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Architekten als Autoren

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Ärger mit Immobilienhaien oder dem Planungsamt oder das Wunschprojekt in weiter Ferne? Roland Stimpel hat drei Kollegen besucht, die ihren Architektenalltag literarisch aufarbeiten.

Von Roland Stimpel

Manfred Reckers Dichterzelle liegt im Keller seines Eigenheims im rheinischen Hilden. Bücherkartons stapeln sich auf dem Boden, auf dem Fensterbrett stehen sauber aufgereiht 15 Pfeifen. Hier wirkt der langjährige Architekt als Autor von bisher drei Thrillern. Den ersten haben Recker und seine Frau selbst erlebt: ƒSie kauften ein Rittergut, wurden vom neuen Gatten der Verkäuferin jahrelang drangsaliert und schließlich mit gerichtlicher Hilfe vertrieben. Das ist rundˆ‰ 20 Jahre her, aber wenn er erzählt, ist noch immer der „Schatten auf der Seele“ spürbar – so hat Recker sein erstes Buch genannt, das für ihn auch durchaus eine Selbsttherapie war.

„Mit Anfangˆ‰ 20 habe ich mal gedacht, Schriftstellern wäre eine schöne Betätigung. Aber es ging wegen des Berufs nicht“. Stattdessen führte Recker lange Jahre ein Architekturbüro in Herten im Ruhrgebiet. Bevor er die Ritterguts-Katastrophe aufarbeitete, hat er sich kreatives Schreiben angeeignet und einen Fernkurs „Wie schreibt man einen erfolgreichen Roman“ absolviert. Das merkt manƒ: Handlungsfaden, Spannungsbogen, Cliff•hanger, Steigerung zum Schluss, Dialoge, Action und etwas Atmosphäre im häufigen Wechsel – alles da.

Recker ging dann den Leidensweg jedes unbekannten Autorsƒ: „Ich habe um die™š 87  Verlage angeschrieben. Wohl jeder zweite Lektor in Deutschland hat das Buch in seiner Schublade. “Als es schließlichd er MG-Verlag in Prüm in der Eifel druckte, musste Recker zur Ankurbelung des Verkaufs erst zwei Lesungen in der Nähe jenes Ritterguts veranstalten. Das brachteœ‰‰ 600 Verkäufe und Mut für ein zweites Buch. In „Der Kongress“ wird ein deutsches Pharma-Unternehmen von einem amerikanischen schikaniert. Reckers Frau arbeitete lange in der Branche.

Mord und Mauscheleien

Recker wurde selbst Verleger. ƒEr ist einer der acht Anteilseigner und bisher der einzige Autor von „read & relax“. Sein jüngstes Buch führt ihn in den angestammten Beruf: „Der Architekt“ heißt es, biografisch angeregt, aber nicht realitätsbasiert. Auch hier sind die Rollen klar verteiltƒ: Die reife Hauptfigur (etwa wie Recker) und seine Familie sind die Guten; gegenüber steht eine Phalanx von Übeltätern – Baurätin und Banker, kleiner Sachbearbeiter und lokaler Immobilienhai, Makler und Planungsamtsleiter. Am Rand agieren ein paar Naive, Läuterungsfähige: ƒBauherren und vor allem ein junger Architekt, den der Senior auf die richtige Spur bringt. Neben Mord, Sabotage und Kidnapping gibt es auch den Berufsalltag mit unbedarften Kunden, neidischen Konkurrenten, drängelnden Mietern und maulenden Nachbarn.

„Die Details müssen stimmen“, ist das Prinzip des Romanhelden wie das seines Autors,
„sonst verreißt der Kenner die ganze Geschichte“. Bei Details und Story bleibt Recker auf der sicheren Seite. Er neigt nicht zur Entführung in atmosphärisch, sinnlich oder verbalfremde Welten. Jetzt denkt der Architekt über einen Roman zu Immobilienfonds nach. Er hatte mal mit dem schillernden Kölner Investor Josef Esch zu tun, der ihn zur überhöhten Bewertung eines Objekts verführen wollte. Der Autor hat eine Missionƒ: „Ich will darüber aufklären, was in der Branche hinter den Kulissen abläuft“.

Romanze im Nachkriegsbau

Ortswechsel ins Architekturbüro MEW in Köln. Madeleine Wolf, die mit ihrem Mann das Büro führt, wollte einst Journalistin werden. Mitœ 56 hat sie nun ihren ersten Roman geschrieben: „Das Projekt hat mich einfach angesprungen“. Auf einem Wiener Kongress hatte sie von einem Hilfs- und Selbsthilfeprojekt für Flüchtlinge gehört, mit Wohnen und Arbeiten in einem Haus. „Ich fand es schade, dass es in Köln nichts dergleichen gibt“. Also baute sie es in ihrer Fantasie: Die Hauptfigur ist die psychisch nicht ganz unkomplizierte Schulsekretärin Maja. Sie erbt das leer stehende Mietshaus der Mutter, das sogleich vom Wohnungsamt für Flüchtlinge requiriert wird. Mit Hilfe der Architektin Anne und des Sozialarbeiters Rafael findet Maja zu einem neuen, glücklichen Leben mit Migranten in ihrem Haus.

Die meisten Episoden erzählt Maja in der Ich-Form, Texte aus Sicht von Rafael und Anna sind eingestreut. „Ich wollte die Architektin als Nebenfigur, die das Projekt logistisch betreutund einen kühleren Blick hat“. Ab und zu wird es fachlich und emotional zugleich, etwa wenn die Architektin mit ihrem Mann über Majas Nachkriegshaus diskutiert: „Ach Tilman, seufzt Anne, die Sechziger zeigen eine ästhetische Qualität, die durchaus mit einer Reduktion verbunden ist. Weniger Fläche, mehr Nutzungsmöglichkeiten und somit geringerer Energieverbrauch, da müssen wir heute auch wieder hinkommen! Annes Augen blitzen.Tilman küsst ihre Hand“.

Wolf schildert ihr Vorgehen beim Schreiben als „ähnliches Verfahren wie beim Entwerfen.  Man geht an Situationen und Randbedingungen und fragt: Was soll herauskommen? Dann nimmt man die Einzelstränge auseinander und versucht sie zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzubringen“. Diszipliniert schrieb sie neben der Arbeit jeden Tag vier Seiten. Verlegt hat sie ihr Werk im Selbstpublizier-Verlag Twentysix – gedruckt „on demand“ und als E-Book.

„Das Buch hat einen Hauch von Märchen, enthält aber vieles, was tatsächlich irgendwo realisiert ist. Es ist eher eine Utopie – und auch einfach ein Wunschtraum“. Und schon sitzt Wolf wieder an einem Buch. Diesmal soll es düsterer, dystopischer werden. Für sie ist Schreiben auch Abenteuer: „Wenn man jung bleiben will, muss man etwas machen, was einem ein bisschen Angst macht“.

Heiteres vor Beton

Anders als die Literatur seiner zwei Berufskollegen strahlen die Texte aus der Feder des Münchener Architekten Frank Becker-Nickels bayerisch-barocke Heiterkeit aus. Er zeichnet, malt, fotografiert und schreibt unter dem Kürzel „Fra’BENI“ architektur- und andere realitätsbezogeneTexte in jeder denkbaren Form: „Notizen, Skizzen, Szenen, Gespräche, Dialoge, Monologe, Gedichte und Gedanken zwischenTraum und Wirklichkeit“ kündigt er im Vorwort seiner „Ode ans OD“ an – womit das Olympische Dorf in München gemeint ist.  Dort wohnt er seit über 40 Jahren und erfreut Besucher als, mit seinen œž75 Jahren noch sehr temporeicher, Fremdenführer.

Das Quartier – der Versuch einer perfekten Wohnwelt aus einem Betonguss – inspirierte ihn zuŸ 260 šgroßformatigen Seiten über jedweden Aspekt, von Tiefgaragen bis zu Rollatoren. Das Ganze ist so assoziativ wie subjektiv und auch immer wieder weg von Architektur und Häusern, hin zu den Bewohnern: „Wir stehen unter Denkmalschutz. Unsere Bauten. Unsere Außenanlagen. Unser Umfeld. Manche der älteren Ureinwohner inzwischen vielleicht auch.“ Ohne Hemmungen parodiert er klassische Lyrik: „Denk ich ans Dorf wohl in der Nacht, da bin ich um den Schlaf gebracht und bin bald wieder aufgewacht, weil wer volltrunken Lärm gemacht“. Wer dem Dorf fernsteht, kann mit dem Buch wenig anfangen – aber wer es vor oder nach einem Besuch liest, hat einigen Gewinn.

Der Beruf hielt auch Becker-Nickels lange vom Dichten ab; erst in Altersmuße schrieb er ein Erwachsenenmärchen über eine kleine Wolke. Dieses und weitere Werke sind in wechselnden Selbst- und Klein-Verlagen erschienen und weniger ortsbezogen als das Münchener Dorfbuch. Zu nennen sind seine Gedichtbände„ARCH’s Zeilen + Verse“ sowie „ARCH’s geballte(r) Faust“ und schließlich „Auf den Platz gekommen“ – laut Selbstwerbung „Die eigene Anthologie des Architekten P. über den öffentlichen Platz mit Szenen + Märchen + Dia + Monologen + Garantiert kein Fachbuch über Plätze“.

MEHR INFORMATIONEN

Mehr Informationen zu den vorgestellten Autoren finden Sie online. Auch direkte Buchbestellungen sind möglich.
Madeleine Wolf mit Leseprobe

Frank Becker-Nickels

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