Von Welterbe, Preisen und Bauen in den Bergen

Bergisches Welterbe Die Müngstener Brücke zwischen Remscheid und Solingen wird 120 Jahre alt. Noch immer ist die stählerne Konstruktion des Ingenieurs Anton von Rieppel mit 107 Metern die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands. Gemeinsam mit vier etwa gleich alten Großbogenbrücken in Frankreich, Italien und Portugal soll sie nun Weltkulturerbe werden. Am 27. und 28. Oktober treŒffen sich dazu im Haus Müngsten unterhalb der Brücke UNESCO-Vertreter, Ingenieure und Denkmalschützer aus ganz Europa, um die Bewerbung in die Wege zu leiten. Die Bürger sind zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Faszination Normen Man kann über Normen klagen – oder begeistert darüber forschen und diskutieren, wie es vom 20. bis 22. Oktober auf dem internationalen Symposium „Norm-Architektur“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main vorgesehen ist. Das von Philipp Oswalts Lehrstuhl für Architekturtheorie an der Uni Kassel zusammengestellte Programm beginnt mit der zunehmenden Vereinheitlichung von Bauverfahren zur Zeit der Aufklärung, streift Neuferts Bauentwurfslehre und den standardisierten Büro- und Krankenhausbau und endet schließlich bei den tagesaktuellen Themen der seriellen Fertigung und der Digitalisierung von Planungsprozessen. www.uni-kassel.de/go/norm Bremer Landesbank von Caruso St. John Staatspreis Architektur Schmuttertal-Gymnasium von Florian Krieger Ob Landtag, Bank, serielles Wohnhaus oder Co-Working-Space: Alles findet sich unter den vier Auszeichnungen und sechs Anerkennungen des Deutschen Architekturpreises. Den Hauptpreis erhielt das als Holzkonstruktion errichtete Schmuttertal-Gymnasium in Diedorf. Alle siegreichen Projekte sowie die Beiträge der engeren Wahl sind nun im Katalog „Architektur in Deutschland 2017“ mit zahlreichen Fotos, Projektbeschreibungen und den Jurybewertungen dokumentiert. Herausgeber sind das Bundesbauministerium und die Bundesarchitektenkammer. Kostenfreie Bestellung über: www.architekturpreis.de Koordiniert und sicher Für das sichere Arbeiten auf Baustellen sind Koordinatoren zuständig. Zum jährlichen Bundeskoordinatorentag lädt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin am 8. und 9. November nach Berlin ein. Auf dem Programm stehen der richtige Umgang mit Asbest, praktikable Baustelleneinrichtungen sowie digitale Werkzeuge, die den Bauablauf erleichtern. Informiert wird außerdem über neue Vorschriften und Rechtsprechungen. Kosten: 80 Euro für die Tagung, 30 Euro für einen ergänzenden Gesprächsabend. Programm und Anmeldung: www.bundeskoordinatorentag.de Effiziente Objekte Bei der Planung von Passiv-, Effizienz- und KfW-Häusern hilft ab sofort der neue Band „Objektdaten Energieeffizientes Bauen“ des Baukosteninformationszentrums Deutscher Architektenkammern. Darin werden die Kosten von 88 realisierten Büro- oder Wohnhäusern, Schulen, Sporthallen oder Kulturbauten aufgeschlüsselt. Auch Modernisierungen sind zu finden. Neben Architekten soll die 713 Seiten starke, bebilderte Datensammlung auch Energieberatern die Arbeit erleichtern. Kosten: 89 Euro. www.bki.de Neue Schadensgutachter Zum „Sachverständigen im Bauwesen für Schäden an Freianlagen“ kann man sich beim Institut Fortbildung Bau der AK Baden-Württemberg ausbilden lassen. Dabei soll anhand von Praxisfällen das Wissen über Vegetationstechnik vertieft und das Erstellen von fach- wie laienverständlichen Gutachten erlernt werden. Der berufsbegleitende Lehrgang startet im März 2018 und dauert 20 Monate. Kosten: ab 7.150 Euro, Frühbucher bis 16.11. sparen 400 Euro. www.ifbau.de BIM Standard Deutscher Architektenkammern Die Digitalisierung der Baubranche schreitet voran und ist eines der zentralen Themen der Architektenschaft. Die Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern ist groß – ebenso der Bedarf und das Angebot an Fort- und Weiterbildungen. Um dabei ein bestmögliches Niveau zu sichern, hat die Bundesarchitektenkammer am 14. September einen bundesweit einheitlichen Fort- und Weiterbildungsstandard in allen 16 Länderarchitektenkammern für das digitale Planen und Bauen festgelegt. Mit der Einführung des „BIM Standards Deutscher Architektenkammern“, eines Curriculums, das auf der VDI-Richtlinie VDI 2552, Blatt 8.1 fußt, wird ein qualitätsgesichertes und flächendeckendes Angebot geschaff„en. Mehr dazu auf www.bak.de Bauen in den Bergen Das Bayerische Fernsehen hat Ende September die vierteilige Reihe „Neue Alpine Architektur“ gestartet. „Jenseits von Dirndl-Architektur und Chalet-Kitsch“ werden Sprungschanzen, Seilbahnstationen und natürlich Berghütten vorgestellt. Die Projekte scha„ffen den Spagat zwischen extremen Landschaften, örtlichen Bautraditionen und zeitgenössischem Design. Dabei kommen lokale wie internationale Architekten zu Wort. Sogar der scheue Peter Zumthor wagte sich vor die Kamera. Kommende Sendetermine: 10., 17. und 24. Oktober. Die Folgen können außerdem nachträglich in der Mediathek abgerufen werden. www.br.de        

Wärmeschutz mit nur drei Daten

Schotten dicht: Beim Projekt „Between the sheets“ in Amsterdam ist der Sonnenschutz zugleich bestimmendes Fassadenelement. Architekten: Abbink X Co; Fassadendesign: Chris Kabel Das ift Rosenheim hat ein Diagrammverfahren entwickelt, das eine einfache und schnelle, aber dennoch normkonforme Planung des sommerlichen Wärmeschutzes für Wohngebäude ermöglicht. Text: Michael Rossa Große Glasflächen bringen Sonnenwärme und Licht ins Gebäude und verbessern damit Energieeffizienz, Transparenz und Tageslichtversorgung. Um eine Überhitzung der Räume und den Einsatz von Klimaanlagen zu vermeiden beziehungsweise zu reduzieren, ist in der Regel ein Sonnenschutz notwendig. Deshalb fordert die EnEV auch einen Nachweis für den sommerlichen Wärmeschutz. Das in der EnEV vorgeschlagene Sonneneintragskennwertverfahren ist in der Praxis umständlich, sodass Planer und Ausführende oft eine Software nutzen, bei der aber erst die notwendigen Daten für das Gebäude und die geplanten Bauteile eingegeben werden müssen. Um den Zeitbedarf in der ersten Planungs- und Entwurfsphase zu vermindern, hat das ift Rosenheim ein Diagrammverfahren entwickelt, mit dem sich der Sonnenschutz bei Wohngebäuden schnell und einfach planen lässt. Allgemeine EnEV-Anforderungen Die EnEV 2014 stellt in § 3 und § 4 Mindestanforderungen an den sommerlichen Wärmeschutz von Wohn- und Nichtwohngebäuden, die für zu errichtende Gebäude gelten, also Neubauten. Bei der Sanierung eines Gebäudes ist dieser Nachweis nicht vorgeschrieben. Eine Ausnahme sieht § 9, Abs. 4 und 5, bei der Erweiterung der Nutzfläche um mehr als 50 Quadratmeter und Abs. 5 beim Einbau eines neuen Energieerzeugers vor. Die EnEV verweist als Nachweisverfahren für den sommerlichen Wärmeschutz auf DIN 4108-2:2013-02, die das vereinfachte Sonneneintragskennwertverfahren nach Nr. 8.3 und die thermische Gebäudesimulation nach Nr. 8.4 der DIN 4108-2 zulassen. Für das letztgenannte Verfahren sind in DIN 4108-2 die anzusetzenden Randbedingungen definiert. Vorgaben: Zulässige Sonneneintragskennwerte für Wohn- und Nichtwohngebäude, Klimaregion B, erhöhte Nachtlüftung. Das Sonneneintragskennwertverfahren erwartet vom Planer die Eingabe von Randbedingungen, wie Bauart, erhöhte Nachtlüftung, Fensterfläche des Gebäudes etc. Das Verfahren liefert als Lösung jedoch nicht den für eine Ausschreibung notwendigen gtot-Wert für Sonnenschutz und Verglasung, sondern „nur“ die Information, ob der zulässige Sonneneintragskennwert für die ausgewählte Situation nicht überschritten wurde. Das Verfahren liefert dem Planer als „Trial-and-Error-Methode“ keine Lösung für das Problem, sondern ermittelt lediglich die Zulässigkeit des geplanten Sonnenschutzes. Der Nachweis ist mindestens für den ungünstigsten Raum des Gebäudes zu führen. Die Norm enthält hierfür keine Kriterien und definiert diesen Raum nicht. Der Planer muss daher sein Ergebnis durch weitere Berechnungen absichern. Auch wenn der Nachweis im Regelfall mit EDV-Unterstützung geführt wird, bleibt er aufwendig und nicht immer sind alle für die Planung benötigten Daten sofort verfügbar. Ziel des ift-Nachweisverfahrens ist es daher, allen am Planungs- und Ausführungsprozess Beteiligten ein sicheres, normkonformes und unkompliziertes Verfahren an die Hand zu geben, das mit möglichst wenigen Eingabeparametern auskommt. Das vereinfachte Diagrammverfahren benötigt lediglich die Nettogrundfläche des Raumes, die vorgesehenen Fensterflächen und die Verglasung, die typischerweise im Wohnungsbau ein Wärmeschutzglas ist. Der auf die Grundfläche bezogene Fensterflächenanteil fWG ist definiert als das Verhältnis von Fensterfläche (Rohbaumaß) zur Nettogrundfläche des Raumes. Das ift-Diagrammverfahren kann nicht für Nichtwohngebäude genutzt werden, da die Anforderungen hier höher sind und die Zusammenhänge in Bezug auf Nutzung, interne Lasten etc. komplexer sind. Für Nichtwohngebäude empfiehlt sich im Regelfall eine thermische Gebäudesimulation, insbesondere dann, wenn zusätzliche Anforderungen, wie die Arbeitsstättenverordnung, zu beachten sind. Vereinfachtes Verfahren nach DIN 4108-2 Das vereinfachte Nachweisverfahren nach DIN 4108-2 für den sommerlichen Wärmeschutz zeigt, ob der vorhandene Sonneneintragskennwert Svorh den zulässigen Sonneneintragskennwert Szul nicht überschreitet. Der zulässige Sonneneintragskennwert wird nach dem „Bonus-Malus-Prinzip“ aus den anteiligen Sonneneintragskennwerten der Tabelle 8 der DIN 4108-2 ermittelt. Diese ergeben sich unter anderem aus der Klimaregion, der Bauart des Gebäudes, dem grundflächenbezogenen Fensterflächenanteil, der Fensterneigung und der Orientierung der Fenster. Der vorhandene Sonneneintragskennwert ergibt sich aus der Fensterfläche, der Nettogrundfläche des Raumes und dem gtot-Wert, der sich aus dem Gesamtenergiedurchlassgrad des Isolierglases und dem Abminderungsfaktor FC der Sonnenschutzvorrichtung ergibt. Die FC-Werte als Anhaltswerte können der Tabelle 7 in DIN 4108-2 entnommen werden, oder es werden durch Messung und Prüfzeugnis nachgewiesene Werte verwendet, die etwas genauer sind. Zu beachten ist, dass die DIN 4108-2 beim Verzicht auf einen Nachweis für den sommerlichen Wärmeschutz nach Tabelle 6, Zeile 2, nicht die Regelung des § 47 der Musterbauordnung berücksichtigt. Die Musterbauordnung fordert einen auf die Grundfläche bezogenen Fensterflächenanteil von 12,5 Prozent. Damit wird der zulässige Wert von zehn Prozent, bei dem auf einen Nachweis verzichtet werden kann, immer überschritten. Das vereinfachte Diagrammverfahren Das Sonneneintragskennwertverfahren ist für die erste Planung und Beratung durch Architekten weniger gut geeignet, da das Berechnungsverfahren eine detaillierte Kenntnis der Randbedingungen des Gebäudes erfordert und in akzeptabler Zeit nur mit einer Software bewerkstelligt werden kann. Das ift-Diagrammverfahren entspricht dem Rechenverfahren des vereinfachten Nachweisverfahrens der DIN 4108-2 und kann daher als normkonformes Verfahren für den Nachweis des sommerlichen Wärmeschutzes nach DIN 4108-2 angewendet werden. Es zeigt in Form von Diagrammen zum sommerlichen Wärmeschutz sofort die sinnvollste Lösung für den Sonnenschutz (FC-Wert) und benötigt nur eine geringe Anzahl von Eingangsdaten. Der Anwendungsbereich der Diagramme ist beschränkt auf den Wohnungsbau und auf senkrechte Fensterflächen. Die Diagramme gelten für alle Orientierungen, liefern allerdings für nach Norden gerichtete Fenster eine ungünstige Dimensionierung, da auf der Nordseite die solare Einstrahlung geringer ist und im Wesentlichen diffus erfolgt. Die Vereinfachung ergibt sich durch die Annahme folgender praxisgerechter Randbedingungen, die auf der sicheren Seite liegen und vom Anwender nicht mehr ermittelt und überprüft werden müssen: – leichte Bauart, – Sommer-Klimaregion C, – erhöhte Nachtlüftung (n ≥ 2 h-1, bei der Wohnungsnutzung kann nach DIN 4108-2 von der Möglichkeit einer erhöhten Nachtlüftung ausgegangen werden), – Zweifach- oder Dreifach-Wärmschutzisolierglas. Als Mindestangaben für den Nachweis eines Wohngebäudes werden deshalb lediglich die Nettogrundfläche des Raumes beziehungsweise der Räume, die Fensterfläche und der maximale g-Wert der Wärmeschutzverglasung benötigt. Dipl.-Phys. Michael Rossa ist Experte für Energieeffizienz, Bauphysik und Glas beim ift Rosenheim. MEHR INFORMATIONEN Anwendungsbeispiel für Diagrammverfahren Die Planung erfolgt für einen Raum in einem Wohngebäude mit einer Nettogrundfläche von 30,8 Quadratmetern und einer Fensterfläche von 5,6 Quadratmetern. Der Gesamt Energiedurchlassgrad g des Mehrscheiben-Isolierglases darf, wie im Diagramm angegeben, maximal 64 Prozent betragen. Dieser Wert wird bei den am Markt angebotenen Wärmeschutzgläsern typischerweise nicht überschritten. Mit diesen Angaben erfolgen die Planung und der Nachweis. Ablese-Diagramm: Nachweis des sommerlichen Wärmeschutzes – Wohngebäude mit Wärmeschutzverglasung Im Beispiel ergibt sich ein erforderlicher FC-Wert für den zusätzlichen Sonnenschutz von 0,75. Eine Planung mit einem Wärmeschutzglas und einem innen liegenden Sonnenschutz (FC = 0,75) wäre hier ausreichend. Maßgeblich im Diagramm ist der Bereich für FC = 0,75, da der Punkt innerhalb des Bereichs liegt. Die Option „kein zusätzlicher Sonnenschutz“ (FC = 1) ist nicht möglich, da der Punkt oberhalb des Bereichs für FC = 1 liegt. Entscheidend ist also der Bereich FC = 0,75. Beispielgrundriss: Ermittlung der Nettogrundfläche So kann auch die Planung eines zusätzlichen Sonnenschutzes einfach erfolgen, da lediglich die zuvor genannten Randbedingungen bekannt sein müssen. Diagramme für weitere Verglasungen sowie ausführlichere Erläuterungen der Randbedingungen und des Abminderungsfaktors FC sind in der ift-Fachinformation WA-21/1 enthalten, die im ift-Literaturshop verfügbar ist. Regelwerke Energieeinsparverordnung 2014, Bundesgesetzblatt Jahrgang 2013 Teil I Nr. 67, Bonn, 21. Nov. 2013 DIN EN 4108-2:2013-02: Wärmeschutz und Energieeinsparung in Gebäuden – Teil 2: Mindestanforderungen an den Wärmeschutz, Beuth Verlag GmbH, Berlin ift-Fachinformation WA-21/1: Sommerlicher Wärmeschutz; vereinfachte Nachweisverfahren und Diagramme, ift Rosenheim, Veröffentlichung April 2016 VFF-Merkblatt ES.04: Sommerlicher Wärmeschutz, Verband Fenster + Fassade, Frankfurt, Oktober 2014 Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier

Spielarten von Beton

Das Kreativwirtschaftszentrum im Mannheimer Hafen von Hartwig Schneider Architekten Hell oder dunkel, glatt oder rau, skulptural oder rational – die 20. Auflage des Architekturpreises Beton zeigt die vielen Gesichter des Baustoffs. Über den Architekturpreis Beton können sich vier gleichberechtigte Sieger freuen: Die Erweiterung des Sprengel Museums Hannover von Meili Peter Architekten überzeugte mit ihrer dunklen Sichtbetonfassade, die durch Leisten und Felder auf unterschiedlichen Ebenen strukturiert wird. Im Konzerthaus Blaibach von Peter Haimerl erzeugen die Wände aus Leichtbeton durch den Zuschlag von Glasschaumschotter eine Dämmwirkung und eine natürlich erscheinende Maserung. Das Kreativwirtschaftszentrum im Mannheimer Hafen von Hartwig Schneider Architekten schafft mit rot eingefärbtem Sichtbeton die Verbindung zu den benachbarten Ziegelbauten. Das Einfamilienhaus E20 in Pliezhausen von Steimle Architekten Das Einfamilienhaus E20 in Pliezhausen wurde von Steimle Architekten aus 50 Zentimeter starkem Leichtbeton mit Blähtonzuschlag errichtet, die sägerauen Außenseiten mildern den monolithischen Eindruck. Wohnungsbau in der Dresdener Gret-Palucca-Straße von Leinert Lorenz Architekten Eine von vier Anerkennungen geht an Leinert Lorenz Architekten für ihren Wohnungsbau in der Dresdener Gret-Palucca-Straße, der beweist, dass auch aus Fertigteilen dank etagenweise verspringender Knicke in der Betonbrüstung ein dynamischer Solitär entstehen kann. Zur Preisverleihung lädt das Informationszentrum Beton in Kooperation mit dem BDA am 18. September nach Düsseldorf ein. Alle Preise und Anerkennungen: www.architekturpreis-beton.de Beiräte beraten sich Gestaltungsbeiräte aus ganz Deutschland – und solche, die es werden wollen – lädt die Stadt Freiburg im Breisgau am 19. und 20. Oktober zum Erfahrungsaustausch ein. Besprochen wird beispielsweise, ob Sitzungen öffentlich sein sollten, wie sichergestellt wird, dass sich Empfehlungen im fertigen Bauwerk wiederfinden oder wie das Verhältnis von Gestaltungsbeiräten zu Wettbewerbsjurys ist. Außerdem wird der Ausblick auf zukünftige Einsatzfelder gewagt, etwa bereits bei der Entwicklung städtebaulicher Leitbilder. Das Netzwerktreffen wurde 2016 von der Bundesstiftung Baukultur ins Leben gerufen. Die Bundesarchitektenkammer ist Kooperationspartner. Informationen und Anmeldung: www.freiburg.de/netzwerktreffen-gbr Die Mischung macht’s Innenverdichtung oder neue Stadtteile? Und was kann das neu geschaffene „Urbane Gebiet“ leisten? Diese Fragen möchte der BDA Nordrhein-Westfalen bei der Veranstaltungsreihe „Die Mischung macht’s – Ein neues Gefühl von Stadt“ diskutieren. Gelegenheit dazu ist zwischen 25. September und 16. Oktober in Aachen, Bonn, Dortmund, Duisburg, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Herdecke, Hilden und Köln. Mehr Informationen: www.bda-nrw.de Bauen im Dreiländereck Bei den trinationalen Architekturtagen am Oberrhein können in 29 Städten von Heidelberg bis Basel über 200 Veranstaltungen besucht werden. Vom 29. September bis zum 27. Oktober stehen Exkursionen, Aktionen im öffentlichen Raum, Vorträge und Fortbildungen auf dem Programm. Am 23. Oktober wird Volker Staab im Straßburger Europarat sprechen. Das ganze Programm: www.europa-archi.eu Mauern einreißen Ein ungewöhnliches Team wird den deutschen Pavillon auf der Architektur-Biennale 2018 in Venedig kuratieren, wie am 16. August bekannt wurde: Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit vom Architekturbüro GRAFT gemeinsam mit Marianne Birthler, ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Ausgehend davon, dass Deutschland 28 Jahre geteilt war und im Jahr 2018 bereits 28 Jahre vereint sein wird, will ihr Beitrag „Unbuilding Walls“ die räumlichen Phänomene von Teilung und ihrer Heilung untersuchen. Zugleich soll über aktuelle Abgrenzungen nachgedacht werden, denn „während die Welt zusammenwächst, werden zunehmend Mauern diskutiert und errichtet“. Wohnungsbau und Kirchen Gut gemacht, umfangreich und trotzdem kostenlos: Zwei neue Publikationen der Wüstenrot Stiftung informieren zu hochaktuellen Themen. „Wohnvielfalt“ handelt von gemeinschaftlich und sozial ausgerichteten Wohnprojekten und dem Zusammenleben im Quartier. Im Rahmen eines Forschungsprojekts unter Leitung von Susanne Dürr und Gerd Kuhn wurden dazu 12 Fallbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz untersucht, die im Buch zunächst einzeln vorgestellt werden. Anschließend erfolgt ein Vergleich, etwa im Hinblick auf Raumprogramm, städtebauliche Einbindung oder Partizipation. Das Buch „Kirchengebäude und ihre Zukunft“ folgt auf einen Wettbewerb zu Sanierung und Umbau von Gotteshäusern (hier geht es zu den zwei Preisträgern). Mit vielen guten Fotos und Plänen werden 33 Beispiele aus Deutschland präsentiert, bei denen etwa der Kirchenraum zum Familienzentrum, zur Bibliothek oder zur Urnenbegräbnisstätte wurde. Kostenlose Bestellung: www.wuestenrot-stiftung.de/publikationen Immer auf Achse Zunehmend wird zwischen Wohn- und Arbeitsort gependelt. Das hat Auswirkungen auf den Wohnungsbau, das Verkehrsnetz und die Stadtbevölkerung – aber auch auf die persönliche Organisation von Familie, Freizeit und Beruf. Besonders aus weiblicher Perspektive werden diese Fragen am 29. September auf der Tagung „zuhause – unterwegs“ in Stuttgart behandelt, die von den Architektinnen der Landeskammer Baden-Württemberg und der Kammergruppe Stuttgart veranstaltet wird. Fachfrauen aus unterschiedlichen Disziplinen referieren über Mobilität, Heimatgefühl und Wohnwünsche. Architektinnen aus ganz Deutschland sind eingeladen. Tagungsbeitrag: 50 Euro. Informationen und Anmeldung bis 18. September: www.akbw.de/link/cz2

Das Interieur der Macht

Was ist staatstragendes Design? Wie richtet man Orte ein, an denen die mächtigsten Menschen der Welt verkehren? Ein Streifzug durch das politische Berlin. Text: Anja Martin An diesen Fingernägeln ist kein weißer Rand zu sehen, so kurz sind sie geschnitten. Da bleibt nichts, was über Stoff kratzen oder einen Faden ziehen könnte. Diese runden Fingerspitzen haben Stoffe und Dekoration an die Orte der Macht gebracht – ins Bundeskanzleramt etwa oder nach Schloss Meseberg. Sie gehören Sophie von Seidlein, 56, die hier in ihrem Laden in Berlin-Charlottenburg noch einmal das stoffliche Inventar des Gästehauses der Bundesregierung durch die Finger gleiten lässt. Sie pickt einen ziemlich edlen Stoff heraus, traditionell französisch, als sei er für ein Château gewoben: „Der hängt als Vorhang in den Suiten.“ Alles, was mit Gewebe zu tun hat, kam auf ihren Vorschlag nach Schloss Meseberg, dazu Bäder, Geschirr, Leuchten, Teppiche. Elegant sollte es sein, nicht kitschig. Angemessen, nicht prahlerisch. Zehn Jahre ist es her, dass sie das herrschaftliche Anwesen vor den Toren der Hauptstadt einrichten durfte, wo sich Präsidenten am Kamin zusammensetzen. Von Seidlein war kürzlich noch einmal dort. Noch immer stehen auf dem Kaminsims die Vasen, für die sie extra nach Paris geflogen ist. Nichts hat sich verändert im Innern der Macht, oder besser gesagt: am Interieur der Macht. Die Zeit der Hofausstatter ist längst vorbei. Heute bestellen die Behörden alles von der Schreibtischlampe bis zum Anspitzer über das „Kaufhaus des Bundes“. Der Familienbetrieb Radspieler, aus dem Sophie von Seidlein stammt, war vor ein paar Generationen in Bayern noch Hofausstatter, vergoldete und richtete ein, durfte das königliche Wappen führen. So etwas gibt es in Deutschland längst nicht mehr. Heute gibt es für alles Ausschreibungen, außerdem Seltsames wie ein „Kaufhaus des Bundes“ – kein realer Ort, sondern eine Bestellplattform, über die Behörden zu Sonderkonditionen ihre Schreibtischlampen oder Anspitzer beziehen. Da klingt Einrichten weniger nach gutem Geschmack als nach Organisation und Sparen. Kulisse: Die Kamerabilder bei Staatsbesuchen werden vor der „blauen Wand“ aufgenommen, einem mit Stoff bespannten Holzrahmen. Zeitlosigkeit und Ingenieurkunst Bundeskanzleramt, Willy-Brandt-Straße. Wenn Politiker zu Besuch kommen, werden Bilder gemacht. Angela Merkel vor der blauen Wand, wie sie Hände schüttelt, ins Mikrofon spricht. Ein förmlicher Ort – und ein temporärer: Die Wand ist nur ein Holzrahmen, sechs mal 3,1 Meter groß, bespannt mit Deko-Displaystoff, aufgestellt im Foyer. Eine Inszenierung, die nur funktioniert, weil Kameraformate begrenzt sind. Das Drumherum kann mal schön sein, mal hässlich – ganz egal: Von der Öffentlichkeit wird es nicht wahrgenommen. Deutlich weniger Kulisse und bestimmt eine der bequemen Ecken der Macht: die Minotti Sofas im Kanzlerbüro. Hier nahm die Queen Platz, ebenso wie Obama und Hollande. Wenn es in Merkels Büro ums Arbeiten geht, setzt man auf Designgeschichte – am Konferenztisch und am Schreibtisch der Kanzlerin stehen Aluminium-Chairs, die Klassiker von Ray und Charles Eames. Ein Stuhl, mit dem man nichts falsch machen kann. In der Sky-Lobby und in der Kanzlergalerie dagegen: das Erbe von Dieter Rams. Die Sessel 620 waren sogar aus Bonn mitgezogen, wurden 2015 ersetzt – durch exakt dasselbe Modell. Vielleicht ist ja Langlebigkeit der Wert, den Deutschland transportieren möchte? Oder Zeitlosigkeit. Und vielleicht auch Ingenieurkunst. Denn international bekannt wurde Rams als Industriedesigner für Braun. Merkel und ihr Vorgänger Schröder scheinen sich da einig: Schröder hat die Rams-Sessel aus Bonn mitgebracht, Merkel hat an ihnen festgehalten. „Funktional und amtsangemessen“ Bundesministerium des Innern, Alt-Moabit. Wenn sich Thomas de Maizière den Kopf über Sicherheitsfragen zerbricht, telefoniert oder auch twittert, dann sitzt er in seinem 2015 neu bezogenen Büro auf skandinavischem Design. Die Tulpenstühle von Kastholm & Fabricius bekamen 1969 den ersten „Gute Form“-Preis der Bundesrepublik verliehen. Allerdings sitzt de Maizière vermutlich gar nicht immer, denn sein Schreibtisch ist höhenverstellbar, wie weitere 1.200 in den Büros der Mitarbeiter. Was einem in vielen Behörden neben Möbeln immer wieder begegnet, sind Angst und Sorge. Angst, als verschwenderisch zu gelten. Das führt zu ersten Antworten wie: „Das Zimmer des Ministers ist zweckmäßig, funktional und amtsangemessen möbliert. Wir haben keine Designermöblierung.“ Man beruft sich lieber auf Bürokratisches wie die „Entscheidungsunterlage Gerät“, vom Finanzministerium genehmigt. Oder auf das Beschaffungsamt. Deutlich kleiner ist die Sorge, als stillos geschmäht zu werden. Es grassiert die Angst, als verschwenderisch verschrien zu werden. Dann doch lieber als stillos. Tatsächlich ist es schwierig, an genaue Informationen zu kommen; die Beantwortung vieler Fragen führt über einen Antrag auf Akteneinsicht. Dann die letzte Sorge: keine Werbung für Dritte machen zu wollen oder Hoflieferanten zu küren. Zugleich: Haben wir nicht Wichtigeres zu tun? Definitiv, das will keiner bestreiten. Aber wie Politiker sich einrichten, verrät andererseits auch viel darüber, wie sie wahrgenommen werden wollen. Entschärft: Das Präsidentenzimmer der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Die trutzige Monumentalität des Gebäudes aus der Nazi-Zeit wurde mit Möbeln der Nachkriegsjahre aufgelockert. Ein bisschen Glanz darf sein Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), Rauchstraße. Ein Haus wie ein Fort: dicke Mauern, kleine, vergitterte Fenster, eine schwere Holztür. Drinnen Bibliothek, Kaminzimmer und das Präsidentenzimmer, eine Art Oval Office. Hohe Politiker bis hin zu Staatspräsidenten statten hier einen Besuch ab, wenn sie in Berlin sind. Ein denkmalgeschütztes Gebäude aus den Dreißigern, von der DGAP in den Neunzigern gekauft. Wie richtet man das ein? Art déco? Fehlanzeige. Die Wahl fiel auf Möbel der Fünfziger, man erstand sie bei einem Antiquitätenhändler in Berlin. Der Schreibtisch von Tecno, Design Osvaldo Borsani, der Couchtisch von Knoll International, die Konferenzstühle entworfen von Eero Saarinen. Elan der Nachkriegszeit statt Erinnerung an düstere Jahre. Aber ist das repräsentativ? Als Gegengewicht zieht sich über alles eine Decke aus Blattgold. Ein bisschen Glanz darf sein. Drei Schichten, drei Epochen Auswärtiges Amt, Werderscher Markt. Ehemals Reichsbank, später SED-Parteizentrale – dieses Gebäude trägt wirklich schwer an seiner Vergangenheit. Wie sollte man darin beim Umzug nach Berlin ein zeitgemäßes Außenministerium einrichten? Gewesenes nicht unter den Teppich kehren und doch klarmachen, dass die Last zweier Diktaturen nichts mit der heutigen Außenpolitik zu tun hat? Der Architekt Hans Kollhoff arbeitete in drei Schichten für drei Epochen. Da sind noch die ehemaligen Kassenräume, die Tresortüren und der Marmor an den Wänden aus der NS-Zeit. Die Holzeinbauten und Bestuhlungen der Genossen aus dem Sozialismus wurden aufgearbeitet und werden weiter genutzt. Doch dann ist da auch die dritte Schicht: Farbflächen, Designklassiker. Der charismatische Barcelona Chair von Mies van der Rohe wartet gleich in der Eingangshalle. Der Sessel ist begehrt wie nie. 1929 entwarf ihn van der Rohe für den deutschen Pavillon der Weltausstellung in Barcelona, damit sich das Königspaar bei der Eröffnung gepflegt hinsetzen konnte. Auch für die Reichsbank hatte er einen Entwurf abgegeben, der sich aber nicht durchsetzte. Zumindest erinnert jetzt sein Stuhl an ihn. Auswärtiges Amt Die Handschrift der Chefs Wechseln die Köpfe, ändert sich oft auch das Mobiliar – schließlich will der Neue alles anders machen als der Vorgänger, teils demonstrativ. So weiß man, dass Joschka Fischer unbedingt Terrakottaboden in seinem Büro haben wollte, Frank-Walter Steinmeier dann später Teppich darüberlegen ließ und alle Möbel austauschte. Die Bundeskanzlerin ist offenbar pragmatischer, sie übernahm das Kanzleramtsbüro, wie es war. Einmal sagte sie, dass sie ihr riesiger Schreibtisch befremde, dass sie lieber am Konferenztisch arbeite. Geblieben ist er dennoch. Bundesministerium (BM) für Bildung und Forschung Ist gutes Design fachübergreifend? Beweist man seine Weltoffenheit durch das Bekenntnis zu Bauhaus, Eames, Saarinen und Co, die global für ihre Entwürfe geschätzt werden und fast zeitlos scheinen? Ministerien sind natürlich stark ihrem Arbeitsfeld verpflichtet. Das merkt man besonders beim Bundesumweltministerium am Potsdamer Platz. Designer-Namedropping fällt hier aus, dagegen geht es kaum nachhaltiger: Lehmwände, Passivhausstandard, regionale Produzenten, Heißwasserarmaturen, stromsparende Geräte, eine Brennstoffzelle für die Kantine, heimische Pflanzen im Garten und eine gegen Vereisen geothermisch beheizte Rampe in die Tiefgarage. BM des Innern BM für Umwelt und Bau Zurück bei Sophie von Seidlein in Charlottenburg. Sie hat Schröder wie Merkel erlebt und sagt über deren Umgang mit Einrichtung: „Sie sind beide bescheiden.“ Vielleicht sei das ja etwas Deutsches, diese Zurückgezogenheit. Man hält sich lieber bedeckt, statt sich dem Vorwurf auszusetzen, zu prahlen oder im Luxus zu schwelgen. In anderen Ländern geht man verschwenderischer mit den Dingen um: in Großbritannien der Prunk ums Königshaus, in Frankreich das Goldglänzende, in Österreich das Barocke. Dort wundere man sich, wenn der große Auftritt fehle. In Deutschland dagegen wird gespart und aufgearbeitet. Vor Repräsentativem scheut man sich, bleibt lieber solide. „Man versteckt sich hinter grau und schlicht und Minotti-Sofas“, findet von Seidlein. Das ist natürlich schade, aber vielleicht gar nicht so unsympathisch. Denn das andere Extrem findet sich im Oval Office, wo Donald Trump direkt nach seinem Amtsantritt goldene Vorhänge anbringen ließ. Anja Martin ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Architektur und Gesellschaft, sie lebt in Berlin. Ihr Text erschien zuerst in der FAS. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „wählerisch“ finden Sie in unserem DABthema wählerisch

Die Stimme der Architekten

Barbara Ettinger-Brinckmann ist Präsidentin der Bundesarchitektenkammer. Stell Dir vor, es ist Wahl, und keiner geht hin. Ich will es mir nicht vorstellen. Ich gehe davon aus, dass meine über 130.000 Kolleginnen und Kollegen zur Wahl gehen und am 24. September bei der Wahl zum 19. Bundestag ihre Stimme abgeben werden. Wir Architekten haben uns immer als gesellschaftliche Avantgarde verstanden. Doch wie politisch sind wir heute? Ich meine, bis heute ist unsere Arbeit, sind unsere Planungen sozial relevant und damit per se auch politisch. Der Blick zurück zeigt: Unsere Bauten spiegeln die gesellschaftliche Entwicklung wider, sie zeugen von den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Eigenschaften einer Epoche. Stadtplanung und Architektur dokumentieren die Bedeutung von Macht und Geld ebenso, wie sie deren Abwesenheit wiedergeben. Sie künden vom Willen nach Repräsentation und Distinktion und machen Reichtum wie Armut deutlich. Doch wie bauen wir heute? Werden unsere Architektur und unsere Stadtplanung einst die Botschaft einer demokratischen und damit pluralistischen, fortschrittlichen, offenen, integrierenden und sozialen Gesellschaft übermitteln? Machen wir es uns bewusst: Stadt und Haus zu planen, bedeutet, Grenzen zu ziehen zwischen innen und außen und unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen. Gute Architektur und gute Stadtplanung helfen, Ausgrenzung und Verdrängung zu vermeiden. Das ist unser Beitrag, den wir, gemeinsam mit unseren Auftraggebern, erbringen sollten. Voraussetzung dafür ist, dass wir mit großer Sensibilität für die Bedürfnisse unserer Auftraggeber und die Belange der Gesellschaft planen. Architektur kann nie losgelöst von gesellschaftlichen Strömungen sein. Architekten und Stadtplaner müssen daher schon von Berufs wegen politisch denken und handeln. Einer komplexen Gesellschaft, die sich weiter ausdifferenziert und vielfältiger wird, wird man kaum mit einfachen Antworten begegnen können. Es wird versucht, aber wir wissen, wohin Populismus und Demagogentum führen können. Umso wichtiger ist es, dass wir 130.000 Architekten und Stadtplaner unsere Stimme abgeben und dazu beitragen, dass Verdruss oder Beliebigkeit nicht die Oberhand gewinnen. So tragen wir dazu bei, eine offene und vielfältige Gesellschaft zu erhalten und auszubauen. Sicher, es gehört zu unseren Freiheiten, auf die Wahl zu verzichten. Aber ich erinnere daran, dass Demokratie kein Selbstläufer ist, sondern durch unsere Wahl erst lebendig wird. Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck wies vor der Bundestagswahl 2013 darauf hin, dass „unsere Demokratie davon lebt, dass wir eine Stimme haben und diese Stimme nutzen. Sie lebt davon, dass Bürger andere Bürger auf Zeit damit beauftragen, die öffentlichen Dinge zu regeln. Und sie lebt davon, dass die Gewählten ihren Auftrag ernst nehmen.“ Wer unser Land gestaltet, braucht unsere Stimme und unseren Auftrag. Wir entscheiden selbst, wie viel Kompetenz und Hingabe und wie viel Mut und Ehrlichkeit wir in der Politik vorfinden. Das ist kein Zufall, sondern Folge unserer Entscheidung. Ich stelle mir vor, dass Wahl ist, und alle Kolleginnen und Kollegen gehen hin.

Architekten verzweifelt gesucht

Architekten sind gefragt wie nie. Wie Kommunen und Architektenbüros um die besten Bewerber konkurrieren. Text: Stefan Kreitewolf Sabrina Kolano kommt frisch von der Uni. Nach Mensa, Bibliothek und Seminaren beschäftigt sie sich bei HPP Architekten mit Bürogestaltungen und beginnt mit Vorentwürfen. Seit März arbeitet sie bei dem Düsseldorfer Büro als Innenarchitektin. Am Ende ihres Studiums in Detmold hatte sie die Qual der Wahl. „Es gibt unzählige Jobangebote“, sagt sie. Zu sechs Gesprächen wurde sie eingeladen. Zwei Angebote lehnte sie ab. Dann landete sie bei HPP. Kolanos Jobeinstieg klappte reibungslos. Um ihre beruflichen Chancen in der Zukunft macht sich die Kölnerin keine Sorgen. Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, berichtet: „Die wirtschaftliche Lage ist derzeit für viele deutsche Architekten gut.“ Das hebt die Laune: Laut einer Umfrage des ifo Instituts, die vierteljährlich die Stimmung unter Architekten erfragt, waren diese im ersten Quartal 2017 so optimistisch wie nie. Nur jeder elfte Architekt schätzte seine Lage als „schlecht“ ein. Die Bundesagentur für Arbeit zählte im April lediglich 2.067 arbeitslose Architekten. Verglichen mit derzeit rund 132.800 deutschen Architekten, entspricht das gerade einmal 6,4 Prozent. Die geringe Arbeitslosigkeit sowie die Hochstimmung im Berufsstand sind vor allem auf die gute wirtschaftliche Lage und die niedrigen Zinsen zurückzuführen. Es wird gebaut – und das freut die Architekten. Teilzeit, Gleitzeit, Elternzeit, Home-Office „Während sich vor zehn Jahren noch Stellengesuche und Stellenangebote die Waage hielten, sind die einschlägigen Fachportale heute voll mit Angeboten“, sagt Claus Klein, Vorstandsmitglied und Vorsitzender des Ausschusses „Belange der Tätigkeitsarten“ bei der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen. Ein „Spiegel“-Bericht aus dem Jahr 2006 unterstreicht seine Retrospektive. Darin ist die Rede von einer „anhaltend schlechten Auftragslage“. Wer überleben wolle, müsse „eine Nische finden – oder den Beruf wechseln“. So eine Situation sei heute unvorstellbar, sagt Klein. Architekten können angesichts der guten Auftragslage bei der Jobsuche sogar wählerisch sein, sagt der 58 Jährige, der bei der Stadt Meerbusch als Bereichsleiter Service Immobilien arbeitet. „Gerade für Kommunen ist es angesichts der großen Konkurrenz um talentierte Architekten sehr schwer geworden, geeignetes Personal zu finden.“ Claus Klein, Architektenkammer Nordrhein-Westfalen „Gerade für Kommunen ist es angesichts der großen Konkurrenz um talentierte Architekten sehr schwer geworden, geeignetes Personal zu finden“, sagt Klein. Das beträfe nicht nur seine Behörde, die an der Düsseldorfer Peripherie „nicht gerade der Nabel der Welt ist“, wie Klein es nennt. „Deswegen versuchen wir aktuell, anderweitig attraktiv zu sein“, sagt er. Das umfasst neben flexiblen Arbeitsmodellen, etwa Teilzeit und Gleitzeit, auch Elternzeitmodelle für Männer und Frauen. Auch Home-Office-Regelungen seien für bestimmte Aufgaben möglich. „Außerdem bieten wir eine große Bandbreite an Tätigkeitsfeldern“, berichtet Klein. Vom Wohnungsbau über Verwaltungsbauten bis zur Friedhofshalle werde in seiner Behörde alles geplant, umgebaut und instand gehalten. Besonders junge Architekten, die gerade von der Universität kommen, würden in Kommunen zu „Universalisten“ ausgebildet. „Finanziell können wir bei den Gehältern allerdings wenig tun, weil wir als Kommunen an die Tarifregelungen gebunden sind“, erläutert Klein. „Im Zweifel bekommt ein junger Architekt zum Jobeinstieg bei uns 100 Euro weniger als in einem Büro.“ Bewerbersuche auf das Ausland ausgeweitet Anders ist das in der freien Wirtschaft, also bei Architekturbüros. Rico Lehmeier, Geschäftsführer von Berschneider + Berschneider Architekten aus Pilsach in Bayern, berichtet: „In den letzten drei, vier Jahren haben wir die Einstiegsgehälter um fast zehn Prozent angehoben.“ Das sei nötig gewesen, um überhaupt in die engere Auswahl von Jobsuchenden zu kommen. Während noch vor ein paar Jahren vielerorts ein Monatsgehalt von 2.000 Euro brutto inklusive regelmäßiger Überstunden üblich war, liegt das Gehalt heute deutlich höher. „Nach dem Studium ist ein Einstiegsgehalt von 2.800 Euro möglich, mit Master bis zu 3.000 Euro, bei außerordentlichen Qualifikationen kann das Einstiegsgehalt auch über 3.000 Euro liegen“, verrät Lehmeier. Er ergänzt: „Spätestens nach zwei Jahren im Büro steigt das Gehalt stetig mit wachsender Erfahrung und Selbstständigkeit der jungen Architekten.“ Die Bezahlung solle ja nicht nur die Leistung honorieren, sondern auch Lebensqualität ermöglichen und Wertschätzung für den Mitarbeiter widerspiegeln, sagt Lehmeier. „Gleichzeitig versuchen wir, uns anderweitig zu empfehlen, zum Beispiel übernehmen wir Seminargebühren bei Weiterbildungen unserer Angestellten, unterstützen eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio und ermöglichen auch das Arbeiten von zu Hause“, ergänzt er. Das Beispiel zeigt: Die Situation hat sich umgekehrt. „Nicht mehr wir, die Arbeitgeber, suchen uns die Architekten aus, sondern die Architekten können sich ihren Arbeitgeber aussuchen“, sagt Lehmeier. Das sei für einen Bürostandort in eher ländlicher Region abseits der Großstädte mit Universitäten und Hochschulen nicht unbedingt einfach. „Deswegen haben wir unsere Bewerbersuche auf die europäischen Nachbarländer ausgeweitet“, berichtet er. Mittlerweile zählen deswegen zum Team von Berschneider + Berschneider ein Architekt aus China und zwei Architektinnen aus Spanien. Architekten in Deutschland in Zahlen ■ 110.272 Hochbauarchitekten ■ 7.510 Landschaftsarchitekten ■ 6.588 Stadtplaner ■ 5.970 Innenarchitekten ■ 8,5 Milliarden Euro jährliches Planungsvolumen (Deutschland, 2016) ■ 240 Milliarden Euro jährliche Bausumme (Deutschland, 2016) ■ 2.067 arbeitslose Architekten (Statistik der Bundesagentur für Arbeit, April 2017) DAB-Umfrage (Arbeitsmarkt für Architekten) Wie bewerten Sie Ihre Situation auf dem Arbeitsmarkt? Wie verlief Ihre letzte Jobsuche? Oder: Wie haben Sie gute Mitarbeiter gefunden? Teilen Sie Ihre Meinung, Erfahrung und Fragen mit uns und den Kollegen und diskutieren Sie mit uns im Kommentarbereich hier Mehr Informationen und Artikel zum Thema „wählerisch“ finden Sie in unserem DABthema wählerisch

Gesamtvergleich bei HOAI-Honoraren

Foto: Fotolia Welche Möglichkeiten gibt es, eine Unterschreitung der HOAI-Mindestsätze durch andere Honorarpositionen auszugleichen? Müssen Honorare für nicht verpreiste Leistungen im Extremfall bis auf „Null“ herabgesetzt werden? Text: Volker Schnepel Mit seinem Erlass vom 30. Mai 2016 zur Anwendung der Übergangsvorschriften bei HOAI-Stufenverträgen hat das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) für große Verunsicherung und auch Unverständnis gesorgt. Darin wird festgelegt, dass für die Frage, ob das Honorar den HOAI-Mindestsätzen entspricht, im Rahmen eines Gesamtvergleichs auch die nicht verpreisten Leistungen mit einzubeziehen sind. Was bedeutet dies für den Architekten und was ist der Hintergrund? Viele Architektenverträge werden als sogenannte gestufte Vertragsverhältnisse vereinbart. Der Architekt bindet sich hierbei über verschiedene Stufen mit unterschiedlichen Leistungsphasen und der Auftraggeber ruft je nach Verfahrensablauf die verschiedenen Stufen nacheinander ab. Dabei kommt es häufig vor, dass einzelne Leistungsstufen erst dann abgerufen werden, wenn bereits eine neue Fassung der HOAI in Kraft getreten ist, also zum Beispiel die HOAI 2009 oder später die HOAI 2013. Die zunächst umstrittene Frage, auf welche Fassung der HOAI in diesen Fällen abzustellen ist, hat der Bundesgerichtshof (BGH) mit Urteil vom 18. Dezember 2014 (Az.: VII ZR 350/13) eindeutig entschieden. Maßgeblich ist der Zeitpunkt, an dem die jeweilige Leistungsstufe abgerufen wird (siehe DAB 03.2015, „Hochgestuft“), weil erst dann – so der BGH – die konkreten Leistungen im Sinne der jeweiligen Übergangsregelungen vertraglich vereinbart würden. Ursprünglich bereits bei Abschluss des gesamten Stufenvertrages vereinbarte Honorare sind demnach daraufhin zu prüfen, ob sie bei Abruf der Leistungsstufe noch mit der inzwischen geltenden Fassung der HOAI im Einklang stehen. Oder anders ausgedrückt: Werden die verbindlichen Mindestsätze durch die ursprüngliche Honorarvereinbarung unterschritten oder nicht? Für diesen Vergleich ist entscheidend, welche Honorarkomponenten hierbei zu berücksichtigen sind. Wären auch die nicht verpreisten Leistungen vollständig einzubeziehen, wie es der Erlass des BMUB vorsieht, würde der Mindestsatz natürlich seltener oder jedenfalls nur in geringerer Höhe unterschritten als dann, wenn nur die jeweils verpreisten Leistungen einander gegenübergestellt würden. Es stellt sich also die Frage: Kann der nicht verpreiste Honoraranteil in einer Vergleichsrechnung bis auf „Null“ reduziert werden? Irrt das Ministerium? Begründet wird die für den Architekten nachteilige Auffassung des BMUB unter anderem mit dem Vorrang der Vertragsfreiheit. Wenn die Parteien für eine Gesamtleistung einen bestimmten Betrag vereinbart hätten, dürfe dieser so lange nicht angepasst werden, wie der Gesamtbetrag die Mindestsätze der HOAI nicht unterschreite. Und dies gerade auch dann, wenn der Gesamtbetrag andere als die sogenannten verpreisten Leistungen abdecke. Diese Auffassung scheint dann nachvollziehbar, wenn die Vergütung für alle – verpreisten und frei zu vergütenden – Leistungen pauschal festgelegt wurde. Wer soll dann noch im Nachhinein bestimmen, welcher Anteil auf welche Leistungsteile fallen sollte? In diesen Fällen muss sich der Architekt somit auch dann mit dem bisherigen Honorar begnügen, wenn die Mindestsätze für einzelne Teilleistungen zwischenzeitlich angehoben wurden. Eine Anpassung wäre in diesem Fall nur dann vorzunehmen, wenn die pauschale Gesamtvergütung das (neue) Mindesthonorar für die insgesamt erbrachten verpreisten Leistungen unterschreiten würde. Wurde für die frei zu vergütenden Leistungen hingegen ein bestimmter Betrag gesondert festgelegt, spricht vieles dafür, diese bei einem Gesamtvergleich außen vor zu lassen. Eine Anpassung wäre also bereits dann zwingend, wenn die Summe der verpreisten Leistungen nicht (mehr) den von der HOAI vorgeschriebenen Mindestsätzen entspricht. Dieses Thema wurde Anfang Mai im Rahmen eines von der Bundesarchitektenkammer (BAK) begleiteten Praxisforums („Wann sind die Mindestsätze der HOAI unterschritten? – Gesamtvergleich bei preisfreien Leistungen“) unter drei Experten kontrovers diskutiert. Einigkeit herrschte darüber, dass die höchstrichterliche Rechtsprechung im Grundsatz tatsächlich von einem sogenannten „Gesamtvergleich“ ausgeht. Die HOAI ist zwar zwingend anzuwenden, wenn die darin beschriebenen Leistungsbilder vertraglicher Leistungsgegenstand sind. Weder die Leistungsbilder als solche noch ein bestimmtes Verfahren zur Honorarermittlung sind aber durch die Verordnung vorgegeben. Insoweit herrscht in der Tat Vertragsfreiheit, die HOAI ist lediglich nachgelagertes „Preiskontrollrecht“. Daraus hat der BGH seit einer Entscheidung 2004 in ständiger Rechtsprechung den Schluss gezogen, dass nur gewährleistet sein muss, dass das Honorar insgesamt zumindest den Mindestsätzen entspricht. Nicht hingegen soll es – so der BGH – darauf ankommen, ob einzelne Honorarfaktoren jeweils HOAI-konform abgerechnet worden sind. Anders ausgedrückt: Mit einem Honorar, das den Mindestsatz bei einer Einzelposition überschreitet, kann eine Unterschreitung an anderer Stelle ausgeglichen werden. Diese Rechtsprechung bezog sich allerdings jeweils auf solche Fälle, denen, wie noch im BGH-Urteil vom 9. Februar 2012 (Az.: VII ZR 31/11, BauR 2012, 829), ausschließlich nach der HOAI verpreiste Leistungen zugrunde lagen. Kurze Zeit darauf, am 8. März 2012 (Az.: VII ZR 195/09, BauR 2013, 975), hat der BGH den Grundsatz des Gesamtvergleichs allerdings erstmals auch auf einen Sachverhalt erstreckt, dem eine Kombination von verpreisten und nicht verpreisten Leistungen zugrunde lag. Für Heiko Fuchs, Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht, ist spätestens diese Entscheidung hinreichende Rechtfertigung dafür, den Grundsatz des Gesamtvergleichs auf alle Honorarfälle zu übertragen. Insoweit sei es auch unerheblich, ob dem Gesamtvergleich ein Stufenvertrag mit einer zwischenzeitlichen Anpassung der HOAI-Mindestsätze zugrunde liegt oder nicht. Ebenso sei es ohne Bedeutung, ob der Anteil der nicht verpreisten Leistungen honorarmäßig gesondert ausgewiesen und beziffert sei oder nicht. In allen Fällen, so Fuchs, hätten sich die Vertragsparteien im Ergebnis auf ein Gesamthonorar geeinigt, das, dem Grundsatz der Vertragsfreiheit entsprechend, so lange maßgeblich sein müsse, wie es insgesamt den Mindesthonoraren der HOAI entspreche. Diese Sichtweise liegt auch dem Erlass des BMUB zugrunde. Für eine differenzierte Betrachtung So weit, so schlecht. Widersprochen haben dem allerdings zumindest in Teilen Wolfgang Koeble und Burkhard Messerschmidt, beide ebenfalls Fachanwälte für Bau- und Architektenrecht. Koeble wies darauf hin, dass sich das BGH-Urteil vom 8. März 2012 auf eine Konstellation bezog, bei der sowohl für die verpreisten als auch die unverpreisten Leistungsanteile ein Gesamtpauschalhonorar vereinbart war. Der Fall gesondert bezifferter oder gar durch getrennte Verträge festgelegter Honorare für verpreiste Leistungen einerseits, frei verhandelbare Leistungen andererseits, sei hingegen noch nicht gerichtlich entschieden. Der HOAI liege, so Koeble, mit dem Gesetz zur Regelung von Architektenleistungen eine gesetzgeberische Entscheidung zugrunde, in der sich die Ermächtigung zur Festsetzung von Mindesthonoraren auf bestimmte Bereiche beziehe. Diese gesetzgeberische Wertung werde unterlaufen, wenn im Wege der Vertragsauslegung Teilbereiche einbezogen würden, die hiervon gar nicht erfasst sind. Ein Gesamtvergleich setze nämlich voraus, dass die Sachverhalte vergleichbar sind, sodass das Leistungsprogramm beim Vergleich deckungsgleich sein müsse. Dies verbiete es, im Rahmen des Gesamtvergleichs den für den Mindestsatz nach HOAI maßgebenden Leistungskatalog durch zusätzliche Leistungen erheblichen Umfangs aufzustocken. Auch Messerschmidt hielt – gerade auch unter dem Blickwinkel der Vertragsfreiheit – eine differenzierte Betrachtungsweise für sachgerecht. Hätten die Vertragsparteien (wie im BGH-Urteil vom 8. März 2012) für alle Leistungen ein einheitliches Gesamtpauschalhonorar festgelegt, sei dieses allein maßgeblich, solange es nicht unterhalb der HOAI-Mindestsätze für die verpreisten Leistungsanteile liege. Werde aber das Honorar für den nicht verpreisten Leistungsteil gesondert ausgewiesen, könne dieser Betrag für den Fall, dass der verpreiste Leistungsteil nicht – oder nicht mehr – den Mindestsätzen entspreche, nicht entgegen dem zuvor geäußerten Parteiwillen heruntergesetzt, im Extremfall „genullt“ werden. Stattdessen sei für den verbleibenden verpreisten Teil das Honorar den Mindestsätzen entsprechend anzupassen. Sachgerecht oder ungerecht? Zusammen mit anderen Organisationen hatte die BAK nach der Diskussionsveranstaltung das BMUB erneut aufgefordert, den Erlass vom 30. Mai 2016 zu modifizieren oder zumindest in Gespräche hierüber einzutreten. Dem erteilte das Ministerium allerdings eine klare Absage. Es gebe bei dieser Frage offenbar „keine herrschende Rechtsmeinung“ – also auch keine gegen den Erlass. Diesen hält das BMUB weiterhin für ausgewogen und sachgerecht. Sofern sich das BMUB nicht aufgrund etwaiger weiterer Positionen in der Fachwelt doch noch zu einer Überarbeitung des Erlasses entschließt, muss daher abgewartet werden, bis sich die Gerichte erstmals mit einer Fallkonstellation befassen, in der die verpreisten und nicht verpreisten Leistungen honorarmäßig gesondert ausgewiesen sind. Ob und wann dies der Fall ist, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die Architekten den BMUB-Erlass akzeptieren oder gegen die hiermit verbundenen Nachteile gerichtlich vorgehen. Dr. Volker Schnepel ist Leiter der Rechtsabteilung der Bundesarchitektenkammer. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier  

Cooles Haus

Quelle der Inspiration: Die Fassade aus vorgehängtem Cortenstahl nimmt die Umgebung des Burgberges auf. Das Büro- und Wohngebäude von ALN Architekten in Landshut steht für moderne Architektur und ein nachhaltiges Energiekonzept, das zur Kühlung die Masse der Betondecken und das vorhandene Hangwasser nutzt. Text: Markus Neuber Das Büro- und Wohngebäude liegt am Rande der Landshuter Altstadt am Fuße des Burgberges mit der Burg Trausnitz auf dem Gipfel. Es beherbergt ein Architekturbüro, einen weiteren Geschäftsraum, eine Penthousewohnung sowie im Untergeschoss eine Garage. Die monolithisch wirkende Kubatur aus Stahlbeton (C 25/30) in Sichtbetonqualität hat eine Fassade aus vorgehängtem Cortenstahl, mit dem auch das flache Satteldach gedeckt worden ist. Der Neubau fügt sich somit in die natürliche Umgebung des Burgberges und die umgebende historische Bebauung harmonisch ein. Im Fokus der Planung standen ein nachhaltiges Energiekonzept und eine optimale thermische Behaglichkeit, die ohne aufwendige technische Lösungen auskommt. Betonkernaktivierung zum Kühlen Um die Energieversorgung sicherzustellen, war zunächst eine Wasserwärmepumpe mit Entnahme- und Schluckbrunnen geplant. Für den Brunnen erteilte die lokale Wasserwirtschaft jedoch keine Bauerlaubnis, da sich sonst das tertiäre und das quartäre Grundwasserstockwerk der Böden verbunden hätten. Anstelle eines Schluckbrunnens wird nun das hinter dem Gebäude auftretende Hangwasser gesammelt und für die Energieversorgung genutzt. Dafür wird es im Baugrubenwinkel zwischen Gebäuderückwand und dem Baugrubenverbau an der Sohle in einem Gerinne gefasst und in einen Absetzschacht geleitet. Von dort läuft das Wasser in den unter der Bodenplatte der Garage positionierten Sammelbehälter. Dieser fasst 12,5 Kubikmeter Wasser und ist gut fünf Meter tief. Betondecken aktiviert: Bei diesem Projekt wurde selbst das Satteldach als Massivdach mit Betonkernaktivierung ausgeführt. Die Kühlung des Gebäudes erfolgt durch Betonkernaktivierung, die die Masse der Bauteile nutzt. Dafür wird dem Auffangbehälter das gesammelte, fünf bis sechs Grad kalte Hangwasser entnommen und über die in den Stahlbetondecken verlegten Rohrregister verteilt. Das Wasser kühlt die Betonmasse und erwärmt sich selbst. Danach wird es wieder zum Wärmetauscher im Technikraum geführt. Durch die in den Stahlbetondecken verlegten Rohrregister fließt das im Auffangbehälter gesammelte Hangwasser. Beim großflächigen Einsatz von Bauteilaktivierungen werden die Register vorgefertigt auf Baustahlmatten auf die Baustelle geliefert und nach Verlegeplan verlegt. In diesem Fall wurden die Register direkt auf der Baustelle verlegt. Die Vordimensionierung wurde von den Klimaingenieuren der Transsolar Energietechnik GmbH aus Stuttgart durchgeführt. Die Ausführungsplanung erfolgte direkt durch den Unternehmer. Die Leitungen wurden oberflächennah auf der unteren Bewehrungslage aufgebracht und an dieser befestigt sowie die Bewehrungsarbeiten auf den Ablauf abgestimmt. Auf die Statik haben die Leitungen kaum Auswirkungen – bis auf den Bereich, wo sie gebündelt aus der Decke zum Verteiler geführt werden. Getrenntes Heizsystem Auch für die Fußbodenheizung wird Hangwasser aus dem Behälter entnommen und über einen Wärmetauscher der Wärmepumpe zugeführt. Dem Wasser wird die gespeicherte Energie über die Wärmepumpe entzogen. Das dadurch abgekühlte Wasser wird wieder in den Behälter zurückgeführt. Manuel Hilmer, Architekt bei ALN und Projektleiter des Büro- und Wohnhauses: „Der Behälter ist somit eine Art Akku, der sich über den konstanten Zufluss des Wassers regeneriert. Die Wärmepumpe entzieht dem Wasser für das Heizen Energie. Das Wasser kühlt sich somit ab. Durch den weiteren Zufluss von Wasser erwärmt sich der Behälter wieder. Wir haben bewusst auf eine Dämmung des Behälters verzichtet, da auch dadurch das Wasser zusätzlich temperiert wird.“ Somit dient das Wasser aus dem Behälter als Energiequelle. Durch die Wärmepumpe werden mit einem Kilowatt elektrischer Energie circa vier Kilowatt Wärme erzeugt. Diese wird über die Fußbodenheizung im Gebäude verteilt. Zusätzlich gibt es in jedem Geschoss eine Lüftungsanlage. Die Zuluft wird über eine mäandernd verlegte Leitung geführt, die zur Vorkonditionierung der Luft ebenfalls im Baugrubenwinkel verlegt ist. Puristisch: Das Gebäude wurde mit Sichtbeton errichtet, der auch wegen der thermisch aktivierten Decken gänzlich unverhüllt blieb. Errechnete Einsparung Aufgrund der Größe der aktivierten Deckenfläche reicht bereits eine geringe Temperaturunterschreitung gegenüber der gewünschten Raumtemperatur aus, um eine ausreichende Kühlleistung zu erzielen. „Durch die Nutzung des Hangwassers ohne den Einsatz von zusätzlicher elektrischer Energie mit Ausnahme des erforderlichen Pumpenstroms – passive Kühlung für Bauteilaktivierung und Vorkonditionierung der Zuluft – wird das Gebäude auf sehr umweltfreundliche Art gekühlt“, sagt der Sachverständige Hans-Jürgen Ulrich aus München, der ALN Architekten bei der Betonkernaktivierung beraten hat. Ulrich gibt den Nutzenergiebedarf für die Kühlung des Gebäudes rechnerisch mit rund 20.000 kWh/a (nach EnEV) an. Bei einem durchschnittlichen Strompreis von 25 Cent pro kW/h und einem geschätzten Energiebedarf von 20.000 kWh einer Klimaanlage ergibt das Stromkosten in Höhe von 5.000 Euro. Das erwartete Einsparpotenzial durch die Betonkernaktivierung liegt bei rund 82 Prozent (Primärenergie), was umgerechnet 900 Euro ergibt. Wohltemperiert: Die Betonkernaktivierung der Decken schafft in den Räumen eine optimale thermische Behaglichkeit. Demnach wird das Gebäude durch die Nutzung des Hangwassers in Kombination mit der Betonkernaktivierung kostengünstig gekühlt. Darüber hinaus erfolgt der Betrieb vollkommen lautlos, auch Zugluft oder Staubaufwirbelungen treten nicht auf, was zusätzlich ein angenehmes und allergikerfreundliches Raumklima schafft. Markus Neuber ist Bauingenieur, Geschäftsführer und Gesellschafter bei ALN Architekturbüro Leinhäupl + Neuber GmbH in Landshut. Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier

Wie gut sind wir wirklich?

Ranking, das Auflisten der Besten, ist allgegenwärtig. Längst hat es auch die Architektur erfasst. Was bringt es, wem dient es – und wohin könnte es sich noch entwickeln? Text: Christoph Gunßer Die „Gebäude des Jahres“ küren Jurys allenthalben. Auch die „Architekten des Jahres“ werden schon – vom Rat für Formgebung – gekrönt. Die Analogien zum Sport und zur Börse sind unübersehbar, wenn mittlerweile auch in kreativen Metiers Listen angelegt werden, die die Leistung respektive Performance von Büros einordnen sollen. Regional, bundesweit, international wird heutzutage der Marktwert der Macher in diversen Sparten ermittelt, werden Aufsteiger und Absteiger in den „Top 100“ vermerkt. Dünne Datenbasis Die Daytrader der Architektur bewegen sich dabei auf dünnem Eis. Wo die Ränge auf den Siegertreppchen nicht von eigens eingesetzten – und oft sehr subjektiv urteilenden – Jurys besetzt werden, stützen die Königsmacher ihre Wertung nämlich allein auf die Zahl der Artikel in einschlägigen Journalen. Im führenden Portal der deutschsprachigen Szene, im BauNetz, werden diese nach einem fixen Schlüssel ausgewertet: Maßgeblich ist die Seitenzahl; eine Publikation in Bauwelt, Baumeister, db, DBZ und Detail zählt zweifach, in wettbewerbe aktuell einfach; internationale Artikel zählen dreifach – dafür werden domus, a+u, architektur aktuell, werk, bauen + wohnen sowie Architectural Review ausgewertet. Das Deutsche Architektenblatt mit seinem weniger objektbezogenen Ansatz gilt hier nicht als Architekturzeitschrift und bleibt deshalb außen vor. Die Macher halten dieses Verfahren für hinlänglich objektiv. Tatsächlich ist diese Art der Medienbeobachtung quer durch die Sparten gängige Praxis. Anders als in der Finanzwelt und in der Wissenschaft, wo Berichte und Analysen in Fachblättern über Kurse und Karrieren entscheiden, spielen Fachmedien in der Baubranche aber bei Weitem nicht diese Rolle. Darüber hinaus gibt es noch, vor allem im angelsächsischen Raum, rein wirtschaftlich wertende Rankings, wo die Büros nach Jahresumsatz sortiert werden. Wer etwa die jährlichen „Top 300“ des Architectural Record betrachtet, bekommt einen Eindruck vom Konzentrationsprozess in der US-Bauwirtschaft, mehr nicht. Lust an Listen Es ist schon erstaunlich, dass ein digitales Medium wie das BauNetz allein den analogen Vorvätern vertraut. Seit zwanzig Jahren wertet man dort auf diese Weise, und die Resonanz scheint den Machern recht zu geben: Rund drei von vier Architekten nutzen hierzulande regelmäßig das Portal, und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Rankings, alle zwei Monate, ist diese Nutzung besonders intensiv. „Es gibt keinen besseren Weg“, meint denn auch Stephan Westermann, Content-Manager beim BauNetz. Er hat nicht die Absicht, dem Journale blätternden Kollegen digitale Tools an die Hand zu geben, um die Platzhirsche der Branche künftig aus dem Netz zu filtern – man könnte ja zum Beispiel einschlägige Foren, wie das gut besuchte Deutsche Architektur-Forum, auswerten. Dem BauNetz ist dies jedoch zu unzuverlässig; hier werde der PR Tür und Tor geöffnet. Selbst Nennungen in Tageszeitungen hält Westermann für nicht aussagekräftig: „Das hat einen anderen Fokus.“ Also bleibt es bei einer Bewertung von Architekten für Architekten – inmitten einer klassischen Filterblase. Was Qualität, was Innovation ist, entscheiden die Experten in den Redaktionen, zweifellos mit einem Fokus auf mediale Verwertbarkeit, denn die Konkurrenz der Blätter ist härter geworden, seit das Internet ihnen viel Aufmerksamkeit entzieht. Sicher, wir können froh sein, dass es noch eine solche (relative) Vielfalt an Printmedien und auch an mutigen kleineren Büros gibt, die dort zum Zuge kommen. Aber wer nutzt ein solches reines Peer-Group-Rating? Leute, die keine Zeit oder keine Lust haben, Artikel zu lesen? Leute, die wissen wollen, wie „gut“ sie sind? Wird die Architektur so nicht auf Namedropping reduziert? Nach Einschätzung von Stephan Westermann bedient das Ranking nicht primär die Eitelkeit der Architekten. Es sind auch  Investoren, Auslober von Wettbewerben, Berufungskommissionen und nicht zuletzt Absolventen auf Stellensuche, die sich hier rasch einen Überblick verschaffen, wer gerade „angesagt“ ist. So gesehen, ist das Ranking in dieser Form eine transparente Dienstleistung, die mit wenig Aufwand realisierbar ist und darum auch wirtschaftlich relativ unabhängig agiert. Dass Kritiken in Zeitschriften durchaus auch mal Verrisse sein können, berücksichtigt übrigens kein Ranking. So könnte der Architekt des viel geschmähten Berliner Stadtschlosses alias Humboldt Forum, Franco Stella, bald einen Höhenflug in den Charts erleben. Derzeit dümpelt er dort noch auf Platz 987. Abstimmung mit den Füßen Gibt es dennoch ehrliche Bewertungen jenseits der Selbstbespiegelung der Szene, in denen auch Nichtjournalisten zu Wort kommen? Die Nutzer tauchen meist nur als „Wutbürger“ in den Foren der Tageszeitungen oder auf Facebook auf und erregen sich folgenlos über „Bausünden“. Die Arbeitsbedingungen in Büros lassen sich gelegentlich und gewiss nicht repräsentativ auf kununu.com nachlesen, wo manches begehrte Top Büro schon mal ganz unten landet. Die Architektur-Ausbildung an den Hochschulen wird inzwischen recht professionell und auch basisnah „gerankt“. Ansonsten scheint dem langjährigen Werbeverbot der Zunft ein Vakuum bei (veröffentlichter) populärer Wahrnehmung und Bewertung zu entsprechen. Ob dies auf Inkompetenz oder Desinteresse zurückgeht, sei dahingestellt. Womöglich wird man bald Bewegungsdaten von Handy-Nutzern auswerten, um beliebte und unbeliebte Gebäude ausfindig zu machen – und zu ranken. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zum Thema „wählerisch“ finden Sie in unserem DABthema wählerisch  

Schön oder nicht schön?

Bunter Block: Als Ersatz für die Hamburger Esso-Häuser entwickelten NL Architects mit BeL Architekten im städtebaulichen Wettbewerb ein komplexes Cluster aus bezahlbarem Wohnen, (etwas) Kommerz und viel Freiraum, basierend auf einem „St.-Pauli-Code“. Beteiligungsverfahren boomen. Selbst zu Wettbewerben werden heute Anregungen aus der Bürgerschaft eingeholt. Ganz unterschiedliche Pilotprojekte zeigen, dass sich der basisdemokratische Aufwand meistens lohnt. Text: Christoph Gunßer Hamburg kann gewaltig aufmucken. Nicht nur ein Gipfeltreffen, auch ein unliebsames Bauprojekt kann hier durch Proteste blockiert werden. Mit der richtigen Strategie kann es aber auch bunter und lebendiger werden. Prominentes Beispiel sind die „Esso-Häuser“ im Stadtteil St. Pauli. Ein Investor hatte das blockgroße Nachkriegs-Ensemble an der Amüsiermeile Reeperbahn gekauft und plante eine Neubebauung von vierfacher Dichte. Er hatte die Rechnung ohne den Kiez gemacht: Das stark von Aufwertung bedrohte Viertel machte mobil gegen die Pläne. Als die Gebäude 2014 mit fadenscheiniger Begründung dennoch geräumt und abgerissen wurden, drohte die Situation zu eskalieren. Mitmischen: Bereits vor dem Wettbewerb sammelte man in der „Planbude“ basisnah Ideen aus dem Kiez. „Rennt der Planbude die Bude ein!“ Die Rettung brachte die „Planbude“: Bezirk und Investor ließen sich auf ein umfassendes Beteiligungsverfahren ein. Anwohner, Sozialarbeiter und kritische Planer organisierten, dass auf dem Spielbudenplatz ein Baucontainer aufgestellt wurde, der seither als Ideenwerkstatt für die Neubebauung dient. Die Resonanz war groß: Aus über 2.000 Anregungen wurde ein „St.-Pauli-Code“ entwickelt, der für günstige Mieten, Platz für die stadtteiltypische Subkultur und öffentliche Räume ohne Konsumzwang eintritt. Auch während des Hochbauwettbewerbs wurden die Arbeitsstände der Architekten mit den Bürgern diskutiert. Der von zwei Stadtteilversammlungen abgesegnete Katalog dient als Grundlage für den 2015 ausgeschriebenen städtebaulichen Wettbewerb. Um das Raumprogramm wird hart gerungen. „Das wird kein Kirschenessen“, heißt es in der Planbude. Am Ende werden 60 Prozent geförderter Wohnraum, öffentliche Dachterrassen und stadtteilbezogene Nutzungen durchgesetzt, bei nur noch dreifacher Verdichtung. Der prämierte Entwurf von NL Architects, Amsterdam, und BeL Architekten, Köln, gerät denn auch kleinteilig und bunt. Ein Hochbauwettbewerb verteilt 2016 die einzelnen Bauteile auf die platzierten Büros, darunter Lacaton + Vassal aus Paris und ifau aus Berlin, die für innovative Low- Budget-Projekte bekannt sind. Das Ergebnis findet Anklang auf allen Seiten. Einmischen lohnt sich „Auf konventionellem Planungsweg wäre eine so gut vorbereitete Ausschreibung nicht zustande gekommen“, bestätigt Planerin Renée Tribble vom Lehrstuhl für Städtebau und Quartierplanung der HafenCity Universität. „Die Büros hätten vorsichtiger und glatter agiert.“ Aus der Planbude verlautet: „Der gesamte Prozess ist aus unserer Sicht ein großer Erfolg!“ Niemand nimmt mehr das böse Wort von der „Befriedung“ des ansonsten „unregierbaren“ Kiezes in den Mund. Es ist jedenfalls ein Novum, dass ein Beteiligungsverfahren konsequent in die Hände von Menschen aus dem Stadtteil gelegt wurde. Auch der frühe Zeitpunkt der Beteiligung, vor der Ausschreibung des Architektenwettbewerbes, war Neuland für die Behörden. Offenbar rechnet sich selbst eine so aufwendige Beteiligung noch für den Investor. Ende 2016 wurde der B-Plan für das „Paloma-Quartier“ verabschiedet (auch der Name entsprang einem volksnahen Wettbewerb); mit einer Realisierung wird bis Ende 2020 gerechnet. Bürger liefern Entscheidungshilfen Kurz zuvor hatte die Stadt Wolfsburg bereits eine neuartige Bürgerbeteiligung im Wettbewerb für das geplante Bildungshaus durchgeführt. Hier konnten Interessierte die eingegangenen Entwürfe eine Woche lang kommentieren – und zwar vor der Jurysitzung. Meinungsbildung: Die Wettbewerbsbeiträge zum Wolfsburger „Haus der Bildung“ durfte die Öffentlichkeit noch vor der Jurysitzung beurteilen. Die 850 Kommentare hingen dann neben den Plänen, als das Preisgericht tagte. Um dabei die Anonymität des Wettbewerbes zu wahren, hatte das den Wettbewerb betreuende Büro Luchterhandt aus Hamburg die Spielregeln so formuliert, dass sie mit dem Vergaberecht kompatibel sind: Handys waren abzugeben, es durfte in der Ausstellung nicht fotografiert werden, und auch Berichte in der Presse waren tabu. Das Reglement wurde eingehalten. Die drei gleichrangig prämierten Entwürfe wurden nach einer honorierten Überarbeitung abermals der Bürgerschaft präsentiert, ehe die Stadt die Endauswahl traf. Erneut kommentierten 250 Wolfsburger. Die Stadt „verzettelte“ sich nicht. Sie beauftragte 2015 das Team um Esa Ruskeepää Architects aus Helsinki, dessen Entwurf auch beim „Volk“ beliebt war. Wer die Kommentare liest, wundert sich über die Kompetenz der meisten Betrachter. Es ging ganz überwiegend nicht um Geschmacksfragen, „schön“ oder „nicht schön“, sondern um eine unabhängige, mit den örtlichen Gegebenheiten vertraute Sicht der Dinge. Bedenkt man, dass möglicherweise auch mancher geladene Experte von Betriebsblindheit betroffen ist, sollte ein derartiges bürgernahes Korrektiv Schule machen. Anders als in Hamburg hält sich der Aufwand dafür in Grenzen. Der Identifikation Menschen mit „ihren“ Bauten es sicher gut. Wolfsburg zeigt auch, die nötige „Masse“ nicht nur in den Metropolen lebt. Gut bedacht: Das multifunktionale Jugendhaus in Biberach entstand aus einem kooperativen Verfahren, das von 500 Jugendlichen digital kommentiert und am Ende ganz analog angemalt wurde. Jugendhaus mithilfe von Facebook Auch die Digitalisierung öffnet bekanntlich neue Kanäle, um dem Bürgerwillen Gehör zu verschaffen. Richtig eingesetzt, macht das Web 2.0 Teilhabe an Entscheidungsprozessen möglich, auch im öffentlichen Bauwesen. Das erprobte unlängst ein Pilotprojekt im schwäbischen Biberach, das immer wieder mit neuen Beteiligungsformen experimentiert (siehe DAB 01.2014, „Die Stadt als Geschmacksverstärker“); „jugend. beteiligen.jetzt“ heißt das Programm des Bundesfamilienministeriums, das hierfür Fördermittel bereitstellte. Geschmacksverstärker: Beim gemeinsamen Planen lernten die Jugendlichen viel über Architektur. Die beteiligten Architekten wurden dabei von professionellen Moderatoren unterstützt. Es ging um den Neubau eines Jugendhauses. Die Entscheidungen über dessen Gestaltung sollten nicht hinter verschlossenen Türen in einem Expertengremium fallen. Also wurde eine geschlossene Facebook- Gruppe eingerichtet, wo sich Jugendliche aus Biberach im Alter zwischen 13 und 21 Jahren einbringen konnten. Der wesentliche Input an Ideen für den 2013 intensiv betriebenen Prozess kam aus einem kooperativen Verfahren mit vier örtlichen Architekturbüros, die ihre Konzepte mehrmals öffentlich vorstellten, diskutierten und überarbeiteten. Immer eine Woche, bevor die Jury die einzelnen Projekte im Kolloquium diskutierte, wurden die Entwürfe auf Facebook präsentiert und standen dort für Kommentare und Votings zur Verfügung. Die dafür eigens engagierte Beratungsfirma moderierte die Diskussion, wertete aus und präsentierte die Wünsche am Beginn jedes Kolloquiums der Jury. Schon bei der ersten Diskussionsrunde waren über 700 Jugendliche auf der Facebook-Gruppe registriert, rund 500 Mitglieder der Gruppe haben mehr als 1.000 Kommentare verfasst. Begleitend dazu gab es „offline“ klassische Informations- und Diskussionsveranstaltungen. Auch deren Ergebnisse flossen in den Prozess ein. Das unlängst eröffnete, knapp vier Millionen teure Haus ist auf diese Weise eindeutig „anders“ geworden als üblich: Formal meidet es jede institutionelle Anmutung – ein Wunsch, der in den Debatten immer wieder geäußert wurde. Es wirkt teilweise verspielt, erweist sich im Alltag aber als durchaus funktional und flexibel. Am recht peripheren Standort im Gewerbegebiet am Bahndamm fallen insbesondere die abgerundeten Kanten und die – trotz des engen Grundstücks – fein abgestuften Freiräume auf, die das Ensemble zu einem skurrilen Hangout machen: Hof und Dachterrasse sind sehr beliebt und eignen sich auch als Bühne. Die Außenhaut der zunächst an Hans Scharoun erinnernden organischen Skulptur wurde zuletzt noch – auf Wunsch der Jugendlichen – von Graffiti-Künstlern dekoriert. „Soziokulturelle Passung vor Funktionalität“ lautete das Motto der intensiven Jugendarbeit. Erik Flügge von der moderierenden Agentur Squirrel & Nuts aus Köln zieht die dass „ein solcher grundsätzlich planbar ist und sich durchführen lässt“. Allerdings sei Verfahren hochgradig von der Stadtverwaltung, die bereit muss, die Ergebnisse ernst zu nehmen. „Wie erkläre ich das?“ Die Biberacher Architektin Christine Reck lieferte den von Jury und Jugendlichen einmütig erwählten Entwurf. Sie bedauert zwar, dass die Stadtverwaltung die Genehmigungsplanung und Ausführung aus Kostengründen an sich zog, ist aber für die Erfahrungen mit der Beteiligung dankbar. Sie zollt dem Prozess Anerkennung als „erstem Versuch, Jugendlichen eine Stimme zu geben“ bei der Gestaltung ihrer Umwelt. „Wie erkläre ich etwas so, dass Laien es verstehen?“, fragte sie sich immer wieder und nutzte vor allem 3-D Animationen, um ihre Vorstellungen zu vermitteln. Sie schätzt die Jugendlichen indes als leicht manipulierbar ein. „Ohne Fachleute, die Haltung zeigen, geht das nicht“, ist sie überzeugt. So erscheint die Kombination aus Partizipation und Architektenwettbewerb durchaus praktikabel. Ob klassisches Streetworking, Medienarbeit oder neue interaktive Tools – „niedrigschwellige“ Angebote können Betroffene und Interessierte einbeziehen und Bauvorhaben konsensfähig machen. Immer mehr Architekten und interdisziplinäre Beratungsbüros spezialisieren sich auf die Begleitung partizipativer Planungsprozesse, die oft mühsam und zeitaufwendig sind, am Ende aber die Chancen für eine nachhaltige Akzeptanz steigern. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zum Thema „wählerisch“ finden Sie in unserem DABthema wählerisch

Der koschere Balkon

Gewitzte Architekten lassen die Balkone tanzen. Gläubige Juden wird es freuen. Luftnummer: Heiko Haberle Haben Sie schon Ihre Laubhütte vorbereitet? Die Voraussetzungen dafür haben Sie vielleicht. Das Laubhüttenfest erinnert an den Auszug der Juden aus Ägypten und deren provisorische Behausungen während der siebentägigen Flucht. Anfang Oktober ist es wieder soweit: Dann errichten gläubige Juden aus Holzlatten, Palmwedeln und Zeltplanen Behausungen, in denen sieben Tage lang gewohnt und sogar geschlafen wird. Wer einen Garten hat, ist fein raus, weil die Hütte unter freiem Himmel stehen muss. Ein Balkon mit einem anderen Balkon darüber ist hingegen als Bauplatz ungeeignet. Wenn die Freisitze jedoch verspringen, ist alles wieder gut. Der koschere Balkon ist, unabhängig vom tatsächlichen Bedarf, in Israel zum baulichen Standard geworden. Diese architektonische Sitte ist nun endlich in Deutschland angekommen, wenn auch vermutlich aus profanen Gründen. Auf der Suche nach neuen Ideen, um selbst schlichtesten WDVS-Lochfassaden Leben einzuhauchen, sind Investoren und Architekten auf den Balkon gekommen. Selbst im sozialen Wohnungsbau setzt sich der koschere Balkon langsam durch. Die entstehenden Muster mögen zwar spielerisch aussehen, hierzulande überwiegen aber die Nachteile: weniger Schutz vor Regen, Sonne und den neugierigen Blicken von oben. Auch das Potenzial des Balkons als Gestaltungselement ist bei uns noch lange nicht ausgeschöpft. Die israelischen Kollegen sind eindeutig mutiger: Da laufen Balkone im Zickzack über die Fassaden, werden als Welle schmaler und breiter oder formieren sich zu riesigen Treppenlandschaften. Mit Stützen, Luftbalken oder Bögen wird der Balkon zur ausladenden Kabine. Der Architekt liefert das Gerüst für die Laubhütte also schon mit, im Extremfall gleich die ganze Hütte, die dann ganzjährig als Erker dient. Und wer der überbordenden Fantasie überdrüssig wird, der entwirft ganz klassisch übereinander liegende Balkone und schneidet dann in Teilbereichen Löcher hinein oder lässt eine so große Aussparung, bis von der Hälfte des Balkons nur noch eine Kontur bleibt. Für den deutschen Wohnungsbau ist also trotz vielversprechender Ansätze im wahrsten Sinne des Wortes noch viel Luft nach oben.  

Parteien auf dem Prüfstand

Ausreichend Wohnraum schaffen, die Energiewende im Baubereich wirksam voranbringen, den großen Baubestand energetisch sanieren, die Städte und Dörfer lebenswert erhalten – das sind nur einige von vielen großen Bau-Aufgaben der Politik. Welche Weichenstellungen wollen die Parteien vornehmen? Welche politischen und gesetzlichen Grundlagen wollen sie schaffen, dass die genannten Ziele erreicht werden? Text: Paul Lichtenthäler Der Baubereich boomt nicht nur in der Wirtschaft, auch als Thema der Politik ist er vor allem angesichts fehlender Wohnungen in der vergangenen Legislaturperiode dorthin zurückgekommen, wo er hingehört: auf die vorderen Plätze der politischen Agenda. Dafür haben die Kammern und Verbände der planenden Berufe sechs Parteien Wahlprüfsteine vorgelegt. Zu zwölf Schwerpunktthemen wurden jeweils bis zu vier Fragen gestellt. Wir haben die Antworten ausgewertet, um Orientierung über die politische Schwerpunktsetzung der Parteien im Bereich Bauen zu schaffen. Bauministerium Die planenden Berufe fordern die Zusammenführung der Bau-Kompetenz in einem Haus – in der vergangenen Wahlperiode waren vier Bundesministerien für Bauen und Infrastruktur zuständig. Unterstützung für ein Bauministerium kommt von der FDP; die anderen Parteien halten sich mit Zusagen zurück und verweisen auf den Koalitionsvertrag, in dem der Ressortzuschnitt, oft in den letzten Minuten übrigens, ausgehandelt wird. Die AfD verweist auf das Vorwort ihres Antwortschreibens, das klarstellt, dass sie nicht „lnteressenvertreter von Schreinern, Klempnern oder Architekten“ sein will. Wohnungsbau Breiten Raum nehmen erwartungsgemäß die Antworten zum drängenden Thema Wohnungsbau ein. Abgesehen von der AfD, behandeln es alle Parteien ausführlich und unterscheiden sich vor allem in der Wahl der Mittel. Die SPD will bundeseinheitliche Standards, Investitionsanreize, den gemeinwohlorientierten Sektor stärken und die staatliche KfW-Förderung fortsetzen. Den Erwerb von Wohneigentum plant sie mit einem Familienbaugeld und der Einführung des Bestellerprinzips für die Maklerkosten zu erleichtern. Bundeseigene Grundstücke sollen nach Gesichtspunkten der Stadtentwicklung und Wohnungspolitik vergeben werden. Die Grünen sehen ein Förderprogramm vor, das insbesondere den Bau kostengünstiger Wohnungen unterstützt. So soll eine Million zusätzlicher Wohnungen gebaut werden. Die Linke will bestehende Mietbindungen nicht mehr auslaufen lassen und Mieterhöhungen nur noch bei Verbesserung des Wohnwerts erlauben. Die Förderung des Bundes soll auf fünf Milliarden Euro ansteigen, um rund 250.000 Sozialwohnungen jährlich zu bauen. Die FDP hingegen will den Wohnungsbau durch die Entschlackung von Vorschriften und Bürokratie fördern: Abschaffung der Mietpreisbremse, Erhöhung der Abschreibungsrate für Gebäude auf drei Prozent, zweckgebundener Einsatz der Bundesmittel in den Ländern für den Wohnungsbau. Ein neues Wohngeld soll jedem Mieter zugutekommen. Die AfD hält jede Form der Subventionierung von Wohnungsbau für falsch, nur ausreichend Bauland müsse zur Verfügung gestellt werden. Ökologische und brandschutzrechtliche Standards müssten kostenwirksam gesenkt werden. Kostentreiber bremsen Grundstückspreise, Grunderwerbsteuer, Maklerkosten, Stellplatzverordnungen: nur einige Faktoren, die das Bauen teuer machen. Wie wollen die Parteien den Kostentreibern im Wohnungsbau begegnen? SPD und Grüne wollen dazu das Gesetz über die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImAG) ändern und die Spekulation mit baureifem Boden einschränken. Die Grünen sehen in der neuen Kategorie des „urbanen Gebiets“ eine gute Möglichkeit, Grundstücke besser auszunutzen. Die Linke fordert eine stärkere Besteuerung von Spekulationsgewinnen und Vermietungsverpflichtungen gegen Leerstand, auch sie sieht die Notwendigkeit einer Neuausrichtung der Liegenschaftspolitik des Bundes. Sie soll sich stärker an Gemeinwohlinteressen orientieren und weniger der Haushaltskonsolidierung dienen. Das Höchstgebotsverfahren soll durch soziale Konzeptverfahren ersetzt werden. Die FDP sieht die Höhe der Grundstückspreise als nicht allein vom Bund beeinflussbar an. Für die Grunderwerbsteuer soll ein Freibetrag von 500.000 Euro Familien leichter zu Wohneigentum verhelfen. Eine wesentliche Aufgabe der öffentlichen Hand sieht sie in der Verbesserung der Infrastruktur, um das Umland besser zu erschließen. Ähnlich wie CDU/CSU und Die Linke gibt sie der Vergabe nach Konzepten den Vorzug vor der Höchstpreisvergabe. Ein verpflichtender Anteil an mietgebundenen Wohnungen bei Neubauten ist für die Liberalen Teil der Lösung. CDU/CSU schließen für die nächste Wahlperiode gesetzliche Maßnahmen, die den Wohnungsbau verteuern, pauschal aus. Steuerliche Erleichterungen und die Wiedereinführung der degressiven Abschreibung über eine begrenzte Zeit sollen den Bau von Wohnraum auch für Normalverdiener befördern. Wohneigentum für junge Familien soll durch ein „Wohnkindergeld“ von 1.200 Euro je Kind und Jahr unterstützt werden. Wie die FDP planen CDU/CSU Freibeträge bei der Grunderwerbsteuer. Der Bund soll die Gemeinden bei ihrer Stadtentwicklungspolitik unterstützen, um den Wohnungsbau anzukurbeln. Neue Siedlungen am Ortsrand begünstigen aus Sicht der Union den Wohnungsbau und seien durch das „urbane Gebiet“ weiter befördert worden. Innerstädtische Verdichtung Es gilt der Bundesregierung als die größte Errungenschaft der zurückliegenden Legislatur beim Thema Planen und Bauen: das neue „urbane Gebiet“, das eine Mischnutzung von Wohnen und Gewerbe ermöglicht. Dieses „urbane Gebiet“ nennt die SPD als Voraussetzung, um die Nachverdichtung der Städte zu erleichtern. Die Grünen wollen verstärkt Wettbewerbe durchführen und die Abstimmung in den Regionen fördern, um Konkurrenz zwischen Gemeinden zu vermeiden. Der Schwerpunkt liegt für sie wie für die FDP in der Innenentwicklung. Die Linke will gar den Grundsatz „Innen- vor Außenentwicklung“ zum Gesetz machen. Infrastruktur stärken Angesichts des Zuzugs in viele Städte rückt die Betrachtung der Region in den Fokus: Wird der Ausbau der Infrastruktur vorangetrieben? Die SPD will mit der nationalen Städtebauförderung und dem Programm „Soziale Stadt“ weiterhin lebendige Nachbarschaften und den sozialen Zusammenhalt fördern. Auch die Grünen kündigen an, die Mittel der Städtebauförderung beizubehalten, um das Leitbild des Dorfes und der Stadt der kurzen Wege weiterzuverfolgen. Integrierte Entwicklungskonzepte und regionale Kooperation sollen gestärkt werden. Die Linke fordert ein gesamtdeutsches Förderprogramm für strukturschwache Regionen. Das Bauen im ländlichen Raum soll die Option des Um- und Rückbaus konzeptionell aufnehmen. Für die FDP hingegen liegt der Schlüssel in der besseren Versorgung des ländlichen Raums mit digitaler Infrastruktur. CDU/CSU wollen die ärztliche Versorgung auf dem Land sicherstellen, Behörden stärker dezentralisieren und in die Fläche bringen. Eine verbesserte Finanzausstattung für Ausbau und Erhalt der Verkehrswege kündigen sie ebenso an wie Infrastruktur-Projekte als öffentlich-private Partnerschaften. Die SPD plant eine „Mindestdrehzahl für Investitionen“ als Ergänzung zur Schuldenbremse: Diese Verpflichtung soll sich an den Haushaltsbedingungen orientieren. Die Grünen wollen einen „Zukunftsfonds“ einrichten, aus dem Länder und Kommunen schöpfen sollen, um verlässlich planen und Personal einstellen zu können. Die Linke will ein ähnliches, sogenanntes „Zukunftsprogramm“ durch eine stärkere Besteuerung von Vermögen über einer Million finanzieren. Die FDP sieht höhere Investitionen in die hoheitlichen Aufgaben des Staats – insbesondere die Verkehrsinfrastruktur – als dringend notwendig an. Digitalisierung mit Augenmaß Bei der Digitalisierung des Planungs- und Bauwesens wollen CDU/CSU an die Erfahrungen aus den ersten Pilotprojekten anknüpfen und eine neue „Kultur des Vertrauens beim Bau“ einläuten. Ebenso unkonkret bleiben die Antworten von SPD und Grünen, sie „sehen das digitale Planen und Bauen als Zukunftschance“. Bei der AfD hingegen wird gar keine Notwendigkeit einer politischen Begleitung des Themas gesehen – der „Ausbau des Planungs- und Bauwesens ist keine staatliche Aufgabe“. Die FDP sieht eine Stärkung des Mittelstands durch eine faire Besteuerung und die Wiedereinführung der degressiven Abschreibung für bewegliche Wirtschaftsgüter. Energiewende Zur Energiewende fragten wir die Parteien, welche Impulse sie zur Beschleunigung der energetischen Sanierung des Gebäudebestands planen, wie sie die Wirtschaftlichkeit des energiesparenden Bauens gewährleisten wollen und wie sie dem Investitionsstau bei der grünen Infrastruktur begegnen wollen. Alle Parteien nennen eine quartiersweise Betrachtung als notwendige und richtige Vorgehensweise. Die SPD will Mieterstrommodelle einführen, um Mieter an der Rendite der Energiewende teilhaben zu lassen. Die noch zu geringe Sanierungsquote will sie durch die Aktivierung der Menschen, die Beteiligung und Beratung vor Ort steigern – die Grünen sehen hierfür den Hebel in einer kommunalen Wärmeplanung mit Zuschüssen und Krediten. Die Linke will KfW-Programme gezielter einsetzen. Allein die AfD befindet, dass die Energiewende keine staatliche Aufgabe sei. Der Erfolg der Energiewende hängt zu einem guten Teil von der Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen ab. Für die FDP soll diese die wesentliche Entscheidungsgröße sein. Sie regt – wie auch die Grünen in ihren Antworten zur Normung – die Zusammenlegung von EnEG, EnEV und EEWärmeG an. Für CDU/CSU steht ein Mix von Anreizen und Erleichterungen im Fokus, um die energetische Sanierung auch von Ein- und Zweifamilienhäusern zu fördern. Das Förderprogramm „Zukunft Stadtgrün“ soll weiter ausgebaut werden. Die SPD will das im März vorgestellte „Bundeskonzept Grüne Infrastruktur“ zur Leitlinie des Schutzes von Natur und grüner Infrastruktur entwickeln. Die Grünen lehnen in diesem Zusammenhang das vereinfachte Bauen außerhalb der Städte und Gemeinden mit weniger Natur- und Artenschutz ab. Die Linke will einen verbindlichen Sanierungsfahrplan einführen, um die Klimaziele im Gebäudesektor zu erreichen, und die Effizienzstrategie ändern. Hierzu sollen die Gebäude in ein transparentes Effizienzklassen-System eingeordnet werden. Ordnungsrechtliche Vorgaben sollen mit einem Anreizsystem verbunden werden, Blockheizkraftwerke für eine höhere Effizienz sorgen. Vergabe öffentlicher Aufträge Die Vorbildfunktion des Bundes als öffentlicher Bauherr wollen die Grünen durch eine „nachhaltige Investitionspolitik“ stärken. Zwölf Milliarden Euro sollen nach ihrem Willen in moderne Infrastruktur und Mobilität, Energieeffizienz, Bildung und Forschung fließen. Die Linke will die Kostenexplosionen durch „realistische Gesamtplanung und Projektsteuerung“ eindämmen. Hierzu möchte sie das Personal in den Planungsbehörden aufstocken – wie auch die FDP. Die AfD scheint hingegen zufrieden mit der Planung der öffentlichen Hand. Sie bevorzugt Investoren- vor Planungswettbewerben, da sie eine kosteneffizientere Planung und Umsetzung versprächen. Alle anderen Parteien bezeichnen den Planungswettbewerb als geeignetes Instrument der Vergabe. Die SPD weist auf die EU-Richtlinien hin, die in einer stärkeren Verbindlichkeit einen Gegensatz zum Grundsatz der Freiwilligkeit sehen. Auf die Frage nach der Vergabe öffentlicher Aufträge verweisen die Sozialdemokraten auf die Länder und Kommunen, die durch die Neuregelungen zwischen Bund und Ländern neue Spielräume nutzen könnten. Die Linke will sich dafür einsetzen, dass VOF-Verfahren so gestaltet werden, dass lokale Architekturbüros besser zum Zuge kommen. Die FDP sieht im vorhandenen Instrumentarium der Vergabe gute Voraussetzungen. Das Vergaberecht solle so sein, dass es sich auf die Vergabe von Aufträgen konzentriert. Freiberuflichkeit stärken Architekten, Stadtplaner und Ingenieure sind nicht nur ihren Auftraggebern verpflichtet, sondern immer auch dem Gemeinwohl. Wir fragten die Parteien, wie sie die freien Berufe stärken wollen. Die Grünen kündigen an, der Planungsphase mehr Geltung zu verschaffen. Die Linke fordert die Rückführung der originären Planungsleistungen in den verbindlichen Teil der HOAI. Wie die Grünen sind sie der Ansicht, dass die Honorare regelmäßig angepasst werden müssten. Spannend ist die Aussage der Linken hinsichtlich der Rentenversicherung: Sie will den Lebensstandard der in Planungsbüros angestellten Beschäftigten im Rentenalter sichern, indem die gesetzliche Rentenversicherung um- und ausgebaut wird. In ein solidarisches System sollten danach auch Selbstständige, Beamte und Politiker einzahlen. CDU/CSU verweisen auf die HOAI-Novelle 2013 und sehen keinen Änderungsbedarf. Die SPD weist noch auf den Fachkräftemangel hin, dem sie mit einer Stärkung der dualen Ausbildung begegnen will. Die berufliche Selbstverwaltung bezeichnen SPD, Grüne und FDP als bewährtes System ohne Veränderungsbedarf. Die Grünen kündigen eine Entbürokratisierung und verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten an. Baukultur fördern CDU/CSU begrüßen die Arbeit der Bundesstiftung Baukultur, für die sie sich eine verstärkte Unterstützung der Architektenschaft wünschen. Die Bundesstiftung solle eine wesentliche Rolle bei der programmatischen Entwicklung einer neuen Schinkelschen Bauakademie spielen, in der ein Zentrum für die Themen Bauen, Planung und Architektur eingerichtet werden soll. So positionieren sich auch die Grünen, die die Mittel der Bundesstiftung, ebenso wie SPD und FDP, erhöhen wollen. Die SPD sieht den Bund als zentralen Akteur, der insbesondere durch Gesetzgebung, Förderung und als Bauherr mit Vorbild-Verpflichtung Maßstäbe setzt. In diesem Zusammenhang kritisiert Die Linke nochmals eine „Unkultur des Höchstpreisgebotes“. Baukultur müsse durch eine Änderung des BImA-Gesetzes und die Unterstützung der Kommunen bei der Bildung eigener Bodenfonds gefördert werden. Ausbildung Wie kann die Ausbildung von Planern und Architekten auf hohem Niveau gesichert werden? CDU/CSU bezeichnen die hohe Ausbildungsqualität und die geschützten Berufsbezeichnungen als „Aushängeschild für den Wirtschaftsstandort Deutschland“. Als Eintragungsvoraussetzung sieht sie drei Studienjahre. SPD und Grüne weisen auf das hohe Niveau der Ausbildung und die Autonomie der Hochschulen hin. Die Linke fordert den „offenen Studienzugang“ und die Abschaffung individueller Auswahlverfahren ebenso wie der Zugangsbeschränkungen bei dem Übergang von Bachelor zu Master; Studiengebühren sollen entfallen. Die EU-Berufsanerkennungsrichtlinie sieht die SPD bei den Experten der Länder und der Länderkammern in den richtigen Händen. Die FDP will verhindern, dass eine wechselseitige Anerkennung zu Abstrichen bei der Qualität der Ausbildung führt. Der Bologna-Prozess solle so weitergeführt werden, dass fachspezifische Besonderheiten berücksichtigt werden. Architekten- und Ingenieurvertragsrecht Eine objektbezogene Gesamtversicherung, in die alle am Bau Beteiligten einbezogen werden, wird als gute Lösung angesehen, um die Haftungsschieflage zwischen Planer und Bauunternehmer aufzuheben. Hierzu wird derzeit ein Gutachten durch das Bundesjustizministerium erstellt. CDU/CSU wollen danach prüfen, wie diese Versicherung ausgestaltet werden kann. Die Linke befürwortet eine solche Versicherung ebenso wie die FDP. Die SPD weist darauf hin, dass es Sache der Versicherungswirtschaft sei, ein solches Produkt zu entwickeln. Die Grünen betonen, dass sie sich im öffentlichen Hochbau auf eine intensive Bedarfsplanung („Phase Null“) und eine gute Projektsteuerung verlassen wollen. Die AfD verweist auch bei dieser Frage auf ihre einleitenden Worte zur Interessenvertretung. Normung Bei der Frage, wie eine praxisgerechte Normung umzusetzen sei, gehen die Meinungen der Parteien auseinander. Für die CDU/CSU sind die Normen in ihrer Zahl einzudämmen, da sie Ausdruck einer überzogenen Bürokratie seien. Sie weisen auf die Vorschläge der Baukostensenkungskommission des Bundes hin und sprechen sich dafür aus, notwendige Vereinheitlichungen für den EU-Binnenmarkt behutsam vorzunehmen. Auch Die Linke steht der zunehmenden Normung kritisch gegenüber. Eine Vereinfachung, so schreibt sie, solle Bürokratie abbauen, nicht aber zulasten arbeitsrechtlicher, ökologischer oder gesundheitlicher Standards gehen. Die SPD möchte kleine und mittlere Unternehmen stärker in den Normungsprozess einbeziehen. Die Grünen weisen darauf hin, dass die Normung weitgehend in privater Hand erfolgt. Für sie ist eine Zusammenlegung der EnEV, des EEWärmeG und des EEG von größerer Bedeutung, um zu vereinfachen und klare Regelungen für den Klimaschutz zu erhalten. Die FDP will sich für eine „sachgerechte, rechtssichere und anwendungsfreundliche“ Lösung einsetzen. Hierzu wolle sie das Fachwissen und die Beratung der betroffenen Kreise heranziehen. Die AfD bietet der BAK Gespräche zur Eindämmung des Normungswesens an. Export von Planungsleistungen Architekten und Stadtplaner aus Deutschland planen und bauen auch vermehrt im Ausland. Wie wollen die Parteien diesen Export von Planungsleistungen fördern? CDU/CSU verweisen hier auf den EU-Binnenmarkt und den europaweiten Wettbewerb. Sie wollen zum Schutz mittelständischer Unternehmen dafür sorgen, dass die Schwellenwerte nicht geändert werden. Die SPD betont den guten Ruf der international aufgestellten Architektur- und Planungsbüros. Sollte eine interministerielle Koordinierung zur Stärkung des Exports notwendig sein, will sie sich dem nicht verschließen. Die Grünen vertreten die Auffassung, dass bei der Außenwirtschaftsförderung stärker als bisher noch Dienstleistungen berücksichtigt werden sollten. Der EU-Binnenmarkt müsse gerade für die planenden Berufe weiterentwickelt werden. Die Linke kritisiert die Politik der EU, die von „ungehinderter Wirtschaftsfreiheit, Freiheit für Kapital und Dienstleistungen, der Entstaatlichung, Privatisierung und Deregulierung“ geprägt sei. Sie unterstützt den Ruf nach Erhalt der Qualität deutscher Planungsleistungen, will sich aber auch für europäische Sozialstandards einsetzen. Weiterhin verspricht sie, den Grundsatz der Trennung von Planung und Bauausführung aufrechtzuerhalten. Die FDP kündigt an, den deutschen Mittelstand stärker in die Außenwirtschaftspolitik einzubeziehen. Der Export von Ingenieur- und Architektur-Dienstleistungen biete auch für die deutsche Industrie und deutsche Produkte große Chancen. Von der AfD erhielten wir leider auch zu dieser Frage keine Antwort. Paul Lichtenthäler ist Pressesprecher der BAK. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „wählerisch“ finden Sie in unserem DABthema wählerisch

Mit schlechten Empfehlungen

Foto: Fotolia Prüft der Architekt Rechnungen nicht gründlich genug, muss er sie am Ende womöglich aus eigener Tasche zahlen. Text: Sven Kerkhoff Eine vom Architekten ausgesprochene Zahlungsempfehlung ist von erheblichem Gewicht, da sich der Bauherr auf eine solche regelmäßig verlassen darf. Daher hat das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt am Main in einer jüngst rechtskräftig gewordenen Entscheidung vom 31. März 2016 (Az.: 6 U 36/15) einen Architekten zum Schadensersatz verurteilt. Im konkreten Fall hatte das beauftragte Büro Kenntnis davon, dass der Bauherr dem bauausführenden Unternehmen einen Vorschuss in Höhe von 500.000 Euro gezahlt hatte. Der Architekt gab dann aber eine Abschlagsrechnung nach Prüfung vorbehaltlos frei und empfahl die Zahlung, vergaß aber dabei den bereits gezahlten Vorschuss. Der Bauherr folgte der Zahlungsempfehlung. Die daraus resultierende Überzahlung vermochte er im weiteren Verlauf nicht vollständig zurückzuerlangen. Die Rechnungsprüfung ist Teil der in Leistungsphase 8 zu erbringenden Grundleistungen und eine vertragliche Hauptverpflichtung. Über den genauen Umfang der Prüfpflichten und die Bedeutung des Ergebnisses dieser Prüfung bestehen in der Praxis jedoch häufig Unsicherheiten. Der Architekt hat zunächst zu kontrollieren, ob die abgerechneten Preise mit den vereinbarten Preisen übereinstimmen, ob die abgerechneten Mengen dem Aufmaß entsprechen, ob Leistungen zu Unrecht als zusätzliche Leistungen berechnet werden, ob vereinbarte Skontoabzüge, Rabatte und Sicherheitseinbehalte sowie geleistete Abschläge und Vorauszahlungen korrekt berücksichtigt wurden und ob die abgerechneten Leistungen vollständig und ordnungsgemäß erbracht wurden (Werner/Pastor, Der Bauprozess, 15. Aufl., Rz. 2026). Diese Prüfpflicht erstreckt sich auf alle Rechnungen, die dem Architekten vorgelegt werden, also nicht nur auf Schlussrechnungen, sondern insbesondere auch auf Abschlagsrechnungen (vgl. OLG Köln, Urteil vom 2. Juli 1996, Az.: 9 U 14/96). Die Rechnungsprüfung im Bereich der Technischen Ausrüstung zählt hingegen nicht zu den Grundleistungspflichten des Objektplaners, sondern ist von den Fachplanern zu leisten; die Prüfung der Honorarrechnungen der Fachplaner allerdings ist nach herrschender Meinung Sache des Architekten (vgl. Hebel, in: Thode/Wirth/Kuffer, Praxishandbuch Architektenrecht, 2. Aufl., Rz. 113 zu § 15). Sachwalter für den Bauherrn Der entsprechende Prüfvermerk ist aus umsatzsteuerrechtlichen Gründen vorzugsweise auf einer Kopie der Rechnung und nicht auf dem Original anzubringen. Mit ihm wird aber nicht etwa zum Ausdruck gebracht, dass die vom Architekten als zutreffend angesehene Summe gegenüber dem Rechnungssteller verbindlich als berechtigt anerkannt würde. Vielmehr richtet sich der Vermerk über das Ergebnis der Rechnungsprüfung ausschließlich an den Bauherrn und ist mit einer fachlich fundierten, konkret zu beziffernden Zahlungsempfehlung des Architekten an seinen Bauherrn verbunden (vgl. Locher/Koeble/Frik, HOAI, 12. Aufl., Rz. 225 zu § 34). Vorgeschlagene Rechnungskürzungen sind dem Bauherrn zu erläutern. Stellt der Architekt in der Rechnung Fehler fest, die sich zu Gunsten des Bauherrn auswirken, so hat er dies dem Bauherrn mitzuteilen, darf aber keinesfalls den Rechnungssteller auf einen solchen Fehler hinweisen oder diesen zu Lasten des Bauherrn korrigieren, weil er sonst gegen seine Sachwalterpflichten gegenüber dem Bauherrn verstoßen würde (vgl. Hebel, a.a.O., Rz. 117 zu § 15). Im eingangs angesprochenen Fall verurteilte das OLG Frankfurt den Architekten dazu, dem Bauherrn den Schaden zu ersetzen, der diesem aufgrund einer überhöhten Abschlagszahlung entstanden war. Die Prüfpflicht des Architekten diene, so das Gericht, unter anderem gerade dazu, sicherzustellen, dass der Bauherr nur berechtigte Abschlagsforderungen erfüllt und nicht darauf angewiesen ist, etwaige Überzahlungen später ausgleichen zu können. Daher seien erfolgte Abschlagszahlungen, soweit der Architekt von ihnen Kenntnis hat, bei der Rechnungsprüfung und Zahlungsempfehlung stets zu berücksichtigen. Dabei komme es nicht darauf an, ob der Architekt die Kenntnis von zuvor erfolgten Zahlungen unmittelbar vom Bauherrn oder auf anderem Wege erlangt habe. Es genüge, dass entsprechende Anhaltspunkte vorliegen, die der Architekt dann zum Anlass nehmen müsse, sich durch Rückfrage beim Bauherrn über den tatsächlichen Zahlungsstand zu vergewissern. Abschlagszahlungen beachten Das Gericht ließ nicht den Einwand des Architekten gelten, der Bauherr selbst habe doch von der Vorschusszahlung gewusst und es daher in der Hand gehabt, einen gekürzten Betrag zu zahlen. Dies entspricht der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs, der bereits am 4. April 2002 entschieden hat, dass der Bauherr einer Zahlungsempfehlung seines Architekten vertrauen darf, sofern dieser dem Bauherrn nicht mitteilt, auch er solle bestimmte Punkte noch prüfen (Az.: VII ZR 295/00). Eine Pflicht des Bauherrn, die Empfehlung noch einmal zu überprüfen, besteht daher, wie das OLG Frankfurt betont, nur, wenn klar erkennbare Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass der Architekt von unzutreffenden Voraussetzungen ausgegangen sein könnte. Bestehen im Einzelfall Unklarheiten über den Zahlungsstand, ist der Architekt daher gut beraten, diese mit dem Bauherrn zu klären, zumindest aber darauf hinzuweisen, dass die Zahlungsempfehlung nur unter dem Vorbehalt eigener Prüfung durch den Bauherrn erfolgt. Auch wenn der Architekt über das Vorliegen der Voraussetzungen, beispielsweise für einen Skontoabzug oder einen Sicherheitseinbehalt, im Zweifel sein sollte, hat er dies offenzulegen und dem Bauherrn die Einholung anwaltlichen Rechtsrats nahezulegen. Die entsprechenden Sorgfaltspflichten zu beachten, ist auch deshalb unbedingt sinnvoll, weil Architekten bei einer unterlassenen oder allzu oberflächlichen Rechnungsprüfung zugleich ihren Haftpflichtversicherungsschutz gefährden. So hat es auch das OLG Köln am 2. Juni 1996 entschieden (Az.: 9 U 14/96). Dr. Sven Kerkhoff ist Rechtsreferent bei der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier  

Von zukunftsorientierten Wohnkonzepten und Meisterwerken

Wohnen mit Konzept Demografische Trends bestimmen auch das Zusammenleben. Zukunftsorientierte Wohnkonzepte stehen daher im Mittelpunkt der Publikationsreihe „Konzept“ der Architektenkammer Baden-Württemberg. Anhand von Beispielen aus Stadt und Land werden Bezahlbarkeit, das Zusammenleben mehrerer Generationen oder die soziale Stadterneuerung thematisiert. Ausgabe 2 zum Thema „Wie funktioniert Nachbarschaft?“ ist soeben erschienen. Das erste Heft über „Kommunale Beispiele mit Zukunft“ wird ebenfalls noch verschickt. Auch der Download ist hier möglich. Neu in der DGNB Die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer (BAK) Barbara Ettinger-Brinckmann ist am 28. Juni für die kommenden zwei Jahre in das Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) gewählt worden. Neu dabei ist außerdem Prof. Matthias Rudolph von der Transsolar Energietechnik GmbH und der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Die BAK ist seit diesem Jahr Mitglied in der DGNB. Zusammen leben Gemeinschaftliche Wohnkonzepte stehen im Mittelpunkt der Ausstellung „Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft“ im Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Anhand von großformatigen Modellen, Filmen und begehbaren Wohnungen im Maßstab 1:1 werden Beispiele aus Europa, Asien und den USA präsentiert. Dazu kommt ein Überblick über historische Vorläufer dieser Konzepte – von den Reformideen des 19. Jahrhunderts bis hin zur Hippie- und Hausbesetzerszene. Die Ausstellung läuft noch bis zum 10. September. www.design-museum.de Modernes Meisterwerk Die 1962 fertiggestellte Hamburger Großmarkthalle ist von der Bundesingenieurkammer als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“ ausgezeichnet worden. Die 40.000 Quadratmeter Grundfläche sind in drei Schiffe aus Stahlbetonschalen unterteilt, die von einem schwungvollen Wellendach verbunden werden. Diese große Geste gelang nur dank interdisziplinärer Zusammenarbeit der Architekten Bernhard Hermkes, Gerhart Becker sowie dem Büro Schramm & Elingius mit der Dyckerhoff & Widmann AG und dem leitenden Ingenieur Ulrich Finsterwalder. Alle bisher 20 Wahrzeichen sind zu finden unter: www.wahrzeichen.ingenieurbaukunst.de      

Käselaib und Kornkreis

Nicht jede Kunst gefällt jedem. Ist sie goldgelb und kreisrund, scheint der Konflikt vorprogrammiert.  Kunstkritik-Kritik: Heiko Haberle Eine Käsekrise erschütterte Münster in diesem Frühsommer. Sie entzündete sich nicht an einem Münsterkäse, sondern an baulichen Geschmacksfragen: Auf die Außenwand eines neuen Geschäftshauses am Stadthafen, das die Westfalenpost ignorant einen „grauen Zweckbau aus monotonem Sichtbeton“ nennt, hatte eine jung-dynamische Käserei ein großes Wandbild malen lassen. Es zeigte in hipsterhaftem Comic- Stil Tiere bei der Käseproduktion sowie einen Käse-Menschen beim Angeln von Käse-Fischen aus einem Käse-Meer. Aufmerksamkeit folgte prompt, wenn auch anders als gedacht. Der Architekt sah sein Urheberrecht Käselaib und Kornkreis Nicht jede Kunst gefällt jedem. Ist sie goldgelb und kreisrund, scheint der Konflikt vorprogrammiert verletzt und auch stilistisch missfiel das Werk: für die Hochkultur zu figürlich, für Street-Art zu kitschig. Der Slogan an der Wand „make cheese not war“ war schnell vergessen. Die örtliche BDA-Gruppe roch einen „vollkommenen Käse“ und die „Verhunzung einer ambitionierten Architektur“. Ausgerechnet im Jahr der Skulptur- Projekte sah man Münster „vor der internationalen Kunstwelt blamiert“. Aus der Käse liebenden Bürgerschaft schallte es via Westfalenpost zurück: „Als reine Betonmischer und Glasfassadenakrobaten haben diese Langweiler“ – gemeint sind Sie, liebe Architekten – „ihren Sinn für Farben und Freude am Leben schon lange verloren.“ Gesitteter ging es in Darmstadt zu, denn dort wählte man den ordentlichen Rechtsstreit bis zum Oberlandesgericht. Ein Bürohochhaus aus den 1960ern war in den 2000ern zum quietschbunten Studentenwohnheim umgebaut worden. Bürger und Lokalpresse empfanden die Neon-Farben und die vielen Objekte in Hundertwasser- Optik drum herum als Gewinn. Vom Architekten kam kein Widerspruch. Auf dem Dach hatte der Bauherr außerdem eine „Kornkreiskrone“ installieren lassen – ein Tableau aus miteinander verschmelzenden, goldenen Kreisen, die Bezug auf die Fibonacci-Folge nehmen. Ein 2016 auftretender neuer Hauseigentümer war der Zahlenmystik und der Esoterik jedoch weniger zugeneigt und entfernte die Krone – zu Unrecht, wie das Gericht feststellte, denn das Werk war für den Standort angefertigt worden und auf die Himmelsrichtungen abgestimmt. Letzte Hoffnung für den Eigentümer: Der Architekt des Hauses (oder seine Nachfahren) klagen mit Vorbild Münster gegen die Kornkreise. Bis auf Weiteres ist die Kunst in Darmstadt jedenfalls wieder da. In Münster ist sie weg.

Neue Abdichtungsnorm

Seit 1. Juli gelten für Bauwerksabdichtungen neue Normen. Was sich für die Planung und Ausführung der Abdichtung erdberührter Bauteile geändert hat.  Text: Uwe Wild Bauwerksabdichtungen wurden seit 1983 in der aus zehn Teilen bestehenden DIN 18 195 geregelt. Die Abdichtungsnorm beschreibt bewährte Abdichtungstechniken detailliert und wurde von Planern, Ausführenden und Sachverständigen als Richtschnur für die Ausführung und für die technische Bewertung von Bauwerksabdichtungen genutzt. Nach mehreren Überarbeitungen und Neufassungen wurde sie an die fortschreitende Entwicklung der Abdichtungstechnik angepasst und zum 1. Juli durch fünf einzelne neue Abdichtungsnormen – DIN 18 531 bis DIN 18 535 – ersetzt. Zeitgleich wurde die DIN 18 195 zurückgezogen und als reine Begriffsnorm neu herausgegeben. Die neuen Normen gliedern sich nicht mehr nach der Art der Wasserbeanspruchung, sondern bauteilbezogen nach ihrem Anwendungsbereich, wie in der Grafik oben dargestellt ist. Die bauteilbezogene Gliederung gewährleistet durch ihre übersichtliche Strukturierung eine bessere Handhabung und vereinfacht zukünftige Aktualisierungen. Planern und Ausführenden stehen damit nun in sich geschlossene Regelwerke zur Verfügung. Geltungsbereich und Gliederung Abdichtungen an erdberührten Wand- und Bodenflächen, im Wandquerschnitt und in Sockelbereichen sind jetzt gegen alle auftretenden Wassereinwirkungen in der DIN 18 533 geregelt. In die Norm wurden auch „erdüberschüttete Bauwerke in offener Bauweise“ aufgenommen. Wie die alte DIN 18 195 gilt auch die neue Norm für Neubauten und nicht für nachträgliche Bauwerksabdichtungen an Altbauten oder Denkmälern. Bei Sanierungen ist sie nur dann anzuwenden, wenn Verfahren am Altbau eingesetzt werden können, die in der neuen Abdichtungsnorm beschrieben sind. Die DIN 18 533 umfasst drei Teile: Teil 1 regelt „Anforderungen, Planungs- und Ausführungsgrundsätze“, Teil 2 die „Abdichtung mit bahnenförmigen Abdichtungsstoffen“ und Teil 3 die „Abdichtung mit flüssig zu verarbeitenden Abdichtungsstoffen“. In den stoffspezifischen Teilen 2 und 3 sind auch Regeln für Detailausbildungen, wie Durchdringungen, An- und Abschlüsse oder Bewegungsfugen, sowie Schutzschichten enthalten. Neu ist außerdem die Zuordnung der Abdichtungsstoffe und die verschiedenen Abdichtungsbauarten zu den folgenden Bemessungskriterien: Wassereinwirkungsklasse, Rissüberbrückungsklasse und Raumnutzungsklasse. Diese Zuordnung erfolgt für bahnenförmige Abdichtungsstoffe einschließlich der Anzahl der Lagen in Teil 2 und für flüssig zu verarbeitende Stoffe einschließlich der Schichtdicken in Teil 3. Kriterien für die Bemessung Die DIN 18 533 klassifiziert die Beanspruchungsarten nicht mehr nach der Dauer und Entstehungsart der Wassereinwirkung, sondern die Einteilung erfolgt in acht Klassen – und zwar bauteilbezogen und entsprechend der Intensität der Beanspruchung, siehe u.a. Tabelle zu den Wassereinwirkungsklassen. Ebenfalls neu sind Rissklassen, die bei der Auswahl der Abdichtungsbauart berücksichtigt werden müssen , siehe u.a. Tabelle zu den Rissklassen. Vorhandene Risse, die sich nach dem Aufbringen der Abdichtung in ihrer Breite verändern können, oder Risse, die neu entstehen können, muss der Planer einer der vorgegebenen Rissklassen R1-E bis R4-E zuordnen. Diesen Rissklassen stehen wiederum vier Rissüberbrückungsklassen (RÜ1-E bis RÜ4-E) gegenüber, die die rissüberbrückenden Eigenschaften der Abdichtungsbauarten sowie die spezifischen Eigenschaften der jeweiligen Abdichtungsstoffe definieren. Die Abdichtungsbauarten und Abdichtungsstoffe sind in den Teilen 2 und 3 der Norm jeweils bestimmten Rissüberbrückungsklassen zugeordnet. Die Rissüberbrückungsklassen korrelieren mit den Rissklassen. So darf zum Beispiel ein Bauteil mit einer Rissklasse R3-E nur mit einem Abdichtungsstoff und einer Abdichtungsbauart abgedichtet werden, die die Anforderungen an die Rissüberbrückungsklasse RÜ3-E erfüllen. Abdichtungsbauarten mit größeren Rissüberbrückungsklassen dürfen auch für kleinere Rissklassen eingesetzt werden. Die Anforderungen an die Abdichtung erdberührter Bauteile, die sich aus dem angestrebten Raumklima ergeben, spiegeln sich in der DIN 18 533 in den drei Raumnutzungsklassen RN1-E bis RN3-E wider. Die Raumnutzungsklassen beschreiben die jeweiligen Anforderungen an das Raumklima. Die Raumnutzungsklasse RN1-E liegt vor, wenn nur geringe Anforderungen an die Trockenheit der Raumluft bestehen – zum Beispiel bei offenen Lagerhallen oder Tiefgaragen. Durchschnittliche Anforderungen, wie sie typischerweise an Aufenthaltsräume gestellt werden, entsprechen der Raumnutzungsklasse RN2-E. In Magazinen für unersetzliche Kulturgüter bestehen besonders hohe Anforderungen an die Trockenheit der Raumluft. Diese Art der Nutzung ist der Raumnutzungsklasse RN3-E zuzuordnen. Bei der Planung der Abdichtung im Bereich von Bewegungsfugen müssen die unterschiedlichen Einwirkungen aus Lageänderungen im Flankenbereich in eine der fünf Verformungsklassen VK1-E bis VK5-E eingeteilt werden. Lageänderungen im Flankenbereich von Bewegungsfugen können in unterschiedlicher Richtung auftreten: senkrecht zur Abdichtungsebene durch Scherung und in Abdichtungsebene durch Dehnung oder Stauchung oder durch Verzerrung. Aus den in alle drei Richtungen maximal zu erwartenden Bewegungen ist die resultierende Verformung vr zu ermitteln. Beispielsweise ist nach DIN 18 533-1, Tabelle 9, bei einer resultierenden Verformung vr ≤ 20 Millimeter die Bewegungsfuge in die Verformungsklasse VK4-E einzuteilen, siehe u.a. Tabelle zu den Verformungsklassen. Abdichtungsstoffe und Bezeichnungen Die Verwendung von rissüberbrückenden mineralischen Dichtungsschlämmen (MDS) war in der Stoffnorm (Teil 2) und im Beiblatt 1 der „alten“ DIN 18 195 zwar aufgeführt, jedoch in den Ausführungsteilen für den erdberührten Bereich (Teile 4, 5 und 6) bisher nicht geregelt. In DIN 18 533, Teil 3, sind Bauwerksabdichtungen im erdberührten Bereich aus rissüberbrückenden mineralischen Dichtschlämmen mit allgemeinem bauaufsichtlichem Prüfzeugnis (abP) nach den Prüfgrundsätzen PG-MDS erstmals geregelt. Ebenfalls für den erdberührten Bereich neu geregelt wurden Abdichtungen mit Flüssigkunststoffen (FLK) aus Polymethylmethacrylatharz (PMMA), Polyurethanharz (PUR) und Polyesterharz (UP) mit allgemeinem bauaufsichtlichem Prüfzeugnis (abP) nach den Prüfgrundsätzen PG-FLK. Kunststoffmodifizierte Bitumendickbeschichtungen, bisher KMB, durften unter bestimmten Voraussetzungen nach „alter“ Norm bereits seit 2000 im erdberührten Bereich eingesetzt werden. Für diesen Abdichtungsstoff hat sich die Kurzbezeichnung geändert. Kunststoffmodifizierte Bitumendickbeschichtungen werden zukünftig mit dem Kurzzeichen PMBC (polymer modified bituminous thick coatings) bezeichnet. Mit der Änderung des Kurzzeichens erfolgte eine Anpassung an die Stoffnorm für kunststoffmodifizierte Bitumendickbeschichtungen, DIN EN 15814: 2015-03. Uwe Wild ist Sachverständiger für das Holzund Bautenschutzgewerbe sowie für das Bautrocknungsgewerbe in Brandis bei Leipzig. MEHR INFORMATIONEN:  Regelwerke DIN 18 533-1 „Abdichtung von erdberührten Bauteilen – Teil 1: Anforderungen, Planungs- und Ausführungsgrundsätze“, Stand 2017-07 DIN 18 533-2 „Abdichtung von erdberührten Bauteilen – Teil 2: Abdichtung mit bahnenförmigen Abdichtungsstoffen“, Stand 2017-07 DIN 18 533-3 „Abdichtung von erdberührten Bauteilen – Teil 3: Abdichtung mit flüssig zu verarbeitenden Abdichtungsstoffen“, Stand 2017-07 DIN 18 195 „Abdichtung von Bauwerken – Begriffe“, Stand 2017-07 DIN 18 195 Beiblatt 2, Stand 2017-07 DIN EN 15814 „Kunststoffmodifizierte Bitumendickbeschichtungen zur Bauwerksabdichtung – Begriffe und Anforderungen“, Stand 2015-03 Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Von der Moderne lernen

Gelungene Neuinterpretation: München, Nordhaide Drei Bücher widmen sich der Nachkriegsmoderne ganz unterschiedlich: ihrer Ästhetik, ihrer aktuellen Benutzung und ihrem Denkmalwert. Und ein Forschungsbericht zeigt, was wir aus den Großsiedlungen von damals lernen können Zu den Siedlungen der Moderne In deutschen Ballungszentren fehlen bezahlbare Wohnungen; nach Schätzung des Deutschen Mieterbundes müssten jährlich 400.000 gebaut werden. Es ist zu hoffen, dass zuvor die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts reflektiert werden. Eine aktuelle Studie liefert systematisches und gut aufbereitetes Material dazu. Zu Beginn wird der Siedlungsbau nach Jahrzehnten mit Beispielen vorgestellt, Vor- und Nachteile werden erklärt. Neben der Kurzanalyse der Leitbilder – von „Licht, Luft, Sonne“ über die „aufgelockerte Stadtlandschaft“ bis zu „Urbanität durch Dichte“ – fehlt auch nicht der Hinweis auf die „entscheidende Bedeutung der Belegungspolitik“ für den Erfolg eines neuen Stadtteils. Das Kapitel schließt mit dem Rückblick auf „Siedlungsbau der 1990er-/2010er- Jahre“, der sich allerdings auf Berliner Beispiele beschränkt und aufgrund des kurzen Zeitabstands weniger prägnant geraten ist. Der zweite Teil präsentiert prominente, differenziert bebaute Stadtteile der jüngeren Zeit in München, Wien und Berlin und stellt die Frage nach der Renaissance der Gartenstadt – wobei der wohlklingende Begriff nicht trennscharf definiert ist. Abschließend werden die städtebaulichen, wohnungspolitischen, wohnungswirtschaftlichen und planerischen Prinzipien zusammengefasst. Letzte, treffende Feststellung des lohnenden Parforceritts durch die deutsche Bauhistorie: einfach aufgeschrieben, aber schwer gemacht. Prinzipien für den Bau neuer Wohnsiedlungen, Schriftenreihe des Kompetenzzentrums Großsiedlungen e.V., Berlin, 2017, 40 Seiten, Bezug zum Versandkostenpreis unter: www.gross-siedlungen.de Zur Benutzung der Moderne Der Wohnungsbau der Moderne wird zwar vielerorts saniert, die „räumlichen Fesseln“ durch die meist vorbestimmten Grundrisse werden jedoch selten aufgesprengt. Wie mit einfachen Mitteln vielseitigere Strukturen machbar sind, wird anhand von (leider nicht allzu vielen) Beispielen gezeigt – sei es das Bürohaus, das zum Wohnhaus wird, der etwas offenere Grundriss oder die durchgesteckte Wohnung, die aus zwei kleineren entstand. Auch Lacaton Vassals mehrfach bewährtes Konzept der Erweiterung durch eine äußere Raumschicht darf nicht fehlen: hier als Studie für die Hochhausscheiben im Zentrum von Halle-Neustadt. Hinzu kommen Essays und Untersuchungen, etwa zu seriellen Bausystemen in Schweden oder zu Wohnungsbauprogrammen in Großbritannien, die – je nach Perspektive – gescheiterte Wohnmaschinen oder brutalistische Ikonen hervorgebracht haben. Erfrischend ist die Publikation, weil sie keine Angst vor dem Nutzer hat: Viele Fotos zeigen ganz durchschnittlich möblierte Wohnungen. Das robuste und nicht überästhetische Layout integriert diese Gebrauchsspuren ebenso wie herkömmliche Rot-Gelb-Pläne oder historische Fotos und Grundrisse, die mutig, aber nicht aufdringlich neonorange unterlegt sind. Dadurch gelingt die Wahrnehmung als ernst zu nehmendes Architekturbuch. Walter Nägeli, Niloufar Tajeri (Hg.), Kleine Eingriffe, Neues Wohnen im Bestand der Nachkriegsmoderne, Birkhäuser, Basel, 2016, 144 Seiten, 49,95 Euro Zum Schutz der Moderne Während die wichtigsten Bauten der 1950er-Jahre bereits geschützt sind, droht späteren Vertretern noch mancherorts der Abriss. Schlechte Instandhaltung oder schlicht ihre Größe lassen die historische und künstlerische Bedeutung verblassen – auch weil die Nachkriegsmoderne als Epoche noch nicht genau definiert werden kann und daher die Begrifflichkeiten für den Denkmalschutz fehlen. Das versucht ein Forschungsprojekt der Universitäten Dortmund und Weimar zu ändern. Im zugehörigen Buch geschieht das mit Texten, die Einblicke in die denkmalpflegerische Praxis oder die Arbeit von Architekturarchiven geben. Dazu kommen Beiträge zu baulichen Phänomenen, wobei auch der Brutalismus einbezogen wird. Es geht zu den Großstrukturen deutscher Universitäten, nach Polen und Großbritannien, aber auch ins westfälische Marl. Beiträge zu den gesellschaftlichen Randbedingungen, etwa dem Zuzug von Gastarbeitern und dem Wunsch nach dem Einfamilienhaus, ordnen das Baugeschehen ein. Den Abschluss machen denkmalpflegerische Fallbeispiele aus ganz Europa. Entstanden ist keinesfalls Fachliteratur für Denkmalschützer, sondern dank der Themenvielfalt, der vielen guten Fotos und des leichtfüßigen Layouts ein hoch spannendes Panorama. Frank Eckardt, Hans-Rudolf Meier, Ingrid Scheurmann, Wolfgang Sonne (Hg.), Welche Denkmale welcher Moderne?, Zum Umgang mit Bauten der 1960er- und 1970er-Jahre, Jovis, Berlin, 2017, 324 Seiten, 38 Euro Mehr Informationen zum Forschungsprojekt: www.welchedenkmale.info Zur Ästhetik der Moderne Nachdem sie in Ungnade gefallen war, wird die Nachkriegsmoderne wieder wertgeschätzt. Wie beeindruckend und geradezu unglaublich sie aber zu ihrer Entstehungszeit erschienen sein muss, verdeutlicht nun ein E-Book mit Fotos von Karl Hugo Schmölz. Beginnend mit den Ruinen des zerstörten Köln, erzählen die Bilder von einer Architektur, die wirtschaftlichen Aufbruch, gesellschaftlichen Fortschritt und den Glauben an die Demokratie verkörpert. Da wachsen Glaspaläste mit kühnen Treppenhäusern empor, glitzern Leuchtreklamen, eröffnen dynamisch geschwungene Tankstellen. Neben dem Blick auf den Wiederaufbau als Ganzes steht auch die Konzentration auf architektonische Ästhetik im Detail, denn Schmölz war Auftragsfotograf für Gottfried Böhm, Rudolf Schwarz oder Wilhelm Riphahn. Thomas Linden (Hg.), Karl Hugo Schmölz, Architekturfotografie der Nachkriegszeit, Artbookers, Köln, 2016, E-Book, 4,99 Euro Erhältlich über: www.artbookers.com Mehr Informationen und Artikel zum Thema „modern“ finden Sie in unserem DABthema modern

Mängelrechte vor Abnahme?

Foto: Fotolia Bei einem BGB-Bauvertrag können Mängel erst geltend gemacht werden, wenn eine Abnahme erfolgt ist. Der Bundesgerichtshof hat dazu Grundsatzurteile erlassen.  Text: Martin Leuschner Können Mängelrechte im BGB-Bauvertrag bereits vor der Abnahme geltend gemacht werden? Diese Frage war seit der Schuldrechtsreform 2002 in der Rechtsprechung und Literatur heftig umstritten. Eine Regelung gibt es im BGB – anders als in der VOB/B – dazu nicht. Mit den Grundsatzurteilen vom 19. Januar 2017 (Az.:VII ZR 301/13 und Az.: VII ZR 193/15) hat der Bundesgerichtshof (BGH) nun jüngst entschieden, dass Mängelrechte im BGB-Bauvertrag grundsätzlich erst nach Abnahme des Werks mit Erfolg geltend gemacht werden können. Unter „Abnahme“ ist die mit der körperlichen Entgegennahme des Werks verbundene Erklärung des Auftraggebers zu verstehen, die Werkleistung des Auftragnehmers als im Wesentlichen – bis auf geringfügige Mängel oder kleinere Restarbeiten – vertragsgemäß anzuerkennen. In beiden den BGH Entscheidungen zugrunde liegenden Fällen waren die Werkleistungen des Unternehmers mangelhaft (Terrassenbelag beziehungsweise Fassade). Eine Abnahme hatte jeweils nicht stattgefunden. Der Auftraggeber verlangte in beiden Fällen einen Kostenvorschuss zur Beseitigung der Mängel. In seinen Urteilsbegründungen macht der BGH deutlich, dass die Abnahme die entscheidende Zäsur zwischen dem Erfüllungs- und dem Gewährleistungsstadium darstellt. Mit der Abnahme beginnt regelmäßig die Verjährungsfrist, es tritt die Fälligkeit des Werklohns ein und die Beweislast für das Vorliegen von Mängeln geht auf den Auftraggeber über. Das Gericht weist darauf hin, dass das Werk erst bei Abnahme mangelfrei sein muss. Bis dahin dürfe der Auftragnehmer frei wählen, wie er den Anspruch des Auftraggebers auf mangelfreie Herstellung nach § 631 Abs. 1 BGB erfüllt. Könnte der Bauherr bereits in der Herstellungsphase, also während die Bauarbeiten noch laufen, Mängelrechte geltend machen, würde dies einen Eingriff in die Rechte des Auftragnehmers bedeuten. Nach Auffassung des BGH sei es für den Schutz der Interessen des Bauherrn in der Herstellungsphase ausreichend, dass er einen Anspruch auf Erfüllung des Vertrages, also auf eine mangelfreie Herstellung des Werks, habe. Zudem verbleiben dem Bauherrn die Rechte, Schadensersatz zu verlangen und vom Vertrag zurückzutreten. Der Herstellungsanspruch und der Nacherfüllungsanspruch, die beide die mangelfreie Herstellung des Werks zum Ziel haben, könnten nicht nebeneinander bestehen. Nur in bestimmten Ausnahmefällen soll der Auftraggeber nach Auffassung des Gerichts berechtigt sein, Mängelrechte nach § 634 Nr. 2 bis 4 BGB ohne beziehungsweise vor Abnahme geltend zu machen. Für Architekten, die mit der Bauüberwachung (LPH 8) beauftragt sind, folgt daraus, dass sie – soweit im Einzelfall möglich – beachten müssen, ob der Bauvertrag ihres Bauherrn nach den Regelungen des BGB geschlossen oder die Geltung der VOB/B vertraglich vereinbart wurde. Ferner müssen Architekten jederzeit im Blick haben, ob sich der Bauvertrag noch in der Erfüllungs- oder schon in der Gewährleistungsphase befindet. Dabei markiert die rechtsgeschäftliche Abnahme (§ 640 BGB bzw. § 12 VOB/B) die Trennlinie. Die Abnahme ist ausdrücklich zu erklären, in der Praxis erfolgt aber häufig eine stillschweigende Abnahme (konkludent), zum Beispiel durch die vollständige Zahlung der Schlussrechnung, oder es kommt zu einer fiktiven Abnahme, wenn der Auftraggeber zur Abnahme verpflichtet ist und innerhalb einer ihm gesetzten Frist die Abnahme nicht erklärt (§ 640 Abs. 1 S. 3 BGB, § 12 Abs. 5 VOB/B). Treten nun nach Abnahme innerhalb der Verjährungsfrist Mängel auf oder hat der Bauherr Mängel bereits bei der Abnahme festgestellt und sich seine Gewährleistungsrechte vorbehalten, stehen ihm beim BGB-Vertrag Mängelrechte nach § 634 BGB zu: Nacherfüllung (Nr. 1), Selbstvornahme und Aufwendungsersatz (Nr. 2), Rücktritt vom Vertrag beziehungsweise Minderung (Nr. 3) sowie Schadensersatz beziehungsweise Aufwendungsersatz (Nr. 4). Beim VOB-Vertrag sind die Gewährleistungsrechte in § 13 Abs. 5 bis 7 geregelt: Mängelbeseitigung (Abs. 5 Nr. 1), Selbstvornahme (Abs. 5 Nr. 2), Minderung (Abs. 6) und Schadensersatz (Abs. 7). Im Detail weichen die Voraussetzungen der VOB-Mängelrechte von den Regelungen des BGB ab. Vor Abnahme können nur im VOB/B-Vertrag die genannten Mängelrechte geltend gemacht werden. Im BGB-Vertrag kann dagegen vor dem Hintergrund der jüngsten BGH Entscheidungen der Auftragnehmer zunächst nur auf vertragsgerechte Erfüllung in Anspruch genommen werden. Zudem bestehen möglicherweise Schadensersatzansprüche wegen Nichterfüllung beziehungsweise, weil die Leistung nicht wie vertraglich vereinbart erbracht wurde, sondern mangelbehaftet ist (Schlechtleistung). Hinzu kommt die Möglichkeit, vom Vertrag zurückzutreten. Im Ergebnis muss sich der Auftraggeber beim BGB-Vertrag also entscheiden, ob er die Rechte aus dem Erfüllungsstadium oder aber die grundsätzlich eine Abnahme voraussetzenden Mängelrechte aus § 634 BGB geltend machen will. Ein faktischer Zwang des Auftraggebers zur Erklärung der Abnahme für ein objektiv nicht abnahmefähiges Werk besteht nach Ansicht des BGH hierdurch aber nicht. Architekten müssen über umfangreiche Kenntnisse zur Abnahme verfügen, denn sie befassen sich regelmäßig mit der Organisation der Abnahme der verschiedenen Bauleistungen und sprechen Abnahmeempfehlungen aus. Die Erklärung der rechtsgeschäftlichen Abnahme (mehr zum „korrekten Abnehmen“ hier) selbst obliegt dem Bauherrn und gehört normalerweise nicht zu den Aufgaben des Planers. Über die jüngste BGH-Rechtsprechung müssen Architekten trotzdem Bescheid wissen, wenn sie ihren Bauherrn beraten. Eine tiefer gehende juristische Beratung sollte allerdings nur ein Rechtsanwalt vornehmen. Martin Leuschner ist Syndikusrechtsanwalt bei der Architektenkammer Niedersachsen. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier 

Rückkehr der Ideologen

Am Hamburger Cityhof entspinnt sich ein prominenter Streit zwischen Gegnern und Befürwortern der Nachkriegsmoderne. Jetzt wurde der Wettbewerb für den Neubau entschieden – und wirft die Frage auf, ob eine „Stadtreparatur“ um jeden Preis sinnvoll ist.  Text: Claas Gefroi Der 1957 gleich neben dem berühmten Hamburger Kontorhausviertel eröffnete Verwaltungs- und Einzelhandelskomplex Cityhof von Architekt Rudolf Klophaus ist ein Fanal der Nachkriegsmoderne. Dass Klophaus hier, auf dem Gelände des einstigen Stadtwalls und unmittelbar angrenzend zum backsteinernen Chilehaus und Sprinkenhof, keine geschlossene Klinker-Blockrandwand, sondern eine offene Struktur mit vier hintereinandergestaffelten, die Lage am Geesthang nachzeichnenden, schneeweißen (heute leider mit Eternit verkleideten) Hochhausscheiben realisierte, war eine wegweisende Entscheidung: Das Projekt der Moderne wurde, nach der Zäsur von Nationalsozialismus und Krieg, wiederaufgenommen und fortgeführt. Klophaus suchte jedoch den Kontrast und knüpfte nicht an die lokalen Bautraditionen verpflichtete Schumacher-Schule, sondern an den Internationalismus der Weißen Moderne an. Dies geschah mit Augenmaß und Blick für den Ort. Natürlich entsprach der Cityhof dem Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt; doch konnte mit den Hochhausscheiben die Baumasse so geschickt verteilt werden, dass wichtige Sichtbeziehungen vom Klosterwall und vom Deichtorplatz auf das Kontorhausviertel erhalten blieben. Städtebau und Architektur der Nachkriegsmoderne waren, dies belegt der Cityhof eindrucksvoll, bei Weitem nicht so ideologisch und rigoros, wie es uns heute scheinen will, sondern durchaus sensibel und ortsspezifisch. Kinder ihrer Zeit: Auf der linken Seite der denkmalgeschützte Cityhof, auf der rechten der Siegerentwurf des Architekturwettbewerbs (KPW). Der Neubau soll auf acht Geschossen mehr Nutzfläche unterbringen, als die Hochhäuser derzeit aufweisen. Umso bedauerlicher ist es, dass die Hamburger Politik und Verwaltung hier nun, ungeachtet großer Proteste und mannigfaltiger Kritik aus Architekten- und Bürgerschaft, ein Exempel statuieren will. Der denkmalgeschützte Cityhof wurde 2016 verkauft mit dem Ziel, ihn abreißen und durch eine Neubebauung ersetzen zu lassen, die eine Rückkehr zur behaupteten Tradition von Blockrand und Backsteinmantel verspricht. Es ist nur dem Druck von Architektenkammer, Verbänden und Architektenpersönlichkeiten zu verdanken, dass die Investorenausschreibung noch um die Option erweitert wurde, den Bestand zu erhalten und weiterzuentwickeln. Das städtische Liegenschaftsamt tat das freilich zu Konditionen, die einen Erhalt wirtschaftlich unattraktiv machten. Dennoch bewarb sich ein Konsortium mit dem Architekten Volkwin Marg (gmp) mit einem solchen Vorschlag. Ihr Entwurf lag nach Punkten vorn, wurde allerdings wegen, wie es hieß, nicht unterschriebener Erklärungen disqualifiziert. Es gewann ein Neubau-Vorschlag. Kürzlich wurde nun der vom siegreichen Investor ausgelobte Architekturwettbewerb mit der Vorstellung der Entwürfe abgeschlossen. Der Siegerentwurf von KPW Architekten wurde besonders heftig in Tageszeitungen und Fachpresse kritisiert – Gert Kähler schrieb in der „Zeit” von „Angsthasenarchitektur“. Behutsame Alternative: der Entwurf von Volkwin Marg für Matrix Hochtief. Das Konsortium hatte sich beim Investorenwettbewerb (der die Grundlage für den Architekturwettbewerb legte) mit dem Vorschlag beworben, den Altbau zu erhalten. Nicht besser oder schlechter – anders Doch eine Kritik an den Architekten und ihren Entwürfen ist zu billig. Die Teilnehmer konnten schließlich nur in dem gesetzten Rahmen agieren, der aus den Bedingungen des Investorenwettbewerbs resultierte. Und der gab vor, eine enorme Nutzfläche, noch höher als die des jetzigen Cityhofs, in Gebäuden unterzubringen, die mit acht Geschossen nicht höher sein dürfen als die benachbarten Kontorhäuser. Ebenfalls gewünscht: Blockrandbebauung und dunkler Klinker. Alles, was an den Entwürfen nun kritisiert wird – immense Volumen, enge, dunkle Höfe, endlose Ziegelfassaden, Anbiederung an die Kontorhausarchitektur – müsste also an die Stadt als Ausloberin des Investorenwettbewerbs adressiert werden. Das neue „Quartier am Klosterwall“ zeigt so vor allem eines: Es fehlt eine Debatte darüber, ob es wirklich sinnvoll ist, auch in stark von der Moderne geprägten Gebieten partout „Stadtreparatur“ zu betreiben und eine Rückkehr zur „europäischen Stadt“ einzuleiten. Der Cityhof ist keine „Wunde“, die geheilt werden, kein „städtebaulicher Irrtum“ – wie es Oberbaudirektor Jörn Walter einmal formulierte – der korrigiert werden muss. Er ist, trotz seiner jahrzehntelangen Verwahrlosung und Verschandelung durch die Stadt, ein bedeutendes Zeugnis einer Epoche, die ein anderes städtisches Leitbild hatte als unsere – kein besseres, kein schlechteres, sondern einfach ein anderes. Am Beispiel Hamburg zeigt sich, dass unsere Zeit immer weniger bereit oder fähig ist, Brüche und Vielschichtigkeit im Stadtbild zu schätzen oder zumindest auszuhalten. Viele wichtige Bauten der Hamburger Nachkriegszeit sind bereits verschwunden: das Millerntor-Hochhaus und der Astra-Turm auf St. Pauli, die BP-Zentrale in der City Nord. Demnächst fallen die Commerzbank, das Allianz-Hochhaus in der Altstadt, die Oberpostdirektion in der City Nord und das Hermes-Hochhaus in Altona – allesamt eindrucksvolle, teilweise unter Denkmalschutz stehende Bauten von namhaften Architekten. Anderes wird erhalten und teils sensibel saniert, dann aber fast immer um den Preis von gewinnmaximierenden „Mantelbebauungen“ auf dem Grundstück: Das ehemalige Polizeipräsidium am Berliner Tor, das einstige Unilever-Hochhaus, die vormaligen Hochhäuser von Spiegel und IBM sind heute von Neubauten umstellt, die die Sicht auf die Solitärbauten verstellen und ihre städtebauliche Wirkung und Bedeutung beschädigen. Gewiss sind dies Einzelfallentscheidungen mit unterschiedlichen Begründungen, an denen wechselnde Akteure beteiligt waren. Es gibt in Hamburg kein explizit formuliertes Städtebau-Programm für eine Rückkehr zur Stadt des 19. Jahrhunderts in der Formensprache des 21. Jahrhunderts. Doch in der Summe drängt sich der Verdacht auf, hier würden noch immer Rechnungen beglichen und Kämpfe um Leitbilder und Ideologien geführt – von einer heute bestimmenden Politiker- und Städtebauergeneration, die einst selbst die Vätergeneration für ihren Dogmatismus und ihre Starrsinnigkeit kritisierte. Junge Planer, die heutigen Studenten und Absolventen der Architektur und Stadtplanung, haben einen ganz anderen, frischen und interessierten Blick auf die Nachkriegsmoderne. Sie schließen sich zu Initiativen für ihren Erhalt zusammen und müssen dennoch ohnmächtig mitansehen, wie ein Bauwerk nach dem anderen fällt. Die Chance, dass die junge Generation dieses Erbe neu bewertet und sich aneignet, wird gerade verspielt. Claas Gefroi ist freier Autor sowie Presse- und Öffentlichkeitsreferent der Hamburgischen Architektenkammer. Der Text gibt ausschließlich seine persönliche Meinung wieder. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „modern“ finden Sie in unserem DABthema modern

Starkes Duo

Holz-Beton-Verbund in Trockenbauweise: Beton-Fertigteilplatten werden über spezielle Verbinder und Schrauben trocken mit den Holzbalken „zusammengespannt“. Holz-Beton-Verbund-Decken dienten ursprünglich der Sanierung von Holzbalkendecken. Inzwischen wurde die Bauweise in verschiedenen Konstruktionsarten bis hin zur Kombination mit Beton-Fertigteilen für den Einsatz in Neubauten weiterentwickelt.  Text: Susanne Jacob-Freitag Holz-Beton-Verbund-Decken können eine gute Alternative zu reinen Stahlbeton- oder Holzdecken sein. Die Bauweise geht auf die Idee zurück, die Vorteile beider Baustoffe zu kombinieren: Holz übernimmt die Zug-, Beton die Druckkräfte. Wichtigster Bestandteil, um die schubfeste und tragfähige Verbundwirkung herzustellen, sind die zwischen Holz und Beton eingesetzten Verbindungsmittel. Eine relativ einfache Lösung stellen zum Beispiel Schrauben dar, die senkrecht oder gekreuzt und versetzt in die Deckenbalken oder die Deckenplatte eingebracht werden. Nach diesem Prinzip erfolgten auch die ersten Anwendungen der Bauweise bei der Sanierung von Holzbalkendecken, wenn beispielsweise deren Tragfähigkeit erhöht werden musste, die Decken nicht ausreichend steif waren oder ein ungünstiges Schwingungsverhalten zeigten. Altbaudecken bestehen in der Regel aus einer Balkenlage mit einer durchlaufenden Schalung, einem Zwischenboden mit einer Auffüllung aus Sand oder Schlacke und einer Gips- oder Holzunterdecke. Um die Konstruktion beim späteren Aufbetonieren trocken und dicht zu halten, wird zunächst eine Trennlage, meistens eine PE-Folie, auf der Decke verlegt. Anschließend können die Verbundschrauben paarweise versetzt und für eine optimale Verbundwirkung schräg, zum Beispiel unter 45 Grad, durch die oberste Schalplatte in die Holzbalken eingedreht und das Ganze nach Ergänzung weiterer Bewehrungselemente mit Beton vergossen werden. Durch die Verbindung der Holzbalken mit der Betondecke ändert sich das lineare Biegetragverhalten der Holzbalken und geht in ein kombiniertes flächiges Tragverhalten über, was die Steifigkeit der Decke erhöht. Zudem lässt sich mit der Holz-Beton Verbund-Bauweise (HBV) durch die zusätzliche Masse der Schall- und Brandschutz erhöhen. Nach unzähligen solcher Renovierungen sind HBV-Konstruktionen eine ausgereifte und bewährte Bauweise, die in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich weiterentwickelt wurde. Der Fokus lag dabei auf Innovationen der Verbindungselemente als Schnittstelle zwischen Holz und Beton, deren Steifigkeit und Form es zu verbessern galt. Etabliert sind mittlerweile drei Möglichkeiten für den Holz-Beton-Verbund: mithilfe von Schrauben, durch Formschluss oder durch Kleben. Begleitend dazu wurden auch neue Methoden zur Herstellung der Decken erarbeitet. So sind heute vorproduzierte Fertigteilelemente für Neubauten verfügbar. Ihr Einsatzgebiet erstreckt sich aktuell auf den mehrgeschossigen Holzbau. Die HBV-Decken eignen sich aber ebenso gut für den Massivbau. Im Vergleich zu Stahlbetondecken ist ihre Aufbauhöhe niedriger, es wird, je nach Konstruktionsvariante, weniger beziehungsweise keine Feuchtigkeit ins Gebäude gebracht, und wie erste Erfahrungen zeigen, sind die Konstruktionen auch kostengünstiger. Daher lohnt es sich, projektbezogen deren Einsatzmöglichkeiten zu überprüfen. Erstmals Beton-Fertigteile eingesetzt Als neu gebaute Projektbeispiele haben besonders zwei Gebäude die Aufmerksamkeit auf sich gezogen: der achtgeschossige LifeCycleTower (LCT One) in Dornbirn und das fünfgeschossige Verwaltungsgebäude Illwerke Zentrum Montafon (IZM), beide in Österreich und beide von Hermann Kaufmann Architekten und beides Holzskelett Konstruktionen. Zur Herstellung der HBV-Decken wurde hier der Beton noch mithilfe einer Schalung nass auf den Balken vergossen, um über Nocken und Stahlverbinder beziehungsweise Kerben und Schrauben den Verbund herzustellen. Für das zweigeschossige Bürogebäude der Firma Wagner  im österreichischen Nüziders haben Hermann Kaufmann Architekten die Deckenkonstruktion dann weiterentwickelt. Zum Einsatz kamen Beton-Fertigteilplatten, die über spezielle Fertigteil-Verbinder, kurz FT-Verbinder, in Trockenbauweise mit den Holzbalken auf der Baustelle verbunden wurden. Damit steht eine wirtschaftliche und hocheffektive Bauweise zur Verfügung, die zudem als Einzige gar keine Feuchtigkeit ins Gebäude trägt. Den trockenen Verbund ermöglichen die FT-Verbinder in Kombination mit selbstbohrenden Schrauben; zusammen sorgen sie dafür, dass Betonplatte und Holzbalken kraftschlüssig und schubfest miteinander verbunden sind. Dabei dient der FT-Verbinder als Platzhalter, das heißt, er hält beim Betonieren der Fertigteilplatte den Weg für die später einzudrehende Schraube frei, sowie als Führungshülse. Auf diese Weise kann die Decke insgesamt als Scheibe ausgebildet werden und Horizontalkräfte über die Fertigteilplatten aufnehmen. Die hier im Vergleich zu herkömmlichen stiftförmigen Verbindungsmitteln größeren Schraubendurchmesser und -längen, kombiniert mit dem flachen Einschraubwinkel (30 Grad), erhöhen die Tragfähigkeit der Einzelverbindung so, dass die Gesamtzahl der erforderlichen Verbinder im Vergleich zu klassischen HBV-Decken mit diagonal eingedrehten Schrauben im Nassbetonverguss um zwei Drittel reduziert werden kann. Nach dem Verschrauben weist die HBV-Decke ihre volle Tragfähigkeit auf. Durch die trockene Montage erübrigt sich zudem der Einbau einer Trennlage. Auch ein aufwendiges Abstützen der Holzkonstruktion samt Schalung oder Aushärtezeiten auf der Baustelle fürs Abbinden des Betons sind passé. Die Idee war außerdem, durch die separate Herstellung der Holzbalken und der Betonplatte eine Trennung der Gewerke nach Holz- und Betonbau zu erreichen. Vorgefertigte Holz-Verbundwerkstoffe reduzieren Montagezeit Im Nationalparkzentrum „Haus der Berge“ in Berchtesgaden wurde aufgrund der bis zu 16 Meter großen Spannweiten, der hohen Verkehrslasten und der besonderen Schallschutzanforderungen eine HBV-Decke in Form eines Plattenbalkens eingesetzt. Zur Herstellung der Decke wurden 40 Millimeter dicke OSBPlatten (OSB 4 TOP) werkseitig über eine Schraubpressklebung mit je vier Brettschichtholz- Trägern zu 2,50 Meter breiten und bis zu 16 Meter langen Pi-Platten-Elementen verbunden. Die Oberseite der OSBPlatten wurde mit Schrauben sowie quer zu den Brettschichtholz Trägern eingefrästen Kerben versehen. Nach dem Betonieren vor Ort verzahnt sich der Beton mit der Platte und den Schrauben, sodass sich bei Belastung der Decke die Betonstreifen in den Kerben verkanten. Dieses Zusammenspiel ermöglicht der Betonplatte, große Kräfte aufzunehmen, sodass die zur Kraftübertragung notwendigen Schrauben kleiner ausfallen können und der Materialbedarf sinkt. Ein anderes Anwendungsbeispiel ist das „House of Natural Resources“ (HoNR) auf dem Gelände der ETH Zürich in der Schweiz. Der als Bürogebäude und Forschungslabor für nachhaltiges Bauen dienende Neubau erhielt unter anderem eine Holz-Beton-Verbund Decke aus Buchen- Furnierschichtholz, kurz „Baubuche“ genannt. Wie beim „Haus der Berge“ liegt auch hier der Vorteil darin, dass die Platte als verlorene Schalung dient und so keine weitere Oberflächenbehandlung der Deckenunterseite mehr erfordert. Der Verbund mit dem Beton erfolgt über eine mechanische Verzahnung mittels 15 Millimeter tiefer Kerben. Die Kosten für die Baubuche-Beton-Verbunddecke mit nur vier Zentimetern Holzdicke der Buchenholzplatte und zwölf Zentimetern Betonschicht belaufen sich auf etwa 135 Euro pro Quadratmeter (Angabe eines Planers Anfang des Jahres 2016). Zurzeit wird dieser Deckentyp gerade bei den vier- und fünfgeschossigen Wohngebäuden in Holzhybridbauweise am Pistoriusplatz in Berlin eingesetzt. Aus gestalterischen Gründen wurden hier lediglich Baubuche-Platten mit einer anderen Oberflächenoptik gewählt. Die Holz-Beton-Verbund-Decken mit einer sechs Zentimeter starken Baubuche-Platte und einer zwölf Zentimeter dicken Betonschicht überbrücken eine Spannweite von sechs Metern. Statt der Baubuche-Platten wurden für diese Art der Deckenkonstruktion bislang Platten aus Brettschichtholz oder Brettsperrholz (BSP) verwendet. Daher sind inzwischen zahlreiche, von BSP-Herstellern und Ingenieurbüros entwickelte Deckensysteme verfügbar. Dipl.-Ing. (FH) Susanne Jacob-Freitag ist freiberufliche Baufachjournalistin in Karlsruhe. MEHR INFORMATIONEN: Villa Hupfeld, Leipzig, Altbausanierung, Ortbetonplatten zwischen und oberhalb der Holzbalken

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Im Rahmen einer umfangreichen Sanierung haben die Architekten die rund 1.800 Quadratmeter Nutzfläche der Villa Hupfeld in Gohlis-Süd, das einstige Zuhause des Leipziger Musikfabrikanten Ludwig Hupfeld, in ein Wohnhaus mit drei exklusiven Wohn- und zwei Büroeinheiten von 280 bis 480 Quadratmetern Fläche umgebaut. Dazu wurden die alten Holzbalkendecken des Gründerzeitbaus mit zwei Varianten einer Holz-Beton-Verbund(HBV)-Konstruktion des Systems von Elascon ertüchtigt: eine Aufbauhöhe sparende Version mit Betonplatten zwischen den Holzbalken des Bestands und eine klassische mit einer Betonplatte oberhalb der Balken. Im ersten Fall werden die diagonal eingebauten Stahl-Verbundschrauben seitlich in die Holzbalken geschraubt, im zweiten wie üblich auf den Balken. Damit war es möglich, die Höhe der Bodenaufbauten – wo erforderlich – so schlank zu gestalten, dass der Bestandsschutz erhalten blieb, und dennoch eine aussteifende Wirkung zu erreichen. Für die Tragschicht kam ein leichtverdichtender, weitgehend selbstnivellierender und speziell auf die Verbundstruktur abgestimmter Beton zum Einsatz, der die Verbundschrauben samt Zulagebügel und konstruktiver Grundbewehrung beim Einbringen flüssig umschließt. Bauherr: Trumm & Siebert GbR, D-04105 Leipzig Architektur: FCA Dr. Fischer Community of Architects GmbH, D-99423 Weimar, www.fca-consult.com Holz-Beton-Verbund-System: Elascon GmbH, D-79183 Waldkirch, www.elascon.de Bürogebäude Firma Wagner, Nüziders (Österreich), HBV-Decke mit Betonfertigteilen

FirmaWagner

Hermann Kaufmann Architekten bauten für die Firma Wagner in Vorarlberg (Österreich) ein zweigeschossiges Bürogebäude mit der Option, ein drittes Geschoss aufzustocken. Eine Herausforderung stellte das Gewicht des Neubaus dar, der ein vorhandenes Kellergeschoss als Fundament nutzt. Hier kam nur ein Leichtbau aus Holz in Frage. Eine Möglichkeit, Lasten zu reduzieren, lag außerdem in der Minimierung der Gebäudehöhe durch möglichst schlanke Deckenkonstruktionen. Die Lösung bot eine Brettschichtholz-Skelettkonstruktion mit Holz-Beton-Verbund(HBV)-Decken aus Holzbalken und Beton-Fertigteilplatten. Das Besondere an den Decken: Die HBV-Konstruktion, die nicht nur alle Schall- und Brandschutzanforderungen erfüllte, sondern auch Heizen und Kühlen in der Betonplatte integriert, ermöglichte es zudem, die Betonplatte als Fertigteil vorzuproduzieren und den schubfesten Verbund mit den Brettschicht-Holz-Balken vor Ort in Trockenbauweise herzustellen. Spezielle Schrauben koppeln mithilfe von Fertigteil(FT)-Verbindern die Platten mit den Holzbalken. Bauherr: Wagner GmbH, A-6714 Nüziders, www.wagnertec.at Architektur: Hermann Kaufmann ZT GmbH, A-6858 Schwarzach, www.hermann-kaufmann.at Systementwickler: Ulrich Forster, früher CREE jetzt BHM INGENIEURE, A-6800 Feldkirch, www.bhm-ing.com Entwicklung FT-Verbinder: SWG Schraubenwerk Gaisbach GmbH, Geschäftsbereich Produktion, D-74638 Waldenburg, www.swg-produktion.de Tragwerksplanung Holz und Konstruktion: SWG Schraubenwerk Gaisbach GmbH, Geschäftsbereich Engineering, Henning Ernst, Rolf Malthaner, D-76761 Rülzheim, www.swg-engineering.de Nationalparkzentrum „Haus der Berge“, Berchtesgaden, HBV-Sonder-Konstruktion für 16-Meter-Spannweite

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Die großzügig angelegten Ausstellungsbereiche des Nationalparkzentrums „Haus der Berge“ in Berchtesgaden erforderten zum Teil große Deckenspannweiten bei gleichzeitig hohen Verkehrslasten von 5 kN/m² (öffentliche Gebäude) und hohen Schallschutzanforderungen. Von allen Decken im Gebäude stellte die Geschossdecke über dem Erdgeschoss um die sogenannte „Bergvitrine“ herum die größte Herausforderung dar. Hier mussten verschiedene Zusatzlasten aufgenommen und Spannweiten bis zu 16 Metern überbrückt werden. Das war mit üblichen Holzwerkstoffplatten zur Herstellung einer Holzbalkendecke als Tragschalung der Holz-Beton-Verbund-Konstruktion nicht mehr zu bewerkstelligen. Dafür fanden die Planer eine hochtragfähige Lösung in einer außergewöhnlichen Materialkombination für Holz-Beton-Verbund(HBV)-Decken: 40 Millimeter dicke OSB-Holzwerkstoffplatten (EUROSTRAND OSB 4 TOP: Z-9.1-566) auf Brettschichtholz-Trägern und Beton. Zur Herstellung des erforderlichen Verbunds zwischen den Pi-Platten aus Holz und dem Beton erhielten die OSB-Platten auf der Oberseite Schrauben sowie zehn Zentimeter breite und zwei Zentimeter tiefe Einfräsungen, sogenannte Kerben. Nach der Montage und dem Betonieren vor Ort verzahnt sich der Beton mit der Platte und den Schrauben. Bauherr: Freistaat Bayern – Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit, vertreten durch das Staatliche Bauamt Traunstein, D-83278 Traunstein, www.stbats.bayern.de Entwurf: Staatliches Bauamt Traunstein Ausführungsplanung: Leitenbacher Spiegelberger Architekten BDA, D-83278 Traunstein (keine Website) Tragwerksplanung: Seeberger Friedl & Partner, D-94469 Deggendorf / D-84347 Pfarrkirchen, www.sfp-ingenieure.de Objektüberwachung: Karl Sollerer Bauleitungsbüro, D-84559 Kraiburg a. Inn, www.ks-baucontrol.de Holzbau-Unternehmen: müllerblaustein Holzbau GmbH, D-89134 Blaustein, www.muellerblaustein.de OSB: EGGER Holzwerkstoffe Wismar GmbH & Co. KG, D-23970 Wismar Wismar, www.egger.com Panoramahaus, Friedrichshafen am Bodensee, HBV-Decke mit Brettschichtholz-Platten und Ortbetonverguss

Panoramahaus Friedrichshafen_

In Friedrichshafen am Bodensee steht seit 2016 ein fünfgeschossiger Holzbau in pittoresker Hanglage mit Seeblick. Das als Mehrgenerationenhaus ausgewiesene Gebäude mit einer Länge von knapp 45 Metern und einer Breite von rund 23 Metern hält 19 Wohnungen unterschiedlicher Größe bereit und ist im Passivhausstandard errichtet. Der Wohntrakt gliedert sich in zwei unterschiedlich große Gebäudeteile mit je vier Vollgeschossen und einem fünften, zurückspringenden Staffelgeschoss. Während die diffusionsoffen konzipierte Gebäudehülle aus vorgefertigten Holztafelbauelementen besteht, setzte man bei den Geschossdecken auf ein Holz-Beton-Verbundsystem; den Holzpart übernehmen dabei Brettschichtholz-Platten. Die Verbindung der Holz-Beton-Verbunddecken mit den Brettsperrholz-Wänden erfolgte mit Holzbauschrauben und über Kerben – in die Unterseite der Brettschichtholz-Platten eingefräste Ausschnitte, die in einem Arbeitsschritt beim Betonieren der Verbunddecken direkt mit vergossen wurden. Die Aussteifung des Panoramahauses wird in Gänze über den Holzbau sichergestellt: mittels der aussteifenden Wohnungstrennwände aus Brettsperrholz und der Holz-Beton-Verbunddecken, die die Schubkräfte an die Wandscheiben über Schubnocken weiterleiten. Bauherr, Bauträger, Generalunternehmer; Werkplanung, Herstellung und Montage Holzbau: müllerblaustein Holzbau GmbH, D-89134 Blaustein, www.muellerblaustein.de Architektur: Ecorumi, D-88045 Friedrichshafen, www.ecorumi.de Statik: Pirmin Jung Deutschland GmbH, D-53489 Sinzig, www.pirminjung.de Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier  

Die Riesen zähmen

Auf Kirchturm-Niveau: Nach Protesten wurden die Münchner „Friends“ von Allmann Sattler Wappner von 120 auf 53 Meter umgeplant. Typologien der Nachkriegsmoderne – Hochhäuser, Megastrukturen – werden vielerorts wieder salonfähig. Zu Recht, oder droht ein Rückfall in alte Fehler? Text: Christoph Gunßer Anfang der Siebzigerjahre vollzog sich nicht weniger als ein Epochenbruch: Auf einen unvergleichlichen Baurausch der Nachkriegszeit, der riesige neue Zentren, Satellitenstädte und Infrastrukturen hervorgebracht hatte, folgte ein Kater, wie ihn die Architektenschaft bis dahin nicht gekannt hatte. Führende Köpfe der Zunft formulierten reumütig, was sie künftig anders machen wollten. Ein Protagonist, der diesen Bruch in seinem Werk glaubhaft begründet und vorher wie nachher erfolgreich gebaut hat, war der im vorigen Jahr verstorbene Hermann Schröder, 1975–1996 Professor für Gebäudelehre und Entwerfen an der TU München. Seit dem Ende der Fünfzigerjahre entwickelte er mit Roland Frey und Peter Faller großformatige Terrassensiedlungen in Form von „Wohnhügeln“, von denen er einige in Marl und Stuttgart realisierte. Das Team verstand sie als humane Alternative zu anonymen Hochhäusern, die damals gegen die „große Landzerstörung“ propagiert wurden. Rückblickend bezeichnete Schröder die Wohnhügel-Planungen indes in der Deutschen Bauzeitung als „sozialräumlich falsch, weil sie nur von der Organisation der Wohnungen her entwickelt waren. Der Bezug zum öffentlichen Raum war nicht gegeben … Da entsteht kein Raum und keine Stadt. Man braucht eine Differenzierung von öffentlichen Räumen und privaten Räumen, braucht Zonungen, um einen Organismus entstehen zu lassen.” Fortan profilierte er sich mit sehr viel kleinteiligeren Projekten, die stärker das soziale Miteinander fördern sollten. Schröder gilt als Vater der viel beachteten bayerischen Siedlungsmodelle der Achtziger- und Neunzigerjahre. „Superzeichen“ für die Reichen Blickt man auf die aktuelle Bauproduktion, scheinen Kater und Einsichten jener Jahre vielerorts vergessen. Deutschland ist erneut im Baurausch. Und was besonders hervorsticht, sind Hochhausprojekte: 79 neue Wohnhochhäuser mit knapp 10.000 Wohnungen zählte der Focus kürzlich. Bei näherem Hinsehen haben die Türme eine ganz andere Zielgruppe als in den Sechzigern, wo vor allem die Opfer der Flächenabrisse in den Kernstädten in die „Affenfelsen“ umgesiedelt wurden – mit den absehbaren sozialen Problemen, die zu einer breiten Ablehnung von Hochhäusern führten. Heute handelt es sich bei den aufwendig beworbenen Projekten um reine Eigentumsprojekte für Wohlhabende. Architekten bemühen sich um differenzierte Baukörper, individuelle Grundrisse und hochwertige Materialien. Doormen und Dienstleistungen gehören meist dazu. Geht die „Gated Community“ damit in die Vertikale? „Die Villa ist verschwunden“, bestätigt der einflussreiche Freiburger Stadtplaner Klaus Humpert, 87, der einst die Qualitäten der parzellierten Stadt wiederentdeckte und erfolgreich auf Neubauviertel anwandte. Er kann den Hochhaus-Boom verstehen. „Die Leute wollen keinen Garten mehr.“ Sie verreisten lieber und suchten pflegeleichte Angebote. Ihre Freunde lebten nicht in derselben Straße, sondern weit verstreut. Zudem verlangten die Städte nach „Superzeichen“, um ihr Stadtbild aufzuwerten. „Nur kleine Leute brauchen kleine Häuser“, meint Humpert plakativ. Abkehr von der Körnung? Dass die hierzulande besonders ausgeprägte „Hochhaus-Angst“ unbegründet wäre, lässt sich indes nicht pauschal sagen. Die von allen angestrebte Urbanität gedeiht durch bürgerschaftliche Vielfalt und Engagement fraglos besser als durch schiere Dichte, wie man in den Sechzigerjahren meinte. Doch Gesellschaft und Bauwirtschaft haben sich seit den Achtzigerjahren verändert, als Architekten wie Hermann Schröder ihre kommunikativen Quartiere planten. Es fehlt heute oftmals an den individuellen Bauherren für die Parzellenstadt. Auch wenn Planer längst die „Körnung“, den kleinteiligen Stadtgrundriss, als wesentlichen Faktor für eine lebendige Stadt erkannt haben – realisieren lässt sich diese Stückelung nur mit großem Aufwand, wie er etwa in Modellstadtteilen in Tübingen und Freiburg betrieben wurde – oder als Fake in den Shopping-Malls und Ferienzentren. Der übliche Investoren-Städtebau sieht anders aus, gröber – und dichter. Man vergleiche nur einmal die quirlige Tübinger Südstadt mit dem öden Stuttgarter „Europaviertel“ hinter dem neuen Hauptbahnhof. Es sind die aus der Ökonomie bekannten Skalen-Effekte, die auch im Städtebau zum Zuge kommen, wenn gestapelte Luxuswohnungen und kommerzielle Binnenwelten den Bürger-Blocks den Rang ablaufen: Sie lassen sich einfach effizienter bauen und vermarkten. Dass gesponserte Lifestyle-Magazine dann platt futuristische Skylines mit Fortschritt und Modernität gleichsetzen, erschwert vollends die bürgerschaftliche Basis-Arbeit. Baugruppen- Quartiere oder Genossenschaften mögen von vielen Stadtverwaltungen als vitaler und stabiler erkannt sein, das Stadtbild prägen jedoch heute andere, kommerzielle, anonyme Bausteine. Hoch geht auch anders Ob ein Bau ein lebendiger Teil der Stadt wird, hängt indes nicht nur von der GFZ ab. „Wir müssen über neue Typologien nachdenken“, sagt Architekt und Stadtplaner Klaus Trojan aus Darmstadt und meint die bei Investoren immer noch verpönte Mischnutzung. Aus Beispielen in New York hat er gelernt, dass Hochhäuser durchaus keine sterilen Monster sein müssen, wenn die Sockelzonen dazu genutzt werden, um Leben in den Stadtraum zu spülen. Leider zögen viele Lobbys und Plazas im Gegenteil das Publikum in klimatisierte Innenräume hinein. Auch eine stärkere Mischung von Wohnen und Arbeiten, im Haus oder wohl eher im Quartier, könne  die Sterilität mindern. Und auch wenn die Architektur keinen guten Städtebau ersetze, könne die Fassadengestaltung gegen die Uniformität von Großbauten helfen: „Heute werden diese gerasterten, hocheffizienten Oberflächen als Lehre vermittelt. Es geht auch anders.“ Das hat Trojan selbst in einem kleinen Hochhaus in der Hamburger Hafencity vor ein paar Jahren gezeigt: Mehrere Geschosse sind hier zu Einheiten zusammengefasst und ergeben differenzierte Cluster. Der 55 Meter hohe „Marco Polo Tower“ von Behnisch in Hamburg. Ähnliche Abweichungen vom Raster kultivieren auch neuere Projekte in Frankfurt und München. Türme werden hier nicht als Stapelware, sondern als Skulpturen begriffen. Teilweise entwickeln sich die Baukörper auch aus Blockrandbebauungen, was es übrigens schon in protomodernen Beispielen der letzten Jahrhundertwende und der Dreißigerjahre gab. So lassen sich Projekte, auch wenn sie aus einer Hand entwickelt werden, städtebaulich einfangen und zähmen. Der 63 Meter hohe Turm „Living Levels“ von nps Tchoban Voss in Berlin. Trotz des allgemeinen Trends zur Größe halten es Immobilien-Experten gegenwärtig allerdings für eher fraglich, dass der Betongoldrausch bei den Luxus-Türmen noch lange anhält. Für breitere Schichten sei der Bau schlicht zu teuer (auf zehn bis zwanzig Prozent belaufen sich die Mehrkosten gegenüber gewöhnlichem Geschossbau), und der Markt zeige bereits Anzeichen von Sättigung, wozu auch aktuelle Brandkatastrophen beitrügen. Kleinere Projekte reagierten flexibler – nicht nur auf den Markt, sondern auch auf das städtische Umfeld. So weit war man schon einmal, in den Kater-Jahren der Siebziger. Neue Alternativen zum Wohnhochhaus finden sich im Ausland: In Kopenhagen haben BIG Arkitekter (nomen est omen) bereits 2010 große terrassierte Megastrukturen realisiert, die sie auch wieder „Wohnhügel“ nennen, weitere sind derzeit in Aarhus im Bau. Vermehrt finden sich aber auch hierzulande „Groundscraper“: lange Geschosswohnbauten aus einem Guss, wie das Galeriahaus in München-Neuriem oder das Laubenganghaus in München-Forstenried. Die Architektur muss also keineswegs nur in die Höhe gehen, um Dichte zu produzieren. Das unlängst in der Baunutzungsverordnung neu eingeführte „Urbane Gebiet“ gewährt den Planern da mehr Freiheiten als bisher, insbesondere bei der Mischung der Funktionen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Spielräume kreativ und vor allem human genutzt werden. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zum Thema „modern“ finden Sie in unserem DABthema modern

Digitale Bauprodukte

Blick in die Zukunft: Digitale Bauprodukte rationalisieren die Bauplanung und können zum Beispiel per VR- oder AR-Brille virtuell präsentiert werden. BIM-Objekte rationalisieren Arbeitsabläufe, minimieren Fehlerquellen und sorgen dafür, dass die Digitalisierung am Bau vorankommt.  Text: Marian Behaneck Für Planer ist das Zusammentragen von Bauproduktdaten ebenso arbeitsaufwendig wie für die Hersteller deren Bereitstellung. Medienbrüche und unterschiedliche Aktualitätsstände digitaler und analoger Produktinformationen führen in der Prozesskette von der Ausschreibung über die Bestellung und Lieferung bis zum Einbau zudem immer wieder zu Fehlern: Produkte werden in der falschen Farbe geliefert, nicht eindeutig beschrieben oder sind so nicht mehr lieferbar. BIM-Objekte, das sind digitale Entsprechungen realer Bauprodukte, sollen Arbeitsabläufe rationalisieren, die Planungssicherheit steigern und Fehlerquoten senken. Im Kontext der Planungsmethode Building Information Modeling (DAB 06/16: Methode, nicht Software) sollen sie sowohl die Konstruktion, Berechnung, Simulation und Ausschreibung von Projekten als auch die Bestellung, Lieferung und Montage von Produkten einfacher und sicherer machen. Vorteile für Planer Bisher werden die Produktdaten als DXF-, DWG- oder PDF-Zeichnungen von entsprechenden Web-Datenbanken oder den Webseiten der Hersteller heruntergeladen und in die CAD-Planung eingefügt. Das ist zwar schneller als das Nachzeichnen oder Scannen aus Produktkatalogen, schöpft aber nur einen Bruchteil der Rationalisierungspotenziale digitaler Prozessketten aus. Auch für die Ausschreibung, Kostenschätzung oder Dimensionierung relevante Daten müssen sich Planer umständlich aus verschiedenen Quellen zusammensuchen. Das führt immer wieder dazu, dass zum Beispiel durch veraltete Informationsstände, falsche Eingaben oder Übertragungsfehler Probleme entstehen. Mit der Planungsmethode BIM und den BIM Objekten soll sich das ändern. Die Hersteller rüsten schon seit einiger Zeit die Darstellung ihrer Produktpalette von den bisher gebräuchlichen zweidimensionalen Produktsymbolen sukzessive auf smarte, parametrisierbare, konfigurierbare und mit zahlreichen Produktattributen versehene BIM-Objekte um. Sie stehen in der Regel in mehreren Datenformaten, zum Beispiel dem nativen Format BIM-fähiger CAD-Programme wie Allplan, Archi-CAD, Revit etc. oder als neutrale XLS-, DWG- oder IFC-Datei, zum kostenlosen Download bereit. Alle planungsrelevanten Objektinformationen, wie verfügbare Abmessungen, Ausführungen und Ausstattungen, technische Spezifikationen, Brandschutz-, Schallschutz- oder bauphysikalische Daten, sind mit den BIM-Objekten verknüpft, sodass man sie direkt in digitaler Form für die Planung und Ausschreibung nutzen kann. Sowohl die geometrische oder alphanumerische Informationstiefe als auch die Art der Objektinformationen lässt sich bedarfsgerecht filtern, sodass Architekten, Tragwerks- und TGA-Fachplaner oder andere Projektbeteiligte für die aktuelle Planungsphase die jeweils für sie relevanten Objektdaten erhalten. Dadurch werden beispielsweise Berechnungen und Simulationen von Fachplanern präziser, weil genau die statischen, haustechnischen oder bauphysikalischen Bauteildaten konkreter Baustoffe und Produkte verwendet werden, die später auch verbaut werden. BIM-Objekte können zusätzlich mit Logiken und Regeln verknüpft werden. Damit ist bei der Auswahl von Produkten mit unterschiedlichen Ausstattungsvarianten sowohl eine Prüfung zulässiger Produktkombinationen als auch eine automatische Verifizierung von Bauvorschriften, wie etwa von Brandschutzbestimmungen, möglich. Werden neben den Produkt- auch die Betriebskosten in BIM-Objekte eingepflegt, können Planer auch Betriebszeiten und laufende Kosten präziser beziffern. Auch für ausführende Unternehmen wird es einfacher: Sie können vom Planer vorgegebene Produktmodelle, Oberflächen, Farben oder Ausstattungsvarianten ohne Übertragungsfehler digital für die Kalkulation und Bestellung übernehmen. Bauherren, Nutzer und Betreiber profitieren ebenfalls von detaillierten Bauteilinformationen für die spätere Nutzungsphase: Werden BIM-Objekte etwa mit PDF-Montage-, Inspektions-, Wartungs- und Pflegeinformationen verknüpft, erleichtert das die Gebäude-Instandhaltung. Mehr Input: BIM-Objekte enthalten neben Geometrie- auch umfangreiche Objektdaten und bieten dadurch gegenüber herkömmlicher 2D- oder 3D-Symbolik Vorteile. Von PIM nach BIM Um die Bauprodukte BIM-fähig zu machen, greifen die Hersteller auf PIM zurück. PIM, das „Produkt-Informations-Management“, sorgt in den Unternehmen für eine zentrale Datenhaltung von einkaufs-, produktions- und marketingrelevanten Bauproduktinformationen sowie dafür, dass die Daten strukturiert gesammelt und effizient an andere Systeme übergeben werden können. BIM und PIM sind zwei aktuelle Entwicklungen, die sich gegenseitig ergänzen und mittel- bis langfristig eine automatisierte Übergabe von Daten ermöglichen werden. Insbesondere große Bauprodukthersteller unterstützen auch deshalb BIM und offerieren – häufig in Kooperation mit BIM-Dienstleistern – BIMObjekte zum kostenlosen Download auf ihrer Unternehmens-Homepage und auf cloudbasierten BIM-Objektdatenbanken wie bim.archiproducts.com, www.bimobject.com, www.bimsystems.de, www.magicloud.com, www.mepcontent.eu oder www.nationalbimlibrary.com. Bauprodukthersteller stellen digitale Bauprodukte natürlich nicht uneigennützig kostenlos zur Verfügung – sie bauen darauf, dass ihre realen Produkte mit dem Einbau in das BIM-Gebäudemodell frühzeitig in den Planungsprozess eingebunden und bei der Ausschreibung automatisch berücksichtigt werden. Außerdem eröffnen digitale Bauprodukte neue Möglichkeiten: für die Produktpräsentation, Dokumentation, Akquisition, das Marketing oder den Vertrieb. Per Virtual- oder Augmented-Reality-Technik können Hersteller beispielsweise ihre Produkte quasi im eingebauten Zustand virtuell präsentieren. So kann sich der Bauherr besser vorstellen, wie Produktvarianten, Farben oder Materialien am Gebäude oder im Raum später aussehen. Hohe Informationstiefe: Zu den BIM-Objektdaten gehören neben der Geometrie alle planungsrelevanten Objektinformationen, wie Abmessungen, Ausführungen, Ausstattungen, technische Daten und vieles mehr. Noch fehlen einheitliche Standards BIM-Objekte bieten Herstellern klare Marktvorteile, andererseits verursachen deren Konzeption, Erstellung, Bereitstellung und Pflege viel Aufwand. So müssen Hersteller BIM-Modellanforderungen für ihr Produktportfolio formulieren, dabei internationale Richtlinien beachten und sich mit Verbänden und Fachgruppen abstimmen. Zu einer wesentlichen Anforderung gehört die Minimierung des Datenumfangs, weil das Datenvolumen eines aus Tausenden von BIM-Objekten bestehenden BIM Gebäudemodells die Rechner überfordern würde. Außerdem sind für Planer andere Informationen relevant als für Ausführende. Ebenso werden für die Projektphasen Entwurf, Genehmigungs-, Werk- und Detailplanung unterschiedliche Detaillierungsgrade benötigt. Diese Anforderungen erfüllt eine datenbankorientierte Abbildung von Produkten, die unter anderem eine situationsgerechte geometrische Detaillierung (Level of Detail, LOD) von BIM-Objekten erlaubt, inklusive ihrer Produkteigenschaften (Level of Information, LOI), spezifischen Logiken und Regeln. Eine besondere Herausforderung für die in der Regel international agierenden Produkthersteller ist derzeit eine einheitliche Normierung und Internationalisierung der strukturierten BIM-Objektdaten, auch Product Data Templates (PDT) genannt. Während dafür in anderen Ländern bereits Standards bestehen (z.B. www.cibse.org oder www.2ba.nl), müssen hierzulande relevante Richtlinien erst zusammengeführt werden. So stellt beispielsweise die auf bestehenden Standards wie IFC, IFD und VDI 3805 aufbauende DIN-ISO 16757-Normenreihe Datenstrukturen für elektronische Produktkataloge zur automatisierten Übertragung von TGA-Produktdaten in BIM-Modelle bereit und ermöglicht eine rationelle Auswahl, Zusammenstellung, Auswertung und Berechnung von TGA-Komponenten. Parallel existieren weitere Initiativen aus unterschiedlichen Bereichen, die bei der Entwicklung eines einheitlichen BIM Objektstandards zu berücksichtigen sind, wie etwa der European MEPcontent Standard (EMCS), ETIM (Europäisches Technisches Informationsmodell), der FMDatenstandard COBie (Construction Operations Building Information Exchange) und andere. Breit aufgestellt: „Intelligente“ BIM-Objekte machen Termin- und Kostenaussagen verlässlicher, Ausschreibungen einfacher, energetische oder bauphysikalische Simulationen präziser. Viel Potenzial mit einigen Fragezeichen BIM-Objekte werfen aber auch Fragen auf: Werden sich künftig nur große Hersteller den Erstellungs- und Pflegeaufwand für BIM-Objekte leisten können, kleine aber nicht? Entsteht auf digitaler Ebene ein neuer Verdrängungswettbewerb, zumal die Bedeutung digitaler Bauprodukte zunehmen dürfte? Stehen ferner BIM-Objekte nicht in Konflikt zum hiesigen Vergaberecht? Schließlich ist eine Übernahme von Produktvorgaben in die Ausschreibung von Bauleistungen aus vergaberechtlicher Sicht zumindest für öffentliche Aufträge rechtlich nicht zulässig. Hier bedarf es neuer, cloud- und datenbankbasierender IT-Lösungen, die den Einbau herstellerspezifischer BIM-Objekte ermöglichen, zugleich aber eine Herstellerneutralität der Objekte während der Ausschreibungsphase gewährleisten. Aufgrund fehlender gewerkeübergreifender Standards ist auch keineswegs sichergestellt, dass BIM-Objekte aus unterschiedlichen Quellen miteinander kompatibel sind. Bildet ein aus mehreren Komponenten verschiedener Hersteller bestehendes Bauteil – etwa eine Glasfassade, die sich aus einem Rahmensystem, Beschlägen, einem Lüftungs- und Verschattungssystem etc. zusammensetzt – keine datentechnische Einheit, kann das Bauteil auch nicht ohne Weiteres digital ausgeschrieben, kalkuliert, bauphysikalisch berechnet oder energetisch simuliert werden. Am Anfang der Entwicklung steht auch noch die Einbindung von Betriebs- und Lebenszykluskosten. Es fehlt noch an Absprachen und Richtlinien, die eine Vergleichbarkeit entsprechender Produktangaben ermöglichen. Fazit: Das Potenzial von BIM-Objekten ist ebenso beachtlich wie inzwischen das Angebot, auch wenn es längst noch nicht für jedes analoge Bauprodukt eine digitale Entsprechung gibt. Es ist aber abzusehen, dass mit zunehmender Verbreitung der BIM-Methode und zunehmender Standardisierung von Schnittstellen auch das Angebotsspektrum an BIM-Objekten zunimmt und Bauprodukte künftig sowohl real als auch virtuell produziert werden. Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz). MEHR INFORMATIONEN Was sind BIM-Objekte? Grundlage der BIM-Methode (Building Information Modeling) zur Optimierung der Planung, Ausführung und des Betriebs von Bauwerken sind BIM-Modelle. Diese bestehen aus BIM-Objekten, die neben Geometriedaten auch planungs-, ausführungs- und nutzungsrelevanten Produktinformationen enthalten können. Diese bestehen aus strukturierten Daten (Product Data Templates), die Produkte vergleichbar machen wie Abmessungen, Gewichte, technische Produktinformationen sowie Herstellerdaten wie lieferbare Varianten, Bestelldaten, Preise, Lieferzeiten, Montage- oder Wartungsinformationen etc. Werden BIM-Objekte in BIM-Gebäudemodellen „verbaut“, vereinfacht das in der Planungsphase die Ausschreibung, Kostenschätzung, Berechnung und Simulation, in der Ausführungsphase die Bestellung, Lieferung, Ausführung und Montage sowie in der Nutzungsphase die Gebäudebewirtschaftung. Literaturtipps, Links und Anbieter * *(Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit!) Egger, M., Hausknecht, K., Liebich, T./ Przybylo, J, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR, Hrsg.): BIM-Leitfaden für Deutschland, Eigenverlag, Berlin 2014, Download: http://bit.ly/1tDYG5Y Ernst & Sohn (Hrsg.): BIM – Building Information Modeling 2016, Wilhelm Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften, Berlin 2016 Hausknecht, K., Liebich, T.: BIM-Kompendium. Building Information Modeling als neue Planungsmethode, Fraunhofer IRB Verlag, Stuttgart 2016 Westphal, T./ Herrmann, E.M. (Hrsg.): BIM – Building Information Modeling I Management, Edition Detail, Institut für internationale Architektur-Dokumentation, München 2015 bimundumbimherum.wordpress.com BIM-Blog www.bim.archiproducts.com/de BIM-Objektdatenbank www.bimandco.com BIM-Objektdatenbank www.bimobject.com BIM-Objektdatenbank www.bimsystems.de Bauteilmanagement-System www.bimwelt.de BIM-Dienstleister www.buildingsmart.de BuildingSmart Deutschland www.buildingsmart-tech.org BuildingSmart International www.cadenas.de E-Katalog-Anbieter www.magicloud.com BIM-Objektdatenbank www.mepcontent.eu BIM TGA-Objektdatenbank www.nationalbimlibrary.com BIM-Objektdatenbank www.polantis.com/de BIM-Objektdatenbank Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Utopisches Potenzial

Das Haus der Zukunft: 1957 von Monsanto in Tomorrowland gebaut, prägte das „House of the Future“ ein Jahrzehnt lang die Vorstellung der Disneyland-Besucher vom modernen Wohnen. Die Moderne fasziniert mit ihrem optimistischen Glauben daran, durch Architektur die Welt verbessern zu können. Wo ist diese Zuversicht geblieben? Und wie können wir uns heute ein utopisches Potenzial zurückerobern? Text: Christian Holl Man könnte melancholisch werden. Blättert man durch den 400 Seiten starken Prachtband „The Tale of Tomorrow“, schlägt einem die geballte Zukunftszuversicht der Nachkriegszeit entgegen: gewagte Formen, soziale Utopien, große Gesten, technizistische Abenteuer. Die ersten Wohnexperimente eines Moshe Safdie, die archaische Monumentalität eines Louis Kahn, die Museums- und Kulturbauten einer Lina Bo Bardi. Ob Brasilia oder Kalifornien: Man kann den Optimismus in dieser Architektur greifen. Es scheint ein Blick in eine heile Welt zu sein: ohne Klimawandel, Flüchtlingsströme, Ressourcenkrieg und Rechtspopulismus. Eine Welt, die Architekten noch überzeugt waren, verbessern zu können. Brutal schön: Das Parlament, das Louis Kahn in Dhaka für die junge Republik Bangladesch baute, ist nur ein Beispiel der ausdrucksstarken Beton-Architektur der Moderne. Ob 2060 ein Blick in unsere Gegenwart auch melancholisch stimmen wird? Ob eine Mischung aus genossenschaftlichen Wohnprojekten, wie dem Berliner Spreefeld, öffentlichen Leuchttürmen, wie der Elbphilharmonie, und Markenarchitektur, wie der Fondation Louis Vuitton, aus den Papiertragwerken von Shigeru Ban, den Raumblasen von Tomás Saraceno, den Stadtvisionen von Vincent Callebaut und den nachhaltigen Bauten von Anna Heringer im Rückblick verheißungsvoller wirken wird als heute? Aber sind nicht viele Gebäude, die denen vergleichbar sind, die in der Nachkriegszeit utopisches Potenzial zum Ausdruck brachten, kontaminiert? Von wirtschaftlichem Einfluss, von ökologischen Wirkungen, von sozialen Spannungen, die sie auslösten? Von dem Verdacht, sie stabilisierten letztlich, wogegen sie sich wenden? Von einem Eskapismus, der eine heile Welt nur vorgaukelt? Wir mögen den Kampf der Wenigen gegen die Dominanz eines Ungerechtigkeiten und Elend produzierenden Finanzsystems bewundern, deren unverdrossene Zuversicht ruft aber (noch?) nicht die breite Wirkung hervor, die die Hoffnung nähren könnte, der Mehrheit sei das Schicksal der Benachteiligten und zukünftiger Generationen nicht völlig gleichgültig. „Wir haben unsere Lektion gelernt“, liest man im oben genannten Buch. Haben wir das? „Dem Verschwinden der letzten großen Sozialutopie ist keine Orientierung nach vorne gefolgt – stattdessen Pragmatismus und Durchwurstelei”; was 2001 das Sonderheft „Zukunft Denken“ der Zeitschrift Merkur konstatierte, würde man wohl auch heute noch behaupten können. Der Mehltau der Zukunftsangst scheint auch Architektur und Städtebau nicht zu verschonen. Haben Neoliberalismus, Normendichte und effizientes Studieren jegliche Freude daran, eine bessere Zukunft zu planen, ausgetrieben? Will es sich unsere Gesellschaft leisten, auf utopische Zukunftsentwürfe zu verzichten? Drei Regeln: Utopie entdecken,Utopie entwerfen Oder sucht man vielleicht das Utopische in der aktuellen Architektur an den falschen Orten, mit der falschen Brille? Wenn ein Neuaufguss der Moderne schal wirkt und ihre Bilder dadurch nur umso strahlender hervortreten – wo müsste man denn suchen, um sich von einem utopischen Potenzial beflügeln zu lassen und den Mut zu fassen, sich nicht vom Pragmatismus beherrschen zu lassen? Die Lektion zu lernen, könnte ja auch heißen, sich auf eine andere Perspektive einzulassen. Vielleicht könnten dann drei Regeln dabei helfen, eine optimistischere Zukunft zu gestalten. „Utopie existiert ausschließlich, um die Gegenwart in Schach zu halten, um sie durcheinanderzubringen”, schrieb die Kulturwissenschaftlerin Mercedes Bunz 2004 im Band „Renaissance der Utopie“. Nimmt man das ernst, hieße das – erste Regel –, sich nicht an einem Idealbild welcher Zukunft auch immer zu orientieren, sondern erst einmal den routinierten Ablauf der Gegenwart zu stören und kreativ gegen den Strich zu bürsten – um dazu herauszufordern, zu hinterfragen, ob unsere Routinen eigentlich noch zweckdienlich und sinnvoll sind. Viele Zukunftsvorstellungen projizieren lediglich in die Zukunft, was bereits Realität ist – und variieren nur Maßstab und Anwendungsbereiche. Deutlich zeigen das etwa die 1910 gezeichneten Entwürfe des französischen Künstlers Villemard für das Jahr 2000 – sie gleichen trotz Flugobjekten und ferngesteuerter Maschinen viel mehr der Realität von 1910 als der im Jahr 2000. Mit Bildern die Zukunft zu gestalten, anstatt lediglich die Gegenwart aufzublasen oder zu reduzieren, ist noch selten gelungen. Vielmehr müsste es daher darum gehen, sich – zweite Regel – zu überlegen, wie man auf die Prozesse Einfluss nehmen kann, die zu den Ergebnissen führen, die wir als unbefriedigend empfinden – ob es nun um Bürgerbeteiligung, Förderung von gemeinwohlorientierten Immobilien oder die Zusammenarbeit von Architekten und Fachplanern geht. Diese Vorstellung von Utopie wäre nicht statisch und so auch nicht an ein abschließend einzulösendes Versprechen gebunden. Und – dritte Regel – es gilt, sich von der Vorstellung von Architektur als der Königsdisziplin der Gesellschaftsgestaltung zu verabschieden und viel stärker die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen zu suchen, um sich von ihnen herausfordern zu lassen, seien es Ingenieur-, Natur- oder Geisteswissenschaften – und dabei auf der gestalterischen Kompetenz zu beharren, die Architekten und Planer anderen Disziplinen voraushaben. Würde das Einhalten dieser Regeln „Pragmatismus und Durchwurstelei“ ausschließen? So weit sollte man sich vielleicht nicht aus dem Fenster lehnen. Aber man sollte es erst einmal versuchen – das wäre dann die vierte Regel. Sofia Borges & Gestalten (Hg.), The Tale of Tomorrow , Utopian Architecture in the Modernist Realm, Gestalten, Berlin 2016,Englisch, 400 Seiten, 49,90 Euro Christian Holl ist Autor und gibt Marlowes.de mit heraus. Er lebt in Stuttgart und Frankfurt am Main. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „modern“ finden Sie in unserem DABthema modern

Wider den Abriss

Neuer Glanz: der Kulturpalast 2017. In das entkernte Gebäude wurde ein moderner Konzertsaal eingebaut. Immer mehr Architektur der Nachkriegszeit wird durch Neubauten ersetzt. Wie es anders geht, zeigen drei aktuelle Projekte in Dresden, Frankfurt am Main und Lünen. Text: Frank Maier-Solgk Die Nachkriegsmoderne gilt als schweres Erbe. Auch wenn die Beschäftigung mit der Epoche seit einigen Jahren Konjunktur hat, ist ihre Akzeptanz bei der Bevölkerung nach wie vor gering, in der Fachwelt ist sie umstritten. Ihre Vorliebe für Beton, die Neigung zu Großformen und der Duktus einer manchmal unwirtlich wirkenden Härte, die die Architektur vor allem der Siebzigerjahre mit der Populärkultur der Zeit teilt, machen die Entscheidung für eine oft aufwendige und kostenintensive Sanierung nicht leichter. Hinzu kommt die meist schlechte Materialqualität der Zeit. Ein umsichtiger Umgang mit der Epoche ist dennoch allein aufgrund der Masse unumgänglich: Fast 40 Prozent aller Gebäude in Deutschland stammen aus der im engeren Sinn der Nachkriegsmoderne zugerechneten Phase zwischen 1949 und 1979. Die Frage, was davon aus architektonischen, zeithistorischen, städtebaulichen oder ökonomischen Gründen saniert werden sollte, ist komplex. Der Denkmalschutz kann kaum eine erschöpfende Antwort geben. Nur vier bis fünf Prozent der Nachkriegsbauten sind denkmalgeschützt, und auch hiervon werden nicht wenige abgerissen. Eine Klärung über die Kriterien für Sanierung oder Neubau aber ist heute notwendiger denn je, da sich das Nutzungsverhalten verändert und Bautypen, die in den Nachkriegsjahren Konjunktur hatten (beispielsweise Warenhäuser und Kirchen), zunehmend mit Leerstand kämpfen. Dass deren Bewertung heute in Deutschland anders ausfällt als vor der Phase des ökologischen Umbaus, liegt auf der Hand. Tim Rieniets, Geschäftsführer der Initiative StadtBauKultur NRW, die Bautypen der Nachkriegsmoderne in NRW untersucht hat, betont, dass der Gedanke des Ressourcenschutzes als entscheidendes Argument bei den Abwägungen hinzugekommen ist; er lässt Abriss und Neubau bei Weitem nicht mehr so opportun scheinen wie noch vor 20 Jahren. Erhalten: Der Kulturpalast in Dresden prägte die Stadt zu DDR Zeiten mit seinem breiten Veranstaltungsprogramm. 2017 wurde er wiedereröffnet. Umgebaut: der Kulturpalast Eines der wenigen erhaltenen Bauwerke der DDR, die statt am sozialistischen Neoklassizismus an der internationalen Nachkriegsmoderne orientiert waren, ist der Dresdner Kulturpalast. Im April wurde er nach fünfjähriger, rund 100 Millionen Euro teurer Sanierung wiedereröffnet. 1967 war das „Haus der sozialistischen Kultur“ mit dem damals modernsten und größten Veranstaltungsraum der DDR eröffnet worden – ein flacher Baukörper von 102,80 mal 71,80 Metern Ausdehnung in Stahlbetonskelettbauweise (Raster 6 mal 9 Meter). Das Sockelgeschoss war mit rötlichem Granit-Naturstein verkleidet, das Obergeschoss bildeten Aluminium-Glas Elemente, die Mitte des Flachbaus überragte ein hohes, mit Kupfer patiniertes Faltdach. Vor allem mit seiner gläsernen Schauseite erinnert der Bau an das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen, doch war in Dresden mit den Maßstäben der barocken Stadt gebrochen worden. Der Umbau blieb lange umstritten; unter anderem hatte der Architekt Wolfgang Hänsch vergeblich auf die Erhaltung des Festsaales aus urheberrechtlichen Gründen geklagt. Der Kompromiss zwischen Denkmalschutz und zeitgenössischen Nutzungsanforderungen bedeutete den Verzicht auf den multifunktionalen Saal. In den entkernten Bau wurde ein hochmoderner Konzertsaal eingebaut. Außen suchte das verantwortliche Büro gmp die Anmutung zu erhalten: Die Aluminiumpfosten der Fassade wurden saniert; das vormals gefärbte Glas wurde durch transparente, thermisch optimierte Scheiben ersetzt, der rötliche Granitsockel durch Material aus demselben Steinbruch. Innen blieb die Raumfolge um den großen Konzertsaal mit Foyer, Chorprobensaal und Treppenhäusern erhalten. Im Sinne des Denkmalschutzes wurden im Foyer auch wesentliche Details, wie Holzverkleidungen, Geländer, Handläufe und Bronzetüren, instand gesetzt; auch die seltene Gipsstrukturdecke mit den dreiecksförmigen Paneelen wurde erneuert. Der restaurierte Wandfries „Der Weg der roten Fahne“ von Gerhard Bondzin zeigt nun wieder in schönem sozialistischem Pathos die Entwicklung der Arbeiterbewegung von der Revolution von 1848 bis in die DDR-Zeit. Alter Glanz: Das Foyer mit seinen zeittypischen Details, wie Holzverkleidungen, Geländern, Handläufen und Türen, wurde denkmalgerecht instand gesetzt. Umbau und Sanierung in Dresden verfolgten mithin zwei Ziele: eine in Teilen denkmalgerechte Sanierung und eine relativ weitreichende Neuinterpretation des Kernbestands für eine zeitgemäße Nutzung. Die historische Idee eines multifunktionalen Festsaals mit einem Kulturangebot für viele erfuhr gewissermaßen durch das zusätzliche Nutzungsangebot aus Konzertsaal, Bibliothek, Kabarett und Serviceeinrichtungen eine Ausweitung. Dresdens Kulturpalast ist ein prominenter Fall, bei dem die epochetypische Architektur, die zentrale Lage und die historische, identifikatorische Rolle den Ausschlag für eine Sanierung gaben. Eine Garantie sind solche Aspekte jedoch nicht. Nach langer Diskussion wäre die Bonner Beethovenhalle fast zum westdeutschen Gegenbeispiel geworden. Erst 2015 entschloss sich die Stadt, die mehr als 50 Millionen Euro teure Sanierung des 1959 eröffneten Baus anzugehen, der 2020 bei den Beethovenfestspielen im Mittelpunkt stehen soll. In Frankfurt am Main beschäftigt die Frage des Umbaus beziehungsweise der Sanierung der Theater, die auf mehr als 900 Millionen Euro kalkuliert ist, die Öffentlichkeit. Was, warum und wie umgebaut oder saniert wird, scheint oft von Zufällen und privaten Initiativen abhängig. Mehr als drei Jahrzehnte stand beispielsweise das Kölner Rheinpark-Café leer – ein seltenes Beispiel der leichten zeittypischen Pavillonarchitektur im 1967 eröffneten Rheinpark –, ehe durch den Anstoß der bürgerschaftlichen Initiative „Perle sucht Dame“ die Stadt die Sanierung begann. In vereinfachter Form soll hier wieder Gastronomie einziehen. Erst langsam scheint man Sanierungen und Umnutzungen größere Mühe und Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es zeigt sich: Die (Neu-)Bewertung einer baulichen Epoche ist ein längerer Prozess. Neuer Städtebau: Das Philosophicum in Frankfurt/Main wurde zum Wohnhaus umgebaut. Der hinzugekommene Neubau nimmt nun den Blockrand auf. Angebaut: das Philosophicum Der Wandel der Einstellungen zeigt sich auch in Frankfurt am Main, wo auf dem Bockenheimer Campus der Universität 2014 das AfE-Hochhaus spektakulär gesprengt worden war. Drei Jahre später wurde hier das von 1958 bis 1960 im Stil des Funktionalismus errichtete Philosophicum von Ferdinand Kramer, ein nicht weniger umstrittener Bau, saniert und umgebaut. Ausgangspunkt war nach dem Umzug der geisteswissenschaftlichen Institute ein jahrelanger Leerstand. Ein Projekt für gemeinschaftliches Wohnen scheiterte an der Finanzierung. Schließlich wurde die schmale Scheibe mit außen liegendem Stahlskelett an einen Investor veräußert, der sie in ein Apartmenthaus mit 238 Mietwohnungen mit Flächen zwischen 21 und 54 Quadratmetern umbaute. Der Umbau war technisch anspruchsvoll. Zwar ließ sich die neue Struktur gut in das Raster des Bestandsbaus einfügen. Die Fassaden aber mussten komplett erneuert werden. Sie wurden identisch mit thermisch getrennten Profilen nachgebaut, von innen durch eine ausgedämmte Stahlunterkonstruktion bauphysikalisch ertüchtigt und statisch verstärkt, um die Windlasten sowie die schwereren Glasscheiben aufzunehmen. Die Giebelseiten wurden innenseitig in originalem Sichtbeton mit Mineralwolle gedämmt. Die Besonderheit des Falles aber liegt im Gesamtkonzept des verantwortlichen Büros Stefan Forster, das zusätzlich zur Sanierung einen Ergänzungsbau vorsah. Der flache, fünfstöckige Neubau sitzt vor dem Altbau, mit dem er im Erdgeschoss über eine Kindertagesstätte und in den Obergeschossen über die Treppenhäuser verbunden ist. Der Neubauriegel nimmt den Blockrand auf und hält den Altbau aufgrund des Höhenunterschiedes zum Teil sichtbar. Forster spricht von einer „korrigierten“ stadträumlichen Lösung, die in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz entstanden ist. Der Kompromiss erfüllt sicher nicht alle Wünsche des Denkmalschutzes, aber er erhält das Haus als Teil des kollektiven Gedächtnisses und scheint als städtebauliche Weiterentwicklung lohnend. Neue Kubatur: Das ehemalige Hertiekaufhaus in Lünen wurde um zwei Geschosse gekürzt, ein Einschnitt quer durchs Gebäude sichert die Belichtung. Rückgebaut: das Hertiekaufhaus Kulturbauten, Kirchen und Rathäuser haben meist identifikatorische Funktion. In abgeschwächter Form gilt dies auch für innerstädtische Warenhäuser, insbesondere in Klein- und Mittelstädten. Die zunehmende Gefahr eines Leerstands infolge veränderten Konsumverhaltens erfordert hier besonders dringlich Überlegungen zum Umgang mit dem Bestand. Das ehemalige Hertiekaufhaus im westfälischen Lünen, einer Stadt mit 80.000 Einwohnern, wurde 1969 als fünfgeschossiger Bau errichtet. Mit 7.500 Quadratmetern Verkaufsfläche bot es ein Fünftel der Verkaufsfläche der Innenstadt. 2009 erfolgte nach der Insolvenz die Schließung. Damit standen rund 13.000 Quadratmeter leer; eine Weiternutzung als Kaufhaus war aufgrund der mangelnden Qualität nicht denkbar. Eine Wohnungsbaugenossenschaft, der Bauverein Lünen, erwarb die Immobilie schließlich und initiierte mit der Uding Projektmanagement GmbH aus Lünen den Umbau (Entwurfsverfasser: Christian Christensen.) Kern war ein Teilrückbau, der eine neue Mischung aus Dienstleistung, Gastronomie und Wohnen erlaubte; Eröffnung war Ende 2016. Die oberen zwei Geschosse wurden abgetragen, die Gebäudemitte wurde bis auf das Erdgeschoss entkernt. In der Schneise quer durch das Gebäude entstand ein begrünter Lichthof. Das Erdgeschoss bleibt gewerblich genutzt, darüber liegen nun hinter einer neuen Klinkerfassade 24 barrierefreie Mietwohnungen mit 50 bis 100 Quadratmetern. Das Untergeschoss, ehemals Verkaufsfläche, wurde zur Tiefgarage. So entstand innenstadtnahes Wohnen mit 3.000 Quadratmetern Wohn- und 2.600 Quadratmetern Gewerbefläche. Die Vorteile des weithin als Vorreiter für die Revitalisierung innerstädtischer Einzelhandelsimmobilien gerühmten Beispiels liegen auf der Hand. Man nutzt für die neuen Funktionen die gute städtebauliche und funktionale Einbindung, wobei in technischer Hinsicht (Umbaukosten 12 Mio. Euro) Warenhäuser aufgrund ihrer offenen Strukturen offenbar eine verhältnismäßig leichte Umnutzung erlauben, wie das breite Spektrum bisher realisierter Nachnutzungen zeigt. So unterschiedlich die hier vorgestellten Lösungen sind: Ein Trend scheint zu sein, starre Entweder-oder-Lösungen aufzugeben zugunsten flexiblerer Ansätze mit den unterschiedlichsten Modifikationen, Umbauten, Erweiterungen und Teilsanierungen. Insofern bietet der Bestand der Nachkriegsmoderne durchaus Spielraum für architektonische Fantasie. Frank Maier-Solgk ist Publizist zu Architektur- und Kulturthemen in Düsseldorf. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „modern“ finden Sie in unserem DABthema modern

Qualität durch Aufgabenteilung

Barbara Ettinger-Brinckmann ist Präsidentin der Bundesarchitektenkammer. Besser mit Architekten – diese Botschaft senden wir aus, um potenzielle Bauherren zu überzeugen, ihre Bauvorhaben von uns planen und die Ausführung von uns überwachen zu lassen. Wir Architekten arbeiten mit den ausführenden Partnern eng und kooperativ zusammen. „Trennung von Planung und Bauausführung“ heißt das in unserer Fachsprache.Diese Formulierung erzeugt immer wieder Irritationen, denn wir arbeiten gerade nicht getrennt, aber unabhängig voneinander, auf Augenhöhe. Die gesamte Wertschöpfungskette Bau will oder soll die individuellen Bedürfnisse des Auftraggebers optimal in bauliche Lösungen umsetzen. Architekten haben aber darüber hinaus die Baukultur im Blick und damit auch die Interessen derjenigen, die nicht mit am Verhandlungstisch sitzen: die Öffentlichkeit, die Stadt. Denn jegliches Bauen hat immer auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Private wie öffentliche Bauherren benötigen qualifizierte Beratung, die alle wirtschaftlichen, rechtlichen, gestalterischen, sozialen, städtebaulichen und ökologischen Anforderungen berücksichtigt. Idealerweise setzen die Architekten mit der ausführlichen Bedarfsplanung von Anfang an das Bauvorhaben „auf die Schiene“ und steuern es anschließend. Ziel ist die Qualitätssicherung, um die vielfältigen Ansprüche an ein Bauwerk mit den Realitäten bestmöglich in Einklang zu bringen. Im Zentrum steht der qualifizierte Architekt, der zunächst die Bauherrenwünsche ergründet und – auch im Wettbewerb mit Kollegen – Lösungsvorschläge vorlegt. Dann geht es um Optimierung und Konkretisierung vom Grundriss über die Konstruktion bis zum Material und zur rechtlichen Absicherung im Rahmen der Baugenehmigung. Erst wenn Entwurfs- und Ausführungsplanung umfassend erstellt sind, können Bauunternehmen und Handwerk ihre Leistungen auf Basis der konkreten Ausschreibung anbieten. Durch die unabhängige Objektüberwachung sichert der Architekt die Ausführungsqualität und gewährleistet aufgrund des partnerschaftlichen Zusammenwirkens von Planungs- und Bauausführungsseite den reibungslosen Bauablauf. Diese Grundsätze müssen daher auch gelten, wenn Planung und Bauausführung in einem Vertrag an einen Auftragnehmer vergeben werden. Die Reformkommission Großprojekte bekennt sich deshalb klar zum Grundmodell, Planung und Ausführung zu trennen. Ihr Endbericht legt den Schwerpunkt eindeutig auf eine qualifizierte und unabhängige Entwurfs- und Ausführungsplanung – bevor gebaut wird! Erst planen, dann bauen! Unsere Profession ist durch ein hohes Berufsethos, ein streng reglementiertes Berufsrecht und eine umfassende Verantwortung – gespiegelt in den Haftungstatbeständen – geprägt. Das ermöglicht und erfordert es, sowohl im Interesse des Auftraggebers als auch mit Blick auf das Allgemeinwohl zu handeln und dem Auftraggeber so als Sachwalter oder auch Treuhänder umfassend zur Seite zu stehen. Das berühmte Dreieck aus Bauherr, Planer und Bauausführenden garantiert Qualitätssicherung, wirtschaftliche Auswahl und unabhängige Begleitung der ausführenden Unternehmen und ist im Übrigen auch ein Mittel gegen Korruption. All dies erfordert einen verantwortungsbewussten Bauherrn und qualifizierte Fachleute – jeder auf seinem Gebiet. Zu dem „Besser mit Architekten!“ gesellt sich ein „Besser mit guten Baufirmen!“ Es ist ein Miteinander, denn die einen können nicht ohne die anderen bauen.