Nur wer plant, wird befreit?

Foto: Fotolia Architekten, die nicht in Architekturbüros arbeiten, werden oft nicht von der gesetzlichen Rentenversicherung befreit. Das hängt von der genauen Tätigkeit ab. Von Florian Hartmann Wer in letzter Zeit als angestellte Architektin oder angestellter Architekt die Stelle gewechselt hat, wird es möglicherweise am eigenen Leib erfahren haben. Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) prüft deutlich strenger als in der Vergangenheit, ob der Stellenwechsler weiterhin von der Versicherungspflicht befreit wird­. Im Fokus der DRV stehen dabei die angestellten Berufsangehörigen, die – so die Sprache der DRV – einer sogenannten „nicht klassischen“ Tätigkeit nachgehen­. Damit meint sie Personen, die nicht in einem Architekturbüro arbeiten, sondern beispielsweise bei einer Bauaufsichtsbehörde als Innenarchitekten, bei einer Messegesellschaft oder als Immobiliensachverständige bei einer Sparkasse­. Lehnt die DRV den Befreiungsantrag ab, kann der Betroffene Widerspruch einlegen und in einem weiteren Schritt die Sozialgerichte anrufen­. Aktuell sind insbesondere drei Entscheidungen von Landessozialgerichten (LSG) ergangen, die (potenzielle) Stellenwechsler und Arbeitgeber kennen sollten. ­Die in diesen Fällen ebenfalls zu beachtende Entscheidung des LSG NRW zur Befreiungsfähigkeit einer Landschaftsarchitektin wurde hier bereits besprochen (siehe „Befreiendes zur Befreiung“)­. Keine Befreiung als Energieberater Ein nicht rechtskräftiges Urteil mit möglicherweise weitreichenden Folgen für den Berufsstand hat das LSG NRW zur Befreiungsfähigkeit eines „Energieberaters“ gesprochen (LSG NRW Urteil vom”™­•š­–•”› 19.05.2017, Az­.: L 14 ”œR 1109/14). ””•™ž”œNach AuŒffassung des Gerichts hat ein Energieberater, der „lediglich“ energetisch beratend im Sinne des §1 Abs. 1 und Abs. 5 Baukammerngesetz NRW (BauKaG NRW) tätig ist, keinen Anspruch auf Befreiung von der Mitgliedschaft in der DRV­. Er übe keine „hinreichend berufsspezifischen Tätigkeiten wie ein Architekt aus.“­ Berufsspezifisch tätig und damit befreiungsfähig sei nur derjenige, dessen Tätigkeit dem „Kernbereich der Tätigkeit eines Architekten“ zuzuordnen sei­. Das sei nur dann der Fall,  wenn die Tätigkeit einen „Querschnitt der wesentlichen Aufgabenbereiche“ des Ÿ§1 BauKaG NRW umfasse­. Dabei gäbe der „planende Aspekt, die Bauwerksausführung und Bauüberwachung“ der Architektentätigkeit ihr „Gepräge“­. Wer diese prägenden Elemente in seiner Stellenbeschreibung nicht vorweisen könne, arbeite nicht als Architekt­. Eine Befreiung sei ausgeschlossen­. Sollte diese Rechtsprechung Bestand haben, steht zu befürchten, dass diese zunächst nur für Nordrhein-Westfalen geltende Sichtweise auch auf andere Bundesländer übertragen wird und sich der Grundsatz durchsetzt: Nur wer plant, ist berufsspezifisch als Architekt tätig und kann sich von der Versicherungspflicht in der DRV befreien lassen. Alle diejenigen, die nicht planen – etwa die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bauaufsichtsbehörden oder Sachverständige – müssten in die DRV­. Das kann nicht richtig sein! Folgerichtig unterstützen die Architektenkammer NRW und ihr Versorgungswerk die sogenannte Nichtzulassungsbeschwerde zum Bundessozialgericht (BSG) in dieser Sache, um eine Überprüfung der Entscheidung herbeizuführen. Es ist zu hoŒffen, dass das BSG erkennt: Architekt ist jeder, der Berufsaufgaben nach dem Baukammern- beziehungsweise Architektengesetz erfüllt­. Befreiung als Immobiliengutachterin Positiv für den Berufsstand ist hingegen eine Entscheidung des LSG Baden-Württemberg (Urteil vom 27.06.2017, Az­.: L 11 ””R–—™œž”— 2694/16)­. Das Gericht hat festgehalten: „Eine Architektin, die bei einer Sparkasse als Wertgutachterin für Immobilien abhängig beschäftigt ist, hat einen Anspruch auf Befreiung von der Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung, wenn sie als Mitglied der Architektenkammer Baden-Württemberg Pflichtmitglied im Versorgungswerk der Architektenkammer ist­“. Dieses Urteil steht nur auf den ersten Blick im Widerspruch zur vorgenannten Entscheidung. Im Unterschied zum Energieberater konnte die Wertgutachterin darlegen und beweisen, dass sie nicht „nur“ als Sachverständige arbeitet, sondern auch betraut ist „mit der bautechnischen Beurteilung von Gebäuden und Sachverhalten der Prüfung von Kostenberechnungen, Baukostenanalysen, Erstellung von Planunterlagen für Gebäude, fürdie keine Planunterlagen vorhanden sind, und (perspektivisch) der Koordination der hausinternen Bauvorhaben“. Die Gutachterin erfüllt also, um in der Sprache des LSG NRW zu bleiben, einen „Querschnitt“ der Berufsaufgaben einer Architektin. Vor diesem Hintergrund kann jedem Architekten, der von der DRV befreit werden möchte, nur geratenwerden, seine Tätigkeit intensiv daraufhin zu überprüfen, ob sie nicht planende Elemente im Sinne des ’“”§1 BauKaG NRW oder der übrigen Ländergesetze enthält. Einmal befreit, immer befreit? Honig saugen kann man schließlich aus einem anderen Urteil des LSG NRW (Urteil vom”–—˜™—”š 14.03.2017, Az.: ›L 18 ”œR 852/16). Die Richter haben entschieden, dass die Formulierung eines Befreiungsbescheids aus dem Jahr” 1995 so zu verstehen sei, dass die seinerzeit ausgesprochene Befreiung auch bei einem Tätigkeitswechsel gilt, also in dieser besonderen Fallgestaltung vom Grundsatz: „Einmal befreit, immer befreit“ auszugehen sei. Auch diese Entscheidung ist positiv für den Berufsstand! Wer sich auf dieses Urteil berufen möchte, sollte aber zunächst prüfen, ob die Formulierung seines Befreiungsbescheides mit der Formulierung im Urteil übereinstimmt. Zudem hat das LSGNRW in dieser Sache ausdrücklich die Revision zum BSG zugelassen. Von dieser Möglichkeit hat die DRV dem Vernehmen nach schon Gebrauch gemacht, sodass abzuwarten ist, wie die Bundesrichter den Fall beurteilen. Stärkung der freien Berufe Auch wenn Architektinnen und Architekten, unterstützt von ihren Kammern und derenVersorgungswerken, Erfolge vor den (Landes-)Sozialgerichten erzielen (siehe hier), bleibt die Situation unbefriedigend. Es kann nicht sein, dass die DRV oder die Sozialgerichte entscheiden, wer Architekt ist und wer nicht. Deshalb hat die Bundesarchitektenkammer eine Projektgruppe gegründet, die unter Leitung von Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer NRW und Vorsitzender des Verwaltungsausschusses des Versorgungswerkes der Kammer, Vorschläge erarbeitet hat, wie das Befreiungsrecht imSinne des Berufsstandes reformiert werden sollte. Ein Erfolg auf NRW-Landesebene ist bereits gelungen. So haben CDU und FDP in ihrem Koalitionsvertrag wörtlich festgehalten›: „Wir wollen die freien Berufe in unserem Land weiter stärken. Ihre Selbstverwaltungsstrukturen und ihre Versorgungswerke haben sich bewährt und wirkenstabilisierend. Einer Aufweichung dieser Strukturen treten wir daher genauso entgegen wie einer Absenkung der hohen Ausbildungsstandards“. Dr. Florian Hartmann ist Geschäftsführer und Justiziar der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen TIPP Stellenwechsel richtig angehen! Wer als angestellter Architekt die Stelle wechseln möchte, ist gut beraten, Folgendes zu beachten: Im Befreiungsverfahren verlangt die DRV, zumindest wenn der Arbeitgeber kein Architekturbüro ist, die Vorlage des Arbeitsvertrages, einer Stellen- und Funktionsbeschreibung sowie, falls vorhanden, der Stellenausschreibung. Im Arbeitsvertrag fordert die DRV in der Regel, dass der Stellenwechsler ausdrücklich als „Architekt“ angestellt ist. In der Stellenund Funktionsbeschreibung ist die Tätigkeit des Betreˆffenden anhand der Berufsaufgaben des jeweils einschlägigen Architekten- oder Baukammerngesetzes – etwa §Œ1 BauKaG NRW – und, weil die DRV das regelmäßig gerne so hätte, ergänzend anhand der Leistungsphasen der HOAI detailliert darzustellen. Insgesamt gilt: Je ausführlicher die Tätigkeit beschrieben wird und je vollständiger die eingereichten Unterlagen von Anfang an sind, desto größer sind die Chancen auf eine Befreiung. Stellenwechsler sollten deshalb sehr frühzeitig mit ihrem neuen Arbeitgeber klären, ob die sozialrechtlichen Anforderungen, auch wie sie die DRV stellt, erfüllt werden können. Beratung auf dem Weg zur Befreiung können Mitglieder bei ihrer jeweiligen Architektenkammer und ihrem Versorgungswerk erhalten. Gesagt sei aber auch noch einmal: (Noch) völlig unproblematisch ist der Stellenwechsel von einem Architekturbüro in ein anderes oder etwa von einer Stadtverwaltung in ein Architekturbüro. Im Fokus der DRV stehen „nur“ diejenigen Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten oder Stadtplaner, die, wie es die DRV nennt, „nicht klassisch“ beschäftigt sind, also außerhalb eines Architekturbüros angestellt sind. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier   

In erster Instanz befreit

Foto: Fotolia Die unteren Sozialgerichte urteilen zur DRV-Befreiung oft anders als die Landessozialgerichte und schauen dabei auf wichtige Details. Von Kathrin Körner Auch die erstinstanzlichen Sozialgerichte beschäftigen sich oft mit der Versicherungspflicht in der Deutschen Rentenversicherung (DRV). Die zweite Instanz, also das jeweilige Landessozialgericht (LSG), kann von deren Rechtsprechung allerdings durchaus abweichen. Zudem fühlt sich die DRV selten über den Einzelfall hinaus an die Entscheidungen der erstinstanzlichen Gerichte gebunden (siehe hier). Da die Entscheidungen der LSGs ihrerseits vom Bundessozialgericht „kassiert“ werden können, ist erst eine Entscheidung von dort geeignet, für Rechtssicherheit zu sorgen. Bauvorlageberechtigung kein Kriterium Unerheblich für eine Befreiung von der Rentenversicherungspflicht ist, jedenfalls nachAuff‹assung erstinstanzlicher Sozialgerichte, ob der Architekt als Bauvorlageberechtigter tätig ist (Urteil des SG München vom 12.10.2016, Az“.: S Ž”15 R ‘’‘•–Ž”—2628/15; ebenso SG Detmold vom 29.11.2016, ‘˜ŽŽ‘„Ž’Az.: “S 6 ’RŽ”’–Ž’ 156/16). Für die Befreiung spielt es keine Rolle, ob die aktuelle Beschäftigung des Architekten das Einreichen von Bauvorlagen umfasst oder nicht. Hilfreich ist der Hinweis auf die in der Praxis benötigte Bauvorlageberechtigung gegebenenfalls aber allemal. Wer von ihr Gebrauch macht, ist zu befreien. Andersherum funktioniert es nicht“. Wer sie nicht gebraucht, kann trotzdem befreit werden. Mehr als Planen und Zeichnen Nach Ansicht des SG Stuttgart soll für eine Befreiung nicht erforderlich sein, dass sämtliche spezifischen Berufsaufgaben eines Architekten tatsächlich im Rahmen seiner konkretenTätigkeit ausgeübt werden (Bescheid vom 29.11.2016, Az.:“ S ‘Ž21 R 3692/14; ebenso SG Detmold vom‘˜ŽŽ‘„Ž’ 29.11.2016, Az.: “S 6 ’RŽ”’–Ž’ 156/16). Entgegen der von der DRV vertretenen Ansicht handele es sich bei der berufstypischen Tätigkeit eines Architekten nicht nur um das bloße Planen und Zeichnen von Bauvorhaben sowie die spätere Bauüberwachung. Vielmehr gehe der Aufgabenbereich weit darüber hinaus (SG München, Urteil vom‘Ž„ 21.07.2017, Az.: “S‘ 27 RŽ‘˜’ 1297/16 sowie Urteil vom‘‘„˜‘„Ž 22.09.2017, Az.: “S 27 R 3445/16). Eine andere Au‹ffassung vertritt das LSG NRW hinsichtlich eines Energieberaters (siehe hier). So hat auch das SG Heilbronn entschieden, dass etwa auch die Pflege von Geschäftsbeziehungen und Kundenakquise mit dem Ziel der Durchführung einer Marktanalyse essenzieller Bestandteil des Berufsbilds eines Architekten sein können (Bescheid vom „„•‘„Ž10.08.2017, Az.: “S 13 R 4067/15. Ein Architekt befasse sich außerdem oftmals mit Querschnittsaufgaben „in denen viele Disziplinen interdisziplinär zusammenarbeiten“ (so u.a. das SG München, Urteil vomŽ 12.10.2016, ‘Ž„‘„Ž’Az.: “SŽ”‘’‘•–Ž” 15 2628/15 sowie Urteil vom‘‘„˜‘„Ž 22.09.2017, Az.:“S 27 R 3445/16). Stellenausschreibung unerheblich Ob eine konkreteTätigkeit als berufsspezifisch für einen Architekten einzustufen ist oder nicht, hängt nicht von den laut Stellenanzeige hypothetisch infrage kommenden anderenQualifikationen ab. Dies wurde von den Sozialgerichten einhellig festgestellt und entspricht dem in der Befreiungsnorm verankerten „Tätigkeitsbezug“. Unerheblich ist demnach, obdie Stelle auch von Personen anderer Berufsgruppen hätte besetzt werden können. DieArbeitgeber hätten ein legitimes Interesse, durch eine Stellenausschreibung möglichst viele verschiedene Bewerber anzusprechen. Demnach sei es unschädlich, dass in einer Stellenanzeige neben Architekten auch Bauingenieure, Städtebauer oder ähnliche Berufe gesucht würden. (SG Frankfurt a. Main, Gerichtsbescheid vom 25.10.2016, Az.: A S 31 R 541/15; ebenso SG Stade, Urteil vom 13.11.2017, Az.: A 4 R 158/15). Konkrete Tätigkeit entscheidend Die erstinstanzlichen Gerichte begründen schlüssig, dass allein die tatsächlich ausgeübte Beschäftigung entscheidend ist (SG München, Urteile vom 08.12.2016, Az.: S 30 R‰‰Š‰‹ 2449/14; vom 29.05.2017, Az.: S 7 R 823/16 sowie vom 08.08.2017, Az.: S 47 R 2846/16; SG Heilbronn, Bescheid vom 10.08.2017, Az.: S 13 R 4067/15). Bestätigt wird dies auchdurch eine Entscheidung des SG München’, das festgestellt hat’, dass die Befreiung nicht personen-’ sondern rein tätigkeitsbezogen erfolgt (Urteil vom 21.07.2017, Az.: S 27 R 1297/16). Berufsständische Bewertung maßgeblich Die Rolle der Architektenkammern wurde durch die erstinstanzlichen Gerichte gestärkt. Das SG München sowie das SG Landshut haben klargestellt’, dass es nicht in der Zuständigkeit der Rentenversicherung liege, ’zu entscheiden, ’wer als Architekt einzuordnen sei. Nicht allzu fest verankert dürfte bei der DRV schließlich das Fachwissen darüber sein’, was den Architektenberuf aktuell ausmacht.  Herausgestellt wird’, dass die Definition der kammerpflichtigen akademischen Berufe den Kammern selbst im Zusammenwirken mit dem Gesetzgeber überlassen bleiben müsse (SG München, ’Urteilvom 08.12.2016, Az.: S 30 R 2449/14 und SG Landshut’, Urteil vom ŠŽ‘Ž’29.05.2017, Az.: S 7 R 823/16). In der bislang ergangenen obergerichtlichen Rechtsprechung findet sich diese Überlegung – Kammermitgliedschaft als Indiz für Befreiungsfähigkeit – leider noch nicht. Kathrin Körner ist Rechtsanwältin (Syndikusrechtsanwältin) bei der Bayerischen Architektenkammer. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier 

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Viel Giebel, viel Publicity: Rathaus und Bürgersaal in Bissendorf sorgen mit ihrer selbstbewussten Silhouette für Aufmerksamkeit und Diskussionen. Identität, Stolz, Orientierung – fünf Städte und Gemeinden haben ihren öffentlichen Raum neu geordnet. Mit dem Bau von Rathäusern, Bibliotheken oder Stadthallen schaffen sie eine neue, multifunktionale Mitte für ihre Bürger. Von Christoph Gunßer Bissendorf ist eine niedersächsische Kleinstadt. Kaum jemand kannte den Ort  – bis 2016 das neue Rathaus eingeweiht wurde, das „Hallenhaus mit dem spitzen Giebel“. Man kann die Geste des hohen Hauses etwas übertrieben finden, manieriert oder auch unangemessen, doch fast alle namhaften Architekturzeitschriften brachten Artikel zu dem zeichenhaften Ensemble. So ticken sie halt, die Medien. Sie sehnen sich nach dem Besonderen. Luft und Raum: Dank seiner Höhe ist der Bissendorfer Ratssaal natürlich belüftbar. Sinnbild des Gemeindelebens: Rathaus Bissendorf Dabei war es schon bemerkenswert, dass die Gemeinde 2012 trotz geringem Budget einen beschränkten Realisierungswettbewerb ausschrieb: Im Sanierungsgebiet um die Kirche sollte ein Verwaltungsbau für ŒŽ45 Mitarbeiter mit Bürgersaal angesiedelt werden. Blocher partners aus Stuttgart gewannen, indem sie an das „Niedersachsenhaus“ anknüpften – manchmal erkennen erst Ortsfremde die Chance einer Aufgabe. Anders als die ortskundigeren Kollegen teilten sie das Raumprogramm in Rathaus und Bürgersaal auf. Zum Kirchplatz hin zeigt das Ensemble also zwei Giebelseiten. Beide sind in hellem Klinker ausgeführt, der aus der Gegend stammt und auch an der Kirche ähnlich vorkommt. Das vertikal gefalzte Zinkblech der mächtigen Dächer verbindet Alt und Neu ebenfalls. Hinter dem Saal wurde ein Bürgergarten geschaffen. Der Verwaltungsbau ist ein niedriger, schlichter Zweispänner mit Kastenfenstern. Der Saal jedoch, ein stützenfreier Raum mit offenem Dachstuhl, ist zwölf Meter hoch und öffnet sich durch große Glasflächen auf allen Seiten – „Sinnbild eines offen-demokratischen Gemeindelebens“, wie die Jury des Niedersächsischen Staatspreises für Architektur noch im selben Jahr befand. In Sichtbeton und Eiche realisiert, beherbergt er neben Ratssitzungen auch Kulturveranstaltungen. Im Stadtraum wirkt das zeichenhafte Gebäude als Bindeglied zwischen dem Kirchplatz und einem neuen „Bürgergarten“. Für nur›œ 3,7 Millionen Euro gab es hier also viel Raum, viel Silhouette und viel Publicity. Bescheidener Helfer: Das Rathaus Maitenbeth spannt gemeinsam mit seinem Pendant, der denkmalgeschützten Alten Post, den neuen Rathausplatz auf. Neuer Rahmen für ein altes Ortsbild: Rathaus Maitenbeth Eine ganze Nummer kleiner ist Maitenbeth, ein Ort mit kaum 2.000 Einwohnern im Landkreis Mühldorf in Oberbayern. Aber auch hier ging es um die Neufassung und Stärkung eines zentralen Raumes durch ein neues Rathaus, für das die Gemeinde 2013 einen Wettbewerb ausschrieb. Andreas Meck Architekten aus München entschieden ihn für sich mit einem schlichten Langhaus, das das Vorhandene subtil ergänzt. „Alte Post“ und neues Rathaus bilden so ein Ensemble, in dem die Kultur- und Verwaltungseinrichtungen der Gemeinde gemeinsam untergebracht sind. Beide Baukörper spannen den neuen Rathausplatz auf, den die Bürger entlang einer alten Wegeverbindung in Richtung Kirche überqueren. Das neue Gebäude dient dabei nur als Rahmen, als Hintergrund. Es ordnet sich unter, ist auch architektonisch leise‹: Hell verputzt, mit Fensterfaschen unter bergendem Satteldach, kann man es zeitlos nennen oder einfach angemessen. 2015 fertiggestellt, wurde es bislang in keiner Fachzeitschrift publiziert. Dem Ort tut es trotzdem gut. Mutige Mischung: Die Marktscheune Hallstadt vereint Nahversorgung, Café und Kultur. Multifunktionaler Mittelpunkt: Marktscheune Hallstadt Einen entschieden neuen Akzent setzten dagegen in Hallstadt imJahr 2015 die Weimarer Architekten Anke Schettler und Thomas Wittenberg mit quaas stadtplaner, Weimar und plandrei Landschaftsarchitektur, Erfurt. Die am nördlichen Rand von Bamberg gelegene Stadt mit rund 8.000 Einwohnern wollte ihr Zentrum mit einem neuen Stadtbaustein stärken. Schauplatz war ein stark verkehrsbelastetes Quartier südlich des Marktes. Im Rahmen der gewachsenen Parzellen- und Baustruktur sollte ein zukunftsfähiges Nutzungsprogramm entwickelt werden. In einem zweistufigen Einladungswettbewerb, der bereits„… 2009 als offene Werkstatt mit Bürgerbeteiligung stattfandƒ, wurde der Entwurf des interdisziplinären Weimarer Teams ausgewählt. Kernstück der neuen Mitte ist die an der Stelle eines leer gefallenen Supermarktes errichtete Marktscheune. Sie liegt in einem heterogenen Stadtraum: ‰Ein „Anger“ƒ, der de facto als Parkplatz und voll asphaltierte Anlieferzone dient, ƒverbindet den Bau mit der stark befahrenen Mainstraße, ƒwährend südlich private Grünflächen angrenzen. Das Gebäude kombiniert einen Supermarkt im Erdgeschoss mit einer Art Stadthalle,  ƒ„Kulturboden“ genanntƒ, die auch privaten Veranstaltern offen steht. Die Architektur orientiert sich im Umriss am Vorhandenen,  ragt aber durch große Fensterflächen und die Metallverkleidung doch heraus. Für die gelungene Integration und die Belebung eines Problemviertels gab es „•–2016 eine Auszeichnung beim Deutschen Städtebaupreis. Bindeglied: Die Stadthalle Lohr ersetzt den Vorgängerbau an selber Stelle. Sie vermittelt zwischen Altstadt, Industriegebiet und dem Main. Monolith am Main: Stadthalle Lohr Nicht untypisch für aufstrebende Kleinstädte ist die Entstehungsgeschichte der Stadthalle in Lohr, einer Stadt mit 16.000 Einwohnern in Unterfranken. Das neue Haus an der Ortseinfahrt entstand nach Plänen von Bez… + Kock, Stuttgart, und wurde Ende† 2016 eröffnet. Die alte Stadthalle riss man†ˆ 2005 ab. Der Wettbewerb für einen Neubau samt Erlebnisbad mündete in eine immer kostspieligere Planung, die ein Bürgerbegehren †Š2009 stoppte. Im anschließenden VOF-Verfahren für den Bau einer Stadthalle siegte das Stuttgarter Büro. Die zuletzt mit anmutigen Kulturbauten hervorgetretenen Entwerfer planten einen siebeneckigen Solitär, der zwischen der Innenstadt und den angrenzenden Hotel- und Freizeitbauten vermitteln soll. Entstanden ist ein relativ ruhiger, steinerner Bau, der in alle Richtungen Präsenz zeigt. Das verschlossen wirkende Gebäude mit den kleinen Fenstern beherbergt ein überraschend helles Foyer, das über mehrere Etagen reicht. Eine umlaufende Galerie im ersten Stock führt in die Konferenzbereiche, während die Saal-Empore über ein Panoramafenster Ausblicke auf den Main im Süden eröffnet. Die etwas modisch versprengten Fenster wirken mit ihren Holzrahmen wie Bilder in einer Gemäldegalerie. Heller Backstein, derzeit ebenfalls sehr beliebt, betont nicht nur die Plastizität des Gebäudes; –er zieht sich bis ins Foyer, das auf diese Weise halb außen zu liegen scheint. Der Saal mit— 800 Plätzen bietet Raum für Musik-, Theater-, und Konferenzveranstaltungen; weitere Mehrzweckräume finden sich im Obergeschoss. Auch Foyer, Empore und die Freiterrasse können in Darbietungen einbezogen werden. So ist die am Ende über† 20 Millionen Euro teure Halle eine zwar recht extravagante, doch vielseitig nutzbare Ergänzung zur kleinteiligen Altstadt. Silhouette als Signet: Stadtbibliothek Heidenheim Inmitten von Heidenheim, dem 50.000-Einwohner-Städtchen nördlich von Ulm, sorgte zuletzt ein noch mächtigeres öffentliches Bauwerk für Aufsehen – und Kontroversen. Die neue Stadtbibliothek von Max Dudler, Berlin, besetzt dort seit Kurzem das Areal der ehemaligen Justizvollzugsanstalt am Rande der Altstadt. Dem Bauplatz entsprechend, schlug der bekennend bibliophile Entwerfer im Wettbewerbˆ‰Š 2013 eine lang gestreckte Bücherburg vor, die ziemlich kompromisslos realisiertwurde. Zum Glück, sagen die Anhänger solch dominanter Kolosse;Ž für andere zieht der wuchtige Bau neue Grenzen in der Stadt und wirkt eher unzugänglich. Dabei versucht der Baukörper zwischen der historischen Altstadt und der Nachkriegsarchitektur der Heidenheimer Innenstadt zu vermitteln. Das Obergeschoss des massiven Riegels folgt in seiner Kontur einer „Stadtsilhouette“: Die Architekten nahmen so die Kleinteiligkeit der Nachbarschaft auf. Auch hier prägt wie in Lohr und Bissendorf ein hellbeiger Wasserstrich-Ziegel im wilden Verband die Fassaden, deren Fenster indes nicht ganz so arg aus der Reihe tanzen. Hier soll der raue Baustein Bezüge zum nahen Schloss Hellenstein herstellen, ist aber auch einfach ein wunderbar haptisches Finish, dasdem analogen Inhalt des Gebäudes entspricht. Ein Buch fasst man ja auch gern an. Kontroverser Koloss: Hinter der verschlossen wirkenden Fassade der Stadtbibliothek Heidenheim liegen in linearer Reihung Leseräume, ein Medienzentrum, das Stadtarchiv, ein Café und ein Veranstaltungssaal. Auf Šš3.700 Quadratmetern Nutzfläche wechseln sich wie in der Stadt öffentliche und intimere Zonen ab. Leseräume, ein Medienzentrum, das Stadtarchiv, ein Café und ein Saalfür kleinere Veranstaltungen folgen linear aufeinander. Durch den zweiten Stock zieht sich ein 110 ‰‰Meter langer stützenfreier Raum mit fünf hohen Sälen, den Spitzen der „Skyline“. Der‰ 18,2 Millionen Euro teure Neubau drückt dem disparaten Quartier seinen Stempel auf, bildet so aber auch einen starken, unübersehbaren Mittelpunkt. Weiterhin ist eine „Neuordnung der Ortsmitte“ hierzulande Gegenstand einiger Wettbewerbe. Ein Grund: •Es fließen Fördergelder. Wie in den gezeigten Beispielenpendeln die Ergebnisse zwischen der Suche nach dem Besonderen im Bestand und der spektakulären Setzung von Neuem. Selbst bei Letzterem überwiegt jedoch, dem Zeitgeist entsprechend, eine Art pragmatischer Regionalismus. Nach vielen unsensiblen Eingriffen in der Vergangenheit – die letzte Hochzeit der „neuen Zentren“ waren die ‰1960-er – ist eine gewisse Vorsicht im Umgang mit Überkommenem sicher angebracht. Ohne anpässlerisch zu sein, können auch und gerade kontextuelle Konzepte neue Perspektiven eröffnen. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Öffentlich“ finden Sie in unserem  DABthema Öffentlich  

Platz da

Geht doch: Der Place de la République in Paris zeigt, wie viel mehr Aufenthaltsqualität möglich ist, wenn der Wille da ist (nach der Umgestaltung). Die Vormachtstellung des Autos ist nicht in Stein gemeißelt. Immer mehr europäische Städte schaffen mit klugen Projekten einen echten öffentlichen Raum. Von Frank Maier-Solgk Der öffentliche Raum gilt als Mikrokosmos des Urbanen und als Sinnbild der europäischen Stadt. Entsprechend hoch sind die planerischen und gestalterischen Anforderungen an ihn: Er soll hohe Aufenthaltsqualität besitzen, alsVersammlungsort dienen, sicher sein und Phänomenen wie Gentrifizierung oderKommerzialisierung entgegenwirken; und im Sinne der Ökologie soll er die städtische Resilienz verbessern. Stadtplätze haben heute mehr denn je eine Vielzahl von Aufgaben zu bewältigen. Bahnhofsplätze etwa demonstrieren – ob in Hannover oder München, Bonn oder Frankfurt – wie schwierig es ist, mehrere Funktionen miteinander zu verknüpfen. Oft bringen selbst Neugestaltungen viel frequentierter Räume ein zwiespältiges Ergebnis. Beispielhaft steht hier der Leipziger Platz in Berlin. Im originalen Grundriss wiederaufgebaut, erhielt er Anfang der 2000-“””er-Jahre auch eine neue Freifläche, die an den Ursprung durch Gartenarchitekt Peter Joseph Lenné erinnern soll – eine von einigen Bäumen bestandene Wiese, die heute jedoch von einer sechsspurigen Verkehrsschneise durchschnitten wird. Sie zeigt: Der Autoverkehr weicht auch auf den Stadtplätzen des Landes nur sehr langsam anderen Prioritäten. So sah der Place de la République zuvor aus. Neue Agoras Gegenläufige Trends sind derzeit klarer im Ausland erkennbar. Jüngst wurde der Wettbewerb für das Tor zum Brüsseler Europaviertel, den Schumanplatz, entschieden.Nach dem Entwurf der Büros COBE und BRUT soll der dem Autoverkehr vorbehaltene Kreisel in den nächsten zwei Jahren in eine teilweise überdachte, weitgehend Fußgängern vorbehaltene Agora verwandelt werden. Prominenter Vorläufer und Beispiel für den hiersichtbaren Paradigmenwechsel ist der Pariser Place de la République, der zweitgrößte Platz der Stadt, der vormals ebenfalls ausschließlich vom kreisenden Verkehr dominiert wurde. 2013 wurde er vom Pariser Büro TVK aufwändig erneuert. Der Verkehr beschränkt sich nun auf eine Längsseite des Platzes, so dass ein ausgedehnter, mit der Umgebung verbundener und mit neuem Brunnen und einem Café-Pavillon aufgewerteter Fußgängerbereich entstand. Vom Kreisel zum Platz: Aktuelles Wettbewerbsergebnis für den Schumanplatz in Brüssel. Das Tor zum Europaviertel soll zukünftig auch Fußgänger anziehen. Überhaupt erweist sich die französische Hauptstadt als erstaunlich fortgeschritten auf dem Weg zur „grünen“ Stadt. Neue Straßenbahnen und zahllose Fahrradstationen gehören schon seit Längerem zum Stadtbild. Nun ist eine weitere Reduktion des Individualverkehrs entlang der Seine geplant sowie eine neue Aufteilung auch von Verkehrsachsen wie der Rue de Rivoli zugunsten von Fahrrädern und 20 Hektar neue Bepflanzung von Mauern und Dächern. Stadtplanerisch zentral ist die Bildung von grünen Verbindungen wie die Verlängerung der zentralen Ost-West-Achse, die als begrünter Streifen über La Défense hinaus bis weit ins Umland führen soll (Jardins de l’Arche). Als Pendant zur großmaßstäblichen Planung werden kleinere Verkehrsstraßen in sogenannte „rues vegetales“ umgewandelt. Diese sollen neben einer zusätzlichen Bepflanzung mit Bäumen ein Kopfsteinpflaster erhalten, das in seinen Fugen Pflanzenwachstum erlaubt. 20 grüne Straßen, pro Arrondissement eine, sind geplant. Brücken bauen: Kopenhagen verbindet vorbildlich bessere Fahrradmobilität mit attraktivem öffentlichem Raum. Brücke „Cirkelbroen“ Brücken und grüne Schneisen Vernetzung, Begrünung und nicht zuletzt die Weiterentwicklung der Fahrradmobilität sind auch in Kopenhagen maßgeblich. Rund› 40 Prozent der Bewohner der dänischen Hauptstadt radeln bereits zur Arbeit. Breite Radwege und grüne Welle für Radfahrer liefern dafür die richtige Infrastruktur. Neue Fahrradbrücken verbinden Stadtteileœ: Die 220 Meter lange, sich wie eine Schlange windende Cykelslange und die Cirkelbroen, die der Künstler Olafur Eliasson entworfen hat, sind neue öffentliche Räume, die zu Markenzeichen der Stadt avanciert sind. Grüne Strahlen: Mailands „raggi verdi“ vernetzen neue Plätze und Wege innerhalb der dicht bebauten Stadt. Foto: Porta Nuova Varesine Auch in Mailand sind neu gestaltete Plätze und Wege Bausteine eines vernetzten Systems, das per Fuß oder Fahrrad begehbare Bezüge und Sequenzen einschließlich neuer Innenhöfe innerhalb der dicht bebauten Stadt schafft Die seit mehreren Jahren unter der Regie des deutschen Landschaftsarchitekten Andreas Kipar entwickelten grünen Strahlen (raggi verdi) erreichen eine weit ausholende Dimension. Leitidee ist eine „permeable Stadt“, ein Prinzip, das Kipar vor Jahren schon in einem Masterplan für dieRuhrmetropole Essen entwickelt hat. Mittlerweile wurden dort, im Vorfeld von „Essen – Grüne Hauptstadt 2017­€‚ƒ“ zahlreiche Einzelmaßnahmen umgesetzt, die die Stadt in Form von neuen Wegen dem renaturierten Bereich des Emschertales näherbrachten. Dennoch, so Kipar im Gespräch, gehe es bei diesen und anderen „grünen Schneisen“ nicht darum, vorhandenen und neu aktivierten Verbindungen nur einen grünen Anstrich zu geben. Gerade in den Städten Europas, wo der Wert des Freiraums mit zunehmender Verdichtung steige, müsse ihm grundsätzlich ein größeres Maß an gestalterischer Aufmerksamkeit – auch von Architektenseite – geschenkt werden. Von der Hochstraße zum Fußgängertal Größere, in diesem Sinn gestalterisch anspruchsvolle Erneuerungen, die eine klassische Platzgestaltung miteinschließen, sind selten. Eine Ausnahme könnte in Deutschland Düsseldorf darstellen, das jahrzehntelang über seine Stadtmitte stritt. Erst der Abriss der denkmalgeschützten Hochstraße „Tausendfüßler“ und der Bau einer U-Bahn und eines Autotunnels schufen die Voraussetzung für eine Neuarrondierung des zentralen Bereichs im Umfeld der architektonischen Nachkriegsikonen Dreischeibenhaus (HPP) und Schauspielhaus (Bernhard Pfau). Einer der Leitgedanken für die Neuplanung war, den benachbarten Hofgarten in die neue Mitte hineinzuziehen. So sieht Christoph Ingenhovens Siegerentwurf des Wettbewerbs, der derzeit umgesetzt wird, eine Landschaft im fast wörtlichen Sinn vorš: einTal für Fußgänger mit freier Blickbeziehung, dessen neue Randbebauung in der Form von „Bergen“ erfolgt (Freiraumplanungš FSWLA). Grünes Tal: In Düsseldorf schuf die Verlegung des Autoverkehrs unter die Erde Raum für eine neue Stadtmitte für Fußgänger. Sie ist derzeit im Bau. Die Visualisierung zeigt eine pyramidale, als Aufenthaltsort konzipierte Schräge mit grünem Belag, gegenüber ein terrassenförmiges, üppig bepflanztes Bürohaus, das fast andie hängenden Gärten der Semiramis erinnert. Auf das Ergebnis kann man gespannt sein. Der Plan mit seinem grünen, Fußgängern vorbehaltenen Korridor demonstriert jedenfalls markant einen aktuellen Trend der Gestaltung öžffentlicher Räume.   BITTE NICHT SETZEN Warum uns der Aufenthalt im öƒffentlichen Raum manchmal zur Qual gemacht wird? Fotos des Briten James Furzer von absichtlich unbequemen Bänken finden Sie hier Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Öffentlich“ finden Sie in unserem  DABthema Öffentlich  

Von Freiräumen, Architektentreffen, Hausbooten und modernen Schätzen

Von Räumen, Architektentreffen, Schätzen und Moderne: Das sind die aktuellen Meldungen. Aktivierte Räume Die siegreichen Projekte beim Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis ’Œ†ˆsind jetzt in einer Broschüre versammelt. Dabei machen viele Projekte Stadt- oder Landschaftsräume neuerlebbarŠ: der „Rheinboulevard“ mit seiner langenSitztreppe gegenüber dem Kölner Dom(Planorama€)€, die renaturierte Sieg anstelle eines Parkdecks in Siegen (Atelier Loidl)€, die Spiel- und Skatelandschaft „Play˜_Land“ in Oberhausen (wbp,€ Foto)€, das Biosphärenband „:Šterranova“ an den Braunkohlegruben im Erftkreis (bbz) oder der durch Licht inszenierte Fritz-Gruber-Platz in Köln (Hiltrud M. Lintelœ/scape). Das kostenlose Heft kann beim bdla bestellt werden. www.deutscher-landschaftsarchitektur-preis.de   Mit sicherer Hand Mit einer guten Skizze lässt sich mehr denn je beeindrucken. Die Architektenkammer Sachsen bietet daher für Teilnehmer aus ganz Deutschland wieder das Seminar „Elbflorenz“an. Der Dresdener Architekt Wolfram Richter vermittelt dabei technische Fertigkeiten und künstlerische Ausdrucksweisen, €widmet sich aber auch dem Einsatz von Skizzen im Kundengespräch oder als Protokoll. Nächster Termin ist am†‡ 16. und†ˆ 17. Februar. Kosten: 150 Š†‹Œbis 300 ŽŒŒEuro www.aksachsen.org/akademie   Großes Architektentreffen Die positiven Impulse von Energiewende und Digitalisierung stehen am 1. März im Mittelpunkt des zweiten Landeskongresses für Architektur und Stadtentwicklung „Archikon“ der Architektenkammer Baden-Württemberg. Dabei geht es in der Messe Stuttgart vom großen Maßstab der Stadtentwicklung bis ins Detail der Baustoffe. Besonderes Augenmerk wird auf den Gestaltungsaspekt und auf Low-Tech-Konzepte gelegt. Es stehen außerdem Seminare zu Personalmanagement, €Vergabeverfahren oder  Haftungsfragen auf dem Programm. Kosten: 135 Š†Ž‹bis†‡‹ 165 Euro www.archikon-akbw.de   Thüringens Schätze Über 2.300 Gebäude, die 680 —•Büros seit– 1994 in Thüringen gebaut haben, hat die dortige Architektenkammer in einem neuen Online-Architekturführer zugänglich gemacht. Wohnhäuser und Schulen, Innenräume und Landschaftsgestaltungen werden mit Fotos, Projekttexten und -daten präsentiert. Querverweise führen zu anderen Bauten der gleichen Planer. Die optisch ansprechende und übersichtliche Datenbank ist auch für die mobile Nutzung optimiert. www.architektur-thueringen.de   Wohnen mit Anschluss Wohnungs- und quartiersbezogene Konzepte und Projekte, die auf aktuelle Mobilitätsanforderungen reagieren, können für den Deutschen Verkehrsplanungspreis•–— vorgeschlagen werden. Der von der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung ausgelobte Wettbewerb ist offšen für alle Fachrichtungen. Abgabeschluss ist der›œ 5. April. www.srl.de   Schön und sparsam „Ästhetisch und effŸizient Wohnraum schaffšen und modernisieren“ ist das Thema des diesjährigen KfW Awards Bauen. Gesucht werden Projekte mit energie- und kostensparenden Bauweisen, optimaler Flächennutzung und generationenübergreifenden Wohnkonzepten – natürlich verpackt in gute Architektur. Bewerben können sich private Bauherren bis zum –1. März. www.kfw-awards.de   Bauplatz Wasser Auf Hausboote haben sich die Architekturbüros der Kooperative „CoopWaterHouse“ spezialisiert und auf Hamburger Wasserwegen einige realisiert. Zwei davon zeigten wir bereits, ohne dass die kooperierenden Büros (Planwerk; Rost.Niderehe; tun-architektur; sprenger von der lippe) in Verbindung mit dem genannten Verein „Internationale Bootsexperten“ stehen. Der Bezirk Hamburg Mitte bietet außerdem einen kostenlosen Genehmigungsleitfaden zum Download an und leistet anderen Kommunen gerne Amtshilfe. www.hamburg.de/mitte/wasserleben www.coopwaterhouse.de   Moderne hautnah Wer sich davon überzeugen will, dass Architektur im Stile des Bauhauses oder der International Style im Alltag und als Stadt funktionieren, sollte vom 22. bis 26. März nach Tel Aviv reisen. Neben der „Weißen Stadt“ werden das Weizmann Haus von Erich Mendelsohn, die Jerusalemer Altstadt und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Museum von Moshe Safdie besucht. Anbieter ist die Architektenkammer Berlin zusammen mit der Agentur „Ticket B“. Es werden Fortbildungspunkte vergeben. Die „Weiße Stadt“ Polens ist Gdingen. Dorthin, sowie nach Danzig und Sopot geht es mit „Ticket B“ im Mai. www.ticket-b.de    

»Man ist nur so wichtig wie die Fachwelt, die hinter einem steht«

Die Bundesstiftung Baukultur feiert ihr zehnjähriges Bestehen. Wir sprachen mit Reiner Nagel und Barbara Ettinger-Brinckmann über den Stand der Dinge. Interview: Brigitte Schultz Zehn Jahre Bundesstiftung: Wo steht die Baukultur im Land? Ettinger-Brinckmann: Die Stiftung ist ja aus einem Unmut herausgeboren, der Ruf nach Qualität war laut. Was sie in zehn Jahren erreicht hat, ist sensationell! Es ist eine breite Debatte entstanden mit einer Vielzahl von Kongressen, Werkstätten, Symposien und dem Baukulturbericht für den Bundestag. Überall in Deutschland machen sich Länder und Kommunen das Thema zueigen. Nagel: Viele haben inzwischen zumindest eine grobe Vorstellung davon, was mit Baukultur gemeint ist. Man kann damit argumentieren. Barbara Ettinger-Brinckmann: Die freischaffende Architektin und BAK-Präsidentin ist seit 2012 im Beirat der Bundesstiftung Baukultur, seit 2016 ist sie stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsrats. Also alles gut? Ettinger-Brinckmann: Die Gegenkräfte sind immer noch stark. Den ökonomischen Interessen, die das Bauen heute beherrschen, müssen wir ständig entgegensteuern und verdeutlichen, dass Architektur nicht nur ein kurzfristiges Investment ist. Nagel: Bei dieser Verantwortung des Bauherrn setzen wir an, egal ob privat oder institutionell. Ettinger-Brinckmann: Man kann es nicht oft genug sagen: ŒEigentum verpflichtet, dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen. Jedes Bauen prägt den ö‘ffentlichen Raum. Leider haben wir wenige Instrumente, um auf diese Verpflichtung aufmerksam zu machen oder sie konkret einzufordern. In diese Lücke ist die Bundesstiftung gestoßen. Haben Sie das Gefühl, dass Sie die Bauherren, die Investoren wirklich erreichen? Nagel: Wir wissen, dass es genau diese Menschen erreichen muss. Zum einen finden wir immer mehr Gehör in der Immobilienwirtschaft,  wir kennen uns in diesem Raum ganz gut aus. Zum anderen treten wir niedrigschwellig an die Häuslebauer heran, zum Beispiel in einer Kolumne in der Mitgliederzeitung der ö‘ffentlichen Bausparkassen mit über einer Million Lesern. Ettinger-Brinckmann: Dass wir den Markt der „Häuslebauer“ als qualifizierte Architekten weitgehend verloren haben, ist ein großes und unübersehbares Problem. Genauso wie diePrivatisierungswelle des Baurechts. Reiner Nagel: Der Architekt und Stadtplaner ist seit 2013 Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. Zuvor war er Abteilungsleiter in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin. Er lehrt an der TU Berlin im Bereich Urban Design. Kann eine Stiftung bei solch grundsätzlichen Problemen etwas ausrichten? Nagel: Die Frage istŒ: Wird man gehört oder nervt man? Deshalb muss man genau hingucken.Wir haben das Recht, den Baukulturbericht alle zwei Jahre dem Bundeskabinett und dem Parlament vorzulegen. Den nutzen wir nicht als Anklagepapier, sondern für strukturierte Überlegungen, die die Sache nach vorn bringen. Das hat jetzt zweimal stattgefunden, zu den Themen Großstadt und ländliche Räume. Und es findet GehörŒ: Die Abgeordneten nehmen sich dessen sehr an und vermitteln es an die Bürgermeister in ihren Wahlkreisen. So verfangen unsere Argumente, wenn viele sehenŒ: Es geht besser. Haben Sie ein konkretes Beispiel? Nagel: Gerade hat der Stadtrat von Dinkelsbühl einstimmig ein innerstädtisches Outlet-Center abgelehnt. Noch vor einem Dreivierteljahr sah das ganz anders aus. Wir konnten mit anderen zusammen Beispiele liefern, weshalb ein auf kurzfristige Rendite angelegtes Bauprojekt riskant ist für den Ort, und eine bessere bauliche Zukunft aufzeigen. In welchen Bereichen haben Sie sich in den letzten Jahren besonders engagiert? Nagel: 2015 haben wir uns sehr dafür eingesetzt, dass Provisorien für Geflüchtete nicht der Wohnungsbau der Zukunft werden. Das kam an und hat geholfen, das Schlimmste zu verhindern. Ein anderes Thema sind Infrastrukturbauten.  Darüber reden wir seit zwei Jahren mit der Deutschen Bahn, die ja nicht nur Bahnhöfe, sondern auch Strecken,  Brücken, Lärmschutzwände usw. baut. Das Gestaltungspotenzial dieser Ingenieurbauwerke mit der DB herauszuarbeiten, ist Ende letzten Jahres in Frankfurt erstmals gelungen. Jetzt könnte man ketzerisch sagen: Kümmert sich um solcheThemen nicht schon die Bundesarchitektenkammer? Ettinger-Brinckmann: In unseren Länderkammergesetzen steht natürlich auch die Förderung der Baukultur. Aber wenn wir dafür werben, kann man uns immer unterstellen,  es ginge uns nur um uns selbst. Da ist die Neutralität und Unabhängigkeit der Stiftung sehrförderlich. Eine Bundesstiftung kann viel besser sagen: ‘Lasst die qualifizierten Architekten ran! Und ihr Rederecht im Bundestag kann man nicht hoch genug bewerten. So einen Status haben die Kammern nicht. Wie finanziert sich dieses Engagement? Nagel: Gegenwärtig fördert der Bund die Stiftung jährlich mit 1,5 Millionen Euro. Hinzu kommen Projektmittel und Fundraising. Aber dauerhaft generieren wir Einnahmen aus der Mitgliedschaft im Förderverein, die zum Glück langsam anwächst. Derzeit haben wir etwa 1.100 Mitglieder. Welche Rolle hat der Förderverein? Geht es vor allem um finanzielle Unterstützung? Nagel: Nein. Man ist im politischen Umfeld nur so wichtig und wird gehört wie die Fachwelt, die hinter einem steht. Wenn Frau Merkel mit dem ADAC unterwegs ist, weißsie, dass dahinter› 19 Millionen Mitglieder stehen. Oder der Mieterbund räuspert sich kurz und sagt „unsere drei Millionen Mitglieder“. Wenn wir sagen: ‘„Wir haben 1.100 Mitglieder“, sagt Frau Merkel vielleicht höflich‘: „Das ist aber anständig“. Ettinger-Brinckmann: Das sind noch viel zu wenig. Ich appelliere an alle Kollegen:‘Tretet dem Förderverein bei! Die Bundesstiftung ist ein unabhängiger Promoter auch unsererAngelegenheiten, den wir mit aller Kraft unterstützen müssen. Gerade jetzt, wo es bei den meisten ganz gut läuft, sollten wir daran mitwirken, dass gutes Bauen und Planen nicht gleich wieder vom Tisch gewischt werden kann, wenn es schwieriger wird. Was bringt mir als Architekt die Mitgliedschaft im Förderverein? Nagel: Man stärkt mit einem vergleichsweise niedrigen Beitrag die Arbeit eines Teams, das die eigenen Interessen voranbringt. Architekten sind ja häufig, zumal in kleinen Städten, Einzelkämpfer für gute Qualität. Da tut es gut, sich mit einem Verein rückzukoppeln, der das reflektiert. Der Förderverein ist ein inspirierendes Netzwerk aus allen Ecken des Bauens, das es an anderer Stelle meines Wissens nicht gibt. Und man kann natürlich, ganz pragmatisch, damit werben. Ettinger-Brinckmann: Man kann das nicht in Euro messen. Je mehr die Baukultur ins öffentliche Bewusstsein kommt, desto deutlicher wird, dass man letztendlich gar nicht an qualifizierten Planern vorbeikommt. Und wenn sich die Qualität des Gebauten verbessert, nützt es auch uns Architekten. Unser Ruf ist nämlich gar nicht so toll. Wir werden mit jedem missglückten Bau, der herumsteht, identifiziert, egal, wie dieser entstanden ist. Wenn die Baukultur sich verbessert, bekommt auch unser Berufsstand ein besseres Ansehen. Kann ich bei der Bundesstiftung anrufen, wenn ich in meinem Ort das Gefühl habe, die Baukultur geht den Bach runter? Nagel: Das passiert ständig. Wenn es von bundesweitem Interesse ist, steigen wir in die Debatte ein. Im letzten Jahr habe ich etwaŒŽ 80 Vorträge gehalten, um sozusagen über Bande etwas zu erreichen. Aber wir sind nicht nur als Troubleshooter unterwegs, sondern haben den Anspruch, selbst zu gestalten. Welche Themen haben Sie sich für die nächsten Jahre vorgenommen? Nagel: Nachdem wir die räumlichen Perimeter Stadt und Land intensiv bearbeitet haben, kümmern wir uns stark um den Gebäudebestand. Da herrscht eine gewisse Einfalt. Daraus kann eine neue Architekturthematik entstehen. Und es führt uns auch zu der Frage: Was ist eigentlich gute Gestaltung? Was ist Schönheit? Wir trauen uns inzwischen zu, das zu beschreiben. Gestaltqualität und emotionale Berührtheit durch Architektur werden in Zukunft eine größere Rolle spielen. Ettinger-Brinckmann: Das ist auch mir ein wichtiges Anliegen, dass man über Schönheit sprechen darf und soll – ein ganz wichtiger Aspekt von Nachhaltigkeit. Vieles wird ja einfach irgendwo in den ö˜ffentlichen Raumgestellt: die ganze kleine Infrastruktur, Glas-, Papier- und sonstige Container, dieStadttechnik, Trafohäuschen, Postverteilerkästen, Schilder. Oder das Thema Verkehr: “Sowohl mit der Autoinfrastruktur als auch mit U-Bahn-Eingängen und Haltestellen wird viel Stadtzerstörung betrieben. Soll heißen“: Es gibt viel zu tun. Nagel: Wir könnten beide gemeinsam ins Schwärmen geraten über die Möglichkeiten, die wir noch nutzen könnten. Aber dazu brauchen wir eben noch mehr Unterstützung durch diejenigen, denen das wichtig ist. MEHR INFORMATIONEN: BAUKULTURWERKSTATT Am 8. und 9. März lädt die Bundesstiftung Baukultur zur Baukulturwerkstatt „Bestandsaufnahme“ nach Dessau-Roßlau. Programm und Anmeldung unter www.bundesstiftung-baukultur.de FÖRDERVEREIN Der gemeinnützige Förderverein unterstützt die Ziele und die Arbeit der Bundesstiftung Baukultur. Die Mitgliedschaft kostet für Privatpersonen 90 Euro jährlich, für Studenten 20 Euro. Die Möglichkeit zum Beitritt, eine Übersicht der Mitglieder und weitere Informationen unter www.bundesstiftung-baukultur.de/foerderverein

Erbe teilen

Axel Teichert, Präsident der Architektenkammer Sachsen-Anhalt. Gefragt sind neugierige Mitstreiter, die Fragen nach dem Gestern, Heute und Morgen stellen. Es ist Europäisches Kulturerbejahr! Das von der EU-Kommission initiierteThemenjahr fordert unter dem Motto „Sharing Heritage“ jeden auf, unser kulturelles Erbe – eingebettet in die europäische Geschichte – für sich und andere neu zu erschließen und es dann zu teilen: œmit seinen Nachbarn und deren Gästen, mit seinen Bauherren in angeregten Gesprächen und mit staunenden Touristen, dort wo kulturelles Erbe bereits gut präsentiert ist, aber der kleine Schatz zwei Straßen weiter noch in keinem Reiseführer steht. Teilen – vor allem das vorhandene Wissen über unsere Kultur und alles, was uns ausmacht. Und mit wem kann man das besser als mit Kindern und Jugendlichen in Deutschland und ganz Europa? Die Antwort auf die Frage, wie in der heutigen Zeit vergänglicher Banalitäten der Blick für das Dauerhafte und Schöne, das Verständnis für geschichtliche Entwicklungen und die Verantwortung für das Erbe zu fördern sind, wird entscheidend dafür sein, wie unser Lebensraum künftig wertgeschätzt wird und wie unser Lebensstandard und unsere Lebensumstände dem Maßstab nachhaltiger Qualität standhalten können. Erbe teilen heißt auch zu erkennen, wie ähnlich doch unsere Wurzeln sind. Für uns in Sachsen-Anhalt, dem Kernland deutscher Geschichte, steht nach der Beschäftigung mit Mittelalter und Reformation nun die Vorbereitung des Bauhaus-Jubiläums 2019 im Fokus – und das ganz eng im Zusammenhang mit Sharing Heritage. Der Gedanke des „Neuen Bauens“ verband in den frühen 1920er- und 1930er-Jahren Architekten in ganz Europa und der Welt miteinander. Viele Aufgaben, vor denen heute Stadtplaner und Architekten stehen, waren auch damals aktuell. Vergleichen wir nur den sozialen Wohnungsbau in Wien mit dem in Rotterdam, in Berlin oder in Magdeburg. Die Siedlungen, städtebaulich beispielhaft gelöst, sind bis heute uneingeschränkt beliebt und manchmal gehören sie bereits zum UNESCO-Welterbe. Herausragende Einzelbauwerke jener Zeit finden sich in allen Ländern. Unsere landesweiten Aktivitäten zum Bauhaus-Jubiläum werden von Salzwedel bis Zeitz, von der Lutherstadt Wittenberg über Magdeburg und Dessau bis Sangerhausen in einem Schülerwettbewerb gebündelt. Eng sind wir mit unserem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie bei der Durchführung dieses Projektes verknüpft, dessen Ergebnisse deutschlandweit und international bekanntgemacht werden sollen. Wer Erbe teilt, schaff…t zugleich ein Netzwerk. Als eines von‡ˆ 34 nationalen Projekten wird beispielsweise das von der Landesarbeitsgemeinschaft Architektur und Schule und der Bayerischen Architektenkammer erdachte Projekt „LostTraces“ auf die Suche nach „verlorenen“ Orten gehen, die nicht auf Bayern beschränkt bleiben soll. Gefragt sindbundesweit Mitstreiter, die neugierig genug sind, vor Ort auf Spurensuche zu gehen, die Fragen nach dem Gestern, Heute und Morgen stellen und die „verloren“ geglaubte Orte gemeinsam gestalten und damit wieder in das öff…entliche Bewusstsein rücken. Nicht zuletzt setzt das Teilen des Erbes auch Impulse. Die Zahl der deutschland- undeuropaweiten Initiativen ist groß und vielfältig und das nicht nur, weil viele Projekte auchfinanziell unterstützt werden. In unserer Verantwortung liegt es, das Verbindende herauszustellen, denn heute geht es darum, das Gemeinschaftliche als Grundlage zu nutzen, um Netzwerke zu knüpfen und miteinander in Kontakt zu kommen. Unsere belastbare Basis sind gemeinsame Werte und Wurzeln. Nicht nur Parlament, Rat oder Kommission, sondern WIR sind Europa! Wenn diese Erkenntnis am Ende des Themenjahres steht und Jugendliche – die Zukunft Europas – mehr voneinander wissen und Trennendes in den Hintergrund tritt, ist genau das erreicht, was die Initiatoren verfolgten. Selten war Teilen so leicht und wirkungsvoll.

Einfach mal aufräumen

Dr. Brigitte Schultz Ob in Maitenbeth oder Paris – der eigentliche Gewinn liegt in neuen Wegen und Beziehungen. Fünf Dörfer und Gemeinden, fünf Wettbewerbe, fünf herausragende Ergebnisse: Die Titelgeschichte dieses Hefts führt uns zu Kommunen, die aufgeräumt haben. Beim Bau öffentlicher Gebäude haben sie die Chance ergriffen, zugleich den öffentlichen Raum zu verbessern und ihre Ortsmitte räumlich und funktional neu zu ordnen. Egal ob ein wortwörtlich „hohes Haus“ unübersehbar auf sich aufmerksam macht, wie in Bissendorf, oder ein neues Rathaus sich bescheiden im Hintergrund hält, wie in Maitenbeth – über die gelungene Gestaltung hinaus liegt der eigentliche Gewinn im städtebaulichen Einfluss der Neuzugänge, in neuen Wegen und Beziehungen. Doch auch unter den derzeit beliebten Giebeldächern versteckt sich manche Überraschung. Eine mutige Mischung wie in Hallstadt, wo eine „Marktscheune“ Supermarkt, Café und Stadthalle kombiniert, tut nicht nur dem direkten Umfeld gut. Auf den Straßen und Plätzen jenseits solcher Wettbewerbsgebiete bleibt indes viel zu tun. Welche Potenziale hier noch zu heben wären, zeigt der Blick nach Kopenhagen, Brüssel, Mailand oder Paris, die an zentralen Stellen den Autoverkehr in seine Schranken weisen. Der Vorher-nachher-Vergleich des Place de la République, wo eine simple Änderung der Straßenführung Raum für echtes öffentliches Leben frei machte, sollte als Inspiration in jeder Stadtverwaltung hängen. Manchmal kann guter öffentlicher Raum so einfach sein.

Frau Architekt

Architekturnachwuchs: Almut Grüntuch-Ernst bewältigt Entwurfsgespräch und Kinderbetreuung gleichzeitig. Mit Armand Grüntuch (links) hat sie inzwischen fünf Kinder. Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) porträtiert entwerfende Frauen – von der ersten Architektin bis zur berufstätigen Mutter von heute. Von Heiko Haberle Ingeborg Kuhler beeindruckte mich schon, bevor ich sie kannte – mit ihrem Mannheimer Museum für Technik und Arbeit, einem weißen „Ozeanliner“, der durch spannende Raumerlebnisse und eine intelligente Rampenerschließung fasziniert. Der Wettbewerbsgewinn und die Beauftragung einer‚ƒ 38-Jährigen mit einem Großprojekt war nicht nurˆ‰ƒŠ 1982 eine Sensationˆ‰ƒŒ. 1984 wurde Kuhler an der HdK Berlin die erste (!) Entwurfsprofessorin Westdeutschlands, bei der später auch ich studierte. Ich erlebte eine leidenschaftliche Lehrerin, geschätzt für ihre inspirierenden Vorlesungen, gefürchtet für ihre Entwurfskritiken, die regelmäßig zu Verzweiflung und Studienabbrüchen führten – oft bei jungen Frauen. Dass Familie und Architektur zusammen nicht funktionieren würden, ließ sie die Studentinnen am ersten Tag wissen. Im Büro von Ingeborg Kuhler Ingeborg Kuhler ist eine vonŠŠ 22 deutschen Architektinnen, die das DAM noch bis zumƒ 8.  März in der Ausstellung „Frau Architekt“ würdigt. Mehrere Frauen, die endlich aus dem Schatten von Männern treten: ™Lotte Stam-Beese, Marlene Moeschke-Poelzig, Lilly Reich (Kollegin von Mies van der Rohe) und Gertrud Schille, die Planerin vieler Planetarien in der DDR und im Ausland, die eher dem Schalenbauer Ulrich Müther zugeschrieben werden. Einige Frauen spezialisierten sich auf vermeintlich „weibliche“ Aufgaben, wie Bauschmuck, Möbel, Innenräume oder Kindergärten. Oft aus Mangel an Alternativen, wie die Erfinderin der „Frankfurter Küche“ Margarete Schütte-Lihotzky meinte™: „Ich hatte mit Küche und Kochen nichts am Hut. Aber die Männer um mich herum haben mich zu dieser Aufgabe gedrängt“. Vorgestellt werden jedoch auch die Stadtarchitektin von Neubrandenburg Iris Dullin-Grund, die Stahlbauerin Verena Dietrich oder die Kibbuz-Planerin Lotte Cohn. Die politisch bestens vernetzte Sigrid Kressmann-Zschach betätigte sich schließlich als berüchtigte Immobilienspekulantin. Vielleicht hatte sie verstanden, was Zaha Hadid ein Rätsel blieb: ™„Keine Ahnung, was männliche Architekten mit ihren Kunden machen – Golfen, Segeln, ein paar Drinks an der Bar?“ Elisabeth von Knobelsdorff und Therese Mogger an der Technischen Hochschule München, 1909/10 Wie visionär und durchsetzungsstark die Frauen waren oder sind, wird leider von der kleinteiligen und braven Ausstellungsgestaltung nicht vermittelt. Auch fehlen eine kuratorische Einordnung, statistische Daten, aktuelle und historische Bezüge™. Welche Gesetze verhinderten weibliche Karrieren? Entwerfen Frauen anders und arbeiten sie an kleineren Projekten (siehe Online-Diskussion zu „Wenn Frauen nicht bauen“)? Was bedeutet es, dass „Bauherren“ meist männlich sind? Was davon ist gar nicht branchenspezifisch? Zumindest angerissen werden diese Fragen in Video-Interviews. Viele Architektinnen berichten darin, dass dank Eltern- und Teilzeit heute geht, was Ingeborg Kuhler bezweifelte – Architektinnen mit Familie. Aber man versteht auch, dass noch viel zu tun ist. Sonst wäre nicht etwa die derzeit erfolgreiche 40-jährige Anna Heringer, wie sie sagt, erst durch den Beruf zur Feministin geworden. FRAU FOTOGRAF Architekturfotografinnen sind ebenfalls Ausnahmen. Eine der bekanntesten ist Sigrid Neubert, der das Berliner Museum für Fotografie eine Ausstellung widmet. Wir zeigen eine Bildauswahl.

Veröffentlicht

Ärger mit Immobilienhaien oder dem Planungsamt oder das Wunschprojekt in weiter Ferne? Roland Stimpel hat drei Kollegen besucht, die ihren Architektenalltag literarisch aufarbeiten. Von Roland Stimpel Manfred Reckers Dichterzelle liegt im Keller seines Eigenheims im rheinischen Hilden. Bücherkartons stapeln sich auf dem Boden, auf dem Fensterbrett stehen sauber aufgereiht 15 Pfeifen. Hier wirkt der langjährige Architekt als Autor von bisher drei Thrillern. Den ersten haben Recker und seine Frau selbst erlebt: ƒSie kauften ein Rittergut, wurden vom neuen Gatten der Verkäuferin jahrelang drangsaliert und schließlich mit gerichtlicher Hilfe vertrieben. Das ist rundˆ‰ 20 Jahre her, aber wenn er erzählt, ist noch immer der „Schatten auf der Seele“ spürbar – so hat Recker sein erstes Buch genannt, das für ihn auch durchaus eine Selbsttherapie war. „Mit Anfangˆ‰ 20 habe ich mal gedacht, Schriftstellern wäre eine schöne Betätigung. Aber es ging wegen des Berufs nicht“. Stattdessen führte Recker lange Jahre ein Architekturbüro in Herten im Ruhrgebiet. Bevor er die Ritterguts-Katastrophe aufarbeitete, hat er sich kreatives Schreiben angeeignet und einen Fernkurs „Wie schreibt man einen erfolgreichen Roman“ absolviert. Das merkt manƒ: Handlungsfaden, Spannungsbogen, Cliff•hanger, Steigerung zum Schluss, Dialoge, Action und etwas Atmosphäre im häufigen Wechsel – alles da. Recker ging dann den Leidensweg jedes unbekannten Autorsƒ: „Ich habe um die™š 87  Verlage angeschrieben. Wohl jeder zweite Lektor in Deutschland hat das Buch in seiner Schublade. “Als es schließlichd er MG-Verlag in Prüm in der Eifel druckte, musste Recker zur Ankurbelung des Verkaufs erst zwei Lesungen in der Nähe jenes Ritterguts veranstalten. Das brachteœ‰‰ 600 Verkäufe und Mut für ein zweites Buch. In „Der Kongress“ wird ein deutsches Pharma-Unternehmen von einem amerikanischen schikaniert. Reckers Frau arbeitete lange in der Branche. Mord und Mauscheleien Recker wurde selbst Verleger. ƒEr ist einer der acht Anteilseigner und bisher der einzige Autor von „read & relax“. Sein jüngstes Buch führt ihn in den angestammten Beruf: „Der Architekt“ heißt es, biografisch angeregt, aber nicht realitätsbasiert. Auch hier sind die Rollen klar verteiltƒ: Die reife Hauptfigur (etwa wie Recker) und seine Familie sind die Guten; gegenüber steht eine Phalanx von Übeltätern – Baurätin und Banker, kleiner Sachbearbeiter und lokaler Immobilienhai, Makler und Planungsamtsleiter. Am Rand agieren ein paar Naive, Läuterungsfähige: ƒBauherren und vor allem ein junger Architekt, den der Senior auf die richtige Spur bringt. Neben Mord, Sabotage und Kidnapping gibt es auch den Berufsalltag mit unbedarften Kunden, neidischen Konkurrenten, drängelnden Mietern und maulenden Nachbarn. „Die Details müssen stimmen“, ist das Prinzip des Romanhelden wie das seines Autors, „sonst verreißt der Kenner die ganze Geschichte“. Bei Details und Story bleibt Recker auf der sicheren Seite. Er neigt nicht zur Entführung in atmosphärisch, sinnlich oder verbalfremde Welten. Jetzt denkt der Architekt über einen Roman zu Immobilienfonds nach. Er hatte mal mit dem schillernden Kölner Investor Josef Esch zu tun, der ihn zur überhöhten Bewertung eines Objekts verführen wollte. Der Autor hat eine Missionƒ: „Ich will darüber aufklären, was in der Branche hinter den Kulissen abläuft“. Romanze im Nachkriegsbau Ortswechsel ins Architekturbüro MEW in Köln. Madeleine Wolf, die mit ihrem Mann das Büro führt, wollte einst Journalistin werden. Mitœ 56 hat sie nun ihren ersten Roman geschrieben: „Das Projekt hat mich einfach angesprungen“. Auf einem Wiener Kongress hatte sie von einem Hilfs- und Selbsthilfeprojekt für Flüchtlinge gehört, mit Wohnen und Arbeiten in einem Haus. „Ich fand es schade, dass es in Köln nichts dergleichen gibt“. Also baute sie es in ihrer Fantasie: Die Hauptfigur ist die psychisch nicht ganz unkomplizierte Schulsekretärin Maja. Sie erbt das leer stehende Mietshaus der Mutter, das sogleich vom Wohnungsamt für Flüchtlinge requiriert wird. Mit Hilfe der Architektin Anne und des Sozialarbeiters Rafael findet Maja zu einem neuen, glücklichen Leben mit Migranten in ihrem Haus. Die meisten Episoden erzählt Maja in der Ich-Form, Texte aus Sicht von Rafael und Anna sind eingestreut. „Ich wollte die Architektin als Nebenfigur, die das Projekt logistisch betreutund einen kühleren Blick hat“. Ab und zu wird es fachlich und emotional zugleich, etwa wenn die Architektin mit ihrem Mann über Majas Nachkriegshaus diskutiert: „Ach Tilman, seufzt Anne, die Sechziger zeigen eine ästhetische Qualität, die durchaus mit einer Reduktion verbunden ist. Weniger Fläche, mehr Nutzungsmöglichkeiten und somit geringerer Energieverbrauch, da müssen wir heute auch wieder hinkommen! Annes Augen blitzen.Tilman küsst ihre Hand“. Wolf schildert ihr Vorgehen beim Schreiben als „ähnliches Verfahren wie beim Entwerfen.  Man geht an Situationen und Randbedingungen und fragt: Was soll herauskommen? Dann nimmt man die Einzelstränge auseinander und versucht sie zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzubringen“. Diszipliniert schrieb sie neben der Arbeit jeden Tag vier Seiten. Verlegt hat sie ihr Werk im Selbstpublizier-Verlag Twentysix – gedruckt „on demand“ und als E-Book. „Das Buch hat einen Hauch von Märchen, enthält aber vieles, was tatsächlich irgendwo realisiert ist. Es ist eher eine Utopie – und auch einfach ein Wunschtraum“. Und schon sitzt Wolf wieder an einem Buch. Diesmal soll es düsterer, dystopischer werden. Für sie ist Schreiben auch Abenteuer: „Wenn man jung bleiben will, muss man etwas machen, was einem ein bisschen Angst macht“. Heiteres vor Beton Anders als die Literatur seiner zwei Berufskollegen strahlen die Texte aus der Feder des Münchener Architekten Frank Becker-Nickels bayerisch-barocke Heiterkeit aus. Er zeichnet, malt, fotografiert und schreibt unter dem Kürzel „Fra’BENI“ architektur- und andere realitätsbezogeneTexte in jeder denkbaren Form: „Notizen, Skizzen, Szenen, Gespräche, Dialoge, Monologe, Gedichte und Gedanken zwischenTraum und Wirklichkeit“ kündigt er im Vorwort seiner „Ode ans OD“ an – womit das Olympische Dorf in München gemeint ist.  Dort wohnt er seit über 40 Jahren und erfreut Besucher als, mit seinen œž75 Jahren noch sehr temporeicher, Fremdenführer. Das Quartier – der Versuch einer perfekten Wohnwelt aus einem Betonguss – inspirierte ihn zuŸ 260 šgroßformatigen Seiten über jedweden Aspekt, von Tiefgaragen bis zu Rollatoren. Das Ganze ist so assoziativ wie subjektiv und auch immer wieder weg von Architektur und Häusern, hin zu den Bewohnern: „Wir stehen unter Denkmalschutz. Unsere Bauten. Unsere Außenanlagen. Unser Umfeld. Manche der älteren Ureinwohner inzwischen vielleicht auch.“ Ohne Hemmungen parodiert er klassische Lyrik: „Denk ich ans Dorf wohl in der Nacht, da bin ich um den Schlaf gebracht und bin bald wieder aufgewacht, weil wer volltrunken Lärm gemacht“. Wer dem Dorf fernsteht, kann mit dem Buch wenig anfangen – aber wer es vor oder nach einem Besuch liest, hat einigen Gewinn. Der Beruf hielt auch Becker-Nickels lange vom Dichten ab; erst in Altersmuße schrieb er ein Erwachsenenmärchen über eine kleine Wolke. Dieses und weitere Werke sind in wechselnden Selbst- und Klein-Verlagen erschienen und weniger ortsbezogen als das Münchener Dorfbuch. Zu nennen sind seine Gedichtbände„ARCH’s Zeilen + Verse“ sowie „ARCH’s geballte(r) Faust“ und schließlich „Auf den Platz gekommen“ – laut Selbstwerbung „Die eigene Anthologie des Architekten P. über den öffentlichen Platz mit Szenen + Märchen + Dia + Monologen + Garantiert kein Fachbuch über Plätze“. MEHR INFORMATIONEN Mehr Informationen zu den vorgestellten Autoren finden Sie online. Auch direkte Buchbestellungen sind möglich. Manfred Recker Madeleine Wolf mit Leseprobe Frank Becker-Nickels Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Öffentlich“ finden Sie in unserem  DABthema Öffentlich  

Orientierungshilfe

Wie man mit bedarfsgerechten und durchdachten baulichen Lösungen die Dogmen der Barrierefreiheit aufbrechen kann. Von Wolfgang Frey Die Begriffe „Barrierefreiheit“ und „behindertengerecht“ geben immerwieder Anlass zu Diskussionen. In der Architektur, weil das Ziel der Aufgabe thematisiert wird und im Bauwesen, weil bautechnische Konstruktionen angepasst werden müssen. Dabei reduziert sich die bautechnische Frage fast ausschließlich auf die Schwellenlosigkeit füreinen bestimmten Nutzerkreis, den „Standardrollstuhlfahrer“. Den gibt es allerdings ebenso wenig wie „den Behinderten“.  Wir haben es mit behinderten Kindern, mit rechts-oder linksseitig Eingeschränkten, mit spastisch veranlagten Personen oder mit Menschen zu tun, die besondere mentale Merkmale aufweisen. Die generelle Schwellenlosigkeit, also der Wegfall horizontaler Bodenbarrieren, erleichtert zwar vielen Personengruppen – zum Beispiel Menschen mit eingeschränkter Mobilität, mit Kinderwagen, Rollatoren, Rollstuhl, etc. – den Alltag. Es ist jedoch darauf zu achten, dass dabei nicht wieder andere Barrieren aufgebaut werden. Bodengleiche Duschen Wer schon einmal in einem durchgehend bodenebenen Bereich geduscht hat, möchtediesen nicht mehr missen. Befragt man dazu den Hausmeister, hört man ihn fluchen. Warum? Bodengleiche Duschen sind durch den Flachsiphon nicht in der Lage, größere Wassermengen aufzunehmen. In Verbindung mit den herkömmlichen Ablagerungen in einem Abfluss besteht daher eine hohe Wasserrückstaugefahr, die insbesondere Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Sehbehinderungen nicht wahrnehmen können. Durch den praktisch planebenen Boden in der Wohnung läuft das Wasser dann statt in den Abfluss zur Tür. Um solche Überschwemmungen zu verhindern, grenzen wir bodengleich geflieste Duschbereiche mit einem Hohlkammer-Gummiprofil ab. Das ist mit dem Rollstuhl leicht zu überfahren, da es sich bis auf wenige Millimeter zusammendrückt, es bildet aber im eingegrenzten Duschbereich ein Wasserrückhaltevolumen von rund ˜™30 Litern, sodass selbst bei Verstopfung des Bodeneinlaufs Bauschäden verhindert werden.Viel wichtiger jedoch: šSelbst der ältere Mensch, der nicht mehr gut sehen kann und nicht bemerkt, dass das Wasser nicht abfließt, hat die Chance, das ansteigende Wasser zu sehen oder es zu bemerken, wenn er mit den Füßen darin steht. Mit oder ohne Schwellen? Nach DIN 18024 und DIN 18025 sind untere Türanschläge und -schwellen grundsätzlich zu vermeiden. Sind sie technisch unbedingt erforderlich, dürfen sie nicht höher als 2 cm sein. Sind solche Schwellen beispielsweise für sportliche Rollstuhlfahrer leicht überwindbar, werden sie bei Menschen, die den Rollstuhl aufgrund einer Armlähmung nur eingeschränkt selbst manövrieren können, zu einem unüberwindbaren Hindernis. Es kommt also entscheidend auf den ausgewogenen Umgang mit der Thematik an, indem man die Bedürfnisse der Bewohner und die Bautechnik in Einklang bringt. In unseren Gebäuden sind die Schwellen zur Außentür grundsätzlich acht Millimeter hoch. Sie sind aber nicht als Kanten oder Absätze ausgebildet, sondern der angrenzende Boden ist mit einem leichten Gefälle zurSchwelle hin ausgebildet. Das bemerkt kein Nutzer – aber für die meisten Planer, Techniker und Handwerker ist das undenkbar. Schwellenloser Durchgang: Ein Absenken der unteren Türkante würde zu Blockierungen selbst durch das kleinste Steinchen führen. Ein direkt mit den Bodenschwellen im Zusammenhang stehender, aber im Baurecht völlig unbekannter Aspekt ist die untere Türfreiheit. Die Schwelle ist ja technisch gesehen nur der untere Türanschlag. Eine geringere Schwellenhöhe erfordert demnach ein Absenken der unteren Türkante, will man nicht unter derTür durch einen Spalt sehen. Das bedeutet, dass nichts, weder Teppich noch Fußabstreifer, im Schwenkbereich derTür liegen darf, weil diese nur knapp über dem Boden schwenkt. Bei Innentüren ist mit einem absenkenden Element eine Dichtigkeit möglich. Bei Terrassentüren wird das aber schwierig. Bereits kleineFremdkörper, wie beispielsweise Steinchen oder auf den Boden gefallene Gegenstände des täglichen Gebrauchs„, können zu Blockierungen führen. Diese sind besonders für seheingeschränkte Menschen oder Menschen mit reduzierter Handlungsfähigkeit eine erhebliche Beeinträchtigung. Bei einer acht Millimeter hohen Schwelle schwenkt die Tür aber leicht über kleine Fremdkörper hinweg  – und das Problem ist gelöst. Trotz des leichten Fußbodengefälles lässt sich die Schwelle gut überfahren. Welche Türbreite ist die richtige? Zur Barrierefreiheit gehören auch entsprechende Türdurchgangsmaße. Allerdings nicht wie im veralteten Bewusstsein des behindertengerechten Bauens„, bei dem lichte Türdurchgangsmaße von mindestens ““100 oder 120  Ÿ“Zentimetern bei einer lichten Durchgangshöhe vonŸ“ 210 Zentimetern angestrebt werden. Die erhöhten lichten Türdurchgangsmaße gehen auf eine Brandschutzverordnung aus dem Jahr 1917 zurück. In dieser Ursprungsfassung wird im Brandfall die Rettung der Behinderten durch Huckepacktrage nangenommen. Das kann heute nicht mehr seriös als Grundlage dienen. Werden beispielsweise Türen pflichtgemäß überbreit eingebaut,„ ist zwar sichergestellt,„dass für jeden denkbaren Fall niemand kritisiert werden kann„, weil auch ein breiterRollstuhl mitabstehenden Elementen gut hindurch manövrierbar ist und immer nochseitlich Platz übrig ist. Aber es bedeutet auch, „dass ein sehr breites Türblatt aufgeschwenkt werden muss. Der Aufschlagradius wird deutlich größer„, sodass man weiter zurücktreten oder mit dem Rollstuhl zurückmanövrieren muss, „bis die Tür geö‹ffnet ist. Außerdem ist das Gewicht solcherTüren deutlich höher„, was körperlich eingeschränkte Menschen oder Kinder nicht ohne Weiteres bewältigen können. Türen mit Automatikfunktion sind auch kein Allheilmittel. Für Menschen mit Autismus, Blinde oder Kinder kann eine solche Barriere gefährlich werden. Breitere Türen benötigen schließlichauch mehr Platz. In Kombination mit der Vorgabe„, dass zwischen Türgriff und seitlicher Wandbegrenzung ein Abstand von mindestens 50’“ Zentimetern einzuhalten ist„, werden Flure und Zimmer rund’“ 50 bis•“ 60 Zentimeter breiter. Hier sind individuelle Lösungen gefragt„, um nicht durch kontraproduktive Ansätze Barrieren aufzubauen. Wenderadien sollten den realen Verhältnissen der tatsächlichen Nutzung entsprechen. Die Krux mit den Wenderadien Die Forderung nach Bewegungsradien in allen Räumen bedingt ebenfalls größere Wohnungen. Hat eine Standard-˜3-Zimmer-Wohnung zum Beispiel“ 70 Quadratmeter„, ergeben sich bei der „Behindertenwohnung““ 90 Quadratmeter. Menschen mit Behinderung sind aber leider nicht wohlhabender und können sich meist keine höhere Miete leisten. So kann die behindertengerechte Wohnung an sich bereits zu einer finanziell unüberbrückbaren Barriere werden. Das Baurecht kennt Wenderadien in unterschiedlichen Dimensionen. Aber eine einfache Überlegung macht das Problem sichtbar: Wird der„’ 1,5-Meter-Radius im Schlafzimmer voneinem Nutzer aufgrund seiner speziellen Behinderung benötigt„, wird er nur eine Bettseite regelmäßig nutzen und nicht um das Bett herumfahren. Wenn der Planer aber die „’1,5 Meter auf allen drei Seiten einzeichnet„, entstehen große überflüssige Räume; und das ist weltfremd. Auch wird nicht jeder körperlich eingeschränkte Mensch ein zwei mal zwei Meter großes Bett beanspruchen. Wir sehen stattdessen ein schmaleres Bett vor und den Wenderadius für den Rollstuhl nur einseitig. Beispiele für kostensparende Ausführungen Zur Barrierefreiheit zählt auch die uneingeschränkte Nutzbarkeit des Mobiliars. So gewährleistet die Unterfahrbarkeit von Waschtischen nicht nur die mechanische Erreichbarkeit mittels Rollstuhl„, sondern beispielsweise auch den Verbrühschutz. Bei zentraler Warmwasserversorgung muss das Wasser mit circa 60 Grad Celsius im System zirkulieren,„ um die Gesundheitsanforderungen, „vor allem den Legionellenschutz, „zu erfüllen. Fließt dieses heiße Wasser durch den Wasserhahn„, würde es beim Abfließen durch den Siphon eine Verbrennung der möglicherweise gefühllosen Beine des Rollstuhlfahrers zur Folge haben. Dabei stellt sich die Frage„, wie viele im Haus wohnende Rollstuhlfahrer querschnittsgelähmt sind und deshalb kein Gefühl in den Beinen haben, und in Shorts am Waschtisch sitzend, den Siphon unbeabsichtigt berühren. Da wir immer für alle Menschen, vor allem für jene mit kognitiven Einschränkungen,  dafür sorgen müssen, dass sie sich nicht verbrühen, bauen wir ohnehinTemperaturvorlaufbegrenzer in den Wasserhahn ein. Diese Maßnahme erübrigt sich bei einer dezentralen Warmwasserversorgung, die das Einstellen der Temperatur bei 38 Grad Celsius direkt an der Zapfstelle erlaubt  und deren Installationskosten deutlich günstiger sind. Die Höhenpositionierung vonToiletten, Waschtischen, Küchenmöbeln etc. ist stark von individuellen Bedürfnissen geprägt. Sind variable Küchenhöhen im Einzelfall sinnvoll, so ist die generelle Forderung nach einer Anhebung der Montagehöhe von Toiletten, insbesondere für ältere Menschen kontraproduktiv. Das selbstständige Aufstehen soll erleichtert werden, wird aber in der Realität durch den schmächtiger werdenden Körperbau älterer Menschen erschwert. Beim Haltegri‹ff sollte die Möglichkeit bestehen, ihn dort zu montieren, wo ihn der Nutzer braucht. Dazu befestigen wir beim Erstellen der Wand rechts und links neben der Toilette eine Holzbohle aufder Innenseite der Ständerkonstruktion. Der Haltegriff ‹wird dann für den jeweiligen individuellen Fall ausgewählt und auf der benötigten Seite und in der erforderlichen Höhe montiert. Wohnungen prophylaktisch mit Haltegri‹ffen auszustatten, ist nicht sinnvoll und vor allem teuer. Unseren Erfahrungen zufolge benötigen wir bei’““ 100 Wohnungen maximal bis zu zehn Haltegri‹ffe. Die Forderung, Schalter, Fenstergri‹ffe etc. generell tiefer zu positionieren, ist ebenfalls nicht zweckdienlich. Gerade bei Nottastern führt das unbeabsichtigte Anlehnen häufig zu Fehlalarm, sodass die Leitstelle dazu neigt, diese Alarmierungen nicht mehr ernst zu nehmen. In der Praxis erleben wir außerdem Beschädigungen durch Rangieren, zum Beispiel mit mechanischen Geh- oder Transporthilfen oder Staubsaugern. Fenstergri‹ffe, die tiefer und damit unsymmetrisch angebracht sind, beeinträchtigen die Funktion, weil keine symmetrische Kraft zur Fensterbedienung entfaltet werden kann und die Kippoption damit praktisch wegfällt. Was nutzt die Erreichbarkeit des Fenstergriffes, wenn dessen Anordnung die Funktion aufhebt? Türspione, die in der falschen Höhe angebracht sind,  erweisen sich generell als nutzlos. Wir bohren das Loch dorthin, wo wir es brauchen. Das kostet rund™“ 20 Euro. Sollte sich der Bedarf ändern, wird ein neues Loch gebohrt. DieTürhat dann entweder zwei Spione oder der erste wird abgedeckt. Wolfgang Frey ist Geschäftsführer der Frey Gruppe in Freiburg. Zu diesem Beitrag ist ein kritischer Leserbrief erschienen, der zu diversen inhaltlichen Aussagen ausführlich Stellung nimmt. MEHR INFORMATIONEN Wolfgang Frey, Thomas Klie, Judith Köhler: Die neue Architektur in der Pflege – Bausteine erfolgreicher Wohnmodelle; Dieses Buch stellt vier Modellprojekte vor, darunter den Schwanenhof in Eichstetten, die jeweils die einzelnen Bereiche Geschichte, Konzept, Architektur und Finanzierung erläutern. Verlag Herder, 2013, 352 Seiten, 24,99 Euro Wolfgang Frey – Architekt und Stadtplaner „Die Idee, behinderten Menschen damit gerecht zu werden, dass nach einem Standardrepertoire ,behindertengerecht‘ gebaut wird, ist naiv und nicht zielführend“, sagt Wolfgang Frey. Der Architekt und Stadtplaner aus Freiburg weiß, wovon er spricht, schließlich blickt er auf viele Jahre Erfahrung auf diesem Gebiet zurück. Sein erstes Projekt, die Seniorenanlage Schwanenhof in Eichstetten, realisierte er Mitte der 1990er Jahre. Es sollte die Abwanderung aus dem badischen Winzerdorf aufhalten und speziell für ältere und pflegebedürftige Menschen eine Heimat schaffŽen. Da sich kein Investor fand, übernahm Frey diesen Part und mit ihm die Verantwortung für ein langfristig funktionierendes Konzept. Dazu musste er mit den Menschen kommunizieren, ihren Bedarf erfragen und entsprechende Lösungen anbieten. Im Prinzip ist das bis heute so geblieben, nur ist aus dem Architekturbüro von damals die Frey Gruppe hervorgegangen, die als Investor, Projektentwickler, Immobilienverwalter und Architekturbüro agiert und heute international Stadtquartiere entwickelt. In allen Bauprojekten des Unternehmens sorgt eine eigene gemeinnützige Mietverwaltungsgesellschaft für die Vermietung, die soziale Durchmischung der Bewohnerstruktur und faire Mietpreise. Für die Planung der Projekte gilt der Grundsatz, Lebensräume für alle zu schaffen. „Ein normaler Rollstuhlfahrer kann bei uns in jede Wohnung einziehen“, so Wolfgang Frey. Vermeintliche Kostentreiber, wie das schwellenlose Bauen und der höhere Flächenbedarf bei Wohnungen für behinderte Menschen, sind für ihn längst kein Thema mehr. Dazu muss man die Bedürfnisse der Bewohner und die Bautechnik einfach nur in Einklang bringen, wie sein Fachbeitrag zeigt. Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier   

Ringen um Referenzen

Baukultur in Bischofsheim: Hinter der Douglasienschalung des Büros von MIND AC verbirgt sich ein offener Holzmassivbau. MIND Architects Collective ernten für ihre kleinen Bauten großes Lob. Doch der Weg zum wirtschaftlich erfolgreichen Büro ist für das junge Duo trotz vieler Ehrungen steinig. Von Christoph Gunßer Die Wanderjahre waren für Jan Dechow und Julia Buschlinger 2013 vorbei. Nach dem Studium an der FH Wiesbaden und Stationen in namhaften Großbüros in Holland, Belgien, der Schweiz und China (er) und als Projektleiterin eines Kindergartenneubaus in Frankfurt (sie) machte sich das Paar in Bischofsheim bei Mainz als MIND Architects Collective selbstständig. Den Anstoß dazu gab ein Investor, der sie ein hölzernes Apartmenthaus in Berlin planen ließ, später aber wegen schlechter Vermarktung einen Rückzieher machte. Ein weiterer Anlass für die Gründung war, dass sich das Duo ein Leben in China nicht vorstellen konnte. Dort war Dechow zuletzt bei Ole Scheeren beschäftigt. Ausbaufähig: Der elegant eingefügte wie ausgeführte Erstling machte schnell die Fachwelt aufmerksam. Gerne würden die Architekten öfter, wie hier, alle Leistungsphasen bearbeiten. Einen Teil der großzügigen Etagen ihres selbstgebauten Büros haben sie erst einmal vermietet. Nun also Bischofsheim: Das eigene Büro- und Wohngebäude planten sich die Heimgekehrten mit Hilfe der Verwandtschaft selbst. Wo zuvor eine Doppelgarage stand, wuchs ein subtil eingefügter Holzmassivbau. Der eigentümliche Duktus mit großzügig fließenden Innenräumen machte rasch die Fachwelt aufmerksam. Die Architektenkammer Hessen reihte den Erstling 2016 unter die vorbildlichen Bauten ein; beim Deutschen Architekturmuseum und dem BDA stand er auf der Shortlist. Ein Iconic Award, ein German Design Award und der best architects Award wurden verliehen, die dafür üblichen hohen Kosten dem jungen Büro erlassen. Doch so lang die Liste der Ehrungen und Publikationen auch ist – größere Aufträge fehlen. Raffniert: In einem Wohnhaus-Anbau, ebenfalls in Bischofsheim, verbinden MIND AC wieder ungewöhnliche Form mit rationeller Massivholzkonstruktion. Entwürfe für kostengünstige Häuser fertigt das Architektenpaar derzeit viele, aber von solchen Aufträgen kann das Büro nicht leben, meint Dechow, das sei dann eher wie ein Hobby. „Je höher der Aufwand für die Kosteneinsparungen, desto geringer wird nach HOAI unser Honorar“, klagt Buschlinger. „Eine Beauftragung über alle Leistungsphasen ist meist nicht gegeben. Mitarbeiter können wir uns bisher nicht leisten, da die Einnahmen nicht kalkulierbar sind.“ Ein Teufelskreis Gerade nach der intensiven Publicity kämen reichlich Anfragen potenzieller Bauherren: „Wir können uns die Akquise sparen.“ Ohne weitere Referenzen trauten diese dem jungen Büro dann oft doch nicht genug, klagt Dechow – ein Teufelskreis. Wer keine reiche Verwandtschaft habe, könne diese Referenzen einfach nicht bauen. Öffentliche Aufträge für kleine Büros? Im Ausland geht das! Bei öffentlichen Aufträgen versperrt die fehlende Erfahrung ohnehin den Zugang zu Bewerbungsverfahren. Selbst in Kooperation mit dem etablierten, international tätigen Büro COBE hat es MIND AC vor einiger Zeit nicht in die Auswahl für einen Wettbewerb in Mainz geschafft – „provinziell“ findet Jan Dechow das. Und offene Wettbewerbe mit hundert Teilnehmern, das tue man sich nicht an, sagt er. Große Büros wie OMA könnten Wettbewerbe über lukrative Großaufträge quersubventionieren und zahlten ihren jungen Teams kaum Salär – der Architekt hat es selbst erlebt. In der Schweiz gebe es bei Wettbewerben hingegen generell eine Aufwandsentschädigung durch den Auslober. Dank seiner Auslandserfahrung ist Dechow gut vernetzt mit jungen Büros andernorts. In Belgien und Skandinavien kämen Newcomer leichter an öentliche Bauaufträge und könnten sich so profilieren, berichtet er. Dort genieße eine innovative Baukultur mehr Wertschätzung. Büros wie BIG, COBE oder ADEPT sind aus solchen Starterprogrammen hervorgegangen. „Der Teamgeist zwischen den etablierten und den jungen Büros ist dort viel ausgeprägter“, ergänzt Julia Buschlinger. „Es entstehen spannende Kollektive. In Deutschland ist das Konkurrenzdenken dagegen viel zu hoch. Jeder hat Angst, zu kurz zu kommen.“ Buschlinger und Dechow sind davon überzeugt, dass die heutigen Anforderungen in einem Kollektiv von Architekten und Spezialisten viel eŒffzienter zu lösen sind – und tragen den Begriff daher im Büronamen. Gut genutzt: Die Architekten haben ein Händchen für intelligente Konzepte, die auch im Kleinen ein großzügiges Raumgefühl erzeugen. Im Wohnhaus-Anbau schaffen sie durch schräges Platzieren von Wänden und Treppe auf 100 Quadratmetern fließende Übergänge und überraschende Perspektiven. Idealismus und Freiheit In dieser eher prekären Situation blieb den Partnern vorerst nur, als zweites Standbein einen Lehrauftrag an der Hochschule RheinMain (sie) und eine Assistenz an der TU Darmstadt (er) anzutreten – sie brauchen das Geld. Also wechseln sie sich unter der Woche im Büro ab und arbeiten oft die Wochenenden durch. Den geräumigen Neubau teilen sie sich einstweilen mit einem Maklerbüro. „Hätte ich gewusst, wie stressig die Selbstständigkeit ist, hätte ich es vielleicht bleiben lassen“, meint Dechow heute. „Letztendlich lieben wir es aber, unser Büro zu führen“, insistiert seine Partnerin, „gerade dass wir unserem Idealismus folgen und die Freiheit haben, nur das zu verwirklichen, wo wir zu 100 Prozent dahinterstehen.“ Tatsächlich registrieren die Architektenkammern seit Jahren einen Rückgang bei den Büro- Gründungen. Als Start-up fühlten sich die beiden von der Architektenkammer anfangs auch ziemlich allein gelassen. So sei die Regelung, dass Absolventen nur vier Jahre lang Ermäßigungen bei Fortbildungen bekommen, realitätsfern, denn die meisten Abgänger machten sich erst nach einigen Jahren selbstständig: „Als Gründer hatten wir in den ersten Jahren weniger Geld als im Studium“, erinnert sich die Chefin. Seit der Prämierung durch die Architektenkammer 2016 läuft es besser: „Momentan arbeiten wir mit der hessischen Architektenkammer sehr gut zusammen und werden unterstützt“, betont Buschlinger. So wurden sie zum DAM-Preis vorgeschlagen und in Vorträge einbezogen. „Das ist die beste Akquisearbeit, die wir uns vorstellen können. Es bietet die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit ein Gesicht zu bekommen.“ Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Klein“ finden Sie in unserem DABthema Klein

Baukunst, Baukultur, bezahlbares Bauen und vieles mehr

Baukunst, Baukultur, bezahlbares Bauen und vieles mehr Kunst am Bau für jedermann Arbeitet man nicht gerade in einer Bundesbehörde, bleibt einem leider viel von der Kunst am Bau verborgen, die die Bundesrepublik seit 1950 angeschafft hat. Das ändert sich nun mit dem virtuellen „Museum der 1000 Orte“. Da sind Riesen-Pollen aus Bronze von TRAK Wendisch im Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Quedlinburg, die inzwischen zerstörte „Kinetische Säule“ von Reinhard Omir im Garten der Deutschen Botschaft in Kabul oder „La Grande Fenêtre“ von Daniel Buren im Berliner Bundesarbeitsministerium (Foto). Jedem Kunstwerk ist eine Bildstrecke und ein Text gewidmet. Auch der Kaufpreis wird genannt. Die Website wird kontinuierlich erweitert. www.museum-der-1000-orte.de Nachkochen erwünscht Mit „33 Baukultur Rezepten“ soll wieder Leben in Dörfer und Kleinstädte kommen. Vorgestellt werden meist unkonventionelle Formate der Bürgerbeteiligung und der Baukulturvermittlung. Im niedersächsischen Dingden wurde ein leer stehendes Haus in Goldfolie verpackt und wieder ins Bewusstsein gerufen. Das Ilzer Land besitzt nun eine Baukulturbibliothek, und die Bewohner des Dorfes Pleß gingen an die Uni: Sie besuchten Studenten an der TU München, die Ideen für verlassene Höfe im Dorf erarbeitet hatten. Hinzu kommen Filmabende, Jausen und Stammtische, denn auch Baukultur geht durch den Magen. Die Rezepte mit Zutatenlisten und Zubereitungsempfehlungen hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Rahmen des Forschungsprojekts „Baukultur konkret“ gesammelt. Partner waren das Büro für urbane Projekte Leipzig, die Alanus Hochschule, der Verein LandLuft und die Bundesstiftung Baukultur. Weitere Informationen erhalten Sie hier Bezahlbare Beispiele Die Architektenkammer Baden-Württemberg hat mit „Bezahlbar Bauen und Wohnen“ ein drittes Heft aus der Wohnungsbau-Reihe „Konzept“ veröffentlicht. Die Bezahlbarkeit von Wohnraum ist eine existenzielle Frage für jeden Betroffenen und damit ein Problem mit sozialer Sprengkraft. Das Heft enthält Projektbeispiele, deren Vielfalt zeigt: Es gibt keine Patentlösung – dafür sind die Rahmenbedingungen in Städten und Gemeinden zu verschieden. Es braucht individuelle Lösungen, von denen andere lernen können. Download oder Bestellung unter www.akbw.de/konzept.html Bauen weiterhin sicher Wie können bis zur vollständigen Harmonisierung der europäischen Normen bauordnungsrechtliche Anforderungen eingehalten und nachgewiesen werden? Dazu hat die BAK mit anderen Verbänden ein System zur Ausschreibung und Bestellung von Bauprodukten vorgestellt, mit dem sicheres Bauen weiterhin möglich ist. Wie das System funktioniert und was Architekten dabei beachten müssen, erfahren Sie in Kürze im DAB. Die gemeinsame Erklärung der Verbände „Anforderungen an harmonisierte Bauprodukte in Deutschland zur Erfüllung bauordnungsrechtlicher Vorschriften“ finden Sie unter www.bak.de Neues Präsidium für Europa Der Architects’ Council of Europe (ACE) vertritt die Interessen von Architekten auf europäischer Ebene. Auf seiner Generalversammlung wurden am 1. und 2. Dezember 2017 in Brüssel Präsidium und Vorstand für die nächsten zwei Jahre gewählt. Neuer Präsident ist ab Januar der Österreicher Georg Pendl. Im Vorstand, der aus zehn Architektinnen und Architekten aus zehn Ländern besteht, wurde die Deutsche Ruth Schagemann bestätigt. Architektenstimme in Europa Der ehemalige langjährige Geschäftsführer der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen Wolfgang Haack wurde am 1. Dezember für seinen erfolgreichen Einsatz auf europäischer Ebene für die Belange der Architekten ausgezeichnet. Der Award of Merit des ACE würdigt über 20 Jahre ehrenamtliches Engagement für eine zeitgemäße Anerkennung von Berufsqualifikationen sowie für Wettbewerbs- und Honorarfragen. Nah am Wasser gebaut Warum sollten nur Bootsbaufirmen Hausboote bauen? Als Architekt dürfte aber die Suche nach Regeln für Genehmigung und Konstruktion schwierig werden, zumal noch keine Landesbauordnung Vorschriften dazu enthält. Ein Merkblatt des Vereins „Internationale Bootsexperten e.‡V.“ informiert nun über das Wasserrecht, über Schwimmkörper und Liegeplätze und über den Anschluss an Versorgungsleitungen. Das 102-seitige Dossier kostet 375 Euro. www.bootsexperten.eu  

Neues Architektenrecht

Foto: Fotolia Zum 1. Januar wurden die zwei neuen Begriffe „Planungsgrundlage“ und „Kosteneinschätzung“ eingeführt. Was bedeuten sie? Von Daniel Halswick „Baukosten werden häufig bereits beziffert bevor belastbare Planungenvorliegen“stellt die Reformkommission zum Bau von Großprojekten in ihremEndbericht fest. „Schätzungen sind zum Teil politisch motiviert, vernachlässigen bestehende Risiken und liegen häufig deutlich unter den tatsächlich zu erwartenden Kosten.“ Weiter heißt es„ „Bauherrenwünsche werden (…) häufig nicht sorgfältig ermittelt. Es fehlt an der intensiven und aufwendigen Auseinandersetzung mit den Besonderheiten eines (Groß-)projekts (…). Ungenaue oder unvollständige Bedarfsplanungen führen in einem späteren Projektstadium zu Planungsänderungen und damit zu Mehrkosten“. Neues gesetzliches Leitbild Da kommen die beiden neuen Begriffe „Planungsgrundlage“ und „Kosteneinschätzung“, die mit dem neuen Architektenvertragsrecht am‘ 1. Januar “”‘•2018 eingeführt wurden, gerade recht. Zu den neuen vertragstypischen Pflichten heißt es im Gesetz zunächst: „„Durch den Architekten- oder Ingenieurvertrag wird der Unternehmer verpflichtet, die Leistungen zu erbringen, die nach dem jeweiligen Stand der Planung und Ausführung des Bauwerks oder der Außenanlage erforderlich sind, um die zwischen den Parteien vereinbarten Planungs- und Überwachungsziele zu erreichen“ (žŸ§ 650”Ÿp Abs ‘1 BGB). Neben dem Zweck und der Größe des Vorhabens sind hier maßgeblich auch der Bezug zum Standort sowie Kosten und Termine gemeint. In Absatz“ 2 der Norm werden Planer dann verpflichtet, soweit wesentliche Planungs- und Überwachungsziele noch nicht vereinbart, sind eine Planungsgrundlage zur Ermittlung dieser Ziele und eine Kosteneinschätzung zu erstellen. Diese sollen dem Auftraggeberin einer sogenannten Zielfindungsphase bei der Entscheidung helfen, ob er das Bauvorhaben realisieren oder von dem neu vorgesehenen Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen möchte (siehe „Architektenvertragsrecht jetzt im BGB“), das Gegenstand weiterer Erörterungen im DAB sein wird. Zeitliche Abgrenzung im Projekt. PE: Projektentwicklung, PA: Projektabwicklung, OB: Objektbetrieb Der Zweck des zu planenden Gebäudes steht sicherlich schon  sehr früh fest, jedoch sind wesentliche qualitative (Art der Konstruktion, Materialität) oder quantitative Merkmale (Zahl der Geschosse) oder ähnliche Fragen noch offen. Klargestellt hat der Gesetzgeber mit der Einführung der Zielfindungsphase in der die zwei Begriffe zeitlich zu verorten sind, dass auch zu diesem frühen Zeitpunkt schon ein Vertrag vorliegen kann, die Erstellung von Planungsgrundlage und Kosteneinschätzung also zu vergüten ist. Damit kann nicht mehr –anders als bisher oft – von einer reinen Akquiseleistung ausgegangen werden. Definitionen noch vage Die Begriffe „Planungsgrundlage“ und „Kosteneinschätzung“ sind durch den Gesetzgeber  noch nicht näher definiert worden und haben weder einen Bezug zurDIN“ 276  noch – aus rechtssystematischen Gründen – zur HOAI, da diese eine Gebührenordnung ist, Das kannin der gängigen Projektpraxis zum einen zu Missverständnissen führen, zum anderen ist die Komplexität in dieser Projektphase nicht zu unterschätzen. Die Planungsgrundlage soll – in welcher Form auch immer – das noch zu planende Vorhaben beschreiben. Dies gingeüber textliche Beschreibungen und reine Kennzahlenbetrachtungen oder über erste Skizzen beziehungsweise über eine qualifizierte Machbarkeitsstudie. Zur Kosteneinschätzung gibt es ebenfalls keine Definition. Der Begriff ist neu, sodass davon ausgegangen werden kann, dass jede Art von Kostenermittlung angewendet werden darf. Eine Kostenschätzung nach DIN 276 ­€ist ausdrücklich nicht verlangt. Unterscheidung der Prozesse. Blau: Planungsgrundlage, Rot: Kosteneinschätzung, PE: Projektentwicklung, PA: Projektabwicklung, OB: Objektbetrieb Probleme suchen Beide Leistungen sind also in einer der Planung vorgelagerten „Vorprojektphase“ nach dem geläufigen Sprachgebrauch zu den neuen BGB-Regelungen in der „Zielfindungsphase“ zu erbringen. Zieht man die Fachliteratur zur Projektentwicklung heran, so lässt sich diese Phase definieren als Kombination der Faktoren Projektidee,  Standort und Kapital. Passen die drei Faktoren nicht zusammen, sind Zielkonflikte vorprogrammiert. Um diese zu vermeiden, Ziele zu identifizieren und sie in ihrer Priorität zu ordnen, ist eine sorgfältige Projektvorbereitung unter Abwägung möglichst vielerAspekte und Risiken wesentlich. Man spricht hie rauch vom „Problemesuchen“, während in der eigentlichen Planung und Ausführung die Probleme dann zu lösen sind. Ergebnis dieser Vorprojektphase beziehungsweise Zielfindungsphase sollte in jedem Fall eine plausible und seriöse Dokumentation der Ziele und Anforderungen an das Bauprojekt, also die vom Gesetzgeber vorgesehene Planungsgrundlage sein. Eine Aussage zurMachbarkeit ist dabei selbstverständlich wird in der Praxis aber leider zu oft vernachlässigt. Aus der Projektidee wird der nachgewiesene Bedarf, etwa in Form eines qualifizierten Bedarfsplans oder zumindest eines Raumprogramms, ermittelt. Der Standort wird als bebaubares Grundstück mit passendem Baurecht nachgewiesen oder der Weg dorthin zumindest aufgezeigt. Das für das Bauprojekt notwendige Kapital wird über eine Finanzierung mit eigenen und— oder fremden Mitteln nachgewiesen. Informationsmenge über den Projektverlauf. Blau: Planungsgrundlage, Rot: Kosteneinschätzung Probleme lösen Der Machbarkeitsnachweis ist sehr komplex, da die drei genannten Faktoren Projektidee, Standort und Kapital sich gegenseitig bedingen. In der Projektpraxis halten beispielsweise die quantitativen Anforderungen des Bauherrn einer baurechtlichen Prüfung oft nicht stand, – „der Bauherr wünscht es größer“. Oder die qualitativen Wünsche der Nutzer korrespondieren nicht mit der Finanzierung – „der Nutzer wünscht es schöner“. Solche Zielkonflikte und Spannungen entstehen sowohl innerhalb des Projekts als auch durch das Umfeld. Alle Anspruchsgruppen („Stakeholder“), die gegenwärtig oder in Zukunft direkt oder indirekt betroffen sind oder in irgendeiner Form Einfluss nehmen können, müssenermittelt und benannt werden. Der Bauherr wünscht es größer, der Nutzer will es schöner. Solche Zielkonflikte müssen dokumentiert und ausgeräumt werden. Oft scheitern Projekte aber gerade am Mangel an Information.  Insbesondere bei einer interdisziplinären Planungs- und Bauaufgabe, bei der arbeitsteilig geplant wird, ist dasGenerieren von Informationen elementar. Der Mitwirkungspflicht des Bauherrn kommt hier besondere Bedeutung zu. Das Resultat sollte bei Bauherr und Planer ein gemeinsames Verständnis vom Projekt sein, idealerweise derart dokumentiert, dass es eine vertragliche Basis für eine spätere Umsetzung darstellt. In dieser Phase ist also ein sorgfältiges und strukturiertes Vorgehen wichtig, mit dem Ziel, nicht lösbare Konflikte frühzeitig zu identifizieren und lösbare Konflikte zum Nachweis der Machbarkeit aufzulösen. Ist eine Realisierbarkeit gegeben, gilt es, die unterschiedlichen Ziele und Anforderungen zu ordnen und zu priorisieren. Das Ergebnis ist eine realisierbare Planungsgrundlage, also die Zusammenstellung der notwendigen Informationen über die Planungs- und Überwachungsziele für das neue Projekt. Strukturierte Bedarfsplanung. NBP: Nutzerbedarfsprogramm, RFP: Raum- und Funktionsprogramm Kosten einschätzen ohne Planung Nachdem die Informationsmenge in der Vorprojekt-, also Zielfindungsphase noch gering sein kann und eine Planung noch nicht vorliegt, stellt sich die Frage, mit welchen Methoden überhaupt belastbare Kostenaussagen möglich sind beziehungsweise ob über eine „Kosteneinschätzung“ eine seriöse Aussage der Planer gegenüber dem Bauherrn getroffen werden kann, die es ihm ermöglicht, eine fundierte Entscheidung über die Realisierung des Projekts zu treffen. Neben Standort, Zeitpunkt, Zeitrahmen und Marktlage sind Objektgröße und-standard maßgebliche Einflussgrößen. Sind diese bekannt, lassen sich über Kosten- und Mengenfaktor Baukosten ermitteln. Da die Vorprojektphase der Zielfindung dient und noch keine Planung vorliegt,  kann die Einschätzung über nutzungsbezogene Kostenermittlungsverfahren, etwa über Nutzungseinheiten oder Kostenflächenarten mittels Kennzahlen erfolgen. Letztere Methode ist beim öffentlichen Bauen, zum Beispiel im Krankenhausbau, bereits gängige Praxis. Für alle anderen,  meist bauwerksbezogenen Kostenermittlungsverfahren, ist eine Planung erforderlich. Die Kosteneinschätzung kann demnach je nach Durchdringungstiefe der Projektvorbereitung („Planungsgrundlage“) sowohl eine sehr grobe Einschätzung als auch eine detaillierte Ermittlung auf Basis einer sorgfältigen Machbarkeits- beziehungsweise Risikoprüfung sein – zu diesem Zeitpunkt allerdings noch ohne Planungen. Was wird sich ändern? Durch die fehlende Konkretisierung der beiden neuen Begriffe kann es zu Verwirrung kommen. In jedem Fall sind neue Vertragswerke erforderlich und der Abschluss schriftlicher Verträge mit eindeutiger Festlegung der Leistungen wird noch wichtiger. Dabei können und werden die Architektenkammern ihre Mitglieder unterstützen. Durch die neuen gesetzlichen Regelungen wurde der Grundsatz gestärkt, dass eine im Konsens zwischenBauherr und Planer beschlossene Zielsetzung wesentlich für den Projekterfolg ist. Prof. Daniel Halswick ist Geschäftsführer bei h2m Architekten und Immobilienökonom. Er lehrt Projektentwicklung und Projektmanagement an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Digitale Strategen

Das Entwerfen am Computer (hier im Programm Rhino) gehört im Büro sesa zum alltäglichen Handwerk – genauso das Bauen „echter“ Modelle. Sebastian und Iris Schott gehören zur ersten Generation von Architekten, die mit digitalen Entwurfswerkzeugen aufgewachsen ist. In der Digitalisierung sehen sie eine riesige Chance für die Architektenschaft – und einen Wettbewerbsvorteil für ihr kleines Büro. Von Stefan Kreitewolf Von drei Seiten einsehbar sitzt Sebastian Schott an seinem Schreibtisch am Rand der Stuttgarter Innenstadt. Dass er in seinem „Studio“ im Erdgeschoss wie im Schaufenster arbeitet, ist Prinzip. „Wir wollen wahrgenommen werden“, sagt der 39-Jährige, der vor der Selbstständigkeit für renommierte Architekturbüros tätig war, „Transparenz ist unser Geschäftsmodell.“ Gemeinsam mit seiner Frau Iris, die zuvor in verschiedenen Architekturbüros in Niedersachsen arbeitete, führt er das Büro „sesa“. Transparenz bedeutet für beide digitales Arbeiten. Anders als viele Berufskollegen, die die Digitalisierung als notwendiges Übel betrachten, sehen die zwei darin eine riesige Chance. Schott malt begeistert eine Zukunft aus, in der Bauherr und Architekt gemeinsam auf der Baustelle digital Wände einziehen und auf dem Tablet in Sekundenschnelle zwischen verschiedenen Innenausbauten springen können. „Ein Wisch und alles sieht anders aus“, sagt Schott, der an der ABK Stuttgart in der Klasse für innovative Bau- und RaumkonzepteŽ/ŽDigitales Entwerfen lehrt. „Wir wollen durchschaubare Prozesse, die den Bauherrn am Scha’ffensprozess teilhaben lassen. Das lehre ich auch“, sagt Schott, der zu der ersten Generation von Architekten gehört, die mit digitalen Entwurfswerkzeugen aufgewachsen ist. Die sesa-Architekten nutzen selbst das Programm Rhinoceros. „Es unterscheidet sich von herkömmlichen CAD-Programmen, da man einfach komplexe Geometrien erzeugen kann“, sagt Schott. Diese ließen sich wiederum exakt kontrollieren. „Wir erarbeiten uns den Raum quantitativ und qualitativ durch räumliches Konstruieren“, berichtet der Architekt. Dabei arbeite er nicht mit Bibliotheken oder Bauteilen wie im CAD. „Die Software nutzen wir als konzeptionelles Entwurfswerkzeug – alle gestaltungsrelevanten Informationen werden im 3D-Modell getestet, weiterentwickelt und dann in die Planung integriert“, führt Schott aus. „Wir bewegen uns ständig zwischen den Welten. Parallel skizzieren wir mit der Hand und am Rechner und bauen auch physische Modelle – oder lassen sie mittels 3D-Drucker herstellen“, erläutert Schott seine Arbeitsweise. So überprüfe und hinterfrage er sich immer wieder selbst. Die Technik zur Erzeugung der Inhalte sei dabei zweitrangig. Die Qualität sei das Wichtigste. Büro- und Ehepartner Das kleine Büro hat sich auf die Leistungsphasen 1 bis 5 spezialisiert. „Unsere Bauherren wissen es inzwischen zu schätzen“, sagt Schott. Zu Beginn seien potenzielle Bauherren skeptisch gewesen und wollten „am liebsten alles aus einer Hand von einem Architekten ausgeführt bekommen“. Mit Überzeugungsgeschick räumten sie diese Bedenken aus. Mittlerweile zählen Wohnungsbau ebenso wie Ausstellungskonzepte, Innenausbau und -umbau sowie Neubauten für kulturelle Einrichtungen und Produkt- und Möbeldesign zum Portfolio. Das habe alles aber einige Zeit gedauert, berichtet Schott. Als er 2012 eine Professur in Trier vertrat, nutzte er die Chance, die ihm das sichere Einkommen bot, und machte sich „nebenher“ selbstständig. Seine Frau zog mit und arbeitete parallel weiter in Teilzeit für andere Büros. „Die ersten Monate haben wir nur an Wettbewerben gearbeitet“.  Daraus seien zwar zunächst keine Aufträge entstanden, „aber wir hatten den Kontakt zu potenziellen Bauherren und waren im Gespräch“. Das sei ein guter Startpunkt gewesen. Den ersten Auftrag des Büros, den Entwurf für ein Quartier mit 30 Wohnungen in Wesel am Niederrhein, sicherte sich sesa über einen direkten Kontakt zum Bauträger. Heute füllt sich das Auftragsbuch, das Büro trägt sich. „Wir haben uns mittlerweile ein gutes Netzwerk erschlossen“, sagt Schott optimistisch. Privat- und Berufsleben zu teilen, ist für die beiden kein Problem. „Wobei wir natürlich durch Entscheidungen im Job auch die Konsequenzen im Privaten zu spüren bekommen“, sagt Schott. Prinzipiell freut ihn aber nach Jahren in anonymen Großraumbüros das familiäre Umfeld. „Bei uns ist es ganz normal, dass auch mal die Kinder durchs Büro rennen“, erläutert er. Das habe den Vorteil, dass die Familie trotz Selbstständigkeit und der Berufstätigkeit beider Elternteile viel Zeit miteinander verbringe. Gelungene Visualisierung: Im Realisierungswettbewerb für die Städtische Bibliothek Heidenheim schaffte es das Architektenpaar 2014 bis ins Finale. Augmented Reality – „das nächste große Ding“ In Zukunft soll das Büro wachsen, wenn es das Auftragsvolumen zulässt. Mitarbeiter wollen die Stuttgarter erst einstellen, wenn sie sie auch anständig bezahlen können. Bis dahin sind sie froh, ihre eigenen Chefs zu sein. „So können wir neue Ideen viel schneller und besser umsetzen.“ Künftig möchten die beiden mehr mit Augmented Reality (AR) arbeiten. Sebastian Schott erklärt: „AR erlaubt es, ein reales Bild mit digitalen Informationen mittels Smartphone oder Tablet zu überlagern – in Echtzeit und vor Ort.“ In der Technik sieht Schott die Chance, digitale, dreidimensionale Darstellungen bei der Planung komplexer Bauprojekte direkt auf der Baustelle zu nutzen – der bisherige Medienbruch von oft dreidimensionalen Computermodellen zu zweidimensionalen Plänen, die zum Bau eines wiederum dreidimensionalen Gebäudes dienen, könnte so überwunden werden. Auch bei der Präsentation von Modellen ist das Verfahren nützlich, um schnell Änderungswünsche umzusetzen. „Zum Beispiel könnten so digitale Modelle mit physischen Gebäuden kombiniert werden, um den Auftraggebern direkt am Haus Gestaltungsmöglichkeiten zu zeigen“, erläutert Schott. Um die Zukunft Realität werden zu lassen, testen er und seine Frau derzeit passende Programme und technische Infrastrukturen. Aktuell sehen sie in AR einen großen Wettbewerbsvorteil. Deswegen arbeiten sie fieberhaft an der Erweiterung ihrer technischen Möglichkeiten. „AR ist das nächste große Ding“, ist sich Schott sicher. „Und wir werden dabei sein.“ Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Klein“ finden Sie in unserem DABthema Klein

Kleiner Lesestoff

Sweeney’s Bothy: Die einfache Hütte des Künstlers Alec Finlay liegt einsam auf den zu Schottland gehörenden Hebriden. (Foto aus: Jane Field-Lewis, Tiny Houses) Alles wird immer größer? Von wegen! Das kleine Haus ist zumindest vom Buchmarkt derzeit nicht wegzudenken. Meist sind damit Ferienhäuser gemeint. In Japan jedoch wird tatsächlich auf immer weniger Raum gewohnt. Und warum soll man in einer mobilen Gesellschaft sein Haus nicht einfach mitnehmen? Vier Buchtipps für große und kleine Fans von Architektur im Klein- bis Kleinstformat. Von Heiko Haberle KLEINE REFUGIEN Der Markt ist derzeit voll von Büchern, die das einfache Leben als Aussteiger in einsamen Hütten zelebrieren und ästhetisieren. Romantiker kommen auch bei diesem Titel dank großer Bilder von gemütlichen Häuschen an einsamen Orten auf ihre Kosten. Doch dazu werden auch die persönlichen Geschichten erzählt: Warum wählte der Architekt jenes Material? Welche landschaftliche Besonderheit oder traditionelle Bauform war inspirierend? Wie leben die Bauherren darin? Auch die Häuser haben etwas Persönliches: Nicht alles ist vom Architekten entworfen, vieles wurde auf charmante Weise selbst gemacht. „Tiny Houses“ ist weniger als ein Fachbuch, aber mehr als ein Bilderbuch. Es ist ein Architekturbuch, auch für Nicht-Architekten. Jane Field-Lewis, aus dem Englischen von Claudia Arlinghaus, Trude Stegmann Tiny Houses Hütten, Strandhäuser & Lauben Knesebeck Verlag, München, 2017 240 Seiten, 29,95 Euro KLEINE HÄUSER FÜR KLEINE LESER Was für tolle Ideen Architekten doch haben, denkt man sich beim Schmökern in diesem bunten Kinderbuch, das zumeist kleine Häuser nicht nur präsentiert, sondern auch erklärt. Diese liebenswert verrückten Erfinder entwerfen aufblasbare Hüllen oder Baumhäuser, hängen einen Würfel wie einen Rucksack an ein Hochhaus, sanieren Wassertürme oder bauen Behausungen komplett aus Schnee oder Sand. Diese etwas andere Tour durch die Weltarchitektur kommt ganz ohne Fotos aus. Die kurzen Texte erklären, was sich die Schöpfer bei ihren eigentümlichen Konstruktionen so gedacht haben, die fantasievollen Zeichnungen heben genau das hervor, was sonst oft untergeht: Kreativität und Einfallsreichtum von Architekten. Aleksandra Machowiak, Daniel Mizielinski, aus dem Polnischen von Dorota Stroinska Treppe Fenster Klo Die ungewöhnlichsten Häuser der Welt Moritz Verlag, Frankfurt a. M., 2010 156 Seiten, 19,95 Euro KLEINER GEHT’S NICHT MEHR Wie klein kann ein Haus sein, ohne seine behausende Funktion zu verlieren? Dieses kleinformatige, aber bildgewaltige Kompendium zeigt fast 300 Kleinarchitekturen für einen nomadischen Lebensstil. Viel zu lesen gibt es dabei nicht. Trotzdem wird es nicht langweilig, denn die witzigen und durchdachten Gefährte sind alle unterschiedlich. Sie haben ein bis fünf Räder (oder mehr), rutschen auf Kufen oder schwimmen. Einige sind motorisiert, andere benötigen Muskelkraft. Sie sind echte Alleskönner mit Tisch, Bett und Kochgelegenheit oder aber ganz minimalistische Zeltkonstruktionen zum Ausfalten oder Aufblasen. Das allerkleinste Haus trägt man direkt am Körper. Peter Lustigs Wohnwagen ist gegen diese mobilen Behausungen ein schwerfälliges Monstrum. Rebekka Roke, aus dem Englischen von Michael Auwers Mobitecture Mobile Architektur Phaidon Verlag, Berlin, 2017 320 Seiten, 22,95 Euro KLEINE RÄUME GANZ GROSS Angesichts auch bei uns immer enger werdender Städte schauen viele nach Japan, wo bei den Hausgrößen offenbar keine Grenzen nach unten gesetzt sind. Durch Stapeln und Verschachteln entstehen extrem effiziente, aber auch räumlich äußerst spannende Architekturen auf kleinstem Raum. 18 Projekte werden mit vielen Fotos und Grundrissen dokumentiert. Dass ihre minimalistische Ästhetik hiesigen konstruktiven und energetischen Standards keineswegs entspricht, verschweigt die Publikation nicht. Dennoch werden Detaillösungen vorgestellt, die auch nach deutschen Normen machbar wären. Begleitend werden die baurechtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe beleuchtet, die dazu führen, dass vererbte Grundstücke geteilt und dadurch immer kleiner werden. Christian Schittich (Hg.) Wohnkonzepte in Japan Typologien für den kleinen Raum Edition Detail, München, 2016 144 Seiten, 39,90 Euro zweisprachig deutsch/englisch Weitere Buchtipps zu Raumwundern finden Sie hier und hier Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Klein“ finden Sie in unserem DABthema Klein

„Wir sollten uns unserer Verantwortung bewusst sein“

Nach 16 Jahren fand erstmals wieder ein Weltklimagipfel in Deutschland statt. Ralf Niebergall und Heiner Lippe waren für die Architektenschaft dabei. Interview: Brigitte Schultz Herr Niebergall, Herr Lippe, Sie haben die BAK im November auf der UN-Klimakonferenz in Bonn vertreten. Ist die Präsenz von Architekten dort eine Selbstverständlichkeit? Niebergall: Leider nein. Obwohl Architekten mit ihren Planungen erheblichen Einfluss nehmen auf Rohstoverbrauch und Emissionen, war es ein hartes Stück Arbeit, unsere Experten in einem Programm zu platzieren, in dem sich viele Staaten und noch mehr Institutionen mit ihren Interessen wiederfinden möchten. Lippe: Es gibt eine Tendenz, Klimaschutzziele entweder durch Regulierungen und Vorschriften erreichen zu wollen oder das Heil in rein technischen Lösungen zu suchen. Demgegenüber war es uns wichtig, dem ganzheitlicheren Ansatz, den Architekten und Planer verfolgen, Gehör zu verschaffen. Im Rahmen des Architects’ Council of Europe (ACE) haben wir daran bereits lange im Vorfeld der Konferenz gearbeitet. In welchem Rahmen konnte sich die Architektenschaft dann auf der Konferenz einbringen? Lippe: Auf den sogenannten „Building Days“ diskutierten Architekten mit Experten aus internationaler Politik und Wirtschaft über konkrete Handlungsfelder im Gebäudebereich. Eine zweite Veranstaltung, der „Human Settlements Day“, griff übergreifende Aspekte auf, zum Beispiel die Förderpolitik in verschiedenen Regionen oder Finanzierungsfragen. Auf meinem Podium sollte nur über Wege zum CO2-neutralen Gebäude geredet werden. Ein viel zu enger Fokus! Auf welche Weise wurde der Zusammenhang zwischen Klima und gebauter Umwelt von  dieser Runde diskutiert? Niebergall: Ich selbst saß auf einem Podium, bei dem eigentlich nur über Wege zum CO2-neutralen Gebäude geredet werden sollte. Ein viel zu enger Fokus! Wenn man nur das Gebäude im Betrieb betrachtet, kann man sich leicht einen schlanken Fuß machen. Schwierig wird es doch erst, wenn man den gesamten Kreislauf – also auch Produktion, Transport, Wartung, Erneuerung, Entsorgung – mit einbezieht. Lippe: Ja, Ausgangspunkt war die verbreitete Ansicht, das Klima wäre ausschließlich mit Maßnahmen zur Energieeœzienz in den Griff zu bekommen. Dabei wird recht konservativ an Haustechnik und Dämmung gedacht. Aber für weitere Zusammenhänge, beispielsweise Gestaltung, Akzeptanz oder Quartiersstruktur, mussten wir viele erst sensibilisieren. Niebergall: Es muss auch um die soziale Balance gehen. Was ist mit der wachsenden Anzahl von Menschen, die sich Strom- und Heizungskosten nicht mehr leisten können – oder auf der anderen Seite nach einer energetischen Sanierung die Miete nicht mehr zahlen können? Wir können nicht nur energieeffizient für die bauen, die es sich leisten können. Wie groß ist das Bewusstsein bei den internationalen Entscheidungsträgern, was Architektenhierzu beitragen können? Lippe: Das Bewusstsein ist eher mäßig und wird auch nicht stark unterstützt. Im Gegenteil! In einem deutschen Ministerium hieß es letztens sinngemäß: „Klimaschutz hat in erster Linie zu tun mit Wirtschaft und Finanzwelt, dann irgendwann mit dem Ingenieurwesen. Architekten spielen da eine untergeordnete Rolle.“ Niebergall: Wir müssen aufpassen, dass die Meinungsführerschaft nicht von all den Energieagenturen übernommen wird, die weltweit ein gutes Geschäft mit Labels und Zertifikaten für Niedrig- oder Null-Energie-Häuser machen und sich auch auf der Klimakonferenz in Szene zu setzen wussten. Wenn wir wirklich nachhaltig denken, muss es von der Flexibilität der Grundrisse bis zu städtebaulichen Fragen von Dichte, Durchgrünung oder Mobilität gehen. Diese Kernkompetenzen von Architekten, Stadtplanern und Landschaftsarchitekten müssen wir noch viel stärker in die ö”ffentliche und politische Diskussion einbringen. Inwieweit kann man auf einer globalen Konferenz spezifisch europäische oder deutsche Probleme und Lösungsansätze diskutieren? Niebergall: Die weltweiten Unterschiede sind natürlich riesig. Während in Deutschland der Neubau, statistisch gesehen, kaum eine Rolle spielt, sind in Afrika erst sieben Prozent der Gebäude gebaut, die laut Prognosen bis 2050 gebraucht werden. Dennoch ist es möglich, sich über Methoden zu verständigen, ohne in den alten Fehler zu verfallen, dass wir Europäer der Welt zeigen, wie es geht. Lippe: Wir haben in Deutschland und Europa viele Erfahrungen gemacht und Methoden und Handlungsmodelle erprobt, die international diskutiert werden sollten. Hat die Klimakonferenz konkrete Folgen für den Baubereich? Niebergall: Es wurden zumindest einige gemeinsame Schritte empfohlen. Der weltweite Datenbestand soll verbessert werden, errechneter und tatsächlicher Energieverbrauch eines Gebäudes sollen besser miteinander abgeglichen werden, um das Verhältnis von Aufwand und Nutzen beurteilen zu können. Dafür sollen gemeinsame Begri›fflichkeiten und Messgrößen vereinbart werden. Zum Beispiel wird eine Basisgröße wie die Nettogrundfläche überall anders berechnet! Dass die ehrgeizigen Klimaziele ohne zielgenaue staatliche Förderung nicht zu erreichen sind, darin waren sich alle einig. Wie ambitioniert dabei die einzelnen Staaten sind, liegt freilich in deren Händen. Lippe: Die Positionen, die im Rahmen des Expertensymposiums erarbeitet wurden, werden über die „Global Alliance for Building and Construction“, eine einflussreiche Initiative für den Klimaschutz im Baubereich, weiterbearbeitet und publiziert. Im Rahmen des ACE verfolgen wir weiter sehr aufmerksam die Entwicklungen auf europäischer Ebene. Werden wir die Welt retten? Niebergall: Die Welt braucht uns ja nicht. Es wird wohl eher darum gehen, uns selbst zu retten. Architekten können das natürlich nicht allein, aber in der Kommunikation mit Auftraggebern und der Öff”entlichkeit und mit ihren Entscheidungen haben sie großen Einfluss und damit verbunden eine hohe Verantwortung. Lippe: An der Wand des Dänischen Architektur Zentrums prangte vor einigen Jahren der Slogan „What if architects can change the world?“ Ich denke, dass wir das seit Menschengedenken tun. Das Leben findet in der Umwelt statt, die wir planen und bauen. Dieser Verantwortung sollten wir uns heutzutage nur wieder bewusst sein. Ralf Niebergall: Der Architekt, Professor und ehemalige Dekan ist Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer. Er leitet den BAK-Arbeitskreis Internationales und ist „Head“ der deutschen Delegation im Architects’ Council of Europe (ACE). Heiner Lippe: Der Architekt und Professor ist Vorstandsmitglied der AK Niedersachsen und leitet deren Ausschuss „Klimaschutz und Nachhaltigkeit“. Für die BAK sitzt er im Arbeitskreis Internationales und im ACE-Board „Responsible Architecture“.

Gutes neues Jahr!

Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer Ein politisch spannendes Jahr 2018 und eine überaus interessante Legislaturperiode liegen vor uns. Noch kennen wir weder die Zusammensetzung der neuen Bundesregierung noch wissen wir, welche baupolitischen Schwerpunkte sie setzen wird. Aber sicher ist, dass das Europäische Kulturerbejahr (ECHY) unseren Blick auf gemeinsame Wurzeln und Verpflichtungen für die Zukunft lenken wird. Es ist richtig, dass Europa im Jahr 2018 den Blick auf sein kulturelles – und damit auch sein baukulturelles – Erbe richtet, auf diese ganz besondere Einheit in Vielfalt, die es so einzigartig macht. Die Auslobung des BAK-Medienpreises 2018 wird daher diesen Schwerpunkt aufnehmen. Auch der Tag der Architektur wird dieses Jahr mit dem Motto „Architektur bleibt“ einen Beitrag zum ECHY leisten. Präsidium und Vorstand haben sich für die Arbeit der Bundesarchitektenkammer einiges vorgenommen und übergeordnete Ziele identifiziert. Als Schwerpunkte unserer Arbeit sehen wir eine weitere Stärkung der Freiberuflichkeit und die Förderung des Mittelstands als unverzichtbare Säule der Wirtschaft. Hier wollen wir insbesondere dazu beitragen, dass die Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette Bau verbessert wird. Darüber hinaus gilt es, unsere professionelle Position als freier Beruf zu sichern, von der Honorarordnung bis hin zu Renten- und Krankenversicherung. Wir müssen gemeinsam dafür werben, dass Bundestag und Bundesregierung auch in ihrer neuen Zusammensetzung für den Erhalt der HOAI eintreten und unsere Versorgungswerke nicht beeinträchtigen. Weiterhin soll die vertrauensvolle Kooperation und Aufgabenteilung der Planenden und Ausführenden erhalten bleiben. Eine große berufspolitische Herausforderung bleibt die rasch voranschreitende Digitalisierung, die uns weiter in all ihren Facetten beschäftigt. Die Einführung von BIM werden wir auch bei den nächsten Schrittten aktiv begleiten. Als Planer sind wir prädestiniert, die Fäden bei BIM in der Hand zu halten: Wir haben den Überblick über alle Leistungsphasen und Beteiligten. Besonders bedeutend ist der Wissenstransfer. Hier haben die Architektenkammern Deutschlands in den letzten Monaten sehr viel bewegt – gerade im Hinblick auf den einheitlichen Ausbildungsstandard für BIM, den nun auch die Ingenieurkammern übernehmen wollen. Ein weiterer Schwerpunkt wird das Bauen im Bestand sein – nie war es aktueller und dringlicher, sich mit dem Umbau unserer Städte und Gemeinden zu beschäftigen und diese zukunftsfähig zu machen. Der gesamte Berufsstand – Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner – muss hier mitwirken! Der Fokus wird dabei nicht nur auf Städten, sondern auch auf dem ländlichen Raum und den Beziehungen zwischen den Siedlungsräumen liegen. Hier werden wir die Politik anregen, Impulse zur Umsetzung notwendiger Infrastrukturmaßnahmen, insbesondere des ÖPNV, zu geben. Auf dem Weg zur Ratspräsidentschaft Deutschlands werden wir weiterhin darauf hinwirken, den Wandel von der Charta von Athen zur Leipzig Charta voranzutreiben. Noch immer gibt es hier viel zu tun, gerade im Hinblick auf die Baunutzungsverordnung. Last, but not least haben wir uns für 2018 vorgenommen, dafür zu sorgen, dass die Exportförderung gestärkt wird: Deutsche Planungsqualität hat Weltruf – das Engagement der Politik sehen wir trotz aller Anstrengungen noch immer als ausbaufähig an. Viele Aufgaben warten also auf uns. Mit Freude und Zuversicht gehen wir sie gemeinsam mit Ihnen an. Ihnen allen ein gesundes, erfolgreiches und friedliches neues Jahr voll spannender Erkenntnisse und mit vielen Anlässen zur Lebensfreude!

Gebaute Akquise

Oben auf: Das Bürogebäude in Königsbrunn war im früheren Leben eine schlichte Doppelgarage aus Sichtbeton. Aufgestockt um einen Massivholz-Baukörper, entstanden daraus die eigenen Büroräume von 17A – mit Panoramablick auf die Kleinstadt. Andere bauen sich in ihrem Alter ein Einfamilienhaus. Stefan Degle und Andreas Matievits investierten das Geld lieber in einen Neubau für ihr Architekturbüro 17A, dem sie so zu einem gelungenen Start verhalfen. Von Stefan Kreitewolf Der Eingangsbereich aus Beton, die oberen Etagen aus Holz, das Innere in Industrieoptik: Wer Stefan Degle und Andreas Matievits besucht, soll beeindruckt werden. Das gehört bei ihnen zum Geschäftsmodell, und ihr selbst entworfenes Bürogebäude bewirkt es von ganz allein. Im kleinen Königsbrunn im Schwäbischen, wo ihr Büro 17A beheimatet ist, sticht die aufgestockte, ehemalige Beton-Doppelgarage besonders heraus. „Dass Königsbrunn unser Firmensitz wurde, ist allerdings eher Zufall“, berichtet Degle. 2009, als sich die beiden ehemaligen Kommilitonen entschieden, gemeinsam den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen, arbeitete er im benachbarten Architekturbüro seines Vaters. Als beide dann nach geeigneten Räumlichkeiten in Augsburg und München suchten, fiel sein Blick auf die gegenüberliegende Doppelgarage. Matievits erinnert sich: „Spontan entwickelte sich die Idee, daraus mittels einer Aufstockung unser Bürogebäude entstehen zu lassen.“ Ein Turm in der Kleinstadt? „Warum nicht?“, sagen die beiden Büroinhaber fast gleichzeitig. Sie schätzen den kleinstädtischen Raum als Standort. „So müssen wir uns nicht dem Konkurrenzkampf in der Großstadt aussetzen“, sagt Matievits, der selbst in München wohnt und jeden Tag eine Stunde nach Königsbrunn pendelt. Ihr Portfolio zeigt: Geschadet hat es ihnen nicht. Nach einigen gewonnenen Wettbewerben und zahlreichen realisierten Bauten haben sie sich in der Region einen Namen bei privaten Bauherren gemacht. „Wir realisieren zu 80 Prozent Wohnungsbau“, berichtet Matievits. Darunter sind nicht nur Einfamilienhäuser, sondern auch größere Bauvorhaben wie aktuell eine Wohnanlage für Sozialwohnungen sowie Mehrfamilienhäuser in Augsburg und Umgebung. Degle, der durch seine Familie schon sehr früh über ein gutes Netzwerk von Planern, Fachleuten und Bauherren verfügte, berichtet: „Wir verfolgen auch noch eine andere Strategie und versuchen selbst, Projekte zu entwickeln.“ Das Büro investiere zwar selbst nichts, erarbeite aber Vorplanungen und stelle Kontakte her. „Da gehen wir zwar regelmäßig in Vorleistung, aber am Ende lohnt sich das meistens“, sagt der 44-Jährige. Von der Vorplanung bis zur Bauleitung machen sie oft alles selbst. Ihr eigenes Bürogebäude war da eine gute Übung. Alles aus einer Hand Nach der Planung sei bei 17A alles in einer Hand. „Von den vorderen Leistungsphasen bis zur Bauleitung machen wir oft alles selbst“, sagt Degle. Ihr eigenes Bürogebäude, das sie mit einem privaten Darlehen finanzierten und das „weit weniger als ein kleines Einfamilienhaus kostete“, wie Degle erläutert, war da eine gute Übung. Dass ihr Erstling 2017 für die „Architektouren“ am Tag der Architektur ausgewählt wurde, machte die beiden ehemaligen Kommilitonen besonders stolz. Blickfang: Die in den Betonsockel gehängte Holztreppe erhielt ihren expressiven Anthrazit-Farbton durch eine schwarze Silikatbeschichtung. Alltag: Durch einige Wettbewerbsgewinne und Realisierungen wurde 17A bei privaten Bauherren bekannt. Heute ist das Büro zu 80 Prozent im Wohnbau tätig (das Foto zeigt ein Einfamilienhaus in Augsburg). Mittlerweile zählt das Büro vier feste Mitarbeiter und wächst stetig. Das sei einem einfachen Umstand geschuldet. „Wir sprechen architektonisch die gleiche Sprache“, sagt Matievits. Degle ergänzt: „Das ist schon ein großes Glück. Der Weg zum guten Ergebnis ist aber trotzdem oft mit viel Diskussion verbunden, bis wir dann beide zufrieden sind.“ Zurzeit bauen Degle und Matievits weitere Referenzen auf. Künftig wollen sie auch öffšentliche Auftraggeber anziehen. „Das ist nicht so einfach“, erläutert Matievits und ergänzt: „Weil man für Bauvorhaben der öffšentlichen Hand immer erst Referenzen aufweisen muss, ist es für uns als kleines Büro häufig schwierig, überhaupt in die engere Auswahl zu kommen.“ Obwohl 17A wirtschaftlich gut dastehe, sei das ein „Ärgernis“ und „manchmal geschäftshemmend“, wie der Architekt es formuliert. Diese Schwierigkeiten wollen die beiden Büroinhaber aber auch noch lösen. Degle bekräftigt: „Davon lassen wir uns nicht beeindrucken.“ Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Klein“ finden Sie in unserem DABthema Klein

Akustik simulieren

Virtual Reality für die Ohren: Mit Visualisierungs- und Auralisationslösungen lassen sich Projekte interaktiv und multimedial vermitteln. Mit der neuesten Software kann die akustische Wirkung von Räumen und Bauteilen nicht nur berechnet, sondern auch virtuell hörbar gemacht werden. Von Marian Behaneck Genügt die Akustik den Anforderungen? An welcher Stelle sind Lautsprecher optimal angebracht? Kann die Akustikdecke störende Halleffekte beseitigen? Können Schallschutzfenster den Straßenlärm fernhalten? Um diese und weitere Fragen zu klären, kamen in der Raum- und Bauakustikplanung bisher ausschließlich sogenannte Modellmessverfahren mit maßstäblichen Holz-, Gips- oderPlexiglasmodellen zum Einsatz. Heute sind Berechnungs- und Simulationsprogramme in der Akustikplanung Standard. Die Palette reicht von einfachen Programmen für die Analyse individueller engumgrenzter akustischer Probleme über den Nachweis von Bauteilen, die Analyse komplexer Raumformen oder die Berechnung von Lärm in Arbeitsstätten sowie dieÜberprüfung von Lärmminderungsmaßnahmen bis hin zur Echzeit-Auralisation architektonisch anspruchsvoller Räume und Gebäude inklusive interaktiver Objektbegehung per VR-Brille. Bei der Auralisation werden vom Computer berechnete akustische Vorgänge und Größen als Audiodateien ausgegeben und per Lautsprecher oder Kopfhörer hörbar gemacht. Welche Lösungen gibt es und wie funktionieren sie? Die Analyse anspruchsvoller akustischer Szenarien setzt in der Regel ein dreidimensionales Raum-oderGebäudemodell voraus, †das alle akustisch relevanten Strukturen geometrisch definiert.  Entweder liegt es im Zusammenhang mit der Gebäudeplanung ohnehin schon vor und kann per DXF-†, DWG- oder IFC-Schnittstelle importiert werden oder es muss mit einem internen‘ 3D-Editor oder externen 3D-CAD-Programm neu modelliert werden. In CAD-Programme integrierte Lösungen (z.B. Auratorium) erübrigen sich die sonst üblichen umständlichen Arbeitsschritte:– CAD-Modelleingabe, †anschließender Import in die Raumakustiksoftware†, Simulation, †anschließende Änderung des CAD-Modells, †erneuter Import etc. Bevor der zu untersuchende Raum für die Berechnung vorbereitet wird†, sollten die individuellen Rahmendaten analysiert und eine Zielvorgabe definiert werden. Anschließend müssen die Art der Schallquelle und des Empfängers†, deren Position und mögliche Bewegung, †Übertragungswege,  †raumakustische Oberflächeneigenschaften †wie Absorptions-, und Streugrade† und andere Randbedingungen definiert werden. Das FEM-Netz (Finite-Element-Methode†)  wird entweder manuell oder vom System automatisch imHintergrund erzeugt. Danach kann der Berechnungsvorgang gestartet werden. Die Ergebniswerte (Nachhallzeit†, Schalldruckpegel oder der Sprachübertragungsindex als Messgröße für die Sprachverständlichkeit etc.) werden tabellarisch oder in Form sogenannter Isolinien-, oder Isoflächengrafiken ausgegeben.  Dabei werden Bereiche mit identischen Ergebniswerten mit einer Linie respektive Farbfläche markiert und so die Vielzahl der Ergebniswerte einfacher „lesbar“gemacht. Mit speziellen Programmen zu rnormgerechten Berechnung bauakustischer Eigenschaften (z.B. BASTIAN†, CadnaA, †CadnaR†, IRIS†, INSUL, †SONarchitect, ISO etc.) lassen sich Baumaterialien, †Bauteile oder Räume†, Luft-, und Trittschallisolierungen†, Schallübertragungen oderSchallabsorptionen analysieren und nachweisen. Trotz immer einfacherer Bedienung sind nicht alle bauakustischen Programme für den Einsatz in Architekturbüros geeignet. Insbesondere Simulationssoftware zur Echzeit-Auralisation setzt profundes Fachwissen und die langjährige Erfahrung eines Akustikplaners voraus†, der die Ergebnisse bewerten und einschätzen kann. Typische Berechnungsmethoden Gestalterische Wünsche oder funktionale Anforderungen von Planern und Bauherren widersprechen nicht selten den akustischen Erfordernissen. Hier kann die numerische Akustik helfen, beide Anforderungen in Einklang zu bringen. Entscheidend ist jedoch eine physikalisch korrekte Modellierung aller Randbedingungen, die Berücksichtigung aller relevanten Frequenzbereiche, die Kopplung zwischen den Modellen für Luft- und Körperschall sowie von Dämpfungsmechanismen. Auch durch rechenzeitsparende Vereinfachungen, ein zu grobes FEM-Rechengitter, ungenaue Randbedingungen oder vernachlässigte akustische Szenarien können Ungenauigkeiten und Fehler entstehen, die zu falschen Ergebnissen führen. Akustik berechnen und simulieren Je nach Objekt und der jeweiligen Problemstellung kommen dabei verschiedene Berechnungsmethoden einzeln oder kombiniert zum Einsatz: Spiegelschallquellen- oder Strahlenverfolgungsverfahren (Raytracing), die BEM- oder FEM-Berechnungsmethode. Auf dem Spiegelschallquellen- und Raytracing-Verfahren basierende Programme sind inzwischen Standardwerkzeuge der Raumakustikplanung. Dabei werden – analog zur Optik – akustische Vorgänge näherungsweise durch Schallstrahlen und Reflexionsvorgänge in Abhängigkeit von der Entfernung zum Empfänger und den Absorptionsgraden der Flächen mathematisch beschrieben. Dadurch lassen sich raumakustische Kenngrößen, wie etwa Nachhallzeiten oder Schallpegel berechnen. Ihre Grenze haben die Verfahren bei tiefen Frequenzen und kleinen Räumen mit hohen akustischen Anforderungen, wie etwa Tonstudios. Sollen niederfrequente, nicht-diffuse Schallfelder, Schalldämmmaße komplexer Wandaufbauten, Eigenfrequenzen, Strukturschwingungen, Schalldrücke und Schallleistungen zur Abschätzung von Lärmbelastungen berechnet werden, ist die Finite Elemente Methode (FEM) besser geeignet. Sie berücksichtigt die Wellennatur des Schalls und somit beispielsweise auch Beugungseffekte oder Wellenüberlagerungen (Interferenzen). Die FEM ist ein numerisches Berechnungsverfahren, das auch in der Baustatik zur Berechnung örtlicher Spannungen und Verformungen zum Einsatz kommt. In der Akustik wird das zu untersuchende Raumvolumen durch ein imaginäres Netz von Flächen – „Finite Elemente“ genannt – unterteilt. Dadurch lässt sich das Strukturverhalten auch komplex geformter Räume über Kopplungs- und Randbedingungen mathematisch beschreiben und berechnen. Materialien oder Bauteile können detailliert modelliert, oder aber über komplexe Materialeigenschaften als Randbedingungen vorgegeben werden. Die der FEM ähnliche Randelementemethode (Boundary Element Method, BEM) setzt einen geringeren Eingabe- und Berechnungsaufwand voraus, ist aber nicht so flexibel einsetzbar. Die Auralisation von Büroräumen ermöglicht beispielsweise Hörvergleiche unterschiedlicher akustischer Szenarien (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, IRT) Auralisation: Räume hörbar machen Während die meisten akustischen Analysen eine Berechnung akustischer Werte und deren Visualisierung in Form zwei- oder dreidimensionaler Grafiken zum Ziel haben, geht die so genannte Auralisation weiter. Bei diesem Verfahren werden vom Computer berechnete akustische Vorgänge und Größen als Audiodateien ausgegeben und per Lautsprecher oder Kopfhörer hörbar gemacht. Die Wirkung schalltechnischer Maßnahmen kann damit eindrücklicher vermittelt werden, als über Parameter und Kennwerte. Die Auralisation wird insbesondere für Objekte mit besonderen raumakustischen Anforderungen wie Konzerthallen, Theatern, Stadien etc. eingesetzt, zunehmend aber auch im Zusammenhang mit der raum- und bauakustischen Planung von Restaurants, Großraumbüros, Bibliotheken, Museen, Bahnhöfen, Industriehallen oder Außenräumen. Bereits im Planungsstadium kann beispielsweise das Hörerlebnis eines Konzertbesuchers von jeder Position aus nachempfunden werden. Auch das Verhalten von Bauteilen, etwa von Schallschutzfenstern, bei unterschiedlichen akustischen Einwirkungen wie Bau-, Straßen- oder Fluglärm oder die Schalldämmeigenschaften von Trockenbaukonstruktionen werden virtuell hörbar. Damit sind Planer in der Lage, ihren Bauherren die akustische Qualität von Räumen oder Bauteilen unmittelbarer zu vermitteln und den Nutzen akustischer Maßnahmen nachdrücklicher zu demonstrieren. Noch realitätsnäher lassen sich akustische Verhältnisse im Rahmen virtueller Begehungen durch Räume oder Gebäude vermitteln. Unterschiedliche Konzepte werden so interaktiv erfahrbar und unmittelbar vergleichbar. Ebenso können bauakustische Maßnahmen zur Eindämmung akustischer Störeinflüsse und Umgebungslärm von jeder Position aus besser eingeschätzt werden. Bauprodukt-Hersteller können die akustische Qualität ihrer Produkte schon in der Entwicklungsphase prüfen sowie Planern und Bauherren realitätsnah vermitteln. Akustikplaner können die Auswirkungen vorgeschlagener Maßnahmen sowohl anhand von Zahlenwerten als auch durch einen subjektiven, individuellen Höreindruck deutlich machen. Die Bandbreite numerischer Bauakustik reicht von Programmen zur schalltechnischen Optimierung von Bauteilen… (Marshall Day Acoustics, Akustikbüro Rahe-Kraft) …über Werkzeuge zur Berechnung der Schalldämmung in Gebäuden gemäß DIN EN 12354, … (Sound of Numers, Akustikbüro Rahe-Kraft) …bis hin zur Auralisation („Hörbarmachung“) von Konzerthallen, Theatern oder Stadien (Audioborn, Trimble) Akustikprogramme und deren Möglichkeiten Die Palette der raum- und bauakustischen Berechnungs- und Simulationsprogramme reicht von einfachen Programmen für die Analyse individueller, eng umgrenzter akustischer Probleme, den Nachweis von Bauteilen, die Analyse komplexer Raumformen oder die Berechnung von Lärm in Arbeitsstätten und die Überprüfung von Lärmminderungsmaßnahmen, bis hin zur Echzeit-Auralisation architektonisch anspruchsvoller Räume und Gebäude, inklusive interaktiver Objektbegehung per VR-Brille. Im Folgenden werden einige Programme beispielhaft vorgestellt. Inwischen gibt es auch Apps, die Schallpegel oder Nachhallzeiten eines Raumes messen und passende akustische Maßnahmen vorschlagen (Knauf) Auratorium von Audioborn ist eine im CAD-Programm integrierte Echtzeit-Akustiksimulationssoftware. Änderungen am Raum oder an den Quell- und Empfangspositionen werden quasi in Echtzeit berechnet, visualisiert und hörbar gemacht. Die zugrunde liegenden Simulationsalgorithmen bilden auch Welleneffekte ab, wie etwa Schallabsorption, ‑streuung und ‑beugung oder Interferenz-Effekte. Die Software wird sowohl in der Raumakustiksimulation als auch in der Musik- und Filmproduktion sowie VR-Anwendungen eingesetzt. CATT-Acoustic von CATT berechnet mit Hilfe numerischer Simulationsverfahren die Impulsantworten mehrerer Schallquellen mit beliebiger Richtfunktion. Werkzeuge zur Faltung und Auralisation stehen in der Vollversion bereit. Die akustischen Kenndaten der Oberflächenmaterialien lassen sich in einer individuell erweiterbaren Datenbank verwalten, was die Definition akustischer Szenarien beschleunigt. Ein OpenGL-basierter CATT 3D-viewer sorgt für eine optisch ansprechende Darstellung der Modelle bei Kundenpräsentationen. EASE von AFMG Technologies dient der raumakustischen Simulation von Innenräumen und Freiflächen. Werden in Innen- oder Freiräumen den verwendeten Wand- und Deckenmaterialien akustische Eigenschaften zugeordnet, lassen sich alle relevanten akustischen Parameter und Eigenschaften berechnen. Die Platzierung von Schallquellen wird von einer umfangreichen Datenbank unterstützt. Die berechneten akustischen Eigenschaften lassen sich per Auralisationsmodul EARS hörbar machen. Die Knauf TOPview ist eine Präsentations-App, mit der Räume per VR-Brille optisch und akustisch erlebbar werden. Damit lassen sich die Wirkungen akustischer Maßnahmen, wie Akustikdecken und/oder Wandabsorber auf einen Raum intuitiv vermitteln. Nachhallzeiten, Schallpegel und Sprachverständlichkeit werden damit verständlich und multimedial erfahrbar gemacht. Werden mit der App Schallpegel oder Nachhallzeiten eines Raumes gemessen, schlägt sie passende akustische Maßnahmen vor. ODEON von Odeon A/S kann Raumakustik, Lautsprecherinstallationen, teilweise auch Schallübertragungen im selben Modell bearbeiten. Die Resultate werden als akustische Parameter, Schallkarten, GIF-Animationen und Auralisationen dargestellt. Das Raummodell kann von SketchUp oder anderer CAD-Sofware importiert werden. Das Programm ermöglicht individuelle Raumakustik-Planungen für eine wunschgemäße Akustik und Schalldämmung bei Musik, Ansprachen, Konzerte etc. Daneben gibt es auch verschiedene Berechnungs- und Simulationsprogramme zur Berechnung der bauakustischen Eigenschaften von Gebäuden aus den Bauteileigenschaften gemäß normierter Berechnungsverfahren (z.B. BASTIAN, CadnaA und CadnaR von DataKustik, IRIS, INSUL von Marshall Day Acoustics oder SONarchitect ISO von Sound of Numbers). Die Programme ermöglichen die bauakustische Analyse von einzelnen Baumaterialien, Bauteilen oder kompletten Räumen, die Berechnung der Luft- und Trittschallisolierung innerhalb von Gebäuden, die Luftschalldämmung gegen Außenlärm, die Schallübertragung von Räumen ins Freie oder die Berechnung der Schallabsorption in Räumen. Isolinien- oder Isoflächengrafiken machen die Ergebnisse der Akustikberechnung wie Nachhallzeit oder Schalldruckpegel besser ablesbar (Schallpegelverteilung Industriehalle, DataKustik) Worauf Planer achten sollten Trotz immer einfacherer Bedienung, sind nicht alle bauakustischen Programme für den Einsatz in Architekturbüros geeignet. Insbesondere Simulationssoftware zur Echzeit-Auralisation setzt profundes Fachwissen und die langjährige Erfahrung eines Akustikplaners voraus, der die Ergebnisse bewerten und einschätzen kann. Dieser Meinung ist auch Tobias Kirchner, ein von der IHK Berlin öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Raumakustik des Berliner Akustikbüros Rahe-Kraft. Aus seiner langjährigen Erfahrung als Anwender und Anbieter von Akustik-Software kennt er die Vorteile und Grenzen der numerischen Bauakustik: Programme und Anbieter* ANSYS Fluent, CFX STAR-CD, STAR-Works 3D Acoustic Auratorium  AUVIS   BASTIAN, CadnaA, CadnaR CATT-Accoustic EASE IRIS, INSUL Knauf TOPview NORA – NOise Reduction Auralisation ODEON RAMSETE etc.                                                                        Sarooma                                                                                 SONarchitect ISO ULYSSES     ZORBA   * Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit Links- und Literaturhinweise www.baunetzwissen.de  Rubrik „Akustik“ www.akustik.rwth-aachen.de Akustische Virtuelle Realität www.computational-acoustics.de Akustiksimulations-Portal www.wikipedia.de Suche: „Auralisation“ etc. Franck, A.: Finite-Elemente-Methoden, Lösungsalgorithmen und Werkzeuge für die akustische Simulationstechnik, Logos-Verlag, Berlin 2009, Download  Vorländer, M.: Möglichkeiten der Auralisation, Internationale Schall- und Akustiktage 2011, Eigenverlag, Bad Wörishofen 2011, Download Willems, W. M., Schild, K., Stricker, D.: Schallschutz: Bauakustik, Grundlagen – Luftschallschutz – Trittschallschutz, Springer/Vieweg, Berlin, 2012 Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz). Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier   In der nächsten Folge unserer Serie DIGITAL: Architekturmodelle aus dem 3D-Drucker

Kinderfang für die Baukultur

Basiskurs Bauen: Intuitiv lernen die kleinen Baumeister schon im Kindergartenalter konstruieren. Baukulturelle Bildung ist in Kindergärten und Schulen leider immer noch Mangelware. In Berlin arbeiten zwei „kleine baumeister“ seit Langem mit Enthusiasmus daran, das zu ändern. Von Christoph Gunßer Jessica Waldera hat Kunstgeschichte und Erziehungswissenschaften studiert. Ihre Leidenschaft für Architektur machte sie dann beruflich zum Programm. Um Wissen spielerisch und mit allen Sinnen zu vermitteln, engagierte sie sich zunächst beim Aufbau des MACHmit! Museums in Berlin, das Kindern Naturwissenschaft und Kunst vermittelt. Ihr Wunsch, solche pädagogischen Angebote auf die Architektur zu erweitern und den eigenen Kindern die gebaute Umgebung näherzubringen, ließ sie kleine Projekte in Kiez und Kitas beginnen. 2006 gründete sie schließlich die „kleinen baumeister“ – mit ihrem Mann Johannes, der als angestellter Architekt tätig ist. Aus der Museumspädagogik, vor allem aber „aus eigener Faszination heraus entwickelte das Paar Programme, die bei Schülern und Kindergartenkindern das Interesse für Baukultur wecken sollen. Gemeinsam mit dem Nachwuchs gehen sie auf „Forschungsreisen“ in Stadtgeschichte, Architektur oder Design. Da erkunden Kinder erstmals mit Zollstock und Maßband ihre Kita, lernen einen Plan zu zeichnen, ein Modell zu bauen. Etwas älter, beginnen sie, Stadtpläne zu lesen und – zum Beispiel als „Stadtrebellen“ – in der Aktion „1 km² x anders“, ihr Viertel zu entdecken und spielerisch umzugestalten. Die Ergebnisse wurden 2015/16 parallel zur Ausstellung „Platz da! Kinder machen Stadt“ im Labyrinth Kindermuseum ausgestellt. Der Fachbereich „Architektur und Schule“ der Bauhaus-Universität Weimar war Kooperationspartner. Mit Oberstufenschülern eines Steglitzer Gymnasiums begleitete das Team über zwei Jahre den Entscheidungsprozess zum Berliner Schloss. Als „Stadtschloss.Forscher“ interviewten sie die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und den Architekten Franco Stella, um sich selbst eine Meinung zu bilden. „Nur durch diese aktive Vermittlung einer kulturellen Bildung befähigen wir Kinder und Jugendliche zur Teilnahme an unserer Gesellschaft“, betonen die Walderas. Nicht weitere „große“ Baumeister sind also das Ziel, sondern selbstbewusste, kritische Bürger. Dabei geht es im bunten Berlin zunächst oft um interkulturelle Teilhabe: Das Projekt „Wilhelm und Hedwig“ führte Kinder in die evangelische Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und die katholische Hedwigs-Kathedrale und brachte ihnen die Bauformen der Gotteshäuser näher. Für den Kinderkirchenführer „Wilhelm und Hedwig“ (Josef Fink Verlag), der die Ergebnisse präsentiert, bekamen die „kleinen baumeister“ 2016 den „Mixed-up-Preis“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung. Verdienstvolle Aufgabe ohne viel Verdienst Um solche Partnerschaften müssen sich die Macher indes ständig neu bemühen. Unermüdlich reichen sie Förderanträge bei unterschiedlichsten Stiftungen ein, um ihre Projekte realisieren zu können. Nur in einigen Fällen können Schulen und Kitas die Ideen mit Eigenmitteln umsetzen. Derzeit erarbeiten sie etwa mit Willkommensklassen in Charlottenburg-Wilmersdorf Stadtpläne, die Migrantenfamilien das Ankommen im Bezirk erleichtern sollen. Oft ist das Team in Brennpunktschulen engagiert, denn hier fließen Fördergelder. Projektwochen und Ferienprogramme sind andere wichtige Standbeine. Bisher arbeiten eine Architektin und eine Sozialpädagogin als freie Mitarbeiterinnen für die „kleinen baumeister“. Sehr wichtig ist den Machern dabei der interdisziplinäre Ansatz. Auch bei den Schulprojekten beteiligen sie oft alle Fächer, von Mathe bis Sport. In ihrer kreativen Nische sind die „kleinen baumeister“ mittlerweile nicht mehr allein in Berlin. Der Bildungssektor gilt zudem als kompliziert. Im Bereich baukulturelle Vermittlung ist es inhaltlich schwierig, da man nicht uneingeschränkt zur Kunst gehört, in der Architektur aber bisher die Vermittlung keinen eigenen Stellenwert hat. Geplant ist daher, sich breiter aufzustellen, etwa Fortbildungen für Erzieherinnen anzubieten und weitere Bücher zu publizieren. Ihr Erstling aus dem Jahr 2013 „Häuser, Hütten und Paläste – Ideen für die Kita-Praxis“, der für Kinder ab fünf Jahren angelegt ist, wird viel gelobt. „Das Bewusstsein für unsere Arbeit ist gewachsen“, sagt Jessica Waldera zuversichtlich, denn sie „brennt“ für die Sache: „Wenn man die leuchtenden Augen der Kinder gesehen hat – da setzen wir etwas in Gang.“ Interaktive Stadtplanung: Die Arbeit am Modell schärft den Blick auf die Stadt und ihre Leitbilder. Gewachsenes Bewusstsein In diesem Sommer wollen sie auch wieder beim MakeCity-Festival („für Architektur und Andersmachen“) dabei sein und ein pädagogisches Begleitprogramm auf die Beine stellen – wenn sie Förderer finden. Viele neue Projekte sind geplant. Die Bundesstiftung Baukultur und einige Länderarchitektenkammern engagieren sich ja mittlerweile auch in Sachen Kinderbildung. Während dies bislang zum Teil noch ehrenamtlich geschieht, hoffen freie Anbieter wie die „baumeister“ auf eine Professionalisierung, die auch sie einbezieht. Fast alle, die mitmachen, teilen die Neugier ihrer Begleiter, etwa für eine alte Ziegelmauer, verschiedene Säulenordnungen, Schinkels bröckelnde Bauten oder neue Brücken im Regierungsviertel. Weil das so gar nichts von gängiger Bespaßung hat, legen die Kinder gern das Handy weg und „lassen sich einfangen“, wie Jessica Waldera es nennt. Kinderfänger für die Baukultur – eine verlockende Aufgabe. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Klein“ finden Sie in unserem DABthema Klein

Grüne Räume, gutes Klima

Die Gebäudebegrünung ist eher als gestalterisches Element bekannt. Doch insbesondere die Innenraumbegrünung löst auch viele technische Probleme auf umweltfreundliche Art. Von Gerhard Zemp Die heutige energieoptimierte, hoch wärmegedämmte Bauweise, die Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung bedingt, offenbart gerade in der kühlen Jahreszeit ihre Schwäche: die niedrige Luftfeuchtigkeit. Immer mehr Nutzer solcher Immobilien beklagen die trockene Luft. Im Sommer hingegen erhitzen sich die Gebäude übermäßig. Diese Herausforderungen werden in der Regel technisch gelöst; verbunden mit hohen Investitions- und Wartungskosten. Dass die Kombination der Anlagentechnik mit einer Begrünung die angenehmere und kostengünstigere Lösung sein könnte, daran denken Planer nur selten, obwohl die positiven Eigenschaften von Pflanzen eigentlich jeder kennt: Sie produzieren Sauerstoff, erhöhen die Luftfeuchtigkeit und reduzieren Schadstoffe. Weitgehend unbekannt ist dabei, dass die Menge der von Pflanzen produzierten Luftfeuchte berechnet und in die energetische Planung eines Gebäudes einbezogen werden kann. Konkret heißt das, es wird ermittelt, welche Flächen von vertikalen Pflanzenwänden, frei stehenden Hecken oder mobilen Einzelpflanzen notwendig sind, um die relative Luftfeuchte in dem jeweiligen Raum um die angestrebte Prozentzahl zu erhöhen. Dazu besprechen zunächst der Fachplaner für Gebäudebegrünung und der Klimatechniker die geplanten technischen Anlagen und legen die Eckwerte fest. Im zweiten Schritt wird geprüft, welches energetische Potenzial mit Grün aufgefangen werden kann. Wie zahlreiche Beispiele aus der Praxis belegen, können dadurch oft Energiespitzen abgedeckt und die Klimatechnik kann entsprechend energiesparender dimensioniert und kostengünstiger realisiert werden. Als Ergebnis erhält der Architekt eine Datenliste mit vertikalen Grünflächen und der Anzahl mobiler Pflanzenelemente, mit denen er die Räume gestalten kann. Damit dient die Begrünung als funktionales Gestaltungselement. Verwaltungsgebäude der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) in Zürich: Das Gebäude umfasst Büros für 720 Mitarbeiter, 80 Mietwohnungen und diverse Läden und wurde im Minergie-Standard errichtet. Im zweiten Obergeschoss befindet sich ein als Dachgarten konzipierter Innenhof, der die umliegenden Büros mit Tageslicht versorgt. In diesem Innenhof wurde nachträglich ein Moosgarten angelegt, der im Sommer durch die natürliche Verdunstung des Wassers die Luft im Innenhof und folglich in den Büros kühlt. Die Moose und Lebermoose tragen außerdem zur Lärmreduktion und durch die Filterung von Feinstäuben zu einer besseren Luftqualität bei. Die optisch natürliche Gestaltung erfreut auch die Nutzer der Büros, die den Moosgarten gewissermaßen wie eine Waldlichtung vor ihren Fenstern erleben. Bauherr: SBB Schweizerische Bundesbahnen, Entwurf: atelier ww-Architekten, Zürich, Grünfläche: 300 m² Nachweis erbracht Die Grundlagen dafür, dass sich die Wirkung der Begrünung heute zuverlässig berechnen lässt, bilden Fachwissen und langjährige Praxiserfahrungen, geprüfte und zertifizierte Produkte sowie die Forschung. So hat sich beispielsweise das bayerische Ingenieurbüro Häring Radtke Partner auf biologische Gebäudeklimatisierung spezialisiert. Einer der Partner, der Biologe Manfred Radtke, hat spezielle „Prima Klima“-Pflanzen gezüchtet. Gegenüber im klassischen Handel erhältlichen Sorten verfügen diese über eine deutlich höhere Transpirationsleistung sowie Eigenschaften, die durch die Art der Vermehrung der Pflanzen identisch bleiben. Das Prinzip: schematische Darstellung der Wirkungsweise einer funktionalen vertikalen Begrünung. Ein weiterer wichtiger Schritt für die Etablierung der biologischen Gebäudeklimatisierung waren die Forschungen der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Das Team unter Leitung von Annette Bucher hat Pflanzenwände analysiert und nachgewiesen, dass deren bioklimatische Wirkung mess- und berechenbar ist. Konkret konnte gezeigt werden, dass sich durch die Begrünung die Luftfeuchte erhöht. Außerdem wurden klare Anforderungen an Funktion und Wartungsaufwand für derartige biotechnische Systeme erarbeitet. Die Ergebnisse helfen vor allem, das Vertrauen in die praktische Anwendung zu stärken. Das ist wichtig, denn auch meinen langjährigen Erfahrungen zufolge stehen die meisten Bauherren, Planer und Klimatechniker einer kombinierten technischen und biotechnischen Lösung skeptisch gegenüber. Für sie ist es bislang in der Regel die letzte Möglichkeit, die sie vor einer kostenintensiven Erweiterung der technischen Anlage in Betracht ziehen. Klinik Hirslanden in Zürich: Für die Räume der Herzklinik sollten Lösungen gefunden werden, die die Luftfeuchtigkeit erhöhen und die Akustik verbessern. Die Maßnahmen sollten gleichzeitig das sterile klinische Umfeld durchbrechen und stattdessen ein vertrautes Gefühl vermitteln. Dazu wurden die Innenräume mit Pflanzenwänden, in Büromöbel integrierten Pflanzmodulen, Wandbildern und Solitärpflanzen begrünt. Jetzt liegt die Luftfeuchte im optimalen Bereich von 45 bis 50 Prozent und durch die schadstofffilternden Eigenschaften der Pflanzen wird zudem eine hohe hygienische Luftqualität erreicht. Die Schallabsorption und -diffusion der Pflanzen hat außerdem zu einer Minderung der Lautstärke um etwa fünf Dezibel bei 500−1.000 Hertz geführt. Aus Brandschutzgründen (Fluchtweg) wurde für die Begrünung eine Metall-Konstruktion gewählt. Bauherr: Klinik Hirslanden, Zürich, Innenarchitektur: Dost Design, Schaffhausen, Nutzfläche: 690 Quadratmeter, Grünfläche: 72 m² Wand, 7,2 m² in Möbel, 3 x 1,2 m² als Wandbild Oft wird unser Büro im ersten Winter nach Fertigstellung eines Gebäudes als Problemlöser für die zu geringe Luftfeuchte hinzugezogen. Häufig empfehlen wir dann, zunächst eine Versuchsanlage mit einer Pflanzenwand oder Pflanzengruppe in einem Raum aufzubauen, der lüftungstechnisch als eigener Sektor funktioniert. Zum Vergleich dient ein weiterer Referenzraum ohne Pflanzen. Nach diesem Prinzip gingen wir auch beim Logistik- und Rechenzentrum der Stadt Zürich vor. Der Neubau bietet Platz für 160 Mitarbeiter, denen auf einer Fläche von 3.200 Quadratmetern 20 Meeting-Räume, Begegnungszonen und drei Cafeterias zur Verfügung stehen. Praxistest zur Probe Das Gebäude erfüllt die Kriterien der „Energiestadt auf dem Weg in die 2.000-Watt-Gesellschaft“ und trägt die Labels „Standard Minergie-P-Eco“, „Gutes Innenraumklima“ und „Allergie Suisse“. Durch die kompakte Bauweise, die optimierte Wärmedämmung und die kontrollierte Lüftung sank jedoch die Luftfeuchtigkeit unter das Maß des Wohlfühlbereichs für die Mitarbeiter. Um die Gesamtenergiebilanz nicht zu gefährden, wurde eine Lösung durch Bepflanzung gesucht. Für den Versuchsaufbau wurde ein 30 Quadratmeter großer Raum mit drei mobilen Pflanzgefäßen mit Cyperus alternifolius Prima Klima bestückt. Bereits wenige Wochen später konnte der Biologe anhand der aufgezeichneten Daten einen Anstieg der Luftfeuchtigkeit um etwa 15 Prozent feststellen. Damit ließ sich die Luftfeuchtigkeit in den Räumen von den ursprünglich kritischen 30 Prozent auf angenehme 45 Prozent steigern. Für Großraumbüros mit wenig Stellfläche wurden vertikale Pflanzenwände mit einer Begrünungsfläche von zwölf Quadratmetern verwendet, in kleinen geschlossenen Räumen kamen mobile Pflanzbehälter zum Einsatz. Ein weiteres Ergebnis war, dass die Wartungskosten der Innenraumbegrünung im Vergleich zu einer technischen Luftbefeuchtung sehr gering sind. Das Logistik- und Rechenzentrum ist auch ein Beispiel dafür, wie durch die Begrünung die Luftwechselrate reduziert werden kann. Wie die Praxis zeigt, ist diese in Gebäuden ohne Begrünung oft höher eingestellt als notwendig, um beim Nutzer das Gefühl frischer Luft zu erzeugen. Die höhere Luftfeuchtigkeit bietet den gleichen Effekt mit weit weniger Energieaufwand. Lösungen auch für außen Die 15-prozentige Steigerung der Luftfeuchtigkeit deckt sich mit meinen langjährigen Erfahrungen bei zahlreichen anderen Projekten. Das Angebot des Aufbaus einer Versuchsanlage hat sich ebenfalls bewährt, denn es räumte bislang stets die Bedenken der technikaƒnen Experten aus und machte den Weg frei für den Architekten, die Grünelemente gestalterisch in den Raum zu integrieren. Novartis Campus in Basel, Neubau Virchow 16: Die Westfassade wurde mit verschiedenen Arten von Hänge- und Kletterpflanzen begrünt, die ein breites Spektrum an Farben und Formen bieten. Durch die Mischung aus blühenden, immergrünen und laubabwerfenden Pflanzen verändert sich das äußere Bild der Fassade und auch die Nutzer können von innen den jahreszeitlichen Wechsel erleben. Im Sommer sind 80 Prozent der Fassade von den Pflanzen bedeckt, die dann als natürliche Beschattung und Klimaregulierung des Innenraumes dienen. Die Kombination aus Verdunstungskälte sowie Absorption und Reflexion (40−80 Prozent) der Sonneneinstrahlung reduziert die Wärmelast und senkt somit den Primärenergiebedarf für die Kühlung des Gebäudes um bis zu 50 Prozent. Im Winter beträgt der Bedeckungsgrad der Fassade mit Pflanzen etwa 30 Prozent, sodass hier die solaren Energiegewinne zu niedrigeren Heizkosten führen. Bauherr: Novartis Pharma AG, Architektur: RMA Architects, Entwurf Grünfassade: Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich, Begrünte Fassadenfläche: 480 Quadratmeter Eine Begrünung sorgt neben einem komfortablen Raumklima aufgrund ihrer schallschluckenden Eigenschaften auch für eine bessere Akustik, wie das Beispiel der Klinik Hirslanden zeigt. Während bei diesem Projekt im Inneren eine Verbesserung um fünf Dezibel erzielt wurde, lässt sich das Prinzip ebenso im Außenraum anwenden. Prädestiniert dafür sind Innenhöfe in Erdgeschosszonen, wo der Lärm von Anlieferungsfahrzeugen die Bewohner der oberen Geschosse belästigt. Auch in solchen Fällen dienen die Pflanzen gleichzeitig als Gestaltungselement. Lichthöfe in Obergeschossen, die zunehmend in den stark verdichteten Innenstädten entstehen, sind häufig mit einer einfachen Bekiesung versehen. Doch auch die benötigt ein gewisses Maß an Pflege und Wartung, denn meist wächst hier Unkraut oder die Flächen vermoosen. So geschehen beim Neubau des Verwaltungsgebäudes für die Schweizerischen Bundesbahnen. Hier konnte unser Büro den Architekten von einer ungewöhnlichen Lösung überzeugen: die Vermoosung als Herausforderung anzunehmen und einen „geplanten“ Moosgarten anzulegen. Inzwischen erfreut die naturnahe Gestaltung die Nutzer der Büros. Neben den optischen Aspekten unterstützt die Begrünung, obwohl außen angelegt, die Klimatisierung der Innenräume. Im Sommer strömt durch die natürliche Verdunstung angenehm kühle Luft durch die geöffneten Fenster. Gerhard Zemp ist Mitbegründer des Architektur- und Ingenieurbüros für Innenraum- und Gebäudebegrünung Aplantis in Bern. MEHR INFORMATIONEN Biotechnische Gebäudeklimatisierung Damit ist die Regulierung des Raumklimas im Zusammenspiel von natürlichen Elementen mit neuster Gebäudetechnik gemeint. Wasser und Pflanzen haben, sorgfältig ausgesucht und angeordnet, spürbare Wirkungen. Als Bauelement, komplementär in technische Systeme integriert, sind sie Grundlage und Garanten für:‡ – natürliche Regelung von Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit – Steigerung von Luftqualität und Lufthygiene – Verbesserung der Raumakustik (Schallreduktion) – Energieeinsparung, Energieeffiƒzienz – Verbesserung von Wohlbefinden und Gesundheit  

Mut zur Selbstständigkeit

Dr. Brigitte Schultz In unserer ersten Ausgabe in neuer Gestalt widmen wir uns den Kleinen – Strategen, Idealisten und Visionären. Die Kleinen haben es nicht leicht. Obwohl sie dem Ideal der Generalisten am nächsten kommen, die alles am Gebäude von der ersten Serviettenskizze bis zum letzten Pflasterstein begleiten, bleibt kleinen Architekturbüros oft vieles verwehrt. Große – oder ö‚ffentliche – Aufträge zum Beispiel. Oder ein auskömmliches Salär. Also besser den Kopf in den Sand stecken und Unterschlupf in einer Firma oder einem großen Büro suchen? In unserer ersten Ausgabe im neuen Gewand stellen wir Architekten vor, die vor nicht allzu langer Zeit den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben – und es nicht bereuen. Wir haben sie gefragt, was sie motiviert, wie sie arbeiten und welche Strategien sie verfolgen. Getro‚ffen haben wir digitale Visionäre, die von erweiterten Realitäten auf der Baustelle träumen, Pioniere der Architekturvermittlung, die schon bei den Kleinsten Verständnis und Begeisterung für die Planung ihrer Umgebung zu wecken wissen, innovative Holzbauer, die sich ohne Zweitjob nicht über Wasser halten können, und alte Studienkollegen, die die Fahne einer Architektenfamilie erfolgreich weitertragen. Ein umstrittenes Thema unter ihnen ist die Teilnahme an Wettbewerben – für die einen in der hierzulande üblichen Form ökonomisches Harakiri, für die anderen trotz allem eine gute Starthilfe. Alle eint hingegen eine große Portion Leidenschaft und Idealismus, unermüdlicher Einsatz und gute Ideen. Wenn das mal mehr Bauherren wüssten.

Software-News

Allplan: Änderungen am BIM-Modell werden in „Allplan Architecture 2018“ sofort in allen Modellansichten aktualisiert. CAD und AVA, die wichtigsten Werkzeuge für Planer, erhalten neue Funktionen und kommen sich dank BIM immer näher. Text: Marian Behaneck Mit der neuen Version „Allplan Architecture 2018“ und der direkten Anbindung an die cloudbasierte BIM-Plattform „Bimplus“ präsentiert Allplan eine durchgängige BIM-Lösung für Architekten. Über Bimplus lassen sich Attribute zentral definieren und in verschiedenen Systemen über den gesamten Gebäude-Lebenszyklus hinweg verwenden. Durch die Verknüpfung aller Informationen mit dem BIM-Modell werden Änderungen sofort aktualisiert. Ein optimierter IFC4-Datenexport verbessert den Datentransfer in BIM-Projekten. www.allplan.com/architecture „Archicad 21“ von Graphisoft erhielt ein neues Treppen-Planungswerkzeug. Durch einen intelligenten Algorithmus und das Festlegen von Grundparametern, wie Steigung oder Treppenkubatur, werden normenkonforme Varianten im Hintergrund berechnet. Dazu definiert der Planer den Treppenlauf mit einer Polylinie und wählt die gewünschte Design-Variante. Mit dem Geländer-Werkzeug lässt sich anschließend das Geländer entlang von Treppen oder anderen Bauelementen erstellen. Sowohl Geländer als auch Treppen passen sich Änderungen automatisch an. www.graphisoft.de Graphisoft: Mit dem neuen Treppen-Planungswerkzeug von Archicad lassen sich auch individuelle Treppen konstruieren. In „ArCon +2018“ von Eleco Software wurde der Direktzugriff auf wichtige Funktionen optimiert, was insbesondere bei sich häufig wiederholenden Arbeitsschritten Vorteile bietet. Das Einlesen und Modifizieren von DXF-/DWG-Dateien wurde verbessert. Das vereinfacht beispielsweise die Bearbeitung von Vermessungsdaten. Im 3D-Modus wurde das interaktive Ändern von Texturen verbessert, um beispielsweise Fliesenspiegel einfacher generieren zu können. Neu sind auch zahlreiche Stahlprofile und Texturen für den Innen- und Außenbereich. www.elecosoft.de Mit der neuen Planungssoftware „Caala“ des gleichnamigen Start-up-Unternehmens können Architekten in einer frühen Planungsphase schnell den Energiebedarf von Gebäuden ermitteln. Gleichzeitig erstellt das Programm eine Lebenszyklusanalyse. Damit sollen wiederholte Abstimmungen mit Energieberatern vermieden werden. Weiterhin können Planer frühzeitig mit Bauherren die Nachhaltigkeit des Gebäudes überprüfen und in allen Planungsphasen Korrekturen zur Verbesserung des ökologischen Fußabdrucks vornehmen, zum Beispiel in der Heizungstechnik, bei den Fenstern oder anderen Baumaterialien. www.caala.de Das neue „Cadder-Stahlbau“ von Reico wurde speziell für die Planung und Sanierung von Hallen sowie den Vertrieb entwickelt. Das CAD-Programm unterstützt sowohl den auf Rastermaßen basierenden Entwurf als auch die Planung auf der Grundlage importierter oder gescannter Grundrisse. Werden die Form und Abmessungen von Stahlbauwerken geändert, passen sich die Anschlusselemente automatisch an. Baukostenvergleiche vereinfachen die Entscheidung zwischen unterschiedlichen Entwurfsvarianten. www.cadder.de Dem Vektorisierungs-Dienstleister Einszueins-Digital zufolge kombinieren Planer zunehmend die 2D- und 3D-Planung und vereinfachen dadurch ihren Einstieg in die 3D-Konstruktion. Dabei werden in 2D-Pläne Bauteilelemente und Blöcke im 3D-Modus eingefügt. 2,5D-Zeichnungen enthalten mehr Informationen als 2D-Pläne und ermöglichen Massenermittlungen. Die Verwendung von 3D-Elementen soll zudem die Zeichenarbeit erleichtern, weil Bauteiländerungen automatisch erfolgen. www.einszueins-digital.de Mit dem „Solibri-Model-Checker“ von Solibri lassen sich Fehler in BIM-Modellen finden; BIM-Fachmodelle können automatisiert auf Unterschiede und eventuelle Unstimmigkeiten untersucht werden. Projekte lassen sich auf fehlende Komponenten oder falsche Massen überprüfen. Außerdem kann die Software für Prüfungen auf Barrierefreiheit oder Normenkonformität, für Modellvergleiche oder BIM-Modellauswertungen eingesetzt werden. Raum- und Modelldaten können individuell ausgewertet, analysiert und in Form von Berichten ausgegeben werden. www.solibri.de Mit der Mehrfenstertechnik der CAD- und BIM-Software „Vectorworks 2018“ von Computerworks können Anwender gleichzeitig mehrere Ansichten eines Modells oder Plans bearbeiten. Zudem lassen sich 3D-Modelle über Schnitte bearbeiten, sodass etwa Fenster oder Türen im Schnitt oder in der Innenansicht geändert und parallel im 3D-Modell überprüft werden können. Mit dem „Bimobject“-Werkzeug lassen sich Herstellerobjekte direkt in einen Plan einsetzen. Die neue „Webview“-Exportfunktion ermöglicht eine noch einfachere Online-Präsentation von 3D-Projekten. www.vectorworks2018.eu Die CAD-Software „ZWCAD“ ist gemäß Anbieter Encee CAD/CAM Systeme kompatibel mit AutoCAD und mit aktuellen DWG- und DXF-Versionen. Architekturfunktionen bietet das System in der Ausbaustufe Architect. Durch einfaches Umschalten von der Planansicht in die 3D-Ansicht ermöglicht ZWCAD das gemischte Arbeiten in 2D und 3D. Seitenaufrisse und Schnitte lassen sich automatisch erstellen. Symbol- und Elementbibliotheken ermöglichen eine schnelle Planerstellung. Reportfunktionen erstellen Tür- und Fensterlisten. www.encee.de G&W Software hat das in „California.pro 8“ integrierte Nachtragsmanagement mit zusätzlichen Funktionen zur freien Gruppierung, Steuerung und Beauftragung von Nachträgen und durch Reports für die Nachtragshistorie erweitert. Beim GAEB-Datenimport erkennt das System, dass es sich um geplante Nachträge handelt. Bei der Zuordnung der Nachtragsmengen und der Positionen lassen sich Mehr- und Minderleistungen entsprechend der Projektsituation strukturieren. California.pro prüft automatisch die Verteilung aller Nachträge auf Vollständigkeit. Dadurch wird sichergestellt, dass nichts übersehen wird. www.gw-software.de Mit der neuen Funktion „Sammel-LV“ von Nevaris Build lassen sich Mengen gleicher Positionen bequem addieren. Auf diese Weise erhält man laut Hersteller Nevaris für die Kalkulation ein kompakteres LV mit den jeweiligen Gesamtmengen. Beim Bietervergleich lassen sich LVs nach beliebigen Kriterien sortieren, gruppieren und filtern. Verändern sich Positionen, so werden die Auswirkungen auf das Ergebnis und das geplante Budget sofort sichtbar. Die Funktion verfügt darüber hinaus auch über Kostenermittlungs- und Analysefunktionen für kleine, mittlere und große Unternehmen. www.nevaris.com Per IFC-Schnittstelle übertragene BIM-Daten werden in der AVA- und Kostenmanagement- Software „AVA 22“ von Orca mit einer 3D-Darstellung und kontextbezogenen Übernahmetabellen verknüpft. Eine Markierung im Modell führt dadurch schnell zum zugehörigen Eintrag. Markierte Einträge können umgekehrt im Modell lokalisiert werden. Die IFC-Daten sind in den Übernahmetabellen nach Ordnungskriterien sortiert und alle Bauteile entsprechend der IFC-Systematik gruppiert, zum Beispiel Balken, Fundamente oder Treppen. Die Anzeige ist individuell konfigurierbar und verfügt über eine Suchfunktion. www.orca-software.com Orca Software: BIM-Daten werden in „ORCA AVA 22“ mit einer 3D-Darstellung und kontextbezogenen Übernahmetabellen verknüpft. Die bidirektionale Integration von Word und Excel in der AVA-, Baukalkulations- und Kostenmanagement-Lösung „Sidoun Globe“ von Sidoun ermöglicht die Einbindung eigener Tabellen und Formulare für Mengenermittlungen, Preisvergleiche, Honorarabrechnungen etc. Sidoun Globe ist internetfähig und kann auch außerhalb des Büros genutzt werden. Die Sprachsteuerung TALK! ermöglicht ein barrierefreies Arbeiten. Die Online-Version „Globe4all“ kann 30 Tage lang kostenlos mit allen Funktionen, inklusive Lernvideos, genutzt werden. www.sidoun.eu Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz). Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Was ist eigentlich schön?

Editorial: Brigitte Schultz Für die meisten Architekten ist Schönheit ein leicht anrüchiges Wort. Schöne Architektur? „Da treffen sich zwei Begriffe, die erst mal nichts miteinander zu tun haben“, schrieb uns unser Leser Klaus Heselhaus stellvertretend für viele Berufskollegen auf unsere Umfrage zum Thema. Sollten Architekten sich also lieber vom Begriff der Schönheit fernhalten und ihn den Laien überlassen, die vermeintlich keine besseren Kriterien zur Beurteilung ihrer gebauten Umwelt zur Verfügung haben? Wir glauben nicht – schließlich ist die Frage nach der Schönheit in der Architektur eng verknüpft mit dem schwer zu fassenden Wesen guter Bauten, das viele von uns zur Berufswahl motiviert hat. „Wir arbeiten doch täglich auf die Schönheit hin“, schrieb uns daher auch Leser Ludger Schmidt, „sonst braucht man uns doch gar nicht!“ Die zwei Lesermeinungen stehen stellvertretend für die Vielfalt der 20 Beiträge zum Thema, die wir für diese Ausgabe des Architektenblattes zusammenstellt haben. Was finden Architekten schön? Gibt es eine objektive Schönheit in der Architektur? Was darf sie kosten? Und ist Altes immer schöner als Neues, wie uns so oft vorgeworfen wird? Auf diese Fragen, die wir in den letzten Monaten im DAB und auf DABonline gestellt haben, hat uns eine breite Palette an intelligenten Gedanken, Reflexionen und Kommentaren erreicht. Sie erstreckt sich von persönlichen Erfahrungsberichten über politische Einordnungen bis zu praktischen Tipps. Wiederkehrende Themen sind das Verhältnis zu Bauherren und zur Öffentlichkeit, dazwischen grüßt immer wieder Kant. Aus der Vielzahl der Beiträge ergibt sich auf den folgenden Seiten eine lebendige Debatte und so mancher Anreiz, fern des täglichen Schwarzbrots von Auftragsbeschaffung und Haftungsdrohung einmal wieder über unser ästhetisches Selbstverständnis nachzudenken. In diesem Sinne darf sich die Debatte gerne fortsetzen. Das fänden wir dann wiederum, nun ja: schön. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön