Baukunst, Baukultur, bezahlbares Bauen und vieles mehr

Baukunst, Baukultur, bezahlbares Bauen und vieles mehr Kunst am Bau für jedermann Arbeitet man nicht gerade in einer Bundesbehörde, bleibt einem leider viel von der Kunst am Bau verborgen, die die Bundesrepublik seit 1950 angeschafft hat. Das ändert sich nun mit dem virtuellen „Museum der 1000 Orte“. Da sind Riesen-Pollen aus Bronze von TRAK Wendisch im Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Quedlinburg, die inzwischen zerstörte „Kinetische Säule“ von Reinhard Omir im Garten der Deutschen Botschaft in Kabul oder „La Grande Fenêtre“ von Daniel Buren im Berliner Bundesarbeitsministerium (Foto). Jedem Kunstwerk ist eine Bildstrecke und ein Text gewidmet. Auch der Kaufpreis wird genannt. Die Website wird kontinuierlich erweitert. www.museum-der-1000-orte.de Nachkochen erwünscht Mit „33 Baukultur Rezepten“ soll wieder Leben in Dörfer und Kleinstädte kommen. Vorgestellt werden meist unkonventionelle Formate der Bürgerbeteiligung und der Baukulturvermittlung. Im niedersächsischen Dingden wurde ein leer stehendes Haus in Goldfolie verpackt und wieder ins Bewusstsein gerufen. Das Ilzer Land besitzt nun eine Baukulturbibliothek, und die Bewohner des Dorfes Pleß gingen an die Uni: Sie besuchten Studenten an der TU München, die Ideen für verlassene Höfe im Dorf erarbeitet hatten. Hinzu kommen Filmabende, Jausen und Stammtische, denn auch Baukultur geht durch den Magen. Die Rezepte mit Zutatenlisten und Zubereitungsempfehlungen hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Rahmen des Forschungsprojekts „Baukultur konkret“ gesammelt. Partner waren das Büro für urbane Projekte Leipzig, die Alanus Hochschule, der Verein LandLuft und die Bundesstiftung Baukultur. Weitere Informationen erhalten Sie hier Bezahlbare Beispiele Die Architektenkammer Baden-Württemberg hat mit „Bezahlbar Bauen und Wohnen“ ein drittes Heft aus der Wohnungsbau-Reihe „Konzept“ veröffentlicht. Die Bezahlbarkeit von Wohnraum ist eine existenzielle Frage für jeden Betroffenen und damit ein Problem mit sozialer Sprengkraft. Das Heft enthält Projektbeispiele, deren Vielfalt zeigt: Es gibt keine Patentlösung – dafür sind die Rahmenbedingungen in Städten und Gemeinden zu verschieden. Es braucht individuelle Lösungen, von denen andere lernen können. Download oder Bestellung unter www.akbw.de/konzept.html Bauen weiterhin sicher Wie können bis zur vollständigen Harmonisierung der europäischen Normen bauordnungsrechtliche Anforderungen eingehalten und nachgewiesen werden? Dazu hat die BAK mit anderen Verbänden ein System zur Ausschreibung und Bestellung von Bauprodukten vorgestellt, mit dem sicheres Bauen weiterhin möglich ist. Wie das System funktioniert und was Architekten dabei beachten müssen, erfahren Sie in Kürze im DAB. Die gemeinsame Erklärung der Verbände „Anforderungen an harmonisierte Bauprodukte in Deutschland zur Erfüllung bauordnungsrechtlicher Vorschriften“ finden Sie unter www.bak.de Neues Präsidium für Europa Der Architects’ Council of Europe (ACE) vertritt die Interessen von Architekten auf europäischer Ebene. Auf seiner Generalversammlung wurden am 1. und 2. Dezember 2017 in Brüssel Präsidium und Vorstand für die nächsten zwei Jahre gewählt. Neuer Präsident ist ab Januar der Österreicher Georg Pendl. Im Vorstand, der aus zehn Architektinnen und Architekten aus zehn Ländern besteht, wurde die Deutsche Ruth Schagemann bestätigt. Architektenstimme in Europa Der ehemalige langjährige Geschäftsführer der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen Wolfgang Haack wurde am 1. Dezember für seinen erfolgreichen Einsatz auf europäischer Ebene für die Belange der Architekten ausgezeichnet. Der Award of Merit des ACE würdigt über 20 Jahre ehrenamtliches Engagement für eine zeitgemäße Anerkennung von Berufsqualifikationen sowie für Wettbewerbs- und Honorarfragen. Nah am Wasser gebaut Warum sollten nur Bootsbaufirmen Hausboote bauen? Als Architekt dürfte aber die Suche nach Regeln für Genehmigung und Konstruktion schwierig werden, zumal noch keine Landesbauordnung Vorschriften dazu enthält. Ein Merkblatt des Vereins „Internationale Bootsexperten e.‡V.“ informiert nun über das Wasserrecht, über Schwimmkörper und Liegeplätze und über den Anschluss an Versorgungsleitungen. Das 102-seitige Dossier kostet 375 Euro. www.bootsexperten.eu

Neues Architektenrecht

Foto: Fotolia Zum 1. Januar wurden die zwei neuen Begriffe „Planungsgrundlage“ und „Kosteneinschätzung“ eingeführt. Was bedeuten sie? Von Daniel Halswick „Baukosten werden häufig bereits beziffert bevor belastbare Planungenvorliegen“stellt die Reformkommission zum Bau von Großprojekten in ihremEndbericht fest. „Schätzungen sind zum Teil politisch motiviert, vernachlässigen bestehende Risiken und liegen häufig deutlich unter den tatsächlich zu erwartenden Kosten.“ Weiter heißt es„ „Bauherrenwünsche werden (…) häufig nicht sorgfältig ermittelt. Es fehlt an der intensiven und aufwendigen Auseinandersetzung mit den Besonderheiten eines (Groß-)projekts (…). Ungenaue oder unvollständige Bedarfsplanungen führen in einem späteren Projektstadium zu Planungsänderungen und damit zu Mehrkosten“. Neues gesetzliches Leitbild Da kommen die beiden neuen Begriffe „Planungsgrundlage“ und „Kosteneinschätzung“, die mit dem neuen Architektenvertragsrecht am‘ 1. Januar 2018 eingeführt wurden, gerade recht. Zu den neuen vertragstypischen Pflichten heißt es im Gesetz zunächst: „„Durch den Architekten- oder Ingenieurvertrag wird der Unternehmer verpflichtet, die Leistungen zu erbringen, die nach dem jeweiligen Stand der Planung und Ausführung des Bauwerks oder der Außenanlage erforderlich sind, um die zwischen den Parteien vereinbarten Planungs- und Überwachungsziele zu erreichen“ (žŸ§ 650p Abs ‘1 BGB). Neben dem Zweck und der Größe des Vorhabens sind hier maßgeblich auch der Bezug zum Standort sowie Kosten und Termine gemeint. In Absatz“ 2 der Norm werden Planer dann verpflichtet, soweit wesentliche Planungs- und Überwachungsziele noch nicht vereinbart, sind eine Planungsgrundlage zur Ermittlung dieser Ziele und eine Kosteneinschätzung zu erstellen. Diese sollen dem Auftraggeberin einer sogenannten Zielfindungsphase bei der Entscheidung helfen, ob er das Bauvorhaben realisieren oder von dem neu vorgesehenen Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen möchte (siehe „Architektenvertragsrecht jetzt im BGB“), das Gegenstand weiterer Erörterungen im DAB sein wird. Zeitliche Abgrenzung im Projekt. PE: Projektentwicklung, PA: Projektabwicklung, OB: Objektbetrieb Der Zweck des zu planenden Gebäudes steht sicherlich schon  sehr früh fest, jedoch sind wesentliche qualitative (Art der Konstruktion, Materialität) oder quantitative Merkmale (Zahl der Geschosse) oder ähnliche Fragen noch offen. Klargestellt hat der Gesetzgeber mit der Einführung der Zielfindungsphase in der die zwei Begriffe zeitlich zu verorten sind, dass auch zu diesem frühen Zeitpunkt schon ein Vertrag vorliegen kann, die Erstellung von Planungsgrundlage und Kosteneinschätzung also zu vergüten ist. Damit kann nicht mehr –anders als bisher oft – von einer reinen Akquiseleistung ausgegangen werden. Definitionen noch vage Die Begriffe „Planungsgrundlage“ und „Kosteneinschätzung“ sind durch den Gesetzgeber  noch nicht näher definiert worden und haben weder einen Bezug zurDIN“ 276  noch – aus rechtssystematischen Gründen – zur HOAI, da diese eine Gebührenordnung ist, Das kannin der gängigen Projektpraxis zum einen zu Missverständnissen führen, zum anderen ist die Komplexität in dieser Projektphase nicht zu unterschätzen. Die Planungsgrundlage soll – in welcher Form auch immer – das noch zu planende Vorhaben beschreiben. Dies gingeüber textliche Beschreibungen und reine Kennzahlenbetrachtungen oder über erste Skizzen beziehungsweise über eine qualifizierte Machbarkeitsstudie. Zur Kosteneinschätzung gibt es ebenfalls keine Definition. Der Begriff ist neu, sodass davon ausgegangen werden kann, dass jede Art von Kostenermittlung angewendet werden darf. Eine Kostenschätzung nach DIN 276 ­€ist ausdrücklich nicht verlangt. Unterscheidung der Prozesse. Blau: Planungsgrundlage, Rot: Kosteneinschätzung, PE: Projektentwicklung, PA: Projektabwicklung, OB: Objektbetrieb Probleme suchen Beide Leistungen sind also in einer der Planung vorgelagerten „Vorprojektphase“ nach dem geläufigen Sprachgebrauch zu den neuen BGB-Regelungen in der „Zielfindungsphase“ zu erbringen. Zieht man die Fachliteratur zur Projektentwicklung heran, so lässt sich diese Phase definieren als Kombination der Faktoren Projektidee,  Standort und Kapital. Passen die drei Faktoren nicht zusammen, sind Zielkonflikte vorprogrammiert. Um diese zu vermeiden, Ziele zu identifizieren und sie in ihrer Priorität zu ordnen, ist eine sorgfältige Projektvorbereitung unter Abwägung möglichst vielerAspekte und Risiken wesentlich. Man spricht hie rauch vom „Problemesuchen“, während in der eigentlichen Planung und Ausführung die Probleme dann zu lösen sind. Ergebnis dieser Vorprojektphase beziehungsweise Zielfindungsphase sollte in jedem Fall eine plausible und seriöse Dokumentation der Ziele und Anforderungen an das Bauprojekt, also die vom Gesetzgeber vorgesehene Planungsgrundlage sein. Eine Aussage zurMachbarkeit ist dabei selbstverständlich wird in der Praxis aber leider zu oft vernachlässigt. Aus der Projektidee wird der nachgewiesene Bedarf, etwa in Form eines qualifizierten Bedarfsplans oder zumindest eines Raumprogramms, ermittelt. Der Standort wird als bebaubares Grundstück mit passendem Baurecht nachgewiesen oder der Weg dorthin zumindest aufgezeigt. Das für das Bauprojekt notwendige Kapital wird über eine Finanzierung mit eigenen und— oder fremden Mitteln nachgewiesen. Informationsmenge über den Projektverlauf. Blau: Planungsgrundlage, Rot: Kosteneinschätzung Probleme lösen Der Machbarkeitsnachweis ist sehr komplex, da die drei genannten Faktoren Projektidee, Standort und Kapital sich gegenseitig bedingen. In der Projektpraxis halten beispielsweise die quantitativen Anforderungen des Bauherrn einer baurechtlichen Prüfung oft nicht stand, – „der Bauherr wünscht es größer“. Oder die qualitativen Wünsche der Nutzer korrespondieren nicht mit der Finanzierung – „der Nutzer wünscht es schöner“. Solche Zielkonflikte und Spannungen entstehen sowohl innerhalb des Projekts als auch durch das Umfeld. Alle Anspruchsgruppen („Stakeholder“), die gegenwärtig oder in Zukunft direkt oder indirekt betroffen sind oder in irgendeiner Form Einfluss nehmen können, müssenermittelt und benannt werden. Der Bauherr wünscht es größer, der Nutzer will es schöner. Solche Zielkonflikte müssen dokumentiert und ausgeräumt werden. Oft scheitern Projekte aber gerade am Mangel an Information.  Insbesondere bei einer interdisziplinären Planungs- und Bauaufgabe, bei der arbeitsteilig geplant wird, ist dasGenerieren von Informationen elementar. Der Mitwirkungspflicht des Bauherrn kommt hier besondere Bedeutung zu. Das Resultat sollte bei Bauherr und Planer ein gemeinsames Verständnis vom Projekt sein, idealerweise derart dokumentiert, dass es eine vertragliche Basis für eine spätere Umsetzung darstellt. In dieser Phase ist also ein sorgfältiges und strukturiertes Vorgehen wichtig, mit dem Ziel, nicht lösbare Konflikte frühzeitig zu identifizieren und lösbare Konflikte zum Nachweis der Machbarkeit aufzulösen. Ist eine Realisierbarkeit gegeben, gilt es, die unterschiedlichen Ziele und Anforderungen zu ordnen und zu priorisieren. Das Ergebnis ist eine realisierbare Planungsgrundlage, also die Zusammenstellung der notwendigen Informationen über die Planungs- und Überwachungsziele für das neue Projekt. Strukturierte Bedarfsplanung. NBP: Nutzerbedarfsprogramm, RFP: Raum- und Funktionsprogramm Kosten einschätzen ohne Planung Nachdem die Informationsmenge in der Vorprojekt-, also Zielfindungsphase noch gering sein kann und eine Planung noch nicht vorliegt, stellt sich die Frage, mit welchen Methoden überhaupt belastbare Kostenaussagen möglich sind beziehungsweise ob über eine „Kosteneinschätzung“ eine seriöse Aussage der Planer gegenüber dem Bauherrn getroffen werden kann, die es ihm ermöglicht, eine fundierte Entscheidung über die Realisierung des Projekts zu treffen. Neben Standort, Zeitpunkt, Zeitrahmen und Marktlage sind Objektgröße und-standard maßgebliche Einflussgrößen. Sind diese bekannt, lassen sich über Kosten- und Mengenfaktor Baukosten ermitteln. Da die Vorprojektphase der Zielfindung dient und noch keine Planung vorliegt,  kann die Einschätzung über nutzungsbezogene Kostenermittlungsverfahren, etwa über Nutzungseinheiten oder Kostenflächenarten mittels Kennzahlen erfolgen. Letztere Methode ist beim öffentlichen Bauen, zum Beispiel im Krankenhausbau, bereits gängige Praxis. Für alle anderen,  meist bauwerksbezogenen Kostenermittlungsverfahren, ist eine Planung erforderlich. Die Kosteneinschätzung kann demnach je nach Durchdringungstiefe der Projektvorbereitung („Planungsgrundlage“) sowohl eine sehr grobe Einschätzung als auch eine detaillierte Ermittlung auf Basis einer sorgfältigen Machbarkeits- beziehungsweise Risikoprüfung sein – zu diesem Zeitpunkt allerdings noch ohne Planungen. Was wird sich ändern? Durch die fehlende Konkretisierung der beiden neuen Begriffe kann es zu Verwirrung kommen. In jedem Fall sind neue Vertragswerke erforderlich und der Abschluss schriftlicher Verträge mit eindeutiger Festlegung der Leistungen wird noch wichtiger. Dabei können und werden die Architektenkammern ihre Mitglieder unterstützen. Durch die neuen gesetzlichen Regelungen wurde der Grundsatz gestärkt, dass eine im Konsens zwischenBauherr und Planer beschlossene Zielsetzung wesentlich für den Projekterfolg ist. Prof. Daniel Halswick ist Geschäftsführer bei h2m Architekten und Immobilienökonom. Er lehrt Projektentwicklung und Projektmanagement an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Digitale Strategen

Das Entwerfen am Computer (hier im Programm Rhino) gehört im Büro sesa zum alltäglichen Handwerk – genauso das Bauen „echter“ Modelle. Sebastian und Iris Schott gehören zur ersten Generation von Architekten, die mit digitalen Entwurfswerkzeugen aufgewachsen ist. In der Digitalisierung sehen sie eine riesige Chance für die Architektenschaft – und einen Wettbewerbsvorteil für ihr kleines Büro. Von Stefan Kreitewolf Von drei Seiten einsehbar sitzt Sebastian Schott an seinem Schreibtisch am Rand der Stuttgarter Innenstadt. Dass er in seinem „Studio“ im Erdgeschoss wie im Schaufenster arbeitet, ist Prinzip. „Wir wollen wahrgenommen werden“, sagt der 39-Jährige, der vor der Selbstständigkeit für renommierte Architekturbüros tätig war, „Transparenz ist unser Geschäftsmodell.“ Gemeinsam mit seiner Frau Iris, die zuvor in verschiedenen Architekturbüros in Niedersachsen arbeitete, führt er das Büro „sesa“. Transparenz bedeutet für beide digitales Arbeiten. Anders als viele Berufskollegen, die die Digitalisierung als notwendiges Übel betrachten, sehen die zwei darin eine riesige Chance. Schott malt begeistert eine Zukunft aus, in der Bauherr und Architekt gemeinsam auf der Baustelle digital Wände einziehen und auf dem Tablet in Sekundenschnelle zwischen verschiedenen Innenausbauten springen können. „Ein Wisch und alles sieht anders aus“, sagt Schott, der an der ABK Stuttgart in der Klasse für innovative Bau- und RaumkonzepteŽ/ŽDigitales Entwerfen lehrt. „Wir wollen durchschaubare Prozesse, die den Bauherrn am Scha’ffensprozess teilhaben lassen. Das lehre ich auch“, sagt Schott, der zu der ersten Generation von Architekten gehört, die mit digitalen Entwurfswerkzeugen aufgewachsen ist. Die sesa-Architekten nutzen selbst das Programm Rhinoceros. „Es unterscheidet sich von herkömmlichen CAD-Programmen, da man einfach komplexe Geometrien erzeugen kann“, sagt Schott. Diese ließen sich wiederum exakt kontrollieren. „Wir erarbeiten uns den Raum quantitativ und qualitativ durch räumliches Konstruieren“, berichtet der Architekt. Dabei arbeite er nicht mit Bibliotheken oder Bauteilen wie im CAD. „Die Software nutzen wir als konzeptionelles Entwurfswerkzeug – alle gestaltungsrelevanten Informationen werden im 3D-Modell getestet, weiterentwickelt und dann in die Planung integriert“, führt Schott aus. „Wir bewegen uns ständig zwischen den Welten. Parallel skizzieren wir mit der Hand und am Rechner und bauen auch physische Modelle – oder lassen sie mittels 3D-Drucker herstellen“, erläutert Schott seine Arbeitsweise. So überprüfe und hinterfrage er sich immer wieder selbst. Die Technik zur Erzeugung der Inhalte sei dabei zweitrangig. Die Qualität sei das Wichtigste. Büro- und Ehepartner Das kleine Büro hat sich auf die Leistungsphasen 1 bis 5 spezialisiert. „Unsere Bauherren wissen es inzwischen zu schätzen“, sagt Schott. Zu Beginn seien potenzielle Bauherren skeptisch gewesen und wollten „am liebsten alles aus einer Hand von einem Architekten ausgeführt bekommen“. Mit Überzeugungsgeschick räumten sie diese Bedenken aus. Mittlerweile zählen Wohnungsbau ebenso wie Ausstellungskonzepte, Innenausbau und -umbau sowie Neubauten für kulturelle Einrichtungen und Produkt- und Möbeldesign zum Portfolio. Das habe alles aber einige Zeit gedauert, berichtet Schott. Als er 2012 eine Professur in Trier vertrat, nutzte er die Chance, die ihm das sichere Einkommen bot, und machte sich „nebenher“ selbstständig. Seine Frau zog mit und arbeitete parallel weiter in Teilzeit für andere Büros. „Die ersten Monate haben wir nur an Wettbewerben gearbeitet“.  Daraus seien zwar zunächst keine Aufträge entstanden, „aber wir hatten den Kontakt zu potenziellen Bauherren und waren im Gespräch“. Das sei ein guter Startpunkt gewesen. Den ersten Auftrag des Büros, den Entwurf für ein Quartier mit 30 Wohnungen in Wesel am Niederrhein, sicherte sich sesa über einen direkten Kontakt zum Bauträger. Heute füllt sich das Auftragsbuch, das Büro trägt sich. „Wir haben uns mittlerweile ein gutes Netzwerk erschlossen“, sagt Schott optimistisch. Privat- und Berufsleben zu teilen, ist für die beiden kein Problem. „Wobei wir natürlich durch Entscheidungen im Job auch die Konsequenzen im Privaten zu spüren bekommen“, sagt Schott. Prinzipiell freut ihn aber nach Jahren in anonymen Großraumbüros das familiäre Umfeld. „Bei uns ist es ganz normal, dass auch mal die Kinder durchs Büro rennen“, erläutert er. Das habe den Vorteil, dass die Familie trotz Selbstständigkeit und der Berufstätigkeit beider Elternteile viel Zeit miteinander verbringe. Gelungene Visualisierung: Im Realisierungswettbewerb für die Städtische Bibliothek Heidenheim schaffte es das Architektenpaar 2014 bis ins Finale. Augmented Reality – „das nächste große Ding“ In Zukunft soll das Büro wachsen, wenn es das Auftragsvolumen zulässt. Mitarbeiter wollen die Stuttgarter erst einstellen, wenn sie sie auch anständig bezahlen können. Bis dahin sind sie froh, ihre eigenen Chefs zu sein. „So können wir neue Ideen viel schneller und besser umsetzen.“ Künftig möchten die beiden mehr mit Augmented Reality (AR) arbeiten. Sebastian Schott erklärt: „AR erlaubt es, ein reales Bild mit digitalen Informationen mittels Smartphone oder Tablet zu überlagern – in Echtzeit und vor Ort.“ In der Technik sieht Schott die Chance, digitale, dreidimensionale Darstellungen bei der Planung komplexer Bauprojekte direkt auf der Baustelle zu nutzen – der bisherige Medienbruch von oft dreidimensionalen Computermodellen zu zweidimensionalen Plänen, die zum Bau eines wiederum dreidimensionalen Gebäudes dienen, könnte so überwunden werden. Auch bei der Präsentation von Modellen ist das Verfahren nützlich, um schnell Änderungswünsche umzusetzen. „Zum Beispiel könnten so digitale Modelle mit physischen Gebäuden kombiniert werden, um den Auftraggebern direkt am Haus Gestaltungsmöglichkeiten zu zeigen“, erläutert Schott. Um die Zukunft Realität werden zu lassen, testen er und seine Frau derzeit passende Programme und technische Infrastrukturen. Aktuell sehen sie in AR einen großen Wettbewerbsvorteil. Deswegen arbeiten sie fieberhaft an der Erweiterung ihrer technischen Möglichkeiten. „AR ist das nächste große Ding“, ist sich Schott sicher. „Und wir werden dabei sein.“ Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Klein“ finden Sie in unserem DABthema Klein

Kleiner Lesestoff

Sweeney’s Bothy: Die einfache Hütte des Künstlers Alec Finlay liegt einsam auf den zu Schottland gehörenden Hebriden. (Foto aus: Jane Field-Lewis, Tiny Houses) Alles wird immer größer? Von wegen! Das kleine Haus ist zumindest vom Buchmarkt derzeit nicht wegzudenken. Meist sind damit Ferienhäuser gemeint. In Japan jedoch wird tatsächlich auf immer weniger Raum gewohnt. Und warum soll man in einer mobilen Gesellschaft sein Haus nicht einfach mitnehmen? Vier Buchtipps für große und kleine Fans von Architektur im Klein- bis Kleinstformat. Von Heiko Haberle KLEINE REFUGIEN Der Markt ist derzeit voll von Büchern, die das einfache Leben als Aussteiger in einsamen Hütten zelebrieren und ästhetisieren. Romantiker kommen auch bei diesem Titel dank großer Bilder von gemütlichen Häuschen an einsamen Orten auf ihre Kosten. Doch dazu werden auch die persönlichen Geschichten erzählt: Warum wählte der Architekt jenes Material? Welche landschaftliche Besonderheit oder traditionelle Bauform war inspirierend? Wie leben die Bauherren darin? Auch die Häuser haben etwas Persönliches: Nicht alles ist vom Architekten entworfen, vieles wurde auf charmante Weise selbst gemacht. „Tiny Houses“ ist weniger als ein Fachbuch, aber mehr als ein Bilderbuch. Es ist ein Architekturbuch, auch für Nicht-Architekten. Jane Field-Lewis, aus dem Englischen von Claudia Arlinghaus, Trude Stegmann Tiny Houses Hütten, Strandhäuser & Lauben Knesebeck Verlag, München, 2017 240 Seiten, 29,95 Euro KLEINE HÄUSER FÜR KLEINE LESER Was für tolle Ideen Architekten doch haben, denkt man sich beim Schmökern in diesem bunten Kinderbuch, das zumeist kleine Häuser nicht nur präsentiert, sondern auch erklärt. Diese liebenswert verrückten Erfinder entwerfen aufblasbare Hüllen oder Baumhäuser, hängen einen Würfel wie einen Rucksack an ein Hochhaus, sanieren Wassertürme oder bauen Behausungen komplett aus Schnee oder Sand. Diese etwas andere Tour durch die Weltarchitektur kommt ganz ohne Fotos aus. Die kurzen Texte erklären, was sich die Schöpfer bei ihren eigentümlichen Konstruktionen so gedacht haben, die fantasievollen Zeichnungen heben genau das hervor, was sonst oft untergeht: Kreativität und Einfallsreichtum von Architekten. Aleksandra Machowiak, Daniel Mizielinski, aus dem Polnischen von Dorota Stroinska Treppe Fenster Klo Die ungewöhnlichsten Häuser der Welt Moritz Verlag, Frankfurt a. M., 2010 156 Seiten, 19,95 Euro KLEINER GEHT’S NICHT MEHR Wie klein kann ein Haus sein, ohne seine behausende Funktion zu verlieren? Dieses kleinformatige, aber bildgewaltige Kompendium zeigt fast 300 Kleinarchitekturen für einen nomadischen Lebensstil. Viel zu lesen gibt es dabei nicht. Trotzdem wird es nicht langweilig, denn die witzigen und durchdachten Gefährte sind alle unterschiedlich. Sie haben ein bis fünf Räder (oder mehr), rutschen auf Kufen oder schwimmen. Einige sind motorisiert, andere benötigen Muskelkraft. Sie sind echte Alleskönner mit Tisch, Bett und Kochgelegenheit oder aber ganz minimalistische Zeltkonstruktionen zum Ausfalten oder Aufblasen. Das allerkleinste Haus trägt man direkt am Körper. Peter Lustigs Wohnwagen ist gegen diese mobilen Behausungen ein schwerfälliges Monstrum. Rebekka Roke, aus dem Englischen von Michael Auwers Mobitecture Mobile Architektur Phaidon Verlag, Berlin, 2017 320 Seiten, 22,95 Euro KLEINE RÄUME GANZ GROSS Angesichts auch bei uns immer enger werdender Städte schauen viele nach Japan, wo bei den Hausgrößen offenbar keine Grenzen nach unten gesetzt sind. Durch Stapeln und Verschachteln entstehen extrem effiziente, aber auch räumlich äußerst spannende Architekturen auf kleinstem Raum. 18 Projekte werden mit vielen Fotos und Grundrissen dokumentiert. Dass ihre minimalistische Ästhetik hiesigen konstruktiven und energetischen Standards keineswegs entspricht, verschweigt die Publikation nicht. Dennoch werden Detaillösungen vorgestellt, die auch nach deutschen Normen machbar wären. Begleitend werden die baurechtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe beleuchtet, die dazu führen, dass vererbte Grundstücke geteilt und dadurch immer kleiner werden. Christian Schittich (Hg.) Wohnkonzepte in Japan Typologien für den kleinen Raum Edition Detail, München, 2016 144 Seiten, 39,90 Euro zweisprachig deutsch/englisch Weitere Buchtipps zu Raumwundern finden Sie hier und hier Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Klein“ finden Sie in unserem DABthema Klein

„Wir sollten uns unserer Verantwortung bewusst sein“

Nach 16 Jahren fand erstmals wieder ein Weltklimagipfel in Deutschland statt. Ralf Niebergall und Heiner Lippe waren für die Architektenschaft dabei. Interview: Brigitte Schultz Herr Niebergall, Herr Lippe, Sie haben die BAK im November auf der UN-Klimakonferenz in Bonn vertreten. Ist die Präsenz von Architekten dort eine Selbstverständlichkeit? Niebergall: Leider nein. Obwohl Architekten mit ihren Planungen erheblichen Einfluss nehmen auf Rohstoverbrauch und Emissionen, war es ein hartes Stück Arbeit, unsere Experten in einem Programm zu platzieren, in dem sich viele Staaten und noch mehr Institutionen mit ihren Interessen wiederfinden möchten. Lippe: Es gibt eine Tendenz, Klimaschutzziele entweder durch Regulierungen und Vorschriften erreichen zu wollen oder das Heil in rein technischen Lösungen zu suchen. Demgegenüber war es uns wichtig, dem ganzheitlicheren Ansatz, den Architekten und Planer verfolgen, Gehör zu verschaffen. Im Rahmen des Architects’ Council of Europe (ACE) haben wir daran bereits lange im Vorfeld der Konferenz gearbeitet. In welchem Rahmen konnte sich die Architektenschaft dann auf der Konferenz einbringen? Lippe: Auf den sogenannten „Building Days“ diskutierten Architekten mit Experten aus internationaler Politik und Wirtschaft über konkrete Handlungsfelder im Gebäudebereich. Eine zweite Veranstaltung, der „Human Settlements Day“, griff übergreifende Aspekte auf, zum Beispiel die Förderpolitik in verschiedenen Regionen oder Finanzierungsfragen. Auf meinem Podium sollte nur über Wege zum CO2-neutralen Gebäude geredet werden. Ein viel zu enger Fokus! Auf welche Weise wurde der Zusammenhang zwischen Klima und gebauter Umwelt von  dieser Runde diskutiert? Niebergall: Ich selbst saß auf einem Podium, bei dem eigentlich nur über Wege zum CO2-neutralen Gebäude geredet werden sollte. Ein viel zu enger Fokus! Wenn man nur das Gebäude im Betrieb betrachtet, kann man sich leicht einen schlanken Fuß machen. Schwierig wird es doch erst, wenn man den gesamten Kreislauf – also auch Produktion, Transport, Wartung, Erneuerung, Entsorgung – mit einbezieht. Lippe: Ja, Ausgangspunkt war die verbreitete Ansicht, das Klima wäre ausschließlich mit Maßnahmen zur Energieeœzienz in den Griff zu bekommen. Dabei wird recht konservativ an Haustechnik und Dämmung gedacht. Aber für weitere Zusammenhänge, beispielsweise Gestaltung, Akzeptanz oder Quartiersstruktur, mussten wir viele erst sensibilisieren. Niebergall: Es muss auch um die soziale Balance gehen. Was ist mit der wachsenden Anzahl von Menschen, die sich Strom- und Heizungskosten nicht mehr leisten können – oder auf der anderen Seite nach einer energetischen Sanierung die Miete nicht mehr zahlen können? Wir können nicht nur energieeffizient für die bauen, die es sich leisten können. Wie groß ist das Bewusstsein bei den internationalen Entscheidungsträgern, was Architektenhierzu beitragen können? Lippe: Das Bewusstsein ist eher mäßig und wird auch nicht stark unterstützt. Im Gegenteil! In einem deutschen Ministerium hieß es letztens sinngemäß: „Klimaschutz hat in erster Linie zu tun mit Wirtschaft und Finanzwelt, dann irgendwann mit dem Ingenieurwesen. Architekten spielen da eine untergeordnete Rolle.“ Niebergall: Wir müssen aufpassen, dass die Meinungsführerschaft nicht von all den Energieagenturen übernommen wird, die weltweit ein gutes Geschäft mit Labels und Zertifikaten für Niedrig- oder Null-Energie-Häuser machen und sich auch auf der Klimakonferenz in Szene zu setzen wussten. Wenn wir wirklich nachhaltig denken, muss es von der Flexibilität der Grundrisse bis zu städtebaulichen Fragen von Dichte, Durchgrünung oder Mobilität gehen. Diese Kernkompetenzen von Architekten, Stadtplanern und Landschaftsarchitekten müssen wir noch viel stärker in die ö”ffentliche und politische Diskussion einbringen. Inwieweit kann man auf einer globalen Konferenz spezifisch europäische oder deutsche Probleme und Lösungsansätze diskutieren? Niebergall: Die weltweiten Unterschiede sind natürlich riesig. Während in Deutschland der Neubau, statistisch gesehen, kaum eine Rolle spielt, sind in Afrika erst sieben Prozent der Gebäude gebaut, die laut Prognosen bis 2050 gebraucht werden. Dennoch ist es möglich, sich über Methoden zu verständigen, ohne in den alten Fehler zu verfallen, dass wir Europäer der Welt zeigen, wie es geht. Lippe: Wir haben in Deutschland und Europa viele Erfahrungen gemacht und Methoden und Handlungsmodelle erprobt, die international diskutiert werden sollten. Hat die Klimakonferenz konkrete Folgen für den Baubereich? Niebergall: Es wurden zumindest einige gemeinsame Schritte empfohlen. Der weltweite Datenbestand soll verbessert werden, errechneter und tatsächlicher Energieverbrauch eines Gebäudes sollen besser miteinander abgeglichen werden, um das Verhältnis von Aufwand und Nutzen beurteilen zu können. Dafür sollen gemeinsame Begri›fflichkeiten und Messgrößen vereinbart werden. Zum Beispiel wird eine Basisgröße wie die Nettogrundfläche überall anders berechnet! Dass die ehrgeizigen Klimaziele ohne zielgenaue staatliche Förderung nicht zu erreichen sind, darin waren sich alle einig. Wie ambitioniert dabei die einzelnen Staaten sind, liegt freilich in deren Händen. Lippe: Die Positionen, die im Rahmen des Expertensymposiums erarbeitet wurden, werden über die „Global Alliance for Building and Construction“, eine einflussreiche Initiative für den Klimaschutz im Baubereich, weiterbearbeitet und publiziert. Im Rahmen des ACE verfolgen wir weiter sehr aufmerksam die Entwicklungen auf europäischer Ebene. Werden wir die Welt retten? Niebergall: Die Welt braucht uns ja nicht. Es wird wohl eher darum gehen, uns selbst zu retten. Architekten können das natürlich nicht allein, aber in der Kommunikation mit Auftraggebern und der Öff”entlichkeit und mit ihren Entscheidungen haben sie großen Einfluss und damit verbunden eine hohe Verantwortung. Lippe: An der Wand des Dänischen Architektur Zentrums prangte vor einigen Jahren der Slogan „What if architects can change the world?“ Ich denke, dass wir das seit Menschengedenken tun. Das Leben findet in der Umwelt statt, die wir planen und bauen. Dieser Verantwortung sollten wir uns heutzutage nur wieder bewusst sein. Ralf Niebergall: Der Architekt, Professor und ehemalige Dekan ist Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer. Er leitet den BAK-Arbeitskreis Internationales und ist „Head“ der deutschen Delegation im Architects’ Council of Europe (ACE). Heiner Lippe: Der Architekt und Professor ist Vorstandsmitglied der AK Niedersachsen und leitet deren Ausschuss „Klimaschutz und Nachhaltigkeit“. Für die BAK sitzt er im Arbeitskreis Internationales und im ACE-Board „Responsible Architecture“.

Gutes neues Jahr!

Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer Ein politisch spannendes Jahr 2018 und eine überaus interessante Legislaturperiode liegen vor uns. Noch kennen wir weder die Zusammensetzung der neuen Bundesregierung noch wissen wir, welche baupolitischen Schwerpunkte sie setzen wird. Aber sicher ist, dass das Europäische Kulturerbejahr (ECHY) unseren Blick auf gemeinsame Wurzeln und Verpflichtungen für die Zukunft lenken wird. Es ist richtig, dass Europa im Jahr 2018 den Blick auf sein kulturelles – und damit auch sein baukulturelles – Erbe richtet, auf diese ganz besondere Einheit in Vielfalt, die es so einzigartig macht. Die Auslobung des BAK-Medienpreises 2018 wird daher diesen Schwerpunkt aufnehmen. Auch der Tag der Architektur wird dieses Jahr mit dem Motto „Architektur bleibt“ einen Beitrag zum ECHY leisten. Präsidium und Vorstand haben sich für die Arbeit der Bundesarchitektenkammer einiges vorgenommen und übergeordnete Ziele identifiziert. Als Schwerpunkte unserer Arbeit sehen wir eine weitere Stärkung der Freiberuflichkeit und die Förderung des Mittelstands als unverzichtbare Säule der Wirtschaft. Hier wollen wir insbesondere dazu beitragen, dass die Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette Bau verbessert wird. Darüber hinaus gilt es, unsere professionelle Position als freier Beruf zu sichern, von der Honorarordnung bis hin zu Renten- und Krankenversicherung. Wir müssen gemeinsam dafür werben, dass Bundestag und Bundesregierung auch in ihrer neuen Zusammensetzung für den Erhalt der HOAI eintreten und unsere Versorgungswerke nicht beeinträchtigen. Weiterhin soll die vertrauensvolle Kooperation und Aufgabenteilung der Planenden und Ausführenden erhalten bleiben. Eine große berufspolitische Herausforderung bleibt die rasch voranschreitende Digitalisierung, die uns weiter in all ihren Facetten beschäftigt. Die Einführung von BIM werden wir auch bei den nächsten Schrittten aktiv begleiten. Als Planer sind wir prädestiniert, die Fäden bei BIM in der Hand zu halten: Wir haben den Überblick über alle Leistungsphasen und Beteiligten. Besonders bedeutend ist der Wissenstransfer. Hier haben die Architektenkammern Deutschlands in den letzten Monaten sehr viel bewegt – gerade im Hinblick auf den einheitlichen Ausbildungsstandard für BIM, den nun auch die Ingenieurkammern übernehmen wollen. Ein weiterer Schwerpunkt wird das Bauen im Bestand sein – nie war es aktueller und dringlicher, sich mit dem Umbau unserer Städte und Gemeinden zu beschäftigen und diese zukunftsfähig zu machen. Der gesamte Berufsstand – Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner – muss hier mitwirken! Der Fokus wird dabei nicht nur auf Städten, sondern auch auf dem ländlichen Raum und den Beziehungen zwischen den Siedlungsräumen liegen. Hier werden wir die Politik anregen, Impulse zur Umsetzung notwendiger Infrastrukturmaßnahmen, insbesondere des ÖPNV, zu geben. Auf dem Weg zur Ratspräsidentschaft Deutschlands werden wir weiterhin darauf hinwirken, den Wandel von der Charta von Athen zur Leipzig Charta voranzutreiben. Noch immer gibt es hier viel zu tun, gerade im Hinblick auf die Baunutzungsverordnung. Last, but not least haben wir uns für 2018 vorgenommen, dafür zu sorgen, dass die Exportförderung gestärkt wird: Deutsche Planungsqualität hat Weltruf – das Engagement der Politik sehen wir trotz aller Anstrengungen noch immer als ausbaufähig an. Viele Aufgaben warten also auf uns. Mit Freude und Zuversicht gehen wir sie gemeinsam mit Ihnen an. Ihnen allen ein gesundes, erfolgreiches und friedliches neues Jahr voll spannender Erkenntnisse und mit vielen Anlässen zur Lebensfreude!

Gebaute Akquise

Oben auf: Das Bürogebäude in Königsbrunn war im früheren Leben eine schlichte Doppelgarage aus Sichtbeton. Aufgestockt um einen Massivholz-Baukörper, entstanden daraus die eigenen Büroräume von 17A – mit Panoramablick auf die Kleinstadt. Andere bauen sich in ihrem Alter ein Einfamilienhaus. Stefan Degle und Andreas Matievits investierten das Geld lieber in einen Neubau für ihr Architekturbüro 17A, dem sie so zu einem gelungenen Start verhalfen. Von Stefan Kreitewolf Der Eingangsbereich aus Beton, die oberen Etagen aus Holz, das Innere in Industrieoptik: Wer Stefan Degle und Andreas Matievits besucht, soll beeindruckt werden. Das gehört bei ihnen zum Geschäftsmodell, und ihr selbst entworfenes Bürogebäude bewirkt es von ganz allein. Im kleinen Königsbrunn im Schwäbischen, wo ihr Büro 17A beheimatet ist, sticht die aufgestockte, ehemalige Beton-Doppelgarage besonders heraus. „Dass Königsbrunn unser Firmensitz wurde, ist allerdings eher Zufall“, berichtet Degle. 2009, als sich die beiden ehemaligen Kommilitonen entschieden, gemeinsam den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen, arbeitete er im benachbarten Architekturbüro seines Vaters. Als beide dann nach geeigneten Räumlichkeiten in Augsburg und München suchten, fiel sein Blick auf die gegenüberliegende Doppelgarage. Matievits erinnert sich: „Spontan entwickelte sich die Idee, daraus mittels einer Aufstockung unser Bürogebäude entstehen zu lassen.“ Ein Turm in der Kleinstadt? „Warum nicht?“, sagen die beiden Büroinhaber fast gleichzeitig. Sie schätzen den kleinstädtischen Raum als Standort. „So müssen wir uns nicht dem Konkurrenzkampf in der Großstadt aussetzen“, sagt Matievits, der selbst in München wohnt und jeden Tag eine Stunde nach Königsbrunn pendelt. Ihr Portfolio zeigt: Geschadet hat es ihnen nicht. Nach einigen gewonnenen Wettbewerben und zahlreichen realisierten Bauten haben sie sich in der Region einen Namen bei privaten Bauherren gemacht. „Wir realisieren zu 80 Prozent Wohnungsbau“, berichtet Matievits. Darunter sind nicht nur Einfamilienhäuser, sondern auch größere Bauvorhaben wie aktuell eine Wohnanlage für Sozialwohnungen sowie Mehrfamilienhäuser in Augsburg und Umgebung. Degle, der durch seine Familie schon sehr früh über ein gutes Netzwerk von Planern, Fachleuten und Bauherren verfügte, berichtet: „Wir verfolgen auch noch eine andere Strategie und versuchen selbst, Projekte zu entwickeln.“ Das Büro investiere zwar selbst nichts, erarbeite aber Vorplanungen und stelle Kontakte her. „Da gehen wir zwar regelmäßig in Vorleistung, aber am Ende lohnt sich das meistens“, sagt der 44-Jährige. Von der Vorplanung bis zur Bauleitung machen sie oft alles selbst. Ihr eigenes Bürogebäude war da eine gute Übung. Alles aus einer Hand Nach der Planung sei bei 17A alles in einer Hand. „Von den vorderen Leistungsphasen bis zur Bauleitung machen wir oft alles selbst“, sagt Degle. Ihr eigenes Bürogebäude, das sie mit einem privaten Darlehen finanzierten und das „weit weniger als ein kleines Einfamilienhaus kostete“, wie Degle erläutert, war da eine gute Übung. Dass ihr Erstling 2017 für die „Architektouren“ am Tag der Architektur ausgewählt wurde, machte die beiden ehemaligen Kommilitonen besonders stolz. Blickfang: Die in den Betonsockel gehängte Holztreppe erhielt ihren expressiven Anthrazit-Farbton durch eine schwarze Silikatbeschichtung. Alltag: Durch einige Wettbewerbsgewinne und Realisierungen wurde 17A bei privaten Bauherren bekannt. Heute ist das Büro zu 80 Prozent im Wohnbau tätig (das Foto zeigt ein Einfamilienhaus in Augsburg). Mittlerweile zählt das Büro vier feste Mitarbeiter und wächst stetig. Das sei einem einfachen Umstand geschuldet. „Wir sprechen architektonisch die gleiche Sprache“, sagt Matievits. Degle ergänzt: „Das ist schon ein großes Glück. Der Weg zum guten Ergebnis ist aber trotzdem oft mit viel Diskussion verbunden, bis wir dann beide zufrieden sind.“ Zurzeit bauen Degle und Matievits weitere Referenzen auf. Künftig wollen sie auch öffšentliche Auftraggeber anziehen. „Das ist nicht so einfach“, erläutert Matievits und ergänzt: „Weil man für Bauvorhaben der öffšentlichen Hand immer erst Referenzen aufweisen muss, ist es für uns als kleines Büro häufig schwierig, überhaupt in die engere Auswahl zu kommen.“ Obwohl 17A wirtschaftlich gut dastehe, sei das ein „Ärgernis“ und „manchmal geschäftshemmend“, wie der Architekt es formuliert. Diese Schwierigkeiten wollen die beiden Büroinhaber aber auch noch lösen. Degle bekräftigt: „Davon lassen wir uns nicht beeindrucken.“ Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Klein“ finden Sie in unserem DABthema Klein

Akustik simulieren

Virtual Reality für die Ohren: Mit Visualisierungs- und Auralisationslösungen lassen sich Projekte interaktiv und multimedial vermitteln. Mit der neuesten Software kann die akustische Wirkung von Räumen und Bauteilen nicht nur berechnet, sondern auch virtuell hörbar gemacht werden. Von Marian Behaneck Genügt die Akustik den Anforderungen? An welcher Stelle sind Lautsprecher optimal angebracht? Kann die Akustikdecke störende Halleffekte beseitigen? Können Schallschutzfenster den Straßenlärm fernhalten? Um diese und weitere Fragen zu klären, kamen in der Raum- und Bauakustikplanung bisher ausschließlich sogenannte Modellmessverfahren mit maßstäblichen Holz-, Gips- oderPlexiglasmodellen zum Einsatz. Heute sind Berechnungs- und Simulationsprogramme in der Akustikplanung Standard. Die Palette reicht von einfachen Programmen für die Analyse individueller engumgrenzter akustischer Probleme über den Nachweis von Bauteilen, die Analyse komplexer Raumformen oder die Berechnung von Lärm in Arbeitsstätten sowie dieÜberprüfung von Lärmminderungsmaßnahmen bis hin zur Echzeit-Auralisation architektonisch anspruchsvoller Räume und Gebäude inklusive interaktiver Objektbegehung per VR-Brille. Bei der Auralisation werden vom Computer berechnete akustische Vorgänge und Größen als Audiodateien ausgegeben und per Lautsprecher oder Kopfhörer hörbar gemacht. Welche Lösungen gibt es und wie funktionieren sie? Die Analyse anspruchsvoller akustischer Szenarien setzt in der Regel ein dreidimensionales Raum-oderGebäudemodell voraus, †das alle akustisch relevanten Strukturen geometrisch definiert.  Entweder liegt es im Zusammenhang mit der Gebäudeplanung ohnehin schon vor und kann per DXF-†, DWG- oder IFC-Schnittstelle importiert werden oder es muss mit einem internen‘ 3D-Editor oder externen 3D-CAD-Programm neu modelliert werden. In CAD-Programme integrierte Lösungen (z.B. Auratorium) erübrigen sich die sonst üblichen umständlichen Arbeitsschritte:– CAD-Modelleingabe, †anschließender Import in die Raumakustiksoftware†, Simulation, †anschließende Änderung des CAD-Modells, †erneuter Import etc. Bevor der zu untersuchende Raum für die Berechnung vorbereitet wird†, sollten die individuellen Rahmendaten analysiert und eine Zielvorgabe definiert werden. Anschließend müssen die Art der Schallquelle und des Empfängers†, deren Position und mögliche Bewegung, †Übertragungswege,  †raumakustische Oberflächeneigenschaften †wie Absorptions-, und Streugrade† und andere Randbedingungen definiert werden. Das FEM-Netz (Finite-Element-Methode†)  wird entweder manuell oder vom System automatisch imHintergrund erzeugt. Danach kann der Berechnungsvorgang gestartet werden. Die Ergebniswerte (Nachhallzeit†, Schalldruckpegel oder der Sprachübertragungsindex als Messgröße für die Sprachverständlichkeit etc.) werden tabellarisch oder in Form sogenannter Isolinien-, oder Isoflächengrafiken ausgegeben.  Dabei werden Bereiche mit identischen Ergebniswerten mit einer Linie respektive Farbfläche markiert und so die Vielzahl der Ergebniswerte einfacher „lesbar“gemacht. Mit speziellen Programmen zu rnormgerechten Berechnung bauakustischer Eigenschaften (z.B. BASTIAN†, CadnaA, †CadnaR†, IRIS†, INSUL, †SONarchitect, ISO etc.) lassen sich Baumaterialien, †Bauteile oder Räume†, Luft-, und Trittschallisolierungen†, Schallübertragungen oderSchallabsorptionen analysieren und nachweisen. Trotz immer einfacherer Bedienung sind nicht alle bauakustischen Programme für den Einsatz in Architekturbüros geeignet. Insbesondere Simulationssoftware zur Echzeit-Auralisation setzt profundes Fachwissen und die langjährige Erfahrung eines Akustikplaners voraus†, der die Ergebnisse bewerten und einschätzen kann. Typische Berechnungsmethoden Gestalterische Wünsche oder funktionale Anforderungen von Planern und Bauherren widersprechen nicht selten den akustischen Erfordernissen. Hier kann die numerische Akustik helfen, beide Anforderungen in Einklang zu bringen. Entscheidend ist jedoch eine physikalisch korrekte Modellierung aller Randbedingungen, die Berücksichtigung aller relevanten Frequenzbereiche, die Kopplung zwischen den Modellen für Luft- und Körperschall sowie von Dämpfungsmechanismen. Auch durch rechenzeitsparende Vereinfachungen, ein zu grobes FEM-Rechengitter, ungenaue Randbedingungen oder vernachlässigte akustische Szenarien können Ungenauigkeiten und Fehler entstehen, die zu falschen Ergebnissen führen. Akustik berechnen und simulieren Je nach Objekt und der jeweiligen Problemstellung kommen dabei verschiedene Berechnungsmethoden einzeln oder kombiniert zum Einsatz: Spiegelschallquellen- oder Strahlenverfolgungsverfahren (Raytracing), die BEM- oder FEM-Berechnungsmethode. Auf dem Spiegelschallquellen- und Raytracing-Verfahren basierende Programme sind inzwischen Standardwerkzeuge der Raumakustikplanung. Dabei werden – analog zur Optik – akustische Vorgänge näherungsweise durch Schallstrahlen und Reflexionsvorgänge in Abhängigkeit von der Entfernung zum Empfänger und den Absorptionsgraden der Flächen mathematisch beschrieben. Dadurch lassen sich raumakustische Kenngrößen, wie etwa Nachhallzeiten oder Schallpegel berechnen. Ihre Grenze haben die Verfahren bei tiefen Frequenzen und kleinen Räumen mit hohen akustischen Anforderungen, wie etwa Tonstudios. Sollen niederfrequente, nicht-diffuse Schallfelder, Schalldämmmaße komplexer Wandaufbauten, Eigenfrequenzen, Strukturschwingungen, Schalldrücke und Schallleistungen zur Abschätzung von Lärmbelastungen berechnet werden, ist die Finite Elemente Methode (FEM) besser geeignet. Sie berücksichtigt die Wellennatur des Schalls und somit beispielsweise auch Beugungseffekte oder Wellenüberlagerungen (Interferenzen). Die FEM ist ein numerisches Berechnungsverfahren, das auch in der Baustatik zur Berechnung örtlicher Spannungen und Verformungen zum Einsatz kommt. In der Akustik wird das zu untersuchende Raumvolumen durch ein imaginäres Netz von Flächen – „Finite Elemente“ genannt – unterteilt. Dadurch lässt sich das Strukturverhalten auch komplex geformter Räume über Kopplungs- und Randbedingungen mathematisch beschreiben und berechnen. Materialien oder Bauteile können detailliert modelliert, oder aber über komplexe Materialeigenschaften als Randbedingungen vorgegeben werden. Die der FEM ähnliche Randelementemethode (Boundary Element Method, BEM) setzt einen geringeren Eingabe- und Berechnungsaufwand voraus, ist aber nicht so flexibel einsetzbar. Die Auralisation von Büroräumen ermöglicht beispielsweise Hörvergleiche unterschiedlicher akustischer Szenarien (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, IRT) Auralisation: Räume hörbar machen Während die meisten akustischen Analysen eine Berechnung akustischer Werte und deren Visualisierung in Form zwei- oder dreidimensionaler Grafiken zum Ziel haben, geht die so genannte Auralisation weiter. Bei diesem Verfahren werden vom Computer berechnete akustische Vorgänge und Größen als Audiodateien ausgegeben und per Lautsprecher oder Kopfhörer hörbar gemacht. Die Wirkung schalltechnischer Maßnahmen kann damit eindrücklicher vermittelt werden, als über Parameter und Kennwerte. Die Auralisation wird insbesondere für Objekte mit besonderen raumakustischen Anforderungen wie Konzerthallen, Theatern, Stadien etc. eingesetzt, zunehmend aber auch im Zusammenhang mit der raum- und bauakustischen Planung von Restaurants, Großraumbüros, Bibliotheken, Museen, Bahnhöfen, Industriehallen oder Außenräumen. Bereits im Planungsstadium kann beispielsweise das Hörerlebnis eines Konzertbesuchers von jeder Position aus nachempfunden werden. Auch das Verhalten von Bauteilen, etwa von Schallschutzfenstern, bei unterschiedlichen akustischen Einwirkungen wie Bau-, Straßen- oder Fluglärm oder die Schalldämmeigenschaften von Trockenbaukonstruktionen werden virtuell hörbar. Damit sind Planer in der Lage, ihren Bauherren die akustische Qualität von Räumen oder Bauteilen unmittelbarer zu vermitteln und den Nutzen akustischer Maßnahmen nachdrücklicher zu demonstrieren. Noch realitätsnäher lassen sich akustische Verhältnisse im Rahmen virtueller Begehungen durch Räume oder Gebäude vermitteln. Unterschiedliche Konzepte werden so interaktiv erfahrbar und unmittelbar vergleichbar. Ebenso können bauakustische Maßnahmen zur Eindämmung akustischer Störeinflüsse und Umgebungslärm von jeder Position aus besser eingeschätzt werden. Bauprodukt-Hersteller können die akustische Qualität ihrer Produkte schon in der Entwicklungsphase prüfen sowie Planern und Bauherren realitätsnah vermitteln. Akustikplaner können die Auswirkungen vorgeschlagener Maßnahmen sowohl anhand von Zahlenwerten als auch durch einen subjektiven, individuellen Höreindruck deutlich machen. Die Bandbreite numerischer Bauakustik reicht von Programmen zur schalltechnischen Optimierung von Bauteilen… (Marshall Day Acoustics, Akustikbüro Rahe-Kraft) …über Werkzeuge zur Berechnung der Schalldämmung in Gebäuden gemäß DIN EN 12354, … (Sound of Numers, Akustikbüro Rahe-Kraft) …bis hin zur Auralisation („Hörbarmachung“) von Konzerthallen, Theatern oder Stadien (Audioborn, Trimble) Akustikprogramme und deren Möglichkeiten Die Palette der raum- und bauakustischen Berechnungs- und Simulationsprogramme reicht von einfachen Programmen für die Analyse individueller, eng umgrenzter akustischer Probleme, den Nachweis von Bauteilen, die Analyse komplexer Raumformen oder die Berechnung von Lärm in Arbeitsstätten und die Überprüfung von Lärmminderungsmaßnahmen, bis hin zur Echzeit-Auralisation architektonisch anspruchsvoller Räume und Gebäude, inklusive interaktiver Objektbegehung per VR-Brille. Im Folgenden werden einige Programme beispielhaft vorgestellt. Inwischen gibt es auch Apps, die Schallpegel oder Nachhallzeiten eines Raumes messen und passende akustische Maßnahmen vorschlagen (Knauf) Auratorium von Audioborn ist eine im CAD-Programm integrierte Echtzeit-Akustiksimulationssoftware. Änderungen am Raum oder an den Quell- und Empfangspositionen werden quasi in Echtzeit berechnet, visualisiert und hörbar gemacht. Die zugrunde liegenden Simulationsalgorithmen bilden auch Welleneffekte ab, wie etwa Schallabsorption, ‑streuung und ‑beugung oder Interferenz-Effekte. Die Software wird sowohl in der Raumakustiksimulation als auch in der Musik- und Filmproduktion sowie VR-Anwendungen eingesetzt. CATT-Acoustic von CATT berechnet mit Hilfe numerischer Simulationsverfahren die Impulsantworten mehrerer Schallquellen mit beliebiger Richtfunktion. Werkzeuge zur Faltung und Auralisation stehen in der Vollversion bereit. Die akustischen Kenndaten der Oberflächenmaterialien lassen sich in einer individuell erweiterbaren Datenbank verwalten, was die Definition akustischer Szenarien beschleunigt. Ein OpenGL-basierter CATT 3D-viewer sorgt für eine optisch ansprechende Darstellung der Modelle bei Kundenpräsentationen. EASE von AFMG Technologies dient der raumakustischen Simulation von Innenräumen und Freiflächen. Werden in Innen- oder Freiräumen den verwendeten Wand- und Deckenmaterialien akustische Eigenschaften zugeordnet, lassen sich alle relevanten akustischen Parameter und Eigenschaften berechnen. Die Platzierung von Schallquellen wird von einer umfangreichen Datenbank unterstützt. Die berechneten akustischen Eigenschaften lassen sich per Auralisationsmodul EARS hörbar machen. Die Knauf TOPview ist eine Präsentations-App, mit der Räume per VR-Brille optisch und akustisch erlebbar werden. Damit lassen sich die Wirkungen akustischer Maßnahmen, wie Akustikdecken und/oder Wandabsorber auf einen Raum intuitiv vermitteln. Nachhallzeiten, Schallpegel und Sprachverständlichkeit werden damit verständlich und multimedial erfahrbar gemacht. Werden mit der App Schallpegel oder Nachhallzeiten eines Raumes gemessen, schlägt sie passende akustische Maßnahmen vor. ODEON von Odeon A/S kann Raumakustik, Lautsprecherinstallationen, teilweise auch Schallübertragungen im selben Modell bearbeiten. Die Resultate werden als akustische Parameter, Schallkarten, GIF-Animationen und Auralisationen dargestellt. Das Raummodell kann von SketchUp oder anderer CAD-Sofware importiert werden. Das Programm ermöglicht individuelle Raumakustik-Planungen für eine wunschgemäße Akustik und Schalldämmung bei Musik, Ansprachen, Konzerte etc. Daneben gibt es auch verschiedene Berechnungs- und Simulationsprogramme zur Berechnung der bauakustischen Eigenschaften von Gebäuden aus den Bauteileigenschaften gemäß normierter Berechnungsverfahren (z.B. BASTIAN, CadnaA und CadnaR von DataKustik, IRIS, INSUL von Marshall Day Acoustics oder SONarchitect ISO von Sound of Numbers). Die Programme ermöglichen die bauakustische Analyse von einzelnen Baumaterialien, Bauteilen oder kompletten Räumen, die Berechnung der Luft- und Trittschallisolierung innerhalb von Gebäuden, die Luftschalldämmung gegen Außenlärm, die Schallübertragung von Räumen ins Freie oder die Berechnung der Schallabsorption in Räumen. Isolinien- oder Isoflächengrafiken machen die Ergebnisse der Akustikberechnung wie Nachhallzeit oder Schalldruckpegel besser ablesbar (Schallpegelverteilung Industriehalle, DataKustik) Worauf Planer achten sollten Trotz immer einfacherer Bedienung, sind nicht alle bauakustischen Programme für den Einsatz in Architekturbüros geeignet. Insbesondere Simulationssoftware zur Echzeit-Auralisation setzt profundes Fachwissen und die langjährige Erfahrung eines Akustikplaners voraus, der die Ergebnisse bewerten und einschätzen kann. Dieser Meinung ist auch Tobias Kirchner, ein von der IHK Berlin öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Raumakustik des Berliner Akustikbüros Rahe-Kraft. Aus seiner langjährigen Erfahrung als Anwender und Anbieter von Akustik-Software kennt er die Vorteile und Grenzen der numerischen Bauakustik: Programme und Anbieter* ANSYS Fluent, CFX STAR-CD, STAR-Works 3D Acoustic Auratorium  AUVIS   BASTIAN, CadnaA, CadnaR CATT-Accoustic EASE IRIS, INSUL Knauf TOPview NORA – NOise Reduction Auralisation ODEON RAMSETE etc.                                                                        Sarooma                                                                                 SONarchitect ISO ULYSSES     ZORBA   * Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit Links- und Literaturhinweise www.baunetzwissen.de  Rubrik „Akustik“ www.akustik.rwth-aachen.de Akustische Virtuelle Realität www.computational-acoustics.de Akustiksimulations-Portal www.wikipedia.de Suche: „Auralisation“ etc. Franck, A.: Finite-Elemente-Methoden, Lösungsalgorithmen und Werkzeuge für die akustische Simulationstechnik, Logos-Verlag, Berlin 2009, Download  Vorländer, M.: Möglichkeiten der Auralisation, Internationale Schall- und Akustiktage 2011, Eigenverlag, Bad Wörishofen 2011, Download Willems, W. M., Schild, K., Stricker, D.: Schallschutz: Bauakustik, Grundlagen – Luftschallschutz – Trittschallschutz, Springer/Vieweg, Berlin, 2012 Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz). Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier   In der nächsten Folge unserer Serie DIGITAL: Architekturmodelle aus dem 3D-Drucker

Kinderfang für die Baukultur

Basiskurs Bauen: Intuitiv lernen die kleinen Baumeister schon im Kindergartenalter konstruieren. Baukulturelle Bildung ist in Kindergärten und Schulen leider immer noch Mangelware. In Berlin arbeiten zwei „kleine baumeister“ seit Langem mit Enthusiasmus daran, das zu ändern. Von Christoph Gunßer Jessica Waldera hat Kunstgeschichte und Erziehungswissenschaften studiert. Ihre Leidenschaft für Architektur machte sie dann beruflich zum Programm. Um Wissen spielerisch und mit allen Sinnen zu vermitteln, engagierte sie sich zunächst beim Aufbau des MACHmit! Museums in Berlin, das Kindern Naturwissenschaft und Kunst vermittelt. Ihr Wunsch, solche pädagogischen Angebote auf die Architektur zu erweitern und den eigenen Kindern die gebaute Umgebung näherzubringen, ließ sie kleine Projekte in Kiez und Kitas beginnen. 2006 gründete sie schließlich die „kleinen baumeister“ – mit ihrem Mann Johannes, der als angestellter Architekt tätig ist. Aus der Museumspädagogik, vor allem aber „aus eigener Faszination heraus entwickelte das Paar Programme, die bei Schülern und Kindergartenkindern das Interesse für Baukultur wecken sollen. Gemeinsam mit dem Nachwuchs gehen sie auf „Forschungsreisen“ in Stadtgeschichte, Architektur oder Design. Da erkunden Kinder erstmals mit Zollstock und Maßband ihre Kita, lernen einen Plan zu zeichnen, ein Modell zu bauen. Etwas älter, beginnen sie, Stadtpläne zu lesen und – zum Beispiel als „Stadtrebellen“ – in der Aktion „1 km² x anders“, ihr Viertel zu entdecken und spielerisch umzugestalten. Die Ergebnisse wurden 2015/16 parallel zur Ausstellung „Platz da! Kinder machen Stadt“ im Labyrinth Kindermuseum ausgestellt. Der Fachbereich „Architektur und Schule“ der Bauhaus-Universität Weimar war Kooperationspartner. Mit Oberstufenschülern eines Steglitzer Gymnasiums begleitete das Team über zwei Jahre den Entscheidungsprozess zum Berliner Schloss. Als „Stadtschloss.Forscher“ interviewten sie die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und den Architekten Franco Stella, um sich selbst eine Meinung zu bilden. „Nur durch diese aktive Vermittlung einer kulturellen Bildung befähigen wir Kinder und Jugendliche zur Teilnahme an unserer Gesellschaft“, betonen die Walderas. Nicht weitere „große“ Baumeister sind also das Ziel, sondern selbstbewusste, kritische Bürger. Dabei geht es im bunten Berlin zunächst oft um interkulturelle Teilhabe: Das Projekt „Wilhelm und Hedwig“ führte Kinder in die evangelische Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und die katholische Hedwigs-Kathedrale und brachte ihnen die Bauformen der Gotteshäuser näher. Für den Kinderkirchenführer „Wilhelm und Hedwig“ (Josef Fink Verlag), der die Ergebnisse präsentiert, bekamen die „kleinen baumeister“ 2016 den „Mixed-up-Preis“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung. Verdienstvolle Aufgabe ohne viel Verdienst Um solche Partnerschaften müssen sich die Macher indes ständig neu bemühen. Unermüdlich reichen sie Förderanträge bei unterschiedlichsten Stiftungen ein, um ihre Projekte realisieren zu können. Nur in einigen Fällen können Schulen und Kitas die Ideen mit Eigenmitteln umsetzen. Derzeit erarbeiten sie etwa mit Willkommensklassen in Charlottenburg-Wilmersdorf Stadtpläne, die Migrantenfamilien das Ankommen im Bezirk erleichtern sollen. Oft ist das Team in Brennpunktschulen engagiert, denn hier fließen Fördergelder. Projektwochen und Ferienprogramme sind andere wichtige Standbeine. Bisher arbeiten eine Architektin und eine Sozialpädagogin als freie Mitarbeiterinnen für die „kleinen baumeister“. Sehr wichtig ist den Machern dabei der interdisziplinäre Ansatz. Auch bei den Schulprojekten beteiligen sie oft alle Fächer, von Mathe bis Sport. In ihrer kreativen Nische sind die „kleinen baumeister“ mittlerweile nicht mehr allein in Berlin. Der Bildungssektor gilt zudem als kompliziert. Im Bereich baukulturelle Vermittlung ist es inhaltlich schwierig, da man nicht uneingeschränkt zur Kunst gehört, in der Architektur aber bisher die Vermittlung keinen eigenen Stellenwert hat. Geplant ist daher, sich breiter aufzustellen, etwa Fortbildungen für Erzieherinnen anzubieten und weitere Bücher zu publizieren. Ihr Erstling aus dem Jahr 2013 „Häuser, Hütten und Paläste – Ideen für die Kita-Praxis“, der für Kinder ab fünf Jahren angelegt ist, wird viel gelobt. „Das Bewusstsein für unsere Arbeit ist gewachsen“, sagt Jessica Waldera zuversichtlich, denn sie „brennt“ für die Sache: „Wenn man die leuchtenden Augen der Kinder gesehen hat – da setzen wir etwas in Gang.“ Interaktive Stadtplanung: Die Arbeit am Modell schärft den Blick auf die Stadt und ihre Leitbilder. Gewachsenes Bewusstsein In diesem Sommer wollen sie auch wieder beim MakeCity-Festival („für Architektur und Andersmachen“) dabei sein und ein pädagogisches Begleitprogramm auf die Beine stellen – wenn sie Förderer finden. Viele neue Projekte sind geplant. Die Bundesstiftung Baukultur und einige Länderarchitektenkammern engagieren sich ja mittlerweile auch in Sachen Kinderbildung. Während dies bislang zum Teil noch ehrenamtlich geschieht, hoffen freie Anbieter wie die „baumeister“ auf eine Professionalisierung, die auch sie einbezieht. Fast alle, die mitmachen, teilen die Neugier ihrer Begleiter, etwa für eine alte Ziegelmauer, verschiedene Säulenordnungen, Schinkels bröckelnde Bauten oder neue Brücken im Regierungsviertel. Weil das so gar nichts von gängiger Bespaßung hat, legen die Kinder gern das Handy weg und „lassen sich einfangen“, wie Jessica Waldera es nennt. Kinderfänger für die Baukultur – eine verlockende Aufgabe. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Klein“ finden Sie in unserem DABthema Klein

Grüne Räume, gutes Klima

Die Gebäudebegrünung ist eher als gestalterisches Element bekannt. Doch insbesondere die Innenraumbegrünung löst auch viele technische Probleme auf umweltfreundliche Art. Von Gerhard Zemp Die heutige energieoptimierte, hoch wärmegedämmte Bauweise, die Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung bedingt, offenbart gerade in der kühlen Jahreszeit ihre Schwäche: die niedrige Luftfeuchtigkeit. Immer mehr Nutzer solcher Immobilien beklagen die trockene Luft. Im Sommer hingegen erhitzen sich die Gebäude übermäßig. Diese Herausforderungen werden in der Regel technisch gelöst; verbunden mit hohen Investitions- und Wartungskosten. Dass die Kombination der Anlagentechnik mit einer Begrünung die angenehmere und kostengünstigere Lösung sein könnte, daran denken Planer nur selten, obwohl die positiven Eigenschaften von Pflanzen eigentlich jeder kennt: Sie produzieren Sauerstoff, erhöhen die Luftfeuchtigkeit und reduzieren Schadstoffe. Weitgehend unbekannt ist dabei, dass die Menge der von Pflanzen produzierten Luftfeuchte berechnet und in die energetische Planung eines Gebäudes einbezogen werden kann. Konkret heißt das, es wird ermittelt, welche Flächen von vertikalen Pflanzenwänden, frei stehenden Hecken oder mobilen Einzelpflanzen notwendig sind, um die relative Luftfeuchte in dem jeweiligen Raum um die angestrebte Prozentzahl zu erhöhen. Dazu besprechen zunächst der Fachplaner für Gebäudebegrünung und der Klimatechniker die geplanten technischen Anlagen und legen die Eckwerte fest. Im zweiten Schritt wird geprüft, welches energetische Potenzial mit Grün aufgefangen werden kann. Wie zahlreiche Beispiele aus der Praxis belegen, können dadurch oft Energiespitzen abgedeckt und die Klimatechnik kann entsprechend energiesparender dimensioniert und kostengünstiger realisiert werden. Als Ergebnis erhält der Architekt eine Datenliste mit vertikalen Grünflächen und der Anzahl mobiler Pflanzenelemente, mit denen er die Räume gestalten kann. Damit dient die Begrünung als funktionales Gestaltungselement. Verwaltungsgebäude der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) in Zürich: Das Gebäude umfasst Büros für 720 Mitarbeiter, 80 Mietwohnungen und diverse Läden und wurde im Minergie-Standard errichtet. Im zweiten Obergeschoss befindet sich ein als Dachgarten konzipierter Innenhof, der die umliegenden Büros mit Tageslicht versorgt. In diesem Innenhof wurde nachträglich ein Moosgarten angelegt, der im Sommer durch die natürliche Verdunstung des Wassers die Luft im Innenhof und folglich in den Büros kühlt. Die Moose und Lebermoose tragen außerdem zur Lärmreduktion und durch die Filterung von Feinstäuben zu einer besseren Luftqualität bei. Die optisch natürliche Gestaltung erfreut auch die Nutzer der Büros, die den Moosgarten gewissermaßen wie eine Waldlichtung vor ihren Fenstern erleben. Bauherr: SBB Schweizerische Bundesbahnen, Entwurf: atelier ww-Architekten, Zürich, Grünfläche: 300 m² Nachweis erbracht Die Grundlagen dafür, dass sich die Wirkung der Begrünung heute zuverlässig berechnen lässt, bilden Fachwissen und langjährige Praxiserfahrungen, geprüfte und zertifizierte Produkte sowie die Forschung. So hat sich beispielsweise das bayerische Ingenieurbüro Häring Radtke Partner auf biologische Gebäudeklimatisierung spezialisiert. Einer der Partner, der Biologe Manfred Radtke, hat spezielle „Prima Klima“-Pflanzen gezüchtet. Gegenüber im klassischen Handel erhältlichen Sorten verfügen diese über eine deutlich höhere Transpirationsleistung sowie Eigenschaften, die durch die Art der Vermehrung der Pflanzen identisch bleiben. Das Prinzip: schematische Darstellung der Wirkungsweise einer funktionalen vertikalen Begrünung. Ein weiterer wichtiger Schritt für die Etablierung der biologischen Gebäudeklimatisierung waren die Forschungen der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Das Team unter Leitung von Annette Bucher hat Pflanzenwände analysiert und nachgewiesen, dass deren bioklimatische Wirkung mess- und berechenbar ist. Konkret konnte gezeigt werden, dass sich durch die Begrünung die Luftfeuchte erhöht. Außerdem wurden klare Anforderungen an Funktion und Wartungsaufwand für derartige biotechnische Systeme erarbeitet. Die Ergebnisse helfen vor allem, das Vertrauen in die praktische Anwendung zu stärken. Das ist wichtig, denn auch meinen langjährigen Erfahrungen zufolge stehen die meisten Bauherren, Planer und Klimatechniker einer kombinierten technischen und biotechnischen Lösung skeptisch gegenüber. Für sie ist es bislang in der Regel die letzte Möglichkeit, die sie vor einer kostenintensiven Erweiterung der technischen Anlage in Betracht ziehen. Klinik Hirslanden in Zürich: Für die Räume der Herzklinik sollten Lösungen gefunden werden, die die Luftfeuchtigkeit erhöhen und die Akustik verbessern. Die Maßnahmen sollten gleichzeitig das sterile klinische Umfeld durchbrechen und stattdessen ein vertrautes Gefühl vermitteln. Dazu wurden die Innenräume mit Pflanzenwänden, in Büromöbel integrierten Pflanzmodulen, Wandbildern und Solitärpflanzen begrünt. Jetzt liegt die Luftfeuchte im optimalen Bereich von 45 bis 50 Prozent und durch die schadstofffilternden Eigenschaften der Pflanzen wird zudem eine hohe hygienische Luftqualität erreicht. Die Schallabsorption und -diffusion der Pflanzen hat außerdem zu einer Minderung der Lautstärke um etwa fünf Dezibel bei 500−1.000 Hertz geführt. Aus Brandschutzgründen (Fluchtweg) wurde für die Begrünung eine Metall-Konstruktion gewählt. Bauherr: Klinik Hirslanden, Zürich, Innenarchitektur: Dost Design, Schaffhausen, Nutzfläche: 690 Quadratmeter, Grünfläche: 72 m² Wand, 7,2 m² in Möbel, 3 x 1,2 m² als Wandbild Oft wird unser Büro im ersten Winter nach Fertigstellung eines Gebäudes als Problemlöser für die zu geringe Luftfeuchte hinzugezogen. Häufig empfehlen wir dann, zunächst eine Versuchsanlage mit einer Pflanzenwand oder Pflanzengruppe in einem Raum aufzubauen, der lüftungstechnisch als eigener Sektor funktioniert. Zum Vergleich dient ein weiterer Referenzraum ohne Pflanzen. Nach diesem Prinzip gingen wir auch beim Logistik- und Rechenzentrum der Stadt Zürich vor. Der Neubau bietet Platz für 160 Mitarbeiter, denen auf einer Fläche von 3.200 Quadratmetern 20 Meeting-Räume, Begegnungszonen und drei Cafeterias zur Verfügung stehen. Praxistest zur Probe Das Gebäude erfüllt die Kriterien der „Energiestadt auf dem Weg in die 2.000-Watt-Gesellschaft“ und trägt die Labels „Standard Minergie-P-Eco“, „Gutes Innenraumklima“ und „Allergie Suisse“. Durch die kompakte Bauweise, die optimierte Wärmedämmung und die kontrollierte Lüftung sank jedoch die Luftfeuchtigkeit unter das Maß des Wohlfühlbereichs für die Mitarbeiter. Um die Gesamtenergiebilanz nicht zu gefährden, wurde eine Lösung durch Bepflanzung gesucht. Für den Versuchsaufbau wurde ein 30 Quadratmeter großer Raum mit drei mobilen Pflanzgefäßen mit Cyperus alternifolius Prima Klima bestückt. Bereits wenige Wochen später konnte der Biologe anhand der aufgezeichneten Daten einen Anstieg der Luftfeuchtigkeit um etwa 15 Prozent feststellen. Damit ließ sich die Luftfeuchtigkeit in den Räumen von den ursprünglich kritischen 30 Prozent auf angenehme 45 Prozent steigern. Für Großraumbüros mit wenig Stellfläche wurden vertikale Pflanzenwände mit einer Begrünungsfläche von zwölf Quadratmetern verwendet, in kleinen geschlossenen Räumen kamen mobile Pflanzbehälter zum Einsatz. Ein weiteres Ergebnis war, dass die Wartungskosten der Innenraumbegrünung im Vergleich zu einer technischen Luftbefeuchtung sehr gering sind. Das Logistik- und Rechenzentrum ist auch ein Beispiel dafür, wie durch die Begrünung die Luftwechselrate reduziert werden kann. Wie die Praxis zeigt, ist diese in Gebäuden ohne Begrünung oft höher eingestellt als notwendig, um beim Nutzer das Gefühl frischer Luft zu erzeugen. Die höhere Luftfeuchtigkeit bietet den gleichen Effekt mit weit weniger Energieaufwand. Lösungen auch für außen Die 15-prozentige Steigerung der Luftfeuchtigkeit deckt sich mit meinen langjährigen Erfahrungen bei zahlreichen anderen Projekten. Das Angebot des Aufbaus einer Versuchsanlage hat sich ebenfalls bewährt, denn es räumte bislang stets die Bedenken der technikaƒnen Experten aus und machte den Weg frei für den Architekten, die Grünelemente gestalterisch in den Raum zu integrieren. Novartis Campus in Basel, Neubau Virchow 16: Die Westfassade wurde mit verschiedenen Arten von Hänge- und Kletterpflanzen begrünt, die ein breites Spektrum an Farben und Formen bieten. Durch die Mischung aus blühenden, immergrünen und laubabwerfenden Pflanzen verändert sich das äußere Bild der Fassade und auch die Nutzer können von innen den jahreszeitlichen Wechsel erleben. Im Sommer sind 80 Prozent der Fassade von den Pflanzen bedeckt, die dann als natürliche Beschattung und Klimaregulierung des Innenraumes dienen. Die Kombination aus Verdunstungskälte sowie Absorption und Reflexion (40−80 Prozent) der Sonneneinstrahlung reduziert die Wärmelast und senkt somit den Primärenergiebedarf für die Kühlung des Gebäudes um bis zu 50 Prozent. Im Winter beträgt der Bedeckungsgrad der Fassade mit Pflanzen etwa 30 Prozent, sodass hier die solaren Energiegewinne zu niedrigeren Heizkosten führen. Bauherr: Novartis Pharma AG, Architektur: RMA Architects, Entwurf Grünfassade: Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich, Begrünte Fassadenfläche: 480 Quadratmeter Eine Begrünung sorgt neben einem komfortablen Raumklima aufgrund ihrer schallschluckenden Eigenschaften auch für eine bessere Akustik, wie das Beispiel der Klinik Hirslanden zeigt. Während bei diesem Projekt im Inneren eine Verbesserung um fünf Dezibel erzielt wurde, lässt sich das Prinzip ebenso im Außenraum anwenden. Prädestiniert dafür sind Innenhöfe in Erdgeschosszonen, wo der Lärm von Anlieferungsfahrzeugen die Bewohner der oberen Geschosse belästigt. Auch in solchen Fällen dienen die Pflanzen gleichzeitig als Gestaltungselement. Lichthöfe in Obergeschossen, die zunehmend in den stark verdichteten Innenstädten entstehen, sind häufig mit einer einfachen Bekiesung versehen. Doch auch die benötigt ein gewisses Maß an Pflege und Wartung, denn meist wächst hier Unkraut oder die Flächen vermoosen. So geschehen beim Neubau des Verwaltungsgebäudes für die Schweizerischen Bundesbahnen. Hier konnte unser Büro den Architekten von einer ungewöhnlichen Lösung überzeugen: die Vermoosung als Herausforderung anzunehmen und einen „geplanten“ Moosgarten anzulegen. Inzwischen erfreut die naturnahe Gestaltung die Nutzer der Büros. Neben den optischen Aspekten unterstützt die Begrünung, obwohl außen angelegt, die Klimatisierung der Innenräume. Im Sommer strömt durch die natürliche Verdunstung angenehm kühle Luft durch die geöffneten Fenster. Gerhard Zemp ist Mitbegründer des Architektur- und Ingenieurbüros für Innenraum- und Gebäudebegrünung Aplantis in Bern. MEHR INFORMATIONEN Biotechnische Gebäudeklimatisierung Damit ist die Regulierung des Raumklimas im Zusammenspiel von natürlichen Elementen mit neuster Gebäudetechnik gemeint. Wasser und Pflanzen haben, sorgfältig ausgesucht und angeordnet, spürbare Wirkungen. Als Bauelement, komplementär in technische Systeme integriert, sind sie Grundlage und Garanten für:‡ – natürliche Regelung von Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit – Steigerung von Luftqualität und Lufthygiene – Verbesserung der Raumakustik (Schallreduktion) – Energieeinsparung, Energieeffiƒzienz – Verbesserung von Wohlbefinden und Gesundheit

Mut zur Selbstständigkeit

Dr. Brigitte Schultz In unserer ersten Ausgabe in neuer Gestalt widmen wir uns den Kleinen – Strategen, Idealisten und Visionären. Die Kleinen haben es nicht leicht. Obwohl sie dem Ideal der Generalisten am nächsten kommen, die alles am Gebäude von der ersten Serviettenskizze bis zum letzten Pflasterstein begleiten, bleibt kleinen Architekturbüros oft vieles verwehrt. Große – oder ö‚ffentliche – Aufträge zum Beispiel. Oder ein auskömmliches Salär. Also besser den Kopf in den Sand stecken und Unterschlupf in einer Firma oder einem großen Büro suchen? In unserer ersten Ausgabe im neuen Gewand stellen wir Architekten vor, die vor nicht allzu langer Zeit den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben – und es nicht bereuen. Wir haben sie gefragt, was sie motiviert, wie sie arbeiten und welche Strategien sie verfolgen. Getro‚ffen haben wir digitale Visionäre, die von erweiterten Realitäten auf der Baustelle träumen, Pioniere der Architekturvermittlung, die schon bei den Kleinsten Verständnis und Begeisterung für die Planung ihrer Umgebung zu wecken wissen, innovative Holzbauer, die sich ohne Zweitjob nicht über Wasser halten können, und alte Studienkollegen, die die Fahne einer Architektenfamilie erfolgreich weitertragen. Ein umstrittenes Thema unter ihnen ist die Teilnahme an Wettbewerben – für die einen in der hierzulande üblichen Form ökonomisches Harakiri, für die anderen trotz allem eine gute Starthilfe. Alle eint hingegen eine große Portion Leidenschaft und Idealismus, unermüdlicher Einsatz und gute Ideen. Wenn das mal mehr Bauherren wüssten.

Software-News

Allplan: Änderungen am BIM-Modell werden in „Allplan Architecture 2018“ sofort in allen Modellansichten aktualisiert. CAD und AVA, die wichtigsten Werkzeuge für Planer, erhalten neue Funktionen und kommen sich dank BIM immer näher. Text: Marian Behaneck Mit der neuen Version „Allplan Architecture 2018“ und der direkten Anbindung an die cloudbasierte BIM-Plattform „Bimplus“ präsentiert Allplan eine durchgängige BIM-Lösung für Architekten. Über Bimplus lassen sich Attribute zentral definieren und in verschiedenen Systemen über den gesamten Gebäude-Lebenszyklus hinweg verwenden. Durch die Verknüpfung aller Informationen mit dem BIM-Modell werden Änderungen sofort aktualisiert. Ein optimierter IFC4-Datenexport verbessert den Datentransfer in BIM-Projekten. www.allplan.com/architecture „Archicad 21“ von Graphisoft erhielt ein neues Treppen-Planungswerkzeug. Durch einen intelligenten Algorithmus und das Festlegen von Grundparametern, wie Steigung oder Treppenkubatur, werden normenkonforme Varianten im Hintergrund berechnet. Dazu definiert der Planer den Treppenlauf mit einer Polylinie und wählt die gewünschte Design-Variante. Mit dem Geländer-Werkzeug lässt sich anschließend das Geländer entlang von Treppen oder anderen Bauelementen erstellen. Sowohl Geländer als auch Treppen passen sich Änderungen automatisch an. www.graphisoft.de Graphisoft: Mit dem neuen Treppen-Planungswerkzeug von Archicad lassen sich auch individuelle Treppen konstruieren. In „ArCon +2018“ von Eleco Software wurde der Direktzugriff auf wichtige Funktionen optimiert, was insbesondere bei sich häufig wiederholenden Arbeitsschritten Vorteile bietet. Das Einlesen und Modifizieren von DXF-/DWG-Dateien wurde verbessert. Das vereinfacht beispielsweise die Bearbeitung von Vermessungsdaten. Im 3D-Modus wurde das interaktive Ändern von Texturen verbessert, um beispielsweise Fliesenspiegel einfacher generieren zu können. Neu sind auch zahlreiche Stahlprofile und Texturen für den Innen- und Außenbereich. www.elecosoft.de Mit der neuen Planungssoftware „Caala“ des gleichnamigen Start-up-Unternehmens können Architekten in einer frühen Planungsphase schnell den Energiebedarf von Gebäuden ermitteln. Gleichzeitig erstellt das Programm eine Lebenszyklusanalyse. Damit sollen wiederholte Abstimmungen mit Energieberatern vermieden werden. Weiterhin können Planer frühzeitig mit Bauherren die Nachhaltigkeit des Gebäudes überprüfen und in allen Planungsphasen Korrekturen zur Verbesserung des ökologischen Fußabdrucks vornehmen, zum Beispiel in der Heizungstechnik, bei den Fenstern oder anderen Baumaterialien. www.caala.de Das neue „Cadder-Stahlbau“ von Reico wurde speziell für die Planung und Sanierung von Hallen sowie den Vertrieb entwickelt. Das CAD-Programm unterstützt sowohl den auf Rastermaßen basierenden Entwurf als auch die Planung auf der Grundlage importierter oder gescannter Grundrisse. Werden die Form und Abmessungen von Stahlbauwerken geändert, passen sich die Anschlusselemente automatisch an. Baukostenvergleiche vereinfachen die Entscheidung zwischen unterschiedlichen Entwurfsvarianten. www.cadder.de Dem Vektorisierungs-Dienstleister Einszueins-Digital zufolge kombinieren Planer zunehmend die 2D- und 3D-Planung und vereinfachen dadurch ihren Einstieg in die 3D-Konstruktion. Dabei werden in 2D-Pläne Bauteilelemente und Blöcke im 3D-Modus eingefügt. 2,5D-Zeichnungen enthalten mehr Informationen als 2D-Pläne und ermöglichen Massenermittlungen. Die Verwendung von 3D-Elementen soll zudem die Zeichenarbeit erleichtern, weil Bauteiländerungen automatisch erfolgen. www.einszueins-digital.de Mit dem „Solibri-Model-Checker“ von Solibri lassen sich Fehler in BIM-Modellen finden; BIM-Fachmodelle können automatisiert auf Unterschiede und eventuelle Unstimmigkeiten untersucht werden. Projekte lassen sich auf fehlende Komponenten oder falsche Massen überprüfen. Außerdem kann die Software für Prüfungen auf Barrierefreiheit oder Normenkonformität, für Modellvergleiche oder BIM-Modellauswertungen eingesetzt werden. Raum- und Modelldaten können individuell ausgewertet, analysiert und in Form von Berichten ausgegeben werden. www.solibri.de Mit der Mehrfenstertechnik der CAD- und BIM-Software „Vectorworks 2018“ von Computerworks können Anwender gleichzeitig mehrere Ansichten eines Modells oder Plans bearbeiten. Zudem lassen sich 3D-Modelle über Schnitte bearbeiten, sodass etwa Fenster oder Türen im Schnitt oder in der Innenansicht geändert und parallel im 3D-Modell überprüft werden können. Mit dem „Bimobject“-Werkzeug lassen sich Herstellerobjekte direkt in einen Plan einsetzen. Die neue „Webview“-Exportfunktion ermöglicht eine noch einfachere Online-Präsentation von 3D-Projekten. www.vectorworks2018.eu Die CAD-Software „ZWCAD“ ist gemäß Anbieter Encee CAD/CAM Systeme kompatibel mit AutoCAD und mit aktuellen DWG- und DXF-Versionen. Architekturfunktionen bietet das System in der Ausbaustufe Architect. Durch einfaches Umschalten von der Planansicht in die 3D-Ansicht ermöglicht ZWCAD das gemischte Arbeiten in 2D und 3D. Seitenaufrisse und Schnitte lassen sich automatisch erstellen. Symbol- und Elementbibliotheken ermöglichen eine schnelle Planerstellung. Reportfunktionen erstellen Tür- und Fensterlisten. www.encee.de G&W Software hat das in „California.pro 8“ integrierte Nachtragsmanagement mit zusätzlichen Funktionen zur freien Gruppierung, Steuerung und Beauftragung von Nachträgen und durch Reports für die Nachtragshistorie erweitert. Beim GAEB-Datenimport erkennt das System, dass es sich um geplante Nachträge handelt. Bei der Zuordnung der Nachtragsmengen und der Positionen lassen sich Mehr- und Minderleistungen entsprechend der Projektsituation strukturieren. California.pro prüft automatisch die Verteilung aller Nachträge auf Vollständigkeit. Dadurch wird sichergestellt, dass nichts übersehen wird. www.gw-software.de Mit der neuen Funktion „Sammel-LV“ von Nevaris Build lassen sich Mengen gleicher Positionen bequem addieren. Auf diese Weise erhält man laut Hersteller Nevaris für die Kalkulation ein kompakteres LV mit den jeweiligen Gesamtmengen. Beim Bietervergleich lassen sich LVs nach beliebigen Kriterien sortieren, gruppieren und filtern. Verändern sich Positionen, so werden die Auswirkungen auf das Ergebnis und das geplante Budget sofort sichtbar. Die Funktion verfügt darüber hinaus auch über Kostenermittlungs- und Analysefunktionen für kleine, mittlere und große Unternehmen. www.nevaris.com Per IFC-Schnittstelle übertragene BIM-Daten werden in der AVA- und Kostenmanagement- Software „AVA 22“ von Orca mit einer 3D-Darstellung und kontextbezogenen Übernahmetabellen verknüpft. Eine Markierung im Modell führt dadurch schnell zum zugehörigen Eintrag. Markierte Einträge können umgekehrt im Modell lokalisiert werden. Die IFC-Daten sind in den Übernahmetabellen nach Ordnungskriterien sortiert und alle Bauteile entsprechend der IFC-Systematik gruppiert, zum Beispiel Balken, Fundamente oder Treppen. Die Anzeige ist individuell konfigurierbar und verfügt über eine Suchfunktion. www.orca-software.com Orca Software: BIM-Daten werden in „ORCA AVA 22“ mit einer 3D-Darstellung und kontextbezogenen Übernahmetabellen verknüpft. Die bidirektionale Integration von Word und Excel in der AVA-, Baukalkulations- und Kostenmanagement-Lösung „Sidoun Globe“ von Sidoun ermöglicht die Einbindung eigener Tabellen und Formulare für Mengenermittlungen, Preisvergleiche, Honorarabrechnungen etc. Sidoun Globe ist internetfähig und kann auch außerhalb des Büros genutzt werden. Die Sprachsteuerung TALK! ermöglicht ein barrierefreies Arbeiten. Die Online-Version „Globe4all“ kann 30 Tage lang kostenlos mit allen Funktionen, inklusive Lernvideos, genutzt werden. www.sidoun.eu Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz). Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier

Was ist eigentlich schön?

Editorial: Brigitte Schultz Für die meisten Architekten ist Schönheit ein leicht anrüchiges Wort. Schöne Architektur? „Da treffen sich zwei Begriffe, die erst mal nichts miteinander zu tun haben“, schrieb uns unser Leser Klaus Heselhaus stellvertretend für viele Berufskollegen auf unsere Umfrage zum Thema. Sollten Architekten sich also lieber vom Begriff der Schönheit fernhalten und ihn den Laien überlassen, die vermeintlich keine besseren Kriterien zur Beurteilung ihrer gebauten Umwelt zur Verfügung haben? Wir glauben nicht – schließlich ist die Frage nach der Schönheit in der Architektur eng verknüpft mit dem schwer zu fassenden Wesen guter Bauten, das viele von uns zur Berufswahl motiviert hat. „Wir arbeiten doch täglich auf die Schönheit hin“, schrieb uns daher auch Leser Ludger Schmidt, „sonst braucht man uns doch gar nicht!“ Die zwei Lesermeinungen stehen stellvertretend für die Vielfalt der 20 Beiträge zum Thema, die wir für diese Ausgabe des Architektenblattes zusammenstellt haben. Was finden Architekten schön? Gibt es eine objektive Schönheit in der Architektur? Was darf sie kosten? Und ist Altes immer schöner als Neues, wie uns so oft vorgeworfen wird? Auf diese Fragen, die wir in den letzten Monaten im DAB und auf DABonline gestellt haben, hat uns eine breite Palette an intelligenten Gedanken, Reflexionen und Kommentaren erreicht. Sie erstreckt sich von persönlichen Erfahrungsberichten über politische Einordnungen bis zu praktischen Tipps. Wiederkehrende Themen sind das Verhältnis zu Bauherren und zur Öffentlichkeit, dazwischen grüßt immer wieder Kant. Aus der Vielzahl der Beiträge ergibt sich auf den folgenden Seiten eine lebendige Debatte und so mancher Anreiz, fern des täglichen Schwarzbrots von Auftragsbeschaffung und Haftungsdrohung einmal wieder über unser ästhetisches Selbstverständnis nachzudenken. In diesem Sinne darf sich die Debatte gerne fortsetzen. Das fänden wir dann wiederum, nun ja: schön. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

Eine eigenwillige Schönheit

Ansichtssache: Eine Paderbornerin findet in ihrer Stadt eine verkannte architektonische Schönheit. Versuchen Sie es mit einem Spiel. Wählen Sie ein Gebäude aus, das Ihnen schon lange ein Dorn im Auge ist, nehmen Sie sich Zeit und versuchen Sie, es schön zu finden! Tun Sie so, als sei es eine berühmte Sehenswürdigkeit, und begründen Sie, warum es unbedingt jeder besuchen sollte. Lassen Sie die Langeweile vorbeiziehen und versuchen Sie, nicht zu kritisieren. Ich weiß, das ist nicht einfach, da das Negative in der Regel naheliegender ist. Versuchen Sie trotzdem, die Kritik in Schach zu halten. Nach dem Spiel dürfen Sie das Objekt wieder hässlich finden – ich vermute jedoch, dass es Ihnen nicht so ohne Weiteres gelingen wird, wenn Sie nicht geschummelt haben. Das bewusste Betrachten offenbart nämlich häufig gerade dort, wo man es am wenigsten erwarten würde, eine eigenwillige Schönheit oder einen ganz eigenen Charme. Kein anderer beherrschte den liebevollen Blick so gut wie der Schriftsteller und Flaneur Franz Hessel. Seine 1929 erschienene Publikation „Ein Flaneur in Berlin“ schließt er mit dem Aufruf: „Wir wollen es uns zumuten, wir wollen […] das Ding Berlin in seinem Neben- und Durcheinander von Kostbarem und Garstigem, Solidem und Unechtem, Komischem und Respektablem so lange anschauen, lieb gewinnen und schön finden, bis es schön ist.“ Bei dem liebevollen Blick handelt es sich nicht nur um eine schale Aufforderung, sich mit dem abzufinden, was im gebauten Raum zu finden ist, sondern um eine Kulturtechnik. Mit Leidenschaft und Ausdauer durchstreifte Hessel zunächst Paris und später, während der Weimarer Republik, Berlin. Seine Texte sind Liebeserklärungen an die vielen Kleinigkeiten und Dinge, die man im Alltag übersieht, für selbstverständlich oder nicht betrachtenswert hält. In seiner 1932 veröffentlichten Publikation „Ermunterung zum Genuss“ empfiehlt er, sich Minutenferien vom Alltag zu nehmen, um im eigenen Stadtviertel herumzulaufen und es zu betrachten, als habe man es noch nie gesehen. Er präzisiert: „Ist also die Straße eine Lektüre, so lies sie, aber kritisiere sie nicht zu viel. Finde sie nicht zu schnell schön oder hässlich. Das sind so unzuverlässige Begriffe. Lass dich auch ein wenig täuschen und verführen.“ Und schließlich heißt es: „Vom freundlichen Anschauen bekommt auch das Garstige eine Art Schönheit ab. Das wissen die Ästheten nicht, aber der Flaneur erlebt es.“ Wie zutreffend Hessels Beobachtungen sind, stelle ich regelmäßig in meiner Arbeit mit Kindern, aber auch Erwachsenen fest. Es bedarf nur kleiner spielerischer Interventionen, um sie dazu zu bringen, ihre höchst vertraute Alltagsumgebung mit anderen Augen zu sehen und diese in einen Abenteuerraum zu verwandeln, der Tag für Tag neue, unerwartete Schönheiten preisgibt. Turit Fröbe, Architekturhistorikerin und Urbanistin, Berlin ACH SCHÖN! Häufig ist die Reaktion auf die Information zu unserem Stiftungssitz „Wir sitzen in Potsdam“ der spontane Ausruf „Ach schön!“. Aber was ist schön an Potsdam? Das UNESCO-Welterbe der Schlösser und Gärten in der Potsdamer Seenlandschaft? Die kleinstädtisch anmutende Innenstadt mit dem Holländischen Viertel? Schinkels Nikolaikirche oder das neue Hans Otto Theater von Gottfried Böhm? Der neue Landtag im rekonstruierten Stadtschloss oder das benachbarte Hotel Mercure? Der gepflegte Park auf der Freundschaftsinsel oder der Nachwende-Hauptbahnhof mit Shopping-Center von gmp? Die Reaktion hat meist einen Anklang von Stoßseufzer und beinhaltet vieles: „Ach, schön und gut, in Potsdam ist die gebaute Welt noch in Ordnung. Nachvollziehbar, dass die Bundesstiftung Baukultur in diesem harmonischen Umfeld einer zweifelsfrei schönen (Altbau-)Architektur residiert.“ Werden mit schöner Architektur also zunächst Altbauten assoziiert und wenn ja, warum? Wir haben gerade eine bundesweite repräsentative Umfrage durchgeführt und erfahren, dass 36 Prozent der Bevölkerung Altbauten schöner finden als Neubauten. Nur sieben Prozent sehen es umgekehrt. Da wundert es nicht, dass 80 Prozent der Deutschen auch die Rekonstruktion historischer Gebäude befürworten. Der am häufigsten genannte Architektenname ist Friedensreich Hundertwasser (elf Prozent), weit vor Karl Friedrich Schinkel (fünf Prozent) oder Zaha Hadid (ein Prozent). Kein Wunder also, dass die Ansage in der Bahn jedes Mal auf den Halt im (schönen) Hundertwasser-Bahnhof in Uelzen hinweist, einer sicherlich fotogenen, aber funktional monströs verbauten Kiste. Auch beim neuen Holzmarktquartier in Berlin hat sich die Bauherrenschaft Hundertwasser zum Vorbild genommen und die Gebäude nach dem robusten und klugen Grundgerüst der Architekten von „Hütten und Paläste“ selbst opulent gestylt und trashig dekoriert. Der Publikumsgeschmack und die Resonanz junger Menschen zeigen mit dem Daumen nach oben. Wege zum Ornament: Im Berliner Holzmarktquartier wird die Architektur künstlerisch dekoriert,… Das Ornament hat bereits seit der Postmoderne wieder Konjunktur. Das Institut du Monde Arabe, das Jean Nouvel vor zwanzig Jahren in Paris gebaut hat, ist mit seiner orientalischen Ornamentik des fotolinsenmechanischen Sonnenschutzes für mich so etwas wie ein Meilenstein eines neuen, zeitlosen Dekors, das auch sinnlich wirkt. Es zitiert, gliedert und rhythmisiert Fassaden, macht sie apart, vielleicht schön. … am Pariser Institut du Monde Arabe wird die Funktion zum Dekor. Dennoch entsteht echte Schönheit in der Architektur nicht durch dekorative Maßnahmen, sondern durch innere Werte der Funktion, der Formfindung und des Gebrauchs sowie durch die Fähigkeit, uns emotional zu berühren. Erst wenn dieser gemeinsame Nenner der unmittelbar auf uns wirkenden Schönheit zum Tragen kommt, entsteht eine Wirkung, der sich niemand entziehen kann. Aus dieser Schönheit resultiert die dauerhafte Dimension von Architektur. Dabei geht es nicht darum, sich dem Wandel zu widersetzen und ohne Kontext zu entwerfen, sondern um eine Haltung, die den menschlichen Maßstab berücksichtigt, räumlich und sinnlich. Als das Rendering der Elbphilharmonie zum ersten Mal veröffentlicht wurde, entstand so etwas wie ein kollektives „Wow-Gefühl“, ein Berührtsein und Unbedingt-haben-Wollen über alle Bildungsschichten hinweg. 80 Prozent der Hamburger wollten genau dieses Gebäude. Dass es nicht der Funktion folgt und später zu einer gigantischen konstruktiven und finanziellen Herausforderung wurde, wissen wir heute. Die Hamburger Architektenschaft hat in diesem Einzelfall auf die Durchführung eines Wettbewerbs verzichtet und der Beauftragung von Herzog & de Meuron zugestimmt, sicher auch, um dem atemberaubend schönen Entwurf zur Geltung zu verhelfen. Architektur und Städtebau haben sich meiner Meinung nach zu lange mit einer kulturkritischen Schönheitsdebatte befasst und im Ergebnis „Geschmacksverirrungen“ der Bauherren beklagt. Anfang der Achtzigerjahre hat der Pädagoge und Journalist Claus Borgeest sogar eine schichtenspezifische Unterscheidung vorgenommen. Dabei ist unerheblich, ob als Klischees das Unechte, Billige oder Glitzernde unterer Sozialschichten oder das Protzige, Teure, Monströse oberer Mittelschichten zum Geschmacksmaßstab werden. Beides ist unangemessen und wirkt vermutlich auf die Betroffenen selbst wenig überzeugend. Anders kann man sich ja ein Immer-mehr-Davon nicht erklären. Borgeest hat daraus den Schluss gezogen, dass Geschmack und ästhetische Urteilskraft nicht reichen: „Das Schöne ist nur schön, wenn es von der Eigenart der Menschen beseelt wird.“ Bei diesem Zusammenspiel von gebautem Raum und Sozialraum sind wir ganz nah bei derjenigen gelungenen Baukultur, die wir als Stiftung voranbringen wollen. Das geht aber, selbst von der Warte eines ausgebildeten Gestalters aus gesehen, nicht über Geschmacksschulungen. Sinnvoll ist eine Information über Proportionen – im Sinne von Loos auch über jene der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen –, über Harmoniegesetze, Formgebung, Materialien, Dauerhaftigkeit, Nachhaltigkeit und Baukultur. Eine Wissensvermittlung, die zu sehen hilft. Hier treffen sich die Verfechter des schönen Bauens und der Stadtbaukunst mit denen der Baukulturvermittlung. Wenn es uns dabei gelingt, dem Kriterium der emotionalen Berührtheit („Ach schön!“), ähnlich wie bei der Musik oder der bildenden Kunst, zu größerer Wirksamkeit zu verhelfen, sind wir einen großen Schritt weiter – bei der Wahrnehmung und beim Bedeutungszuwachs guter Architektur. Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, Potsdam MEHR INFORMATIONEN Baukultursalon „Schön und gut“ Die Bundesstiftung Baukultur diskutiert das Thema der Schönheit von Architektur und Städtebau demnächst live im ehemaligen Kosmetiksalon „Babette“ in Berlin, Karl-Marx-Allee 36 (15. Februar 2018, 19 Uhr). Mit Impulsen aus Architekturtheorie, Philosophie, Psychologie, Kunst- und Kulturwissenschaften will sie der Frage der Schönheit im Kontext der gebauten Umwelt ein Stück näher kommen. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

„Darf dieser Bau schön sein?“

Beliebtes Wahrzeichen: Das Colosseo quadrato, Leitbau des italienischen Faschismus Bella Italia, Bella Roma! Schönheit bis zur Volltrunkenheit! Antike, Mittelalter, Renaissance, Barock – Feierabend? Keineswegs. Schön ist auch das Rom des 20. Jahrhunderts – meint jedenfalls Pietro Beccari, Chef der Modefirma Fendi. Er bezeichnete den Palazzo della Civiltà Italiana als „einen der schönsten Paläste der Welt“. Davon war auch die römische Fremdenverkehrswerbung überzeugt – und präsentierte 2012 stolz eben diesen Palazzo als Werbebild für Rom – sozusagen als Quintessenz der Schönheit der Stadt. Doch halt! Darf denn dieser Bau überhaupt schön sein? Ist er doch der Leitbau des größten Projekts des italienischen Faschismus, des Weltausstellungsgeländes (EUR), das seit 1937 von Marcello Piacentini, dem einflussreichsten Architekten des faschistischen Italiens, geleitet wurde. Das letzte Geschoss des Palazzo führte er blind aus, um Platz für eine dem italienischen Volk huldigende Inschrift zu erhalten: „Ein Volk von Dichtern und Künstlern, Helden und Heiligen, Denkern und Wissenschaftlern, Seefahrern und Auswanderern“. Die Worte dieser Inschrift stammen aus einer Rede Mussolinis im Oktober 1935, die die Massen gegen den Völkerbund mobilisieren sollte. Damit reagierte der Diktator auf die Sanktionen nach dem Überfall auf Äthiopien. Irgendwie nicht so schön, vergessen wir es. Der 1938 bis 1940 errichtete Palast umfasst schließlich sechs Geschosse mit jeweils neun Bögen – entsprechend der Zahl der Buchstaben von Benito (6) Mussolini (9). Die meisten Gebäude auf dem Gelände wurden nach dem Krieg vollendet – wiederum unter der Leitung von Marcello Piacentini. Seit 2006 wurde der Palazzo della Civiltà Italiana über viele Jahre aufwendig „saniert“. Eigentlich wurde er erst richtig fertiggestellt – in all seiner vermuteten Schönheit. Wäre so etwas auch in Deutschland möglich? Fertigstellen, wiederherstellen, schöner machen? Das wäre doch „Renazifizierung“! In Deutschland kann eine Architektur aus der Zeit der Diktatur nicht schön sein, sondern nur monumental, steinern, einschüchternd. Vor allem muss sie hässlich sein. Dafür muss sie möglichst verfremdet werden. Die Angst ist groß, dass die Faszination der Architektur in eine Zustimmung zur NS-Ideologie umschlägt. Schon etwas schräg, oder? Deutsche Erinnerungskultur ist eindeutig – eindeutig anders als die italienische jedenfalls. Während die Worte Mussolinis auf dem Palazzo della Civiltà Italiana als Folge der Sanierung mit öffentlichen Mitteln wieder klar zu erkennen sind, war lange Zeit offen, was mit dem Gebäude geschehen sollte. 1999 wurde offiziell verkündet, der Bau solle als nationales Museum genutzt werden. Doch seine Schönheit ließ sich blendend versilbern. 2013 wurde die Öffentlichkeit  von der Nachricht überrascht, dass der italienische Staat den öffentlichen Bau an ein privates Unternehmen verkauft hatte, nämlich an den französischen Konzern Louis Vuitton Moët Hennessy, dessen ehemals italienische Teilmarke Fendi ab 2015 in diesem Gebäude vermarktet werden sollte. Empörend? Für Teile der italienischen Öffentlichkeit: Ja. So titelte die Zeitung Il Giornale: „Die Franzosen übernehmen den ‚Palazzo della Civiltà Italiana‘ in Rom, ein Herzstück der italienischen Kulturgüter“. Weiter hieß es: Italien gebe eines seiner „Juwelen“ auf, eine „Architekturikone des römischen Novecento“, und: „Leb wohl made in Italy, leb wohl italienisches Erbe, leb wohl Geschichte Italiens, leb wohl bestbekannte rationalistische Architektur …“. Eines ist offensichtlich: Die Debatte über das römische Weltausstellungsgelände wie über den Palazzo della Civiltà Italiana war und ist „typisch italienisch“. Eine zweitklassige Erinnerungskultur? Eine Kapitulation vor dem Bösen? Vielleicht gibt es ja doch gravierende Unterschiede zwischen der Architektur des faschistischen Deutschland und der Architektur des faschistischen Italien? Klar ist: Architektur einer Diktatur kann schön sein, trotzdem war und bleibt es eine Architektur der Diktatur. Wenn sie schön erscheint, müssen wir davor keine Angst haben. Verhässlichung, Schmähung, Verdrängung, Abriss – das sind hilflose Antworten. Übrigens kann Architektur in einer Demokratie auch mal schön sein. Harald Bodenschatz, Stadtplaner und Architektursoziologe, Berlin   Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

Kein Ausverkauf!

Christine Edmaier ist Präsidentin der Architektenkammer Berlin. Der Einsatz ehren- und hauptamtlicher Mitarbeiter unserer Kammern für mehr und offenere Planungswettbewerbe ist groß. Noch viel größer ist der Einsatz finanzieller und zeitlicher Ressourcen derer, die sich daran beteiligen. In der Hoffnung, zu einem guten Entwurf und einem guten Auftrag zu kommen, sind sie trotz Hochkonjunktur dazu bereit. Die Regeln, wann solche „Sonderangebote“ an Bauherren, Nutzer und Öffentlichkeit möglich sind, basieren auf einfachen und über Jahrhunderte bewährten Grundsätzen wie Anonymität, Gleichbehandlung, einem kompetenten Preisgericht, Auftragsversprechen und der Wahrung des Urheberrechts. In den meisten Länderkammern verpflichten die Berufsordnungen ihre Mitglieder, nur an Wettbewerben teilzunehmen, die geprüft und registriert sind. Wie der BDA in einem Boykottaufruf richtig aufzeigt, ist es unabhängig von der Berufsordnung eine Frage der Haltung, hierfür das notwendige professionelle Bewusstsein zu zeigen. Vorsicht ist bei eingeladenen „Gutachterverfahren“, „konkurrierenden Verfahren“ oder „städtebaulichen Studien“ angebracht. Zumeist wird eine „Aufwandsentschädigung“ weit unter den tatsächlichen Kosten bezahlt, es gibt keine faire (Fach-) Jury, kein Auftragsversprechen, kein angemessenes Preisgeld, Nutzungsrechte müssen abgetreten werden und oft wird mit einer persönlichen Präsentation gegen Gleichbehandlung und Anonymität verstoßen. Werden diese Verfahren den Kammern früh genug gemeldet, wird versucht, entweder einen fairen Wettbewerb oder eine faire Bezahlung durchzusetzen – andernfalls bleibt leider nur eine möglichst kollektive Absage. Der Gesetzgeber verpflichtet uns, das einwandfreie Verhalten unserer Mitglieder zu „überwachen“, selbstverständlich weisen wir aber auch Auftraggeber auf Verstöße hin. Wer sich außerhalb eines geregelten Wettbewerbes Alternativen von mehreren Büros ausarbeiten lassen will, muss in Form einer Mehrfach- oder Parallelbeauftragung nach HOAI bezahlen – auch wenn „Lösungsansätze“ innerhalb von Vergabeverfahren verlangt werden. Der Leistungsumfang muss klar begrenzt und angemessen honoriert sein und von allen eingehalten werden. Wird korrekt bezahlt, ist dieser Weg oft teurer als ein Wettbewerb. Die BAK-Projektgruppe Wettbewerbe und Vergabe entwickelt derzeit einen Leitfaden „Wettbewerbe und Mehrfachbeauftragungen“, der als länderübergreifender Konsens entsprechendes Gewicht hätte. Aufklärung, Vergleiche und Entscheidungshilfen sollen die Tendenz zu immer neuen „Hybridverfahren“ beenden, die weder Wettbewerbsregeln noch der HOAI entsprechen. In der Praxis ist die Berechnung des richtigen Honorars oft sehr komplex, zum Beispiel wenn städtebauliche, landschaftsarchitektonische und hochbauliche Leistungen vermischt sind. Zwar ist jedes Kammermitglied verpflichtet, das Honorar zu prüfen, bevor es einen solchen „Auftrag“ annimmt. Unsere Juristen, Ausschüsse und Sachverständigen für Honorare und Verträge stehen jedoch gerne mit Rat und Tat zur Seite. Damit soll nicht zuletzt verhindert werden, dass sich einzelne Kollegen hervortun müssen und sich damit Chancen verbauen. Abmahnungen wegen der Teilnahme an „grauen“ oder unterhonorierten Verfahren sind zuerst eine Aufforderung zu solidarischem Verhalten, denn wir können nur bei uns selbst anfangen. Planungswettbewerbe sind ein Sonderangebot unseres Berufsstandes, sie dürfen nicht zum Ausverkauf unserer Ideen werden! Christine Edmaier ist Präsidentin der Architektenkammer Berlin.

„Jeder darf ein Denkmal hässlich finden“

Ungeliebte Denkmale: Wie einst das Wiener Looshaus … Wenn sich Philosophen damit beschäftigen, ist Schönheit eine schwierige Sache. Kant nennt ein Urteil über Schönheit ein subjektives Geschmacksurteil, das jedoch den Anspruch hat, für die Allgemeinheit gültig zu sein. Ein gültiges Urteil erfordere ein Wohlgefallen (oder ein Missfallen) ohne alles Interesse am Objekt. Jetzt mag jeder sein Gewissen erforschen, ob er bei seinen Beurteilungen immer diese Reinheit des Gemüts aufbringt. Wir Normalmenschen fällen äußerst freigiebig Geschmacksurteile. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, wenn man bescheiden zugibt, dass jedes Urteil subjektiv ist und zu unterschiedlichen Zeiten anders ausfallen kann. Sind wir doch vom Zeitgeist oder von Moden abhängig oder gehen, manchmal auch unbewusst, unseren Interessen nach. … gilt das Berliner Pallasseum als hässlich. Ob es auch mal so geschätzt werden wird? Ein Beispiel: Der österreichische Architekt Adolf Loos erlaubte sich 1910, am Michaelerplatz in Wien ein Wohn- und Geschäftshaus zu bauen, dessen Obergeschosse er ganz glatt und in Weiß gestaltete, ohne jedes Ornament. Loos war der Meinung, die Evolution in der Kultur sei gleichbedeutend mit der Entfernung des Ornaments aus dem Gebrauchsgegenstand. So schrieb er es 1908 in seinem Aufsatz „Ornament und Verbrechen“. Leider hatten die Wiener nicht die „modernen Nerven“, die laut Loos keine neuen Ornamente mehr ertragen, und protestierten. Das Bauamt verweigerte die Gebrauchsabnahme und Kaiser Franz Joseph, der dem Looshaus gegenüber in der Hofburg wohnte, drohte mit der Vernagelung seiner Fenster. Loos beruhigte die Volks- und Adelsseele, indem er Blumenkästen anbrachte. Heute ist das Looshaus eine Inkunabel der Weltarchitektur. Es leitete eine neue Epoche der Baukunst ein und Generationen von Architekten haben es besichtigt. Das österreichische Bundesdenkmalamt, das übrigens in Teilen der Kaiserwohnung in der Hofburg residiert, hat das „hässliche“ Haus bereits 1947 unter Denkmalschutz gestellt. Nun habe ich Sie in die dünne Höhenluft der Philosophie und die Tiefen der Volksseele mitgenommen, aber nur wenig über die Position der Denkmalpflege zur Schönheit ausgesagt. Die kann man schnell zusammenfassen. Jeder darf ein Denkmal schön oder hässlich finden, und auch Denkmalpfleger tun das gelegentlich. Ein Denkmal wird aber nicht wegen seiner vermeintlichen Schönheit ein Denkmal. Denkmalpfleger sind enttäuscht, wenn jemand einem Bau- oder Gartendenkmal den Denkmalstatus aberkennt, weil es angeblich hässlich sei, genauso wie ein Architekt enttäuscht ist, wenn jemand sein Gebäude mit einem Geschmacksurteil abtut und übersieht, dass er sich auch um Zweckmäßigkeit, Bequemlichkeit, Materialgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit gekümmert hat. Die Denkmalschutzgesetze verlangen die Bewertung eines Denkmals als Geschichtsdokument. Je authentischer es ist, umso besser kann es diese Aufgabe erfüllen. Es kann Zeugnis sein für Sozial-, Wirtschafts-, Architektur-, Technik-, Städtebau-, Wissenschafts-, Kunst- oder politische Geschichte. Diese kann als positiv oder gar als heroisch bewertet werden, aber auch als unbequem, schmerzhaft oder mörderisch. Alle Geschichtsphasen werden durch Denkmale repräsentiert. Die Denkmallandschaft spiegelt die ganze Vielfalt des Lebens oder der Kultur der Vergangenheit wider. Als Richter über die Schönheit wird sich kein Denkmalpfleger aufspielen, er wird seiner Aufgabe nachgehen, die Geschichte zu erforschen und im Interesse der Allgemeinheit ihre bedeutendsten materiellen Zeugnisse zu bewahren. Er ist Historiker, der von den Höhen und Tiefen der Geschichte weiß und auch Denkmale kennt, die beide Dimensionen gleichzeitig bekunden. Gerade aber am Beispiel jüngerer Denkmale, etwa aus der Nachkriegszeit, der 1960er- oder 1970er-Jahre wird deutlich, dass das Vorurteil, ein Denkmal habe schön zu sein, auch heute noch weitverbreitet und womöglich gar nicht nachhaltig auszuräumen ist. Jüngst wurde so die 1977 fertiggestellte und neu in die Denkmalliste eingetragene Berliner Wohnanlage von Jürgen Sawade „Wohnen am Kleistpark“ (auch Pallasseum genannt) abqualifiziert. Eine Abgeordnete fragte den Berliner Senat: „Kann nachvollzogen werden, dass diese Entscheidung (gemeint ist der Denkmalschutz, B.K.) nicht wenige überrascht hat, da diese Gebäude weithin als das Stadtbild nicht gerade verschönernd angesehen werden?“ Die Presse griff das Thema gerne auf. Wie soll nun der Senat antworten? Soll er etwa das Corpus Delicti einziehen wie in dem Gedicht über einen Lattenzaun von Christian Morgenstern? „Es war einmal ein Lattenzaun, / mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. / Ein Architekt, der dieses sah, / stand eines Abends plötzlich da / und nahm den Zwischenraum heraus / und baute draus ein großes Haus. / Der Zaun indessen stand ganz dumm / mit Latten ohne was herum, / ein Anblick gräßlich und gemein. / Drum zog ihn der Senat auch ein. / Der Architekt jedoch entfloh / nach Afri- od- Ameriko.“ Vielleicht sollte der Senat die kaum allgemeingültig zu definierende Schönheit oder die Poesie anders als der entflohene Architekt im Zwischenraum, zwischen den Zeilen belassen. Bernhard Kohlenbach, Denkmalpfleger, Berlin Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

Zum Donnerwetter noch mal!

Metallbauteile von Gebäuden, wie Stahlbewehrung und Bekleidungen an Dach und Fassade, mit zur Blitzableitung zu nutzen, ist eine wirtschaftlich sinnvolle Maßnahme. Daran wird in der Praxis jedoch oft viel zu spät gedacht. Text: Christian Braun Blitzschutzsysteme werden seit vielen Jahrzehnten als vorbeugende Brandschutzmaßnahme installiert. Vorrangiges Schutzziel ist der Personenschutz, es sollen aber auch Sachschäden an Gebäuden vermieden werden. Als Grundlage für die Planung und Ausführung gilt die Blitzschutznorm DIN EN 62305 Teil 1–4 (DIN VDE 0185 Teil 1–4). Jedoch enthält die Norm nur allgemeine Hinweise zur Planung und Ausführung von Blitzschutzanlagen. Eine wirtschaftlich sinnvolle Maßnahme ist, Bauteile des Gebäudes als natürlichen Bestandteil in das Blitzschutzsystem einzubinden. Die Auswahl der Bauteile muss im frühen Planungsstadium in Zusammenarbeit von Architekt und Elektrofachplaner erfolgen. Stahlbewehrung nutzen Zur natürlichen Ableitung in einem Blitzschutzsystem bieten sich vor allem Stahlbetonstützen und -decken an. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass entsprechend normativer Forderung nach DIN EN 62305-3 jede Stütze am Fußpunkt an das Erdungssystem anzubinden ist. Das Erdungssystem ist entsprechend der Fundamenterdernorm DIN 18014 in Abhängigkeit der Ausführung des Fundamentes zu errichten. In den Stützen ist als Ableitung ein Blitzschutzdraht mitzuverlegen, der in Abständen von zwei Metern mit der Bewehrung zu verbinden ist. Daraus resultiert eine großflächige Stromaufteilung in dem Bewehrungskörper. Die Ableitung ist am Kopf der Stützen an ein in der Deckenbewehrung mitzuverlegendes Maschennetz mit einem Abstand von ebenfalls zwei Metern anzubinden. Die Maschenweite beträgt fünf mal fünf Meter. Durch diese Kontakt- und Verlegeart in der Decke sowie durch die Kombination mit den natürlichen Ableitungen in den Stahlbetonstützen entsteht im Deckenbereich eine sogenannte Äquipotenzialfläche, auch Potenzialebene genannt (siehe Grafik unten). Vermeidung unkontrollierter Überschläge: Äquipotenzialflächen und Fangeinrichtung Dadurch werden bei einem Blitzeinschlag Potenzialdifferenzen, die zu unkontrollierten Überschlägen führen können, weitestgehend vermieden. Gleichzeitig ist dadurch eine großflächige und symmetrische Blitzstromaufteilung gegeben. Abschließend wird auf der Flachdachabdichtung eine Fangeinrichtung installiert. Diese wird im Bereich der Attika, und bei großen Dachflächen auch über Dachdurchführungen, an die Äquipotenzialfläche und somit an die inneren Ableitungen angebunden. Photovoltaikanlagen, Klimageräte und sonstige Dachaufbauten sind hierbei vor direkten Blitzeinschlägen zu schützen. Zusätzlich müssen die Anlagen und Geräte mit Potenzialausgleichsleitern an die Äquipotenzialfläche angeschlossen werden. Dabei sind für die Leiter Mindestquerschnitte entsprechend der Forderung der DIN EN 62305-3 zu berücksichtigen. Bei mehrstöckigen Gebäuden kann jede Geschossdecke als Äquipotenzialfläche ausgebildet werden. Es ist zu berücksichtigen, dass auch der Funkpotenzialausgleich an diese Ebene des gleichen Potenzials mitanzubinden ist. Hierbei sind auch alle energie- und informationstechnischen Systeme mittels Überspannungsschutzgeräten (SPDs) auf dieses Potenzial zu ziehen. Inwieweit jede Etage als Äquipotenzialfläche auszubilden ist, ergibt sich aus dem Gesamtschutzziel für die bauliche Anlage. Um bei einem Blitzeinschlag unkontrollierte Überschläge von der Fangeinrichtung zu Dachinstallationen und den Bewehrungskörpern zu vermeiden, müssen sogenannte Trennungsabstände (umgangssprachlich Sicherheitsabstände) berechnet und eingehalten werden. Als Bezugspunkt für die Bestimmung der Trennungsabstände dient der nächste Punkt des Potenzialausgleichs, die sogenannte Äquipotenzialfläche. Die Größe des Trennungsabstandes wird bestimmt durch die Leitungslänge, die Stromaufteilung, die Isolation sowie durch den zu erwartenden Stoßstrom, der durch die Schutzklasse definiert wird. Dieser ist entsprechend normativer Forderung einzuhalten und somit bei der Installation der Fangeinrichtung auf der Dachfläche zu berücksichtigen. Können Trennungsabstände zwischen Fangleitung und Bewehrungskörper nicht eingehalten werden, so sind getrennte Fangeinrichtungen zu errichten. Neben der Aufständerung der Fangleitung mittels GFK-Stäben bietet eine hochspannungsfeste, isolierte Leitung (HVI-Leitung) den größtmöglichen Schutz. Bei einer gezielten isolierten Ableitung des Blitzstroms mit HVI bleiben Dachflächen frei begehbar. Befinden sich die Dachinstallationen im einschlagsgeschützten Bereich (LPZ 0B), so sind deren Versorgungsleitungen am Gebäudeeintritt in den sogenannten Blitzschutzpotenzialausgleich einzubeziehen. Sind keine Blitzströme auf den Versorgungsleitungen zu erwarten, so werden Typ-2-Ableiter empfohlen. Ist ein direkter Einschlag in Dachinstallationen möglich, so sind die Versorgungsleitungen am Gebäudeeintritt mit sogenannten Typ-1-Blitzstromableitern zu beschalten. Metallbekleidungen nutzen Häufig werden als Dacheindeckungen Metallbleche mit Isolierung inklusive Dachabdichtung verwendet. Auch diese Art einer nahezu idealen Metallfläche kann als Äquipotenzialfläche dienen. Zu beachten ist dabei, dass die einzelnen Segmente der Dachbahnen/ Metallbahnen in regelmäßigen Abständen blitzstromtragfähig zu verbinden sind. Generell gelten die Forderungen der DIN EN 62305-3 inklusive ihrer nationalen Beiblätter. Bei Gebäuden, bei denen nicht nur die Dacheindeckung, sondern auch die Fassade aus Metall besteht, kann diese neben den Stahlstützen zusätzlich als natürliche Ableitung verwendet werden. Stahlhallen sind hierfür ein typisches Beispiel. Sollte eine Metallfassade als Schirmungsmaßnahme mitgenutzt werden, so sind bereits bei der Planung umfangreiche Betrachtungen hinsichtlich elektromagnetischer Beeinflussung resultierend aus Blitzeinwirkung durchzuführen. Die Basis bildet hierbei die DIN EN 62305-4. Grundsätzlich sind die Fassadenelemente untereinander zu verbinden sowie im Abstand von fünf Metern an die Dacheindeckung/Fangeinrichtung und an das Erdungssystem anzubinden. Werden beispielsweise die Gefache zwischen den einzelnen Stützen ausgemauert, so erfolgt die Ableitung nur über die Stahlstützen. Infolge der sehr guten Symmetrierung des Stroms durch die Äquipotenzialfläche wird jede Stütze anteilsmäßig mit Stoßstrom belastet (Blitzstrom/Anzahl der Stützen). Aufgrund der Ausbildung eines elektromagnetischen Feldes um die stromdurchflossenen Stützen sind je nach Gebäudesituation tiefer gehende Betrachtungen durch Fachexperten notwendig. Christian Braun ist Produktmanager Dach bei Dehn + Söhne in Neumarkt in Bayern. Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Grüne Inspirationen

Von der Natur inspiriert: Bei dieser Vertikalbegrünung im Empfangsbereich eines Geschäftshauses setzten die Planer von Aplantis auf das Zusammenspiel von Stein und Pflanzen, die an bewachsene Felshänge erinnern. Die Begrünung von Innenräumen ist immer noch ein Nischenthema. Dabei sind heute Systeme verfügbar, die gut funktionieren. Text: Marion Goldmann Ob zu Hause oder im Büro: Pflanzen liebt nahezu jeder Mensch in seiner unmittelbaren Umgebung. Doch meist vegetiert das Grün vor sich hin oder fehlt ganz. Auch der vermeintliche Trend der Rückbesinnung auf die Natur im Zuge der zunehmenden Verstädterung hat die Praxis diesbezüglich noch nicht nachhaltig verändert. Erste Ansätze sind aber spürbar. Die Stiftung „Blumenbüro Holland“ beispielsweise hat sich zur Aufgabe gemacht, die Aufmerksamkeit für Blumen und Pflanzen in ganz Europa zu erhöhen. „Wir setzen uns dafür ein, dass mehr Pflanzen in die Wohnungen und Büros einziehen und Pflanzen schon frühzeitig in der Planung berücksichtigt werden“, so Marketingmanager Frank Teuber. Das ist ein entscheidender Punkt, denn die Innenraumbegrünung ist auch unter Architekten noch immer ein Nischenthema. Wie Gunnar Krempin vom Architekturbüro SPAR*K in Berlin berichtet, liegt das an der fehlenden Nachfrage: „Wir beschäftigen uns immer erst dann damit, wenn der Bauherr es fordert.“ Aktuell haben die Architekten einen Schreibtisch entwickelt, der durch integrierte Pflanzen den klassischen Arbeitsplatz mit Bildschirm und Drucker ein Stück weit auflöst. Das Möbel dient zugleich als Paravent zum Wohnraum, die Bepflanzung als Raumteiler. Diese Doppel-Funktion zu generieren, war den Architekten wichtig – sie war zugleich auch Anlass dieser Eigenentwicklung, denn ein fertiges Produkt bot der Markt nicht an. Wohl auch deshalb ist bereits ein Esstisch mit einem integrierten Pflanzsystem in Arbeit. Gunnar Krempin: „Der Fokus liegt hier auf der Ausstattung mit Nutzpflanzen, zum Beispiel mit Basilikum, das quasi aus dem Tisch wächst.“ Viele Fragen offen Pflanzen sind nicht nur dekorativ, sie erzeugen viele weitere positive Effekte. Durch ihre natürliche Transpiration strömen sie Feuchtigkeit aus und verbessern so das Raumklima. „Einige Sorten, insbesondere großblättrige, grüne Gewächse wie Einblatt, Efeu oder Schwertfarn, filtern zudem Schadstoffe aus ihrer Umgebung und eignen sich somit bestens für die Bürobegrünung“, erklärt René Grevsmühl, Experte des Blumenbüros Holland und Inhaber von Florale Welten. Gute Empfehlung. Schreibtisch von SPAR*K-Architekten: Der klassische Arbeitsplatz mit Drucker und Bildschirm wird hier aufgelöst. Doch wie die SPAR*K-Architekten steht zum Beispiel auch Ines Wrusch, Innenarchitektin aus Hamburg und für ihre Berufsgruppe im Vorstand der Bundesarchitektenkammer, immer wieder vor der Frage: „Wie kann ich meinen Bauherren eine Begrünung für Innenräume vorschlagen? Es sollen auf jeden Fall lebendige Pflanzen sein, gern auch großflächig angelegt, wie es vertikale Systeme ermöglichen. Doch die Herausforderungen bei Installation, Pflege, Umsetzbarkeit und Dauerhaftigkeit sind groß – und mir fehlen bislang darauf einschlägige Antworten.“ Einer, der auf diesem Gebiet neben Fachwissen über langjährige Erfahrungen verfügt, ist Gerhard Zemp. Der Mann aus der Schweiz ist von Hause aus Gartenbauingenieur und hat später noch ein Architekturstudium absolviert – eine Kombination mit Seltenheitswert. Zemp kennt die Bedenken der Architekten in puncto Vertikalbegrünung nur zu gut. Er begann vor 15 Jahren, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Zu dieser Zeit machten erste Leuchtturmprojekte renommierter Architekturbüros in Zusammenarbeit mit Patrick Blanc, wie die Galeries Lafayette in Berlin, Furore. Auf breiter Basis blieb das Interesse allerdings gering. Auch das eingesetzte Taschensystem – zwei zusammengetackerte Filzlagen mit dazwischen verlegtem Kunststoffschlauch, oben ein Wasserhahn, unten ein Ablauf und Taschen, die man für die Bepflanzung aufschlitzte – war simpel konstruiert und ist mit heutigen Systemen nicht vergleichbar. Zemp hat die technische Entwicklung seitdem mitverfolgt, Bachelor- und Forschungsarbeiten begleitet und in Deutschland und der Schweiz etwa 40 bis 50 Systeme betrachtet, die weltweit auf dem Markt sind. Kein Hexenwerk Hierzulande haben sich mittlerweile etwa sechs Systeme durchgesetzt, die gut funktionieren. Hinsichtlich der Dauerhaftigkeit der Bepflanzung muss man sich keine Sorgen machen; die Pflanzenauswahl erfolgt nach einer FFL-Richtlinie und zudem sind die Firmen an die fünfjährige Gewährleistung gebunden. Je nach angestrebter Optik sind unterschiedliche Arten der Bepflanzung möglich: zum Beispiel 80 Prozent Grundbepflanzung und 20 Prozent temporäre oder blühende Pflanzen, die für den Show-Effekt sorgen. Wichtig ist dabei, im Vorfeld mit der ausführenden Firma das Prozedere zu klären: In welchem Zeitintervall und vor allem wie soll der Austausch erfolgen, wie hoch ist der Pflegeaufwand? Gerhard Zemp fasst zusammen: „Aus gärtnerischer Sicht bin ich mit den Systemen für die vertikale Innenraumbegrünung sehr zufrieden, aus Architektensicht nicht.“ Problematisch ist die hohe Schicht- beziehungsweise Vegetationsdicke von bis zu 30 Zentimetern. Bei großen Räumen, wie Atrien oder Foyers, fällt das aufgrund der guten Fernwirkung zwar kaum auf, in einem Sitzungszimmer dagegen schon. Die Schichtdicke ist zum Beispiel auch bei einem zu begrünenden Treppenhaus in einem Bestandsbau, wo es um jeden Zentimeter geht, entscheidend. Für solche Fälle sind die nur zehn bis zwölf Zentimeter schlanken Systeme deutlich besser geeignet. Überhaupt sind die baulichen Voraussetzungen für die Wahl eines bestimmten Systems essenziell. Wasserzuleitung und Abfluss werden immer benötigt, ebenso wie Licht. Da sich die in Innenräumen zu begrünenden Flächen in der Regel in tageslichtfernen Bereichen befinden, muss die Beleuchtung künstlich erfolgen und vollflächig auf die Vegetation ausgerichtet sein. Demzufolge ist frühzeitig eine Decken- oder Bodenbeleuchtung einzuplanen, die man am besten – auch um Kosten zu sparen – mit dem Lichtplaner abstimmt. „Die indirekte Ausleuchtung einer Vertikalbegrünung sollte in die Grundbeleuchtung des Raumes miteinbezogen werden“, empfiehlt Zemp. Unsicherheit besteht häufig auch bei der Wahl der Lichtfarbe: Pflanzen brauchen Licht im rot- und blauwelligen Spektrum. Rechtzeitig geplant, lassen sich diese eher kühleren Farben gut abmischen. Pflanzenschädlinge und Insektenbefall sind Argumente, die oft eine Vertikalbegrünung verhindern. Gerhard Zemp hält dagegen: „Schädlinge treten eher in einzelnen mobilen Gefäßen auf, weil diese im Vergleich zu einer Vertikalbegrünung kein eigenes Mikroklima aufbauen können.“ Nicht zuletzt ist bei einer Vertikalbegrünung auch der Brandschutz zu berücksichtigen, was bedeutet, dass die Befeuchtung dauerhaft gewährleistet sein muss. Bei besonderen Anforderungen, wie in Kernzonen von Hochhäusern, werden anstelle von Kunststoffbehältern komplette Metallkonstruktionen eingesetzt. Schlingpflanzen im Dschungellook: Im Neubau „Virchow 16“ auf dem Novartis Campus in Basel hatte Architekt Rahul Mehrotra ein über drei Geschosse reichendes Atrium geplant, dessen Begrünung sich an den unteren Schichten des Regenwaldes orientiert. Planvoll vorgehen Fragen, auf die der Planer Antworten finden muss, sind: Ist die Nah- oder Fernwirkung wichtig? Soll eine akustische Wirksamkeit erreicht werden. Soll die Luftbefeuchtung messbar sein? Dient die Begrünung ausschließlich dekorativen Zwecken? Handelt es sich um ein temporäres Projekt oder soll die Begrünung über Jahrzehnte bestehen? Die Wahl eines Systems ist nicht zuletzt auch eine Frage des Budgets. Wer bei der Innenraumbegrünung die Kreationen eines Patrick Blanc vor Augen hat, kann diese Optik auch kostengünstiger mit Hänge- und Schlingpflanzen erzielen. Bei der Entscheidung für eine Vertikalbegrünung ist eine neutrale Beratung wichtig, denn die Planung sollte objekt- und nicht systembezogen erfolgen. Passende Ansprechpartner sind hier allerdings eher rar gesät. Geeignete Berater, die die Begrünung mit der Gebäude- und Innenarchitektur verbinden, sind auf dieser Seite unten zusammengestellt. Und die wesentlichen Punkte, die im Zuge der Entscheidungsfindung zu prüfen und abzuklären sind, hat Gerhard Zemp in der Checkliste unten aufgeführt. Checkliste: Das sollte man vorab klären Aufgrund der großen Auswahl an Systemen für die vertikale Begrünung wird empfohlen, folgende Punkte zu prüfen: • Einsatz der Pflanzenwand rein gestalterisch oder auch funktionell (Luftfeuchte, Schalldämmung)? • Gesamt-Aufbaustärke von Pflanzenwand: 7,6–50 cm erhältlich. Schichtdicke der Vegetation (3–50 cm)? • Planungszeit, Vorlaufzeit? Zeitplan Montage von Anschlüssen, Wanne, Grundkonstruktion, Licht, Vegetation • Fertig vorproduzierte Pflanzenmodule oder Bepflanzung vor Ort? • Modulsystem oder einteilige Konstruktion? Partiell demontierbar? • Gesamtkosten auf fünf Jahre: Prüfung der Erstellungskosten, Wartungskosten und Kosten für Pflanzenersatz • Nachhaltigkeit der Komponenten • Brandschutzklasse der einzelnen Komponenten bzw. des Gesamtsystems • Automatische Bewässerung: Wasserzulauf, -ablauf vorhanden? Manuelle Befüllung? Geräusche? • Wachstumslicht für Pflanzen bei 95 Prozent der Wände notwendig • Geruchsemissionsfrei? Den Hygienestandard erfüllend? • Luftbefeuchtung oder Schalldämmung erwünscht? Max. Eintrag der Feuchte berechnen! • Referenzprojekte des Systems bzw. des Innenraumbegrüners? ÜBERGREIFENDE FACHINFORMATIONEN Fachverband Raumbegrünung und Hydrokultur (FvRH) im Zentralverband Gartenbau e. V., Berlin, www.fachverband-hydrokultur.de Vereinigungen von Fachbetrieben mit bundesweitem Netzwerk: Die Raumbegrüner GmbH, Hannover, www.dieraumbegruener.de Element Green GmbH, 74889 Sinsheim–Hoffenheim, www.element-green.com Unabhängige Fachplanung für Innenraum- und Gebäudebegrünung: aplantis AG, Architekturbüro für Innenraum- und Gebäudebegrünung, Bern www.aplantis.ch Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

„Ist das Architektur oder kann das weg?“

„Kann man nicht putzen!“ Die Fondation Louis Vuitton von Frank Gehry hat andere Qualitäten. Architektur und Schönheit: Da treffen sich zwei Begriffe, die erst mal nichts miteinander zu tun haben. Auf der einen Seite steht das individuelle und kontroverse Attribut „Schönheit“ und auf der anderen Seite das Produkt eines schöpferischen Prozesses. Aus meiner Erfahrung wird die Frage nach der Schönheit immer dann gestellt, wenn der Betrachter eigentlich nicht weiterweiß. Da bleibt der Ausweg der Schönheit – wohl wissend, dass hier im Grunde jede Diskussion aufhört. Mir gefällt da die Frage: „Ist das Architektur oder kann das weg?“ besser. Denn geht es nicht im Kern um die Qualität von Architektur? Darüber kann man inhaltlich diskutieren und deren Maßstäbe festlegen. So müssen wir zum Beispiel einen Rolls-Royce nicht „schön“ finden, werden aber zugeben, dass dieses Auto eine außergewöhnliche Qualität besitzt. Ich rede mit meinen Bauherren nicht über Schönheit, sondern versuche sie davon zu überzeugen, dass das Gebäude oder ein Detail Qualität besitzt. Das nimmt der schnell emotional geführten Diskussion ihre Spannung und gibt allen die Möglichkeit, die Frage mehr sachlich zu beantworten. Ich als Architekt habe damit auch die geeignete Plattform, meinen Entwurf zur Diskussion zu stellen. Erstaunlicherweise wird das auch schnell verstanden. Kennen Sie die Steigerung von „Ist nicht schön!“? „Kann man nicht putzen!“ Klaus Heselhaus, Architekt, Klütz „Gegen gute moderne Architektur ist nichts einzuwenden, aber …“ Leider spielt Schönheit heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Es geht eher um Effizienz, Praktikabilität und Zeitgeist. Gegen gute moderne Architektur ist nichts einzuwenden, aber warum gibt man nicht auch schöner, klassischer Architektur wieder einen Raum, anstatt sie automatisch mit vormodernen Einstellungen zu verbinden? Jeder liebt doch Altstädte oder Gründerzeitviertel und es stört nicht, dass viele Häuser eigentlich keine Meisterwerke sind. Wir haben im Krieg viel schöne Bausubstanz verloren, ich finde sie als identitäts stiftenden Ankerpunkt aber wichtig, gerade im Zusammenspiel mit moderner Architektur. Jedoch ist Architektur, wie so vieles heutzutage, auch ein Wegwerfprodukt. Anstatt noch den letzten Cent aus einem Vorhaben herauszupressen, sollte auf langfristige Werte geachtet werden. Das wäre, wie man so schön sagt: nachhaltiger. Michael Müller, Student der Raumplanung, Dortmund „Die Schönheit eines Objekts umfasst zunächst einmal dessen Zweck und anschließend seine Proportion. Sie ist dann vollkommen, wenn die Komposition aus Charakter, Qualität und Raum harmonisch ist. Schönheit ist die Summe dieser Komplexität. Sie ist ein Lebensbedürfnis.“ Amir Abadi, Architekt und Möbeldesigner, Berlin Schön Was finden Sie schön? Unterschätzte Hässlichkeiten, die von Abriss bedroht sind. Gibt es eine objektive Schönheit in der Architektur? Es gibt objektiv gute Architektur, doch ob sie schön oder hässlich ist, empfindet jeder anders. Was darf Schönheit in der Architektur kosten? Schlechte Architektur kostet die gute Laune. Schönheit liegt in jedem Ding und kostet nur die Mühe, sie zu entdecken. Ist Altes immer schöner als Neues? Na klar. Und wenn nicht: Abwarten, dann stimmt es wieder. Daniel Fuhrhop, Buchautor und Blogger, Oldenburg Musterhaus: Hild und K Architekten auf der Suche nach der Schönheit (Haus in Aggstall) „In abgelegenen Winkeln“ Schönheit ist auf den ersten Blick etwas Oberflächliches. Bei genauem Hinschauen sagt ihr Empfinden viel aus über den Einfluss, den ein Objekt auf den Betrachter ausübt. Was jemand für schön hält, hängt von seiner Grunddisposition, Affinität und Gewohnheit ab. Schönheit entsteht, wo jemand das Erlebte mit einer positiven Vorstellung verbindet. Erst damit erhält die Betrachtung eines Gebäudes eine tiefere Dimension. Schönheit ist sehr emotional und menschlich. Als Architekten begeben wir uns deshalb gerne im Alltäglichen auf die Suche. Oft finden wir die Schönheit gerade in irgendwelchen abgelegenen Winkeln, in denen vor uns noch keiner nachgesehen hat! Dionys Ottl und Matthias Haber, Architekten, München Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

Vom Naturstein-Preis zu Bauprojekten, Denkmalspezialisten und Kirchenbauten

Vom Naturstein-Preis zu Bauprojekten, Denkmalspezialisten und Kirchenbauten. Naturstein wird prämiert Noch bis zum 31. Januar 2018 können Projekte, die Naturstein gestalterisch oder konstruktiv einsetzen, für den Deutschen Naturstein-Preis vorgeschlagen werden. Chancen haben Hochbauten und Freiraumgestaltungen – aber auch Sanierungen oder Rekonstruktionen mit besonderen Steindetails. www.natursteinverband.de Weit weg oder ganz nah Beton-Spezialisten und -Liebhaber kommen sicherlich bei einer für Anfang Mai angekündigten „Fachstudienreise Beton“ auf ihre Kosten. Zur Auswahl stehen aber auch Architekturreisen nach Japan vom 16. bis 26. März oder nach Portugal vom 11. bis 15. April. Ende Juni geht es zur Architektur-Biennale nach Venedig. www.reisenundevents.de Aber auch hierzulande gibt es Neues zu sehen: die Elbphilharmonie zum Beispiel. An zwei Tagen entdecken Sie die Hafencity und blicken hinter die Kulissen des neuen Konzerthauses. Planungsbeteiligte berichten vom anspruchsvollen Bauprozess. Ob sich der Aufwand gelohnt hat, zeigt sich bei einem Konzertbesuch. Das Programm wird als Fortbildung anerkannt und kostet 650 Euro inklusive Übernachtung und Anreise. Termine: 20. bis 21. Februar und 23. bis 24. Juni 2018. www.architectours.org Das Stadtmuseum Aarau wurde mit Rücksicht auf das Denkmal erweitert. Silberturm sticht heraus Die Wüstenrot Stiftung öffnete ihren Gestaltungspreis, der dieses Jahr unter dem Motto „Umgang mit denkmalwürdiger Bausubstanz“ stand, erstmals für Projekte aus Österreich und der Schweiz. Prompt sind unter den zehn Preisen und Anerkennungen nur drei deutsche Projekte. Den Hauptpreis erhalten Diener & Diener für die Erweiterung des Stadtmuseums Aarau. Ausgezeichnet werden außerdem die Sanierung des historischen Türalihus in Valendas (Capaul & Blumenthal), der Schulanlage Felsberg in Luzern (Menzi Bürgler) und des Hallenbades City in Zürich (Ernst Niklaus Fausch). Das Hochhaus der früheren Dresdner Bank behielt auch nach der Sanierung seinen futuristischen 70er-Jahre-Charme. Das einzige ausgezeichnete Projekt aus Deutschland hat dafür umso mehr Signalwirkung. Der noch nicht denkmalgeschützte „Silberturm“ in Frankfurt am Main bleibt auch nach der Ertüchtigung durch die Architekten Schneider und Schumacher ganz typisch für die 1970er-Jahre: Aluminiumfassade, abgerundete Ecken und Fenster wie im Flugzeug. Das Schwimmbad im 31. Stock, das eigentlich als Löschwasserbecken diente, wurde allerdings in einen Konferenzsaal umgebaut. Die von ABB Architekten entworfene frühere Zentrale der Dresdner Bank war mit 166 Metern bis 1990 das höchste Haus Deutschlands. www.wuestenrot-stiftung.de Archiv neu eröffnet Das Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW öffnet sein Archiv – zumindest online. Dort sind alle Ausstellungen des mobilen Museums dokumentiert, die seit der Gründung im Jahr 2005 an verschiedenen Orten stattfanden. Dabei ging es um gewagte Dachkonstruktionen, um Moscheen oder um die städtebauliche Entwicklung an Rhein und Ruhr. Auch monografische Ausstellungen, etwa über Paul Schneider von Esleben, Hans Scharoun oder Werner Ruhnau, sind in Bildstrecken, Texten und Videos nachzuerleben. www.archiv.mai-nrw.de Auftragslage gut, Umfrage eingestellt Die stets als Barometer für die Baukonjunktur dienende Umfrage des ifo-Instituts unter freischaffenden Architekten wurde vor Kurzem eingestellt. Die letzten Daten zum zweiten Quartal 2017 weisen auf eine weiterhin gute Auftragslage hin, besonders im Wohnungsbau. Eine Zusammenfassung finden Sie hier. Kreativ mit Stahl Alle drei Jahre prämiert der Verband der deutschen Stahlindustrie beispielhafte Lösungen in mehreren Kategorien. Neben Stahlprodukten und Stahldesign ist auch Stahl als Baumaterial gefragt. Preiswürdig sind Tragwerke oder Fassadenkonzepte, aber auch individuell entwickelte Details oder Bauteile. Besonders energie- oder materialsparende Lösungen werden mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Abgabeschluss für den „Stahl-Innovationspreis 2018“ ist der 26. Januar 2018. www.stahl-innovationspreis.de Denkmalspezialisten gesucht „Architekt in der Denkmalpflege“ darf sich nennen, wer eine entsprechende Weiterbildung der Propstei Johannesberg in Fulda absolviert hat. Die Seminarreihe, die sich auf das praktische Planungs- und Baugeschehen konzentriert, findet in zwölf Wochenblöcken zu je 578 Euro statt. Kooperationspartner sind die Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen und das hessische Landesamt für Denkmalpflege. www.propstei-johannesberg.de Baumeister Natur Von Tieren und Pflanzen lässt sich einiges lernen: Immer wieder nutzen Architekten die Natur als Vorbild, um besonders elegante Formen oder effiziente Konstruktionen zu entwickeln. Die Ausstellung „Baubionik – Biologie beflügelt Architektur“ im Stuttgarter Naturkundemuseum zeigt bis zum 6. Mai 2018 neue Forschungsergebnisse und gebaute Beispiele. www.naturkundemuseum-bw.de Für das Bauen mit Zukunft Das Bundesverdienstkreuz für den Schweriner Architekten Joachim Brenncke ehrt dessen Einsatz für die Baukultur und die ländliche Entwicklung im Nordosten Deutschlands. Der Architekt Joachim Brenncke erhielt am 4. Oktober von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz. Der Präsident der Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern und Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer wurde damit für sein berufspolitisches Engagement, aber auch für seinen persönlichen und meist ehrenamtlichen Einsatz für eine lokale Baukultur und für die Zukunftsfähigkeit ländlicher Räume ausgezeichnet. Als junger Architekt im Schweriner Stadtbaubetrieb bewertete Brenncke in den 1980er-Jahren die Erhaltungsfähigkeit historischer Bausubstanz in der Schweriner Schelfstadt. Obwohl er viele Objekte für sanierbar hielt, wurden sie von der Stadt zum Abriss freigegeben. Als Reaktion schloss sich Brenncke mit anderen Architekten und Künstlern zu einer Initiative zusammen, besserte ein Haus mit eigenen Händen aus: „Das barg natürlich Konfliktpotenzial, im Stadtbaubetrieb zu arbeiten, aber als Privatperson öffentlich die vorgegebene Abrisspolitik anzuzweifeln. Vorladungen vor die Betriebsleitung waren die Folge“, berichtet der Geehrte. Ebenso kritisch beobachtete Brenncke den nach der Wende einsetzenden und bis heute anhaltenden Bauboom an der Ostseeküste: „Statt vereinfachter Schubladen-Schein-Architektur brauchen wir wieder eine ortsbezogene Baukultur.“ Die Bäderarchitektur sei nämlich überall an der Ostseeküste unterschiedlich, zum Beispiel auf dem Darß anders als auf Usedom. Die Landeskammer und ihr Präsident raten daher gerade bei touristischen Bauten zu mehr Wettbewerben. Dass lokale Bauweisen und Bezüge in Vergessenheit geraten, liegt für Brenncke auch daran, dass gerade im ländlichen Raum immer weniger Fachleute in den Bauverwaltungen sitzen. Um diese Lücke zu schließen, bietet seine Kammer für kleine Gemeinden mobile Gestaltungsbeiräte an, die je nach Bedarf eine Bauaufgabe beratend begleiten. Für einen Ort im Landkreis Vorpommern-Rügen sitzt Brenncke selbst im Beirat. Vor dem Bauen muss der ländliche Raum aber fit für die Zukunft gemacht werden. Dabei hilft die „Akademie für Nachhaltige Entwicklung M-V“, in der sich Brenncke seit 2006 engagiert, seit 2016 als Vorstandsvorsitzender. Die Akademie fördert Projekte aus den Bereichen Bildung, Daseinsvorsorge, erneuerbare Energien, regionale Lebensmittel und Ressourcenschutz. Gerade Architekten könnten auch in strukturschwachen Regionen Potenziale erkennen und den Menschen Mut machen, findet der Geehrte. „Wir wollen erreichen, dass man uns als Fachleuten wieder zuhört und unseren Rat annimmt, anstatt dem schnellen Geld hinterherzulaufen.“ Weihnachten mit Gottfried Böhm Während Gottfried Böhms Kirchenbauten äußerlich mal besonders schlicht, mal besonders skulptural erscheinen, überrascht im Inneren ein Spiel aus Licht und Farben. Böhm entwarf die bunten Fenster oftmals selbst. Dabei taucht als Symbol der Erlösung, des Paradieses und des Wesens Marias immer wieder die Rose auf. Die neuen Grußkarten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zeigen vier Motive aus Neviges, Neuss-Gnadental und Troisdorf-Müllekoven. Die acht Karten kosten 9,90 Euro. www.monumente-shop.de

Zu dicht, zu laut, zu alt

Foto: Fotolia Unsere Übersicht zeigt, welche aktuellen Urteile zum Bauplanungsrecht für Architekten relevant sind. Text: Hubertus Schulte Beerbühl Nach Umbau kein landschaftsprägendes Gebäude mehr Verwaltungsgericht Münster, Urteil vom 5. April 2017, Az.: 2 K 893/15 Im Außenbereich, also außerhalb des Geltungsbereichs eines qualifizierten Bebauungsplans und außerhalb der Zugehörigkeit zu einem im Zusammenhang bebauten Ortsteil, ermöglicht § 35 Abs. 4 Satz 1 Nr. 4 BauGB „die Änderung oder Nutzungsänderung von erhaltenswerten, das Bild der Kulturlandschaft prägenden Gebäuden, auch wenn sie aufgegeben sind, wenn das Vorhaben einer zweckmäßigen Verwendung der Gebäude und der Erhaltung des Gestaltwerts dient“. § 35 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 BauGB erlaubt „die Erweiterung eines Wohngebäudes auf bis zu höchstens zwei Wohnungen“ unter den in der Bestimmung genannten Voraussetzungen. Zum Verhältnis beider Regelungen hat das Verwaltungsgericht (VG) Münster entschieden: Auch wenn beide Vorgänge – Änderung nach Nr. 4 und Erweiterung nach Nr. 5 – in dieser Reihenfolge und zeitlich versetzt vorgenommen werden können, ist die Erweiterung nicht genehmigungsfähig, wenn die laut Nr. 4 BauGB entscheidende Bedingung eines kulturlandschaftsprägenden Gebäudes im Nachhinein entfällt, indem das Gebäude in seinem Erscheinungsbild wesentlich verändert wird. Daher hat das VG eine Klage auf Genehmigung zur Erweiterung eines vor zwölf Jahren in ein Wohnhaus umgebauten, einst als erhaltenswert und landschaftstypisch eingestuften Gebäudes abgewiesen. Eine quantitative Erweiterung nach Nr. 5 müsse gewährleisten, dass das Gebäude auch im erweiterten Zustand weiterhin erhaltenswert ist und das Bild der Kulturlandschaft prägt. Eine andere Auslegung würde letztlich zu einer Umgehung der mit Nr. 4 bezweckten Genehmigung eines Gebäudes führen. Es muss also die äußere Erscheinung, die maßgeblich für die Zulassung des Vorhabens war, auch nach einer Erweiterung erhalten bleiben. Im konkreten Fall würde durch die geplante massive Änderung der Dachkonstruktion im Obergeschoss das äußere Erscheinungsbild wesentlich verändert. Dies käme einer qualitativen Änderung gleich, die nicht mehr mit dem typischen Charakter eines in der Kulturlandschaft des Westmünsterlandes bestehenden Kötterhauses zu vereinbaren sei. Trotz genügend Abstands zu Einsichtnahme Hamburgisches Oberverwaltungsgericht, Beschluss vom 27. März 2017, Az.: 2 Bs 51/17 Oftmals beklagen Nachbarn die Massivität von Neubauten. Oder sie befürchten eine Einsichtnahme oder Verschattung ihres Grundstücks und empfinden das als rücksichtslos (siehe „Wie viel Rücksicht muss sein?“). Allerdings gilt der Grundsatz, dass ein Projekt nicht rücksichtslos ist, wenn die Abstandsflächen eingehalten werden. Eine Ausnahme machte das Oberverwaltungsgericht (OVG) Hamburg. Es führte aus, in dem betreffenden Bebauungsplan habe der Plangeber mit der Festsetzung einer zu begrünenden Freifläche im Blockinneren erkennbar einen großzügigen Abstand der Gebäude zueinander und eine aufgelockerte Bebauung gewollt. Dem widerspreche ein fünfgeschossiges, 15 Meter hohes Gebäude mit einer Tiefe von 45 Metern, das eine abriegelnde Wirkung entfalte. Außerdem ermögliche es unzumutbare Einsichtsmöglichkeiten, die nicht dadurch wirksam gemildert würden, dass die Bauherrin zugesagt hatte, die Balkonbrüstungen und Fenster von außen blickdicht auszuführen; denn die Fenster würden jeweils in der oberen Hälfte nach wie vor zahlreiche größere Einsichtsmöglichkeiten eröffnen. Der Nachbar bekam recht und die Genehmigung wurde trotz Einhaltung der Abstandsflächen aufgehoben. Nicht notwendige Stellplätze wegen Lärmbelästigung abgelehnt Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Beschluss vom 23. Februar 2017, Az.: 3 S 149/17 Einige Landesbauordnungen enthalten die ausdrückliche Bestimmung, dass Garagen und Stellplatze nur so ausgeführt werden dürfen, dass ihre Benutzung die Gesundheit nicht schädigt und Lärm oder Gerüche das Arbeiten und Wohnen, die Ruhe und die Erholung in der Umgebung nicht über das zumutbare Maß hinaus stören (so beispielsweise die Landesbauordnung Nordrhein-Westfalen). Andere Bauordnungen (etwa die Bayerische) kennen eine solche spezielle Regelung nicht; dort ist das allgemeine Rücksichtnahmegebot Maßstab. In allen Fällen ist fraglich, nach welchen Kriterien die Frage der Zumutbarkeit zu entscheiden ist. Während in manchen Bundesländern von den obersten Verwaltungsgerichten die Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm) herangezogen wird, lehnen andere Gerichte deren Anwendung ab und entscheiden von Fall zu Fall nach Kriterien wie der konkreten räumlichen Lage. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof differenziert nun danach, ob es sich um notwendige Stellplätze handelt oder nicht. Für notwendige Stellplätze verweist er darauf, dass nach § 12 Abs. 1 Baunutzungsverordnung Stellplätze und Garagen, von besonders schweren Fahrzeugen abgesehen, in allen Baugebieten zulässig sind. Es sei grundsätzlich davon auszugehen, dass Garagen und Stellplätze, deren Zahl dem Bedarf entspricht, auch in einem von Wohnbebauung geprägten Bereich keine erheblichen, unzumutbaren Störungen hervorrufen. Daher finde die TA Lärm in der Regel keine Anwendung. Umfasse allerdings die Baugenehmigung weitere, nicht notwendige Stellplätze, so sei die Frage nach der Zumutbarkeit auch unter Berücksichtigung der TA Lärm mit ihren Immissionsrichtwerten (Nr. 6.1), dem Spitzenpegelkriterium (Nr. 6.3) und der von ihr definierten Vorbelastung (Nr. 2.4) zu beurteilen. Die für die Bewohner vorgesehenen notwendigen Stellplätze waren nach den genannten Kriterien zumutbar, weil sie abseits der störungsempfindlichen Räume des Nachbargrundstücks angelegt werden sollten. Die weiteren Parkplätze waren es hingegen nicht, da davon ausgegangen werden könne, dass die Nutzung dieser Stellplätze eine Überschreitung des nächtlichen Spitzenpegels von 60 dB(A) am Nachbarhaus zur Folge haben werde. Die Nachbarn hatten mit ihrer Anfechtungsklage gegen die Baugenehmigung Erfolg. Realitätsfern gewordene Bebauungspläne nicht zu beachten Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Beschlüsse vom 15. Februar 2017, Az.: 1 CS 16.2396, und 23. Februar 2017, Az.: 2 ZB 15.2597 Eigentlich sind Bebauungspläne und deren Festsetzungen von jedermann zu beachten. Sie beanspruchen aufgrund ihrer Beschlussfassung in einer Satzung (in manchen Bundesländern in einer Rechtsverordnung) als Rechtsnormen Gültigkeit für jeden, der sie anwenden will oder muss. Ein Bebauungsplan verliert seine Wirksamkeit aber, wenn er funktionslos wird. Das ist laut Rechtsprechung der Fall, wenn eine Verwirklichung des Bebauungsplans auf unabsehbare Zeit ausgeschlossen erscheint und niemand darauf vertrauen kann, dass die Festsetzung noch Gültigkeit hat. Dies ist für jede Festsetzung gesondert zu prüfen. Eine Planungskonzeption, die einer Festsetzung zugrunde liegt, wird allerdings nicht schon dann sinnlos, wenn sie nicht mehr überall im Plangebiet umgesetzt werden kann, sondern erst, wenn die tatsächlichen Verhältnisse vom Planinhalt so massiv und so offenkundig abweichen, dass der Bebauungsplan insoweit seine städtebauliche Gestaltungsfunktion unmöglich zu erfüllen vermag. Solche Ausnahmefälle lagen in zwei Entscheidungen des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes vor. In dem einen Fall wurde aus einem Vergleich zwischen dem Baulinienplan mit der tatsächlichen Situation deutlich, dass sämtliche Gebäude auf den nördlich und nordöstlich von der Straße gelegenen Grundstücken überwiegend massiv die vorgegebenen Baugrenzen überschritten. Ebenso wenig hielten die meisten Baukörper im Bereich nördlich einer anderen Straße die Baugrenzen ein. In Anbetracht der Anzahl und des Umfangs der Abweichungen sei die Verwirklichung der städtebaulichen Gestaltungsfunktion auf unabsehbare Zeit ausgeschlossen. In dem anderen Fall war 1952 eine Baulinie zurückversetzt worden, um für den Neubau eines Bahnhofs eine Straße verbreitern zu können. Der Bahnhof wurde 1960 gebaut, die Straße jedoch bis heute nicht verbreitert. Offensichtlich sei das damalige Ziel auch wegen vorhandener Bestandsgebäude in absehbarer Zeit nicht mehr zu verwirklichen. In beiden Fällen waren die Festsetzungen nicht mehr zu beachten. Befreiung vom Bebauungsplan darf dessen Zielen nicht widersprechen Niedersächsisches Oberverwaltungsgericht, Beschluss vom 2. Dezember 2016, Az.: 1 LA 77/16 Widerspricht ein Bauvorhaben einer Festsetzung in einem Bebauungsplan, wird schnell der Wunsch nach einer Befreiung geäußert. Diese ist jedoch an strenge Voraussetzungen geknüpft – unter anderem darf die Befreiung nicht den Grundzügen der Planung entgegenstehen. Mit einer Befreiung soll nur der planerische Wille ergänzt werden. Hat eine Gemeinde ihren Willen in einer konkreten Weise manifestiert und beispielsweise entschieden, dass ein bestimmtes Grundstück nicht bebaubar sein soll, darf dies nicht durch eine Befreiung konterkariert werden. In dem entschiedenen Fall kam das OVG zu der Überzeugung, dass der Gemeinderat bewusst bestimmten Grundstücken Baulandqualität verschaffen wollte, anderen – unter anderem dem des Klägers – hingegen nicht. Im Bauleitverfahren hatte die Gemeinde eine entsprechende Anregung des Klägers ausdrücklich abgelehnt. Unter Berufung auf eine ältere Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts hat das OVG entschieden, dass, verallgemeinernd ausgedrückt, eine Festsetzung, die „im Angesicht des Falles“ getroffen sei, eine entsprechende Befreiung ausschließe. Dr. Hubertus Schulte Beerbühl ist Richter am Verwaltungsgericht Münster und Autor eines Lehrbuchs zum Öffentlichen Baunachbarrecht und zum Baurecht NRW. NOCH MEHR URTEILE Im zweiten Teil unserer Übersicht finden Sie online weitere aktuelle Urteils besprechungen: • zu Kindergärten in Wohngebieten mit wenigen Kindern • zur Unzulässigkeit einer Dachterrasse auf einem zulässigen Anbau • zum Maß der baulichen Nutzung und zur Ermittlung von Bauhöhen • zur legalen Überschreitung von Geruchs-Richtwerten bei Mastställen • zur Unzulässigkeit einer Wohngruppe in einem Wohngebiet wegen einer 50 Jahre alten Baunutzungsverordnung Die Beiträge finden Sie hier Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier 

„Schönheit durch Alter?“

Idealfall: Die Schönheit der „europäischen Stadt“ (Piazza della Signoria, Florenz) ist für viele der gedankliche Maßstab. Warum sind alte Städte in Europa schöner als alles, was wir Planer und Architekten in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben? Ist das normal? Sind Städte, wie manche überzeugt sind, unplanbar? Oder beruht der desolate Zustand neuer Viertel mit ihren Straßen ohne jede Anmutung und Aufenthaltsqualität auf fatalem Unwissen der Fachleute? Wenn von einer schönen Stadt die Rede ist, sprechen wir ausschließlich vom historischen Zentrum. In den neuen „Europavierteln“ hinter den Bahnhöfen von Stuttgart, Zürich oder Frankfurt fröstelt es uns angesichts der abstoßenden Kälte und Langeweile ihrer ungefassten Stadträume. Es sind Resträume zwischen Häusern, die mit Wegen, Spielgeräten, Bänken und Pflanzen aufgefüllt werden, um sie in ihrer räumlichen Belanglosigkeit zu rechtfertigen. Jede einzelne alte Bebauung – sie muss nur mehr als 100 Jahre alt sein – hat bedeutend mehr Schönheit und Lebensqualität als heutige Quartiere! Schönheit durch Alter also? Oder sind wir Ewiggestrige? Es hat aber sicher nichts mit „ewiggestrig“ zu tun, wenn man versucht, ein lebenswertes, schönes Quartier zu entwerfen! Der überall zu beobachtende Wiederaufbau alter Häuser und Quartiere jedenfalls scheint eigentlich nur der Hilfeschrei einer Gesellschaft zu sein, die von Planern und Architekten andere Qualitäten erwartet, als wir anbieten. Während Nutzungsmischung und Dichte mittlerweile anerkannte Regeln sind, finden Schönheit und Angemessenheit der Straßenfassade, der Entwurf des Straßen- und Platzraums noch immer kaum Anerkennung. Dabei ist der öffentliche Raum der Gemeinschaftsbesitz unserer Gesellschaft. Anders als der private Wohnraum, den wir sorgfältig gestalten, bleibt die Gestalt des Straßen- und Platzraums in unseren Stadtplanungsämtern ungeplant. Sie wird dem Unwissen privatwirtschaftlicher Bauherren überlassen. Eine Befragung durch die Bundesstiftung Baukultur auf der sechsten „Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt“ ergab, dass 55 Prozent der 150 anwesenden Experten in Altbauvierteln wohnen. Wenn wir als Verantwortliche die alten Viertel schöner finden, warum transferieren wir diese Qualitäten nicht in unsere Zeit? Warum lösen wir die Gentrifizierung nicht mit der Errichtung von neuen Quartieren gleicher Qualität? Heute beginnt Quartiersplanung mit Technischem wie Straßenbreite und Dichte statt mit Schönheit und stadträumlichem Charakter der Straße und Entwurf des Stadtraums. Der heutige Bebauungsplan ist kein Instrument zur Planung des öffentlichen Raums. Er hat die Qualität des Rezepts einer köstlichen Speise, in dem zwar alle Zutaten aufgezählt werden, das Kochen aber nicht erklärt wird. Das gilt auch, wenn ein städtebaulicher Wettbewerb vorangegangen ist, weil auch dieser sich nicht mit Straßen- und Platzräumen auseinandersetzt, sondern sich in zweidimensionalen Planungen mit modisch geformten Baukörpern und viel „Grün“ verliert. Die Qualität und Schönheit alter Stadträume ist nicht „irgendwie gewachsen“, sondern dem städtebaulichen Entwurf der damaligen Zeit geschuldet. Um 1900 herum findet man in der Literatur zum europäischen Städtebau praxisnahe Anweisungen, die sich fast ausschließlich mit dem öffentlichen Raum, seiner Proportion und der Anordnung von Häusern beschäftigen. Grundelement des Entwurfs schöner Stadträume ist das städtische Wohn- und Geschäftshaus. Die Form des Hauses muss sich der Form von Straße und Platz unterordnen, die Höhe muss im richtigen Verhältnis zur Straßenbreite stehen. Die Schönheit der Fassade wird zuerst durch die Grundrissorganisation bestimmt. Wenn zur Straße hin ausschließlich Treppen, Bäder und Küchen liegen, weil man glaubt, alle Wohnräume zur Sonne ausrichten zu müssen, verschließt sich das Haus der Straße. Aus Orientierung, Materialität, Farbigkeit und Proportion der Fassaden wird die Schönheit des Straßenraums entwickelt. Architektonisch kam der Straßenfassade zu allen Zeiten eine besondere Bedeutung zu, weil sie das Haus und seinen Besitzer repräsentierte. Dies hat sich erst mit der Moderne und der Idee des Hauses als solitärem Kunstwerk verändert. Architekten müssen Bauwerke für die Stadt statt Kunstwerke für das eigene Portfolio errichten. Richten wir auch ihre Ausbildung wieder darauf aus! Christoph Mäckler, Architekt und Stadtplaner, Frankfurt am Main Schöne alte Zeit? Berliner Stadtschloss „Phasen des Stillstands“ Bei Betrachtung der erheblichen Ressourcen, die Gesellschaften für das Bauen aufbringen, sollte man davon ausgehen können, dass die Produkte dieser Bemühungen auch schön sind, das heißt Wohlgefallen auslösen. Nach Kant bedeutet „Das ist schön!“, dass wir ein ästhetisches Geschmacksurteil fällen, das ein interessenloses Wohlgefallen beschreibt. Damit sind, unter anderem, die gute Nutzbarkeit oder die ökonomische Bauweise für die Schönheit eines Baus unerheblich. Das Wohlgefallen kommt aus der inneren Schönheit des betrachteten Gegenstandes. Wie können Architekten so ein Wohlgefallen auslösen? Grundlage dafür sind die kollektiven Werte, die in der Architektur ihren Ausdruck finden. Zum Beispiel verkörpern absurd schöne gotische Kathedralen die religiösen Werte der Gesellschaften, die diesen Stein gewordenen Himmel auf Erden über Generationen hinweg erstellt haben. Daher werden in Zeiten historischer und kultureller Umbrüche auch die Architekturen, die die überwundenen Werte verkörpern, als nicht mehr schön beurteilt und oft entsorgt. Dem Leser fallen bestimmt genügend Beispiele von gesprengten Stadtschlössern und Autobahnschneisen weichenden Gebäuden ein. Es sei die Vermutung erlaubt, dass die Menschen diese historische Bausubstanz, die ihnen den Weg zur modernen Stadt blockierte, auch wirklich nicht mehr schön fanden. Mit der Entwicklung der Denkmalpflege und den später folgenden zweifelhaften Wiederaufbauforderungen von historischer Bausubstanz stellt sich nun die Frage: Handelt es sich dabei um eine Rückbesinnung auf historische Werte oder sind diese historischen Objekte von zeitloser Schönheit, die über die aktuellen kollektiven Werte hinausgeht? Unzweifelhaft befinden wir uns derzeit in einer Phase der Romantik: Die neuen Werte sind noch nicht etabliert, aber die alten Werte der Moderne gehen verloren. Völlig typisch für solche Phasen des Stillstands, den belles époques, ist die Sehnsucht nach der schönen alten Zeit. Das darf aber nicht verwechselt werden mit der Revitalisierung dieser Werte. Es ist nur eine kollektive Sehnsucht, keine tragfähige Idee für die Zukunft. Damit verfügen wir heute leider über kein einheitliches Wertegefüge, und die Frage nach dem allgemeingültigen Schönheitsideal und damit auch nach einem einheitlichen Stil in der Architektur ist zurzeit unbeantwortet. Es bleibt also nur die reine Schönheit der Architektur, die nicht der Umkehrung der gesellschaftlichen Werte ausgesetzt ist. Diese muss Schönheitskriterien a priori erfüllen: Es ist die Schönheit der Geometrie. Markus Wiegleb, Architekt, Berlin Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Schön“ finden Sie in unserem DABthema Schön

Museen und kein Ende

Auch 20 Jahre nach Bilbao hält der Museums-Boom an – im Großen wie im Kleinen. Kunstkritik: Heiko Haberle 1997 hat Frank Gehry mit seinem Guggenheim-Museum die dahindarbende Industriestadt Bilbao reanimiert. Den Kunst- und Architekturtouristen folgten dank Easyjet auch fachfremde Städtereisende und Liebhaber der plötzlich angesagten baskischen Küche. Diesen Bilbao-Effekt wollten andere spanische Städte auch erleben und machten sich mit überdimensionierten, aber untergenutzten Kulturbauten arm. Auf der Iberischen Halbinsel ist der Museumsbauboom inzwischen abgeebbt, nicht jedoch auf der arabischen. In Abu Dhabi eröffnete im November der„Louvre“. Der Bau von Jean Nouvel hat zehn Jahre gebraucht und angeblich eine Milliarde Euro gekostet. Dazu kommen geschätzte 500 Millionen für die Namensrechte. Unter der flachen Kuppel aus Stahlgeflecht, die fast so schwer wie der Eiffelturm ist und einen Durchmesser von 180 Metern hat, wird auf bescheidenen 6.400 Quadratmetern – also etwa sieben Supermärkte groß – die „Geschichte der Menschheit“  ausgestellt. Stolz betont man, dass die eigene Sammlung schon 600 Objekte umfasst. Das sind immerhin 600 mehr als in Katar, wo man das größte Museum der Welt in ein Vakuum hinein plant. In Deutschland setzt man auf den Bilbao-Effekt in Klein. Wird auf dem Gemeindegebiet eine alte Scherbe ausgegraben, ist ein Museum angebracht. Hat man dieses Glück nicht, sucht man nach einem verstorbenen oder noch lebenden Künstler, um ihn mit einem monografischen Museum zu würdigen. Umgekehrt wollen private Kunstsammler endlich mal ihre Exponate zeigen und beglücken ihre Heimatstadt mit einem Museum. Dagegen wehren will man sich auch dann nicht, wenn man das Haus selbst bezahlen muss. Mit eigenen Marken-Museen festigen Porsche, Mercedes und BMW die Kundenbindung. Unlängst hat Lego in Dänemark mit einem großen Legohaus von Bjarke Ingels nachgezogen, und im österreichischen Asten hat eine Großbäckerei das „Paneum“ eröffnet. Das erinnert sogar ein wenig an Bilbao, denn das Kundenzentrum von Coop Himmelb(l)au tarnt sich geschickt als Brotmuseum – in Gestalt eines silbernen Teigklumpens.

Das gute Recht des Architekten

Foto: Fotolia Was ein Architekt leisten muss, regelt der Architektenvertrag. Dafür gilt ab 2018 das BGB in neuer Fassung. Text: Volker Schnepel Der Architektenvertrag ist einer der schwierigsten aller Verträge“, stellt Mathias Schmid in seinem Werk „Das neue gesetzliche Bauvertragsrecht“ fest, in dem er sich auch mit dem neuen Architekten- und Ingenieurvertragsrecht befasst. Aber was bedeutet das eigentlich, „neues Architektenrecht“? Arndt Kresin hat die wesentlichen Kernpunkte in den Ausgaben 06 bis 08.2017 des DAB bereits vorgestellt, darunter die im neuen § 650p Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) jetzt ausdrücklich geregelten vertragstypischen Pflichten. Aber die Einordnung in das Gesamtsystem rechtlicher Vorgaben fällt nach wie vor schwer. Doch halten wir zunächst noch einmal fest: Das neue Recht, das mit dem Jahreswechsel in Kraft treten wird, ist eine Jahrhundertreform. In das altehrwürdige BGB aus dem Jahr 1900 wurde ein eigener Untertitel für das Recht der Architekten- und Ingenieurverträge aufgenommen. Vergleichbares ist nicht einmal den Anwälten gelungen. Trotz dieser Neuerung bleibt das Grundgerüst der vertraglichen Beziehungen zwischen Architekt und Auftraggeber unverändert. Die rechtliche Grundlage des Architektenvertrags ist das BGB und nicht die HOAI. Die HOAI ist reines Preisrecht und definiert nicht die Leistungspflichten des Architekten. Diese definieren die Parteien selbst im Vertrag. BGB-Vertrag, HOAI-Vertrag oder was? Allerdings hat sich bei vielen Architekten die Sichtweise herausgebildet, die HOAI sage ihnen, was zu tun ist. Ein wesentlicher Grund dafür dürfte darin liegen, dass die HOAI nicht nur Honorare beziffert, sondern in ihren sehr ausdifferenzierten Leistungsphasen und -bildern mit Grundleistungen und Besonderen Leistungen sehr vieles von dem abbildet, was gemeinhin von einem Architekten erwartet wird. Was liegt da näher, als diese Leistungen gleichsam als Inbegriff des Architektenvertrages selbst zu verstehen und mehr und mehr mit diesem gleichzusetzen? Nicht von ungefähr wird in vielen Architektenverträgen schlicht auf den Inhalt der HOAI verwiesen. Und selbst bei Leistungen, die von der HOAI gar nicht erfasst werden, wird begrifflich auf diese Bezug genommen. Jüngstes Beispiel ist die viel zitierte „Leistungsphase 0“ im Zusammenhang mit projektvorbereitenden Maßnahmen. Gibt es also neben dem BGB-Vertrag auch noch den HOAI-Vertrag? Bei aller Wertschätzung für die HOAI und ihrer Bedeutung in der täglichen Praxis: Dies wäre zu viel der Ehre! Ebenso wie für alle sonstigen Bereiche des sogenannten Bürgerlichen Rechts, also der Beziehung zwischen Privaten, gilt auch für das Verhältnis zwischen dem Architekten und seinem Bauherrn der Grundsatz der Vertragsfreiheit. Im Prinzip können beide Seiten also untereinander regeln, was sie wollen. Das gilt sowohl für die zu erbringende Leistung als auch für die erwartete Gegenleistung, das Honorar. Mit dem BGB hat der Gesetzgeber allerdings versucht, bestimmte typische Rechtsverhältnisse zu erfassen, zu definieren und diverse Rechtsfolgen festzulegen, die von den Parteien andernfalls nicht oder womöglich zum Nachteil der schwächeren Partei geregelt würden. Beispielhaft genannt seien die Fälle, in denen die Leistung gar nicht oder schlecht erbracht wurde. Was kann die andere Seite dann verlangen und bis wann? Diese Fragen regeln zum Beispiel das sogenannte Mängelgewährleistungsrecht und das Recht der Verjährung. So gesehen ist das BGB nichts anderes als ein Buch gewordener Interessenausgleich, eine Art kodifizierte Mediation. Vertragliche Vereinbarung als Grundlage Dies ändert allerdings nichts daran, dass die Beziehungen zwischen Architekt und Bauherr zunächst ausschließlich durch vertragliche Vereinbarung begründet und ausgestaltet werden. Hierzu bedarf es auch keiner besonderen Formalitäten, nicht mal der Schriftform. Insofern gilt nichts anderes als beim Einkauf im Supermarkt. Eine mündliche Absprache, gegebenenfalls sogar ein bestimmtes nonverbales Verhalten, kann dazu führen, dass ein sogenannter objektiver Dritter von einem Vertragsschluss oder bestimmten Vertragsinhalten ausgehen würde und ein Vertrag geschlossen wurde. Dass dies immer dann nachteilhaft sein kann, wenn es zu Auseinandersetzungen kommt, liegt auf der Hand. Nicht ohne Grund empfehlen die Architektenkammern daher den Abschluss von schriftlichen Verträgen mit möglichst genau definierten Inhalten und bieten hierfür sogenannte Orientierungshilfen an. Das BGB fungiert in diesem Rahmen in erster Linie als „Ausfüllhilfe“ beziehungsweise Auffangbecken für wesentliche Kernpunkte, die nicht vertraglich geregelt wurden. Allerdings geht es in Teilen darüber hinaus, indem es Bereiche festschreibt, von denen auch vertraglich nicht abgewichen werden darf. Hinzu kommt, dass ein Gesetzgeber unmöglich alle „Lebenssachverhalte“ vorhersehen und bis ins letzte Detail regeln kann, sodass auftretende Zweifel durch die Rechtsprechung geklärt werden müssen. Auch dies erfolgt im Idealfall unter dem Blickwinkel des Interessenausgleichs zwischen den Beteiligten und kann wechselnden Auffassungen unterliegen. Bestes Beispiel hierfür ist der Architektenvertrag, den die Rechtsprechung ursprünglich als sogenannten Dienstvertrag eingeordnet hatte. Erst Ende der 1950er-Jahre wurde er als Werkvertrag qualifiziert. Warum? Um es dem Bauherrn zu erleichtern, bei Mängeln des Bauwerks „zu seinem Recht“ zu kommen. Erst die Einordnung des Architektenvertrags als Werkvertrag ermöglicht es dem Bauherrn, in gleicher Weise sowohl das Bauunternehmen als auch den Architekten in Anspruch zu nehmen und nicht erst klären lassen zu müssen, wem der Mangel eigentlich zuzurechnen ist. Um dieses Ziel zu erreichen, mussten die Gerichte allerdings auch einen wesentlichen Vertragsinhalt des Architektenvertrages „verordnen“: Der Architekt schuldet nicht nur die ordnungsgemäße Planung oder Überwachung als solche, also kein schlichtes Tätigwerden, wie es beim Dienstvertrag der Fall wäre, sondern im Endeffekt als „Werkerfolg“ das „Entstehenlassen eines mangelfreien Bauwerks“. Immerhin soll den dadurch ausgelösten Fehlentwicklungen zulasten des Architekten durch das neue Recht jetzt zumindest ansatzweise entgegengewirkt werden (dazu mehr in Kürze). In welchem Ausmaß dies gelingen wird, hängt allerdings zu einem großen Teil wiederum von der Rechtsprechung ab, die die in manchen Bereichen nicht eindeutigen Vorschriften anhand konkreter Einzelfälle auslegen muss. Die Architektenkammern und die BAK werden hierbei ihren Anteil leisten, um die Diskussion im Sinne des Berufsstands zu begleiten. Einschränkung der Vertragsfreiheit durch die HOAI Das vorgenannte Beispiel zeigt, dass die erwähnte grundsätzliche Vertragsfreiheit zwischen Architekt und Auftraggeber durch das BGB und die Rechtsprechung in Teilen überlagert wird. Wie passt nun die HOAI in dieses System? Im Prinzip nicht anders als zum Beispiel bei den Rechtsanwälten oder Steuerberatern deren Vergütungsregelungen. Das Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG) und die Steuerberatervergütungsverordnung (StBVV) haben nicht zur Folge, dass mit dem Rechtsanwalt ein RVG-Vertrag oder mit dem Steuerberater ein StBVV-Vertrag geschlossen wird. Ebenso wenig ändert zum Beispiel auch die Preisbindung im Buchhandel etwas daran, dass das Buch „gekauft“, also ein Kaufvertrag abgeschlossen wird. Bei allen diesen Regelungen geht es nur darum, dass aus übergeordneten Gründen die Vertragsfreiheit in einem Teilbereich, nämlich dem der Vergütung, eingeschränkt wird. Nicht anders verhält es sich mit der HOAI. Um die Qualität der Planungsleistungen zu gewährleisten, hat sich der Gesetzgeber dafür entschieden, einen Gebührenrahmen festzulegen; dies aber auch nur dann, soweit bestimmte Leistungen Gegenstand eines Architektenvertrages werden. Der Wettbewerb soll nicht über den Preis, sondern über die Qualität geregelt werden; nicht der Günstigste, sondern der Beste soll sich durchsetzen. Festzulegen, welche Leistungen zu erbringen sind, obliegt in erster Linie weiterhin den Vertragsparteien, was durch das neue Unterkapitel zum Architekten- und Ingenieurvertragsrecht im BGB stärker als bislang verdeutlicht wird. Die HOAI stellt somit nichts anderes dar als „Preisrecht“ oder „Preiskontrollrecht“ und macht daher einen Architektenvertrag niemals zu einem „HOAI-Vertrag“. Einen HOAI-Vertrag gibt es per se nicht. Allerdings unterliegt jeder Architektenvertrag im Rahmen ihres Anwendungsbereichs den Vergütungsregelungen der HOAI. Die Leistungsphasen der HOAI werden nur dann zu Leistungspflichten des Architekten, wenn die Vertragsparteien dies im Rahmen ihrer Vertragsfreiheit vereinbaren. Einen Formulierungsvorschlag für einen Vertrag ohne ein „unbesehenes“ Übernehmen des HOAI-Leistungsbildes bieten die von den Architektenkammern herausgegebenen Orientierungshilfen zur Erstellung von Architektenverträgen. Dort werden schlicht Architektenleistungen beziehungsweise Leistungserfolge vereinbart. Rechtlicher Vorteil dieses Vorgehens ist, dass die einzelnen HOAI-Teilleistungen nicht als Teilerfolge unabhängig von ihrer Notwendigkeit erbracht werden müssen. Die Parteien bestimmen also durch Vertrag, was der Architekt zu tun hat. Und auf diesen Vertrag finden die jeweils geltenden Regelungen des BGB und für den Teil der Vergütung die HOAI-Regelungen Anwendung. Hieran wird sich auch durch das neue Architektenvertragsrecht nichts ändern. Wenn Sie Ihr nächstes Buch kaufen, denken Sie also daran: Der Preis ist zwar nicht verhandelbar. Ob Sie einen Liebesroman, ein Sachbuch oder einen Krimi bevorzugen, bleibt aber allein Ihnen überlassen! Dr. Volker Schnepel ist Leiter der Rechtsabteilung der Bundesarchitektenkammer. Achtung, Verjährung droht! Haben Sie noch ausstehende Forderungen, die mit dem Jahreswechsel zu verjähren drohen? Dann sollten Sie Ihre Ansprüche sichern. Wenn zum Beispiel eine Schlussrechnung aus dem Jahr 2014 bis heute nicht beglichen wurde, kann es sein, dass sich der Bauherr mit Ablauf des Jahres 2017 erfolgreich auf Verjährung beruft. Sie gehen dann leer aus. Weitere Informationen dazu finden Sie hier KOMMENTAR ZUM NEUEN ARCHITEKTENVERTRAGSRECHT Am 1. Januar 2018 treten die neuen Regelungen im BGB zum Bauvertragsrecht und zum Architektenvertrag in Kraft. Ab dann müssen die neu eingeführten Begrifflichkeiten wie „Planungsgrundlage“ und „Kosteneinschätzung“ angewendet und in den Planungsalltag integriert werden. Wie das am besten gelingt, haben Juristen der Architektenkammern anschaulich und praxisorientiert aufbereitet. Dr. Martin Kraushaar, Eric Zimmermann (Hg.) Mit Texten von: Fabian Blomeyer, Thomas Harion, Dr. Sven Kerkhoff, Markus Prause, Dr. Volker Schnepel, Eric Zimmermann BKI, Stuttgart, 2018 ca. 150 Seiten, 49 Euro MEHR INFORMATIONEN Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier