Trierer Petrisberg etwa entstand vor Jahren ein Gebiet mit rund fünfzig Hofhäusern; einige sind jedoch eher Reihenhäuser mit Hinterhäusern und dazwischenliegendem Hof. Auch im schwäbischen Biberach wurde ein kleines Quartier aus aneinanderliegenden Atriumhäusern gebaut. Im Zentrum Greifenbergs in Bayern realisierten Sunder-Plassmann ein Hof-Ensemble „als Gegenthese zu reinen Schlafdörfern“.

Hofgemeinschaft: Die Häuser in Greifenberg am Ammersee von Sunder-Plassmann Architekten teilen sich einen Erschließungshof. Hinzu kommen private Freisitze.

In unseren Nachbarländern sieht es anders aus: Sowohl in Österreich als auch in den Niederlanden fördern eine vorausschauendere Bodenpolitik, gemeinnützige Bauträger und Genossenschaften die Realisierung innovativer Bauformen wie urbaner Hofhäuser. Das „tiefe Haus“, ein kompakter, 28‰Š Meter tiefer Block aus 24 ‰Œ Atriumreihenhäusern in Graz, wurde von den Architekten Pentaplan sogar als Bauträger realisiert. Von Linz ausgehend, gibt es eine regelrechte Wohnhöfe-Bewegung, die auf den Architekten Fritz Matzinger zurückgeht. In seinen Projekten gruppiert er mehrstöckige Reihenhäuser um einen zentralen Hof, der sich durch ein Glasdach schließen lässt – eine sehr kompakte Wohnform etwa für Baugemeinschaften. Weitläu—fige und zugleich dicht „gewebte“ Teppichsiedlungen gehören aber scheinbar der Vergangenheit an. Sie sind für derzeitige Verhältnisse o™enbar zu anspruchsvoll, zu komplex. Doch: „Die Gebäudetypen kommen und gehen“, meint der 87Š›-jährige Planer Klaus Humpert weise. In studentischen Arbeiten, das beobachtet Thomas Jocher an der Uni Stuttgart, tauchen Hofstrukturen wieder häufiger auf. Professor Günter Pfeifer, der 2007 ein Buch über Hofhäuser publiziert hat, ließ seine Studenten an der TU Darmstadt vor Jahren Hofhäuser entwickeln, die vom vorindustriellen Typ „Hofreite“ inspiriert waren: Dieser verband Wohnen und Arbeiten auf engem Raum.

Außenraumvergleich: Bei kleinen Grundstücken wird der Garten des frei stehenden Hauses zum schlecht nutzbaren Ring. Das Hofhaus bietet mehr Freiraumqualität.

Ein Mittel gegen die Hypermobilität?

Doch auch jenseits der FlächeneffiŽzienz scheint die Bauweise einige Vorteile zu besitzen, die zur EnergieeffiŽzienz beitragen. So wurde die Gartenstadt Puchenau mehrfach von Sozialforschern untersucht. Die Wohnzufriedenheit ist dort noch immer groß – so groß, dass die Bewohner viel weniger wegfahren. Eine Studie ergab bereits in den Achtzigerjahren, dass fast drei Viertel die Wochenenden in der Siedlung verbringen. In einem nahe gelegenen Hochhaus blieb weniger als ein Viertel von ihnen zu Hause.

Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein.

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