Von Sattelkammern, Tourismusbauten, Architektur im Luther-Jahr und wallendem Backstein

Aufgetischt statt aufgesattelt Eines der beliebtesten Touristenziele Deutschlands wurde ein zweites Mal von Max Dudler ergänzt. Nachdem 2012 das Heidelberger Schloss bereits ein neues Besucherzentrum erhalten hatte, wurde nun die danebenliegende historische Sattelkammer in ein Bistro umgewandelt. Dafür wurde der Raum, der aus dem frühen 17. Jahrhundert stammt, von Einbauten aus den 1980er-Jahren befreit. Dadurch kommen die neun Meter Raumhöhe und die über zwei Meter starken Wände aus rotem Sandstein womöglich besser zur Geltung als je zuvor. Eine raumhohe Akustikwand aus Kirschholz verdeckt die an der Rückwand angeordneten Nebenfunktionen. Auch das Mobiliar wurde von Max Dudler entworfen. Voneinander profitieren Ein neues Buch zeigt, wie überzeugende Tourismuskonzepte entstehen, bei denen Betriebswirtschaft und Architektur in die gleiche Richtung weisen. Text: Simone Hübener Tourismus und Architektur werden erst seit wenigen Jahren in einem Atemzug genannt. Da dennoch viel Luft nach oben ist, nimmt man den Band „Grundwissen Tourismusarchitektur“ aus dem Hause utb erfreut zur Kenntnis. Er soll Studierenden der Architektur, der Stadtplanung und der Tourismuswirtschaft als fundierte Lektüre und Lehrenden als Basis für eine 14-wöchige Veranstaltung dienen. Entsprechend geht der Autor Heiner Haass, Professor an der Hochschule Anhalt, in 14 Kapiteln jeweils auf einen Teilbereich ein, etwa „Architektur als Wirtschaftsfaktor im Tourismus“ oder „Inszenierungen und künstliche Erlebniswelten“. Heiner Haass, Grundwissen Tourismusarchitektur, utb, Stuttgart 2017, 140 Seiten, 24,99 Euro In den Fließtext eingestreut finden sich Tipps, mit denen sich die Leser einzelne Aspekte selbst erarbeiten können, beispielsweise: „Betrachten Sie gute Beispiele, in denen die Architektur das touristische Geschäft unterstützt.“ Mit diesen 14 Kapiteln gelingt es, viele verschiedene Facetten aufzugreifen und neues Wissen zu vermitteln. Allerdings doppeln sich einige Inhalte und auch sprachlich hätte man an diesem Werk noch feilen sollen. Die deutsche Sprache hätte mehr Vielfalt bereitgehalten. Gelungen ist jedenfalls der Einstieg, der aus drei Interviews mit „Praktikern“ besteht: einem Hotel- und einem Destinationsmanager sowie einem Architekten. Diese Praxisnähe macht Lust auf Tourismusarchitektur, wenngleich manche Aussagen etwas pauschalisierend ausfallen und sicherlich keine allgemeine Zustimmung finden, etwa die Meinung des Hotelmanagers, der eine personelle Trennung von Entwurf und Umsetzung empfiehlt. Der schwierige Spagat, für Studierende der drei genannten Fachbereiche zu schreiben, ist Haass gelungen. Auch Praktiker, die er mit dem Buch ebenfalls ansprechen will, werden besonders in den Teilen fündig, in denen Basiswissen der jeweils anderen Disziplin vermittelt wird. Bleibt nur zu hoffen, dass das Wissen nicht an den Hochschulen versickert, sondern in der Praxis angewandt wird und künftig noch mehr gute Tourismusarchitektur entsteht. Simone Hübener ist Fachjournalistin für Architektur und Bauen sowie Planredakteurin in Stuttgart. Für Blumen und Besucher Teil der Internationalen Gartenausstellung in Berlin (siehe DAB 5.2017) sind auch zwei besondere Architekturen. Das Infozentrum des Bezirks Marzahn-Hellersdorf von Partner und Partner Architekten ist ein konstruktiver Holzbau mit einer Fassade aus Aluminium Paneelen. Diese knüpfen gestalterisch an Beton-Formsteine in den umgebenden Plattenbausiedlungen an. Im Inneren können sich die Gartenfreunde in einer Ausstellung über den Bezirk informieren. Hinzu kommen ein Veranstaltungssaal für lokale Initiativen und ein Pausenraum für Busfahrer. Während das Infozentrum auch nach der IGA stehen bleiben wird, ist die Blumenhalle von Gorenflos Architekten ein temporärer Bau. Auch sie ist eine Holzkonstruktion, die mit einer transluzenten Textil-Membran bespannt ist. Folien dienen als Fenster, die Entrauchungsklappen funktionieren mit Klettverschluss. Das modulare System mit minimiertem Materialeinsatz kommt ohne Erdarbeiten aus. Zu besichtigen ist übrigens schon die zweite Blumenhalle für Marzahn. Die eigentlich vorgesehene wurde 2015 kurzerhand vom Senat gekauft und am Flughafen Tempelhof für die Flüchtlingsunterbringung aufgebaut – sie blieb allerdings ungenutzt.   Wer baut wo welche Wohnungen? Dieser Frage geht eine neue Studie des Bundesbauministeriums und des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung nach. Die Forscher untersuchten beispielhaft die Neubautätigkeit in Aachen, Dresden, Düsseldorf, Freiburg und Nürnberg und befragten Vertreter von Wohnungsunternehmen und Verwaltungen sowie Privatinvestoren. Dabei wurde deutlich, dass vor allem der Wettbewerb um knappes Bauland und die dadurch immer teureren Grundstücke den Bau bezahlbarer Wohnungen erschweren. Komplexe Planungs- und Genehmigungsverfahren, zu wenig Personal in den Verwaltungen, Engpässe in Planungsbüros und Bauunternehmen, aber auch nachbarschaftliche Widerstände kommen hinzu. Es werden auch Vorschläge dazu gemacht, wie Bauland schneller und nicht zu Höchstpreisen aktiviert werden kann. Bestellung der Studie unter: forschung.wohnen@bbr.bund.de oder Download über: www.bbsr.bund.de   Wallende Wand Hinter dieser stofflich geschwungenen Klinkerwand in Münster residiert, wen wundert es, der Textil- und Bekleidungsverband Nordwest. Was wie ein zufälliger Faltenwurf erscheint, erforderte vom örtlichen Architekturbüro Behet Bondzio Lin detaillierte Vorbereitungen und von den Handwerkern millimetergenaues Arbeiten. Der parametrische Entwurf entstand mit einem eigens geschriebenen Computerprogramm. Für die Baustelle wurden Pläne erstellt, auf denen die errechnete Position jedes einzelnen Steines verzeichnet war. Und schließlich mussten 74.000 Klinker in sieben verschiedenen Größen gebrannt werden. Für den bewegten Eindruck sorgt aber auch der Schattenwurf, der natürlich mitgeplant wurde.   Mansfeld: Museum Luthers Elternhaus von Anderhalten Architekten Architektur und Reformation Welche Impulse die Reformation auf Architektur und Städtebau hatte, auf den Kirchenbau, aber auch auf Einrichtungen für Gesundheit, Fürsorge und Bildung, hat über zwei Jahre hinweg die Architektenkammer Rheinland-Pfalz auf Veranstaltungen und Exkursionen untersucht. Gemeinsam mit der Architektenkammer Sachsen-Anhalt findet dazu am 16. September die Tagung „Architektur und Reformation“ in der Lutherstadt Wittenberg statt. Wittenberg: Erweiterung Melanchthonhaus von Dietzsch & Weber Architekten Am Ort des Geschehens treten dann Fragen der Denkmalpflege und der Stadterneuerung hinzu, die auch bei einer Stadtführung erörtert werden können. www.ak-lsa.de Die Architektenkammer Sachsen-Anhalt hat außerdem ein Leporello zusammengestellt, mit dem auf eigene Faust neue Architektur an Luthers Wirkungsstätten in Wittenberg, Eisleben und Mansfeld entdeckt werden kann. www.architekturtourismus.de   Auftragsbestände auf neuem Hoch Nach der vierteljährlichen Umfrage des ifo Instituts bei den freischaffenden Architekten war das Geschäftsklima zu Beginn des zweiten Quartals 2017 nicht mehr ganz so freundlich wie zuvor. Gut die Hälfte der Befragten beurteilte ihre Geschäftslage aber dennoch als „gut“. Nur 17 Prozent gehen aber von einer weiteren Verbesserung aus. Im ersten Quartal 2017 konnten nur noch 52 Prozent neue Verträge abschließen. Dies ist der niedrigste Wert seit knapp fünf Jahren. Das geschätzte Bauvolumen aus diesen Verträgen (Neubauten ohne Planungsleistungen im Bestand) lag dabei um knapp 30 Prozent unter dem Niveau des Vorquartals, das für Wohnungsbauten sogar um 40 Prozent. Die abgeschwächte Nachfrage war vor allem im Geschosswohnungsbau zu beobachten, wo die Architekten im Vorquartal das bislang größte akquirierte Planungsvolumen seit Beginn der Befragungen vor fast 40 Jahren erzielten. Zu Beginn des zweiten Quartals wiesen die Architekten einen Auftragsbestand von 7,3 Monaten auf. Das ist der höchste Wert seit Beginn dieser Umfrage. Dabei ist beachtlich, dass selbst das zuletzt deutlich reduzierte Planungsvolumen zu dieser Erhöhung der Auftragspolster führte. Die geringeren Auftragseingänge dürften sich also nicht als „Einbruch“, sondern eher als „normale“ Reaktion auf eine Auftragsspitze herausstellen.   Wie weit ist BIM? Die Digitalisierung der Bauwirtschaft ist in aller Munde. Es bleibt jedoch fraglich, ob alle Planer und Ausführenden aktiver Teil des Wandels sind und welcher Mehrwert sich für die verschiedenen Gruppen ergibt. Deshalb wollen das Karlsruher Institut für Technologie und die Bergische Universität Wuppertal mit einer Online-Umfrage herausfinden, wie weit BIM inzwischen in der Planungspraxis angekommen ist und wo Potenziale, aber auch Hemmnisse liegen. Die Befragung ist Teil eines Forschungsprojekts und dauert noch bis zum 15. August. Zur Umfrage   Standardwerk für Baupreise Das Baukosteninformationszentrum Deutscher Architektenkammern (BKI) hat seine dreibändige Reihe „BKI Baukosten 2017“ in komplett überarbeiteter Fassung herausgebracht. Die Kostenkennwerte basieren auf der Auswertung von über 3.000 realisierten Objekten aus 75 Gebäudearten, wobei die Baupreise auch regional aufgeschlüsselt werden können. Außerdem lassen sich typische Bauzeiten ablesen. Erstmals wird auch das barrierefreie Bauen dargestellt. Die Gesamtausgabe kostet 229 Euro, es können aber auch Einzelbände gekauft werden. www.bki.de  

Ausnahme-Verfahren statt Regelverfahren

Aufruf des BMUB zur Teilnahme an wettbewerblichem Verfahren: Serielles und modulares Bauen für qualitätvollen und kostengünstigen Wohnungsbau. Text: Barbara Ettinger-Brinckmann Der Wohnungsmarkt vor allem in vielen Groß- und Universitätsstädten in Deutschland ist wie leergefegt. Erhebliche Mietsteigerungen sind die Folge. Vor allem einkommensschwächere Haushalte, aber zunehmend auch Haushalte mit mittleren Einkommen haben Schwierigkeiten, eine für sie bezahlbare Wohnung zu finden. Um Wohnraum im günstigen Segment zu schaffen, rufen das „Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen“ und die „Baukostensenkungskommission“, in denen auch die BAK mitgewirkt hat, dazu auf, zeitgemäße Formen des seriellen und modularen Bauens und effektive Formen der partnerschaftlichen Zusammenarbeit von Architekten und Fachplanern, bauausführenden Unternehmen und Wohnungsunternehmen zu entwickeln. Inwieweit die serielle und modulare Bauweise das richtige Instrument ist, um schnell, kostengünstig und gleichermaßen qualitätvoll Wohnungen zu bauen, soll ein wettbewerbliches Verfahren ergeben, bei dem Architektinnen und Architekten und ausführende Unternehmen von Anbeginn in enger Kooperation arbeiten. Dieses Verfahren wird eng durch die Bundesarchitektenkammer begleitet, um die Vorteile einer unabhängigen Planung, einer Auswahl nach architektonischen Qualitätskriterien und eines berufsrechtlich für Kammermitglieder sicheren Verfahrens zu gewährleisten. Ziel des Verfahrens ist es, neue innovative und zukunftsfähige Konzepte für den Neubau mehrgeschossiger Wohnbauten in serieller und modularer Bauweise mit hoher architektonischer und städtebaulicher Qualität zu reduzierten Baukosten unter Berücksichtigung baukultureller Belange zu entwickeln. Diese prototypischen mehrgeschossigen Wohnbauten sollen – angepasst an einen konkreten Standort – bundesweit errichtet werden können. Idee ist, dass Architektinnen und Architekten gemeinsam mit ausführenden Unternehmen in einem Team an innovativen Gebäude- und Wohnungskonzepten arbeiten, sodass die hierfür erforderlichen besonderen Kenntnisse über moderne bzw. industrielle Konstruktions- und Produktionsprozesse bereits bei der Planung mit einfließen können. Es geht somit um eine gemeinsame „Produktentwicklung“. Das BMUB hat sich gerade auch im Zusammenhang mit der Vorbereitung dieses Verfahrens sehr deutlich zur Beibehaltung des bewährten Prinzips der unabhängigen Planung und Bauausführung bekannt. Die Auftragsbekanntmachung wird voraussichtlich Ende Juni 2017 im Amtsblatt der EU veröffentlicht. Gegenstand des Verfahrens ist die Ausschreibung einer „Rahmenvereinbarung“, auf deren Grundlage von abrufberechtigten öffentlichen und privaten Wohnungsbauunternehmen Einzelaufträge ausgelöst werden können. In einem Teilnahmewettbewerb werden aus allen Bewerbern/Bewerbergemeinschaften bis zu 15 ausgewählt und zur Angebotsabgabe aufgefordert. Die Angebote umfassen einen Systementwurf für ein Modellgebäude, der durch ein Bewertungsgremium unter Einbeziehung von Architekten bewertet wird. Mit den erfolgreichen 5–10 Bietern/Bietergemeinschaften wird eine Rahmenvereinbarung geschlossen. Präsidium und Vorstand der Bundesarchitektenkammer haben sich intensiv mit dem Verfahren und den mit ihm verbundenen bedeutenden berufspolitischen wie auch juristischen Fragestellungen beschäftigt. Als Ergebnis des Abwägungsprozesses hat der BAK-Vorstand beschlossen, das wettbewerbliche Verfahren zu unterstützen und die interessierten Kammermitglieder über die berufsrechtlichen Möglichkeiten einer Beteiligung ausführlich zu informieren. Nur die Beteiligung des Berufsstands an diesem Verfahren stellt sicher, dass planungs- und baukulturelle Belange ausreichend Berücksichtigung finden. Die Bundesarchitektenkammer wird die Teilnehmer dieses Verfahrens mit einem speziell hierfür eingerichteten Beratungsteam bei Fragen zum Berufs- und Haftungsrecht und zur Vertragsgestaltung unterstützen. Barbara Ettinger-Brinckmann ist Präsidentin der Bundesarchitektenkammer.

Zusammenleben in der Stadt

Foto: Fotolia Das Städtebaurecht wurde überarbeitet. Dabei wurde auch das „Urbane Gebiet“ geschaffen, das ein Nebeneinander verschiedener Funktionen garantieren soll. Text: Prof. Rolf Westerheide, Georg-Christopher Broich Städte stehen zurzeit wieder einmal vor großen Herausforderungen: Neben ökologisch, sozial und demografisch bedingten Erfordernissen erlebt Deutschland seit Jahren eine Urbanisierung erheblichen Ausmaßes; mit teils negativen Folgen für die urbanen Räume und ihre neue und alte Bevölkerung. Bundesweit müssten nach gegenwärtigen Schätzungen jährlich etwa 350.000 bis 400.000 Wohnungen gebaut werden, um den Bedarf an bezahlbarem Wohnraum zu decken. Der Gesetzgeber hat auf diese Entwicklung nun im Bauplanungsrecht reagiert: Zum 13. Mai 2017 ist das Gesetz zur Umsetzung der Richtlinie 2014/52/EU im Städtebaurecht und zur Stärkung des neuen Zusammenlebens in der Stadt in Kraft getreten. Dabei dient das Gesetz, wie sein Titel bereits vermuten lässt, vorrangig der Umsetzung der europäischen UVP-Änderungsrichtlinie, mit der deutsches Recht, etwa im Zusammenhang mit der Umweltverträglichkeitsprüfung, an EU-Richtlinien angepasst wird. Zugleich möchte der Gesetzgeber aber funktional durchmischte Städte erhalten. Um Nachverdichtungen zu ermöglichen und ein produktives Zusammenwirken von Wohnen und Arbeiten wieder zu erlauben, wurde nach langen Diskussionen und Planspielen eine neue Gebietskategorie für die Baunutzungsverordnung (BauNVO) entwickelt. Gerade in verdichteten Räumen treffen zunehmend unterschiedliche gesellschaftspolitische, ökologische und rechtliche Wünsche, Interessen und Ziele aufeinander. Die Neuregelungen an der Schnittstelle des Städtebau- und Immissionsschutzrechts sollen zukünftig das Bauen in stark verdichteten städtischen Gebieten im Sinne der „Leipzig- Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt“ flexibilisieren und erleichtern. Hierbei sollen insbesondere die Wohnbedürfnisse der Bevölkerung berücksichtigt und das hohe Umweltschutz- und Lärmschutzniveau bewahrt werden. Neue Baugebietskategorie „Urbane Gebiete (MU)“ Im Städtebaurecht hat der Gesetzgeber hierfür unter anderem die Baugebietskategorie „Urbane Gebiete (MU)“ ins Leben gerufen (§ 6 a BauNVO). Gesetzgeberisches Ziel der Neuregelung ist die Verwirklichung der nutzungsgemischten europäischen Stadt der kurzen Wege. Dabei sollen Urbane Gebiete in Zukunft vorrangig dem Wohnen sowie der Unterbringung von „nicht störenden“ Gewerbebetrieben und sozialen, kulturellen und anderen Einrichtungen dienen. Die Nutzungsmischung muss dabei nicht unbedingt gleich verteilt sein. Allgemein zulässig sind im Urbanen Gebiet demnach Wohngebäude, Geschäfts- und Bürogebäude, Einzelhandelsbetriebe, Schank- und Speisewirtschaften sowie Betriebe des Beherbergungsgewerbes, sonstige Gewerbebetriebe und Anlagen für Verwaltungen sowie für kirchliche, kulturelle, soziale, gesundheitliche und sportliche Zwecke. Ausnahmsweise können auch bestimmte Formen von Vergnügungsstätten sowie Tankstellen zugelassen werden. Für Urbane Gebiete oder Teile Urbaner Gebiete können darüber hinaus stets bestimmte Besonderheiten festgelegt werden (§ 6 a Absatz 4 BauNVO): So kann, ähnlich wie zum Beispiel für das Kerngebiet, im Einzelfall geregelt werden, dass ein bestimmter Anteil der zulässigen Geschossfläche ausschließlich für Wohnungen verwendet werden muss. Wichtig ist, dass die neue Baugebietskategorie nur im beplanten Innenbereich Anwendung findet. Das heißt, nur mit einem Bebauungsplan kann das Urbane Gebiet entwickelt werden. Es genügt für die Zulässigkeit eines Bauvorhabens nach seiner Art dementsprechend nicht, wenn die Eigenart der näheren Umgebung bloß einem Urbanen Gebiet nach der BauNVO entspricht (§ 34 Absatz 2 BauGB). Die Einführung des Urbanen Gebiets wird von einer Ergänzung der Obergrenzen für die Bestimmung des Maßes der baulichen Nutzung flankiert (§ 17 BauNVO): In Urbanen Gebieten gelten Obergrenzen von 0,8 für die Grundflächenzahl und 3,0 für die Geschossflächenzahl. Parallel dazu wurden in der TA-Lärm entsprechende baugebietsbezogene Immissionsrichtwerte von 63 dB(A) am Tag und 45 dB(A) in der Nacht festgelegt. Im Übrigen sind die Kommunen gehalten, selbst die Auflagen zum aktiven und passiven Lärmschutz zu regeln. Dichte und Kompaktheit allein sind noch keine Kriterien für guten Städtebau. Das Zusammenleben im städtischen Raum hat auch immer etwas mit der Bereitstellung und dem Angebot qualifizierter Freiflächen und öffentlicher Räume zu tun. Das neue Urbane Gebiet eröffnet Möglichkeiten, die von Politik und Planung immer wieder im Einzelfall zur Stärkung des jeweiligen lokalen Miteinanders ausgelotet werden müssen. Der Berufsgruppe der Architekten und Stadtplaner steht ein neues Instrument zur Verfügung, das auf vielfältige Erprobung wartet, immer aber – bezüglich der neuen räumlichen Qualitäten – sorgsam abgewogen werden muss. Erleichterung des Wohnungsbaus Zur Fortentwicklung des Städtebaurechts und zur Erleichterung des Wohnungsbaus, speziell im nicht beplanten Innenbereich, soll durch die Neufassung des § 34 Absatz 3 a BauGB bei Nutzungsänderungen sämtlicher baulicher Anlagen zu Wohnzwecken vom Erfordernis des Einfügens, baulich wie funktional betrachtet, künftig abgesehen werden können. Die Regelung war bisher beschränkt auf Nutzungsänderungen von Gewerbe- und Handwerksbetrieben zu Wohnzwecken. Ebenfalls der Erleichterung des Wohnungsbaus, allerdings bezogen auf Außenbereichsflächen, soll die neue Regelung des § 13 b BauGB dienen. Über diesen Paragrafen erfolgt eine Einbeziehung von Außenbereichsflächen in das beschleunigte Verfahren nach § 13 a BauGB. Dieser gilt entsprechend für Bebauungspläne mit einer Grundfläche von weniger als 10.000 Quadratmetern, durch die die Zulässigkeit von Wohnnutzungen auf Flächen begründet wird, die sich an im Zusammenhang bebaute Ortsteile anschließen. Dies kann im Einzelfall bedeuten, dass im „Schnellverfahren“ ohne umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung und naturschutzrechtlichen Ausgleich sowie ohne geregelte Bürgerbeteiligung eine Bebauungsplan-Gesamtfläche von vier Hektar, einschließlich Erschließungs- und Grundstücksflächen, erreicht werden kann. Die Vorschrift ist bis zum 31. Dezember 2019 befristet. Das Verfahren zur Aufstellung eines Bebauungsplans muss bis zum 31. Dezember 2019 förmlich eingeleitet werden. Der Satzungsbeschluss der Gemeinde ist sodann bis zum 31. Dezember 2021 zu fassen. Digitalisierung des Bauplanungsrechts und Öffentlichkeitsbeteiligung Im Sinne der Transparenz müssen zukünftig die Informationen über Bebauungspläne immer über ein zentrales Internetportal des jeweiligen Bundeslandes zugänglich gemacht werden (§ 4 a Absatz 4 BauGB und § 10 a BauGB). Die Gemeinden werden zudem verpflichtet, nachzuweisen, dass die Ergebnisse der Behörden- und Öffentlichkeitsbeteiligung im Flächennutzungsplan berücksichtigt worden sind. Begründet werden muss außerdem, warum anderweitige Planungsmöglichkeiten nicht in Betracht kommen (§ 6 a BauGB). UVP-Änderungsrichtlinie Durch die UVP-Änderungsrichtlinie und ihre Umsetzung in nationales Recht werden vorwiegend die Anforderungen an die Umweltverträglichkeitsprüfung konkretisiert. In Zukunft muss ein Umweltbericht vorgelegt werden, der die Ziele des Bauleitplans beschreibt und eine Bestandsaufnahme des derzeitigen Umweltzustandes sowie eine Prognose über dessen Entwicklung bei der Durchführung der Planung enthalten muss (Anlage 1 BauGB). Neben- und Ferienwohnungen Gemeinden, die überwiegend von Tourismus und Fremdenverkehr geprägt sind, können nunmehr in einem Bebauungsplan oder durch eine sonstige Satzung die Bildung von Ferien- und Nebenwohnungen durch die Begründung von Wohnungs- und Teileigentum unter einen Genehmigungsvorbehalt stellen und diese somit unterbinden (§ 22 BauGB). Gleichzeitig hat der Gesetzgeber die BauNVO um einen § 13 a (Ferienwohnungen) ergänzt. Neben einer Legaldefinition von Ferienwohnungen enthält dieser die grundsätzliche Klarstellung, dass Ferienwohnungen in der Regel zu den nicht störenden Gewerbebetrieben verschiedener Baugebiete der BauNVO gehören. Fazit Ob dem Gesetzgeber mit dem Gesetz zur Umsetzung der Richtlinie 2014/52/EU im Städtebaurecht und zur Stärkung des neuen Zusammenlebens in der Stadt der ganz große bauplanungsrechtliche Wurf gelungen ist, darf bezweifelt werden. Die Bestrebungen der Bundesregierung, insbesondere das „neue Zusammenleben in der Stadt“ zu stärken, sind dennoch zu begrüßen. Vor allem die Einführung der neuen Baugebietskategorie „Urbane Gebiete“ ist ausdrücklich zu befürworten. In stark verdichteten Städten bedarf es dringend eines flexibleren öffentlichen Baurechts, um auf die vielfältigen Probleme des Zusammenlebens in der modernen Stadt angemessen reagieren zu können. Mit dem Urbanen Gebiet wurde hierfür ein geeignetes Instrument geschaffen. Es ist nun an den Kommunen, dieses auch zu nutzen. Sehr problematisch erscheint allerdings der neue § 13 b BauGB. Dieser steht in erheblichem Widerspruch zu wesentlichen Grundsätzen des allgemeinen Städtebaurechts sowie zur Zielsetzung und Konzeption des gegenständlichen Gesetzes selbst. Die Regelung konterkariert die schutzwürdigen Interessen des Klimaschutzes und des Außenbereichs und steht den Forderungen nach Grünflächen und sauberer Luft, vor allem aber einer flächenschonenden Siedlungsplanung in Städten, wie aber auch im ländlichen Raum, deutlich entgegen; nicht zuletzt auch durch den Verzicht auf eine Umweltprüfung und die eingeschränkte Öffentlichkeitsbeteiligung. Auch im Hinblick auf das europäische Umweltrecht sendet § 13 b BauGB das falsche Signal und führt gegebenenfalls zur rechtlichen Angreifbarkeit von Bebauungsplänen. Es empfiehlt sich grundsätzlich eine zurückhaltende Anwendung der neuen Vorschrift. Die Bundesarchitektenkammer und die Länderkammern haben mit den Planerverbänden deutlich gemacht, dass für die Inanspruchnahme von Außenbereichsflächen und die Ausweitung von Städten mit dringendem Wohnraumbedarf mit den bestehenden Vorschriften des BauGB, insbesondere mit den Verfahren zur Vorbereitenden und Verbindlichen Bauleitplanung, sehr gute und bewährte Planungsinstrumente zur Verfügung stehen. Die BAK ist ferner der Meinung, dass § 13 b BauGB und seine Quasi-Gleichstellung mit § 13 a BauGB die rechtspolitischen Ziele der Innenentwicklungsnovelle 2007 konterkarieren. Prof. Rolf Westerheide ist Architekt und Stadtplaner in Aachen. Georg-Christopher Broich ist Volljurist und Referent der Rechtsabteilung der BAK. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Bauvertragsrecht jetzt im BGB

Foto: Fotolia Eine dreiteilige Serie gibt einen Überblick über die Reform des Bauvertragsrechts und der Mängelhaftung im Kaufrecht. Teil 2 der dreiteiligen DAB-Recht-Reihe: Bauvertragsrecht Text: Arndt Kresin In Teil 1 dieser Reihe wurde darauf hingewiesen, dass mit der Reform erstmals seit Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) im Jahr 1900 spezielle Regelungen für das Bau- und Architektenrecht in das BGB eingeführt werden. Noch vor dem Inkrafttreten der Reform am 1. Januar 2018 werden jedoch die kritischen Stimmen lauter. Einzelne Regelungen, wie etwa das unten erläuterte einseitige Anordnungsrecht des Bestellers/Auftraggebers, erscheinen aus Sicht eines Auftraggebers eher sperrig für die Praxis. Die Reform ist jedoch im Ganzen durchdacht und strukturiert und berücksichtigt die Interessen von Auftraggeber und Auftragnehmer gleichermaßen. Erst die Anwendung wird zeigen, wie sich einzelne Vorschriften bewähren. Der Bauvertrag ist gemäß § 650 a BGB ein Vertrag über „die Herstellung, die Wiederherstellung, die Beseitigung oder den Umbau eines Bauwerks, einer Außenanlage oder eines Teils davon“. Auch die Instandhaltung eines Bauwerks unterliegt dem Bauvertrag, „wenn das Werk für die Konstruktion, den Bestand oder den bestimmungsgemäßen Gebrauch von wesentlicher Bedeutung ist“. Das Bauvertragsrecht wird zukünftig in §§ 650 a bis 650 h BGB geregelt. Einseitiges Anordnungsrecht des Bestellers Bislang existiert im Gesetz kein Recht für den Besteller (also den Auftraggeber), den Leistungsinhalt einseitig durch Anordnung zu ändern. Für den Bauvertrag und über Verweise für den Verbraucherbau- sowie den Architekten- und Ingenieurvertrag wird nun in §§ 650 b, c BGB ein solches Anordnungsrecht geschaffen. § 650 b Abs. 1 BGB bestimmt zunächst, welche Änderungen der Auftraggeber inhaltlich einseitig anordnen kann. Zulässig sind (1): Änderungen des vereinbarten Werkerfolgs, sofern sie für den Unternehmer (das heißt Auftragnehmer) zumutbar sind (§ 650 b Abs. 1 Satz 2 BGB), sowie (2): Änderungen, die zur Erreichung des (unverändert) vereinbarten Werkerfolgs notwendig sind. Bevor der Auftraggeber allerdings die Änderung einseitig anordnen darf, haben die Parteien über die Änderung an sich und die sich daraus ergebende Vergütungsanpassung Einvernehmen anzustreben (Kooperationspflicht). Dabei ist der Auftragnehmer verpflichtet, ein Angebot über die Mehr- oder Mindervergütung zu erstellen. Trägt der Auftraggeber die Planungsverantwortung (zum Beispiel, weil er die Ausführungsplanung zu erstellen hat), trifft den Auftragnehmer diese Pflicht erst, nachdem ihm der Auftraggeber die erforderliche geänderte Planung zur Verfügung gestellt hat. Einigen sich die Parteien nicht binnen 30 Kalendertagen nach Zugang des Änderungsbegehrens, kann der Auftraggeber die Änderung in Textform (§ 126 b BGB) einseitig anordnen. Dazu genügen lesbare Erklärungen, die auf einem dauerhaften Datenträger abgegeben werden (insbesondere schriftliche Erklärung, Fax, E-Mail). Im Gegenzug hat der Auftragnehmer Anspruch auf eine Anpassung seiner Vergütung gemäß § 650 c Abs. 1 BGB. Diese berechnet sich für den infolge einer Anordnung vermehrten oder verminderten Aufwand nach den tatsächlich erforderlichen Kosten mit angemessenen Zuschlägen für Allgemeine Geschäftskosten (insbesondere Verwaltungskosten), Wagnis und Gewinn. Eine Berechnung nach einer vereinbarungsgemäß hinterlegten Urkalkulation ist möglich. Diese Vorgehensweise beinhaltet jedoch lediglich die widerlegbare Vermutung, dass sie die tatsächlich erforderlichen Kosten widerspiegelt, § 650 c Abs. 2 BGB. Im Bauvertrag nach BGB werden, anders als bei einem Vertrag mit vereinbarter VOB/B, die vertraglichen Preisbestandteile also nicht in Nachträgen gemäß § 650 c BGB fortgeführt. Vorläufiger Anspruch auf 80 Prozent der Vergütungsanpassung Kommt bei einer solchen Anordnung keine Einigung über die Vergütung zustande, ist der Auftragnehmer berechtigt, für die ausgeführte angeordnete Leistung bis zu 80 Prozent seines Angebots zur Vergütungsanpassung vorläufig in einer Abschlagsrechnung geltend zu machen, § 650 c Abs. 3 BGB. Die endgültige Berechnung erfolgt in der Schlussrechnung. Zahlungen, die den tatsächlich erforderlichen Aufwand übersteigen, hat der Auftragnehmer zuzüglich Zinsen ab dem Eingang des zu viel bezahlten Betrages zurückzuzahlen. Dies soll den Auftragnehmer von einer überhöhten vorläufigen Abrechnung abhalten. Der Zinssatz bestimmt sich nach § 288 BGB und liegt grundsätzlich 5 Prozentpunkte über dem Basiszinssatz bzw. 8 Prozentpunkte über dem Basiszinssatz bei einem Bauvertrag, an dem kein Verbraucher beteiligt ist. Einstweiliger Rechtsschutz Weigert sich der Auftragnehmer, die Anordnung auszuführen oder erachtet der Auftraggeber das in einer Abschlagsrechnung abgerechnete Angebot für zu hoch, kann er gerichtlichen Rechtsschutz im Wege einer einstweiligen Anordnung suchen. Das geht schneller als mit einer Klage. Zuständig ist hierfür die Baukammer am Landgericht. Gesonderte Vergütungsanpassung bei Anordnungen im Architekten- und Ingenieurvertrag Die Regelungen zum oben genannten Anordnungsrecht finden auch im Architektenund Ingenieurvertrag Anwendung, § 650 q Abs. 1 BGB. Hinsichtlich der Vergütungsanpassung sind jedoch die Entgeltberechnungsregelungen der HOAI vorrangig, § 650 q Abs. 2 BGB. Existiert für die angeordneten Leistungen keine Preisbindung nach der HOAI, wie es zum Beispiel bei sogenannten Besonderen Leistungen der Fall ist, kann der Planer nach dem tatsächlich erforderlichen Aufwand der angeordneten Leistung gemäß § 650 c BGB abrechnen, wenn die Parteien keine Honorarvereinbarung gemäß § 3 Abs. 3 Satz 3 HOAI getroffen haben. Der Planer ist dann berechtigt, den tatsächlich erforderlichen Aufwand zuzüglich angemessener Zuschläge für Allgemeine Geschäftskosten, Wagnis und Gewinn abzurechnen. Hingegen besteht für Grundleistungen eine Preisbindung gemäß § 7 HOAI. Einigen sich die Parteien über eine Vergütungsanpassung bei angeordneten Leistungen, muss sich das angepasste Honorar im Rahmen der Mindest- und Höchstsätze befinden. Einigen sich die Parteien nicht über eine Vergütungsanpassung, so bestimmt sich deren Berechnung nach § 10 HOAI. Von § 10 Abs. 1 HOAI sind Änderungen des Umfangs der beauftragten Leistung erfasst, sofern sich hierdurch die anrechenbaren Kosten beziehungsweise Flächen ändern. Entsprechend sind gegebenenfalls die weiteren Berechnungsgrundlagen (Honorarzone, Honorartafel) anzupassen. Das gilt auch für sich wiederholende Grundleistungen. § 10 Abs. 2 HOAI behandelt die Fälle, bei denen Änderungen zwar zur Wiederholung von Grundleistungen führen, jedoch die anrechenbaren Kosten beziehungsweise Flächen unverändert bleiben (zum Beispiel erneute Vergabe nach Insolvenz des Bauunternehmers). Die Höhe wird sodann nach dem Anteil der wiederholten Grundleistungen an der jeweiligen Leistungsphase berechnet. Hierbei stehen die in der Praxis bekannten Tabellen für Teilleistungen und ihre Honorare (sogenannte Splittertabellen) zur Verfügung. § 10 HOAI verlangt eine schriftliche Vereinbarung des geänderten Honorars. Nach der hier vertretenen Auffassung führt jedoch eine fehlende Schriftform nicht dazu, dass die angeordneten Leistungen nach den Mindestsätzen abgerechnet werden müssten. Wurde im Ursprungsvertrag ein höherer Satz vereinbart, so gilt dieser auch im Falle des § 10 HOAI, denn die angeordnete Leistung begründet keinen neuen Vertrag, sondern ändert lediglich den ursprünglichen ab. Ungeachtet dessen muss der Planer bei einer einseitigen Anordnung aber immer darauf