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Schwimmbadbau

Elegant, cool, familientauglich

Das neue Schwimmbad in Hamburg-Ohlsdorf von Czerner Göttsch Architekten bietet vom Schulsport über Wettkämpfe bis hin zu Wellness und Freizeitaktivitäten außergewöhnlich viele Möglichkeiten

Von Christina Gräwe

Begonnen hatte alles bereits 2005. Das Gelände gegenüber des berühmten Friedhofs Ohlsdorf sollte attraktiver und vielseitiger nutzbar gestaltet werden. Zudem bestand bei dem dort befindlichen Hallenbad aus dem Jahr 1972 dringender Sanierungsbedarf. Die Bauherrin, die Bäderland GmbH, beauftragte das Hamburger Büro Czerner Göttsch Architekten zunächst mit einer Studie zum Raumprogramm und der Positionierung des Baukörpers auf dem Grundstück. Darin lag bereits eine erste große Herausforderung, denn 35 Prozent der Fläche sollten zur Querfinanzierung verkauft werden; dort entstehen Wohnbauten. Das alte Hallenbad sollte ursprünglich bestehen bleiben, wird nun aber aufgrund zu umfangreicher Sanierungsmaßnahmen doch abgerissen. Bis zur Vollendung des Neubaus wird der Schwimmbetrieb dort jedoch durchgängig aufrechterhalten. So blieb nur noch ein relativ schmaler Streifen hinter dem Fritz Schumacher zugeschriebenen Eingangsgebäude des ehemaligen Naturbads aus den 20er Jahren. Das bedeutete, den Freibadbereich der Anlage aus den 70er Jahren zuzuschütten – und genau dagegen regte sich Protest.

Ein Bürgerentscheid von 2009 verlangte den Erhalt sowohl der alten Halle als auch der Außenbecken. Dennoch gingen die konkreten Planungen weiter. Eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des Bezirks, der Bauherrin, der Bürgerinitiative sowie den Architekten versuchte, zwischen den gegensätzlichen Haltungen zu vermitteln. Spätestens nachdem sich die Bürgerbewegung intern uneins wurde, wurden die Diskussionen jedoch erfolglos abgebrochen. Die Geschichte schien vollends verfahren, bis schließlich ein Senatsbeschluss ihre Fortsetzung ermöglichte: Bäderland sollte den Bauantrag für den Neubau einreichen, für das Wohnareal ein eigener Bebauungsplan entstehen. An der Protestfront wurde es leiser, das Bürgerbegehren erlebte nach seinem Auslaufen nach zwei Jahren keine Neuauflage. Im Juni 2016 erfolgte der symbolische erste Spatenstich.

Umfangreiches Raumprogramm

Die Rahmenbedingungen für die Umsetzung des Raumprogramms – Wohnungsbau im Norden, historisches Eingangsgebäude im Osten, Hallenbadbetrieb im Süden, Alsterlauf im Westen – bedeuteten für die Architekten eine weitere Herausforderung. Sie entschieden sich für einen Baukörper, der an das historische Eingangsgebäude andockt, sich in die Tiefe des Grundstücks fortsetzt und eine Schallbarriere zwischen zukünftigem Wohnungsbau und Freigelände des Bades bildet. Das Dach ist dort, wo es die Neigung zulässt, begrünt, so dass der in den Hang geschobene Baukörper mit der Landschaft verschmilzt. Die Fassaden bestehen aus hellen Aluverbundtafeln, einem nachhaltigen, weil pflegeleichten Material, das durch den dezenten, je nach Licht- und Wettersituation changierenden Metallic-Effekt Eleganz und Coolness zugleich ausdrückt. Auf der Süd- und Westseite ist das Schwimmbad überwiegend verglast und gibt den Blick in den Landschaftsraum des Alsterlaufs frei. Die Umkleiden im Norden sind unauffällig gestaltet und verschwinden weitgehend im modellierten Gelände; die zukünftigen Bewohner des verkauften Grundstückteils haben also keine Hinterhofoptik zu befürchten.

Das lange fremdgenutzte Eingangsgebäude wird umfassend umgebaut und saniert, der mittlere „Grüne Saal“ mit Jugendstilfliesen und Klinkerboden wieder der alten Bestimmung als Vorhalle zugeführt. Die Flügel im Norden und Süden nehmen die Verwaltung auf und werden an den Hamburger Schwimmclub vermietet. An den Altbau dockt ein geknickter Gebäudeteil mit einem lichten Foyer an. Auf die Besucher wird der Übergang von der gediegenen Backsteinoptik zur schillernden Gestaltung des Foyers wie ein Zeitsprung wirken. Hinter dem Kassentresen gelangen sie zu den tiefer liegenden Umkleiden und Sanitärbereichen. Auch die Schwimmhalle selbst liegt auf der unteren Ebene; sie ist niveaugleich an die Liegewiese angebunden. Der Neubau soll Vereins- und Schulschwimmen dienen, zugleich aber auch als Familienbad funktionieren. Die drei verschiedenen Becken sind in Reihe hintereinandergeschaltet: ein unterschiedlich tiefes 50-Meter-Becken (überdachte wettkampftaugliche Becken gibt es nicht viele) mit Drei- und Ein-Meter-Sprungturm, ein quadratisches Lehr- und Kursbecken, ein amorph geschwungenes Planschbecken mit Wasserspielen und Rutschbahn. Schon durch diese Aufteilung werden simultan ganz unterschiedliche Wasser-Bedürfnisse befriedigt. Der Clou ist aber die zusätzliche Flexibilität der größeren Becken. Das Sportbecken kann durch eine Hubwand in zwei beinahe gleich große Teile getrennt werden; so kommen parallel Trainings- und Freizeitschwimmer zum Zug. Das Lehrbecken hingegen ist in der Horizontalen variabel. Ein Hubboden ermöglicht Tiefen zwischen 1,35 Metern und fast Nullniveau; es können ganz unterschiedliche Aqua-Fitness-Kurse stattfinden und auch Geräte eingesetzt werden.

Symbiose von innen und außen

Die gläserne Südfassade der Halle lässt sich durch den Einsatz von Falt-Schiebe-Fenstern zu großen Teilen öffnen. „Nicht erst zur üblichen Freibadsaison, sondern schon an den ersten warmen Tagen des Jahres entsteht so beinahe ein Freibad-Feeling“, schwärmt Jürgen Göttsch. Innenraum und Außenanlage gehen „symbiotisch“ ineinander über; zwischen Halle und Wiese verläuft ein Plattenstreifen als Sonnenterrasse und Sauberlaufzone. Die Architekten haben das gut fünf Meter zur Alster abfallende Gelände unaufgeregt und schlüssig in eine Sitzstufenlandschaft an der Stützwand zum südlich angeordneten Parkplatz auf der oberen Ebene, ein Beachvolleyballfeld, Liegeflächen und weitere Wasserspiele zoniert. „Es soll keine Wellnessoase entstehen, sondern ein Familienbad mit erweitertem Angebot für das Vereins- und Schulschwimmen bleiben.“ Die leider notwendige lange Rettungsrampe für die Feuerwehr haben die Architekten geschickt in die Landschaftsgestaltung integriert.

Schwimmbadtechnik und Energiekonzept

Schwimmbäder gelten als Sonderbauten, und das hat gute Gründe. Die Haustechnik ist überaus komplex, die Materialien müssen sorgsam ausgewählt werden. Göttsch erzählt von dem eigenen Schwimmbadteam, das sie zusammengestellt haben, darunter auch Kollegen mit umfassender Erfahrung zu dieser Aufgabe.

Die Haustechnik schluckt 40 Prozent der Baukosten (das Verhältnis im Wohnungsbau liegt bei ca. 80:20). Die Installationen für die Lüftung, Wasseraufbereitung und Heizung sind überwiegend im Keller, der als weiße Wanne ausgebildet ist, und teils unter der Hallendecke untergebracht. Die Räume, die unter anderem Wasseraufbereitungsanlagen, Lüftungszentralen und Lüftungsrohre mit bis zu vier Metern Durchmesser aufnehmen, liegen unterhalb der Becken. Die bewegten Luftmassen sind immens – und werden von den Architekten geschickt genutzt, denn die Wärme der abgesaugten Luft wird über Wärmetauscher zurückgewonnen. Die hocheffiziente Wärmerückgewinnung und Energieerzeugung durch den Einsatz von Kraft-Wärme-Kopplung reduzieren die Heizkosten merklich und leisten einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung. Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Bauphysik, vor allem die hohe Luftfeuchtigkeit, die über 80 Prozent relative Luftfeuchte steigen kann. Das Reizwort hier: Korrosion, denn Chlor und Wasser erzeugen Chloride und damit Gift für Metalle. Jedes Stück Metall bis zur einzelnen Schraube und dem innenliegenden Ständerwerk der Trockenbauwände muss eine höhere Materialklasse als gewöhnlich aufweisen, wird verzinkt und teils zusätzlich mit speziellen Anstrichen versehen. Außerdem muss der Bau absolut frei von Wärmebrücken ausgeführt sein, da sonst Kondenswasser und erneut Korrosion drohen. Im späteren Betrieb wird eine ständige Oberflächenkontrolle stattfinden.

Der hohen Luftfeuchtigkeit begegnen die Architekten mit einer intelligent gesteuerten Lüftung, so dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Temperatur und Luftfeuchte entsteht. So können sie etwa vermeiden, die 1,85 Meter hohen Holzbinder der Deckenkonstruktion mit der „chemischen Keule“ zu behandeln. Unterhalb der Decke faltet sich eine helle textile Membran. Sie verleiht dem Raum optisch und atmosphärisch Spannung, versteckt darüber hinaus Installationen und wirkt angenehm ausgleichend auf die Raumakustik. Außerdem können die Architekten hier ein wenig Lichtinszenierung betreiben, zusätzlich zu dem „Pflichtprogramm“, das von der Grundbeleuchtung bis zur Lichtsituation auf der Wasseroberfläche strengen (Sport-) Richtlinien folgt.

Die Fensterrahmen sind in der Effektfarbe perlbeige gehalten. Für die Bodenfliesen wählen die Planer drei warme Kiesel- und Sandtöne. Die Fliesen haben eine wasserverdrängende Oberfläche und erfüllen natürlich die Anforderungen an die Rutschfestigkeit. „Wir haben den geringen Gestaltungsspielraum ausgenutzt, um den in Bädern oft störenden aseptischen Eindruck vermeiden“, sagt Jürgen Göttsch. Der Gesamteindruck: „Es soll ein außergewöhnliches Bad entstehen, mit breit gefächertem Angebot, flexibel nutzbar, naturnah gestaltet und mit einem gehörigen Schuss Emotionalität.“ Ab dem Frühjahr 2019 kann sich davon jeder selbst überzeugen, der das neue Schwimmbad mit der poetischen Adresse Im Grünen Grunde aufsucht.

Christina Gräwe ist freie Journalistin in Berlin.


Mehr Artikel und Informationen finden Sie in unserem DABthema „Schwimmbadbau“

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