Generell Generalplanung?

Einzelvergabe oder Generalunternehmer, geteilte Verantwortlichkeit von Einzelplanern oder ein Generalplaner? Die Fragen sind umstritten; für alle Ansätze gibt es gelungene und abschreckende Praxisbeispiele. Ein Buch-Plädoyer für die von ihm praktizierte Generalplanung hält Lothar Niederberghaus, Architekt und Chef der agn-Gruppe, eines Generalplanungsunternehmens mit rund 280 Beschäftigten. Es ist material- und beispielreich und liest sich in sich schlüssig und überzeugend. Fragen wie die nach einer womöglich zu starken Stellung gegenüber dem Bauherrn oder nach den Kosten für die Leistung behandelt das Buch jedoch kaum. Lothar Niederberghaus (Hg.): Mehrwert Generalplanung: Architekten und Ingenieure planen interdisziplinär. Berlin 2012, 208 Seiten, 42 Euro

Toleranzen im B-Plan

Architekten stöhnen oft über Vorschriften im Bebauungsplan. Doch in bestimmten Fällen sind auch Vorhaben zulässig, die dem Plan nicht entsprechen Text: Hubertus Schulte Beerbühl Satzungen, insbesondere Bebauungspläne, und Gesetze werden von Planern oftmals als Hemmschuh architektonischen Gestaltungswillens angesehen. Manche zum Teil Jahrzehnte alte Festsetzungen erweisen sich in der Tat gelegentlich als fragwürdig. Bisweilen drängt sich auch bei der gebotenen objektiven Sicht der Eindruck auf, der Plangeber sei sich bei der Kreation der Festsetzungen selbst nicht darüber im Klaren gewesen, welche Auswirkungen seine Rechtssetzung hat und welche beengenden Folgen sich hieraus ergeben. Oftmals fragt sich der Leser eines Bebauungsplans, ob denn die Mitglieder des Gemeindeparlaments die Regelungen in ihren weitreichenden Auswirkungen überhaupt verstanden haben. Auch für Gesetze drängt sich manchmal die Frage auf, ob der Gesetzgeber wollte, dass seine Regelung auch für Vorhaben wie das hier in Rede stehende gelten sollte. Die oft verständliche Kritik ändert nichts daran, dass – selbstverständlich – Satzungen und Gesetze zunächst einmal so zu beachten sind, wie sie gelten. Für Ausnahme, Befreiungen und Erleichterungen gelten strenge Regelungen, die im Gesetz ausdrücklich genannt und, soweit erforderlich, von der Rechtsprechung weiter ausgeformt worden sind. Das im Baugesetzbuch und in der Baunutzungsverordnung angelegte System sollte der Architekt kennen, damit er weiß, welche rechtlichen Möglichkeiten das Normgefüge ihm bietet, um dem Bauherrn das geplante Vorhaben doch zu ermöglichen. Ausnahme, Befreiung und Abweichung – rechtliche Möglichkeiten auf unterschiedlichen Ebenen Die Gemeinde erlässt zur städtebaulichen Lenkung von Bauvorhaben Bebauungspläne, die sie aus Flächennutzungsplänen entwickelt. Dabei steht ihr nach dem Baugesetzbuch ein sehr weit reichendes, allerdings nicht unbegrenztes Planungsinstrument zur Verfügung. Das Mittel ihrer Lenkung durch Bebauungspläne ist die abstrakt-generell wirkende Festsetzung. Diese kann sich beispielsweise beziehen auf die Art und das Maß der baulichen Nutzung, auf die Bauweise, die überbaubaren und die nicht überbaubaren Grundstücksflächen sowie die Stellung der baulichen Anlagen (§ 9 BauGB). Durch die Festsetzung gelten die Regelungen der Baunutzungsverordnung einschließlich der Regelungen über die Zulassung einer Ausnahme unmittelbar. Die Gemeinde hat durch die unveränderte Übernahme der Regelung über die ausnahmsweise Zulassung oder ihre Erhebung zur regelmäßig zulässigen Nutzung oder zum vollständigen Ausschluss in dem Bebauungsplan die Möglichkeit einer Feinsteuerung. Damit hat sie unmittelbaren Einfluss auf das Planungsrecht. Die Ausführung erfolgt freilich durch die Genehmigungsbehörde, die diese satzungsrechtlichen Vorgaben zu beachten hat. Auf der nachfolgenden Ebene des Verwaltungsvollzugs kann die Baugenehmigungsbehörde durch eine einzelfallbezogene Befreiung etwaigen Besonderheiten Rechnung tragen, wenn eine schematische Anwendung der Festsetzungen in dem Bebauungsplan zu Ergebnissen führen würde, die in dieser Form mit dem Willen des Satzungsgebers nicht vereinbar wären. Anders als dies bei Ausnahmen der Fall ist, kann die Gemeinde, ist der Bebauungsplan erst einmal erlassen, auf die Möglichkeit von Befreiungen keinen Einfluss mehr nehmen. Weil die Möglichkeit einer Befreiung von gesetzlichen Voraussetzungen abhängig ist und der Satzungsgeber sich nicht über das Gesetz stellen kann, kann in dem Bebauungsplan die Zulassung von Befreiungen weder ausgeschlossen noch generell (im Sinne einer großzügigen Handhabung) erlaubt werden. Mittelbare Einflussmöglichkeiten bestehen allerdings insofern, als die Gemeinde in der Begründung des Bebauungsplans ihren Planungswillen zum Ausdruck bringen kann und damit, je nach Sachlage, der Genehmigungsbehörde den Weg zur Bejahung des Merkmals „die Grundzüge der Planung werden nicht berührt“ (§ 31 Abs. 1, 1. Halbsatz BauGB) erleichtern oder erschweren kann. Eine darüber hinausgehende Einflussnahme auf die Zulassung oder Verweigerung von Befreiungen seitens der Genehmigungsbehörde ist nicht möglich; einschränkende oder lenkende Zusätze wie „soll“ oder „kann“ verbieten sich im Zusammenhang mit planerischen Festsetzungen. Von den Ausnahmen und den Befreiungen sind die Abweichungen zu unterscheiden. Sie sind – anders als Ausnahmen – weder (positiv oder negativ) der planerischen Entscheidung des Rates zugänglich, noch erklären sie – anders als Befreiungen – Vorschriften für im Einzelfall unanwendbar. Vielmehr setzen sie gerade die Anwendbarkeit einer Norm voraus, bieten aber der Genehmigungsbehörde die rechtliche Möglichkeit, unter Aufrechterhaltung der grundlegenden Aussage des Bebauungsplans im Einzelfall einen (geringfügigen) Verstoß zuzulassen. Es handelt sich um eine Art Bagatellklauseln zur Vermeidung einer sonst erforderlichen Befreiung. § 31 BauGB Ausnahmen und Befreiungen (1) Von den Festsetzungen des Bebauungsplans können solche Ausnahmen zugelassen werden, die in dem Bebauungsplan nach Art und Umfang ausdrücklich vorgesehen sind. (2) Von den Festsetzungen des Bebauungsplans kann befreit werden, wenn die Grundzüge der Planung nicht berührt werden und 1. Gründe des Wohls der Allgemeinheit die Befreiung erfordern oder 2. die Abweichung städtebaulich vertretbar ist oder 3. die Durchführung des Bebauungsplans zu einer offenbar nicht beabsichtigten Härte führen würde und wenn die Abweichung auch unter Würdigung nachbarlicher Interessen mit den öffentlichen Belangen vereinbar ist. Der Anwendungsbereich des § 31 BauGB Die Bestimmungen über die Zulassung von Ausnahmen und Befreiungen gelten für Vorhaben im planungsrechtlichen Sinn. Das sind Vorhaben, die die Errichtung, Änderung oder Nutzungsänderung von baulichen Anlagen zum Gegenstand haben. Im Falle einer Nutzungsänderung stellt sich die Frage der planungsrechtlichen Zulässigkeit und damit einer möglichen Ausnahme oder Befreiung auch dann neu, wenn für diese bauliche Anlage früher einmal eine Ausnahme oder Befreiung erteilt worden ist. Denn eine Genehmigung ist nur auf eine bestimmte Nutzung bezogen. Bei einem erkennbar als dauerhaft gedachten Übergang zu einer anderen Nutzung geht die Wirksamkeit der bisherigen Genehmigung unter, und mit ihr die Ausnahme oder Befreiung. Die Norm ist zunächst für den Geltungsbereich eines Bebauungsplans anwendbar. Denn sowohl in der Einleitung des § 31 Abs. 1 BauGB als auch in der des § 31 Abs. 2 BauGB ist von „Festsetzungen des Bebauungsplans“ die Rede. Gemeint sind damit nicht nur Bebauungspläne, die „mindestens Festsetzungen über die Art und das Maß der baulichen Nutzung, die überbaubaren Grundstücksflächen und die örtlichen Verkehrsflächen“ enthalten (sog. qualifizierte Bebauungspläne, § 30 BauGB). Sie ist in gleicher Weise auf Bebauungspläne anzuwenden, die diese Voraussetzungen nicht erfüllen („einfache Bebauungspläne“), wie auch auf vorhabenbezogene Bebauungspläne. Jedoch ist der Anwendungsbereich der Bestimmung nicht auf Plangebiete beschränkt. Er erstreckt sich mit Blick auf die Art der baulichen Nutzung auch auf den im Zusammenhang bebauten Ortsteil nach § 34 BauGB. Das ist eigentlich systemfremd. Denn in einem im Zusammenhang bebauten Ortsteil bildet nicht eine Satzung den Maßstab für die Zulässigkeit von Vorhaben, sondern das Faktische, die vorhandene Umgebungsbebauung. Hiervon eine Ausnahme zu erteilen oder zu befreien mutet seltsam an. Jedoch hat der Gesetzgeber durch einen Kunstgriff in § 34 Abs. 2, 2. Halbsatz BauGB die Regelungen in § 31 Abs. 1 und Abs. 2 BauGB teilweise für anwendbar erklärt: „Entspricht die Eigenart der näheren Umgebung einem der Baugebiete der Baunutzungsverordnung, beurteilt sich die Zulässigkeit des Vorhabens nach seiner Art allein danach, ob es nach der Baunutzungsverordnung in dem Baugebiet allgemein zulässig wäre; auf die nach der Verordnung ausnahmsweise zulässigen Vorhaben ist § 31 Abs. 1, im Übrigen ist § 31 Abs. 2 entsprechend anzuwenden.“ Die Gleichstellung im 2. Halbsatz findet ihre Rechtfertigung in der fiktiven Gleichstellung der Vorhaben im unbeplanten Innenbereich mit den Vorhaben im beplanten Bereich in ersten Halbsatz. Bei der Anwendung der Voraussetzung des § 31 Abs. 2 BauGB, dass die Grundzüge der Planung nicht berührt werden dürfen (dazu später), treten an ihre Stelle die tatsächliche städtebauliche Situation und der Rahmen, der durch die Umgebungsbebauung gebildet wird. Diese Anwendungserklärung beschränkt sich nur auf die Art, nicht aber auf das Maß der baulichen Nutzung, auf die Bauweise oder die Grundfläche, die überbaut werden darf. Das Bundesverwaltungsgericht hat bereits im Jahr 1969 verbindlich entschieden, dass § 31 BauGB im nicht beplanten Bereich über § 34 Abs. 2, 2. Halbsatz BauGB hinaus nicht anwendbar ist (Urteil vom 19. September 1969 – 4 C 18.67 -). Auf das Bauen im Außenbereich (§ 35 BauGB) ist § 31 BauGB nicht anwendbar. Dort gibt es keinen Plan und auch keinen Planersatz, von dem eine Ausnahme oder eine Befreiung erteilt werden könnte oder müsste. Ebenso wenig ist § 31 BauGB auf das Bauordnungsrecht anwendbar. Stattdessen haben die Bauordnungen der Länder eigene Abweichungsvorschriften erlassen (z.B. § 73 BauO NRW). Ausnahmen Nach § 31 Abs. 1 BauGB können von den Festsetzungen des Bebauungsplans solche Ausnahmen zugelassen werden, die in dem Bebauungsplan nach Art und Umfang ausdrücklich vorgesehen sind. Die Regelung zeigt deutlich, dass die Genehmigungsbehörde nur dann befugt ist, eine Ausnahme zu erteilen, wenn der Bebauungsplan eine solche zugelassen hat. Die Gemeinde ist nicht berechtigt, neue Ausnahmen zu erfinden, die in dem Baugesetzbuch oder in der Baunutzungsverordnung nicht vorgesehen sind. Vielmehr ist sie beschränkt auf den in diesen Normen angelegten Katalog zur Art der baulichen Nutzung, zum Maß der baulichen Nutzung, zur Bauweise und zur überbaubaren Grundstücksfläche. Ausnahmen zu Festsetzungen über die Art der baulichen Nutzung In den jeweiligen Vorschriften über die Baugebiete (§§ 2 bis 9 BauNVO) ist zunächst dargestellt, wozu diese Gebiete dienen. (Für Sondergebiete, die der Erholung dienen, § 10 BauNVO, und sonstige Sondergebiete, § 11 BauNVO, fehlt eine solche Zweckbestimmung, weil diese sich erst aus dem Sondercharakter ergeben kann.) Sodann folgt eine abschließende Aufzählung der in diesen Gebieten zulässigen Nutzungen. Schließlich sind die ausnahmsweise zulässigen Arten der baulichen Nutzung beschrieben. Die Regelung wird dadurch, dass die Gemeinde ein Baugebiet festsetzt, zum Gegenstand des Bebauungsplans. Sie hat dabei nicht das Recht, neue Baugebietstypen zu schaffen. Auch die Bestimmungen über die ausnahmsweise Zulassung von weiteren Vorhaben werden Inhalt des Plans. Im Bebauungsplan können allerdings sehr differenzierte Regelungen über die Zulassung von Ausnahmen getroffen werden. Deren Verständnis eröffnet erst die Möglichkeit, sachgerecht einen Ausnahmefall geltend zu machen.   Die gesetzlichen Regelungen über die zulässige Art der baulichen Nutzung: § 2 BauNVO Kleinsiedlungsgebiete WS § 3 BauNVO reine Wohngebiete WR § 4 BauNVO allgemeine Wohngebiete WA § 4a BauNVO besondere Wohngebiete WB § 5 BauNVO Dorfgebiete MD § 6 BauNVO Mischgebiete Mi § 7 BauNVO Kerngebiete MK § 8 BauNVO Gewerbegebiete GE § 9 BauNVO Industriegebiete GI § 10 BauNVO Sondergebiete, die der Erholung dienen SO § 11 BauNVO sonstige Sondergebiete SO § 12 BauNVO Stellplätze und Garagen § 13 BauNVO Gebäude und Räume für freie Berufe § 14 BauNVO Nebenanlagen § 15 BauNVO Allgemeine Voraussetzungen für die Zulässigkeit baulicher und sonstiger Anlagen   Komplizierte Gestaltungsmöglichkeiten: Die Ausnahme wird zur Regel – die Regel wird zur Ausnahme – die Ausnahme wird ganz verboten Die Gestaltungsmöglichkeiten der Gemeinde sind weit gefasst. Dabei sind allerdings zwei Grundpfeiler stets zu beachten: Erstens muss zumindest die allgemeine Zweckbestimmung des Baugebiets gewahrt bleiben. Insofern ist insbesondere die Aussage in dem jeweiligen Absatz 1 der das Baugebiet betreffenden Bestimmung („… dienen (vorwiegend/ausschließlich)…“) in den Blick zu nehmen. Bisweilen wird darüber hinaus sogar verlangt, dass besondere städtebauliche Gründe die Festsetzung rechtfertigen. Zweitens muss der „numerus clausus“ des Instrumentariums der Baunutzungsverordnung gewahrt bleiben. Die Gemeinden sind insbesondere dem Typenzwang der in der Baunutzungsverordnung enthaltenen Baugebiete unterworfen und dürfen sie nur in dem Maße abweichend gestalten, wie dies nach § 9 BauGB und den Vorschriften der Baunutzungsverordnung zugelassen ist. Die Regelungen in § 1 Abs. 4 bis 10 BauNVO besagen im Einzelnen: Im Bebauungsplan kann festgesetzt werden, dass bestimmte Arten von Nutzungen, die nach den §§ 2, 4 bis 9 und 13 BauNVO allgemein zulässig sind, nicht zulässig sind oder nur ausnahmsweise zugelassen werden können. Die allgemeine Zweckbestimmung des Baugebiets muss dabei gewahrt bleiben. Beispiel: Ein Bebauungsplan, der ein Gewerbegebiet ausweist, setzt fest, dass Tankstellen, die eigentlich allgemein zulässig sind (§ 8 Abs. 2 Nr. 3 BauNVO), nicht zulässig sind, oder er regelt, dass sie nur ausnahmsweise zugelassen werden können. Auch kann festgesetzt werden, dass alle oder einzelne Ausnahmen, die in den Baugebieten nach den §§ 2 bis 9 BauNVO vorgesehen sind, nicht Bestandteil des Bebauungsplans werden oder in dem Baugebiet allgemein zulässig sind, wobei auch hier die allgemeine Zweckbestimmung des Baugebiets gewahrt bleiben muss. Beispiel: Ein Bebauungsplan, der ein Gewerbegebiet ausweist, setzt fest, dass Vergnügungsstätten, die eigentlich als Ausnahme zugelassen werden können (§ 8 Abs. 3 Nr. 3 BauNVO), nicht – auch nicht ausnahmsweise – zulässig sind, oder er regelt, dass sie allgemein – und nicht nur als Ausnahme -zulässig sind. In Bebauungsplänen für Baugebiete nach den §§ 4 bis 9 BauNVO kann, wenn besondere städtebauliche Gründe dies rechtfertigen, festgesetzt werden, dass in bestimmten Geschossen, Ebenen oder sonstigen Teilen baulicher Anlagen nur einzelne oder mehrere der in dem Baugebiet allgemein zulässigen Nutzungen zulässig sind – nachfolgend Beispiel (a) -, einzelne oder mehrere der in dem Baugebiet allgemein zulässigen Nutzungen unzulässig sind oder als Ausnahme zugelassen werden können – nachfolgend Beispiel (b) – oder alle oder einzelne Ausnahmen, die in den Baugebieten nach den §§ 4 bis 9 BauNVO vorgesehen sind, nicht zulässig oder allgemein zulässig sind – nachfolgend Beispiel (c) -, (sog. vertikale Gliederung). Beispiele: (a) Ein Bebauungsplan, der ein allgemeines Wohngebiet ausweist, setzt fest, dass oberhalb des Erdgeschosses nur Wohnnutzung (§ 4 Abs. 2 Nr. 1 BauNVO) oder nur Wohnnutzung und Anlagen für gesundheitliche Zwecke (§ 4 Abs. 2 Nr. 3, 4. Alt. BauNVO) zulässig sind. (b) Ein Bebauungsplan, der ein Mischgebiet ausweist, setzt fest, dass nicht kerngebietstypische Vergnügungsstätten (§ 6 Abs. 2 Nr. 8 i.V.m. § 4a Abs. 3 Nr. 2 BauNVO) oder solche Vergnügungsstätten und Schank-und Speisewirtschaften (§ 6 Abs. 2 Nr. 3, 2. Alt. BauNVO) oberhalb des Erdgeschoss unzulässig sind, oder er setzt fest, dass Anlagen für sportliche Zwecke (§ 6 Abs. 2 Nr. 5, letzte Alt. BauNVO) oberhalb des Erdgeschosses nur ausnahmsweise zugelassen werden können. (c) Ein Bebauungsplan, der ein Dorfgebiet ausweist, setzt fest, dass nicht kerngebietstypische Vergnügungsstätten (§ 5 Abs. 3 i.V.m. § 4a Abs. 3 Nr. 2 BauNVO; kerngebietstypische Vergnügungsstätten sind ohnehin nicht zulässig und können auch nicht als Ausnahme zugelassen werden) oberhalb des Erdgeschosses auch nicht ausnahmsweise zugelassen werden können. Die vorgenannten Festsetzungen können sich auch auf Teile des Baugebiets beschränken. Schließlich kann festgesetzt werden, dass nur bestimmte Arten der in den Baugebieten allgemein oder ausnahmsweise zulässigen baulichen oder sonstigen Anlagen zulässig oder nicht zulässig sind oder nur ausnahmsweise zugelassen werden können. Mit dieser Regelung wird eine noch weiter gehende Differenzierung in dem Bebauungsplan ermöglicht. Während nämlich die bislang genannten Bestimmungen die Arten von Nutzungen ansprachen, soll die Möglichkeit der Feindifferenzierung auch für einzelne Unterarten von Nutzungen und Anlagen gelten. Damit meint der Verordnungsgeber verschiedene Erscheinungsformen eines Nutzungstyps. So kann ein Einzelhandelsbetrieb (vgl. § 6 Abs. 2 Nr. 3, 1. Alt. BauNVO) sich etwa darstellen als Laden, Warenhaus, Supermarkt usw.; eine Anlage für sportliche Zwecke (z.B. § 4 Abs. 2 Nr. 3, letzte Alt. BauNVO) kann ein Hallenbad, ein Tennisplatz oder eine Turnhalle sein; eine Tankstelle (z.B. § 4 Abs. 3 Nr. 3 BauNVO) kann mit oder ohne Pflegehalle betrieben werden. Der Plangeber ist berechtigt, für solche Unterarten besondere Regelungen zu treffen. Voraussetzung für die Zulässigkeit einer solchen Festsetzung ist allerdings, dass besondere städtebauliche Gründe eine solche Maßnahme rechtfertigen. Wären bei der Festsetzung eines Baugebiets nach den §§ 2 bis 9 BauNVO in überwiegend bebauten Gebieten bestimmte vorhandene bauliche und sonstige Anlagen unzulässig, kann im Bebauungsplan festgesetzt werden, dass Erweiterungen, Änderungen, Nutzungsänderungen und Erneuerungen dieser Anlagen allgemein zulässig sind oder ausnahmsweise zugelassen werden können. Im Bebauungsplan können insofern nähere Bestimmungen über die Zulässigkeit getroffen werden. Die allgemeine Zweckbestimmung des Baugebiets muss in seinen übrigen Teilen gewahrt bleiben. Eine solche Regelung kann auch im Wege einer Änderung und Ergänzung eines Bebauungsplans getroffen werden. Der Gebietscharakter muss immer gewahrt bleiben Deckt sich das Vorhaben mit dem als Ausnahme geregelten Fall, ist – diesmal durch die Genehmigungsbehörde – zu prüfen, ob die Zulassung einer Ausnahme dem Gebietscharakter nicht zuwider läuft. Das steht zwar nicht ausdrücklich im Gesetz, ist aber durch höchstrichterliche Rechtsprechung gesichert. Widerspricht sie dem Gebietscharakter – insofern ist wiederum unter Anderem die Aussage in dem jeweiligen Absatz 1 der das Baugebiet betreffenden Bestimmung in den Blick zu nehmen -, darf die Ausnahme nicht erteilt werden und es besteht kein Anspruch auf sie. In diesem Zusammenhang sind die Anforderungen des jeweiligen Vorhabens an ein Gebiet, die Auswirkungen des Vorhabens auf ein Gebiet und die Erfüllung des spezifischen Gebietsbedarfs von besonderer Bedeutung. Entscheidend ist, ob ein Vorhaben dieser Art generell geeignet ist, ein „bodenrechtlich beachtliches Störpotenzial“ zu entfalten, das sich mit der Zweckbestimmung des Baugebiets nicht verträgt. Im Rahmen dieser Beurteilung kommt es nicht auf die konkrete Bebauung in der Nachbarschaft an. So hat etwa das Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil vom 2. Februar 2012 – 4 C 14.10 – ein Krematorium mit Abschiedsraum in einem Gewerbegebiet für nicht zulässig gehalten. Zwar ist dies eine Anlage für kulturelle Zwecke, sein Betrieb ist aber mit einem Gewerbegebiet, das von Handel und Produktion gekennzeichnet ist, nicht vereinbar. Das Gericht hob auf die Klage eines Nachbarn die Genehmigung auf. Ausnahmen zu Festsetzungen über das Maß der baulichen Nutzung und der überbaubaren Grundstücksfläche Gemäß § 16 BauNVO kann im Bebauungsplan das Maß der baulichen Nutzung bestimmt werden durch Festsetzung der Grundflächenzahl oder der Größe der Grundflächen der baulichen Anlagen, der Geschoßflächenzahl oder der Größe der Geschoßfläche, der Baumassenzahl oder der Baumasse, der Zahl der Vollgeschosse oder der Höhe baulicher Anlagen. Die Gemeinde kann von dem so festgesetzten Maß der baulichen Nutzung Ausnahmen vorsehen; diese müssen aber nach Art und Umfang in dem Bebauungsplan bestimmt werden, § 16 Abs. 6 BauNVO. Außerdem kann die Gemeinde bei Bebauungsplänen nach der Änderung der Baunutzungsverordnung mit Wirkung vom 27. Januar 1990 (für „alte“ Pläne gilt dies nur, wenn diese entsprechend geändert worden sind) festsetzen, dass bei der Berechnung von Geschossflächen, deren Höchstzahl durch die Festsetzung einer Geschossflächenzahl vorgegeben ist, die Flächen von Aufenthaltsräumen in anderen Geschossen einschließlich der zu ihnen gehörenden Treppenräume und einschließlich ihrer Umfassungswände ganz oder teilweise mitzurechnen oder ausnahmsweise nicht mitzurechnen sind (§ 20 Abs. 4 Satz 2 BauNVO). Wie jede Festsetzung darf auch eine solche nur aus städtebaulichen Gründen erfolgen. Für Stellplätze, Garagen und Gemeinschaftsanlagen können im Bebauungsplan besondere Regelungen hinsichtlich deren ausnahmsweise Nichtanrechnung auf die Zahl der zulässigen Vollgeschosse, der Baumasse, der Grundstücksfläche, der Grundfläche und der Geschossfläche getroffen werden (§ 21a BauNVO). Schließlich kann der Bebauungsplan Festsetzungen über die ausnahmsweise Zulässigkeit eines Vor- oder Zurücktretens gegenüber Baulinien sowie eines Überschreitens einer Baugrenze treffen (§ 23 Abs. 2 und 3 BauNVO). Befreiungen Bebauungspläne leiten ihre Bedeutung von der Legitimation der Abgeordneten in dem Gemeindeparlament ab. Die Stadtverordneten „setzen Recht“, und lediglich im Rahmen dieses geschaffenen Rechts ist die Verwaltung befugt, im Einzelfall, wenn Anlass dazu besteht, flexibel zu handeln. Deshalb muss sich jede Befreiung daran messen lassen, inwieweit durch sie die Grundzüge der Bauleitplanung beeinträchtigt werden. Insbesondere darf nicht durch eine Befreiung ein angeblicher Missgriff in einer Planfestsetzung ausgeglichen werden. Vielmehr hat sich bereits die Planfestsetzung an den Grundsätzen der Verhältnismäßigkeit und des Übermaßverbotes zu orientieren. Bei einem Verstoß hiergegen ist die Festsetzung ungültig und nicht zu beachten – sofern eine Aufrechterhaltung des Bebauungsplans ohne diese Festsetzung noch einen Sinn macht; gegebenenfalls ist sogar der gesamte Bebauungsplan unwirksam, wenn der verbleibende Rest nur noch einen Planungstorso darstellt. Wenn der Bebauungsplan unwirksam ist, stellt sich die Frage einer Ausnahme oder einer Befreiung gar nicht erst. Denn von einer ungültigen Norm braucht und kann weder eine Ausnahme noch eine Befreiung erteilt werden. Andererseits folgt aus der Erkenntnis, dass bereits auf der planerischen Ebene die grundlegenden Entscheidungen getroffen werden müssen und diese Entscheidungen nur dann eine tragfähige Grundlage für einen wirksamen Bebauungsplan bilden können, wenn der Abwägungsvorgang rechtlich fehlerfrei erfolgt ist, dass für nachträgliche Korrekturen nur in äußerst beschränktem Maß Raum ist. Das Instrument der Befreiung dient eben nicht zur Änderung von unter Beachtung des Abwägungsgebots wirksam getroffenen, aber heute als unbillig angesehenen Entscheidungen. Das gilt auch für den Fall, dass eine Festsetzung als nicht mehr zeitgemäß angesehen wird; sie darf nicht einfach ignoriert werden. Erforderlichenfalls muss eben der Plan geändert werden. Befreiung nur im Falle einer „Atypik“ Eine frühere Fassung des § 31 Abs. 2 BauGB besagte, dass die Befreiung „im Einzelfall“ erteilt wird. Die heutige, seit dem 1. Januar 1989 gültige Fassung enthält diese Formulierung nicht mehr. Das Bundesverwaltungsgericht hat aber bereits bald nach der Rechtsänderung ausgeführt, die Anwendung der Befreiungsvorschrift des § 31 Abs. 2 Nr. 2 BauGB setze weiterhin voraus, dass ein „atypischer“ Sachverhalt besteht. Ein „atypischer“ Sachverhalt liege jedenfalls nicht vor, wenn die Gründe, die für eine Befreiung streiten, für jedes oder nahezu für jedes Grundstück im Planbereich gegeben sind (so wörtlich die Leitsätze der Entscheidung vom 20. November 1989 – 4 B 163/89 –). Die Richtigkeit dieses Verlangens ist umstritten. Allerdings dürfte die Bedeutung des Streits in der Praxis geringer sein als die Heftigkeit der wissenschaftlichen Diskussion. Denn durch die unabdingbare Voraussetzung für eine Befreiung, dass die Grundzüge der Planung nicht berührt werden dürfen (dazu weiter unten), wird der Streit entschärft. Denn würde in einem nicht nur atypischen, sondern „normalen“ Fall eine Befreiung erteilt, würde das Berufungsfälle ermöglichen. Damit bestünde die Gefahr, dass die Planungskonzeption nicht länger berücksichtigt wird. Daher wird durch eine strenge Anwendung des Kriteriums des Verbots des Berührens von Grundzügen der Planung dasselbe erreicht, wie wenn eine Korrektur durch ein ungeschriebenes Tatbestandsmerkmal wie „atypischer Sachverhalt“ oder „im Einzelfall“ geprüft würde. Die Grundzüge der Planung dürfen nicht berührt sein Das Erfordernis, dass die Grundzüge der Planung nicht berührt werden dürfen, war nach früher geltendem Recht lediglich eine von mehreren Tatbestandsalternativen für eine zulässige Befreiung. Der Gesetzgeber hat es in der jetzt gültigen Fassung gleichsam vor die Klammer gezogen und zur allgemeinen Zulässigkeitsvoraussetzung erhoben, die für alle Befreiungsfälle Geltung beansprucht. Das hat seine Rechtfertigung in dem oben dargestellten Rechtsnormcharakter der Festsetzungen eines Bebauungsplans. Einerseits soll mit § 31 Abs. 2 BauGB im Interesse der Einzelfallgerechtigkeit und der Wahrung der Verhältnismäßigkeit für Vorhaben, die den Festsetzungen zwar widersprechen, sich mit den planerischen Vorstellungen aber gleichwohl in Einklang bringen lassen, ein Mindestmaß an Flexibilität geschaffen werden. Andererseits soll durch das Erfordernis der Wahrung der Grundzüge der Planung sichergestellt werden, dass die Festsetzungen des Bebauungsplans nicht beliebig durch Verwaltungsakt außer Kraft gesetzt werden. Die Änderung eines Bebauungsplans obliegt nach § 2 Abs. 4 BauGB der Gemeinde und nicht der Bauaufsichtsbehörde. Hierfür ist ein bestimmtes Verfahren unter Beteiligung der Bürger und der Träger öffentlicher Belange vorgeschrieben, von dem nur unter gesetzlich beschriebenen Voraussetzungen abgesehen werden kann. Ob die Grundzüge der Planung berührt werden, hängt von der jeweiligen Planungssituation ab. Entscheidend ist, ob die Abweichung dem planerischen Grundkonzept zuwiderläuft. Dies zu erkennen setzt eine sorgfältige Auslegung des Bebauungsplans voraus. Unter Umständen muss auf die Aufstellungsvorgänge zurückgegriffen werden. Je tiefer die Befreiung in das Interessengeflecht der Planung eingreift, desto eher liegt der Schluss auf eine Änderung der Planungskonzeption nahe, die nur im Wege der (Um- )Planung möglich ist. Die Befreiung kann nicht als Vehikel dafür herhalten, die von der Gemeinde getroffene planerische Regelung beiseite zu schieben. Sie darf – jedenfalls von Festsetzungen, die für die Planung tragend sind – nicht aus Gründen erteilt werden, die sich in einer Vielzahl gleichgelagerter Fälle oder gar für alle von einer bestimmten Festsetzung betroffenen Grundstücke anführen ließen (so das Bundesverwaltungsgericht in seinem Beschluss vom 8. Mai 1989 – 4 B 78/89 -). Drei Alternativen als Befreiungsgründe Weitere Voraussetzung für eine Befreiung ist, dass Gründe des Wohls der Allgemeinheit die Befreiung erfordern oder die Abweichung städtebaulich vertretbar ist oder die Durchführung des Bebauungsplans zu einer offenbar nicht beabsichtigten Härte führen würde. Wie sich schon aus dem Begriff „Gründe des Wohls der Allgemeinheit“ ergibt, sind allein private Interessen nicht ausreichend für eine Befreiung unter dem Gesichtspunkt des Gemeinwohls. Vielmehr muss es um öffentliche Interessen und Belange gehen. Der Begriff „deckt in seiner Abstraktheit eine Vielfalt von Sachverhalten und Zwecken“ ab und „bedarf deswegen stets der Konkretisierung im Einzelfall“ (so das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom 18. Dezember 1968 – 1 BvR 638/74 – ). Die Gründe beschränken sich nicht auf spezifisch bodenrechtliche Belange, sondern erfassen alles, was im Allgemeinen unter den öffentlichen Belangen oder – insoweit gleichbedeutend – den öffentlichen Interessen zu verstehen ist. So kann beispielsweise das Gemeinwohl gefördert werden durch soziale Einrichtungen (Krankenversorgung, Kinderbetreuung, Altenpflege), durch kulturelle Einrichtungen (Schulen, sonstige Bildungsstätten, Museen, Theater), durch sportliche Einrichtungen (Sportplätze, Badeanstalten, Turnhallen), durch Einrichtungen der Freizeitgestaltung (Spielplätze, Grünanlagen), durch Einrichtungen, die der Sicherheit der Bevölkerung dienen (Brandwachen, Polizeiwachen), durch Umweltschutzeinrichtungen (Kläranlagen, Immissionsschutzanlagen), durch Verkehrsanlagen, Versorgungsanlagen oder Entsorgungsanlagen u.a.m.. Die Gemeinwohlinteressen „erfordern“ eine Abweichung von den Festsetzungen des Bebauungsplans nicht erst dann, wenn den Belangen der Allgemeinheit auf keine andere Weise als durch eine Befreiung entsprochen werden könnte, sondern nach dem Sinn und Zweck der Vorschrift schon dann, wenn es zur Wahrnehmung des jeweiligen öffentlichen Interesses „vernünftigerweise geboten“ ist, mit Hilfe der Befreiung das Vorhaben an der vorgesehenen Stelle zu verwirklichen (so das Bundesverwaltungsgericht im Urteil vom 9. Juni 1978 – 4 V 54/75 – ). Die Befreiung muss nicht schlechterdings das einzige denkbare Mittel für die Verwirklichung des jeweiligen öffentlichen Interesses sein. Dessen Erfüllung muss also nicht mit der Erteilung der Befreiung „stehen und fallen“. Auch dann, wenn andere – auch weniger naheliegende – Möglichkeiten zur Erfüllung des Interesses zur Verfügung stehen, kann eine Befreiung zur Wahrnehmung des öffentlichen Interesses „vernünftigerweise geboten“ sein; dabei kann es auch auf – nach objektiven Kriterien zu beurteilende – Fragen der Zumutbarkeit und Wirtschaftlichkeit ankommen. Dass die Befreiung dem Gemeinwohl nur irgendwie nützlich oder dienlich ist, reicht allerdings nicht aus. Städtebaulich vertretbar ist eine Befreiung dann, wenn eine entsprechende Festsetzung mit einer geordneten städtebaulichen Entwicklung vereinbar wäre. Dies ist dann zu bejahen, wenn sie Gegenstand einer sachgerechten Abwägung im Rahmen eines Planänderungsverfahrens sein könnte. Insoweit kommt es insbesondere auf öffentliche Belange an. Aber auch private Belange kommen in Betracht, soweit diese im Falle einer Bebauungsplanung bedeutsam sein können. Sind die Festsetzungen in dem Bebauungsplan sehr differenziert, kommt eine Befreiung davon weniger in Betracht; deshalb dürfte z.B. eine Befreiung von dem Ausschluss bestimmter Nutzungen unter dem Gesichtspunkt der städtebaulichen Vertretbarkeit kaum in Betracht kommen. Eine offenbar nicht beabsichtigte Härte ist nur selten anzunehmen. Nicht jede Betroffenheit rechtfertigt eine Befreiung. Denn die Festsetzungen eines die Ausnutzbarkeit eines Grundstücks begrenzenden Bebauungsplans stellen immer schon einen Nachteil dar. Hierfür genügt nicht schon, dass der Satzungsgeber eine bestimmte Möglichkeit baulicher Ausnutzung nicht bedacht hat. „Hinzutreten muss vielmehr weiter, dass der jeweilige Fall in bodenrechtlicher Beziehung Besonderheiten aufweist, die ihn im Verhältnis zu der im Bebauungsplan getroffenen Festsetzung als einen Sonderfall erscheinen lassen. Trifft das nicht zu, hat also der Plangesetzgeber mehr oder weniger „allgemein“ etwas nicht bedacht, dann besteht Anlass, deshalb (insoweit) die Gültigkeit der planerische Festsetzung anzuzweifeln, nicht aber eine Rechtfertigung, in einem Einzelfall oder eventuell gar in zahlreichen Einzelfällen von ihr Befreiung zu erteilen.“ (so das Bundesverwaltungsgericht in seinem Beschluss vom 6. Juli 1977 – 4 B 53/77 -). Unbeabsichtigt ist eine Härte dann, wenn die Belange nicht Gegenstand der Abwägung im Rahmen der Erstellung des Bebauungsplans waren, weil sie der Gemeinde nicht bekannt waren oder nicht bekannt sein mussten und auch von den betroffenen Eigentümern während des Planaufstellungsverfahrens nicht vorgetragen worden waren. Auch insofern scheiden private Belange nicht von vornherein aus. Sie spielen aber nur dann eine Rolle, wenn sie grundstücksbezogen sind; persönliche (z.B. familiäre) Besonderheiten sind unmaßgeblich. Im Ergebnis gilt das Gleiche, wenn sie auf Umstände zurückzuführen sind, die insofern in die Privatsphäre des Bauherrn fallen, als sie ihre Ursache in einem nicht genehmigten Vorhaben haben. Auch wenn eine bauliche Anlage nur noch Bestandsschutz genießt, ist die Härte, die darin liegt, dass ein Vorhaben wegen Entgegenstehens einer planerischen Festsetzung nicht zulässig ist, nicht unbeabsichtigt. Denn es ist davon auszugehen, dass der Plangeber bei Erlass der Festsetzung die Existenz des Bestandsschutzes und deren rechtliche Reichweite erkannt und in Kauf genommen hat. Die Würdigung nachbarlicher Interessen und die Vereinbarkeit mit den öffentlichen Belangen Die Anforderung der Vereinbarkeit mit den öffentlichen Belangen deckt sich weitgehend mit der Anforderung, dass die Grundzüge der Planung nicht berührt werden dürfen (s.o.) sowie mit einigen Elementen der Nrn. 1 und 2. Der Anwendungsbereich ist deshalb begrenzt. Öffentliche Belange im Sinne dieser Vorschrift sind alle für eine Bauleitplanung relevanten städtebaulichen oder bodenrechtlichen Belange, nicht aber rein fiskalische Interessen (auch etwa der Gemeinde). Es kommt auf den Einzelfall an, wobei bei entgegenstehenden Interessen eine Abwägung nach dem Gewicht der Interessen erfolgen muss. Das Ergebnis ist einer vollen gerichtlichen Überprüfung unterworfen, d.h. es besteht kein Ermessensspielraum der Genehmigungsbehörde. Eine Befreiung ist umso eher nicht mit den öffentlichen Belangen vereinbar, je tiefer sie in das Interessengeflecht der Planung eingreift. Was den Bebauungsplan in seinen Grundzügen verändert, lässt sich durch Umplanung ermöglichen und darf nicht durch einen Verwaltungsakt der Baugenehmigungsbehörde zugelassen werden; die Abwägungsfrage darf nicht gleichsam auf der Genehmigungsebene neu aufgeworfen werden. Außerdem darf die Befreiung nicht anderen Vorschriften des Baugesetzbuchs zuwider laufen. Nach dem System des Planungsrechts sind bereits im Rahmen der Bauleitplanung, also insbesondere auch bei der Fassung eines Bebauungsplans, nachbarliche Belange zu berücksichtigen. Ein Plan, der solche Belange, ohne sie in seine Abwägung mit einzubeziehen, schlicht übergeht oder übersieht, ist unwirksam – wobei die Gemeinde selbstverständlich berechtigt ist, sie nach einem fehlerfreien Abwägungsvorgang zurücktreten zu lassen hinter anderen, von ihr als vorrangig eingestuften Belangen. Im Falle einer Befreiung stellt sich die Frage des Nachbarschutzes erneut. Deshalb verlangt § 31 Abs. 2 BauGB konsequenterweise, dass nachbarliche Belange auch hier in den Blick zu nehmen sind. Unter „Belange“ sind alle Formen von planungsrechtlich relevanten Interessen zu fassen. Das sind nicht nur solche, die im Sinne des Baunachbarrechts auf Grund einer nachbarschützenden Bestimmung ein subjektives öffentliches Recht darstellen. Auf der Ebene der Abwägung der Belange ist allerdings bedeutsam, ob der nachbarliche Belang „bloß“ ein Interesse (im Sinne eines reinen, nicht schutzwürdigen Affektionsinteresses) oder ein subjektives öffentliches Recht, das ihm die Rechtsordnung ausdrücklich eingeräumt hat, darstellt. Denn im zweiten Fall wird es sich eher gegenüber dem Interesse des Bauherrn durchsetzen können als im ersten. Das Bundesverwaltungsgericht (Urteil vom 19. September 1986 – 4 C 8.84 -) hat die Abwägung wie folgt beschrieben: „Der Nachbar kann umso mehr an Rücksichtnahme verlangen, je empfindlicher seine Stellung durch eine an die Stelle der im Bebauungsplan festgesetzten Nutzung tretende andersartige Nutzung berührt werden kann. Umgekehrt braucht derjenige, der die Befreiung in Anspruch nehmen will, um so weniger Rücksicht zu nehmen, je verständlicher und unabweisbarer die von ihm verfolgten Interessen sind.“ Weiterhin sei zu prüfen, ob die durch die Befreiung eintretenden Nachteile das Maß dessen übersteigen, was einem Nachbarn billigerweise noch zumutbar ist. Die in diesem Zusammenhang oft von Nachbarn geltend gemachte „erdrückende Wirkung“ eines hinzu tretenden oder erweiterten Gebäudes, dessen verschattende Wirkung oder sonstige störende Folgen sind an diesen Anforderungen zu messen; in der Rechtspraxis führen die Feststellung oft zu schwierigen Bewertungsfragen. Ermessensentscheidung bei der Erteilung einer Ausnahme und einer Befreiung Wenn in § 31 Abs. 1 und Abs. 2 BauGB von „kann“ die Rede ist, dann drückt dieser Begriff entsprechend der in der Gesetzestechnik üblichen Bedeutung aus, dass der Behörde Ermessen zusteht. Das besagt: Auch bei Vorliegen der Voraussetzungen für eine Ausnahme oder einer Befreiung hat die Behörde die rechtliche Befugnis, die Erteilung der Ausnahme abzulehnen. Der Bauherr hat nur einen Anspruch auf ermessensfehlerfreie Entscheidung. Die Behörde muss hierfür die allgemeinen verwaltungsrechtlich anerkannten Grundsätze über die Ermessensausübung berücksichtigen: Sie muss zunächst allem von dem richtigen tatsächlichen Sachverhalt ausgehen. Ferner muss sie den Gleichbehandlungsgrundsatz beachten: Der Bauherr hat einen Anspruch auf die Erteilung der Ausnahme bzw. Befreiung, wenn die Behörde sich durch die Erteilung von Ausnahmen bzw. Befreiungen in anderen, gleich gelagerten Fällen so sehr gebunden hat, dass die diesmalige Ablehnung gegen den Gleichheitsgrundsatz verstoßen würde. Die Behörde muss bei ihrer Entscheidung in einer dem Zweck der Ermächtigung entsprechenden Weise Gebrauch machen: Die Versagung darf nur aus städtebaulichen Gründen erfolgen. Dabei reicht es nicht aus, dass die Gemeinde dem Vorhaben bestimmte entgegenstehende Planungsabsichten hat. Denn um diese zu sichern stehen der Gemeinde andere Instrumente zur Verfügung, nämlich die Zurückstellung von Baugesuchen und die Veränderungssperre. Schließlich muss sie nach § 39 Abs. 1 Satz 3 Verwaltungsverfahrensgesetz eine Begründung fertigen, die die Gesichtspunkte erkennen lässt, von denen sie bei der Ausübung ihres Ermessens ausgegangen ist. Abweichungen Mit den im Baugesetzbuch abschließend aufgeführten Möglichkeiten zur Erteilung von Abweichungen soll dem Bauherrn Gestaltungsfreiheit eingeräumt werden, die nicht an einer zu kleinlichen Handhabung der Vorschriften scheitern soll. Das Gesetz bietet die Möglichkeit, – von der als zwingend festgesetzten Höhe baulicher Anlagen geringfügige Abweichungen zuzulassen, § 18 Abs. 2 BauNVO, – geringfügige Überschreitungen der zulässigen Grundflächenzahl zuzulassen, § 19 Abs. 4 BauNVO, – das Vor- und Zurücktreten von Gebäudeteilen in geringfügigem Ausmaß über die im Bebauungsplan festgesetzte Baugrenze oder Baulinie zuzulassen, § 23 Abs. 2 und 3 BauNVO; soweit der Satzungsgeber nach § 23 Abs. 2 S. 3 BauNVO von der Möglichkeit Gebrauch gemacht hat, ein Vor- oder Zurücktreten von Gebäudeteilen in geringfügigem Ausmaß zuzulassen, ist eine entsprechende Entscheidung allerdings eine Ausnahmeentscheidung nach § 31 Abs. 1 BauGB), – Nebenanlagen im Sinne von § 14 BauNVO in der Abstandfläche zuzulassen, § 23 Abs. 5 BauNVO. Über die Abweichung entscheidet die Baugenehmigungsbehörde im Ermessenswege; sie kann die Abweichung ablehnen, wenn sie dafür gute Gründe anführen kann. Insofern gilt das zur Erteilung einer Ausnahme und einer Befreiung Gesagte. Die rechtlichen Möglichkeiten stellen keinen Freibrief dar Der vorstehende, die Möglichkeiten von Ausnahmen, Befreiungen und Abweichungen bei weitem nicht erschöpfend darstellende Überblick soll dies deutlich machen: Der Gesetzgeber und der Satzungsgeber haben auf Grund ihrer parlamentarischen Legitimation die Rechtssetzungskompetenz. Die Genehmigungsbehörde hat in dem Rahmen, den das Gesetz und die Satzung ihr lassen, die Befugnis, mittels Ausnahmen, Befreiungen und Abweichungen flexibel zu handeln, um Rechtsschematismus zu vermeiden. Ihr verbleibt dabei ein Ermessensrahmen, den sie unter Beachtung der Rechtsordnung auszuschöpfen hat. Eine zu großzügige Handhabung insbesondere der Befreiungsmöglichkeiten verbietet sich aus rechtsstaatlichen Gründen und kann im Falle einer flächendeckenden Praxis dazu führen, dass die Festsetzung – im Extremfall sogar der gesamte Bebauungsplan – funktionslos und damit ungültig wird. Ist ein Vorhaben wegen entgegenstehender gesetzlichen Bestimmungen oder Festsetzungen nicht genehmigungsfähig und liegen auch die Voraussetzungen für eine Ausnahme, Befreiung oder Abweichung nicht vor, ist es nur nach einer Umplanung des Vorhabens bzw. Änderung des Bebauungsplans realisierbar. Das Unterfangen, ihm mit den genannten Mitteln über die Hürde hinwegzuhelfen, ist ansonsten untauglich: Eine Maßnahme, die an den gesetzlichen Voraussetzungen vorbei geht, heilt den Verstoß nicht, sondern bezweckt allenfalls die Suggestion der Rechtmäßigkeit, vergleichbar einem Radfahrer, der im Dunkeln den Radweg in der entgegengesetzten Richtung benutzt und, damit er dabei nicht erwischt wird, sicherheitshalber auch noch die Fahrradbeleuchtung nicht einschaltet.

Wohnbücher

Integrieren oder trennen, Nachkriegsbauten modernisieren? Neue Bücher geben Antworten   Texte: Roland Stimpel Cover: kraemerverlag Soziale Mischung: Ideal und Wirklichkeit Die soziale Mischung in Städten gilt erstens als Tugend, zweitens als früher oft erreichter Zustand. Die Autoren dieser Studie über fünf Jahrhunderte schränken jedoch beides ein: „In keiner der wichtigen Epochen der deutschen Stadtgeschichte hat es tatsächlich eine nachweisbare soziale Durchmischung in den Städten ohne zeitgleiche Formen der Ausgrenzung, Absonderung und kleinräumiger Segregation gegeben.“ Sie sprechen vom „idealisierenden Konstrukt einer sozial durchmischten Stadt“ und von einer „unvermeidlichen und bis zu einem gewissen Maß durchaus zu schützenden positiven Funktion freiwilliger Segregation“. Was der Volksmund mit „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ beschreibe, sei auch das Motiv hinter vielen privaten Standortentscheidungen in den Städten. Allerdings zitieren sie auch die umgekehrte Weisheit „Gegensätze ziehen sich an“. Die Autoren sind keine urbanistischen Hardcore-Liberalen, sondern verweisen auch auf die Notwendigkeit von Eingriffen: „Gerade auf den unteren Wohnungsteilmärkten und in benachteiligten Quartieren ist kaum je vom Idealtypus ,freiwilliger Segregation‘ auszugehen. Hier überlagern sich in aller Regel ethnische und soziale Stigmatisierungen und machen eben doch Gegensteuern und aktive Mischungspolitiken unerlässlich.“ Das fordern im Buch auch Vertreter von Wohnungswirtschaft und Städten. Eine besondere Qualität gewinnt das Buch durch Studien aus 15 Ländern von Korea bis Dänemark und in seiner Analyse deutscher Praxisbeispiele. Insgesamt bietet es fundierte Informationen und sorgsam ausgeleuchtete Zusammenhänge über Notwendigkeit, Bedarf und Grenzen einer städtischen Mischungspolitik. Tilman Harlander, Gerd Kuhn, Wüstenrot Stiftung (Hg.): Soziale Mischung in der Stadt. kraemerverlag, Stuttgart, 2012, 440 Seiten, 29,50 Euro   Cover: Ruby Press Berlin Hochhaus-Modernisierung: Erfolg und Übertreibung Ein 16-geschossiger Wohnturm am Rand von Paris, gebaut 1959, wurde in den 80er-Jahren billig saniert und stand 2004 vor dem Abriss. Ein Staatsprogramm sah dafür pro Wohnung 15.000 Euro und für den jeweils fälligen Ersatz 152.000 Euro vor. Da traten die Architekten Frédéric Druot, Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal auf den Plan. Das Ergebnis ihrer Arbeit bezeichnet die vorliegende Publikation jetzt als „gebautes Manifest“: Für weit weniger Geld, als zunächst verplant, haben die Wohnungen Vorbauten mit Balkons und Wintergärten erhalten, hier als „Außenwohnraum“ bezeichnet. Die Mieter konnten sogar während der Arbeiten im Haus bleiben; das Ganze kostete pro Wohnung 112.500 Euro, also rund 30 Prozent weniger als Abriss und Neubau. Die Wohnqualität wurde deutlich verbessert. Die Schrift dazu, ein DIN-A3-Heft mit üppigem Foto-Mittelteil und vielen auch technischen Zeichnungen, zeigt das Projekt in jedem denkbaren Detail. Doch leider begnügen sich die Autoren nicht mit dieser Dokumentation, sondern übertreiben vierfach. Erstens sprechen sie dem Projekt Originalität und Pioniercharakter zu, was es definitiv nicht hat. Der weiter vorn in diesem Blatt vorgestellte Stefan Forster hat schon 1999 Plattenbauten in Leinefelde ganz ähnlich umgebaut. Zweitens suggerieren die Autoren, es sei nun der Königsweg für die Großwohnbauten der Nachkriegszeit gefunden. Es gibt auch unzählige andere Wege, von Anbauten über die Wegnahme von Teilen bis zu Veränderungen im Inneren, ohne die Grundstruktur anzutasten. Drittens halten sie das Konzept für ökonomisch vervielfältigungsfähig. Das gilt sicher, vergleicht man die Kosten mit denen für Abriss und Ersatzneubau. Es gilt aber nicht im Verhältnis zum schlichten Nichts- oder Wenigertun. Mit 112.500 Euro pro Wohnung war die Modernisierung nicht sparsam, sondern finanziell luxuriös. Hochgerechnet auf deutsche Großsiedlungen wie Berlin-Gropiusstadt, Köln-Chorweiler oder München-Perlach, würde sie jeweils mehrere Milliarden Euro kosten. Viertens erklären die Autoren summarisch das Pariser Projekt als wichtigen Schritt zur „physischen und sozialen Rehabilitation des Massenwohnungsbaus der 60er- und 70er-Jahre“. Aber ist ein Haus rehabilitiert, wenn es nach gut 50 Jahren nur mit solchem Aufwand zu retten ist? Oder zeigt der Bedarf an teurem Umbau erneut, wie fragwürdig das Konzept war? Ilka und Andreas Ruby (Hg.): Druot, Lacaton & Vassal. Tour Bois le Prêtre. Ruby Press, Berlin, 2012, 78 Seiten, 18 Euro

„Durch Erfahrung ­abgehärtet“

Bremsen durch Geschlechter-Klischees, Doppelbelastung durch Kinder und Beruf, Siege durch Selbstbewusstsein: Sechs Architektinnen schildern ihren weiblichen Berufsweg Aufzeichnungen: Cornelia Dörries, Danuta Schmidt, Roland Stimpel Frauen im Architekturberuf sehen sich oft mit Vorurteilen, Rollenbildern, Klischees und Konflikten zwischen Arbeit und Familie konfrontiert, die die Karriere erschweren. Das Thema haben wir zuletzt in den Beiträgen „Wenn Frauen nicht bauen“ (Heft 7/2011, S. 22, oder hier ) und „Rund um die Uhr gefordert“ (Heft 11/2012, S.30 oder hier) zur Diskussion gestellt. Hier berichten sechs Büro-Inhaberinnen, wie sie in Berufswahl, Studium und Praxis solche Probleme erlebt und gelöst haben.

Foto: Anja Beecken

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Anja Beecken, geboren 1963, gründete die heutige Anja Beecken Architekten Gesellschaft von Architekten und Energieberatern mbH mit Sitz in Berlin 1993. Zu den Schwerpunkten gehören Städtebau, energetische Optimierung und Energieberatung sowie Denkmalschutz. Das Büro hat derzeit fünf weibliche und zwei männ- liche Mitarbeiter. www.anja-beecken.de

Anja Beecken „Mich nie unter Wert ­verkauft“ Als Kind habe ich Baum- und Bodenhöhlen gebaut und mir meine eigenen Welten errichtet. Ich wollte immer frei sein. Ich war laut und präsent, was mir viel Gegenwind einbrachte. Wie man diesem trotzt, habe ich von klein auf lernen müssen, und ich habe seitdem eine ausgeprägte Durchhaltekraft. Als ich nach dem Abitur Architektin werden wollte, lehnte mein Vater das ab: Es sei nun mal ein Männerberuf. Ich setzte mich darüber hinweg, ging an die TU Braunschweig und finanzierte mir mein Studium selbst, zunächst am Fließband bei VW und als Kellnerin, später in Architekturbüros. In meiner ersten Vorlesung 1982 wunderte sich der Professor für Baukonstruktionslehre, dass auch Frauen im Hörsaal seien – zu seiner Studienzeit habe es das nicht gegeben. Und als ich seinem etwa 40-jährigen Assistenten den ersten Plan zur Zwischenkorrektur brachte, meinte er, ich solle den Plan an die Wäscheleine hängen; er korrigiere nichts von Frauen. Nach drei Monaten dieser Art war mir die Herausforderung klar. Aber ich beschloss, es durchzustehen – allen Widerständen zum Trotz. Nach dem Vordiplom ging ich von Braunschweig nach Darmstadt, wo die Professoren kreativere, freiere Ansichten vertraten. Später fand ich ­erfahrene und vorurteilsfreie Arbeitgeber wie ­Albert Speer, Günter Behnisch und dann Hans-Joachim Pysall. Für ihn vertrat ich nach dem Studium den Projektleiter beim 160-Millionen-Mark-Projekt Alexanderhaus. Gleich in der ­ersten Besprechung verkündete ein Bauleiter, er halte nichts von Frauen auf Baustellen. Ich ließ mich aber nicht beirren und kam dann gut mit ihm klar. Ich habe immer nur das getan, was meiner Selbsteinschätzung entsprach, und habe mich nie unter Wert verkauft. Sehr positiv haben sich mir die neuen Bundesländer dargestellt – dort ist seit DDR-Zeiten die Ingenieurin etwas Normales. Ich traf dort im Berufsalltag viele Frauen, was die Arbeit häufig vereinfachte. Heute haben sich Männer am Bau an Frauen gewöhnt. Auch die Chefs großer Baufirmen bereiten selten Probleme. Anders die Geldgeber, bei denen ich oft noch die Haltung spüre: Wo es um Millionen geht, haben Frauen nichts verloren. Immer dann, wenn es um große Summen geht, muss ich besonders energisch kämpfen.

Foto: Dr. Markus Köcher

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Christine Wolf, geboren 1965 in Stuttgart, studierte an der FH Würzburg und an der Hochschule für Technik in Stuttgart. Seit 2011 führt sie ein eigenes Büro zusammen mit einer Mitarbeiterin in Gechingen bei Calw, Baden-Württemberg. www.cw-architektur.com

Christine Wolf „Frauen müssen immer noch ­stärker kämpfen“ Dass ich einen kreativen Beruf ergreifen wollte, wusste ich schon sehr früh. Meine Entscheidung für die Architektur hatte vielleicht auch mit meinem Vater zu tun, der Bauingenieur war. Er hat mich jedenfalls nie vor diesem vermeintlichen Männerjob gewarnt. Auch an der Hochschule hatte ich nie den Eindruck, als Frau fehl am Platz zu sein. Allerdings war ich durch praktische Erfahrungen auch ein bisschen abgehärtet. Denn bereits vor dem Studium hatte ich schon eine längere Zeit in einem Architekturbüro und in einer Zimmerei gearbeitet. Der etwas handfeste Umgang in diesem Metier war mir also vertraut. Noch während des Studiums habe ich geheiratet und begann nach dem Diplom in einem Büro zu arbeiten, das hauptsächlich im Städtebau tätig ist. Es war ein guter Start in das Berufsleben – nicht nur, weil ich gleich an einem großen Projekt für Leipzig mitarbeiten konnte, sondern auch wegen des ordentlichen Anfangsgehalts. Ich verdiente mehr als mein Mann, der ebenfalls Architekt ist. Dennoch wechselte ich 1996 in sein Büro, allerdings nicht als Partnerin, sondern als Angestellte. In dieser Konstellation haben wir eigentlich eine traditionelle Arbeitsteilung praktiziert: Ich widmete mich der Bauleitung und war für die Kommunikation zuständig, die technischen und wirtschaftlichen Dinge regelte er. Als dann unsere Tochter geboren wurde, habe ich mich – ganz klassisch – sehr viel mehr um sie, die Familie und den Haushalt gekümmert. 2010 habe ich mich sowohl beruflich als auch privat von meinem Mann getrennt und stand nun vor der Frage: Wie weiter? Ich entschied mich, es allein zu wagen. Parallel zum Aufbau meines eigenen Büros war ich noch freiberuflich tätig, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Ich merkte dann schnell, dass diese Zweigleisigkeit schwierig ist. Jetzt führe ich mein eigenes Büro im dritten Jahr und sehe mit Freude, dass es immer besser läuft. Was mich damals im Zuge der Existenzgründung am härtesten getroffen hat, war nicht so sehr der Nachholbedarf in Sachen CAD oder Büroadministration, sondern die Tatsache, dass vielen um mich herum gar nicht bewusst war, dass ich auch Architektin bin. Ich glaube, Frauen müssen immer noch stärker darum kämpfen, von Bauherren als kompetente und belastbare Partnerin wahrgenommen zu werden. Mir gelingt das mit Engagement und Überzeugungskraft; ich denke, es kommt dabei auch sehr auf die Authentizität an. Ich mag den direkten Kontakt zu den Menschen und die Vielseitigkeit der Aufgaben, die der Architektenalltag so mit sich bringt.

Foto: Cordia Schlegelmilch

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Bärbel Kannenberg, geboren 1954, leitet gemeinsam mit ihrem Mann das Architekturbüro Kannenberg und Kannenberg in Wittstock. Zwei der drei freien Mitarbeiter sind Männer, ebenso der Angestellte. Von den vier Söhnen sind zwei Architekten und einer Bauingenieur geworden. www.kannenberg-architekten.de

Bärbel Kannenberg „Mit Säugling auf die Baustelle“ Früh stand mein Berufswunsch fest: Ich wollte meinem Bruder nacheifern und Bauingenieur werden. Er war es wohl, der mich schon als Kind mit der Männerwelt vertraut machte und mir jegliche Angst nahm. Nach dem Abitur studierte ich auf einem Umweg in Neustrelitz an einer Baufachschule. Als auf einer Baustelle in Eberswalde für eine neue Fabrikhalle eine Urlaubsvertretung gesucht wurde, war das meine Chance als Bauleiterin. Ich kam vom Studium mit jeder Menge Theorie im Kopf. Auf der Baustelle musste ich mich in die Planung einlesen, die Arbeit organisieren und trug Verantwortung für 25 Männer. Wir akzeptierten uns und lernten voneinander. Nach Ablauf der Urlaubsvertretung wurde ich gebeten, weiterzumachen. Dieses „Nicht-vor-der-Praxis-Scheuen“ war für mich Gold wert und ist es bis heute. Zurück von der Großbaustelle, fanden wir unsere berufliche Erfüllung im „Planen nach Feierabend“. Hier gab es bei privaten Bauherren einen Hauch von Individuellem. Mein Mann und ich wollten uns gern selbständig machen, haben provokant Anträge gestellt. Nach meiner ersten Reise in die BRD 1986 wollte ich in keinem sozialistischen Betrieb mehr arbeiten. Das war nicht so einfach möglich, schließlich hatte das Studium den Staat Geld gekostet. Die Geburt unseres dritten Sohnes löste diesen Konflikt; ich ging ins Babyjahr. Diese Zeit nutzten wir zum Umdenken und belebten die seit 1755 im Familienbesitz befindliche Töpferwerkstatt wieder. Wir planten weiter nach Feierabend. Dann kam die Wende und ein Traum wurde Wirklichkeit: 1990 haben wir unser Büro eröffnet. Nun kamen wir vor Arbeit kaum in den Schlaf. Trotz aller Freude und Begeisterung an meinem Beruf habe ich meine Rolle als Mutter gleichberechtigt ernst genommen. Unser jüngster Sohn kam schon als Säugling mit auf die Baustelle. Wenn ich arbeiten musste und er quengelig wurde, sprangen die Handwerker ein. Unsere Kinder waren früh selbstständig; sie wussten aber, dass sie mit allen Problemen zu uns kommen konnten. Mit der Zeit wurden aus unseren Söhnen freie Mitarbeiter. Sie sind sozusagen ins Büro hineingewachsen. Davon haben beide Seiten profitiert. Ich habe nie bereut, dass ich meine oberste Pflicht im guten Kompromiss zwischen Beruf und Familie gesehen habe. 1997 haben wir den Brandenburger Architekturpreis gewonnen, ein Jahr später wurde ich in den BDA berufen. Dort arbeite ich seit fünf Jahren im Vorstand mit. Die Diskussion um die Frauenquote interessiert mich weniger. Ich finde, wenn ein Viertel unserer Kollegen weiblich ist, dann ist das ein gutes Verhältnis. Ich bin überzeugt, dass eine Frau in jedem Beruf einen schwereren Weg gehen muss. Das Leben einer berufstätigen Frau und Mutter, die sogenannte Doppelrolle, ist vielseitiger und reicher als die eines Mannes. Das wirkt sich auch auf ihre Leistungsfähigkeit im Beruf aus!

Foto: Klaus Werner

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Professorin Marina Stankovic, geboren 1960, gründete 1986 in Berlin ihr eigenes Büro, das derzeit vier weibliche und drei männliche Mitarbeiter hat. Sie lehrt auch an der Hochschule in Leipzig. www.stankovicarchitekten.de

Marina Stankovic „Eine Frage der Organisation“ Meine Eltern sahen mich als künftige Ärztin oder Anwältin, nicht in der brotlosen Baukunst. Ich musste diesen Berufswunsch also gegen ihren Widerstand durchsetzen. Und ich glaube, das erklärt bereits einiges. Ich hatte jedenfalls nie Probleme, mich in dieser männlich geprägten Realität zu behaupten. Ja, ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass es gar keine typisch männlichen oder typisch weiblichen Durchsetzungsstrategien gibt. Ich bin überzeugt, dass Erfolg eine Frage der Persönlichkeit ist. Ich habe in Toronto studiert, wo von den 60 Studierenden meines Jahrgangs vielleicht zehn Frauen waren. Statt über Benachteiligung oder über Geringschätzung nachzudenken, waren wir vielmehr von Architektur besessen. Fragen der Gleichberechtigung waren für uns dort einfach kein Thema. Anders war mir dann freilich bei den ersten Baustellenbegehungen zumute. Das war eine andere Welt: rauer, direkter, härter. Der erste Architekt, bei dem ich arbeitete, war Aurelio Galfetti in der Schweiz. Er zeigte viel Wohlwollen und Verständnis für das Unfertige und die Unerfahrenheit einer 24-jährigen Absolventin. Sein Bekenntnis, sein erstes Haus auch erst nach der Fertigstellung vollständig gezeichnet zu haben, fand ich ermutigend. Heute ist für geduldige Betreuung, Unterweisung und ausführliches Erklären kaum noch Zeit: Es herrscht ein hoher Druck; das Tempo ist enorm. Ich finde das bedauerlich, zumal ich als Professorin ja die nächste Generation von Architekten ausbilde und weiß, dass auch sie auf die Großzügigkeit und die Weitergabe von Erfahrungen der etablierten Kollegen angewiesen ist. Seit meiner Studienzeit hat sich das Geschlechterverhältnis ins Gegenteil verkehrt. Heute sind 65 bis 70 Prozent meiner Studierenden junge Frauen. Manchmal frage ich mich, ob und wie sich diese Situation auch auf den Architektenberuf insgesamt auswirkt. Die viel beschworene Doppelbelastung mit Beruf und Kindererziehung halte ich für eine Frage der Organisation. Ich habe ja selbst Kinder und empfinde diese „Doppelbelastung“ als Doppel-Gewinn – vielleicht auch, weil ich Beruf und Familie vereinbaren muss. Wenn ich so darüber nachdenke, ist Vielseitigkeit ein wichtiger Teil meines beruflichen Selbstverständnisses. Meine Arbeit erfordert eine gewisse Flexibilität: Analysieren, Entwerfen im großen und im kleinen Maßstab, das Nachdenken über lokale Themen oder globale Planungsprozesse, Unterrichten und Vorträge vor Studierenden und Fachleuten – kurz gesagt: Kommunikation und Inhalte kuratieren. Hier ist eine Fähigkeit gefordert, die uns vielleicht einfach leichter fällt!

Foto: Lichtschwärmer - Christo Libuda

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Barbara Hutter, geboren 1963, gründete 2001 mit Stefan Reimann das Büro hutterreimann Landschaftsarchitektur in Berlin, das heute sieben weibliche und drei männliche Mitarbeiter hat. http://hr-c.net/

Barbara Hutter „Gemeinsam Aufgaben und Rollen gestalten“ Als Kind habe ich nie Kleider getragen – nicht etwa, weil sie nicht schön gewesen wären, sondern weil man sie nicht schmutzig machen durfte. Und schmutzig war ich immer. 1983 kam ich über die Umweltbewegung und den Wunsch nach Einflussnahme zum Studium der Landschaftsökologie. Da habe ich immer wieder Arbeitsgruppen mit anderen Frauen gebildet – sehr zweckorientiert, sehr effizient, ohne Dünkel und Statusabgleich. Diskriminierung durch Männer berührte mich wenig. Frauenfeindliche Bemerkungen von Professoren und Assistenten interessierten mich nicht, solange sie keinen wesentlichen Einfluss auf die Bewertung meiner Arbeiten hatten. Als ich nach Berlin wechselte, kam ich von einem rechtskonservativen in ein eher linksalternatives Milieu. Die Professoren waren zwar fast alle Männer, aber bewusste oder unbewusste 68er mit einem für mich akzeptablen Geschlechterverständnis. Auch mein langjähriger Arbeitgeber Hans Loidl machte da keinen Unterschied und ließ seine Mitarbeiter sehr frei agieren – mit viel eigener Verantwortung und Risiko, aber gerade das machte stark und selbstständig. Draußen in den Projekten gab es fast nur Männer. Mit guter Vorbereitung und dem nötigen Instinkt hat die Arbeit aber meist funktioniert. Allerdings gehörte es zur Gesprächs-Unkultur, stets die Fehler bei anderen zu suchen und anzuprangern. Da halfen mir dann Schlagfertigkeit, aber auch meine dunkle und, wenn nötig, laute Stimme. Ich bin eine kraftvolle Frau und habe das Glück, einen Mann und Büropartner an meiner Seite zu wissen, für den das selbstverständlich ist. Er hat miterlebt, wie aus der schrägen und taffen Studentin eine enorm ehrgeizige Landschaftsarchitektin wurde, die neben vielen Projekten auch das Büro geleitet hat. Er hat immer sein Ding gemacht, kreativ und unabhängig. Während ich meinen Willen zum Leiten und Entscheiden kennenlernte, mein Bedürfnis nach Verantwortlichkeit und Einflussnahme, hat er sich seine Freiheit in Kopf und Seele bewahrt. Wir können persönliche und berufliche Ziele verbinden und haben die Freiheit, gemeinsam Aufgaben und Rollen flexibel zu gestalten.

Foto: mkpoint

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Professorin Christa Reicher, geboren 1960, lehrt Städtebau an der Technischen Universität Dortmund und ist Gründerin des Planungsbüros rha reicher haase architekten + stadtplaner, das inzwischen rha reicher haase associierte GmbH heißt und im Moment neun weibliche und sieben männliche Mitarbeiter beschäftigt. www.rha-architekten.de

Christa Reicher „Je höher man steigt, desto dünner wird die Luft“ In meinem Heimatdorf in der Eifel war ich das erste Mädchen mit Abitur. Auf der Suche nach einem Studienfach, das praktische Gestaltung und bildende Kunst verband, kam ich auf Architektur. Deren Studium begannen mit mir 1979 an der RWTH in Aachen etwa gleich viele junge Frauen und Männer. Neben dem klassischen Hochbau kam ich immer mehr mit Städtebau in Berührung, dessen Komplexität mich von Anfang an stark gereizt hat. In Aachen, an der ETH Zürich und nach dem Diplom in Planungsbüros habe ich keinerlei Diskriminierung als Frau erlebt. Nach drei Jahren Praxis bot mir mein Städtebau-Professor eine Assistentenstelle an. Da ich noch Praxiserfahrung sammeln wollte, habe ich eine Teilzeitstelle angetreten, daneben an Wettbewerben teilgenommen und nach den ersten Wettbewerbserfolgen unser noch heute bestehendes Planungsbüro gegründet. Hier habe ich einen Büropartner, der sich sehr auf Konstruktion und die technische Realisierung konzentriert, sich nach außen eher zurückgehalten hat, so dass meist ich uns nach außen vertreten habe und das auch tun musste. Das unterscheidet uns von vielen anderen Büros, wo immer wieder Männer in die erste Reihe drängen. In Studium und Beruf habe ich mir Zeit gelassen, um herauszufinden, was mich wirklich interessiert und wo die eigenen Stärken liegen. Wenn ich es herausgefunden hatte, habe ich mich stets sicher gefühlt und bin mit mehr Selbstvertrauen an die Sache gegangen. Nach der Assistentenzeit hatte ich Gefallen am Lehren gefunden, an der Zusammenarbeit mit jungen Menschen. 1998 habe ich mich um eine Professur beworben und habe sie – zu meiner großen Überraschung – bekommen. Die männlichen Kollegen hatten sich eine Kollegin gewünscht, aber ich fühlte mich nie als Quotenfrau. Als ich meine beiden Kinder bekam, habe ich ohne größere Pause weitergearbeitet. Ich wollte nicht, dass Kritik aufkommt wie: „Da nimmt man mal eine Frau, und dann fällt sie schon nach kurzer Zeit aus.“ Die Kinder habe ich, wenn nötig, mit in die Hochschule gebracht, doch das war eher die Ausnahme. Meist haben sich aber mein Mann, der seine berufliche Tätigkeit reduziert und fortan halbtags ausgeübt hat, sowie unsere Kinderfrau um die Kinder gekümmert. Geringschätzung als Frau habe ich bis vor einiger Zeit nirgendwo erlebt. Jetzt aber sehe ich mich – auch im Hochschulalltag – schon damit konfrontiert. Je höher man steigt, desto dünner wird die Luft, zumindest in zwischenmenschlicher Hinsicht. Ich bin mir sicher, dass der ein oder andere Kollege sich nicht trauen würde, mit anderen Männern so umzugehen wie mit einer Frau. Als ich einmal die Botschaft bekam: Einer oder wohl eher eine ist hier zuviel, habe ich gesagt: „Na gut. Dann werden wir am Ende sehen, wer hier zuviel ist.“

„20 Prozent Zahlen, 80 Prozent Kommunikation“

Wer ein Büro übergeben will oder Partner sucht, steht vor einem Berg von Fragen. Berater Werner Preißing sagt, worauf Architekten achten sollten Interview: Michael Sudahl Die Dr.-Ing. Preißing AG unterstützt Architekten. Foto: Mark Wohlrab Wie finden Architekten Nachfolger? Wie das Beispiel Breitenbücher zeigt, finden sich Nachfolger und Partner oft unter den Mitarbeitern oder in der Familie. Ist dort niemand, inserieren wir im Kundenauftrag im DAB, auf Nachfolge-Boerse.de und wir sprechen Kandidaten direkt an. Oberste Priorität hat dabei die Geheimhaltung, das wollen fast alle Kunden. Was sind Kernpunkte, die während der Nachfolge diskutiert werden? Was ist ein Büro wert? Welchen Ertrag kann es erzielen? Wie schaut das Akquisitionspotenzial aus? Wie die Büro-Organisation? Welche Risiken gibt es? Um diese Fragen zu beantworten, helfen Werkzeuge wie Rentabilitätsbetrachtungen, Honorarvorschauen und Businesspläne. Sind diese Faktoren fixiert, geht es an die Übergabe- und Zahlungsmodalitäten. Kaufpreis und Zahlungsvereinbarungen aber auch steuerliche und rechtliche Aspekte spielen eine Rolle. Wie mindert man steuerliche Belastungen? Da kommt es darauf an, welche Rechtsform gewählt wird. Eine GmbH hat andere Voraussetzungen als eine GbR. Ebenfalls geregelt sein sollten Haftung und Nachhaftung. Auch Erbschaftsfragen müssen im Vorfeld diskutiert werden. Was hat mit den Büroanteilen beim Tod eines Partners oder bei Berufsunfähigkeit zu geschehen? Worauf ist bei der Vertragsgestaltung zu achten? Die Interessen von Übergeber und Übernehmer sind gleichermaßen zu berücksichtigen. Auf welchen Namen lautet das Büro künftig. Daran gekoppelt sind wiederum Haftungsfragen. Auch empfehle ich, den Projektstand schriftlich und deutlich zu fixieren, um bei in der Zukunft auftretenden Fragen Klarheit zu haben. Oft gibt es Streit über den Kaufpreis eines Büros. Deshalb ist es wichtig, den Bürowert zu ermitteln. Um festzustellen, ob das Büro in Zukunft Gewinne erzielt, erfassen wir im Statuswertverfahren die betriebswirtschaftlichen Faktoren: Der Substanzwert belegt, was an Betriebsausstattung vorhanden ist, etwa EDV, CAD- und Ausschreibungsdaten. Im Organisationswert erkennt man, wie gut interne Abläufe definiert sind. Der Praxiswert zeigt, wie viel Euro das Büro erwirtschaftet hat. Der Auftragswert resultiert aus einer Honorarvorausschau. Betrachtet werden zudem Kundenbeziehungen, Mitarbeitereinsatz, Führungsstil des Chefs, Rechnungswesen, räumliche Lage und die Zahl der Auftraggeber. So ergibt sich ein ganzheitliches Bild des Büros. Einem Streit nimmt man damit die Kraft. Was ist außer Geld wichtig? Menschen bewegen Ängste, Nöte und Sorgen. Über die sollte im Übergabeprozess gesprochen werden. Für viele Senioren ist die Gewissheit wichtig, dass ihr Lebenswerk fortbesteht. Den Nachfolgern rate ich, die Lebenspartner miteinzubeziehen. Denn sie selbst sind als künftige Chefs gefordert – zeitlich und finanziell. Und der Kopf ist viel im Büro. Das muss der Familie klar sein. Sonst spielt sie nicht mit. Nur 20 Prozent der Nachfolgeregelung haben mit Zahlen zu tun, 80 Prozent macht die Kommunikation über diese Themen aus. Welche konkreten Schritte sehen Sie bei der Partner- oder Nachfolgersuche? Das Ganze ist ein Prozess, der moderiert werden sollte. Angefangen bei der frühzeitigen Suche über die Auswahl der künftigen Miteigentümer auf deren unternehmerische Eignung bis hin zum gemeinsamen Weg der Übergabe. Nur so kann Vertrauen wachsen. Das ist wichtig, damit sich alle Beteiligten trauen, ihre Fakten und damit die Wahrheit auf den Tisch zu legen. Auf dieser Basis erarbeiten Nachfolger und Übergeber den von beiden Seiten akzeptierten Fahrplan mit einer Überlappungsphase. Dazu gehört auch die offene Kommunikation gegenüber Kunden und Mitarbeitern. Mehr zum Thema Nachfolge unter demselben Suchwort, unter www.akh.de/akademie Den Artikel zum Interview finden Sie hier

Von wegen Kissen

Für Optimismus und Aufbruchsstimmung bei Innenarchitekten steht ihre Verbandschefin Vera Schmitz Text: Roland Stimpel Gute Zeit: Vera Schmitz freut sich über die wachsende Nachfrage nach Leistungen von Innenarchitekten. Foto: Charly K. Kanzen   Es gibt Verbandsvertreter, die ihre Lebensaufgabe im Klagen sehen. Vera Schmitz gehört nicht dazu; es entspräche weder ihrem Naturell noch der Stimmung, die sie als Präsidentin des Bundes Deutscher Innenarchitekten (BDIA) erfährt und vermittelt. „Innenarchitekten haben eine gute Zeit“, freut sie sich. In boomenden Regionen seien sie beim Bau und Ausbau von Wohnungen und Gewerberäumen stark gefragt, in weniger boomenden mit kreativen Lösungen für leer stehende Läden oder Büroräume. Breit diskutierte Themen wie Barrierefreiheit und Bestands-Umnutzung seien geradezu auf ihren Berufsstand zugeschnitten. „Das kommt den Kernkompetenzen der Innenarchitekten entgegen und spiegelt sich in der Auftragslage wider.“ Selbstbewusst teilt Vera Schmitz mit: „Wir finden Antworten auf die Bedürfnisse von Menschen und erkennen und prägen Zeittrends.“ Jetzt geht der BDIA recht spät, aber mit viel Schwung den Zeittrend in die Hauptstadt mit. Vom idyllischen, doch etwas abgelegenen Königswinter am Rhein vollzieht Schmitz’ Verband nun den Umzug nach Berlin. Der dort gewählte Sitz entspricht dem Selbstbewusstsein: das Deutsche Architekturzentrum, ein historischer Fabrikkomplex an der Spree mit Organisationen wie dem BDA und dem Förderverein der Bundesstiftung Baukultur, mit renommierten Architekturbüros, vielen Fachveranstaltungen und Ausstellungen. Schmitz selbst wohnt und arbeitet in Oberhausen nahe Rhein und Ruhr. „Zum neuen Verbandssitz ist mein Weg fünfmal so weit wie zum bisherigen.“ Aber auch das ist keine Klage, sondern soll eher andeuten: Das Ziel ist die längere Strecke wert. In Berlin genießt sie die Pionierstimmung in neuen Räumen und mit frischem Personal. Der neue Geschäftsführer Constantin von Mirbach ist Jurist, kommt aber aus der Szene und ist mit Lobbying für Architekten vertraut. Opfer eigener Erfolge Ein zentrales politisches Thema ist auch für Schmitz die HOAI-Novelle, die die Bundesregierung für dieses Jahr versprochen hat. Besonders wichtig sind ihr angemessene Regeln und Honorarsätze für Umbauzuschläge und raumbildende Ausbauten. Der letztgenannte Begriff zeigt, wie sehr Standesvertreter in eigener Sache HOAI-prägend wirken können: Er ist eine Wortschöpfung Egon-Rudolf Haibles, des heute 80-jährigen Innenarchitekten und Honorarsachverständigen, der sich seit Jahrzehnten für die Belange seiner Kollegen einsetzt. „Ein besseres Vorbild für uns Jüngere kann ich mir nicht denken“, meint Vera Schmitz. Ein Dauerthema für sie ist die Schärfung des Berufsprofils in der Öffentlichkeit. Da herrscht und entsteht immer wieder die Vorstellung von Innenarchitekten als rein ästhetischen Gestaltern und Verschönerern von Räumen. Sie sind da auch Opfer eigener Design-Erfolge: Schicke Wohnzimmer, Läden oder Praxen finden immer ihren Weg in einschlägige Blätter. Schmitz konstatiert: „Da hält sich hartnäckig das Doris-­Day-Image“ – und das ist von 1959, als die Schauspielerin eine Innenarchitektin in einem Film mimte, dessen ­Hollywood-Titel wörtlich übersetzt „Kissen-Gerede“ hieß. Schmitz betont dagegen die dahinterstehende planerische und technische Leistung, die Stimmigkeit von Gestaltung, Nutzung, von Luft, Licht und Tönen. In Sachen Berufsprofil gibt sie den fröhlichen Sisyphus: „Da müssen wir ­immer und immer wieder die Komplexität unseres Tätigkeitsfeldes verdeutlichen. Das ist nun mal eine Daueraufgabe.“ Dass Kissen Nebensache sind, soll unter anderem die Reihe „Innenarchitektur offen“ vermitteln, die ihr Verband alle zwei Jahre kurz vor dem Tag der Architektur organisiert. Nicht als Konkurrenz-Ereignis, aber durchaus mit der Absicht, nicht zwischen lauter Hochbau-Projekten unterzugehen. Großküchen, Kinos und Kraftwerke Ein Dauerthema ist auch die Ausbildung. „Ein Sechs-Semester-Bachelor-Studium ist einfach zu kurz“, stellt Schmitz bündig fest. „Danach sind die Fähigkeiten noch allzu reduziert. Und die Büros, die Nachwuchskräfte einstellen, sollen dann nachholen, was die Hochschulen versäumt haben.“ Mindestens müsse ein Studium von acht Semestern absolviert werden – nicht zuletzt, damit Absolventen bundesweit in die Kammerlisten eingetragen werden können. Wünschenswert wären zehn Semester inklusive praktischer Erfahrungen. Wer sich heute mit einem Master derart qualifizieren kann, hat nach ihrer Erfahrung „beste Chancen auf dem Markt“. Die habe man erst recht mit Spezialisierung. Schmitz kennt Kollegen, die gut von ihrem Spezial-Know-how in Sachen Großküchen, Kinos oder Kraftwerks-Leitstände leben. Oder die ihre Tätigkeit über die klassische Innenarchitektur hinaus erweitern – als Gutachter, Bewerter, Berater und Manager von Immobilien.  

Loch-Muster

Ankerlöcher bei Sichtbeton bieten viele Möglichkeiten der Gestaltung Text: Diethelm Bosold Foto: Betonmarketing Die Möglichkeiten zur Gestaltung von Sichtbetonwänden sind vielfältig – durch die Textur der Schalhaut, die Farbgebung des Betons oder durch die Gliederung der Schalelemente. Ein weiteres kleines, aber durchaus interessantes und vielseitiges Gestaltungsdetail ist die Ausbildung der sichtbar bleibenden Spannstellen der Schalungsanker. Dabei können Variationen in der Breite und Tiefe des Verschlusses sowie in der Werkstoffauswahl und Farbe der Konen und Stopfen zur Ausführung gelangen. Beim Schalen und Betonieren von Betonwänden sind Schalungsanker im Allgemeinen unvermeidbar, um den auf die Wandschalung wirkenden Frischbetondruck abzutragen. Die verbleibenden Ankerstellen können bei Sichtbeton in das architektonische Konzept des Bauwerks miteinbezogen werden. Für den späteren Umgang mit den Ankerlöchern ist entscheidend, wie die Schalungsanker eingebaut wurden. Am weitesten verbreitet ist es, den Ankerstahl durch ein Hüllrohr zu führen, um ihn später wiederverwenden zu können. Das Hüllrohr verbleibt im Beton. An seinen Enden können konisch zulaufende Kunststoff-Formteile aufgesetzt werden, die nach dem Ausschalen entfernt werden. Die verbleibenden Löcher werden mit Verschlusskonen oder Stöpseln geschlossen. Eine andere Methode ist, den Ankerstahl einzubetonieren. Hier werden vor dem Betonieren Konen auf den Stahl aufgeschraubt. Nach dem Ausschalen werden sie wieder abgeschraubt und die Löcher, wie zuvor beschrieben, geschlossen. Aber die schönsten Ankerstellen verlieren an Wirkung, wenn an ihnen Feinstanteile des Betons auslaufen und sie verunzieren. Um das zu verhindern, sind verschiedene Punkte zu beachten. Einerseits ist der Frischbetondruck durch eine angepasste Betoniergeschwindigkeit zu reduzieren. Dadurch wird ein geringfügiges Auseinanderklaffen der Schalung im unteren Bereich und ein Auslaufen der Feinstanteile an den Ankerstellen minimiert. Weiterhin sollte die Kontaktfläche der Schalungsanker mit der Schalhaut durch ein Schaumstoffprofil abgedichtet werden. Dabei ist zu beachten, dass diese Schaumstoffprofile reversibel sind, sich also nach dem Zusammenpressen beim Anziehen der Schalungsanker auch wieder ausdehnen, wenn der Frischbetondruck die Schalung etwas auseinanderdrückt. Darüber hinaus sollte eine „robuste“ Betonzusammensetzung mit ausreichend Feinstanteilen gewählt werden. Faserbeton oder Kunststoff? Kunstmuseum ­Liechtenstein: Die Spannstellen wurden mit eingefärbtem Mörtel geschlossen und sind daher kaum zu erkennen (Entwurf: Arbeitsgemeinschaft Morger, Degelo, Kerez, Basel/Zürich). Foto: Betonmarketing Als Materialien für Hüllrohre und Stöpsel werden Faserbeton und Kunststoff eingesetzt. Die Auswahl ist letztlich eine Frage des Geschmacks. Bei gleichzeitigen Anforderungen an die Wasserundurchlässigkeit sind Hüllrohre aus Faserbeton von Vorteil, da der Verbund zwischen den beiden mineralischen Baustoffen Faserbeton und Beton deutlich besser ist als zwischen Kunststoff und Beton. Damit geht eine größere Sicherheit gegen einsickerndes Wasser einher. Die im Beton verbleibenden ­konischen Vertiefungen können mit Faserbeton-Verschlusskonen unterschiedlicher Durchmesser, Farben und Oberflächenqualitäten verschlossen werden. Über die Schattenwirkung und die Farbe der Konen im Vergleich zum umgebenden Beton werden die Ankerstellen betont oder in ihrer Wahrnehmung reduziert. Die Faserbetonkonen können auch mit Schriftzügen, erhabenen oder vertieften Logos oder Wappen gestaltet werden.

Abbildung: Betonmarketing

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Steinskulpturenmuseum in Bad Münster: Die Schattenwirkung der Ankerlöcher entsteht durch dunklere und um fünf Millimeter nach hinten versetzte Konen. (Entwurf: Tadao Ando Architect & Associates, Osaka; Architekt und Projektmanagement: Dorian Zapp, Bad Kreuznach, Wien, Bodo Zapp, Bad Kreuznach)

Kunststoffhüllrohre werden häufig mit Kunststoffstöpseln geschlossen. Bei entsprechenden konischen Vertiefungen lassen sich aber auch Faserbetonkonen einsetzen. Neben eingeschränkten Variationsmöglichkeiten ist bei Kunststoffstöpseln häufig eine unsaubere Ausführung zu beobachten. Außerdem werden die weichen Kunststoffstöpsel mitunter benutzt, um mit wenig Aufwand Nägel in die Wand einzuschlagen – sowohl in der Bau- als auch in der Nutzungsphase. Zudem gibt es Bauwerke, in denen mit Kunststoffartikeln befriedigende Ergebnisse erzielt wurden. Weiterhin sind Kunststoffhüllrohre mit aufgesteckten Endstücken erhältlich, die einbetoniert und daher natürlich nicht mehr entfernt werden können. Damit ist das Erscheinungsbild vollständig vorgegeben. Individuelle Lösungen Häufig werden die konischen Vertiefungen von Spannstellen mit einem Mörtel zugespachtelt. Diese Methode kann problematisch sein. Die Farbe des Mörtels lässt sich nur sehr schwer an die Farbe des umgebenden Betons angleichen – ein Farbunterschied ist jedoch meist nicht gewollt. Beim flächenbündigen Abspachteln der Ankerstellen kann ein Verziehen des Mörtels auf die Betonfläche zu einem unregelmäßigen Erscheinungsbild führen, was als unsauberes Arbeiten empfunden werden kann. Besser ist es, den Mörtel mit einer Kugel auszurunden. Das kann mit einem Tennisball geschehen; durch den Filz wirkt die Ausrundung etwas rauer. Es kann aber auch eine glatte Kugel verwendet werden – durch die Rundung entsteht wiederum eine Schattenwirkung, die die Ankerstelle geringfügig von der umgebenden Betonoberfläche unterscheidet. Die Ankerstelle wird dadurch also nicht betont, sondern zeigt sich zurückhaltend. Zurückhaltung in Perfektion sieht man an der Fassade des Liechtensteiner Kunstmuseums: Hier sind die Ankerstellen kaum zu erkennen. Sie wurden mit eingefärbtem Mörtel geschlossen und mit der Fassade geschliffen. Letztlich sind bei der Gestaltung von Ankerlöchern der Fantasie keine Grenzen gesetzt: Bei der St. Canisius-Kirche in Berlin wurde beispielsweise um das Ankerloch herum eine Kreuzform geschalt, die teilweise mit metallischen Formstücken gefüllt wurde (siehe Detailbilder). Auch auf besondere technische Anforderungen kann reagiert werden. Bei der Hochwasserschutzmauer in Köln-Weiß wurden die anthrazit eingefärbten Wände mit eingefärbten Faserbetonkonen oberflächenbündig geschlossen. Da die Oberfläche und die Konen gestockt werden sollten, um eine einheitliche Optik zu erzielen, mussten die Konen eine ausreichende Festigkeit aufweisen. Grundsätzlich sollte bei allen Sonderlösungen aber bereits die Ausschreibung einen Hinweis auf die Art der Gestaltung enthalten, damit die Baufirma das beim Kostenangebot berücksichtigen kann. Dr.-Ing. Diethelm Bosold ist Bauberater bei BetonMarketing West in Beckum Mehr Informationen www.maxfrank.de, www.mathies.info, www.beton.org

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Informationen für das Planen in dreißig Staaten bietet die erneuerte Länderdatenbank zum Architekturexport Text: Roland Stimpel Export ins Elsass: Europäische Schule in Straßburg von Auer + Weber + Assoziierte, München. Foto: Auer+Weber+Assoziierte / BLOC-RENDERING Welche Haftungsregeln gelten in der Schweiz? Wo muss ein Architekt sich registrieren lassen, wenn er in Brasilien arbeiten will? Wie viel Prozent der Bausumme sind als Honorar in Vietnam üblich? Und wo findet man das Muster für einen Planungsvertrag in Tschechien? Fragen dieser Art stellen sich Architekten, die im Ausland bauen wollen. An den Themen knabbern Großbüros, die in China ganze Städte planen, ebenso wie kleine, die ein Einfamilienhaus kurz hinter der deutschen Grenze entwerfen. Für den Einzelnen wären Fragen zum Bau- und Immobilienmarkt, zu Rechtlichem oder zur Wirtschaft im Ausland nur schwer zu recherchieren. Darum bietet das Netzwerk Architekturexport (NAX) der Bundesarchitektenkammer eine umfangreiche Länderdatenbank. Sie ist soeben aktualisiert und erweitert und enthält jetzt Fakten, Vorschriften und Hintergründe zu 30 wichtigen Ländern – davon 18 in Europa, acht in Asien und je zwei in Amerika und Afrika. Am 19. Februar wurde die Datenbank auf dem Außenwirtschaftstag „Planen und Bauen – Urbane Herausforderungen“ im Auswärtigen Amt in Berlin freigeschaltet. Für die umfassende Datensammlung haben Wissenschaftler und Hilfskräfte am Lehrstuhl Bauökonomie und Baumanagement der Universität Siegen zwei Jahre lang recherchiert. Vier bis fünf Kräfte waren ständig, zehn bis 15 zeitweise in das Projekt involviert. Das Projekt leitete Professor Bert Bielefeld. „Das war vor allem eine zähe, penible Detailarbeit. Aber jetzt haben wir wohl die beste internationale Übersicht, die es für Architekten in der Welt gibt.“ ­Recherchequellen waren unter anderem die Kammern der jeweiligen Länder, die bundeseigene Auslandsmarketing-­Gesellschaft Germany Trade & Invest und lokale Quellen vielerlei Art. Finanziell unterstützt wurde das Projekt vom Bundes-Wirtschaftsministerium (siehe das Interview mit Staatssekretär Otto, Link am Ende des Beitrags). Die Datenbank ist frei zugänglich. Die Initiatoren würden sich jedoch über eine Gegenleistung freuen. Cathrin Urbanek vom NAX-Netzwerk: „Wir sind dankbar für jeden, der mit Kenntnissen eines bestimmten Landes die Datenbank ergänzen oder korrigieren könnte.“ Das entspricht dem Grundgedanken des Netzwerks: „Es lebt vom Engagement der Mitwirkenden. Wer für die Auslandsarbeit Hilfe von Kollegen bekommen oder anderen geholfen hat, der weiß: Geteilte Information ist doppelt wertvolle Information.“ Besonders die Paten des NAX haben sich das zu Eigen gemacht – 43 international tätige Büros, alphabetisch von Albert Speer & Partner bis zur woernerundpartner planungsgesellschaft. Auf regelmäßigen Patentreffen und auf Delegationsreisen kommen sie mit potenziellen Bauherren sowie Vertretern von Politik und Wirtschaft zusammen. Darüber hinaus tauschen sie direkt und über das NAX-Team ihr Länder-Know-how aus. Ein Pate ist auch Professor Bielefeld, der in Siegen das Projekt Länderdatenbank leitete. Sein Büro bertbielefeld & partner hat unter anderem eine Gewürzfabrik in Rumänien und ein Unterkunftsgebäude für die kanadische Bergpolizei geplant. „Systematische Vorbereitung auf ein Land ist das A und O“, weiß er. Auslandsarbeit lohne sich: „Es ist unglaublich interessant, unsere Arbeit mal nicht nur aus dem deutschen Blickwinkel zu sehen.“ Woraus er als Botschaft ableitet: „Es macht Spaß, da draußen zu arbeiten.“ Zur Länderdatenbank www.architekturexport.de Weiterführendes Interview http://dabonline.de/

Räume googeln

Hervorgehoben

Innenarchitektur für den Internet-Konzern: scheinbar verspielte Wohlfühl-Welten für junge Beschäftigte  – für Journalisten jedoch verschlossen Text: Frank Maier-Solgk „Googliness“ in Düsseldorf: In den gemeinschaftlich genutzten Bereichen dominieren kräftige Farben, während die einzelnen Arbeitsplätze eine technisch robuste Gestaltung auszeichnet. Foto: Jens Kirchner So allgegenwärtig die bunten Google-Buchstaben im virtuellen Leben heute sind, in der physischen Welt zeigt sich das kalifornische Internet-Unternehmen eher zurückhaltend. Fünf Niederlassungen unterhält Google in Deutschland: in Hamburg, München und Frankfurt sowie seit 2012 in Berlin und Düsseldorf. Gemeinsam sind ihnen die stets allerbeste Lage und der von außen sehr dezente, fast versteckte Auftritt. In Düsseldorf, wo vor allem Marketing betrieben wird, ist ein dezentes Firmenschild alles, was äußerlich erkennbar ist. Man arbeitet auf der ersten Etage eines unterkühlten Neubaus (Architekten: RKW) zusammen mit Kanzleien und Unternehmensberatungen hinter streng gerasterten Naturstein-Fassaden, die hier wie andernorts für Seriosität und Finanzstärke stehen. Erst nach dem Entree eröffnet sich die farbige Google-Welt, die von San Francisco bis Zürich gemeinsame kalifornische Wohlfühlatmosphäre. Hinter dem Empfang grüßt in Bricolage-Anmutung eine mit Holzkisten verzierte Wand, wie man sie aus den 1970er- oder 1980er-Jahren zu erinnern meint; auf das leicht provisorische Image eines jungen Start-up-Unternehmens will man offenbar auch als millionenschwerer Konzern nicht ganz verzichten. Das Gesamtkonzept der Innenarchitektur in Düsseldorf jedoch ist weitaus differenzierter. Hinter dem auf den ersten Blick spielerischen Ambiente steckt eine durchdachte Funktionalität. Entwickelt vom ersten Konzept bis zur Ausstattung hat das alles das Kölner Architektur- und Innenarchitekturbüro Lepel & Lepel, das in engem Austausch mit dem Unternehmen die spezifische „Googliness“-Atmosphäre mit lokalen Variationen geschaffen hat, die weltweit alle Büros des Konzerns auszeichnet. Der Konzern schreibt selbst: „Obwohl keine zwei Google-Büros identisch sind, können Besucher davon ausgehen, einige Gemeinsamkeiten zu finden: Wandbilder und Dekorationen zum Ausdruck des lokalen Charakters, Google-Mitarbeiter, die sich Würfel und Zelte teilen, Videospiele, Billardtische und Klaviere, Cafés und Miniküchen mit gesunden Lebensmitteln sowie die guten alten Whiteboards fürs Brainstorming.“ Setzkasten-Charme 2.0: Der Empfangsbereich ist eine Reminiszenz an die anarchische Start-up-Vergangenheit des Unternehmens. Foto: Jens Kirchner Allerdings: Anders als vor ein paar Jahren noch das Züricher Büro, das sich seinerzeit den Medien öffnete, blieb in Düsseldorf für diesen Artikel der Zutritt zu den Räumen verwehrt. Die Direktiven aus der Zentrale in Kalifornien sind offenbar restriktiver geworden. Bleibt die Anfrage an das ­Architekturbüro, das gerne und ausführlich Auskunft gibt; allerdings gehört zur Politik des Unternehmens auch, Grundrisspläne, die sensible Details enthalten könnten, nicht ­herauszugeben. Mit 770 Quadratmetern für rund 50 Mitarbeiter ist der Büroraum amerikanisch-knapp bemessen. Die architektonische Umsetzung der Google-Identität folgt nur auf den ersten Blick der Idee einer poppigen Spaßkonsole. Es handelt sich um eine durch Zusammenlegung zweier ­L-förmiger Einheiten entstandene U-förmige Fläche, die sich in der Mitte zu einer offenen Terrasse hin öffnet. Links und rechts dominieren Open Spaces, die etwa die Hälfte der Gesamtfläche einnehmen und sich an den raumhohen Fenstern entlangziehen. Zum Gebäudeinneren hin schließen sich ein Bereich von nischenartigen Zweierboxen, von Videokonferenz- und Besprechungsräumen sowie schließlich eine freundliche Cafeteria an. In zwei durch Einbauwände abgetrennten, geschlossenen Zonen sind die Technik sowie ein Bad- und Massagebereich für die Mitarbeiter eingerichtet. Das Büro ist also durchaus differenziert gegliedert und je nach der Funktion graduell unterschiedlich abgeschirmt. Maßgeblich ist überall die Idee der Gemeinschaft, bei der die Trennungen zwischen Arbeit und Freizeit sich tendenziell aufheben und Arbeiten, Entspannen, Essen, Kommunizieren und ­Spielen unter einem Dach versammelt sind. Individuelle Ergänzungen, etwa die persönliche Ausgestaltung des Arbeitsplatzes durch die Mitarbeiter, sind durchaus erwünscht. Heimatgefühl und weite Welt Foto: Jens Kirchner Gestalterisch haben sich Monika Lepel und ihr Team an der Idee eines sehr traditionellen Gegensatzes orientiert. „Men of Steel“ und „Girls of Pleasure“ lautet der leicht ironische Titel. Farbe dominiert in den gemeinschaftlich genutzten Bereichen: Die Gänge sind in Violett getaucht, die sogenannten Flying Desks, das sind Zweierboxen zum konzentrierteren Austausch, in kräftigem Rot gehalten, und auf der Terrasse neben der Lounge-Ecke springt ein grüner Kunstrasen ins Auge, auf dem eine Variante von Kricket gespielt wird. Die klassischen, individuell ausgelegten Arbeitsbereiche strahlen dagegen eine technisch-robuste Anmutung aus, die bis ins Detail durchdekliniert wurde: gelber Nadelfilzboden, Akustikpaneele unter der Decke, sichtbar gelassene Kabel­­trassen, Riffelkanten an Stufenrändern, eine sichtbare Fluchtwegbeschreibung und Leuchtstoffröhren (Lichtplanung: Arens/Faulhaber). Die Zusammenarbeit mit Google, erzählt Monika Lepel, sei sehr kooperativ und angenehm gewesen und habe auch Modifikationen erlaubt. So habe man das Unternehmen davon überzeugen können, den Standard der allzu bekannten Google-Farbpalette zu verlassen, und damit eine allzu plakative Handschrift vermieden. Tele-Meeting in den Rheinauen: Was aussieht wie eine Spielwiese, dient als Raum für Videokonferenzen. Der Bezug zum ­jeweiligen Standort ist dem Global ­Player wichtig. Foto: Jens Kirchner Eine der schönsten und kreativsten Aufgaben sei es ­gewesen, Umsetzungsideen für eine weitere Google-Vorgabe zu entwickeln. Damit man in der globalen Arbeitswelt nicht vergisst, wo man sich gerade aufhält, und damit auch der ­Gesprächsteilnehmer bei der Videokonferenz weiß, mit welchem Büro er es zu tun hat, erhält jedes Google-Büro einen lokalen „Anstrich“. In Zürich waren es seinerzeit Gondelkabinen, in München Weiß-Blau und Brezeln-Buchstaben. In Düsseldorf sind in dem kleinen, für Videokonferenzen genutzten Raum zum Beispiel die Rheinauen mit grünen Schrägen und büschelartigen Kissen aus Schafswolle in Szene gesetzt. Der Konferenzraum mit dem Namen „Kunsthalle“ zeigt ein auf die Glaswand aufgedrucktes Großporträt von Joseph Beuys, und die Cafeteria knüpft mit ihren Kupferlampen an das Interieur der Düsseldorfer Brauhäuser an, während die großen Kühlschränke die lokale Büdchen-Kultur ­zitieren. „Googliness“ – das soll auch die Verbindung von Heimatgefühl und globaler Arbeitswelt sein, umgesetzt in Form poppiger Inszenierungskunst, die sich problemlos mit Technologie paart und den Bedürfnissen der jüngeren Mitarbeiter entgegenkommen soll. Das Architektur-Design ist alles andere als L‘art pour l‘art. Frank Maier-Solgk ist freier Architekturjournalist in Düsseldorf

Berg und Bunker

Die ehrgeizigen Energieprojekte der IBA Text: Sven Bardua Zum „Energiebunker“ umgebauter Flakbunker aus dem 2. Weltkrieg – ein Projekt von Hegger Hegger Schleiff HHS Planer + Architekten AG aus Kassel. Landschaftsarchitektur: EGL, Hamburg. Foto:  IBA Hamburg GmbH / HHS Planer + Architekten AG Ein gewaltiger Hochbunker und ein Müllberg gehören zu den sperrigsten Landmarken, die Hamburg zu bieten hat. Doch die IBA hat dieses ungeliebte Erbe zu Symbolen einer neuen Stadt entwickelt: als wichtige Bestandteile moderner Energieversorgungssysteme. Das Ziel der IBA: Bis 2050 sollen alle Gebäude in Wilhelmsburg vollständig mit regenerativer und lokal erzeugter Energie versorgt werden. Dabei geht es vor allem darum, die Emission klimaschädlicher Treibhausgase deutlich zu reduzieren. Den Weg dahin markiert eine Reihe von IBA-Projekten, die das genaue Hinschauen lohnen. Die „Stadt im Klimawandel“ ist eines der drei Leitthemen der IBA. Doch wie kann Hamburg das Klima mit seiner Energiewirtschaft schonen? Zu Beginn der Bauausstellung wurde diese Frage nur zaghaft gestellt. „Es sind am Anfang ganz kleine Brötchen gebacken worden“, erinnert sich der Koordinator des Projektes, Karsten Wessel. Doch dann habe sich das Projekt schnell weiterentwickelt und die Energie sei als großes Thema nachgeschoben worden, freut er sich über den Erfolg. Attraktiv sei es unter anderem wegen der Quartiers-Struktur, denn das von den Flussarmen der Elbe umschlungene Wilhelmsburg ist ein relativ abgeschlossener Raum. Außerdem wurde die Marschinsel schon immer durch Hochwasser bedroht und belastet, musste mit Deichen geschützt werden und hat deshalb ein eminentes Interesse am Klimaschutz. Von der Deponie zum Energieberg Der heutige „Energieberg“ im Nordosten von Wilhelmsburg ist im Kern die 1979 geschlossene Mülldeponie Georgswerder. Aus den Abfällen sickerte damals Gift in das Grundwasser und brachte einen handfesten Umweltskandal. Anschließend wurde die Deponie aufwendig abgedichtet und dauerhaft gesichert. „Auch wenn das Image des Stadtteils bis heute von den damaligen Geschehnissen geprägt ist – technisch gesehen ist die Müllkippe heute unter Kontrolle“, so die IBA. Die 45 Hektar Fläche und die knapp 40 Meter Höhe der Deponie bieten auch handfeste Vorteile. Der längst begrünte Berg schirmt den Stadtteil zur Autobahn und zur Industrie auf der Peute ab. Und er bietet sich als Basis der neuen Solar- und Windenergieanlagen sowie eines Höhenrundweges förmlich an, gestaltet von den Berliner Landschaftsarchitekten Häfner/Jiménez. Mit den Pfaden zur Bergkuppe wird knapp die Hälfte dieses „technischen Bauwerkes“ für Bürger geöffnet, die so neue Ausblicke auf ihre Stadt bekommen. Daneben erzeugen zwei Windkraft- und eine Photovoltaikanlage auf dem Berg etwa 12,2 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr für rund 4.000 Haushalte. Schon seit 1986 wird das bei der Abfallvergärung entstehende Deponiegas von der benachbarten Kupferhütte thermisch genutzt. Selbst die Wärme des gereinigten Sickerwassers aus der Deponie wird verwendet: Eine Wärmepumpe nutzt sie zum Heizen des neuen Informations- und Betriebsgebäudes von Konermann Siegmund Architekten aus Hamburg. Und wie an vielen anderen Stellen der IBA, kommt der Strom dafür von einer Photovoltaikanlage. Energiebunker statt Betonklotz Gipfel statt Tiefpunkt: Dioxinfunde auf der Mülldeponie Georgswerder markierten einen ökologischen Tiefpunkt auf der Elbinsel. Wind- und Solaranlagen, Wärmegewinnung aus Deponiegas und Sickerwasser sowie ein Parkweg der Berliner Landschaftsarchitekten Häfner/Jiménez aus Berlin sollen einen symbolischen Höhepunkt bilden. Foto: Aufwind Luftbilder/ Visualisierung: bloomimages Der Energiebunker an der Neuhöfer Straße in Wilhelmsburg stand dagegen zunächst sechs Jahrzehnte nahezu ungenutzt herum, denn Umnutzung oder Beseitigung galten als zu teuer. 1943 auf einer Grundfläche von 57 Metern im Quadrat und mit einer Höhe von 42 Metern errichtet, diente der Hochbunker im Krieg als Basis für Flugabwehrkanonen (Flak) und Tausenden von Menschen als Schutzraum. Seine einst von Friedrich Tamms gestaltete Festungsarchitektur sollte Sicherheit suggerieren. Wegen der Nähe zu Wohnhäusern wurde der gewaltige Betonklotz nach dem Krieg nicht beseitigt. Doch zerstörten die britischen Alliierten 1947 mit einer gezielten Sprengung sein Inneres. Dabei stürzten sechs Etagen ein, nur die äußere Hülle mit den bis zu drei Meter dicken Wänden und das Dach mit den vier Geschützstellungen blieben erhalten. Nunmehr investierte die IBA knapp 27 Millionen Euro in den Umbau des Energiebunkers durch Hegger Hegger Schleiff aus Kassel und die technische Ausrüstung. Schon die Sicherung des Bauwerkes war schwierig, weil einst bei der Sprengung auch die Wandvorlagen zerstört worden waren. Außerdem mussten 25.000 Tonnen Schutt aus dem Inneren entfernt werden. Um die maroden Außenwände zu sichern, wurden neun Zentimeter Spritzbeton aufgebracht. Entgegen den ursprünglichen Planungen konnten dabei nur sechs kleine Wandflächen im alten Zustand erhalten werden. Heute bietet der denkmalgeschützte Bau außer der Energietechnik eine Ausstellung zur Geschichte des Bunkers sowie ein Café mit Dachterrasse. Auch im Inneren gibt es auf zehn Metern Höhe eine Plattform, von der aus Besucher den neu geschaffenen Raum mitsamt der Technik erleben können. Ein 2.000 Kubikmeter fassender Wärmespeicher ist hier Herz des Systems. Als Puffer gleicht er Lastspitzen bei der Produktion und dem Verbrauch von Energie aus. Den großen Stahlbehälter speisen die Wärme eines mit Biogas aus dem öffentlichen Netz belieferten Blockheizkraftwerkes, eines mit Holzhackschnitzeln befeuerten Heizkessels für die Spitzenlast, einer solarthermischen Anlage auf dem Dach sowie die Abwärme einer benachbarten Ölmühle. Sie versorgen so einen großen Teil des Reiherstiegviertels in Wilhelmsburg mit Fernwärme. Außerdem kann hier Windstrom in Wärme verwandelt werden, weil das Speichern von Wärme kostengünstiger ist als das von Strom. Das Konzept der Anlage sei in Deutschland ohne Vorbild, sagt Karsten Wessel. Im Betrieb will man Erkenntnisse über die Praxistauglichkeit sammeln und vor allem die für das Zusammenspiel der Erzeuger sowie die Wärmeströmungen im Speicher maßgebliche Regel- und Hydrauliktechnik beobachten. Strom wird von an der Südwand des Baus angebrachten Solarzellen sowie vom Blockheizkraftwerk produziert. Somit erzeugt der alte Bunker im Endausbau pro Jahr etwa 22.500 Megawattstunden Wärme (für etwa 3.000 Haushalte) und fast 3.000 Megawattstunden Strom (für etwa 1.000 Haushalte). Heißes Wasser aus der Tiefe Ein zweites Wärmenetz entsteht im Südwesten von Wilhelmsburg auf der Basis von Geothermie. Die Bohrungen dafür beginnen im Sommer 2013 an der Georg-Wilhelm-Straße: Ab Mitte 2014 soll aus einer Tiefe von etwa 3.000 Metern heißes Wasser mit einer Temperatur von 130 Grad Celsius gefördert werden, um Fernwärme und Strom zu produzieren. Die Leistung wird auf 10,5 Megawatt geschätzt. Viele der dort ansässigen Gewerbebetriebe hätten ein Interesse an dem Projekt, das nach Angaben von Karsten Wessel auch wirtschaftlich zu betreiben ist. Erstmals werde damit das Potenzial der Geothermie im Zentrum einer europäischen Großstadt in großem Maßstab genutzt. Das dritte Wärmenetz der IBA entsteht zusammen mit den IBA-Neubauten an der S-Bahn-Station in Wilhelmsburg-Mitte. Jedes dieser Häuser zeigt auf eigene Art und Weise, wie vorbildliches Bauen in Zeiten des Klimawandels aussehen könnte. Die Energiezentrale befindet sich unter dem Vorplatz des Neubaus der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU). Hier übernimmt ein ebenfalls mit Biogas betriebenes Blockheizkraftwerk den größten Anteil an der Wärmeversorgung. Das Wärmenetz ist zudem offen für weitere Energieversorger: Viele der neuen Gebäude verfügen über eigene Anlagen zur regenerativen Energieerzeugung. Und sie dürfen nicht nur Strom-, sondern auch Wärmeüberschüsse in die Netze einspeisen. So entsteht im Verbund aus vielen kleinen Anlagen ein großes virtuelles Kraftwerk. Größter Nutzer dieses Wärmenetzes sind ein Schwimmbad und der BSU-Neubau. Dieser soll auch beim Energiesparen punkten. Die in einem Wettbewerb siegreiche Arbeitsgemeinschaft der Architekten Sauberbruch Hutton (Berlin) und die Ingenieurgesellschaft Innius RR (Rosbach) setzten dort ihren Entwurf um. Er beweist, dass „eine ökologisch und funktional höchst anspruchsvolle Architektur zugleich auch originell, emotional und schön sein kann“, schreibt der städtische Oberbaudirektor Jörn Walter. Der ambitionierte Bau profitiere von einem kompakten Baukörper mit gutem Wärmeschutz und angemessenen Glasflächen sowie außen liegendem Sonnenschutz in Verbindung mit natürlichen Ressourcen, wie Tageslicht, Querlüftung, Geothermie und freier Nachtkühlung. Die interessanteste Technik der IBA-Neubauten bietet aber das sogenannte Algenhaus mit seiner „Bioreaktorfassade“ – siehe Beitrag Wände mit Wasserwesen. Dank der wachsenden Algen und der Wasserströmung scheint die Fassade ständig in Bewegung zu sein. Ebenfalls dynamisch ist die Fassade des Soft House der Architekten Kennedy & Violich aus Boston und 360 Grad plus aus Hamburg. Hier richten sich die auf der Südseite aufgespannten Textilmembranen auf das Tageslicht aus. So können die Bewohner dieser Reihenhäuser Lichteinfall, Aussicht und Schatten regulieren – und damit bis zu einem gewissen Maß den Energiehaushalt des Gebäudes steuern. Auf die Membranstreifen applizierte, sehr dünne Photovoltaikzellen erzeugen zudem Strom. Das Ernten und Speichern von Energie bestimmt die Gestaltung des Hauses „Smart ist grün“ von Zillerplus Architekten aus München: Im Mittelpunkt steht der Einsatz von Latentwärmespeichern aus Phasenwechselmaterial (PCM). Auf der Südseite öffnet sich die Hausfassade in gestaffelten Schichten: So schützen Module mit raumhohen vertikalen Gärten aus Rankpflanzen im Wechsel mit Photovoltaikflächen an den Balkonbrüstungen vor Sommerhitze. Dahinter schafft eine Front aus Isolierglas Schutz vor Kälte und Wärme. Als letzte Schicht wird im Inneren ein PCM-Vorhang als Kurzzeit-Wärmespeicher eingesetzt. Außerdem gibt es Solarthermie-Flächen auf dem Dach. Überschüssige Wärmeenergie wird zentral im Haus in einem PCM-Tank gespeichert und von einer Wärmepumpe als Warmwasser in die Wohnungen oder in das Nahwärmenetz eingespeist. Aufwendig sanierte Altbauten Mäander im Bau: Energetisch ambitioniert ist auch der ­Neubau der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt von Sauerbruch/Hutton aus Berlin. Foto: IBA Hamburg GmbH/Martin Kunze Wenig spektakulär, für das Klima aber besonders effizient ist die Sanierung von Altbauten. „Hier steckt das größte Einsparpotenzial“, betont die IBA. Um auch private Eigentümer zur energetischen Sanierung ihrer Häuser zu motivieren, startete die Bauausstellung die Kampagne „Prima Klima-Anlage“. Der hierfür entwickelte Maßstab „IBA-Exzellenz“ setzt einen deutlich höheren Standard als die Klimaschutzverordnung der Stadt, wobei nicht alle sieben aufgestellten Kriterien umgesetzt werden müssen. Dabei geht es um das Dämmen von Außenwänden, Dach und Keller, um neue Fenster, eine kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung, energieoptimierte Wärme- und Warmwasserversorgung mit erneuerbaren Energien sowie den Bau einer Photovoltaikanlage. Damit seien Energieeinsparungen von bis zu 90 Prozent realistisch und finanzierbar, heißt es. In der Praxis sind in einem Fall sogar 95 Prozent erreicht worden: Saniert wurde die 1896 erbaute Doppelhaushälfte „Auf der Höhe 25“. Das Haus wurde vollständig gedämmt, erhielt neue Fenster, eine Lüftung mit Wärmerückgewinnung sowie einen von Solarthermie unterstützten Kessel mit Holzpelletfeuerung zum Heizen. Da die Putzfassade von außen gedämmt wurde, bekam das Haus nachgebildete Zierelemente für die Fassade und Fenster mit Sprossen. Damit blieb die alte Ansicht zumindest optisch einigermaßen erhalten. Bei zwei 1926 erbauten Wohnblöcken in der Wilhelmsburger Straße auf der Veddel im Norden der Elbinsel wurde dagegen eine denkmalgerechte Sanierung umgesetzt. Hier prägen dunkelrote Klinkerfassaden der klassischen Moderne das Bild des Wohnquartiers. „Obwohl die Gebäude mit ihrer charakteristischen Straßenfassade aus Klinker unter Denkmalschutz stehen, erreichen sie nach Abschluss der Sanierungsarbeiten annähernd Neubaustandard“, schreibt die IBA stolz. Da die Straßenfassaden, außer mit Doppelglasfenstern, nicht von außen gedämmt werden sollten, wurden alle anderen Bauteile in einem sehr guten Standard saniert. Damit werden im Vergleich zum alten Zustand bis zu 76 Prozent der Primärenergie eingespart. Unterdessen wandelt sich das Klima trotzdem. Damit ist das tief liegende Wilhelmsburg auf Dauer von Hochwasser bedroht. Ob das „IBA Dock“ dafür eine zukunftsweisende Lösung bietet, darf bezweifelt werden: Der mit drei ­Geschossen bebaute Ponton im Müggenburger Zollhafen ist mit einer Nutzfläche von knapp 1.900 Quadratmetern das größte schwimmende Büro- und Ausstellungsgebäude in Deutschland (entworfen von Han Slawik aus Hannover). Bei höheren Wasserständen schwimmt es auf und passt sich nach Angaben der IBA so der Natur und dem Klimawandel an. Doch was nützt eine schwimmende Anlage, wenn bei einer Flut die Zufahrten nicht mehr passierbar sind? Immerhin nutzt das Dock die Wasserfläche eines sonst weitgehend ungenutzten Hafenbeckens gewissermaßen als „Bauland“ – und das selbstverständlich mit Energietechnik gemäß IBA-Standard. Sven Bardua ist Autor und Journalist in Hamburg

Deutscher Preis und Goldenes Haus

Neu ausgelobt sind drei Wettbewerbe von überregionaler Geltung. Besonders gewichtig ist der Deutsche Architekturpreis – mehr dazu hier sowie unter DABonline.de/tag/DAP. Bewerbungen zum 22. Deutschen Fassadenpreis, ausgelobt von Brillux, können bis zum 22. Mai eingereicht werden – mehr unter  www.fassadenpreis.de. Die Zeitschrift „Das Haus“ und die Landesbausparkassen loben insgesamt 30.000 Euro für das „Goldene Haus 2013“ aus. Es geht nicht um Gold als Baustoff, sondern um den klugen Umgang mit der „Ressource Stadt“. Teilnehmen können Architekten und Bauherren, die einen Bestandsbau vergrößert, einen Altbau verbessert, Alt und Neu gekoppelt, eine Brache bebaut und/oder nachhaltig und kostengünstig geplant haben.  www.haus.de/goldeneshaus

Fibel fürs Qualitäts­management

Einen Überblick über das Qualitätsmanagement für Architekten und ­Ingenieure liefert die neue „QM-Fibel“ des „Qualitätsverbunds Planer am Bau“. Dieser propagiert Zertifizierungen als Nachweise für gute Organisation und stellt in der Fibel die Pro-Argumente ausführlich dar. Die 58-Seiten-Fibel gibt es als Datei für 5,50 Euro und gedruckt für 9,90 Euro unter:  www.planer-am-bau.de

Aufstand der Ausbildenden

Zu starres Studium, realitätsferne Lehre – das kritisieren Büroinhaber und selbst Professoren am Architekturstudium. Einzelne Hochschulen lehnen sich erfolgreich auf Text: Nils Hille Können Sie mit gutem Gewissen einem jungen Menschen heute noch raten, Architektur zu studieren? Die Antwort von Hochschulprofessoren und Büroinhabern auf diese Frage ist erstaunlich einstimmig: „Ja, aber nur wenn …“ Ein klares Bekenntnis ohne Einschränkungen zur Ausbildung zum Architekten gibt keiner ab – ob er sich mit seinem Büro erfolgreich etabliert hat oder ob er davon lebt, junge Menschen das Planen, Entwerfen und Gestalten zu lehren. Die Ernüchterung über die aktuelle Situation an den Architekturfakultäten der Hochschulen ist groß – genauso wie über die Berufsperspektiven, die die jungen Absolventen erwartet. So erklärt Peter Scheller, 44-jähriger Architekt und Büroinhaber aus München, der eigentlich mit großer Begeisterung seinen Beruf betreibt, rückblickend: „Mehr Leidenschaft und Leidensfähigkeit, Disziplin und Hingabe als andere – nur wer diese Eigenschaften besitzt, der ist der Richtige für das Architekturstudium.“ Er empfiehlt jedem Interessenten, Eignung und Neigung vorab per Praktikum im Architekturbüro zu testen. Dem stimmt David Michael Meuer zu, wie Scheller selbstständiger Planer aus der bayerischen Landeshauptstadt und Mitglied im Arbeitskreis Junge Architekten der Kammer Bayerns: „95 Prozent unseres Berufs sind nun mal Schwarzbrot. Es geht also selten um die tolle Gestaltung, ganz anders als es das Klischeebild vom kreativen, gut verdienenden Architekten verspricht, das immer noch weitverbreitet ist – selbst an manchen Hochschulen.“ Unis übernehmen zu wenig Verantwortung Gerade bei Bewerbungen der Absolventen merke er die Kluft zwischen Hochschultheorie und Berufspraxis: „Bei Arbeitsproben helfen die per CAD überdesignten Entwürfe von irrsinnigen Projekten nur wenig. Die wird ein durchschnittliches Büro nie so planen. Ich stelle lieber realistische Menschen ein und nicht Planer hochglänzender Entwürfe.“ Das sehen selbst Hochschullehrer mittlerweile so. Ralf Weber, Studiendekan an der TU Dresden: „Die Universitäten verschieben zu viel Ausbildungsverantwortung auf die spätere Bürotätigkeit. Die Art, wie Entwurfsprojekte an den Hochschulen strukturiert sind, hat oft nichts mit den Anforderungen der Praxis gemein.“ Es fehle die Auseinandersetzung mit einem Auftraggeber und die Abstimmung mit Fachingenieuren. Zudem würde kaum auf Bauordnungen oder die Realitäten der Bauökonomie eingegangen. Professor Bernd Meyerspeer, Dekan des Fachbereichs Architektur an der TU Kaiserslautern. Foto: privat Eine düstere Perspektive für einen jungen Abiturienten, der Architektur studieren will. Professor Bernd Meyerspeer, Dekan des Fachbereichs Architektur an der Technischen Universität Kaiserslautern, empfiehlt deutliche Konsequenzen: „Es gibt zu viele Architekten und zu viele Ausbildungsstätten in Deutschland. Rein von den Studienzahlen her könnte man gut sämtliche Architekturfakultäten der Fachhochschulen schließen, deren Kompetenz auf die Universitäten übertragen und sie dort gemeinsam bündeln.“ Nach Angaben der Bundesarchitektenkammer und Übersichten des Portals studienwahl.de gibt es knapp 20 Universitäten und über doppelt so viele Fachhochschulen, die das Fach Architektur anbieten. Bei einer wie von Meyerspeer vorgeschlagenen Reduzierung würden somit rund zwei Drittel der Angebote wegfallen. In Rheinland-Pfalz beispielsweise wurde über eine Zusammenlegung und damit über eine Reduzierung des Angebots nachgedacht. Das Ergebnis: Alle Fakultäten an den vier Hochschulen wurden erhalten, dafür gab es in jeder von ihnen deutliche Einschnitte beim Personal, beklagt Professor Ulf Seiler, Studiengangsleiter Architektur der Fachhochschule Mainz: „Die Einzelbetreuung ist nur noch durch einen unbezahlten Zusatzeinsatz der Dozenten möglich.“ Für Ralf Weber aus Dresden ist dies kein Einzelfall. An fast allen deutschen Hochschulen sei die Situation für die Lehrenden durch eine seit Jahren stetige Kürzung von Personalstellen gekennzeichnet: „Viele Fakultäten sind wegen der immer größeren Arbeitsgruppen bei Entwurfsaufgaben schon heute nicht mehr in der Lage, ihrer Lehrverpflichtung gegenüber den Studenten verantwortungsvoll nachzukommen.“ Dies führe dazu, dass die Studenten beispielsweise in Projektarbeiten oft erst bei der Vorstellung ihrer Ergebnisse auf grundsätzliche Fehler aufmerksam gemacht würden, die ihnen schon am Anfang unterlaufen sind und die eine Reihe von vermeidbaren weiteren Fehlern nach sich zogen. Professor Ulf Seiler, Studiengangsleiter Architektur der Fachhochschule Mainz. Foto: FH Mainz Für die Zeitnot werden immer wieder zwei Schuldige genannt: der Bachelor und der Master. Die straffen Programme, die wenigen Wahlmöglichkeiten und das permanente Hinterherjagen der Studenten hinter den Credit-Points setzen vielerorts einen sehr engen Rahmen für die eigentlich freie Lehre des kreativen Entwerfens. Das kritisieren auch Büroinhaber wie Karl Schwitzke. Er beschäftigt mit seinem Bruder Klaus rund 180 Mitarbeiter bei Schwitzke und Partner in Düsseldorf: „Die deutschen Hochschulen sind auf dem Holzweg, wenn sie meinen, es gehe ohne Freihandzeichnen. Vielfach werden entsprechende Kurse abgeschafft oder reduziert, dafür arbeiten die Studenten immer früher am Computer. Dabei ist das eigene freie Zeichnen das Handwerkszeug für jeden Gestalter. Durch Zeichnen lernt man sehen und beobachten.“ Für Schwitzke darf das Bachelor-Master-System keine Entschuldigung dafür sein, dass nur noch wenig Zeit für solche Grundlagen bleibt: „Studium heißt für mich auch, sich selbst zu bilden und frei zu agieren. Unsere Mitarbeiter sollen uns bei Projekten ja auch nicht fragen: Was soll ich genau machen? Wir erwarten, dass sie selbst kreativ werden und Ideen für die Kunden entwickeln.“ Auch Peter Scheller aus München beklagt Probleme durch das neue System. Die Studenten hätten immer weniger Zeit, praktische Erfahrungen im Büro zu sammeln: „Wir finden kaum noch Hochschüler, die mehr als drei Monate am Stück bei uns ein Praktikum machen können. Dann sind sie aber gerade mal etwas in den Projekten drin und schon wieder weg. So lernen sie nur wenig von der wirklichen Arbeit kennen.“ Alleinstellungsmerkmale statt Einheitssystem Arbeitsplätze frei: Das Büro Schwitzke und Partner in Düsseldorf sucht nach Hochschulabsolventen. Oft erfüllen die jungen Bewerber aber nicht einmal die Grundvoraussetzungen. Foto: Oliver Tjaden Die Einschränkungen durch das Bachelor-Master-System nehmen auch die Architekturfakultäten der Hochschulen wahr. Ralf Weber von der TU Dresden: „Bei einem Bachelorstudiengang reicht die Kürze der Zeit nicht für eine fundierte Ausbildung in einer Ingenieurwissenschaft. Es verwundert keineswegs, dass es in der Heimat des Bachelor-Master-Systems, in Großbritannien und den USA, immer mehr fünfjährige berufsqualifizierende Bachelorstudiengänge gibt.“ In Deutschland ist der sechssemestrige Bachelor als Abschluss schon deshalb fragwürdig, weil er meist nur mit zusätzlichem Studium die Eintragung in die Kammer erlaubt. Hierzulande gehen die einzelnen Hochschulen dagegen immer häufiger individuelle Wege. Die TU Kaiserslautern zum Beispiel hat zwar, wie vom Ministerium vorgegeben, ihr Studium modularisiert. Sie hält aber, wie sonst nur die TU Dresden, bis heute am Abschluss Diplom fest. Dekan Meyerspeer: „Wir bieten den Titel so lange wie möglich an. Nach wie vor ist der deutsche Diplom-Ingenieur Architektur international sehr anerkannt.“ Das rentiert sich nach eigenen Angaben für die TU Kaiserslautern, denn Schüler aus zahlreichen Bundesländern wollen gerade wegen des renommierten Abschlusses hier ihr Studium absolvieren. Meyerspeer denkt auch sonst quer. Seine Fakultät plant nun, ein Orientierungssemester einzuführen, in dem die Studenten erkennen können, ob Architektur das Richtige für sie ist. „Die Studienanfänger sind durch die kürzere Schulzeit, durch den Wegfall des Wehr- und Zivildienstes sowie durch weniger Wartesemester immer jünger. Das führt zu einer immer höheren Quote an Abbrechern. Wir wollen ihr mit dem Orientierungssemester etwas entgegensetzen“, sagt Meyer-speer. Ob die Fakultät diese Idee, die sich gerade gegen das verschulte Bachelor-System mit seinen starren Vorgaben auflehnt, im Ministerium durchgesetzt bekommt, ist noch nicht klar. Meyerspeer zeigt sich kämpferisch: „Da muss halt das gesamte Kollegium zusammenhalten. Man kann natürlich auch immer den einfachen Weg gehen – das ist aber nicht unbedingt der richtige.“ So hätten viele Hochschulen allzu schnell auf den Bachelor umgestellt, wobei die Qualität der Lehre gegenüber dem System in den Hintergrund gerückt sei. Auch die Architekturfakultät der FH Mainz hat nicht freiwillig auf das Bachelor-Master-System umgestellt. Da sie aber keine Alternative sah, entschied sie sich für das Konstrukt acht plus zwei: Der Bachelor umfasst somit acht Semester, entspricht damit vom Inhalt fast dem Diplom und ermöglicht die spätere Aufnahme in die Architektenkammer. Studiengangsleiter Ulf Seiler begründet: „Wir wollten schon mit dem Bachelor einen fundierten, wertvollen Abschluss bieten.“ Wer den Master an einer anderen Hochschule absolvieren möchte, muss aber eher mit den weitverbreiteten vier Semestern statt zweien in Mainz rechnen. Karl und Klaus Schwitzke, Inhaber von Schwitzke und Partner. Foto: Oliver Tjaden Viel stärker möchte Seiler aber das zweite Angebot seiner Fakultät vorantreiben – wiederum ein besonderes Modell seiner Hochschule: Die FH Mainz bietet seit fünf Jahren ein praxisintegriertes Bachelor-Studium an. Nach drei Grundstudiensemestern im Vollzeit stehen danach weitere sechs Semester auf Teilzeitbasis an. Hier kombinieren die Studenten 22 Wochenarbeitsstunden für das Studium mit 18 Stunden Erwerbsarbeit in einem Büro. Gerade Absolventen des praxisintegrierten Studiums würden gerne von den Büros eingestellt, berichtet Seiler. Einige von ihnen übernehmen immer wieder Absolventen. „Sie sind schon so sehr in der Praxis drin, dass ihre Arbeiten fundierter sind – aus meiner Sicht eine ideale Ausbildungsart, die alle Hochschulen nur noch anbieten sollten.“ Mit Kanzler und Kooperationen Doch so ein Sondermodell birgt auch Probleme. Je nach Jahrgang wählten bisher 30 bis 50 Prozent der Mainzer Studenten diesen Ausbildungsweg. Das könnten aber bald weniger sein, denn neuerdings gibt es für diese Variante keinen Anspruch auf BAföG mehr, da die Studenten die Mindestanzahl von 30 Credit-Points je Semester nicht erzielen können. „Zudem besteht jetzt die volle Sozialversicherungspflicht, obwohl es sich nicht um ein duales Studium handelt. Am Ende haben die Studenten ja nur den einen Abschluss unserer Hochschule in der Tasche und keinen zusätzlichen Berufsabschluss“, so Seiler. Mithilfe des Hochschulkanzlers und einem Juristen versucht die Fakultät nun, beide Probleme zu lösen. Immer häufiger sorgen auch Büros selbst für neue Modelle, die die Kluft zwischen Lehre und Praxis kleiner werden lassen. Schon seit fünf Jahren betreibt gmp in Hamburg seine internationale Edelschmiede „Academy for Architectural Culture“ mit mehrwöchigen Workshops. Auch Karl und Klaus Schwitzke aus Düsseldorf sehen Handlungsbedarf: „Die Bewerbungen, die wir bekommen, sind immer liebloser und oft unvollständig als E-Mail geschrieben. Nur jede fünfte Anfrage ist überhaupt interessant. Vor Kurzem habe ich ein Bewerbungsgespräch nach zwei Minuten abgebrochen, weil die Kandidatin nicht eine einzige Zeichnung dabei hatte“, sagt Karl Schwitzke. Immer häufiger entscheiden sich die beiden Chefs daher für Bewerber aus Ländern, wo Architekten ihrer Meinung nach noch gründlich ausgebildet werden. Die 180 Mitarbeiter des Düsseldorfer Büros stammen aus 23 Nationen. Fließendes Englisch in Wort und Schrift ist mittlerweile bei vielen Projekten Grundvoraussetzung. Um die Mitarbeiter zu schulen, bietet das Büro schon länger Sprachkurse an. Damit aber nicht genug. Um ihre Inhalte und ihre Arbeitsweise schon den Studenten näherzubringen, kooperiert das Büro mit dem Schwerpunkt Retaildesign nun zum ersten Mal mit der Fachhochschule Düsseldorf. In Form einer Vortragsreihe und eines Wettbewerbs – beides von Schwitzke und Partner organisiert und finanziert – geben sie dem Nachwuchs konkrete Einblicke in die Praxis. Sie stellen ihren florierenden Arbeitsbereich und dessen Ansprüche an Planer vor. Beim Wettbewerb locken nicht nur 3.000 Euro für die drei Erstplatzierten, sondern auch wertvolle Kontakte zu einem Büro, das immer wieder neue Mitarbeiter sucht. Und das auch selbst davon profitieren könnte: „Das ist ein erster Schritt. Für die gut 10.000 Euro, die wir insgesamt investieren, rekrutieren wir im Idealfall unsere Kollegen von morgen.“ Eine häufigere Zusammenarbeit zwischen Theoretikern und Praktikern, von der beide Seiten profitieren, scheint also die beste Lösung zu sein. Zumindest dann, wenn sich beide Seiten offen für Änderungen zeigen. Schwitzke: „Noch fehlen die Modelle für Professoren, die erfolgreiche Büros leiten. Sie werden an deutschen Hochschulen neben dem Lehren mit zu vielen Verwaltungsaufgaben beschäftigt, sodass diese Doppelbelastung nicht zu stemmen ist.“ Ralf Weber in Dresden erwartet im Gegenzug aber auch eine höhere Leistung der potenziellen Arbeitgeber: „Auf jeden Fall sollte es besser strukturierte Praktika geben. Hier sind die Büros in der Pflicht. Ihnen obliegt mit dem Praktikum eine Ausbildungsverantwortung, die weit über die Anstellung eines Studenten für den Modellbau oder die Visualisierung beim Wettbewerb hinausgehen sollte.“

Aufgeblättert

Hervorgehoben

  Von Architekturbüros Heinrich Eustrup (Hg.), pbr Planungsbüro Rohling AG Architekten und ­Ingenieure: Projekte aus 50 Jahren Junius Verlag, 178 S., 39,90 €           Annette Menting schulz & schulz Architektur 1992 – 2012. Transformation – Systeme – Motive. Niggli Verlag, 192 S., 62 €     Eike Becker ­Architekten Superferenz Hatje Cantz Verlag, 478 S., 58 €               Über Architekten Das Leben der Tauts Doppel-Biografie mit viel Persönlichem und Privatem, die auch Schattenseiten nicht ausspart und bei aller Zuneigung einen kritisch-distanzierten Blick auf die beiden Tauts und ihre Zeitgenossen behält. Unda Hörner Die Architekten Bruno und Max Taut. Zwei Brüder – zwei Lebenswege Gebr. Mann Verlag, 216 S., 29 €.   Wohnen für Stadt­bürger Biografie, Werk- und Zeitbericht eines zu Unrecht vergessenen Architekten, der vor rund 100 Jahren Mietshäuser für bürgerlich-individuelles Wohnen in urbanen Formen entwarf – ein Gegengift zu Eigenheim-Teppichen. Claudia Kromrei Albert Gessner. Das städtische ­Mietshaus Gebr. Mann Verlag, 400 S., 89 €.     Nazi-Karriere Ein Schlaglicht auf das trübste Kapitel deutscher Architektur und Planung: Wie ein scheinbarer Technokrat sich in den Dienst der hässlichen Ideologen stellte und mit ihnen Karriere machte – die er verdientermaßen nach dem Krieg so nicht mehr fortsetzen konnte. Sylvia Necker Konstanty Gutschow (1902 – 1978). ­Modernes Denken und volksgemeinschaftliche Utopie eines Architekten Dölling und Galitz Verlag, 380 S., 49,90 €       Geschichte und Denkmale Mission Nachkrieg Ein Plädoyer für die von Denkmalpflegern längst und von anderen allmählich wiederentdeckten Bauten der Nachkriegszeit – sorgfältig, liebevoll und lehrreich in der Analyse ihrer Gebäude, im Ton der Anfangskapitel aber teils mehr kämpferisch als wissenschaftlich. Roman Hillmann Die Erste Nachkriegsmoderne: Ästhetik und Wahrnehmung der westdeutschen Architektur 1945-63 Michael Imhof Verlag, 304 S., 39,95 €   Haus-­Geschichte Hundert Jahre Berliner und deutsche Geschichte, spannend erzählt und akribisch aufbereitet am Beispiel eines Hauses, seiner Baugeschichte, seiner Bewohner und ihrer Schicksale. Heidede Becker Ein Stück Stadt ergründen. Haus-und Quartiersgeschichte in Berlin-Charlottenburg rubrum verlag, 168 S., 18,90 €   Stuck-Talibane Das Buch beschreibt, wie Ästhetik-Talibane Hausfronten in Berlin und anderen Städten von der Teufelei des Fassadenschmucks erlösten – und wie er neuerdings an manchen Fassaden erneut angebracht wird. Hans Georg Hiller von Gaertringen Schnörkellos. Die Umgestaltung von ­Bauten des Historismus im Berlin des 20. Jahrhunderts Gebr. Mann Verlag, 496 S., 69 €     Stadt, Beruf und Einzelthemen Mutiger Städtebauer Tübingens mutiger und innovativer Städtebauer erklärt Grundzüge und Grundmotive seines Handelns: Mischung und Kleinteiligkeit sind für Feldtkeller nicht Selbstzweck, sondern sollen Optionen zum Leben und Arbeiten für alle Bürger vermehren – gerade für die, die sich nicht in pseudo-perfekte Großstrukturen einkaufen können. Andreas Feldtkeller Zur Alltagstauglichkeit unserer Städte. Wechselwirkungen zwischen Städtebau und täglichem Handeln Schiler Verlag, 136 S., 16,80 €.   Gedrucktes Mysterium In diesem Büchlein fanden wir weder einen roten Faden noch eine bündige Antwort auf die im Titel gestellte Frage. Es strotzt von Erkenntnissen wie der auf Seite 156: „Architektur – wirkliche Architektur! – ist und bleibt ein Mysterium.“ Holger Reiners Brauchen wir noch Architekten? Deutsche Verlags-Anstalt, 174 S., 17,99 €     Gebaute Marken „Corporate Architecture“ klingt ganz gegenwärtig, aber auch dieses Thema lässt sich auf Vitruv, Alberti und weitere Urväter zurückführen. Anhand wichtiger Projekte des 20. Jahrhunderts wird Unternehmens-, Marken- und Produkt-Architektur typisiert und analysiert. Tanja Vonseelen Von Erdbeeren und Wolken­kratzern. Corporate Architecture – Begründung, Geschichte und ­Ausprägung einer architektonischen Imagestrategie Athena-Verlag, 414 S., 42,50 €   Gesammelte Statements Projekte und Programmatisches zum Thema „Weiterbauen und Weiterplanen“, gesammelt von zahlreichen Stadt-, Landschafts- und Verkehrsplanern der Universität Kassel. Die Inhalte reichen vom alternden Eigenheimgebiet bis zur Verkehrsplanung in der Postmoderne. Alexander Eichenlaub und Thomas Pristl (Hg.) Umbau mit Bestand. Nachhaltige Anpassungsstrategien für Bauten, Räume und Strukturen Reimer Verlag, 370 S., 39,90 €   Erklärte Gesetze Das Buch erklärt die vielfältigen und oft vertrackten Rechtsfragen des Bauens im Bestand: Honorar und Urheberschaft, Leistungssoll, Vergabe- und Bauvertragsrecht sowie nicht zuletzt das Bauordnungsrecht. Rechtsanwälte TSP Theißen Stollhoff & Partner (Hg.) Bauen im Bestand. Sanierung, Modernisierung, Umbau Fraunhofer IRB Verlag, 236 S., € 39,80     Satirisches Lexikon Vom Abfalltonnenschrank bis zum öden Zentrum spießt das Buch satirisch und mit Fotos gestalterische Missgeburten, Missstände und Skurrilitäten auf. Martin Oswald (Text), Anja Köhler (Fotos) Ein Abriss. Kleines Lexikon der architektonischen Abwege Robert Gessler Verlag, 128 Seiten, 24,90 €  

Wunderbar unsichtbar

Heiz- und Klimatechnik, Teil VI: Flächenheiz- und Kühlsysteme ermöglichen hohe Energieeffizienz und erschließen Speichermassen Text: Thomas Wilken, Lars Altendorf

Abbildung 1: Institut für Gebäude- und Solartechnik

Bild 1 von 8

Vergleich: Heizleistung verschiedener Wärme­übergabesysteme

Um Wärme aus regenerativen Energiequellen zu nutzen, eignen sich Niedertemperaturheizsysteme mit einer Wärmeübergabe über luft- und wassergeführte Systeme. Ein großes Potenzial bieten vor allem wassergeführte Flächenheizungen, wie sie heute bereits vielfach in Neubauten eingesetzt werden. Grundsätzlich gibt es drei Systeme für die Wärmeübergabe (Abb. 1): freie Heizflächen, Luftheizung und bauteilintegrierte Heizflächen. Freie Heizflächen, wie Radiatoren oder Konvektoren, erfordern meist Vorlauftemperaturen von mehr als 50 Grad Celsius, was im Allgemeinen zu höheren Verlusten bei der Wärmeverteilung führt. Die Heizleistungen hängen von der Vorlauftemperatur, der Temperaturspreizung und der Größe der Übergabeflächen ab. So erwärmt das heute gebräuchlichste System der Konvektionsheizung die umgebene Luft meist nur unterhalb der Fenster und verteilt diese durch eine Luftwalze in den Raum. Nachteilig sind dabei Staubverwirbelungen und der geringe Anteil von Heizwärme, der in die massiven Umgebungsflächen eingespeichert werden kann. Da Wärmeerzeuger im Hochtemperaturbereich – mit Ausnahme von Biomassekesseln, Fernwärme und Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung – zunehmend an Bedeutung verlieren, sind freie Heizflächen nur bedingt zukunftsträchtig. Luftsysteme übertragen ihre Wärme zwar im Niedertemperaturbereich, haben im Vergleich zu wassergeführten Systemen zur Bewegung der Luft über die Ventilatoren aber einen erhöhten Strombedarf. Die Heizleistung von Luftsystemen ist bei geringen Luftwechseln, die die hygienischen Anforderungen erfüllen, je nach Temperatur der Zuluft auf etwa 5 bis 10 W/m² begrenzt. Daher ist sie als alleiniges System zur Wärmeübertragung nur in Verbindung mit einer hochwärmegedämmten Gebäudehülle und hohen Wärmerückgewinnungsgraden der Lüftungsanlagen von über 75 Prozent nutzbar. Typischer Einsatzbereich sind daher Passivhäuser. Da ihre Kanalquerschnitte die Maße herkömmlicher Heizleitungen bei Weitem übersteigen, ist ihre bauliche Integration eine gestalterische und technische Aufgabe. Durch integrierte Heizflächen strömt niedrigtemperiertes Heizwasser; sie aktivieren Fußboden, Wand oder Decke. Niedrige Systemtemperaturen senken die Verluste bei der Wärmeverteilung im Gebäude, ermöglichen aber vor allem den optimierten Einsatz regenerativer Energien im Gesamtkonzept. Für Niedertemperatur-Wärmeerzeuger wie Wärmepumpen, Solarkollektoren und Brennwerttechnik sind Flächenheizsysteme deshalb besonders gut geeignet (Abb. 2). Vorteile integrierter Lösungen Bei bauteilintegrierten Heizflächen erzeugt die abgegebene Strahlungswärme eine hohe thermische Behaglichkeit. Gleichzeitig wird die Speichermasse des Bauteils thermisch aktiviert. Da die Oberflächentemperaturen eines Raumes durch die Heizflächen angehoben werden, erfüllt zum Beispiel eine um 1 bis 2 Kelvin reduzierte Raumlufttemperatur die gleichen Ansprüche an die thermische Behaglichkeit, wie sie für freie Heizflächen mit Konvektion notwendig wäre. Hochwärmegedämmte Gebäude ermöglichen zudem Oberflächentemperaturen des Flächenheizsystems, die nur 3 bis 4 Kelvin über der gewünschten Raumlufttemperatur liegen. Unbehagliche Temperaturdifferenzen, sogenannte Strahlungsasymmetrien, werden weitestgehend vermieden. Die Wärmeabgabe reduziert sich automatisch. Dafür sorgt der Selbstregelungseffekt bei einer Erhöhung der Raumlufttemperatur durch Nutzung der thermischen Bauteilspeichermasse. Da sich die aktivierte Masse an Temperaturänderungen von außen nur langsam anpasst, reguliert sie die Umgebungstemperatur durch Aufnahme oder Abgabe von Wärme. Trägheit kann man dem System damit nicht mehr vorwerfen. Der Selbstregelungseffekt wirkt sich umso günstiger aus, je geringer die Differenz zwischen mittlerer Oberflächentemperatur und der gewünschten Raumlufttemperatur ist. Das reduziert zugleich den technischen Aufwand für die Regelung erheblich (Abb. 3). Um Flächenheizungen richtig zu dimensionieren, ist jeder Raum einzeln zu betrachten; Kriterien wie Nutzung und Orientierung sind zu berücksichtigen. Außerdem gilt: Je dichter sich die Rohre an der Bauteiloberfläche befinden, desto leistungsstärker ist das System. Auch ist die Raumakustik einzubeziehen und unter Berücksichtigung der Nutzeranforderungen mit dem Bauherrn abzustimmen. Bei niedrigem Wärmebedarf hochgedämmter Gebäude bieten sich Flächenheizungen auch bei der Sanierung an. Dazu muss nicht einmal der Estrich ersetzt werden, wie es Nass-Systeme erfordern. Dünnschicht-Systeme mit Aufbauhöhen von 10 bis 15 Millimetern lassen sich direkt auf der vorhandenen Konstruktion verlegen. Je nach baulicher Situation besteht die Möglichkeit, den alten Estrich für die Aufnahme eines Rohrsystems zu schlitzen. Die Bodenbeläge sind in Abstimmung mit den Herstellerangaben zu wählen und zu verlegen. Eine weitere Option zur nachträglichen Installation eines Flächensystems bieten Kapillarrohrmatten, die in den Wand- oder Deckenputz und gegebenenfalls sogar in Leichtbauwände integriert werden. Kombiniertes Heizen und Kühlen Werden bei einem Flächenheizsystem die Funktionen Heizen und Kühlen kombiniert, wird durch den damit möglichen Ganzjahresbetrieb der Nutzen solcher Systeme wesentlich erhöht. Das macht sie besonders für Nichtwohngebäude interessant. Abbildung 4 beschreibt die möglichen Kühlleistungen der Bauteile Decke, Wand und Boden. Gebräuchlich ist die Betonkernaktivierung, bei der sich die wasserführenden Rohre innerhalb der Betondecke befinden. Die Wärme- und Kälteabgabe kann sowohl nach oben als auch nach unten erfolgen, wobei die Leistungen von der Einbausituation und den Betriebstemperaturen abhängen. Sowohl bauteilintegrierte als auch oberflächennahe Systeme können den Heiz- oder Kühlenergiebedarf vollständig decken, wenn gleichzeitig sämtliche Randbedingungen in der Planung berücksichtigt sind, etwa niedrige interne und externe Lasten. Da die Heiz- und Kühlanforderungen in den Übergangsjahreszeiten häufig wechseln, sind die Algorithmen der Regelungstechnik entsprechend anzupassen. Alternativ kann die Anlage ganz außer Betrieb genommen werden, da die Trägheit der Gebäudemasse genug Ausgleich bietet. Flächensysteme sind immer im Kontext des Gesamtkonzeptes aus Gebäudehülle, Energieträger und -erzeuger sowie Übergabesystem zu betrachten. Konkurrierende Wärmeübergabesysteme wie Flächen- und statische Heizungen sowie die Lüftung sind regelungstechnisch unbedingt aufeinander abzustimmen. Durch die Aktivierung der Bauteilmassen als thermischer Speicher lassen sich in Kombination mit einem intelligenten Management zusätzlich Heiz- und Kühllasten im Gebäude zeitlich von der Erzeugung entkoppeln. So können Wärme- und Kälteerzeuger effektiver genutzt und effizienter eingesetzt werden. Kältemaschinen arbeiten beispielsweise nachts bei niedrigeren Außentemperaturen wirtschaftlicher, beladen die thermischen Speicher und stehen zusätzlich am Tag zur Deckung von Spitzenlasten oder für dynamische Kühlprozesse zur Verfügung. Durch die vergleichsweise hohen Temperaturen zur Kühlung von 18 bis 22 Grad Celsius können regenerative Quellen wie das Erdreich oder das Grundwasser direkt zur Raumkonditionierung genutzt werden. In Kombination mit frei abgehängten Systemen, wie Deckensegeln oder Kühldecken, sind auch höhere spezifische Leistungen realisierbar. Auf diese Weise lassen sich sogar die hohen Lasten intensiv genutzter Räume decken, wie das Beispiel des Schulungszentrums SMA Solar Academy zeigt (Abb. 5, 6). Für einen Systemvergleich hat das Institut für Gebäude- und Solartechnik der TU Braunschweig (IGS) im Rahmen des Forschungsprojektes „future:workspace“ Fußboden, Decken und Wände mit unterschiedlichen Systemen der Konditionierung und Automation ausgestattet (Abb. 7). Im Kühlfall ermöglichen optimierte Deckensysteme bei einer Temperaturdifferenz zum Raum von maximal zehn Kelvin eine Leistung von bis zu 90 W/m². Bei Einsatz von Kapillarrohrmatten lassen sich im Vergleich zu konventionellen Einzelrohr-Systemen bei identischer Leistung zusätzlich deutlich kürzere Reaktionszeiten erreichen. Ziel der wissenschaftlichen Analyse ist es, deren Energieeffizienz und Komfort zu bewerten. Innovationen für mehr Energieeffizienz Weltweit dominierend ist aktuell in Bürogebäuden die Übertragung von Wärme und Kälte über die Luft mittels Voll- oder Teilklimatisierung. In einem Systemvergleich für ein Bürogebäude in einer feucht-heißen Klimaregion hat das IGS konventionelle Klimaanlagen mit statisch konditionierten Zonen verglichen und diese energetisch sowie hinsichtlich des Nutzerkomforts bewertet. Der Kühlenergiebedarf wird für die erste Variante durch einen bis zu zehnfachen Luftwechsel gedeckt. Die strahlungsgekühlten Bereiche haben ein aktives Flächensystem in Kombination mit einer hygienischen Grundbelüftung, die gleichzeitig die Entfeuchtung der Luft gewährleistet. Das Raumklima der statisch gekühlten Büros wird als komfortabler empfunden; zudem lässt sich messtechnisch durch die wassergeführten Systeme eine Verbesserung der Energieeffizienz von 35 Prozent belegen (Abb. 8). Vorteile bieten thermisch aktivierte Speichermassen von Decke und Fußboden vor allem dann, wenn sie in ein intelligentes Lastmanagement eingebunden sind und erneuerbare Energien genutzt werden. So lassen sich die Anlagen zur Wärme- und Kälteerzeugung mit dem Strom aus Dach- und/oder gebäudeintegrierter Photovoltaik betreiben. Diese Konzepte der Eigenstromnutzung sind für die Kühlung von Gebäuden auch unter wirtschaftlichen Aspekten interessant. Denn wenn im Sommer die solaren Erträge am höchsten sind, wird die meiste Kühlenergie gebraucht. Dipl.-Ing. Architekt Thomas Wilken ist stellvertretender Leiter und Dipl.-Ing. Lars Altendorf ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Gebäude- und Solartechnik der TU Braunschweig

Baugenehmigung

Doppelhaushälfte, Spielhalle, Nebenanlage und Windfang Doppelhäuser: Die Hälften müssen baulich passen Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen hat an die Gestaltungsfreiheit von Bauherren erinnert, die an eine vorhandene Doppelhaushälfte eine zweite anbauen wollen. Dies geschah auf der Basis der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts. Danach müssen die Haushälften „in wechselseitig verträglicher und abgestimmter Weise“ aneinandergebaut werden. Sonst ist das Vorhaben unzulässig und der Eigentümer der anderen Hälfte hat einen Abwehranspruch dagegen. Die Gebäude müssen derart zusammengebaut werden, dass sie einen Gesamtbaukörper bilden. Sie müssen sich in ihrer Grenzbebauung noch als „gleichgewichtig“ und „im richtigen Verhältnis zueinander“ und daher als harmonisches Ganzes darstellen. Sie dürften nicht disproportional als zufällig an der Grundstückgrenze zusammengefügte Einzelhäuser ohne hinreichende räumliche Verbindung erscheinen. Ein Haus ist nur dann Teil eines Doppelhauses, wenn es zumindest einzelne der baulichen Elemente aufgreift, die dem Nachbarhaus Proportionen und Gestalt geben. Im jetzt entschiedenen Fall aus Nordrhein-Westfalen trat das Vorhaben über seine gesamte Breite von zwölf Metern um etwa einen Meter gegenüber der rückwärtigen Außenwand der benachbarten Haushälfte vor. Vom Nachbarhaus wich auch seine Grundfläche ab, die geplanten Glasvorbauten an der Straßenseite, Balkone in allen Geschosse, schließlich Firstversatz und Dachneigung, die bei gleicher Firsthöhe zu wesentlich größeren Außenwänden auf den Giebelseiten führten. All das hätte laut Urteil „ein Bauvolumen geschaffen, das nicht mehr den Eindruck einer Doppelhaushälfte, sondern den eines eigenständigen grenzständigen Gebäudes vermittelt, bei dem die Haushälfte auf dem Nachbargrundstück nur als ein Anhängsel in Form eines untergeordneten Anbaus erscheint“. Insgesamt dominiere das Vorhaben die Grundstückssituation in einem solchen Maß, dass von einem wechselseitigen Abgestimmtsein der Teilbaukörper nicht mehr ausgegangen werden könne. Das Gericht hob deshalb auf die Nachbarklage hin die Genehmigung auf. Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 19.4.2012, 10 A 1035/10 Spielhalle: Scheinbares Trennen nützt nichts Wird eine Spielhalle scheinbar in zwei Bereiche geteilt, die aber funktionell zusammenhängen, dann gilt als Maß für die Größe die addierte Fläche beider Bereiche. Das entschied das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Die Nutzung von Grundstücken für Vergnügungsstätten ist in Kerngebieten ohne Einschränkung zulässig. In besonderen Wohngebieten, Misch- und Gewerbegebieten ist sie aber unzulässig, wenn die Spielhallen „kerngebietstypisch“ sind. Das gilt laut Rechtsprechung ab einem Richtwert von 100 Quadratmetern für die Spielhallennutzfläche. Die Größen mehrerer benachbarter Spielhallen können hierfür unter Umständen addiert werden. Dies gilt auch dann, wenn diese Spielhallen gewerberechtlich nach der Gewerbeordnung als getrennte Einheiten beurteilt werden, denn das bindet nicht die bauplanungsrechtliche Einschätzung. Für sie ist maßgebend, ob der Gesamtkomplex dem Benutzer als Einheit erscheint. Dies hat das Gericht in dem entschiedenen Fall bejaht. Die beiden Spielbereiche werden nach außen einheitlich unter demselben Namen geführt und weisen zwei in einem Windfang gelegene, unmittelbar nebeneinanderliegende Eingänge an der Vorderfront des Gebäudes auf. Es existieren für beide Spielbereiche nur ein Aufsichtsbereich, ein Abstellraum und ein Lager. Außerdem sind die beiden Bereiche durch eine Tür verbunden, die dem einen Spielbereich über den anderen Spielbereich einen zweiten Rettungsweg vermittelt. Weil sich nach alledem in dem entschiedenen Fall die Spielbereiche nach außen und für den Besucher als funktionale Einheit darstellten und bei einer Addition ihrer Nutzflächen der Richtwert weit überschritten wurde, sah das Gericht eine hier unzulässige kerngebietstypische Vergnügungsstätte. Unmaßgeblich war, dass ihre gemeinsame Zu- und Abfahrt auch noch von Dritten genutzt wurde. Verwaltungsgericht Gelsenkirchen, Urteil vom 12.7.2012, 9 K 1407/10 Nebenanlagen dürfen sich auf ­anderen Grundstücken befinden Nebenanlagen zu einem Gebäude müssen sich nicht auf demselben Grundstück wie dieses befinden, um zulässig zu sein, entschied das Oberverwaltungsgericht Saarland. Es hielt daher ein Brennholz-Lager für drei Häuser in einem reinen Wohngebiet für zulässig, das auf einem anderen Grundstück geplant war. Ein Nachbar hatte geltend gemacht, die Nutzung stelle eine Nebenanlage im Sinne von § 14 BauNVO dar und deren Zulässigkeit setze voraus, dass sie einem Wohnhaus auf demselben Grundstück diene. Für das Gericht ist dies jedoch keine Voraussetzung für die Zulässigkeit. Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts müssen Nebenanlagen zwar das Merkmal der Unterordnung sowohl in räumlich-gegenständlicher als auch in funktionaler Hinsicht erfüllen. Hierbei kommt es auf den primären Nutzungszweck der Grundstücke in dem Baugebiet an sowie auf die Bebauung, die diesem Nutzungszweck entspricht. Ihm müssen die Nebenanlagen in ihrer Funktion und in ihrer Größe dienend zu- und untergeordnet sein (siehe insoweit auch das hier oder im DAB-Heft 12/2011 auf Seite 42 erwähnte Urteil des VGH Baden-Württemberg vom 5.4.2011, 5 S 194/10). Diese Zu- und Unterordnung kann aber nach dem aktuellen Urteil auch gegeben sein, wenn das Bezugsobjekt, im entschiedenen Fall die drei Wohnhäuser, auf einem anderen Grundstück steht. Entsprechendes ist bereits für die Zulässigkeit von Garagen und Stellplätzen anerkannt: Der in § 12 Abs. 2 BauNVO enthaltene Begriff des „Bedarfs“, der durch die zugelassene Nutzung begründet ist, sei nicht grundstücks-, sondern gebietsbezogen zu interpretieren. Also dürften benachbarte Grundstücke in Anspruch genommen werden. Insofern sind untergeordnete Nebenanlagen ebenso zu behandeln wie Stellplätze und Garagen. Die Nachbarklage blieb erfolglos. Oberverwaltungsgericht Saarland, Beschluss vom 24.5.2012, 2 A 395/11 Stellplätze bilden keine Baulinie für einen Hochbau Der Anbau eines Windfangs vor ein Wohnhaus ist nicht unter Berufung auf eine angebliche Baulinie genehmigungsfähig, die durch Stellplätze gebildet werde. Lediglich die Wände von Hauptgebäuden könnten als Baulinie in Bezug auf die überbaubare Grundstücksfläche betrachtet werden, entschied das Oberverwaltungsgericht Sachsen-Anhalt. Der geplante Windfang füge sich nicht in die nähere Umgebung ein, was aber für die Zulassung in einem unbeplanten, im Zusammenhang bebauten Ortsteil Voraussetzung wäre. Das Gericht beantwortete zunächst die Frage, welcher Bereich als nähere Umgebung anzusehen ist. Der maßgebliche Bereich mit Blick auf das Merkmal der überbaubaren Grundstücksfläche ist nach dem Urteil deutlich enger zu begrenzen als beispielsweise bei der Art der baulichen Nutzung. Denn die Prägung, die von der Stellung der Gebäude ausgeht, reicht im Allgemeinen deutlich weniger weit als die Wirkungen der Art der baulichen Nutzung. Das kann dazu führen, dass bei der überbaubaren Grundstücksfläche nur wenige Grundstücke den maßgeblichen Rahmen bilden – unter Umständen sogar nur zwei. Dagegen sind bei der Art der baulichen Nutzung oft sogar mehrere Straßenzüge in den Blick zu nehmen. Etwaige Stellplätze zwischen Straße und vorderer Gebäudewand sind für die Prägung ohne Belang. Sie sind es ebenso wenig bei der Frage nach einer faktischen vorderen Baulinie in dem so begrenzten Bereich. Denn die Stellplätze könnten auch in einem beplanten Bereich außerhalb der überbaubaren Grundstücksfläche zugelassen werden, soweit sie nach Landesrecht in den Abstandsflächen zulässig sind, Denn dann seien sie auch im nicht beplanten Innenbereich außerhalb der durch faktische Baugrenzen markierten überbaubaren Grundstücksfläche nicht generell unzulässig. Gehe es bei der Baulinien-Frage um die Überbauung einer Grundstücksfläche, könnten lediglich Hauptgebäude Bedeutung haben. Unter Berücksichtigung dieser Maßstäbe wies das Gericht die Klage auf Genehmigung des Windfangs ab. Oberverwaltungsgericht Sachsen-Anhalt, Beschluss vom 4.7.2012, 2 L 94/11n

Honorar vom Auslober

Sollen schon in einer Bewerbung nach VOF außerhalb von Architektenwett- bewerben Lösungsvorschläge für die Planungsaufgabe verlangt werden, muss der Auslober diese honorieren Text: Axel Plankemann Öffentliche Auftraggeber verlangen im Zusammenhang mit der Bewerbung für VOF-Verfahren nicht selten Planungsleistungen. Dabei übersehen die Auftraggeber häufig, dass solche Architektenleistungen bezahlt werden müssen. Das hat jetzt das Oberlandesgericht Koblenz in einem Urteil (6.9.2012, 8 U 45/11) bestätigt. Grundlage ist § 20 Absatz 3 der VOF: „Verlangt der Auftraggeber außerhalb eines Planungswettbewerbes Lösungs­vorschläge für die Planungsaufgabe, so sind die Lösungsvorschläge der Bewerber nach den Honorarbestimmungen der HOAI zu vergüten.“ Zwar legt § 13 Absatz 2 VOF fest, dass für die Ausarbeitung der Bewerbungs- und Angebotsunterlagen Kosten grundsätzlich nicht erstattet werden, doch nennt § 13 Absatz 3 die Ausnahme: Verlangt der Auftraggeber Entwürfe, Pläne, Zeichnungen, Berechnungen oder andere Unterlagen, die über die üblichen Bewerbungs- und Angebotsunterlagen hinausgehen, müssen diese mit einer einheitlichen Vergütung für alle Bewerber entschädigt werden. Geld ist fällig: Verlangt der Auftraggeber Entwürfe, Pläne, Zeichnungen oder andere Unterlagen, müssen diese mit einer einheitlichen Vergütung für alle Bewerber entschädigt werden. Illustration: Artville Werden von den Bewerbern außerhalb eines geregelten Architektenwettbewerbs Lösungsvorschläge für die Planungsaufgabe verlangt, so ordnet darüber hinaus § 20 Absatz 3 VOF verbindlich an, dass diese nach den Honorarbestimmungen der HOAI zu vergüten sind. Die Vorschrift ist für den betroffenen Planer erfreulich und erhöht die Chancengleichheit aller Bewerber im Verhandlungsverfahren, weil gerade kleinere und jüngere Büros mit unbezahlten Planungsleistungen in der Bewerbungsphase überfordert wären. Eines besonderen Architektenvertrages über diese Leistungen bedarf es nicht. Rechtsgrund für die Honorarforderung ist die VOF selbst. Diese Honorarforderung ist zivilrechtlich durchsetzbar. Wird in der Auslobung verlangt, dass Bewerber im Vorhinein auf einen solchen Vergütungsanspruch verzichten, so kann dies im Wege des Vergaberechtsschutzes mit Rüge und Nachprüfungsverfahren beanstandet werden. Allerdings macht das OLG Koblenz in seinem aktuellen Urteil Einschränkungen: Entgegen dem Wortlaut der VOF will das Gericht die Vergütungsanordnung des § 20 Absatz 3 nur dann gelten lassen, wenn die in der Ausschreibung ausdrücklich verlangten Leistungen „neue, eigene architektonische Lösungen“ erfordern und „sowohl qualitativ als auch quantitativ mehr … als eine branchenübliche Bewerbungsleistung“ sind. Das Gericht vermischt dabei Elemente der Regelung in § 13 Absatz 3 VOF mit denen des § 20 Absatz 3 VOF. Diese Vorschrift begründet jedoch eine Vergütungspflicht nach HOAI unabhängig von der Frage des Architektenvertrages oder bloßer Akquisitionsleistungen. Entgegen der Auffassung des Gerichts kann demnach nur entscheidend sein, ob für die fragliche, vom Auslober abverlangte Leistung im konkreten Fall eine verbindliche Honorarvorschrift mit einem aus der HOAI abzuleitenden Honorar existiert. Da § 20 Absatz 3 VOF insgesamt auf die HOAI verweist, begründet die Vorschrift möglicherweise einen Honoraranspruch selbst für solche HOAI-Leistungen, die im unverbindlichen Anlagenteil der HOAI geregelt sind. Der Honoraranspruch nach § 20 Absatz 3 VOF gilt ausdrücklich nur für Verfahren „außerhalb eines Planungswettbewerbs“. Das bedeutet umgekehrt, dass im Rahmen von Architektenwettbewerben für Wettbewerbsbeiträge keine HOAI-Vergütung zu zahlen ist. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Für Wettbewerbe gilt § 16 Absatz 1 VOF, wonach mit der Auslobung Preise und gegebenenfalls. Anerkennungen auszusetzen sind, welche der Bedeutung und der Schwierigkeit der Bauaufgabe sowie dem Leistungsumfang nach der Honorarordnung angemessen sind. Der Hinweis auf die geltende Honorarordnung in diesem Zusammenhang begründet allerdings keine Vergütungspflicht nach der HOAI, sondern eine Orientierung der ausgelobten Preisgelder an der Honorarordnung. In welcher Höhe Preis und gegebenenfalls Anerkennungen auszuloben sind, ergibt sich dann aus den „einheitlichen Richtlinien“ für Architektenwettbewerbe (RPW). Axel Plankemann ist Rechtsanwalt in Hannover

Kleine Kinder – kleine Büros

Von Frauen geführte Architekturbüros verdienen weniger. Das liegt an der Art der Aufträge, an Bürogrößen und wahrscheinlich auch an den Arbeitszeiten  Text: Roland Stimpel V­­on Frauen geführte Architekturbüros nehmen im Schnitt ein Drittel weniger Geld pro Beschäftigten ein als die im Besitz von Männern. Sie wirtschaften zwar deutlich sparsamer; dennoch erzielt jede Inhaberin nur etwas mehr als die Hälfte des Überschusses, den männliche Büroinhaber im Durchschnitt für sich verbuchen. In den von Frauen geführten Büros ist der Anteil der Bestandsprojekte und Privataufträge deutlich höher, dagegen der Anteil der Gewerbe- und Staatsprojekte weit geringer. All das sind Ergebnisse der Umfrage von zwölf Architektenkammern bei 4.750 selbstständigen Mitgliedern, durchgeführt vom Büro Hommerich Forschung. Wichtige Ergebnisse standen bereits hier. Auch zum Geschlechter-Unterschied macht die Studie einige Aussagen. 77 Prozent der Befragten waren Männer, 23 Prozent Frauen – das entspricht dem Anteil beider Geschlechter bei den Büroinhabern. Die Männer hatten im Schnitt einen Jahresumsatz von 62.139 Euro pro Vollzeit-Beschäftigten im Büro, die Frauen nur 41.566 Euro. Sie wirtschaften aber nicht schlechter, sondern haben in der Regel kleinere Büros mit geringeren Einnahmen. Daher ist auch der Überschuss pro Inhaber geringer. Bei von Frauen geführten Büros beträgt er im Schnitt 36.363 Euro, während männliche Chefs es auf 69.883 Euro bringen. Weitere Zahlen zeigen, dass von Frauen geführte Büros vor allem in den weniger gewinnträchtigen Gebieten arbeiten. Nur 35 Prozent ihres Umsatzes erzielen sie mit Neubauten, dagegen 65 Prozent im Bestand. Bei Männer-Büros beträgt das Verhältnis 45 zu 55 Prozent. Sie kommen auch eher an öffentliche Aufträge. Diese tragen in männlich geführten Büros 24 Prozent zum Auftragsvolumen bei, in weiblich geführten nur 16 Prozent. Die Honorarsummen klaffen noch viel deutlicher auseinander, da diese Zahl Bezug zu dem bei Männern viel höheren Umsatz hat. Noch deutlicher ist der Unterschied bei den gewerblichen Projekten: Mit ihnen ernähren sich die Büros von Frauen zu 29 Prozent, dagegen die von Männern zu 39 Prozent. Da hilft auch die Spezialisierung nichts, die bei Frauen etwas größer ist. Sie geben zu 64 Prozent an, dass sie auf ein bestimmtes Gebiet spezialisiert seien, von den Männern nur 58 Prozent. Was sind die Ursachen für die Geld-Differenz? Es ist nicht bekannt, dass Frauen schlechter verhandeln oder ihre Projekte in niedrigere Honorarzonen einstufen lassen würden. Hauptgründe für den geringeren finanziellen Ertrag dürften die geringere Bürogröße und das kleinere Projektvolumen sein. Hier senken wohl vor allem Mütter den Schnitt, die ein Architekturbüro führen und zugleich Kinder erziehen. Häufig sind dies Eine-Frau-Büros. Darauf deuten auch die wesentlich geringeren Kosten hin, die pro Kopf inklusive Inhaber aufgewandt werden. Mutter sein ist bei allem ideellen und psychischen Gewinn nach wie vor ein Nachteil für Karriere und Finanzen.

Aufstand der Mieter

Hervorgehoben

Was ist wichtiger an Siedlungen der 1920er-Jahre: Erscheinungsbild oder Bewohner-Alltag? Im Berliner Unesco-Welterbe gerät beides in Konflikt  Text: Ralf Kalscheur und Roland Stimpel Weisses Wohnschiff: „Panzerkreuzer“ ist der Spitzname des von Hans Scharoun entworfenen Hauses in der Siemensstadt, in dem er 30 Jahre lang selbst lebte. Nach Beschädigungen im Krieg wurde es vereinfacht wieder aufgebaut. Foto: Landesdenkmalamt Berlin/W. Bittner Viele Bewohner interessieren sich mehr für bunte Pflanzen als für die Architektur ihres Hauses – selbst wenn es von Hugo Häring entworfen wurde. Foto: Deutsche Wohnen AG Bunte Strähnchen, Nagellack und Hornhautraspeln im Weltkulturerbe von Berlin-Siemensstadt: Muss das wirklich sein? Thomas Krüger ist nicht besonders glücklich über Läden wie das „Friseur- und Kosmetikstübchen inkl. medizinische Fußpflege“, das eine Frau namens Bianca in dem halbrunden Hausanbau von Hans Scharoun betreibt. „Für die Ladenlokale wünsche ich mir Nutzungen und Gestaltungen, die der kulturellen Bedeutung des Ensembles angemessen sind.“ Doch Galerien oder Architekturbüros wollen zu Krügers Leidwesen nicht hierher. Die Ringsiedlung in der Berliner Siemensstadt ist eine Kleine-Leute-Gegend mit einer Mehrheit von Rentnern, Ausländern und Arbeitslosen und einem Altersdurchschnitt von 54 Jahren. Hier gibt es kaum Kundschaft, die von historischem Avantgarde-Design im Stil von 1931 zu beeindrucken wäre. Wer hier wohnt, sucht eher Fußpflege, Kneipe oder Hundesalon. Immerhin existiert neuerdings eine Welterbe-Infostation im klassischen Erscheinungsbild, betrieben vom Architekten Thomas Krüger. Er führt mit seiner Agentur „Ticket B“ Besucher durch die sechs unter Welterbeschutz gestellten Siedlungen der frühen Moderne. Beim Nagelstudio hat Krüger auf seine Art recht: Dem Denkmalwert der Siedlung entsprächen eher Nutzer in der Optik der Goldenen Zwanziger als Billigläden, die in die Fenster rosa Folienbuchstaben kleben. Aber die Fußpflegerin Bianca und ihre Kunden haben auch recht: Das Quartier ist in der Spätzeit der Weimarer Republik für Arbeiter der nahen Siemens-Werke im sozialen Geist errichtet worden, manche würden heute sagen: für Unterschichten. Und haben die etwa keinen Anspruch auf Nagel- und Hornhautpflege für kleines Geld, und hat Bianca kein Recht auf diese Art Existenzgrundlage? Im Berliner Welterbe ist ein Konflikt zwischen dem Ästhetischen und dem Sozialen ausgebrochen: Es kann volkstümlich sein, ist dann aber aus bürgerlicher Sicht auch schäbig, oder es ist herausgeputzt, dann aber auch teuer. Man kann es Gentrifizierung nennen Buntes und Rundes: In der Hufeisensiedlung ist die Welt optisch auch heute in Ordnung. Eigentümer achten den Denkmalwert ihrer 400.000-Euro-Reihenhäuser und streichen nur in Bruno Tauts originalem Farbton. Bewohner des zentralen Hufeisens pflanzen aber gern Nadelbäume in ihre Mietergärten und haben wenig Sinn für klassisch-moderne Freiraumgestaltung. Foto: Deutsche Wohnen AG Zwei der Siedlungen repräsentieren die Extreme: In der Siemensstadt geht es eher rustikal und dafür billig zu. Auf der anderen Seite steht Bruno Tauts legendäre Hufeisensiedlung. Hier konzentriert sich mehr und mehr ein denkmalbewusstes, zahlungskräftiges und -williges Publikum, das die Ehre des Erbauers hochhält. Andererseits treibt es, ohne das zu wollen, der Siedlung den sozialen Geist der Erbauungszeit aus: Für 100-Quadratmeter-Reihenhäuser werden 400.000 Euro gezahlt – Preise wie in Berlins feinsten Villengegenden. Manuela Damianakis, Sprecherin der Siedlungseigentümerin Deutsche Wohnen AG: „Die Häuschen sind total begehrt und werden uns aus den Händen gerissen. Die Ecke wird plötzlich bildungsbürgerlich.“ Man kann es auch Gentrifizierung nennen. Alteingesessene hatten zwar schon 1998 eine Genossenschaft gegründet, um ihre Häuser zu kaufen, aber das war schon damals zu teuer. Mietwohnungen kosten pro Quadratmeter und Monat deutlich mehr als den Gesamtberliner Mittelwert von 5,21 Euro. Wer sich schon eingekauft hat, stört sich nicht daran. Zu den Bewohnern der denkmalfreundlichen Art gehört Marie Louise Jenschke. Die 44-jährige Psychologin besitzt ein Reihenhaus und ist Gründungsmitglied im Verein „Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung Berlin-Britz“, der die auch in diesem Quartier eingerichtete Info-Station als Vereinsheim nutzt und ehrenamtlich mitbetreibt. An zwei Tagen pro Woche hat das kleine Café bislang geöffnet; dann kommen 50 bis 60 Menschen. Thomas Krüger berichtet: „Wir betreiben auch in der Siemensstadt eine vergleichbare Info-Station, aber dort kommen kaum fünf Leute am Tag. Dort fehlt es einfach noch am Bewusstsein für den Wert der Siedlung.“ Bürger und Baugeschichte: Die Reihenhauszeilen, die vom Hufeisen abgehen, sind bei architektur- und designbewussten Käufern inzwischen höchst beliebt. Hier lässt es sich heimelig leben, zum Beispiel am Anger namens „Hüsung“. Auch die optischen Wirren der Großstadt bleiben dank des Denkmalschutzes draußen. Foto: Landesdenkmalamt Berlin/FTB-Werbefotografie Für ihr Quartier hat Jenschke festgestellt: „Vor allem seit der Aufnahme in die Welterbe-Liste ist hier ein anderes Publikum hingezogen. Die neuen Bewohner sind oft sehr Architektur-interessiert. Viele Akademiker-Familien mit Kindern sind darunter.“ Ruhe, Gärtchen, Denkmalschutz und damit den Schutz vor Verunzierung der Nachbarschaft sowie den Luxus einer vorstädtisch-geringen Dichte (GFZ 0,4) muss man sich leisten können. Die Verteuerung betrifft allerdings nur den Reihenhaus-Kern, nicht so sehr die Geschossbauten am Ostrand der Siedlung und im zentralen Hufeisen selbst. Klassischer Vermieter für Ärmere Nur Mietshäuser prägen die Siedlung in der Siemensstadt. Vertreter des sozialen Geistes sind heute die kapitalistischen Eigentümer des Quartiers: die Aktiengesellschaften Deutsche Wohnen (dieselbe wie in der Hufeisensiedlung) und GSW. Sie nehmen von den bereits ansässigen Mietern in der Siemensstadt im Schnitt etwas über fünf Euro pro Quadratmeter und für neu zu vermietende Wohnungen rund sechs Euro. Das ist auch für Ärmere bezahlbar, zumal die Wohnungen meist klein, doch effizient geschnitten sind – von Großmeistern der Frühmoderne wie Gropius, Scharoun, Otto Bartning und Hugo Häring, die sich zum Architektenbund „Der Ring“ zusammengeschlossen hatten. Bei mäßigen Mieten soll es bleiben, versichert GSW-Vorstand Jörg Schwagenscheidt: „Ich bin zwar ziemlich sicher, dass man modernisierte Wohnungen hier für zehn Euro pro Quadratmeter vermarkten könnte. Wir sind aber ein klassischer Vermieter für Haushalte mit mittlerem und unterem Einkommen. Weder die Bewohner noch wir hätten etwas davon, wenn wir solche Häuser luxus-modernisieren und dann versuchen würden, von einem anderen Publikum das Doppelte zu nehmen.“ Für die Deutsche Wohnen versichert Manuela Damianakis das Gleiche: „Wir wollen hier nicht in ein gehobenes Segment gehen.“ Serielles und Schadhaftes: Verschleiß und Schäden, wie hier an Otto Bartnings „Langen Jammer“ mit seinen 25 gleichen Eingängen, sind Denkmalpflegern ein Dorn im Auge. Eigentümer wollen lieber die Mieten niedrig halten als Häuser aufwendig aufzuwerten. Foto: Roland Stimpel Natürlich sind beide Eigentümergesellschaften nicht passiv. Mit Hilfe von fünf Millionen Euro Bundesregierungsmitteln fürs deutsche Welterbe bauen sie Balkontüren mit Isolierglas ein, dämmen Kellerdecken und Dächer und ersetzen marode Kastendoppelfenster aus Holz durch neue. Wanddämmung im Welterbe ist für alle ein Tabu. Über andere Begehrlichkeiten von Denkmalfreunden wundert sich Schwagenscheidt manchmal: „Einmal hieß es, die Teppichklopfstangen seien unpassend und sollten weg. Jetzt können sie doch bleiben. Denn es hat sich herausgestellt, dass sie aus der Ursprungszeit der Siedlung sind.“ Man sieht dem Quartier an, dass hier sparsam gewirtschaftet wird: Wichtige Häuser kommen nicht im Welterbe-Sonntagsstaat daher. Zum Beispiel Otto Bartnings 338 Meter langes Haus mit 25 gleichen Eingängen, an dem wegen seiner Monotonie jeder Fleck doppelt stört. Aber auch an Scharouns schiffsartig geformtem „Panzerkreuzer“, dem südlichen Eingangsbau der Siedlung, in dem er einst selbst wohnte. Thomas Krüger meint: „Gerade die GSW könnte sich deutlich stärker für ihr Kulturerbe engagieren.“ Schwagenscheidt meint dazu: „Wir halten zum Beispiel Scharouns einstige Wohnung mit viel Aufwand instand. Sie liegt aber in einem bewohnten Haus, und wir können den Nachbarn nicht ständig Gruppen von Architekturtouristen im Treppenhaus zumuten.“ Streitpunkt sind auch Garagen aus der Nachkriegszeit – nicht von Spitzen-Architekten, sondern ziemlich ambitionsfrei, teilweise auch noch mitten in Scharouns Sichtachse positioniert. Thomas Krüger findet sie „ignorant und rücksichtslos“ und fordert den Abriss; Jörg Schwagenscheidt denkt nicht daran: „Dann hätten wir einen Aufstand der Mieter.“ Er sieht sich aber nicht nur als Hüter des sozialen Erbes, sondern auch des alltagspraktischen Geistes der Bauhaus-Epoche: „Die Siedlung war damals sehr stark funktionial orientiert. Wären dieselben Architekten heute aktiv, dann würden sie sich natürlich Gedanken über den Autoverkehr machen. Deshalb folgen wir der Absicht ihrer Erbauer, wenn wir uns den Anforderungen des täglichen Lebens nicht verschließen. Es wäre paradox, alles einzufrieren.“ Auf Kleinpflaster rollt der Rollator schlecht Das gilt auch für die Lädchen. „Beim Gewerbe zählt für uns vor allem, das sMieter Angebote in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnungen haben.“ Und die lila Buchstaben am Fußpflege-Studio? „Wir achten natürlich darauf, dass Werbung den Charakter einer Fassade nicht zu stark beeinflusst. Andererseits ist aber auch die Architektur der Bauten kein Selbstzweck.“ Ist ihm das Denkmal eher lästig? „Nein, wir sind stolz und sind uns unserer Verantwortung bewusst. Aber wir sind in erster Linie den Mietern verpflichtet und müssen die Balance zwischen der Bewahrung des Denkmals, den funktionalen Anforderungen an eine Siedlung heute und der Bezahlbarkeit von Mieten halten. Und die Gesellschaft hat sich seitdem weiterentwickelt. Dem müssen wir auch hier Rechnung tragen.“ Schwagenscheidt betrachtet das gebaute Erbe teilweise kritisch: „Manches funktioniert einfach nicht, zum Beispiel die dauernd mit Graffiti und Müll verunzierten Unterführungen, wo man mit dem Reinigen gar nicht mehr nachkommt. Da ist das städtebauliche Konzept nicht aufgegangen.“ Sauberkeit ist für Wohnungssuchende wichtiger als Status: „Für die Vermietung spielt es keine wesentliche Rolle, dass die Siedlung Weltkulturerbe ist. Viele Interessenten wissen gar nichts davon.“ Die Deutsche Wohnen setzt sich offensiver als die GSW für eine denkmalgerechte Optik ein. Aber damit macht sie sich nicht nur Freunde. Das ursprüngliche Brandenburger Kleinpflaster auf Fußwegen war durch Betonsteine ersetzt worden; kürzlich wollte die Deutsche Wohnen zum historischen Belag zurück. Sprecherin Manuela Damianakis: „Da haben dann ältere Bewohner den Behindertenbeauftragten alarmiert, weil sie Angst hatten, das Kleinpflaster würde zu holprig für ihre Rollatoren sein.“ Jetzt hat der glatte Gang für Senioren Vorrang vor dem historisierenden Muster. Ein großes Ärgerthema in den Welterbesiedlungen ist das Grün. In beiden Siedlungen wurde es vom frühmodernen Landschaftsarchitekten Leberecht Migge gestaltet, in beiden ist es heute teils zugewuchert, teils durch weniger ambitionierte Bepflanzungen verfremdet – etwa die bei Bewohnern und Baugesellschaften so beliebten pflegeleichten Koniferen. So etwas sollte nun wieder weg. In beiden Siedlungen bildeten sich Bürgerinitiativen. Die in der Siemensstadt sammelte rasch 300 Unterschriften gegen das Fällen ausgewachsener Birken zugunster denkmalgerechter, doch viel kleinerer Apfeldornbäume. In der Taut-Siedlung protestierte das Bündnis „Grünes Hufeisen“ gegen das Absägen von Hainbuchen – vor dem Info-Zentrum fielen sie trotzdem. Naturschützer von BUND und NABU sprachen in der Siemensstadt über „Kahlschlagwirtschaft“ und in der Hufeisensiedlung von der „Zerstörung ökologisch wertvollen Stadtgrüns“. „Die mit sozialreformerischem Anspruch entwickelten Siedlungen werden zu sterilen und statischen Denkmälern ihrer selbst reduziert“, klagte Herbert Lohner vom BUND. Und Manuela Damianakis seufzt: „Grün ist nun mal populärer als Welterbe.“ Mehr Informationen Eine ausführliche Reportage aus der Hufeisensiedlung von Ralf Kalscheur finden Sie hier.

Rund um die Uhr gefordert

Hervorgehoben

Nicht nur in Deutschland haben es Frauen im Architektenberuf besonders schwer. Das liegt vor allem am Rollenbild  Text: Katharina Weresch Anteil der Architekturprofessuren nach Geschlecht in Deutschland (in Prozent) Grafik: E. Merheim Deutschlands erste Architekturstudentin Emilie Winkelmann erreichte 1902 ihre Zulassung an der TH Hannover nur mit einem Trick: Sie kürzte ihren Vornamen ab und wurde für einen Mann gehalten. Am Tag vor dem Examen teilte man ihr mit, dass ihr als Frau das Ablegen der Prüfung nicht gestattet werden würde. Daraufhin beschloss sie, ein Architekturbüro zu eröffnen, und wurde damit ziemlich erfolgreich. Seither hat sich die Lage grundlegend gewandelt: 2010 betrug der Anteil der Absolventinnen 53 Prozent. Unter den beruflich Aktiven jedoch sind nur 27 Prozent Frauen. Das liegt erstens an der Überzahl der Männer in den älteren Jahrgängen und zweitens daran, dass wesentlich mehr Frauen als Männer den Architektenberuf wieder aufgeben. Nach einer Umfrage von 2010 waren von den Personen, die auf die Ausübung des Berufes in Deutschland „freiwillig“ verzichteten, 91 Prozent Frauen. Ähnlich verhält es sich in Europa. Die durchschnittliche Frauenquote im Architekturberuf beträgt in 23 europäischen Ländern 31 Prozent. Der Rückzug von Architektinnen aus dem Beruf bedeutet eine Verschwendung gesellschaftlicher Ressourcen und den Verlust fachlicher Kompetenz für die Profession. Individuell – bezogen auf die einzelne Frau – kommt er oft einer psychologischen Katastrophe gleich, weil eine lange und aufwendige Ausbildung sinnlos wird. Der Lebensentwurf und das Lebensziel, nämlich die Ausübung eines geliebten Berufes, lassen sich nicht verwirklichen – nicht etwa aus Unfähigkeit, sondern aus gesellschaftlich-sozialen Gründen. An den Hochschulen sieht es ähnlich aus. Bei der jeweils jüngsten Erhebung waren in Deutschland 19 Prozent der Architekturprofessoren weiblich, in Großbritannien 27 Prozent (allerdings einschließlich wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen und Lehrbeauftragter) und in der Schweiz im Jahr 2000 sogar nur sechs Prozent. In den USA waren 2009 von allen Architektur-Absolventen 42 Prozent weiblich, jedoch nur 25 Prozent der Berufstätigen sowie 17 Prozent der Eigentümer und Partner von Architekturbüros. Von den in Architekturbüros beschäftigten Personen sind 20 Prozent weiblich. Auch unter den Professoren ist nur jeder vierte weiblich. Eine bemerkenswerte Ausnahme macht die staatliche University of California in Berkeley bei San Francisco: Hier ist die Hälfte der Architektur-Professoren weiblich. Die Verfasserin dieses Textes führte mit den Professorinnen in Berkeley sowie zum Vergleich an der University of Southern California in Los Angeles Interviews zur Ausbildung und zur beruflichen Situation der Architektinnen. An beiden Hochschulen sehen Professorinnen und Professoren im „Starsystem“ der Architektur eine der zentralen Ursachen für den Rückstand. Eine über viele Jahrhunderte männlich geprägte Berufskultur erzeuge „Architekturstars“ von Michelangelo über Bernini und Le Corbusier bis zu Gehry – der an der USC Professor ist. Sie sind international bekannt. Das Ziel des Starsystems bestehe darin, deren Bauten so oft und so umfassend wie möglich in Büchern und Zeitschriften zu veröffentlichen sowie in anderen Medien zu präsentieren – so Professorin Dana Buntrock aus Berkeley. Es diene zum einen dazu, bekannt zu sein, um sich Auftragschancen zu erwirken, zum anderen aber zur Darstellung als Künstlerarchitekt mit einem ästhetisch herausragenden Werk, um sich so weit wie möglich unabhängig vom Einfluss der Bauherren und deren Zwängen zu machen. Die Grundlage des Starsystems bilden der Habitus des Künstlerarchitekten und das „architektonische Denken“. Dieses Berufsbild bildete sich in einem langen zivilisatorischen Prozess heraus und prägt international die Verhaltens- und Empfindungsstandards der Profession. Die daraus resultierende Ich-Identität manifestiert sich im Selbstbild eines rund um die Uhr einsatzbereiten Mannes, dessen Ideal darin besteht, gestalterisch hervorragende Architektur zu schaffen. Wollen Frauen im Starsystem erfolgreich sein, müssen sie den Habitus übernehmen. Zaha Hadid, die einzige Frau, die in Harvard im Rahmen einer Gastprofessur Entwerfen lehrte, berichtete schon Ende der 1980er-Jahre: Um als Architektin anerkannt zu werden, müsse man noch härter arbeiten als Männer, an jedem Wettbewerb teilnehmen, Tag und Nacht daran sitzen, immer den Stift in der Hand haben, um jeden Augenblick jeden Gedanken auf Papier bringen zu können. Geprägt wird dieser „Berufshabitus“ an den Hochschulen; eingeübt wird er in der Berufskultur der „totalen Hingabe an das architektonische Werk“ zusammen mit den Ritualen überlanger Arbeitszeiten. Dieser Empfindungsstandard vom „vereinnahmenden Kunstberuf“ erfordert es, das Privatleben dem Berufsleben unterzuordnen, und führt zum Konflikt zwischen einem Beruf mit solchen totalen Ansprüchen und einem Leben mit außerberuflichen sozialen Beziehungen oder gar Kindern. 1989 beschrieb die amerikanische Architektin Denise Scott Brown, Ehefrau und Büropartnerin von Robert Venturi, aus persönlicher Erfahrung das Starsystem und seine geschlechtsspezifischen Mechanismen der Vorurteile, Diskriminierung und mangelnden Anerkennung, die sich bis heute nicht grundsätzlich geändert haben. Nach Beobachtungen der Professorinnen in Berkeley und an der USC fühlen sich die Studentinnen während ihres Studiums sehr zufrieden, erleben dann aber den Praxisschock, der in den USA wie in Europa zum Verlassen des Berufes führt, den sie mit großen Einsatz und gutem Erfolg studiert haben – wie man international an den Noten der Abschlussarbeiten verfolgen kann. In Europa verdienen Architektinnen im Durchschnitt 32 Prozent weniger als ihre Kollegen. In Deutschland erhalten angestellte Frauen durchschnittlich 80 Prozent des ­Gehalts von Männern. Mit steigender Berufserfahrung wachsen sowohl in den USA als auch in Deutschland die Einkommensunterschiede der Geschlechter. Frauen haben unabhängig von ihrem ­Alter seltener leitende Positionen inne als männliche Angestellte. Ihre Überstunden werden werden häufiger als bei den männlichen Kollegen überhaupt nicht vergütet. In Europa wurden nach der Jahrtausendwende mehrere Studien erstellt, die Frauen im Beruf in der Schweiz, in Großbritannien und Deutschland untersuchen. Die Studie der Schweizerin Christina Schumacher „Zur Untervertretung von Frauen im Architekturberuf“ stellte 2004 fest: Nicht nur „Kleidung, Haarschnitt, Schreibutensilien, eine sorgfältige Aufmachung“ seien männlich konnotierte „Insignien der männlichen Stilfigur Architekt“, sondern ebenso die völlige zeitliche wie emotionale Unterordnung des Privatlebens unter das Berufsleben. Sie berichtet, dass in den Büros Frauen wie vermutlich auch Männer mit massivem Druck dazu gedrängt werden, Überstunden zu machen, Wochenenden durchzuarbeiten und auf Urlaub zu verzichten. Um einen unausweichlichen „Sachzwang“ handelt es sich bei dem Anspruch unbegrenzter Einsatzbereitschaft nicht. Die britische Studie „Warum verlassen Frauen die Architektur“ von Ann de Graft-Johnson, Sandra Manley und Clara Greed aus dem Jahr 2003 spricht von einem „Initiationsritual“ der „unzähligen Nachtschichten“, ohne die man als „whimp“ gelte, zu Deutsch als Schlappschwanz, und „folglich nicht für den Architektur-Beruf geeignet“. Susanne Korfmacher stellt 2005 in der „Studie zur berufsspezifischen Situation von Architektinnen in Niedersachsen“ an der TU Braunschweig fest, dass zum geringeren Lohn Diskriminierungen kommen. Sie machen Frauen im Beruf das Leben schwer– infolge des „erzkonservativ“ geprägten „Architektenmythos“. Fast 80 Prozent der von ihr befragten Architektinnen meinten, dass Frauen weniger zugetraut werde als Männern. Die Schweizer Studie fand offene Diskriminierung und Vorurteile vor allem auf der Baustelle, aber auch „am Sitzungstisch von Gremien, Behörden und Bauherrenschaften“. Auch die britische Studie berichtet von Vorurteilen und Diskriminierungen. Ein weiteres Problem sind die Empfindungsstandards hinsichtlich der Mutterschaft, die dem Architekten-Habitus am deutlichsten entgegensteht. Als vorhersehbares Karriererisiko ist sie nicht selten der Grund, den Beruf zu verlassen. Die britische und die deutsche Studie weisen nach, dass angestellte Architektinnen oft schon nach Bekanntgabe der Schwangerschaft nur noch zu Routinearbeiten eingesetzt werden. Sowohl Männer als auch Frauen vermeiden eine Erwähnung der Kinder im Büro, da das als unprofessionelle Schwäche ausgelegt werden könnte. Dabei werden in Deutschland und der Schweiz durchaus erfolgreiche Büros von Architektinnen mit Kindern geführt, zum Teil sogar in Teilzeit. Voraussetzung seien Verständnis und Unterstützung durch Lebenspartner oder (häufig weibliche) Büropartner. Was können nun die Universitäten tun? Es genügt offensichtlich nicht, durch die Vermittlung von Fähigkeiten und Kenntnissen allein zum Beruf zu befähigen. Stattdessen müssen sich die Universitäten vorausschauend mit der Frage der Berufsausübung befassen. Zurzeit finden sich Architektinnen infolge der beschriebenen Prozesse mit einem persönlichen Konflikt in der Praxis konfrontiert, den sie ganz allein lösen müssen. Diese Individualisierung ist falsch; es handelt sich um ein gesellschaftliches Problem, das wir alle lösen müssen. Die Forderung nach Gender-Veranstaltungen, die Geschlechterdifferenzen thematisieren, ist nicht sinnvoll, weil die Studentinnen die Gender-Thematik im Bewusstsein vollständiger Emanzipation ausgeblendet haben. Die Habitus-Änderungen müssen vielmehr aus dem inneren Kern des Berufes, dem Entwerfen und auch der Baukonstruktion, heraus konzipiert und realisiert werden. Was können die Berufsverbände tun? Sie können generelles Orientierungswissen sammeln und vermitteln. Das Beschreiten der hier (in Heft 8-2011 des DAB auf Seite 22 bis 24) dokumentierten Wege zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist unabdingbar notwendig. Aber sie stehen im Widerspruch zum Architektenhabitus, den langfristig herausgebildeten Verhaltens- und Empfindungsstandards des Künstlerarchitekten. Es wird schwierig werden, diese Wege umzusetzen, da sie sich gegen unbewusst wirksame Denk- und Handlungsschemata richten. Eine für die Übergangssituation denkbare Strategie könnte die Orientierung an anderen Akademikerinnen sein – zum Beispiel an den Gemeinschaftspraxen von Ärztinnen. Die Architekturbüros in Deutschland sind relativ klein. In 84 Prozent von ihnen sind nicht mehr als vier Personen in Vollzeit tätig, 41 Prozent sind Ein-Personen-Büros. Eine Untersuchung unter niedersächsischen Architektinnen von 2006 ergab, dass 64,1 Prozent der selbstständigen Architektinnen ihr Büro allein betrieben. Gemeinschaftsbüros haben vermutlich größere Chancen. Architektinnen und interessierte Architekten müssten sich zu mehreren zusammenschließen und würden möglicherweise damit zunächst eine parallele Arbeits-, Büro- und Denkstruktur entwickeln. In jedem Fall sind tief greifende strukturelle Veränderungen notwendig, die breit diskutiert werden sollten. Prof. Dr. Katharina Weresch ist Architektin und lehrt Architektursoziologie und Gender Studies an der Hafencity-Universität Hamburg – Universität für Baukunst und Metropolenentwicklung Ausführliche Literaturhinweise zum Thema finden Sie hier .  

Spreesprotten und Kreativpiloten

Auch Kindergärten bedürfen einer speziellen Projektentwicklung. Das Architekturbüro baukind hat sich darauf spezialisiert Text: Roland Stimpel Ist baukind ein Kindergarten oder ein Architekturbüro? Zwei fröhliche Kleine hüpfen um den Besprechungstisch, ein drittes liegt im Arm der Chefin Nathalie Dziobek-Bepler. Am Boden wird gespielt, auf dem Tisch geplant. Aber bald nach dem Mittag entmischt es sich doch – die wahre Kita „Spreesprotten“ ist nebenan. Kindgerecht ist nicht kindisch: Lilia Kleemann und Nathalie Dziobek-Bepler vereinen Fantasie und Strategie. Dziobek-Bepler konzentriert sich wieder ganz auf die Architektur ihres Büros baukind: die Einrichtung und den Umbau von Kindertagesstätten, zuletzt von fünfen zugleich. Scheinbar ein typisches Mütter-Hobby-Thema mit hohem Kuschelfaktor, wenig Innovation und hobbygemäß bescheidenem Verdienst. Aber die Planerin aus Berlin-Kreuzberg widerlegt das alles. „Kitas sind ein hoch komplexes Thema. Es geht um Pädagogik und Erzieher-Arbeitsorte, es gibt jede Menge Vorschriften und Förderbedingungen, und es gibt immer andere Nutzungswünsche, Raumkonstellationen und Gestaltungsoptionen.“ Und es gibt viel zu tun, denn Deutschland erlebt einen Kita-Boom. Überall fehlen Plätze; es gab und gibt Konjunkturpakete, ein 580 Millionen Euro schweres Kita-Bundesprogramm, obendrauf Kommunal- und Landesprogramme. Allein in Berlin fehlen 19.000 Plätze, vor allem für Kinder unter drei Jahren. Wer diese bis 2013 in der Stadt schafft, hat die Chance auf einen Zuschuss durch das Bundesland. Das Büro baukind, betrieben von Nathalie Dziobek-Bepler und der Designerin Lilia Kleemann, ist bestens im Geschäft mit einem Paket aus Beratung, Sonder- und normalen Architektenleistungen. Eine Initiative der Bundesregierung für Kreativwirtschaft hat das Büro als einen von 32 „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ prämiert; in einem regionalen Wettbewerb wurde es für den besten Businessplan ausgezeichnet. Räume für Entdecker: Kein Detail bei den „Spreesprotten“ ist zufällig – weder der Krabbeltunnel unterm Podest noch der Lampenschirm, der einst Vogelbauer war. Dabei begann alles ganz mütterlich-konventionell. Die „Spreesprotten“, zu denen Dziobek-Beplers Kinder gehörten, brauchten neue Räume. Ehrenamtliche Elternsache! Die damals noch in einem anderen Büro angestellte Architektin stürzte sich in den Dschungel aus Wünschen des Kita-Vereins, der Eltern, Erzieher und Kinder, aus Vorschriften der Bau-, Jugend- und Hygieneämter, aus Subventionsregeln und Mietrecht. „Nach einem Jahr haben wir festgestellt: Wir sind richtige Spezialistinnen geworden.“ Gesuchte Spezialistinnen. Viele Kita-Träger sind Elterngruppen, kleine Vereine, Betriebe oder Kirchengemeinden. Sie alle sind oft überfordert mit dem Finden und Herrichten der passenden Räume. Das beginnt bei der Frage, ob eine ins Auge gefasste Fläche überhaupt taugt und zulässig ist. Potenzielle Räume gibt es in Berlin noch viele. Es sind vor allem leer stehende Läden, im Moment ehemalige Schlecker-Filialen. Sie wollen rasch gemietet sein; zugleich brauchen die Träger aber Know-how in Themen, mit denen sich viele noch nie beschäftigt haben: amtlich geforderte Flächen, Sanitäreinrichtungen und Ausstattungen, Brandschutz, Fluchtwege, Unfallsicherheit und Barrierefreiheit, Bauzeiten und -kosten. „Binnen zwei Wochen soll alles zugleich passieren: Mietvertrag, Bauantrag, Fördergeld. Die meisten sind in der Phase total überfordert, wenn sie das selbst leisten wollen.“ Murmelbahn in der Fußleiste Erst nach diesen Vorleistungen, quasi der Projektentwicklung, beginnt die Architektenarbeit – die Raumproduktion für Alters- oder Nutzungsmischung, für Caterer oder kochende Eltern, fürs Toben und Kuscheln. Bewegungsflüsse spielen da eine Rolle, laute und leise Zonen, Bühnen und Verstecke, Mehr-Ebenen-Lösungen mit Podesten, Treppen und Betten. Dziobek-Bepler und Kleemann bieten auch hier eine Spezialität: Sie entwerfen selbst Möbel und Einrichtungsgegenstände, am liebsten solche mit Mehrfach-Funktion. Unterm Podest läuft ein Krabbeltunnel. In der Tür ist eine Kreidetafel; die Fußleiste ist dank einer Vertiefung auch Murmelbahn. An der amtlich vorgeschriebenen Heizkörper-Verkleidung kann man auch klettern. „Lilia hat einen unheimlich scharfen Blick fürs Detail“, lobt Dziobek-Bepler ihre Büropartnerin. Etwa 20 Prozent der Honorare entfallen auf Start- und Beratungsleistungen außerhalb der HOAI, das Übrige meist für raumbildende Ausbauten. Möbel und Einrichtungen sind wirtschaftlich noch ein Zukunftsthema. Diesen Markt beherrscht der Kita-Ausstatter „Wehrfritz“ noch mehr als Ikea den für junge Familien. „Wir sind nicht teurer, haben aber natürlich nicht den Ruf und den Vermarktungs-Apparat.“ Schon erhält baukind Anfragen aus ganz Deutschland. Das Büro expandiert; von Mütter-Hobby-Arbeit ist längst keine Rede mehr. Aber die Freude bleibt: „Von unserem Thema sind so viele Leute privat berührt. Wo immer wir hinkommen, erfahren wir Empathie für unsere Projekte.“

Foto: Marcus Ebener

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Kreative Aufbewahrungsbehälter

HolzbauPlus

In einem Wettbewerb prämiert das Bundeslandwirtschaftsministerium gelungene Bauprojekte, in denen nachwachsende Materialien auf Holzbasis auf innovative und gestalterisch anspruchsvolle Weise eingesetzt wurden. Ziel ist es, über den konstruktiven Einsatz von Holz hinaus weitere Naturbaustoffe in Form von Dämm- und Ausbaustoffen, Naturfarben, Fassadenlösungen und Innenraumgestaltungen als Teil einer gesamtheitlichen Planung darzustellen. www.holzbauplus-wettbewerb.info  

Biennale: Ramsauer lobt deutsche Architekten

Minister und Kurator: Muck Petzet erklärt den deutschen Pavillon, Peter Ramsauer lauscht. Bundesbauminister Peter Ramsauer unterstrich den Wert der Baukultur: Er eröffnete den deutschen Pavillon der 13. Internationalen Architektur-Biennale in Venedig und lobte dabei die hohe Qualität und Bedeutung deutscher Architektenleistungen. Er ging auch auf den deutschen Biennale-Beitrag „Reduce, Reuse, Recycle“ ein: „Die drei R´s stehen für ein neues Zusammenspiel von Alt und Neu in einer sich rasant verändernden Welt. Ich bin davon überzeugt, dass die architektonischen Strategien, die wir in Deutschland angesichts dieser Herausforderungen entwickeln, international interessiert wahrgenommen und diskutiert werden.“ Der vom Münchener Architekten Muck Petzet kuratierte Beitrag zeigt Beispiele für den sensiblen Umgang mit bestehenden Wohn-, Gewerbe- und öffentlichen Bauten. BAK-Präsident Sigurd Trommer kommentierte die Präsenz von Minister Ramsauer: „Wir freuen uns, dass der Bundesbauminister nach Venedig gekommen ist. Auf dieser internationalen Bühne gemeinsam mit Kammer- und Verbandsvertretern Position zu aktuellen architektonischen und städtebaulichen Themen zu beziehen, ist für die Architekten ein bedeutendes Signal.“

Jetzt online: Alle Zeichnungen und Skizzen, die uns erreicht haben

„Mit dem Bleistift überzeugen“ hieß es in unserer Dezember-Ausgabe 2009 . Denn die Handzeichnung hat auch im CAD-Zeitalter nicht ausgedient. Wer seine Ideen und Vorstellungen schnell mit dem Stift skizzieren kann, spart viel Zeit und wird Bauherren leichter überzeugen. Um ein Exemplar des „Sketch and Scrap Books“ von Eberhard Holder zu gewinnen baten wir Sie um eine Seite aus Ihrem Skizzenbuch. Rund 300 Beiträge kamen per E-Mail. Das Spektrum reicht von farbenfreudiger Malerei über pointierte Skizzen bis hin zu strengen Konstruktionszeichnungen. Bisher konnten wir die Skizzen aus technische Gründen nicht auf DABonline  präsentieren. Jetzt haben wir ein neues System und holen das an dieser Stelle nach.