Software-News

Allplan: Änderungen am BIM-Modell werden in „Allplan Architecture 2018“ sofort in allen Modellansichten aktualisiert. CAD und AVA, die wichtigsten Werkzeuge für Planer, erhalten neue Funktionen und kommen sich dank BIM immer näher. Text: Marian Behaneck Mit der neuen Version „Allplan Architecture 2018“ und der direkten Anbindung an die cloudbasierte BIM-Plattform „Bimplus“ präsentiert Allplan eine durchgängige BIM-Lösung für Architekten. Über Bimplus lassen sich Attribute zentral definieren und in verschiedenen Systemen über den gesamten Gebäude-Lebenszyklus hinweg verwenden. Durch die Verknüpfung aller Informationen mit dem BIM-Modell werden Änderungen sofort aktualisiert. Ein optimierter IFC4-Datenexport verbessert den Datentransfer in BIM-Projekten. www.allplan.com/architecture „Archicad 21“ von Graphisoft erhielt ein neues Treppen-Planungswerkzeug. Durch einen intelligenten Algorithmus und das Festlegen von Grundparametern, wie Steigung oder Treppenkubatur, werden normenkonforme Varianten im Hintergrund berechnet. Dazu definiert der Planer den Treppenlauf mit einer Polylinie und wählt die gewünschte Design-Variante. Mit dem Geländer-Werkzeug lässt sich anschließend das Geländer entlang von Treppen oder anderen Bauelementen erstellen. Sowohl Geländer als auch Treppen passen sich Änderungen automatisch an. www.graphisoft.de Graphisoft: Mit dem neuen Treppen-Planungswerkzeug von Archicad lassen sich auch individuelle Treppen konstruieren. In „ArCon +2018“ von Eleco Software wurde der Direktzugriff auf wichtige Funktionen optimiert, was insbesondere bei sich häufig wiederholenden Arbeitsschritten Vorteile bietet. Das Einlesen und Modifizieren von DXF-/DWG-Dateien wurde verbessert. Das vereinfacht beispielsweise die Bearbeitung von Vermessungsdaten. Im 3D-Modus wurde das interaktive Ändern von Texturen verbessert, um beispielsweise Fliesenspiegel einfacher generieren zu können. Neu sind auch zahlreiche Stahlprofile und Texturen für den Innen- und Außenbereich. www.elecosoft.de Mit der neuen Planungssoftware „Caala“ des gleichnamigen Start-up-Unternehmens können Architekten in einer frühen Planungsphase schnell den Energiebedarf von Gebäuden ermitteln. Gleichzeitig erstellt das Programm eine Lebenszyklusanalyse. Damit sollen wiederholte Abstimmungen mit Energieberatern vermieden werden. Weiterhin können Planer frühzeitig mit Bauherren die Nachhaltigkeit des Gebäudes überprüfen und in allen Planungsphasen Korrekturen zur Verbesserung des ökologischen Fußabdrucks vornehmen, zum Beispiel in der Heizungstechnik, bei den Fenstern oder anderen Baumaterialien. www.caala.de Das neue „Cadder-Stahlbau“ von Reico wurde speziell für die Planung und Sanierung von Hallen sowie den Vertrieb entwickelt. Das CAD-Programm unterstützt sowohl den auf Rastermaßen basierenden Entwurf als auch die Planung auf der Grundlage importierter oder gescannter Grundrisse. Werden die Form und Abmessungen von Stahlbauwerken geändert, passen sich die Anschlusselemente automatisch an. Baukostenvergleiche vereinfachen die Entscheidung zwischen unterschiedlichen Entwurfsvarianten. www.cadder.de Dem Vektorisierungs-Dienstleister Einszueins-Digital zufolge kombinieren Planer zunehmend die 2D- und 3D-Planung und vereinfachen dadurch ihren Einstieg in die 3D-Konstruktion. Dabei werden in 2D-Pläne Bauteilelemente und Blöcke im 3D-Modus eingefügt. 2,5D-Zeichnungen enthalten mehr Informationen als 2D-Pläne und ermöglichen Massenermittlungen. Die Verwendung von 3D-Elementen soll zudem die Zeichenarbeit erleichtern, weil Bauteiländerungen automatisch erfolgen. www.einszueins-digital.de Mit dem „Solibri-Model-Checker“ von Solibri lassen sich Fehler in BIM-Modellen finden; BIM-Fachmodelle können automatisiert auf Unterschiede und eventuelle Unstimmigkeiten untersucht werden. Projekte lassen sich auf fehlende Komponenten oder falsche Massen überprüfen. Außerdem kann die Software für Prüfungen auf Barrierefreiheit oder Normenkonformität, für Modellvergleiche oder BIM-Modellauswertungen eingesetzt werden. Raum- und Modelldaten können individuell ausgewertet, analysiert und in Form von Berichten ausgegeben werden. www.solibri.de Mit der Mehrfenstertechnik der CAD- und BIM-Software „Vectorworks 2018“ von Computerworks können Anwender gleichzeitig mehrere Ansichten eines Modells oder Plans bearbeiten. Zudem lassen sich 3D-Modelle über Schnitte bearbeiten, sodass etwa Fenster oder Türen im Schnitt oder in der Innenansicht geändert und parallel im 3D-Modell überprüft werden können. Mit dem „Bimobject“-Werkzeug lassen sich Herstellerobjekte direkt in einen Plan einsetzen. Die neue „Webview“-Exportfunktion ermöglicht eine noch einfachere Online-Präsentation von 3D-Projekten. www.vectorworks2018.eu Die CAD-Software „ZWCAD“ ist gemäß Anbieter Encee CAD/CAM Systeme kompatibel mit AutoCAD und mit aktuellen DWG- und DXF-Versionen. Architekturfunktionen bietet das System in der Ausbaustufe Architect. Durch einfaches Umschalten von der Planansicht in die 3D-Ansicht ermöglicht ZWCAD das gemischte Arbeiten in 2D und 3D. Seitenaufrisse und Schnitte lassen sich automatisch erstellen. Symbol- und Elementbibliotheken ermöglichen eine schnelle Planerstellung. Reportfunktionen erstellen Tür- und Fensterlisten. www.encee.de G&W Software hat das in „California.pro 8“ integrierte Nachtragsmanagement mit zusätzlichen Funktionen zur freien Gruppierung, Steuerung und Beauftragung von Nachträgen und durch Reports für die Nachtragshistorie erweitert. Beim GAEB-Datenimport erkennt das System, dass es sich um geplante Nachträge handelt. Bei der Zuordnung der Nachtragsmengen und der Positionen lassen sich Mehr- und Minderleistungen entsprechend der Projektsituation strukturieren. California.pro prüft automatisch die Verteilung aller Nachträge auf Vollständigkeit. Dadurch wird sichergestellt, dass nichts übersehen wird. www.gw-software.de Mit der neuen Funktion „Sammel-LV“ von Nevaris Build lassen sich Mengen gleicher Positionen bequem addieren. Auf diese Weise erhält man laut Hersteller Nevaris für die Kalkulation ein kompakteres LV mit den jeweiligen Gesamtmengen. Beim Bietervergleich lassen sich LVs nach beliebigen Kriterien sortieren, gruppieren und filtern. Verändern sich Positionen, so werden die Auswirkungen auf das Ergebnis und das geplante Budget sofort sichtbar. Die Funktion verfügt darüber hinaus auch über Kostenermittlungs- und Analysefunktionen für kleine, mittlere und große Unternehmen. www.nevaris.com Per IFC-Schnittstelle übertragene BIM-Daten werden in der AVA- und Kostenmanagement- Software „AVA 22“ von Orca mit einer 3D-Darstellung und kontextbezogenen Übernahmetabellen verknüpft. Eine Markierung im Modell führt dadurch schnell zum zugehörigen Eintrag. Markierte Einträge können umgekehrt im Modell lokalisiert werden. Die IFC-Daten sind in den Übernahmetabellen nach Ordnungskriterien sortiert und alle Bauteile entsprechend der IFC-Systematik gruppiert, zum Beispiel Balken, Fundamente oder Treppen. Die Anzeige ist individuell konfigurierbar und verfügt über eine Suchfunktion. www.orca-software.com Orca Software: BIM-Daten werden in „ORCA AVA 22“ mit einer 3D-Darstellung und kontextbezogenen Übernahmetabellen verknüpft. Die bidirektionale Integration von Word und Excel in der AVA-, Baukalkulations- und Kostenmanagement-Lösung „Sidoun Globe“ von Sidoun ermöglicht die Einbindung eigener Tabellen und Formulare für Mengenermittlungen, Preisvergleiche, Honorarabrechnungen etc. Sidoun Globe ist internetfähig und kann auch außerhalb des Büros genutzt werden. Die Sprachsteuerung TALK! ermöglicht ein barrierefreies Arbeiten. Die Online-Version „Globe4all“ kann 30 Tage lang kostenlos mit allen Funktionen, inklusive Lernvideos, genutzt werden. www.sidoun.eu Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz). Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Was ist eigentlich schön?

Editorial: Brigitte Schultz Für die meisten Architekten ist Schönheit ein leicht anrüchiges Wort. Schöne Architektur? „Da treffen sich zwei Begriffe, die erst mal nichts miteinander zu tun haben“, schrieb uns unser Leser Klaus Heselhaus stellvertretend für viele Berufskollegen auf unsere Umfrage zum Thema. Sollten Architekten sich also lieber vom Begriff der Schönheit fernhalten und ihn den Laien überlassen, die vermeintlich keine besseren Kriterien zur Beurteilung ihrer gebauten Umwelt zur Verfügung haben? Wir glauben nicht – schließlich ist die Frage nach der Schönheit in der Architektur eng verknüpft mit dem schwer zu fassenden Wesen guter Bauten, das viele von uns zur Berufswahl motiviert hat. „Wir arbeiten doch täglich auf die Schönheit hin“, schrieb uns daher auch Leser Ludger Schmidt, „sonst braucht man uns doch gar nicht!“ Die zwei Lesermeinungen stehen stellvertretend für die Vielfalt der 20 Beiträge zum Thema, die wir für diese Ausgabe des Architektenblattes zusammenstellt haben. Was finden Architekten schön? Gibt es eine objektive Schönheit in der Architektur? Was darf sie kosten? Und ist Altes immer schöner als Neues, wie uns so oft vorgeworfen wird? Auf diese Fragen, die wir in den letzten Monaten im DAB und auf DABonline gestellt haben, hat uns eine breite Palette an intelligenten Gedanken, Reflexionen und Kommentaren erreicht. Sie erstreckt sich von persönlichen Erfahrungsberichten über politische Einordnungen bis zu praktischen Tipps. Wiederkehrende Themen sind das Verhältnis zu Bauherren und zur Öffentlichkeit, dazwischen grüßt immer wieder Kant. Aus der Vielzahl der Beiträge ergibt sich auf den folgenden Seiten eine lebendige Debatte und so mancher Anreiz, fern des täglichen Schwarzbrots von Auftragsbeschaffung und Haftungsdrohung einmal wieder über unser ästhetisches Selbstverständnis nachzudenken. In diesem Sinne darf sich die Debatte gerne fortsetzen. Das fänden wir dann wiederum, nun ja: schön. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

Eine eigenwillige Schönheit

Ansichtssache: Eine Paderbornerin findet in ihrer Stadt eine verkannte architektonische Schönheit. Versuchen Sie es mit einem Spiel. Wählen Sie ein Gebäude aus, das Ihnen schon lange ein Dorn im Auge ist, nehmen Sie sich Zeit und versuchen Sie, es schön zu finden! Tun Sie so, als sei es eine berühmte Sehenswürdigkeit, und begründen Sie, warum es unbedingt jeder besuchen sollte. Lassen Sie die Langeweile vorbeiziehen und versuchen Sie, nicht zu kritisieren. Ich weiß, das ist nicht einfach, da das Negative in der Regel naheliegender ist. Versuchen Sie trotzdem, die Kritik in Schach zu halten. Nach dem Spiel dürfen Sie das Objekt wieder hässlich finden – ich vermute jedoch, dass es Ihnen nicht so ohne Weiteres gelingen wird, wenn Sie nicht geschummelt haben. Das bewusste Betrachten offenbart nämlich häufig gerade dort, wo man es am wenigsten erwarten würde, eine eigenwillige Schönheit oder einen ganz eigenen Charme. Kein anderer beherrschte den liebevollen Blick so gut wie der Schriftsteller und Flaneur Franz Hessel. Seine 1929 erschienene Publikation „Ein Flaneur in Berlin“ schließt er mit dem Aufruf: „Wir wollen es uns zumuten, wir wollen […] das Ding Berlin in seinem Neben- und Durcheinander von Kostbarem und Garstigem, Solidem und Unechtem, Komischem und Respektablem so lange anschauen, lieb gewinnen und schön finden, bis es schön ist.“ Bei dem liebevollen Blick handelt es sich nicht nur um eine schale Aufforderung, sich mit dem abzufinden, was im gebauten Raum zu finden ist, sondern um eine Kulturtechnik. Mit Leidenschaft und Ausdauer durchstreifte Hessel zunächst Paris und später, während der Weimarer Republik, Berlin. Seine Texte sind Liebeserklärungen an die vielen Kleinigkeiten und Dinge, die man im Alltag übersieht, für selbstverständlich oder nicht betrachtenswert hält. In seiner 1932 veröffentlichten Publikation „Ermunterung zum Genuss“ empfiehlt er, sich Minutenferien vom Alltag zu nehmen, um im eigenen Stadtviertel herumzulaufen und es zu betrachten, als habe man es noch nie gesehen. Er präzisiert: „Ist also die Straße eine Lektüre, so lies sie, aber kritisiere sie nicht zu viel. Finde sie nicht zu schnell schön oder hässlich. Das sind so unzuverlässige Begriffe. Lass dich auch ein wenig täuschen und verführen.“ Und schließlich heißt es: „Vom freundlichen Anschauen bekommt auch das Garstige eine Art Schönheit ab. Das wissen die Ästheten nicht, aber der Flaneur erlebt es.“ Wie zutreffend Hessels Beobachtungen sind, stelle ich regelmäßig in meiner Arbeit mit Kindern, aber auch Erwachsenen fest. Es bedarf nur kleiner spielerischer Interventionen, um sie dazu zu bringen, ihre höchst vertraute Alltagsumgebung mit anderen Augen zu sehen und diese in einen Abenteuerraum zu verwandeln, der Tag für Tag neue, unerwartete Schönheiten preisgibt. Turit Fröbe, Architekturhistorikerin und Urbanistin, Berlin ACH SCHÖN! Häufig ist die Reaktion auf die Information zu unserem Stiftungssitz „Wir sitzen in Potsdam“ der spontane Ausruf „Ach schön!“. Aber was ist schön an Potsdam? Das UNESCO-Welterbe der Schlösser und Gärten in der Potsdamer Seenlandschaft? Die kleinstädtisch anmutende Innenstadt mit dem Holländischen Viertel? Schinkels Nikolaikirche oder das neue Hans Otto Theater von Gottfried Böhm? Der neue Landtag im rekonstruierten Stadtschloss oder das benachbarte Hotel Mercure? Der gepflegte Park auf der Freundschaftsinsel oder der Nachwende-Hauptbahnhof mit Shopping-Center von gmp? Die Reaktion hat meist einen Anklang von Stoßseufzer und beinhaltet vieles: „Ach, schön und gut, in Potsdam ist die gebaute Welt noch in Ordnung. Nachvollziehbar, dass die Bundesstiftung Baukultur in diesem harmonischen Umfeld einer zweifelsfrei schönen (Altbau-)Architektur residiert.“ Werden mit schöner Architektur also zunächst Altbauten assoziiert und wenn ja, warum? Wir haben gerade eine bundesweite repräsentative Umfrage durchgeführt und erfahren, dass 36 Prozent der Bevölkerung Altbauten schöner finden als Neubauten. Nur sieben Prozent sehen es umgekehrt. Da wundert es nicht, dass 80 Prozent der Deutschen auch die Rekonstruktion historischer Gebäude befürworten. Der am häufigsten genannte Architektenname ist Friedensreich Hundertwasser (elf Prozent), weit vor Karl Friedrich Schinkel (fünf Prozent) oder Zaha Hadid (ein Prozent). Kein Wunder also, dass die Ansage in der Bahn jedes Mal auf den Halt im (schönen) Hundertwasser-Bahnhof in Uelzen hinweist, einer sicherlich fotogenen, aber funktional monströs verbauten Kiste. Auch beim neuen Holzmarktquartier in Berlin hat sich die Bauherrenschaft Hundertwasser zum Vorbild genommen und die Gebäude nach dem robusten und klugen Grundgerüst der Architekten von „Hütten und Paläste“ selbst opulent gestylt und trashig dekoriert. Der Publikumsgeschmack und die Resonanz junger Menschen zeigen mit dem Daumen nach oben. Wege zum Ornament: Im Berliner Holzmarktquartier wird die Architektur künstlerisch dekoriert,… Das Ornament hat bereits seit der Postmoderne wieder Konjunktur. Das Institut du Monde Arabe, das Jean Nouvel vor zwanzig Jahren in Paris gebaut hat, ist mit seiner orientalischen Ornamentik des fotolinsenmechanischen Sonnenschutzes für mich so etwas wie ein Meilenstein eines neuen, zeitlosen Dekors, das auch sinnlich wirkt. Es zitiert, gliedert und rhythmisiert Fassaden, macht sie apart, vielleicht schön. … am Pariser Institut du Monde Arabe wird die Funktion zum Dekor. Dennoch entsteht echte Schönheit in der Architektur nicht durch dekorative Maßnahmen, sondern durch innere Werte der Funktion, der Formfindung und des Gebrauchs sowie durch die Fähigkeit, uns emotional zu berühren. Erst wenn dieser gemeinsame Nenner der unmittelbar auf uns wirkenden Schönheit zum Tragen kommt, entsteht eine Wirkung, der sich niemand entziehen kann. Aus dieser Schönheit resultiert die dauerhafte Dimension von Architektur. Dabei geht es nicht darum, sich dem Wandel zu widersetzen und ohne Kontext zu entwerfen, sondern um eine Haltung, die den menschlichen Maßstab berücksichtigt, räumlich und sinnlich. Als das Rendering der Elbphilharmonie zum ersten Mal veröffentlicht wurde, entstand so etwas wie ein kollektives „Wow-Gefühl“, ein Berührtsein und Unbedingt-haben-Wollen über alle Bildungsschichten hinweg. 80 Prozent der Hamburger wollten genau dieses Gebäude. Dass es nicht der Funktion folgt und später zu einer gigantischen konstruktiven und finanziellen Herausforderung wurde, wissen wir heute. Die Hamburger Architektenschaft hat in diesem Einzelfall auf die Durchführung eines Wettbewerbs verzichtet und der Beauftragung von Herzog & de Meuron zugestimmt, sicher auch, um dem atemberaubend schönen Entwurf zur Geltung zu verhelfen. Architektur und Städtebau haben sich meiner Meinung nach zu lange mit einer kulturkritischen Schönheitsdebatte befasst und im Ergebnis „Geschmacksverirrungen“ der Bauherren beklagt. Anfang der Achtzigerjahre hat der Pädagoge und Journalist Claus Borgeest sogar eine schichtenspezifische Unterscheidung vorgenommen. Dabei ist unerheblich, ob als Klischees das Unechte, Billige oder Glitzernde unterer Sozialschichten oder das Protzige, Teure, Monströse oberer Mittelschichten zum Geschmacksmaßstab werden. Beides ist unangemessen und wirkt vermutlich auf die Betroffenen selbst wenig überzeugend. Anders kann man sich ja ein Immer-mehr-Davon nicht erklären. Borgeest hat daraus den Schluss gezogen, dass Geschmack und ästhetische Urteilskraft nicht reichen: „Das Schöne ist nur schön, wenn es von der Eigenart der Menschen beseelt wird.“ Bei diesem Zusammenspiel von gebautem Raum und Sozialraum sind wir ganz nah bei derjenigen gelungenen Baukultur, die wir als Stiftung voranbringen wollen. Das geht aber, selbst von der Warte eines ausgebildeten Gestalters aus gesehen, nicht über Geschmacksschulungen. Sinnvoll ist eine Information über Proportionen – im Sinne von Loos auch über jene der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen –, über Harmoniegesetze, Formgebung, Materialien, Dauerhaftigkeit, Nachhaltigkeit und Baukultur. Eine Wissensvermittlung, die zu sehen hilft. Hier treffen sich die Verfechter des schönen Bauens und der Stadtbaukunst mit denen der Baukulturvermittlung. Wenn es uns dabei gelingt, dem Kriterium der emotionalen Berührtheit („Ach schön!“), ähnlich wie bei der Musik oder der bildenden Kunst, zu größerer Wirksamkeit zu verhelfen, sind wir einen großen Schritt weiter – bei der Wahrnehmung und beim Bedeutungszuwachs guter Architektur. Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, Potsdam MEHR INFORMATIONEN Baukultursalon „Schön und gut“ Die Bundesstiftung Baukultur diskutiert das Thema der Schönheit von Architektur und Städtebau demnächst live im ehemaligen Kosmetiksalon „Babette“ in Berlin, Karl-Marx-Allee 36 (15. Februar 2018, 19 Uhr). Mit Impulsen aus Architekturtheorie, Philosophie, Psychologie, Kunst- und Kulturwissenschaften will sie der Frage der Schönheit im Kontext der gebauten Umwelt ein Stück näher kommen. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön    

„Darf dieser Bau schön sein?“

Beliebtes Wahrzeichen: Das Colosseo quadrato, Leitbau des italienischen Faschismus Bella Italia, Bella Roma! Schönheit bis zur Volltrunkenheit! Antike, Mittelalter, Renaissance, Barock – Feierabend? Keineswegs. Schön ist auch das Rom des 20. Jahrhunderts – meint jedenfalls Pietro Beccari, Chef der Modefirma Fendi. Er bezeichnete den Palazzo della Civiltà Italiana als „einen der schönsten Paläste der Welt“. Davon war auch die römische Fremdenverkehrswerbung überzeugt – und präsentierte 2012 stolz eben diesen Palazzo als Werbebild für Rom – sozusagen als Quintessenz der Schönheit der Stadt. Doch halt! Darf denn dieser Bau überhaupt schön sein? Ist er doch der Leitbau des größten Projekts des italienischen Faschismus, des Weltausstellungsgeländes (EUR), das seit 1937 von Marcello Piacentini, dem einflussreichsten Architekten des faschistischen Italiens, geleitet wurde. Das letzte Geschoss des Palazzo führte er blind aus, um Platz für eine dem italienischen Volk huldigende Inschrift zu erhalten: „Ein Volk von Dichtern und Künstlern, Helden und Heiligen, Denkern und Wissenschaftlern, Seefahrern und Auswanderern“. Die Worte dieser Inschrift stammen aus einer Rede Mussolinis im Oktober 1935, die die Massen gegen den Völkerbund mobilisieren sollte. Damit reagierte der Diktator auf die Sanktionen nach dem Überfall auf Äthiopien. Irgendwie nicht so schön, vergessen wir es. Der 1938 bis 1940 errichtete Palast umfasst schließlich sechs Geschosse mit jeweils neun Bögen – entsprechend der Zahl der Buchstaben von Benito (6) Mussolini (9). Die meisten Gebäude auf dem Gelände wurden nach dem Krieg vollendet – wiederum unter der Leitung von Marcello Piacentini. Seit 2006 wurde der Palazzo della Civiltà Italiana über viele Jahre aufwendig „saniert“. Eigentlich wurde er erst richtig fertiggestellt – in all seiner vermuteten Schönheit. Wäre so etwas auch in Deutschland möglich? Fertigstellen, wiederherstellen, schöner machen? Das wäre doch „Renazifizierung“! In Deutschland kann eine Architektur aus der Zeit der Diktatur nicht schön sein, sondern nur monumental, steinern, einschüchternd. Vor allem muss sie hässlich sein. Dafür muss sie möglichst verfremdet werden. Die Angst ist groß, dass die Faszination der Architektur in eine Zustimmung zur NS-Ideologie umschlägt. Schon etwas schräg, oder? Deutsche Erinnerungskultur ist eindeutig – eindeutig anders als die italienische jedenfalls. Während die Worte Mussolinis auf dem Palazzo della Civiltà Italiana als Folge der Sanierung mit öffentlichen Mitteln wieder klar zu erkennen sind, war lange Zeit offen, was mit dem Gebäude geschehen sollte. 1999 wurde offiziell verkündet, der Bau solle als nationales Museum genutzt werden. Doch seine Schönheit ließ sich blendend versilbern. 2013 wurde die Öffentlichkeit  von der Nachricht überrascht, dass der italienische Staat den öffentlichen Bau an ein privates Unternehmen verkauft hatte, nämlich an den französischen Konzern Louis Vuitton Moët Hennessy, dessen ehemals italienische Teilmarke Fendi ab 2015 in diesem Gebäude vermarktet werden sollte. Empörend? Für Teile der italienischen Öffentlichkeit: Ja. So titelte die Zeitung Il Giornale: „Die Franzosen übernehmen den ‚Palazzo della Civiltà Italiana‘ in Rom, ein Herzstück der italienischen Kulturgüter“. Weiter hieß es: Italien gebe eines seiner „Juwelen“ auf, eine „Architekturikone des römischen Novecento“, und: „Leb wohl made in Italy, leb wohl italienisches Erbe, leb wohl Geschichte Italiens, leb wohl bestbekannte rationalistische Architektur …“. Eines ist offensichtlich: Die Debatte über das römische Weltausstellungsgelände wie über den Palazzo della Civiltà Italiana war und ist „typisch italienisch“. Eine zweitklassige Erinnerungskultur? Eine Kapitulation vor dem Bösen? Vielleicht gibt es ja doch gravierende Unterschiede zwischen der Architektur des faschistischen Deutschland und der Architektur des faschistischen Italien? Klar ist: Architektur einer Diktatur kann schön sein, trotzdem war und bleibt es eine Architektur der Diktatur. Wenn sie schön erscheint, müssen wir davor keine Angst haben. Verhässlichung, Schmähung, Verdrängung, Abriss – das sind hilflose Antworten. Übrigens kann Architektur in einer Demokratie auch mal schön sein. Harald Bodenschatz, Stadtplaner und Architektursoziologe, Berlin   Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

„Jeder darf ein Denkmal hässlich finden“

Ungeliebte Denkmale: Wie einst das Wiener Looshaus … Wenn sich Philosophen damit beschäftigen, ist Schönheit eine schwierige Sache. Kant nennt ein Urteil über Schönheit ein subjektives Geschmacksurteil, das jedoch den Anspruch hat, für die Allgemeinheit gültig zu sein. Ein gültiges Urteil erfordere ein Wohlgefallen (oder ein Missfallen) ohne alles Interesse am Objekt. Jetzt mag jeder sein Gewissen erforschen, ob er bei seinen Beurteilungen immer diese Reinheit des Gemüts aufbringt. Wir Normalmenschen fällen äußerst freigiebig Geschmacksurteile. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, wenn man bescheiden zugibt, dass jedes Urteil subjektiv ist und zu unterschiedlichen Zeiten anders ausfallen kann. Sind wir doch vom Zeitgeist oder von Moden abhängig oder gehen, manchmal auch unbewusst, unseren Interessen nach. … gilt das Berliner Pallasseum als hässlich. Ob es auch mal so geschätzt werden wird? Ein Beispiel: Der österreichische Architekt Adolf Loos erlaubte sich 1910, am Michaelerplatz in Wien ein Wohn- und Geschäftshaus zu bauen, dessen Obergeschosse er ganz glatt und in Weiß gestaltete, ohne jedes Ornament. Loos war der Meinung, die Evolution in der Kultur sei gleichbedeutend mit der Entfernung des Ornaments aus dem Gebrauchsgegenstand. So schrieb er es 1908 in seinem Aufsatz „Ornament und Verbrechen“. Leider hatten die Wiener nicht die „modernen Nerven“, die laut Loos keine neuen Ornamente mehr ertragen, und protestierten. Das Bauamt verweigerte die Gebrauchsabnahme und Kaiser Franz Joseph, der dem Looshaus gegenüber in der Hofburg wohnte, drohte mit der Vernagelung seiner Fenster. Loos beruhigte die Volks- und Adelsseele, indem er Blumenkästen anbrachte. Heute ist das Looshaus eine Inkunabel der Weltarchitektur. Es leitete eine neue Epoche der Baukunst ein und Generationen von Architekten haben es besichtigt. Das österreichische Bundesdenkmalamt, das übrigens in Teilen der Kaiserwohnung in der Hofburg residiert, hat das „hässliche“ Haus bereits 1947 unter Denkmalschutz gestellt. Nun habe ich Sie in die dünne Höhenluft der Philosophie und die Tiefen der Volksseele mitgenommen, aber nur wenig über die Position der Denkmalpflege zur Schönheit ausgesagt. Die kann man schnell zusammenfassen. Jeder darf ein Denkmal schön oder hässlich finden, und auch Denkmalpfleger tun das gelegentlich. Ein Denkmal wird aber nicht wegen seiner vermeintlichen Schönheit ein Denkmal. Denkmalpfleger sind enttäuscht, wenn jemand einem Bau- oder Gartendenkmal den Denkmalstatus aberkennt, weil es angeblich hässlich sei, genauso wie ein Architekt enttäuscht ist, wenn jemand sein Gebäude mit einem Geschmacksurteil abtut und übersieht, dass er sich auch um Zweckmäßigkeit, Bequemlichkeit, Materialgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit gekümmert hat. Die Denkmalschutzgesetze verlangen die Bewertung eines Denkmals als Geschichtsdokument. Je authentischer es ist, umso besser kann es diese Aufgabe erfüllen. Es kann Zeugnis sein für Sozial-, Wirtschafts-, Architektur-, Technik-, Städtebau-, Wissenschafts-, Kunst- oder politische Geschichte. Diese kann als positiv oder gar als heroisch bewertet werden, aber auch als unbequem, schmerzhaft oder mörderisch. Alle Geschichtsphasen werden durch Denkmale repräsentiert. Die Denkmallandschaft spiegelt die ganze Vielfalt des Lebens oder der Kultur der Vergangenheit wider. Als Richter über die Schönheit wird sich kein Denkmalpfleger aufspielen, er wird seiner Aufgabe nachgehen, die Geschichte zu erforschen und im Interesse der Allgemeinheit ihre bedeutendsten materiellen Zeugnisse zu bewahren. Er ist Historiker, der von den Höhen und Tiefen der Geschichte weiß und auch Denkmale kennt, die beide Dimensionen gleichzeitig bekunden. Gerade aber am Beispiel jüngerer Denkmale, etwa aus der Nachkriegszeit, der 1960er- oder 1970er-Jahre wird deutlich, dass das Vorurteil, ein Denkmal habe schön zu sein, auch heute noch weitverbreitet und womöglich gar nicht nachhaltig auszuräumen ist. Jüngst wurde so die 1977 fertiggestellte und neu in die Denkmalliste eingetragene Berliner Wohnanlage von Jürgen Sawade „Wohnen am Kleistpark“ (auch Pallasseum genannt) abqualifiziert. Eine Abgeordnete fragte den Berliner Senat: „Kann nachvollzogen werden, dass diese Entscheidung (gemeint ist der Denkmalschutz, B.K.) nicht wenige überrascht hat, da diese Gebäude weithin als das Stadtbild nicht gerade verschönernd angesehen werden?“ Die Presse griff das Thema gerne auf. Wie soll nun der Senat antworten? Soll er etwa das Corpus Delicti einziehen wie in dem Gedicht über einen Lattenzaun von Christian Morgenstern? „Es war einmal ein Lattenzaun, / mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. / Ein Architekt, der dieses sah, / stand eines Abends plötzlich da / und nahm den Zwischenraum heraus / und baute draus ein großes Haus. / Der Zaun indessen stand ganz dumm / mit Latten ohne was herum, / ein Anblick gräßlich und gemein. / Drum zog ihn der Senat auch ein. / Der Architekt jedoch entfloh / nach Afri- od- Ameriko.“ Vielleicht sollte der Senat die kaum allgemeingültig zu definierende Schönheit oder die Poesie anders als der entflohene Architekt im Zwischenraum, zwischen den Zeilen belassen. Bernhard Kohlenbach, Denkmalpfleger, Berlin Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

Zum Donnerwetter noch mal!

Metallbauteile von Gebäuden, wie Stahlbewehrung und Bekleidungen an Dach und Fassade, mit zur Blitzableitung zu nutzen, ist eine wirtschaftlich sinnvolle Maßnahme. Daran wird in der Praxis jedoch oft viel zu spät gedacht. Text: Christian Braun Blitzschutzsysteme werden seit vielen Jahrzehnten als vorbeugende Brandschutzmaßnahme installiert. Vorrangiges Schutzziel ist der Personenschutz, es sollen aber auch Sachschäden an Gebäuden vermieden werden. Als Grundlage für die Planung und Ausführung gilt die Blitzschutznorm DIN EN 62305 Teil 1–4 (DIN VDE 0185 Teil 1–4). Jedoch enthält die Norm nur allgemeine Hinweise zur Planung und Ausführung von Blitzschutzanlagen. Eine wirtschaftlich sinnvolle Maßnahme ist, Bauteile des Gebäudes als natürlichen Bestandteil in das Blitzschutzsystem einzubinden. Die Auswahl der Bauteile muss im frühen Planungsstadium in Zusammenarbeit von Architekt und Elektrofachplaner erfolgen. Stahlbewehrung nutzen Zur natürlichen Ableitung in einem Blitzschutzsystem bieten sich vor allem Stahlbetonstützen und -decken an. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass entsprechend normativer Forderung nach DIN EN 62305-3 jede Stütze am Fußpunkt an das Erdungssystem anzubinden ist. Das Erdungssystem ist entsprechend der Fundamenterdernorm DIN 18014 in Abhängigkeit der Ausführung des Fundamentes zu errichten. In den Stützen ist als Ableitung ein Blitzschutzdraht mitzuverlegen, der in Abständen von zwei Metern mit der Bewehrung zu verbinden ist. Daraus resultiert eine großflächige Stromaufteilung in dem Bewehrungskörper. Die Ableitung ist am Kopf der Stützen an ein in der Deckenbewehrung mitzuverlegendes Maschennetz mit einem Abstand von ebenfalls zwei Metern anzubinden. Die Maschenweite beträgt fünf mal fünf Meter. Durch diese Kontakt- und Verlegeart in der Decke sowie durch die Kombination mit den natürlichen Ableitungen in den Stahlbetonstützen entsteht im Deckenbereich eine sogenannte Äquipotenzialfläche, auch Potenzialebene genannt (siehe Grafik unten). Vermeidung unkontrollierter Überschläge: Äquipotenzialflächen und Fangeinrichtung Dadurch werden bei einem Blitzeinschlag Potenzialdifferenzen, die zu unkontrollierten Überschlägen führen können, weitestgehend vermieden. Gleichzeitig ist dadurch eine großflächige und symmetrische Blitzstromaufteilung gegeben. Abschließend wird auf der Flachdachabdichtung eine Fangeinrichtung installiert. Diese wird im Bereich der Attika, und bei großen Dachflächen auch über Dachdurchführungen, an die Äquipotenzialfläche und somit an die inneren Ableitungen angebunden. Photovoltaikanlagen, Klimageräte und sonstige Dachaufbauten sind hierbei vor direkten Blitzeinschlägen zu schützen. Zusätzlich müssen die Anlagen und Geräte mit Potenzialausgleichsleitern an die Äquipotenzialfläche angeschlossen werden. Dabei sind für die Leiter Mindestquerschnitte entsprechend der Forderung der DIN EN 62305-3 zu berücksichtigen. Bei mehrstöckigen Gebäuden kann jede Geschossdecke als Äquipotenzialfläche ausgebildet werden. Es ist zu berücksichtigen, dass auch der Funkpotenzialausgleich an diese Ebene des gleichen Potenzials mitanzubinden ist. Hierbei sind auch alle energie- und informationstechnischen Systeme mittels Überspannungsschutzgeräten (SPDs) auf dieses Potenzial zu ziehen. Inwieweit jede Etage als Äquipotenzialfläche auszubilden ist, ergibt sich aus dem Gesamtschutzziel für die bauliche Anlage. Um bei einem Blitzeinschlag unkontrollierte Überschläge von der Fangeinrichtung zu Dachinstallationen und den Bewehrungskörpern zu vermeiden, müssen sogenannte Trennungsabstände (umgangssprachlich Sicherheitsabstände) berechnet und eingehalten werden. Als Bezugspunkt für die Bestimmung der Trennungsabstände dient der nächste Punkt des Potenzialausgleichs, die sogenannte Äquipotenzialfläche. Die Größe des Trennungsabstandes wird bestimmt durch die Leitungslänge, die Stromaufteilung, die Isolation sowie durch den zu erwartenden Stoßstrom, der durch die Schutzklasse definiert wird. Dieser ist entsprechend normativer Forderung einzuhalten und somit bei der Installation der Fangeinrichtung auf der Dachfläche zu berücksichtigen. Können Trennungsabstände zwischen Fangleitung und Bewehrungskörper nicht eingehalten werden, so sind getrennte Fangeinrichtungen zu errichten. Neben der Aufständerung der Fangleitung mittels GFK-Stäben bietet eine hochspannungsfeste, isolierte Leitung (HVI-Leitung) den größtmöglichen Schutz. Bei einer gezielten isolierten Ableitung des Blitzstroms mit HVI bleiben Dachflächen frei begehbar. Befinden sich die Dachinstallationen im einschlagsgeschützten Bereich (LPZ 0B), so sind deren Versorgungsleitungen am Gebäudeeintritt in den sogenannten Blitzschutzpotenzialausgleich einzubeziehen. Sind keine Blitzströme auf den Versorgungsleitungen zu erwarten, so werden Typ-2-Ableiter empfohlen. Ist ein direkter Einschlag in Dachinstallationen möglich, so sind die Versorgungsleitungen am Gebäudeeintritt mit sogenannten Typ-1-Blitzstromableitern zu beschalten. Metallbekleidungen nutzen Häufig werden als Dacheindeckungen Metallbleche mit Isolierung inklusive Dachabdichtung verwendet. Auch diese Art einer nahezu idealen Metallfläche kann als Äquipotenzialfläche dienen. Zu beachten ist dabei, dass die einzelnen Segmente der Dachbahnen/ Metallbahnen in regelmäßigen Abständen blitzstromtragfähig zu verbinden sind. Generell gelten die Forderungen der DIN EN 62305-3 inklusive ihrer nationalen Beiblätter. Bei Gebäuden, bei denen nicht nur die Dacheindeckung, sondern auch die Fassade aus Metall besteht, kann diese neben den Stahlstützen zusätzlich als natürliche Ableitung verwendet werden. Stahlhallen sind hierfür ein typisches Beispiel. Sollte eine Metallfassade als Schirmungsmaßnahme mitgenutzt werden, so sind bereits bei der Planung umfangreiche Betrachtungen hinsichtlich elektromagnetischer Beeinflussung resultierend aus Blitzeinwirkung durchzuführen. Die Basis bildet hierbei die DIN EN 62305-4. Grundsätzlich sind die Fassadenelemente untereinander zu verbinden sowie im Abstand von fünf Metern an die Dacheindeckung/Fangeinrichtung und an das Erdungssystem anzubinden. Werden beispielsweise die Gefache zwischen den einzelnen Stützen ausgemauert, so erfolgt die Ableitung nur über die Stahlstützen. Infolge der sehr guten Symmetrierung des Stroms durch die Äquipotenzialfläche wird jede Stütze anteilsmäßig mit Stoßstrom belastet (Blitzstrom/Anzahl der Stützen). Aufgrund der Ausbildung eines elektromagnetischen Feldes um die stromdurchflossenen Stützen sind je nach Gebäudesituation tiefer gehende Betrachtungen durch Fachexperten notwendig. Christian Braun ist Produktmanager Dach bei Dehn + Söhne in Neumarkt in Bayern. Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Kein Ausverkauf!

Christine Edmaier ist Präsidentin der Architektenkammer Berlin. Der Einsatz ehren- und hauptamtlicher Mitarbeiter unserer Kammern für mehr und offenere Planungswettbewerbe ist groß. Noch viel größer ist der Einsatz finanzieller und zeitlicher Ressourcen derer, die sich daran beteiligen. In der Hoffnung, zu einem guten Entwurf und einem guten Auftrag zu kommen, sind sie trotz Hochkonjunktur dazu bereit. Die Regeln, wann solche „Sonderangebote“ an Bauherren, Nutzer und Öffentlichkeit möglich sind, basieren auf einfachen und über Jahrhunderte bewährten Grundsätzen wie Anonymität, Gleichbehandlung, einem kompetenten Preisgericht, Auftragsversprechen und der Wahrung des Urheberrechts. In den meisten Länderkammern verpflichten die Berufsordnungen ihre Mitglieder, nur an Wettbewerben teilzunehmen, die geprüft und registriert sind. Wie der BDA in einem Boykottaufruf richtig aufzeigt, ist es unabhängig von der Berufsordnung eine Frage der Haltung, hierfür das notwendige professionelle Bewusstsein zu zeigen. Vorsicht ist bei eingeladenen „Gutachterverfahren“, „konkurrierenden Verfahren“ oder „städtebaulichen Studien“ angebracht. Zumeist wird eine „Aufwandsentschädigung“ weit unter den tatsächlichen Kosten bezahlt, es gibt keine faire (Fach-) Jury, kein Auftragsversprechen, kein angemessenes Preisgeld, Nutzungsrechte müssen abgetreten werden und oft wird mit einer persönlichen Präsentation gegen Gleichbehandlung und Anonymität verstoßen. Werden diese Verfahren den Kammern früh genug gemeldet, wird versucht, entweder einen fairen Wettbewerb oder eine faire Bezahlung durchzusetzen – andernfalls bleibt leider nur eine möglichst kollektive Absage. Der Gesetzgeber verpflichtet uns, das einwandfreie Verhalten unserer Mitglieder zu „überwachen“, selbstverständlich weisen wir aber auch Auftraggeber auf Verstöße hin. Wer sich außerhalb eines geregelten Wettbewerbes Alternativen von mehreren Büros ausarbeiten lassen will, muss in Form einer Mehrfach- oder Parallelbeauftragung nach HOAI bezahlen – auch wenn „Lösungsansätze“ innerhalb von Vergabeverfahren verlangt werden. Der Leistungsumfang muss klar begrenzt und angemessen honoriert sein und von allen eingehalten werden. Wird korrekt bezahlt, ist dieser Weg oft teurer als ein Wettbewerb. Die BAK-Projektgruppe Wettbewerbe und Vergabe entwickelt derzeit einen Leitfaden „Wettbewerbe und Mehrfachbeauftragungen“, der als länderübergreifender Konsens entsprechendes Gewicht hätte. Aufklärung, Vergleiche und Entscheidungshilfen sollen die Tendenz zu immer neuen „Hybridverfahren“ beenden, die weder Wettbewerbsregeln noch der HOAI entsprechen. In der Praxis ist die Berechnung des richtigen Honorars oft sehr komplex, zum Beispiel wenn städtebauliche, landschaftsarchitektonische und hochbauliche Leistungen vermischt sind. Zwar ist jedes Kammermitglied verpflichtet, das Honorar zu prüfen, bevor es einen solchen „Auftrag“ annimmt. Unsere Juristen, Ausschüsse und Sachverständigen für Honorare und Verträge stehen jedoch gerne mit Rat und Tat zur Seite. Damit soll nicht zuletzt verhindert werden, dass sich einzelne Kollegen hervortun müssen und sich damit Chancen verbauen. Abmahnungen wegen der Teilnahme an „grauen“ oder unterhonorierten Verfahren sind zuerst eine Aufforderung zu solidarischem Verhalten, denn wir können nur bei uns selbst anfangen. Planungswettbewerbe sind ein Sonderangebot unseres Berufsstandes, sie dürfen nicht zum Ausverkauf unserer Ideen werden! Christine Edmaier ist Präsidentin der Architektenkammer Berlin.

Grüne Inspirationen

Von der Natur inspiriert: Bei dieser Vertikalbegrünung im Empfangsbereich eines Geschäftshauses setzten die Planer von Aplantis auf das Zusammenspiel von Stein und Pflanzen, die an bewachsene Felshänge erinnern. Die Begrünung von Innenräumen ist immer noch ein Nischenthema. Dabei sind heute Systeme verfügbar, die gut funktionieren. Text: Marion Goldmann Ob zu Hause oder im Büro: Pflanzen liebt nahezu jeder Mensch in seiner unmittelbaren Umgebung. Doch meist vegetiert das Grün vor sich hin oder fehlt ganz. Auch der vermeintliche Trend der Rückbesinnung auf die Natur im Zuge der zunehmenden Verstädterung hat die Praxis diesbezüglich noch nicht nachhaltig verändert. Erste Ansätze sind aber spürbar. Die Stiftung „Blumenbüro Holland“ beispielsweise hat sich zur Aufgabe gemacht, die Aufmerksamkeit für Blumen und Pflanzen in ganz Europa zu erhöhen. „Wir setzen uns dafür ein, dass mehr Pflanzen in die Wohnungen und Büros einziehen und Pflanzen schon frühzeitig in der Planung berücksichtigt werden“, so Marketingmanager Frank Teuber. Das ist ein entscheidender Punkt, denn die Innenraumbegrünung ist auch unter Architekten noch immer ein Nischenthema. Wie Gunnar Krempin vom Architekturbüro SPAR*K in Berlin berichtet, liegt das an der fehlenden Nachfrage: „Wir beschäftigen uns immer erst dann damit, wenn der Bauherr es fordert.“ Aktuell haben die Architekten einen Schreibtisch entwickelt, der durch integrierte Pflanzen den klassischen Arbeitsplatz mit Bildschirm und Drucker ein Stück weit auflöst. Das Möbel dient zugleich als Paravent zum Wohnraum, die Bepflanzung als Raumteiler. Diese Doppel-Funktion zu generieren, war den Architekten wichtig – sie war zugleich auch Anlass dieser Eigenentwicklung, denn ein fertiges Produkt bot der Markt nicht an. Wohl auch deshalb ist bereits ein Esstisch mit einem integrierten Pflanzsystem in Arbeit. Gunnar Krempin: „Der Fokus liegt hier auf der Ausstattung mit Nutzpflanzen, zum Beispiel mit Basilikum, das quasi aus dem Tisch wächst.“ Viele Fragen offen Pflanzen sind nicht nur dekorativ, sie erzeugen viele weitere positive Effekte. Durch ihre natürliche Transpiration strömen sie Feuchtigkeit aus und verbessern so das Raumklima. „Einige Sorten, insbesondere großblättrige, grüne Gewächse wie Einblatt, Efeu oder Schwertfarn, filtern zudem Schadstoffe aus ihrer Umgebung und eignen sich somit bestens für die Bürobegrünung“, erklärt René Grevsmühl, Experte des Blumenbüros Holland und Inhaber von Florale Welten. Gute Empfehlung. Schreibtisch von SPAR*K-Architekten: Der klassische Arbeitsplatz mit Drucker und Bildschirm wird hier aufgelöst. Doch wie die SPAR*K-Architekten steht zum Beispiel auch Ines Wrusch, Innenarchitektin aus Hamburg und für ihre Berufsgruppe im Vorstand der Bundesarchitektenkammer, immer wieder vor der Frage: „Wie kann ich meinen Bauherren eine Begrünung für Innenräume vorschlagen? Es sollen auf jeden Fall lebendige Pflanzen sein, gern auch großflächig angelegt, wie es vertikale Systeme ermöglichen. Doch die Herausforderungen bei Installation, Pflege, Umsetzbarkeit und Dauerhaftigkeit sind groß – und mir fehlen bislang darauf einschlägige Antworten.“ Einer, der auf diesem Gebiet neben Fachwissen über langjährige Erfahrungen verfügt, ist Gerhard Zemp. Der Mann aus der Schweiz ist von Hause aus Gartenbauingenieur und hat später noch ein Architekturstudium absolviert – eine Kombination mit Seltenheitswert. Zemp kennt die Bedenken der Architekten in puncto Vertikalbegrünung nur zu gut. Er begann vor 15 Jahren, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Zu dieser Zeit machten erste Leuchtturmprojekte renommierter Architekturbüros in Zusammenarbeit mit Patrick Blanc, wie die Galeries Lafayette in Berlin, Furore. Auf breiter Basis blieb das Interesse allerdings gering. Auch das eingesetzte Taschensystem – zwei zusammengetackerte Filzlagen mit dazwischen verlegtem Kunststoffschlauch, oben ein Wasserhahn, unten ein Ablauf und Taschen, die man für die Bepflanzung aufschlitzte – war simpel konstruiert und ist mit heutigen Systemen nicht vergleichbar. Zemp hat die technische Entwicklung seitdem mitverfolgt, Bachelor- und Forschungsarbeiten begleitet und in Deutschland und der Schweiz etwa 40 bis 50 Systeme betrachtet, die weltweit auf dem Markt sind. Kein Hexenwerk Hierzulande haben sich mittlerweile etwa sechs Systeme durchgesetzt, die gut funktionieren. Hinsichtlich der Dauerhaftigkeit der Bepflanzung muss man sich keine Sorgen machen; die Pflanzenauswahl erfolgt nach einer FFL-Richtlinie und zudem sind die Firmen an die fünfjährige Gewährleistung gebunden. Je nach angestrebter Optik sind unterschiedliche Arten der Bepflanzung möglich: zum Beispiel 80 Prozent Grundbepflanzung und 20 Prozent temporäre oder blühende Pflanzen, die für den Show-Effekt sorgen. Wichtig ist dabei, im Vorfeld mit der ausführenden Firma das Prozedere zu klären: In welchem Zeitintervall und vor allem wie soll der Austausch erfolgen, wie hoch ist der Pflegeaufwand? Gerhard Zemp fasst zusammen: „Aus gärtnerischer Sicht bin ich mit den Systemen für die vertikale Innenraumbegrünung sehr zufrieden, aus Architektensicht nicht.“ Problematisch ist die hohe Schicht- beziehungsweise Vegetationsdicke von bis zu 30 Zentimetern. Bei großen Räumen, wie Atrien oder Foyers, fällt das aufgrund der guten Fernwirkung zwar kaum auf, in einem Sitzungszimmer dagegen schon. Die Schichtdicke ist zum Beispiel auch bei einem zu begrünenden Treppenhaus in einem Bestandsbau, wo es um jeden Zentimeter geht, entscheidend. Für solche Fälle sind die nur zehn bis zwölf Zentimeter schlanken Systeme deutlich besser geeignet. Überhaupt sind die baulichen Voraussetzungen für die Wahl eines bestimmten Systems essenziell. Wasserzuleitung und Abfluss werden immer benötigt, ebenso wie Licht. Da sich die in Innenräumen zu begrünenden Flächen in der Regel in tageslichtfernen Bereichen befinden, muss die Beleuchtung künstlich erfolgen und vollflächig auf die Vegetation ausgerichtet sein. Demzufolge ist frühzeitig eine Decken- oder Bodenbeleuchtung einzuplanen, die man am besten – auch um Kosten zu sparen – mit dem Lichtplaner abstimmt. „Die indirekte Ausleuchtung einer Vertikalbegrünung sollte in die Grundbeleuchtung des Raumes miteinbezogen werden“, empfiehlt Zemp. Unsicherheit besteht häufig auch bei der Wahl der Lichtfarbe: Pflanzen brauchen Licht im rot- und blauwelligen Spektrum. Rechtzeitig geplant, lassen sich diese eher kühleren Farben gut abmischen. Pflanzenschädlinge und Insektenbefall sind Argumente, die oft eine Vertikalbegrünung verhindern. Gerhard Zemp hält dagegen: „Schädlinge treten eher in einzelnen mobilen Gefäßen auf, weil diese im Vergleich zu einer Vertikalbegrünung kein eigenes Mikroklima aufbauen können.“ Nicht zuletzt ist bei einer Vertikalbegrünung auch der Brandschutz zu berücksichtigen, was bedeutet, dass die Befeuchtung dauerhaft gewährleistet sein muss. Bei besonderen Anforderungen, wie in Kernzonen von Hochhäusern, werden anstelle von Kunststoffbehältern komplette Metallkonstruktionen eingesetzt. Schlingpflanzen im Dschungellook: Im Neubau „Virchow 16“ auf dem Novartis Campus in Basel hatte Architekt Rahul Mehrotra ein über drei Geschosse reichendes Atrium geplant, dessen Begrünung sich an den unteren Schichten des Regenwaldes orientiert. Planvoll vorgehen Fragen, auf die der Planer Antworten finden muss, sind: Ist die Nah- oder Fernwirkung wichtig? Soll eine akustische Wirksamkeit erreicht werden. Soll die Luftbefeuchtung messbar sein? Dient die Begrünung ausschließlich dekorativen Zwecken? Handelt es sich um ein temporäres Projekt oder soll die Begrünung über Jahrzehnte bestehen? Die Wahl eines Systems ist nicht zuletzt auch eine Frage des Budgets. Wer bei der Innenraumbegrünung die Kreationen eines Patrick Blanc vor Augen hat, kann diese Optik auch kostengünstiger mit Hänge- und Schlingpflanzen erzielen. Bei der Entscheidung für eine Vertikalbegrünung ist eine neutrale Beratung wichtig, denn die Planung sollte objekt- und nicht systembezogen erfolgen. Passende Ansprechpartner sind hier allerdings eher rar gesät. Geeignete Berater, die die Begrünung mit der Gebäude- und Innenarchitektur verbinden, sind auf dieser Seite unten zusammengestellt. Und die wesentlichen Punkte, die im Zuge der Entscheidungsfindung zu prüfen und abzuklären sind, hat Gerhard Zemp in der Checkliste unten aufgeführt. Checkliste: Das sollte man vorab klären Aufgrund der großen Auswahl an Systemen für die vertikale Begrünung wird empfohlen, folgende Punkte zu prüfen: • Einsatz der Pflanzenwand rein gestalterisch oder auch funktionell (Luftfeuchte, Schalldämmung)? • Gesamt-Aufbaustärke von Pflanzenwand: 7,6–50 cm erhältlich. Schichtdicke der Vegetation (3–50 cm)? • Planungszeit, Vorlaufzeit? Zeitplan Montage von Anschlüssen, Wanne, Grundkonstruktion, Licht, Vegetation • Fertig vorproduzierte Pflanzenmodule oder Bepflanzung vor Ort? • Modulsystem oder einteilige Konstruktion? Partiell demontierbar? • Gesamtkosten auf fünf Jahre: Prüfung der Erstellungskosten, Wartungskosten und Kosten für Pflanzenersatz • Nachhaltigkeit der Komponenten • Brandschutzklasse der einzelnen Komponenten bzw. des Gesamtsystems • Automatische Bewässerung: Wasserzulauf, -ablauf vorhanden? Manuelle Befüllung? Geräusche? • Wachstumslicht für Pflanzen bei 95 Prozent der Wände notwendig • Geruchsemissionsfrei? Den Hygienestandard erfüllend? • Luftbefeuchtung oder Schalldämmung erwünscht? Max. Eintrag der Feuchte berechnen! • Referenzprojekte des Systems bzw. des Innenraumbegrüners? ÜBERGREIFENDE FACHINFORMATIONEN Fachverband Raumbegrünung und Hydrokultur (FvRH) im Zentralverband Gartenbau e. V., Berlin, www.fachverband-hydrokultur.de Vereinigungen von Fachbetrieben mit bundesweitem Netzwerk: Die Raumbegrüner GmbH, Hannover, www.dieraumbegruener.de Element Green GmbH, 74889 Sinsheim–Hoffenheim, www.element-green.com Unabhängige Fachplanung für Innenraum- und Gebäudebegrünung: aplantis AG, Architekturbüro für Innenraum- und Gebäudebegrünung, Bern www.aplantis.ch Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

„Ist das Architektur oder kann das weg?“

„Kann man nicht putzen!“ Die Fondation Louis Vuitton von Frank Gehry hat andere Qualitäten. Architektur und Schönheit: Da treffen sich zwei Begriffe, die erst mal nichts miteinander zu tun haben. Auf der einen Seite steht das individuelle und kontroverse Attribut „Schönheit“ und auf der anderen Seite das Produkt eines schöpferischen Prozesses. Aus meiner Erfahrung wird die Frage nach der Schönheit immer dann gestellt, wenn der Betrachter eigentlich nicht weiterweiß. Da bleibt der Ausweg der Schönheit – wohl wissend, dass hier im Grunde jede Diskussion aufhört. Mir gefällt da die Frage: „Ist das Architektur oder kann das weg?“ besser. Denn geht es nicht im Kern um die Qualität von Architektur? Darüber kann man inhaltlich diskutieren und deren Maßstäbe festlegen. So müssen wir zum Beispiel einen Rolls-Royce nicht „schön“ finden, werden aber zugeben, dass dieses Auto eine außergewöhnliche Qualität besitzt. Ich rede mit meinen Bauherren nicht über Schönheit, sondern versuche sie davon zu überzeugen, dass das Gebäude oder ein Detail Qualität besitzt. Das nimmt der schnell emotional geführten Diskussion ihre Spannung und gibt allen die Möglichkeit, die Frage mehr sachlich zu beantworten. Ich als Architekt habe damit auch die geeignete Plattform, meinen Entwurf zur Diskussion zu stellen. Erstaunlicherweise wird das auch schnell verstanden. Kennen Sie die Steigerung von „Ist nicht schön!“? „Kann man nicht putzen!“ Klaus Heselhaus, Architekt, Klütz „Gegen gute moderne Architektur ist nichts einzuwenden, aber …“ Leider spielt Schönheit heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Es geht eher um Effizienz, Praktikabilität und Zeitgeist. Gegen gute moderne Architektur ist nichts einzuwenden, aber warum gibt man nicht auch schöner, klassischer Architektur wieder einen Raum, anstatt sie automatisch mit vormodernen Einstellungen zu verbinden? Jeder liebt doch Altstädte oder Gründerzeitviertel und es stört nicht, dass viele Häuser eigentlich keine Meisterwerke sind. Wir haben im Krieg viel schöne Bausubstanz verloren, ich finde sie als identitäts stiftenden Ankerpunkt aber wichtig, gerade im Zusammenspiel mit moderner Architektur. Jedoch ist Architektur, wie so vieles heutzutage, auch ein Wegwerfprodukt. Anstatt noch den letzten Cent aus einem Vorhaben herauszupressen, sollte auf langfristige Werte geachtet werden. Das wäre, wie man so schön sagt: nachhaltiger. Michael Müller, Student der Raumplanung, Dortmund „Die Schönheit eines Objekts umfasst zunächst einmal dessen Zweck und anschließend seine Proportion. Sie ist dann vollkommen, wenn die Komposition aus Charakter, Qualität und Raum harmonisch ist. Schönheit ist die Summe dieser Komplexität. Sie ist ein Lebensbedürfnis.“ Amir Abadi, Architekt und Möbeldesigner, Berlin Schön Was finden Sie schön? Unterschätzte Hässlichkeiten, die von Abriss bedroht sind. Gibt es eine objektive Schönheit in der Architektur? Es gibt objektiv gute Architektur, doch ob sie schön oder hässlich ist, empfindet jeder anders. Was darf Schönheit in der Architektur kosten? Schlechte Architektur kostet die gute Laune. Schönheit liegt in jedem Ding und kostet nur die Mühe, sie zu entdecken. Ist Altes immer schöner als Neues? Na klar. Und wenn nicht: Abwarten, dann stimmt es wieder. Daniel Fuhrhop, Buchautor und Blogger, Oldenburg Musterhaus: Hild und K Architekten auf der Suche nach der Schönheit (Haus in Aggstall) „In abgelegenen Winkeln“ Schönheit ist auf den ersten Blick etwas Oberflächliches. Bei genauem Hinschauen sagt ihr Empfinden viel aus über den Einfluss, den ein Objekt auf den Betrachter ausübt. Was jemand für schön hält, hängt von seiner Grunddisposition, Affinität und Gewohnheit ab. Schönheit entsteht, wo jemand das Erlebte mit einer positiven Vorstellung verbindet. Erst damit erhält die Betrachtung eines Gebäudes eine tiefere Dimension. Schönheit ist sehr emotional und menschlich. Als Architekten begeben wir uns deshalb gerne im Alltäglichen auf die Suche. Oft finden wir die Schönheit gerade in irgendwelchen abgelegenen Winkeln, in denen vor uns noch keiner nachgesehen hat! Dionys Ottl und Matthias Haber, Architekten, München Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

Vom Naturstein-Preis zu Bauprojekten, Denkmalspezialisten und Kirchenbauten

Vom Naturstein-Preis zu Bauprojekten, Denkmalspezialisten und Kirchenbauten. Naturstein wird prämiert Noch bis zum 31. Januar 2018 können Projekte, die Naturstein gestalterisch oder konstruktiv einsetzen, für den Deutschen Naturstein-Preis vorgeschlagen werden. Chancen haben Hochbauten und Freiraumgestaltungen – aber auch Sanierungen oder Rekonstruktionen mit besonderen Steindetails. www.natursteinverband.de Weit weg oder ganz nah Beton-Spezialisten und -Liebhaber kommen sicherlich bei einer für Anfang Mai angekündigten „Fachstudienreise Beton“ auf ihre Kosten. Zur Auswahl stehen aber auch Architekturreisen nach Japan vom 16. bis 26. März oder nach Portugal vom 11. bis 15. April. Ende Juni geht es zur Architektur-Biennale nach Venedig. www.reisenundevents.de Aber auch hierzulande gibt es Neues zu sehen: die Elbphilharmonie zum Beispiel. An zwei Tagen entdecken Sie die Hafencity und blicken hinter die Kulissen des neuen Konzerthauses. Planungsbeteiligte berichten vom anspruchsvollen Bauprozess. Ob sich der Aufwand gelohnt hat, zeigt sich bei einem Konzertbesuch. Das Programm wird als Fortbildung anerkannt und kostet 650 Euro inklusive Übernachtung und Anreise. Termine: 20. bis 21. Februar und 23. bis 24. Juni 2018. www.architectours.org Das Stadtmuseum Aarau wurde mit Rücksicht auf das Denkmal erweitert. Silberturm sticht heraus Die Wüstenrot Stiftung öffnete ihren Gestaltungspreis, der dieses Jahr unter dem Motto „Umgang mit denkmalwürdiger Bausubstanz“ stand, erstmals für Projekte aus Österreich und der Schweiz. Prompt sind unter den zehn Preisen und Anerkennungen nur drei deutsche Projekte. Den Hauptpreis erhalten Diener & Diener für die Erweiterung des Stadtmuseums Aarau. Ausgezeichnet werden außerdem die Sanierung des historischen Türalihus in Valendas (Capaul & Blumenthal), der Schulanlage Felsberg in Luzern (Menzi Bürgler) und des Hallenbades City in Zürich (Ernst Niklaus Fausch). Das Hochhaus der früheren Dresdner Bank behielt auch nach der Sanierung seinen futuristischen 70er-Jahre-Charme. Das einzige ausgezeichnete Projekt aus Deutschland hat dafür umso mehr Signalwirkung. Der noch nicht denkmalgeschützte „Silberturm“ in Frankfurt am Main bleibt auch nach der Ertüchtigung durch die Architekten Schneider und Schumacher ganz typisch für die 1970er-Jahre: Aluminiumfassade, abgerundete Ecken und Fenster wie im Flugzeug. Das Schwimmbad im 31. Stock, das eigentlich als Löschwasserbecken diente, wurde allerdings in einen Konferenzsaal umgebaut. Die von ABB Architekten entworfene frühere Zentrale der Dresdner Bank war mit 166 Metern bis 1990 das höchste Haus Deutschlands. www.wuestenrot-stiftung.de Archiv neu eröffnet Das Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW öffnet sein Archiv – zumindest online. Dort sind alle Ausstellungen des mobilen Museums dokumentiert, die seit der Gründung im Jahr 2005 an verschiedenen Orten stattfanden. Dabei ging es um gewagte Dachkonstruktionen, um Moscheen oder um die städtebauliche Entwicklung an Rhein und Ruhr. Auch monografische Ausstellungen, etwa über Paul Schneider von Esleben, Hans Scharoun oder Werner Ruhnau, sind in Bildstrecken, Texten und Videos nachzuerleben. www.archiv.mai-nrw.de Auftragslage gut, Umfrage eingestellt Die stets als Barometer für die Baukonjunktur dienende Umfrage des ifo-Instituts unter freischaffenden Architekten wurde vor Kurzem eingestellt. Die letzten Daten zum zweiten Quartal 2017 weisen auf eine weiterhin gute Auftragslage hin, besonders im Wohnungsbau. Eine Zusammenfassung finden Sie hier. Kreativ mit Stahl Alle drei Jahre prämiert der Verband der deutschen Stahlindustrie beispielhafte Lösungen in mehreren Kategorien. Neben Stahlprodukten und Stahldesign ist auch Stahl als Baumaterial gefragt. Preiswürdig sind Tragwerke oder Fassadenkonzepte, aber auch individuell entwickelte Details oder Bauteile. Besonders energie- oder materialsparende Lösungen werden mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Abgabeschluss für den „Stahl-Innovationspreis 2018“ ist der 26. Januar 2018. www.stahl-innovationspreis.de Denkmalspezialisten gesucht „Architekt in der Denkmalpflege“ darf sich nennen, wer eine entsprechende Weiterbildung der Propstei Johannesberg in Fulda absolviert hat. Die Seminarreihe, die sich auf das praktische Planungs- und Baugeschehen konzentriert, findet in zwölf Wochenblöcken zu je 578 Euro statt. Kooperationspartner sind die Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen und das hessische Landesamt für Denkmalpflege. www.propstei-johannesberg.de Baumeister Natur Von Tieren und Pflanzen lässt sich einiges lernen: Immer wieder nutzen Architekten die Natur als Vorbild, um besonders elegante Formen oder effiziente Konstruktionen zu entwickeln. Die Ausstellung „Baubionik – Biologie beflügelt Architektur“ im Stuttgarter Naturkundemuseum zeigt bis zum 6. Mai 2018 neue Forschungsergebnisse und gebaute Beispiele. www.naturkundemuseum-bw.de Für das Bauen mit Zukunft Das Bundesverdienstkreuz für den Schweriner Architekten Joachim Brenncke ehrt dessen Einsatz für die Baukultur und die ländliche Entwicklung im Nordosten Deutschlands. Der Architekt Joachim Brenncke erhielt am 4. Oktober von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz. Der Präsident der Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern und Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer wurde damit für sein berufspolitisches Engagement, aber auch für seinen persönlichen und meist ehrenamtlichen Einsatz für eine lokale Baukultur und für die Zukunftsfähigkeit ländlicher Räume ausgezeichnet. Als junger Architekt im Schweriner Stadtbaubetrieb bewertete Brenncke in den 1980er-Jahren die Erhaltungsfähigkeit historischer Bausubstanz in der Schweriner Schelfstadt. Obwohl er viele Objekte für sanierbar hielt, wurden sie von der Stadt zum Abriss freigegeben. Als Reaktion schloss sich Brenncke mit anderen Architekten und Künstlern zu einer Initiative zusammen, besserte ein Haus mit eigenen Händen aus: „Das barg natürlich Konfliktpotenzial, im Stadtbaubetrieb zu arbeiten, aber als Privatperson öffentlich die vorgegebene Abrisspolitik anzuzweifeln. Vorladungen vor die Betriebsleitung waren die Folge“, berichtet der Geehrte. Ebenso kritisch beobachtete Brenncke den nach der Wende einsetzenden und bis heute anhaltenden Bauboom an der Ostseeküste: „Statt vereinfachter Schubladen-Schein-Architektur brauchen wir wieder eine ortsbezogene Baukultur.“ Die Bäderarchitektur sei nämlich überall an der Ostseeküste unterschiedlich, zum Beispiel auf dem Darß anders als auf Usedom. Die Landeskammer und ihr Präsident raten daher gerade bei touristischen Bauten zu mehr Wettbewerben. Dass lokale Bauweisen und Bezüge in Vergessenheit geraten, liegt für Brenncke auch daran, dass gerade im ländlichen Raum immer weniger Fachleute in den Bauverwaltungen sitzen. Um diese Lücke zu schließen, bietet seine Kammer für kleine Gemeinden mobile Gestaltungsbeiräte an, die je nach Bedarf eine Bauaufgabe beratend begleiten. Für einen Ort im Landkreis Vorpommern-Rügen sitzt Brenncke selbst im Beirat. Vor dem Bauen muss der ländliche Raum aber fit für die Zukunft gemacht werden. Dabei hilft die „Akademie für Nachhaltige Entwicklung M-V“, in der sich Brenncke seit 2006 engagiert, seit 2016 als Vorstandsvorsitzender. Die Akademie fördert Projekte aus den Bereichen Bildung, Daseinsvorsorge, erneuerbare Energien, regionale Lebensmittel und Ressourcenschutz. Gerade Architekten könnten auch in strukturschwachen Regionen Potenziale erkennen und den Menschen Mut machen, findet der Geehrte. „Wir wollen erreichen, dass man uns als Fachleuten wieder zuhört und unseren Rat annimmt, anstatt dem schnellen Geld hinterherzulaufen.“ Weihnachten mit Gottfried Böhm Während Gottfried Böhms Kirchenbauten äußerlich mal besonders schlicht, mal besonders skulptural erscheinen, überrascht im Inneren ein Spiel aus Licht und Farben. Böhm entwarf die bunten Fenster oftmals selbst. Dabei taucht als Symbol der Erlösung, des Paradieses und des Wesens Marias immer wieder die Rose auf. Die neuen Grußkarten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zeigen vier Motive aus Neviges, Neuss-Gnadental und Troisdorf-Müllekoven. Die acht Karten kosten 9,90 Euro. www.monumente-shop.de  

Zu dicht, zu laut, zu alt

Foto: Fotolia Unsere Übersicht zeigt, welche aktuellen Urteile zum Bauplanungsrecht für Architekten relevant sind. Text: Hubertus Schulte Beerbühl Nach Umbau kein landschaftsprägendes Gebäude mehr Verwaltungsgericht Münster, Urteil vom 5. April 2017, Az.: 2 K 893/15 Im Außenbereich, also außerhalb des Geltungsbereichs eines qualifizierten Bebauungsplans und außerhalb der Zugehörigkeit zu einem im Zusammenhang bebauten Ortsteil, ermöglicht § 35 Abs. 4 Satz 1 Nr. 4 BauGB „die Änderung oder Nutzungsänderung von erhaltenswerten, das Bild der Kulturlandschaft prägenden Gebäuden, auch wenn sie aufgegeben sind, wenn das Vorhaben einer zweckmäßigen Verwendung der Gebäude und der Erhaltung des Gestaltwerts dient“. § 35 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 BauGB erlaubt „die Erweiterung eines Wohngebäudes auf bis zu höchstens zwei Wohnungen“ unter den in der Bestimmung genannten Voraussetzungen. Zum Verhältnis beider Regelungen hat das Verwaltungsgericht (VG) Münster entschieden: Auch wenn beide Vorgänge – Änderung nach Nr. 4 und Erweiterung nach Nr. 5 – in dieser Reihenfolge und zeitlich versetzt vorgenommen werden können, ist die Erweiterung nicht genehmigungsfähig, wenn die laut Nr. 4 BauGB entscheidende Bedingung eines kulturlandschaftsprägenden Gebäudes im Nachhinein entfällt, indem das Gebäude in seinem Erscheinungsbild wesentlich verändert wird. Daher hat das VG eine Klage auf Genehmigung zur Erweiterung eines vor zwölf Jahren in ein Wohnhaus umgebauten, einst als erhaltenswert und landschaftstypisch eingestuften Gebäudes abgewiesen. Eine quantitative Erweiterung nach Nr. 5 müsse gewährleisten, dass das Gebäude auch im erweiterten Zustand weiterhin erhaltenswert ist und das Bild der Kulturlandschaft prägt. Eine andere Auslegung würde letztlich zu einer Umgehung der mit Nr. 4 bezweckten Genehmigung eines Gebäudes führen. Es muss also die äußere Erscheinung, die maßgeblich für die Zulassung des Vorhabens war, auch nach einer Erweiterung erhalten bleiben. Im konkreten Fall würde durch die geplante massive Änderung der Dachkonstruktion im Obergeschoss das äußere Erscheinungsbild wesentlich verändert. Dies käme einer qualitativen Änderung gleich, die nicht mehr mit dem typischen Charakter eines in der Kulturlandschaft des Westmünsterlandes bestehenden Kötterhauses zu vereinbaren sei. Trotz genügend Abstands zu Einsichtnahme Hamburgisches Oberverwaltungsgericht, Beschluss vom 27. März 2017, Az.: 2 Bs 51/17 Oftmals beklagen Nachbarn die Massivität von Neubauten. Oder sie befürchten eine Einsichtnahme oder Verschattung ihres Grundstücks und empfinden das als rücksichtslos (siehe „Wie viel Rücksicht muss sein?“). Allerdings gilt der Grundsatz, dass ein Projekt nicht rücksichtslos ist, wenn die Abstandsflächen eingehalten werden. Eine Ausnahme machte das Oberverwaltungsgericht (OVG) Hamburg. Es führte aus, in dem betreffenden Bebauungsplan habe der Plangeber mit der Festsetzung einer zu begrünenden Freifläche im Blockinneren erkennbar einen großzügigen Abstand der Gebäude zueinander und eine aufgelockerte Bebauung gewollt. Dem widerspreche ein fünfgeschossiges, 15 Meter hohes Gebäude mit einer Tiefe von 45 Metern, das eine abriegelnde Wirkung entfalte. Außerdem ermögliche es unzumutbare Einsichtsmöglichkeiten, die nicht dadurch wirksam gemildert würden, dass die Bauherrin zugesagt hatte, die Balkonbrüstungen und Fenster von außen blickdicht auszuführen; denn die Fenster würden jeweils in der oberen Hälfte nach wie vor zahlreiche größere Einsichtsmöglichkeiten eröffnen. Der Nachbar bekam recht und die Genehmigung wurde trotz Einhaltung der Abstandsflächen aufgehoben. Nicht notwendige Stellplätze wegen Lärmbelästigung abgelehnt Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Beschluss vom 23. Februar 2017, Az.: 3 S 149/17 Einige Landesbauordnungen enthalten die ausdrückliche Bestimmung, dass Garagen und Stellplatze nur so ausgeführt werden dürfen, dass ihre Benutzung die Gesundheit nicht schädigt und Lärm oder Gerüche das Arbeiten und Wohnen, die Ruhe und die Erholung in der Umgebung nicht über das zumutbare Maß hinaus stören (so beispielsweise die Landesbauordnung Nordrhein-Westfalen). Andere Bauordnungen (etwa die Bayerische) kennen eine solche spezielle Regelung nicht; dort ist das allgemeine Rücksichtnahmegebot Maßstab. In allen Fällen ist fraglich, nach welchen Kriterien die Frage der Zumutbarkeit zu entscheiden ist. Während in manchen Bundesländern von den obersten Verwaltungsgerichten die Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm) herangezogen wird, lehnen andere Gerichte deren Anwendung ab und entscheiden von Fall zu Fall nach Kriterien wie der konkreten räumlichen Lage. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof differenziert nun danach, ob es sich um notwendige Stellplätze handelt oder nicht. Für notwendige Stellplätze verweist er darauf, dass nach § 12 Abs. 1 Baunutzungsverordnung Stellplätze und Garagen, von besonders schweren Fahrzeugen abgesehen, in allen Baugebieten zulässig sind. Es sei grundsätzlich davon auszugehen, dass Garagen und Stellplätze, deren Zahl dem Bedarf entspricht, auch in einem von Wohnbebauung geprägten Bereich keine erheblichen, unzumutbaren Störungen hervorrufen. Daher finde die TA Lärm in der Regel keine Anwendung. Umfasse allerdings die Baugenehmigung weitere, nicht notwendige Stellplätze, so sei die Frage nach der Zumutbarkeit auch unter Berücksichtigung der TA Lärm mit ihren Immissionsrichtwerten (Nr. 6.1), dem Spitzenpegelkriterium (Nr. 6.3) und der von ihr definierten Vorbelastung (Nr. 2.4) zu beurteilen. Die für die Bewohner vorgesehenen notwendigen Stellplätze waren nach den genannten Kriterien zumutbar, weil sie abseits der störungsempfindlichen Räume des Nachbargrundstücks angelegt werden sollten. Die weiteren Parkplätze waren es hingegen nicht, da davon ausgegangen werden könne, dass die Nutzung dieser Stellplätze eine Überschreitung des nächtlichen Spitzenpegels von 60 dB(A) am Nachbarhaus zur Folge haben werde. Die Nachbarn hatten mit ihrer Anfechtungsklage gegen die Baugenehmigung Erfolg. Realitätsfern gewordene Bebauungspläne nicht zu beachten Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Beschlüsse vom 15. Februar 2017, Az.: 1 CS 16.2396, und 23. Februar 2017, Az.: 2 ZB 15.2597 Eigentlich sind Bebauungspläne und deren Festsetzungen von jedermann zu beachten. Sie beanspruchen aufgrund ihrer Beschlussfassung in einer Satzung (in manchen Bundesländern in einer Rechtsverordnung) als Rechtsnormen Gültigkeit für jeden, der sie anwenden will oder muss. Ein Bebauungsplan verliert seine Wirksamkeit aber, wenn er funktionslos wird. Das ist laut Rechtsprechung der Fall, wenn eine Verwirklichung des Bebauungsplans auf unabsehbare Zeit ausgeschlossen erscheint und niemand darauf vertrauen kann, dass die Festsetzung noch Gültigkeit hat. Dies ist für jede Festsetzung gesondert zu prüfen. Eine Planungskonzeption, die einer Festsetzung zugrunde liegt, wird allerdings nicht schon dann sinnlos, wenn sie nicht mehr überall im Plangebiet umgesetzt werden kann, sondern erst, wenn die tatsächlichen Verhältnisse vom Planinhalt so massiv und so offenkundig abweichen, dass der Bebauungsplan insoweit seine städtebauliche Gestaltungsfunktion unmöglich zu erfüllen vermag. Solche Ausnahmefälle lagen in zwei Entscheidungen des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes vor. In dem einen Fall wurde aus einem Vergleich zwischen dem Baulinienplan mit der tatsächlichen Situation deutlich, dass sämtliche Gebäude auf den nördlich und nordöstlich von der Straße gelegenen Grundstücken überwiegend massiv die vorgegebenen Baugrenzen überschritten. Ebenso wenig hielten die meisten Baukörper im Bereich nördlich einer anderen Straße die Baugrenzen ein. In Anbetracht der Anzahl und des Umfangs der Abweichungen sei die Verwirklichung der städtebaulichen Gestaltungsfunktion auf unabsehbare Zeit ausgeschlossen. In dem anderen Fall war 1952 eine Baulinie zurückversetzt worden, um für den Neubau eines Bahnhofs eine Straße verbreitern zu können. Der Bahnhof wurde 1960 gebaut, die Straße jedoch bis heute nicht verbreitert. Offensichtlich sei das damalige Ziel auch wegen vorhandener Bestandsgebäude in absehbarer Zeit nicht mehr zu verwirklichen. In beiden Fällen waren die Festsetzungen nicht mehr zu beachten. Befreiung vom Bebauungsplan darf dessen Zielen nicht widersprechen Niedersächsisches Oberverwaltungsgericht, Beschluss vom 2. Dezember 2016, Az.: 1 LA 77/16 Widerspricht ein Bauvorhaben einer Festsetzung in einem Bebauungsplan, wird schnell der Wunsch nach einer Befreiung geäußert. Diese ist jedoch an strenge Voraussetzungen geknüpft – unter anderem darf die Befreiung nicht den Grundzügen der Planung entgegenstehen. Mit einer Befreiung soll nur der planerische Wille ergänzt werden. Hat eine Gemeinde ihren Willen in einer konkreten Weise manifestiert und beispielsweise entschieden, dass ein bestimmtes Grundstück nicht bebaubar sein soll, darf dies nicht durch eine Befreiung konterkariert werden. In dem entschiedenen Fall kam das OVG zu der Überzeugung, dass der Gemeinderat bewusst bestimmten Grundstücken Baulandqualität verschaffen wollte, anderen – unter anderem dem des Klägers – hingegen nicht. Im Bauleitverfahren hatte die Gemeinde eine entsprechende Anregung des Klägers ausdrücklich abgelehnt. Unter Berufung auf eine ältere Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts hat das OVG entschieden, dass, verallgemeinernd ausgedrückt, eine Festsetzung, die „im Angesicht des Falles“ getroffen sei, eine entsprechende Befreiung ausschließe. Dr. Hubertus Schulte Beerbühl ist Richter am Verwaltungsgericht Münster und Autor eines Lehrbuchs zum Öffentlichen Baunachbarrecht und zum Baurecht NRW. NOCH MEHR URTEILE Im zweiten Teil unserer Übersicht finden Sie online weitere aktuelle Urteils besprechungen: • zu Kindergärten in Wohngebieten mit wenigen Kindern • zur Unzulässigkeit einer Dachterrasse auf einem zulässigen Anbau • zum Maß der baulichen Nutzung und zur Ermittlung von Bauhöhen • zur legalen Überschreitung von Geruchs-Richtwerten bei Mastställen • zur Unzulässigkeit einer Wohngruppe in einem Wohngebiet wegen einer 50 Jahre alten Baunutzungsverordnung Die Beiträge finden Sie hier Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier 

„Schönheit durch Alter?“

Idealfall: Die Schönheit der „europäischen Stadt“ (Piazza della Signoria, Florenz) ist für viele der gedankliche Maßstab. Warum sind alte Städte in Europa schöner als alles, was wir Planer und Architekten in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben? Ist das normal? Sind Städte, wie manche überzeugt sind, unplanbar? Oder beruht der desolate Zustand neuer Viertel mit ihren Straßen ohne jede Anmutung und Aufenthaltsqualität auf fatalem Unwissen der Fachleute? Wenn von einer schönen Stadt die Rede ist, sprechen wir ausschließlich vom historischen Zentrum. In den neuen „Europavierteln“ hinter den Bahnhöfen von Stuttgart, Zürich oder Frankfurt fröstelt es uns angesichts der abstoßenden Kälte und Langeweile ihrer ungefassten Stadträume. Es sind Resträume zwischen Häusern, die mit Wegen, Spielgeräten, Bänken und Pflanzen aufgefüllt werden, um sie in ihrer räumlichen Belanglosigkeit zu rechtfertigen. Jede einzelne alte Bebauung – sie muss nur mehr als 100 Jahre alt sein – hat bedeutend mehr Schönheit und Lebensqualität als heutige Quartiere! Schönheit durch Alter also? Oder sind wir Ewiggestrige? Es hat aber sicher nichts mit „ewiggestrig“ zu tun, wenn man versucht, ein lebenswertes, schönes Quartier zu entwerfen! Der überall zu beobachtende Wiederaufbau alter Häuser und Quartiere jedenfalls scheint eigentlich nur der Hilfeschrei einer Gesellschaft zu sein, die von Planern und Architekten andere Qualitäten erwartet, als wir anbieten. Während Nutzungsmischung und Dichte mittlerweile anerkannte Regeln sind, finden Schönheit und Angemessenheit der Straßenfassade, der Entwurf des Straßen- und Platzraums noch immer kaum Anerkennung. Dabei ist der öffentliche Raum der Gemeinschaftsbesitz unserer Gesellschaft. Anders als der private Wohnraum, den wir sorgfältig gestalten, bleibt die Gestalt des Straßen- und Platzraums in unseren Stadtplanungsämtern ungeplant. Sie wird dem Unwissen privatwirtschaftlicher Bauherren überlassen. Eine Befragung durch die Bundesstiftung Baukultur auf der sechsten „Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt“ ergab, dass 55 Prozent der 150 anwesenden Experten in Altbauvierteln wohnen. Wenn wir als Verantwortliche die alten Viertel schöner finden, warum transferieren wir diese Qualitäten nicht in unsere Zeit? Warum lösen wir die Gentrifizierung nicht mit der Errichtung von neuen Quartieren gleicher Qualität? Heute beginnt Quartiersplanung mit Technischem wie Straßenbreite und Dichte statt mit Schönheit und stadträumlichem Charakter der Straße und Entwurf des Stadtraums. Der heutige Bebauungsplan ist kein Instrument zur Planung des öffentlichen Raums. Er hat die Qualität des Rezepts einer köstlichen Speise, in dem zwar alle Zutaten aufgezählt werden, das Kochen aber nicht erklärt wird. Das gilt auch, wenn ein städtebaulicher Wettbewerb vorangegangen ist, weil auch dieser sich nicht mit Straßen- und Platzräumen auseinandersetzt, sondern sich in zweidimensionalen Planungen mit modisch geformten Baukörpern und viel „Grün“ verliert. Die Qualität und Schönheit alter Stadträume ist nicht „irgendwie gewachsen“, sondern dem städtebaulichen Entwurf der damaligen Zeit geschuldet. Um 1900 herum findet man in der Literatur zum europäischen Städtebau praxisnahe Anweisungen, die sich fast ausschließlich mit dem öffentlichen Raum, seiner Proportion und der Anordnung von Häusern beschäftigen. Grundelement des Entwurfs schöner Stadträume ist das städtische Wohn- und Geschäftshaus. Die Form des Hauses muss sich der Form von Straße und Platz unterordnen, die Höhe muss im richtigen Verhältnis zur Straßenbreite stehen. Die Schönheit der Fassade wird zuerst durch die Grundrissorganisation bestimmt. Wenn zur Straße hin ausschließlich Treppen, Bäder und Küchen liegen, weil man glaubt, alle Wohnräume zur Sonne ausrichten zu müssen, verschließt sich das Haus der Straße. Aus Orientierung, Materialität, Farbigkeit und Proportion der Fassaden wird die Schönheit des Straßenraums entwickelt. Architektonisch kam der Straßenfassade zu allen Zeiten eine besondere Bedeutung zu, weil sie das Haus und seinen Besitzer repräsentierte. Dies hat sich erst mit der Moderne und der Idee des Hauses als solitärem Kunstwerk verändert. Architekten müssen Bauwerke für die Stadt statt Kunstwerke für das eigene Portfolio errichten. Richten wir auch ihre Ausbildung wieder darauf aus! Christoph Mäckler, Architekt und Stadtplaner, Frankfurt am Main Schöne alte Zeit? Berliner Stadtschloss „Phasen des Stillstands“ Bei Betrachtung der erheblichen Ressourcen, die Gesellschaften für das Bauen aufbringen, sollte man davon ausgehen können, dass die Produkte dieser Bemühungen auch schön sind, das heißt Wohlgefallen auslösen. Nach Kant bedeutet „Das ist schön!“, dass wir ein ästhetisches Geschmacksurteil fällen, das ein interessenloses Wohlgefallen beschreibt. Damit sind, unter anderem, die gute Nutzbarkeit oder die ökonomische Bauweise für die Schönheit eines Baus unerheblich. Das Wohlgefallen kommt aus der inneren Schönheit des betrachteten Gegenstandes. Wie können Architekten so ein Wohlgefallen auslösen? Grundlage dafür sind die kollektiven Werte, die in der Architektur ihren Ausdruck finden. Zum Beispiel verkörpern absurd schöne gotische Kathedralen die religiösen Werte der Gesellschaften, die diesen Stein gewordenen Himmel auf Erden über Generationen hinweg erstellt haben. Daher werden in Zeiten historischer und kultureller Umbrüche auch die Architekturen, die die überwundenen Werte verkörpern, als nicht mehr schön beurteilt und oft entsorgt. Dem Leser fallen bestimmt genügend Beispiele von gesprengten Stadtschlössern und Autobahnschneisen weichenden Gebäuden ein. Es sei die Vermutung erlaubt, dass die Menschen diese historische Bausubstanz, die ihnen den Weg zur modernen Stadt blockierte, auch wirklich nicht mehr schön fanden. Mit der Entwicklung der Denkmalpflege und den später folgenden zweifelhaften Wiederaufbauforderungen von historischer Bausubstanz stellt sich nun die Frage: Handelt es sich dabei um eine Rückbesinnung auf historische Werte oder sind diese historischen Objekte von zeitloser Schönheit, die über die aktuellen kollektiven Werte hinausgeht? Unzweifelhaft befinden wir uns derzeit in einer Phase der Romantik: Die neuen Werte sind noch nicht etabliert, aber die alten Werte der Moderne gehen verloren. Völlig typisch für solche Phasen des Stillstands, den belles époques, ist die Sehnsucht nach der schönen alten Zeit. Das darf aber nicht verwechselt werden mit der Revitalisierung dieser Werte. Es ist nur eine kollektive Sehnsucht, keine tragfähige Idee für die Zukunft. Damit verfügen wir heute leider über kein einheitliches Wertegefüge, und die Frage nach dem allgemeingültigen Schönheitsideal und damit auch nach einem einheitlichen Stil in der Architektur ist zurzeit unbeantwortet. Es bleibt also nur die reine Schönheit der Architektur, die nicht der Umkehrung der gesellschaftlichen Werte ausgesetzt ist. Diese muss Schönheitskriterien a priori erfüllen: Es ist die Schönheit der Geometrie. Markus Wiegleb, Architekt, Berlin Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

Museen und kein Ende

Auch 20 Jahre nach Bilbao hält der Museums-Boom an – im Großen wie im Kleinen. Kunstkritik: Heiko Haberle 1997 hat Frank Gehry mit seinem Guggenheim-Museum die dahindarbende Industriestadt Bilbao reanimiert. Den Kunst- und Architekturtouristen folgten dank Easyjet auch fachfremde Städtereisende und Liebhaber der plötzlich angesagten baskischen Küche. Diesen Bilbao-Effekt wollten andere spanische Städte auch erleben und machten sich mit überdimensionierten, aber untergenutzten Kulturbauten arm. Auf der Iberischen Halbinsel ist der Museumsbauboom inzwischen abgeebbt, nicht jedoch auf der arabischen. In Abu Dhabi eröffnete im November der„Louvre“. Der Bau von Jean Nouvel hat zehn Jahre gebraucht und angeblich eine Milliarde Euro gekostet. Dazu kommen geschätzte 500 Millionen für die Namensrechte. Unter der flachen Kuppel aus Stahlgeflecht, die fast so schwer wie der Eiffelturm ist und einen Durchmesser von 180 Metern hat, wird auf bescheidenen 6.400 Quadratmetern – also etwa sieben Supermärkte groß – die „Geschichte der Menschheit“  ausgestellt. Stolz betont man, dass die eigene Sammlung schon 600 Objekte umfasst. Das sind immerhin 600 mehr als in Katar, wo man das größte Museum der Welt in ein Vakuum hinein plant. In Deutschland setzt man auf den Bilbao-Effekt in Klein. Wird auf dem Gemeindegebiet eine alte Scherbe ausgegraben, ist ein Museum angebracht. Hat man dieses Glück nicht, sucht man nach einem verstorbenen oder noch lebenden Künstler, um ihn mit einem monografischen Museum zu würdigen. Umgekehrt wollen private Kunstsammler endlich mal ihre Exponate zeigen und beglücken ihre Heimatstadt mit einem Museum. Dagegen wehren will man sich auch dann nicht, wenn man das Haus selbst bezahlen muss. Mit eigenen Marken-Museen festigen Porsche, Mercedes und BMW die Kundenbindung. Unlängst hat Lego in Dänemark mit einem großen Legohaus von Bjarke Ingels nachgezogen, und im österreichischen Asten hat eine Großbäckerei das „Paneum“ eröffnet. Das erinnert sogar ein wenig an Bilbao, denn das Kundenzentrum von Coop Himmelb(l)au tarnt sich geschickt als Brotmuseum – in Gestalt eines silbernen Teigklumpens.

Das gute Recht des Architekten

Foto: Fotolia Was ein Architekt leisten muss, regelt der Architektenvertrag. Dafür gilt ab 2018 das BGB in neuer Fassung. Text: Volker Schnepel Der Architektenvertrag ist einer der schwierigsten aller Verträge“, stellt Mathias Schmid in seinem Werk „Das neue gesetzliche Bauvertragsrecht“ fest, in dem er sich auch mit dem neuen Architekten- und Ingenieurvertragsrecht befasst. Aber was bedeutet das eigentlich, „neues Architektenrecht“? Arndt Kresin hat die wesentlichen Kernpunkte in den Ausgaben 06 bis 08.2017 des DAB bereits vorgestellt, darunter die im neuen § 650p Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) jetzt ausdrücklich geregelten vertragstypischen Pflichten. Aber die Einordnung in das Gesamtsystem rechtlicher Vorgaben fällt nach wie vor schwer. Doch halten wir zunächst noch einmal fest: Das neue Recht, das mit dem Jahreswechsel in Kraft treten wird, ist eine Jahrhundertreform. In das altehrwürdige BGB aus dem Jahr 1900 wurde ein eigener Untertitel für das Recht der Architekten- und Ingenieurverträge aufgenommen. Vergleichbares ist nicht einmal den Anwälten gelungen. Trotz dieser Neuerung bleibt das Grundgerüst der vertraglichen Beziehungen zwischen Architekt und Auftraggeber unverändert. Die rechtliche Grundlage des Architektenvertrags ist das BGB und nicht die HOAI. Die HOAI ist reines Preisrecht und definiert nicht die Leistungspflichten des Architekten. Diese definieren die Parteien selbst im Vertrag. BGB-Vertrag, HOAI-Vertrag oder was? Allerdings hat sich bei vielen Architekten die Sichtweise herausgebildet, die HOAI sage ihnen, was zu tun ist. Ein wesentlicher Grund dafür dürfte darin liegen, dass die HOAI nicht nur Honorare beziffert, sondern in ihren sehr ausdifferenzierten Leistungsphasen und -bildern mit Grundleistungen und Besonderen Leistungen sehr vieles von dem abbildet, was gemeinhin von einem Architekten erwartet wird. Was liegt da näher, als diese Leistungen gleichsam als Inbegriff des Architektenvertrages selbst zu verstehen und mehr und mehr mit diesem gleichzusetzen? Nicht von ungefähr wird in vielen Architektenverträgen schlicht auf den Inhalt der HOAI verwiesen. Und selbst bei Leistungen, die von der HOAI gar nicht erfasst werden, wird begrifflich auf diese Bezug genommen. Jüngstes Beispiel ist die viel zitierte „Leistungsphase 0“ im Zusammenhang mit projektvorbereitenden Maßnahmen. Gibt es also neben dem BGB-Vertrag auch noch den HOAI-Vertrag? Bei aller Wertschätzung für die HOAI und ihrer Bedeutung in der täglichen Praxis: Dies wäre zu viel der Ehre! Ebenso wie für alle sonstigen Bereiche des sogenannten Bürgerlichen Rechts, also der Beziehung zwischen Privaten, gilt auch für das Verhältnis zwischen dem Architekten und seinem Bauherrn der Grundsatz der Vertragsfreiheit. Im Prinzip können beide Seiten also untereinander regeln, was sie wollen. Das gilt sowohl für die zu erbringende Leistung als auch für die erwartete Gegenleistung, das Honorar. Mit dem BGB hat der Gesetzgeber allerdings versucht, bestimmte typische Rechtsverhältnisse zu erfassen, zu definieren und diverse Rechtsfolgen festzulegen, die von den Parteien andernfalls nicht oder womöglich zum Nachteil der schwächeren Partei geregelt würden. Beispielhaft genannt seien die Fälle, in denen die Leistung gar nicht oder schlecht erbracht wurde. Was kann die andere Seite dann verlangen und bis wann? Diese Fragen regeln zum Beispiel das sogenannte Mängelgewährleistungsrecht und das Recht der Verjährung. So gesehen ist das BGB nichts anderes als ein Buch gewordener Interessenausgleich, eine Art kodifizierte Mediation. Vertragliche Vereinbarung als Grundlage Dies ändert allerdings nichts daran, dass die Beziehungen zwischen Architekt und Bauherr zunächst ausschließlich durch vertragliche Vereinbarung begründet und ausgestaltet werden. Hierzu bedarf es auch keiner besonderen Formalitäten, nicht mal der Schriftform. Insofern gilt nichts anderes als beim Einkauf im Supermarkt. Eine mündliche Absprache, gegebenenfalls sogar ein bestimmtes nonverbales Verhalten, kann dazu führen, dass ein sogenannter objektiver Dritter von einem Vertragsschluss oder bestimmten Vertragsinhalten ausgehen würde und ein Vertrag geschlossen wurde. Dass dies immer dann nachteilhaft sein kann, wenn es zu Auseinandersetzungen kommt, liegt auf der Hand. Nicht ohne Grund empfehlen die Architektenkammern daher den Abschluss von schriftlichen Verträgen mit möglichst genau definierten Inhalten und bieten hierfür sogenannte Orientierungshilfen an. Das BGB fungiert in diesem Rahmen in erster Linie als „Ausfüllhilfe“ beziehungsweise Auffangbecken für wesentliche Kernpunkte, die nicht vertraglich geregelt wurden. Allerdings geht es in Teilen darüber hinaus, indem es Bereiche festschreibt, von denen auch vertraglich nicht abgewichen werden darf. Hinzu kommt, dass ein Gesetzgeber unmöglich alle „Lebenssachverhalte“ vorhersehen und bis ins letzte Detail regeln kann, sodass auftretende Zweifel durch die Rechtsprechung geklärt werden müssen. Auch dies erfolgt im Idealfall unter dem Blickwinkel des Interessenausgleichs zwischen den Beteiligten und kann wechselnden Auffassungen unterliegen. Bestes Beispiel hierfür ist der Architektenvertrag, den die Rechtsprechung ursprünglich als sogenannten Dienstvertrag eingeordnet hatte. Erst Ende der 1950er-Jahre wurde er als Werkvertrag qualifiziert. Warum? Um es dem Bauherrn zu erleichtern, bei Mängeln des Bauwerks „zu seinem Recht“ zu kommen. Erst die Einordnung des Architektenvertrags als Werkvertrag ermöglicht es dem Bauherrn, in gleicher Weise sowohl das Bauunternehmen als auch den Architekten in Anspruch zu nehmen und nicht erst klären lassen zu müssen, wem der Mangel eigentlich zuzurechnen ist. Um dieses Ziel zu erreichen, mussten die Gerichte allerdings auch einen wesentlichen Vertragsinhalt des Architektenvertrages „verordnen“: Der Architekt schuldet nicht nur die ordnungsgemäße Planung oder Überwachung als solche, also kein schlichtes Tätigwerden, wie es beim Dienstvertrag der Fall wäre, sondern im Endeffekt als „Werkerfolg“ das „Entstehenlassen eines mangelfreien Bauwerks“. Immerhin soll den dadurch ausgelösten Fehlentwicklungen zulasten des Architekten durch das neue Recht jetzt zumindest ansatzweise entgegengewirkt werden (dazu mehr in Kürze). In welchem Ausmaß dies gelingen wird, hängt allerdings zu einem großen Teil wiederum von der Rechtsprechung ab, die die in manchen Bereichen nicht eindeutigen Vorschriften anhand konkreter Einzelfälle auslegen muss. Die Architektenkammern und die BAK werden hierbei ihren Anteil leisten, um die Diskussion im Sinne des Berufsstands zu begleiten. Einschränkung der Vertragsfreiheit durch die HOAI Das vorgenannte Beispiel zeigt, dass die erwähnte grundsätzliche Vertragsfreiheit zwischen Architekt und Auftraggeber durch das BGB und die Rechtsprechung in Teilen überlagert wird. Wie passt nun die HOAI in dieses System? Im Prinzip nicht anders als zum Beispiel bei den Rechtsanwälten oder Steuerberatern deren Vergütungsregelungen. Das Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG) und die Steuerberatervergütungsverordnung (StBVV) haben nicht zur Folge, dass mit dem Rechtsanwalt ein RVG-Vertrag oder mit dem Steuerberater ein StBVV-Vertrag geschlossen wird. Ebenso wenig ändert zum Beispiel auch die Preisbindung im Buchhandel etwas daran, dass das Buch „gekauft“, also ein Kaufvertrag abgeschlossen wird. Bei allen diesen Regelungen geht es nur darum, dass aus übergeordneten Gründen die Vertragsfreiheit in einem Teilbereich, nämlich dem der Vergütung, eingeschränkt wird. Nicht anders verhält es sich mit der HOAI. Um die Qualität der Planungsleistungen zu gewährleisten, hat sich der Gesetzgeber dafür entschieden, einen Gebührenrahmen festzulegen; dies aber auch nur dann, soweit bestimmte Leistungen Gegenstand eines Architektenvertrages werden. Der Wettbewerb soll nicht über den Preis, sondern über die Qualität geregelt werden; nicht der Günstigste, sondern der Beste soll sich durchsetzen. Festzulegen, welche Leistungen zu erbringen sind, obliegt in erster Linie weiterhin den Vertragsparteien, was durch das neue Unterkapitel zum Architekten- und Ingenieurvertragsrecht im BGB stärker als bislang verdeutlicht wird. Die HOAI stellt somit nichts anderes dar als „Preisrecht“ oder „Preiskontrollrecht“ und macht daher einen Architektenvertrag niemals zu einem „HOAI-Vertrag“. Einen HOAI-Vertrag gibt es per se nicht. Allerdings unterliegt jeder Architektenvertrag im Rahmen ihres Anwendungsbereichs den Vergütungsregelungen der HOAI. Die Leistungsphasen der HOAI werden nur dann zu Leistungspflichten des Architekten, wenn die Vertragsparteien dies im Rahmen ihrer Vertragsfreiheit vereinbaren. Einen Formulierungsvorschlag für einen Vertrag ohne ein „unbesehenes“ Übernehmen des HOAI-Leistungsbildes bieten die von den Architektenkammern herausgegebenen Orientierungshilfen zur Erstellung von Architektenverträgen. Dort werden schlicht Architektenleistungen beziehungsweise Leistungserfolge vereinbart. Rechtlicher Vorteil dieses Vorgehens ist, dass die einzelnen HOAI-Teilleistungen nicht als Teilerfolge unabhängig von ihrer Notwendigkeit erbracht werden müssen. Die Parteien bestimmen also durch Vertrag, was der Architekt zu tun hat. Und auf diesen Vertrag finden die jeweils geltenden Regelungen des BGB und für den Teil der Vergütung die HOAI-Regelungen Anwendung. Hieran wird sich auch durch das neue Architektenvertragsrecht nichts ändern. Wenn Sie Ihr nächstes Buch kaufen, denken Sie also daran: Der Preis ist zwar nicht verhandelbar. Ob Sie einen Liebesroman, ein Sachbuch oder einen Krimi bevorzugen, bleibt aber allein Ihnen überlassen! Dr. Volker Schnepel ist Leiter der Rechtsabteilung der Bundesarchitektenkammer. Achtung, Verjährung droht! Haben Sie noch ausstehende Forderungen, die mit dem Jahreswechsel zu verjähren drohen? Dann sollten Sie Ihre Ansprüche sichern. Wenn zum Beispiel eine Schlussrechnung aus dem Jahr 2014 bis heute nicht beglichen wurde, kann es sein, dass sich der Bauherr mit Ablauf des Jahres 2017 erfolgreich auf Verjährung beruft. Sie gehen dann leer aus. Weitere Informationen dazu finden Sie hier KOMMENTAR ZUM NEUEN ARCHITEKTENVERTRAGSRECHT Am 1. Januar 2018 treten die neuen Regelungen im BGB zum Bauvertragsrecht und zum Architektenvertrag in Kraft. Ab dann müssen die neu eingeführten Begrifflichkeiten wie „Planungsgrundlage“ und „Kosteneinschätzung“ angewendet und in den Planungsalltag integriert werden. Wie das am besten gelingt, haben Juristen der Architektenkammern anschaulich und praxisorientiert aufbereitet. Dr. Martin Kraushaar, Eric Zimmermann (Hg.) Mit Texten von: Fabian Blomeyer, Thomas Harion, Dr. Sven Kerkhoff, Markus Prause, Dr. Volker Schnepel, Eric Zimmermann BKI, Stuttgart, 2018 ca. 150 Seiten, 49 Euro MEHR INFORMATIONEN Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Für eine neue Freiheit

„Es braucht eine neue Bereitschaft zum ästhetischen Streit.“ Erst die Schönheit unterscheidet für mich Architektur von Gebäuden, die eben nur Gebäude sind, belang- und gestaltlos und in der Regel ungeliebt. Architektur beschwingt, erheitert, erfreut die Gemüter – und das nicht zufällig, sondern weil hier etwas gelungen ist: Architekt und Bauherr haben gemeinsam eine stimmige Form gefunden, in der Gestalt und Raum, Bauwerk und Stadt, Mensch und Haus glücklich zueinanderfinden. Man will nicht nur in solchen Bauten, man will mit ihnen leben. Und nennt das Schönheit. Ich gebe zu, das hört sich sehr schwärmerisch und idealistisch an. Das liegt vor allem daran, dass es sich bei gebauter Schönheit um ein rares Gut handelt. So rar, dass die meisten Laien unter dem Begriff Architektur weniger eine Verheißung als vielmehr eine Drohung verstehen. Die moderne Architektur hat nicht nur keinen guten Ruf. Sie hat in weiten Teilen der Bevölkerung einen schlechten Ruf. Und ich spreche nicht nur von Otto Normalverbraucher, sondern auch von der gebildeten Mittelschicht, die sich sehr wohl für ästhetische Gestaltung interessiert, oft ins Museum geht, selbst kreativ ist und sich in fremden Städten mit der gebauten Kultur befasst. Gerade sie schmerzt die Lieblosigkeit, die Unachtsamkeit, die Grobschlächtigkeit, die Banalität, mit anderen Worten: das Unschöne, das einem vielerorts ins Auge springt. Was also tun? Immer noch gilt unter Architekten, dass Innovation besser sei als Tradition, Glas irgendwie zeitgemäßer als Stein, ein Flachdach progressiver als ein Satteldach, eine Panoramascheibe zukunftsweisender als ein Sprossenfenster. Und wenn das Laien anders sehen und empfinden, gelten sie als Spießer. Natürlich kann die Architektenschaft weitermachen wie bisher. Sie kann sich damit begnügen, als bauende Elite den eigenen Regeln treu zu bleiben und auf kunstsinnige Bauherren zu hoffen. Doch erst in der Auseinandersetzung mit den Erwartungen eines großen Publikums erweist sich, ob die eigenen Vorstellungen noch tauglich sind. Das aber bedeutet: Es braucht eine neue Bereitschaft zum ästhetischen Streit. Allerdings wird ein solcher Streit nur produktiv, wenn man ihn als offene Auseinandersetzung führt. Und an dieser Offenheit müssen viele Architekten noch arbeiten. Die meisten verbitten sich jede Art von Dreinrede oder gar Mitsprache. Sie hören lieber auf Experten. Doch hat Architektur immer zwei Körper: den rationalen, bautechnischen und den emotionalen, der viel schwerer zu bestimmen ist, weil sich Empfindungen nicht beziffern lassen. Doch ausgerechnet für diesen emotionalen Teil sind die verpönten Laien die eigentlichen Experten. Schließlich müssen sie in der Architektur leben. Eigentlich müsste Architektur zumindest zum Teil eine Empfindungswissenschaft sein. Sie müsste erforschen, wie wir reagieren: auf Holz und Metall, auf niedrige und hohe Räume, auf Gerüche, auf Hall, auf alle Dinge, die ein schönes Gebäude ausmachen und die sich keineswegs alle planen lassen. Doch werden Architekten nicht dafür bezahlt, sich nach zehn Jahren ein Haus noch einmal vorzunehmen, um zu studieren, wie wohl sich die Menschen darin fühlen. Auch baupsychologische Erkenntnisse sind rar. Und so halten sich die meisten an den rationalen Aspekten des Bauens fest. Den irrationalen Rest – die Frage nach beglückender Schönheit – überlassen sie ihrem Architektengeschmack. Zu einer gebauten Sehnsucht kann die Architektur nur werden, wenn sie für sich eine neue Freiheit gewinnt. Bislang beraubt sie sich dieser Freiheit, weil sie sich zu oft auf das Messbare, das Einplanbare beschränkt. Dafür gibt es Gründe, das ist mir bewusst. Das Bauen ist immer komplizierter geworden. Viele Häuser sind hochkomplexe Maschinen, ja eigentlich Computer mit angeschlossener Büro- oder Wohnfunktion. Und so sind zentrale Begriffe der Baukunst verloren gegangen, allen voran die Schönheit. Gut ist Architektur aber nicht, weil sie die Vorschriften erfüllt. Gut ist sie erst, wenn sie sich einlässt auf die heikle Kunst der Balance aus Konvention und Eigensinn. Sie muss sich anlehnen: an das, was war, und an den Geschmack der Allgemeinheit. Und muss doch, um nicht epigonal und steril zu sein, einen eigenen Ausdruck finden, sich anpassen, ohne sich unterzuordnen. Hier ist Architektur kein Selbstzweck, kein selbstverliebtes Formengeplänkel. Sie dient, doch sie verrät nicht ihren Stolz. Stattdessen verharren viele Architekten und Planer im angestammten Streit der Stile und versuchen, ihre erodierende Macht zu sichern. Fast so, als hielten sie die Architektur in einer immer digitaleren Welt für eine ohnehin vergebliche Anstrengung. Doch das ist falsch. Wenn wir in der Architektur mehr sehen als nur einen technisch-rationalen Vorgang, gibt es für sie einen Bedarf, den man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Gerade die Virtualisierung weckt das Bedürfnis nach realen Raum- und Materialerfahrungen, und die Architektur gewinnt an Bedeutung. Die Sehnsucht nach dem Schönen ist allgegenwärtig. Nur bauen muss man sie noch. Hanno Rauterberg, Architekturkritiker der Wochenzeitung DIE ZEIT, Hamburg Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

„Eine Frage des Willens“

Berührend: Sind die „Voids“ im Berliner Jüdischen Museum schöne Räume? Die Ansicht, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegen soll, ist jenseits der Experten fast allgemein anerkannt. Dies führt jedoch dazu, dass der Begriff des Schönen kaum noch tauglich für einen sachlichen Diskurs ist. Die Beurteilung von Schönheit ist jedoch keine Geschmacks-, sondern eine Bildungsfrage. Darüber hinaus beschreibt Schönheit nur einen kleinen Teil der möglichen Erscheinungsbilder von Architektur. Sind die Voids in Libeskinds Jüdischem Museum „schöne“ Räume, sind die Bruder-Klaus-Kapelle von Zumthor oder Brandlhubers Antivilla schön? Gleichzeitig sind sie auch nicht hässlich, denn sie verfügen über einen hohen ästhetischen Wert. Es bedarf daher einer Professionalisierung innerhalb der Debatte: weg von nebulöser „Schönheit“, hin zu ästhetischen Qualitäten. In der Philosophie spricht man seit gut 250 Jahren kaum mehr von Schönheit, sondern von Ästhetik. Polemisch könnte man verlangen, die Architekturdebatte möge begrifflich endlich im 18. Jahrhundert ankommen. Objektive Schönheit – oder Ästhetik – ist der Ausdruck allgemeiner Wahrheiten; so sprechen Mathematiker von der Schönheit einer Gleichung, wenn in dieser komplizierte Zusammenhänge abschließend dargestellt werden. Das „schöne“ Gebäude ist der materielle Ausdruck von intellektuellen Prozessen im Bezug auf den natürlichen, gebauten, historischen und gesellschaftlichen Kontext – oder auch, so nötig, seiner Negation. Dieser materielle Ausdruck darf sich aber nicht in einem Stilkanon verlaufen. Es bedarf eines ehrlichen materialgerechten Umgangs mit den Baustoffen und deren Detaillierung sowie einer tief gehenden Planung. Dienst nach Vorschrift reicht nicht aus. Allgemeinheiten? Vielleicht. Jedoch drängt sich einem beim Blick darauf, was heute so alles gebaut wird, ein anderes Bild auf: Billige Riemchenflächen auf WDVS-Fassaden, beliebig platzierte Fallrohre, albern banale Grundrisse; einfallslose, triste Häuser von der Stange. Gebauter Minimalkonsens, gerade noch vermarktbar. Architektur? Kaum noch. Bessere Architektur könnte teurer sein, jedoch nur, wenn man von einer Standzeit von 20 Jahren bis zur Abschreibung und zum Weiterverkauf ausgeht. Dieser erste Pflock der Nachhaltigkeit wird gern vergessen, zuweilen auch von Architekten. Gleichsam braucht es Bauherren, die um ihre Verantwortung für die gebaute Umwelt wissen, und eine interessierte und informierte Öffentlichkeit. Solche Bauherren fallen aber nicht vom Himmel, sie entstehen durch professionelle Lobbyarbeit außerhalb der eigenen Käseglocke. Vorarlberg und die Schweiz sind hierfür gute Beispiele. Es ist eine Frage des Willens zur (ästhetischen) Architektur. Levin Koch, Architekt im Praktikum, Stuttgart „So subjektiv das Sehen von Proportionen, Materialien und Farben ist, so subjektiv ist auch die Beurteilung von ‚Schönheit‘. Trotzdem einigen sich Menschen interkulturell bei manchem darauf, dass etwas ‚schön‘ sei. Ich denke, hier spielt Wissen, auch unbewusstes, um historische, sozioökonomische und soziokulturelle Zusammenhänge eine Rolle. ‚Man sieht nur, was man weiß. Eigentlich: Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht‘, sagte Goethe. Deswegen denke ich schon, dass Schönheit objektivierbar ist. Übrigens habe ich den Begriff der Schönheit in der Architektur bisher nicht als Tabu empfunden.“ Margit Tappeiner, Architektin, Bad Homburg Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

„Eleganz für alles!“

Perfekte Symmetrie: Das Seildach über dem Warschauer Nationalstadion wirkt wie eine filigrane Linienzeichnung. Schönheit als Wert, als die einer Sache innewohnende Qualität, gehört natürlich zum guten Bauwerk. Als Venustas ist sie ein Teil der Trias, die nach Vitruv gutes Bauen beschreibt. Aber man tut sich schwer mit ihr, wohl weil es so viele Definitionen gibt und sie dem Zeitgeist unterworfen ist. Eleganz ist davon befreit. Der gute Entwurf, das elegante Tragwerk, entsteht meist aus der intensiven Auseinandersetzung mit dem Ort und den vielfältigen Randbedingungen. Das Wort Eleganz stammt vom lateinischen Verb eligere = „auswählen“ ab. Eleganz wird manchmal als oberflächlicher, modischer Luxus missverstanden, und dann verliert der Begriff seinen Charme. Ich bringe Eleganz eher mit ausgewählter Schönheit in Verbindung. Dabei ist sie im Bauwesen viel mehr als die elegante äußere Erscheinung des „Endproduktes“: Auch Berechnungsansätze, Konstruktionen und Baumethoden können elegant sein. Eleganz erreichen wir, wenn die Lösung der anspruchsvollen Aufgabe des guten Bauens unangestrengt erscheint – wenn wir zwar spüren, dass etwas mit großem Aufwand und Mühen erbaut wurde, wir diese aber nicht (mehr) sehen. Das Ergebnis scheint ganz natürlich, kann fast nicht anders sein. Sieht man einem Tragwerk an, dass die Kräfte „spazieren geführt werden“ – wenn eine schwere, biegebeanspruchte Struktur verbaut wird, nur um ein paar Quadratmeter leichte Membran zu tragen –, ist es mit der Eleganz nicht weit her. Erfolgreich entworfene Tragwerke zeichnen sich oft durch einen ablesbaren Kraftfluss aus, vielleicht auch, weil wir das, was wir verstehen, gerne haben. Eleganz für alles! Bauingenieure tun sich oft schwer mit der Gestaltung ihrer Tragwerke. Aber auch Brücken, Türme, Tunnel und Kanäle – die gesamte gebaute technische Infrastruktur – müssen als funktionale, ökologische und ästhetische Gesamtkunstwerke mit wirtschaftlichem und kulturellem Wert angegangen werden. Alle Bauwerke verdienen aufmerksame Gestaltung – nicht nur Repräsentationsbauten. Durchdachte und ansprechende Tragwerke sind ein wichtiger Bestandteil des guten Bauens, das wiederum einen wichtigen Beitrag zu besserer Lebensqualität und zur Baukultur leistet. Mike Schlaich, Ingenieur und Professor, Berlin „ Harmonie gehorcht festen Gesetzen“ Schön ist, was uns Freude bereitet und was uns gefällt! Dabei ist die Harmonie ein wichtiger Bestandteil des Schönen. Der Begriff Harmonie (von griechisch harmos = verbinden) geht auf Pythagoras zurück. Der Legende nach bemerkte er in einer Schmiede, dass sich bestimmte Töne, hervorgerufen durch das Hämmern des Schmieds, „harmonisch“ zu anderen Tönen verhalten. Er probierte seine Entdeckung an einer Lyra aus und fand heraus, dass zwei Saiten besonders angenehm zusammenklingen, wenn sie gleich lang sind oder die eine halb, zwei Drittel oder drei Viertel so lang wie die andere ist. Das bedeutet, dass Harmonie nicht der Willkür unterliegt, sondern festen Gesetzen gehorcht. Für Heraklit ist das Schöne, als Teil der sichtbaren Harmonie, eine Offenbarung einer höheren unsichtbaren Gesetzmäßigkeit, einer Weltvernunft, die alles Sein als geistige Kraft durchdringt. Harmonie wird so zum symbolischen Ausdruck des ordnenden Geistes. Sokrates sieht allerdings in der Zweckmäßigkeit die Schönheit der Dinge. Er meint, gut sei, was brauchbar sei, also sei es auch schön. Aristoteles unterscheidet das Schöne vom Guten. Das Schöpfertum des Künstlers wird von ihm erstmals erkannt und gewürdigt. Er stellt dem Entwickeln von innen heraus (Funktion) das künstliche Bilden von außen gegenüber (Kunst). Übrigens argumentiert Le Corbusier ähnlich, wenn er davon spricht, dass ein Gebäude innen eine funktionale Wohnmaschine sei und außen ein reiner Körper unter der Sonne. In Malerei, Plastik und Architektur finden wir harmonische Proportionen, wie den Goldenen Schnitt, über alle Kulturen und alle Zeiten hinweg angewandt. Es scheint so, dass die Geometrie die Sprache der Menschwerdung war und immer noch ist. Sie ist eine Struktur, ein geistiges Netz, das uns auffängt in Zeit und Raum. Sie schafft Brücken zu anderen Lebensbereichen wie Mathematik, Biologie, Musik, Poesie, Religion und Astronomie. Erich Esch, Architekt und Stadtplaner, Singen am Hohentwiel Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön  

Abdichtung von Innenräumen

Erfrischend: Das „Kaltbecken“ in der großen Badehalle in der von 4a Architekten aus Stuttgart geplanten Emser Therme in Bad Ems. Die wichtigsten Neuerungen für die Planung und Ausführung der seit Juli dieses Jahres geltenden DIN 18534. Text: Uwe Wild Die neue DIN 18534 „Abdichtungen für Innenräume“ führt bewährte Regelungen der früheren DIN 18195 „Bauwerksabdichtungen“, des aktuellen ZDB-Merkblatt „Verbundabdichtungen – Hinweise für die Ausführung von flüssig zu verarbeitenden Verbundabdichtungen mit Bekleidungen und Belägen aus Fliesen und Platten für den Innen- und Außenbereich“, herausgegeben vom Fachverband Fliesen und Naturstein, Stand 2012-08, des ZDB-Leitfadens „Hinweise für die Planung und Ausführung von Abläufen und Rinnen in Verbindung mit Abdichtungen im Verbund (AIV)“, herausgegeben vom Fachverband Fliesen und Naturstein, Stand 2012-08, sowie neue Technologien und Stoffe zur Abdichtung von Innenräumen in einer klar strukturierten Abdichtungsnorm zusammen. Die DIN 18534 gilt für die Abdichtung von Boden- und Wandflächen in Innenräumen mit einer planmäßigen Anstauhöhe bis zehn Zentimeter und ist somit für die Planung von Badezimmern, gewerblich genutzten Küchen, Schwimmbeckenumgängen, Duschanlagen, Produktions- und Gewerbeflächen sowie Bodenflächen mit Ablauf zwingend zu beachten. In der Altbausanierung ist die Norm nur dann anzuwenden, wenn Techniken und Verfahren eingesetzt werden können, die in der Norm beschrieben sind. Die DIN 18534 „Abdichtung von Innenräumen“ umfasst sechs Teile: Teil 1: Anforderungen, Planungs- und Ausführungsgrundsätze, Stand 2017-07 Teil 2: Abdichtung mit bahnenförmigen Abdichtungsstoffen, Stand 2017-07 Teil 3: Abdichtung mit flüssig zu verarbeitenden Abdichtungsstoffen im Verbund mit Fliesen und Platten (AIV-F), Stand 2017-07 Teil 4: Abdichtung mit Gussasphalt oder Asphaltmastix, Stand 2017-07 Teil 5: Abdichtung mit bahnenförmigen Abdichtungsstoffen im Verbund mit Fliesen und Platten (AIV-B), Stand 2017-08 Teil 6: Abdichtung mit plattenförmigen Abdichtungsstoffen im Verbund mit Fliesen und Platten (AIV-P), Stand 2017-08 Teil 1 regelt allgemeine beziehungsweise stoffunabhängige Einwirkungen auf die Abdichtung und die baulichen Erfordernisse. Im Anhang A sind Prinzipskizzen über die Zuordnung von Flächen zu den Wassereinwirkungsklassen und über die abzudichtenden Bereiche enthalten. In den stoffspezifischen Teilen 2 bis 6 sind auch Vorgaben für die Planung und Ausführung von baulichen Details enthalten, wie Anschlüsse an Bodeneinläufe, Rohrdurchführungen, Ausführung der Übergänge zwischen Boden und Wand sowie in Wandecken. Kriterien für die Bemessung Der Abdichtungsstoff und die Abdichtungsbauart werden unter anderem nach den auftretenden Beanspruchungen durch Wasser, mechanische Einwirkungen aus dem Untergrund (Fugen- und Rissbewegungen) und gegebenenfalls zusätzlichen Einwirkungen, wie chemische Belastungen in Großküchen und an den Umgängen von Schwimmbecken, ausgewählt beziehungsweise festgelegt. Die je nach zu erwartender Wasserbeaufschlagung entstehenden Einwirkungen werden in vier verschiedene Wassereinwirkungsklassen W0-I bis W3-I unterteilt (siehe Tabelle Wassereinwirkungsklassen). An feuchteunempfindlichen Wandflächen mit der Wassereinwirkungsklasse W1-I, deren dahinterliegende Bauteilschichten (zum Beispiel Dämmungen) selbst einen ausreichenden Feuchteschutz bieten, kann nach DIN 18534-1, Punkt 5.2.1 auf eine Abdichtung verzichtet werden. Zu beachten ist dabei, dass im Bereich von Durchdringungen und Anschlussfugen kein Wasser eindringen und die dahinterliegenden Bauteilschichten durchfeuchten darf. Bei Flächen der Wassereinwirkungsklasse W0-I, deren Oberfläche gleichzeitig Wasser abweisend ist, sowie Bereichen, wo kein Spritzwasser zu erwarten ist, darf ebenfalls auf eine Abdichtung verzichtet werden. Bei der Auswahl der Abdichtungsart müssen zudem mechanische Einwirkungen aus dem Untergrund beachtet werden. Dazu gehören mögliche Fugenbewegungen, die entsprechend Teil 1, Punkt 5.3.1 in drei Fugenarten (F1-I bis F3-I) unterteilt werden: F1-I sind Fugen im Abdichtungsuntergrund, F2-I sind Fugen an Einbauteilen und Durchdringungen und F3-I sind Fugen im Tragwerk (Bewegungsfugen). Außerdem müssen eventuell vorhandene Risse, deren Breite sich nach dem Aufbringen der Abdichtung ändern kann, oder Risse, die neu entstehen können, berücksichtigt werden. Daher werden im Teil 1 drei verschiedene Rissklassen R1-I bis R3-I definiert (siehe Tabelle Rissklassen). Planung und Ausführungsgrundsätze Die Wassereinwirkungsklasse, die Fugenart und die Rissklasse muss der Planer festlegen. Aus der Wassereinwirkungsklasse ergeben sich im Teil 1, Punkt 6.2, die zulässigen Untergründe. Anschließend können in den stoffspezifischen Teilen 2 bis 6 die möglichen Abdichtungsbauarten ausgewählt und die Detailausbildungen festgelegt werden. Während in den Wassereinwirkungsklassen W0-I und W1-I feuchteempfindliche Abdichtungsuntergründe zulässig sind, dürfen in den Wassereinwirkungsklassen W2-I und W3-I nur feuchteunempfindliche Untergründe eingesetzt werden. Wenn Bodenflächen und nicht abzudichtende Wandflächen aufeinandertreffen, ist entsprechend Teil 1, Punkt 8.5.1 die Fußbodenabdichtung statt bisher 15 Zentimeter jetzt nur noch fünf Zentimeter über Oberkante Fertigfußboden (OKFF) an der Wand aufzukanten. Wird auch die Wand abgedichtet, muss die Abdichtung bis mindestens 20 Zentimeter oberhalb der Wasserentnahmestelle beziehungsweise über den Spritzwasserbereich geführt werden. An Türen ist die Fußbodenabdichtung auch an den Laibungen hinterlaufsicher heraufzuführen, was der Planer im Bauablaufplan berücksichtigen muss. Flächen unter und hinter Wannen sind gemäß Teil 1, Punkt 8.5.2 abzudichten oder die Wanne ist mittels Wannenranddichtbändern mit der Abdichtung zu verbinden. Explizit wird in der Norm darauf hingewiesen, dass Silikonfugen keine Abdichtung darstellen. Verläuft die Abdichtung unterhalb der Wanne, dürfen dort auch nur die zum Anschluss der Wanne notwendigen Rohre installiert werden. Verbindliche Vorgaben für das Gefälle sind auch der neuen DIN 18534 nicht zu entnehmen. Die Festlegung des Gefälles erfolgt durch den Planer objektspezifisch in Abhängigkeit des Bodenbelages und der erforderlichen Aufstauhöhe über Bodeneinläufen. Neue Abdichtungsstoffe Rissüberbrückende mineralische Dichtungsschlämmen und Reaktionsharze waren als flüssig zu verarbeitende Abdichtungsstoffe im Verbund mit Fliesen und Platten in der Stoffnorm (Teil 2) und im Beiblatt 1 der früheren DIN 18195 bereits aufgeführt. Die Ausführung war bisher jedoch lediglich im Ausführungsteil für Behälter und Becken (Teil 7) geregelt. Bahnen- und plattenförmige Abdichtungen im Verbund mit Fliesen und Platten waren bisher weder in der DIN 18195 noch im ZDB-Merkblatt „Verbundabdichtungen“ erwähnt. Bis zum Erscheinen der neuen Norm waren diese Abdichtungsstoffe daher als nicht geregelte Sonderkonstruktionen zu bewerten. Jetzt ist in der DIN 18534 zum ersten Mal die Anwendung von flüssig zu verarbeitenden Abdichtungsstoffen (AIV-F) in Innenräumen im Teil 3, die Verwendung von bahnenförmigen Verbundabdichtungsstoffen (AIV-B) in Teil 5 und die Verwendung von plattenförmigen Verbundabdichtungsstoffen (AIV-P) in Teil 6 geregelt. Die Eignung der neu aufgenommenen Abdichtungsstoffe im Zusammenspiel mit den einzelnen Systemkomponenten, wie Fliesenverlegemörtel, Dichtbänder oder Manschetten, muss durch eine Europäische Technische Zulassung (ETA) nach ETAG 022 oder mit einem allgemein bauaufsichtlichen Prüfzeugnis (abP) nachgewiesen werden. Der Abdichtungsaufbau mit den dazugehörigen Systemkomponenten ist ebenfalls in der ETA oder im abP festgelegt. Eine Vermischung verschiedener Komponenten aus unterschiedlichen Abdichtungssystemen ohne ETA oder abP ist nicht zulässig. Flüssig zu verarbeitende Abdichtungen müssen eine Mindesttrockenschichtdicke aufweisen. Hier wurden die Werte aus dem ZDB-Merkblatt „Verbundabdichtungen“ übernommen: Polymerdispersion (DM) 0,5 Millimeter, rissüberbrückende mineralische Dichtungsschlämmen (CM) 2,0 Millimeter und Reaktionsharze (RM) 1,0 Millimeter. Falls in der ETA oder im abP größere Werte angegeben sind, gelten die höheren Anforderungen. Für die Festlegung der Nassschichtdicke sollte auf die Trockenschichtdicke dmin ein Dickenzuschlag (dz) von mindestens 25 Prozent berücksichtigt werden, sofern der Hersteller keine anderen Vorgaben macht. Die Nassschichtdicken und der Verbrauch des Abdichtungsstoffes sind während der Ausführung fortlaufend zu überprüfen. In der Wassereinwirkungsklasse W3-I müssen die festgestellten Nassschichtdicken dokumentiert werden. Polymerdispersionen (DM) dürfen im Wandbereich in den Wassereinwirkungsklassen W0-I bis W2-I und im Bodenbereich lediglich in den Wassereinwirkungsklassen W0-I bis W1-I eingesetzt werden. Der Einsatz von Polymerdispersionen (DM) ist somit zum Beispiel auf Bodenflächen in bodengleichen Duschen (Wassereinwirkungsklasse W2-I) nicht mehr möglich! Für rissüberbrückende mineralische Dichtungsschlämmen (CM) und Reaktionsharze (RM) bestehen hinsichtlich der Wassereinwirkungsklasse keine Einschränkungen. Diese Abdichtungsstoffe sind bis zur Wassereinwirkungsklasse W3-I an Wand und Boden einsetzbar. Die flüssig zu verarbeitenden Abdichtungsstoffe (AIV-F) dürfen ausschließlich auf Untergründen der Rissklasse R1-I angewendet werden. Die in der DIN 18534-3, Punkt 7.6.2 vorgeschriebenen Flanschbreiten von Entwässerungsrinnen und Einbauteilen betragen mindestens 50 Millimeter. Bei Nachweis durch den Hersteller kann in den Wassereinwirkungsklassen W0-I bis W2-I die Flanschbreite auf 30 Millimeter verringert werden, wenn zweikomponentige mineralische Dichtungsschlämmen oder Reaktionsharze (keine Polymerdispersionen!) verwendet werden. In der Wassereinwirkungsklasse W3-I beträgt die Mindestflanschbreite grundsätzlich mindestens 50 Millimeter. Uwe Wild ist Sachverständiger für das für das Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerhandwerk sowie für Holz- und Bautenschutz in Brandis bei Leipzig. MEHR INFORMATIONEN Hier wurden die Notwendigkeit einer Neugliederung und Anpassung der alten DIN 18195 „Bauwerksabdichtungen“ an neue Abdichtungstechnologien und die wesentlichsten Änderungen in der neu herausgegebenen DIN 18533 „Abdichtung von erdberührten Bauteilen“, Teile 1 bis 3, ausführlich erläutert. Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

„Der Fassade ein Gesicht geben“

Ablesbar: Exponiertes Tragwerk beim John Hancock Center in Chicago Architektur und Stadträume dürfen schön sein. Das ist die Grundlage einer hohen Aufenthaltsqualität. Grundprinzipien jeglicher Architektur sind Stütze und Last, die sich in der Fassade widerspiegeln sollten. Dadurch entstehen Gliederungselemente wie Vor- und Rücksprünge. Diese erzeugen bei wechselnden Lichteinfallswinkeln Schattenwürfe, die zusammen mit den Gliederungselementen der Fassade im Sinne des Wortes ein „Gesicht“ geben. Die individuelle Ausprägung einer Fassade unterstützt das menschliche Grundbedürfnis nach Identifikation. Die Gliederungselemente geben dem Auge Halt und ermöglichen das „Erfassen einer Gesamtform über Details“. Das ist nur durch überschaubare Maße zu erreichen (Blickweite, Blickwinkel, Rufweite, optische und haptische Erfahrbarkeit der Oberflächen). Voraussetzung dafür sind kleine Grundstücke, Kleinteiligkeit, urbane Verdichtung und Blockrandbebauung, ein Teil der Prinzipien der europäischen Stadt. Hubertus Müller, Architekt und Stadtplaner, Berlin „Empfinden von Schönheit hat oft mit dem Anrühren von Gefühlen zu tun. Und das ist bei jedem Menschen anders – je nach Alter, Erfahrung, Erleben usw. Für mich persönlich ist es immer das Zusammenspiel von guter handwerklicher Arbeit, Gebrauchstauglichkeit und menschlichem Maßstab. Mit diesen Aspekten muss ‚Schönheit‘ nicht mehr kosten, sondern sollte unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit eigentlich selbstverständlich sein. Dabei spielt es nach meiner persönlichen Wahrnehmung keine Rolle, ob alt oder neu.“ Yvonne Göckemeyer, Landschaftsarchitektin, Leverkusen „Sonst braucht man uns doch gar nicht“ Eigentlich arbeiten wir doch als künstlerisch tätige Menschen täglich auf die Schönheit hin. Sonst braucht man uns doch gar nicht. Wie der Schriftsteller Dostojewski sagte: „Die Menschheit kann ohne Wissenschaft leben, sie kann ohne Brot leben, aber sie kann nicht ohne Schönheit leben, weil man dann nichts mehr für die Welt tun könnte.“ Die Schönheit also „lässt uns nicht in Ruhe, aber dadurch erinnert sie uns an unsere letzte Bestimmung, sie führt uns zurück auf unseren Weg, erfüllt uns mit neuer Hoffnung“. Wenn es keine objektive Schönheit gäbe, würden wir uns dem Relativismus unterordnen, der alles „gleichgültig“ sein lässt. Schönheit muss nichts, darf aber kosten. Sie ist grundsätzlich unabhängig von Kosten, weil sie keine materielle Größe ist. Sie weist über sich selbst – über das Materielle – hinaus, und das ist unbezahlbar. Bei der Frage, ob Altes immer schöner ist als Neues, halte ich es mit Karl Valentin: „Heute ist die gute alte Zeit von morgen.“ Doch schon in der Bibel steht: „Prüft aber alles und das Gute behaltet.“ Ludger Schmidt, Architekt, Steinenbronn Natürlich: Regionale Architektur, in die Landschaft eingebettet Ein Gedicht an die Schönheit Die Natur ist immer schön. Bestenfalls prägt sie das in ihr zur Zweckerfüllung Gebaute und muss es nicht nur eine Zeit lang geduldig ertragen, denn zum Glück ist das Hässliche vergänglich, nicht das Schöne. Architektur kann zeitlos schön sein. Dann berührt sie – wie die Natur – unsere Sinne, verzaubert, macht uns leicht wie auf der Fischunkelalm bei Regen oder wie beim Anblick einer sonnenverwöhnten Palladio-Villa. Was darf solche Schönheit kosten? Sie kostet nur unsere Überwindung, dem Hässlichen als Zeugnis von Unwissenheit oder – schlimmer noch – als Ausdruck von Gleichgültigkeit entschieden und überzeugend entgegenzutreten. Thomas Widynski, Architekt, Eschweiler „Schön blöd“ Für mich ist schön … … schon schön, halt so schön beliebig … fad, langweilig, banal, oberflächlich, unreflektiert … aber populär, inflationär, emotional, meist spontan, aus dem Bauch … bestenfalls ausgewogen, ebenmäßig, romantisch verklärt … ansehnlich, was man anschauen kann, was sich einfügt, was nicht heraussticht … das Gegenteil von hübsch hässlich … schön blöd. Gibt es eine objektive Schönheit in der Architektur? Die sucht man schon ewig. Schönheit in der Architektur ist objektiv nicht objektiv, allenfalls kollektiv subjektiv. Wenn viele, sogar die meisten, eine Architektur schön finden, heißt das objektiv leider gar nichts. Die oft gelobte Schönheit einer mathematischen Formel ist – ähnlich der des Goldenen Schnitts in der Kunst, in der Baukunst – ein mythisch- mystisches Gefühl, ein Gespür, vielleicht ein siebter Sinn? Was darf Schönheit in der Architektur kosten? Etwa nichts? Gegenfrage: Was ist richtig schön billig, was ist ganz schön teuer? Nur schön sein wollen in der Architektur ist halt billig, im Sinne von banal. Ein bisschen teurer wird auch nicht gleich schöner. Aber: Hochwertig hat schon was – und kostet was. Ist Altes immer schöner als Neues? Architektur ist das schöne Spiel von Altem mit Neuem, von Bewährtem mit Gewagtem, von Yin mit Yang, wer ist die Schönste im ganzen Land? Auch eine Schöne kann ganz schön alt aussehen, und eine Alte muss nicht per se schön sein. Eine Neue wird – aber nur vielleicht – mit zunehmendem Alter schöner. Fazit: lieber eine neue Schöne als eine alte Hässliche. Michel Breuninger, freier Architekt und Stadtplaner, Stuttgart   Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

Ausverkauft

Remscheid: Bei der Aktion „Gute Geschäfte“ von StadtBauKulturNRW wurden leere Läden für Ausstellungen und Diskussionen genutzt. Leer stehende Warenhäuser werden allerorten umgebaut. Funktional glückt das oft. Aber eine echte Auseinandersetzung mit dieser speziellen Architektur bleibt aus. Text: Heiko Haberle Bei einem Besuch in Recklinghausen konnte ich es letztens geradezu exemplarisch besichtigen: Seit steht Karstadt am Altstadtmarkt leer – sowohl der hier unerwartet großstädtische klassische Kaufhausbau der früheren Firma Altho€ff von ƒ1910 als auch der wuchtige Anbau aus den ƒ„1970er-Jahren, der mit bräunlicher Färbung und vertikaler Ri€elung der Betonfassade Bezug zum Naturstein des Nachbarn herstellt. Der Leerstand strahlt in die benachbarten Straßen aus. Das Geschäftsleben hat sich seit Œ2014 um nur zwei Häuserblöcke in das riesige neue Center am Rand der Altstadt verlagert, wo die Architektur und das Angebot voll auf der Höhe der Zeit sind. Die Glanzzeit der Warenhäuser ist aber schon länger vorbei, denn über Jahrzehnte wurden es immer weniger Anbieter. Althoff€, Merkur, Horten, Quelle, Hertie, Wertheim – sie alle wurden entweder von Karstadt oder von Kaufhof geschluckt. Nach ƒƒ1990 kamen noch die DDR-Warenhäuser Centrum und Konsument hinzu. Kaufhof gehört heute dem kanadischen Handelsunternehmen Hudson’s Bay und hat noch ƒŒ94 Filialen. Eigentümerin von Karstadt ist die österreichische Signa Holding. In den letzten zehn Jahren ist man von über ›150 auf „ƒ79 Häuser geschrumpft. Einige Prognosen gehen von bis zu 100 weiteren Schließungen aus, etwa infolge einer Fusion von Karstadt und Kaufhof. „Ich bin nicht ganz so pessimistisch, sehe aber deŸnitiv ein Überangebot an Einzelhandelsflächen“, sagt Rolf Junker, dessen Stadtforschungsbüro Junker + Kruse aus Dortmund ›2015 für die Initiative StadtBau-KulturNRW eine Studie zum Umbau von Warenhäusern und Einkaufszentren erstellt hat. „Die Warenhäuser müssen sich aber verändern. Viel zu lange haben die Konzerne gedacht, so weitermachen zu können wie seit hundert Jahren“, findet Junker, der auf die Niederlande, Spanien und Italien verweist, wo Warenhäuser noch gefragt seien und weiterentwickelt würden. In Deutschland kommen die Warenhäuser kaum noch gegen die großen Textilketten, Shopping-Center, Fachmarktzentren, Outlets und Online-Shopping an. Die Gesellschaft für Konsumforschung schätzt, dass nur noch 2†,2† Prozent des Einzelhandelsumsatzes auf Warenhäuser entfallen – eine Halbierung seit †ŒŒŒ2000. Besonders Häuser in kleineren Städten oder Sub-Zentren der Großstädte wurden geschlossen. Herne: Das ehemalige Hertie-Gebäude ist eines von wenigen denkmalgeschützten Warenhäusern der Nachkriegszeit in Deutschland. Symbol für Aufschwung und Niedergang Obwohl sie meist bessere Standorte haben als Nachkriegsbauten, betri’t der Leerstand auch historische Warenhäuser vom Anfang des 20†Œ. Jahrhunderts, wie in Recklinghausen, Bottrop, Gelsenkirchen-Buer oder das wohl schönste Warenhaus Deutschlands in Görlitz. Während man in Görlitz und Recklinghausen weiterhin auf rettende Ideen ho’fft, ist in Gelsenkirchen der Umbau in ein klassisches Geschäftshaus vollzogen. In Bottrop wird in die Obergeschosse ein Hotel einziehen, das einen neuen Lichthof erhält. Unten möchte ein auf Mittelstädte spezialisiertes Handelsunternehmen – man glaubt es kaum – ein Warenhaus erö’ffnen. Häufiger stehen jedoch die jüngeren Warenhäuser leer. Besonders zahlreich sind sie in Nordrhein-Westfalen, da hier viele Standorte erst während der Wirtschaftswunderjahre aufgebaut wurden. Waren sie einst Symbol für großstädtisches Leben, stößt ihre meist hermetisch geschlossene Architektur heute überwiegend auf Ablehnung. Dabei hatten sich die Architekten der Zeit durchaus überlegt, wie sie mit Mosaiksteinen, Lamellen oder Waben große Flächen auflockern können. Am bekanntesten ist natürlich die „Horten-Kachel“, die Egon Eiermann zugeschrieben wird, deren Motiv allerdings der Düsseldorfer Architekt Helmut Rhode entworfen hatte. Auch die berühmten Kacheln fallen allerorten in Deutschland der Abrissbirne zum Opfer, denn nur wenige Warenhäuser der Nachkriegszeit stehen unter Denkmalschutz – wie zum Beispiel das geschlossene Hertie-Haus in Herne von Emil Fahrenkamp aus dem Jahr ˆ‰Šˆ1961. Ob dort die Neuvermietung wegen der kompletten Erhaltung des Hauses so stockend verläuft? Die Regel ist nämlich ein Rückbau bis auf die Tragstruktur, die oft weitergenutzt, eingeschnitten oder erweitert werden kann. „Ein kompletter Abriss erfolgt meist nur, wenn das aus bauphysikalischen Gründen notwendig wird“, berichtet Rolf Junker. Bei Horten in Hamm seien etwa die Spannweiten zu groß gewesen, um sie einzuschneiden. Ein Bautypus verschwindet Ob Rückbau oder Abriss – von den Fassaden bleibt selten etwas übrig, auch wenn oft erneut der Einzelhandel in dann kleineren Einheiten einzieht. Ein Haus mit vermeintlich zeitgemäßer Fassade, meist aus hellem Naturstein statt aus Waschbeton und mit etwas mehr Fenstern, lässt sich besser vermieten. Hinter den Fenstern stehen dann oft nur Werbetafeln. Einladender ist der Nachfolger also nicht immer. Detmold: Aus dem früheren Karstadt-Haus wurde ein Platz herausgeschält. Ihn umgibt nun eine klassische Geschäftshausfassade. Ein architektonisch gelungenes Beispiel ist in Detmold zu besichtigen. Der bereits im Originalbau angedeutete Vorplatz wurde durch Pfei˜er Ellermann Preckel Architekten aus Münster in das Bauvolumen hinein vergrößert, sodass ein prägnanter Kopfbau entstand. Für eine Mittelstadt gelang ein überaus urbanes Ensemble. Allerdings ist auch hier vom früheren Karstadt-Haus von Friedrich Spengelin aus dem Jahr ˆ‰™‰1979 nichts mehr zu erkennen. An ihm hätte man eine interessante Weiterentwicklung des Bautyps ablesen können: Wie für viele Neubauten von Karstadt, aber auch des Textilkaufhauses C&A typisch, versuchte die Architektur, wieder den Dialog mit der Stadt herzustellen. An die Stelle der großen Kisten, die wie bei Horten als überdimensionales Markenzeichen wirkten, trat eine Kleinteiligkeit mit Dachschrägen, Erkern, Klinker, Naturstein oder Schiefer. Dresden: Nur selten findet sich eine Warenhausfassade am Nachfolger wieder – an der Centrum-Galerie allerdings nicht als Original, sondern als Nachbau. Dass Kaufhausfassaden durchaus identitätsstiftend sind, ist anderswo zu beobachten. Anstatt der üblichen Vorgehensweise, eine bestehende Struktur mit einer neuen Fassade auszustatten, wurde das ehemalige Centrum-Warenhaus in Dresden abgerissen und durch ein Shopping-Center von Peter Kulka ersetzt, das die prägnante Fassade des Ursprungsbaus ziert. Diese wurde jedoch nachgebaut, statt sie zu erhalten, weil dies günstiger war. Bei den Höfen am Brühl in Leipzig von Grüntuch Ernst Architekten, die das ehemalige Konsument-Warenhaus ersetzen, wurde die schillernde Metallhaut der durchaus geliebten „Blechbüchse“ eingelagert, gereinigt und wieder angebracht. Die Denkmalschützer maßen ihr sogar eine höhere Bedeutung zu als der überraschend hinter ihr zum Vorschein gekommenen Ursprungsfassade von 1908ƒ. „“”Abschied vom Einzelhandel Viele Städte träumen von neuem Einzelhandel im alten Warenhaus. Das mag in Düsseldorf funktionieren, wo Anfang •“ƒ”2018 der Kaufhof an der Berliner Allee als Premium-Immobilie mit Büros, Hotel und Deutschlands größtem Feinkost-Markt auferstehen soll. Gerade kleinere Städte sollten aber den Mut aufbringen, sich in B-Lagen vom Handel zu verabschieden, —findet Rolf Junker und ergänzt: „Die Kommunen müssen sich früh Gedanken über eine Nachnutzung machen. Leerstand kommt nicht von heute auf morgen.“ Konsequent war man etwa in Lünen, wo der Hertie dank eines tiefen Einschnitts zum Wohnhaus wurde (siehe „Wider den Abriss“). In Stolberg bei Aachen soll über einer Woolworth-Filiale ein Wohnheim für türkischstämmige Senioren entstehen. In Ludwigshafen wollen die Stadtwerke mit Büros und einem Kundenzentrum in das leere Kaufhof-Haus ziehen. Berlin: Der frühere Kaufhof am Ostbahnhof wird kreuzförmig eingeschnitten. Der Rest der Struktur und die vier Erschließungskerne bleiben erhalten. Am Berliner Ostbahnhof schloss nach kontinuierlichem Bedeutungsverlust des Umfelds jüngst der Kaufhof, dessen Vorgänger zu DDR-Zeiten wegen seiner Lage am damaligen Hauptbahnhof Kunden aus dem ganzen Ostblock anzog. Die Hauseigentümerin – die Karstadt-Mutter Signa – und das beauftragte Büro Jasper Architects aus Wien wollen den Siebengeschosser radikal aufbrechen, um die geplanten Büros zu belichten. Als Nutzer wird der Versandhändler Zalando genannt, der im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg derzeit jeden größeren Büroneubau in Beschlag nimmt. Zalando, Amazon und andere Online- Händler sind auch der Grund, warum die Handelsbranche höchst alarmiert ist. Denn nach den inhabergeführten Geschäften und den Warenhäusern sind die Einkaufszentren wohl die nächsten Leerstandsopfer, wie schon jetzt in den USA zu erleben ist. Wer die Warenhäuser mit ihrer neutralen und flŽexiblen inneren Struktur und den immerhin o’ffenen Erdgeschossen heute als Monster bezeichnet, macht sich nicht bewusst, welche sperrigen Baumassen viele Kommunen in guter Absicht, den Handel in der Innenstadt zu halten, in den letzten Jahren genehmigt haben. Oft mehrere Blöcke einnehmend, haben diese „Center“ dem Stadtraum selten mehr als Tiefgarageneinfahrten, Notausgänge und Löschwassereinspeisungen zu bieten. Gute Ideen zur Nachnutzung dieser wahren Megastrukturen sollten jetzt schon entwickelt werden. MEHR INFORMATIONEN Die Zukunft des Handels In den Centern setzt sich fort, was in vielen Innenstädten zu beobachten ist: eine zunehmende Gastronomisierung. In der Mall „MyZeil“ in Frankfurt wird die Gastronomie-Quote von 5 auf 15 Prozent erhöht, in der Hamburger Europa-Passage von 13 auf 20 Prozent, wie der Immobiliendienstleister Savills ermittelt hat. Die Analysten rechnen aber ab 15 Prozent Gastronomie mit Verlusten bei den Mieteinnahmen und raten stattdessen zu alternativen Nutzungen: Co-Working-Spaces und Bibliotheken! Eine Händlerumfrage durch das EHI Retail Institute hat außerdem ergeben: 90 Prozent der Händler glauben, dass der Anspruch der Kunden an Atmosphäre und Aufenthaltsqualität in Centern gestiegen oder stark gestiegen sei. 87 Prozent glauben das auch in Bezug auf die Architektur. Handelsexperten sind sich uneinig, wie es weitergeht. Die einen sehen den stationären Handel der Zukunft als verlängerten Arm des Internets, denken an Shopping-Center als Paketstation und Schaufenster für die spiegelbildliche Online-Plattform. Die anderen betonen, dass der stationäre Handel nur überleben kann, wenn er etwas bietet, was online nicht transportiert werden kann: Erlebnisse, Begegnungen, Genuss. Sie sehen deshalb sogar eine Renaissance der Wochenmärkte und kleiner individueller Läden. KOSTENLOSER DOWNLOAD Die Studie „Neueröffnung nach Umbau“ zeigt Konzepte zur Umnutzung von Warenhäusern und Einkaufscentern. www.stadtbaukulturnrw.de/publikationen     Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Erneuern“ finden Sie in unserem DABthema Erneuern

Doppelt hält besser

Foto: Fotolia Im Doppelhaus schlummern architektonische und stadträumliche Potenziale. Aber wann ist ein Haus ein Doppelhaus? Text: Jan de Haan und Jan Dohren Zusammen mit dem Gartenzwerg gilt die Doppelhaushälfte vielen als Sinnbild der Spießigkeit – zu Unrecht: Das Doppelhaus ist eine vielversprechende gestalterische und stadtplanerische Aufgabe. Architekten müssen sie nur zu nutzen wissen. Aber wo verläuft die Grenze zwischen optimaler Grundstücksausnutzung und baurechtlicher Unzulässigkeit? Was ist ein Doppelhaus? Setzt der Bebauungsplan eine offene Bauweise fest, müssen Gebäude mit seitlichem Grenzabstand errichtet werden. Die Bebaubarkeit eines Grundstücks kann das empfi€ndlich einschränken. Für das Doppelhaus macht das Baurecht eine Ausnahme: Gemäß §22 „Abs.2 „Satz …1 BauNVO entsteht ein Doppelhaus dadurch, dass zwei Gebäude auf benachbarten Grundstücken durch Aneinanderbauen zu einer Einheit zusammengefügt werden. Meistens werden zwei Doppelhaushälften gemeinsam und aus einer Hand geplant und gebaut. Ebenso ist denkbar, dass einer der beiden Doppelhauseigentümer seine Hälfte später verändern oder durch einen Neubau ersetzen möchte – oder dass zunächst nur ein Grundstück bebaut wird und das andere erst Jahre danach. In diesen Fällen müssen Architekten wissen, was genehmigungsfähig ist. Wo sind Doppelhäuser zulässig? Doppelhäuser sind natürlich dort zulässig, wo ein Bebauungsplan sie vorsieht. Soll ein Doppelhaus jedoch im unbeplanten Innenbereich, also innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile (gemäß §34 •–Baugesetzbuch) errichtet werden, kann das ebenfalls erlaubt sein. Es kommt dann darauf an, ob es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücks˜äche, die bebaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt. Sind dort bereits Doppelhäuser vorhanden, spricht dies für die Zulässigkeit weiterer Doppelhäuser. Wie baut man ein Doppelhaus? Es gibt keine allgemein anerkannte Formel, mit der sich zuverlässig ausrechnen ließe, wann ein Haus noch eine Doppelhaushälfte ist und wann nicht mehr. Man kann natürlich auf Nummer sicher gehen und ein Gebäude planen, das exakt der auf dem Nachbargrundstück bereits vorhandenen oder geplanten Doppelhaushälfte entspricht. Wünschen Architekt oder Bauherr jedoch keine Kopie des Nachbargebäudes, sollte die baurechtliche De€nition eines Doppelhauses bekannt sein: Das Bundesverwaltungsgericht, an dessen Entscheidungen sich die meisten Verwaltungsgerichte orientieren, äußert sich in einem Urteil vom 19…œ. März 2015„ž…Ÿ (Az.: –4 C …„12/…–14) dazu – jedenfalls auf den ersten Blick – betrüblich unbestimmt: Das Erfordernis der baulichen Einheit sei nur erfüllt, wenn die beiden Gebäude in wechselseitig verträglicher und abgestimmter Weise aneinandergebaut werden. Es ließe sich, so das Gericht, aber weder abstrakt-generell noch mathematisch-prozentual festlegen, in welchem Umfang zwei Haushälften an der Grenze zusammengebaut sein müssen, um ein Doppelhaus zu bilden. Das Gericht gibt aber immerhin ein paar Leitlinien vor:
  • Die Doppelhaushälften müssen nicht gleichzeitig oder spiegelbildlich errichtet werden.
  • ƒƒDie Hälften dürfen zueinander versetzt oder gestaffelt aneinandergebaut werden. Zwei selbstständige Baukörper, die sich an der gemeinsamen Grenze zwar berühren, aber praktisch allseitig freistehen, bilden jedoch kein Doppelhaus.
  • ƒƒEin Doppelhaus darf den in einer Straße vorherrschenden Gesamteindruck einer offenen, aufgelockerten Bebauung nicht stören und muss als ein Gebäude erscheinen, nicht als zwei ohne Grenzabstand direkt aneinandergebaute, voneinander verschiedene Gebäude.
  • Für die Beurteilung, ob zwei direkt aneinandergebaute Gebäude ein Doppelhaus bilden, kommt es vor allem auf die nach außen sichtbaren Gebäudeeigenschaften an.
  • ƒƒEine gemeinsame Gebäudehöhe ist für das Maß der Übereinstimmung beider Gebäude von besonderer Bedeutung.ƒƒ
  • Unterschiedliche Bautiefen müssen den Doppelhauscharakter nicht aufheben; sie können vor allem dann unschädlich sein, wenn die Länge der gemeinsamen Wand zur Straße nicht sichtbar ist.
Dass die Gerichte das besonders wichtige Kriterium der gemeinsamen Gebäudehöhe nicht immer sehr streng auslegen, zeigt ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Nordrhein-Westfalen vom …18. Januar 2016 (Az.: 10 A „Ÿ2574/14…–): Im dortigen Fall hielt das Gericht den Doppelhauscharakter trotz eines Höhenunterschieds von immerhin 4–,59Ÿœ Metern, der infolge der Aufstockung einer von zwei Bungalow-Hälften eingetreten war, noch für gewahrt. Kein Doppelhaus. Und nun? Verneint die Baubehörde den Doppelhauscharakter eines Gebäudes, das ein Doppelhaus sein muss, erhält man keine Baugenehmigung. Meint man, dass die Behörde falsch liegt, bleibt die Möglichkeit der Klärung der Zulässigkeit des Bauvorhabens im Widerspruchs- und Klageverfahren. Es kann aber auch sein, dass die Baubehörde die beantragte Genehmigung erteilt, diese aber vom Doppelhausnachbarn angefochten wird. In diesem Fall kann Anlass zu der Befürchtung bestehen, die Baugenehmigung wieder zu verlieren. Denn auf die Verletzung der in einem Bebauungsplan enthaltenen Doppelhausfestsetzung kann sich der Doppelhausnachbar berufen – sie dient nämlich auch seinem Schutz (OVG Rheinland-Pfalz, Urteil vom 14„…. August †‡„…2014, Az.: „1 A 10252/„…„14). Auch im unbeplanten Innenbereich besteht Anlass zur Sorge, wenn der Doppelhausnachbar gegen die Baugenehmigung vorgeht. Mit der Genehmigung einer nicht in wechselseitig verträglicher und abgestimmter Weise geplanten Doppelhaushälfte ist ein Verstoß gegen das Gebot der Rücksichtnahme verbunden, das dem Drittwiderspruch beziehungsweise der Klage des Nachbarn zum Erfolg verhelfen kann (BVerwG, Urteil vom 5‰. Dezember 2013†‡„•, Az.: 4… C ‰5/12„†). Um das Risiko der Anfechtung einer Baugenehmigung wegen der tatsächlich oder vermeintlich fehlenden Verträglichkeit zweier Doppelhaushälften zu reduzieren, emp—fiehlt sich vor allem eines: den Nachbarn von vornherein in die Planungen einzubeziehen. Insbesondere im Fall fehlender Gesprächsbereitschaft sollte darauf gedrungen werden, dass Baugenehmigungen und Bauvorbescheide dem Nachbarn durch die Behörde zugestellt werden. Denn erst mit der Zustellung beginnt für den Nachbarn die einmonatige Widerspruchs- beziehungsweise – in Bundesländern ohne Widerspruchsrecht – Klagefrist zu laufen, ohne deren Ablauf das Risiko einer zulässigen Drittanfechtung fortbesteht. Jan de Haan und Jan Dohren sind Rechtsanwälte und Fachanwälte für Verwaltungsrecht bei Weiland Rechtsanwälte in Hamburg. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Im Immobilien-Babel

Jede noch so kleine Hütte bekommt heute vom Immobilienentwickler ein wohlklingendes Label. Dabei herrscht babylonisches Sprachgewirr. Namenskunde: Heiko Haberle Das waren noch Zeiten, als ein Haus einfach nur eine Adresse hatte und kein Markenprodukt war. Doch obwohl Wohnungen derzeit auch ohne jegliches Marketing weggehen würden wie geschnitten Brot, muss jedes noch so unscheinbare Projekt einen Namen tragen. Daran merkt man dann gleich, ob man sich angesprochen fühlen soll, für den „Rosengarten“ zu jung oder für „Neon Wood“ zu alt ist. Wie am Fließband werden in der Hauptstadt Namen erfunden und von Grafi…kern mit hübschen Logos ausgestattet. Das internationale, urbane Publikum wird mit „The View“, „Bricks“ oder „Charlie“ gelockt. Im Partybezirk Neukölln werden ganze drei (!) Wohnungen in einem recht normalen Altbau von “”•–1907 großspurig als „Beat Berlin“ angepriesen. Wer hingegen das Dorf in der Großstadt sucht, …findet in den kläglichen Resten von Alt-Berlin die retro-gründerzeitlichen „Klostergärten“. Die Gärten sind ein enger Hof mit Dauerschatten. Französisch kommt zum Einsatz, wenn Eleganz und Ruhe vermittelt werden sollen, so in einem prächtigen alten Krankenhaus am Schloss Charlottenburg, das als „Joli Coeur“ vermarktet wird. Bei einem Übermaß an architektonischer Fantasie und Stilsehnsucht hilft ein Italien-Bezug, wie bei den an Säulen und Bögen reichen „Fellini Residences“. Ganz selten taugt sogar der Architekt als Werbeträger, wie im gutbürgerlichen Wilmersdorf, wo ein bereits denkmalgeschütztes Mehrfamilienhaus von Gottfried Böhm aus dem Jahr “”Ÿ1984 nun „Böhmhaus“ heißt. Das Logo ist natürlich achteckig wie das Haus. In Frankfurt hingegen liebt man Sprachspiele. Aus irgendeinem Skyscraper wird ganz dynamisch der „Skyper“. An der Gallusanlage thront „Gallileo“. Die zwei namensgebenden Flügel des „Winx“ muss man im Grundriss suchen. Nur in London hat der Marketing-Sprech der Immobilienentwickler keine Chance gegen die Verballhornungen der Presse. Gurke, Scherbe, Käsereibe und Walkie-Talkie zieren die Skyline. Doch daraus haben die Entwickler eines neuen, beängstigend scharf geschnittenen Glasriesen gelernt. Den Spitznamen der Financial Times haben sie einfach übernommen. Das Bauschild präsentiert: „The Scalpel“. Endlich mal ein ehrlicher Name für das, was hier passiert.

„Nicht jedes Konstruktionsvollholz ist KVH“

Anspruch an die Optik: Bleibt das Holz sichtbar, muss man bereits beim Entwurf gut überlegen, wie die Oberfläche aussehen soll, und sie dann entsprechend definieren. Bis vor wenigen Jahren interessierte sich hierzulande nur eine Handvoll spezialisierter Architekten mit mutigen Bauherren für den Holzbau. Das hat sich geändert. Bauen mit Holz ist populär geworden. Tobias Wiegand, Geschäftsführer der Überwachungsgemeinschaft Konstruktionsvollholz, spricht über die Anforderungen und die Qualität der dafür verwendeten Hölzer. Interview: Marion Goldmann Dr.-Ing. Tobias Wiegand: „Das Kürzel KVH und das grüne „KVH®“-Logo dürfen nur die Mitgliedsfirmen der Überwachungsgemeinschaft verwenden. Hier ist die Qualität der Produkte güteüberwacht.“ Herr Wiegand, welche Eigenschaften muss Konstruktionsvollholz haben? Einige Anforderungen sind in Normen geregelt. Die bauaufsichtlichen Anforderungen sind in der Produktnorm DIN EN 15497 enthalten. Doch Angaben zur Einschnittart und zur Oberflächenqualität sind darin nicht festgelegt, sondern sind in einer Verbändevereinbarung defi‚niert. Die darin geforderte technische Trocknung auf eine Holzfeuchte von maximal †‡ 20 Prozent ist mittlerweile Standard. Das war nicht immer so? Nein. Das war sogar der Anlass, die Überwachungsgemeinschaft Konstruktionsvollholz zu gründen. Das war 1994. Damals war das verfügbare „Bauholz normaler Güte“ in der Regel nur halbtrocken und konnte so nicht im Holzrahmenbau eingesetzt werden, dessen Aufschwung zu dieser Zeit begann. Für den Holzrahmenbau wird maßhaltiges und aufgrund der luftdichten Ausführung trockenes Holz benötigt. Um den Holzrahmenbau funktionsgerecht und wirtschaftlich realisieren zu können, wünschte die Holz verarbeitende Industrie ein qualitätsüberwachtes Vollholzprodukt. Daraufhin haben der Verband der Deutschen Säge- und Holzindustrie und der Bund Deutscher Zimmerermeister entsprechende Eigenschaften für Konstruktionsvollholz definiert. Ja, die erste Fassung dieser Verbändevereinbarung stammt aus dem Gründungsjahr, wobei die Anforderungen seitdem fortlaufend der technischen Entwicklung angepasst werden. Im Wesentlichen handelt es sich danach bei Konstruktionsvollholz um nach der Festigkeit sortierte und auf eine Holzfeuchte von maximal 15 +/-3 Prozent technisch getrocknete Vollholzprodukte mit de‚finiertem Einschnitt. Im Vergleich zu herkömmlichen Holzbaustoffen neigen sie deutlich weniger zu Rissbildung und zum Verdrehen. Neben einer Reihe weiterer Kriterien sind in der Vereinbarung zwei Oberächenqualitäten defi‚niert. Die technische Holzfeuchte ist zudem Voraussetzung für den zwischenzeitlich üblichen Verzicht auf vorbeugenden chemischen Holzschutz nach DIN 68800‡‡. Ist diese Qualität garantiert? Zunächst einmal haben sich alle Firmen, für die die Verbändevereinbarung gilt, freiwillig zur Einhaltung dieser höheren Qualität verpflichtet. Es besteht aber kein Zwang zur Qualitätsüberwachung für die Holz verarbeitende Industrie sowie die Zimmereibetriebe. Die Unternehmen können ihr Produkt Konstruktionsvollholz nennen und damit ausdrücken, dass sie die Vereinbarung mit der Überwachungsgemeinschaft Konstruktionsvollholz einhalten. Eine geprüfte Qualität erhält der Kunde aber nicht. Um sicherzugehen, dass die Qualität auch eingehalten wird, haben sich deshalb unsere aktuell 35  Mitglieder für eine Fremdüberwachung durch unabhängige Prüfstellen entschlossen. Nur diese Firmen dürfen das Holz dann mit dem eingetragenen Warenzeichen KVH® bezeichnen. Beim Erwerb von Vollholzprodukten ist auf das CE-Zeichen zu achten. Wichtige Angaben darauf sind: Nummer der Norm und der Leistungserklärung, Hersteller, Bezeichnung des Bauproduktes, Festigkeitsklasse. Konstruktionsvollholz aus güteüberwachter Produktion ist zusätzlich mit dem grünen KVH®-Zeichen gekennzeichnet. KVH®, KVH, Konstruktionsvollholz? Es ist schwierig, hier die Unterschiede zu erkennen. Das ist richtig. Im Nachhinein betrachtet, hätte man in der Verbändevereinbarung grundsätzlich eine Fremdüberwachung fordern sollen. Es ist vor allem der Eindruck entstanden, KVH sei die Abkürzung für Konstruktionsvollholz. Das ist falsch. Im Prinzip muss man drei Qualitätsstufen unterscheiden: Konstruktionsvollholz muss die bauaufsichtlichen Anforderungen erfüllen und ist mit dem CE-Zeichen gekennzeichnet. Zusätzlich muss Konstruktionsvollholz die Anforderungen gemäß der Verbändevereinbarung erfüllen, es trägt ebenfalls das CE-Zeichen und darf Konstruktionsvollholz genannt werden. Das Kürzel KVH und das grüne Logo KVH® dürfen nur die Mitgliedsfiˆrmen der Überwachungsgemeinschaft verwenden. Hier sind die Produkte güteüberwacht. Wie muss die Ausschreibung und Kontrolle von güteüberwachtem KVH® erfolgen? Auf unserer Website sind verschiedenste Publikationen veröŒffentlicht, darunter die Broschüre „Technische Informationen“. Sie enthält auch einen Muster-Ausschreibungstext. Wichtig ist, dass KVH® entsprechend der Verbändevereinbarung und der Überwachungsgemeinschaft – also nicht „Konstruktionsvollholz“ – bestellt wird. Kontrollieren kann der Architekt das auf dem Lieferschein, worauf mit dem Kürzel KVH oder dem „KVH®“-Logo die Qualität bestätigt wird. Im Rahmen der Ausschreibung muss der Architekt auch die Oberflächenqualität bestimmen. Sie erwähnten eingangs, dass dafür keine Regelung existiert. Die Produktnorm DIN EN –—˜™š15497 macht keine Angaben zur Oberflœächenqualität. Daher wurde sie in der Verbändevereinbarung defiˆniert. Planer und Bauherren sollten sich zunächst Gedanken über die Auswahl der Oberflœächenqualität machen. Bei Bauteilen mit großem Abstand zum Auge des Betrachters werden Wuchseigenschaften, wie Astgröße und Astzustand, kaum wahrgenommen. „Astfreies Holz“ gibt es praktisch nicht. Eine Größenbeschränkung von Ästen über die Anforderungen der Festigkeitssortierung hinaus ist betriebstechnisch in der Regel nicht möglich, aber aus ästhetischen Gründen meist auch nicht notwendig. Es ist der Astzustand, also verfärbte oder ausgefallene Äste, der festzulegen ist. Hier geht es zum PDF eines Beitrags, der den Umgang mit den Oberœflächenqualitäten detailliert erläutert. MEHR INFORMATIONEN Die Überwachungsgemeinschaft Konstruktionsvollholz hat eine Reihe von Merkblättern und Broschüren veröffentlicht. Zum Beispiel: Technische Informationen: Infos zur Planung und Bemessung Vereinbarung über KVH: Definition der Qualitätsanforderungen Merkblatt zum Einsatz von KVH® ohne chemischen Holzschutz: Bedingungen und Anwendbarkeit Merkblatt zum Umgang mit KVH®: Lagerung auf der Baustelle Umwelt-Produktdeklarationen: EPDs zu KVH® sowie Balkenschichtholz Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier  

Ruhende Reserve

Reduziert: In Köln wird in der oberen Hälfte eines Parkhauses nun gewohnt. Die neue Fassade prägt indes mehr Blech. Die Konkurrenz um städtische Flächen wird härter. Sogar Parkhäuser zählen vielerorts zu den weniger rentablen Nutzungen – und werden deshalb umgenutzt. Ein erfreuliches Beispiel kreativer Verdrängung. Text: Christoph Gunßer In der Frankfurter Innenstadt gibt es 22 Parkhäuser mit insgesamt rund  350.000 Quadratmetern Nutzfläche. Das entspricht 30 Prozent der Kernstadtäche. Wo ein Quadratmeter Luxuswohnung schon mal 50.000 Euro kostet, wecken solche Reserven Begehrlichkeiten. Um hier architektonische Anleitung zu geben, startete die Architektenkammer Hessen die Initiative „Mehr als nur parken – Parkhäuser weiterdenken“, bei der es um neue Perspektiven für in die Jahre gekommene Großgaragen ging (als Buch erschienen ‚— im Jovis Verlag, gemeinsam mit dem Deutschen Architekturmuseum). Realisiert wurde von den Ideen in Frankfurt noch nichts. Andernorts ist man da weiter – ein Überblick. Vom rauen Charme der Parkdecks Gerade die oberste Etage von Parkhäusern wird zum Parken eher ungern genutzt und steht meist leer. Da es hier oben luftig ist und die Aussicht nicht selten spektakulär, siedeln sich Gastronomie, Kultur- oder Stadtgärtner-Projekte an: Das Berliner „Deck 5“ in der Schönhauser Allee besteht bereits zehn Jahre. In Tübingen spielte man auf dem Dach des ehemaligen Karstadt-Parkhauses einen Sommer lang Shakespeare. Auch temporäre Aktionen und Installationen mögen das düstere Setting der Garagen: Kunstausstellungen, insbesondere von Skulpturen, ziehen gern in die ebenso spröden wie stabilen Parkhaus-Etagen. In Atlanta entwickelten Architekturstudenten Wohncontainer für ihre Bedürfnisse, die jeweils in eine Parkbucht eines City-Parkhauses passten – als Experiment gegen die Wohnungsnot. Aufgestockt: In Hannover krönten Cityförster Architekten ein Parkhaus mit zwölf Penthouses. ASP ersetzten Waschbeton und Milchglas durch eine kühle Hülle. Aufstockungen von Parkhäusern gibt es bereits einige: Auf ein 1964— erbautes Parkhaus in Hannover setzten Cityförster Architekten zwölf Penthouses mit Blick auf die Oper. Die Parkhausfassade darunter wurde modern geliftet. Bereits zur letzten documenta wurde in Kassel ein temporäres, 300 Quadratmeter großes „Pop-up-Hotel“ auf ein Parkhaus gesetzt. Auf Wolke 10: Die Kita von querwärts Architekten auf dem Dach eines Parkhauses in Nürnberg bietet 1.200 Quadratmeter Freigelände. In der dicht bebauten Nürnberger Südstadt wurden die beiden obersten Etagen eines Parkhauses von querwärts Architekten zu einer Kindertagesstätte umgebaut (siehe dazu auch „Spieltrieb frei Haus“). Die integrative und interkulturelle Einrichtung, die passenderweise einen musikalischen Schwerpunkt hat, unterteilt sich in einen länglichen Holzbau mit Panoramascheiben und einen tiefer gelegenen Freibereich, der durch drei Meter hohe Mauern gut gesichert ist. Erschlossen wird die Kindertagesstätte durch einen eigenen Aufzug. Rückgewinnung von Stadtraum Komplette Parkhaus-Umbauten sind bislang eher selten: In Köln wurde unlängst das Parkhaus am Friesenplatz von —450 auf 250 Stellplätze zurückgebaut, die den erwarteten Bedarf decken sollen.  Die oberen zwei Etagen wurden neu gebaut und mit 30 Wohnungen gefüllt. Eine neue Stanzmetallfassade von V-Architekten aus Köln, Gewinner eines Wettbewerbs, fasst beide Nutzungen zur Straße hin effektvoll zusammen. Loftcharakter: In Münster integrierten die Architekten Fritzen und Müller-Giebeler die Betonstruktur des Parkhauses Stubengasse in die neuen Laden- und Geschäftsräume in den unteren Etagen. Die obersten Geschosse wurden durch Wohnungen ersetzt. In Münster wurde ein  errichtetes Parkhaus zu einem Wohn- und Geschäftshaus mit Fahrradgarage umgebaut. Auch hier trug man die oberen Geschosse ab und ersetzte sie durch Wohnungen. „Ein nüchterner Zweckbau wurde zum komplexen Raumkunstwerk“, schreiben die Architekten Fritzen und Müller-Giebeler aus Münster. Eigentlich für die Nutzung als Parkhaus optimiert, entfaltet die Stahlbetontragstruktur durch die Setzung in einen neuen Zusammenhang eine ästhetische Wirkung. Das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss mit Mezzanin wurden zu Verkaufs- und Ausstellungsfl•ächen mit Loftcharakter. Das Projekt erhielt als Teil eines Gesamtensembles den Deutschen Städtebaupreis 2010 und den Nationalen Preis für integrierte Stadtentwicklung und Baukultur 2012. In Münstr ist im Inneren noch die Tragstruktur des Parkhauses erkennbar. Solch behutsames Vorgehen bewahrt wenigstens Teile der einstigen Hülle und verhindert, dass die in den massiven Strukturen verbaute „graue Energie“ unnötig verpulvert wird. Hinderlich beim Umbau von Parkhäusern sind oftmals die geringe lichte Höhe und die große Tiefe der Parkhaus-Etagen. Probleme bereitet auch das Gefälle der Fußböden. Die robusten Strukturen vertragen jedoch in der Regel das Einfügen von Lichthöfen und Treppenhäusern. Nennenswerte Fassaden tragen die meisten dieser Zweckbauten ohnehin nicht, sodass ein neues „Gesicht“ leicht vorgehängt werden kann. Dies geschah auch schon in der Vergangenheit, als zahlreiche Parkhäuser ein „Facelifting“ erfuhren. Dennoch wurden einige Parkhäuser auch schon abgerissen und durch Neubauten ersetzt. An der Berliner Briesestraße hatten BeL Architekten aus Köln ™…„2013 den Umbau einer Parkgarage zu Low-Cost-Wohnungen geplant. Das schon sehr weit gediehene Projekt machte aus dem elementierten Gebäude ein labyrinthisches Ensemble von Hofhäusern, wurde dann aber nicht realisiert. Nicht weit vom Potsdamer Platz wird gerade ein von Renzo Piano geplantes, kaum zwanzig Jahre altes Parkhaus zum Großteil wieder abgerissen und durch hochwertigen Wohnungsbau ersetzt – der Bedarf sei nicht vorhanden, heißt es, und die attraktive Lage am neuen Gleisdreieck- Park mache dies wirtschaftlich möglich. Rollback für mehr Lebendigkeit Diese Pilotprojekte machen Mut. Tatsächlich sind es nicht nur bessere Renditen, die beim Umbau von Parkhäusern „herausspringen“. Es sind lebenswertere Städte. Der noch zaghafte, aber absehbare Wandel im Mobilitätsverhalten der Menschen wird die hässlichen Kolosse aus der Ära der „autogerechten Stadt“ verzichtbar machen. Manche vergleichen diese Entwicklung mit dem Obsoletwerden der Pferdeställe in den Städten zu Beginn des 20™…. Jahrhunderts, das den Städten attraktive umgenutzte Remisen beschert hat. Wo trotzdem neue Parkgaragen entstehen, werden sie künftig nutzungsneutral ausgelegt, mit lichteren, ebenen Decks und repräsentativeren Entrees, sodass sie jederzeit umnutzbar sind, wenn etwa selbstfahrende Autos an die Stelle individueller Fahrzeuge treten sollten. Ausgerechnet im Auto-Land USA gibt es hierzu Pilotprojekte von Investoren. Vielerorts weicht man bislang eher in den Keller aus und baut Tiefgaragen – eine neue Form der (optischen) Verdrängung des Autos, die das Bauen weiter verteuert. Dabei könnten die Planungsämter in gut erschlossenen Lagen auch die Zahl der geforderten Stellplätze senken, wie es zum Teil schon geschieht. München geht im Einzelfall schon bis auf Š0,3‹ Stellplätze pro Wohnung herunter – in Kassel beispielsweise liegt der Wert derzeit noch bei unzeitgemäßen 1,5’. Ein frühes Pionierprojekt für eine Parkhaus- Umnutzung ist übrigens noch immer in Berlin zu besichtigen: Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) bauten Dieter Frowein und Gerhard Spangenberg ‘–—˜1986 ein Parkhaus am Kottbusser Tor zu einer Kindertagesstätte um. Den Mittelpunkt bildet ein über drei Etagen reichendes Glashaus. Bereits mit dieser Umnutzung sollte laut IBA „der Nachweis erbracht werden, dass auch städtebauliche Fehlplanungen der ‘–˜Š1960er-Jahre sinnvoll weitergenutzt und ökologisch nachhaltig umgebaut werden können“. Damals sangen die Talking Heads visionär: „Once there were parking lots; now it´s a peaceful oasis“. Manchmal dauert es eben etwas länger, bis sich wegweisende Ideen durchsetzen. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Erneuern“ finden Sie in unserem DABthema Erneuern ™…™.

In meinem Namen

Foto: Fotolia Liegt ein urheberrechtlich geschütztes Werk der Baukunst vor, hat der Architekt ein Recht auf Namensnennung – am Gebäude und bei der Verwendung von Fotos. Text: Frank Dittschar Ein Architekt hat das Recht auf Anerkennung seiner Urheberschaft sowie das Bestimmungsrecht, ob und wie sein Werk mit einer Urheberbezeichnung zu versehen ist. So gibt es die klare Regelung aus §13  Urheberrechtsgesetz (UrhG) vor. In diesem Sinne urheberrechtlich geschützt sind gemäß §2ƒ UrhG allerdings nur solche Werke der Baukunst, die als persönliche geistige Schöpfungen über eine hinreichende Individualität verfügen. Für gängige Zweckbauten, die sich in ihrer baulichen Gestaltung aus der Masse alltäglicher Bauvorhaben ästhetisch nicht hervorheben, kommt ein Urheberrechtsschutz in der Regel nicht in Betracht (siehe dazu auch „Kein Urheberrecht bei reinen Zweckbauten“). Je mehr ein Bauwerk durch seine Funktion, durch die technische Konstruktion und durch das Umfeld vorgegeben ist, desto deutlicher muss es sich von durchschnittlichen Lösungen gestalterisch abheben, um Urheberrechtschutz genießen zu können (Schulze/Dreier, Urheberrechtsgesetz, Kommentar, –5. Aufl—age 2015ƒŠ–, §2 ƒ Rn 183). Das Urheberrecht kann sich dabei auch nur auf einen Teil des Bauwerks beziehen, wie zum Beispiel auf die Fassade. Sobald eine hinreichende Individualität vorliegt, entsteht der Urheberrechtsschutz automatisch mit dem Scha™ffensprozess, es sind keinerlei Formalien zu erfüllen. In der Praxis ist leider zu beobachten, dass das Namensnennungsrecht des Architekten mitunter eher stiefmütterlich behandelt wird. Für die Namensnennung gibt es indes gute Gründe: Zum einen hat der Architekt ein schützenswertes Interesse daran, keine irrigen Vorstellungen über die Urheberschaft an dem von ihm entworfenen Bauwerk aufkommen zu lassen. Zum anderen kann der Architekt das Recht beanspruchen, den aus der Namensnennung erwachsenden Werbee™ffekt für sich zu nutzen. Nennung schriftlich vereinbaren Bei der praktischen Umsetzung des Namensnennungsrechts des Architekten sind verschiedene Konstellationen zu unterscheiden: Sofern zwischen dem Architekten und dem Bauherrn keine Vereinbarungen über die Namensnennung bestehen, kann man mit guten Argumenten vertreten, dass der Bauherr und jeder spätere Eigentümer das Namensnennungsrecht des Architekten grundsätzlich von sich aus zu beachten und einen entsprechenden, angemessenen Hinweis auf den Architekten an dem Bauwerk anzubringen hat, sofern kein entgegenstehender Wille des Architekten erkennbar ist. Mindestens erforderlich sind der Vor- und Nachname des Architekten (sowie die etwaiger Miturheber). Hierauf kann der Architekt auch nachträglich bestehen. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass ein Hinweis am Bauwerk in der Praxis bisher eher unüblich ist. Die Kritiker eines generellen Namensnennungsrechts des Architekten ziehen diese „Branchenübung“ als Argument dafür heran, dass ein Hinweis auf den Architekten am Gebäude nur auf dessen ausdrückliches Verlangen hin erforderlich sein soll. Die Rechtsprechung ist diesem Ansatz bisher nur teilweise entgegengetreten und erkennt zumindest an, dass eine „Branchenübung“ je nach Einzelfall auch stillschweigend in einen Architektenvertrag miteinbezogen sein kann. Bereits vor diesem Hintergrund ist eine vorherige Abstimmung zwischen Bauherrn und Architekten über die Namensnennung und deren konkrete Umsetzung empfehlenswert, um späteren Streit zu vermeiden. Noch größere Rechtssicherheit schaff™t eine schriftliche Vereinbarung über die Namensnennung. Auf eine solche Vereinbarung sollte der Architekt regelmäßig bestehen, da diese ihm ermöglicht, in Abstimmung mit dem Bauherrn alle relevanten Details dauerhaft festzuschreiben, im Falle einer gewünschten Namensnennung beispielsweise, welche Elemente die Nennung enthalten soll, wo der entsprechende Hinweis am Gebäude anzubringen ist und in welcher Form dies zu geschehen hat. Sollte im Einzelfall für das Bauwerk mangels hinreichender Individualität kein Urheberrechtsschutz bestehen, ist eine schriftliche Vereinbarung für den Architekten letztlich die einzige Möglichkeit, seine Namensnennung zu erreichen. Nennung auch bei Fotos Zu Unstimmigkeiten führen in der Praxis auch immer wieder mediale Abbildungen von urheberrechtlich geschützten baukünstlerischen Werken, zum Beispiel auf Webseiten, bei denen der Architekt nicht als Urheber genannt wird. Auch in solchen Fällen ist grundsätzlich das Namensnennungsrecht zu beachten. Die in § –59 UrhG geregelte „Panoramafreiheit“ gestattet es zwar, die äußere Ansicht von Bauwerken an öff™entlichen Wegen, Straßen oder Plätzen zu fotografieren, zu verbreiten und öff™entlich wiederzugeben. Dadurch dürfen indes die Rechte des Architekten auf Anerkennung seiner Urheberschaft und auf Namensnennung gemäß § 13 UrhG nicht ausgehöhlt werden. Dies hat für das österreichische Urheberrechtsgesetz im Jahr ƒŠ2013 das Oberlandesgericht Wien entschieden (Beschluss vom 13. November 2013 ƒŠ, Az.: Œ4 R 184‹Œ/13b: siehe dazu auch „Werter Name“). In Deutschland hat der Bundesgerichtshof bereits 1994 klargestellt, dass sich das Namensnennungsrecht des Urhebers „eindeutig auf Werkverkörperungen jeder Art, Original und Vervielfältigungsstücke“ bezieht (Urteil vom 16. Juni 1994Œ, Az.: ZR 3/92ƒ). Das Landgericht München I hat entschieden, dass der Urheber auch bei einer Abbildung seines Werkes in einem Prospekt oder im Internet angemessen zu benennen ist (Urteil vom 4. Juni 2003ƒŠŠ, Az.: ƒ21 O ‹18766/Š01). Daher ist in Fällen, in denen der Urheber ein berechtigtes Interesse daran hat, dass sein Name bei der Veröffentlichung genannt wird, das Namensnennungsrecht zu berücksichtigen. Dies wird etwa bei einer medialen Abbildung eines Bauwerks zu Werbezwecken oder bei einer gezielten Berichterstattung über das Gebäude der Fall sein, nicht hingegen, wenn das Objekt im Rahmen allgemeiner Berichterstattung lediglich als „Beiwerk“ oder zur Illustration einer bestimmten Örtlichkeit gezeigt wird. Unterlassungsanspruch und Abmahnung Die Falschbenennung des Architekten stellt ebenso einen Verstoß gegen § †‡13 UrhG dar wie die fehlende Benennung. Wird das Namensnennungsrecht des Architekten verletzt, kann dieser vom Bauherrn beziehungsweise vom Eigentümer die Unterlassung des hiermit einhergehenden Urheberrechtsverstoßes und somit die Aufnahme eines entsprechenden Hinweises an dem Bauwerk verlangen. Dieser Anspruch kann in dringenden Fällen sogar im Wege des Eilrechtsschutzes geltend gemacht werden, indem der Architekt den Erlass einer einstweiligen Verfügung bei Gericht beantragt. Zur Vermeidung einer gerichtlichen Auseinandersetzung kann eine außergerichtliche Abmahnung vorgeschaltet werden, also ein Schreiben, in dem auf den Urheberrechtsverstoß hingewiesen und dem Empfänger zugleich unter Fristsetzung Gelegenheit gegeben wird, die erforderliche Nennung freiwillig nachzuholen. Darüber hinaus stehen dem Architekten auch Auskunfts- und Schadensersatzansprüche zu. Dieselben Grundsätze gelten, wenn das Namensnennungsrecht des Architekten im Zusammenhang mit medialen Abbildungen verletzt wird. In diesen Fällen bestehen die Ansprüche des Urhebers gegenüber dem Betreiber der Webseite beziehungsweise dem Herausgeber der Publikation. Architekten verfügen damit über ein wirksames rechtliches Instrumentarium, um ihre Urheberrechte im Falle der fehlenden oder fehlerhaften Namensnennung durchzusetzen. Hiervon sollten sie konsequent Gebrauch machen. Dr. Frank Dittschar ist Rechtsanwalt und Assoziierter Partner im Düsseldorfer Büro der Kanzlei Kapellmann und Partner Rechtsanwälte mbB. Sein Tätigkeitsschwerpunkt ist die Beratung und Vertretung von Mandanten zu Fragen des geistigen Eigentums und des Wettbewerbsrechts. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier