„Der Unterschied ist gewaltig“

Barbara Pampe leitet seit 2014 den Projektbereich Pädagogische Architektur bei der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Nach der Arbeit in verschiedenen Architekturbüros gründete sie 2011 mit Vittoria Capresi „baladilab“. Das Foto zeigt die Architektin bei der Präsentation der Workshopergebnisse „Profil einer Bildungslandschaft“ auf dem Fachkongress Bildungscampus Efeuweg im September letzten Jahres in Berlin. Wie können Architekten aktuellste pädagogische Konzepte räumlich umsetzen? Wir sprachen mit Schulexpertin Barbara Pampe über falsche Vorstellungen, böse Überraschungen und die Relevanz der Phase Null. Interview: Brigitte Schultz Frau Pampe, was ist derzeit die größte Herausforderung für Architekten im Schulbau? Sich freizumachen von den eigenen Schulerfahrungen. Die meisten von uns haben noch ein konventionelles Bild von Schule – und so entwerfen wir dann. Aber die Nutzer, die pädagogischen Konzepte und die Aufgaben einer Schule haben sich gewandelt. Doch darüber wurden die Architekten nie wirklich informiert. Bekommt man diese Informationen nicht mit einer Wettbewerbsauslobung? Viele Wettbewerbe basieren immer noch auf Musterraumprogrammen in Form von Raumlisten. Räumliche Zusammenhänge oder Aktivitäten werden nicht beschrieben. In anderen Bereichen, zum Beispiel im Krankenhaus- oder Bürobau, ist eine vorgeschaltete Phase Null selbstverständlich. Da klärt man zuallererst, welche Nutzungen untergebracht werden müssen, wie die Zusammenarbeit aussieht, wer wie oft im Büro ist und wie oft woanders oder wie große Teams sich treffen. Bei Schulen hat man das nie gemacht, weil es eben diese Raumlisten gab. Wann wurden denn die Raumlisten erstellt? Die Grundlage ist wahrscheinlich vor 100 Jahren entstanden und basiert auf der damaligen Organisation einer Schule: ein Tisch, zwei Schüler dran, Mindestabstand zur Tafel, Gang zur Tür: ergibt x Quadratmeter pro Klasse. Und das Ganze immer für einen Lehrer und eine gleich große Gruppe von Schülern. Aber heute passieren in einer Schule ganz andere Dinge: Projekte werden gemacht und präsentiert, es wird teamorientiert, jahrgangsübergreifend und inklusiv gearbeitet, in verschiedenen Gruppen … Die Schüler sind ganztags da, müssen essen und sich erholen können. Das Nutzungsspektrum hat sich komplett gewandelt. Doch in die Raumprogramme ist das fast nie eingeflossen. „Das Nutzungsspektrum hat sich komplett gewandelt. Doch das ist nicht in die Raumprogramme eingeflossen.“ Um das zu ändern, engagieren Sie sich mit der „Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft“ für die Phase Null im Schulbau. Was macht eine gute Phase Null aus? Die Phase Null stellt die entscheidenden Weichen für den gesamten Planungsprozess. Hier müssen alle Beteiligten gemeinsam – und das ist ziemlich komplex im Schulbau – ein Raumprogramm mit Raumzusammenhängen, Nutzungsüberlagerungen und Anforderungen an die Raumqualitäten erstellen, das eine belastbare Grundlage für die weitere Planung ist. Da geht es auch um einen klugen Umgang mit dem Budget: Wie viele Quadratmeter sind möglich, worauf kann verzichtet werden, für was kann man andere Räume mitnutzen, vielleicht sogar im Stadtteil? Seit 2012 haben Sie zehn Kommunen mit je 100.000 Euro bei einer Phase Null unterstützt. Wie werden die Mittel in den Pilotprojekten eingesetzt? Mit einem Großteil wird ein Schulbauberatungsteam finanziert. Es besteht jeweils aus einem Architekten und einem Pädagogen und moderiert, berät, begleitet und steuert den Phase-Null-Prozess, zum Beispiel durch Workshops. Ein wichtiger Bestandteil ist auch eine Exkursion, bei der alle Beteiligten – das Schulverwaltungsamt, das Hochbauamt, Lehrer, Eltern, Schüler, manchmal auch Menschen aus dem Stadtteil oder der Politik – drei Schulen besuchen, die ähnliche Aufgaben beispielhaft gelöst haben. Wie weit muss man für beispielhafte Projekte fahren? Noch vor zehn Jahren hätte ich gesagt: ins Ausland. Mittlerweile kann man auch innerhalb Deutschlands beobachten, wie die veränderte Nutzung von Schulen mit Architektur zusammengeht (siehe auch aktueller Beitrag Die Schulbauwelle). Was ist bei einem solchen Beteiligungsprozess besonders zu beachten? Die größte Aufgabe ist es, ein gemeinsames Verständnis von räumlichen und pädagogischen Voraussetzungen und Zusammenhängen zu etablieren. Wichtig für Entscheidungen ist eine möglichst kleine Lenkungsgruppe – die können nicht 30 oder 40 Personen in Workshops treffen. Und dieses System muss natürlich gut kommuniziert sein, damit jeder weiß, welchen Einfluss er auf den Prozess hat – und welchen eben nicht. Wie sind Ihre Erfahrungen aus den bisherigen Pilotprojekten? Der Unterschied zu einem herkömmlichen Prozess, der ja oft ganz ohne eine Phase Null abläuft, ist schon gewaltig. Wenn die Schulgemeinde zum ersten Mal im Rahmen eines Realisierungswettbewerbs involviert wird, ist sie als Gruppe von Laien oft nicht in der Lage, plötzlich Grundrisse zu bewerten. Oft kommen dann die Überraschungen – und die Beschwerden – erst, wenn schon gebaut wird. Die Phase Null hingegen qualifiziert alle Beteiligten. Danach haben die Architekten ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse der Schule, und die Schulleitung kann bei architektonischen Fragen kompetent mitreden. Die Rollen sind klar und damit ist die Zusammenarbeit für den Rest des Planungsprozesses schon sehr gut eingespielt. Was passiert idealerweise nach einer guten Phase Null? Darüber denken wir gerade gemeinsam mit unseren Pilotkommunen nach. Ist es der offene Wettbewerb, ist es ein Gutachterverfahren oder ein Einladungswettbewerb? Und wie gestaltet man den? Gibt es schon eine Tendenz? Basierend auf den Möglichkeiten der öffentlichen Hand: auf jeden Fall ein Wettbewerb. Aber man muss alles, was man in der Phase Null erarbeitet hat, im Preisgericht auch prüfen. Das geht nicht mit 100 Arbeiten. Also muss man sich etwas Gutes überlegen, um die Teilnahme zu begrenzen – ohne nachher nur die Büros dabeizuhaben, die schon besonders viele Klassenraum- Flur-Schulen gebaut haben. Außerdem muss es wahrscheinlich eine Art Kolloquium oder eine Hospitation in der betreffenden Schule geben, um den teilnehmenden Büros die Ergebnisse der Phase Null lebendig zu vermitteln. Auch das weitere Verfahren muss die in der Phase Null gelebte Partizipation weiterführen. Kern Ihrer Arbeit sind die Schulbauberater – wie qualifiziert man sich dazu? Bei uns hat sich das aus der Arbeit am Thema entwickelt. Wir kannten Pädagogen und Architekten, die bereits als Berater zusammengearbeitet haben. Nach den ersten Pilotprojekten haben wir dann gemerkt, dass der Bedarf aus unserem Beraterpool kaum zu decken ist. Deswegen haben wir zweimal eine Weiterbildung für Architekten und Pädagogen angeboten. Aber ohne intensive Vorerfahrungen geht es nicht. Bieten Sie diese Weiterbildung weiterhin an? Dieses Jahr haben wir es nicht geschafft. Eigentlich wäre es toll, einen anderen Träger dafür zu finden. Die Anfragen von Schulen oder Kommunen mehren sich gerade. Der Bedarf steigt. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Gebildet“ finden Sie in unserem DABthema Gebildet

Vorsicht bei der Vergabe

Foto: Fotolia Um nicht EU-weit auszuschreiben, werden Planungsaufträge oft gesplittet. In manchen Fällen ist aber eine Aufaddierung richtig. Eine aktuelle Gerichtsentscheidung gibt Anlass zu Diskussionen. Text: Eric Zimmermann und Fabian Blomeyer Alles fing an mit einer Mehrzweckhalle, der Autalhalle in Niedernhausen, die saniert werden sollte. Statt die Architektenleistungen EU-weit auszuschreiben, wie es bei einer Gesamtbetrachtung des Auftragswerts eigentlich erforderlich gewesen wäre, wurde der Auftrag aufgesplittet, sodass die einzelnen Planungsleistungen unter der Schwelle lagen. Zu Unrecht, wie der Europäische Gerichtshof (EuGH) aufgrund einer Klage der Europäischen Kommission mit Urteil vom 15. März 2012 feststellte (Az.: C-574/10). Nach dem EuGH wiesen die Architektenleistungen „in wirtschaftlicher und technischer Hinsicht eine innere Kohärenz und eine funktionelle Kontinuität auf, die durch die Aufteilung dieser Leistungen in verschiedene Abschnitte entsprechend dem Rhythmus der Ausführungen der Arbeiten, auf die sie sich bezogen, nicht als durchbrochen angesehen werden können“. Deshalb seien sie im Hinblick auf die Auftragswertermittlung zusammenzurechnen; auch dann, wenn Teilaufträge – zum Beispiel aus haushalterischen Gründen – einzeln vergeben werden sollten, ist ein Gesamtauftrag nicht künstlich aufzuteilen. In Elze sollte in den Jahren 2013/14 ein Freibad in zwei Bauabschnitten saniert werden. Ausgeschrieben waren die Objektplanung, die Planung für Tragwerk und die technische Ausrüstung (Heizung-, Sanitärund Elektroinstallation); sie sollten von unterschiedlichen Fachplanungsbüros übernommen werden. Obwohl der addierte Auftragswert über dem Schwellenwert lag, gab es jeweils keine europaweite Ausschreibung der einzelnen Planungsleistungen. Die Europäische Kommission vertrat die Ansicht, dass sich Planungsleistungen auf das einheitliche Bauvorhaben der Sanierung des Freibades bezögen und jeweils typische Architektenleistungen zu erbringen wären. Klage beim EuGH reichte die Europäische Kommission am Ende doch nicht ein, weil nach Ansicht der Kommission der Bau abgeschlossen sei und damit eine „aktuelle“ Vertragsverletzung, wie dies für die Zulässigkeit einer Klage vor dem EuGH Voraussetzung ist, nicht mehr vorliege. Nicht gleichartige Planungsleistungen sind weiterhin nicht zusammenzurechnen Bei der Reform des Vergaberechts 2016 war zunächst angedacht worden, in § 3 Vergabeverodnung (VgV), der sich mit der Schätzung des Auftragswerts beschäftigt, eine Regelung aufzunehmen, wonach der Wert der Leistungen, die in einem funktionalen Zusammenhang stehen, zusammenzurechnen sei. Im Ergebnis entschied sich der Verordnungsgeber gegen die Addition. Nicht gleichartige Planungsleistungen sind nach § 3 Abs. 7 VgV weiterhin nicht zusammenzurechnen. Das sind solche Planungsleistungen wie in Elze, die sich von ihrer Art und ihrem Inhalt, aber auch in Bezug auf die Qualifikation des jeweiligen Planers unterscheiden. Wenn es jetzt mancherorts – zum Beispiel im Staatsanzeiger Baden-Württemberg vom 10. März – heißt, dass „Planungsleistungen funktional addiert werden“ müssen, stellt dies eine Meinung dar, aber keinesfalls die vergaberechtliche Rechtslage. Die Auffassung, Planungsleistungen seien sowohl nach der Neufassung des § 3 VgV einschließlich der „Gesetzesbegründung“ sowie nach der Rechtsauffassung der EU-Kommission pauschal zusammenzuaddieren, entspricht gerade nicht der Intention des Verordnungsgebers. Schließlich überrascht, dass die Europäische Kommission nun das deutsche Vergaberecht von sich aus bestimmen kann. Wäre es nicht Aufgabe der Kommission, eine rechtliche Klärung beim EuGH herbeizuführen, wenn sie sich ihrer Argumentation so sicher ist? Vermeintlichen Rückenwind erhält diese Ansicht von einem aktuellen Beschluss des OLG München (13.03.2017 – Az.: Verg15/16). Das OLG hat Zweifel, ob der Wortlaut der Auftragswertberechnung im deutschen Vergaberecht in Einklang mit europarechtlichen Vorgaben steht. In der Entscheidung heißt es aber, dass es vorliegend „keiner abschließenden Entscheidung“ bedürfe: „Jedenfalls im streitgegenständlichen Fall ist eine Addition vorzunehmen“, so die Münchener Richter. Denn der Auftraggeber selbst habe die notwendigen Planungsleistungen für sein Bauvorhaben wie folgt beschrieben: „Die Planungsdisziplinen der Tragwerksplanung, der technischen Ausrüstung, der thermischen Bauphysik und nicht zuletzt der Objektplanung müssen daher lückenlos aufeinander abgestimmt und optimiert werden. Sie bilden eine Einheit ohne Schnittstellen.“ Der Auftraggeber hat also selbst eine Einheitlichkeit beziehungsweise einen funktionellen Zusammenhang der benötigten Planungsleistungen festgestellt. Eine Notwendigkeit der Vorlage an den EuGH erkannte das Gericht daher nicht. Das verwundert, zieht doch das Gericht die Möglichkeit in Betracht, dass der deutsche Verordnungsgeber sich nicht an das Europarecht hält. Ein zweites Mal wurde so die Chance einer Klärung durch den EuGH vergeben. Wo EU-Fördermittel fließen, sollten Kommunen besser Vorsicht walten lassen Die Folge ist, dass weiterhin ein hohes Maß an Unsicherheit besteht. Anwaltskanzleien wenden sich bereits an Gemeinden und empfehlen, künftig regelmäßig die Auftragswerte aller Planungshonorare zu addieren. Deshalb gilt: Kommunen sollten dort, wo EU-Fördermittel gewährt werden, angesichts der Haltung der EU-Kommission tatsächlich Vorsicht walten lassen und sich im Zweifel mit dem Fördermittelgeber absprechen, wie der Auftragswert zu berechnen ist. In den anderen Fällen sollte zuvörderst deutsches Recht angewandt werden. Der Verordnungsgeber hat sich gegen eine pauschale Additionspflicht ausgesprochen, das OLG München betont den Einzelfallcharakter seiner Entscheidung. Maßgeblich sei die konkrete Leistungsbeschreibung des Auftraggebers. Eine klare Differenzierung nach Art und Inhalt der Planungsleistungen und Qualifikationen der jeweiligen Planer erscheint deshalb für die Entscheidung für einen Vergabeweg in jedem Fall notwendig. Eric Zimmermann ist Justiziar der Architektenkammer Baden-Württemberg. Fabian Blomeyer ist Vorsitzender des Rechtsausschusses der Bundesarchitektenkammer und Rechtsanwalt in Schäftlarn. Mit freundlicher Genehmigung des Staatsanzeigers Baden-Württemberg und der Bayerischen Staatszeitung, die den Artikel am 28. April 2017 veröffentlichten. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Von Architekturpreisen, Energieeffizienz, Abfallmanagement und neuem Glanz

Der Rheinboulevard in Köln Von Architekturpreisen, Energieeffizienz, Abfallmanagement, neuem Glanz, und einer App für Stadtentdecker: die Meldungen der Ausgabe. Urbane Tribüne Gegenüber der Kölner Altstadt ist mit dem ersten Bauabschnitt des Rheinboulevards eine neue Bühne städtischen Lebens entstanden. Gleichzeitig ist die 500 Meter lange Ufertreppe auch umgekehrt eine Tribüne, vor der sich der Fluss und das Dom-Panorama ausbreiten. Für ihren Entwurf wurde das Berliner Büro Planorama nun mit dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis 2017 des bdla ausgezeichnet. Mit dem neuen Boulevard gelang es, die Deutzer Uferseite zu beleben – und ganz nebenbei wird der Rhein nicht mehr als Grenze erfahren, sondern als Zentrum eines Stadtraums. Energieeffizienz im Vergleich Die Bundesarchitektenkammer und die KfW laden alle Architekten zur Teilnahme an einer Online-Befragung zum Thema energieeffizientes Bauen und Sanieren ein. Die energie- und kostenbezogenen Daten realisierter Neubauten oder Sanierungen sollen zukünftig dabei helfen, zuverlässige Aussagen über das Verhältnis von Baukosten und energetischem Standard zu treffen. Besonders gelungene Projekte werden anschließend veröffentlicht, um Bauherren praktische Hinweise zu baulicher Umsetzung, technischen Lösungen, Planungsprozessen und Förderungen zu geben. Die Befragung dauert etwa 20 Minuten, vorausgesetzt, die nötigen Unterlagen (u. a. Energieausweis) liegen vor. Das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt. Unter den Teilnehmern werden drei iPads verlost (der Rechtsweg ist ausgeschlossen). www.energiewende-mit-architekten.de Der Menüpunkt „Für Architekten“ führt zur Umfrage Neuer Glanz Nach 16 Monaten Bauzeit wurde am 11. Mai die Kapelle der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche wiedereröffnet. Durch Abnutzung und Umwelteinflüsse war der Flachbau neben dem Glockenturm sanierungsbedürftig geworden. Besonders aufwändig waren die Ausbesserung und die Reinigung der Betonsteine mit ihren bunten Glaseinlagen. Die erforderlichen 1,4 Millionen Euro stellte die Wüstenrot Stiftung bereit, die sich mit zahlreichen Projekten für den Erhalt der Nachkriegsmoderne einsetzt. Weiteres Geld soll in eine Bauuntersuchung des Glockenturms fließen. Weniger Müll Baustoffe zu gewinnen oder herzustellen, verbraucht Ressourcen. Ein Leitfaden des baden-württembergischen Umweltministeriums informiert über das Abfallmanagement auf Baustellen, thematisiert den sparsamen Umgang mit Erdaushub und die beste Wahl von Baustoffen. Zum Download gelangen Sie hier Positionen zu Europa Es ist wieder documenta-Jahr. Da lohnt ein Abstecher in den Kulturbahnhof, wo seit 1998 engagierte Planer im historischen Hauptbahnhof das Kasseler Architekturzentrum KAZimKUBA betreiben. Bereits zum vierten Mal wird dort die documenta durch die Ausstellung „architectdocuments“ spielerisch oder ernst, ironisch oder tiefgründig begleitet. Dieses Mal präsentieren 25 internationale Architekten und Städtebauer ihre Gedanken zum Thema „Europa“ – ein Schwerpunkt, der bestens zum Motto der documenta „Von Athen lernen“ und zu ihrem zweiten Standort in der griechischen Hauptstadt passt. Die Ausstellung läuft vom 10. Juni bis zum 17. September. www.kazimkuba.de Im urbanen Dschungel Schöne Radwege kartieren, witzige Häuser fotografieren, Graffitis zählen oder auf besonders laute Orte hinweisen: All das ist möglich mit der hervorragend gestalteten App „Stadtsache“, die von StadtBauKultur NRW unterstützt wird und weltweit einsetzbar ist. Dass Kinder und Jugendliche dabei auch viel über Architektur und Städtebau lernen, tritt in den Hintergrund. Schon das Angucken der vielen tollen Bilder macht sicher auch Erwachsenen Lust auf eigene Stadtforschungen. Die zugehörige Website kann mit verständlicher Sprache, hilfreichen Foto-Tipps (sogar rechtlichen) und einer Umfrage punkten. Auch ein „Workbook“ für den Einsatz im Unterricht ist erschienen. www.stadtsache.de Klimaneutral bis 2050 Konzepte für energetisch ambitionierte Gebäude und Quartiere sind gefragt beim Ideenwettbewerb „EnEff.Gebäude.2050“. Dahinter steht die Zielsetzung eines nahezu klimaneutralen Gebäudebestands im Jahr 2050. Teams aus Planern und Bauherren können bis zum 15. August teilnehmen. Bis zum 15. September haben Stadtverwaltungen und Hochschulen Zeit, ihre Konzepte für einen zukünftigen internationalen Energiewettbewerb einzureichen. Dieser soll an die erfolgreichen deutschen Teilnahmen am „Solar Decathlon“ anknüpfen, aber dabei bis auf die Quartiersebene bezogen sein. Auslober ist der Projektträger Jülich. www.ptj.de  

Leben inklusive

Vier Beispiel-Projekte aus den Regionalkonferenzen „Inklusiv gestalten – Ideen und gute Beispiele aus Architektur und Stadtplanung“, die Barrierefreiheit und kreative, anspruchsvolle Gestaltung vereinen. Texte: Christoph Gunßer Ensemble mit Zwischenräumen Mehrgenerationenwohnen, Praxen und ein Café verteilen sich auf sieben neue Stadthäuser in der Augsburger Innenstadt. Architektenkammer Bayern, Projekt „Wohnen am Römertor“: Mehrgenerationenwohnen, Architekt Roman Adrianowytsch, Augsburg Freie Mobilität für alle: Dieses Motto bezieht sich hier einmal nicht auf Autofahrer, sondern auf die Bewohner der 37 Apartments im Modellprojekt „Wohnen am Römertor“, das der Augsburger Architekt Roman Adrianowytsch unlängst unter der Regie des Wohnungs- und Stiftungsamts der Stadt realisiert hat. Zwischen Theater und Hofgarten – zentraler geht es kaum in Augsburg – integriert das Projekt sein komplexes Programm in die kleinteilige Baustruktur, indem es die Wohnungen, Treffpunkte und Praxen auf sieben neu errichtete Stadthäuser verteilt. Diese sind miteinander wie ein Reißverschluss verzahnt: Abwechslungsreiche Flure verbinden die Baukörper auf allen Etagen, und auf dem Dach gibt es gemeinschaftlich nutzbare Dachterrassen, im Hof wurden ein Gemeinschaftsgarten sowie ein Spielplatz angelegt. „Nachbarschaftliches, gemeinschaftliches Wohnen kann entscheidend zu einer sozialen Stadtentwicklung, zu Integration und der Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung beitragen“, formuliert das federführende Wohnungsamt die Zielrichtung des Projekts, das den zuvor realisierten Umbau eines benachbarten Pflegeheimes zu einer Haus- und Pflegegemeinschaft ergänzt. Im „Wohnen am Römertor“ war bewusst keine geschlossene Wohnanlage gewünscht, sondern der Bauherr strebte ein kleinteilig differenziertes Konzept für mobile und mobilitätseingeschränkte Menschen gleichermaßen an. Der verwirklichte erste Preis im Realisierungswettbewerb öffnet sich deshalb immer wieder nach außen wie nach innen: Die Zwischenräume, in denen sich Bewohner und Besucher begegnen, spielen eine wesentliche Rolle. Der Wohnungsmix umfasst alles zwischen eineinhalb und vier Zimmern, dazwischen liegen eingestreut die Räume, wo man sich begegnet. Die Eingänge zu den Wohnungen befinden sich jeweils in Nischen, zurückgesetzt vom Flur. Belichtet werden sie durch die Fugen zwischen den gegenüberliegenden Häusern. Außerdem steht der Hausgemeinschaft in jedem Geschoss ein Wasch- und Trockenraum zur Verfügung. So soll eine zwanglose Kommunikation entstehen. Als ruhiges Pendant zu diesen Zonen verfügt jede Wohnung über eine Loggia oder einen französischen Balkon. Trotz des verschachtelten Grundrisses auf vielen Ebenen sind alle Bereiche tatsächlich barrierefrei gestaltet – schließlich lautete die Devise ja „Mobilität für alle“. Durch die Verkettung der Häuser genügte ein zentraler Aufzug, um die Wohnungen behindertengerecht zu erschließen. Die Vorzonen der Wohnungen sind sehr geräumig ausgebildet. Neben Sitzbänken gibt es genug Platz, um Gehhilfen oder Rollstühle abzustellen. In den Wohnungen sind viele Fensterbrüstungen abgesenkt, um auch Rollstuhlfahrern den Ausblick zu ermöglichen. Zum Straßenniveau gilt es vom Hochparterre indes teilweise Stufen zu überwinden. Dort wird jedoch eine Hubvorrichtung für Rollstühle angeboten.   Integrationsmodell am See Eine Gärtnerei und ein Hotel in Waren an der Müritz florieren dank der Arbeit behinderter Menschen. Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern, Projekt „Arbeit und Bildung“: Lebenshilfswerk Waren/Müritz, Architekt Dipl.-Ing. Friedhelm Haas, Haas Architekten Berlin Wie sich behinderte Menschen in den Alltag integrieren lassen und sogar wirtschaftlich erfolgreich arbeiten, zeigt ein Modellprojekt auf der Halbinsel am Tiefwarensee in Waren an der Müritz, das bereits seit 15 Jahren besteht. Hier errichtete der Berliner Architekt Friedhelm Haas für das Lebenshilfswerk Waren auf der Fläche der ehemaligen Stadtgärtnerei einen öffentlichen Schaugarten in Verbindung mit einer Gewächshausanlage sowie ein Besucherzentrum für den Tiefwarensee. Das benachbarte ehemalige Internatsgebäude und die ehemalige Bürgermeistervilla aus der Zeit um 1900, beide denkmalgeschützt, wurden zu einem Drei-Sterne-Hotel umgebaut, in dem behinderte Menschen arbeiten. Als einziges Hotel am Ufer des Sees liegt es inmitten eines Parks in bester Lage. Dem Architekten gelang es, Hotel und Gärtnerei zu einem Ensemble zu formen. Die Gärtnerei bietet Arbeitsplätze für dreißig behinderte Menschen, die von dreißig Gärtnern betreut werden. In den mit breiten Gängen und Hochbeetanlagen behindertengerecht gestalteten Gewächshäusern werden die Zierpflanzen für die Grünanlagen der Stadt vermehrt, und sie dienen als Schaugewächshäuser für Besucher. Eingebettet in den stadtnahen barocken Park, bilden sie einen wichtigen Anlaufpunkt für die Touristen in Waren. Die Gewächshäuser sind ein Spezialgebiet des Architekten. Sie wurden hier als leichte Stahl-Glas-Konstruktion ausgeführt, die sich einmal mit einem Schrägdach an das Besucherzentrum anlehnt, wo die Südwand als Speichermasse aus Torfbrandklinkern gemauert wurde, zum andern frei stehend den Hofraum zur Hotelanlage räumlich fasst. Beides sind Warmhäuser, die auch exotische Pflanzen beherbergen; es werden Führungen von behinderten Menschen angeboten. Das angegliederte Besucherzentrum ist ein flach lagernder Quader – Architekt Haas konnte ihn im Rahmen eines vorhabenbezogenen Bebauungsplanes in Gänze gestalten. Die Kubatur bleibt unterhalb der Baumkronen und wurde auch im Detail zurückhaltend und kompakt gestaltet. Auf einem Sockel aus Torfbrandklinkern besteht die stadtseitige Fassade aus Lärchenholzschindeln, die mittlerweile vergraut sind, sodass sich der Baukörper vorbildlich in die Landschaft einfügt. Das Dach der Anlage wurde extensiv begrünt, eine Solaranlage integriert. Auch dieses Gebäude ist zumindest im Erdgeschoss barrierefrei gestaltet. Weitere Nebengebäude des Bestandes wurden vom Architekten durch neue Fassadenbekleidungen in das Gesamtkonzept integriert und unter anderem durch die Ergänzung von Rampen barrierefrei umgebaut.   Steinteppich und Trittsteine zum Wasser Die Freiräume der „Havenwelten“ in Bremerhaven wurden inklusiv gestaltet. Architektenkammern Niedersachsen, Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Projekt „Freiraum“: Neugestaltung eines Hafengebietes in Bremerhaven, Oliver Keil, Latz und Partner Landschaftsarchitekten, Kranzberg Seit Langem bemüht sich Bremerhaven, den brachliegenden Alten Hafen wieder an die Innenstadt anzubinden und attraktiver zu gestalten. Auf spektakuläre Großbauten wie das „Klimahaus“ folgte nun die umfassende Freiraumplanung durch das Büro Latz und Partner aus Kranzberg. Deren Masterplan sieht vor, die bestehenden Attraktionen in eine Abfolge eigenständiger öffentlicher Plätze und Promenaden einzubetten. Es handelt sich hier um eine spannende Zwischenzone, gleichzeitig Stadt und Landschaft, Gebäude und Freiraum, Hafen und Park. Da die „Wasserkante“ etwa für Sehbehinderte einige Gefahren birgt, achteten die Planer auf eine „inklusive“ Gestaltung, die für alle zugänglich und lesbar ist. So wurde die unmittelbare Uferzone über Material und Ausstattung unterschiedlich zoniert. Gesägtes Großsteinpflaster mit glatten Oberflächen charakterisiert die Hauptbewegungsflächen, während die rauen Oberflächen des gebrauchten Kopfsteinpflasters entlang der Uferkanten dem Fußgänger „Achtung, hier mit Vorsicht bewegen“ signalisieren. Straßenmöblierung und Entwässerungselemente wurden hier eigens für den Ort entwickelt und unterstreichen den besonderen Charakter der Kaianlagen. Neue Multifunktionsmasten ersetzten die alte Straßenbeleuchtung und sorgen für eine gute Ausleuchtung der Gefahrenzonen, denn gerade die Beleuchtung muss vor allem Menschen mit Handicap Teilhabe ermöglichen. Eingebettet in den Steinteppich der wiederbelebten Hafenlandschaft, sind das Klimahaus, die Shopping-Mall „Mediterraneo“ und das Hotel die neuen Attraktionen Bremerhavens. Die Gestaltung spielt mit den unterschiedlichen Höhenniveaus, kombiniert die Gebäude mit repräsentativen Treppen, großzügigen Promenaden und Plätzen über der zweigeschossigen Tiefgarage und stellt den direkten Anschluss zum Weserdeich her. Sehr interessant am neuen Steinteppich ist beispielsweise eine Rampe hinauf zum Klimahaus. Sie wurde nicht, wie üblich, irgendwie am Rand versteckt, sondern durchquert als Hauptgestaltungselement den abgetreppten Freiraum, ohne hässliche Geländer, doch konform zur DIN 18040. In dieser Anlage zeigt sich der allgemeine Trend, die jahrzehntelange Funktionalisierung von Freiräumen aufzuheben und große, einheitliche Flächen zu schaffen. Shared Space, gemeinsam genutzter Raum, lautet hierfür das Stichwort. Jeder muss hier auf jeden Rücksicht nehmen, der Schwächere hat prinzipiell Vorfahrt. In Verlängerung der innerstädtischen Straßen schufen die Freiraumplaner überdies neue Plätze als „Trittsteine“, die zum Wasser führen. Als einer der ersten markiert der Lloydplatz den Eingang zum Hafen. Alle Materialien sind aus Holz und vermitteln als Gegensatz zum rauen Seeklima eine warme und einladende Atmosphäre. Das Deck des Lloydplatzes liegt fast 20 Zentimeter über dem Natursteinteppich, ist aber auch für Gehbehinderte problemlos zugänglich.   Anregung und Schutz Gärten für Demenzkranke erfordern unterschiedliche Räume ohne Zäune sowie einprägsame Zeichen zur Orientierung. Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, Projekt „Freiräume ohne Barrieren“: Beispiele aus Weilerswist, Kerpen und Hösbach, Landschaftsarchitekt Alexander Nix, Büro Contur 2, Bergisch Gladbach Öffentliche Räume werden nun schon häufiger barrierefrei gestaltet – eine alternde Gesellschaft verlangt danach. Doch mit dem Alter kommen auch Krankheitsbilder zum Vorschein, für die eine schlichte Abwesenheit von Hindernissen zu wenig ist – gutes inklusives Gestalten umfasst deutlich mehr als das. Vor allem Demenzkranke bedürfen anderer Angebote und Anreize, um am gemeinschaftlichen Leben teilzunehmen. Die Vorliebe vieler Architekten für eine homogene, großräumige Gestaltung geht an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbei. Ihnen muss die Freiraumplanung einprägsame Zeichen an die Hand geben, die die Orientierung erleichtern, Schutz und Anregung bieten. Sie brauchen unterschiedliche Raumqualitäten auf kleinem Raum, um sich zurechtzufinden, „Ankerplätze“, aus denen sie Situationen überschauen können, um sich geborgen und sicher zu fühlen. Ungeschützt und „ausgestellt“ erleben Patienten regelmäßig Angstzustände. Ebenso gilt es, das Gefühl des Eingeschlossenseins durch Mauern oder Zäune zu vermeiden. Der Landschaftsarchitekt Alexander Nix vom Büro Contur 2 aus Bergisch Gladbach setzt sich mit der Initiative MenschWerk für solche Planungen ein und hat bereits mehrere Gärten für Demenzkranke gestaltet und dabei wesentliche Erfahrungen umgesetzt. Ein wichtiger Aspekt ist die Wegeplanung: Da Sackgassen Demenzkranke überfordern, gilt es, Rundwege zu gestalten. Diese sollten abwechslungsreich sein und sogenannte „Türöffner“ enthalten, die Erinnerungen aktivieren – und Anlass für Gespräche mit Begleitpersonen sein können: besondere Pflanzen, markante Handläufe, Wind- oder Wasserspiele. Die Gestaltung sollte möglichst auf die Biografie der Nutzer abgestimmt werden. Alexander Nix hat sogar Strandkörbe in einen Garten integriert, um bei den alten Menschen Urlaubserinnerungen wachzurufen. Weitere Beispiele aus seinem Repertoire sind „Naschgärten“, Schafgehege und Bouleplätze. Auch Düfte erreichen Demenzkranke unmittelbar. Deshalb lässt man Demenzkranke auch gärtnern, weil es sie in ihrer Ruhelosigkeit beschäftigt. In der baulichen Ausführung empfiehlt der Landschaftsarchitekt indes, Oberflächen eher ruhig zu gestalten: Muster, insbesondere im Bodenbelag, können von Demenzkranken als Barrieren empfunden werden. Ebenso könne sie bereits ein leichtes Gefälle überfordern. Wichtig ist Nix der „Wohlfühlaspekt“ der Gärten, der auch die Angehörigen und Pflegenden einschließt. Seine Initiative MenschWerk bezieht Mediziner und Psychologen ein und hat das Buch „Planungs- Praxis Öffentliche Außenräume  zum Thema veröffentlicht. Planungskonzepte für Demenzkranke enthält auch der Beitrag „Ankern am Hof“ Christoph Gunßer ist freier Fachautor in Bartenstein, Baden-Württemberg. BUCHTIPPS PlanungsPraxis Öffentliche Außenräume Barrierefreie und altersgerechte Planung und Gestaltung nach DIN 18040-3 Der in der DIN 18040-3 neu definierte Bereich „öffentliche Verkehrs- und Freiflächen“ sowie die in der Norm erstmals behandelten Anforderungen des Zwei-Sinne- Prinzips erfordern einen erhöhten Planungsaufwand, denn die Planungen müssen die Anforderungen mit den Bedürfnissen der unterschiedlichen Nutzer und ihren Mobilitätseinschränkungen in Einklang bringen. In dem Buch werden mithilfe von Abbildungen, Detailansichten und realisierten Projekten Lösungen unterbreitet. Es ist im Print- und E-Book- Format sowie als Kombi-Paket verfügbar. Forum-Verlag Herkert GmbH, 1. Auflage 2015, Preis je nach Version 69 bis 99 Euro Alle unter einem Dach Inklusiv gestalten Im Rahmen der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten und von den Länderkammern und der Bundesarchitektenkammer durchgeführten Regionalkonferenzen „Inklusiv gestalten – Ideen und gute Beispiele aus Architektur und Stadtplanung“ wurde unter der Leitung der Architektenkammer Niedersachsen auch die Broschüre „Alle unter einem Dach: Inklusiv gestalten“ erarbeitet. Darin geben unter anderem Architekten Antworten auf die Frage, welche Wohnmodelle sich in den letzten Jahren entwickelt haben. Außerdem werden Beispiele gezeigt und Hintergründe zum Thema vermittelt. Die Broschüre soll Architekten als Leitfaden und Handlungsanleitung dienen und vor allem in der von Architekten geleiteten Seminarreihe „Vom Traum zum Haus/Bauherrenseminar“ bundesweit eingesetzt werden. Die Broschüre steht auf der Website der Architektenkammer Niedersachsen als kostenloses Download-PDF zur Verfügung: www.aknds.de BKI Objektdaten S2 Sonderband Barrierefreies Bauen Der Sonderband zum barrierefreien Bauen des Baukosteninformationszentrums Deutscher Architektenkammern BKI enthält Kostenkennwerte 2017 abgerechneter Bauwerke mit Fotos, Zeichnungen und Objektbeschreibungen. Aufgenommen wurden unter anderem Büro- und Verwaltungsgebäude, Krankenbetreuung und Pflegeheime, Schulen, Kindergärten sowie Wohngebäude und Versammlungsstätten. Enthalten sind zudem Musterpositionen für die Ausschreibung barrierefreier Ausführungen, wie für Rollstuhlrampen für den Außenbereich, für taktile Handlaufbeschriftungen mit Braille- und Profilschrift, für elektromechanische Drehflügeltürantriebe und vieles mehr. Der Sonderband erscheint im August 2017, Preis: 99 Euro. www.bki.de Barrierefreiheit am Denkmal Fachtagung Die gemeinsame Veranstaltung der Architektenkammer und des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt will Wege und Möglichkeiten aufzeigen, wie verantwortungsbewusst und schonend mit erhaltenswerter Bausubstanz umgegangen werden kann, ohne dabei die Bedürfnisse einer inklusiven Gesellschaft und den Wunsch nach individueller Mobilität zu vernachlässigen. Anhand von Best-Practice Beispielen werden die Schwierigkeiten erläutert und Lösungen vorgestellt. 12. Juni, Halle (Saale), Programm und Anmeldung unter: www.ak-lsa.de Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Architektenrecht im BGB

  Foto: Fotolia Eine dreiteilige Serie gibt einen Überblick über die Reform des Bauvertragsrechts und der Mängelhaftung im Kaufrecht. Teil 1: Allgemeines und neues Architektenvertragsrecht Text: Arndt Kresin Der Bundestag hat am 9. März 2017 das Gesetz zur Reform des Bauvertragsrechts und zur Änderung der kaufrechtlichen Mängelhaftung verabschiedet. Das Gesetz tritt am 1. Januar 2018 in Kraft und gilt für Verträge, die ab diesem Tag abgeschlossen werden. Mit der Reform werden erstmals spezielle Regelungen für das Bau- und Architektenrecht in das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) eingeführt. Das BGB trat am 1. Januar 1900 in Kraft. Seitdem oblag es der Rechtsprechung und der Literatur, Antworten auf die oftmals komplexen rechtlichen Fragen bei Planung und Bau zu liefern, die vom Gesetz nicht behandelt wurden. Die Reform ist aber keineswegs das bloße Ende einer „gesetzeslosen“ Epoche. Vielmehr ebnet sie den Weg für die Architekten und Ingenieure, an der zukünftigen Fortentwicklung ihres Rechts im parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren als Interessengruppe mitzuwirken. Änderungen im Recht des Werkvertrages und ähnlicher Verträge Das Recht des Werkvertrages und ähnlicher Verträge im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB), das bislang in den §§ 631 bis 651 m BGB und in den zwei Untertiteln „Werkvertrag“ und „Reisevertrag“ geregelt war, wird mit der Reform grundlegend neu strukturiert und in vier Untertitel unterteilt:
  • Untertitel 1 Werkvertragsrecht §§ 631 bis 650o BGB
  • Untertitel 2 Architekten- und Ingenieurverträge §§ 650p bis 650t BGB
  • Untertitel 3 Bauträgervertrag §§ 650u und 650v BGB
  • Untertitel 4 Reisevertrag §§ 651.ff BGB
Die Neugliederung und Neuerungen dieses Teils des BGB haben dazu geführt, dass selbst inhaltlich unveränderte Regelungen sich nunmehr an anderer Stelle befinden. Mit der Reform werden die vier Vertragstypen „Bauvertrag“, „Verbrauchervertrag“, „Bauträgervertrag“ und „Architektenund Ingenieurvertrag“ unter diesen Bezeichnungen neu in das Gesetz eingeführt, auch wenn sie zum Teil in inhaltlicher Hinsicht bisher schon im BGB normiert waren. Am wichtigsten für Architekten sind naturgemäß die neuen Regelungen zum Architekten- und Ingenieurvertrag. Dabei wurde der betreffende neue Untertitel 2 nicht als Teil des Werkvertragsrechts, sondern als „ähnlicher Vertrag“ eingefügt, womit klargestellt ist, dass anders, als es die Rechtsprechung bisher sah, Architekten- und Ingenieurverträge nicht mehr vollständig dem Werkvertragsrecht unterworfen sein werden, sondern nur insoweit, wie es der Gesetzgeber ausdrücklich vorsieht (s. u. „Welche Vorschriften sind auf Planungsverträge anwendbar?“). Vertragstypische Pflichten im Architekten- und Ingenieurvertrag erstmals geregelt Erstmals regelt das Gesetz die vertragstypischen Pflichten aus einem Architekten und Ingenieurvertrag (d. h. Planungsvertrag) in § 650 p Abs. 1 BGB. Danach ist der „Unternehmer“ (d. h. der Planer) „verpflichtet, die Leistungen zu erbringen, die nach dem jeweiligen Stand der Planung und der Ausführung des Bauwerks oder der Außenanlage erforderlich sind, um die zwischen den Parteien vereinbarten Planungs- und Überwachungsziele zu erreichen“. Mit dieser Definition wird hervorgehoben, dass der vertraglich geschuldete Erfolg nicht erfüllt wird, indem lediglich Leistungshandlungen abgearbeitet werden, sondern erst, wenn die vereinbarten Planungs- und Überwachungsziele erreicht sind (etwa wenn die gestalterischen Vorgaben in der Planung enthalten sind oder eine vereinbarte Kostengrenze eingehalten wurde). Zugleich enthält die Regelung die Maßgabe an die Parteien, nach Möglichkeit bei Vertragsabschluss diese Ziele zu vereinbaren. Pflicht zur Erstellung einer Planungsgrundlage mit Kosteneinschätzung Wurde ein Planungsvertrag geschlossen, ohne dass die Parteien darin Planungs- und Überwachungsziele festgelegt haben, weil der Besteller (d. h. der Auftraggeber) bislang nur vage Vorstellungen von dem Vorhaben besitzt, ist der Planer laut § 650 p Abs. 2 BGB verpflichtet, „zunächst eine Planungsgrundlage zur Ermittlung dieser Ziele zu erstellen. Er legt dem Besteller die Planungsgrundlage zusammen mit einer Kosteneinschätzung für das Vorhaben zur Zustimmung vor.“ In dieser den eigentlichen Planungsleistungen vorgelagerten Leistungsphase 0 schuldet der Planer keine Planung, sondern allenfalls Skizzen sowie zum Beispiel Angaben zum Zweck des zu planenden Gebäudes, zur Art des Daches, Geschossanzahl und ähnliche grundlegende Angaben. Ebenso stellt die Kosteneinschätzung lediglich eine grobe Prognose dar. Ein Ziel dieser Regelungen ist es, spätere Änderungen der Planungsziele, die der Auftraggeber anordnet und die sich auf die Vergütung des Planers auswirken, leichter von der bloßen Konkretisierung der ursprünglichen Planungsziele abzugrenzen. Sonderkündigungsrecht nach Vorlage der Planungsgrundlage Mit der Erarbeitung der Planungsgrundlagen ist zugleich ein Sonderkündigungsrecht sowohl für den Auftraggeber als auch den Planer verbunden (§ 650r BGB). Das Kündigungsrecht des Auftraggebers erlischt zwei Wochen nach Zugang der Planungsgrundlagen. Ist der Auftraggeber ein Verbraucher, handelt er also als Privatperson, muss der Planer ihn in Textform über dieses Kündigungsrecht und seine Rechtsfolgen unterrichten. Ohne diesen Hinweis erlischt das Kündigungsrecht nicht. Nach der Begründung des Gesetzesentwurfs soll dieser Hinweis nicht nachholbar sein; in diesem Fall bestünde das Sonderkündigungsrecht für den Verbraucher bis zur Abnahme der Leistungen aus dem Architektenvertrag fort. Der Planer seinerseits kann dem Auftraggeber eine angemessene Frist für die Zustimmung zu den Planungsgrundlagen und der Kosteneinschätzung setzen. Verweigert der Auftraggeber die Zustimmung oder erteilt er sie nicht fristgerecht, hat der Planer das Recht, den Vertrag zu kündigen (§ 650r Abs. 2 BGB). Wird das Sonderkündigungsrecht nach § 650r BGB ausgeübt, endet der Planungsvertrag für die Zukunft. Der Planer hat (nur) Anspruch auf die Vergütung seiner bis zur Kündigung erbrachten Leistungen. Recht zur Teilabnahme Für den Planungsvertrag wurde zudem ein Recht zur Teilabnahme geregelt (§ 650s BGB). „Der Unternehmer (d. h. der Planer) kann ab der Abnahme der letzten Leistung (…) der bauausführenden Unternehmer eine Teilabnahme der von ihm bis dahin erbrachten Leistungen verlangen.“ Bedeutung hat diese Regelung, falls zum Leistungsumfang des Planers die Leistungsphase 8 oder die Leistungsphasen 8 und 9 zählen. Eine Teilabnahme führt dazu, dass die Mängelhaftung für die Planungs- und Überwachungsleistung nahezu zeitgleich mit der Abnahme der zuletzt fertiggestellten Bauleistung beginnen kann und folglich nicht mehr wesentlich länger andauert als die des betreffenden Bauunternehmers. Das setzt allerdings voraus, dass der Planer die Abnahme seiner erbrachten Leistungen auch einfordert. Gesamtschuldnerische Haftung: zuerst den Bauunternehmer zur Mängelbeseitigung auffordern Bei einem Baumangel, der sowohl auf eine fehlerhafte Bauausführung des Bauunternehmers als auch auf eine unzureichende Objektüberwachung des Planers zurückzuführen ist, haften Bauunternehmer und Planer dem Auftraggeber als Gesamtschuldner. Der Auftraggeber hatte dabei bislang das Wahlrecht, ob er den Bauunternehmer auf Nacherfüllung oder den Planer auf Schadenersatz in Anspruch nimmt. Mit der neuen Regelung in § 650t BGB gilt nun das Primat der Nacherfüllung. Solange der Auftraggeber nicht den ebenfalls für den Baumangel haftenden Bauunternehmer erfolglos zur Mängelbeseitigung aufgefordert hat, kann der Planer seine Inanspruchnahme verweigern. Bleibt der Bauunternehmer untätig oder verweigert er die Nacherfüllung, hat der Auftraggeber jedoch wieder das Wahlrecht, wen er von den Gesamtschuldnern in Anspruch nimmt. Welche Vorschriften sind auf Planungsverträge anwendbar? § 650q Abs.1 BGB gibt an, welche Vorschriften aus dem Werkvertragsrecht auf Planungsverträge entsprechend anzuwenden sind. Besonders hervorzuheben sind hierbei das einseitige Anordnungsrecht des Auftraggebers gemäß § 650 b BGB (dieses wird in Kürze im zweiten Teil dieser Serie im DAB vorgestellt), die fiktive Abnahme nach § 640 Abs.2 BGB und das Kündigungsrecht aus wichtigem Grund (§ 648a BGB). Die allgemeinen Regelungen des Werkvertragsrechts gelten auch für Architektenverträge entsprechend. Die fiktive Abnahme In den allgemeinen Vorschriften wurde die fiktive Abnahme neu geregelt (§ 640 Abs.2 BGB). Als abgenommen gilt ein Werk, also auch eine Architektenleistung, wenn es fertiggestellt ist, der Auftragnehmer den Auftraggeber mit einer angemessenen Frist zur Abnahme auffordert und der Auftraggeber die Abnahme nicht innerhalb dieser Frist unter Angabe zumindest eines Mangels verweigert. Gegenüber einem Verbraucher ist auf diese Rechtsfolge in Textform hinzuweisen. Die fiktive Abnahme knüpft zukünftig also an die Fertigstellung der Leistungen und nicht, wie bisher, an die Abnahmereife an. Folglich ist eine fiktive Abnahme nach neuem Recht möglich, selbst wenn ein wesentlicher Mangel vorliegt. Kündigung aus wichtigem Grund Nach neuem Recht kann jede Partei den Vertrag aus wichtigem Grund fristlos kündigen, wenn „unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls und unter Abwägung der beidseitigen Interessen die Fortsetzung des Vertrags nicht zugemutet werden kann“ (§ 648a BGB). Eine Teilkündigung gemäß § 648a Abs.2 BGB ist möglich, wenn es sich um einen abgrenzbaren Teil der Leistung handelt; die Anforderungen an eine Teilkündigung sind damit geringer als bei einem Bauvertrag, bei dem statt des BGBs die VOB/B wirksam vereinbart wurde. Arndt Kresin ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht in München. INFO Über die für Architekten relevanten Neuerungen können Sie sich in der dreiteiligen DAB-Reihe einen Überblick verschaffen. 1. Teil: Allgemeines und neues Architektenvertragsrecht 2. Teil: Bauvertragsrecht 3. Teil: Verbraucherbauvertrag und weitere Regelungen Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

„Außerhalb der Norm“

Professor Dr.-Ing. Alfred Schmitz ist Honorarprofessor an der TU Braunschweig und Geschäftsführer der Firma TAC – Technische Akustik in Grevenbroich mit den Schwerpunkten Raumakustik, Bauakustik, Elektroakustik, Schwingungstechnik und Immissionsschutz. Akustikexperte Professor Alfred Schmitz im Interview über den erhöhten Schallschutz der neuen DIN 4109. Die neue Schallschutznorm DIN ist im Juli 2016 veröffentlicht und löst die alte DIN 4109 von 1989 ab. Professor Alfred Schmitz erläutert, mit welchen Änderungen Architekten zu rechnen haben, und stellt Lösungswege vor, wie die neuen Anforderungen in der Planungspraxis berücksichtigt werden können. Warum ist der bauliche Schallschutz für den Architekten überhaupt wichtig? Wir sind in der heutigen Gesellschaft extrem vielen Schallquellen und akustischen Stimulationen ausgesetzt. Deshalb wird es immer wichtiger, dass die eigene Wohnung eine Stätte der Ruhe ist, in der wir uns entspannen und vom Allttagsstress erholen können. Allerdings erschließt sich der Schallschutz für den Nutzer nicht von selbst. Er kann ihn nicht bemustern, nicht probewohnen. Ist mangelhafter Schallschutz erst mal eingebaut, lässt er sich meist nicht mehr nachrüsten. Und hier kommt der Architekt ins Spiel? Richtig. Zunächst ist es für ihn wichtig zu wissen, welche Erwartungshaltung beziehungsweise Forderungen der Bauherr an den Schallschutz hat. Dann muss er ein Schallschutzniveau als Planungsziel festlegen und es geeignet umsetzen. Einen wesentlichen Einfluss hat hier nicht nur die Eigenschaft des Baukörpers, sondern insbesondere auch die Grundrissgestaltung. So ist beispielsweise ein offener Grundriss schalltechnisch problematischer als eine klassische Gestaltung mit geschlossenen Räumen. Laute Räume, wie Bäder, sollten auch nicht an Schlafräume angrenzen. Welche Vorteile hat hierbei die neue DIN 4109 gegenüber der alten Norm? Die neue DIN 4109 besteht im Grunde wie die alte aus einem Anforderungsteil, einem Rechenverfahren und einem Bauteilkatalog. In Bezug auf die Berechnungsverfahren und den Bauteilkatalog hat die neue Norm deutliche Vorteile. So liefert sie bessere und zielsicherere Aussagen zum jeweils geplanten baulichen Schallschutzniveau. Allerdings war eine Prämisse bei der Erstellung der neuen DIN 4109, die Anforderungswerte, die zum Erhalt des Gesundheitsschutzes dienen, nicht zu erhöhen. Wie ist das zu verstehen? Die neue Norm legt in ihrem Teil 1 im öffentlich-rechtlichen Bereich baurechtliche Mindestanforderungen an den baulichen Schallschutz fest. Geändert hat sich hier allerdings für den Architekten fast nichts. Das heißt, die alten Anforderungswerte der Norm von 1989 sind in Bezug auf den Luftund Trittschallschutz mit wenigen Ausnahmen nicht verändert worden. Es gibt nur kleinere Änderungen bei den Anforderungen an Doppel- und Reihenhäuser und bei der Trittschalldämmung von Decken, die aber aufgrund entsprechender Gerichtsurteile bereits zur Planungspraxis gehören. Es gibt also keine Neuerungen bezüglich des Mindestschallschutzes. Und wie sieht es beim erhöhten Schallschutz aus? Zunächst ist festzustellen, dass die Mindestanforderungen der DIN 4109 für den Wohnungsbau in keinem Fall mehr ausreichen. Es gibt genügend Urteile des Bundesgerichtshofes (BGH), die besagen, dass für einen üblichen Wohn- und Komfortstandard ein erhöhtes Niveau geschuldet und erwartet wird. Hinsichtlich des erhöhten Schallschutzes äußert sich die neue DIN 4109 allerdings nun überhaupt nicht mehr. Es gibt bis jetzt auch kein Pendant zum Beiblatt 2 der alten Norm. Ein erhöhter Schallschutz wird also künftig vollständig außerhalb der Norm behandelt. Derzeit stehen hierfür mehrere Regelwerke zur Verfügung, die Werte für erhöhte Schallschutzniveaus ausweisen. Zum Beispiel können die VDI-Richtlinie 4100:2007 oder die Empfehlung 103 der Deutschen Gesellschaft für Akustik (DEGA) herangezogen werden. Welche Anforderungswerte empfehlen Sie für einen erhöhten Schallschutz? Nach wie vor gilt, dass eine gute Schalldämmung durch schwere Bauteile und/oder durch mehrschalige massive Wandkonstruktionen erreicht wird. Gemäß BGH muss das erhöhte Niveau einen spürbar besseren Schallschutz gegenüber den Mindestanforderungen darstellen. Dies ist bei der Luftschalldämmung bei einer Erhöhung von 3 dB, für den Trittschallschutz und den Schutz gegenüber Geräuschen aus der Wasserinstallation und haustechnischen Anlagen in der Regel bei einer Erhöhung von ≥5 dB gegeben. Die horizontale Luftschalldämmung, zum Beispiel von Wohnungstrennwänden, erhöht sich somit gegenüber den Mindestanforderungen von 53 dB auf 56 dB. Diese Werte werden unter anderem mit Wohnungstrennwänden aus massiven schweren Schalen mit einer Rohdichte von jeweils ≥2,0 sowie mit ausreichend schwer dimensionierten Außenwänden erzielt. Wie sieht bezüglich des Schallschutzes die vertragliche Regelung Architekt – Bauherr aus? Gegenüber den öffentlich-rechtlichen Mindestanforderungen ist die Festlegung eines erhöhten Schallschutzes ein privatrechtlicher Vorgang, der vertraglich schriftlich festgelegt werden sollte, zum Beispiel in einer ausführlichen Baubeschreibung. Ich empfehle, hier explizit auch genaue Zahlenwerte zu nennen, um spätere Streitigkeiten zu vermeiden. Sie nannten bereits das neue Berechnungsverfahren. Womit muss der Architekt rechnen? Mit den rechnerischen Nachweisen und dem deutlich umfangreicheren und differenzierteren Bauteilkatalog ist das Rechenverfahren jetzt viel genauer und gibt dem Architekten eine zum Teil deutlich höhere Planungs- und Ausführungssicherheit. Zum Beispiel werden nun für die Berechnung des Bau-Schalldämm-Maßes R’w im Massivbau alle an der Schallübertragung beteiligten Wege – ein direkter Weg und zwölf Flankenwegsanteile, also insgesamt 13 Übertragungswege – eingerechnet. Dabei wird auch der Anschlussbereich zweier Bauteile berücksichtigt. Das ist neu: Für die Berechnung des Bau-Schalldämm-Maßes R´w im Massivbau werden jetzt alle 13 Schallübertragungswege eingerechnet: ein direkter Weg und zwölf Flankenwegsanteile. Zur Berechnung gibt es Softwareprogramme. Zum Beispiel sind mit dem Kalksandstein-Schallschutzrechner Schwachstellen in der Schallübertragung einfach zu erkennen und zu analysieren. Unter www.kalksandstein.de steht die Software kostenfrei zum Download zur Verfügung. Können die neuen Nachweisverfahren auch von Hand durchgeführt werden? Prinzipiell ja. Aber der Aufwand wäre vergleichsweise groß, da zum Beispiel alle infrage kommenden Schallübertragungswege einzeln zu berechnen und alle beteiligten Bauteile, insbesondere die flankierenden Bauteile, sowie die entsprechenden Anschlussbereiche zu berücksichtigen sind. Zur Berechnung gibt es aber geeignete Softwareprogramme, wie den KS-Schallschutzrechner der Kalksandsteinindustrie für den Massivbau. Mit ihm sind Schwachstellen in der Schallübertragung – wie zu leichte flankierende Außenwände oder ungünstig ausgeführte Anschlussstellen – einfach zu erkennen, zu analysieren und zu vermeiden. So kann das Gebäude schalltechnisch gezielt optimiert werden. Mit welchen Konstruktionen kann der Architekt beim Schallschutz im Wohnungsbau auf Nummer sicher gehen? Zunächst sollten alle Wände, auch die flankierenden Wände, schwer genug dimensioniert werden. Bei Außenwänden sollten auch keine leichten Steine verwendet, sondern, auch wenn dies aus wärmeschutztechnischen Gründen oft nicht gewünscht wird, möglichst schwere Steine eingesetzt werden. Hierdurch reduziert sich unter anderem die sogenannte Körperschallempfindlichkeit des Gebäudes gegenüber Geräuschen, die nach Norm als Nutzergeräusche gelten und an die keine Anforderungen gestellt werden. Hierzu zählen beispielsweise das Öffnen und Schließen von Fenstern und nicht zuletzt auch der „fallende” Toilettendeckel. Werden die Regeln zur Festlegung eines geeigneten Schallschutzniveaus, einer günstigen Grundrissgestaltung sowie im Massivbau die Regeln der schweren Bauweisen beachtet, lassen sich schalltechnisch hochwertige Gebäude mit hoher Zufriedenheit der Nutzer sicher planen. Das Interview führte Dipl.-Ing. Bernd Niebuhr aus Hannover. Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier   

Burgherr vs. Center-Manager

Schwierige Entscheidung in Zwiesel: Ritterburg oder Outlet-Center – was zieht mehr? Marktanalyse: Heiko Haberle Was wird landauf, landab nicht alles versucht, um die Verödung von Kleinstädten zu verhindern: Fachwerkhäuser werden barrierefrei und familienfreundlich saniert, neue Gemeindezentren gebaut, Dorfplätze erneuert. Sogar von Pop-up-Stores in leeren Läden will man schon gehört haben. Und natürlich haben sich Forschungsprojekte, Förderprogramme und Bauausstellungen den ländlichen Raum vorgenommen. Strahlendes Vorbild ist Blaibach im Bayerischen Wald, das nun ein Konzerthaus hat und Festspiel-Touristen sowie Architekturpreise magnetisch anzieht. Nur 50 Kilometer entfernt, in Zwiesel, will jetzt die Renaissance Projektierungs GmbH aus Fichtelberg zeigen, dass es auch einfacher geht: mit einer Burg auf einem Berg – nicht im Stil der Renaissance, sondern als Erlebnis-Hotel in Gestalt einer Ritterburg des 11. Jahrhunderts. Doch der dynamische Geschäftsführer begeht sogleich einen Stilbruch und tritt nicht in der Kutte, sondern im schicken Anzug vor die Kameras des Bayerischen Rundfunks. Dessen Polit- Magazin „quer“ – verlässliches Trüffelschwein für Baupossen und -kuriositäten – hat auch die Zwieseler befragt. Die fürchten ein Mittelalter-Disneyland mitten im Naturpark und erwarten eine Verkehrsbelastung Burgherr versus Center-Manager „wie am Stachus“. Außerdem hätten „Fledermäuse Vorrang vor Burganlagen“. Der Bayerische Wald brauche sanften Natur-Tourismus. Dem Marketing, das die geplante „Burg Rothberg“ für „Abenteurer und Selbstentdecker“ haargenau so anpreist und das ebenfalls geplante „Handwerksdorf Merzenried“ als „Natur-, Lehr- und Erlebnispark“ deklariert, glaubt einfach niemand. Aber sanfte Wander- oder Kanu-Touristen helfen dem Zwieseler Bürgermeister angesichts von Abwanderung und Ladensterben ohnehin nicht weiter. Ganz vorbildlich möchte er die Innenentwicklung voranbringen und hat schon eine Idee: Zwiesel soll zum bewohnten Outlet-Center werden. Auf der Straße vor den ausgeräumten Schaufenstern kommt die Idee gut an. Endlich wieder schöne Konsumwelten vor Ort, damit das mit dem Online Shopping mal ein Ende habe. Klingt irgendwie erst recht nach Stachus. Vielleicht also doch lieber die Burg? So was mögen doch auch Fledermäuse.

Luftveränderung

Sollen Gebäude die Anforderungen an eine gesunde Raumluft erfüllen, muss der Architekt besonders auf die Qualität der Baustoffe achten. Diese Aufgabe wird nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs deutlich komplexer. Text: Peter Bachmann Von vielen Akteuren immer noch unbeachtet, entfaltet ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Praxis der deutschen Baustoffzulassung enorme Wirkung auf alle am Bau Beteiligten. Vor allem die Architekten sitzen zwischen den Stühlen, wenn es darum geht, Gebäude zu bauen oder zu sanieren, die den Kriterien des Umweltbundesamtes an eine gesündere Innenraumluft entsprechen sollen. Doch was ist jetzt anders? Am 16. Oktober 2016 trat in der Rechtssache C-100/13 das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in Kraft, das bereits zwei Jahre zuvor gefällt worden war. Damit setzt die EU den Anspruch auf den Vorrang des freien Warenverkehrs gegenüber nationalstaatlichen Regelungen jetzt auch im Baubereich um. Konkret bedeutet das, dass für in der EU harmonisierte Bauprodukte, das sind Produkte, für die eine europäische Norm existiert, keine zusätzlichen nationalen Zulassungskriterien mehr gelten. Demnach dürfen für die Produktgruppe nur noch Bauprodukte hergestellt, gehandelt und verbaut werden, die lediglich über eine CE-Kennzeichnung verfügen. Die der CE-Kennzeichnung zugrunde liegenden EU-Normen berücksichtigen allerdings nur die Übereinstimmung des Produktes mit den vom Hersteller erklärten Eigenschaften; Vorgaben zu Emissionen von Schadstoffen sind in den EU-Normen bislang nicht enthalten. Dabei sieht die europäische Bauproduktenverordnung (BauPVO) ausdrücklich vor, dass Mitgliedsstaaten auf die Ergänzung der zugrunde liegenden EU-Normen hinwirken sollen. Daher hatte Deutschland 2015 auch gegen sechs unvollständig harmonisierte Bauproduktnormen Einwände erhoben, von denen die Normen für Holzfußböden und Sportböden zurückgewiesen wurden. Dagegen hat die Bundesregierung am 19. April 2017 Klage erhoben. Bis zur Klärung des Rechtsstreites behalten daher die deutschen Vorgaben für die Emissionsprüfung für Holzfußböden und Sportböden weiter ihre Gültigkeit. Für alle anderen für die gesundheitliche Qualität von Innenräumen relevanten Produktgruppen, wie Boden- und Wandbeläge, Klebstoffe, Estriche, Wand- und Deckenverkleidungen, Holzwerkstoffe, Putze, Mauersteine, Abdichtungen, Wärmedämmstoffe, Zemente und Betonfertigteile, enthalten die EU-Normen zu Emissionen von Schadstoffen keinerlei Vorgaben. Die Konsequenzen des Urteils stehen den Bestrebungen entgegen, Gebäude so zu bauen oder zu sanieren, dass sie nach Fertigstellung die Kriterien des Umweltbundesamtes an eine gesündere Innenraumluft mit Sicherheit einhalten. Auch bei den Nachhaltigkeitszertifizierungen von Gebäuden nach DGNB, BNB, LEED oder dem NaWoh-Standard sind zu hohe Innenraumbelastungen als „K.-o.-Kriterien“ definiert. Verantwortung verlagert Das EuGH-Urteil hatte auch eine Neustrukturierung und Änderung der Musterbauordnung (MBO) zur Folge. Die Bauregellisten des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt) verloren ebenfalls ihre Gültigkeit. Die prinzipiellen Anforderungen an die Sicherheit von Gebäuden haben sich zwar grundsätzlich nicht geändert; sie unterliegen nach wie vor der nationalstaatlichen Regulierung. Es wurden jedoch die Verantwortlichkeiten hinsichtlich der Sicherheit von Bauprodukten von der nationalstaatlichen auf die private Ebene verlagert – angefangen beim Hersteller über den Handel, die Architekten und Bauunternehmen bis hin zu den Bauherren und Investoren. Diese Verantwortlichkeiten betreffen alle sicherheitsrelevanten Kriterien eines Bauproduktes, neben seiner gesundheitlichen Qualität zum Beispiel auch Fragen des Brandschutzes, der Standsicherheit und des Schallschutzes. Das vom Architekten zu erfüllende Schutzniveau bleibt zwar gleich, aber die konkrete Anforderung „gesunde Innenraumluft“ wurde entgegen der Empfehlung des Umweltbundesamtes nicht in die MBO aufgenommen. Inwieweit die Bundesländer der Empfehlung in ihren Landesbauordnungen folgen, bleibt abzuwarten. Die bislang von Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen entsprechend novellierten Landesbauordnungen enthalten lediglich die bisherigen Anforderungen, etwa in § 3 „Allgemeine Anforderungen“. Eine Frage der Haftung Für Architekten stellt sich die Situation aktuell sehr unübersichtlich dar. Zum einen muss bei der Überprüfung von Produkteigenschaften geklärt werden, welche Art von Nachweis vorliegt. Denn es gibt im europäischen Bauproduktenrecht für die Bauprodukthersteller eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Übereinstimmung ihres Produktes mit europäischen Vorgaben zu erklären. Ob und welche Angaben der Hersteller zur (gesundheitlichen) Qualität seines Produktes macht, bleibt ihm überlassen. Auch ob und in welcher Form er die gesundheitliche Qualität seiner Produkte von Dritten überwachen lässt, steht dem Hersteller offen. Bauherren werden versuchen, die Verantwortung an die Architekten weiterzugeben. Mit der Verantwortung würden auch Haftungsfragen entsprechend weitergereicht. Architekten käme damit die Aufgabe zu, Erklärungen auf Übereinstimmung mit den gesetzlichen Vorgaben oder der Ausschreibung durch den Investor zu überprüfen. Das bedeutet nicht nur einen enormen verwaltungstechnischen Aufwand, sondern auch ein entsprechendes Haftungsrisiko. Wichtige Labels: Durch die Liberalisierung des deutschen Bauproduktemarktes ist die Bedeutung von Prüfzeichen deutlich gestiegen. Qualitätskriterien für Baustofflabel Für Architekten, deren Planungsziel eine überprüfbar gute gesundheitliche Qualität des Bauwerks ist, spielen deshalb verlässliche und belastbare Prüfzeichen für Bauprodukte eine zentrale Rolle. Dafür müssen die Bauprodukte von einem akkreditierten Labor geprüft und zertifiziert werden. Die Bedeutung solcher Prüfzeichen ist durch die Liberalisierung des deutschen Bauproduktemarktes in der Folge des EuGH-Urteils weiter gestiegen. Ein Beispiel ist das TÜV-Rheinland- Prüfzeichen „Schadstoffgeprüft“. In Kooperation mit dem Sentinel Haus Institut wird dieses Prüfzeichen zur Schaffung von Klarheit und Transparenz bezüglich der gesundheitsbezogenen Eigenschaften von Bauprodukten in den Markt gestellt. Mit diesem anspruchsvollen Zeichen dokumentieren Hersteller auf freiwilliger Basis in Anlehnung an das bewährte AgBBSchema die hohe gesundheitliche Qualität ihrer Bauprodukte. Die Gültigkeit sowie die Inhalte des Zertifikats können in der „Certipedia”-Datenbank des TÜV Rheinland überprüft und eingesehen werden. Darüber hinaus gibt es weitere, alternative Prüfzeichen für Bauprodukte, die das Sentinel Haus Institut in Zusammenarbeit mit dem TÜV Rheinland im Rahmen ihrer gemeinsamen Initiative „Gesündere Gebäude“ anerkennen und als Voraussetzung für die Listung von Bauprodukten auf der Onlineplattform www.bauverzeichnis.gesündere-gebäude.de akzeptieren. Diese enthält aktuell rund 1.700 hinsichtlich Schadstoffemissionen geprüfte Produkte aller Sparten. Diese können von registrierten Nutzern recherchiert, zu persönlichen Merklisten zusammengefasst und exportiert werden. Zudem stehen Leitfäden und Empfehlungslisten für Ausschreibungs- und Vergabeaspekte zur Verfügung, die Architekten, Bauunternehmen und Bauherren zusätzliche Sicherheit bieten. Peter Bachmann ist Geschäftsführer des Sentinel Haus Instituts in Freiburg. INFO Gesundheitliches Qualitätsmanagement Gebäude, die entsprechend dem Qualitätsmanagement des Sentinel Haus Instituts in innenraumrelevanten Bereichen mit geprüft emissionsarmen Baustoffen errichtet werden und deren Innenraumluftqualität nach Fertigstellung vom TÜV Rheinland überprüft wurde, können eine Prüfbescheinigung erhalten, die die Einhaltung der Grenzwerte bestätigt. Die Objekte können dann im Bauverzeichnis „Gesündere Gebäude“ präsentiert werden. Fachkonferenz zu Konsequenzen des EuGH-Urteils Am 15. November 2017 veranstalten der TÜV Rheinland und das Sentinel Haus Institut in Köln eine eintägige Fachkonferenz mit Experten und Baupraktikern zum aktuellen Stand der Umsetzung des EuGH-Urteils und zu seinen Konsequenzen für die Bauwirtschaft. Die Veranstaltung richtet sich an Investoren und Bauherren, Architekten, Bauunternehmen, Sachverständige, die Wohnungswirtschaft und andere Akteure. Das Programm und die Referenten werden veröffentlicht auf: www.gesündere-gebäude.de Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Die Schulbauwelle

Lernlandschaft: Klassenräume ohne Türen, gläserne Wände, bequemes Sofa – so sieht eine zeitgemäße Lernumgebung in der Berufsschule in Hamburg-Eidelstedt (SchröderArchitekten, 2017) aus. Das vielfältige Angebot an Arbeitsplätzen in diesem kleinen „Campus“ nutzen selbst die Lehrer. Der Investitionsrückstau an deutschen Schulen ist ein Dauerthema. Doch langsam kommt Bewegung in den Schulbau. Viele Städte verabschieden sich von der Flurschule und planen Neubauten, die sich an Reformkonzepten orientieren. Text: Doris Kleilein Erinnert sich noch jemand an das Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung? Oder an das Konjunkturpaket II? Mit den beiden großen Bauprogrammen sind in den letzten 15 Jahren bereits beträchtliche Mittel in den Schulbau geflossen. Vier Milliarden Euro ließ sich die Regierung Schröder von 2003 bis 2007 den Ausbau der Ganztagsschulen kosten, weitere zehn Milliarden Euro stellte der Bund nach der Finanzkrise 2008 bereit, um die Bauwirtschaft anzukurbeln – Geld, mit dem auch viele Schulen saniert und erweitert wurden. Doch der Bedarf ist nach wie vor enorm: In einer Umfrage der KfW-Bank im September letzten Jahres schätzten die Kämmerer deutscher Kommunen, dass weitere 34 Milliarden Euro in die Sanierung von 53.500 Schulen investiert werden müssen. In der Berufsschule in Hamburg-Eidelstedt gruppieren sich je drei Unterrichtsräume um eine gemeinsame Zone. Zwei solche Cluster gibt es pro Etage. Im Schulbau rächt sich nicht nur die jahrzehntelange Vernachlässigung des Bestands. Viele Experten fordern auch, dass Schulen radikaler neu gedacht werden müssen, um im internationalen Vergleich der Bildungssysteme mithalten zu können. „Wir haben nicht nur einen Investitions-, sondern auch einen Innovationsrückstand“, so Karl-Heinz Imhäuser, Vorstand der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. „Konzepte aus der Vergangenheit werden für die Zukunft betoniert.“ Allzu oft wurden unter dem hohen Zeitdruck althergebrachte Raumkonzepte nicht infrage gestellt und Schulen nur halbherzig um Mensa oder Hortraum erweitert. Dabei haben sich seit dem „Pisa- Schock“ im Jahr 2000 die Anforderungen an die pädagogische Arbeit so verändert wie zuletzt in den Siebzigerjahren. Das rhythmisierte Lernen in der Ganztagsschule, bei dem Unterrichts- und Freizeitangebote sich abwechseln, verlangt flexible Raumprogramme. Hinzu kommen die Inklusion, die Digitalisierung, mehr soziale Arbeit – und zuletzt auch die Aufnahme von etwa 300.000 Flüchtlingskindern an deutschen Schulen. Mag es im Bestand auch mühsam sein, neue Raumprogramme zu implementieren: Die Neubauwelle, die gerade anrollt, bietet die Gelegenheit für weitreichende Reformen. Viele Städte verzeichnen Zuzug und damit explodierende Schülerzahlen – allein in Berlin rechnet man mit 75.000 zusätzlich benötigten Schulplätzen bis zum Jahr 2024/25 und hat ein Schulbauprogramm mit 30 Neubauten aufgelegt. Da die Zeit drängt, wurde in der Hauptstadt Mitte letzten Jahres eine „Task-Force“ aus Verwaltung, Architekten und Schulvertretern gegründet, mit deren Hilfe die üblichen Planungs- und Bauzeiten von bis zu neun Jahren auf die Hälfte reduziert werden sollen. Doch nicht nur Berlin muss handeln: In vielen größeren Städten sollen Schulen gebaut werden. München und Leipzig haben jeweils mehr als dreißig Schulen angekündigt, Bremen sechs, Frankfurt am Main neunzehn. Das Lernhauskonzept Während skandinavische Länder seit Langem mit spektakulären Schulbauten wie dem „Ørestad Gymnasium“ in Kopenhagen (3xn Architekten, 2007) auf sich aufmerksam machen, tut man sich in Deutschland schwer mit offenen Lernlandschaften. Doch wer beim Schulbau noch lange Flure mit Klassenzimmertüren vor Augen hat, muss auch hierzulande umdenken. „Lernhäuser“ heißt das Konzept der Stunde, nach dem große Schulen in überschaubare Einheiten aufgeteilt werden. Dass in München bereits alle neuen Schulen nach dem Lernhausprinzip gebaut werden, ist das Verdienst von Rainer Schweppe. Der Schulentwicklungsexperte hat in München als Referatsleiter für Bildung und Sport das „Münchner Lernhauskonzept“ implementiert und zuvor in Herford das Modell der Offenen Ganztagsschule nach skandinavischem Vorbild eingeführt. Jetzt berät er auch den Berliner Senat. „Die Unpersönlichkeit großer Schulen wird aufgelöst und es entsteht ein besonderes Miteinander“, so Schweppe. „Es gibt nach unseren Erfahrungen weniger Sitzenbleiber, weil ein Lehrerteam über Jahre hinweg für die Entwicklung einer bestimmten Gruppe von Schülern verantwortlich ist.“ Im Lernhaus arbeiten die Schüler aller Klassenstufen in räumlichen und organisatorischen Clustern. Mehrere Klassen bilden eine kleine Schule in der Schule, mit Lern-, Unterrichts- und Ruheräumen, aber auch mit eigenen Garderoben, Toiletten und einer Lehrerstation. Die Räume eines Lernhauses gruppieren sich um eine Mitte: ein Forum, das im Lauf des Tages flexibel genutzt wird. Mit dem Abschied von der Flurschule trennen sich viele Städte auch von veralteten Musterraumprogrammen zugunsten neuer Raum- und Funktionsprogramme. Das Angebot an „pädagogischnutzbaren Flächen“ wird vor allem durch die Foren und Differenzierungsräume erweitert, aber je nach Stadt und Schultyp kommen auch Inklusionsräume, die es bislang nur in speziellen Schwerpunktschulen gab, eine Vergrößerung der Unterrichtsräume oder eine Erweiterung der Mensa und der Küchenbereiche hinzu. Im Neubau (oben rechts) der Neuen Schule Wolfsburg sind die allgemeinen Unterrichtsbereiche in Jahrgangsclustern mit je vier Klassenräumen organisiert, die sich zur gemeinsamen Mitte öffnen. Mehr Angebot, höhere Kosten? Mehr pädagogisches Angebot bedeutet aber auch: Die Schulen werden größer. Im Berliner Schulbauprogramm steigt die Nutzfläche für jeden Schüler von 3,98 auf 5,21 Quadratmeter. Eine erste Kostenschätzung sieht 22,6 Millionen Euro Baukosten für eine dreizügige Grundschule vor (KG 200–700), etwa 5,2 Millionen Euro mehr als im bisherigen Modell. „Es ist unsere Aufgabe, kostengünstige Lösungen zu finden“, so die Präsidentin der Berliner Architektenkammer Christine Edmaier. Um die Kosten gering zu halten, könnte die Möblierung der Schulen zumindest teilweise in den architektonischen Entwurf integriert werden, anstatt teure Möbel aus dem Katalog zu bestellen. Auch in Sachen Lüftung, Akustik und Brandschutz sollen kreative Lösungen gefunden werden, etwa das Zusammenlegen von Fluchtwegen und Erschließung. Ein zentraler Gedanke bei der Kostenersparnis ist die flexible und sinnvolle Nutzung von Flächen: Flure werden zu Foren, Räume nicht nach Vormittag (Schule) und Nachmittag (Hort) getrennt, sondern den ganzen Tag über unterschiedlich genutzt. „Durch die integrierte Nutzung von Vor- und Nachmittagsräumen entstehen hochwirtschaftliche Schulen. Das wird sich langfristig bewähren“, kommentiert Rainer Schweppe. Auch die Öffnung der Schulen in den Stadtteil hinein soll weiter ausgebaut werden, wie es Hamburg bereits mit dem „Bildungszentrum Tor zur Welt“ (bof Architekten, 2013), einem Vorzeigeprojekt der IBA, umgesetzt hat. Nicht nur Sporthallen sollen, wie bislang, von externen Vereinen genutzt, auch Bibliotheken, Seminarräume und Foren können sich für die Erwachsenenbildung öffnen und zum sozialen Treffpunkt im Kiez werden. Pilotprojekte werden an vielen Orten entwickelt. In Köln entsteht beispielsweise die „Bildungslandschaft Altstadt Nord“, indem sieben Bildungseinrichtungen gemeinsam ein Raumprogramm entwickelt haben: Unterm Strich sind die Kosten geringer, als wenn jede Schule einzeln geplant hätte – und durch die Bündelung von Kapazitäten wird oft ein Mehrwert erzeugt, wie ein gemeinsam nutzbares Selbstlernzentrum oder eine Schulküche, die sich die Institutionen einzeln nicht hätten leisten können. In den Niederlanden wird diese Öffnung seit Jahrzehnten mit guten Erfahrungen praktiziert, sie setzt allerdings auch eine gewisse Offenheit und Flexibilität der Nutzer voraus. Partizipation kontra Typisierung Ob sich durch Partizipation generell Einsparmöglichkeiten im Schulbau finden lassen, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Partizipation sollte im Schulbau grundsätzlich verankert werden“, so Susanne Hofmann, die mit ihrem Büro „Die Baupiloten“ bereits viele Schulen unter Teilhabe der Schulgemeinschaft umgestaltet hat. „Allerdings haben nur wenige Architekturbüros das Know-how, wie Partizipationsprozesse ablaufen, und müssten eigentlich mit Experten zusammenarbeiten.“ Rainer Schweppe wiederum hält Partizipation beim Neubau von Schulen für schwierig, da es in der Planungsphase noch keine Schulgemeinschaft gibt, die man einbeziehen könnte. Die Aufteilung in Lernhäuser bietet allerdings einen klaren Rahmen für Architekturbüros: Räumliche Beziehungen müssen nicht neu erarbeitet werden, sondern sind bereits definiert. Architekten könnten sich auf die Ausformulierung der Raumprogramme am jeweiligen Standort und auf die architektonischen Themen wie Transparenz, Blickbeziehungen, Materialität und Konstruktion konzentrieren. „Eine Typisierung und Modularisierung zumindest in Teilbereichen bietet sich an“, so Schweppe. Die Lernhäuser als autarke Minischulen können bestehende Gebäude erweitern, auch können gleiche Schultypen gebündelt werden. „Man sollte die Architektur allerdings nicht zu sehr festschreiben, da dies die Kreativität einschränkt“, so Hofmann. Clever ausgenutzt: Auf kleiner Fläche bietet der Außenraum der evangelischen Grund- und Gemeinschaftsschule Jakobus in Karlsruhe (wulf architekten, 2013) viele Möglichkeiten. Das verdankt sich der Idee, die Dachfläche der Sporthalle als zusätzliches Spiel- und Sportfeld zu gestalten. Die Schulen der Zukunft Ob Typenschule, individuell entworfene Gebäude, Umbauten oder gar Umnutzungen: Wer wissen will, wie gute Schulen heute entwickelt werden, kann dies in den „Leitlinien für leistungsfähige Schulbauten in Deutschland“ der Montag Stiftung nachlesen (aktuelle Ausgabe 2014). Die architektonische und stadträumliche Qualität neuer Schulen hängt allerdings auch entscheidend von den Planungs- und Bauverfahren ab, die von den Städten ausgeschrieben werden. Wird es offene Wettbewerbe geben, bei denen auch kleinere und jüngere Büros eine Chance haben? Oder kommen nur Generalplaner zum Zuge, die bereits eine Schule gebaut haben und einen Jahresumsatz aufweisen können, der für die meisten Büros schwindelerregend hoch ist? Zweistufige Verfahren wären denkbar, die zunächst allen Architekturbüros offenstehen und in der zweiten Phase mit Partnern wie Haustechnikern und Landschaftsarchitekten ergänzt werden. Gerade wenn die finanziellen Mittel bescheiden sind, ist Kreativität gefragt. In Städten mit hohem Leerstand werden zum Teil auch bestehende Liegenschaften genutzt, wie dies beispielsweise die nach der Wende gegründeten Jenaplanschulen praktizieren: In Weimar ließ sich die Schule auf zwei Standorte ein und zog mit einem Teil der Schule in einen Plattenbau am Stadtrand, in Nürnberg belegte sie über Jahre hinweg sogar Räume in einem ehemaligen Industriebau, dem leer stehenden Quelle-Gebäude von Ernst Neufert. Wie die Schule der Zukunft aussieht, wird derzeit in vielen Ländern neu definiert – in der Schweiz und in Japan etwa lösen Schulen wie das transparente, vom Industriebau beeinflusste Schulhaus am Leutschenbach in Zürich (Christian Kerez, 2008) oder die Grundschule ohne Wände und Türen in Uto (CAt, 2008) traditionelle Typologien auf. Es wird Zeit, dass auch aus Deutschland internationale Impulse für den Schulbau kommen. Doris Kleilein ist Architekturjournalistin und Redakteurin der Bauwelt in Berlin. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Gebildet“ finden Sie in unserem DABthema Gebildet

Architektur für Architekten

Dorfzentrum: Der Neubau ist auf einer Seite von Bestandsgebäuden umgeben. In der historischen Produktionshalle links entstehen die Studios für die Studenten. Das neue Architekturgebäude der Uni Kassel ist gestalterisch gelungen. Doch die Planungskultur bei der Entwicklung des gesamten Campus wird kritisiert. Text: Heiko Haberle Ganz anders sollte die Gesamthochschule Kassel werden, als sie 1971 gegründet wurde: interdisziplinär und offen in der Ausrichtung, baulich kleinteilig und innenstadtnah. Dass am vorgesehenen Standort auf dem ehemaligen Gelände der Henschel-Werke gut erhaltene Industriehallen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgerissen wurden, passte aber nicht so ganz ins Bild einer Reformhochschule. Schon eher das postmoderne Dorf, das in den 1980er Jahren von den Stuttgarter Architekten Höfler und Kandel als Herzstück des Campus gebaut wurde. Trotz Kritik an seinen Gassen und Pergolen und funktional teilweise fragwürdigen Lösungen hat sich über die Jahre in „Schlumpfhausen“, wie es liebevoll genannt wird, eine lebendige kleinstädtische Idylle eingestellt. Sie lebt von der Mischung aus Bibliothek, Mensa, Büros und Hörsälen mit eingestreuten Cafés, studentischen Initiativen und Wohnungen. Als Hessen 2007 das Hochschul-Investitionsprogramm „Heureka“ auflegte, nahm man in Kassel eine nördliche Erweiterung des Campus in Angriff, um die räumliche Enge zu beheben und Fakultäten von anderen Standorten abzuziehen. Den Wettbewerb gewann 2008 das junge Berliner Büro raumzeit. Die Architekten Jan Läufer, Friedrich Tuczek und Gunnar Tausch hatten sich im Studium an der TU Berlin kennengelernt. Läufer und Tuczek waren danach wissenschaftliche Mitarbeiter in Kassel gewesen. „Wir wollten Qualitäten des alten Campus, etwa den menschlichen Maßstab, aufnehmen, dabei aber weniger verwinkelte Räume schaffen“, sagt Läufer. Ihr Plan setzt sich aus relativ dicht gestellten polygonalen Baukörpern zusammen, die eine Abfolge von Plätzen und nur angedeutete Achsen erzeugen. Neun Jahre nach dem Wettbewerb steht etwa die Hälfte der Neubauten. Schon jetzt wird deutlich, dass der neue Campus auch vom Imagewandel deutscher Universitäten zeugt. Statt Bildungsexperimenten stehen die Außenwirkung und Kooperationen im Vordergrund. Entsprechend verschwand auch die „Gesamthochschule“ gänzlich aus dem Namen. Wo in „Schlumpfhausen“ alles gemischt war, wird nun nach Funktionen getrennt: ein zentrales Hörsaalzentrum – das sich auch vermieten lässt –, ein Studentenwohnheim, eine Kita, ein noch zu sanierender Altbau für den AStA und andere studentische Initiativen. Ein „Selbstlernzentrum“ mit fast 350 Arbeits- und Ruheplätzen hat gerade eröffnet (siehe aktueller Beitrag: Bildungsland Deutschland), ebenso ein „Science Park“ für Start-up-Ausgründungen. Dass bei den bisher fertiggestellten Häusern metallische Fassaden überwiegen, ist vermutlich einem von raumzeit verfassten Gestaltungshandbuch geschuldet, das für den südlichen Bereich silbrige Fassaden vorsieht. Farbverlauf: Ein Gestaltungshandbuch regelt die Fassadenfarben. Die großen silbernen Bauvolumen im Zentrum stehen noch nicht. Dorf statt Großform Da der Wettbewerb mehrere Realisierungsteile umfasste, ergaben sich für raumzeit auch konkrete Bauaufträge: neben dem 2015 eröffneten Hörsaalzentrum der Umbau zweier Altbauten und ein Neubau für die Fakultät Architektur, Stadtplanung, Landschaftsplanung (ASL). Deren bisheriger Hauptsitz im alten Verwaltungsgebäude der Firma Henschel wird aufgegeben. Weitere Lehrstuhlbüros und Studios in mehreren kleinen Bestandsbauten weiter nördlich werden aber weiterhin genutzt und wurden um einen Neubau ergänzt. Zum kleinen ASL-Dorf gehört auch die ehemalige Produktionshalle des Zeltplanen-Herstellers Gottschalk, in der künftig die Modellwerkstatt und die studentischen Arbeitsplätze liegen sollen – losgelöst von den Lehrstühlen und teilweise als Großraumbüro. Das gefällt nicht jedem. Doch das war so gewünscht, damit sich Erstsemester- und Master-Studenten austauschen können. „Ansonsten bilden sich Grüppchen, die sich einschließen und erst am Semesterende wieder zum Vorschein kommen“, berichtet Läufer. Betonkern: Der Sichtbeton wurde im Atrium bis zur Decke geführt, wo er in Oberlichtern endet. Der Neubau in Form eines lang gezogenen Sechsecks ist überraschend klein. Umso überdimensionierter erscheint zunächst das offene Erdgeschoss, das fast die halbe Grundfläche einnimmt. Die Obergeschosse ruhen hier nur auf schlanken Stützen und einem Treppenkern. Damit wird eine einfache Verbindung von der angrenzenden Nordstadt zum Flüsschen Ahna auf der Ostseite des Campus und zum dort entstehenden Park geschaffen. Außerdem kann der überdachte Freiluftbereich für Ausstellungen und den Bau größerer Modelle genutzt werden. Den Rest des hohen Erdgeschosses nehmen zwei kleine Hörsäle, die sich zusammenschalten lassen, und ein noch recht leeres Foyer ein. Ein öffenbares Wandmöbel und eine rollende Theke sorgen aber zumindest zeitweise für studentisches Leben. Geschickt gelöst ist der Übergang zu den Obergeschossen: Durch die relative Enge einer zweiläufigen Treppe gelangt man nach oben, wo sich ein dreigeschossiges Atrium öffnet. Hier versammeln sich Seminarräume, Computerlabore, die Fakultätsverwaltung, Lehrstuhlbüros, Räume für die Fachschaft und über zwei Etagen an der Südspitze das Fakultätsarchiv – eine praktische Einrichtung, die anderen Unis fehlt. Hier lagern alle Seminar- und Abschlussarbeiten. Obwohl die Grundanlage der Etagen gleich ist, erscheint das Atrium abwechslungsreich, weil das Auge auf jeder Etage unterschiedlich geschnitten ist und an den Enden wechselseitig Treppen angeordnet sind. Um den Raum mit seinen vielen Verwaltungsfunktionen zu beleben, wurden die senfgelben Türen mit Vitrinen für Aushänge oder mit Schaufenstern für kleine Modelle versehen. Nicht alle Lehrstühle nutzen das aus, sogar Sichtschutz-Folien sind zu finden. Auch ansonsten sind nicht alle mit ihren neuen Arbeitsplätzen zufrieden. Die Kritik ähnelt der an vielen Neubauten und zielt auf den schwindenden Einfluss auf die Haustechnik ab. Trotz manueller Belüftung der Büros über Öffnungsflügel neben der Festverglasung und viel offen liegendem Beton als Speichermasse wird von Überhitzung berichtet. Deshalb sollen die Windsensoren, die den Sonnenschutz zu häufig nach oben fahren, neu eingestellt werden, erklärt Tuczek. Im Grundriss des 2. OG ist ganz rechts das Fakultätsarchiv, ganz links sind zwei Seminarräume. Aneignung braucht Zeit Die Studierenden sind nicht ganz so kritisch, loben etwa das Atrium als Begegnungsraum, den es im Altbau mit seinen langen Fluren so nicht gegeben habe. Es ist aber noch der Respekt vor dem Neuen zu spüren, sodass Spuren der Aneignung erst zaghaft verteilt sind. Wenn der Umbau der benachbarten Produktionshalle für die Studios fertig ist, kommt aber vermutlich auch diese in Fahrt. Was genau aber in der Halle gebaut wird, darüber scheinen die Studenten wenig zu wissen. An eine Beteiligung, etwa Workshops, kann sich zumindest in der aktuellen Studenten-Generation niemand erinnern. Das mag daran liegen, dass die Heureka-Mittel eine schnell zu nutzende Gelegenheit darstellten und die Universität nur ein Akteur von vielen ist: Der Bauprozess wurde von einem hessischen Landesbetrieb gemanagt, Bauherr war das hessische Finanzministerium. Doch selbst im Dekanat scheint man unter Beteiligung nur Projektbesprechungen, Gremienarbeit und Entwurfspräsentationen zu verstehen. Kein Wunder also, dass sich – weniger bezogen auf das ASL-Haus als auf den Campus insgesamt – eine Initiative aus Lehrenden, Studierenden und Anwohnern gegründet hat. Sie kritisiert neben den fast gänzlich versiegelten Freiräumen zwischen den Bauten die mangelnde Einbeziehung der Bewohner der Nordstadt, ein Zurückfahren von Transparenz und studentischem Mitspracherecht sowie ein Verschwinden sozialer Biotope. Beispielsweise erfuhr man nur über Umwege davon, dass die Flächen eines studentisch betriebenen Biergartens und einer Fahrradwerkstatt für die Baulogistik vorgesehen waren. Die endgültige Räumung des Platzes geschah ohne Vorankündigung – wie damals bei den Henschel-Hallen. Aus Protest hatte man den Platz zuvor nach Lucius Burckhardt benannt, jenem Mitbegründer des integrierten Studiengangs Stadt-/Landschaftsplanung und Verfechter von offener Kommunikation und Partizipation. Doch heute ist Aneignung dort schwer möglich, weil der Platz durch fest installierte Sitzsteine und teils unebene Bodenbeläge fixiert ist. Dem erfrischend unkonventionellen Städtebau, ebenso wie dem Hörsaalzentrum und dem ASL-Gebäude, merkt man auf wohltuende Weise an, dass bei den Architekten das Studium noch nicht so lange zurückliegt. Doch zeitgemäße und mutige Architektur scheint in Kassel in einem merkwürdigen Kontrast zu einer unzeitgemäßen und wenig dynamischen Planungskultur zu stehen. Ausgerechnet hier, wo einst neue Lehrmethoden erprobt wurden und wo am Lehrstuhl ASL Interdisziplinarität und Partizipation traditionell hochgehalten werden, verwundert das. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Gebildet“ finden Sie in unserem DABthema Gebildet

Bildungsland Deutschland

Der Tag der Architektur am 24. und 25. Juni gibt auch Einblicke in die sich wandelnde Bildungslandschaft. Wir haben einige Besichtigungs-Tipps zusammengestellt. Kassel: Selbstlernzentrum LEO der Universität, Atelier 30 Architekten, Kassel. Für das Lernen alleine oder in Gruppen bietet das LEO (Lern-Ort) die geeigneten Räume, ebenso für die Pausen. 24. Juni: 9:00 bis 20:00, (12:00, 15:00 Führungen) Augsburg: Stadtarchiv in einer alten Kammgarn-Spinnerei, Schuller + Tham Architekten, Augsburg. Die sanierte Spinnerei ist mit Magazinen, Lese- und Ausstellungssälen das neue Zentrum für Stadtarchiv und Stadtarchäologie. 25. Juni: 14:00, 15:00 und 16:00 (Führungen) Weidingen: Bibliothek Günther Förg, Axt Architekten, Trier. Der Künstler Günther Förg hat mehrere Bibliotheken aufgebaut. Eine ist in einem Neubau in der Eifel untergekommen. 25. Juni: 12:00 bis 18:00 Berlin: Silberstein-Grundschule in Neukölln, Freitag Hartmann Architekten, Berlin Auf einem alten Güterbahnhof entstanden eine neue Sporthalle und Erweiterungen für den Ganztagsbetrieb. 25. Juni: 12:00 und 13:30 (Führungen) Dresden: Theaterakademie im Kraftwerk, PFP Architekten, Hamburg. Das alte Kraftwerk Mitte wurde in eine Spielstätte umgewandelt, in der auch außerschulisches Lernen möglich ist. 25. Juni: 11:00 und 13:00 (Führungen) Greifswald: Hörsaalgebäude der Universität, Eßmann Gärtner Nieper Architekten, Leipzig. Das Hörsaalzentrum mit drei Sälen für 150 bis 500 Zuhörer ist der neue Mittelpunkt des Campus. 25. Juni: 11:00 (Führung) Bremen: Magazin der Staats-und Universitätsbibliothek, Haslob Kruse + Partner Architekten, Bremen. Der viergeschossige Bücherturm wurde auf ein Magazingebäude von 1998 aufgesetzt und bietet Platz für 725.000 Titel. 25. Juni: 11:00, 13:00, 15:00 (Führungen) Erfurt: Konventgebäude des Ursulinenklosters, Hauschild Architekten, Erfurt, Teil des Neubaus ist eine Bibliothek, in die die Kirchenmauern einbezogen wurden. 24. Juni: 14:00 bis 16:00 (Führungen halbstündlich) Homburg: Kindertagesstätte St. Michael, Daniela Sachs-Rollmann, Homburg. Die fünf Gruppenräume zeichnen sich durch Vorsprünge und farbige Sichtschutzelemente an der Fassade ab. 24. Juni: 15:00 bis 17:00 (16:00 Führung) Rottweil: Fachklassentrakt der Maximilian-Kolbe-Schule, Kaiser Architekten, Stuttgart Die Schule aus den 1970er-Jahren erhielt einen Anbau mit Werkstätten, Maschinenräumen und einer Lehrküche. 24. Juni: 13:00 (Teil einer Bustour) Anmeldung: kg-rw@akbw.de oder 07426-9316060 MEHR INFORMATIONEN Das gesamte Programm und die Adressen sind entweder unter www.tag-der-architektur.de oder über die App erhältlich. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Gebildet“ finden Sie in unserem DABthema Gebildet  

Für gelungene Schulbauten

Zwei Neuerscheinungen nähern sich ganz unterschiedlich den Zusammenhängen und Wechselwirkungen von Bildung, Architektur und Städtebau. Text: Simone Hübener Für das Buch „Gebaute Bildungslandschaften“ braucht es zunächst etwas Zeit, um sich in die wissenschaftlichen Texte einzulesen. Ist das gelungen, öffnet sich ein breites Spektrum von Analyseergebnissen über Zitate bis zu Projektvorstellungen. Grundlage ist das Forschungsprojekt „Lokale Bildungslandschaften und Stadtentwicklung – Schnittstellen und Verflechtungen“, eine Kooperation des Fachgebiets Städtebau und Siedlungswesen der TU Berlin mit dem Siegener Zentrum für sozialwissenschaftliche Erziehungs- und Bildungsforschung. Das interdisziplinäre Team aus Erziehungs- und Planungswissenschaftlern hatte sich zum Ziel gesetzt, die Wechselwirkung zwischen Stadtentwicklung und Bildung – beziehungsweise die Annahme aller Beteiligten, dass diese positiv sei – zu verstehen, relevante Dokumente auszuwerten und an empirisch angelegten Fallstudien zu beleuchten. Untersucht und besprochen wurden dazu Schnittstellen und Projekte auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene. Zunächst führen die Autoren ausführlich in das „Forschungsdesign“ ein. Es folgen drei theoretische Kapitel, etwa zur „Stadtentwicklungs- und Bildungspolitik in Deutschland“. In den letzten drei Kapiteln dreht sich alles um acht ausgewählte Bildungslandschaften. Der Campus Rütli in Berlin, der Campus Technicus in Bernburg, die Bildungslandschaft Altstadt-Nord in Köln sowie der Campus für lebenslanges Lernen in Osterholz Scharmbeck werden ausführlich auf jeweils rund 20 Seiten vorgestellt, die anderen vier kurz und knapp mit je etwa acht Seiten. Dazu kommen Pläne, Fotos und Grafiken. Wer sich mit den manchmal sehr wissenschaftlichen und teils umständlichen Formulierungen anfreunden kann, für den wird dieses Buch eine Schatzkiste der „Bildungslandschaften“ sein. Von der Forschung in die Praxis bringt uns das Buch „Schulen planen und bauen 2.0“, das „Anleitung und Inspirationsquelle zugleich“ sein will. „2.0“, weil es sich um eine Neuauflage der 2012 erschienenen Publikation handelt, die inzwischen zum Standardwerk avanciert ist. Diese wurde teilweise neu bearbeitet sowie um wichtige Aussagen und neue Beispiele ergänzt. Der Fokus liegt dabei auf der „Phase Null“, die sich noch vor der konkreten Planung abspielt (siehe aktuelles DABInterview). Sie wird als „entscheidend“ bezeichnet, da sich Änderungen und Anpassungen hier am einfachsten und kostengünstigsten realisieren und die Belange der verschiedenen Akteure am besten zusammenbringen lassen. So richtet sich das Buch an Architekten, aber auch an andere Berufsgruppen, die mit Schulbauten zu tun haben, und vermittelt Wissen aus Pädagogik, Architektur und Verwaltung. Passend dazu ist die Sprache leicht verständlich, die Gliederung übersichtlich. Die Einleitung enthält beispielsweise einen Abschnitt zum Aufbau mit seinen acht Kapiteln und eine kurze Zusammenfassung der einzelnen Inhalte. Diese reichen von Praxiswissen zu veränderten Nutzungsmustern über Hintergründe und Kontextwissen bis zu Bauten und Projekten. Die meisten Projekte finden sich diesmal in Deutschland, da sich hierzulande in den letzten Jahren einiges zum Positiven verändert hat. Ergänzt werden sie um Schulen aus dem Ausland, die meist als offene Lernlandschaften konzipiert sind; ein in Deutschland seltener Typus. Das „Tor zur Welt“ in Hamburg, die Bildungslandschaft in Köln und der Campus in Osterholz-Scharmbeck finden sich in beiden hier vorgestellten Büchern: im ersten mit Bewertung, im zweiten mit einer reinen Projektbeschreibung und stärkerem Bezug auf das Gebäude als auf den Außenraum. Am Ende schafft „Schulen planen und bauen 2.0“ die besten Voraussetzungen, damit Wirklichkeit werden kann, was Dr. Karl-Heinz Imhäuser und Barbara Pampe von der Montag Stiftung im Vorwort schreiben: „Es muss gelingen, die anstehenden Investitionen nicht wieder in überholte Klassenraum-Flur-Schulen, sondern in zukunftsfähige Typologien für Lernräume und leistungsfähige Schulbauten zu lenken.“ Simone Hübener ist Fachjournalistin für Architektur und Bauen sowie Planredakteurin in Stuttgart. Gebaute Bildungslandschaften. Verflechtungen zwischen Pädagogik und Stadtplanung A. Million, T. Coelen, A. J. Heinrich, C. Loth, I. Somborski, Jovis, Berlin 2017 240 Seiten, 32 Euro Schulen planen und bauen 2.0. Grundlagen, Prozesse, Projekte Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft / Urbane Räume (Hg.), Jovis, Berlin 2017 424 Seiten, 34,80 Euro Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Gebildet“ finden Sie in unserem DABthema Gebildet    

Kontinuität und Neuanfang

Barbara Ettinger Brinckmann über das Deutsche Architektenblatt und den Wechsel in der Chefredaktion Was brauchen Planer und Architekten, was brauchen Sie, liebe Leserinnen und Leser, für Ihre tägliche Arbeit? Seit 1969 hat sich das Deutsche Architektenblatt verpflichtet, den Horizont der Leser zu erweitern, zu informieren und auch zu unterhalten. Dabei folgte die Redaktion stets dem Credo, dass das DAB keine Architektur-Zeitschrift, sondern eine Architekten- und Stadtplaner-Zeitschrift ist, die ganz verschiedene Aspekte des Planens und Bauens abbildet. Dass das Blatt heute viel mehr ist als ein klassisches Mitteilungsmedium einer Berufsvereinigung, ist zu einem großen Anteil Roland Stimpel zu verdanken. Wie er es sich von Anfang an vorgenommen hatte, hat Stimpel nun nach genau zehn Jahren seine Tätigkeit als Chefredakteur beendet. Ich danke ihm auch auf diesem Wege für eine außerordentlich angenehme Zusammenarbeit und bin froh, dass er uns als Autor erhalten bleibt. Am Schreibtisch von Roland Stimpel hat mit dieser Ausgabe Dr. Brigitte Schultz als neue Chefredakteurin ihre Arbeit aufgenommen.Die langjährige Bauwelt-Redakteurin bringt neben ihrer Begeisterung für die Architektur einen besonderen Blick auf die Stadtplanung mit. Über deren wechselhaftes Selbstverständnis seit den Sechzigerjahren hat sie in Berlin promoviert. Durch ihre Arbeit an der Bauwelt und insbesondere der Stadtbauwelt, deren Veränderungsprozess zurück zu einer praxisnahen Publikation sie mitverantwortet hat, ist sie vielen von uns seit Jahren eine verlässliche journalistische Begleiterin. Ihr Gespür für gesellschaftliche Zusammenhänge und relevante Themen, die nicht zuletzt Architekten und Stadtplaner verbinden, macht sie zum idealen neuen Gesicht an der Spitze des DAB. Als wichtiger Übermittler berufspolitischer Themen steht das DAB auch in Zukunft für eine Lesart von Baukultur, die den Teil „hinter den Kulissen“ des Gebauten, also faire Verträge, angemessene Honorare und gute Arbeitsbedingungen, mit einschließt. Neben inspirierenden Projekten und gut recherchierten Berichten braucht es dafür auch handfeste Informationen zur technischen Ausführung, zur Büroorganisation und zu rechtlichen Fragen, die deshalb eines der Markenzeichen des Deutschen Architektenblatts bleiben. Die Balance zwischen all diesen Facetten zu finden, die unseren Beruf prägen, ist eine Kunst, die die Redaktion des Architektenblatts beherrscht. Das aktuelle Team aus Fachjournalisten in Berlin und Düsseldorf hat es sich zudem zur Aufgabe gemacht, gesellschaftliche und politische Strömungen frühzeitig aufzunehmen und zu untersuchen, inwieweit unsere Profession relevante Antworten geben kann. Diese fallen nicht immer eindeutig aus: Die Diskussion verschiedener Meinungen gehört deshalb ebenso dazu wie unumstritten beispielhafte Planungsprozesse und ihre gebauten Ergebnisse. Besonders wichtig ist uns in diesem Sinne auch der Blick über den Tellerrand im Dialog mit Politik, Fachplanern oder der Bau- und Immobilienwirtschaft. Letztendlich, liebe Kolleginnen und liebe Kollegen, ist es aber Ihr, ist es unser Blatt! Lassen Sie uns also weiterhin wissen, welche Themen Sie sich wünschen und welche Formate Sie bevorzugen. Wir – die Bundesarchitektenkammer als Herausgeberin, unser Verlag planet c und last, but not least die neue Chefredaktion – freuen uns über Anregungen und lassen diese gerne kontinuierlich einfließen. Barbara Ettinger-Brinckmann ist Präsidentin der Bundesarchitektenkammer Ihre Zuschriften richten Sie gerne an: chefredaktion-DAB@planetc.co

Transparent und rechtssicher

HOAI-Programme sind heute viel mehr als nur Honorarrechner. Text: Marian Behaneck HOAI-Software unterstützt Planer dabei, rechtssichere, ertragsoptimierte Honorare zu stellen und gegenüber säumigen Kunden auch einzufordern. Die Abrechnung von Planungsleistungen orientiert sich an der aktuellen HOAI 2013 sowie an der vorhergehenden sechsten Novelle (HOAI 2009), teilweise auch an früheren Novellierungen, bei Bedarf auch kombiniert. Die Software sollte flexibel sein, damit über Standard-Leistungsbilder hinaus auch individuelle und komplexe Leistungsprofile abgerechnet werden können. Neben allen Leistungsbildern (Flächen-, Objekt- und Fachplanung sowie Beratungsleistungen) können teilweise auch Honorare für Leistungen außerhalb der HOAI ermittelt werden. Insbesondere im Zusammenhang mit der Projektsteuerung, Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordination (SiGeKo), Energieberatung nach EnEV oder der Erstellung von Brandschutzkonzepten gab und gibt es immer wieder Unsicherheiten, wie man diese Planungs- und Beratungsleistungen korrekt abrechnet. Da diese Leistungen in der HOAI nicht oder nur unzureichend berücksichtigt werden, haben Arbeitskreise des AHO (Ausschuss der Verbände und Kammern der Ingenieure und Architekten für die Honorarordnung e.V.) entsprechende Berechnungsgrundlagen geschaffen, die sich an der Fläche, der Nutzung und sonstigen Besonderheiten eines Projektes orientieren. Daher verfügen die meisten Programme über AHO-Berechnungsfunktionen. Darüber hinaus berücksichtigen sie auch Siemon- und Simmendinger-Teilleistungstabellen oder andere Richtlinien für die Berechnung des Honorars in besonderen Fällen, wie bei der Beauftragung von Einzelleistungen etc. Damit Planer im Voraus prüfen können, auf welcher Grundlage sie ihre Leistungen optimal abrechnen, bieten HOAI-Programme die Möglichkeit, Leistungen alternativ nach unterschiedlichen Verfahren zu berechnen, um so die bestmöglichen Honorarerträge zu erzielen. Effektive Kalkulation: Aktuelle, meist in Büromanagement-Programme integrierte HOAI-Software schöpft Honorarpotenziale aus und optimiert Erträge Vom Angebot bis zur Zahlung Honorarangebote oder -rechnungen lassen sich frei, mit mehr oder weniger selbst erklärenden Dialogfenstern oder mithilfe eines Assistenten Schritt für Schritt erstellen. Letzteres hat den Vorteil, dass keine zur Berechnung erforderlichen Punkte übersehen werden. Zunächst müssen in den Projektdaten die Leistungsbilder, die anrechenbaren Kosten, die Leistungsphasen, vereinbarte und erbrachte Anteile, die Honorarzone, der Honorarsatz und gegebenenfalls Besondere Leistungen, Zu- und Abschläge oder Nebenkosten festgelegt werden. Zu den weiteren Eingabedaten zählen Angaben über mögliche Pauschal-, Zeit-, Bonus- oder Malushonorare, mitzuverarbeitende Bausubstanz (mvB) oder Umbauzuschläge. Anrechenbare Kosten lassen sich pauschal oder mithilfe einer integrierten Kostenermittlung nach DIN 276 detailliert bestimmen. Bei Bedarf stellt das Programm für jedes Leistungsbild alle HOAI-Bewertungsmerkmale zur Ermittlung der Honorarzone bereit. Für die Honorarberechnung sind alle Paragrafen der HOAI und Anlagen integriert, die zur prozentualen Aufteilung nach Leistungsphasen führen. Anhand des gewählten Paragrafen werden die Standard-Prozentsätze vorgeschlagen, wobei zu jeder Leistungsphase ein abweichender Prozentsatz hinterlegt werden kann. Für die Erstellung der Rechnungen müssen ergänzend die Fertigstellungsgrade der einzelnen Leistungsphasen angegeben werden. Daraus – und aus eventuellen Zuschlägen und bereits gestellten Rechnungen – ermittelt das Programm das aktuelle Honorar und erstellt aufgrund der gewählten Vorlage eine prüffähige Einzel-, Abschlags- oder Schlussrechnung. Auch Skonti, Nachlässe, Sicherheitseinbehalte oder Mahngebühren können verwaltet und in der Rechnung transparent und nachvollziehbar aufgelistet werden. Sofern mit dem Auftraggeber ein Sicherheitseinbehalt vereinbart wurde, etwa bei öffentlichen Auftraggebern, kann dafür der Prozentsatz oder ein Betrag eingeben werden. Außerdem werden auch Sondervereinbarungen ebenso wie Zuschläge, besondere Leistungen, Nebenkosten und weitere vertragliche Besonderheiten berücksichtigt. Gezielte Auswahl: Alle wichtigen Informationen der aktuellen Honorarberechnung lassen sich auf einem Blick anzeigen. Auswertung und Mahnwesen Über die korrekte Honorarabrechnung hinaus ermöglichen die Programme auch, dass Planer Rechnungsausgänge und Honorareingänge im Blick behalten. Säumige Bauherren werden vom integrierten oder optionalen Modul „Mahnwesen“ in einer Offene-Posten-Liste geführt und durch rechtsverbindlich formulierte, mehrstufige Mahnungen an abgelaufene Zahlungstermine erinnert. Bereits in Rechnung gestellte Honorare werden automatisch aufgelistet. Dabei werden alle Abrechnungsarten berücksichtigt – ob als Einzel-, Abschlags-, Teilschluss- oder Schlussrechnung – sowie alle eingegangenen Zahlungen, Stornierungen oder Skonti werden kontinuierlich und projektbezogen verfolgt. Wurde mit dem Auftraggeber ein Zahlungsplan vereinbart, kann man zusätzlich den termingerechten Eingang von Abschlagszahlungen prüfen. Auch Sicherheitsvorbehalte oder Sondervereinbarungen werden verwaltet, ebenso wie Zuschläge, Besondere Leistungen oder Nebenkosten. Offene Posten, Jahresumsatz und die Summe der Rechnungen pro Monat mit der Rechnungsübersicht können ebenso abgerufen werden. Offene oder bezahlte Rechnungen können sortiert und beliebig gefiltert werden, um beispielsweise einzelne Projekte auszuwerten oder einen Rechnungs-Zeitraum einzugrenzen. Gegen unbefugten Zugriff schützt ein Benutzer-Passwort. Druckausgabe und Schnittstellen Die Form der Rechnungslegung ist ein weiterer wichtiger Punkt, zählt sie doch mit zur „Visitenkarte“ eines Planers. Da die Erstellung der Angebote, Rechnungen oder Mahnungen auf einem integrierten Texteditor oder einem externen Standard Textverarbeitungsprogramm basiert, können die Dokumente mit individuellen Zusatztexten oder Formatierungen sowie dem eigenen Firmenlayout versehen werden. Dazu wird die Honorarberechnung in die programminterne Textverarbeitung geladen respektive als TXT-, RTF- oder DOC-Datei exportiert und mit anderen Programmen weiterbearbeitet. Eine zoombare Druckvorschau ermöglicht eine zeit- und papiersparende Korrektur des Layouts. Um eigenes Firmen-Briefpapier nutzen zu können, sollte wahlweise auch ein Ausdruck ohne Briefkopf und Steuernummern möglich sein. Zusätzlich zu den Textformaten lassen sich die Dokumente in den Datenformaten XLS (Excel), PDF oder HTML digital ausgeben. Gute Übersicht: HOAI-Software unterstützt Planer bei der nachvollziehbaren und rechtssicheren Honorarberechnung, Angebots- und Rechnungsstellung. Welche HOAI-Programme gibt es? Die Bandbreite der Programme reicht von kostenlosen Online-Schnellrechnern oder Excel-Berechnungstools über kostenfreie oder kostenpflichtige Berechnungs-Apps für verschiedene mobile Betriebssysteme bis hin zur mehrplatzfähigen Bürosoftware. Kostenlose Online-Schnellrechner ermöglichen entweder eine unlimitierte oder auf bestimmte Leistungsgruppen und/oder Baukosten- respektive Honorarsummen beschränkte Honorarberechnung, die teilweise auch Zuschläge, Besondere Leistungen oder Nebenkosten berücksichtigt. Unter Android, iOS und anderen mobilen Betriebssystemen laufende HOAI-Apps ermöglichen eine Abschätzung der Honorarhöhe vor Ort, zum Beispiel während einer Besprechung mit dem Bauherrn. Weitaus umfangreicher ist die Funktionspalette eigenständiger „Stand-alone-Lösungen“ oder in Büro-/Projektmanagement-Software (BMSP, DAB 10/2016: Organisieren von überall her) integrierter HOAI-Programme. Letztere bieten mehrere Vorteile: Der Anwender kann auf vorhandene Stammdaten oder Projektinformationen zurückgreifen und muss die Daten nicht neu eingeben. Ist die HOAI-Software beispielsweise in eine Büromanagement Lösung eingebunden, lassen sich Adressdaten übernehmen, Budgets kontrollieren, Umsatzprognosen oder Soll-Ist-Analysen erstellen. Sind darüber hinaus Dokumentenmanagement-Funktionen integriert, kann man auch Angebote, Rechnungen oder Mahnungen komfortabel suchen und archivieren. Ein weiterer Vorteil integrierter Software ist, dass sich Anwender nicht ständig auf ein anderes Bedienungskonzept umstellen müssen. Die Preise von separaten oder integrierten HOAI-Programmen liegen zwischen 150 und 500 Euro. Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz). Einen detaillierten Produktvergleich in Tabellenform können Sie hier herunterladen. PROGRAMME UND ANBIETER* Abacus allprojects (www.abacus-solutions.de), Acclaro (www.acclaro.de), BKI Honorarplaner (www.baukosten.de), BUILDUP HOAI, HOAI Schnellrechner (www.bauer-software.de), Cycot OM (www.cycot.de), Documaps (www.documaps.de), HOAI-Honorar-Rechner (www.rudolf-mueller.de), HOAI-Honorarechner (www.infradesign.de), HOAI detail (www.bauskript.de), HOAI2Go (www.codingbuilders.com), HOAI Pro (www.vordruckverlag.de), Honorarabrechnung leicht gemacht (www.weka.de), HonTaf, HOAI-Rechner Online (www.hoai-2002.de), IsyControl (www.isycontrol.de), Kobold Control (www.kbld.de), Pro Controlling (www.projektpro.com), RP-PRO (www.loreg.de), SMART (www.software-fs.de), untermStrich (www.untermstrich.com), Visuplus Professional (www.visuplus.com), Wiko (www.wiko.de) * Auswahl ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Stand: 5/2017 grün: siehe auch tabellarischer Produktvergleich als Download oben rechts auf dieser Seite WEITERE INFOS UND QUELLEN Softwareübersicht: www.aec-office.de/hoai/hoai-software.php GHV-Gütestelle: www.ghv-guetestelle.de HOAI-Text: www.gesetze-im-internet.de/hoai_2013 HOAI-Forum: www.hoai.de/forum/index.php HOAI-Infos: www.iww.de/pbp/suche?term=hoai [1] HOAI 2013 – Honorarordnung für Architekten und Ingenieure, 10. Juli 2013 (BGBI. I, 2.2276), www.gesetze-im-internet.de/hoai_2013 [2] Kruft, A.: Ausprobieren erwünscht. Neues Honorarmodell für Nichtwohngebäude, Gebäude-Energieberater, 05/2014, Gentner Verlag, Stuttgart [3] Meurer, K.: Die Regelungen der HOAI 2013, Teil 1-3, Gebäude-Energieberater 10, 11/2013, 1/2014, Gentner Verlag, Stuttgart [4] Sangenstedt, H-R.: HOAI 2013, Band 1: Rechtstext und praxisnahe Einführung, September 2013, Beuth, Berlin [5] Siemon, K.D./Weber, F.: Die neue HOAI 2013 mit Synopse 2009 und 2013. Einführung, Gegenüberstellung, Begründung, Bewertungstabellen, 2014, Springer, Berlin Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Normalfall Verschiedenheit

Rampenschauspiel: Steinbruch-Theater, St. Margarethen (A), Architektur: AllesWirdGut Die vier Regionalkonferenzen „Inklusiv gestalten“ zeigten, wie selbstverständlich barrierefreie Architektur, Freiraumplanung und Stadtplanung sein sollten. Text: Barbara Chr. Schlesinger In alle Himmelsrichtungen hat Verena Bentele, Beauftragte des Bundes für die Belange von Menschen mit Behinderungen, gemeinsam mit der BAK und den Länderkammern ihre Botschaft getragen: Inklusion heißt, jedem ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen (Interview mit Verena Bentele). Doch eine vielfältige, inklusive Gesellschaft braucht eine entsprechende Planungskultur – und Architekten und Stadtplaner als Partner für eine inklusive Gestaltung, wie BAK-Vizepräsident Martin Müller feststellt: „Gesucht werden kreative Lösungen.“ Wie solche aussehen können, zeigten die vier von Bentele geförderten Konferenzen in München, Hannover, Duisburg und Schwerin. Bei allen vorgestellten Projekten aus den Bereichen Wohnen, Stadtquartier und Freiraum (eine Auswahl finden Sie hier, die komplette Proketliste am Ende des Artikels) wurde Barrierefreiheit als selbstverständlicher Teil der Architektur mitgedacht. Rampen, Aufzüge, breite Türen und barrierefreie Bäder werden schließlich von allen als Mehrwert empfunden. Niedrige Brüstungen etwa bieten Rollstuhlfahrern Ausblick und dienen anderen als Bank. Erschließungsflächen können soziale Begegnungsräume werden. Unterschiedliche Oberflächen und kontrastreiche Farben geben Orientierung und regen gleichzeitig die Sinne an. Eine wesentliche Basis einer funktionierenden Gesellschaft sind gute Nachbarschaften und soziale Bindungen. Menschen sollten daher nicht aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen werden, so Bentele. In diesem Sinne wird in zahlreichen Wohnprojekten Inklusion gelebt. Wohnen und Arbeiten verschiedener Generationen, von Menschen mit und ohne Behinderungen wird verbunden. Häufig ist das ein wichtiger Teil der Quartiersentwicklung, etwa wenn sich entsprechende Baugemeinschaften finden. „So ein Zusammenleben kann man allerdings nicht erzwingen“, so Verena Bentele, „sondern mit politischen Maßnahmen und gesetzlichen Vorgaben höchstens befördern.“ Auf Zielkonflikte in der baulichen Umsetzung wies BAK-Präsidentin Barbara Ettinger- Brinckmann hin: „Da können und müssen wir unsere ganze Kreativität und technische Expertise einbringen. So brauchen Menschen mit Sehbehinderung oftmals andere bauliche Voraussetzungen als Menschen mit Gehbehinderung. Auch bei Baudenkmalen gibt es Konflikte.“ Das Miteinander aller Menschen steht im Zentrum erfolgreicher inklusiver Prozesse und Planungen. Dies sollte auch in der Ausbildung verinnerlicht werden. Hier sieht Bentele Nachholbedarf. Martin Müller: „Wenn wir die ,Kulissen des Lebens‘ bauen, sollte es auch selbstverständlich sein, für alle Anforderungen des Lebens zu bauen und die veränderten gesellschaftlichen Ansprüche frühzeitig zu erkennen.“ Der viel zitierte Ausspruch, Inklusion müsse Spaß machen, war auf den Konferenzen jedenfalls gelebte Realität – kein Wunder also, dass sich alle Beteiligten eine Fortsetzung wünschen. Barbara Chr. Schlesinger ist Referatsleiterin für Architektur und Bautechnik bei der BAK.   Vier ausgewählte Projekte werden hier vorgesellt. ÜBERSICHT ALLER PROJEKTE Regionalkonferenz Süd am 28.11.2017 in München Wohnen Roman Adrianowytsch, Augsburg »Wohnen am Römertor – Mehrgenerationenwohnen« Ergebnis eines Architektenwettbewerbs „Miteinander wohnen in zentraler Innenstadtlage in Augsburg“, 37 Wohneinheiten in sieben Häusern, neun davon sind rollstuhlgerecht, alle anderen barrierefrei, Projekt ist fertiggestellt. Innenstadtgebiet unter Denkmalschutz. Stadtquartier Sabine Steger, leitende Baudirektorin München »Freiham inklusiv« Freiham ist Flächenreserve für München, dort sollen zukünftig 20.000 Menschen leben. Nach Stadtratsbeschluss 2014 als Projekt einer inklusiven Stadtentwicklung, dazu gehört Mobilität, Wohnen und Gemeinschaft, Gesundheit und Soziales, Arbeitsplätze, Freizeitgestaltung sowie Grün- und Freiflächen. Freiraum – Freizeitraum Herwig Spiegl, AllesWirdGut, Wien, München »Open Air im Römersteinbruch … und ein bisschen mehr!« Naturbühne im Steinbruch z.B. für Opern hat 5.000 Sitzplätze mit inklusiver Infrastruktur – barrierefreie Erschließung gestaltet mit Rampen etc. ist fertiggestellt. Regionalkonferenz Nord am 24.01.2017 in Hannover Wohnen Karin Kellner, kellner schleich wunderling architekten + stadtplaner, Hannover „Wohnen am Thie – Inklusive Wohnanlage in Hannover, Kronsberg“ Inklusive Wohnanlage; breite Türen, geräumige Flure, Laubengänge und Rampe – gute Gestaltung für alle, Projekt ist fertiggestellt. Stadtquartier Agathe Bogacz, Projektleitung Q8 Altona und Birgit Ferber, Projektgruppe Planung Mitte Altona, Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, Hamburg „Eine Mitte für alle – Inklusive Stadtentwicklung in Hamburg-Altona“ Neues Quartier entsteht in Hamburg-Altona. Inklusion wird hier gelebt, Netzwerk zwischen Bewohnern, Unternehmen und Institutionen werden vom Projektteam Q 8 geknüpft. Ziel ist ein Mix aus Selbsthilfe, bürgerschaftlichem Engagement und Nachbarschaft, Technik und professioneller Unterstützung. Beteiligung der Bewohner. Freiraum – Freizeitraum Oliver Keil, Latz und Partner Landschaftsarchitekten, Kranzberg „Mikro und Makro – Historischer Rathausplatz in Verden und Neugestaltung eines Hafengebiets in Bremerhaven“ Rathausvorplatz umgestaltet – keine Bordsteine, aber Erhebungen im Pflaster etc. Regionalkonferenz West am 16.03.2017 Wohnen Norbert Post, Architekt und Stadtplaner BDA, postwelters/partner mbH Architekten Stadtplaner, Dortmund, Köln »Nachbarschaftliches Wohnen – WIR wohnen anders – in Dortmund-Brünninghausen« Menschen unterschiedlichen Alters entwickelten ein genossenschaftliches Wohnprojekt für mehr Lebensqualität in einer lebendigen Nachbarschaft. Gemeinschaftsräume, Begegnungsflächen, Laubengänge, Projekt ist fertiggestellt. Stadtquartier Frank Riedel, Architekt, pbs architekten Gerlach Wolf Böhning, Aachen »Kirschblüten Carré in Hürth« 96 Wohneinheiten mit zwei Wohngruppen, dreigeschossige Wohnbauten mit Staffelgeschoss. Eine Wohngruppe für Menschen mit Beatmungsbedarf. Eine Wohngruppe als WG für junge Rollstuhlfahrer. Dazu Studenten, junge Familien, eine Durchmischung, Projekt ist fertiggestellt. Freiraum – Freizeitraum Alexander Nix, Landschaftsarchitekt, Contur 2 Bergisch-Gladbach „Freiräume ohne Barrieren“ Umfängliche Nutzbarkeit des öffentlichen Raums – Beispiele für Garten- und Platzgestaltung seines Büros (fertiggestellt). In Altenheimen wurden „Demenzgärten“ angelegt, damit demente Menschen nicht die Orientierung verlieren und zusätzliche Anregungen und Impulse empfangen. Regionalkonferenz Ost am 21.04.2017 in Schwerin Wohnen Architektin Dipl.-Ing. Ines Yitnagshaw, TANGRAM PlanWerkstatt GmbH, Greifswald »StraZe« – Stralsunder Straße 10/11 in Greifswald Konzert- und Gesellschaftshaus an der Stralsunder Straße 10/11, Baujahr 1847. Das historische, denkmalgeschützte Gebäude stand lange leer und ist schwer baufällig. Nun soll ein gemeinwohlorientiertes Haus für die Nachbarschaft – mit Wohnungen, Werkstätten, Büros, Gastronomie und Räumen für Kunst und Kultur entstehen. Schlechter Baugrund, Schwammsanierung. Großer Saal, Werkstatt. Kurze Wege, ebenerdige Eingänge, Fahrstuhl in zentraler Lage, kontrastreiche Farbgestaltung, taktile Orientierungshilfen. Bauabschnitt Nr. 1 von 4 ist fertig, Abschluss im Jahr 2019. Denkmalschutz und Barrierefreiheit müssen kein Widerspruch sein. Stadtquartier Steffen Bockhahn, Senator für Jugend, Soziales, Gesundheit, Schule und Sport der Hansestadt Rostock »Kommune Inklusiv« – die Modellkommune Hansestadt Rostock Positive Beispiele aus Rostock: Alle Sporthallen sind bald barrierefrei, nur noch 4 Schulen sind nicht barrierefrei. Im Landgericht führt ein Leitsystem durchs Haus, Assistenz wird ermöglicht bei Bedarf. Straßenbahn ist vollständig barrierefrei, Bushaltestellen zu 70% barrierefrei. Nutzen für alle, Anspruch der Verwaltung, dies zu leisten. Arbeit und Bildung Architekt Dipl.-Ing. Friedhelm Haas, Haas | Architekten BDA, Berlin »Lebenshilfswerk Waren/Müritz« Landschaftsgärtnerei für 30 Beschäftigte und Pension (Denkmalschutz) mit 36 Betten am Tiefwarensee, Waren / Müritz. Gartenanlage zur Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderungen. Behindertenwerkstatt  mit 30 Arbeitsplätzen in der Gievitzer Strasse, Waren / Müritz. Behindertenwohnheim mit 24 Plätzen für 2 Wohngruppen in der Karl-Liebknecht-Straße, Waren / Müritz. DANK Die vier Regionalkonferenzen wurden von der Beauftragten des Bundes für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Verena Bentele, durch ihre aktive Teilnahme und finanzielle Unterstützung ermöglicht. Die Abschluss-Konferenz wurde zusammen mit der Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig ausgerichtet. Durch die finanzielle Förderung des BMFSFJ konnte die Broschüre „Alle unter einem Dach. Inklusives Planen“ erstellt werden.  

Das Abc der Architektur

Neuer Treffpunkt Baum: Die geplanten Bänke um den Baum werden eine Ruheinsel inmitten von Beton. Sie sollen der Anfang einer kompletten Neugestaltung des Schulhofs der Städtischen Maria-Montessori-Gesamtschule in Meerbusch sein. Mit dem Programm „Architektur macht Schule“ bringt die Architektenkammer NRW Baukultur auf den Lehrplan und schafft konkrete bauliche Abhilfe vor Ort. Text: Stefan Kreitewolf Gleich geht’s los“, tönt es aus knackenden Lautsprecherboxen. Große Kinderaugen schauen aus gut gefüllten Sitzreihen erwartungsfroh auf die Bühne im Forum der Städtischen Maria-Montessori-Gesamtschule Meerbusch. Neben ihr stehen stolz sechs Schüler und der Landschaftsarchitekt Matthias Hähnel. Sie präsentieren den anderen ihre Entwürfe für einen besseren Schulhof. Die Eiche steht schon: Um den Baum herum haben die Schüler eine Sitzinsel geplant und mit Kreide vorgezeichnet. Bei der Feinarbeit half der Krefelder Landschaftsarchitekt Matthias Hähnel. Hähnel ist zum zweiten Mal in der Schule nahe Düsseldorf. Vor einem Jahr entwickelte er mit den Schülern die Gesamtkonzeption für die Umgestaltung des Schulgeländes und stellte sie der Schulgemeinde und dem Schulträger vor. Der Schulleiter Klaus Heesen erläutert: „Dass es um die Umgestaltung des Pausenhofs gehen sollte, stand von Anfang an fest.“ Dieser sollte einladender werden – durch den Ausbau der Sport- und Spielbereiche und durch Ruhezonen. Wie bei jeder engagierten Beteiligung braucht auch diese Arbeit viel Zeit. Die Interessengemeinschaft (IG) Schulhofgestaltung plant seit März 2015 in wöchentlichen Treffen schrittweise die Gestaltung und unterstützt deren Umsetzung. Die acht Jungen und vier Mädchen aus den Klassen sechs bis elf recherchierten viel. Anregungen wurden gesammelt. Hähnel prüfte, ob sich die Ideen umsetzen und finanzieren ließen. Eine Sitzgelegenheit im Grünen würde dem Schulhof, der in seiner Mitte wie eine Betonwüste anmutet, guttun, waren sich alle Beteiligten schnell einig. Es wurde dann eine Bank samt Eiche. Der Baum soll mit einer Sitzinsel als neuer Mittelpunkt und erholsamer Kommunikationsort dienen. Die Eiche spendete eine mit der Schule freundschaftlich verbundene Baumschule. „Den Rest haben die Schüler selbst geplant“, sagt Hähnel freudestrahlend. Zur Unterstützung schob er vor Beginn der praktischen Projektarbeit einen Theorieblock ein. „Dabei sollen die Schüler nicht wie im Frontalunterricht beschallt werden, sondern in einem gemeinsamen Workshop die Grundlagen für die spätere Projektarbeit erarbeiten“, sagt der Landschaftsarchitekt. Eigene Lösungen umsetzen Die Eiche steht seit Juli 2016, in diesem Frühjahr konkretisierten die Schüler mit Hähnel die Idee der Sitzinsel. Mit Erfolg: Der neue Treffpunkt wird noch in diesem Jahr realisiert. Als Nächstes möchte die IG Schulhofgestaltung die Wegeführung zum Haupteingang ihrer Schule verbessern, hier sollen Leitsätze der Namenspatronin Maria Montessori in den Boden eingelassen werden. Der Sportplatz soll um einen Basketball-Court und eine Ruhewiese im hinteren Teil des Schulgeländes ergänzt werden. Finanziert wird das Ganze mit Mitteln aus dem Programm „Kultur und Schule“ der Architektenkammer NRW (AKNW), für das sich die Schüler erfolgreich bewarben. Es ist Teil des Aktionsprogramms „Architektur macht Schule!“ (siehe Info) und ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, unter Anleitung von Architekten eigene Konzepte umzusetzen. „Das Ziel der Initiative ist es aber auch, Schülerinnen und Schüler für ihre gebaute Umwelt zu sensibilisieren, ihnen die Augen für bauliche Probleme in ihrer Umgebung zu öffnen und ihnen zu vermitteln, dass wir unsere Umwelt aktiv beeinflussen und gestalten können“, sagt Anne-Griet Menrath von der AKNW. Arbeit als Architekt näherbringen Die AKNW bietet regelmäßig interessierten Architekten die Möglichkeit, in einem Workshop die Grundlagen für den Unterricht an der Schule zu erlernen. Rund 100 Architekten engagieren sich in dem Programm. Dr. Markus Wirtz, Leiter Organisation bei der nordrhein-westfälischen Architektenkammer, erläutert das Engagement: „Wir wollen damit sicherstellen, dass die Themenfelder Architektur, Wohnen und Stadtentwicklung zu festen Bestandteilen des Unterrichts an Schulen in Nordrhein-Westfalen werden.“ Dazu wurde eine Vielzahl unterschiedlicher Elemente und Maßnahmen entwickelt: Schulbücher und Arbeitsmappen, Vorträge von Architekten an Schulen und Besuche von Schülern in Architekturbüros, Unterrichtsreihen und Ideen für Projektwochen. Eine Arbeitsmappe zum Thema Architektur ist für Kinder im Grundschulalter kostenfrei bestellbar (siehe Info). Hähnel engagiert sich bereits seit 2012 ehrenamtlich. Der Geschäftsführer des Büros freiraumplus baut hauptsächlich Spiel- und Sportplätze, Schulen und Kindergärten. Auch für ihn als Lehrenden ist das Programm überaus aufschlussreich, bekommt er doch hier direktes Feedback von den Nutzern und wertvollen Input. „Die Arbeit mit den Schülern bringt mir immer wieder Impulse und Ideen für neue Projekte“, berichtet er. Hähnel möchte den Schülern aber auch die Arbeit als Architekt näherbringen. „Sozusagen das Abc der Architektur“, wie er es nennt. Vor der Sitzinsel in Meerbusch realisierte Hähnel im Rahmen der Initiative zuletzt an einem Gymnasium in Moers ein Freiluft-Klassenzimmer, das an ein Amphitheater erinnert. Im kommenden Schuljahr wird er neue Projekte an Schulen begleiten. „Mir macht das Spaß“, sagt der zweifache Vater. „Bald geht’s wieder los.“ Grüner lernen: Der Plan für das neue Schulgelände sieht neben Sport- und Spielstätten auch den Ausbau von Ruhezonen und Sitzmöglichkeiten vor. INFO AKNW an Schulen Das von der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen (AKNW) im Jahr 2002 initiierte Aktionsprogramm „Architektur macht Schule!“ zielt darauf ab, Kinder und Jugendliche möglichst früh und im schulischen Kontext an Themen der Architektur und der Stadtplanung heranzuführen. Den jungen Leuten soll ein Gespür dafür vermittelt werden, dass auch sie dazu beitragen können, ihre Umwelt baulich attraktiver und lebenswerter zu gestalten. Zu den erfolgreichsten Maßnahmen des Programms gehört die Veranstaltungsreihe „KidS – Kammer in der Schule“. Die AKNW kooperiert auch mit dem nordrhein-westfälischen Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport im Programm „Kultur und Schule“; gemeinsam werden in jedem Schuljahr 20 Architektur-Projekte in Unterrichtsreihen durchgeführt. Eine umfassende, ständig aktualisierte Darstellung des Aktionsprogramms „Architektur macht Schule!“ mit seinen vielfältigen Bausteinen findet sich unter www.architektur-macht-schule.de. Hier können auch Ansprechpartner für Schulen abgerufen werden. Solange der Vorrat reicht: Die Arbeitsmappe für Grundschulkinder kann über info@aknw.de unter dem Stichwort „Schulmappe“ kostenfrei bestellt werden. Initiativen anderer Kammern Neben der AKNW fördern auch die anderen Landesarchitektenkammern die Architekturvermittlung an Schulen. Eine Übersicht finden Sie hier: Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Gebildet“ finden Sie in unserem DABthema Gebildet

Lichte Entwürfe

Zurückhaltend im Design: Die LED-Stehleuchte Lavigo von Waldmann beeindruckt durch klare Linien und schlichte Eleganz. Eine stimmige Beleuchtung des Büros verstärkt Wohlbefinden und Schaffenskraft. Text: Jürgen Schubert, Klaus-Jürgen Hahn Die Beleuchtung am Arbeitsplatz hat großen Anteil daran, wie zufrieden und gesund sich die Mitarbeiter fühlen – und nicht zuletzt an ihrer Leistungsfähigkeit. Als Planungsgrundlage zur Büro- Beleuchtung dienen zunächst zwei Regelwerke: Die DIN EN 12464-1:2011-08 „Licht und Beleuchtung – Beleuchtung von Arbeitsstätten“, Teil 1: „Arbeitsstätten in Innenräumen“, legt die Anforderungen hinsichtlich der Qualität und Quantität der Bürobeleuchtung fest. In der Norm sind allerdings lediglich die Rahmenbedingungen festgelegt; konkrete Lösungen sucht man darin vergeblich. Außerdem muss der Planer die Arbeitsstätten-Richtlinie ASR A3.4 beachten. Diese „Technischen Regeln für Arbeitsstätten“ enthalten die Anforderungen an die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Beschäftigten, und zwar in konkreter, detaillierter Form. Neben diesen normativen Vorgaben sind zudem ästhetische, ergonomische, energetische und auf die Funktion des geplanten Büros zugeschnittene individuelle Aspekte zu hinterfragen, bevor die Lichtplanung technisch ausgearbeitet werden kann. Wichtige Fragen sind zum Beispiel: Steht das Raumkonzept zum Zeitpunkt der Planung schon fest oder ist Flexibilität gewünscht? Sind akustische Aspekte zu berücksichtigen, vielleicht in Form von Deckensegeln? Wichtig ist, ein stimmiges Gesamtkonzept zu entwickeln, das eine angenehme Arbeitsplatz-Atmosphäre schafft. Anforderungen differenzieren Bei der Bürobeleuchtung bieten sich grundsätzlich drei Möglichkeiten an. Raumbezogene Beleuchtungen sorgen für ein gleichmäßiges Licht im ganzen Raum und sind die bevorzugte Lösung, wenn zum Zeitpunkt der Lichtplanung die Anordnung der Arbeitsplätze noch nicht feststeht oder für die Zukunft flexibel bleiben soll. Optimal hierfür sind Pendelleuchten mit einem direkten und indirekten Lichtanteil oder großflächige Leuchten, die in oder an der Decke montiert werden. Sofern Arbeitsplätze unterschiedliche Sehaufgaben und somit individuelle Beleuchtungsstärken erfordern, sind arbeitsplatzbezogene Beleuchtungen wie Pendel- oder Stehleuchten mit einer direkten und indirekten Lichtverteilung optimal. Die Beleuchtung der unmittelbaren Umgebung der Arbeitsplätze kann darüber hinaus mit Downlights erfolgen. Abgerundet werden diese beiden Konzepte mithilfe einer teilflächenbezogenen Beleuchtung, die für schwierige Sehaufgaben empfohlen wird.Hierfür werden einzelne Flächen des Arbeitsplatzes, zum Beispiel auf dem Schreibtisch, am besten mit LED-Schreibtischleuchten gesondert beleuchtet. Wer zeitgemäße Büros schaffen möchte, sollte auch eine biodynamische Beleuchtung in Betracht ziehen. Solche Leuchten simulieren den natürlichen Tageslichtverlauf, der den menschlichen Rhythmus bestimmt und damit für Wohlempfinden sorgt. Das gegenwärtig vorherrschende künstliche Licht in Büros unterstützt diesen Rhythmus dagegen nicht. Die Folgen können schlechter Schlaf in der Nacht sowie Müdigkeit und Antriebslosigkeit am Tag sein. Über die biodynamische Beleuchtung hat das Deutsche Architektenblatt bereits hier berichtet. #gallery-1 { margin: auto; } #gallery-1 .gallery-item { float: left; margin-top: 10px; text-align: center; width: 50%; } #gallery-1 img { border: 2px solid #cfcfcf; } #gallery-1 .gallery-caption { margin-left: 0; } /* see gallery_shortcode() in wp-includes/media.php */ Leuchte für vier Arbeitsplätze: Die Twin-T-Variante leuchtet vier Arbeitsplätze optimal aus. Alle Lavigo-Leuchten werden auch mit biodynamischem Licht angeboten. Leuchte für Arbeitsplätze mit Trennwand: Die Twin-U-Variante versorgt zwei Arbeitsplätze mit gleichmäßigem Licht ohne Schattenbildung, trotz Trennwand mit Ablageflächen. Design integrieren Für ein Wohlfühl-Ambiente im Büro ist nicht zuletzt das Design ausschlaggebend. Architekten und Bauherren erwarten heute Leuchten mit einer perfekten, aber möglichst in den Hintergrund tretenden Lichttechnik in einer gut gestalteten Hülle. Gewünscht wird in der Regel eine reduzierte, flache Form, die erst in den letzten Jahren durch neue LED-Technologien überhaupt möglich wurde. Beliebt ist ein derart zeitloses Leuchten Design vor allem wegen seiner hohen Kompatibilität zu den unterschiedlichsten Möbelsystemen, denn es ordnet sich der Gesamtgestaltung unter. Vorteile bieten hier zudem modular aufgebaute Leuchten-Systeme, die für unterschiedliche Raumsituationen und Arbeitsplatzanforderungen, wie etwa Einzel-, Doppel- oder Großraumbüros sowie Bench-Lösungen in Teambüros, eingesetzt werden können. Effiziente und moderne Lichtmanagementsysteme, etwa zur Vernetzung von Leuchten inklusive der Anbindung an die Gebäudetechnik, sorgen darüber hinaus für geringe Nebenkosten und einen erhöhten Nutzerkomfort. Dipl.-Ing. Jürgen Schubert ist Architekt bei Structurelab Architekten in Düsseldorf und Dipl.-Ing. Klaus-Jürgen Hahn ist Produktmanager beim Leuchtenhersteller Waldmann in Villingen-Schwenningen Mehr Informationen und Artikel zum Thema Licht finden Sie hier.

Kunstwerk und Standort

Ein Gerichtsurteil stärkt die Kunst am Bau. Wenn sich ein Werk gezielt mit den Gegebenheiten seines Standorts auseinandersetzt, darf es nicht einfach entfernt werden. Text: Axel Plankemann Bekannt ist, dass Architekten beim Bauen im Bestand sich mit einer etwaigen Urheberschaft am Gebäude auseinandersetzen müssen. Doch auch bei am Gebäude angebrachten Kunstwerken muss sich der Architekt mit urheberrechtlichen Ansprüchen des Künstlers befassen, wie der nachfolgende Fall des OLG Frankfurt am Main zeigt. Es entschied, dass das Entfernen der für ein Gebäude auf dessen Dach geschaffenen Großplastik deren Schöpfer als Urheber in seinen Rechten beeinträchtigt. Ein Eingriff in die geistige Substanz eines Werkes liegt auch vor, wenn das Kunstwerk in einen anderen Sachzusammenhang gestellt wird. Wird ein Werk in Korrespondenz zum Ausstellungsort konzipiert und konstruiert, konkretisiert nicht allein das körperliche Werkstück die persönliche geistige Schöpfung, sondern erst das Zusammenspiel von Objekt und konkreter Umgebung. Jede Verbringung eines solchen Werks an einen anderen Ort führt damit zu einer Veränderung des vom Urheber geschaffenen geistig-ästhetischen Gesamteindrucks (Urteil vom 12.07.2016, Az. 11 U 133/15). Für ein Hochhaus in Darmstadt hatte der klagende Künstler eine großflächige Stahlplastik mit geometrisch fraktalen Ornamenten und vergoldeten Muranoglas-Mosaiken entworfen, die in fast 50 Metern Höhe auf dem Gebäudedach installiert wurde. Das Objekt war für diesen konkreten Standort entworfen und so installiert worden, dass die Sonnenstrahlen auf gezielte Art und Weise in das Stadtbild reflektiert wurden. Nach dem Verkauf des Gebäudes veranlasste der neue Eigentümer die Entfernung der Plastik unter Verweis auf sein Eigentumsrecht sowie die beabsichtigte Anbringung von zusätzlichen Funkmasten und einem Firmenlogo. Als dies das Gericht nicht überzeugte, schob er „weltanschauliche“ Argumente nach: Es handele sich bei dem Kunstwerk mit dem Namen „Kornkreiskrone“ um ein esoterisches Gebilde mit weltanschaulicher Botschaft, die er nicht unterstützen wolle. Keines dieser Argumente überzeugte das Gericht. Die Plastik genieße Urheberschutz und im Urheberrecht bestehe grundsätzlich ein Änderungsverbot. Der klagende Künstler habe als Urheber einen Anspruch darauf, Verfälschungen der Wesenszüge seines Objekts auch in der Art und Weise, wie es anderen dargeboten wird, zu verhindern. Da im vorliegenden Fall diese Plastik ihren ästhetischen Gesamteindruck insbesondere in Abstimmung mit den konkret auf dem Dach des Hochhauses und dessen Erscheinungsbild vorgefundenen Umgebungsvoraussetzungen erhält, beinhalte die Demontage und Verbringung der Plastik an einen anderen Ort eine Verfälschung der Wesenszüge dieses Kunstwerks. Der Urheber hat ein grundsätzliches Recht darauf, dass das von ihm geschaffene Kunstwerk in seiner unveränderten Gestalt zugänglich gemacht wird. Demnach liegt eine Beeinträchtigung in jeder Umgestaltung oder Entstellung des „geistig-ästhetischen Gesamteindrucks“, ohne dass zwangsläufig ein Eingriff in die körperliche Substanz des Werkes erforderlich wäre. Ausreichend ist in jedem Fall, dass die geistige Substanz des urheberrechtlich geschützten Werkes angegriffen wird, zum Beispiel auch, indem es in einen anderen Sachzusammenhang gestellt oder auf sonstige Weise ein andersartiger Gesamteindruck vermittelt wird. Sofern ein Kunstwerk gezielt in Korrespondenz zum Aufstellungsort konzipiert wurde, konkretisiert das Zusammenspiel von Kunstwerk und konkreter Umgebung die persönliche geistige Schöpfung, sodass auch sein Umfeld Teil des Werkes wird. Allenfalls, so schränkt das Gericht ein, könne sich die Ortsbezogenheit nicht nur auf einen einzigen denkbaren Standort beziehen, sondern lediglich generell eine bestimmte geeignete Umgebung notwendig werden. Nach diesen Maßstäben geht das Urteil von einer absoluten Ortsbezogenheit der fraglichen Plastik aus: Exponierte Stellung und Anbringung auf dem Dach des höchsten Hauses der Stadt, Farbabstimmung mit der Hausfassade sowie Spiegelungseffekte der Sonne, die im Hinblick auf die Umgebung und die Fenster des Hauses einbezogen wurden. Insgesamt gelangte das Gericht zu einem Anspruch des klagenden Urhebers auf Reinstallation der Plastik. Die vom Eigentümer des Gebäudes geltend gemachten Eigentumsrechte und daraus resultierende wirtschaftliche Interessen überzeugten das Gericht nicht, sodass eine Abwägung der wechselseitigen Interessen nicht möglich war. Das OLG Frankfurt hat in diesem speziellen Fall die Position des Urhebers – unabhängig von den individuellen Besonderheiten des konkreten Falles – gestärkt. Ob diese Rechtsprechung die Neigung von Immobilieneigentümern fördern wird, bei geplanten Baumaßnahmen mit Kunst am Bau zusätzliche Gestaltungselemente in die baulichen Überlegungen einzubeziehen, darf dagegen eher bezweifelt werden. Auch dem Künstler selbst könnte durchaus das Risiko im Umgang mit solchen Kunstwerken eher zum Nachteil gereichen. Denn es kann immer wieder vorkommen, dass für bestimmte Bauwerke geschaffene Kunstwerke wegen Umbauten oder geänderten Nutzungen nicht mehr am bisherigen Platz verbleiben können, sodass nach einem neuen Standort gesucht werden muss. Im Endergebnis wird es dann immer auch auf die Bereitschaft beider Parteien ankommen, zu einer konstruktiven und akzeptablen Lösung zu gelangen. Axel Plankemann ist Rechtsanwalt in Hannover. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier.

Geheimes Grün

Ein Schlauch: Der Plan beweist, der Garten in Köln ist lang und schmal – und eine Herausforderung für jeden Landschaftsarchitekten. Das Gartenjahr beginnt mit sonnigen Tagen und vielen guten Vorsätzen. Wie der Garten zum Glück wird, zeigen zwei prämierte Gärten. Text: Stefan Kreitewolf Das Gartengrundstück im Kölner Süden ist ein Schlauch. „Sehr lang, sehr schmal: 7,5 Meter in der Breite und 43 Meter lang“, berichtet die Landschaftsarchitektin Brigitte Röde. Das ungewöhnliche Stück Land schließt sich an ein Reihenmittelhaus an und ist von benachbarten Gärten komplett umschlossen. Röde teilte die Fläche in drei kombinierbare Bereiche: Ein repräsentativer Garten direkt hinter der erhöhten Terrasse verströmt mit einer Wasserfläche und einem plätschernden Schwallblech Ruhe. Eine Rasenfläche ohne Schnickschnack lädt in der Mitte zum Verweilen an sonnigen Tagen ein. Und ein geselliges Plätzchen im hinteren Bereich verspricht gelungene Gartenfeste fernab aller Nachbarn. Dafür wurde der Garten jetzt als einer der „Gärten des Jahres 2017“ prämiert. „Steine dürfen Patina ansetzen“ Eine Sichtachse verläuft geradlinig vom Wohnzimmer des Altbaus bis in die letzte Gartenecke. „So wird das Grundstück perfekt genutzt“, sagt Röde. Tatsächlich überzeugt die klare, räumliche Gliederung ebenso wie die verwendeten Pflanzen und Materialien. Der Lavabasalt, der für Wege, Trittplatten und Einfassungen verwendet wurde, wirkt dezent, aber elegant. Er altert mit dem Garten. „Die Steine dürfen ruhig etwas Patina ansetzen“, sagt Röde. „Es muss nicht immer alles wie neu aussehen.“ Als Gegenpol zum grauen Basalt sorgen Gehölze und Stauden mit grünem und rotem Laub für farbliche Akzente. Passend dazu wurde die Mauer an der seitlichen Grundstücksgrenze vom Putz befreit, sodass der rote Backstein zu sehen ist. „Purpurglöckchen und die weiß blühende Glyzinie schaffen damit eine Verbindung zwischen Architektur und Natur“, erläutert Röde. Das mag etwas bemüht klingen, ist in dem Kölner Garten aber durchaus erkennbar. Oase der Ruhe: Im hausnahesten Teil des Gartens plätschert ein Wasserbecken. Der verwendete Stein darf ruhig etwas Patina ansetzen. Garten als „Designstückchen“ Wie der Garten selbst zur Architektur – oder besser: zum Designobjekt – wird, zeigt das Bietigheimer „Designstückchen“ von Andreas Käpplinger aus Leinfelden- Echterdingen, das ebenfalls mit dem Preis ausgezeichnet wurde. Klare Linien und geometrische Muster lassen das 760 Quadratmeter große Stück Garten etwas streng wirken. Eine Treppen-anlage aus hellem Kalksandstein verbindet zwei große Terrassen sowie Sitzpodeste auf verschiedenen Ebenen. Kein Schnickschnack: Im mittleren Teil liegt der Fokus auf Schlichtheit. In der Sonne auf der Wiese liegen, geht hier aber auch gut. Den Bodenbelag fanden die Bauherren so schön, dass sie ihn ebenfalls im Haus verwendeten. Käpplinger nennt das verschmitzt „outside-in“. Immergrüne Gehölze bieten vor den bodentiefen Wohnzimmerfenstern einen ansprechenden Kontrast zum hellen Bodenbelag. In der untersten Terrassenfläche integrierte er drei Wasserbecken aus Stahl, die plätschernd für Entspannung sorgen sollen. „Für die Gartenparty gibt es eine einladende Lounge-Ecke und eine Außen-Bar mit integriertem Kühlschrank und Bistro-Stühlen“, sagt der Mitarbeiter der Otto Arnold GmbH. Gemütliches Plätzchen: Im hintersten Teil des Gartens ist viel Platz für Geselligkeit. Außerdem ist man dort weit weg von allen Nachbarn, die sich gestört fühlen könnten. Käpplinger erhielt für das „Designstückchen“ den Sonderpreis „Moderner Hausgarten“. Modern heißt hier aber vor allem eines: Jeder Freiraum wurde mit Terrassen und Beeten bebaut. Eine Rasenfläche gibt es nicht. Das ist aber nur bedingt ein Problem. Während der Garten für Familien mit kleinen Kinder wohl unpraktisch wäre, ist er als repräsentatives Schmuckstück durchaus gelungen. Dazu passt: „Der Garten soll ganzjährig perfekt aussehen“, erläutert Käpplinger die Zielvorstellungen der Bauherren. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.

Mehr Rechte für Urheber

Bei der Vergütung urheberrechtlich geschützter Werke wird die Häufigkeit der Nutzung stärker berücksichtigt. Die Verfasser können darüber auch Auskunft verlangen. Text: Axel Plankemann Mit dem im vergangenen Dezember in Kraft getretenen Gesetz zur Änderung des Urheberrechtsgesetzes ist bereits im Titel „Gesetz zur verbesserten Durchsetzung des Anspruchs der Urheber und ausübenden Künstler auf angemessene Vergütung (…)“ die Zielrichtung vorgegeben. Gestärkt werden soll die rechtliche Stellung der Urheber im Hinblick auf angemessene Vergütung und mehrfache Verwertung urheberrechtlich geschützter Leistungen. Die im Jahr 2002 erfolgte vorherige Reform des Urhebervertragsrechtes hatte unter anderem den gesetzlichen Anspruch auf angemessene Vergütung (§ 32 UrhG) festgeschrieben, der in der Folge Gegenstand zahlreicher obergerichtlicher Entscheidungen geworden ist. Das Urheberrecht, so die Gesetzesbegründung, ist eine wichtige Grundlage der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die wirtschaftliche und soziale Situation der freiberuflich tätigen Kreativen und Urheber sei allerdings, trotz qualifizierter Leistungen – erbracht auf Grundlage einer akademischen Ausbildung – oft prekär. 1. Berücksichtigung der Häufigkeit der Nutzung bei der Vergütung Die Angemessenheit der Vergütung setzt schon nach bisher geltendem Recht voraus, dass die Anzahl der Nutzungen berücksichtigt wird. Durch die Neuformulierung und die Einführung des Wortes „Häufigkeit“ wird nun klargestellt, dass die eingeräumte Möglichkeit wiederholter Nutzungen des Werkes in unveränderter Art bei der Festlegung der Vergütung grundsätzlich zu beachten ist. 2. Auskunftsanspruch Eine zweite Neuregelung betrifft den Anspruch auf Auskunft und Rechenschaft zu Gunsten des Urhebers gegenüber seinem Vertragspartner. Gerade für Urheber architektonischer Entwürfe, die mehrfach genutzt werden sollen (insbesondere im Bereich der Wohnungswirtschaft), besteht regelmäßig ein Interesse, entsprechend vom Vertragspartner informiert zu werden. Bei entgeltlicher Einräumung oder Übertragung eines Nutzungsrechtes kann der Urheber von seinem Vertragspartner einmal jährlich Auskunft und Rechenschaft über den Umfang der Werknutzung und die hieraus gezogenen Erträge und Vorteile verlangen (§ 32 d UrhG). Eingeschränkt ist dieser Anspruch nur dann, wenn diese Inanspruchnahme des Vertragspartners „unverhältnismäßig“ ist. 3. Zeitliche Begrenzung der Nutzung Sofern Architekten urheberrechtlich geschützte Werke der Baukunst planen und dem Auftraggeber ein ausschließliches Nutzungsrecht zur mehrfachen Verwendung gegen eine pauschale Vergütung einräumen, kann nach § 40 a UrhG der Planer das Werk nach Ablauf von zehn Jahren selbst anderweitig verwerten. Frühestens fünf Jahre nach Einräumung des Nutzungsrechts beziehungsweise nach Übergabe der Pläne können die Vertragspartner die Ausschließlichkeit auf die gesamte Dauer der Nutzungsrechtseinräumung erstrecken. Nach § 40 a Abs. 3 Nr. 2 UrhG kann bei Werken der Baukunst oder dem Entwurf eines solchen Werkes der Urheber bei Vertragsschluss ein zeitlich unbeschränktes ausschließliches Nutzungsrecht einräumen. Insgesamt zeigen das neue Gesetz und insbesondere auch die Gesetzesbegründung auf, dass sich der Gesetzgeber der besonderen Problematik von Urhebern im Verwertungsprozess bewusst war und zumindest ansatzweise versucht hat, deren vertragsrechtliche Position gegenüber zum Teil „übermächtigen“ Verhandlungspartnern zu stärken. Für Architekten bringt es überwiegend Klarstellungen, insbesondere die, bei der beabsichtigten Mehrfachnutzung von Plänen auch die Möglichkeiten des Honorarrechts zu bedenken. Axel Plankemann ist Rechtsanwalt in Hannover. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier.

Von einer neuen Ortsmitte, einer erfolgreichen Baugruppe, von Windkraft und Wasserwacht

Das neue Rathaus in Bissendorf Von einer neuen Ortsmitte, einer erfolgreichen Baugruppe, von Windkraft am Haus und der richtigen Kostenschätzung: die Meldungen der Ausgabe. Neues Zentrum Viele kleine Gemeinden wollen wieder ihre Ortsmitten beleben und bauen sogar neu. So auch Bissendorf bei Osnabrück, wo blocher partners aus Stuttgart ein Rathaus und einen Bürgersaal planten. Diese treten am Kirchplatz als zwei Einzelhäuser in Erscheinung: Der Bürgersaal greift mit seinem steilen Satteldach und dem großen Giebelfenster die Typologie des niederdeutschen Hallenhauses auf. Einer Scheune gleich, ist im Inneren das Holztragwerk zu sehen. Das Rathaus daneben wirkt mit seinem flacheren Satteldach und den quadratischen Fenstern zeitgenössischer. Dass man hier nur die Giebelseite eines sehr langen Baukörpers für die Stadtverwaltung sieht, erschließt sich erst beim Blick um die Ecke. Die Rückseite des Rathauses Die besten Berliner „Berlin erlebt seine nächste Gründerzeit“, stellt der Klappentext fest. Und die ist sehr vielfältig, vereint Altes und Neues, Wohnen und Wissenschaft, Handel und Kultur, aber auch Freiräume. Zu finden ist diese Auswahl der neuesten Berliner Architektur-Highlights (oder von Berliner Büros anderswo geplanter) im Jahrbuch „Architektur Berlin“, das die Architektenkammer Berlin nun bereits zum sechsten Mal herausgegeben hat. Jedes Themenfeld wird durch ein Essay eingeleitet, etwa zu Bezirksbibliotheken, Zoos oder zur bisweilen merkwürdigen Berliner Hausnummerierung. Das Buch ist bei Braun Publishing erschienen und kostet 29,90 Euro. Die Bewerbung von Projekten für das nächste Jahr ist noch bis 15. Juni möglich auf: www.ak-berlin.de Raum und Gesundheit Am 12. Mai veranstalten die Bayerische Architektenkammer und die Bayerische Landesärztekammer in München die Fachtagung „Raum und Gesundheit“. Architekten, Innenarchitekten und Ärzte diskutieren dabei über die Neuorganisation von Praxis- und Behandlungsräumen, etwa im Hinblick auf das barrierefreie Bauen. Es wird aber auch darum gehen, wie Atmosphären geschaffen werden, in denen sich Patienten wohlfühlen und Angestellte gerne arbeiten. Die Veranstaltung ist kostenlos. Mehr Informationen und Anmeldung unter: www.akademie.byak.de Richtigstellung Wir berichteten hier über eine neue Sporthalle im bayerischen Haiming. Leider wurden die Verfasser nicht korrekt angegeben. Für die Planung war eine Arge aus dem Ingenieurbüro Harald Fuchshuber und Fischer Multerer Architekten (heute Almannai Fischer) verantwortlich. Entwurfsverfasser sind Harald Fuchshuber und Florian Fischer. Alles im Blick An der Böschung des Lerchenauer Sees in München baute das örtliche Architekturbüro kunze seeholzer eine neue Station für die Wasserwacht. Im Sockel aus Stahlbeton befindet sich die Bootsgarage. Darüber wurde in Holzständer-Bauweise die Station mit ihren Diensträumen errichtet. Durch eine große Glasfront oder von der davor liegenden Loggia aus kann der See beobachtet werden. Ist die Station nicht in Betrieb, wird die Eingangsseite mit einer verschiebbaren Lamellenwand verschlossen. Das Haus als Windkraftwerk Kleine Windturbinen auf Häusern werden immer beliebter, beeinträchtigen sie doch die Landschaft kaum und tragen direkt zum Energiehaushalt des Gebäudes bei. Auch können herbst- und winterliche Versorgungslücken bei der Solarenergie aufgefangen werden. Damit sich Planer und Hausbesitzer auf dem neuen, aber schon unübersichtlichen Markt zurechtfinden, gibt es jetzt einen Marktreport. Darin werden 86 Windradtypen von 32 Herstellern unter die Lupe genommen und die Rahmenbedingungen von Bauordnungen und Erneuerbare- Energien-Gesetz erläutert. Der Bericht hat 193 Seiten und kostet 38,99 Euro. Mehr Informationen: www.klein-windkraftanlagen.com Geschäftslage gut wie nie Nach den Umfrageergebnissen des ifo Instituts hat das Geschäftsklima bei den freischaffenden Architekten zu Beginn des ersten Quartals 2017 einen neuen Höhepunkt erreicht, der sogar die bisherige Bestmarke von 1990 übertrifft. Über die Hälfte der Architekten war mit der Geschäftslage zufrieden, nur jeder elfte empfand sie als schlecht. 20 Prozent erwarten sogar, dass die Lage noch besser wird, und nur 8 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung. Das geschätzte Bauvolumen aus neu abgeschlossenen Verträgen im vierten Quartal 2016 liegt satte 70 Prozent über dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Einen Großteil davon macht der Wohnungsbau aus: So stiegen die Aufträge für Mehrfamilienhäuser in den drei vorangegangenen Quartalen um 130 Prozent und legten nun noch einmal leicht zu. Nach einer Schwächephase wurden auch wieder mehr Ein- und Zweifamilienhäuser beauftragt, besonders in Ostdeutschland. Erich Gluch Kasseler Charta Die Stadt Kassel hat eine „Charta für Baukultur“ formuliert, die kein Regelwerk, sondern eine Selbstverpflichtung sein soll. Sie ist Ergebnis eines Dialogs der Stadt mit ihren Bürgern, mit Planern, Wissenschaftlern und Investoren. Dabei wird nicht nur auf Einzelbauten abgezielt, sondern auch auf den öffentlichen Raum sowie auf die Entscheidungsprozesse. „Immer sind es die Menschen, die ihre Stadt gestalten: durch ihr Engagement, ihre Entscheidungen, ihre Investitionen oder auch durch ihren Widerstand“, erklärt Stadtbaurat Christof Nolda. Die Charta soll helfen, mit Kontrasten und städtebaulichen Brüchen umzugehen, aber auch historische Strukturen und landschaftliche Bezüge zu berücksichtigen. Damit ist sie auch beispielhaft für andere Städte. Weitere Informationen und Download finden Sie hier Hessische Vorbilder gesucht Das Land Hessen und die dortige Architekten- und Stadtplanerkammer haben wieder ihren Architekturpreis „Vorbildliche Bauten im Land Hessen“ ausgelobt. Teilnehmen können Planer aus ganz Deutschland; lediglich das Projekt aus den Bereichen Städtebau, Architektur, Landschafts- oder Innenarchitektur muss sich in Hessen befinden. Unter dem Titel „Kostengünstiges Bauen – qualitätvolle Lösungen bei Neubau und Sanierung“ liegt dieses Jahr ein besonderes Augenmerk auf der Wirtschaftlichkeit eines Projekts – allerdings nicht nur im Hinblick auf seine Erstellungskosten, sondern auch auf seine Zukunftsfähigkeit und seine Nutzungsdauer. Bei der letzten Ausgabe 2014 wurde unter anderem das Haus in der Paradiesgasse in Frankfurt am Main von Deutsche Architekten ausgezeichnet (Foto). Abgabefrist für dieses Jahr ist der 16. Juni. Mehr Informationen unter: www.akh.de/baukultur Baugruppenprojekt gewinnt MIPIM-Award Das Berliner Architekturbüro zanderroth hat auf der  Immobilienmesse MIPIM in Cannes den Award in der Kategorie „Best Residential Development“ für ein Projekt im Stadtteil Friedrichshain gewonnen. Die schicken weißen Häuser gefallen mitten im linksalternativen Kiez um die Rigaer Straße sicher nicht jedem. Dabei handelt es sich hier um kein klassisches Investorenprojekt, sondern um eine Projektentwicklung, die von den Architekten selbst stammt und in Form einer Baugruppe umgesetzt wurde. Anstatt eines Blockrands mit Höfen stehen auf dem Grundstück sechs Stadthäuser mit 144 Wohnungen – zwar relativ dicht, aber mit optimalen Lichtverhältnissen für alle. Auch das flexible und modulare Grundrisskonzept dürfte die Preisjury überzeugt haben. Die Wohnungen sind an den Hausecken angeordnet und sind 52 oder 64 Quadratmeter groß. Durch Zusammenschalten entsteht eine 116 Quadratmeter große Familienwohnung. Nutzungskosten richtig bewerten Welche laufenden Kosten sind im Wohnungsbau je Quadratmeter zu kalkulieren? Was ist für Betrieb und Instandsetzung bei Pflegeheimen je Pflegeplatz zu veranschlagen? Wer vor solchen oder ähnlichen Fragen steht, findet Hilfe im neuen Fachbuch „Nutzungskosten Gebäude 2017/2018. Statistische Kostenkennwerte“ des Baukosteninformationszentrums Deutscher Architektenkammern (BKI). Auf 350 Seiten können die Kosten von über 270 Objekten aus 28 verschiedenen Gebäudearten von der Sporthalle bis zur Kirche verglichen werden. Hinzu kommen Fotos, Zeichnungen und Texte. Das Buch kostet 99 Euro. Mehr Informationen und Bestellung auf: www.bki.de Bauliches Erbe in Mainz und Bochum Die Bundesstiftung Baukultur widmet sich mit ihrem neuen Schwerpunktthema unserem gebauten Erbe. Im Baukulturbericht 2018/19 und auf mehreren Veranstaltungen wird thematisiert, wie Spuren verschiedener Epochen nebeneinander existieren können, was historische Gebäude für uns heute bedeuten und wie sie sich zeitgemäß nutzen lassen. Auch die Bedeutung des Denkmalschutzes und von Rekonstruktionen werden diskutiert. Die erste Baukulturwerkstatt „Historische Schichten der Stadt“ findet dazu bereits am 10. und 11. Mai im Mainzer Rathaus statt: als umstrittenes Spätwerk des Architekten Arne Jacobsen von 1974 in einer der ältesten Städte Deutschlands ein durchaus widersprüchlicher und daher denkbar passender Ort. Die zweite Baukulturwerkstatt findet am 7. und 8. September in Bochum zum Thema „Umbaukultur“ statt. Mehr Informationen: www.bundesstiftung-baukultur.de

Schön nachhaltig

#gallery-2 { margin: auto; } #gallery-2 .gallery-item { float: left; margin-top: 10px; text-align: center; width: 50%; } #gallery-2 img { border: 2px solid #cfcfcf; } #gallery-2 .gallery-caption { margin-left: 0; } /* see gallery_shortcode() in wp-includes/media.php */ Gemeinsames Ziel: Barbara Ettinger-Brinckmann und Alexander Rudolphi erklären, warum Nachhaltigkeit nicht ohne gute Architektur geht. Wie passen Nachhaltigkeit und Gestaltqualität zusammen? Durch die Mitgliedschaft der Bundesarchitektenkammer in der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen eröffnen sich dafür neue Perspektiven. Die BAK-Präsidentin Barbara Ettinger-Brinckmann spricht darüber mit ihrem Kollegen Alexander Rudolphi von der DGNB. Interview: Roland Stimpel Sie beide treten seit Jahren miteinander auf – etwa an einem gemeinsamen Stand auf der Immobilienmesse Expo Real. Jetzt ist die Bundesarchitektenkammer auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen geworden. Warum? Ettinger-Brinckmann: Wir ergänzen uns inhaltlich einfach. Es geht nicht vorrangig um den Erwerb von Nachhaltigkeitszertifikaten, sondern vielmehr um den von BAK und DGNB verfolgten gesellschaftspolitischen Ansatz, Nachhaltigkeitskriterien bei Planung und Bau zu berücksichtigen. Wir Architekten sind angesichts des Klimawandels und der Endlichkeit der Ressourcen aufgefordert, nachhaltig zu bauen. Da ziehen DGNB und Architekten inhaltlich und fachlich an einem Strang. Bei beiden sehe ich hohe Kompetenz und großes Engagement für dieses zentrale Thema. Rudolphi: Architekten haben bei der DGNB von Beginn an eine Schlüsselrolle gespielt. Insofern ist die Zusammenarbeit nur konsequent. Der Erkenntnisprozess, dass die technische Performance eines Gebäudes und dessen Gestaltqualität unmittelbar zusammengehören, ist in den letzten Jahren stark vorangeschritten. Dabei haben wir viel voneinander gelernt. So haben wir vor gut zwei Jahren gemeinsam mit der BAK und unter fachlicher Begleitung durch den Bund Deutscher Architekten ein Experiment gestartet: Wir wollten herausfinden, wie sich die gestalterische und baukulturelle Qualität von Gebäuden im Kontext mit der Nachhaltigkeit bewerten lässt. Lassen sich qualitative Bewertungen in das eher technisch geprägte Zertifizierungssystem überhaupt einbinden, ohne dass es zu falschen Aufrechnungen oder Konkurrenzen kommt? Hier sind viele kluge, kompetente und bedachte Menschen zusammengekommen und haben gezeigt, dass es geht. Das ist ein weltweit einzigartiger Ansatz im Rahmen einer Gebäudezertifizierung. Finden Sie als Architektin, dass man Gestaltung zertifizieren kann? Ettinger-Brinckmann: Ein rein technisches Zertifikat ist in meinen Augen nur wenig wert, wenn das Haus gestalterisch schwach ist und nichts zur Verbesserung seiner Umgebung beiträgt. Natürlich ist Qualität benennbar, wenn auch nicht durch die Addition von Zahlen, sondern mittels inhaltlicher Auseinandersetzung und Begründung. Wir begrüßen es außerordentlich, dass sich die DGNB diesem Thema geöffnet hat, und wir haben gemeinsam vier Kriterien definiert, mit denen sie die baukulturelle Qualität eines Gebäudes beurteilen kann: erstens seine Gestalt selbst, also vor allem Proportion und Komposition, Gesamtanmutung, Materialität und Detaillierung. Dann sein Inneres: Grundriss und Raumgestaltung, Orientierung und Raumbezüge. Als Drittes die Angemessenheit des Gebäudes für seine Aufgabe und seine Umgebung – vor allem seine Maßstäblichkeit, seine Einbindung, die Umsetzung der funktionalen Aufgabe und seine Beständigkeit. Und schließlich sein städtebaulicher Kontext, seine Erschließung und der Umgang mit Freiflächen. Das sind vergleichbare Kriterien und Bewertungsprozesse wie in Planungswettbewerben oder bei der Auszeichnung fertiggestellter Gebäude mit einem Preis. Bisher haben Sie erst ein Haus nach diesen Maßstäben ausgezeichnet. Rudolphi: Wir stehen ja ganz am Anfang, und das erste ausgezeichnete Gebäude ist ein sehr guter Anfang. Das 50hertz Netzquartier in Berlin erfüllt in hervorragender Weise alle technischen und funktionalen Nachhaltigkeitskriterien und ist darüber hinaus baukulturell hochambitioniert. Dafür hat es die Auszeichnung „DGNB Diamant“ verdient. Diese bekommen Gebäude, wenn sie ein DGNB Zertifikat in Gold oder Platin erhalten und darüber hinaus die genannten gestalterischen und baukulturellen Qualitäten erfüllen. Bedeutet das: Technische Nachhaltigkeit ist für Sie die Basis, die Gestaltqualität dagegen nur ein Sahnehäubchen oben drauf? Rudolphi: Nein, das ist sie definitiv nicht. Wichtig ist einerseits das sinnvolle Zusammenspiel der Themen und andererseits der Wille zur Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Es ist rein methodisch eine Herausforderung, beide Seiten zusammenzuführen. Aber wir sind hier auf einem guten Weg, weil wir jeweils den Kontext der verschiedenen Seiten verstanden haben. Was uns eint, ist das Streben nach Dauerhaftigkeit und Qualität. Ettinger-Brinckmann: Jeder Euro für ein schlechtes Gebäude ist verschwendetes Geld, egal ob der Mangel nun ein technischer oder ein gestalterischer ist. Das kann sich unsere Gesellschaft nicht leisten; ein weitblickender Bauherr kann es auch nicht. Die Gestaltqualität sehe ich also als Conditio sine qua non. Tatsächlich wird ja gute Architektur auch die allerbeste Werbung für gute, nachhaltige Planung sein. Gemeinsam mit der DGNB setzen wir darauf, dass sich diese Erkenntnis bei Bauherren und Nutzern durchsetzt und damit auch Druck auf solche Investoren entsteht, die nur ein kurzfristiges Verwertungs- und Verkaufsinteresse haben. Rudolphi: Wer billig baut, muss zweimal bauen – diese Erkenntnis verbreitet sich. Wir haben eine Phase reinen Investorenbaus hinter uns, bei dem das Kostenargument absolut im Vordergrund stand. Das hat sich ein Stück weit überlebt. Von Seiten der Öffentlichkeit gibt es höhere Ansprüche, und die Investoren merken, dass es sich lohnt, auf Nachhaltigkeit und Gestaltung zu achten. Unser Ziel ist es, hier frühzeitig Fehlentwicklungen zu vermeiden. Wir haben daher Handlungsempfehlungen entwickelt, um Architekten und ihren Bauherren bereits in einer frühen Planungsphase die Chance zu geben, Impulse von einer Expertenkommission zu erhalten und ihr Projekt zu optimieren. Das ist ein Schritt, der Architekten ganz nebenbei dabei hilft, ihrer gestalterischen Arbeit vor dem Bauherrn größeres Gewicht zu geben. Ettinger-Brinckmann: In jedem Fall sind Bauherren der Schlüssel zur Baukultur – da können wir als Architekten und Ingenieure noch so qualifiziert und engagiert sein. Bauen bringt immer auch Verpflichtungen gegenüber der Öffentlichkeit mit sich, denn jedes Gebäude ist auch im Stadtraum wirksam. Manchmal muss man aber bei Bauherren intensive Überzeugungsarbeit leisten. Da setze ich auch auf die Kooperation mit Kommunalverwaltungen, zum Beispiel über Gestaltungsvorgaben und -satzungen und nicht zuletzt über Wettbewerbe. Ohne den Wert von Zertifikaten zu schmälern: Auch das Hervorgehen eines Gebäudes aus einem Wettbewerb ist bereits ein Gütesiegel, da hier kompetente Preisrichter sorgsam die beste Lösung für eine Bauaufgabe herausgefiltert haben. Nach dem Start der DGNB gab es unter Architekten die Befürchtung, der Wunsch des Bauherrn nach einem Zertifikat führe zu Mehrarbeit, die im Zweifel nicht bezahlt werde. Auch neue Haftungsrisiken und die Zertifizierungskosten könnten das Budget für den Bau selbst schmälern. Rudolphi: Genau das Gegenteil ist der Fall. Es war eine wichtige Leistung der DGNB, über das Zertifizierungssystem und die Benennung konkreter Kriterien viele Aspekte aus der Grauzone zu bringen. Eine konkrete Aufgabe lässt sich nun Punkt für Punkt formulieren und kann damit auch kostenseitig erfasst werden. Architekten können somit handfest begründen, welche zusätzlichen Leistungen sie möglicherweise erbringen müssen, für die sie dann ein Honorar abrechnen können. Mit anderen Worten: Unsere Arbeit hat nicht dazu geführt, dass jetzt für das gleiche Geld mehr geleistet werden muss, sondern sie hat Architekten und Ingenieuren zusätzliche Felder für ihre Wertschöpfung eröffnet. Ist das nicht eine rosige Wunschvorstellung? Rudolphi: Nein, ich erfahre es auch in meiner eigenen Ingenieurpraxis. Wenn ich früher mit Bauherren über höhere Qualität gesprochen habe, dann musste ich appellieren und grundsätzlich argumentieren, hatte aber oft keinen nachvollziehbaren Beweis in der Hand, dass es sich lohnte. Der Bauherr konnte das nicht rechnerisch nachvollziehen – er konnte mir nur glauben oder eben nicht. Wenn ein Bauherr aber heute das lebenszyklusbezogene System der DGNB anwendet und damit das Gebäude konkret bewertet, dann kann er sowohl die Sinnhaftigkeit seiner Investitionen als auch deren Auswirkungen auf die Betriebskosten oder die Werthaltigkeit beziffern. Das macht das Thema Bauqualität einfacher, transparenter und überprüfbarer. Geht das auch mit Gestaltqualität? Ettinger-Brinckmann: Natürlich kann man den Wert guter Architektur nicht einfach ausrechnen. Man kann aber auf Erfahrungen verweisen. Schön gestaltete Gebäude der Vergangenheit bleiben stehen und sind begehrt, auch wenn sie rein rechnerisch längst abgeschrieben sind. Quartiere mit hoher Architekturqualität sind begehrter; sogar für ganze Städte belegen Umfragen, dass diejenigen mit als stimmig und harmonisch empfundenen Stadtbildern am höchsten wertgeschätzt werden. Rudolphi: Wir müssen darauf achten, dass wir die gestalterische Qualität nicht nur auf die Fassade reduzieren und die architektonische Leistung als reines Accessoire betrachten. Es geht ja genauso darum, die Nutzungsqualität und die technischen Komponenten in einem funktionierenden Entwurf zusammenzuführen. Es ist also viel mehr als das, was von außen sichtbar ist. Ein gutes Beispiel ist für mich das Dienstleistungs- und Verwaltungszentrum Paul-Wunderlich-Haus in Eberswalde in Brandenburg. Es ist nicht nur mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit unserem Platin-Zertifikat, sondern es leistet auch städtebaulich viel: Eine Brache wurde gefüllt und belebt, neue öffentliche Räume definiert und die Aufenthaltsqualität im Stadtkern gesteigert. Bietet die DGNB auch unmittelbar Tätigkeiten für Architekten? Rudolphi: Neben der Zertifizierung haben wir mit der DGNB Akademie eine eigene Fort- und Weiterbildungsplattform. Über diese haben schon rund 3.000 Experten eine Zusatzqualifikation erwerben können. Darunter sind auch viele Architekten, die heute als DGNB Consultants oder Auditoren aktiv sind und neben ihrem Planungswissen das Know-how zum nachhaltigen Bauen und zur DGNB Zertifizierung einbringen. Im Rahmen der Fortbildung arbeiten wir im Übrigen bereits seit einigen Jahren eng und erfolgreich mit einigen Architektenkammern zusammen. Können die DGNB und ihre Themen auf die Kammern auch zu viel Einfluss gewinnen? Ettinger-Brinckmann: Ganz deutlich: Die DGNB hat keine exklusiven Rechte bei uns und akzeptiert das auch. Ich sehe nicht die Gefahr einer Vereinnahmung durch sie. Im Gegenteil: Es gibt auch Gebiete, wie etwa die Fortbildung, wo wir mit der DGNB, aber auch mit anderen Institutionen durchaus noch enger zusammenarbeiten und Doppelleistungen vermeiden können. Die Nachhaltigkeits-Ansprüche werden auch durch Politik und Verwaltung immer höher. Wird die DGNB irgendwann überflüssig? Rudolphi: Das wird sie sicherlich nicht. Ein Blick in den aktuellen Ressourcenbericht und die Nachhaltigkeitsziele der Bundesrepublik genügt, um zu sehen, dass wir insbesondere im Bestand noch vor enormen Aufgaben stehen. Die DGNB entwickelt sich kontinuierlich weiter, und so passen wir auch unsere Anforderungen immer wieder an. Das ist auch weiterhin notwendig, denn Ziele, die vor zehn Jahren noch ambitioniert waren, sind heute zur Regel geworden. Gleichzeitig stehen wir vor anderen, neuen Herausforderungen, wie der Frage nach der Effektivität. Pro Quadratmeter ist zum Beispiel vom Jahr 2000 bis 2014 der Wärmebedarf für Heizung und Warmwasser in Wohngebäuden um 14 und 16 Prozent gesunken. Zugleich ist aber der Flächenanspruch pro Person um 18 Prozent gestiegen. Wir haben die Effizienz erhöht, haben aber am Ende effektiv nichts gewonnen. Das hat angesichts unserer Klimaschutzziele eine hohe Brisanz. Ettinger-Brinckmann: Auch ich denke, dass wir mit reiner Effizienzsteigerung irgendwann nicht mehr weiterkommen. Zum einen verlieren wir das Gleichgewicht zwischen verschiedenen Gebäudezwecken, wenn wir nur den Energieverbrauch in den Vordergrund stellen und darüber Nutzung, Wohlfühlen, technische Beherrschbarkeit und nicht zuletzt Gestaltqualität vernachlässigen. Zum anderen müssen wir jenem Phänomen mehr Aufmerksamkeit widmen, das Sie eben beschrieben haben – nämlich unsere architektonischen Mittel dafür einsetzen, dass wir ein nachhaltiges Optimum an Räumen haben und nicht einfach nur ein Maximum. Es geht nicht darum, Verzicht zu predigen. Sondern es geht darum, mit architektonischen Mitteln dafür zu sorgen, dass auch weniger Raum und Fläche mehr Lebensqualität und Nachhaltigkeit bedeuten kann. INFO Preiswürdig nachhaltig Bereits zum fünften Mal ist der DNGB Preis „Nachhaltiges Bauen“ ausgelobt worden. Mit ihm werden Projekte ausgezeichnet, die in vielerlei Hinsicht nachhaltig sind: ökologisch, sozial und ökonomisch. Nicht zuletzt werden aber auch architektonische Gestaltung und technische Innovation bewertet. Mit dem Preis möchte die DGNB die besondere Stärke der deutschen Baubranche und deutscher Architekten auf dem Gebiet des nachhaltigen und gut gestalteten Bauens unterstreichen. Gefragt sind Neu- oder Umbauten, die in den letzten fünf Jahren in Deutschland fertiggestellt wurden. Eine DGNB-Zertifizierung ist keine Voraussetzung. Die Auszeichnung wird von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis in Kooperation mit der DGNB verliehen. Die Bewerbungsfrist endet am 26. Mai. www.nachhaltigkeitspreis.de/bauen Weitere Bilder des Stromnetzbetreibers 50hertz in Berlin finden Sie hier Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.

Grün wachsen?

Garten wird Stadt: Lange bevor die Bagger kommen, wird in München-Freiham der Boden für Produktion und Freizeit genutzt. Für neue Stadterweiterungen wird ein altes Konzept weiterentwickelt – die Gartenstadt. Das droht allerdings das Primat der Innen-Entwicklung zu gefährden. Text: Heiko Haberle Gartenstädte sind beliebt – als Wohnort und im Marketing der Immobilienwirtschaft. Jede Siedlungsform, die irgendwie durchgrünt und nicht zu ländlich ist, kann damit beworben werden. Doch das historische Konzept des Engländers Ebenezer Howard von 1902 enthält mehr. Was Howard ursprünglich als „Town-Country“ bezeichnet hatte (den Begriff „Garden City“ gebrauchte er später), sollte die besten Eigenschaften von Stadt und Land vereinen. Die eigenständigen Städte mit etwa 30.000 Einwohnern würden im Zentrum öffentliche Einrichtungen und Grünanlagen haben, darum herum Wohngebiete, dann Industrie und Gewerbe sowie Landwirtschaft. Die Garden City sollte sich damit selbst versorgen können. Howard hatte sich auch detaillierte Gedanken zu Verwaltung und Mitbestimmung, zur Trägerschaft der Institutionen und zur Finanzierung gemacht. Letztere basierte auf dem Wertzuwachs des Bodens, der in kommunaler Hand bleiben und verpachtet werden sollte. Alle Geschäfte würden in einem zentralen „Kristallpalast“ untergebracht, wobei die Stadt das Händlergefüge und das Warenangebot bestimmte, um zu starker Konkurrenz vorzubeugen. Zu Städtebau und Architektur machte Howard hingegen kaum handfeste Angaben. Wichtiger war ihm die starke Position der Kommune. Gartenstadt kann vieles sein In jeder neuen Gartenstadt konnten ohnehin immer nur Teilaspekte umgesetzt werden. Das gilt auch für Letchworth und Welwyn, die als „echt“ gelten, weil Howard an ihrer Planung beteiligt war. Eine eigentlich im Konzept vorgesehene städtische Dichte konnten sie nie erreichen, dafür aber bis heute einen Großteil ihres kommunalen Grundbesitzes bewahren. Das Label „Gartenstadt“ wurde international dankbar übernommen und führte zu ganz unterschiedlichen Siedlungsformen: Einfamilienhausgebieten, Großwohnsiedlungen und Stadtneugründungen. Tel Aviv, das vom Schotten Patrick Geddes in den 1920er-Jahren als Gartenstadt geplant wurde, ist zur lebendigen Metropole geworden, die sich aus meist frei stehenden Gebäuden im International Style zusammensetzt. Die deutschen Gartenstädte hingegen waren selten eigenständige Systeme, sondern Werkssiedlungen oder Stadterweiterungen, in denen das ruhige Wohnen und der private Garten wichtig waren. Die Häuser sind jedoch bis heute oft im Besitz von Genossenschaften oder Stiftungen. Heute stehen unter dem Druck eines akuten Wohnungsmangels in vielen Großstädten wieder Stadterweiterungen auf dem Programm. Diese sollen besser werden als die Schlafstädte, die noch bis in die 1990er-Jahre hinein entstanden. Da bietet es sich an, die Gartenstadt-Idee auf ihr Potenzial für den Bau neuer Siedlungen, aber auch für die Modernisierung von Bestandsquartieren hin zu untersuchen. Das tat auch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) mit seiner Forschungsarbeit „Gartenstadt 21 – Vision oder Utopie?“.

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In einem Zukunftslabor des BBSR entstanden Ideen für neue Gartenstädte. Das Team "Zwischenstadt" schlägt neben baulichen Ergänzungen viele Zwischennutzungen und eine Verzahnung von Landwirtschaft und Gewerbe mit den Wohnfunktionen vor.

„Das Grundprinzip der Gartenstadt ist immer noch aktuell, weil es auf eine integrierte Stadtentwicklung abzielt und nicht bloß auf eine Erweiterung an den Rändern“, erklärt Bastian Wahler-Zak, der beim BBSR für die Studie zuständig ist. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass es Architekten, Stadt- und Landschaftsplanern, die Teilnehmer eines an die Studie angeschlossenen Ideen-Workshops waren, scheinbar gar nicht in den Sinn kam, ihre Modell-Städte räumlich zu erweitern. Stattdessen wurden die Zwischenstadt, die Metrozonen (ursprünglich ein Begriff der IBA Hamburg für Randbereiche der Städte mit heterogener Bebauung und vielen Verkehrsschneisen), Kleinstädte und Einfamilienhäuser verdichtet und umdefiniert: mit Aufstockungen und Anbauten, neuen Mobilitätskonzepten, der Nutzbarmachung von Grünflächen oder durch mehr Gewerbe in Wohngebieten. Schon genug nachverdichtet? Tatsächlich stellt sich die Frage, ob die Potenziale der allseits propagierten Innenentwicklung etwa schon ausgeschöpft sind. Wohl eher ist das Wachsen nach außen der schnellere und einfachere Weg. Licht und Luft sind in den Nachkriegs-Siedlungen eine lieb gewordene Errungenschaft, selbst wenn das Abstandsgrün jeglicher Erholungsfunktion entbehrt. So stockt seit Jahren im 1970er-Jahre-Viertel östlich des Berliner Alexanderplatzes die geplante Nachverdichtung wegen Bürgerprotesten. Anderswo werden Einfamilienhausgebiete, die einen Großteil auch städtischer Bausubstanz ausmachen, gar nicht erst angetastet und für das Wohnen im Gewerbegebiet fehlt (noch) die Vorstellungskraft. Und dann wären da noch die eingeschossigen Supermärkte und ihre in den Städten meist leeren Parkplätze oder kilometerweise Abstandsflächen zu Verkehrswegen, die aus Lärmschutzgründen nicht bebaut werden können. Die Funktionstrennung, die auch Howard mit seinem Modell vertrat, hat sich vielerorts als Fehlentscheidung entpuppt. Große Hoffnungen liegen daher auf dem „Urbanen Gebiet“ (siehe Info am Ende des Artikels) als neuer Gebietskategorie, die eine stärkere funktionale Mischung, mehr Dichte und auch mehr Lärm zulässt. Dann gehören Statements wie dieses aus der Dokumentation zur Berliner Fachtagung „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“, die im Dezember 2015 stattfand, eventuell der Vergangenheit an: „Für das weitere Wachstum Berlins sollte die Innenentwicklung das Primat der Planung darstellen. Dabei sind stadtpolitisch jedoch vielfältige Widerstände zu überwinden. Angesichts der Zielkonflikte scheint diese Handlungsmaxime derzeit nicht umsetzbar.“ Dass die Veranstaltung eigentlich auf die Stadterweiterung „Elisabeth-Aue“ in Pankow abzielte, die nach einigem Gegenwind von der neuen Stadtentwicklungssenatorin nun selbst ad acta gelegt wurde, ist pure Ironie. Die in Berlin von renommierten Planern formulierten Ansätze sind jedoch übertragbar und nennen vieles, was zwar modisch klingt, aber wohl Alltags- und Planungsrealität wird. Ein „Duplizieren des Freiraumangebotes von ,Gartenstädten‘ des vergangenen Jahrhunderts“ wird dabei nicht angestrebt. Freiflächen sollten eindeutige Funktionen für Erholung, Sport oder Produktion haben. Urban Gardening oder Mietergärten werden vorgeschlagen – auch um den langfristigen Unterhalt der Freiräume in private Hände zu legen, was Kosten sparen und gleichzeitig die Identifikation mit dem Ort stärken kann. Auch „produktiv nutzbare Dachlandschaften“, kleinteiliges Gewerbe oder Werkstätten finden sich unter den Ideen. Autos sollten dezentral abgestellt werden und stattdessen Angebote der Mikromobilität, neue Logistikkonzepte und Fahrradstraßen entstehen. Um auch in den angrenzenden Quartieren Akzeptanz herzustellen, sollen Mehrwerte geschaffen werden, die über die neue Gartenstadt hinaus ausstrahlen, etwa mit Freizeit-, Bildungs- oder Kultureinrichtungen. Besonders wichtig sei aber die Charakterbildung des Quartiers durch ein „Gründungsnarrativ“, um „mit dem neuen Stadtteil eine eigene Geschichte zu verknüpfen“. Wahler-Zak vom BBSR weist aber darauf hin, dass vor jeder Diskussion um Städtebau und Funktionen die Bodenfrage stehen müsse, ob tatsächlich zum Bauen verfügbarer kommunaler Boden privatisiert werden soll. „Es muss auch geklärt werden, wie die Gemeinschaft funktionieren soll und wer mit welchen Mitteln den öffentlichen Raum unterhält.“ Sonst müsse später wieder mit Stadtreparatur-Programmen gegengesteuert werden. „Viele hilfreiche Instrumente existieren bereits: Erbpacht oder Konzeptvergaben etwa.“ Neue Gartenstädte überall Auch in München hat man sich mit der Gartenstadt-Idee beschäftigt und will mit dem für 20.000 Einwohner geplanten Stadtteil Freiham am westlichen Stadtrand neue Wege gehen. Das fällt allerdings nicht sofort ins Auge, denn die Grundanlage Freihams sieht eine strikte Trennung zwischen einem Wohngebiet nördlich der Bahnlinie und einem Gewerbegebiet südlich davon vor. Letzteres ist schon weit fortgeschritten und weist neben den obligatorischen Bau- und Möbelmärkten viele Kleinbauten für „ruhiges“ Gewerbe auf, die man sich auch in einem Wohngebiet vorstellen kann. Gestaltungsregeln sorgen für mehr Qualität als anderswo. Im Wohngebiet soll nach einem städtebaulichen Entwurf von Ortner & Ortner mit Topotek ein dicht bebautes Zentrum entstehen, das auch Hochhäuser hat. Erste Realisierungswettbewerbe wurden bereits entschieden. Einer Rahmenplanung des Büros west 8 folgend, schließen sich weniger dichte Wohnviertel an. Die Stadt München bezieht sich in bunten Imagebroschüren direkt auf Ebenezer Howard und kündigt „Gemeinschaftssinn und leistbares Wohnen für breite Bevölkerungsschichten“ an. Vor allem sollen die städtischen Wohnungsbaugesellschaften, Baugruppen und Genossen-schaften zum Zuge kommen und überdies Stadt und Land verbunden werden, damit „eine echte Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“ entstehe. Dafür soll Freiham bereits vor Baustart zum Leben erweckt werden. Die Büros raumlaborberlin und bauchplan hatten dafür eine „Stadt aus Stroh“ und einen „Freiluftsupermarkt“ vorgeschlagen, die schon mit Veran-staltungen bespielt werden und frisches Obst und Gemüse liefern. „Die Freiflächen sind keine Äcker mehr, aber auch noch keine Baustellen. Wir wollten also Nutzungen finden, die idealerweise in die späteren Freiräume der Siedlung überführt werden können“, erklärt Markus Bader von raumlaborberlin. Für ihn steht fest, dass „statt herkömmlicher Top-down-Planung, verbunden mit der Hoffnung, dass es schon irgendwie gut geht, man besser die Menschen frühzeitig mit den neuen Orten vertraut macht – auch auf die Gefahr hin, dass sich Pläne ändern. Das wäre womöglich sogar gut.“

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Im Neubaugebiet "Fischbeker Reethen" in Hamburg soll sich die Moorlandschaft in die Außenräume ziehen.

Ebenfalls als „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“ sollen ganz im Südwesten Hamburgs die „Fischbeker Reethen“ mit 2.200 Wohnungen entstehen. Verantwortlich dafür ist die IBA Hamburg, die inzwischen als städtischer Projektentwickler fungiert. Der städtebaulich-landschaftsplanerische Siegerentwurf von KCAP (Kees Christiaanse) und Kunst + Herbert lässt aufhorchen. Entlang der Bahnlinie soll produzierendes Gewerbe angesiedelt werden, das in eine „Gründerstraße“ übergeht, an der Gewerbe, Werkstätten und Wohnen aufeinandertreffen. Schließlich folgt das Wohngebiet, das im Gegensatz zu anderen Hamburger Neubauplanungen kaum Reihenhäuser, sondern überwiegend Geschosswohnungsbau vorsieht. Die umgebende Moorlandschaft soll in das Gestaltungskonzept einbezogen werden. Am weitesten ist Wien mit seiner Seestadt Aspern, in der einmal 20.000 Menschen wohnen und 26.000 arbeiten sollen. Der Plan des schwedischen Büros Tovatt mutet so konventionell an, dass er schon fast wieder innovativ ist. Mit seinem künstlichen See im Zentrum und der deformierten Ringstraße erinnert er an Howards konzentrisch aufgebautes Modell, obwohl Aspern zur Selbstdefinition den Gartenstadt-Begriff nirgends nutzt. Im Inneren ist der Plan jedoch ganz unschematisch: Die Straßen knicken häufig ab, die Baufelder sind unregelmäßig zugeschnitten. In der Praxis gibt es meist keine reine Blockrand-Bebauuung, sondern die Felder werden mit unterschiedlichen Volumen besetzt, was mehr Blick- und Wegebeziehungen erzeugt. Geschäfte sollen entlang mehrerer Straßen liegen. Die Läden werden schon jetzt von einer eigens gegründeten GmbH verwaltet und vermietet, die dadurch einen Einfluss auf Branchenmix und Angebot hat. Ganz ähnlich hatte es Howard geplant. Stadt am See: In Wien-Aspern entsteht auf der grünen Wiese ein Stück dichte Stadt, das zum Erfolg werden könnte. Howards Begriff der „Gartenstadt“ ist zwar sprachlich passend für viele aktuelle Planungen, weil er ländliche und urbane Elemente vereint. Er ist aber irreführend, weil er stark mit Bildern grüner Vorstädte besetzt ist, nicht aber mit seinen bodenrechtlichen Aspekten assoziiert wird. Ob er als Bezeichnung für das taugt, was eigentlich alle wollen, nämlich gemischte und soziale Quartiere innerhalb und außerhalb der Zentren, ist daher fraglich. Offen ist ebenso, ob die Planungskategorie „Urbanes Gebiet“ vor allem auf den Bestand angewendet werden soll oder ob auch Stadterweiterungen von vorneherein „Urbane Gebiete“ sein könnten. Es wäre jedenfalls mal ein echtes Experiment. Man sollte jedoch nicht der Versuchung erliegen, die der neue Paragraf 13 b (siehe Info am Ende des Artikels) des Baugesetzbuchs verspricht, nämlich unkompliziert neue Flächen auszuweisen und dabei alle guten Vorsätze über Bord zu werfen. INFO Urbanes Gebiet Der Bundestag hat am 9. März 2017, gefolgt vom Bundesrat am 31. März, einer Bau- rechtsnovelle zugestimmt, die auch das „Urbane Gebiet“ als neue Baugebietskategorie enthält. Damit soll Wohnungsbau auch an verdichteten und funktional durchmischten Standorten erleichtert werden. Er muss dabei nicht in einem ausgewogenen Verhältnis zu anderen Funktionen stehen. Die GRZ darf 0,8 betragen, die GFZ 3,0. Die Immissions-richtwerte in der TA Lärm werden auf 63 dB (A) tagsüber erhöht, 3 Dezibel mehr als in Kern- und Mischgebieten. Die Bundesarchitektenkammer begrüßt das „Urbane Gebiet“ als Garant für lebendige Quartiere mit kurzen Wegen. Paragraf 13 b Ebenfalls neu ist der Paragraf 13 b des Baugesetzbuchs, der auf Betreiben Bayerns zustande kam. Er erleichtert bis Ende 2019 die Ausweisung neuer Baugebiete, indem auch für Außenbereiche ein beschleunigtes Verfahren ermöglicht wird. Prüfungen auf Umweltverträglichkeit und Lärmbelastung entfallen ebenso wie Bürgerbeteiligung und Ausgleichsflächen. Das gilt für Grundflächen bis 1 Hektar. Da die Erschließung hinzukommt, ist aber mit bis zu 4 Hektar großen Arealen zu rechnen. Es kann auch „auf Vorrat“ ausgewiesen werden. Die Bundesarchitektenkammer kritisiert den Paragrafen, weil er die Innenentwicklung schwäche und die Zersiedelung in Kauf nehme. Das im Koalitionsvertrag vereinbarte Ziel eines maximalen Flächenverbrauchs von 30 Hektar täglich sei dadurch gefährdet. MEHR INFORMATIONEN Zehn Thesen zu neuen Gartenstädten und mehr zur Studie des BBSR auf: www.gartenstadt21.de Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.

Im Wald und auf der Halde

Das neue Saarpolygon auf der Halde Duhamel soll Sinnbild des Strukturwandels im kleinsten Bundesland sein. Text: Christoph Gunßer Zwei skurrile Ausguck-Objekte ragen neuerdings in den saarländischen Himmel. Lage, Form und Botschaft könnten gegensätzlicher kaum sein. Wer kürzlich im Saarland unterwegs war, hat das eine Objekt sicher schon wahrgenommen: Vom halben Land aus sei das zeichenhafte Monument auf der 150 Meter hohen Bergbauhalde Duhamel bei Saarlouis zu sehen, heißt es. Das „Saarpolygon“ soll Sinnbild des Strukturwandels im kleinsten Bundesland sein: 250 Jahre lang wurden hier Flöze gegraben und Halden aufgetürmt. Nun gibt es 2.150 Hektar Montan-Brachen, für die es neben einer „Erinnerungskultur“ dringend neue Konzepte und Ideen braucht. Die rund dreißig Meter hohe begehbare Stahlgitterskulptur der jungen Berliner Architekten Katja Pfeiffer und Oliver Sachse ist das Ergebnis eines internationalen Wettbewerbs. „Haldenereignisse“ dieser Art gab es ja schon andernorts, zum Beispiel den im Rahmen der IBA Emscher Park entstandenen Bottroper Tetraeder. Wo im Saarland einige der Auslober (unter Führung einer Tochtergesellschaft der früheren Ruhrkohle AG) am liebsten eine schlichte Barbara-Kapelle gebaut hätten, schwingt sich das Polygon kühn mit zwei schräg eingespannten Röhrentragwerken in den Himmel, die in knapp dreißig Metern Höhe durch eine 40 Meter lange Brücke verbunden sind. #gallery-3 { margin: auto; } #gallery-3 .gallery-item { float: left; margin-top: 10px; text-align: center; width: 100%; } #gallery-3 img { border: 2px solid #cfcfcf; } #gallery-3 .gallery-caption { margin-left: 0; } /* see gallery_shortcode() in wp-includes/media.php */ Verdreht: Das neue Saarpolygon auf der Halde Duhamel ist Aussichtsturm und ein Stück Land-Art zugleich. Aus jeder Perspektive sieht es anders aus. Fremd und offen: Wallfahrt zur Folgelandschaft Je nach Blickwinkel bilden die drei versetzten Röhren ein Tor, ein Dreieck oder ein X, was entfernt an Fördertürme oder Bergmannswerkzeug erinnert. Wer zu Fuß die weitläufige schwarze Halde erklommen hat, gelangt über 133 Stufen in den Schrägen des Monuments auf die Brücke. Dort liegen einem die Ungetüme der noch aktiven Dillinger und der stillgelegten Völklinger Hütte zu Füßen (letztere inzwischen Weltkulturerbe), dazu ein weiter munter rauchendes Kohlekraftwerk, aber auch die Saar und viele Bergmanns-siedlungen. Bemerkenswert viele der Stufen des Bauwerks wurden übrigens von Berg- leuten gesponsert, nur rund ein Sechstel der 1,5 Millionen Euro Baukosten kamen vom Land. Nachts sind die Treppen von innen weiß illuminiert, das Objekt gewinnt dann die Qualität eines Ufos oder gar Menetekels. Das Polygon hat ohne Zweifel das Zeug zur Wallfahrtsstätte. Die Frage ist nur noch: wofür? Lässt sich so ein starker, zentraler neu-alter Ort nicht auch missbrauchen? Die Architektin Katja Pfeiffer sieht bislang keine Anzeichen, dass etwa Neonazis vom Haldenplateau Besitz ergreifen. Die sozialen Netzwerke sind stattdessen voll von entspannten Polygon-Postings. Die Freizeit-gesellschaft genießt offensichtlich die hundert Jahre lang gesperrte Location, Gleit-schirmflieger wie Schmetterlinge nutzen die Thermik der dunklen Halde, die sich eine neue Art von Natur langsam zurückerobert. Über allen Wipfeln keine Ruh Die intakt gebliebene Restnatur des Saarlandes liegt kaum zwanzig Kilometer nördlich von hier: Um die berühmte Große Saarschleife bei Mettlach wurde immer schon gern gewandert. Jetzt geht man hier nicht mehr in den Wald, sondern auf ihn – auf einem im vorigen Jahr eingeweihten Baumwipfelpfad. Der private Investor „Erlebnis Akademie AG“, der bundesweit bereits vier solcher Einrichtungen betreibt, legte eine 1.250 Meter lange luftige Trasse an, die an der Hangkante über der Saar in einem spektakulären Aussichts- turm gipfelt. Bis in 42 Meter Höhe schraubt sich hier die 2,50 Meter breite Rampe (mit einer maximalen Steigung von sechs Prozent) zu einer 70 Quadratmeter großen Aussichtsplattform empor. Die 462 Meter lange Strecke hinauf macht dabei bereits viel vom Erlebnis aus, wie bei den Vorgängerpfaden des Unternehmens auf Rügen, im Schwarzwald und im Bayerischen Wald, wo der börsennotierte Investor übrigens zu Hause ist. Mag Norman Fosters vom Prinzip her verwandte Reichstagskuppel auch deutlich filigraner sein – der Rampen-Turm im Wald ist mächtig. Er ragt weit, allzu weit, über die hier eher schmächtigen Baumkronen hinaus, um besondere Blicke freizugeben. Erstaunlicherweise bekam das Bauwerk hier ohne große Umschweife die naturschutz-rechtliche wie auch die Baugenehmigung. Winzig wirkt zu seinen Füßen der historische schiefergedeckte Pavillon – ein Kontrast fast wie im Frankfurter Bankenviertel. Auch in der Fernsicht vom Tal aus stört der Turm die ruhige Silhouette der Waldlandschaft, wo bislang weit und breit kein Bauwerk steht, empfindlich. Doch zählten solche Bedenken wenig. 200.000 zahlende Besucher erwartet man hier im Jahr. Bei 10 Euro Eintritt dürfte sich die Investition in Höhe von 4,7 Millionen Euro schon recht bald amortisieren. Die von Arbeits-losigkeit und Abwanderung geplagte Region hat Impulse bitter nötig. Auch wenn man am Pfad hier nichts direkt verdient – Pfad und Betrieb gibt es nur als Komplettpaket –, hofft man auf Jobs und wachsende Steuereinnahmen durch den Tourismus. Der Architekt Josef Stöger aus Schönberg im Bayerischen Wald hat den Turm, wie auch seine Vorgänger, entworfen. Bei der Pfad-Planung hat er hierzulande fast eine Alleinstellung. Gefragt, warum die Projekte so gut laufen, mutmaßt er, die Leute bräuchten halt ein Highlight, um in die Natur zu gehen. Die Pfade sind, anders als etwa Klettergärten, für jedes Alter geeignet, in diesem Fall sogar barrierefrei. Gibt es noch ein tiefer liegendes Motiv? Womöglich meldet sich der Affe in uns, der einfach gern in Bäumen unterwegs ist, zumal, wenn es so bequem geht wie hier. Konstruiert sind die Türme aus Brettschichtholz, verstärkt und ausgesteift mit Stahl. Den offen liegenden Bohlen und Handläufen aus Lärche und Douglasie gibt der Planer eine Lebensdauer von 10 bis 12 Jahren; die durch Bleche und Opferplatten geschützte Konstruktion taxiert er auf 20 bis 25 Jahre. Neuartigen Holzverbundstoffen gegenüber ist Stöger reserviert. Die Leute wollten natürliches Holz sehen. Der frei stehende und nicht im Erdreich eingespannte Turm schwingt in der exponierten Lage spürbar. Im Herbst rüstete man daher mehrere Tonnen schwere Schwingungstilger nach. Die Leute seien insgesamt angetan vom neuen Erlebnis-Event, meint Stöger. Nur ganz vereinzelt war von einem „Holzmonster“, einer „Parkhaus-Rampe“ im Wald die Rede und davon, dass es früher hier viel beschaulicher zuging. Heute gibt es Bewirtung und Bespaßung für die Kinder. Und der Erfolg hält an, denn der Architekt deutet an, dass weitere Wipfelpfade in der Republik geplant seien. #gallery-4 { margin: auto; } #gallery-4 .gallery-item { float: left; margin-top: 10px; text-align: center; width: 100%; } #gallery-4 img { border: 2px solid #cfcfcf; } #gallery-4 .gallery-caption { margin-left: 0; } /* see gallery_shortcode() in wp-includes/media.php */ Gewunden: Über der berühmten Saarschleife bei Mettlach kann man jetzt auch in Schleifen einen Turm erklimmen. Die Holzkonstruktion ist Teil eines neuen Baumwipfelpfads. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.

Nicht zum Nulltarif

Wird ein Architekt ohne die Übergabe einer Vor- und Entwurfsplanung mit der Genehmigungsplanung beauftragt, kann er auch die Leistungsphasen 1 bis 3 abrechnen. Text: Felix Blaschzyk In einem beachtenswerten Verfahren vor dem Landgericht München I (Urteil vom 31.01.2017, Az. 5 O 21198/15) stritten die Parteien um einen Honoraranspruch für Planungsleistungen des Architekten (Kläger) am Grundstück des Bauherrn (Beklagter). Der Architekt rechnete die Leistungsphasen 1 bis 4 ab. Dagegen wehrte sich der Bauherr mit der Begründung, der Architekt sei lediglich mit den Planungsleistungen der Leistungsphase 4 beauftragt worden; eine Vergütung stünde ihm somit auch nur dafür zu. Das Gericht hat aber der Klage des Architekten überwiegend stattgegeben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es entschied, dass es dem Architekten ohne eine ausreichende Vorleistung (Grundlagenermittlung, Klärung der Aufgabenstellung, Abstimmen von Zielkonflikten, Vor- und Entwurfsplanung) nicht möglich sei, festzustellen, ob ein Baugenehmigungsverfahren erfolgreich werden kann. Es sei notwendig, dass sich der Architekt umfassend mit den Planungsgrundlagen auseinandersetzt und die zur Beantragung erforderlichen Vorleistungen erbringt. Etwas anderes könne nur dann gelten, wenn die Leistungsphasen 1 bis 3 bereits ausreichend von einem anderen Architekten bearbeitet wurden und der neue Architekt auf dieser Grundlage mit der Leistungsphase 4 beauftragt wird.So war es im strittigen Fall allerdings nicht. Der Beklagte übergab dem Kläger lediglich eigene Skizzen und Pläne, die keine hinreichende Grundlage für die Genehmigungsplanung waren. Die Unterlagen gaben nur zeichnerisch die Vorstellungen des Bauherrn wieder, die lediglich als Randbedingungen der Leistungsphasen 1 bis 3 anzusehen waren. Die erforderliche Grundstückvermessung wurde beispielsweise vom Kläger durchgeführt. Urteil des BGH wenig praxisnah Der BGH (unter anderem Urteil vom 6.12.2007, Az. VII ZR 157/06) hat in der Vergangenheit zum Umfang der Honorarhöhe allerdings mehrmals klargestellt, dass die Leistungsphasen 1 bis 3 nicht allein deswegen Gegenstand des Architektenvertrages werden, weil sie erforderliche Vorleistungen der Leistungsphase 4 sind. Diese Sichtweise ist dem Grunde nach zutreffend. Gleichwohl hat das LG München I im vorliegenden Fall in zutreffender Weise eine Korrelation zwischen den Leistungsphasen 1 bis 3 und der Phase 4 angenommen. In gleicher Weise urteilte 2010 bereits das OLG Karlsruhe (Urteil vom 17.02.2010, Az. 8 U 143/09). Die Richter stellten auch damals fest, dass die Genehmigungsplanung eine systematische Grundlagenermittlung sowie eine Vor- und Entwurfsplanung voraussetze, sofern diese nicht von dritter Seite erbracht worden sind. Diese Argumentation ist nachvollziehbar. In der Leistungsphase 4 schuldet der Architekt den Erfolg, nämlich die Genehmigung.Dieser Erfolg ist ihm nicht möglich, wenn die notwendigen Vorleistungen nicht vorliegen. Die Rechtsprechung des BGH ist also nicht in jeder Hinsicht konsequent. Sie wird im Übrigen den Besonderheiten des Architektenrechts nicht gerecht, wenn argumentiert wird, dass bei der Klärung der Frage, welche Leistungen der Architekt abrechnen kann, ausschließlich auf die vertragliche Vereinbarung zwischen den Parteien zu schauen sei. Denn obwohl die vertragliche Vereinbarung grundsätzlich maßgebend ist, können die Leistungsbilder der HOAI nicht als bedeutungslos erachtet werden. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung des LG München I durchaus bemerkenswert, am Ende aber nur konsequent. Die notwendige Erbringung der Leistungsphasen 1 bis 3 kann nicht als unentgeltlicher Freundschaftsdienst betrachtet werden. Wenn ein Bauherr Architektenleistungen verwertet, gibt er konkludent, also durch schlüssiges Verhalten, sein Einverständnis und signalisiert, dass diese seinem Willen entsprechen. Es kann nicht sein, dass nach der Argumentation des BGH Möglichkeiten eröffnet werden, die erforderlichen Vorleistungen – quasi durch die Hintertür – zu umgehen, und somit ein Instrument der Honorarminderung geschaffen wird. Richtig ist aber auch, dass die Wechselwirkung kein Automatismus sein kann. Insofern ist es ratsam, den Honoraranspruch stets einer Einzelfallbetrachtung zu unterziehen. Felix Blaschzyk ist Rechtsanwalt in Hannover bei bethge immobilienanwälte. steuerberater.notar. mit Schwerpunkt im Bau- und Grundstücksrecht. Er ist zudem Mitglied im Stadtentwicklungs-und Bauausschuss von Hannover. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier.