Von zukunftsorientierten Wohnkonzepten und Meisterwerken

Wohnen mit Konzept Demografische Trends bestimmen auch das Zusammenleben. Zukunftsorientierte Wohnkonzepte stehen daher im Mittelpunkt der Publikationsreihe „Konzept“ der Architektenkammer Baden-Württemberg. Anhand von Beispielen aus Stadt und Land werden Bezahlbarkeit, das Zusammenleben mehrerer Generationen oder die soziale Stadterneuerung thematisiert. Ausgabe 2 zum Thema „Wie funktioniert Nachbarschaft?“ ist soeben erschienen. Das erste Heft über „Kommunale Beispiele mit Zukunft“ wird ebenfalls noch verschickt. Auch der Download ist hier möglich. Neu in der DGNB Die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer (BAK) Barbara Ettinger-Brinckmann ist am 28. Juni für die kommenden zwei Jahre in das Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) gewählt worden. Neu dabei ist außerdem Prof. Matthias Rudolph von der Transsolar Energietechnik GmbH und der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Die BAK ist seit diesem Jahr Mitglied in der DGNB. Zusammen leben Gemeinschaftliche Wohnkonzepte stehen im Mittelpunkt der Ausstellung „Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft“ im Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Anhand von großformatigen Modellen, Filmen und begehbaren Wohnungen im Maßstab 1:1 werden Beispiele aus Europa, Asien und den USA präsentiert. Dazu kommt ein Überblick über historische Vorläufer dieser Konzepte – von den Reformideen des 19. Jahrhunderts bis hin zur Hippie- und Hausbesetzerszene. Die Ausstellung läuft noch bis zum 10. September. www.design-museum.de Modernes Meisterwerk Die 1962 fertiggestellte Hamburger Großmarkthalle ist von der Bundesingenieurkammer als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“ ausgezeichnet worden. Die 40.000 Quadratmeter Grundfläche sind in drei Schiffe aus Stahlbetonschalen unterteilt, die von einem schwungvollen Wellendach verbunden werden. Diese große Geste gelang nur dank interdisziplinärer Zusammenarbeit der Architekten Bernhard Hermkes, Gerhart Becker sowie dem Büro Schramm & Elingius mit der Dyckerhoff & Widmann AG und dem leitenden Ingenieur Ulrich Finsterwalder. Alle bisher 20 Wahrzeichen sind zu finden unter: www.wahrzeichen.ingenieurbaukunst.de      

Käselaib und Kornkreis

Nicht jede Kunst gefällt jedem. Ist sie goldgelb und kreisrund, scheint der Konflikt vorprogrammiert.  Kunstkritik-Kritik: Heiko Haberle Eine Käsekrise erschütterte Münster in diesem Frühsommer. Sie entzündete sich nicht an einem Münsterkäse, sondern an baulichen Geschmacksfragen: Auf die Außenwand eines neuen Geschäftshauses am Stadthafen, das die Westfalenpost ignorant einen „grauen Zweckbau aus monotonem Sichtbeton“ nennt, hatte eine jung-dynamische Käserei ein großes Wandbild malen lassen. Es zeigte in hipsterhaftem Comic- Stil Tiere bei der Käseproduktion sowie einen Käse-Menschen beim Angeln von Käse-Fischen aus einem Käse-Meer. Aufmerksamkeit folgte prompt, wenn auch anders als gedacht. Der Architekt sah sein Urheberrecht Käselaib und Kornkreis Nicht jede Kunst gefällt jedem. Ist sie goldgelb und kreisrund, scheint der Konflikt vorprogrammiert verletzt und auch stilistisch missfiel das Werk: für die Hochkultur zu figürlich, für Street-Art zu kitschig. Der Slogan an der Wand „make cheese not war“ war schnell vergessen. Die örtliche BDA-Gruppe roch einen „vollkommenen Käse“ und die „Verhunzung einer ambitionierten Architektur“. Ausgerechnet im Jahr der Skulptur- Projekte sah man Münster „vor der internationalen Kunstwelt blamiert“. Aus der Käse liebenden Bürgerschaft schallte es via Westfalenpost zurück: „Als reine Betonmischer und Glasfassadenakrobaten haben diese Langweiler“ – gemeint sind Sie, liebe Architekten – „ihren Sinn für Farben und Freude am Leben schon lange verloren.“ Gesitteter ging es in Darmstadt zu, denn dort wählte man den ordentlichen Rechtsstreit bis zum Oberlandesgericht. Ein Bürohochhaus aus den 1960ern war in den 2000ern zum quietschbunten Studentenwohnheim umgebaut worden. Bürger und Lokalpresse empfanden die Neon-Farben und die vielen Objekte in Hundertwasser- Optik drum herum als Gewinn. Vom Architekten kam kein Widerspruch. Auf dem Dach hatte der Bauherr außerdem eine „Kornkreiskrone“ installieren lassen – ein Tableau aus miteinander verschmelzenden, goldenen Kreisen, die Bezug auf die Fibonacci-Folge nehmen. Ein 2016 auftretender neuer Hauseigentümer war der Zahlenmystik und der Esoterik jedoch weniger zugeneigt und entfernte die Krone – zu Unrecht, wie das Gericht feststellte, denn das Werk war für den Standort angefertigt worden und auf die Himmelsrichtungen abgestimmt. Letzte Hoffnung für den Eigentümer: Der Architekt des Hauses (oder seine Nachfahren) klagen mit Vorbild Münster gegen die Kornkreise. Bis auf Weiteres ist die Kunst in Darmstadt jedenfalls wieder da. In Münster ist sie weg.

Neue Abdichtungsnorm

Seit 1. Juli gelten für Bauwerksabdichtungen neue Normen. Was sich für die Planung und Ausführung der Abdichtung erdberührter Bauteile geändert hat.  Text: Uwe Wild Bauwerksabdichtungen wurden seit 1983 in der aus zehn Teilen bestehenden DIN 18 195 geregelt. Die Abdichtungsnorm beschreibt bewährte Abdichtungstechniken detailliert und wurde von Planern, Ausführenden und Sachverständigen als Richtschnur für die Ausführung und für die technische Bewertung von Bauwerksabdichtungen genutzt. Nach mehreren Überarbeitungen und Neufassungen wurde sie an die fortschreitende Entwicklung der Abdichtungstechnik angepasst und zum 1. Juli durch fünf einzelne neue Abdichtungsnormen – DIN 18 531 bis DIN 18 535 – ersetzt. Zeitgleich wurde die DIN 18 195 zurückgezogen und als reine Begriffsnorm neu herausgegeben. Die neuen Normen gliedern sich nicht mehr nach der Art der Wasserbeanspruchung, sondern bauteilbezogen nach ihrem Anwendungsbereich, wie in der Grafik oben dargestellt ist. Die bauteilbezogene Gliederung gewährleistet durch ihre übersichtliche Strukturierung eine bessere Handhabung und vereinfacht zukünftige Aktualisierungen. Planern und Ausführenden stehen damit nun in sich geschlossene Regelwerke zur Verfügung. Geltungsbereich und Gliederung Abdichtungen an erdberührten Wand- und Bodenflächen, im Wandquerschnitt und in Sockelbereichen sind jetzt gegen alle auftretenden Wassereinwirkungen in der DIN 18 533 geregelt. In die Norm wurden auch „erdüberschüttete Bauwerke in offener Bauweise“ aufgenommen. Wie die alte DIN 18 195 gilt auch die neue Norm für Neubauten und nicht für nachträgliche Bauwerksabdichtungen an Altbauten oder Denkmälern. Bei Sanierungen ist sie nur dann anzuwenden, wenn Verfahren am Altbau eingesetzt werden können, die in der neuen Abdichtungsnorm beschrieben sind. Die DIN 18 533 umfasst drei Teile: Teil 1 regelt „Anforderungen, Planungs- und Ausführungsgrundsätze“, Teil 2 die „Abdichtung mit bahnenförmigen Abdichtungsstoffen“ und Teil 3 die „Abdichtung mit flüssig zu verarbeitenden Abdichtungsstoffen“. In den stoffspezifischen Teilen 2 und 3 sind auch Regeln für Detailausbildungen, wie Durchdringungen, An- und Abschlüsse oder Bewegungsfugen, sowie Schutzschichten enthalten. Neu ist außerdem die Zuordnung der Abdichtungsstoffe und die verschiedenen Abdichtungsbauarten zu den folgenden Bemessungskriterien: Wassereinwirkungsklasse, Rissüberbrückungsklasse und Raumnutzungsklasse. Diese Zuordnung erfolgt für bahnenförmige Abdichtungsstoffe einschließlich der Anzahl der Lagen in Teil 2 und für flüssig zu verarbeitende Stoffe einschließlich der Schichtdicken in Teil 3. Kriterien für die Bemessung Die DIN 18 533 klassifiziert die Beanspruchungsarten nicht mehr nach der Dauer und Entstehungsart der Wassereinwirkung, sondern die Einteilung erfolgt in acht Klassen – und zwar bauteilbezogen und entsprechend der Intensität der Beanspruchung, siehe u.a. Tabelle zu den Wassereinwirkungsklassen. Ebenfalls neu sind Rissklassen, die bei der Auswahl der Abdichtungsbauart berücksichtigt werden müssen , siehe u.a. Tabelle zu den Rissklassen. Vorhandene Risse, die sich nach dem Aufbringen der Abdichtung in ihrer Breite verändern können, oder Risse, die neu entstehen können, muss der Planer einer der vorgegebenen Rissklassen R1-E bis R4-E zuordnen. Diesen Rissklassen stehen wiederum vier Rissüberbrückungsklassen (RÜ1-E bis RÜ4-E) gegenüber, die die rissüberbrückenden Eigenschaften der Abdichtungsbauarten sowie die spezifischen Eigenschaften der jeweiligen Abdichtungsstoffe definieren. Die Abdichtungsbauarten und Abdichtungsstoffe sind in den Teilen 2 und 3 der Norm jeweils bestimmten Rissüberbrückungsklassen zugeordnet. Die Rissüberbrückungsklassen korrelieren mit den Rissklassen. So darf zum Beispiel ein Bauteil mit einer Rissklasse R3-E nur mit einem Abdichtungsstoff und einer Abdichtungsbauart abgedichtet werden, die die Anforderungen an die Rissüberbrückungsklasse RÜ3-E erfüllen. Abdichtungsbauarten mit größeren Rissüberbrückungsklassen dürfen auch für kleinere Rissklassen eingesetzt werden. Die Anforderungen an die Abdichtung erdberührter Bauteile, die sich aus dem angestrebten Raumklima ergeben, spiegeln sich in der DIN 18 533 in den drei Raumnutzungsklassen RN1-E bis RN3-E wider. Die Raumnutzungsklassen beschreiben die jeweiligen Anforderungen an das Raumklima. Die Raumnutzungsklasse RN1-E liegt vor, wenn nur geringe Anforderungen an die Trockenheit der Raumluft bestehen – zum Beispiel bei offenen Lagerhallen oder Tiefgaragen. Durchschnittliche Anforderungen, wie sie typischerweise an Aufenthaltsräume gestellt werden, entsprechen der Raumnutzungsklasse RN2-E. In Magazinen für unersetzliche Kulturgüter bestehen besonders hohe Anforderungen an die Trockenheit der Raumluft. Diese Art der Nutzung ist der Raumnutzungsklasse RN3-E zuzuordnen. Bei der Planung der Abdichtung im Bereich von Bewegungsfugen müssen die unterschiedlichen Einwirkungen aus Lageänderungen im Flankenbereich in eine der fünf Verformungsklassen VK1-E bis VK5-E eingeteilt werden. Lageänderungen im Flankenbereich von Bewegungsfugen können in unterschiedlicher Richtung auftreten: senkrecht zur Abdichtungsebene durch Scherung und in Abdichtungsebene durch Dehnung oder Stauchung oder durch Verzerrung. Aus den in alle drei Richtungen maximal zu erwartenden Bewegungen ist die resultierende Verformung vr zu ermitteln. Beispielsweise ist nach DIN 18 533-1, Tabelle 9, bei einer resultierenden Verformung vr ≤ 20 Millimeter die Bewegungsfuge in die Verformungsklasse VK4-E einzuteilen, siehe u.a. Tabelle zu den Verformungsklassen. Abdichtungsstoffe und Bezeichnungen Die Verwendung von rissüberbrückenden mineralischen Dichtungsschlämmen (MDS) war in der Stoffnorm (Teil 2) und im Beiblatt 1 der „alten“ DIN 18 195 zwar aufgeführt, jedoch in den Ausführungsteilen für den erdberührten Bereich (Teile 4, 5 und 6) bisher nicht geregelt. In DIN 18 533, Teil 3, sind Bauwerksabdichtungen im erdberührten Bereich aus rissüberbrückenden mineralischen Dichtschlämmen mit allgemeinem bauaufsichtlichem Prüfzeugnis (abP) nach den Prüfgrundsätzen PG-MDS erstmals geregelt. Ebenfalls für den erdberührten Bereich neu geregelt wurden Abdichtungen mit Flüssigkunststoffen (FLK) aus Polymethylmethacrylatharz (PMMA), Polyurethanharz (PUR) und Polyesterharz (UP) mit allgemeinem bauaufsichtlichem Prüfzeugnis (abP) nach den Prüfgrundsätzen PG-FLK. Kunststoffmodifizierte Bitumendickbeschichtungen, bisher KMB, durften unter bestimmten Voraussetzungen nach „alter“ Norm bereits seit 2000 im erdberührten Bereich eingesetzt werden. Für diesen Abdichtungsstoff hat sich die Kurzbezeichnung geändert. Kunststoffmodifizierte Bitumendickbeschichtungen werden zukünftig mit dem Kurzzeichen PMBC (polymer modified bituminous thick coatings) bezeichnet. Mit der Änderung des Kurzzeichens erfolgte eine Anpassung an die Stoffnorm für kunststoffmodifizierte Bitumendickbeschichtungen, DIN EN 15814: 2015-03. Uwe Wild ist Sachverständiger für das Holzund Bautenschutzgewerbe sowie für das Bautrocknungsgewerbe in Brandis bei Leipzig. MEHR INFORMATIONEN:  Regelwerke DIN 18 533-1 „Abdichtung von erdberührten Bauteilen – Teil 1: Anforderungen, Planungs- und Ausführungsgrundsätze“, Stand 2017-07 DIN 18 533-2 „Abdichtung von erdberührten Bauteilen – Teil 2: Abdichtung mit bahnenförmigen Abdichtungsstoffen“, Stand 2017-07 DIN 18 533-3 „Abdichtung von erdberührten Bauteilen – Teil 3: Abdichtung mit flüssig zu verarbeitenden Abdichtungsstoffen“, Stand 2017-07 DIN 18 195 „Abdichtung von Bauwerken – Begriffe“, Stand 2017-07 DIN 18 195 Beiblatt 2, Stand 2017-07 DIN EN 15814 „Kunststoffmodifizierte Bitumendickbeschichtungen zur Bauwerksabdichtung – Begriffe und Anforderungen“, Stand 2015-03 Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Von der Moderne lernen

Gelungene Neuinterpretation: München, Nordhaide Drei Bücher widmen sich der Nachkriegsmoderne ganz unterschiedlich: ihrer Ästhetik, ihrer aktuellen Benutzung und ihrem Denkmalwert. Und ein Forschungsbericht zeigt, was wir aus den Großsiedlungen von damals lernen können Zu den Siedlungen der Moderne In deutschen Ballungszentren fehlen bezahlbare Wohnungen; nach Schätzung des Deutschen Mieterbundes müssten jährlich 400.000 gebaut werden. Es ist zu hoffen, dass zuvor die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts reflektiert werden. Eine aktuelle Studie liefert systematisches und gut aufbereitetes Material dazu. Zu Beginn wird der Siedlungsbau nach Jahrzehnten mit Beispielen vorgestellt, Vor- und Nachteile werden erklärt. Neben der Kurzanalyse der Leitbilder – von „Licht, Luft, Sonne“ über die „aufgelockerte Stadtlandschaft“ bis zu „Urbanität durch Dichte“ – fehlt auch nicht der Hinweis auf die „entscheidende Bedeutung der Belegungspolitik“ für den Erfolg eines neuen Stadtteils. Das Kapitel schließt mit dem Rückblick auf „Siedlungsbau der 1990er-/2010er- Jahre“, der sich allerdings auf Berliner Beispiele beschränkt und aufgrund des kurzen Zeitabstands weniger prägnant geraten ist. Der zweite Teil präsentiert prominente, differenziert bebaute Stadtteile der jüngeren Zeit in München, Wien und Berlin und stellt die Frage nach der Renaissance der Gartenstadt – wobei der wohlklingende Begriff nicht trennscharf definiert ist. Abschließend werden die städtebaulichen, wohnungspolitischen, wohnungswirtschaftlichen und planerischen Prinzipien zusammengefasst. Letzte, treffende Feststellung des lohnenden Parforceritts durch die deutsche Bauhistorie: einfach aufgeschrieben, aber schwer gemacht. Prinzipien für den Bau neuer Wohnsiedlungen, Schriftenreihe des Kompetenzzentrums Großsiedlungen e.V., Berlin, 2017, 40 Seiten, Bezug zum Versandkostenpreis unter: www.gross-siedlungen.de Zur Benutzung der Moderne Der Wohnungsbau der Moderne wird zwar vielerorts saniert, die „räumlichen Fesseln“ durch die meist vorbestimmten Grundrisse werden jedoch selten aufgesprengt. Wie mit einfachen Mitteln vielseitigere Strukturen machbar sind, wird anhand von (leider nicht allzu vielen) Beispielen gezeigt – sei es das Bürohaus, das zum Wohnhaus wird, der etwas offenere Grundriss oder die durchgesteckte Wohnung, die aus zwei kleineren entstand. Auch Lacaton Vassals mehrfach bewährtes Konzept der Erweiterung durch eine äußere Raumschicht darf nicht fehlen: hier als Studie für die Hochhausscheiben im Zentrum von Halle-Neustadt. Hinzu kommen Essays und Untersuchungen, etwa zu seriellen Bausystemen in Schweden oder zu Wohnungsbauprogrammen in Großbritannien, die – je nach Perspektive – gescheiterte Wohnmaschinen oder brutalistische Ikonen hervorgebracht haben. Erfrischend ist die Publikation, weil sie keine Angst vor dem Nutzer hat: Viele Fotos zeigen ganz durchschnittlich möblierte Wohnungen. Das robuste und nicht überästhetische Layout integriert diese Gebrauchsspuren ebenso wie herkömmliche Rot-Gelb-Pläne oder historische Fotos und Grundrisse, die mutig, aber nicht aufdringlich neonorange unterlegt sind. Dadurch gelingt die Wahrnehmung als ernst zu nehmendes Architekturbuch. Walter Nägeli, Niloufar Tajeri (Hg.), Kleine Eingriffe, Neues Wohnen im Bestand der Nachkriegsmoderne, Birkhäuser, Basel, 2016, 144 Seiten, 49,95 Euro Zum Schutz der Moderne Während die wichtigsten Bauten der 1950er-Jahre bereits geschützt sind, droht späteren Vertretern noch mancherorts der Abriss. Schlechte Instandhaltung oder schlicht ihre Größe lassen die historische und künstlerische Bedeutung verblassen – auch weil die Nachkriegsmoderne als Epoche noch nicht genau definiert werden kann und daher die Begrifflichkeiten für den Denkmalschutz fehlen. Das versucht ein Forschungsprojekt der Universitäten Dortmund und Weimar zu ändern. Im zugehörigen Buch geschieht das mit Texten, die Einblicke in die denkmalpflegerische Praxis oder die Arbeit von Architekturarchiven geben. Dazu kommen Beiträge zu baulichen Phänomenen, wobei auch der Brutalismus einbezogen wird. Es geht zu den Großstrukturen deutscher Universitäten, nach Polen und Großbritannien, aber auch ins westfälische Marl. Beiträge zu den gesellschaftlichen Randbedingungen, etwa dem Zuzug von Gastarbeitern und dem Wunsch nach dem Einfamilienhaus, ordnen das Baugeschehen ein. Den Abschluss machen denkmalpflegerische Fallbeispiele aus ganz Europa. Entstanden ist keinesfalls Fachliteratur für Denkmalschützer, sondern dank der Themenvielfalt, der vielen guten Fotos und des leichtfüßigen Layouts ein hoch spannendes Panorama. Frank Eckardt, Hans-Rudolf Meier, Ingrid Scheurmann, Wolfgang Sonne (Hg.), Welche Denkmale welcher Moderne?, Zum Umgang mit Bauten der 1960er- und 1970er-Jahre, Jovis, Berlin, 2017, 324 Seiten, 38 Euro Mehr Informationen zum Forschungsprojekt: www.welchedenkmale.info Zur Ästhetik der Moderne Nachdem sie in Ungnade gefallen war, wird die Nachkriegsmoderne wieder wertgeschätzt. Wie beeindruckend und geradezu unglaublich sie aber zu ihrer Entstehungszeit erschienen sein muss, verdeutlicht nun ein E-Book mit Fotos von Karl Hugo Schmölz. Beginnend mit den Ruinen des zerstörten Köln, erzählen die Bilder von einer Architektur, die wirtschaftlichen Aufbruch, gesellschaftlichen Fortschritt und den Glauben an die Demokratie verkörpert. Da wachsen Glaspaläste mit kühnen Treppenhäusern empor, glitzern Leuchtreklamen, eröffnen dynamisch geschwungene Tankstellen. Neben dem Blick auf den Wiederaufbau als Ganzes steht auch die Konzentration auf architektonische Ästhetik im Detail, denn Schmölz war Auftragsfotograf für Gottfried Böhm, Rudolf Schwarz oder Wilhelm Riphahn. Thomas Linden (Hg.), Karl Hugo Schmölz, Architekturfotografie der Nachkriegszeit, Artbookers, Köln, 2016, E-Book, 4,99 Euro Erhältlich über: www.artbookers.com Mehr Informationen und Artikel zum Thema „modern“ finden Sie in unserem DABthema modern

Keine Mängelrechte vor Abnahme

Foto: Fotolia Bei einem BGB-Bauvertrag können Mängel erst geltend gemacht werden, wenn eine Abnahme erfolgt ist. Der Bundesgerichtshof hat dazu Grundsatzurteile erlassen.  Text: Martin Leuschner Können Mängelrechte im BGB-Bauvertrag bereits vor der Abnahme geltend gemacht werden? Diese Frage war seit der Schuldrechtsreform 2002 in der Rechtsprechung und Literatur heftig umstritten. Eine Regelung gibt es im BGB – anders als in der VOB/B – dazu nicht. Mit den Grundsatzurteilen vom 19. Januar 2017 (Az.:VII ZR 301/13 und Az.: VII ZR 193/15) hat der Bundesgerichtshof (BGH) nun jüngst entschieden, dass Mängelrechte im BGB-Bauvertrag grundsätzlich erst nach Abnahme des Werks mit Erfolg geltend gemacht werden können. Unter „Abnahme“ ist die mit der körperlichen Entgegennahme des Werks verbundene Erklärung des Auftraggebers zu verstehen, die Werkleistung des Auftragnehmers als im Wesentlichen – bis auf geringfügige Mängel oder kleinere Restarbeiten – vertragsgemäß anzuerkennen. In beiden den BGH Entscheidungen zugrunde liegenden Fällen waren die Werkleistungen des Unternehmers mangelhaft (Terrassenbelag beziehungsweise Fassade). Eine Abnahme hatte jeweils nicht stattgefunden. Der Auftraggeber verlangte in beiden Fällen einen Kostenvorschuss zur Beseitigung der Mängel. In seinen Urteilsbegründungen macht der BGH deutlich, dass die Abnahme die entscheidende Zäsur zwischen dem Erfüllungs- und dem Gewährleistungsstadium darstellt. Mit der Abnahme beginnt regelmäßig die Verjährungsfrist, es tritt die Fälligkeit des Werklohns ein und die Beweislast für das Vorliegen von Mängeln geht auf den Auftraggeber über. Das Gericht weist darauf hin, dass das Werk erst bei Abnahme mangelfrei sein muss. Bis dahin dürfe der Auftragnehmer frei wählen, wie er den Anspruch des Auftraggebers auf mangelfreie Herstellung nach § 631 Abs. 1 BGB erfüllt. Könnte der Bauherr bereits in der Herstellungsphase, also während die Bauarbeiten noch laufen, Mängelrechte geltend machen, würde dies einen Eingriff in die Rechte des Auftragnehmers bedeuten. Nach Auffassung des BGH sei es für den Schutz der Interessen des Bauherrn in der Herstellungsphase ausreichend, dass er einen Anspruch auf Erfüllung des Vertrages, also auf eine mangelfreie Herstellung des Werks, habe. Zudem verbleiben dem Bauherrn die Rechte, Schadensersatz zu verlangen und vom Vertrag zurückzutreten. Der Herstellungsanspruch und der Nacherfüllungsanspruch, die beide die mangelfreie Herstellung des Werks zum Ziel haben, könnten nicht nebeneinander bestehen. Nur in bestimmten Ausnahmefällen soll der Auftraggeber nach Auffassung des Gerichts berechtigt sein, Mängelrechte nach § 634 Nr. 2 bis 4 BGB ohne beziehungsweise vor Abnahme geltend zu machen. Für Architekten, die mit der Bauüberwachung (LPH 8) beauftragt sind, folgt daraus, dass sie – soweit im Einzelfall möglich – beachten müssen, ob der Bauvertrag ihres Bauherrn nach den Regelungen des BGB geschlossen oder die Geltung der VOB/B vertraglich vereinbart wurde. Ferner müssen Architekten jederzeit im Blick haben, ob sich der Bauvertrag noch in der Erfüllungs- oder schon in der Gewährleistungsphase befindet. Dabei markiert die rechtsgeschäftliche Abnahme (§ 640 BGB bzw. § 12 VOB/B) die Trennlinie. Die Abnahme ist ausdrücklich zu erklären, in der Praxis erfolgt aber häufig eine stillschweigende Abnahme (konkludent), zum Beispiel durch die vollständige Zahlung der Schlussrechnung, oder es kommt zu einer fiktiven Abnahme, wenn der Auftraggeber zur Abnahme verpflichtet ist und innerhalb einer ihm gesetzten Frist die Abnahme nicht erklärt (§ 640 Abs. 1 S. 3 BGB, § 12 Abs. 5 VOB/B). Treten nun nach Abnahme innerhalb der Verjährungsfrist Mängel auf oder hat der Bauherr Mängel bereits bei der Abnahme festgestellt und sich seine Gewährleistungsrechte vorbehalten, stehen ihm beim BGB-Vertrag Mängelrechte nach § 634 BGB zu: Nacherfüllung (Nr. 1), Selbstvornahme und Aufwendungsersatz (Nr. 2), Rücktritt vom Vertrag beziehungsweise Minderung (Nr. 3) sowie Schadensersatz beziehungsweise Aufwendungsersatz (Nr. 4). Beim VOB-Vertrag sind die Gewährleistungsrechte in § 13 Abs. 5 bis 7 geregelt: Mängelbeseitigung (Abs. 5 Nr. 1), Selbstvornahme (Abs. 5 Nr. 2), Minderung (Abs. 6) und Schadensersatz (Abs. 7). Im Detail weichen die Voraussetzungen der VOB-Mängelrechte von den Regelungen des BGB ab. Vor Abnahme können nur im VOB/B-Vertrag die genannten Mängelrechte geltend gemacht werden. Im BGB-Vertrag kann dagegen vor dem Hintergrund der jüngsten BGH Entscheidungen der Auftragnehmer zunächst nur auf vertragsgerechte Erfüllung in Anspruch genommen werden. Zudem bestehen möglicherweise Schadensersatzansprüche wegen Nichterfüllung beziehungsweise, weil die Leistung nicht wie vertraglich vereinbart erbracht wurde, sondern mangelbehaftet ist (Schlechtleistung). Hinzu kommt die Möglichkeit, vom Vertrag zurückzutreten. Im Ergebnis muss sich der Auftraggeber beim BGB-Vertrag also entscheiden, ob er die Rechte aus dem Erfüllungsstadium oder aber die grundsätzlich eine Abnahme voraussetzenden Mängelrechte aus § 634 BGB geltend machen will. Ein faktischer Zwang des Auftraggebers zur Erklärung der Abnahme für ein objektiv nicht abnahmefähiges Werk besteht nach Ansicht des BGH hierdurch aber nicht. Architekten müssen über umfangreiche Kenntnisse zur Abnahme verfügen, denn sie befassen sich regelmäßig mit der Organisation der Abnahme der verschiedenen Bauleistungen und sprechen Abnahmeempfehlungen aus. Die Erklärung der rechtsgeschäftlichen Abnahme (mehr zum „korrekten Abnehmen“ hier) selbst obliegt dem Bauherrn und gehört normalerweise nicht zu den Aufgaben des Planers. Über die jüngste BGH-Rechtsprechung müssen Architekten trotzdem Bescheid wissen, wenn sie ihren Bauherrn beraten. Eine tiefer gehende juristische Beratung sollte allerdings nur ein Rechtsanwalt vornehmen. Martin Leuschner ist Syndikusrechtsanwalt bei der Architektenkammer Niedersachsen. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier 

Rückkehr der Ideologen

Am Hamburger Cityhof entspinnt sich ein prominenter Streit zwischen Gegnern und Befürwortern der Nachkriegsmoderne. Jetzt wurde der Wettbewerb für den Neubau entschieden – und wirft die Frage auf, ob eine „Stadtreparatur“ um jeden Preis sinnvoll ist.  Text: Claas Gefroi Der 1957 gleich neben dem berühmten Hamburger Kontorhausviertel eröffnete Verwaltungs- und Einzelhandelskomplex Cityhof von Architekt Rudolf Klophaus ist ein Fanal der Nachkriegsmoderne. Dass Klophaus hier, auf dem Gelände des einstigen Stadtwalls und unmittelbar angrenzend zum backsteinernen Chilehaus und Sprinkenhof, keine geschlossene Klinker-Blockrandwand, sondern eine offene Struktur mit vier hintereinandergestaffelten, die Lage am Geesthang nachzeichnenden, schneeweißen (heute leider mit Eternit verkleideten) Hochhausscheiben realisierte, war eine wegweisende Entscheidung: Das Projekt der Moderne wurde, nach der Zäsur von Nationalsozialismus und Krieg, wiederaufgenommen und fortgeführt. Klophaus suchte jedoch den Kontrast und knüpfte nicht an die lokalen Bautraditionen verpflichtete Schumacher-Schule, sondern an den Internationalismus der Weißen Moderne an. Dies geschah mit Augenmaß und Blick für den Ort. Natürlich entsprach der Cityhof dem Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt; doch konnte mit den Hochhausscheiben die Baumasse so geschickt verteilt werden, dass wichtige Sichtbeziehungen vom Klosterwall und vom Deichtorplatz auf das Kontorhausviertel erhalten blieben. Städtebau und Architektur der Nachkriegsmoderne waren, dies belegt der Cityhof eindrucksvoll, bei Weitem nicht so ideologisch und rigoros, wie es uns heute scheinen will, sondern durchaus sensibel und ortsspezifisch. Kinder ihrer Zeit: Auf der linken Seite der denkmalgeschützte Cityhof, auf der rechten der Siegerentwurf des Architekturwettbewerbs (KPW). Der Neubau soll auf acht Geschossen mehr Nutzfläche unterbringen, als die Hochhäuser derzeit aufweisen. Umso bedauerlicher ist es, dass die Hamburger Politik und Verwaltung hier nun, ungeachtet großer Proteste und mannigfaltiger Kritik aus Architekten- und Bürgerschaft, ein Exempel statuieren will. Der denkmalgeschützte Cityhof wurde 2016 verkauft mit dem Ziel, ihn abreißen und durch eine Neubebauung ersetzen zu lassen, die eine Rückkehr zur behaupteten Tradition von Blockrand und Backsteinmantel verspricht. Es ist nur dem Druck von Architektenkammer, Verbänden und Architektenpersönlichkeiten zu verdanken, dass die Investorenausschreibung noch um die Option erweitert wurde, den Bestand zu erhalten und weiterzuentwickeln. Das städtische Liegenschaftsamt tat das freilich zu Konditionen, die einen Erhalt wirtschaftlich unattraktiv machten. Dennoch bewarb sich ein Konsortium mit dem Architekten Volkwin Marg (gmp) mit einem solchen Vorschlag. Ihr Entwurf lag nach Punkten vorn, wurde allerdings wegen, wie es hieß, nicht unterschriebener Erklärungen disqualifiziert. Es gewann ein Neubau-Vorschlag. Kürzlich wurde nun der vom siegreichen Investor ausgelobte Architekturwettbewerb mit der Vorstellung der Entwürfe abgeschlossen. Der Siegerentwurf von KPW Architekten wurde besonders heftig in Tageszeitungen und Fachpresse kritisiert – Gert Kähler schrieb in der „Zeit” von „Angsthasenarchitektur“. Behutsame Alternative: der Entwurf von Volkwin Marg für Matrix Hochtief. Das Konsortium hatte sich beim Investorenwettbewerb (der die Grundlage für den Architekturwettbewerb legte) mit dem Vorschlag beworben, den Altbau zu erhalten. Nicht besser oder schlechter – anders Doch eine Kritik an den Architekten und ihren Entwürfen ist zu billig. Die Teilnehmer konnten schließlich nur in dem gesetzten Rahmen agieren, der aus den Bedingungen des Investorenwettbewerbs resultierte. Und der gab vor, eine enorme Nutzfläche, noch höher als die des jetzigen Cityhofs, in Gebäuden unterzubringen, die mit acht Geschossen nicht höher sein dürfen als die benachbarten Kontorhäuser. Ebenfalls gewünscht: Blockrandbebauung und dunkler Klinker. Alles, was an den Entwürfen nun kritisiert wird – immense Volumen, enge, dunkle Höfe, endlose Ziegelfassaden, Anbiederung an die Kontorhausarchitektur – müsste also an die Stadt als Ausloberin des Investorenwettbewerbs adressiert werden. Das neue „Quartier am Klosterwall“ zeigt so vor allem eines: Es fehlt eine Debatte darüber, ob es wirklich sinnvoll ist, auch in stark von der Moderne geprägten Gebieten partout „Stadtreparatur“ zu betreiben und eine Rückkehr zur „europäischen Stadt“ einzuleiten. Der Cityhof ist keine „Wunde“, die geheilt werden, kein „städtebaulicher Irrtum“ – wie es Oberbaudirektor Jörn Walter einmal formulierte – der korrigiert werden muss. Er ist, trotz seiner jahrzehntelangen Verwahrlosung und Verschandelung durch die Stadt, ein bedeutendes Zeugnis einer Epoche, die ein anderes städtisches Leitbild hatte als unsere – kein besseres, kein schlechteres, sondern einfach ein anderes. Am Beispiel Hamburg zeigt sich, dass unsere Zeit immer weniger bereit oder fähig ist, Brüche und Vielschichtigkeit im Stadtbild zu schätzen oder zumindest auszuhalten. Viele wichtige Bauten der Hamburger Nachkriegszeit sind bereits verschwunden: das Millerntor-Hochhaus und der Astra-Turm auf St. Pauli, die BP-Zentrale in der City Nord. Demnächst fallen die Commerzbank, das Allianz-Hochhaus in der Altstadt, die Oberpostdirektion in der City Nord und das Hermes-Hochhaus in Altona – allesamt eindrucksvolle, teilweise unter Denkmalschutz stehende Bauten von namhaften Architekten. Anderes wird erhalten und teils sensibel saniert, dann aber fast immer um den Preis von gewinnmaximierenden „Mantelbebauungen“ auf dem Grundstück: Das ehemalige Polizeipräsidium am Berliner Tor, das einstige Unilever-Hochhaus, die vormaligen Hochhäuser von Spiegel und IBM sind heute von Neubauten umstellt, die die Sicht auf die Solitärbauten verstellen und ihre städtebauliche Wirkung und Bedeutung beschädigen. Gewiss sind dies Einzelfallentscheidungen mit unterschiedlichen Begründungen, an denen wechselnde Akteure beteiligt waren. Es gibt in Hamburg kein explizit formuliertes Städtebau-Programm für eine Rückkehr zur Stadt des 19. Jahrhunderts in der Formensprache des 21. Jahrhunderts. Doch in der Summe drängt sich der Verdacht auf, hier würden noch immer Rechnungen beglichen und Kämpfe um Leitbilder und Ideologien geführt – von einer heute bestimmenden Politiker- und Städtebauergeneration, die einst selbst die Vätergeneration für ihren Dogmatismus und ihre Starrsinnigkeit kritisierte. Junge Planer, die heutigen Studenten und Absolventen der Architektur und Stadtplanung, haben einen ganz anderen, frischen und interessierten Blick auf die Nachkriegsmoderne. Sie schließen sich zu Initiativen für ihren Erhalt zusammen und müssen dennoch ohnmächtig mitansehen, wie ein Bauwerk nach dem anderen fällt. Die Chance, dass die junge Generation dieses Erbe neu bewertet und sich aneignet, wird gerade verspielt. Claas Gefroi ist freier Autor sowie Presse- und Öffentlichkeitsreferent der Hamburgischen Architektenkammer. Der Text gibt ausschließlich seine persönliche Meinung wieder. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „modern“ finden Sie in unserem DABthema modern

Starkes Duo

Holz-Beton-Verbund in Trockenbauweise: Beton-Fertigteilplatten werden über spezielle Verbinder und Schrauben trocken mit den Holzbalken „zusammengespannt“. Holz-Beton-Verbund-Decken dienten ursprünglich der Sanierung von Holzbalkendecken. Inzwischen wurde die Bauweise in verschiedenen Konstruktionsarten bis hin zur Kombination mit Beton-Fertigteilen für den Einsatz in Neubauten weiterentwickelt.  Text: Susanne Jacob-Freitag Holz-Beton-Verbund-Decken können eine gute Alternative zu reinen Stahlbeton- oder Holzdecken sein. Die Bauweise geht auf die Idee zurück, die Vorteile beider Baustoffe zu kombinieren: Holz übernimmt die Zug-, Beton die Druckkräfte. Wichtigster Bestandteil, um die schubfeste und tragfähige Verbundwirkung herzustellen, sind die zwischen Holz und Beton eingesetzten Verbindungsmittel. Eine relativ einfache Lösung stellen zum Beispiel Schrauben dar, die senkrecht oder gekreuzt und versetzt in die Deckenbalken oder die Deckenplatte eingebracht werden. Nach diesem Prinzip erfolgten auch die ersten Anwendungen der Bauweise bei der Sanierung von Holzbalkendecken, wenn beispielsweise deren Tragfähigkeit erhöht werden musste, die Decken nicht ausreichend steif waren oder ein ungünstiges Schwingungsverhalten zeigten. Altbaudecken bestehen in der Regel aus einer Balkenlage mit einer durchlaufenden Schalung, einem Zwischenboden mit einer Auffüllung aus Sand oder Schlacke und einer Gips- oder Holzunterdecke. Um die Konstruktion beim späteren Aufbetonieren trocken und dicht zu halten, wird zunächst eine Trennlage, meistens eine PE-Folie, auf der Decke verlegt. Anschließend können die Verbundschrauben paarweise versetzt und für eine optimale Verbundwirkung schräg, zum Beispiel unter 45 Grad, durch die oberste Schalplatte in die Holzbalken eingedreht und das Ganze nach Ergänzung weiterer Bewehrungselemente mit Beton vergossen werden. Durch die Verbindung der Holzbalken mit der Betondecke ändert sich das lineare Biegetragverhalten der Holzbalken und geht in ein kombiniertes flächiges Tragverhalten über, was die Steifigkeit der Decke erhöht. Zudem lässt sich mit der Holz-Beton Verbund-Bauweise (HBV) durch die zusätzliche Masse der Schall- und Brandschutz erhöhen. Nach unzähligen solcher Renovierungen sind HBV-Konstruktionen eine ausgereifte und bewährte Bauweise, die in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich weiterentwickelt wurde. Der Fokus lag dabei auf Innovationen der Verbindungselemente als Schnittstelle zwischen Holz und Beton, deren Steifigkeit und Form es zu verbessern galt. Etabliert sind mittlerweile drei Möglichkeiten für den Holz-Beton-Verbund: mithilfe von Schrauben, durch Formschluss oder durch Kleben. Begleitend dazu wurden auch neue Methoden zur Herstellung der Decken erarbeitet. So sind heute vorproduzierte Fertigteilelemente für Neubauten verfügbar. Ihr Einsatzgebiet erstreckt sich aktuell auf den mehrgeschossigen Holzbau. Die HBV-Decken eignen sich aber ebenso gut für den Massivbau. Im Vergleich zu Stahlbetondecken ist ihre Aufbauhöhe niedriger, es wird, je nach Konstruktionsvariante, weniger beziehungsweise keine Feuchtigkeit ins Gebäude gebracht, und wie erste Erfahrungen zeigen, sind die Konstruktionen auch kostengünstiger. Daher lohnt es sich, projektbezogen deren Einsatzmöglichkeiten zu überprüfen. Erstmals Beton-Fertigteile eingesetzt Als neu gebaute Projektbeispiele haben besonders zwei Gebäude die Aufmerksamkeit auf sich gezogen: der achtgeschossige LifeCycleTower (LCT One) in Dornbirn und das fünfgeschossige Verwaltungsgebäude Illwerke Zentrum Montafon (IZM), beide in Österreich und beide von Hermann Kaufmann Architekten und beides Holzskelett Konstruktionen. Zur Herstellung der HBV-Decken wurde hier der Beton noch mithilfe einer Schalung nass auf den Balken vergossen, um über Nocken und Stahlverbinder beziehungsweise Kerben und Schrauben den Verbund herzustellen. Für das zweigeschossige Bürogebäude der Firma Wagner  im österreichischen Nüziders haben Hermann Kaufmann Architekten die Deckenkonstruktion dann weiterentwickelt. Zum Einsatz kamen Beton-Fertigteilplatten, die über spezielle Fertigteil-Verbinder, kurz FT-Verbinder, in Trockenbauweise mit den Holzbalken auf der Baustelle verbunden wurden. Damit steht eine wirtschaftliche und hocheffektive Bauweise zur Verfügung, die zudem als Einzige gar keine Feuchtigkeit ins Gebäude trägt. Den trockenen Verbund ermöglichen die FT-Verbinder in Kombination mit selbstbohrenden Schrauben; zusammen sorgen sie dafür, dass Betonplatte und Holzbalken kraftschlüssig und schubfest miteinander verbunden sind. Dabei dient der FT-Verbinder als Platzhalter, das heißt, er hält beim Betonieren der Fertigteilplatte den Weg für die später einzudrehende Schraube frei, sowie als Führungshülse. Auf diese Weise kann die Decke insgesamt als Scheibe ausgebildet werden und Horizontalkräfte über die Fertigteilplatten aufnehmen. Die hier im Vergleich zu herkömmlichen stiftförmigen Verbindungsmitteln größeren Schraubendurchmesser und -längen, kombiniert mit dem flachen Einschraubwinkel (30 Grad), erhöhen die Tragfähigkeit der Einzelverbindung so, dass die Gesamtzahl der erforderlichen Verbinder im Vergleich zu klassischen HBV-Decken mit diagonal eingedrehten Schrauben im Nassbetonverguss um zwei Drittel reduziert werden kann. Nach dem Verschrauben weist die HBV-Decke ihre volle Tragfähigkeit auf. Durch die trockene Montage erübrigt sich zudem der Einbau einer Trennlage. Auch ein aufwendiges Abstützen der Holzkonstruktion samt Schalung oder Aushärtezeiten auf der Baustelle fürs Abbinden des Betons sind passé. Die Idee war außerdem, durch die separate Herstellung der Holzbalken und der Betonplatte eine Trennung der Gewerke nach Holz- und Betonbau zu erreichen. Vorgefertigte Holz-Verbundwerkstoffe reduzieren Montagezeit Im Nationalparkzentrum „Haus der Berge“ in Berchtesgaden wurde aufgrund der bis zu 16 Meter großen Spannweiten, der hohen Verkehrslasten und der besonderen Schallschutzanforderungen eine HBV-Decke in Form eines Plattenbalkens eingesetzt. Zur Herstellung der Decke wurden 40 Millimeter dicke OSBPlatten (OSB 4 TOP) werkseitig über eine Schraubpressklebung mit je vier Brettschichtholz- Trägern zu 2,50 Meter breiten und bis zu 16 Meter langen Pi-Platten-Elementen verbunden. Die Oberseite der OSBPlatten wurde mit Schrauben sowie quer zu den Brettschichtholz Trägern eingefrästen Kerben versehen. Nach dem Betonieren vor Ort verzahnt sich der Beton mit der Platte und den Schrauben, sodass sich bei Belastung der Decke die Betonstreifen in den Kerben verkanten. Dieses Zusammenspiel ermöglicht der Betonplatte, große Kräfte aufzunehmen, sodass die zur Kraftübertragung notwendigen Schrauben kleiner ausfallen können und der Materialbedarf sinkt. Ein anderes Anwendungsbeispiel ist das „House of Natural Resources“ (HoNR) auf dem Gelände der ETH Zürich in der Schweiz. Der als Bürogebäude und Forschungslabor für nachhaltiges Bauen dienende Neubau erhielt unter anderem eine Holz-Beton-Verbund Decke aus Buchen- Furnierschichtholz, kurz „Baubuche“ genannt. Wie beim „Haus der Berge“ liegt auch hier der Vorteil darin, dass die Platte als verlorene Schalung dient und so keine weitere Oberflächenbehandlung der Deckenunterseite mehr erfordert. Der Verbund mit dem Beton erfolgt über eine mechanische Verzahnung mittels 15 Millimeter tiefer Kerben. Die Kosten für die Baubuche-Beton-Verbunddecke mit nur vier Zentimetern Holzdicke der Buchenholzplatte und zwölf Zentimetern Betonschicht belaufen sich auf etwa 135 Euro pro Quadratmeter (Angabe eines Planers Anfang des Jahres 2016). Zurzeit wird dieser Deckentyp gerade bei den vier- und fünfgeschossigen Wohngebäuden in Holzhybridbauweise am Pistoriusplatz in Berlin eingesetzt. Aus gestalterischen Gründen wurden hier lediglich Baubuche-Platten mit einer anderen Oberflächenoptik gewählt. Die Holz-Beton-Verbund-Decken mit einer sechs Zentimeter starken Baubuche-Platte und einer zwölf Zentimeter dicken Betonschicht überbrücken eine Spannweite von sechs Metern. Statt der Baubuche-Platten wurden für diese Art der Deckenkonstruktion bislang Platten aus Brettschichtholz oder Brettsperrholz (BSP) verwendet. Daher sind inzwischen zahlreiche, von BSP-Herstellern und Ingenieurbüros entwickelte Deckensysteme verfügbar. Dipl.-Ing. (FH) Susanne Jacob-Freitag ist freiberufliche Baufachjournalistin in Karlsruhe. MEHR INFORMATIONEN: Villa Hupfeld, Leipzig, Altbausanierung, Ortbetonplatten zwischen und oberhalb der Holzbalken

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Im Rahmen einer umfangreichen Sanierung haben die Architekten die rund 1.800 Quadratmeter Nutzfläche der Villa Hupfeld in Gohlis-Süd, das einstige Zuhause des Leipziger Musikfabrikanten Ludwig Hupfeld, in ein Wohnhaus mit drei exklusiven Wohn- und zwei Büroeinheiten von 280 bis 480 Quadratmetern Fläche umgebaut. Dazu wurden die alten Holzbalkendecken des Gründerzeitbaus mit zwei Varianten einer Holz-Beton-Verbund(HBV)-Konstruktion des Systems von Elascon ertüchtigt: eine Aufbauhöhe sparende Version mit Betonplatten zwischen den Holzbalken des Bestands und eine klassische mit einer Betonplatte oberhalb der Balken. Im ersten Fall werden die diagonal eingebauten Stahl-Verbundschrauben seitlich in die Holzbalken geschraubt, im zweiten wie üblich auf den Balken. Damit war es möglich, die Höhe der Bodenaufbauten – wo erforderlich – so schlank zu gestalten, dass der Bestandsschutz erhalten blieb, und dennoch eine aussteifende Wirkung zu erreichen. Für die Tragschicht kam ein leichtverdichtender, weitgehend selbstnivellierender und speziell auf die Verbundstruktur abgestimmter Beton zum Einsatz, der die Verbundschrauben samt Zulagebügel und konstruktiver Grundbewehrung beim Einbringen flüssig umschließt. Bauherr: Trumm & Siebert GbR, D-04105 Leipzig Architektur: FCA Dr. Fischer Community of Architects GmbH, D-99423 Weimar, www.fca-consult.com Holz-Beton-Verbund-System: Elascon GmbH, D-79183 Waldkirch, www.elascon.de Bürogebäude Firma Wagner, Nüziders (Österreich), HBV-Decke mit Betonfertigteilen

FirmaWagner

Hermann Kaufmann Architekten bauten für die Firma Wagner in Vorarlberg (Österreich) ein zweigeschossiges Bürogebäude mit der Option, ein drittes Geschoss aufzustocken. Eine Herausforderung stellte das Gewicht des Neubaus dar, der ein vorhandenes Kellergeschoss als Fundament nutzt. Hier kam nur ein Leichtbau aus Holz in Frage. Eine Möglichkeit, Lasten zu reduzieren, lag außerdem in der Minimierung der Gebäudehöhe durch möglichst schlanke Deckenkonstruktionen. Die Lösung bot eine Brettschichtholz-Skelettkonstruktion mit Holz-Beton-Verbund(HBV)-Decken aus Holzbalken und Beton-Fertigteilplatten. Das Besondere an den Decken: Die HBV-Konstruktion, die nicht nur alle Schall- und Brandschutzanforderungen erfüllte, sondern auch Heizen und Kühlen in der Betonplatte integriert, ermöglichte es zudem, die Betonplatte als Fertigteil vorzuproduzieren und den schubfesten Verbund mit den Brettschicht-Holz-Balken vor Ort in Trockenbauweise herzustellen. Spezielle Schrauben koppeln mithilfe von Fertigteil(FT)-Verbindern die Platten mit den Holzbalken. Bauherr: Wagner GmbH, A-6714 Nüziders, www.wagnertec.at Architektur: Hermann Kaufmann ZT GmbH, A-6858 Schwarzach, www.hermann-kaufmann.at Systementwickler: Ulrich Forster, früher CREE jetzt BHM INGENIEURE, A-6800 Feldkirch, www.bhm-ing.com Entwicklung FT-Verbinder: SWG Schraubenwerk Gaisbach GmbH, Geschäftsbereich Produktion, D-74638 Waldenburg, www.swg-produktion.de Tragwerksplanung Holz und Konstruktion: SWG Schraubenwerk Gaisbach GmbH, Geschäftsbereich Engineering, Henning Ernst, Rolf Malthaner, D-76761 Rülzheim, www.swg-engineering.de Nationalparkzentrum „Haus der Berge“, Berchtesgaden, HBV-Sonder-Konstruktion für 16-Meter-Spannweite

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Die großzügig angelegten Ausstellungsbereiche des Nationalparkzentrums „Haus der Berge“ in Berchtesgaden erforderten zum Teil große Deckenspannweiten bei gleichzeitig hohen Verkehrslasten von 5 kN/m² (öffentliche Gebäude) und hohen Schallschutzanforderungen. Von allen Decken im Gebäude stellte die Geschossdecke über dem Erdgeschoss um die sogenannte „Bergvitrine“ herum die größte Herausforderung dar. Hier mussten verschiedene Zusatzlasten aufgenommen und Spannweiten bis zu 16 Metern überbrückt werden. Das war mit üblichen Holzwerkstoffplatten zur Herstellung einer Holzbalkendecke als Tragschalung der Holz-Beton-Verbund-Konstruktion nicht mehr zu bewerkstelligen. Dafür fanden die Planer eine hochtragfähige Lösung in einer außergewöhnlichen Materialkombination für Holz-Beton-Verbund(HBV)-Decken: 40 Millimeter dicke OSB-Holzwerkstoffplatten (EUROSTRAND OSB 4 TOP: Z-9.1-566) auf Brettschichtholz-Trägern und Beton. Zur Herstellung des erforderlichen Verbunds zwischen den Pi-Platten aus Holz und dem Beton erhielten die OSB-Platten auf der Oberseite Schrauben sowie zehn Zentimeter breite und zwei Zentimeter tiefe Einfräsungen, sogenannte Kerben. Nach der Montage und dem Betonieren vor Ort verzahnt sich der Beton mit der Platte und den Schrauben. Bauherr: Freistaat Bayern – Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit, vertreten durch das Staatliche Bauamt Traunstein, D-83278 Traunstein, www.stbats.bayern.de Entwurf: Staatliches Bauamt Traunstein Ausführungsplanung: Leitenbacher Spiegelberger Architekten BDA, D-83278 Traunstein (keine Website) Tragwerksplanung: Seeberger Friedl & Partner, D-94469 Deggendorf / D-84347 Pfarrkirchen, www.sfp-ingenieure.de Objektüberwachung: Karl Sollerer Bauleitungsbüro, D-84559 Kraiburg a. Inn, www.ks-baucontrol.de Holzbau-Unternehmen: müllerblaustein Holzbau GmbH, D-89134 Blaustein, www.muellerblaustein.de OSB: EGGER Holzwerkstoffe Wismar GmbH & Co. KG, D-23970 Wismar Wismar, www.egger.com Panoramahaus, Friedrichshafen am Bodensee, HBV-Decke mit Brettschichtholz-Platten und Ortbetonverguss

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In Friedrichshafen am Bodensee steht seit 2016 ein fünfgeschossiger Holzbau in pittoresker Hanglage mit Seeblick. Das als Mehrgenerationenhaus ausgewiesene Gebäude mit einer Länge von knapp 45 Metern und einer Breite von rund 23 Metern hält 19 Wohnungen unterschiedlicher Größe bereit und ist im Passivhausstandard errichtet. Der Wohntrakt gliedert sich in zwei unterschiedlich große Gebäudeteile mit je vier Vollgeschossen und einem fünften, zurückspringenden Staffelgeschoss. Während die diffusionsoffen konzipierte Gebäudehülle aus vorgefertigten Holztafelbauelementen besteht, setzte man bei den Geschossdecken auf ein Holz-Beton-Verbundsystem; den Holzpart übernehmen dabei Brettschichtholz-Platten. Die Verbindung der Holz-Beton-Verbunddecken mit den Brettsperrholz-Wänden erfolgte mit Holzbauschrauben und über Kerben – in die Unterseite der Brettschichtholz-Platten eingefräste Ausschnitte, die in einem Arbeitsschritt beim Betonieren der Verbunddecken direkt mit vergossen wurden. Die Aussteifung des Panoramahauses wird in Gänze über den Holzbau sichergestellt: mittels der aussteifenden Wohnungstrennwände aus Brettsperrholz und der Holz-Beton-Verbunddecken, die die Schubkräfte an die Wandscheiben über Schubnocken weiterleiten. Bauherr, Bauträger, Generalunternehmer; Werkplanung, Herstellung und Montage Holzbau: müllerblaustein Holzbau GmbH, D-89134 Blaustein, www.muellerblaustein.de Architektur: Ecorumi, D-88045 Friedrichshafen, www.ecorumi.de Statik: Pirmin Jung Deutschland GmbH, D-53489 Sinzig, www.pirminjung.de Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier  

Die Riesen zähmen

Auf Kirchturm-Niveau: Nach Protesten wurden die Münchner „Friends“ von Allmann Sattler Wappner von 120 auf 53 Meter umgeplant. Typologien der Nachkriegsmoderne – Hochhäuser, Megastrukturen – werden vielerorts wieder salonfähig. Zu Recht, oder droht ein Rückfall in alte Fehler? Text: Christoph Gunßer Anfang der Siebzigerjahre vollzog sich nicht weniger als ein Epochenbruch: Auf einen unvergleichlichen Baurausch der Nachkriegszeit, der riesige neue Zentren, Satellitenstädte und Infrastrukturen hervorgebracht hatte, folgte ein Kater, wie ihn die Architektenschaft bis dahin nicht gekannt hatte. Führende Köpfe der Zunft formulierten reumütig, was sie künftig anders machen wollten. Ein Protagonist, der diesen Bruch in seinem Werk glaubhaft begründet und vorher wie nachher erfolgreich gebaut hat, war der im vorigen Jahr verstorbene Hermann Schröder, 1975–1996 Professor für Gebäudelehre und Entwerfen an der TU München. Seit dem Ende der Fünfzigerjahre entwickelte er mit Roland Frey und Peter Faller großformatige Terrassensiedlungen in Form von „Wohnhügeln“, von denen er einige in Marl und Stuttgart realisierte. Das Team verstand sie als humane Alternative zu anonymen Hochhäusern, die damals gegen die „große Landzerstörung“ propagiert wurden. Rückblickend bezeichnete Schröder die Wohnhügel-Planungen indes in der Deutschen Bauzeitung als „sozialräumlich falsch, weil sie nur von der Organisation der Wohnungen her entwickelt waren. Der Bezug zum öffentlichen Raum war nicht gegeben … Da entsteht kein Raum und keine Stadt. Man braucht eine Differenzierung von öffentlichen Räumen und privaten Räumen, braucht Zonungen, um einen Organismus entstehen zu lassen.” Fortan profilierte er sich mit sehr viel kleinteiligeren Projekten, die stärker das soziale Miteinander fördern sollten. Schröder gilt als Vater der viel beachteten bayerischen Siedlungsmodelle der Achtziger- und Neunzigerjahre. „Superzeichen“ für die Reichen Blickt man auf die aktuelle Bauproduktion, scheinen Kater und Einsichten jener Jahre vielerorts vergessen. Deutschland ist erneut im Baurausch. Und was besonders hervorsticht, sind Hochhausprojekte: 79 neue Wohnhochhäuser mit knapp 10.000 Wohnungen zählte der Focus kürzlich. Bei näherem Hinsehen haben die Türme eine ganz andere Zielgruppe als in den Sechzigern, wo vor allem die Opfer der Flächenabrisse in den Kernstädten in die „Affenfelsen“ umgesiedelt wurden – mit den absehbaren sozialen Problemen, die zu einer breiten Ablehnung von Hochhäusern führten. Heute handelt es sich bei den aufwendig beworbenen Projekten um reine Eigentumsprojekte für Wohlhabende. Architekten bemühen sich um differenzierte Baukörper, individuelle Grundrisse und hochwertige Materialien. Doormen und Dienstleistungen gehören meist dazu. Geht die „Gated Community“ damit in die Vertikale? „Die Villa ist verschwunden“, bestätigt der einflussreiche Freiburger Stadtplaner Klaus Humpert, 87, der einst die Qualitäten der parzellierten Stadt wiederentdeckte und erfolgreich auf Neubauviertel anwandte. Er kann den Hochhaus-Boom verstehen. „Die Leute wollen keinen Garten mehr.“ Sie verreisten lieber und suchten pflegeleichte Angebote. Ihre Freunde lebten nicht in derselben Straße, sondern weit verstreut. Zudem verlangten die Städte nach „Superzeichen“, um ihr Stadtbild aufzuwerten. „Nur kleine Leute brauchen kleine Häuser“, meint Humpert plakativ. Abkehr von der Körnung? Dass die hierzulande besonders ausgeprägte „Hochhaus-Angst“ unbegründet wäre, lässt sich indes nicht pauschal sagen. Die von allen angestrebte Urbanität gedeiht durch bürgerschaftliche Vielfalt und Engagement fraglos besser als durch schiere Dichte, wie man in den Sechzigerjahren meinte. Doch Gesellschaft und Bauwirtschaft haben sich seit den Achtzigerjahren verändert, als Architekten wie Hermann Schröder ihre kommunikativen Quartiere planten. Es fehlt heute oftmals an den individuellen Bauherren für die Parzellenstadt. Auch wenn Planer längst die „Körnung“, den kleinteiligen Stadtgrundriss, als wesentlichen Faktor für eine lebendige Stadt erkannt haben – realisieren lässt sich diese Stückelung nur mit großem Aufwand, wie er etwa in Modellstadtteilen in Tübingen und Freiburg betrieben wurde – oder als Fake in den Shopping-Malls und Ferienzentren. Der übliche Investoren-Städtebau sieht anders aus, gröber – und dichter. Man vergleiche nur einmal die quirlige Tübinger Südstadt mit dem öden Stuttgarter „Europaviertel“ hinter dem neuen Hauptbahnhof. Es sind die aus der Ökonomie bekannten Skalen-Effekte, die auch im Städtebau zum Zuge kommen, wenn gestapelte Luxuswohnungen und kommerzielle Binnenwelten den Bürger-Blocks den Rang ablaufen: Sie lassen sich einfach effizienter bauen und vermarkten. Dass gesponserte Lifestyle-Magazine dann platt futuristische Skylines mit Fortschritt und Modernität gleichsetzen, erschwert vollends die bürgerschaftliche Basis-Arbeit. Baugruppen- Quartiere oder Genossenschaften mögen von vielen Stadtverwaltungen als vitaler und stabiler erkannt sein, das Stadtbild prägen jedoch heute andere, kommerzielle, anonyme Bausteine. Hoch geht auch anders Ob ein Bau ein lebendiger Teil der Stadt wird, hängt indes nicht nur von der GFZ ab. „Wir müssen über neue Typologien nachdenken“, sagt Architekt und Stadtplaner Klaus Trojan aus Darmstadt und meint die bei Investoren immer noch verpönte Mischnutzung. Aus Beispielen in New York hat er gelernt, dass Hochhäuser durchaus keine sterilen Monster sein müssen, wenn die Sockelzonen dazu genutzt werden, um Leben in den Stadtraum zu spülen. Leider zögen viele Lobbys und Plazas im Gegenteil das Publikum in klimatisierte Innenräume hinein. Auch eine stärkere Mischung von Wohnen und Arbeiten, im Haus oder wohl eher im Quartier, könne  die Sterilität mindern. Und auch wenn die Architektur keinen guten Städtebau ersetze, könne die Fassadengestaltung gegen die Uniformität von Großbauten helfen: „Heute werden diese gerasterten, hocheffizienten Oberflächen als Lehre vermittelt. Es geht auch anders.“ Das hat Trojan selbst in einem kleinen Hochhaus in der Hamburger Hafencity vor ein paar Jahren gezeigt: Mehrere Geschosse sind hier zu Einheiten zusammengefasst und ergeben differenzierte Cluster. Der 55 Meter hohe „Marco Polo Tower“ von Behnisch in Hamburg. Ähnliche Abweichungen vom Raster kultivieren auch neuere Projekte in Frankfurt und München. Türme werden hier nicht als Stapelware, sondern als Skulpturen begriffen. Teilweise entwickeln sich die Baukörper auch aus Blockrandbebauungen, was es übrigens schon in protomodernen Beispielen der letzten Jahrhundertwende und der Dreißigerjahre gab. So lassen sich Projekte, auch wenn sie aus einer Hand entwickelt werden, städtebaulich einfangen und zähmen. Der 63 Meter hohe Turm „Living Levels“ von nps Tchoban Voss in Berlin. Trotz des allgemeinen Trends zur Größe halten es Immobilien-Experten gegenwärtig allerdings für eher fraglich, dass der Betongoldrausch bei den Luxus-Türmen noch lange anhält. Für breitere Schichten sei der Bau schlicht zu teuer (auf zehn bis zwanzig Prozent belaufen sich die Mehrkosten gegenüber gewöhnlichem Geschossbau), und der Markt zeige bereits Anzeichen von Sättigung, wozu auch aktuelle Brandkatastrophen beitrügen. Kleinere Projekte reagierten flexibler – nicht nur auf den Markt, sondern auch auf das städtische Umfeld. So weit war man schon einmal, in den Kater-Jahren der Siebziger. Neue Alternativen zum Wohnhochhaus finden sich im Ausland: In Kopenhagen haben BIG Arkitekter (nomen est omen) bereits 2010 große terrassierte Megastrukturen realisiert, die sie auch wieder „Wohnhügel“ nennen, weitere sind derzeit in Aarhus im Bau. Vermehrt finden sich aber auch hierzulande „Groundscraper“: lange Geschosswohnbauten aus einem Guss, wie das Galeriahaus in München-Neuriem oder das Laubenganghaus in München-Forstenried. Die Architektur muss also keineswegs nur in die Höhe gehen, um Dichte zu produzieren. Das unlängst in der Baunutzungsverordnung neu eingeführte „Urbane Gebiet“ gewährt den Planern da mehr Freiheiten als bisher, insbesondere bei der Mischung der Funktionen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Spielräume kreativ und vor allem human genutzt werden. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zum Thema „modern“ finden Sie in unserem DABthema modern

Digitale Bauprodukte

Blick in die Zukunft: Digitale Bauprodukte rationalisieren die Bauplanung und können zum Beispiel per VR- oder AR-Brille virtuell präsentiert werden. BIM-Objekte rationalisieren Arbeitsabläufe, minimieren Fehlerquellen und sorgen dafür, dass die Digitalisierung am Bau vorankommt.  Text: Marian Behaneck Für Planer ist das Zusammentragen von Bauproduktdaten ebenso arbeitsaufwendig wie für die Hersteller deren Bereitstellung. Medienbrüche und unterschiedliche Aktualitätsstände digitaler und analoger Produktinformationen führen in der Prozesskette von der Ausschreibung über die Bestellung und Lieferung bis zum Einbau zudem immer wieder zu Fehlern: Produkte werden in der falschen Farbe geliefert, nicht eindeutig beschrieben oder sind so nicht mehr lieferbar. BIM-Objekte, das sind digitale Entsprechungen realer Bauprodukte, sollen Arbeitsabläufe rationalisieren, die Planungssicherheit steigern und Fehlerquoten senken. Im Kontext der Planungsmethode Building Information Modeling (DAB 06/16: Methode, nicht Software) sollen sie sowohl die Konstruktion, Berechnung, Simulation und Ausschreibung von Projekten als auch die Bestellung, Lieferung und Montage von Produkten einfacher und sicherer machen. Vorteile für Planer Bisher werden die Produktdaten als DXF-, DWG- oder PDF-Zeichnungen von entsprechenden Web-Datenbanken oder den Webseiten der Hersteller heruntergeladen und in die CAD-Planung eingefügt. Das ist zwar schneller als das Nachzeichnen oder Scannen aus Produktkatalogen, schöpft aber nur einen Bruchteil der Rationalisierungspotenziale digitaler Prozessketten aus. Auch für die Ausschreibung, Kostenschätzung oder Dimensionierung relevante Daten müssen sich Planer umständlich aus verschiedenen Quellen zusammensuchen. Das führt immer wieder dazu, dass zum Beispiel durch veraltete Informationsstände, falsche Eingaben oder Übertragungsfehler Probleme entstehen. Mit der Planungsmethode BIM und den BIM Objekten soll sich das ändern. Die Hersteller rüsten schon seit einiger Zeit die Darstellung ihrer Produktpalette von den bisher gebräuchlichen zweidimensionalen Produktsymbolen sukzessive auf smarte, parametrisierbare, konfigurierbare und mit zahlreichen Produktattributen versehene BIM-Objekte um. Sie stehen in der Regel in mehreren Datenformaten, zum Beispiel dem nativen Format BIM-fähiger CAD-Programme wie Allplan, Archi-CAD, Revit etc. oder als neutrale XLS-, DWG- oder IFC-Datei, zum kostenlosen Download bereit. Alle planungsrelevanten Objektinformationen, wie verfügbare Abmessungen, Ausführungen und Ausstattungen, technische Spezifikationen, Brandschutz-, Schallschutz- oder bauphysikalische Daten, sind mit den BIM-Objekten verknüpft, sodass man sie direkt in digitaler Form für die Planung und Ausschreibung nutzen kann. Sowohl die geometrische oder alphanumerische Informationstiefe als auch die Art der Objektinformationen lässt sich bedarfsgerecht filtern, sodass Architekten, Tragwerks- und TGA-Fachplaner oder andere Projektbeteiligte für die aktuelle Planungsphase die jeweils für sie relevanten Objektdaten erhalten. Dadurch werden beispielsweise Berechnungen und Simulationen von Fachplanern präziser, weil genau die statischen, haustechnischen oder bauphysikalischen Bauteildaten konkreter Baustoffe und Produkte verwendet werden, die später auch verbaut werden. BIM-Objekte können zusätzlich mit Logiken und Regeln verknüpft werden. Damit ist bei der Auswahl von Produkten mit unterschiedlichen Ausstattungsvarianten sowohl eine Prüfung zulässiger Produktkombinationen als auch eine automatische Verifizierung von Bauvorschriften, wie etwa von Brandschutzbestimmungen, möglich. Werden neben den Produkt- auch die Betriebskosten in BIM-Objekte eingepflegt, können Planer auch Betriebszeiten und laufende Kosten präziser beziffern. Auch für ausführende Unternehmen wird es einfacher: Sie können vom Planer vorgegebene Produktmodelle, Oberflächen, Farben oder Ausstattungsvarianten ohne Übertragungsfehler digital für die Kalkulation und Bestellung übernehmen. Bauherren, Nutzer und Betreiber profitieren ebenfalls von detaillierten Bauteilinformationen für die spätere Nutzungsphase: Werden BIM-Objekte etwa mit PDF-Montage-, Inspektions-, Wartungs- und Pflegeinformationen verknüpft, erleichtert das die Gebäude-Instandhaltung. Mehr Input: BIM-Objekte enthalten neben Geometrie- auch umfangreiche Objektdaten und bieten dadurch gegenüber herkömmlicher 2D- oder 3D-Symbolik Vorteile. Von PIM nach BIM Um die Bauprodukte BIM-fähig zu machen, greifen die Hersteller auf PIM zurück. PIM, das „Produkt-Informations-Management“, sorgt in den Unternehmen für eine zentrale Datenhaltung von einkaufs-, produktions- und marketingrelevanten Bauproduktinformationen sowie dafür, dass die Daten strukturiert gesammelt und effizient an andere Systeme übergeben werden können. BIM und PIM sind zwei aktuelle Entwicklungen, die sich gegenseitig ergänzen und mittel- bis langfristig eine automatisierte Übergabe von Daten ermöglichen werden. Insbesondere große Bauprodukthersteller unterstützen auch deshalb BIM und offerieren – häufig in Kooperation mit BIM-Dienstleistern – BIMObjekte zum kostenlosen Download auf ihrer Unternehmens-Homepage und auf cloudbasierten BIM-Objektdatenbanken wie bim.archiproducts.com, www.bimobject.com, www.bimsystems.de, www.magicloud.com, www.mepcontent.eu oder www.nationalbimlibrary.com. Bauprodukthersteller stellen digitale Bauprodukte natürlich nicht uneigennützig kostenlos zur Verfügung – sie bauen darauf, dass ihre realen Produkte mit dem Einbau in das BIM-Gebäudemodell frühzeitig in den Planungsprozess eingebunden und bei der Ausschreibung automatisch berücksichtigt werden. Außerdem eröffnen digitale Bauprodukte neue Möglichkeiten: für die Produktpräsentation, Dokumentation, Akquisition, das Marketing oder den Vertrieb. Per Virtual- oder Augmented-Reality-Technik können Hersteller beispielsweise ihre Produkte quasi im eingebauten Zustand virtuell präsentieren. So kann sich der Bauherr besser vorstellen, wie Produktvarianten, Farben oder Materialien am Gebäude oder im Raum später aussehen. Hohe Informationstiefe: Zu den BIM-Objektdaten gehören neben der Geometrie alle planungsrelevanten Objektinformationen, wie Abmessungen, Ausführungen, Ausstattungen, technische Daten und vieles mehr. Noch fehlen einheitliche Standards BIM-Objekte bieten Herstellern klare Marktvorteile, andererseits verursachen deren Konzeption, Erstellung, Bereitstellung und Pflege viel Aufwand. So müssen Hersteller BIM-Modellanforderungen für ihr Produktportfolio formulieren, dabei internationale Richtlinien beachten und sich mit Verbänden und Fachgruppen abstimmen. Zu einer wesentlichen Anforderung gehört die Minimierung des Datenumfangs, weil das Datenvolumen eines aus Tausenden von BIM-Objekten bestehenden BIM Gebäudemodells die Rechner überfordern würde. Außerdem sind für Planer andere Informationen relevant als für Ausführende. Ebenso werden für die Projektphasen Entwurf, Genehmigungs-, Werk- und Detailplanung unterschiedliche Detaillierungsgrade benötigt. Diese Anforderungen erfüllt eine datenbankorientierte Abbildung von Produkten, die unter anderem eine situationsgerechte geometrische Detaillierung (Level of Detail, LOD) von BIM-Objekten erlaubt, inklusive ihrer Produkteigenschaften (Level of Information, LOI), spezifischen Logiken und Regeln. Eine besondere Herausforderung für die in der Regel international agierenden Produkthersteller ist derzeit eine einheitliche Normierung und Internationalisierung der strukturierten BIM-Objektdaten, auch Product Data Templates (PDT) genannt. Während dafür in anderen Ländern bereits Standards bestehen (z.B. www.cibse.org oder www.2ba.nl), müssen hierzulande relevante Richtlinien erst zusammengeführt werden. So stellt beispielsweise die auf bestehenden Standards wie IFC, IFD und VDI 3805 aufbauende DIN-ISO 16757-Normenreihe Datenstrukturen für elektronische Produktkataloge zur automatisierten Übertragung von TGA-Produktdaten in BIM-Modelle bereit und ermöglicht eine rationelle Auswahl, Zusammenstellung, Auswertung und Berechnung von TGA-Komponenten. Parallel existieren weitere Initiativen aus unterschiedlichen Bereichen, die bei der Entwicklung eines einheitlichen BIM Objektstandards zu berücksichtigen sind, wie etwa der European MEPcontent Standard (EMCS), ETIM (Europäisches Technisches Informationsmodell), der FMDatenstandard COBie (Construction Operations Building Information Exchange) und andere. Breit aufgestellt: „Intelligente“ BIM-Objekte machen Termin- und Kostenaussagen verlässlicher, Ausschreibungen einfacher, energetische oder bauphysikalische Simulationen präziser. Viel Potenzial mit einigen Fragezeichen BIM-Objekte werfen aber auch Fragen auf: Werden sich künftig nur große Hersteller den Erstellungs- und Pflegeaufwand für BIM-Objekte leisten können, kleine aber nicht? Entsteht auf digitaler Ebene ein neuer Verdrängungswettbewerb, zumal die Bedeutung digitaler Bauprodukte zunehmen dürfte? Stehen ferner BIM-Objekte nicht in Konflikt zum hiesigen Vergaberecht? Schließlich ist eine Übernahme von Produktvorgaben in die Ausschreibung von Bauleistungen aus vergaberechtlicher Sicht zumindest für öffentliche Aufträge rechtlich nicht zulässig. Hier bedarf es neuer, cloud- und datenbankbasierender IT-Lösungen, die den Einbau herstellerspezifischer BIM-Objekte ermöglichen, zugleich aber eine Herstellerneutralität der Objekte während der Ausschreibungsphase gewährleisten. Aufgrund fehlender gewerkeübergreifender Standards ist auch keineswegs sichergestellt, dass BIM-Objekte aus unterschiedlichen Quellen miteinander kompatibel sind. Bildet ein aus mehreren Komponenten verschiedener Hersteller bestehendes Bauteil – etwa eine Glasfassade, die sich aus einem Rahmensystem, Beschlägen, einem Lüftungs- und Verschattungssystem etc. zusammensetzt – keine datentechnische Einheit, kann das Bauteil auch nicht ohne Weiteres digital ausgeschrieben, kalkuliert, bauphysikalisch berechnet oder energetisch simuliert werden. Am Anfang der Entwicklung steht auch noch die Einbindung von Betriebs- und Lebenszykluskosten. Es fehlt noch an Absprachen und Richtlinien, die eine Vergleichbarkeit entsprechender Produktangaben ermöglichen. Fazit: Das Potenzial von BIM-Objekten ist ebenso beachtlich wie inzwischen das Angebot, auch wenn es längst noch nicht für jedes analoge Bauprodukt eine digitale Entsprechung gibt. Es ist aber abzusehen, dass mit zunehmender Verbreitung der BIM-Methode und zunehmender Standardisierung von Schnittstellen auch das Angebotsspektrum an BIM-Objekten zunimmt und Bauprodukte künftig sowohl real als auch virtuell produziert werden. Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz). MEHR INFORMATIONEN Was sind BIM-Objekte? Grundlage der BIM-Methode (Building Information Modeling) zur Optimierung der Planung, Ausführung und des Betriebs von Bauwerken sind BIM-Modelle. Diese bestehen aus BIM-Objekten, die neben Geometriedaten auch planungs-, ausführungs- und nutzungsrelevanten Produktinformationen enthalten können. Diese bestehen aus strukturierten Daten (Product Data Templates), die Produkte vergleichbar machen wie Abmessungen, Gewichte, technische Produktinformationen sowie Herstellerdaten wie lieferbare Varianten, Bestelldaten, Preise, Lieferzeiten, Montage- oder Wartungsinformationen etc. Werden BIM-Objekte in BIM-Gebäudemodellen „verbaut“, vereinfacht das in der Planungsphase die Ausschreibung, Kostenschätzung, Berechnung und Simulation, in der Ausführungsphase die Bestellung, Lieferung, Ausführung und Montage sowie in der Nutzungsphase die Gebäudebewirtschaftung. Literaturtipps, Links und Anbieter * *(Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit!) Egger, M., Hausknecht, K., Liebich, T./ Przybylo, J, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR, Hrsg.): BIM-Leitfaden für Deutschland, Eigenverlag, Berlin 2014, Download: http://bit.ly/1tDYG5Y Ernst & Sohn (Hrsg.): BIM – Building Information Modeling 2016, Wilhelm Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften, Berlin 2016 Hausknecht, K., Liebich, T.: BIM-Kompendium. Building Information Modeling als neue Planungsmethode, Fraunhofer IRB Verlag, Stuttgart 2016 Westphal, T./ Herrmann, E.M. (Hrsg.): BIM – Building Information Modeling I Management, Edition Detail, Institut für internationale Architektur-Dokumentation, München 2015 bimundumbimherum.wordpress.com BIM-Blog www.bim.archiproducts.com/de BIM-Objektdatenbank www.bimandco.com BIM-Objektdatenbank www.bimobject.com BIM-Objektdatenbank www.bimsystems.de Bauteilmanagement-System www.bimwelt.de BIM-Dienstleister www.buildingsmart.de BuildingSmart Deutschland www.buildingsmart-tech.org BuildingSmart International www.cadenas.de E-Katalog-Anbieter www.magicloud.com BIM-Objektdatenbank www.mepcontent.eu BIM TGA-Objektdatenbank www.nationalbimlibrary.com BIM-Objektdatenbank www.polantis.com/de BIM-Objektdatenbank Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Utopisches Potenzial

Das Haus der Zukunft: 1957 von Monsanto in Tomorrowland gebaut, prägte das „House of the Future“ ein Jahrzehnt lang die Vorstellung der Disneyland-Besucher vom modernen Wohnen. Die Moderne fasziniert mit ihrem optimistischen Glauben daran, durch Architektur die Welt verbessern zu können. Wo ist diese Zuversicht geblieben? Und wie können wir uns heute ein utopisches Potenzial zurückerobern? Text: Christian Holl Man könnte melancholisch werden. Blättert man durch den 400 Seiten starken Prachtband „The Tale of Tomorrow“, schlägt einem die geballte Zukunftszuversicht der Nachkriegszeit entgegen: gewagte Formen, soziale Utopien, große Gesten, technizistische Abenteuer. Die ersten Wohnexperimente eines Moshe Safdie, die archaische Monumentalität eines Louis Kahn, die Museums- und Kulturbauten einer Lina Bo Bardi. Ob Brasilia oder Kalifornien: Man kann den Optimismus in dieser Architektur greifen. Es scheint ein Blick in eine heile Welt zu sein: ohne Klimawandel, Flüchtlingsströme, Ressourcenkrieg und Rechtspopulismus. Eine Welt, die Architekten noch überzeugt waren, verbessern zu können. Brutal schön: Das Parlament, das Louis Kahn in Dhaka für die junge Republik Bangladesch baute, ist nur ein Beispiel der ausdrucksstarken Beton-Architektur der Moderne. Ob 2060 ein Blick in unsere Gegenwart auch melancholisch stimmen wird? Ob eine Mischung aus genossenschaftlichen Wohnprojekten, wie dem Berliner Spreefeld, öffentlichen Leuchttürmen, wie der Elbphilharmonie, und Markenarchitektur, wie der Fondation Louis Vuitton, aus den Papiertragwerken von Shigeru Ban, den Raumblasen von Tomás Saraceno, den Stadtvisionen von Vincent Callebaut und den nachhaltigen Bauten von Anna Heringer im Rückblick verheißungsvoller wirken wird als heute? Aber sind nicht viele Gebäude, die denen vergleichbar sind, die in der Nachkriegszeit utopisches Potenzial zum Ausdruck brachten, kontaminiert? Von wirtschaftlichem Einfluss, von ökologischen Wirkungen, von sozialen Spannungen, die sie auslösten? Von dem Verdacht, sie stabilisierten letztlich, wogegen sie sich wenden? Von einem Eskapismus, der eine heile Welt nur vorgaukelt? Wir mögen den Kampf der Wenigen gegen die Dominanz eines Ungerechtigkeiten und Elend produzierenden Finanzsystems bewundern, deren unverdrossene Zuversicht ruft aber (noch?) nicht die breite Wirkung hervor, die die Hoffnung nähren könnte, der Mehrheit sei das Schicksal der Benachteiligten und zukünftiger Generationen nicht völlig gleichgültig. „Wir haben unsere Lektion gelernt“, liest man im oben genannten Buch. Haben wir das? „Dem Verschwinden der letzten großen Sozialutopie ist keine Orientierung nach vorne gefolgt – stattdessen Pragmatismus und Durchwurstelei”; was 2001 das Sonderheft „Zukunft Denken“ der Zeitschrift Merkur konstatierte, würde man wohl auch heute noch behaupten können. Der Mehltau der Zukunftsangst scheint auch Architektur und Städtebau nicht zu verschonen. Haben Neoliberalismus, Normendichte und effizientes Studieren jegliche Freude daran, eine bessere Zukunft zu planen, ausgetrieben? Will es sich unsere Gesellschaft leisten, auf utopische Zukunftsentwürfe zu verzichten? Drei Regeln: Utopie entdecken,Utopie entwerfen Oder sucht man vielleicht das Utopische in der aktuellen Architektur an den falschen Orten, mit der falschen Brille? Wenn ein Neuaufguss der Moderne schal wirkt und ihre Bilder dadurch nur umso strahlender hervortreten – wo müsste man denn suchen, um sich von einem utopischen Potenzial beflügeln zu lassen und den Mut zu fassen, sich nicht vom Pragmatismus beherrschen zu lassen? Die Lektion zu lernen, könnte ja auch heißen, sich auf eine andere Perspektive einzulassen. Vielleicht könnten dann drei Regeln dabei helfen, eine optimistischere Zukunft zu gestalten. „Utopie existiert ausschließlich, um die Gegenwart in Schach zu halten, um sie durcheinanderzubringen”, schrieb die Kulturwissenschaftlerin Mercedes Bunz 2004 im Band „Renaissance der Utopie“. Nimmt man das ernst, hieße das – erste Regel –, sich nicht an einem Idealbild welcher Zukunft auch immer zu orientieren, sondern erst einmal den routinierten Ablauf der Gegenwart zu stören und kreativ gegen den Strich zu bürsten – um dazu herauszufordern, zu hinterfragen, ob unsere Routinen eigentlich noch zweckdienlich und sinnvoll sind. Viele Zukunftsvorstellungen projizieren lediglich in die Zukunft, was bereits Realität ist – und variieren nur Maßstab und Anwendungsbereiche. Deutlich zeigen das etwa die 1910 gezeichneten Entwürfe des französischen Künstlers Villemard für das Jahr 2000 – sie gleichen trotz Flugobjekten und ferngesteuerter Maschinen viel mehr der Realität von 1910 als der im Jahr 2000. Mit Bildern die Zukunft zu gestalten, anstatt lediglich die Gegenwart aufzublasen oder zu reduzieren, ist noch selten gelungen. Vielmehr müsste es daher darum gehen, sich – zweite Regel – zu überlegen, wie man auf die Prozesse Einfluss nehmen kann, die zu den Ergebnissen führen, die wir als unbefriedigend empfinden – ob es nun um Bürgerbeteiligung, Förderung von gemeinwohlorientierten Immobilien oder die Zusammenarbeit von Architekten und Fachplanern geht. Diese Vorstellung von Utopie wäre nicht statisch und so auch nicht an ein abschließend einzulösendes Versprechen gebunden. Und – dritte Regel – es gilt, sich von der Vorstellung von Architektur als der Königsdisziplin der Gesellschaftsgestaltung zu verabschieden und viel stärker die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen zu suchen, um sich von ihnen herausfordern zu lassen, seien es Ingenieur-, Natur- oder Geisteswissenschaften – und dabei auf der gestalterischen Kompetenz zu beharren, die Architekten und Planer anderen Disziplinen voraushaben. Würde das Einhalten dieser Regeln „Pragmatismus und Durchwurstelei“ ausschließen? So weit sollte man sich vielleicht nicht aus dem Fenster lehnen. Aber man sollte es erst einmal versuchen – das wäre dann die vierte Regel. Sofia Borges & Gestalten (Hg.), The Tale of Tomorrow , Utopian Architecture in the Modernist Realm, Gestalten, Berlin 2016,Englisch, 400 Seiten, 49,90 Euro Christian Holl ist Autor und gibt Marlowes.de mit heraus. Er lebt in Stuttgart und Frankfurt am Main. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „modern“ finden Sie in unserem DABthema modern

Wider den Abriss

Neuer Glanz: der Kulturpalast 2017. In das entkernte Gebäude wurde ein moderner Konzertsaal eingebaut. Immer mehr Architektur der Nachkriegszeit wird durch Neubauten ersetzt. Wie es anders geht, zeigen drei aktuelle Projekte in Dresden, Frankfurt am Main und Lünen. Text: Frank Maier-Solgk Die Nachkriegsmoderne gilt als schweres Erbe. Auch wenn die Beschäftigung mit der Epoche seit einigen Jahren Konjunktur hat, ist ihre Akzeptanz bei der Bevölkerung nach wie vor gering, in der Fachwelt ist sie umstritten. Ihre Vorliebe für Beton, die Neigung zu Großformen und der Duktus einer manchmal unwirtlich wirkenden Härte, die die Architektur vor allem der Siebzigerjahre mit der Populärkultur der Zeit teilt, machen die Entscheidung für eine oft aufwendige und kostenintensive Sanierung nicht leichter. Hinzu kommt die meist schlechte Materialqualität der Zeit. Ein umsichtiger Umgang mit der Epoche ist dennoch allein aufgrund der Masse unumgänglich: Fast 40 Prozent aller Gebäude in Deutschland stammen aus der im engeren Sinn der Nachkriegsmoderne zugerechneten Phase zwischen 1949 und 1979. Die Frage, was davon aus architektonischen, zeithistorischen, städtebaulichen oder ökonomischen Gründen saniert werden sollte, ist komplex. Der Denkmalschutz kann kaum eine erschöpfende Antwort geben. Nur vier bis fünf Prozent der Nachkriegsbauten sind denkmalgeschützt, und auch hiervon werden nicht wenige abgerissen. Eine Klärung über die Kriterien für Sanierung oder Neubau aber ist heute notwendiger denn je, da sich das Nutzungsverhalten verändert und Bautypen, die in den Nachkriegsjahren Konjunktur hatten (beispielsweise Warenhäuser und Kirchen), zunehmend mit Leerstand kämpfen. Dass deren Bewertung heute in Deutschland anders ausfällt als vor der Phase des ökologischen Umbaus, liegt auf der Hand. Tim Rieniets, Geschäftsführer der Initiative StadtBauKultur NRW, die Bautypen der Nachkriegsmoderne in NRW untersucht hat, betont, dass der Gedanke des Ressourcenschutzes als entscheidendes Argument bei den Abwägungen hinzugekommen ist; er lässt Abriss und Neubau bei Weitem nicht mehr so opportun scheinen wie noch vor 20 Jahren. Erhalten: Der Kulturpalast in Dresden prägte die Stadt zu DDR Zeiten mit seinem breiten Veranstaltungsprogramm. 2017 wurde er wiedereröffnet. Umgebaut: der Kulturpalast Eines der wenigen erhaltenen Bauwerke der DDR, die statt am sozialistischen Neoklassizismus an der internationalen Nachkriegsmoderne orientiert waren, ist der Dresdner Kulturpalast. Im April wurde er nach fünfjähriger, rund 100 Millionen Euro teurer Sanierung wiedereröffnet. 1967 war das „Haus der sozialistischen Kultur“ mit dem damals modernsten und größten Veranstaltungsraum der DDR eröffnet worden – ein flacher Baukörper von 102,80 mal 71,80 Metern Ausdehnung in Stahlbetonskelettbauweise (Raster 6 mal 9 Meter). Das Sockelgeschoss war mit rötlichem Granit-Naturstein verkleidet, das Obergeschoss bildeten Aluminium-Glas Elemente, die Mitte des Flachbaus überragte ein hohes, mit Kupfer patiniertes Faltdach. Vor allem mit seiner gläsernen Schauseite erinnert der Bau an das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen, doch war in Dresden mit den Maßstäben der barocken Stadt gebrochen worden. Der Umbau blieb lange umstritten; unter anderem hatte der Architekt Wolfgang Hänsch vergeblich auf die Erhaltung des Festsaales aus urheberrechtlichen Gründen geklagt. Der Kompromiss zwischen Denkmalschutz und zeitgenössischen Nutzungsanforderungen bedeutete den Verzicht auf den multifunktionalen Saal. In den entkernten Bau wurde ein hochmoderner Konzertsaal eingebaut. Außen suchte das verantwortliche Büro gmp die Anmutung zu erhalten: Die Aluminiumpfosten der Fassade wurden saniert; das vormals gefärbte Glas wurde durch transparente, thermisch optimierte Scheiben ersetzt, der rötliche Granitsockel durch Material aus demselben Steinbruch. Innen blieb die Raumfolge um den großen Konzertsaal mit Foyer, Chorprobensaal und Treppenhäusern erhalten. Im Sinne des Denkmalschutzes wurden im Foyer auch wesentliche Details, wie Holzverkleidungen, Geländer, Handläufe und Bronzetüren, instand gesetzt; auch die seltene Gipsstrukturdecke mit den dreiecksförmigen Paneelen wurde erneuert. Der restaurierte Wandfries „Der Weg der roten Fahne“ von Gerhard Bondzin zeigt nun wieder in schönem sozialistischem Pathos die Entwicklung der Arbeiterbewegung von der Revolution von 1848 bis in die DDR-Zeit. Alter Glanz: Das Foyer mit seinen zeittypischen Details, wie Holzverkleidungen, Geländern, Handläufen und Türen, wurde denkmalgerecht instand gesetzt. Umbau und Sanierung in Dresden verfolgten mithin zwei Ziele: eine in Teilen denkmalgerechte Sanierung und eine relativ weitreichende Neuinterpretation des Kernbestands für eine zeitgemäße Nutzung. Die historische Idee eines multifunktionalen Festsaals mit einem Kulturangebot für viele erfuhr gewissermaßen durch das zusätzliche Nutzungsangebot aus Konzertsaal, Bibliothek, Kabarett und Serviceeinrichtungen eine Ausweitung. Dresdens Kulturpalast ist ein prominenter Fall, bei dem die epochetypische Architektur, die zentrale Lage und die historische, identifikatorische Rolle den Ausschlag für eine Sanierung gaben. Eine Garantie sind solche Aspekte jedoch nicht. Nach langer Diskussion wäre die Bonner Beethovenhalle fast zum westdeutschen Gegenbeispiel geworden. Erst 2015 entschloss sich die Stadt, die mehr als 50 Millionen Euro teure Sanierung des 1959 eröffneten Baus anzugehen, der 2020 bei den Beethovenfestspielen im Mittelpunkt stehen soll. In Frankfurt am Main beschäftigt die Frage des Umbaus beziehungsweise der Sanierung der Theater, die auf mehr als 900 Millionen Euro kalkuliert ist, die Öffentlichkeit. Was, warum und wie umgebaut oder saniert wird, scheint oft von Zufällen und privaten Initiativen abhängig. Mehr als drei Jahrzehnte stand beispielsweise das Kölner Rheinpark-Café leer – ein seltenes Beispiel der leichten zeittypischen Pavillonarchitektur im 1967 eröffneten Rheinpark –, ehe durch den Anstoß der bürgerschaftlichen Initiative „Perle sucht Dame“ die Stadt die Sanierung begann. In vereinfachter Form soll hier wieder Gastronomie einziehen. Erst langsam scheint man Sanierungen und Umnutzungen größere Mühe und Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es zeigt sich: Die (Neu-)Bewertung einer baulichen Epoche ist ein längerer Prozess. Neuer Städtebau: Das Philosophicum in Frankfurt/Main wurde zum Wohnhaus umgebaut. Der hinzugekommene Neubau nimmt nun den Blockrand auf. Angebaut: das Philosophicum Der Wandel der Einstellungen zeigt sich auch in Frankfurt am Main, wo auf dem Bockenheimer Campus der Universität 2014 das AfE-Hochhaus spektakulär gesprengt worden war. Drei Jahre später wurde hier das von 1958 bis 1960 im Stil des Funktionalismus errichtete Philosophicum von Ferdinand Kramer, ein nicht weniger umstrittener Bau, saniert und umgebaut. Ausgangspunkt war nach dem Umzug der geisteswissenschaftlichen Institute ein jahrelanger Leerstand. Ein Projekt für gemeinschaftliches Wohnen scheiterte an der Finanzierung. Schließlich wurde die schmale Scheibe mit außen liegendem Stahlskelett an einen Investor veräußert, der sie in ein Apartmenthaus mit 238 Mietwohnungen mit Flächen zwischen 21 und 54 Quadratmetern umbaute. Der Umbau war technisch anspruchsvoll. Zwar ließ sich die neue Struktur gut in das Raster des Bestandsbaus einfügen. Die Fassaden aber mussten komplett erneuert werden. Sie wurden identisch mit thermisch getrennten Profilen nachgebaut, von innen durch eine ausgedämmte Stahlunterkonstruktion bauphysikalisch ertüchtigt und statisch verstärkt, um die Windlasten sowie die schwereren Glasscheiben aufzunehmen. Die Giebelseiten wurden innenseitig in originalem Sichtbeton mit Mineralwolle gedämmt. Die Besonderheit des Falles aber liegt im Gesamtkonzept des verantwortlichen Büros Stefan Forster, das zusätzlich zur Sanierung einen Ergänzungsbau vorsah. Der flache, fünfstöckige Neubau sitzt vor dem Altbau, mit dem er im Erdgeschoss über eine Kindertagesstätte und in den Obergeschossen über die Treppenhäuser verbunden ist. Der Neubauriegel nimmt den Blockrand auf und hält den Altbau aufgrund des Höhenunterschiedes zum Teil sichtbar. Forster spricht von einer „korrigierten“ stadträumlichen Lösung, die in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz entstanden ist. Der Kompromiss erfüllt sicher nicht alle Wünsche des Denkmalschutzes, aber er erhält das Haus als Teil des kollektiven Gedächtnisses und scheint als städtebauliche Weiterentwicklung lohnend. Neue Kubatur: Das ehemalige Hertiekaufhaus in Lünen wurde um zwei Geschosse gekürzt, ein Einschnitt quer durchs Gebäude sichert die Belichtung. Rückgebaut: das Hertiekaufhaus Kulturbauten, Kirchen und Rathäuser haben meist identifikatorische Funktion. In abgeschwächter Form gilt dies auch für innerstädtische Warenhäuser, insbesondere in Klein- und Mittelstädten. Die zunehmende Gefahr eines Leerstands infolge veränderten Konsumverhaltens erfordert hier besonders dringlich Überlegungen zum Umgang mit dem Bestand. Das ehemalige Hertiekaufhaus im westfälischen Lünen, einer Stadt mit 80.000 Einwohnern, wurde 1969 als fünfgeschossiger Bau errichtet. Mit 7.500 Quadratmetern Verkaufsfläche bot es ein Fünftel der Verkaufsfläche der Innenstadt. 2009 erfolgte nach der Insolvenz die Schließung. Damit standen rund 13.000 Quadratmeter leer; eine Weiternutzung als Kaufhaus war aufgrund der mangelnden Qualität nicht denkbar. Eine Wohnungsbaugenossenschaft, der Bauverein Lünen, erwarb die Immobilie schließlich und initiierte mit der Uding Projektmanagement GmbH aus Lünen den Umbau (Entwurfsverfasser: Christian Christensen.) Kern war ein Teilrückbau, der eine neue Mischung aus Dienstleistung, Gastronomie und Wohnen erlaubte; Eröffnung war Ende 2016. Die oberen zwei Geschosse wurden abgetragen, die Gebäudemitte wurde bis auf das Erdgeschoss entkernt. In der Schneise quer durch das Gebäude entstand ein begrünter Lichthof. Das Erdgeschoss bleibt gewerblich genutzt, darüber liegen nun hinter einer neuen Klinkerfassade 24 barrierefreie Mietwohnungen mit 50 bis 100 Quadratmetern. Das Untergeschoss, ehemals Verkaufsfläche, wurde zur Tiefgarage. So entstand innenstadtnahes Wohnen mit 3.000 Quadratmetern Wohn- und 2.600 Quadratmetern Gewerbefläche. Die Vorteile des weithin als Vorreiter für die Revitalisierung innerstädtischer Einzelhandelsimmobilien gerühmten Beispiels liegen auf der Hand. Man nutzt für die neuen Funktionen die gute städtebauliche und funktionale Einbindung, wobei in technischer Hinsicht (Umbaukosten 12 Mio. Euro) Warenhäuser aufgrund ihrer offenen Strukturen offenbar eine verhältnismäßig leichte Umnutzung erlauben, wie das breite Spektrum bisher realisierter Nachnutzungen zeigt. So unterschiedlich die hier vorgestellten Lösungen sind: Ein Trend scheint zu sein, starre Entweder-oder-Lösungen aufzugeben zugunsten flexiblerer Ansätze mit den unterschiedlichsten Modifikationen, Umbauten, Erweiterungen und Teilsanierungen. Insofern bietet der Bestand der Nachkriegsmoderne durchaus Spielraum für architektonische Fantasie. Frank Maier-Solgk ist Publizist zu Architektur- und Kulturthemen in Düsseldorf. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „modern“ finden Sie in unserem DABthema modern

Qualität durch Aufgabenteilung

Barbara Ettinger-Brinckmann ist Präsidentin der Bundesarchitektenkammer. Besser mit Architekten – diese Botschaft senden wir aus, um potenzielle Bauherren zu überzeugen, ihre Bauvorhaben von uns planen und die Ausführung von uns überwachen zu lassen. Wir Architekten arbeiten mit den ausführenden Partnern eng und kooperativ zusammen. „Trennung von Planung und Bauausführung“ heißt das in unserer Fachsprache.Diese Formulierung erzeugt immer wieder Irritationen, denn wir arbeiten gerade nicht getrennt, aber unabhängig voneinander, auf Augenhöhe. Die gesamte Wertschöpfungskette Bau will oder soll die individuellen Bedürfnisse des Auftraggebers optimal in bauliche Lösungen umsetzen. Architekten haben aber darüber hinaus die Baukultur im Blick und damit auch die Interessen derjenigen, die nicht mit am Verhandlungstisch sitzen: die Öffentlichkeit, die Stadt. Denn jegliches Bauen hat immer auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Private wie öffentliche Bauherren benötigen qualifizierte Beratung, die alle wirtschaftlichen, rechtlichen, gestalterischen, sozialen, städtebaulichen und ökologischen Anforderungen berücksichtigt. Idealerweise setzen die Architekten mit der ausführlichen Bedarfsplanung von Anfang an das Bauvorhaben „auf die Schiene“ und steuern es anschließend. Ziel ist die Qualitätssicherung, um die vielfältigen Ansprüche an ein Bauwerk mit den Realitäten bestmöglich in Einklang zu bringen. Im Zentrum steht der qualifizierte Architekt, der zunächst die Bauherrenwünsche ergründet und – auch im Wettbewerb mit Kollegen – Lösungsvorschläge vorlegt. Dann geht es um Optimierung und Konkretisierung vom Grundriss über die Konstruktion bis zum Material und zur rechtlichen Absicherung im Rahmen der Baugenehmigung. Erst wenn Entwurfs- und Ausführungsplanung umfassend erstellt sind, können Bauunternehmen und Handwerk ihre Leistungen auf Basis der konkreten Ausschreibung anbieten. Durch die unabhängige Objektüberwachung sichert der Architekt die Ausführungsqualität und gewährleistet aufgrund des partnerschaftlichen Zusammenwirkens von Planungs- und Bauausführungsseite den reibungslosen Bauablauf. Diese Grundsätze müssen daher auch gelten, wenn Planung und Bauausführung in einem Vertrag an einen Auftragnehmer vergeben werden. Die Reformkommission Großprojekte bekennt sich deshalb klar zum Grundmodell, Planung und Ausführung zu trennen. Ihr Endbericht legt den Schwerpunkt eindeutig auf eine qualifizierte und unabhängige Entwurfs- und Ausführungsplanung – bevor gebaut wird! Erst planen, dann bauen! Unsere Profession ist durch ein hohes Berufsethos, ein streng reglementiertes Berufsrecht und eine umfassende Verantwortung – gespiegelt in den Haftungstatbeständen – geprägt. Das ermöglicht und erfordert es, sowohl im Interesse des Auftraggebers als auch mit Blick auf das Allgemeinwohl zu handeln und dem Auftraggeber so als Sachwalter oder auch Treuhänder umfassend zur Seite zu stehen. Das berühmte Dreieck aus Bauherr, Planer und Bauausführenden garantiert Qualitätssicherung, wirtschaftliche Auswahl und unabhängige Begleitung der ausführenden Unternehmen und ist im Übrigen auch ein Mittel gegen Korruption. All dies erfordert einen verantwortungsbewussten Bauherrn und qualifizierte Fachleute – jeder auf seinem Gebiet. Zu dem „Besser mit Architekten!“ gesellt sich ein „Besser mit guten Baufirmen!“ Es ist ein Miteinander, denn die einen können nicht ohne die anderen bauen.    

Verbraucherbauvertrag im BGB

Foto: Fotolia Eine dreiteilige Serie gibt einen Überblick über die Reform des Bauvertragsrechts und der Mängelhaftung im Kaufrecht.  Teil 3: Verbraucherbauvertrag, Bauträgervertrag und Mängelrechte im Kaufrecht Text: Arndt Kresin Ein wesentlicher Schwerpunkt der Reform des Bauvertragsrechts ist der Schutz des Verbrauchers. Damit ist ein Auftraggeber gemeint, der einen Vertrag überwiegend zu privaten Zwecken abschließt. Dieser Teilbereich der Gesetzesreform ist für die Tätigkeit als Planer von erheblicher Bedeutung, denn bei vielen Bauvorhaben steht der Verbraucher am Ende der Leistungskette. Für den Bauunternehmer und Bauträger ist der Verbraucherschutz vor allem mit der Pflicht zu verbindlichen Angaben über die vertragliche Bauleistung verbunden. Zugleich erhält der Verbraucher Rechte, die ihn vor einer Überzahlung schützen. Als Berater des Bauunternehmers, Bauträgers oder Verbrauchers wird der Architekt seinen Auftraggeber frühzeitig auf diese Pflichten und Rechte hinweisen müssen, denn er ist seinerseits verpflichtet, seinen Auftraggeber vor vermeidbaren Nachteilen zu schützen. Der Verbraucherbauvertrag Der Verbraucherbauvertrag ist ein Vertrag, durch den ein Unternehmer von einem Verbraucher „zum Bau eines neuen Gebäudes oder zu erheblichen Umbaumaßnahmen an einem bestehenden Gebäude verpflichtet wird“. Erheblich ist ein Umbau nach der Begründung des Gesetzentwurfs, wenn er in seiner Komplexität mit einem Neubau vergleichbar ist. Der Anbau einer Garage oder eines Wintergartens sowie Instandsetzungs- und Renovierungsarbeiten werden daher in der Regel nicht erheblich sein. Die Regelungen zum Verbraucherbauvertrag finden sich in den §§ 650 i bis 650 n BGB. Textform des Vertrags Laut § 650 i Abs. 2 BGB bedarf ein Verbraucherbauvertrag zu seinem wirksamen Abschluss der Textform gemäß § 126 b BGB. Die Erklärungen (Angebot und Annahme), die zum Vertragsabschluss führen, müssen lesbar auf einem dauerhaften Datenträger abgegeben werden (insbesondere schriftlicher Vertrag, schriftliche Angebots- oder Annahmeerklärung, Fax, E-Mail). Baubeschreibung und Inhalt des Vertrags Rechtzeitig vor Abschluss des Vertrags hat der Unternehmer dem Verbraucher in Textform Auskunft über Einzelheiten der vorgesehenen Bauleistungen zu geben (§ 650 j BGB). Die Mindestangaben (insbesondere Art und Umfang der angebotenen Bauleistung, Angaben zu Baukonstruktion und Qualitätsmerkmalen) sind in Art. 249 des Einführungsgesetzes zum BGB genannt. Diese Pflicht besteht jedoch nicht, wenn die wesentlichen Planungsvorgaben vom Verbraucher beziehungsweise von seinem Planer stammen. Diese Baubeschreibung wird Bestandteil des Verbraucherbauvertrages, sofern die Parteien nicht ausdrücklich etwas anderes vereinbaren (§ 650 k Abs. 1 BGB). Ferner muss der Verbraucherbauvertrag verbindliche Angaben zum Fertigstellungszeitpunkt beziehungsweise zur Dauer der Bauausführung nennen (§ 650 k Abs. 3 BGB). Fehlen diese Angaben oder ist die Baubeschreibung unvollständig oder unklar, können zur Auslegung des Vertrags sämtliche vertragsbegleitende Umstände herangezogen werden (§ 650 k Abs. 2 BGB). Widerrufsrecht § 650 l BGB regelt, dass der Verbraucher auch beim Verbraucherbauvertrag ein Widerrufsrecht nach § 355 BGB hat. Die Widerrufsfrist beträgt 14 Tage ab der Widerrufsbelehrung (§ 356 e BGB). Ohne Widerrufsbelehrung erlischt dieses Recht sogar erst nach einem Jahr und 14 Tagen nach Vertragsabschluss. Ein Widerrufsrecht besteht jedoch nicht, wenn der Vertrag notariell beurkundet wurde. Im Fall des fristgerechten Widerrufs haben die Parteien die bereits empfangenen Leistungen zurückzuerstatten. Bei Bauleistungen ist das aber häufig nicht möglich, da sie in der Regel fest mit dem Grundstück verbunden sind (zum Beispiel Betonieren von Fundamenten). In diesem Fall schuldet der Verbraucher dem Unternehmer gemäß § 357 d BGB Wertersatz. Dieser berechnet sich nach der im widerrufenen Vertrag vereinbarten Vergütung. Ist die vereinbarte Vergütung allerdings unverhältnismäßig hoch, bestimmt sich die Höhe des Wertersatzes nach dem Marktwert. Abschlagszahlungen Das bisherige Recht beinhaltete in § 632 a BGB bereits Sondervorschriften zu Abschlagszahlungen und zu Sicherheiten bei Werkverträgen mit Verbrauchern (Einbehalt als Sicherheit für die rechtzeitige Fertigstellung in Höhe von fünf Prozent der vereinbarten Gesamtvergütung). Diese Regelungen wurden überwiegend nach § 650 m BGB verschoben. Hinzugekommen ist ferner die Bestimmung, dass in Verbraucherbauverträgen Abschlagszahlungen nur in Höhe von bis zu 90 Prozent der vereinbarten Gesamtvergütung einschließlich der Nachtragsvergütung verlangt werden dürfen. Erstellung und Übergabe von Unterlagen Schließlich hat der Unternehmer die Verpflichtung, rechtzeitig vor Beginn der geschuldeten Arbeiten beziehungsweise nach Fertigstellung diejenigen Planungsunterlagen zu erstellen und zu übergeben, die der Verbraucher gegenüber Behörden oder Darlehensgebern benötigt (§ 650 n BGB). Die Pflicht besteht nicht, falls die Planungsverantwortung beim Verbraucher beziehungsweise bei seinem Planer liegt. Der Bauträgervertrag Der Bauträgervertrag (§§ 650 u und 650 v BGB) ist ein Vertrag, der „die Errichtung oder den Umbau eines Hauses oder eines vergleichbaren Bauwerks zum Gegenstand hat und der zugleich die Verpflichtung des Unternehmers enthält, dem Besteller (= Käufer) das Eigentum an dem Grundstück zu übertragen oder ein Erbbaurecht zu bestellen beziehungsweise zu übertragen“. Auf den Bauträgervertrag finden die Regelungen des Untertitels 1, also die §§ 631 bis 650 o BGB, Anwendung. Der Bauträger ist daher unter anderem verpflichtet, rechtzeitig vor Abschluss des Vertrags den Verbraucher in Textform über Einzelheiten der vorgesehenen Bauleistung sowie über den Zeitpunkt der Fertigstellung beziehungsweise die Bauzeit zu unterrichten. § 650 v BGB bestimmt hingegen, welche gesetzlichen Regelungen aus dem Werkvertragsrecht für diesen Vertragstypus nicht gelten. Insbesondere gibt es im Bauträgervertrag kein Kündigungsrecht (§§ 648, 648 a BGB) und kein einseitiges Recht des Bestellers zur Anordnung von Leistungen (§ 650 b). Änderungen im kaufrechtlichen Mängelrecht Die wesentlichste Änderung im kaufrechtlichen Mängelrecht ist die Ergänzung der Nacherfüllungspflicht in § 439 Abs. 3 BGB. Wurde nämlich eine „mangelhafte Kaufsache gemäß ihrer Art und ihrem Verwendungszweck eingebaut oder angebracht, ist der Verkäufer im Rahmen der Nacherfüllung verpflichtet, dem Käufer die erforderlichen Aufwendungen für das Entfernen der mangelhaften und den Einbau oder das Anbringen der nachgebesserten oder neu gelieferten Kaufsache zu ersetzen“. Diese Regelung gilt nicht nur bei Verbraucherkaufverträgen, sondern auch im Geschäftsverkehr zwischen Unternehmern. Sie hat daher besondere Bedeutung im Lieferantenverhältnis von Baustoffen an den Bauunternehmer (etwa bei der Lieferung von Sanitärarmaturen, Dachrinnen, Leuchten). Bei Kaufverträgen über neu hergestellte Sachen kann der Verkäufer zudem seinen Lieferanten (und dieser seinerseits seinen Lieferanten) wiederum auf Ersatz dieser Aus- und Einbaukosten in Regress nehmen. Voraussetzung ist, dass der Mangel bei Übergabe der verkauften Sache an den Käufer oder bei Übergabe an den Spediteur (sogenannter Gefahrenübergang) bereits vorhanden war. Dieser Regressanspruch verjährt grundsätzlich in zwei Jahren ab Ablieferung der Sache – frühestens jedoch zwei Monate nach dem Zeitpunkt, an dem der Verkäufer die Ansprüche des Käufers erfüllt hat. Endgültig sind etwaige Regressansprüche fünf Jahre nach dem Zeitpunkt verjährt, an dem der Lieferant die Kaufsache dem Käufer abgeliefert hat (§ 445 b Abs. 1 und 2 BGB). Der Regressanspruch kann allerdings durch Allgemeine Geschäftsbedingungen in den Grenzen von Treu und Glauben eingeschränkt werden. Es ist davon auszugehen, dass die Hersteller und Händler von dieser Möglichkeit Gebrauch machen werden und die Regelung in der Praxis nur geringe Bedeutung gewinnt. Arndt Kresin ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht in München. Über die für Architekten relevanten Neuerungen können Sie sich in der dreiteiligen DAB-Reihe einen Überblick verschaffen. 1. Teil: Allgemeines und neues Architektenvertragsrecht 2. Teil: Bauvertragsrecht 3. Teil: Verbraucherbauvertrag und weitere Regelungen Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier 

Von Sattelkammern, Tourismusbauten, Architektur im Luther-Jahr und wallendem Backstein

Aufgetischt statt aufgesattelt Eines der beliebtesten Touristenziele Deutschlands wurde ein zweites Mal von Max Dudler ergänzt. Nachdem 2012 das Heidelberger Schloss bereits ein neues Besucherzentrum erhalten hatte, wurde nun die danebenliegende historische Sattelkammer in ein Bistro umgewandelt. Dafür wurde der Raum, der aus dem frühen 17. Jahrhundert stammt, von Einbauten aus den 1980er-Jahren befreit. Dadurch kommen die neun Meter Raumhöhe und die über zwei Meter starken Wände aus rotem Sandstein womöglich besser zur Geltung als je zuvor. Eine raumhohe Akustikwand aus Kirschholz verdeckt die an der Rückwand angeordneten Nebenfunktionen. Auch das Mobiliar wurde von Max Dudler entworfen. Voneinander profitieren Ein neues Buch zeigt, wie überzeugende Tourismuskonzepte entstehen, bei denen Betriebswirtschaft und Architektur in die gleiche Richtung weisen. Text: Simone Hübener Tourismus und Architektur werden erst seit wenigen Jahren in einem Atemzug genannt. Da dennoch viel Luft nach oben ist, nimmt man den Band „Grundwissen Tourismusarchitektur“ aus dem Hause utb erfreut zur Kenntnis. Er soll Studierenden der Architektur, der Stadtplanung und der Tourismuswirtschaft als fundierte Lektüre und Lehrenden als Basis für eine 14-wöchige Veranstaltung dienen. Entsprechend geht der Autor Heiner Haass, Professor an der Hochschule Anhalt, in 14 Kapiteln jeweils auf einen Teilbereich ein, etwa „Architektur als Wirtschaftsfaktor im Tourismus“ oder „Inszenierungen und künstliche Erlebniswelten“. Heiner Haass, Grundwissen Tourismusarchitektur, utb, Stuttgart 2017, 140 Seiten, 24,99 Euro In den Fließtext eingestreut finden sich Tipps, mit denen sich die Leser einzelne Aspekte selbst erarbeiten können, beispielsweise: „Betrachten Sie gute Beispiele, in denen die Architektur das touristische Geschäft unterstützt.“ Mit diesen 14 Kapiteln gelingt es, viele verschiedene Facetten aufzugreifen und neues Wissen zu vermitteln. Allerdings doppeln sich einige Inhalte und auch sprachlich hätte man an diesem Werk noch feilen sollen. Die deutsche Sprache hätte mehr Vielfalt bereitgehalten. Gelungen ist jedenfalls der Einstieg, der aus drei Interviews mit „Praktikern“ besteht: einem Hotel- und einem Destinationsmanager sowie einem Architekten. Diese Praxisnähe macht Lust auf Tourismusarchitektur, wenngleich manche Aussagen etwas pauschalisierend ausfallen und sicherlich keine allgemeine Zustimmung finden, etwa die Meinung des Hotelmanagers, der eine personelle Trennung von Entwurf und Umsetzung empfiehlt. Der schwierige Spagat, für Studierende der drei genannten Fachbereiche zu schreiben, ist Haass gelungen. Auch Praktiker, die er mit dem Buch ebenfalls ansprechen will, werden besonders in den Teilen fündig, in denen Basiswissen der jeweils anderen Disziplin vermittelt wird. Bleibt nur zu hoffen, dass das Wissen nicht an den Hochschulen versickert, sondern in der Praxis angewandt wird und künftig noch mehr gute Tourismusarchitektur entsteht. Simone Hübener ist Fachjournalistin für Architektur und Bauen sowie Planredakteurin in Stuttgart. Für Blumen und Besucher Teil der Internationalen Gartenausstellung in Berlin (siehe DAB 5.2017) sind auch zwei besondere Architekturen. Das Infozentrum des Bezirks Marzahn-Hellersdorf von Partner und Partner Architekten ist ein konstruktiver Holzbau mit einer Fassade aus Aluminium Paneelen. Diese knüpfen gestalterisch an Beton-Formsteine in den umgebenden Plattenbausiedlungen an. Im Inneren können sich die Gartenfreunde in einer Ausstellung über den Bezirk informieren. Hinzu kommen ein Veranstaltungssaal für lokale Initiativen und ein Pausenraum für Busfahrer. Während das Infozentrum auch nach der IGA stehen bleiben wird, ist die Blumenhalle von Gorenflos Architekten ein temporärer Bau. Auch sie ist eine Holzkonstruktion, die mit einer transluzenten Textil-Membran bespannt ist. Folien dienen als Fenster, die Entrauchungsklappen funktionieren mit Klettverschluss. Das modulare System mit minimiertem Materialeinsatz kommt ohne Erdarbeiten aus. Zu besichtigen ist übrigens schon die zweite Blumenhalle für Marzahn. Die eigentlich vorgesehene wurde 2015 kurzerhand vom Senat gekauft und am Flughafen Tempelhof für die Flüchtlingsunterbringung aufgebaut – sie blieb allerdings ungenutzt.   Wer baut wo welche Wohnungen? Dieser Frage geht eine neue Studie des Bundesbauministeriums und des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung nach. Die Forscher untersuchten beispielhaft die Neubautätigkeit in Aachen, Dresden, Düsseldorf, Freiburg und Nürnberg und befragten Vertreter von Wohnungsunternehmen und Verwaltungen sowie Privatinvestoren. Dabei wurde deutlich, dass vor allem der Wettbewerb um knappes Bauland und die dadurch immer teureren Grundstücke den Bau bezahlbarer Wohnungen erschweren. Komplexe Planungs- und Genehmigungsverfahren, zu wenig Personal in den Verwaltungen, Engpässe in Planungsbüros und Bauunternehmen, aber auch nachbarschaftliche Widerstände kommen hinzu. Es werden auch Vorschläge dazu gemacht, wie Bauland schneller und nicht zu Höchstpreisen aktiviert werden kann. Bestellung der Studie unter: forschung.wohnen@bbr.bund.de oder Download über: www.bbsr.bund.de   Wallende Wand Hinter dieser stofflich geschwungenen Klinkerwand in Münster residiert, wen wundert es, der Textil- und Bekleidungsverband Nordwest. Was wie ein zufälliger Faltenwurf erscheint, erforderte vom örtlichen Architekturbüro Behet Bondzio Lin detaillierte Vorbereitungen und von den Handwerkern millimetergenaues Arbeiten. Der parametrische Entwurf entstand mit einem eigens geschriebenen Computerprogramm. Für die Baustelle wurden Pläne erstellt, auf denen die errechnete Position jedes einzelnen Steines verzeichnet war. Und schließlich mussten 74.000 Klinker in sieben verschiedenen Größen gebrannt werden. Für den bewegten Eindruck sorgt aber auch der Schattenwurf, der natürlich mitgeplant wurde.   Mansfeld: Museum Luthers Elternhaus von Anderhalten Architekten Architektur und Reformation Welche Impulse die Reformation auf Architektur und Städtebau hatte, auf den Kirchenbau, aber auch auf Einrichtungen für Gesundheit, Fürsorge und Bildung, hat über zwei Jahre hinweg die Architektenkammer Rheinland-Pfalz auf Veranstaltungen und Exkursionen untersucht. Gemeinsam mit der Architektenkammer Sachsen-Anhalt findet dazu am 16. September die Tagung „Architektur und Reformation“ in der Lutherstadt Wittenberg statt. Wittenberg: Erweiterung Melanchthonhaus von Dietzsch & Weber Architekten Am Ort des Geschehens treten dann Fragen der Denkmalpflege und der Stadterneuerung hinzu, die auch bei einer Stadtführung erörtert werden können. www.ak-lsa.de Die Architektenkammer Sachsen-Anhalt hat außerdem ein Leporello zusammengestellt, mit dem auf eigene Faust neue Architektur an Luthers Wirkungsstätten in Wittenberg, Eisleben und Mansfeld entdeckt werden kann. www.architekturtourismus.de   Auftragsbestände auf neuem Hoch Nach der vierteljährlichen Umfrage des ifo Instituts bei den freischaffenden Architekten war das Geschäftsklima zu Beginn des zweiten Quartals 2017 nicht mehr ganz so freundlich wie zuvor. Gut die Hälfte der Befragten beurteilte ihre Geschäftslage aber dennoch als „gut“. Nur 17 Prozent gehen aber von einer weiteren Verbesserung aus. Im ersten Quartal 2017 konnten nur noch 52 Prozent neue Verträge abschließen. Dies ist der niedrigste Wert seit knapp fünf Jahren. Das geschätzte Bauvolumen aus diesen Verträgen (Neubauten ohne Planungsleistungen im Bestand) lag dabei um knapp 30 Prozent unter dem Niveau des Vorquartals, das für Wohnungsbauten sogar um 40 Prozent. Die abgeschwächte Nachfrage war vor allem im Geschosswohnungsbau zu beobachten, wo die Architekten im Vorquartal das bislang größte akquirierte Planungsvolumen seit Beginn der Befragungen vor fast 40 Jahren erzielten. Zu Beginn des zweiten Quartals wiesen die Architekten einen Auftragsbestand von 7,3 Monaten auf. Das ist der höchste Wert seit Beginn dieser Umfrage. Dabei ist beachtlich, dass selbst das zuletzt deutlich reduzierte Planungsvolumen zu dieser Erhöhung der Auftragspolster führte. Die geringeren Auftragseingänge dürften sich also nicht als „Einbruch“, sondern eher als „normale“ Reaktion auf eine Auftragsspitze herausstellen.   Wie weit ist BIM? Die Digitalisierung der Bauwirtschaft ist in aller Munde. Es bleibt jedoch fraglich, ob alle Planer und Ausführenden aktiver Teil des Wandels sind und welcher Mehrwert sich für die verschiedenen Gruppen ergibt. Deshalb wollen das Karlsruher Institut für Technologie und die Bergische Universität Wuppertal mit einer Online-Umfrage herausfinden, wie weit BIM inzwischen in der Planungspraxis angekommen ist und wo Potenziale, aber auch Hemmnisse liegen. Die Befragung ist Teil eines Forschungsprojekts und dauert noch bis zum 15. August. Zur Umfrage   Standardwerk für Baupreise Das Baukosteninformationszentrum Deutscher Architektenkammern (BKI) hat seine dreibändige Reihe „BKI Baukosten 2017“ in komplett überarbeiteter Fassung herausgebracht. Die Kostenkennwerte basieren auf der Auswertung von über 3.000 realisierten Objekten aus 75 Gebäudearten, wobei die Baupreise auch regional aufgeschlüsselt werden können. Außerdem lassen sich typische Bauzeiten ablesen. Erstmals wird auch das barrierefreie Bauen dargestellt. Die Gesamtausgabe kostet 229 Euro, es können aber auch Einzelbände gekauft werden. www.bki.de  

Ausnahme-Verfahren statt Regelverfahren

Aufruf des BMUB zur Teilnahme an wettbewerblichem Verfahren: Serielles und modulares Bauen für qualitätvollen und kostengünstigen Wohnungsbau. Text: Barbara Ettinger-Brinckmann Der Wohnungsmarkt vor allem in vielen Groß- und Universitätsstädten in Deutschland ist wie leergefegt. Erhebliche Mietsteigerungen sind die Folge. Vor allem einkommensschwächere Haushalte, aber zunehmend auch Haushalte mit mittleren Einkommen haben Schwierigkeiten, eine für sie bezahlbare Wohnung zu finden. Um Wohnraum im günstigen Segment zu schaffen, rufen das „Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen“ und die „Baukostensenkungskommission“, in denen auch die BAK mitgewirkt hat, dazu auf, zeitgemäße Formen des seriellen und modularen Bauens und effektive Formen der partnerschaftlichen Zusammenarbeit von Architekten und Fachplanern, bauausführenden Unternehmen und Wohnungsunternehmen zu entwickeln. Inwieweit die serielle und modulare Bauweise das richtige Instrument ist, um schnell, kostengünstig und gleichermaßen qualitätvoll Wohnungen zu bauen, soll ein wettbewerbliches Verfahren ergeben, bei dem Architektinnen und Architekten und ausführende Unternehmen von Anbeginn in enger Kooperation arbeiten. Dieses Verfahren wird eng durch die Bundesarchitektenkammer begleitet, um die Vorteile einer unabhängigen Planung, einer Auswahl nach architektonischen Qualitätskriterien und eines berufsrechtlich für Kammermitglieder sicheren Verfahrens zu gewährleisten. Ziel des Verfahrens ist es, neue innovative und zukunftsfähige Konzepte für den Neubau mehrgeschossiger Wohnbauten in serieller und modularer Bauweise mit hoher architektonischer und städtebaulicher Qualität zu reduzierten Baukosten unter Berücksichtigung baukultureller Belange zu entwickeln. Diese prototypischen mehrgeschossigen Wohnbauten sollen – angepasst an einen konkreten Standort – bundesweit errichtet werden können. Idee ist, dass Architektinnen und Architekten gemeinsam mit ausführenden Unternehmen in einem Team an innovativen Gebäude- und Wohnungskonzepten arbeiten, sodass die hierfür erforderlichen besonderen Kenntnisse über moderne bzw. industrielle Konstruktions- und Produktionsprozesse bereits bei der Planung mit einfließen können. Es geht somit um eine gemeinsame „Produktentwicklung“. Das BMUB hat sich gerade auch im Zusammenhang mit der Vorbereitung dieses Verfahrens sehr deutlich zur Beibehaltung des bewährten Prinzips der unabhängigen Planung und Bauausführung bekannt. Die Auftragsbekanntmachung wird voraussichtlich Ende Juni 2017 im Amtsblatt der EU veröffentlicht. Gegenstand des Verfahrens ist die Ausschreibung einer „Rahmenvereinbarung“, auf deren Grundlage von abrufberechtigten öffentlichen und privaten Wohnungsbauunternehmen Einzelaufträge ausgelöst werden können. In einem Teilnahmewettbewerb werden aus allen Bewerbern/Bewerbergemeinschaften bis zu 15 ausgewählt und zur Angebotsabgabe aufgefordert. Die Angebote umfassen einen Systementwurf für ein Modellgebäude, der durch ein Bewertungsgremium unter Einbeziehung von Architekten bewertet wird. Mit den erfolgreichen 5–10 Bietern/Bietergemeinschaften wird eine Rahmenvereinbarung geschlossen. Präsidium und Vorstand der Bundesarchitektenkammer haben sich intensiv mit dem Verfahren und den mit ihm verbundenen bedeutenden berufspolitischen wie auch juristischen Fragestellungen beschäftigt. Als Ergebnis des Abwägungsprozesses hat der BAK-Vorstand beschlossen, das wettbewerbliche Verfahren zu unterstützen und die interessierten Kammermitglieder über die berufsrechtlichen Möglichkeiten einer Beteiligung ausführlich zu informieren. Nur die Beteiligung des Berufsstands an diesem Verfahren stellt sicher, dass planungs- und baukulturelle Belange ausreichend Berücksichtigung finden. Die Bundesarchitektenkammer wird die Teilnehmer dieses Verfahrens mit einem speziell hierfür eingerichteten Beratungsteam bei Fragen zum Berufs- und Haftungsrecht und zur Vertragsgestaltung unterstützen. Barbara Ettinger-Brinckmann ist Präsidentin der Bundesarchitektenkammer.

Zusammenleben in der Stadt

Foto: Fotolia Das Städtebaurecht wurde überarbeitet. Dabei wurde auch das „Urbane Gebiet“ geschaffen, das ein Nebeneinander verschiedener Funktionen garantieren soll. Text: Prof. Rolf Westerheide, Georg-Christopher Broich Städte stehen zurzeit wieder einmal vor großen Herausforderungen: Neben ökologisch, sozial und demografisch bedingten Erfordernissen erlebt Deutschland seit Jahren eine Urbanisierung erheblichen Ausmaßes; mit teils negativen Folgen für die urbanen Räume und ihre neue und alte Bevölkerung. Bundesweit müssten nach gegenwärtigen Schätzungen jährlich etwa 350.000 bis 400.000 Wohnungen gebaut werden, um den Bedarf an bezahlbarem Wohnraum zu decken. Der Gesetzgeber hat auf diese Entwicklung nun im Bauplanungsrecht reagiert: Zum 13. Mai 2017 ist das Gesetz zur Umsetzung der Richtlinie 2014/52/EU im Städtebaurecht und zur Stärkung des neuen Zusammenlebens in der Stadt in Kraft getreten. Dabei dient das Gesetz, wie sein Titel bereits vermuten lässt, vorrangig der Umsetzung der europäischen UVP-Änderungsrichtlinie, mit der deutsches Recht, etwa im Zusammenhang mit der Umweltverträglichkeitsprüfung, an EU-Richtlinien angepasst wird. Zugleich möchte der Gesetzgeber aber funktional durchmischte Städte erhalten. Um Nachverdichtungen zu ermöglichen und ein produktives Zusammenwirken von Wohnen und Arbeiten wieder zu erlauben, wurde nach langen Diskussionen und Planspielen eine neue Gebietskategorie für die Baunutzungsverordnung (BauNVO) entwickelt. Gerade in verdichteten Räumen treffen zunehmend unterschiedliche gesellschaftspolitische, ökologische und rechtliche Wünsche, Interessen und Ziele aufeinander. Die Neuregelungen an der Schnittstelle des Städtebau- und Immissionsschutzrechts sollen zukünftig das Bauen in stark verdichteten städtischen Gebieten im Sinne der „Leipzig- Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt“ flexibilisieren und erleichtern. Hierbei sollen insbesondere die Wohnbedürfnisse der Bevölkerung berücksichtigt und das hohe Umweltschutz- und Lärmschutzniveau bewahrt werden. Neue Baugebietskategorie „Urbane Gebiete (MU)“ Im Städtebaurecht hat der Gesetzgeber hierfür unter anderem die Baugebietskategorie „Urbane Gebiete (MU)“ ins Leben gerufen (§ 6 a BauNVO). Gesetzgeberisches Ziel der Neuregelung ist die Verwirklichung der nutzungsgemischten europäischen Stadt der kurzen Wege. Dabei sollen Urbane Gebiete in Zukunft vorrangig dem Wohnen sowie der Unterbringung von „nicht störenden“ Gewerbebetrieben und sozialen, kulturellen und anderen Einrichtungen dienen. Die Nutzungsmischung muss dabei nicht unbedingt gleich verteilt sein. Allgemein zulässig sind im Urbanen Gebiet demnach Wohngebäude, Geschäfts- und Bürogebäude, Einzelhandelsbetriebe, Schank- und Speisewirtschaften sowie Betriebe des Beherbergungsgewerbes, sonstige Gewerbebetriebe und Anlagen für Verwaltungen sowie für kirchliche, kulturelle, soziale, gesundheitliche und sportliche Zwecke. Ausnahmsweise können auch bestimmte Formen von Vergnügungsstätten sowie Tankstellen zugelassen werden. Für Urbane Gebiete oder Teile Urbaner Gebiete können darüber hinaus stets bestimmte Besonderheiten festgelegt werden (§ 6 a Absatz 4 BauNVO): So kann, ähnlich wie zum Beispiel für das Kerngebiet, im Einzelfall geregelt werden, dass ein bestimmter Anteil der zulässigen Geschossfläche ausschließlich für Wohnungen verwendet werden muss. Wichtig ist, dass die neue Baugebietskategorie nur im beplanten Innenbereich Anwendung findet. Das heißt, nur mit einem Bebauungsplan kann das Urbane Gebiet entwickelt werden. Es genügt für die Zulässigkeit eines Bauvorhabens nach seiner Art dementsprechend nicht, wenn die Eigenart der näheren Umgebung bloß einem Urbanen Gebiet nach der BauNVO entspricht (§ 34 Absatz 2 BauGB). Die Einführung des Urbanen Gebiets wird von einer Ergänzung der Obergrenzen für die Bestimmung des Maßes der baulichen Nutzung flankiert (§ 17 BauNVO): In Urbanen Gebieten gelten Obergrenzen von 0,8 für die Grundflächenzahl und 3,0 für die Geschossflächenzahl. Parallel dazu wurden in der TA-Lärm entsprechende baugebietsbezogene Immissionsrichtwerte von 63 dB(A) am Tag und 45 dB(A) in der Nacht festgelegt. Im Übrigen sind die Kommunen gehalten, selbst die Auflagen zum aktiven und passiven Lärmschutz zu regeln. Dichte und Kompaktheit allein sind noch keine Kriterien für guten Städtebau. Das Zusammenleben im städtischen Raum hat auch immer etwas mit der Bereitstellung und dem Angebot qualifizierter Freiflächen und öffentlicher Räume zu tun. Das neue Urbane Gebiet eröffnet Möglichkeiten, die von Politik und Planung immer wieder im Einzelfall zur Stärkung des jeweiligen lokalen Miteinanders ausgelotet werden müssen. Der Berufsgruppe der Architekten und Stadtplaner steht ein neues Instrument zur Verfügung, das auf vielfältige Erprobung wartet, immer aber – bezüglich der neuen räumlichen Qualitäten – sorgsam abgewogen werden muss. Erleichterung des Wohnungsbaus Zur Fortentwicklung des Städtebaurechts und zur Erleichterung des Wohnungsbaus, speziell im nicht beplanten Innenbereich, soll durch die Neufassung des § 34 Absatz 3 a BauGB bei Nutzungsänderungen sämtlicher baulicher Anlagen zu Wohnzwecken vom Erfordernis des Einfügens, baulich wie funktional betrachtet, künftig abgesehen werden können. Die Regelung war bisher beschränkt auf Nutzungsänderungen von Gewerbe- und Handwerksbetrieben zu Wohnzwecken. Ebenfalls der Erleichterung des Wohnungsbaus, allerdings bezogen auf Außenbereichsflächen, soll die neue Regelung des § 13 b BauGB dienen. Über diesen Paragrafen erfolgt eine Einbeziehung von Außenbereichsflächen in das beschleunigte Verfahren nach § 13 a BauGB. Dieser gilt entsprechend für Bebauungspläne mit einer Grundfläche von weniger als 10.000 Quadratmetern, durch die die Zulässigkeit von Wohnnutzungen auf Flächen begründet wird, die sich an im Zusammenhang bebaute Ortsteile anschließen. Dies kann im Einzelfall bedeuten, dass im „Schnellverfahren“ ohne umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung und naturschutzrechtlichen Ausgleich sowie ohne geregelte Bürgerbeteiligung eine Bebauungsplan-Gesamtfläche von vier Hektar, einschließlich Erschließungs- und Grundstücksflächen, erreicht werden kann. Die Vorschrift ist bis zum 31. Dezember 2019 befristet. Das Verfahren zur Aufstellung eines Bebauungsplans muss bis zum 31. Dezember 2019 förmlich eingeleitet werden. Der Satzungsbeschluss der Gemeinde ist sodann bis zum 31. Dezember 2021 zu fassen. Digitalisierung des Bauplanungsrechts und Öffentlichkeitsbeteiligung Im Sinne der Transparenz müssen zukünftig die Informationen über Bebauungspläne immer über ein zentrales Internetportal des jeweiligen Bundeslandes zugänglich gemacht werden (§ 4 a Absatz 4 BauGB und § 10 a BauGB). Die Gemeinden werden zudem verpflichtet, nachzuweisen, dass die Ergebnisse der Behörden- und Öffentlichkeitsbeteiligung im Flächennutzungsplan berücksichtigt worden sind. Begründet werden muss außerdem, warum anderweitige Planungsmöglichkeiten nicht in Betracht kommen (§ 6 a BauGB). UVP-Änderungsrichtlinie Durch die UVP-Änderungsrichtlinie und ihre Umsetzung in nationales Recht werden vorwiegend die Anforderungen an die Umweltverträglichkeitsprüfung konkretisiert. In Zukunft muss ein Umweltbericht vorgelegt werden, der die Ziele des Bauleitplans beschreibt und eine Bestandsaufnahme des derzeitigen Umweltzustandes sowie eine Prognose über dessen Entwicklung bei der Durchführung der Planung enthalten muss (Anlage 1 BauGB). Neben- und Ferienwohnungen Gemeinden, die überwiegend von Tourismus und Fremdenverkehr geprägt sind, können nunmehr in einem Bebauungsplan oder durch eine sonstige Satzung die Bildung von Ferien- und Nebenwohnungen durch die Begründung von Wohnungs- und Teileigentum unter einen Genehmigungsvorbehalt stellen und diese somit unterbinden (§ 22 BauGB). Gleichzeitig hat der Gesetzgeber die BauNVO um einen § 13 a (Ferienwohnungen) ergänzt. Neben einer Legaldefinition von Ferienwohnungen enthält dieser die grundsätzliche Klarstellung, dass Ferienwohnungen in der Regel zu den nicht störenden Gewerbebetrieben verschiedener Baugebiete der BauNVO gehören. Fazit Ob dem Gesetzgeber mit dem Gesetz zur Umsetzung der Richtlinie 2014/52/EU im Städtebaurecht und zur Stärkung des neuen Zusammenlebens in der Stadt der ganz große bauplanungsrechtliche Wurf gelungen ist, darf bezweifelt werden. Die Bestrebungen der Bundesregierung, insbesondere das „neue Zusammenleben in der Stadt“ zu stärken, sind dennoch zu begrüßen. Vor allem die Einführung der neuen Baugebietskategorie „Urbane Gebiete“ ist ausdrücklich zu befürworten. In stark verdichteten Städten bedarf es dringend eines flexibleren öffentlichen Baurechts, um auf die vielfältigen Probleme des Zusammenlebens in der modernen Stadt angemessen reagieren zu können. Mit dem Urbanen Gebiet wurde hierfür ein geeignetes Instrument geschaffen. Es ist nun an den Kommunen, dieses auch zu nutzen. Sehr problematisch erscheint allerdings der neue § 13 b BauGB. Dieser steht in erheblichem Widerspruch zu wesentlichen Grundsätzen des allgemeinen Städtebaurechts sowie zur Zielsetzung und Konzeption des gegenständlichen Gesetzes selbst. Die Regelung konterkariert die schutzwürdigen Interessen des Klimaschutzes und des Außenbereichs und steht den Forderungen nach Grünflächen und sauberer Luft, vor allem aber einer flächenschonenden Siedlungsplanung in Städten, wie aber auch im ländlichen Raum, deutlich entgegen; nicht zuletzt auch durch den Verzicht auf eine Umweltprüfung und die eingeschränkte Öffentlichkeitsbeteiligung. Auch im Hinblick auf das europäische Umweltrecht sendet § 13 b BauGB das falsche Signal und führt gegebenenfalls zur rechtlichen Angreifbarkeit von Bebauungsplänen. Es empfiehlt sich grundsätzlich eine zurückhaltende Anwendung der neuen Vorschrift. Die Bundesarchitektenkammer und die Länderkammern haben mit den Planerverbänden deutlich gemacht, dass für die Inanspruchnahme von Außenbereichsflächen und die Ausweitung von Städten mit dringendem Wohnraumbedarf mit den bestehenden Vorschriften des BauGB, insbesondere mit den Verfahren zur Vorbereitenden und Verbindlichen Bauleitplanung, sehr gute und bewährte Planungsinstrumente zur Verfügung stehen. Die BAK ist ferner der Meinung, dass § 13 b BauGB und seine Quasi-Gleichstellung mit § 13 a BauGB die rechtspolitischen Ziele der Innenentwicklungsnovelle 2007 konterkarieren. Prof. Rolf Westerheide ist Architekt und Stadtplaner in Aachen. Georg-Christopher Broich ist Volljurist und Referent der Rechtsabteilung der BAK. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Bauvertragsrecht jetzt im BGB

Foto: Fotolia Eine dreiteilige Serie gibt einen Überblick über die Reform des Bauvertragsrechts und der Mängelhaftung im Kaufrecht. Teil 2 der dreiteiligen DAB-Recht-Reihe: Bauvertragsrecht Text: Arndt Kresin In Teil 1 dieser Reihe wurde darauf hingewiesen, dass mit der Reform erstmals seit Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) im Jahr 1900 spezielle Regelungen für das Bau- und Architektenrecht in das BGB eingeführt werden. Noch vor dem Inkrafttreten der Reform am 1. Januar 2018 werden jedoch die kritischen Stimmen lauter. Einzelne Regelungen, wie etwa das unten erläuterte einseitige Anordnungsrecht des Bestellers/Auftraggebers, erscheinen aus Sicht eines Auftraggebers eher sperrig für die Praxis. Die Reform ist jedoch im Ganzen durchdacht und strukturiert und berücksichtigt die Interessen von Auftraggeber und Auftragnehmer gleichermaßen. Erst die Anwendung wird zeigen, wie sich einzelne Vorschriften bewähren. Der Bauvertrag ist gemäß § 650 a BGB ein Vertrag über „die Herstellung, die Wiederherstellung, die Beseitigung oder den Umbau eines Bauwerks, einer Außenanlage oder eines Teils davon“. Auch die Instandhaltung eines Bauwerks unterliegt dem Bauvertrag, „wenn das Werk für die Konstruktion, den Bestand oder den bestimmungsgemäßen Gebrauch von wesentlicher Bedeutung ist“. Das Bauvertragsrecht wird zukünftig in §§ 650 a bis 650 h BGB geregelt. Einseitiges Anordnungsrecht des Bestellers Bislang existiert im Gesetz kein Recht für den Besteller (also den Auftraggeber), den Leistungsinhalt einseitig durch Anordnung zu ändern. Für den Bauvertrag und über Verweise für den Verbraucherbau- sowie den Architekten- und Ingenieurvertrag wird nun in §§ 650 b, c BGB ein solches Anordnungsrecht geschaffen. § 650 b Abs. 1 BGB bestimmt zunächst, welche Änderungen der Auftraggeber inhaltlich einseitig anordnen kann. Zulässig sind (1): Änderungen des vereinbarten Werkerfolgs, sofern sie für den Unternehmer (das heißt Auftragnehmer) zumutbar sind (§ 650 b Abs. 1 Satz 2 BGB), sowie (2): Änderungen, die zur Erreichung des (unverändert) vereinbarten Werkerfolgs notwendig sind. Bevor der Auftraggeber allerdings die Änderung einseitig anordnen darf, haben die Parteien über die Änderung an sich und die sich daraus ergebende Vergütungsanpassung Einvernehmen anzustreben (Kooperationspflicht). Dabei ist der Auftragnehmer verpflichtet, ein Angebot über die Mehr- oder Mindervergütung zu erstellen. Trägt der Auftraggeber die Planungsverantwortung (zum Beispiel, weil er die Ausführungsplanung zu erstellen hat), trifft den Auftragnehmer diese Pflicht erst, nachdem ihm der Auftraggeber die erforderliche geänderte Planung zur Verfügung gestellt hat. Einigen sich die Parteien nicht binnen 30 Kalendertagen nach Zugang des Änderungsbegehrens, kann der Auftraggeber die Änderung in Textform (§ 126 b BGB) einseitig anordnen. Dazu genügen lesbare Erklärungen, die auf einem dauerhaften Datenträger abgegeben werden (insbesondere schriftliche Erklärung, Fax, E-Mail). Im Gegenzug hat der Auftragnehmer Anspruch auf eine Anpassung seiner Vergütung gemäß § 650 c Abs. 1 BGB. Diese berechnet sich für den infolge einer Anordnung vermehrten oder verminderten Aufwand nach den tatsächlich erforderlichen Kosten mit angemessenen Zuschlägen für Allgemeine Geschäftskosten (insbesondere Verwaltungskosten), Wagnis und Gewinn. Eine Berechnung nach einer vereinbarungsgemäß hinterlegten Urkalkulation ist möglich. Diese Vorgehensweise beinhaltet jedoch lediglich die widerlegbare Vermutung, dass sie die tatsächlich erforderlichen Kosten widerspiegelt, § 650 c Abs. 2 BGB. Im Bauvertrag nach BGB werden, anders als bei einem Vertrag mit vereinbarter VOB/B, die vertraglichen Preisbestandteile also nicht in Nachträgen gemäß § 650 c BGB fortgeführt. Vorläufiger Anspruch auf 80 Prozent der Vergütungsanpassung Kommt bei einer solchen Anordnung keine Einigung über die Vergütung zustande, ist der Auftragnehmer berechtigt, für die ausgeführte angeordnete Leistung bis zu 80 Prozent seines Angebots zur Vergütungsanpassung vorläufig in einer Abschlagsrechnung geltend zu machen, § 650 c Abs. 3 BGB. Die endgültige Berechnung erfolgt in der Schlussrechnung. Zahlungen, die den tatsächlich erforderlichen Aufwand übersteigen, hat der Auftragnehmer zuzüglich Zinsen ab dem Eingang des zu viel bezahlten Betrages zurückzuzahlen. Dies soll den Auftragnehmer von einer überhöhten vorläufigen Abrechnung abhalten. Der Zinssatz bestimmt sich nach § 288 BGB und liegt grundsätzlich 5 Prozentpunkte über dem Basiszinssatz bzw. 8 Prozentpunkte über dem Basiszinssatz bei einem Bauvertrag, an dem kein Verbraucher beteiligt ist. Einstweiliger Rechtsschutz Weigert sich der Auftragnehmer, die Anordnung auszuführen oder erachtet der Auftraggeber das in einer Abschlagsrechnung abgerechnete Angebot für zu hoch, kann er gerichtlichen Rechtsschutz im Wege einer einstweiligen Anordnung suchen. Das geht schneller als mit einer Klage. Zuständig ist hierfür die Baukammer am Landgericht. Gesonderte Vergütungsanpassung bei Anordnungen im Architekten- und Ingenieurvertrag Die Regelungen zum oben genannten Anordnungsrecht finden auch im Architektenund Ingenieurvertrag Anwendung, § 650 q Abs. 1 BGB. Hinsichtlich der Vergütungsanpassung sind jedoch die Entgeltberechnungsregelungen der HOAI vorrangig, § 650 q Abs. 2 BGB. Existiert für die angeordneten Leistungen keine Preisbindung nach der HOAI, wie es zum Beispiel bei sogenannten Besonderen Leistungen der Fall ist, kann der Planer nach dem tatsächlich erforderlichen Aufwand der angeordneten Leistung gemäß § 650 c BGB abrechnen, wenn die Parteien keine Honorarvereinbarung gemäß § 3 Abs. 3 Satz 3 HOAI getroffen haben. Der Planer ist dann berechtigt, den tatsächlich erforderlichen Aufwand zuzüglich angemessener Zuschläge für Allgemeine Geschäftskosten, Wagnis und Gewinn abzurechnen. Hingegen besteht für Grundleistungen eine Preisbindung gemäß § 7 HOAI. Einigen sich die Parteien über eine Vergütungsanpassung bei angeordneten Leistungen, muss sich das angepasste Honorar im Rahmen der Mindest- und Höchstsätze befinden. Einigen sich die Parteien nicht über eine Vergütungsanpassung, so bestimmt sich deren Berechnung nach § 10 HOAI. Von § 10 Abs. 1 HOAI sind Änderungen des Umfangs der beauftragten Leistung erfasst, sofern sich hierdurch die anrechenbaren Kosten beziehungsweise Flächen ändern. Entsprechend sind gegebenenfalls die weiteren Berechnungsgrundlagen (Honorarzone, Honorartafel) anzupassen. Das gilt auch für sich wiederholende Grundleistungen. § 10 Abs. 2 HOAI behandelt die Fälle, bei denen Änderungen zwar zur Wiederholung von Grundleistungen führen, jedoch die anrechenbaren Kosten beziehungsweise Flächen unverändert bleiben (zum Beispiel erneute Vergabe nach Insolvenz des Bauunternehmers). Die Höhe wird sodann nach dem Anteil der wiederholten Grundleistungen an der jeweiligen Leistungsphase berechnet. Hierbei stehen die in der Praxis bekannten Tabellen für Teilleistungen und ihre Honorare (sogenannte Splittertabellen) zur Verfügung. § 10 HOAI verlangt eine schriftliche Vereinbarung des geänderten Honorars. Nach der hier vertretenen Auffassung führt jedoch eine fehlende Schriftform nicht dazu, dass die angeordneten Leistungen nach den Mindestsätzen abgerechnet werden müssten. Wurde im Ursprungsvertrag ein höherer Satz vereinbart, so gilt dieser auch im Falle des § 10 HOAI, denn die angeordnete Leistung begründet keinen neuen Vertrag, sondern ändert lediglich den ursprünglichen ab. Ungeachtet dessen muss der Planer bei einer einseitigen Anordnung aber immer darauf achten, dass ihm der Auftraggeber die Anordnung in Textform erklärt hat, § 650 b Abs. 2 BGB; andernfalls hat der Planer keinen Anspruch auf Anpassung seiner Vergütung, sondern allenfalls auf den in aller Regel deutlich geringeren Wertersatz gemäß § 818 Abs. 2 BGB. Zustandsfeststellung bei Verweigerung der Abnahme Nach § 650 g Abs. 1 BGB sind die Parteien verpflichtet, eine förmliche Zustandsfeststellung vorzunehmen, falls der Auftraggeber die Abnahme verweigert. Der Auftragnehmer kann diese Feststellung alleine vornehmen, wenn der Auftraggeber zum vereinbarten oder zum vom Auftragnehmer innerhalb einer angemessenen Frist bestimmten Termin nicht erscheint. Ist der Auftraggeber dem Termin jedoch unverschuldet ferngeblieben und hat er dies dem Auftragnehmer unverzüglich, das heißt ohne schuldhaftes Zögern, mitgeteilt, entfaltet eine einseitige Zustandsfeststellung keine Rechtswirkung. Eine berechtigte Zustandsfeststellung führt dazu, dass die Beweislast auf den Auftraggeber bei offenkundigen Mängeln übergeht. Ist nämlich das Werk dem Auftraggeber verschafft (also übergeben) worden, wird bei einem danach von ihm gerügten offenkundigen Mangel vermutet, dass dieser nach der Zustandsfeststellung entstanden und von ihm zu vertreten ist. Diese Vermutung findet jedoch keine Anwendung, falls der Mangel in seiner Art nicht vom Auftraggeber verursacht worden sein kann (etwa Verwendung von Baumaterialien, die nicht der vertraglichen Vereinbarung entsprechen). Ansonsten trägt der Auftraggeber die Darlegungs- und Beweislast dafür, dass der Mangel bei Zustandsfeststellung bereits vorhanden war und daher vom Auftragnehmer zu beseitigen ist – und das, obgleich eine Abnahme fehlt. Schlussrechnung Im Bauvertrag wird die Schlusszahlung gemäß § 650 g Abs. 2 BGB erst fällig, wenn die Leistung abgenommen und eine prüffähige Rechnung erteilt wurde. Eine ähnliche Regelung kennen Architekten für ihre eigene Rechnung aus § 15 Abs. 1 HOAI. Arndt Kresin ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht in München. Über die für Architekten relevanten Neuerungen können Sie sich in der dreiteiligen DAB-Reihe einen Überblick verschaffen. 1. Teil: Allgemeines und neues Architektenvertragsrecht 2. Teil: Bauvertragsrecht 3. Teil: Verbraucherbauvertrag und weitere Regelungen Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Kompakte Städte, kurze Wege

Prof. Rolf Westerheide ist Vertreter der Stadtplaner im Vorstand der Bundesarchitektenkammer. Mobilität wird auch für den Städtebau wichtig. Deutsche Architekten können Vorreiter sein. Wie genau, erläutert Prof. Rolf Westerheide. In der Debatte um Stabilisierung, Erneuerung und Weiterentwicklung städtischer, aber auch ländlicher Lebensräume bekommt das Thema Mobilität einen immer größeren Stellenwert. Dabei geht es nicht nur darum, ob wir uns zukünftig mit Verbrennungsmotor, Brennstoffzelle oder Strom fortbewegen, sondern auch darum, wie die Wahl der Verkehrsmittel beeinflusst werden kann – weg vom immer noch wachsenden Anteil des motorisierten Individualverkehrs, hin zum sogenannten Umweltverbund aus Fuß- und Radverkehr sowie ÖPNV. Dabei können uns Sharing-Modelle für Fahrrad und Auto ebenso helfen wie neue Konzepte für den Warenverkehr. Doch alle guten Ansätze nützen nichts, wenn sie nicht von einer zukunftsweisenden Stadt- und Verkehrsplanung gefördert werden, die den regionalen Maßstab betrachtet. Mit der Leipzig Charta wurde vor zehn Jahren die Abkehr von der Funktionstrennung – hier Arbeiten, dort Wohnen – mit ihren erheblichen Anforderungen an die Mobilität in eine gesamteuropäische Willensbekundung gegossen. Doch noch manifestiert sich der zunehmende Verkehr, befeuert durch einen globalisierten Warenaustausch, als dauerhaftes Problem in den Städten – aber auch vermehrt in ländlichen Räumen, wo losgelöst vom Ort der Produktion und des Verbrauchs riesige Logistikflächen entstehen. Wenn die dadurch entstehenden vielfältigen Probleme des Staus und des steigenden  Flächenverbrauchs eingedämmt werden sollen, ist ein Umdenken erforderlich. Dabei spielen Dichte und Urbanität und die daraus resultierenden kurzen Wege eine Schlüsselrolle. Die wirklich nachhaltige Stadt müsse eine menschenfreundliche sein, sagt der dänische Stadtplaner Jan Gehl. Er fordert eine Stadt mit guten öffentlichen Räumen und einer Kompaktheit, die die Menschen anregt, Wege als Fußgänger oder Radfahrer zu bewältigen. Der Mensch als Maßstab muss wieder unser Bezugspunkt werden. Doch noch sind viele Städte geprägt von der Idee der Autogerechtigkeit. Diese Stadträume neu zu gestalten und für alle Menschen zurückzugewinnen, muss unsere Aufgabe sein. Ökologische Erfordernisse müssen dabei mit technischen, gestalterischen und sozialen in Einklang gebracht werden. Über die Barrierefreiheit hinaus wird uns dabei sicherlich auch in der Stadtplanung der Inklusionsgedanke beschäftigen, um soziale Teilhabe, aber eben auch Mobilität für alle zu ermöglichen. Wenn unsere Planer diese Herausforderungen im Labor „europäische Stadt“ meistern, werden sie auch international bei der Metropolenentwicklung in Asien, Afrika und Südamerika mitwirken können. Wir können Anstöße dazu geben, dass von uns ausgelöste klimazerstörende und flächenfressende Fehlentwicklungen nicht wiederholt werden. Aber auch hierzulande bietet der Mobilitätswandel für Architekten, Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Verkehrsplaner die einmalige Chance, Lebensräume neu zu gestalten. Einerseits werden neue Verkehrskonzepte Auswirkungen auf die Quartiersentwicklungen und die Gebäudeplanung haben. Andererseits kommen ganz neue Bauaufgaben auf uns zu, die sozial und gestalterisch in Stadt und Landschaft integriert werden müssen. Wenn es um Mobilität geht, werden wir uns einmischen, denn die neuen Infrastrukturen werden zu Fragestellungen für unsere Professionen. Eine verträglichere Mobilität verlangt unser kreatives Potenzial. Prof. Rolf Westerheide ist Vertreter der Stadtplaner im Vorstand der Bundesarchitektenkammer. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil

Umsteigen bitte!

Gelingt uns nach der Energiewende eine „Verkehrswende“? Ansätze dafür gibt es, aber meist steht neue Technik im Vordergrund. Wirklich nachhaltige Mobilitätskonzepte setzen jedoch auf Architektur und Städtebau. Text: Christoph Gunßer Die Zahlen sind ernüchternd: Der Fahrzeugbestand im Land hat 2016 wieder um zwei Prozent zugenommen. Für zehn Bundesbürger, vom Säugling bis zum Greis, stehen oder rollen aktuell knapp sieben Pkw herum. Die Folge: 2016 gab es einen neuen Stau-Rekord von 1,38 Millionen Kilometern. Der Güterverkehr, der sich seit 1960 verzehnfacht hat, soll bis 2030 nochmals um 38 Prozent wachsen. Geflogen wird global aktuell 4,8 Prozent mehr per annum; seit 1995 hat sich der Luftverkehr verdoppelt. Von den 270 Milliarden Euro an Investitionen, die der unlängst verabschiedete Bundesverkehrswegeplan bis 2030 vorsieht, sollen lediglich 25 Millionen für neue Radwege ausgegeben werden. Was als Fortschritt verkauft wird, markiert keineswegs eine Wende in der Verkehrspolitik: Für alle 80 in Deutschland geplanten Radschnellwege wären nach Schätzungen von Verkehrsplanern mehr als zwei Milliarden Euro nötig. Dabei wächst der Freizeitverkehr besonders stark, aber auch die Geschäftsreisen legen zu, trotz Digitalisierung. Unsere Lebensweise ist heute aufs Engste mit Mobilität verknüpft. Jede und jeder will zur eigenen Zeit ans eigene Ziel gelangen. Autonomie und Individualität verwirklichen sich meist über „entfernungsintensive“ Lebensstile. Die drohende Klimakatastrophe lässt die „Erlebnisgesellschaft“ offenbar kalt. Den Trend zu bremsen, was möglich wäre, scheint politisch nicht mehrheitsfähig. Draußen im Lande ist der Leidensdruck nicht groß genug und der Einfluss der Lobbys zu hoch. Anders sieht es in den Städten aus. Chemnitzer Modell: Der Umbau des Hauptbahnhofs von Grüntuch Ernst vernetzt Bahn und Tram vorbildlich. Nachts bespielen LEDs die Luftkissenfassade. Architekten als bessere Verkehrsplaner Viele Metropolen stellen sich gegen den Trend zu immer mehr Verkehr – oftmals notgedrungen, weil ihnen buchstäblich die Luft ausgeht, manchmal aus Überzeugung. Während die Verkehrsplaner dem „Bedarf“ hinterherbauen und weiter den „Raumwiderstand“ – im Verkehrsplanersprech sind dies Hindernisse und Engpässe – überwinden, formiert sich in Verdichtungsräumen der Widerstand gegen die autogerechte Stadt. Es ist ein Widerstand durch Regulierung wie Parkraumverknappung, Bevorzugung von ÖPNV und Fahrrad, Bürgertickets für den ÖPNV bis hin zur Androhung von Fahrverboten und City-Maut. Vor allem aber artikuliert er sich im Anbieten von qualitätvollem Raum, von Architektur und Erlebnis. Der Erfolg bleibt vielerorts nicht aus. „Die Stadt mit weniger Automobilen, mit mehr Bäumen, sich unterhaltenden Menschen und einem höheren Maß an Sicherheit schafft so viel Attraktivität, dass sogar Verluste an Umsatz, die der Handel durch verringerte Autoerreichbarkeit anfangs befürchtet, oft mehr als kompensiert werden“, konstatiert der Kassler Verkehrsplaner Helmut Holzapfel. „Wer sich in Verkehrsfragen nur mit Verkehr beschäftigt, hat immer schon verloren“, sagt der Pionier integrierter Verkehrskonzepte. Dynamik für Busse: Die Überdachung des ZOB Pforzheim von Metaraum hilft im Städte-Ranking. Er sieht die Bedeutung der reinen Verkehrsplaner rapide schwinden und plädiert dafür, dass Architekten und Städtebauer sich das Ressort wieder aneignen. Statt durch Funktionstrennung immer mehr Zwangsmobilität zu generieren, muss also die „Stadt der kurzen Wege“ bewahrt oder, wenn möglich, neu geschaffen werden. Als Musterbeispiel gelten hierzulande das Quartier Vauban in Freiburg und die Tübinger Südstadt, wo zwei Drittel des Verkehrs ohne Auto funktionieren. Beide Projekte wurden „dickköpfig“, so Holzapfel, gegen vielfältige Widerstände durchgesetzt und dienen seither als Referenzgebiete. Kleinere autofreie Quartiere gibt es inzwischen auch an einigen anderen Orten. Doch die kommunale Verkehrslandschaft gleicht einem Flickenteppich: Es wird viel probiert, wenig geforscht, und wenn, dann meist mit der interessierten Industrie als Sponsor. Vorbilder größeren Maßstabs finden sich bisher nur im Ausland. Kopenhagens konsequente Umbau-Politik setzte auf Architektur und Stadtplanung: Kernpunkte waren gute öffentliche Räume und „Straßen für die Menschen“. Der Ausbau der Fahrradinfrastruktur war hierbei nur ein Instrument, das dazu führte, dass heute knapp die Hälfte aller Wege mit dem Rad zurückgelegt werden. Initiator Jan Gehl (siehe „Von Städten für Menschen“) berät Metropolen weltweit beim Stadtumbau, den man mittlerweile „copenhagenize“ nennt. Bei dem gleichnamigen Index für vorbildliche Städte liegt etwa Eindhoven mit seinem Fahrrad-Kreisverkehr auf Platz fünf. Kreis überm Blech: Den Hovenring in Eindhoven nutzen täglich rund 5.000 Radfahrer. Früher als andere Städte förderte auch Zürich den sogenannten Langsam-Verkehr, also Zufußgehen und Radfahren. So haben sich die Züricher schon in den Siebzigerjahren, als man in Deutschlands Innenstädten noch verkehrspolitische Großprojekte durchzog, gegen eine U-Bahn und für die Tram ausgesprochen. Seit 2008 verfolgen sie das anspruchsvolle Ziel der 2.000-Watt-Gesellschaft. Das heißt, dass ab 2050 niemand mehr als diese Energiemenge beansprucht, die als global gerecht und „enkeltauglich“ gilt – gegenwärtig liegt der Bedarf in der Schweiz bei 5.000 bis 6.000 Watt, in Deutschland noch wesentlich höher. Dieser Wandel funktioniert nur mit mehr Effizienz und einem Umdenken bei der Fortbewegung. Zürich verbot jedoch keinen der Verkehrsträger, sondern warb mit professionellem Marketing für den Umstieg. Zudem setzte man von Anfang an auf kombinierte Mobilität. Die Umsteigepunkte von Individual- zu öffentlichem Verkehr oder von Nah- zu Fernverkehr gewannen seither überall an Bedeutung. Sie ansprechend und nutzerfreundlich zu gestalten, gelingt den Architekten inzwischen auf nicht selten spektakuläre Weise. Ruhrpott ganz vorn: Als Teil des 101 km langen Radschnellwegs 1 wird in Mülheim ein Viadukt zur Hochpromenade. Öffentlicher Verkehr als Event Architektur macht so das Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel attraktiv. Seit den Neunzigerjahren erlebten viele Bahnhöfe eine Renaissance (wenn auch zuweilen mehr als Shopping-Mall), das Design von Straßenbahnen und „Busstopps“ wurde ein Mittel des Stadtmarketings. Es wurde schick, „öffentlich“ zu fahren. Sogar Klein- und Mittelstädte beeilten sich in den letzten Jahren, schnittige Busbahnhöfe oder Radstationen anzubieten, die auch in die jeweilige Region ausstrahlen. Demselben Zweck dienen neue Radschnellwege, etwa der im Bau befindliche, 101 Kilometer lange RS 1 zwischen Hamm und Duisburg. Leichter umsteigen: Die Radstation Norderstedt von Hage Felshart Griesenberg bietet 450 Plätze. Mieträder ermöglichen bereits an vielen Orten eine alternative, gesunde Mobilität; für größere Distanzen gibt es Leihautos. Fernbusse treten in Konkurrenz zur Schiene und buhlen mit eigenen Bahnhöfen um Aufmerksamkeit. Statt geparktem Blech beginnen Elemente einer neuen Mobilitätskultur den Stadtraum zu prägen. Städte, die einen solchen Stadtumbau wagten, ernten nun die Früchte. Der Trend zurück in die Stadt dürfte wenigstens zum Teil mit der gelungenen Bändigung des Verkehrs und dem Stau Chaos andernorts verbunden sein. Die dichte, gemischte europäische Stadt steht für die angestrebte Vernetzung in der Multioptionsgesellschaft. Schon fürchten sozial orientierte Planer wie Helmut Holzapfel, dass es eine neue Spaltung der Gesellschaft geben werde: in eine wohlhabende urbane Schicht, die ohne Auto mobil sein kann, und aus der Stadt verdrängte Menschen, die, vom öffentlichen Verkehr abgehängt, draußen bleiben und lange Pendelwege in Kauf nehmen müssen. Gespanntes Warten: Haltestelle am Hauptbahnhof Berlin von Gruber + Popp mit 7 cm dünnem Leichtbeton-Dach. „Smart“ allein ist keine Lösung Nun werden Elektroautos, „intelligente“ oder „smarte“ Verkehrskonzepte als Zukunftshoffnung verkauft. Sie mögen mit der Zeit ihre Rolle in Mobilitätsnetzwerken bekommen, lösen per se jedoch keine Verkehrsprobleme. Viele teure elektronische Leitsysteme dienten in der Vergangenheit nur dazu, die vorhandene stadtfeindliche Infrastruktur maximal auszunutzen, bis am Ende doch nichts mehr ging. Mehr Fragen als Antworten gibt es auch noch beim autonomen Fahren. Hier wurden schon Forderungen der Anbieter nach einem fahrzeuggerechten Stadtumbau bekannt: So müssten etwa mehr Einbahnstraßen und weniger Fußgängerquerungen eingerichtet werden, um Kollisionen zu verhindern. Dass es künftig schon aus Ressourcenknappheit auch bei Fahrzeugen um „nutzen statt besitzen“ gehen wird, ist indes absehbar. Der Erfolg der Sharing Economy gerade bei jungen Leuten lässt da hoffen. Ein Weniger an Mobilität bedeutet dies aber keineswegs. Trotz aller schönen neuen Mobilitätsangebote bleibt am Ende die alte Frage, wie viel Mobilität aus Fluchtbewegungen besteht: Flucht aus sterilen, entmischten oder peripheren Quartieren, Flucht aus lärmgeplagten, abgasverpesteten Lagen. Mobilität ist ein sich selbst verstärkender Prozess: Je mehr Leute wegfahren, umso öder wird ein Ort. Je mehr Leute vor Ort bleiben und ihn gestalten, umso lebenswerter wird der Ort. Sieht man die Mobilitätsmisere einmal aus diesem Blickwinkel, geht es momentan nicht um eine Verkehrs-, sondern um eine Raumwende. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil

Architekten auf Reisen

Häusermeer: Rund um die Altstadt von Nablus wachsen Neubauten die Hänge hinauf. Der Sommer ist da. Wo können Planer zugleich entspannen und sich inspirieren lassen? Sechs Architekten geben Reisetipps. Mut zur Improvisation Trotz Spannungen und Gegensätzen in allen Zeiten entstand und entsteht in Palästina Baukultur; spannend für Architekten, authentisch und weniger überlaufen als anderswo. Die Ursprünge von Jericho, der ältesten Stadt der Welt, gehen bis ins 10. Jahrtausend v. Chr. zurück. Eine andere Altstadt wurde von der Intifada stark mitgenommen: Nablus wirkt wie eine touristenfreie Kleinausgabe Jerusalems. Hier lernen in der historischen Seifenfabrik CHEC junge Volontäre den Wiederaufbau mit historischen Bauteilen. Um zehntausende Einzeldenkmäler in etwa 50 Ensembles in der Westbank und dem Gazastreifen kümmert sich die Organisation Riwaq. Sie versucht, fehlende Denkmalschutzgesetze zu kompensieren, und vermittelt Interessierten das Erbe. Mein Lieblingsort ist auf der Dachterrasse des bescheidenen Hostels in Ramallah. Tel Aviv vor der untergehenden Sonne ist in Sichtweite und dennoch für viele unerreichbar. Die jungen Betreiber zeigen, wie anregend und lebendig ein Provisorium sein kann. Hier habe ich gelernt, dass lange Geplantes plötzlich ganz anders kommt und sich gerade so neue Möglichkeiten auftun. Ein deutscher Pass öffnet Grenzen, leider nicht die nach Gaza. Aber ich träume von einer Fahrt mit der Sinai-Bahn und einem Strandhotel. Bester Reisetermin ist in diesem Jahr der 16./17. September. Dann findet in Taybeh bei Ramallah das palästinensische Oktoberfest mit selbst gebrautem Bier statt. Lore Mühlbauer, Architektin im Sachgebiet Wohnungswesen, Regierung von Oberbayern, München Gestrandeter Rochen: Das MAAT schafft einen neuen Stadtraum am Tejo. Museum erzeugt Stadt Nach Jahren der Stagnation befindet sich Portugal aktuell im Wandel. Besonders Lissabon bietet Besuchern in architektonischer Hinsicht immer wieder Neues. Das Ende 2016 eröffnete „Museum of Art, Architecture and Technology“ (MAAT) ist dafür das beste Beispiel. Der Bau versprüht mit seiner eigenwilligen, wellenartigen Form Leichtigkeit und erscheint – je nach Blickwinkel – mal als Gebäude, mal als Landschaft. Für mich hat es aber auch etwas von einem gestrandeten Rochen. Das Meisterwerk von Amanda Levete schafft am Fluss Tejo 7.000 Quadratmeter öffentlichen Raum und zeigt: Ein Museum kann auch Stadtplanung. Die portugiesische Hauptstadt verbindet aber auch Historisches mit Modernem. Unweit des MAAT befindet sich das Mosteiro dos Jerónimos im prunkvollen Stil der Manuelinik. Wo früher die Mönche im Kloster ihre Gottesdienste abhielten, unterzeichneten europäische Staatschefs 2007 den Vertrag von Lissabon zur Neuordnung der Europäischen Union. Das Kloster ist also ein historischer Bau mit flexibler Nachnutzung, zum Beispiel als Verhandlungsort. Das ist für mich ein Sinnbild der Architektur Portugals. Ihre Flexibilität und Leichtigkeit inspiriert mich auch für meine Arbeit als Architektin. Zu Hause in Deutschland versuche ich sie auch Kindern zu vermitteln, zum Beispiel mit dem interaktiven Online-Spiel „Archiraum.de“, das ich zusammen mit der Kollegin Bettina Gebhardt entwickelt habe und in dem man virtuell auf Architekturreise zum Münchener Olympiastadion oder zum CCTV-Tower in Peking gehen kann. Emanuela Parma, Architektin, Frankfurt am Main / Protokoll: Stefan Kreitewolf Inselstadt: Auf Ijburg entsteht sehenswerter Wohnungsbau, etwa von VMX Architects. Mit leichter Hand gebaut Meine Urlaube sind häufig vom Zufall gesteuert. Mit meiner Frau, die ebenfalls Architektin ist, fahre ich während unserer Familienurlaube gerne relativ ziellos durch niederländische Städte, um bisher eher Unbekanntes zu entdecken. Zuletzt haben wir uns zum Beispiel per Zufall die neue Wohnbebauung außerhalb des Autobahngürtels von Amsterdam angeschaut. Beeindruckend ist für uns immer wieder, wie die niederländischen Kollegen mit ihrem formalen Anspruch in der Umsetzung umgehen: Viele Entwürfe scheinen ohne Umwege zwangsbefreit aus dem Stift direkt in die Landschaft gestellt worden zu sein. Das dient mir und meiner Frau als Inspiration – genauso wie die städtebaulichen Ansätze zur Verkehrsberuhigung der Innenstädte oder die auch in neueren Stadtteilen detailverliebt ausgestalteten Plätze. Toll ist auch, wie selbst in engen Altstadtvierteln immer mehr öffentliche Räume barrierefrei sind. Davon können wir als deutsche Architekten noch viel lernen. Thomas Kalman, Krieger Architekten, Velbert / Protokoll: Stefan Kreitewolf Maßarbeit: Das „Kleine Haus“ ist Teil des Musée Unterlinden und städtebauliche Setzung. Stadtplanung im Labor Ganz nah und doch so fern: Im Elsass wartet nicht nur das französische Flair auf architekturinteressierte Reisende, sondern auch gebaute Highlights. In Colmar zum Beispiel sind seit 2012 viele schöne neue Gebäude entstanden. Glanzstück ist das 8.000 Quadratmeter große „Musée Unterlinden“, eine architektonische wie städtebauliche Maßarbeit von Herzog & de Meuron. Die mutige Erweiterung des berühmten Museums ist der neue Mittelpunkt der historischen Fußgängerzone, die eine der größten in ganz Europa ist. Mein Lieblingsbauprojekt der letzten Jahre aber ist ein Infrastruktur-Großprojekt: die neue Tram-Strecke, mit der man in 26 Minuten vom deutschen Städtchen Kehl in die französische Metropole Straßburg fahren kann. Hier lässt sich gelungene Stadtentwicklung auf Basis einer grenzübergreifenden Raumplanung in der Entstehungsphase beobachten. Viele Gebiete am Rande der Strecke wurden als Bauland aktiviert, nachdem sie jahrzehntelang ein Dasein als abgehängte Randgebiete fristeten. Dort passiert gerade ganz viel: 120 Projekte vom neuen Wohnquartier für bis zu 20.000 Menschen bis zum restaurierten Hafenviertel befinden sich in der Bauphase. Beste Besuchszeit ist vom 29. September bis 27. Oktober 2017 zu den „Trinationalen Architekturtagen“, die auch Führungen zu architektonischen Highlights wie dem Musée Unterlinden im Programm haben. Ralf Mika, Werkgruppe Lahr, Lahr / Protokoll: Stefan Kreitewolf Brückenstadt: Die miteinander verbundenen Häuser teilen sich Freizeitangebote. Soziale Wohnutopien In Zeiten der Wohnungsnot in Deutschland ist der Blick nach Wien mit seinen insgesamt 220.000 Gemeindewohnungen, in denen mehr als ein Viertel der Wiener wohnt, besonders interessant für uns. Auf jeden Fall sollte man das Sonnwendviertel direkt am neuen Hauptbahnhof besuchen, wo bis 2021 Wohnungen für 13.000 Menschen, 20.000 Arbeitsplätze und ein Bildungscampus entstehen. Sehenswert ist neben dem gerade fertiggestellten Wohnungsbau von BKK-3 der 2013 errichtete Block von Studio Vlay, Karoline Streeruwitz, Riepl Kaufmann Bammer Architektur und Klaus Kada mit insgesamt 450 Wohnungen. Der von einer gemeinnützigen Bauträgergesellschaft errichtete geförderte Wohnungsbau fällt schon durch seine aufgebrochenen Blockränder und den öffentlichen Außenraum mit einem Marktstand, Grill- und Essplätzen auf. Vor allem überrascht aber das großzügige soziale Angebot: Mietkino, Schwimmbad, Saunen, Gemeinschaftsküche, Musik-Proberaum, Jugendraum, mehrgeschossige Indoorkletter- und Rutschenanlagen, Dachgärten, Fahrradwerkstatt, Theater und ein Raum speziell für Mädchen. Hier werden soziale Utopien bei einer maximal ausgenutzten Baudichte zur Wirklichkeit. Die Frage, warum mitten in Wien so hochwertig für sieben Euro warm pro Quadratmeter in einem Passivhaus gewohnt werden kann, sollte uns alle beschäftigen. Die unterschiedlichen Wiener Förder- und Genossenschaftsmodelle garantieren die soziale Durchmischung der Stadt und bewirken das Bekenntnis, „zu Hause“ angekommen zu sein. Ein Ort, den deutsche Wohnungsbauer gesehen haben sollten! Stefan Wirth, Renner Hainke Wirth Architekten, Hamburg   Lichtzylinder: Im historischen Museum von Lugo spielt das Licht eine Hauptrolle. Das zauberhafteste Licht der Welt Spaniens Nordküste ist ein wunderbares Urlaubsziel, insbesondere die galicischen Provinzen Lugo und La Coruña. Die Stadtanlage Lugos wird von einer fantastischen römischen Mauer aus dem 3. Jahrhundert umgeben. Prägend sind die wuchtigen, halbkreisförmigen Bastionen: Sie gliedern die begehbare, acht bis zwölf Meter starke Anlage. Die Mauer ist so gut erhalten, dass man morgens auf dem zwei Kilometer langen „Rundkurs“ nach Belieben eine sportliche Laufeinheit absolvieren kann. Das Motiv der runden Bastionen haben etwa Nieto Sobejano in ihren Neubau für das Historische Museum der Stadt übertragen. Hier lässt sich viel über die Anwendung und Wirkung des Lichts in der Architektur studieren. Die Architekten fangen das Sonnenlicht förmlich ein und leiten es über große Zylinder in die hauptsächlich unter der Erde angeordneten Ausstellungsräume – jenes typisch galicische Licht, das hier nach jedem der vielen Regenschauer wie neu geboren wirkt. Wenn in Galicien das Sonnenlicht wieder durch die Wolken bricht, ist es das zauberhafteste, das wir kennen. Licht wie in seidenen Fäden, das man förmlich greifen kann. Diese Erfahrung war sehr prägend und hat unsere Arbeit im Umgang mit Licht weiter präzisiert. Juni bis September ist die beste Reisezeit. Tagsüber empfehlen sich dann Ausflüge an den Atlantik nach La Coruña oder nach Santiago de Compostela. Zurück in Lugo ist ein Abendessen in der Taberna Pajón ein Muss, wo regionale Köstlichkeiten wie Pulpo a la Gallega, Pimientos da Padrón und Meeresfrüchte aller Art serviert werden. Ansgar und Benedikt Schulz, Schulz und Schulz, Leipzig Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil  

Böse Sonne

Das Baugewerbe und die Hautärzte werden wohl keine Freunde, denn Zwangs- Hautuntersuchungen drohen Baustellen lahmzulegen. Screening: Heiko Haberle Nach Wärmeschutz und Lärmschutz ist neuerdings der Staubschutz ein großes Thema. Dabei ist fast untergegangen, was derzeit auf sommerlichen Baustellen tatsächlich die Gemüter und die Häupter erhitzt: die Sonne – beziehungsweise der Sonnenschutz. Dabei geht es nicht darum, ob außen oder innen liegend, ob Markise, Lamellen oder Rollladen. Passend zur Urlaubszeit geht es um Sonnenbrille und Hut. Das Bundesarbeitsministerium hat nämlich eine längst in Vergessenheit geratene EU-Sonnenschein-Richtlinie wiederbelebt, über die vor zehn Jahren schon heftig gestritten wurde. Danach sollen alle Beschäftigten, die zwischen Mai und September täglich mehr als drei Stunden draußen arbeiten, jährlich zur Ganzkörperinspektion beim Hautarzt – egal, welche Körperstellen der Sonne ausgesetzt sind. Neben Biergartenkellnern, Spargelstechern, Fahrradkurieren und Kutschern wären das auch geschätzte zwei Millionen Bauarbeiter. Doch der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes ist empört und schießt gegen den Dermatologen-Verband. Man fürchtet gar Baustopps, denn wer nicht zum Zwangs-Screening geht, darf nicht mehr aufs Gerüst. Stattdessen setzt man auf Selbstkontrolle und Info-Apps. Man könnte aber auch über alternative Maßnahmen nachdenken. Hermetisch abgeschlossene Schutzanzüge wie im Atomkraftwerk vielleicht? Vorteile: Auch das Staubproblem wäre besiegt und beim Betonieren wären sie sicher ebenfalls ganz praktisch. Nachteile: Das typische Brüllen auf Baustellen muss Handzeichen weichen und der nackte Oberkörper verschwindet als prägendes Element aus dem Stadtbild. Oder riesige temporäre Sonnendächer, die als mobile Variante auch für den Straßenbau denkbar wären? Vorteil: Nebenbei wird eine neue Bauaufgabe mit hohem Innovations- und Gestaltungspotenzial geschaffen. Nachteil: Auch das Sonnendach muss jemand bauen, der dann wiederum ungeschützt wäre. Dann bleibt wohl nur noch Frei-Sonnencreme statt Freibier. Doch was erfährt man da: Die wirkt nur bei „messerdickem Auftrag“. Da müssen sich Bauarbeiter in Zukunft morgens wohl als erstes selbst verspachteln.  

„Nehmen Sie jemanden mit!“

Herbert Klein (links) ist im In- und Ausland an Projekten in den Bereichen Gesundheit, Pharma und Biotechnologie beteiligt. Außerdem treibt er die Nutzung von BIM voran. Türker Köksal (rechts) ist für die Master- und die Entwurfsplanung von Großprojekten vor allem in China verantwortlich. Er ist auch Mitglied der türkischen Architektenkammer. Deutsche Planer sind im Ausland beliebt. Doch was muss man beim Schritt über die Grenzen beachten? Herbert Klein und Türker Köksal von der HWP Planungsgesellschaft über restriktive Verordnungen, skurrile Vorkommnisse und den Nutzen eines guten Netzwerks. Interview: Stefan Kreitewolf Herr Köksal, Herr Klein, Ihr Büro hat seit Jahrzehnten zahlreiche Projekte im Ausland realisiert. Worauf sollte ich als Architekt besonders achten, wenn ich erstmalig im Ausland arbeite? Klein: Englisch ist essenziell. Man muss sowohl alle nötigen Fachbegriffe als auch Verträge verstehen. Köksal: Jeder Architekt, der ins Ausland geht, sollte sich außerdem bewusst machen, dass dort andere soziale, kulturelle und berufliche Gepflogenheiten und Arbeitsweisen herrschen, die man nicht alle vorab von Deutschland aus überblicken kann. Zum Beispiel? Köksal: Wir haben in China die Erfahrung gemacht, dass beispielsweise die Brandschutzverordnungen dort weitaus restriktiver sind als in Deutschland. Das hatte zur Folge, dass unser lokaler Partner einen Entwurf noch einmal überarbeiten musste, um unter anderem die geforderten Fluchtwege, Treppen- und Flurbreiten umsetzen zu können. Klein: Aus diesem Grund kann ich jedem Architekten nur raten, jemanden mitzunehmen, der sich vor Ort sehr gut auskennt. Wie läuft das konkret ab? Kann ich nur den Entwurf machen und muss die Ausführungsplanung einem vor Ort ansässigen Büro anvertrauen, oder macht beides Sinn? Köksal: Wenn man als Architekturbüro im Ausland arbeitet, ist ein lokaler Partner sehr wichtig. Sieht man ein bestimmtes Land als langfristiges Tätigkeitsfeld, empfiehlt es sich, über eine Niederlassung dort nachzudenken. Wir machen beides. In der Türkei haben wir seit 2008 eine Niederlassung und planen unter anderem Gesundheitseinrichtungen. Die Mitarbeiter dort sind überwiegend gebürtige Türken, die Projektsprache ist Englisch. In China arbeiten wir seit 15 Jahren effektiv und vertrauensvoll mit einem lokalen Projektpartner zusammen. Sie sind Mitglied im NAX, das sich seit Jahren für deutsche Architekten im Ausland einsetzt. Was sind Ihre Erfahrungen damit? Klein: Das NAX ist eine tolle Plattform, um sich als Architekt mit seinem Portfolio öffentlich zu präsentieren und die Bekanntheit der deutschen Architektur im Ausland zu festigen. Darüber hinaus kann man sich dort mit Kollegen austauschen, die bereits Erfahrungen im Ausland sammeln konnten. Deshalb sind wir schon lange Mitglied im NAX. Gemeinsam haben wir zahlreiche Projekte, wie die Ausstellung „Contemporary Architecture. Made in Germany“, realisiert, die bereits in Frankreich und China gezeigt wurde. Was ist das Skurrilste, das Ihnen bei der Arbeit im Ausland passiert ist? Klein: Als wir vor einigen Jahren im Oktober in Nordafrika waren, ist uns aufgefallen, dass sich keiner der Baukräne bewegte. Auf meine Frage, warum das so ist, erhielt ich die Antwort, dass der Staat seine finanziellen Mittel für dieses Jahr bereits ausgeschöpft habe. Das hieß für Sie dann konkret Stillstand bis Jahresende? Klein: Nicht direkt, aber die Bauunternehmen hatten kein Geld mehr erhalten und arbeiteten mit einer stark verringerten Personalanzahl. Die „normale“ Arbeit ging dann im nächsten Frühjahr weiter, nachdem im Parlament der neue Haushalt verabschiedet worden war. Sie wenden BIM an. Trifft das im Ausland genau wie hierzulande bei Bauherren auf Zuspruch? Klein: In Deutschland tasten sich viele Büros erst langsam an BIM heran. In den USA oder Norwegen hingegen werden öffentliche Bauvorhaben regelmäßig mit BIM geplant. Was sind die Vorteile von BIM? Klein: Mit BIM kann man umfassende Daten zum jeweiligen Bauvorhaben in einem digitalen Modell sammeln, vernetzen und auch analysieren. Das bedeutet für Bauherren und Architekten mehr Planungssicherheit. Gerade bei komplexen Bauvorhaben ist das sehr nützlich. Bei unserem Projekt „US-Klinikum Weilerbach“, bei dem wir und HOK Architects die Generalplanung für die Vorplanung übernahmen, waren wir der lokale Partner für unsere Kollegen aus Amerika. Gemeinsam mit HOK haben wir insgesamt 20 Büros koordiniert. Da haben über 150 Mitarbeiter, unter anderem Architekten, Tragwerksplaner und weitere Fachplaner, über sechs verschiedene Zeitzonen hinweg zusammengearbeitet. Durch BIM konnten wir am Morgen sehen, was unsere Kollegen in den USA in der Nacht davor gemacht haben. Was berichten die internationalen Kollegen? Wie ist derzeit der Ruf von deutschen Planern im Ausland? Köksal: Gut. Sie werden als diszipliniert, korrekt und engagiert wahrgenommen. Das Qualitätsmerkmal „made in Germany“ gilt auch für Planer. Netzwerk Architekturexport Seit 2002 unterstützt die Bundesarchitektenkammer mit dem Netzwerk Architekturexport (NAX) deutsche Architekten, Ingenieure und Fachplaner auf ihrem Weg in neue Märkte weltweit. Das NAX bringt grenzüberschreitend tätige Architekten zusammen und vermittelt Kontakte zwischen in- und ausländischen Kollegen, Bauherren und Investoren. Auf seiner Website ist eine Länderdatenbank mit vielen nützlichen Informationen frei zugänglich. Das NAX kooperiert aktuell mit 53 international erfahrenen deutschen Mitgliedern, den sogenannten Paten. Mehr Informationen finden Sie hier: www.nax.bak.de Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil

Unterwegs mit den Profis

Wer unter kundiger Begleitung architektonische Glanzpunkte erleben möchte, hat im Herbst viele Möglichkeiten. Auch die Architektenkammern sind dabei. SIZILIEN | 5.–10. Oktober 2017Hamburgische Architektenkammer, ab 1.780 Euro Griechische Tempel, normannische Dome, arabische Ornamente und die barocke Altstadt Palermos, aber auch die Spuren der Mafia Mehr Informationen ab Mitte Juli: www.akhh.de/fortbildung INDIEN | Vier Termine zwischen November 2017 und Februar 2018Architektenkammer NRW, ab 2.995 Euro Die Metropolen Delhi und Mumbai, der Taj Mahal und Le Corbusiers Werke in Chandigarh und Ahmedabad Mehr Informationen: www.aknw.de MADRID UND TOLEDO | 12.–15. Oktober 2017Brandenburgische Architektenkammer, ab 995 Euro Historische Altstädte, neue Stadterweiterungsgebiete, beispielhafte Wohnbauten und aktuelle Museumsarchitektur Mehr Informationen: www.ak-brandenburg.de VALENCIA | 29. Oktober – 1. November 2017Architektenkammer des Saarlandes, ab 495 Euro Eine Stadt, die ihre Lage am Meer erst entdeckt, Sanierungsgebiete, Jugendstilviertel und Calatravas Kulturbauten Mehr Informationen: www.aksaarland.de DOCUMENTA | 1.–2. September 2017 Bund Deutscher Landschaftsarchitekten, ab 90 Euro (für Mitglieder günstiger) Fridericianum und documenta-Halle, die Spuren vergangener Documentas im Stadtraum und ein Sommerfest im Museum für Sepulkralkultur Mehr Informationen: www.bdla.de MIT DER APP DURCH DEN SÜDWESTEN Rund 690 Objekte versammelt eine App der Architektenkammer Baden-Württemberg. Dabei kann nach Standort, Baujahren und Stichwörtern gefiltert werden. Jetzt auch auf Englisch und Französisch verfügbar. Mehr Informationen: www.akbw.de/architektur/app GRAZ UND INNSBRUCK | 21.–25. Oktober 2017architektur & reisen, ab 858 Euro Hadid, Cook und UN-Studio, außerdem ein früher Vertreter der Moderne und Wein-Architektur in der Steiermark Mehr Informationen: www.architekturundreisen.de BRESLAU | 12.–15. Oktober 2017ticket b, ab 590 Euro Scharoun und Mendelsohn, Nachkriegsmoderne, Brutalismus und ganz eigenwillig Polnisches, dazu Gutes von heute Mehr Informationen: www.ticket-b.de Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil

Arbeiten für die Freizeit

Bauen für Urlauber führt oft zu architektonischer Meterware. Will man für die schönste Zeit im Jahr das schönste Haus, kann es aber auch zu einer willkommenen Herausforderung werden – für Bauherren wie für Architekten. Text: Christiane Pfau Urlaub: Das bedeutet Rückzug und Aufbruch gleichermaßen. Das Wort allein klingt für viele Menschen verheißungsvoller als Ostern und Weihnachten zusammen. Es duftet nach Freiheit. Was heißt das für das ideale Urlaubshaus? Wer baut diese Häuser? Welche Rolle spielt der Bauherr, welche der Architekt? Sind die Planung und der Bau eines Urlaubshauses vielleicht selbst schon ein Stück Urlaub – vor allem für den Architekten, der sich im Alltag des Bauprozesses sonst eher zwischen Baukosten und Baurecht zerreibt? Darf er hier endlich einmal der Idee des „Baumeisters“ nahekommen, der über Jahrhunderte als Inbegriff des Künstlers galt? Bettenburgen versus Baukultur Tatsächlich ist das Wohnen im Urlaub für viele Menschen sekundär. Wichtiger ist ihnen die Nähe zum Strand, wenig Sprachverwirrung und möglichst keine Konfrontation mit Fremdartigkeiten bei überschaubaren Kosten. Investoren kommen dieser Mentalität gern entgegen und realisieren bei geringem wirtschaftlichem Aufwand und auf kurzen Wegen zur lokalen Verwaltung Bauprojekte mit erfreulicher Rendite. Das Ergebnis sind verbaute Küstenabschnitte, zubetonierte Strände und kilometerlange Camping-Areale. Die Architekten, die hier involviert sind, müssen hartgesotten sein. Ein Architekt, der sich als visionärer Gestalter verwirklichen möchte, braucht andere Verbündete. Diese findet er in einer Urlaubergruppe, die seit Jahren stetig wächst – genauso wie die Zahl der Internetportale, die seit etwa zehn Jahren architektonisch anspruchsvolle Unterkünfte präsentieren. Das Design-Bewusstsein von reisenden Menschen hat sich in den letzten Jahren extrem verändert. Entsprechend reagieren nicht nur kleine, inhabergeführte Häuser, sondern auch Hotelketten für verschiedenste Budgets. In manchen Gefilden hat sich die Architektur so gemausert, dass es viele Urlauber heute andersherum machen: Sie planen nicht mehr zuerst das Ziel, an dem sie die kostbarste Zeit des Jahres verbringen möchten, sondern suchen als Erstes das Haus aus, in dem sie wohnen wollen, und vertrauen darauf, dass ein tolles Gebäude meist nicht in einer katastrophalen Umgebung steht. Hüttenturm: Auf dem Tannerhof wurde die traditionelle Berghütte von Architekt Florian Nagler in die Gegenwart überführt. In den Türmen sind drei Zimmer übereinandergestapelt. Treppen und Balkone sind eingeschnitten. Es geht auch im Regel-Rahmen Wenn man sich auf Portalen wie „Urlaubsarchitektur“ durch die Vielzahl architektonisch gelungener Ferienhäuser klickt (siehe „Der Traumhaus-Sammler“), traut man manchmal seinen Augen nicht: Da werden Häuser präsentiert, die man kaum für möglich halten mag, weil sie scheinbar die Grenzen der üblichen Reglementierungen im Bauwesen außer Kraft setzen. Das stimmt so aber meist gar nicht. Den Tannerhof in Bayrischzell zum Beispiel hat der Münchner Architekt Florian Nagler ganz regelkonform auf den Kopf und wieder zurück auf die Füße gestellt. 1904 als „Kuranstalt für physikalisch diätetische Therapie“ gegründet, wird das Hotel-Ensemble heute in der vierten Generation geführt. Über die Jahrzehnte wurde es mehrfach um- und dabei verbaut. Von 2009 bis 2011 setzten die Inhaber Burgi von Mengershausen und Roger Brandes mit Naglers Unterstützung neue Akzente. „Die Zusammenarbeit mit den privaten Bauherren lebte von einer effektiven Auseinandersetzung“, beschreibt Nagler die Kooperation mit den Inhabern. Er mag anspruchsvolle Bauherren. „Ein Freibrief wäre mir zu langweilig.“ Der Architekt entwickelte ein Gesamtkonzept für das Ensemble, das den Rückbau von Anbauten, die Renovierung des Haupthauses, die Erweiterung durch eine Orangerie und die Restaurierung der alten Lufthütten am Fuße des Bergwalds beinhaltete. Neu sind die „Hüttentürme“, die auf kleiner Grundfläche drei Räume übereinanderstapeln. „Wir haben dabei alle Reglementarien berücksichtigt“, sagt Florian Nagler, „auch wenn die anspruchsvolle Architektur zunächst ein wenig erklärungsbedürftig war. Natürlich fanden manche Vertreter der Gemeinde die Türmchen ganz schrecklich. Aber der Kreisbaumeister, der selbst Architekt ist, mochte den Entwurf, und irgendwie hat es dann gut geklappt.“ Ausschlaggebend für die Bewilligung der Gemeinde war, dass der Entwurf sich nahtlos in die Landschaft einfügte. Außerdem ist der Tannerhof für die kleine Gemeinde ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor – interessante Architektur zieht solvente Touristen an. Deshalb war das Interesse grundsätzlich vorhanden, auf beiden Seiten so weit wie möglich von den architektonischen Ideen zu profitieren. Offenheit, Pioniergeist, Vertrauen Ein anderes Beispiel für eine effektive Auseinandersetzung ist das Hofgut Hafnerleiten in Niederbayern. In der urbayerischen hügeligen Rottaler Landschaft hat Studio LOT einen großen Dreiseit-Hof und seine Nebengebäude um sechs Häuschen ergänzt, die als Baumhaus, Wasserhaus, Terrassenhaus, Blumenhaus oder Hanghaus konzipiert sind. Haufendorf: Im Hofgut Hafnerleiten gibt es ein Bootshaus, ein Baumhaus, ein Hanghaus oder ein Wiesenhaus. Die Architektur von Studio LOT inszeniert die unterschiedlichen Lagen und ist nur auf den ersten Blick ähnlich. Ursprünglich wünschten sich die Hofgut-Betreiber Anja und Erwin Rückerl schlicht eine Erweiterung, um Gäste unterzubringen. „Das Gelände ist aber topografisch so differenziert, dass wir nicht einfach einen massiven Klotz hinstellen wollten“, erinnert sich Anke Lorber vom Studio LOT. „Stattdessen haben wir vorgeschlagen, den einzelnen Gästen einzelne Häuser zuzuordnen. Unsere Grundidee war der typische Getreideschuppen aus Holz, der hier auf jedem Feld steht.“ In der modernen Variante ist jedes Haus anders, hat aber eine ähnliche Hülle, um Ruhe und Stringenz zu vermitteln. „Die Herausforderung war, aus einer Typologie die Vielfalt abzuleiten, ohne chaotisch zu werden“, so Lorber. Innen ist jedes Haus anders: Eins öffnet sich zum Garten, eins zum Hang, ein anderes zum Teich, und im umlaufend verglasten Baumhaus orientiert sich alles an der Treppe in der Mitte. Jedes Haus kommuniziert mit seiner unmittelbaren Umgebung. Rottaler Langhäuser: Die Ferienhäuser im Hofgut Hafnerleiten sind den Getreideschuppen der Region nachempfunden. Ihre Lage und ihr Innenleben sind jeweils individuell entworfen. Anke Lorber staunt heute noch über die große Offenheit der Auftraggeber – auch was die Risikobereitschaft hinsichtlich der Kosten anging. Die Architekten konnten auf keine Vergleichswerte zurückgreifen, weil dieses Bauvorhaben für alle neu war. Ideen und Budgets entwickelten sich parallel. „Was das Projekt maßgeblich geprägt hat, war das immense gegenseitige Vertrauen“, so Lorber. Dieses baute auch auf ein gemeinsames Verständnis von Architektur: „Die Rückerls haben die Idee von den einzelnen Häusern genauso getragen wie wir. Da merkten wir bald, dass wir eine gemeinsame Sprache gefunden hatten.“ Wie Nagler schätzt auch Lorber das Arbeiten für private Bauherren. „Wenn man die Entscheider mit im Boot hat, geht es schneller und konstruktiver vorwärts. Das ist völlig anders als die Zusammenarbeit mit öffentlichen Partnern oder großen Wirtschaftsunternehmen. Da kommt es eher vor, dass man der Willkür Einzelner ausgeliefert ist, unter der dann das Gesamtkonzept leidet. Bei den privaten Auftraggebern wird kein Geld verschwendet, aber die Suche nach kreativen Lösungen ist wesentlich werteorientierter.“ Dazu gehörte die Entscheidung für nachhaltige, hochwertige Materialien wie Schiefer in den Bädern, heimische Lärche als konstruktives und sichtbares Holz, Eiche für die Böden (wegen seiner Härte), Kortenstahl und samtigen Beton im Außenbereich. Teurer in der Anschaffung, altern sie in Würde, ohne ständig kostspielige Pflege einzufordern. Rote Scheune: Ob beim Umbau eines Kuhstalls… Übersetzungsarbeit Viele Bauherren, die sich auf solche Bauprojekte einlassen, haben sehr klare Vorstellungen – die sich manchmal jedoch nicht direkt an der Realität orientieren. Eine der ersten Aufgaben der Architekten besteht hier in der Übersetzungsarbeit. Kreative Bauherren wie die Berliner Designerin Johanna Michel, die mit dem Architekten Thomas Kröger ein puristisches Ferienhaus in Brandenburg realisiert hat, wissen diese Leistung zu schätzen. So sagt Michel über den Entstehungsprozess des sogenannten „Schwarzen Hauses“: „Wir brauchten einen Architekten, der unsere Gedanken verstand und sie übersetzen konnte. Er musste uns in unseren Bildern abholen und uns dann nach und nach auf den richtigen Weg führen.“ …oder beim gläsernen Neubau, dem Schwarzen Haus – Architekt Thomas Kröger lässt landwirtschaftliche Motive erkennbar. Thomas Kröger scheint hierfür das richtige diplomatische Händchen zu haben: Mit seinem Berliner Büro hat er inzwischen mehrere Häuser in der brandenburgischen Uckermark geplant (siehe „Luxus der Einfachheit“), wo viele Berliner ihre Wochenend Zuflucht finden. Die Häuser zeichnen sich durch eine Eigenwilligkeit aus, die eine schnörkellose Formensprache mit einer räumlichen Großzügigkeit verbindet. Bestes Beispiel ist die „Rote Scheune“: Der Umbau eines großen Stalls, der geschickt mit Transparenzen und verschiedenen Ebenen spielt, brachte das Büro in diesem Jahr bis ins Finale des DAM-Preises für Architektur in Deutschland. Urlaub zu Hause: In der Münchener Innenstadt plant Thomas Kröger gerade ein luxuriöses Wohnhaus mit vier Gebäudeteilen und zwei Innenhöfen. Der Blick aus den großen Fenstern auf die Isar könnte auch hier Urlaubsgefühle aufkommen lassen. Die Freiheit, die Architekten im Genre „Ferienhaus“ entfalten können, wünscht man sich auch im Alltag, im heimischen Straßenbild, in der Ödnis von Neubauvierteln. Manchmal funktioniert das sogar: Die Ideen, die Thomas Kröger mit seinen Bauherren auf dem Land ausprobiert hat, lässt er nun in große urbane Bauprojekte wie in München einfließen, wo er gerade zusammen mit dem Projektentwickler Euroboden und Stefan F. Höglmaier ein Mehrfamilienhaus gegenüber dem Deutschen Museum realisiert. In der Innenstadt allerdings schlägt sich die räumliche Großzügigkeit schnell in schwindelerregenden Preisen nieder. Wie gut, dass man sich zumindest im Urlaub auch als temporärer Hausherr von gelungener Architektur verzaubern lassen kann. Christiane Pfau ist Autorin für Kultur- und Architekturthemen. Sie lebt in München. Buch-Tipp Weitere Beispiele gelungener Ferienhäuser präsentiert die aktuelle Edition „Urlaubsarchitektur“, die 31 Bauten in ganz Europa vorstellt.         Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil

Auf Achse

Der Trend zu Mobilität und Selbstversorgung findet immer mehr Anhänger. Ein Wiener Unternehmen hat die autarke, fahrbare Wohnhütte perfektioniert. Text: Wojciech Czaja Daniel Glasl steht vor seinem winzig kleinen Holzhaus am Tegernsee, das erst kürzlich in einer deutschen Lifestyle-Zeitschrift als „kleinste Villa Deutschlands“ betitelt wurde. Die Assoziation ist gar nicht so weit gegriffen. Das gerade einmal 15 Quadratmeter große mobile Bauwerk, das bezeichnenderweise auf den Namen „Max“ hört, hat alles, was man braucht: Raum, Komfort, Infrastruktur. Max: Auch das kleine Modell hat Parkett aus Altbrettern. Hinter Bodenklappen verbirgt sich Stauraum. Dort befinden sich auch ein Wassertank und ein Energiespeicher. „Mit diesem kleinen Almwagen will ich einen Kontrast zu den großen und unpersönlichen Hotels schaffen“, sagt Glasl, der das Häuschen auf Airbnb vermietet. „Das ist eine umweltbewusste Alternative zu bisherigen Urlaubsformen, denn man fühlt sich geborgen und naturnah und ist dabei vollkommen unabhängig.“ Die Idee zum Bau des sogenannten Wohnwagons kam dem bayerischen Naturburschen, als sich seine eigene Wohnsituation veränderte und er dabei kurzfristig mit einem Viertel seiner bisherigen Wohnfläche vorliebnehmen musste. Ein Problem war das keineswegs. Im Gegenteil: „Ich habe gemerkt, wie schön das ist und wie wenig man braucht, um glücklich zu sein.“ Hinter dem dunkel gebeizten Häuschen auf Rädern, das mit seinen abgerundeten Enden unverwechselbar und einprägsam daherrollt, verbirgt sich das Wiener Unternehmen WW Wohnwagon GmbH. Das 2013 gegründete Start-up hat es nicht nur auf die Mobilität abgesehen, sondern vor allem auch auf Nachhaltigkeit und Autarkie. Sämtliche Baustoffe, wie etwa die biogebeizten Fichten- und Lärchenlatten sowie die Wärmedämmung aus Schafwolle, sind behutsam gewählt. Hinzu kommt eine zum Großteil autarke Vollversorgung mit selbst produziertem Strom und geschlossenem Wasserkreislauf mitsamt Wasseraufbereitungsanlage. Fanni: Das große Modell lässt sich per Erker erweitern. Die Zentralheizung wird durch die Solarzellen gespeist. Bei Bedarf wird mit Holz nachgeholfen. Eine App gibt den Überblick. Den eigenen Strombedarf decken die Wagons mittels einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. In Kombination mit einem kleinen Holzofen sorgt diese auch für die Beheizung und Warmwasserproduktion. Das nötige Nutzwasser entnimmt das Häuschen dem eigenen Kreislauf, in dem rund 650 Liter unterwegs sind. Das benutzte Wasser wird innerhalb eines Tages über eine Grünkläranlage auf dem Dach gereinigt und wieder dem Kreislauf zugeführt. Ganz ohne Wasser hingegen kommt die Trockentoilette aus. Den Urin reinigt die Grünkläranlage, Fäkalien werden mittels Holzkohle, Steinmehl und Biofaser am eigenen Grundstück kompostiert. Und sogar WLAN ist im Ökostrom-Paket inkludiert. 100 Prozent autark „In der Regel sind all unsere Wohnwagons zu 100 Prozent autark“, sagt Theresa Steininger, die das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Partner Christian Frantal leitet. „Im privaten Wohnbereich nehmen die Kunden in Kauf, dass autarke Systeme stets von Mutter Natur abhängig sind und dass beispielsweise weniger Strom zur Verfügung steht, wenn die Sonne sich mal nur selten blicken lässt. Doch ein Hotelgast will in diesem Punkt keine Kompromisse eingehen. Daher statten wir die Hotelwagen in den meisten Fällen mit einem klassischen Back-up-System aus.“ In den letzten vier Jahren wurden bereits 22 Wohnwagons nach Österreich, Deutschland, Belgien und in die Schweiz verkauft – einige als Gästeherberge, andere als Sommerhäuschen im Grünen und ein beachtliches Drittel sogar als vollwertiger Hauptwohnsitz. Angeboten werden Max, Karl und Fanni – jedes einzelne Projekt erhält in Absprache mit dem Kunden seinen eigenen Namen – in drei unterschiedlichen Größen. Die kleinere Einheit ist sechs Meter lang und bietet 15 Quadratmeter Nutzfläche, die größere kommt auf zehn Meter Länge und 25 Quadratmeter Innenfläche. Auf Wunsch kann die große Version auch mit einem ausfahrbaren Erker ausgestattet werden, sodass sich die zur Verfügung stehende Wohnfläche im geparkten Zustand auf 33 Quadratmeter vergrößert. „Das ist unsere Junior-Suite“, sagt Steininger mit einem Augenzwinkern. Produktion im eigenen Werk Waren die ersten Wohnwagons noch alte Anhängerwagen der Bundesforste, die umgebaut und entsprechend adaptiert wurden, handelt es sich bei den aktuellen Modellen um hochwertige Konstruktionen, die im eigenen Werk in Niederösterreich hergestellt werden. Das Fahrgestell besteht aus verzinktem Stahl, die Bodenplatte aus diffusionsgeschlossenen Hochleistungsdämm-Elementen. Im 50 Zentimeter hohen Doppelboden verbirgt sich die gesamte Haustechnik samt Wassertank und Energiespeicher. Die dazwischen liegenden Leerräume dienen als versteckte Lagerräume, die über öffenbare Bodenklappen leicht zugänglich sind. Der gesamte Aufbau darüber, der weitaus weniger statischen und dynamischen Strapazen ausgesetzt ist als das 22 Zentimeter über der Straße schwebende Fundament, steht ganz im Zeichen der nachwachsenden Rohstoffe: Pfosten-Riegel-Konstruktion mit Fichtenstaffeln, Wolldämmung, Lärchenfassade und Lehmputz im Innenraum. Hinzu kommen Möbeleinbauten aus Vollholz, behandelt mit Wachsen sowie mit biologischen Farben und Lacken. Armaturen und Accessoires sind aus Messing, Kupfer und Stein. Besonders stolz ist man auf den serienmäßig angebotenen Parkettboden aus gebrauchten Altbrettern. Klärdach: Brauchwasser fließt in eine Grünkläranlage auf dem Dach. Die Sumpfpflanzen filtern durch Mikroorganismen im Wurzelwerk. „Natürlich gehen wir auch auf individuelle Kundenwünsche ein“, sagt Theresa Steininger, die beruflich mit „Frau Trude“, einem knallroten Opel-Transporter, Baujahr 1955, durch die Lande kurvt. „Aber im Großen und Ganzen kann man davon ausgehen, dass sich unsere Käufer mit dem von uns angebotenen Stil gut identifizieren können.“ Ein wenig erinnert das Innenleben an Landhausküche und Country-Chic. Die Beschläge, Kanten und Details zeichnen sich durch weiche Rundungen aus, die Bullaugen über der Küchenzeile haben etwas Maritimes, und spätestens wenn man die Herzausschnitte in den Stuhllehnen entdeckt hat, versteht man die Wohnwagon-Chefin, die im Interview den Wiener Künstler Friedensreich Hundertwasser zitiert: „Die gerade Linie ist gottlos.“ Immobil: Wohnwagons baute man, weil autarke Systeme bei festen Häusern schwer umsetzbar waren. Nach der Lockerung einiger Bauvorschriften steht nun in der Schweiz das erste nicht rollende Eigenheim der Wagenbauer. Aus juristischer Not heraus Doch woher stammt die Idee, einen mobilen Wohnwagen anzubieten – wo doch der Camping- und Trailer-Markt im mittel- und nordeuropäischen Raum schon ziemlich gesättigt scheint? „Die Uridee hatte weniger mit Mobilität zu tun als vielmehr mit dem Wunsch nach einem umweltfreundlichen, autarken Wohnsystem“, sagt Steininger, die bis 2013 eine Marketing- und Grafikagentur leitete. „Doch weil die Bauvorschriften im deutschsprachigen Raum so streng sind und eigentlich kaum autarke Lösungen zulassen, haben wir uns entschieden, unsere Ideen auf Räder zu packen und den Kunden ein Haus anzubieten, das sie im Notfall überall hin begleiten kann.“ Je nach Größe und Ausstattungsgrad muss man mit 50.000 bis 150.000 Euro pro Wohneinheit rechnen. Obwohl die mobile Tugend nur eine juristische Not ist, nehmen viele Kunden sie gerne in Anspruch. „Die meisten Wohnwagons, die wir ausgeliefert haben, werden zumindest am eigenen Grundstück hin und her gefahren, damit man sie je nach Jahreszeit am jeweils optimalen Standort parken kann. Mit einem klassischen Haus wäre so etwas nicht möglich.“ Daniel Glasl, der Herr am Tegernsee, ist derzeit sogar auf der Suche nach Interessenten, die seinen Max auch einmal anmieten und an einem anderen Ort aufstellen möchten. Mit 2,55 Meter Breite und 10 km/h Höchstgeschwindigkeit ist der Wohnwagon für die Straße zugelassen. Derzeit arbeitet Steininger, nachdem der Erfahrungsschatz größer geworden ist und die strengen Bauvorschriften in den letzten Monaten etwas gelockert wurden, an autarken Wohnmodellen auch ohne Räder. In der Schweiz wurde soeben das erste sich selbst versorgende Einfamilienhaus fertiggestellt. Weitere Häuser mit 50, 70 und 90 Quadratmetern Nutzfläche sind in Planung. Doch das Unternehmen lebt nicht nur von der mobilen Architektur: Einen großen Anteil am Umsatz macht ein Webshop aus, der unter dem Motto Autarkie mehr als 500 Produkte und Komponenten anbietet. Die Nachfrage ist enorm. In den kommenden Monaten soll das Angebot auf 700 Produkte ausgeweitet werden. „Der Wohnwagon“, sagt Steininger am Ende des Gesprächs, „ist meine Art, mit der Unzufriedenheit mit der heutigen Welt umzugehen und diesen Ärger zu kompensieren. Ich wünsche mir ein Reflektieren und Rückbesinnen auf die einfachen Dinge im Leben und auf eine gewisse Demut gegenüber der Umwelt.“ Wie es scheint, sehen das immer mehr Bauherren genauso. Wojciech Czaja ist freier Architekturjournalist in Wien. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil