Lichte Entwürfe

Zurückhaltend im Design: Die LED-Stehleuchte Lavigo von Waldmann beeindruckt durch klare Linien und schlichte Eleganz. Eine stimmige Beleuchtung des Büros verstärkt Wohlbefinden und Schaffenskraft. Text: Jürgen Schubert, Klaus-Jürgen Hahn Die Beleuchtung am Arbeitsplatz hat großen Anteil daran, wie zufrieden und gesund sich die Mitarbeiter fühlen – und nicht zuletzt an ihrer Leistungsfähigkeit. Als Planungsgrundlage zur Büro- Beleuchtung dienen zunächst zwei Regelwerke: Die DIN EN 12464-1:2011-08 „Licht und Beleuchtung – Beleuchtung von Arbeitsstätten“, Teil 1: „Arbeitsstätten in Innenräumen“, legt die Anforderungen hinsichtlich der Qualität und Quantität der Bürobeleuchtung fest. In der Norm sind allerdings lediglich die Rahmenbedingungen festgelegt; konkrete Lösungen sucht man darin vergeblich. Außerdem muss der Planer die Arbeitsstätten-Richtlinie ASR A3.4 beachten. Diese „Technischen Regeln für Arbeitsstätten“ enthalten die Anforderungen an die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Beschäftigten, und zwar in konkreter, detaillierter Form. Neben diesen normativen Vorgaben sind zudem ästhetische, ergonomische, energetische und auf die Funktion des geplanten Büros zugeschnittene individuelle Aspekte zu hinterfragen, bevor die Lichtplanung technisch ausgearbeitet werden kann. Wichtige Fragen sind zum Beispiel: Steht das Raumkonzept zum Zeitpunkt der Planung schon fest oder ist Flexibilität gewünscht? Sind akustische Aspekte zu berücksichtigen, vielleicht in Form von Deckensegeln? Wichtig ist, ein stimmiges Gesamtkonzept zu entwickeln, das eine angenehme Arbeitsplatz-Atmosphäre schafft. Anforderungen differenzieren Bei der Bürobeleuchtung bieten sich grundsätzlich drei Möglichkeiten an. Raumbezogene Beleuchtungen sorgen für ein gleichmäßiges Licht im ganzen Raum und sind die bevorzugte Lösung, wenn zum Zeitpunkt der Lichtplanung die Anordnung der Arbeitsplätze noch nicht feststeht oder für die Zukunft flexibel bleiben soll. Optimal hierfür sind Pendelleuchten mit einem direkten und indirekten Lichtanteil oder großflächige Leuchten, die in oder an der Decke montiert werden. Sofern Arbeitsplätze unterschiedliche Sehaufgaben und somit individuelle Beleuchtungsstärken erfordern, sind arbeitsplatzbezogene Beleuchtungen wie Pendel- oder Stehleuchten mit einer direkten und indirekten Lichtverteilung optimal. Die Beleuchtung der unmittelbaren Umgebung der Arbeitsplätze kann darüber hinaus mit Downlights erfolgen. Abgerundet werden diese beiden Konzepte mithilfe einer teilflächenbezogenen Beleuchtung, die für schwierige Sehaufgaben empfohlen wird.Hierfür werden einzelne Flächen des Arbeitsplatzes, zum Beispiel auf dem Schreibtisch, am besten mit LED-Schreibtischleuchten gesondert beleuchtet. Wer zeitgemäße Büros schaffen möchte, sollte auch eine biodynamische Beleuchtung in Betracht ziehen. Solche Leuchten simulieren den natürlichen Tageslichtverlauf, der den menschlichen Rhythmus bestimmt und damit für Wohlempfinden sorgt. Das gegenwärtig vorherrschende künstliche Licht in Büros unterstützt diesen Rhythmus dagegen nicht. Die Folgen können schlechter Schlaf in der Nacht sowie Müdigkeit und Antriebslosigkeit am Tag sein. Über die biodynamische Beleuchtung hat das Deutsche Architektenblatt bereits hier berichtet. #gallery-1 { margin: auto; } #gallery-1 .gallery-item { float: left; margin-top: 10px; text-align: center; width: 50%; } #gallery-1 img { border: 2px solid #cfcfcf; } #gallery-1 .gallery-caption { margin-left: 0; } /* see gallery_shortcode() in wp-includes/media.php */ Leuchte für vier Arbeitsplätze: Die Twin-T-Variante leuchtet vier Arbeitsplätze optimal aus. Alle Lavigo-Leuchten werden auch mit biodynamischem Licht angeboten. Leuchte für Arbeitsplätze mit Trennwand: Die Twin-U-Variante versorgt zwei Arbeitsplätze mit gleichmäßigem Licht ohne Schattenbildung, trotz Trennwand mit Ablageflächen. Design integrieren Für ein Wohlfühl-Ambiente im Büro ist nicht zuletzt das Design ausschlaggebend. Architekten und Bauherren erwarten heute Leuchten mit einer perfekten, aber möglichst in den Hintergrund tretenden Lichttechnik in einer gut gestalteten Hülle. Gewünscht wird in der Regel eine reduzierte, flache Form, die erst in den letzten Jahren durch neue LED-Technologien überhaupt möglich wurde. Beliebt ist ein derart zeitloses Leuchten Design vor allem wegen seiner hohen Kompatibilität zu den unterschiedlichsten Möbelsystemen, denn es ordnet sich der Gesamtgestaltung unter. Vorteile bieten hier zudem modular aufgebaute Leuchten-Systeme, die für unterschiedliche Raumsituationen und Arbeitsplatzanforderungen, wie etwa Einzel-, Doppel- oder Großraumbüros sowie Bench-Lösungen in Teambüros, eingesetzt werden können. Effiziente und moderne Lichtmanagementsysteme, etwa zur Vernetzung von Leuchten inklusive der Anbindung an die Gebäudetechnik, sorgen darüber hinaus für geringe Nebenkosten und einen erhöhten Nutzerkomfort. Dipl.-Ing. Jürgen Schubert ist Architekt bei Structurelab Architekten in Düsseldorf und Dipl.-Ing. Klaus-Jürgen Hahn ist Produktmanager beim Leuchtenhersteller Waldmann in Villingen-Schwenningen Mehr Informationen und Artikel zum Thema Licht finden Sie hier.

Kunstwerk und Standort

Ein Gerichtsurteil stärkt die Kunst am Bau. Wenn sich ein Werk gezielt mit den Gegebenheiten seines Standorts auseinandersetzt, darf es nicht einfach entfernt werden. Text: Axel Plankemann Bekannt ist, dass Architekten beim Bauen im Bestand sich mit einer etwaigen Urheberschaft am Gebäude auseinandersetzen müssen. Doch auch bei am Gebäude angebrachten Kunstwerken muss sich der Architekt mit urheberrechtlichen Ansprüchen des Künstlers befassen, wie der nachfolgende Fall des OLG Frankfurt am Main zeigt. Es entschied, dass das Entfernen der für ein Gebäude auf dessen Dach geschaffenen Großplastik deren Schöpfer als Urheber in seinen Rechten beeinträchtigt. Ein Eingriff in die geistige Substanz eines Werkes liegt auch vor, wenn das Kunstwerk in einen anderen Sachzusammenhang gestellt wird. Wird ein Werk in Korrespondenz zum Ausstellungsort konzipiert und konstruiert, konkretisiert nicht allein das körperliche Werkstück die persönliche geistige Schöpfung, sondern erst das Zusammenspiel von Objekt und konkreter Umgebung. Jede Verbringung eines solchen Werks an einen anderen Ort führt damit zu einer Veränderung des vom Urheber geschaffenen geistig-ästhetischen Gesamteindrucks (Urteil vom 12.07.2016, Az. 11 U 133/15). Für ein Hochhaus in Darmstadt hatte der klagende Künstler eine großflächige Stahlplastik mit geometrisch fraktalen Ornamenten und vergoldeten Muranoglas-Mosaiken entworfen, die in fast 50 Metern Höhe auf dem Gebäudedach installiert wurde. Das Objekt war für diesen konkreten Standort entworfen und so installiert worden, dass die Sonnenstrahlen auf gezielte Art und Weise in das Stadtbild reflektiert wurden. Nach dem Verkauf des Gebäudes veranlasste der neue Eigentümer die Entfernung der Plastik unter Verweis auf sein Eigentumsrecht sowie die beabsichtigte Anbringung von zusätzlichen Funkmasten und einem Firmenlogo. Als dies das Gericht nicht überzeugte, schob er „weltanschauliche“ Argumente nach: Es handele sich bei dem Kunstwerk mit dem Namen „Kornkreiskrone“ um ein esoterisches Gebilde mit weltanschaulicher Botschaft, die er nicht unterstützen wolle. Keines dieser Argumente überzeugte das Gericht. Die Plastik genieße Urheberschutz und im Urheberrecht bestehe grundsätzlich ein Änderungsverbot. Der klagende Künstler habe als Urheber einen Anspruch darauf, Verfälschungen der Wesenszüge seines Objekts auch in der Art und Weise, wie es anderen dargeboten wird, zu verhindern. Da im vorliegenden Fall diese Plastik ihren ästhetischen Gesamteindruck insbesondere in Abstimmung mit den konkret auf dem Dach des Hochhauses und dessen Erscheinungsbild vorgefundenen Umgebungsvoraussetzungen erhält, beinhalte die Demontage und Verbringung der Plastik an einen anderen Ort eine Verfälschung der Wesenszüge dieses Kunstwerks. Der Urheber hat ein grundsätzliches Recht darauf, dass das von ihm geschaffene Kunstwerk in seiner unveränderten Gestalt zugänglich gemacht wird. Demnach liegt eine Beeinträchtigung in jeder Umgestaltung oder Entstellung des „geistig-ästhetischen Gesamteindrucks“, ohne dass zwangsläufig ein Eingriff in die körperliche Substanz des Werkes erforderlich wäre. Ausreichend ist in jedem Fall, dass die geistige Substanz des urheberrechtlich geschützten Werkes angegriffen wird, zum Beispiel auch, indem es in einen anderen Sachzusammenhang gestellt oder auf sonstige Weise ein andersartiger Gesamteindruck vermittelt wird. Sofern ein Kunstwerk gezielt in Korrespondenz zum Aufstellungsort konzipiert wurde, konkretisiert das Zusammenspiel von Kunstwerk und konkreter Umgebung die persönliche geistige Schöpfung, sodass auch sein Umfeld Teil des Werkes wird. Allenfalls, so schränkt das Gericht ein, könne sich die Ortsbezogenheit nicht nur auf einen einzigen denkbaren Standort beziehen, sondern lediglich generell eine bestimmte geeignete Umgebung notwendig werden. Nach diesen Maßstäben geht das Urteil von einer absoluten Ortsbezogenheit der fraglichen Plastik aus: Exponierte Stellung und Anbringung auf dem Dach des höchsten Hauses der Stadt, Farbabstimmung mit der Hausfassade sowie Spiegelungseffekte der Sonne, die im Hinblick auf die Umgebung und die Fenster des Hauses einbezogen wurden. Insgesamt gelangte das Gericht zu einem Anspruch des klagenden Urhebers auf Reinstallation der Plastik. Die vom Eigentümer des Gebäudes geltend gemachten Eigentumsrechte und daraus resultierende wirtschaftliche Interessen überzeugten das Gericht nicht, sodass eine Abwägung der wechselseitigen Interessen nicht möglich war. Das OLG Frankfurt hat in diesem speziellen Fall die Position des Urhebers – unabhängig von den individuellen Besonderheiten des konkreten Falles – gestärkt. Ob diese Rechtsprechung die Neigung von Immobilieneigentümern fördern wird, bei geplanten Baumaßnahmen mit Kunst am Bau zusätzliche Gestaltungselemente in die baulichen Überlegungen einzubeziehen, darf dagegen eher bezweifelt werden. Auch dem Künstler selbst könnte durchaus das Risiko im Umgang mit solchen Kunstwerken eher zum Nachteil gereichen. Denn es kann immer wieder vorkommen, dass für bestimmte Bauwerke geschaffene Kunstwerke wegen Umbauten oder geänderten Nutzungen nicht mehr am bisherigen Platz verbleiben können, sodass nach einem neuen Standort gesucht werden muss. Im Endergebnis wird es dann immer auch auf die Bereitschaft beider Parteien ankommen, zu einer konstruktiven und akzeptablen Lösung zu gelangen. Axel Plankemann ist Rechtsanwalt in Hannover. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier.

Geheimes Grün

Ein Schlauch: Der Plan beweist, der Garten in Köln ist lang und schmal – und eine Herausforderung für jeden Landschaftsarchitekten. Das Gartenjahr beginnt mit sonnigen Tagen und vielen guten Vorsätzen. Wie der Garten zum Glück wird, zeigen zwei prämierte Gärten. Text: Stefan Kreitewolf Das Gartengrundstück im Kölner Süden ist ein Schlauch. „Sehr lang, sehr schmal: 7,5 Meter in der Breite und 43 Meter lang“, berichtet die Landschaftsarchitektin Brigitte Röde. Das ungewöhnliche Stück Land schließt sich an ein Reihenmittelhaus an und ist von benachbarten Gärten komplett umschlossen. Röde teilte die Fläche in drei kombinierbare Bereiche: Ein repräsentativer Garten direkt hinter der erhöhten Terrasse verströmt mit einer Wasserfläche und einem plätschernden Schwallblech Ruhe. Eine Rasenfläche ohne Schnickschnack lädt in der Mitte zum Verweilen an sonnigen Tagen ein. Und ein geselliges Plätzchen im hinteren Bereich verspricht gelungene Gartenfeste fernab aller Nachbarn. Dafür wurde der Garten jetzt als einer der „Gärten des Jahres 2017“ prämiert. „Steine dürfen Patina ansetzen“ Eine Sichtachse verläuft geradlinig vom Wohnzimmer des Altbaus bis in die letzte Gartenecke. „So wird das Grundstück perfekt genutzt“, sagt Röde. Tatsächlich überzeugt die klare, räumliche Gliederung ebenso wie die verwendeten Pflanzen und Materialien. Der Lavabasalt, der für Wege, Trittplatten und Einfassungen verwendet wurde, wirkt dezent, aber elegant. Er altert mit dem Garten. „Die Steine dürfen ruhig etwas Patina ansetzen“, sagt Röde. „Es muss nicht immer alles wie neu aussehen.“ Als Gegenpol zum grauen Basalt sorgen Gehölze und Stauden mit grünem und rotem Laub für farbliche Akzente. Passend dazu wurde die Mauer an der seitlichen Grundstücksgrenze vom Putz befreit, sodass der rote Backstein zu sehen ist. „Purpurglöckchen und die weiß blühende Glyzinie schaffen damit eine Verbindung zwischen Architektur und Natur“, erläutert Röde. Das mag etwas bemüht klingen, ist in dem Kölner Garten aber durchaus erkennbar. Oase der Ruhe: Im hausnahesten Teil des Gartens plätschert ein Wasserbecken. Der verwendete Stein darf ruhig etwas Patina ansetzen. Garten als „Designstückchen“ Wie der Garten selbst zur Architektur – oder besser: zum Designobjekt – wird, zeigt das Bietigheimer „Designstückchen“ von Andreas Käpplinger aus Leinfelden- Echterdingen, das ebenfalls mit dem Preis ausgezeichnet wurde. Klare Linien und geometrische Muster lassen das 760 Quadratmeter große Stück Garten etwas streng wirken. Eine Treppen-anlage aus hellem Kalksandstein verbindet zwei große Terrassen sowie Sitzpodeste auf verschiedenen Ebenen. Kein Schnickschnack: Im mittleren Teil liegt der Fokus auf Schlichtheit. In der Sonne auf der Wiese liegen, geht hier aber auch gut. Den Bodenbelag fanden die Bauherren so schön, dass sie ihn ebenfalls im Haus verwendeten. Käpplinger nennt das verschmitzt „outside-in“. Immergrüne Gehölze bieten vor den bodentiefen Wohnzimmerfenstern einen ansprechenden Kontrast zum hellen Bodenbelag. In der untersten Terrassenfläche integrierte er drei Wasserbecken aus Stahl, die plätschernd für Entspannung sorgen sollen. „Für die Gartenparty gibt es eine einladende Lounge-Ecke und eine Außen-Bar mit integriertem Kühlschrank und Bistro-Stühlen“, sagt der Mitarbeiter der Otto Arnold GmbH. Gemütliches Plätzchen: Im hintersten Teil des Gartens ist viel Platz für Geselligkeit. Außerdem ist man dort weit weg von allen Nachbarn, die sich gestört fühlen könnten. Käpplinger erhielt für das „Designstückchen“ den Sonderpreis „Moderner Hausgarten“. Modern heißt hier aber vor allem eines: Jeder Freiraum wurde mit Terrassen und Beeten bebaut. Eine Rasenfläche gibt es nicht. Das ist aber nur bedingt ein Problem. Während der Garten für Familien mit kleinen Kinder wohl unpraktisch wäre, ist er als repräsentatives Schmuckstück durchaus gelungen. Dazu passt: „Der Garten soll ganzjährig perfekt aussehen“, erläutert Käpplinger die Zielvorstellungen der Bauherren. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.

Mehr Rechte für Urheber

Bei der Vergütung urheberrechtlich geschützter Werke wird die Häufigkeit der Nutzung stärker berücksichtigt. Die Verfasser können darüber auch Auskunft verlangen. Text: Axel Plankemann Mit dem im vergangenen Dezember in Kraft getretenen Gesetz zur Änderung des Urheberrechtsgesetzes ist bereits im Titel „Gesetz zur verbesserten Durchsetzung des Anspruchs der Urheber und ausübenden Künstler auf angemessene Vergütung (…)“ die Zielrichtung vorgegeben. Gestärkt werden soll die rechtliche Stellung der Urheber im Hinblick auf angemessene Vergütung und mehrfache Verwertung urheberrechtlich geschützter Leistungen. Die im Jahr 2002 erfolgte vorherige Reform des Urhebervertragsrechtes hatte unter anderem den gesetzlichen Anspruch auf angemessene Vergütung (§ 32 UrhG) festgeschrieben, der in der Folge Gegenstand zahlreicher obergerichtlicher Entscheidungen geworden ist. Das Urheberrecht, so die Gesetzesbegründung, ist eine wichtige Grundlage der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die wirtschaftliche und soziale Situation der freiberuflich tätigen Kreativen und Urheber sei allerdings, trotz qualifizierter Leistungen – erbracht auf Grundlage einer akademischen Ausbildung – oft prekär. 1. Berücksichtigung der Häufigkeit der Nutzung bei der Vergütung Die Angemessenheit der Vergütung setzt schon nach bisher geltendem Recht voraus, dass die Anzahl der Nutzungen berücksichtigt wird. Durch die Neuformulierung und die Einführung des Wortes „Häufigkeit“ wird nun klargestellt, dass die eingeräumte Möglichkeit wiederholter Nutzungen des Werkes in unveränderter Art bei der Festlegung der Vergütung grundsätzlich zu beachten ist. 2. Auskunftsanspruch Eine zweite Neuregelung betrifft den Anspruch auf Auskunft und Rechenschaft zu Gunsten des Urhebers gegenüber seinem Vertragspartner. Gerade für Urheber architektonischer Entwürfe, die mehrfach genutzt werden sollen (insbesondere im Bereich der Wohnungswirtschaft), besteht regelmäßig ein Interesse, entsprechend vom Vertragspartner informiert zu werden. Bei entgeltlicher Einräumung oder Übertragung eines Nutzungsrechtes kann der Urheber von seinem Vertragspartner einmal jährlich Auskunft und Rechenschaft über den Umfang der Werknutzung und die hieraus gezogenen Erträge und Vorteile verlangen (§ 32 d UrhG). Eingeschränkt ist dieser Anspruch nur dann, wenn diese Inanspruchnahme des Vertragspartners „unverhältnismäßig“ ist. 3. Zeitliche Begrenzung der Nutzung Sofern Architekten urheberrechtlich geschützte Werke der Baukunst planen und dem Auftraggeber ein ausschließliches Nutzungsrecht zur mehrfachen Verwendung gegen eine pauschale Vergütung einräumen, kann nach § 40 a UrhG der Planer das Werk nach Ablauf von zehn Jahren selbst anderweitig verwerten. Frühestens fünf Jahre nach Einräumung des Nutzungsrechts beziehungsweise nach Übergabe der Pläne können die Vertragspartner die Ausschließlichkeit auf die gesamte Dauer der Nutzungsrechtseinräumung erstrecken. Nach § 40 a Abs. 3 Nr. 2 UrhG kann bei Werken der Baukunst oder dem Entwurf eines solchen Werkes der Urheber bei Vertragsschluss ein zeitlich unbeschränktes ausschließliches Nutzungsrecht einräumen. Insgesamt zeigen das neue Gesetz und insbesondere auch die Gesetzesbegründung auf, dass sich der Gesetzgeber der besonderen Problematik von Urhebern im Verwertungsprozess bewusst war und zumindest ansatzweise versucht hat, deren vertragsrechtliche Position gegenüber zum Teil „übermächtigen“ Verhandlungspartnern zu stärken. Für Architekten bringt es überwiegend Klarstellungen, insbesondere die, bei der beabsichtigten Mehrfachnutzung von Plänen auch die Möglichkeiten des Honorarrechts zu bedenken. Axel Plankemann ist Rechtsanwalt in Hannover. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier.

Von einer neuen Ortsmitte, einer erfolgreichen Baugruppe, von Windkraft und Wasserwacht

Das neue Rathaus in Bissendorf Von einer neuen Ortsmitte, einer erfolgreichen Baugruppe, von Windkraft am Haus und der richtigen Kostenschätzung: die Meldungen der Ausgabe. Neues Zentrum Viele kleine Gemeinden wollen wieder ihre Ortsmitten beleben und bauen sogar neu. So auch Bissendorf bei Osnabrück, wo blocher partners aus Stuttgart ein Rathaus und einen Bürgersaal planten. Diese treten am Kirchplatz als zwei Einzelhäuser in Erscheinung: Der Bürgersaal greift mit seinem steilen Satteldach und dem großen Giebelfenster die Typologie des niederdeutschen Hallenhauses auf. Einer Scheune gleich, ist im Inneren das Holztragwerk zu sehen. Das Rathaus daneben wirkt mit seinem flacheren Satteldach und den quadratischen Fenstern zeitgenössischer. Dass man hier nur die Giebelseite eines sehr langen Baukörpers für die Stadtverwaltung sieht, erschließt sich erst beim Blick um die Ecke. Die Rückseite des Rathauses Die besten Berliner „Berlin erlebt seine nächste Gründerzeit“, stellt der Klappentext fest. Und die ist sehr vielfältig, vereint Altes und Neues, Wohnen und Wissenschaft, Handel und Kultur, aber auch Freiräume. Zu finden ist diese Auswahl der neuesten Berliner Architektur-Highlights (oder von Berliner Büros anderswo geplanter) im Jahrbuch „Architektur Berlin“, das die Architektenkammer Berlin nun bereits zum sechsten Mal herausgegeben hat. Jedes Themenfeld wird durch ein Essay eingeleitet, etwa zu Bezirksbibliotheken, Zoos oder zur bisweilen merkwürdigen Berliner Hausnummerierung. Das Buch ist bei Braun Publishing erschienen und kostet 29,90 Euro. Die Bewerbung von Projekten für das nächste Jahr ist noch bis 15. Juni möglich auf: www.ak-berlin.de Raum und Gesundheit Am 12. Mai veranstalten die Bayerische Architektenkammer und die Bayerische Landesärztekammer in München die Fachtagung „Raum und Gesundheit“. Architekten, Innenarchitekten und Ärzte diskutieren dabei über die Neuorganisation von Praxis- und Behandlungsräumen, etwa im Hinblick auf das barrierefreie Bauen. Es wird aber auch darum gehen, wie Atmosphären geschaffen werden, in denen sich Patienten wohlfühlen und Angestellte gerne arbeiten. Die Veranstaltung ist kostenlos. Mehr Informationen und Anmeldung unter: www.akademie.byak.de Richtigstellung Wir berichteten hier über eine neue Sporthalle im bayerischen Haiming. Leider wurden die Verfasser nicht korrekt angegeben. Für die Planung war eine Arge aus dem Ingenieurbüro Harald Fuchshuber und Fischer Multerer Architekten (heute Almannai Fischer) verantwortlich. Entwurfsverfasser sind Harald Fuchshuber und Florian Fischer. Alles im Blick An der Böschung des Lerchenauer Sees in München baute das örtliche Architekturbüro kunze seeholzer eine neue Station für die Wasserwacht. Im Sockel aus Stahlbeton befindet sich die Bootsgarage. Darüber wurde in Holzständer-Bauweise die Station mit ihren Diensträumen errichtet. Durch eine große Glasfront oder von der davor liegenden Loggia aus kann der See beobachtet werden. Ist die Station nicht in Betrieb, wird die Eingangsseite mit einer verschiebbaren Lamellenwand verschlossen. Das Haus als Windkraftwerk Kleine Windturbinen auf Häusern werden immer beliebter, beeinträchtigen sie doch die Landschaft kaum und tragen direkt zum Energiehaushalt des Gebäudes bei. Auch können herbst- und winterliche Versorgungslücken bei der Solarenergie aufgefangen werden. Damit sich Planer und Hausbesitzer auf dem neuen, aber schon unübersichtlichen Markt zurechtfinden, gibt es jetzt einen Marktreport. Darin werden 86 Windradtypen von 32 Herstellern unter die Lupe genommen und die Rahmenbedingungen von Bauordnungen und Erneuerbare- Energien-Gesetz erläutert. Der Bericht hat 193 Seiten und kostet 38,99 Euro. Mehr Informationen: www.klein-windkraftanlagen.com Geschäftslage gut wie nie Nach den Umfrageergebnissen des ifo Instituts hat das Geschäftsklima bei den freischaffenden Architekten zu Beginn des ersten Quartals 2017 einen neuen Höhepunkt erreicht, der sogar die bisherige Bestmarke von 1990 übertrifft. Über die Hälfte der Architekten war mit der Geschäftslage zufrieden, nur jeder elfte empfand sie als schlecht. 20 Prozent erwarten sogar, dass die Lage noch besser wird, und nur 8 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung. Das geschätzte Bauvolumen aus neu abgeschlossenen Verträgen im vierten Quartal 2016 liegt satte 70 Prozent über dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Einen Großteil davon macht der Wohnungsbau aus: So stiegen die Aufträge für Mehrfamilienhäuser in den drei vorangegangenen Quartalen um 130 Prozent und legten nun noch einmal leicht zu. Nach einer Schwächephase wurden auch wieder mehr Ein- und Zweifamilienhäuser beauftragt, besonders in Ostdeutschland. Erich Gluch Kasseler Charta Die Stadt Kassel hat eine „Charta für Baukultur“ formuliert, die kein Regelwerk, sondern eine Selbstverpflichtung sein soll. Sie ist Ergebnis eines Dialogs der Stadt mit ihren Bürgern, mit Planern, Wissenschaftlern und Investoren. Dabei wird nicht nur auf Einzelbauten abgezielt, sondern auch auf den öffentlichen Raum sowie auf die Entscheidungsprozesse. „Immer sind es die Menschen, die ihre Stadt gestalten: durch ihr Engagement, ihre Entscheidungen, ihre Investitionen oder auch durch ihren Widerstand“, erklärt Stadtbaurat Christof Nolda. Die Charta soll helfen, mit Kontrasten und städtebaulichen Brüchen umzugehen, aber auch historische Strukturen und landschaftliche Bezüge zu berücksichtigen. Damit ist sie auch beispielhaft für andere Städte. Weitere Informationen und Download finden Sie hier Hessische Vorbilder gesucht Das Land Hessen und die dortige Architekten- und Stadtplanerkammer haben wieder ihren Architekturpreis „Vorbildliche Bauten im Land Hessen“ ausgelobt. Teilnehmen können Planer aus ganz Deutschland; lediglich das Projekt aus den Bereichen Städtebau, Architektur, Landschafts- oder Innenarchitektur muss sich in Hessen befinden. Unter dem Titel „Kostengünstiges Bauen – qualitätvolle Lösungen bei Neubau und Sanierung“ liegt dieses Jahr ein besonderes Augenmerk auf der Wirtschaftlichkeit eines Projekts – allerdings nicht nur im Hinblick auf seine Erstellungskosten, sondern auch auf seine Zukunftsfähigkeit und seine Nutzungsdauer. Bei der letzten Ausgabe 2014 wurde unter anderem das Haus in der Paradiesgasse in Frankfurt am Main von Deutsche Architekten ausgezeichnet (Foto). Abgabefrist für dieses Jahr ist der 16. Juni. Mehr Informationen unter: www.akh.de/baukultur Baugruppenprojekt gewinnt MIPIM-Award Das Berliner Architekturbüro zanderroth hat auf der  Immobilienmesse MIPIM in Cannes den Award in der Kategorie „Best Residential Development“ für ein Projekt im Stadtteil Friedrichshain gewonnen. Die schicken weißen Häuser gefallen mitten im linksalternativen Kiez um die Rigaer Straße sicher nicht jedem. Dabei handelt es sich hier um kein klassisches Investorenprojekt, sondern um eine Projektentwicklung, die von den Architekten selbst stammt und in Form einer Baugruppe umgesetzt wurde. Anstatt eines Blockrands mit Höfen stehen auf dem Grundstück sechs Stadthäuser mit 144 Wohnungen – zwar relativ dicht, aber mit optimalen Lichtverhältnissen für alle. Auch das flexible und modulare Grundrisskonzept dürfte die Preisjury überzeugt haben. Die Wohnungen sind an den Hausecken angeordnet und sind 52 oder 64 Quadratmeter groß. Durch Zusammenschalten entsteht eine 116 Quadratmeter große Familienwohnung. Nutzungskosten richtig bewerten Welche laufenden Kosten sind im Wohnungsbau je Quadratmeter zu kalkulieren? Was ist für Betrieb und Instandsetzung bei Pflegeheimen je Pflegeplatz zu veranschlagen? Wer vor solchen oder ähnlichen Fragen steht, findet Hilfe im neuen Fachbuch „Nutzungskosten Gebäude 2017/2018. Statistische Kostenkennwerte“ des Baukosteninformationszentrums Deutscher Architektenkammern (BKI). Auf 350 Seiten können die Kosten von über 270 Objekten aus 28 verschiedenen Gebäudearten von der Sporthalle bis zur Kirche verglichen werden. Hinzu kommen Fotos, Zeichnungen und Texte. Das Buch kostet 99 Euro. Mehr Informationen und Bestellung auf: www.bki.de Bauliches Erbe in Mainz und Bochum Die Bundesstiftung Baukultur widmet sich mit ihrem neuen Schwerpunktthema unserem gebauten Erbe. Im Baukulturbericht 2018/19 und auf mehreren Veranstaltungen wird thematisiert, wie Spuren verschiedener Epochen nebeneinander existieren können, was historische Gebäude für uns heute bedeuten und wie sie sich zeitgemäß nutzen lassen. Auch die Bedeutung des Denkmalschutzes und von Rekonstruktionen werden diskutiert. Die erste Baukulturwerkstatt „Historische Schichten der Stadt“ findet dazu bereits am 10. und 11. Mai im Mainzer Rathaus statt: als umstrittenes Spätwerk des Architekten Arne Jacobsen von 1974 in einer der ältesten Städte Deutschlands ein durchaus widersprüchlicher und daher denkbar passender Ort. Die zweite Baukulturwerkstatt findet am 7. und 8. September in Bochum zum Thema „Umbaukultur“ statt. Mehr Informationen: www.bundesstiftung-baukultur.de

Schön nachhaltig

#gallery-2 { margin: auto; } #gallery-2 .gallery-item { float: left; margin-top: 10px; text-align: center; width: 50%; } #gallery-2 img { border: 2px solid #cfcfcf; } #gallery-2 .gallery-caption { margin-left: 0; } /* see gallery_shortcode() in wp-includes/media.php */ Gemeinsames Ziel: Barbara Ettinger-Brinckmann und Alexander Rudolphi erklären, warum Nachhaltigkeit nicht ohne gute Architektur geht. Wie passen Nachhaltigkeit und Gestaltqualität zusammen? Durch die Mitgliedschaft der Bundesarchitektenkammer in der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen eröffnen sich dafür neue Perspektiven. Die BAK-Präsidentin Barbara Ettinger-Brinckmann spricht darüber mit ihrem Kollegen Alexander Rudolphi von der DGNB. Interview: Roland Stimpel Sie beide treten seit Jahren miteinander auf – etwa an einem gemeinsamen Stand auf der Immobilienmesse Expo Real. Jetzt ist die Bundesarchitektenkammer auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen geworden. Warum? Ettinger-Brinckmann: Wir ergänzen uns inhaltlich einfach. Es geht nicht vorrangig um den Erwerb von Nachhaltigkeitszertifikaten, sondern vielmehr um den von BAK und DGNB verfolgten gesellschaftspolitischen Ansatz, Nachhaltigkeitskriterien bei Planung und Bau zu berücksichtigen. Wir Architekten sind angesichts des Klimawandels und der Endlichkeit der Ressourcen aufgefordert, nachhaltig zu bauen. Da ziehen DGNB und Architekten inhaltlich und fachlich an einem Strang. Bei beiden sehe ich hohe Kompetenz und großes Engagement für dieses zentrale Thema. Rudolphi: Architekten haben bei der DGNB von Beginn an eine Schlüsselrolle gespielt. Insofern ist die Zusammenarbeit nur konsequent. Der Erkenntnisprozess, dass die technische Performance eines Gebäudes und dessen Gestaltqualität unmittelbar zusammengehören, ist in den letzten Jahren stark vorangeschritten. Dabei haben wir viel voneinander gelernt. So haben wir vor gut zwei Jahren gemeinsam mit der BAK und unter fachlicher Begleitung durch den Bund Deutscher Architekten ein Experiment gestartet: Wir wollten herausfinden, wie sich die gestalterische und baukulturelle Qualität von Gebäuden im Kontext mit der Nachhaltigkeit bewerten lässt. Lassen sich qualitative Bewertungen in das eher technisch geprägte Zertifizierungssystem überhaupt einbinden, ohne dass es zu falschen Aufrechnungen oder Konkurrenzen kommt? Hier sind viele kluge, kompetente und bedachte Menschen zusammengekommen und haben gezeigt, dass es geht. Das ist ein weltweit einzigartiger Ansatz im Rahmen einer Gebäudezertifizierung. Finden Sie als Architektin, dass man Gestaltung zertifizieren kann? Ettinger-Brinckmann: Ein rein technisches Zertifikat ist in meinen Augen nur wenig wert, wenn das Haus gestalterisch schwach ist und nichts zur Verbesserung seiner Umgebung beiträgt. Natürlich ist Qualität benennbar, wenn auch nicht durch die Addition von Zahlen, sondern mittels inhaltlicher Auseinandersetzung und Begründung. Wir begrüßen es außerordentlich, dass sich die DGNB diesem Thema geöffnet hat, und wir haben gemeinsam vier Kriterien definiert, mit denen sie die baukulturelle Qualität eines Gebäudes beurteilen kann: erstens seine Gestalt selbst, also vor allem Proportion und Komposition, Gesamtanmutung, Materialität und Detaillierung. Dann sein Inneres: Grundriss und Raumgestaltung, Orientierung und Raumbezüge. Als Drittes die Angemessenheit des Gebäudes für seine Aufgabe und seine Umgebung – vor allem seine Maßstäblichkeit, seine Einbindung, die Umsetzung der funktionalen Aufgabe und seine Beständigkeit. Und schließlich sein städtebaulicher Kontext, seine Erschließung und der Umgang mit Freiflächen. Das sind vergleichbare Kriterien und Bewertungsprozesse wie in Planungswettbewerben oder bei der Auszeichnung fertiggestellter Gebäude mit einem Preis. Bisher haben Sie erst ein Haus nach diesen Maßstäben ausgezeichnet. Rudolphi: Wir stehen ja ganz am Anfang, und das erste ausgezeichnete Gebäude ist ein sehr guter Anfang. Das 50hertz Netzquartier in Berlin erfüllt in hervorragender Weise alle technischen und funktionalen Nachhaltigkeitskriterien und ist darüber hinaus baukulturell hochambitioniert. Dafür hat es die Auszeichnung „DGNB Diamant“ verdient. Diese bekommen Gebäude, wenn sie ein DGNB Zertifikat in Gold oder Platin erhalten und darüber hinaus die genannten gestalterischen und baukulturellen Qualitäten erfüllen. Bedeutet das: Technische Nachhaltigkeit ist für Sie die Basis, die Gestaltqualität dagegen nur ein Sahnehäubchen oben drauf? Rudolphi: Nein, das ist sie definitiv nicht. Wichtig ist einerseits das sinnvolle Zusammenspiel der Themen und andererseits der Wille zur Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Es ist rein methodisch eine Herausforderung, beide Seiten zusammenzuführen. Aber wir sind hier auf einem guten Weg, weil wir jeweils den Kontext der verschiedenen Seiten verstanden haben. Was uns eint, ist das Streben nach Dauerhaftigkeit und Qualität. Ettinger-Brinckmann: Jeder Euro für ein schlechtes Gebäude ist verschwendetes Geld, egal ob der Mangel nun ein technischer oder ein gestalterischer ist. Das kann sich unsere Gesellschaft nicht leisten; ein weitblickender Bauherr kann es auch nicht. Die Gestaltqualität sehe ich also als Conditio sine qua non. Tatsächlich wird ja gute Architektur auch die allerbeste Werbung für gute, nachhaltige Planung sein. Gemeinsam mit der DGNB setzen wir darauf, dass sich diese Erkenntnis bei Bauherren und Nutzern durchsetzt und damit auch Druck auf solche Investoren entsteht, die nur ein kurzfristiges Verwertungs- und Verkaufsinteresse haben. Rudolphi: Wer billig baut, muss zweimal bauen – diese Erkenntnis verbreitet sich. Wir haben eine Phase reinen Investorenbaus hinter uns, bei dem das Kostenargument absolut im Vordergrund stand. Das hat sich ein Stück weit überlebt. Von Seiten der Öffentlichkeit gibt es höhere Ansprüche, und die Investoren merken, dass es sich lohnt, auf Nachhaltigkeit und Gestaltung zu achten. Unser Ziel ist es, hier frühzeitig Fehlentwicklungen zu vermeiden. Wir haben daher Handlungsempfehlungen entwickelt, um Architekten und ihren Bauherren bereits in einer frühen Planungsphase die Chance zu geben, Impulse von einer Expertenkommission zu erhalten und ihr Projekt zu optimieren. Das ist ein Schritt, der Architekten ganz nebenbei dabei hilft, ihrer gestalterischen Arbeit vor dem Bauherrn größeres Gewicht zu geben. Ettinger-Brinckmann: In jedem Fall sind Bauherren der Schlüssel zur Baukultur – da können wir als Architekten und Ingenieure noch so qualifiziert und engagiert sein. Bauen bringt immer auch Verpflichtungen gegenüber der Öffentlichkeit mit sich, denn jedes Gebäude ist auch im Stadtraum wirksam. Manchmal muss man aber bei Bauherren intensive Überzeugungsarbeit leisten. Da setze ich auch auf die Kooperation mit Kommunalverwaltungen, zum Beispiel über Gestaltungsvorgaben und -satzungen und nicht zuletzt über Wettbewerbe. Ohne den Wert von Zertifikaten zu schmälern: Auch das Hervorgehen eines Gebäudes aus einem Wettbewerb ist bereits ein Gütesiegel, da hier kompetente Preisrichter sorgsam die beste Lösung für eine Bauaufgabe herausgefiltert haben. Nach dem Start der DGNB gab es unter Architekten die Befürchtung, der Wunsch des Bauherrn nach einem Zertifikat führe zu Mehrarbeit, die im Zweifel nicht bezahlt werde. Auch neue Haftungsrisiken und die Zertifizierungskosten könnten das Budget für den Bau selbst schmälern. Rudolphi: Genau das Gegenteil ist der Fall. Es war eine wichtige Leistung der DGNB, über das Zertifizierungssystem und die Benennung konkreter Kriterien viele Aspekte aus der Grauzone zu bringen. Eine konkrete Aufgabe lässt sich nun Punkt für Punkt formulieren und kann damit auch kostenseitig erfasst werden. Architekten können somit handfest begründen, welche zusätzlichen Leistungen sie möglicherweise erbringen müssen, für die sie dann ein Honorar abrechnen können. Mit anderen Worten: Unsere Arbeit hat nicht dazu geführt, dass jetzt für das gleiche Geld mehr geleistet werden muss, sondern sie hat Architekten und Ingenieuren zusätzliche Felder für ihre Wertschöpfung eröffnet. Ist das nicht eine rosige Wunschvorstellung? Rudolphi: Nein, ich erfahre es auch in meiner eigenen Ingenieurpraxis. Wenn ich früher mit Bauherren über höhere Qualität gesprochen habe, dann musste ich appellieren und grundsätzlich argumentieren, hatte aber oft keinen nachvollziehbaren Beweis in der Hand, dass es sich lohnte. Der Bauherr konnte das nicht rechnerisch nachvollziehen – er konnte mir nur glauben oder eben nicht. Wenn ein Bauherr aber heute das lebenszyklusbezogene System der DGNB anwendet und damit das Gebäude konkret bewertet, dann kann er sowohl die Sinnhaftigkeit seiner Investitionen als auch deren Auswirkungen auf die Betriebskosten oder die Werthaltigkeit beziffern. Das macht das Thema Bauqualität einfacher, transparenter und überprüfbarer. Geht das auch mit Gestaltqualität? Ettinger-Brinckmann: Natürlich kann man den Wert guter Architektur nicht einfach ausrechnen. Man kann aber auf Erfahrungen verweisen. Schön gestaltete Gebäude der Vergangenheit bleiben stehen und sind begehrt, auch wenn sie rein rechnerisch längst abgeschrieben sind. Quartiere mit hoher Architekturqualität sind begehrter; sogar für ganze Städte belegen Umfragen, dass diejenigen mit als stimmig und harmonisch empfundenen Stadtbildern am höchsten wertgeschätzt werden. Rudolphi: Wir müssen darauf achten, dass wir die gestalterische Qualität nicht nur auf die Fassade reduzieren und die architektonische Leistung als reines Accessoire betrachten. Es geht ja genauso darum, die Nutzungsqualität und die technischen Komponenten in einem funktionierenden Entwurf zusammenzuführen. Es ist also viel mehr als das, was von außen sichtbar ist. Ein gutes Beispiel ist für mich das Dienstleistungs- und Verwaltungszentrum Paul-Wunderlich-Haus in Eberswalde in Brandenburg. Es ist nicht nur mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit unserem Platin-Zertifikat, sondern es leistet auch städtebaulich viel: Eine Brache wurde gefüllt und belebt, neue öffentliche Räume definiert und die Aufenthaltsqualität im Stadtkern gesteigert. Bietet die DGNB auch unmittelbar Tätigkeiten für Architekten? Rudolphi: Neben der Zertifizierung haben wir mit der DGNB Akademie eine eigene Fort- und Weiterbildungsplattform. Über diese haben schon rund 3.000 Experten eine Zusatzqualifikation erwerben können. Darunter sind auch viele Architekten, die heute als DGNB Consultants oder Auditoren aktiv sind und neben ihrem Planungswissen das Know-how zum nachhaltigen Bauen und zur DGNB Zertifizierung einbringen. Im Rahmen der Fortbildung arbeiten wir im Übrigen bereits seit einigen Jahren eng und erfolgreich mit einigen Architektenkammern zusammen. Können die DGNB und ihre Themen auf die Kammern auch zu viel Einfluss gewinnen? Ettinger-Brinckmann: Ganz deutlich: Die DGNB hat keine exklusiven Rechte bei uns und akzeptiert das auch. Ich sehe nicht die Gefahr einer Vereinnahmung durch sie. Im Gegenteil: Es gibt auch Gebiete, wie etwa die Fortbildung, wo wir mit der DGNB, aber auch mit anderen Institutionen durchaus noch enger zusammenarbeiten und Doppelleistungen vermeiden können. Die Nachhaltigkeits-Ansprüche werden auch durch Politik und Verwaltung immer höher. Wird die DGNB irgendwann überflüssig? Rudolphi: Das wird sie sicherlich nicht. Ein Blick in den aktuellen Ressourcenbericht und die Nachhaltigkeitsziele der Bundesrepublik genügt, um zu sehen, dass wir insbesondere im Bestand noch vor enormen Aufgaben stehen. Die DGNB entwickelt sich kontinuierlich weiter, und so passen wir auch unsere Anforderungen immer wieder an. Das ist auch weiterhin notwendig, denn Ziele, die vor zehn Jahren noch ambitioniert waren, sind heute zur Regel geworden. Gleichzeitig stehen wir vor anderen, neuen Herausforderungen, wie der Frage nach der Effektivität. Pro Quadratmeter ist zum Beispiel vom Jahr 2000 bis 2014 der Wärmebedarf für Heizung und Warmwasser in Wohngebäuden um 14 und 16 Prozent gesunken. Zugleich ist aber der Flächenanspruch pro Person um 18 Prozent gestiegen. Wir haben die Effizienz erhöht, haben aber am Ende effektiv nichts gewonnen. Das hat angesichts unserer Klimaschutzziele eine hohe Brisanz. Ettinger-Brinckmann: Auch ich denke, dass wir mit reiner Effizienzsteigerung irgendwann nicht mehr weiterkommen. Zum einen verlieren wir das Gleichgewicht zwischen verschiedenen Gebäudezwecken, wenn wir nur den Energieverbrauch in den Vordergrund stellen und darüber Nutzung, Wohlfühlen, technische Beherrschbarkeit und nicht zuletzt Gestaltqualität vernachlässigen. Zum anderen müssen wir jenem Phänomen mehr Aufmerksamkeit widmen, das Sie eben beschrieben haben – nämlich unsere architektonischen Mittel dafür einsetzen, dass wir ein nachhaltiges Optimum an Räumen haben und nicht einfach nur ein Maximum. Es geht nicht darum, Verzicht zu predigen. Sondern es geht darum, mit architektonischen Mitteln dafür zu sorgen, dass auch weniger Raum und Fläche mehr Lebensqualität und Nachhaltigkeit bedeuten kann. INFO Preiswürdig nachhaltig Bereits zum fünften Mal ist der DNGB Preis „Nachhaltiges Bauen“ ausgelobt worden. Mit ihm werden Projekte ausgezeichnet, die in vielerlei Hinsicht nachhaltig sind: ökologisch, sozial und ökonomisch. Nicht zuletzt werden aber auch architektonische Gestaltung und technische Innovation bewertet. Mit dem Preis möchte die DGNB die besondere Stärke der deutschen Baubranche und deutscher Architekten auf dem Gebiet des nachhaltigen und gut gestalteten Bauens unterstreichen. Gefragt sind Neu- oder Umbauten, die in den letzten fünf Jahren in Deutschland fertiggestellt wurden. Eine DGNB-Zertifizierung ist keine Voraussetzung. Die Auszeichnung wird von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis in Kooperation mit der DGNB verliehen. Die Bewerbungsfrist endet am 26. Mai. www.nachhaltigkeitspreis.de/bauen Weitere Bilder des Stromnetzbetreibers 50hertz in Berlin finden Sie hier Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.

Grün wachsen?

Garten wird Stadt: Lange bevor die Bagger kommen, wird in München-Freiham der Boden für Produktion und Freizeit genutzt. Für neue Stadterweiterungen wird ein altes Konzept weiterentwickelt – die Gartenstadt. Das droht allerdings das Primat der Innen-Entwicklung zu gefährden. Text: Heiko Haberle Gartenstädte sind beliebt – als Wohnort und im Marketing der Immobilienwirtschaft. Jede Siedlungsform, die irgendwie durchgrünt und nicht zu ländlich ist, kann damit beworben werden. Doch das historische Konzept des Engländers Ebenezer Howard von 1902 enthält mehr. Was Howard ursprünglich als „Town-Country“ bezeichnet hatte (den Begriff „Garden City“ gebrauchte er später), sollte die besten Eigenschaften von Stadt und Land vereinen. Die eigenständigen Städte mit etwa 30.000 Einwohnern würden im Zentrum öffentliche Einrichtungen und Grünanlagen haben, darum herum Wohngebiete, dann Industrie und Gewerbe sowie Landwirtschaft. Die Garden City sollte sich damit selbst versorgen können. Howard hatte sich auch detaillierte Gedanken zu Verwaltung und Mitbestimmung, zur Trägerschaft der Institutionen und zur Finanzierung gemacht. Letztere basierte auf dem Wertzuwachs des Bodens, der in kommunaler Hand bleiben und verpachtet werden sollte. Alle Geschäfte würden in einem zentralen „Kristallpalast“ untergebracht, wobei die Stadt das Händlergefüge und das Warenangebot bestimmte, um zu starker Konkurrenz vorzubeugen. Zu Städtebau und Architektur machte Howard hingegen kaum handfeste Angaben. Wichtiger war ihm die starke Position der Kommune. Gartenstadt kann vieles sein In jeder neuen Gartenstadt konnten ohnehin immer nur Teilaspekte umgesetzt werden. Das gilt auch für Letchworth und Welwyn, die als „echt“ gelten, weil Howard an ihrer Planung beteiligt war. Eine eigentlich im Konzept vorgesehene städtische Dichte konnten sie nie erreichen, dafür aber bis heute einen Großteil ihres kommunalen Grundbesitzes bewahren. Das Label „Gartenstadt“ wurde international dankbar übernommen und führte zu ganz unterschiedlichen Siedlungsformen: Einfamilienhausgebieten, Großwohnsiedlungen und Stadtneugründungen. Tel Aviv, das vom Schotten Patrick Geddes in den 1920er-Jahren als Gartenstadt geplant wurde, ist zur lebendigen Metropole geworden, die sich aus meist frei stehenden Gebäuden im International Style zusammensetzt. Die deutschen Gartenstädte hingegen waren selten eigenständige Systeme, sondern Werkssiedlungen oder Stadterweiterungen, in denen das ruhige Wohnen und der private Garten wichtig waren. Die Häuser sind jedoch bis heute oft im Besitz von Genossenschaften oder Stiftungen. Heute stehen unter dem Druck eines akuten Wohnungsmangels in vielen Großstädten wieder Stadterweiterungen auf dem Programm. Diese sollen besser werden als die Schlafstädte, die noch bis in die 1990er-Jahre hinein entstanden. Da bietet es sich an, die Gartenstadt-Idee auf ihr Potenzial für den Bau neuer Siedlungen, aber auch für die Modernisierung von Bestandsquartieren hin zu untersuchen. Das tat auch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) mit seiner Forschungsarbeit „Gartenstadt 21 – Vision oder Utopie?“.

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In einem Zukunftslabor des BBSR entstanden Ideen für neue Gartenstädte. Das Team "Zwischenstadt" schlägt neben baulichen Ergänzungen viele Zwischennutzungen und eine Verzahnung von Landwirtschaft und Gewerbe mit den Wohnfunktionen vor.

„Das Grundprinzip der Gartenstadt ist immer noch aktuell, weil es auf eine integrierte Stadtentwicklung abzielt und nicht bloß auf eine Erweiterung an den Rändern“, erklärt Bastian Wahler-Zak, der beim BBSR für die Studie zuständig ist. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass es Architekten, Stadt- und Landschaftsplanern, die Teilnehmer eines an die Studie angeschlossenen Ideen-Workshops waren, scheinbar gar nicht in den Sinn kam, ihre Modell-Städte räumlich zu erweitern. Stattdessen wurden die Zwischenstadt, die Metrozonen (ursprünglich ein Begriff der IBA Hamburg für Randbereiche der Städte mit heterogener Bebauung und vielen Verkehrsschneisen), Kleinstädte und Einfamilienhäuser verdichtet und umdefiniert: mit Aufstockungen und Anbauten, neuen Mobilitätskonzepten, der Nutzbarmachung von Grünflächen oder durch mehr Gewerbe in Wohngebieten. Schon genug nachverdichtet? Tatsächlich stellt sich die Frage, ob die Potenziale der allseits propagierten Innenentwicklung etwa schon ausgeschöpft sind. Wohl eher ist das Wachsen nach außen der schnellere und einfachere Weg. Licht und Luft sind in den Nachkriegs-Siedlungen eine lieb gewordene Errungenschaft, selbst wenn das Abstandsgrün jeglicher Erholungsfunktion entbehrt. So stockt seit Jahren im 1970er-Jahre-Viertel östlich des Berliner Alexanderplatzes die geplante Nachverdichtung wegen Bürgerprotesten. Anderswo werden Einfamilienhausgebiete, die einen Großteil auch städtischer Bausubstanz ausmachen, gar nicht erst angetastet und für das Wohnen im Gewerbegebiet fehlt (noch) die Vorstellungskraft. Und dann wären da noch die eingeschossigen Supermärkte und ihre in den Städten meist leeren Parkplätze oder kilometerweise Abstandsflächen zu Verkehrswegen, die aus Lärmschutzgründen nicht bebaut werden können. Die Funktionstrennung, die auch Howard mit seinem Modell vertrat, hat sich vielerorts als Fehlentscheidung entpuppt. Große Hoffnungen liegen daher auf dem „Urbanen Gebiet“ (siehe Info am Ende des Artikels) als neuer Gebietskategorie, die eine stärkere funktionale Mischung, mehr Dichte und auch mehr Lärm zulässt. Dann gehören Statements wie dieses aus der Dokumentation zur Berliner Fachtagung „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“, die im Dezember 2015 stattfand, eventuell der Vergangenheit an: „Für das weitere Wachstum Berlins sollte die Innenentwicklung das Primat der Planung darstellen. Dabei sind stadtpolitisch jedoch vielfältige Widerstände zu überwinden. Angesichts der Zielkonflikte scheint diese Handlungsmaxime derzeit nicht umsetzbar.“ Dass die Veranstaltung eigentlich auf die Stadterweiterung „Elisabeth-Aue“ in Pankow abzielte, die nach einigem Gegenwind von der neuen Stadtentwicklungssenatorin nun selbst ad acta gelegt wurde, ist pure Ironie. Die in Berlin von renommierten Planern formulierten Ansätze sind jedoch übertragbar und nennen vieles, was zwar modisch klingt, aber wohl Alltags- und Planungsrealität wird. Ein „Duplizieren des Freiraumangebotes von ,Gartenstädten‘ des vergangenen Jahrhunderts“ wird dabei nicht angestrebt. Freiflächen sollten eindeutige Funktionen für Erholung, Sport oder Produktion haben. Urban Gardening oder Mietergärten werden vorgeschlagen – auch um den langfristigen Unterhalt der Freiräume in private Hände zu legen, was Kosten sparen und gleichzeitig die Identifikation mit dem Ort stärken kann. Auch „produktiv nutzbare Dachlandschaften“, kleinteiliges Gewerbe oder Werkstätten finden sich unter den Ideen. Autos sollten dezentral abgestellt werden und stattdessen Angebote der Mikromobilität, neue Logistikkonzepte und Fahrradstraßen entstehen. Um auch in den angrenzenden Quartieren Akzeptanz herzustellen, sollen Mehrwerte geschaffen werden, die über die neue Gartenstadt hinaus ausstrahlen, etwa mit Freizeit-, Bildungs- oder Kultureinrichtungen. Besonders wichtig sei aber die Charakterbildung des Quartiers durch ein „Gründungsnarrativ“, um „mit dem neuen Stadtteil eine eigene Geschichte zu verknüpfen“. Wahler-Zak vom BBSR weist aber darauf hin, dass vor jeder Diskussion um Städtebau und Funktionen die Bodenfrage stehen müsse, ob tatsächlich zum Bauen verfügbarer kommunaler Boden privatisiert werden soll. „Es muss auch geklärt werden, wie die Gemeinschaft funktionieren soll und wer mit welchen Mitteln den öffentlichen Raum unterhält.“ Sonst müsse später wieder mit Stadtreparatur-Programmen gegengesteuert werden. „Viele hilfreiche Instrumente existieren bereits: Erbpacht oder Konzeptvergaben etwa.“ Neue Gartenstädte überall Auch in München hat man sich mit der Gartenstadt-Idee beschäftigt und will mit dem für 20.000 Einwohner geplanten Stadtteil Freiham am westlichen Stadtrand neue Wege gehen. Das fällt allerdings nicht sofort ins Auge, denn die Grundanlage Freihams sieht eine strikte Trennung zwischen einem Wohngebiet nördlich der Bahnlinie und einem Gewerbegebiet südlich davon vor. Letzteres ist schon weit fortgeschritten und weist neben den obligatorischen Bau- und Möbelmärkten viele Kleinbauten für „ruhiges“ Gewerbe auf, die man sich auch in einem Wohngebiet vorstellen kann. Gestaltungsregeln sorgen für mehr Qualität als anderswo. Im Wohngebiet soll nach einem städtebaulichen Entwurf von Ortner & Ortner mit Topotek ein dicht bebautes Zentrum entstehen, das auch Hochhäuser hat. Erste Realisierungswettbewerbe wurden bereits entschieden. Einer Rahmenplanung des Büros west 8 folgend, schließen sich weniger dichte Wohnviertel an. Die Stadt München bezieht sich in bunten Imagebroschüren direkt auf Ebenezer Howard und kündigt „Gemeinschaftssinn und leistbares Wohnen für breite Bevölkerungsschichten“ an. Vor allem sollen die städtischen Wohnungsbaugesellschaften, Baugruppen und Genossen-schaften zum Zuge kommen und überdies Stadt und Land verbunden werden, damit „eine echte Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“ entstehe. Dafür soll Freiham bereits vor Baustart zum Leben erweckt werden. Die Büros raumlaborberlin und bauchplan hatten dafür eine „Stadt aus Stroh“ und einen „Freiluftsupermarkt“ vorgeschlagen, die schon mit Veran-staltungen bespielt werden und frisches Obst und Gemüse liefern. „Die Freiflächen sind keine Äcker mehr, aber auch noch keine Baustellen. Wir wollten also Nutzungen finden, die idealerweise in die späteren Freiräume der Siedlung überführt werden können“, erklärt Markus Bader von raumlaborberlin. Für ihn steht fest, dass „statt herkömmlicher Top-down-Planung, verbunden mit der Hoffnung, dass es schon irgendwie gut geht, man besser die Menschen frühzeitig mit den neuen Orten vertraut macht – auch auf die Gefahr hin, dass sich Pläne ändern. Das wäre womöglich sogar gut.“

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Im Neubaugebiet "Fischbeker Reethen" in Hamburg soll sich die Moorlandschaft in die Außenräume ziehen.

Ebenfalls als „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“ sollen ganz im Südwesten Hamburgs die „Fischbeker Reethen“ mit 2.200 Wohnungen entstehen. Verantwortlich dafür ist die IBA Hamburg, die inzwischen als städtischer Projektentwickler fungiert. Der städtebaulich-landschaftsplanerische Siegerentwurf von KCAP (Kees Christiaanse) und Kunst + Herbert lässt aufhorchen. Entlang der Bahnlinie soll produzierendes Gewerbe angesiedelt werden, das in eine „Gründerstraße“ übergeht, an der Gewerbe, Werkstätten und Wohnen aufeinandertreffen. Schließlich folgt das Wohngebiet, das im Gegensatz zu anderen Hamburger Neubauplanungen kaum Reihenhäuser, sondern überwiegend Geschosswohnungsbau vorsieht. Die umgebende Moorlandschaft soll in das Gestaltungskonzept einbezogen werden. Am weitesten ist Wien mit seiner Seestadt Aspern, in der einmal 20.000 Menschen wohnen und 26.000 arbeiten sollen. Der Plan des schwedischen Büros Tovatt mutet so konventionell an, dass er schon fast wieder innovativ ist. Mit seinem künstlichen See im Zentrum und der deformierten Ringstraße erinnert er an Howards konzentrisch aufgebautes Modell, obwohl Aspern zur Selbstdefinition den Gartenstadt-Begriff nirgends nutzt. Im Inneren ist der Plan jedoch ganz unschematisch: Die Straßen knicken häufig ab, die Baufelder sind unregelmäßig zugeschnitten. In der Praxis gibt es meist keine reine Blockrand-Bebauuung, sondern die Felder werden mit unterschiedlichen Volumen besetzt, was mehr Blick- und Wegebeziehungen erzeugt. Geschäfte sollen entlang mehrerer Straßen liegen. Die Läden werden schon jetzt von einer eigens gegründeten GmbH verwaltet und vermietet, die dadurch einen Einfluss auf Branchenmix und Angebot hat. Ganz ähnlich hatte es Howard geplant. Stadt am See: In Wien-Aspern entsteht auf der grünen Wiese ein Stück dichte Stadt, das zum Erfolg werden könnte. Howards Begriff der „Gartenstadt“ ist zwar sprachlich passend für viele aktuelle Planungen, weil er ländliche und urbane Elemente vereint. Er ist aber irreführend, weil er stark mit Bildern grüner Vorstädte besetzt ist, nicht aber mit seinen bodenrechtlichen Aspekten assoziiert wird. Ob er als Bezeichnung für das taugt, was eigentlich alle wollen, nämlich gemischte und soziale Quartiere innerhalb und außerhalb der Zentren, ist daher fraglich. Offen ist ebenso, ob die Planungskategorie „Urbanes Gebiet“ vor allem auf den Bestand angewendet werden soll oder ob auch Stadterweiterungen von vorneherein „Urbane Gebiete“ sein könnten. Es wäre jedenfalls mal ein echtes Experiment. Man sollte jedoch nicht der Versuchung erliegen, die der neue Paragraf 13 b (siehe Info am Ende des Artikels) des Baugesetzbuchs verspricht, nämlich unkompliziert neue Flächen auszuweisen und dabei alle guten Vorsätze über Bord zu werfen. INFO Urbanes Gebiet Der Bundestag hat am 9. März 2017, gefolgt vom Bundesrat am 31. März, einer Bau- rechtsnovelle zugestimmt, die auch das „Urbane Gebiet“ als neue Baugebietskategorie enthält. Damit soll Wohnungsbau auch an verdichteten und funktional durchmischten Standorten erleichtert werden. Er muss dabei nicht in einem ausgewogenen Verhältnis zu anderen Funktionen stehen. Die GRZ darf 0,8 betragen, die GFZ 3,0. Die Immissions-richtwerte in der TA Lärm werden auf 63 dB (A) tagsüber erhöht, 3 Dezibel mehr als in Kern- und Mischgebieten. Die Bundesarchitektenkammer begrüßt das „Urbane Gebiet“ als Garant für lebendige Quartiere mit kurzen Wegen. Paragraf 13 b Ebenfalls neu ist der Paragraf 13 b des Baugesetzbuchs, der auf Betreiben Bayerns zustande kam. Er erleichtert bis Ende 2019 die Ausweisung neuer Baugebiete, indem auch für Außenbereiche ein beschleunigtes Verfahren ermöglicht wird. Prüfungen auf Umweltverträglichkeit und Lärmbelastung entfallen ebenso wie Bürgerbeteiligung und Ausgleichsflächen. Das gilt für Grundflächen bis 1 Hektar. Da die Erschließung hinzukommt, ist aber mit bis zu 4 Hektar großen Arealen zu rechnen. Es kann auch „auf Vorrat“ ausgewiesen werden. Die Bundesarchitektenkammer kritisiert den Paragrafen, weil er die Innenentwicklung schwäche und die Zersiedelung in Kauf nehme. Das im Koalitionsvertrag vereinbarte Ziel eines maximalen Flächenverbrauchs von 30 Hektar täglich sei dadurch gefährdet. MEHR INFORMATIONEN Zehn Thesen zu neuen Gartenstädten und mehr zur Studie des BBSR auf: www.gartenstadt21.de Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.

Im Wald und auf der Halde

Das neue Saarpolygon auf der Halde Duhamel soll Sinnbild des Strukturwandels im kleinsten Bundesland sein. Text: Christoph Gunßer Zwei skurrile Ausguck-Objekte ragen neuerdings in den saarländischen Himmel. Lage, Form und Botschaft könnten gegensätzlicher kaum sein. Wer kürzlich im Saarland unterwegs war, hat das eine Objekt sicher schon wahrgenommen: Vom halben Land aus sei das zeichenhafte Monument auf der 150 Meter hohen Bergbauhalde Duhamel bei Saarlouis zu sehen, heißt es. Das „Saarpolygon“ soll Sinnbild des Strukturwandels im kleinsten Bundesland sein: 250 Jahre lang wurden hier Flöze gegraben und Halden aufgetürmt. Nun gibt es 2.150 Hektar Montan-Brachen, für die es neben einer „Erinnerungskultur“ dringend neue Konzepte und Ideen braucht. Die rund dreißig Meter hohe begehbare Stahlgitterskulptur der jungen Berliner Architekten Katja Pfeiffer und Oliver Sachse ist das Ergebnis eines internationalen Wettbewerbs. „Haldenereignisse“ dieser Art gab es ja schon andernorts, zum Beispiel den im Rahmen der IBA Emscher Park entstandenen Bottroper Tetraeder. Wo im Saarland einige der Auslober (unter Führung einer Tochtergesellschaft der früheren Ruhrkohle AG) am liebsten eine schlichte Barbara-Kapelle gebaut hätten, schwingt sich das Polygon kühn mit zwei schräg eingespannten Röhrentragwerken in den Himmel, die in knapp dreißig Metern Höhe durch eine 40 Meter lange Brücke verbunden sind. #gallery-3 { margin: auto; } #gallery-3 .gallery-item { float: left; margin-top: 10px; text-align: center; width: 100%; } #gallery-3 img { border: 2px solid #cfcfcf; } #gallery-3 .gallery-caption { margin-left: 0; } /* see gallery_shortcode() in wp-includes/media.php */ Verdreht: Das neue Saarpolygon auf der Halde Duhamel ist Aussichtsturm und ein Stück Land-Art zugleich. Aus jeder Perspektive sieht es anders aus. Fremd und offen: Wallfahrt zur Folgelandschaft Je nach Blickwinkel bilden die drei versetzten Röhren ein Tor, ein Dreieck oder ein X, was entfernt an Fördertürme oder Bergmannswerkzeug erinnert. Wer zu Fuß die weitläufige schwarze Halde erklommen hat, gelangt über 133 Stufen in den Schrägen des Monuments auf die Brücke. Dort liegen einem die Ungetüme der noch aktiven Dillinger und der stillgelegten Völklinger Hütte zu Füßen (letztere inzwischen Weltkulturerbe), dazu ein weiter munter rauchendes Kohlekraftwerk, aber auch die Saar und viele Bergmanns-siedlungen. Bemerkenswert viele der Stufen des Bauwerks wurden übrigens von Berg- leuten gesponsert, nur rund ein Sechstel der 1,5 Millionen Euro Baukosten kamen vom Land. Nachts sind die Treppen von innen weiß illuminiert, das Objekt gewinnt dann die Qualität eines Ufos oder gar Menetekels. Das Polygon hat ohne Zweifel das Zeug zur Wallfahrtsstätte. Die Frage ist nur noch: wofür? Lässt sich so ein starker, zentraler neu-alter Ort nicht auch missbrauchen? Die Architektin Katja Pfeiffer sieht bislang keine Anzeichen, dass etwa Neonazis vom Haldenplateau Besitz ergreifen. Die sozialen Netzwerke sind stattdessen voll von entspannten Polygon-Postings. Die Freizeit-gesellschaft genießt offensichtlich die hundert Jahre lang gesperrte Location, Gleit-schirmflieger wie Schmetterlinge nutzen die Thermik der dunklen Halde, die sich eine neue Art von Natur langsam zurückerobert. Über allen Wipfeln keine Ruh Die intakt gebliebene Restnatur des Saarlandes liegt kaum zwanzig Kilometer nördlich von hier: Um die berühmte Große Saarschleife bei Mettlach wurde immer schon gern gewandert. Jetzt geht man hier nicht mehr in den Wald, sondern auf ihn – auf einem im vorigen Jahr eingeweihten Baumwipfelpfad. Der private Investor „Erlebnis Akademie AG“, der bundesweit bereits vier solcher Einrichtungen betreibt, legte eine 1.250 Meter lange luftige Trasse an, die an der Hangkante über der Saar in einem spektakulären Aussichts- turm gipfelt. Bis in 42 Meter Höhe schraubt sich hier die 2,50 Meter breite Rampe (mit einer maximalen Steigung von sechs Prozent) zu einer 70 Quadratmeter großen Aussichtsplattform empor. Die 462 Meter lange Strecke hinauf macht dabei bereits viel vom Erlebnis aus, wie bei den Vorgängerpfaden des Unternehmens auf Rügen, im Schwarzwald und im Bayerischen Wald, wo der börsennotierte Investor übrigens zu Hause ist. Mag Norman Fosters vom Prinzip her verwandte Reichstagskuppel auch deutlich filigraner sein – der Rampen-Turm im Wald ist mächtig. Er ragt weit, allzu weit, über die hier eher schmächtigen Baumkronen hinaus, um besondere Blicke freizugeben. Erstaunlicherweise bekam das Bauwerk hier ohne große Umschweife die naturschutz-rechtliche wie auch die Baugenehmigung. Winzig wirkt zu seinen Füßen der historische schiefergedeckte Pavillon – ein Kontrast fast wie im Frankfurter Bankenviertel. Auch in der Fernsicht vom Tal aus stört der Turm die ruhige Silhouette der Waldlandschaft, wo bislang weit und breit kein Bauwerk steht, empfindlich. Doch zählten solche Bedenken wenig. 200.000 zahlende Besucher erwartet man hier im Jahr. Bei 10 Euro Eintritt dürfte sich die Investition in Höhe von 4,7 Millionen Euro schon recht bald amortisieren. Die von Arbeits-losigkeit und Abwanderung geplagte Region hat Impulse bitter nötig. Auch wenn man am Pfad hier nichts direkt verdient – Pfad und Betrieb gibt es nur als Komplettpaket –, hofft man auf Jobs und wachsende Steuereinnahmen durch den Tourismus. Der Architekt Josef Stöger aus Schönberg im Bayerischen Wald hat den Turm, wie auch seine Vorgänger, entworfen. Bei der Pfad-Planung hat er hierzulande fast eine Alleinstellung. Gefragt, warum die Projekte so gut laufen, mutmaßt er, die Leute bräuchten halt ein Highlight, um in die Natur zu gehen. Die Pfade sind, anders als etwa Klettergärten, für jedes Alter geeignet, in diesem Fall sogar barrierefrei. Gibt es noch ein tiefer liegendes Motiv? Womöglich meldet sich der Affe in uns, der einfach gern in Bäumen unterwegs ist, zumal, wenn es so bequem geht wie hier. Konstruiert sind die Türme aus Brettschichtholz, verstärkt und ausgesteift mit Stahl. Den offen liegenden Bohlen und Handläufen aus Lärche und Douglasie gibt der Planer eine Lebensdauer von 10 bis 12 Jahren; die durch Bleche und Opferplatten geschützte Konstruktion taxiert er auf 20 bis 25 Jahre. Neuartigen Holzverbundstoffen gegenüber ist Stöger reserviert. Die Leute wollten natürliches Holz sehen. Der frei stehende und nicht im Erdreich eingespannte Turm schwingt in der exponierten Lage spürbar. Im Herbst rüstete man daher mehrere Tonnen schwere Schwingungstilger nach. Die Leute seien insgesamt angetan vom neuen Erlebnis-Event, meint Stöger. Nur ganz vereinzelt war von einem „Holzmonster“, einer „Parkhaus-Rampe“ im Wald die Rede und davon, dass es früher hier viel beschaulicher zuging. Heute gibt es Bewirtung und Bespaßung für die Kinder. Und der Erfolg hält an, denn der Architekt deutet an, dass weitere Wipfelpfade in der Republik geplant seien. #gallery-4 { margin: auto; } #gallery-4 .gallery-item { float: left; margin-top: 10px; text-align: center; width: 100%; } #gallery-4 img { border: 2px solid #cfcfcf; } #gallery-4 .gallery-caption { margin-left: 0; } /* see gallery_shortcode() in wp-includes/media.php */ Gewunden: Über der berühmten Saarschleife bei Mettlach kann man jetzt auch in Schleifen einen Turm erklimmen. Die Holzkonstruktion ist Teil eines neuen Baumwipfelpfads. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.

Nicht zum Nulltarif

Wird ein Architekt ohne die Übergabe einer Vor- und Entwurfsplanung mit der Genehmigungsplanung beauftragt, kann er auch die Leistungsphasen 1 bis 3 abrechnen. Text: Felix Blaschzyk In einem beachtenswerten Verfahren vor dem Landgericht München I (Urteil vom 31.01.2017, Az. 5 O 21198/15) stritten die Parteien um einen Honoraranspruch für Planungsleistungen des Architekten (Kläger) am Grundstück des Bauherrn (Beklagter). Der Architekt rechnete die Leistungsphasen 1 bis 4 ab. Dagegen wehrte sich der Bauherr mit der Begründung, der Architekt sei lediglich mit den Planungsleistungen der Leistungsphase 4 beauftragt worden; eine Vergütung stünde ihm somit auch nur dafür zu. Das Gericht hat aber der Klage des Architekten überwiegend stattgegeben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es entschied, dass es dem Architekten ohne eine ausreichende Vorleistung (Grundlagenermittlung, Klärung der Aufgabenstellung, Abstimmen von Zielkonflikten, Vor- und Entwurfsplanung) nicht möglich sei, festzustellen, ob ein Baugenehmigungsverfahren erfolgreich werden kann. Es sei notwendig, dass sich der Architekt umfassend mit den Planungsgrundlagen auseinandersetzt und die zur Beantragung erforderlichen Vorleistungen erbringt. Etwas anderes könne nur dann gelten, wenn die Leistungsphasen 1 bis 3 bereits ausreichend von einem anderen Architekten bearbeitet wurden und der neue Architekt auf dieser Grundlage mit der Leistungsphase 4 beauftragt wird.So war es im strittigen Fall allerdings nicht. Der Beklagte übergab dem Kläger lediglich eigene Skizzen und Pläne, die keine hinreichende Grundlage für die Genehmigungsplanung waren. Die Unterlagen gaben nur zeichnerisch die Vorstellungen des Bauherrn wieder, die lediglich als Randbedingungen der Leistungsphasen 1 bis 3 anzusehen waren. Die erforderliche Grundstückvermessung wurde beispielsweise vom Kläger durchgeführt. Urteil des BGH wenig praxisnah Der BGH (unter anderem Urteil vom 6.12.2007, Az. VII ZR 157/06) hat in der Vergangenheit zum Umfang der Honorarhöhe allerdings mehrmals klargestellt, dass die Leistungsphasen 1 bis 3 nicht allein deswegen Gegenstand des Architektenvertrages werden, weil sie erforderliche Vorleistungen der Leistungsphase 4 sind. Diese Sichtweise ist dem Grunde nach zutreffend. Gleichwohl hat das LG München I im vorliegenden Fall in zutreffender Weise eine Korrelation zwischen den Leistungsphasen 1 bis 3 und der Phase 4 angenommen. In gleicher Weise urteilte 2010 bereits das OLG Karlsruhe (Urteil vom 17.02.2010, Az. 8 U 143/09). Die Richter stellten auch damals fest, dass die Genehmigungsplanung eine systematische Grundlagenermittlung sowie eine Vor- und Entwurfsplanung voraussetze, sofern diese nicht von dritter Seite erbracht worden sind. Diese Argumentation ist nachvollziehbar. In der Leistungsphase 4 schuldet der Architekt den Erfolg, nämlich die Genehmigung.Dieser Erfolg ist ihm nicht möglich, wenn die notwendigen Vorleistungen nicht vorliegen. Die Rechtsprechung des BGH ist also nicht in jeder Hinsicht konsequent. Sie wird im Übrigen den Besonderheiten des Architektenrechts nicht gerecht, wenn argumentiert wird, dass bei der Klärung der Frage, welche Leistungen der Architekt abrechnen kann, ausschließlich auf die vertragliche Vereinbarung zwischen den Parteien zu schauen sei. Denn obwohl die vertragliche Vereinbarung grundsätzlich maßgebend ist, können die Leistungsbilder der HOAI nicht als bedeutungslos erachtet werden. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung des LG München I durchaus bemerkenswert, am Ende aber nur konsequent. Die notwendige Erbringung der Leistungsphasen 1 bis 3 kann nicht als unentgeltlicher Freundschaftsdienst betrachtet werden. Wenn ein Bauherr Architektenleistungen verwertet, gibt er konkludent, also durch schlüssiges Verhalten, sein Einverständnis und signalisiert, dass diese seinem Willen entsprechen. Es kann nicht sein, dass nach der Argumentation des BGH Möglichkeiten eröffnet werden, die erforderlichen Vorleistungen – quasi durch die Hintertür – zu umgehen, und somit ein Instrument der Honorarminderung geschaffen wird. Richtig ist aber auch, dass die Wechselwirkung kein Automatismus sein kann. Insofern ist es ratsam, den Honoraranspruch stets einer Einzelfallbetrachtung zu unterziehen. Felix Blaschzyk ist Rechtsanwalt in Hannover bei bethge immobilienanwälte. steuerberater.notar. mit Schwerpunkt im Bau- und Grundstücksrecht. Er ist zudem Mitglied im Stadtentwicklungs-und Bauausschuss von Hannover. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier.

Ein erster, wichtiger Schritt

Dr. Hans-Gerd Schmidt, Präsident der Architektenkammer Thüringen Nach langen Diskussionen haben Bundestag und Bundesrat eine Reform des Bauvertragsrechts beschlossen, die Anfang 2018 in Kraft treten wird. So kompliziert fast jedes Bauprojekt ist, so kompliziert sind auch die rechtlichen Beziehungen zwischen den Beteiligten. Und so schwierig ist es, hier Schieflagen zu korrigieren. Eine schwere Schieflage besteht etwa zu Lasten von uns Architekten. Als Einzige am Bau müssen wir eine Haftpflichtversicherung abschließen, weshalb Bauherren bei Schäden bevorzugt uns in Anspruch nehmen. Umso mehr ist zu begrüßen, dass jetzt auch der Gesetzgeber dieses Problem erkannt hat und ein erster Schritt zur Behebung dieses Missstands getan wurde. Seit 2010 gab es beim Bundesjustizministerium eine Arbeitsgruppe zum Bauvertragsrecht, in der die Bundesarchitektenkammer maßgeblich mitgewirkt hat. Nach langen, fachlich wie politisch anspruchsvollen Diskussionen und Überlegungen haben Bundestag und Bundesrat jetzt eine Reform des Bauvertragsrechts beschlossen, die Anfang 2018 in Kraft treten wird und deren Einzelheiten im Deutschen Architektenblatt noch detailliert vorgestellt werden. Nicht nur symbolisch wichtig ist es, dass im ehrwürdigen Bürgerlichen Gesetzbuch jetzt erstmals spezielle Vorschriften für Architekten- und Ingenieurverträge eingefügt werden. Wir erinnern uns: Gesetzliche Grundlage des Planervertragsrechts ist seit Langem das im BGB enthaltene und mit Blick auf die unterschiedlichen möglichen Vertragsgegenstände sehr allgemein gehaltene Werkvertragsrecht. Wir hoffen und gehen davon aus, dass die Rechtsprechung auf Basis der neuen Regelungen nun Lösungen findet, die besser individuell zugeschnitten werden können. Die Schritte zur Entlastung in der leidigen Haftungsfrage entsprechen jedoch nicht in allen Bereichen unseren Wunschvorstellungen. 17 Organisationen der planenden Berufe, darunter führend die Bundesarchitektenkammer, fordern in ihren Prüfsteinen zur Bundestagswahl am 24. September daher weiter „eine grundlegende Lösung des Problems der Haftungsschieflage“. Viel Potenzial hat hier eine gemeinsame Pflicht-Objektversicherung für alle am Projekt Beteiligten. Aber sie ist wegen der teils unterschiedlichen Interessen hochkomplex – und juristisch nicht weniger kompliziert. Das Justizministerium lässt dieses Thema jetzt gründlich prüfen. Wir bringen dabei unseren Sachverstand ein und engagieren uns für den Fortgang der Sache. Das Problem kann aber leider nicht von heute auf morgen behoben werden, da es über Jahrzehnte entstanden und gewachsen ist. Ungeduldiger Aktionismus würde in dem komplexen Interessengeflecht unsere Position eher schwächen als stärken. Einen Fortschritt gibt es aber schon jetzt auf anderer Ebene: Bei den Land- und Oberlandesgerichten soll es spezielle Kammern für „Streitigkeiten aus Bau- und Architektenverträgen“ geben. Wir werden also bald mehr Richter antreffen, die in das Thema gut eingearbeitet sind und mit jedem Fall erfahrener werden. Viele weitere Änderungen im Bauvertragsrecht betreffen uns nicht direkt, sondern eher das Verhältnis zwischen Ausführenden und Bauherren. Aber auch hier sollten wir Bauherren kompetent beraten können und uns dafür entsprechend fortbilden. Die Architektenkammern erarbeiten hierzu Angebote; das Deutsche Architektenblatt wird natürlich auch hierüber berichten. Dr. Hans-Gerd Schmidt ist Präsident der Architektenkammer Thüringen.
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Digitale Energieberater

Apps und Clouds: Den Großteil des EnEV-Softwareangebots machen konventionelle Desktop- Programme aus, für Teilbereiche werden inzwischen auch Apps und Cloudlösungen offeriert, die viele Vorteile bieten. EnEV-Programme unterstützen Planer nicht nur bei der Erstellung von Energieausweisen oder der Energieberatung. Sie können auch ein Türöffner für Sanierungs- und Modernisierungsaufträge sein. Text: Marian Behaneck Aus anfangs einfachen Programmen für die EnEV-Ausweiserstellung haben sich inzwischen umfassende modulare Lösungen für die Energie- und Förderberatung, die Gebäudeoptimierung und -planung oder für bauphysikalische Detailuntersuchungen entwickelt. Sie rationalisieren Berechnungen und Arbeitsabläufe und unterstützen Planer bei der Verbesserung der Energiebilanz neuer Wohn- und Nichtwohngebäude oder der energetischen Sanierung von Gebäuden. Der große Funktionsumfang und die Vielzahl an Programmen erschweren allerdings die Auswahl. Was leisten EnEV-Programme? Gegenüber der manuellen Berechnung erübrigen sie die Suche in Tabellen, Rechenfunktionen machen Taschenrechner überflüssig, Vorgabewerte vereinfachen die Eingabe, Plausibilitätsprüfungen vermeiden Fehler, Automatismen beschleunigen Abläufe. Änderungen beispielsweise eines Wandaufbaus, des Materials oder der Dicke der Dämmung werden automatisch neu berechnet. Unterschiedliche Maßnahmen zur Verbesserung der Energiebilanz eines Gebäudes, wie die Dämmung, neue Fenster oder eine moderne Heizanlage, lassen sich so schnell durchrechnen. Zwar können mit allen EnEV-Programmen Energieausweise oder Nachweise erstellt werden. Die meisten Programme lassen sich für Wohnungsneubau und -bestand einsetzen. Fast alle beherrschen die Rechenverfahren für öffentlich-rechtliche Nachweise neuer Wohngebäude nach DIN V 4108-6 und DIN V 4701-10. Dagegen unterstützen bisher nur wenige Programme das vereinfachte Modellgebäudeverfahren EnEV easy für neu errichtete, nicht gekühlte Wohngebäude. Über die Hälfte der am Markt erhältlichen Programme können nach DIN V 18599 für Nichtwohngebäude rechnen. Nicht jede Software ist für die energetische Gebäudeoptimierung oder die Vor-Ort-Energieberatung geeignet, da nicht jede Vorschläge oder Variantenvergleiche inklusive der Kosten- und Wirtschaftlichkeitsberechnungen liefert. Die EnEV-Programme helfen auch, Planungs- und Ausführungsfehler zu vermeiden. So lassen sich U-Werte von Außenwandkonstruktionen ermitteln, der Tauwasserausfall in der Außenwandkonstruktion lässt sich anhand von Glaserdiagrammen darstellen oder Wand-Fenster- Anschlüsse können an ihren kritischen Stellen überprüft und optimiert werden. Die Ausgabe umfasst Ausweise, Berichte und Nachweise: EnEV-Verbrauchs- oder Bedarfsausweise, dena-Energieausweise, BAFA-Energieberaterberichte, KfW-Nachweise, teilweise auch den Mindestwärmeschutz, den sommerlichen Wärmeschutz, den Feuchteschutz und vieles mehr. Lang- oder Kurzberichte lassen sich mithilfe eines Berichteditors im eigenen Layout aus vorgegebenen und eigenen Textbausteinen, Formularen, Tabellen und Grafiken zusammenstellen und ausdrucken oder als PDF-Datei per E-Mail versenden. Energieeffizienz nach Programm: EnEVSoftware unterstützt nicht nur die Vor-Ort- Beratung und die Ausweiserstellung, sondern auch die bauphysikalische Analyse oder die optimale Einbindung von Photovoltaik, Wärmepumpen oder BHKWs. Wesentliche Unterschiede EnEV-Software unterscheidet sich heute weniger durch den Funktionsumfang als durch die Bedienung. Deshalb sollte man nicht nur darauf achten, ob das Programm alle für die eigene Tätigkeit relevanten Funktionsanforderungen erfüllt, sondern auch, ob man mit der Bedienung zurechtkommt: Wie einfach und intuitiv oder kompliziert und umständlich sind Arbeitsabläufe? Sind unnötige Mehrfacheingaben nötig und müssen Daten wiederholt importiert werden? Zwar fallen die Schwachpunkte in der Regel erst bei der praktischen Arbeit auf – also nach dem Kauf. Doch einiges lässt auch sich vorab herausfinden. So sollte bereits bei der Auswahl der Aufgabenstellung (Energieberatung, Initialberatung, energetische Sanierung, Nachweisführung, Fördermittelberatung etc.) sowie des Berechnungsverfahrens die Software „mitdenken“ und beispielsweise nur die für die jeweilige Aufgabenstellung erforderlichen Daten abfragen. Wichtig ist außerdem eine gute Geometrie-Erfassung, die auch bei anspruchsvolleren Gebäuden mit komplexeren Dächern, versetzten Geschossebenen usw. funktioniert. Zur Erfassung von Gebäude- und Anlagendaten werden vor Ort aufgemessene oder aus dem Plan ermittelte Längen oder Flächen eingegeben. In vielen Programmen erleichtern Assistenten die Eingabe. Alternativ können Gebäudegeometrien aus vorhandenen CAD-Daten importiert oder per Fotoaufmaß aus Fassadenfotos ermittelt werden. Einige Hersteller bieten optional einen 2D- oder 3D-Hüllflächeneditor an. Damit können komplexe Gebäudegeometrien leichter nach DIN V 18599 erfasst und zoniert werden. Mithilfe eines Bauteil-Editors sollte man sowohl einfache Bauteile mit Schichtaufbau als auch komplexe, zusammengesetzte homogene oder inhomogene, moderne oder historische Bauteile inklusive paralleler Grafik- und Ergebnis-Anzeige definieren können. Auch die Erfassung der Anlagentechnik für Heizung, Warmwasser und Lüftung sollte durch Datenbanken, Vorgabewerte, Baualtersklassen und Assistenten unterstützt werden. Sind die Daten eingegeben, sollte eine detaillierte Gebäudeanalyse das Planen von Energieeffizienzmaßnahmen unterstützen. Alternative Datenerfassung: Geometrie- und Bauteildaten können auch aus dem BIM-Gebäudemodell übernommen werden und über Sortierfunktionen lassen sich übersichtliche Listen zusammenstellen. Dabei sind Assistenten zum Erreichen eines gewünschten Effizienzhaus-Standards und des wirtschaftlichen Optimums (optimale Dämmstärken, Ausschöpfung Fördermöglichkeiten) sowie zur Fördermittelberatung etc. sinnvoll. Zu den Ergebnissen der Berechnung sollten alle relevanten Daten wie U-Werte, der Tauwasseranfall, die Wirtschaftlichkeit, eine CO2-Bilanz usw. gehören. Wichtig ist, dass die Berechnungen transparent und nachvollziehbar sind. Ebenso sollten die Ergebnisse zur energetischen Qualität vor und nach der Sanierung, zur Wirtschaftlichkeit, zur Energie- und Schadstoffeinsparung oder zur Amortisation von Maßnahmen kontinuierlich angezeigt werden. Die Software sollte sowohl Sanierungen in einem Zug als auch schrittweise unterstützen. Einen auf die individuelle Situation bezogenen Maßnahmenkatalog zur energetischen Sanierung oder den Sanierungsfahrplan BW generiert nur ein Teil der Programme. Immer wichtiger werden im Zusammenhang mit Energiesparmaßnahmen ein Lüftungskonzept gemäß DIN 1946-6 (siehe DAB 02/15: Lüften nach Norm), der sommerliche Wärmeschutz sowie die Berechnung von Wärmebrücken für EnEV-/KfW Nachweise und Feuchteanalysen zu Tauwasseranfall und Schimmelbildung. Deshalb offerieren immer mehr Programme dafür integrierte oder optionale Module. Solide Grundlage: Basis aller Berechnungen ist die Erfassung der Gebäudedaten und der Anlagentechnik. Welche Lösungen bietet der Markt? Den Großteil des EnEV-Softwareangebots nehmen konventionelle Desktop-Programme ein. Inzwischen werden für Teilbereiche aber auch Apps und Cloudlösungen offeriert. Dadurch soll der durch die ständigen Novellierungen und Änderungen von Gesetzen und Regelwerken bedingte technische und administrative Aktualisierungsaufwand reduziert werden. Auch die Planungsmethode BIM (siehe DAB 06/16: Methode, nicht Software) verspricht Vorteile bei der Energieberatung. So können BIM-Modelle die Ermittlung von Gebäudehüllflächen oder die Zonierung von Nichtwohngebäuden vereinfachen und transparenter machen. Die Übernahme von UWerten, Abmessungen, Neigungen und der Ausrichtung von Wänden, Fenstern, Decken oder Dachflächen soll Zeit sparen und Fehlerquellen minimieren. Die EnEVSoftwarekosten reichen von null Euro, beispielsweise für das kostenlose Excel-Tool EnEV-XL vom Institut Wohnen und Umwelt, respektive von 250 bis 3.500 Euro für kostenpflichtige Programme, je nach Leistungsumfang. Hinzu kommen Folgekosten für Schulungen oder Wartungsverträge. Letztere sind wichtig, da sich die zugrunde liegenden Gesetze, Normen und Richtlinien kontinuierlich weiterentwickeln. Deshalb sollte die Software regelmäßig und zeitnah vom Hersteller aktualisiert werden. Wichtig sind auch Supportleistungen. Damit ist nicht nur die Erreichbarkeit des Support-Teams über Telefon, Fax oder E-Mail gemeint, sondern auch dessen fachliche Kompetenz. Bei der Entscheidung für ein Programm empfiehlt es sich, ein individuelles Anforderungsprofil zu erstellen und dabei zu entscheiden, welche Funktionen unbedingt benötigt werden und welche zweitrangig sind. Einen ausführlichen Produktvergleich finden Sie hier als PDF. Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz). MEHR INFORMATIONEN Einen tabellarischen Produktvergleich wichtiger EnEV-Softwareprogramme, Link- und Literaturtipps sowie eine Richtlinien-Übersicht zum Thema finden Sie hier
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Klare Kanten

Wolkenhain: Das 25 Meter hohe Aussichtsgerüst auf dem Kienberg bietet Rundblicke weit über die umgebenden Plattenbau-Stadtteile hinaus. Zwischen Deutschlands größten Plattenbau-Siedlungen hat eine großzügige Gartenschau eröffnet. Text: Roland Stimpel Der Kienberg ist eine für Berlin sehr typische Erhebung. Die Eiszeit modellierte ihn gut 15 Meter höher als das umgebende Gelände. Zur Zeit der DDR kamen weitere 50 Höhenmeter Müll, Bauschutt und Bodenaushub hinzu. Vor allem Aushub gab es mehr als genug: Rings um den Berg entstand in Marzahn und Hellersdorf Deutschlands größtes Plattenbau-Konglomerat mit rund 100.000 Wohnungen, in denen heute 180.000 Menschen leben – nicht wenige davon in oberen Hochhaus-Etagen auf Augenhöhe mit der künstlichen Erhebung. Der Kienberg und seine Umgebung sind jetzt auch der gestalterische Höhepunkt im Stadtteil. Knapp 60 Hektar sind aus Anlass der Internationalen Gartenschau kultiviert, qualifiziert und neu erschlossen worden; 43 Hektar existierende „Gärten der Welt“ wurden integriert. All das geschah aber nicht nur für das 185-Tage-Ereignis, das Ostern begonnen hat, sondern zum dauerhaften Gewinn für den Stadtteil, der baulich wie sozial streckenweise ziemlich herbe war und ist. Krisenintervention per Gartenschau ist eine Spezialität der Berliner Landschaftsarchitekten Christof Geskes und Kristina Hack. Sie waren schon an zwei Bundes- und fünf Landesgartenschauen maßgeblich beteiligt, mit besonderem Erfolg an schwierigen Standorten. Etwa im fränkischen Tirschenreuth, wo viel Industrie verschwunden war. Oder im westfälischen Hemer, dem nach der Schließung von Kasernen ein wirtschaftliches Standbein fehlte. „Diese Städte sind durch ihre Gartenschauen ein Stück selbstbewusster geworden“, sagt Christof Geskes stolz. In Marzahn und Hellersdorf kommt die Gartenschau – das ist Zufall – gerade zu einer Zeit, in der sich die Stadtteile ohnehin sozial stärker mischen und heben. Wegen der stadtweiten Wohnungsknappheit ziehen jetzt auch Bürger her, die die Gebiete bisher gemieden haben. Gentrifizierungsbedingt entstehen nicht etwa Gettos für Ausgestoßene, sondern im Gegenteil buntere, selbstbewusstere Nachbarschaften. Neue Infrastruktur und Identitätszeichen unterstützen den Aufschwung am östlichen Berliner Stadtrand. Geskes Hack und ihre Mitstreiter in der Arge, Kolb Ripke Architekten aus Berlin und VIC Ingenieure aus Potsdam, strebten dabei keine idyllisierte, gar abgeschottete Gegenwelt zur umgebenden Einfach-Moderne an. „Hier braucht es deutliche Gesten“, erkannten sie nach den Worten von Christof Geskes schon im Wettbewerb, den die Arge 2013 gewann. „Man muss konzeptionell und räumlich groß denken und darf diesen Maßstab nicht verlassen.“ Am prägnantesten ist die Infrastruktur am Berg. Auf dem Plateau (von Gipfel mag man nicht reden) steht der „Wolkenhain“, ein 25 Meter hohes Aussichtsgerüst mit 170 Stahlknoten. Die Blicke reichen über die nahen Hochhaus-Gebirge bis ins Berliner Zentrum und weit ins Brandenburger Umland, wo Solarfelder auf den ersten Blick schimmern wie blaugraue märkische Seen. Wer sich den 50-Meter-Aufstieg nicht zumuten mag oder einfach nur luftigen Spaß haben will, kommt mit der Gondel-Seilbahn – Berlins erster seit der legendären Interbau im Hansaviertel von 1957. Die Tal- und Endstationen der eineinhalb Kilometer langen Strecke liegen in Hellersdorf an der U-Bahn und in Marzahn vor Hochhäusern am Blumberger Damm. Die Kabinen sollen nach der Schau erst mal weiter schweben. Vielleicht werden sie zum alltäglichen Nahverkehrsmittel, das die beiden Siedlungsgebiete über Park und Berg hinweg verbindet. Große Gesten mit Cortenstahl Große, Plattenbau-adäquate Gesten zeigen auf der Gartenschau auch die beiden Brücken mit Cortenstahl-Geländern – die eine führt 150 Meter über einenEinschnitt am Berghang, die andere 280 Meter über einen See am östlichen Rand. Hier ist der Park mit einem der längsten, doch außerhalb des Stadtteil s auch unbekanntesten Berliner Grünzüge verknüpft: dem Tal des Flüsschens Wuhle, das etwa 15 Kilometer südwärts zur Spree in Köpenick plätschert – über weite Strecken begleitet von Fernheizrohren und Plattenbauten, aber gerade wegen dieses Kontrasts umso reizvoller. Ein paar Hundert Meter sind jetzt in die IGA einbezogen. Blicke auf Hochhäuser oder lange Zeilen, kantige Ensembles oder ganze Platten-Landschaften öffnen sich auf der Gartenschau immer wieder. Ihr Areal ist zu diesen Häusern hin optisch offener gehalten als zu einem quietschbunten Eigenheimgebiet der Nachwendezeit, vor das pflanzlicher Sichtschutz kam. Auf dem Areal selbst hält sich bis auf Ausguck, Brücken und Seilbahn die Hochbau-Architektur eher zurück, selbst bei großer Form. So ist das ausladende Bühnendach aus Beton der von Paul Böhm aus Köln entworfenen Freilicht-Arena Gartenschau-gemäß mit Gras bedeckt. Natürlich gibt es auch introvertierte Winkel. Da sind zunächst die „Gärten der Welt“ – Motivgärten nach Ländern, Kulturen und Epochen, die ab den 1990er-Jahren angelegt wurden, schon seit damals Eintritt kosten und in Marzahn erste landschaftskulturelle Ausrufezeichen setzten. Erweitert wurden sie jetzt durch kleine Anlagen, in denen Gestalter aus Australien, dem Libanon und Südafrika „ihre Gartenkulturen modern interpretieren“, wie Geskes sagt. Einen gewissen Rückzug ermöglichen auch stille Pfade am Kienberghang, der mit Robinien und Eschenahorn dicht überwachsen war und jetzt mit Wegen, Schneisen und lockerer gepflanzten Neu-Wäldern ausgelichtet ist. Rückzug und Besinnung bieten nicht zuletzt die Wasserlandschaften – hoch ummauerte Areale, in denen Geskes Hack den Flaneuren Erlebnisse von Nebeln, wechselnden Fontänen, Wasserfällen und Lotosblütenteichen vermitteln. An Inklusion durch Blindenmarkierungen am Beckenrand ist ebenso gedacht wie an Frosch-Rettungswege über Steinbrocken in den Becken. An nicht wenigen anderen Stellen im Gelände bestimmen barrierefreie Wege das Bild, die mit ihren vielfachen Windungen manchmal ganze Hangpartien bedecken. Auch der „Wolkenhain“ hat natürlich einen Aufzug. Nicht als abgeschottete Inseln, sondern ganz offen und offensiv im Gelände sind die Kinderspielplätze gestaltet. Die Motive sind von der fantastischen Weltreise in Erich Kästners „35. Mai“ inspiriert. Nicht nur Innenarchitekten mögen sich aus ihrer Kindheit an den Kleiderschrank erinnern, durch dessen Rückwand der Held Konrad und sein Pferd Negro Kaballo in die Zauberwelt treten. Aber in Marzahn lockt die reale Welt. Weitläufigkeit und Intimität zugleich bietet die Hangpartie am Süden des Kienbergs mit ihren Terrassenmauern aus blaugrau glänzendem Fruchtschiefer, einer Spezialität aus dem sächsischen Theuma. Hier kann man sitzen und auf den mäandrierenden Wassergraben gucken, auf Böschungen und Privatgärten dahinter oder weit übers Gelände hinweg auf die Rasterfassaden der Plattenbauten. Insgesamt erweckte das Areal beim Rundgang drei Wochen vor Eröffnung den Eindruck, dass den Planern das langfristige Wohl des Parks wichtiger war als das gartenbauliche Sechs-Monats-Spektakel. Das entspricht der Methodik des einschlägig erfahrenen Büros. „Gartenschauen müssen dauerhaft robust sein“, sagt Geskes. „Das ist buchstäblich die Grundlage, erst darüber kommt dann der Gartenschau-Layer.“ Kritik wird leiser Im Vorfeld gab es in der Umgebung natürlich die Gartenschau-Standard-Kritik: unnötig, zu teuer, fies zu den Anwohnern wegen des Zauns, Eintrittsgelds und Hundeverbots. „Wir haben aber noch nie mit so viel Transparenz und Beteiligung gearbeitet“, erinnert sich Geskes, und er hat dabei „die ganz erhebliche ökologische Kompetenz“ vieler Menschen in den Hochhaus-Siedlungen kennengelernt. Dort wuchs die Zustimmung, als der dauerhafte Qualitätssprung deutlicher wurde – ab Herbst ohne Ticket genießbar, mit Ausnahme der „Gärten der Welt“. Sie waren unfreiwillig die Paten für das ganze Projekt: 2011 hatten Rehwaldt Landschaftsarchitekten aus Dresden einen Masterplan zur Erweiterung vorgelegt; an eine Gartenschau dachte damals noch keiner. Die war auf dem kurz zuvor geöffneten Areal des früheren Flughafens Tempelhof vorgesehen. Dort regte sich aber bald Berlins Innenstadt-üblicher Trotz gegen solche Eingriffe. Ein Jahr später topfte Berlin seine geplante Gartenschau einfach nach Marzahn-Hellersdorf um. Dorthin locken jetzt die großen grünen Gesten, während Tempelhof seit einem Volksentscheid von 2014 völlig erstarrt ist: Nicht mal der Asphalt, der das Gelände über weite Strecken bedeckt und im Sommer aufheizt, darf weg. Ein zuvor geplanter Nord-Süd-Radweg wurde vom Stimmvolk verboten, die Erweiterung des muslimischen Friedhofs auch. Seltsames Berlin: Das Tempelhofer Areal zwischen Szene-Vierteln ist veränderungsängstlich eingefroren. Der angeblich tumbe Plattenbau-Stadtrand dagegen wertet sich durch zeitgemäße Freiraumgestaltung auf. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.

Grünes für die Tonne

Grün auf dem Dach: Die Mülltonnenhäuschen von Wolfgang Huber verstecken die unschönen Tonnen und bieten Platz für Pflanzen. Jeder hat sie, niemand will sie: Mülltonnen. Zwischen Carport, Geräteschuppen und Sandkasten stinken sie vor sich hin. Ein Landschaftsarchitekt räumt auf und verrät, wie sie geschickt versteckt werden können. Text: Stefan Kreitewolf Sie stinken, sehen nicht schön aus und leuchten in den unpassendsten Farben: Mülltonen. Jeder hat sie, niemand will sie. Doch der Müll und seine Tonnen gehören zum Garten wie Rosen und Rasenmäher. Denn die Deutschen zählen weltweit zu den eifrigsten Mülltrennern. Der hässliche Nebeneffekt der Recycling-Leidenschaft: Je nach Wohnort müssen drei bis fünf Mülltonnen im Vorgarten, im Hinterhof oder im Haus untergebracht werden. Meist verschwinden sie zwischen Carport, Geräteschuppen und Sandkasten in grauen Betonkästen hinter schmutzigrostigen Stahltüren. Das ist allerdings wenig ansehnlich. Und: Mittlerweile mangelt es nicht an Alternativen, die Tonnen elegant zu verstecken. Bretterverhaue, Toplader-Verkleidungen, Rolloboxen und begehbare Stellplätze kaschieren bereits vielerorts die penetranten Plastikmonster. Die Hersteller der Müllverstecke setzen häufig auf Farbakzente und kombinieren ihre Verschläge mit bunt lackiertem Metall oder Holzlamellen. Der König der Verschläge ist indes grün – wie der Garten selbst. Bepflanzte Dächer sind auf den Mülltonnenhäuschen sehr beliebt. Der Landschaftsarchitekt Wolfgang Huber aus München hat schon vor zwanzig Jahren eine ökologische Verkleidung für Mülltonnen an einem Neubau realisiert. Der Entwurf für den Gartenneubau ließ keinen schnöden Waschbeton zu, sagt Huber. „Eine grüne und moderne Lösung musste her.“ Mit dieser einfachen Überlegung trat er einen Trend los, der, vielfach kopiert und nachgebaut, heute zum guten Ton der Gartenbauer zählt. Bepflanzbares Versteck: Ein Unterstand für Gartenwerkzeuge ist nicht nur praktisch, sondern als Pflanzkasten ein Hingucker. „Unten stinkt der Müll, oben duftet es“ Huber gründete 1996 die Firma „Gartenakzente“ in Eschenlohe und liefert bis heute im Design unverändert die begrünten Tonnenboxen, eine ansprechende Kombination aus Edelstahl-Lochblech und wetterbeständigem Lärchenholz. Obendrauf sorgt die metallene Pflanzenschale für erfrischendes Grün. „Wahlweise gibt es die Boxen auch pulverbeschichtet – passend zur Architektur“, sagt Huber. Der Markt ist angesichts der aufkeimenden Plagiate schwieriger geworden. Dennoch sind die in Serie gefertigten Boxen für ihn ein gutes Geschäft. „Sie sind immer noch stark nachgefragt – zeitloses Design ist eben ein Dauerbrenner“, sagt der Landschaftsarchitekt augenzwinkernd. Die begrünten Boxen bescherten Huber aber auch einen Rollenkonflikt: Einerseits musste er seine Bauherren Hersteller-neutral beraten, andererseits wollte er natürlich gern sein eigenes Produkt verkaufen. Seit 1996 konzentriert er sich deswegen auf den Vertrieb seiner Müllverstecke. Planerisch ist er seither nicht mehr tätig, ist aber als baugewerblich Tätiger weiterhin Mitglied der Architektenkammer. Farbe statt Beton: Fahrradgaragen sind sicher und können mit hübschen Materialien und Farbtönen jeden Garten verschönern. Neben den Müllboxen entwickelte er Mini-Geräteschuppen und Fahrradunterstände – alles mit Pflanzschale auf dem Dach. „Zuletzt haben wir einen kostengünstigen Pflanzrahmen zum Nachrüsten für konventionelle Betonmüllboxen entwickelt“, sagt Huber. Der biete die Möglichkeit der nachträglichen Bepflanzung und solle „etwas Leben auf den tristen Beton“ bringen. Besonders von den Mülltonnen-Häuschen und den Mülltonnen-Aufsätzen kann er gut leben. „Grünes für die Tonne ist eben beliebt“, sagt der Bayer und ergänzt: „Kein Wunder: Unten stinkt der Müll, oben duftet es blumig.“ Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.

Guck mal, ich koche!

Dass alle offene Küchen wollen, ist ein großer Erfolg der Architektenschaft. Aber ist das wirklich ein Erfolg? Rezeptur: Heiko Haberle Das Auto als Statussymbol beeindruckt niemanden mehr. Für die ganz Jungen ist es nun das Fahrrad, für die Generation darüber die offene Designer-Küche. Ein schöner Erfolg für Planer, Hersteller und IKEA, der Resultat einer jahrzehntelangen Lobby- und Medienarbeit ist. Und eine absolute Ausnahme, denn nur selten finden Lieblingsideen von Architekten auch so großen Anklang bei den Nutzern, dass sie zum Must-have werden. Begonnen hat es in der Nachkriegszeit mit kleinen Durchreichen zwischen Küche und Essbereich. In den 1970er- und 80er-Jahren sah man bei fortschrittlichen Bauherren schon vereinzelt in einen Tresen aufgelöste Küchenwände. Und heute fließen Wohnraum und Küche am besten ineinander. Nur eine Insel zum Kochen und Schnippeln schwimmt im Raummeer. Dabei wird in Deutschland insgesamt viel weniger gekocht als früher, dann aber anspruchsvoller und mit großer Geste und meistens von Papa. Also müssen glänzende Oberflächen, Dampfgarer, Brotbackautomat und Eismaschine sein. Aber Vorsicht: Zur Abgrenzung taugt die offene Küche nicht mehr lange, denn sie ist inzwischen sogar im Sozialen Wohnungsbau angekommen. Aber wollen das wirklich alle oder sind sie bloß von schönen Bildern geblendet? Der im Geschosswohnungsbau viel beschworene nutzungsneutrale Grundriss wird natürlich vereitelt: Eine riesige Koch-Ess-Sofa-Landschaft wird wohl für immer genau das bleiben und kann kein Kinder-, Schlaf- oder Arbeitszimmer werden. Aber auch im Alltag zeigen sich Nachteile: Da lädt der Gastgeber zum Show-Cooking und was erlebt man beim festlichen Dinner hautnah? Kleckereien, Flüche, Schweiß, Verbrennungen, womöglich sogar blutende Wunden. Da möchte man auf dem Sofa in Ruhe ein Buch lesen, doch was stört? Der surrende und gurgelnde Geschirrspüler. Da will man auf dem großen Flachbildschirm einen Film schauen, aber der Fischduft von gestern ist noch immer nicht verzogen und hat sich sogar in den Polstern der Sitzlandschaft festgesetzt. Am meisten für eine Wiedereinführung der häuslichen Funktionstrennung spricht aber vermutlich, dass man immer gleich aufräumen muss und keine Tür hinter dem ganzen Chaos schließen kann. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.  

Land-Energie

Dörfliches Großprojekt: Ein alter Bauernhof wurde saniert und umgenutzt. Links das umgebaute Wohnhaus, rechts der ehemalige Kuhstall. Neue Perspektiven für verödende Dörfer – wie das aussehen kann, zeigt ein Modellprojekt im Taubertal. Text: Christoph Gunßer Es war der vorletzte Bauernhof im Dorf. Das Elternhaus von Rolf und Martina Klärle und ihren sechs Geschwistern stand direkt vis-à-vis, in Schäftersheim, einem 700-Seelen-Ort im Taubertal südlich von Würzburg. Als nach langem Leerstand des Hofes der Abbruch des „alten Gelumpes“ bevorstand, um auf dem Grund drei Einfamilienhäuser hoch- zuziehen, schritt Martina Klärle ein und kaufte den Hof für wenig Geld. Ihr Bruder Rolf, Architekt in Bad Mergentheim, sorgte für den räumlich innovativen Umbau. Ins Haupthaus sollte Martina Klärles Büro für Landmanagement und Umwelttechnik einziehen, Kuhstall und Scheune boten Platz für die Hebammenpraxis „Lebenshaus“ sowie zwei alten-gerechte Wohnungen. Geboren werden, arbeiten, alt werden: Das bot eine vitale Perspektive für den Ort, der wie viele Dörfer der Region Gefahr lief, abgehängt zu werden. Gemeinsam gingen die Geschwister an die Umsetzung der Ideen. Die Nachbarn wurden konsultiert, ein Fest wurde gefeiert, Fördermittel wurden aufgetrieben. Der „Hof 8“, benannt nach der Adresse Bachgasse 8, aber auch nach der Achtsamkeit im Umgang mit örtlichen Ressourcen, wurde ein Modellprojekt. 1,8 Millionen Euro kostete der ambitionierte Umbau am Ende – bei rund 750 Quadratmetern Nutzfläche fast Neubau-Niveau. Die Ansprüche der Planer waren hoch. Die Verträge mit zwei Energie-Experten wurden wieder gelöst, weil sie die ehrgeizigen Ziele der Bauherrin im Bestand nicht für machbar hielten. 550 Quadratmeter Photovoltaik-Dächer, Grundwasserwärmepumpe im wieder freigelegten Brunnen, Wärmerückgewinnung aus der Abluft, 26 Zentimeter Zellulose-Dämmung und Dreifachverglasung – die Kombination baulicher und technischer Mittel machte den Plusenergiestandard schließlich locker möglich: 200 Prozent betrug der Energie-Überschuss im ersten Betriebsjahr 2015, 160 Prozent im Folgejahr. Eine kleine Flotte Elektroautos wird am Hof „betankt“, eine Erweiterung der Nahwärme-Insel ist angedacht. Sogar der Computer-Server heizt mit. „Wenn nur jedes dritte Haus im Land so ausgestattet würde, bräuchten wir keine fossilen Ressourcen mehr für den Gebäude-bestand“, rechnet Martina Klärle vor. Zur Ergänzung wird demnächst eine neuartige Klein-windkraftanlage am Scheunenfirst angebracht, ihr neuestes Faible. Stolz pendelt die Bauherrin mit selbst erzeugter Energie zum Zug nach Frankfurt, wo sie seit zehn Jahren Professorin ist. Gestalterisch bewahrt das Ensemble weitgehend die ländliche Silhouette, versteckt indes das Neue nicht. Nach anfänglichen Überlegungen, das tauberfränkische Fachwerk außen sichtbar zu lassen und innen zu dämmen, entschied sich Rolf Klärle für den umgekehrten, im Ortsbild erst einmal fremdartigeren Weg: „Wie ein geschliffener Diamant“ steht für ihn das Bauernhaus heute da. Außen umhüllt ein minimalistischer Lattenrost aus regionalen, unbehandelten Douglasien das hoch gedämmte Haus – sogar das Dach ist, wo nicht mit Solarzellen belegt, mit gleichartigen Latten über dunkler Unterspannbahn gestaltet. Innen dagegen finden sich rundum sorgsam restaurierte, grau geschlämmte Fachwerkwände, aufgearbeitete Türen und teilweise sogar die alten Gewände. Ein scharfer Gegensatz von Alt und Neu, der aber „ehrlich“ zeigt, welcher Aufwand getrieben wurde. Wie die Neben-gebäude soll das Haus auf diese Weise natürlich vergrauen. „Archaisch“ nennt Architekt Klärle diese etwas kühle Reduktion der Form, seine Schwester bekennt sich dazu, dass ihr Haus schmucklos „wie eine Scheune“ aussieht. Ausgeführt wurde alles präzise von örtlichen Handwerkern. Auch das Kraftwerk auf dem Dach wurde vorbildlich integriert, der Freiraum mithilfe vorhandener Kalksteine gestaltet, auch um „graue Energie“ einzusparen. Entsprechend der guten sozialen Vernetzung der Bauherren – Martina Klärle spielt und schreibt für das örtliche Laientheater und engagiert sich in der Kirchengemeinde – integriert sich das Neue am Ende und ist kein Fremdkörper. Die Neugier der Leute war trotzdem groß: 3.000 kamen zum Tag der offenen Tür. Selbst am Sonntag führt sie immer noch Gruppen durch die Räume, propagiert und diskutiert Wege zu mehr Nachhaltigkeit auf dem Land. Anerkennungen und Preise blieben dann auch nicht aus. Auch wenn Martina Klärle für die Kommunen in ihrer – demografisch eigentlich schrumpfenden – Region immer nochmals neue Baugebiete ausweisen muss, hängt ihr Herz an der Innenentwicklung. Neues im Alten: Im ehemaligen Dachboden des Bauernhauses sitzt die Agentur für Landmanagement der Bauherrin. Die Kinder der Mitarbeiterinnen können dort auch spielen. Im Landmanagement – eigentlich ein arg technokratischer Begriff – sollte sie Vorrang vor Neuplanungen auf der grünen Wiese haben, auch wenn die Arbeit im Bestand mühsam sein kann. Sie mobilisiert die Menschen und ihre Potenziale, bringt die Gemeinden nachhaltig weiter, davon ist die Planerin überzeugt. Klärle glaubt, dass auch die kleinen Orte so eine Zukunft haben können, nicht nur als Schlaforte, sondern auch zum Arbeiten. Ihre 17 Mitarbeiterinnen, tatsächlich sind es fast ausschließlich Frauen, wissen es zu schätzen, dass sie wohnortnah tätig sein können und sogar ihre Kinder mitbringen dürfen. Auch die vier Hebammen im „Lebenshaus“, das aus einem Neubaugebiet in den licht umgebauten Kuhstall zog, profitieren von der neuen Lage im Ort. Wieder Leben im Dorf: In den früheren Kuhstall zog auch eine Hebammenpraxis. Für die schönen Räume und die zentrale Lage im Ortskern verließ sie ein Neubaugebiet. Das Umfeld ist hier ruhig und beschaulich, genau richtig für werdende Mütter, so heißt es. Und die zwei ebenerdigen Wohnungen wurden ebenfalls gut angenommen. Ein Teil der Scheune steht für Veranstaltungen zur Verfügung, die Dachböden sind noch ausbaubar. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Weitsicht“ finden Sie in unserem DABthema Weitsicht.