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Schwierige Schönheit

„Darf dieser Bau schön sein?“

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Beliebtes Wahrzeichen: Das Colosseo quadrato, Leitbau des italienischen Faschismus

Bella Italia, Bella Roma! Schönheit bis zur Volltrunkenheit! Antike, Mittelalter, Renaissance, Barock – Feierabend? Keineswegs. Schön ist auch das Rom des 20. Jahrhunderts – meint jedenfalls Pietro Beccari, Chef der Modefirma Fendi.

Er bezeichnete den Palazzo della Civiltà Italiana als „einen der schönsten Paläste der Welt“. Davon war auch die römische Fremdenverkehrswerbung überzeugt – und präsentierte 2012 stolz eben diesen Palazzo als Werbebild für Rom – sozusagen als Quintessenz der Schönheit der Stadt. Doch halt! Darf denn dieser Bau überhaupt schön sein? Ist er doch der Leitbau des größten Projekts des italienischen Faschismus, des Weltausstellungsgeländes (EUR), das seit 1937 von Marcello Piacentini, dem einflussreichsten Architekten des faschistischen Italiens, geleitet wurde. Das letzte Geschoss des Palazzo führte er blind aus, um Platz für eine dem italienischen Volk huldigende Inschrift zu erhalten: „Ein Volk von Dichtern und Künstlern, Helden und Heiligen, Denkern und Wissenschaftlern, Seefahrern und Auswanderern“. Die Worte dieser Inschrift stammen aus einer Rede Mussolinis im Oktober 1935, die die Massen gegen den Völkerbund mobilisieren sollte. Damit reagierte der Diktator auf die Sanktionen nach dem Überfall auf Äthiopien. Irgendwie nicht so schön, vergessen wir es. Der 1938 bis 1940 errichtete Palast umfasst schließlich sechs Geschosse mit jeweils neun Bögen – entsprechend der Zahl der Buchstaben von Benito (6) Mussolini (9). Die meisten Gebäude auf dem Gelände wurden nach dem Krieg vollendet – wiederum unter der Leitung von Marcello Piacentini. Seit 2006 wurde der Palazzo della Civiltà Italiana über viele Jahre aufwendig „saniert“. Eigentlich wurde er erst richtig fertiggestellt – in all seiner vermuteten Schönheit.

Wäre so etwas auch in Deutschland möglich? Fertigstellen, wiederherstellen, schöner machen? Das wäre doch „Renazifizierung“! In Deutschland kann eine Architektur aus der Zeit der Diktatur nicht schön sein, sondern nur monumental, steinern, einschüchternd. Vor allem muss sie hässlich sein. Dafür muss sie möglichst verfremdet werden. Die Angst ist groß, dass die Faszination der Architektur in eine Zustimmung zur NS-Ideologie umschlägt. Schon etwas schräg, oder? Deutsche Erinnerungskultur ist eindeutig – eindeutig anders als die italienische jedenfalls.

Während die Worte Mussolinis auf dem Palazzo della Civiltà Italiana als Folge der Sanierung mit öffentlichen Mitteln wieder klar zu erkennen sind, war lange Zeit offen, was mit dem Gebäude geschehen sollte. 1999 wurde offiziell verkündet, der Bau solle als nationales Museum genutzt werden. Doch seine Schönheit ließ sich blendend versilbern. 2013 wurde die Öffentlichkeit  von der Nachricht überrascht, dass der italienische Staat den öffentlichen Bau an ein privates Unternehmen verkauft hatte, nämlich an den französischen Konzern Louis Vuitton Moët Hennessy, dessen ehemals italienische Teilmarke Fendi ab 2015 in diesem Gebäude vermarktet werden sollte. Empörend? Für Teile der italienischen Öffentlichkeit: Ja. So titelte die Zeitung Il Giornale: „Die Franzosen übernehmen den ‚Palazzo della Civiltà Italiana‘ in Rom, ein Herzstück der italienischen Kulturgüter“. Weiter hieß es: Italien gebe eines seiner „Juwelen“ auf, eine „Architekturikone des römischen Novecento“, und: „Leb wohl made in Italy, leb wohl italienisches Erbe, leb wohl Geschichte Italiens, leb wohl bestbekannte rationalistische Architektur …“.

Eines ist offensichtlich: Die Debatte über das römische Weltausstellungsgelände wie über den Palazzo della Civiltà Italiana war und ist „typisch italienisch“. Eine zweitklassige Erinnerungskultur? Eine Kapitulation vor dem Bösen? Vielleicht gibt es ja doch gravierende Unterschiede zwischen der Architektur des faschistischen Deutschland und der Architektur des faschistischen Italien? Klar ist: Architektur einer Diktatur kann schön sein, trotzdem war und bleibt es eine Architektur der Diktatur. Wenn sie schön erscheint, müssen wir davor keine Angst haben. Verhässlichung, Schmähung, Verdrängung, Abriss – das sind hilflose Antworten. Übrigens kann Architektur in einer Demokratie auch mal schön sein.

Harald Bodenschatz, Stadtplaner und Architektursoziologe, Berlin

 

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