achten, dass ihm der Auftraggeber die Anordnung in Textform erklärt hat, § 650 b Abs. 2 BGB; andernfalls hat der Planer keinen Anspruch auf Anpassung seiner Vergütung, sondern allenfalls auf den in aller Regel deutlich geringeren Wertersatz gemäß § 818 Abs. 2 BGB. Zustandsfeststellung bei Verweigerung der Abnahme Nach § 650 g Abs. 1 BGB sind die Parteien verpflichtet, eine förmliche Zustandsfeststellung vorzunehmen, falls der Auftraggeber die Abnahme verweigert. Der Auftragnehmer kann diese Feststellung alleine vornehmen, wenn der Auftraggeber zum vereinbarten oder zum vom Auftragnehmer innerhalb einer angemessenen Frist bestimmten Termin nicht erscheint. Ist der Auftraggeber dem Termin jedoch unverschuldet ferngeblieben und hat er dies dem Auftragnehmer unverzüglich, das heißt ohne schuldhaftes Zögern, mitgeteilt, entfaltet eine einseitige Zustandsfeststellung keine Rechtswirkung. Eine berechtigte Zustandsfeststellung führt dazu, dass die Beweislast auf den Auftraggeber bei offenkundigen Mängeln übergeht. Ist nämlich das Werk dem Auftraggeber verschafft (also übergeben) worden, wird bei einem danach von ihm gerügten offenkundigen Mangel vermutet, dass dieser nach der Zustandsfeststellung entstanden und von ihm zu vertreten ist. Diese Vermutung findet jedoch keine Anwendung, falls der Mangel in seiner Art nicht vom Auftraggeber verursacht worden sein kann (etwa Verwendung von Baumaterialien, die nicht der vertraglichen Vereinbarung entsprechen). Ansonsten trägt der Auftraggeber die Darlegungs- und Beweislast dafür, dass der Mangel bei Zustandsfeststellung bereits vorhanden war und daher vom Auftragnehmer zu beseitigen ist – und das, obgleich eine Abnahme fehlt. Schlussrechnung Im Bauvertrag wird die Schlusszahlung gemäß § 650 g Abs. 2 BGB erst fällig, wenn die Leistung abgenommen und eine prüffähige Rechnung erteilt wurde. Eine ähnliche Regelung kennen Architekten für ihre eigene Rechnung aus § 15 Abs. 1 HOAI. Arndt Kresin ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht in München. Über die für Architekten relevanten Neuerungen können Sie sich in der dreiteiligen DAB-Reihe einen Überblick verschaffen. 1. Teil: Allgemeines und neues Architektenvertragsrecht 2. Teil: Bauvertragsrecht 3. Teil: Verbraucherbauvertrag und weitere Regelungen Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Kompakte Städte, kurze Wege

Prof. Rolf Westerheide ist Vertreter der Stadtplaner im Vorstand der Bundesarchitektenkammer. Mobilität wird auch für den Städtebau wichtig. Deutsche Architekten können Vorreiter sein. Wie genau, erläutert Prof. Rolf Westerheide. In der Debatte um Stabilisierung, Erneuerung und Weiterentwicklung städtischer, aber auch ländlicher Lebensräume bekommt das Thema Mobilität einen immer größeren Stellenwert. Dabei geht es nicht nur darum, ob wir uns zukünftig mit Verbrennungsmotor, Brennstoffzelle oder Strom fortbewegen, sondern auch darum, wie die Wahl der Verkehrsmittel beeinflusst werden kann – weg vom immer noch wachsenden Anteil des motorisierten Individualverkehrs, hin zum sogenannten Umweltverbund aus Fuß- und Radverkehr sowie ÖPNV. Dabei können uns Sharing-Modelle für Fahrrad und Auto ebenso helfen wie neue Konzepte für den Warenverkehr. Doch alle guten Ansätze nützen nichts, wenn sie nicht von einer zukunftsweisenden Stadt- und Verkehrsplanung gefördert werden, die den regionalen Maßstab betrachtet. Mit der Leipzig Charta wurde vor zehn Jahren die Abkehr von der Funktionstrennung – hier Arbeiten, dort Wohnen – mit ihren erheblichen Anforderungen an die Mobilität in eine gesamteuropäische Willensbekundung gegossen. Doch noch manifestiert sich der zunehmende Verkehr, befeuert durch einen globalisierten Warenaustausch, als dauerhaftes Problem in den Städten – aber auch vermehrt in ländlichen Räumen, wo losgelöst vom Ort der Produktion und des Verbrauchs riesige Logistikflächen entstehen. Wenn die dadurch entstehenden vielfältigen Probleme des Staus und des steigenden  Flächenverbrauchs eingedämmt werden sollen, ist ein Umdenken erforderlich. Dabei spielen Dichte und Urbanität und die daraus resultierenden kurzen Wege eine Schlüsselrolle. Die wirklich nachhaltige Stadt müsse eine menschenfreundliche sein, sagt der dänische Stadtplaner Jan Gehl. Er fordert eine Stadt mit guten öffentlichen Räumen und einer Kompaktheit, die die Menschen anregt, Wege als Fußgänger oder Radfahrer zu bewältigen. Der Mensch als Maßstab muss wieder unser Bezugspunkt werden. Doch noch sind viele Städte geprägt von der Idee der Autogerechtigkeit. Diese Stadträume neu zu gestalten und für alle Menschen zurückzugewinnen, muss unsere Aufgabe sein. Ökologische Erfordernisse müssen dabei mit technischen, gestalterischen und sozialen in Einklang gebracht werden. Über die Barrierefreiheit hinaus wird uns dabei sicherlich auch in der Stadtplanung der Inklusionsgedanke beschäftigen, um soziale Teilhabe, aber eben auch Mobilität für alle zu ermöglichen. Wenn unsere Planer diese Herausforderungen im Labor „europäische Stadt“ meistern, werden sie auch international bei der Metropolenentwicklung in Asien, Afrika und Südamerika mitwirken können. Wir können Anstöße dazu geben, dass von uns ausgelöste klimazerstörende und flächenfressende Fehlentwicklungen nicht wiederholt werden. Aber auch hierzulande bietet der Mobilitätswandel für Architekten, Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Verkehrsplaner die einmalige Chance, Lebensräume neu zu gestalten. Einerseits werden neue Verkehrskonzepte Auswirkungen auf die Quartiersentwicklungen und die Gebäudeplanung haben. Andererseits kommen ganz neue Bauaufgaben auf uns zu, die sozial und gestalterisch in Stadt und Landschaft integriert werden müssen. Wenn es um Mobilität geht, werden wir uns einmischen, denn die neuen Infrastrukturen werden zu Fragestellungen für unsere Professionen. Eine verträglichere Mobilität verlangt unser kreatives Potenzial. Prof. Rolf Westerheide ist Vertreter der Stadtplaner im Vorstand der Bundesarchitektenkammer. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil

Umsteigen bitte!

Gelingt uns nach der Energiewende eine „Verkehrswende“? Ansätze dafür gibt es, aber meist steht neue Technik im Vordergrund. Wirklich nachhaltige Mobilitätskonzepte setzen jedoch auf Architektur und Städtebau. Text: Christoph Gunßer Die Zahlen sind ernüchternd: Der Fahrzeugbestand im Land hat 2016 wieder um zwei Prozent zugenommen. Für zehn Bundesbürger, vom Säugling bis zum Greis, stehen oder rollen aktuell knapp sieben Pkw herum. Die Folge: 2016 gab es einen neuen Stau-Rekord von 1,38 Millionen Kilometern. Der Güterverkehr, der sich seit 1960 verzehnfacht hat, soll bis 2030 nochmals um 38 Prozent wachsen. Geflogen wird global aktuell 4,8 Prozent mehr per annum; seit 1995 hat sich der Luftverkehr verdoppelt. Von den 270 Milliarden Euro an Investitionen, die der unlängst verabschiedete Bundesverkehrswegeplan bis 2030 vorsieht, sollen lediglich 25 Millionen für neue Radwege ausgegeben werden. Was als Fortschritt verkauft wird, markiert keineswegs eine Wende in der Verkehrspolitik: Für alle 80 in Deutschland geplanten Radschnellwege wären nach Schätzungen von Verkehrsplanern mehr als zwei Milliarden Euro nötig. Dabei wächst der Freizeitverkehr besonders stark, aber auch die Geschäftsreisen legen zu, trotz Digitalisierung. Unsere Lebensweise ist heute aufs Engste mit Mobilität verknüpft. Jede und jeder will zur eigenen Zeit ans eigene Ziel gelangen. Autonomie und Individualität verwirklichen sich meist über „entfernungsintensive“ Lebensstile. Die drohende Klimakatastrophe lässt die „Erlebnisgesellschaft“ offenbar kalt. Den Trend zu bremsen, was möglich wäre, scheint politisch nicht mehrheitsfähig. Draußen im Lande ist der Leidensdruck nicht groß genug und der Einfluss der Lobbys zu hoch. Anders sieht es in den Städten aus. Chemnitzer Modell: Der Umbau des Hauptbahnhofs von Grüntuch Ernst vernetzt Bahn und Tram vorbildlich. Nachts bespielen LEDs die Luftkissenfassade. Architekten als bessere Verkehrsplaner Viele Metropolen stellen sich gegen den Trend zu immer mehr Verkehr – oftmals notgedrungen, weil ihnen buchstäblich die Luft ausgeht, manchmal aus Überzeugung. Während die Verkehrsplaner dem „Bedarf“ hinterherbauen und weiter den „Raumwiderstand“ – im Verkehrsplanersprech sind dies Hindernisse und Engpässe – überwinden, formiert sich in Verdichtungsräumen der Widerstand gegen die autogerechte Stadt. Es ist ein Widerstand durch Regulierung wie Parkraumverknappung, Bevorzugung von ÖPNV und Fahrrad, Bürgertickets für den ÖPNV bis hin zur Androhung von Fahrverboten und City-Maut. Vor allem aber artikuliert er sich im Anbieten von qualitätvollem Raum, von Architektur und Erlebnis. Der Erfolg bleibt vielerorts nicht aus. „Die Stadt mit weniger Automobilen, mit mehr Bäumen, sich unterhaltenden Menschen und einem höheren Maß an Sicherheit schafft so viel Attraktivität, dass sogar Verluste an Umsatz, die der Handel durch verringerte Autoerreichbarkeit anfangs befürchtet, oft mehr als kompensiert werden“, konstatiert der Kassler Verkehrsplaner Helmut Holzapfel. „Wer sich in Verkehrsfragen nur mit Verkehr beschäftigt, hat immer schon verloren“, sagt der Pionier integrierter Verkehrskonzepte. Dynamik für Busse: Die Überdachung des ZOB Pforzheim von Metaraum hilft im Städte-Ranking. Er sieht die Bedeutung der reinen Verkehrsplaner rapide schwinden und plädiert dafür, dass Architekten und Städtebauer sich das Ressort wieder aneignen. Statt durch Funktionstrennung immer mehr Zwangsmobilität zu generieren, muss also die „Stadt der kurzen Wege“ bewahrt oder, wenn möglich, neu geschaffen werden. Als Musterbeispiel gelten hierzulande das Quartier Vauban in Freiburg und die Tübinger Südstadt, wo zwei Drittel des Verkehrs ohne Auto funktionieren. Beide Projekte wurden „dickköpfig“, so Holzapfel, gegen vielfältige Widerstände durchgesetzt und dienen seither als Referenzgebiete. Kleinere autofreie Quartiere gibt es inzwischen auch an einigen anderen Orten. Doch die kommunale Verkehrslandschaft gleicht einem Flickenteppich: Es wird viel probiert, wenig geforscht, und wenn, dann meist mit der interessierten Industrie als Sponsor. Vorbilder größeren Maßstabs finden sich bisher nur im Ausland. Kopenhagens konsequente Umbau-Politik setzte auf Architektur und Stadtplanung: Kernpunkte waren gute öffentliche Räume und „Straßen für die Menschen“. Der Ausbau der Fahrradinfrastruktur war hierbei nur ein Instrument, das dazu führte, dass heute knapp die Hälfte aller Wege mit dem Rad zurückgelegt werden. Initiator Jan Gehl (siehe „Von Städten für Menschen“) berät Metropolen weltweit beim Stadtumbau, den man mittlerweile „copenhagenize“ nennt. Bei dem gleichnamigen Index für vorbildliche Städte liegt etwa Eindhoven mit seinem Fahrrad-Kreisverkehr auf Platz fünf. Kreis überm Blech: Den Hovenring in Eindhoven nutzen täglich rund 5.000 Radfahrer. Früher als andere Städte förderte auch Zürich den sogenannten Langsam-Verkehr, also Zufußgehen und Radfahren. So haben sich die Züricher schon in den Siebzigerjahren, als man in Deutschlands Innenstädten noch verkehrspolitische Großprojekte durchzog, gegen eine U-Bahn und für die Tram ausgesprochen. Seit 2008 verfolgen sie das anspruchsvolle Ziel der 2.000-Watt-Gesellschaft. Das heißt, dass ab 2050 niemand mehr als diese Energiemenge beansprucht, die als global gerecht und „enkeltauglich“ gilt – gegenwärtig liegt der Bedarf in der Schweiz bei 5.000 bis 6.000 Watt, in Deutschland noch wesentlich höher. Dieser Wandel funktioniert nur mit mehr Effizienz und einem Umdenken bei der Fortbewegung. Zürich verbot jedoch keinen der Verkehrsträger, sondern warb mit professionellem Marketing für den Umstieg. Zudem setzte man von Anfang an auf kombinierte Mobilität. Die Umsteigepunkte von Individual- zu öffentlichem Verkehr oder von Nah- zu Fernverkehr gewannen seither überall an Bedeutung. Sie ansprechend und nutzerfreundlich zu gestalten, gelingt den Architekten inzwischen auf nicht selten spektakuläre Weise. Ruhrpott ganz vorn: Als Teil des 101 km langen Radschnellwegs 1 wird in Mülheim ein Viadukt zur Hochpromenade. Öffentlicher Verkehr als Event Architektur macht so das Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel attraktiv. Seit den Neunzigerjahren erlebten viele Bahnhöfe eine Renaissance (wenn auch zuweilen mehr als Shopping-Mall), das Design von Straßenbahnen und „Busstopps“ wurde ein Mittel des Stadtmarketings. Es wurde schick, „öffentlich“ zu fahren. Sogar Klein- und Mittelstädte beeilten sich in den letzten Jahren, schnittige Busbahnhöfe oder Radstationen anzubieten, die auch in die jeweilige Region ausstrahlen. Demselben Zweck dienen neue Radschnellwege, etwa der im Bau befindliche, 101 Kilometer lange RS 1 zwischen Hamm und Duisburg. Leichter umsteigen: Die Radstation Norderstedt von Hage Felshart Griesenberg bietet 450 Plätze. Mieträder ermöglichen bereits an vielen Orten eine alternative, gesunde Mobilität; für größere Distanzen gibt es Leihautos. Fernbusse treten in Konkurrenz zur Schiene und buhlen mit eigenen Bahnhöfen um Aufmerksamkeit. Statt geparktem Blech beginnen Elemente einer neuen Mobilitätskultur den Stadtraum zu prägen. Städte, die einen solchen Stadtumbau wagten, ernten nun die Früchte. Der Trend zurück in die Stadt dürfte wenigstens zum Teil mit der gelungenen Bändigung des Verkehrs und dem Stau Chaos andernorts verbunden sein. Die dichte, gemischte europäische Stadt steht für die angestrebte Vernetzung in der Multioptionsgesellschaft. Schon fürchten sozial orientierte Planer wie Helmut Holzapfel, dass es eine neue Spaltung der Gesellschaft geben werde: in eine wohlhabende urbane Schicht, die ohne Auto mobil sein kann, und aus der Stadt verdrängte Menschen, die, vom öffentlichen Verkehr abgehängt, draußen bleiben und lange Pendelwege in Kauf nehmen müssen. Gespanntes Warten: Haltestelle am Hauptbahnhof Berlin von Gruber + Popp mit 7 cm dünnem Leichtbeton-Dach. „Smart“ allein ist keine Lösung Nun werden Elektroautos, „intelligente“ oder „smarte“ Verkehrskonzepte als Zukunftshoffnung verkauft. Sie mögen mit der Zeit ihre Rolle in Mobilitätsnetzwerken bekommen, lösen per se jedoch keine Verkehrsprobleme. Viele teure elektronische Leitsysteme dienten in der Vergangenheit nur dazu, die vorhandene stadtfeindliche Infrastruktur maximal auszunutzen, bis am Ende doch nichts mehr ging. Mehr Fragen als Antworten gibt es auch noch beim autonomen Fahren. Hier wurden schon Forderungen der Anbieter nach einem fahrzeuggerechten Stadtumbau bekannt: So müssten etwa mehr Einbahnstraßen und weniger Fußgängerquerungen eingerichtet werden, um Kollisionen zu verhindern. Dass es künftig schon aus Ressourcenknappheit auch bei Fahrzeugen um „nutzen statt besitzen“ gehen wird, ist indes absehbar. Der Erfolg der Sharing Economy gerade bei jungen Leuten lässt da hoffen. Ein Weniger an Mobilität bedeutet dies aber keineswegs. Trotz aller schönen neuen Mobilitätsangebote bleibt am Ende die alte Frage, wie viel Mobilität aus Fluchtbewegungen besteht: Flucht aus sterilen, entmischten oder peripheren Quartieren, Flucht aus lärmgeplagten, abgasverpesteten Lagen. Mobilität ist ein sich selbst verstärkender Prozess: Je mehr Leute wegfahren, umso öder wird ein Ort. Je mehr Leute vor Ort bleiben und ihn gestalten, umso lebenswerter wird der Ort. Sieht man die Mobilitätsmisere einmal aus diesem Blickwinkel, geht es momentan nicht um eine Verkehrs-, sondern um eine Raumwende. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil

Architekten auf Reisen

Häusermeer: Rund um die Altstadt von Nablus wachsen Neubauten die Hänge hinauf. Der Sommer ist da. Wo können Planer zugleich entspannen und sich inspirieren lassen? Sechs Architekten geben Reisetipps. Mut zur Improvisation Trotz Spannungen und Gegensätzen in allen Zeiten entstand und entsteht in Palästina Baukultur; spannend für Architekten, authentisch und weniger überlaufen als anderswo. Die Ursprünge von Jericho, der ältesten Stadt der Welt, gehen bis ins 10. Jahrtausend v. Chr. zurück. Eine andere Altstadt wurde von der Intifada stark mitgenommen: Nablus wirkt wie eine touristenfreie Kleinausgabe Jerusalems. Hier lernen in der historischen Seifenfabrik CHEC junge Volontäre den Wiederaufbau mit historischen Bauteilen. Um zehntausende Einzeldenkmäler in etwa 50 Ensembles in der Westbank und dem Gazastreifen kümmert sich die Organisation Riwaq. Sie versucht, fehlende Denkmalschutzgesetze zu kompensieren, und vermittelt Interessierten das Erbe. Mein Lieblingsort ist auf der Dachterrasse des bescheidenen Hostels in Ramallah. Tel Aviv vor der untergehenden Sonne ist in Sichtweite und dennoch für viele unerreichbar. Die jungen Betreiber zeigen, wie anregend und lebendig ein Provisorium sein kann. Hier habe ich gelernt, dass lange Geplantes plötzlich ganz anders kommt und sich gerade so neue Möglichkeiten auftun. Ein deutscher Pass öffnet Grenzen, leider nicht die nach Gaza. Aber ich träume von einer Fahrt mit der Sinai-Bahn und einem Strandhotel. Bester Reisetermin ist in diesem Jahr der 16./17. September. Dann findet in Taybeh bei Ramallah das palästinensische Oktoberfest mit selbst gebrautem Bier statt. Lore Mühlbauer, Architektin im Sachgebiet Wohnungswesen, Regierung von Oberbayern, München Gestrandeter Rochen: Das MAAT schafft einen neuen Stadtraum am Tejo. Museum erzeugt Stadt Nach Jahren der Stagnation befindet sich Portugal aktuell im Wandel. Besonders Lissabon bietet Besuchern in architektonischer Hinsicht immer wieder Neues. Das Ende 2016 eröffnete „Museum of Art, Architecture and Technology“ (MAAT) ist dafür das beste Beispiel. Der Bau versprüht mit seiner eigenwilligen, wellenartigen Form Leichtigkeit und erscheint – je nach Blickwinkel – mal als Gebäude, mal als Landschaft. Für mich hat es aber auch etwas von einem gestrandeten Rochen. Das Meisterwerk von Amanda Levete schafft am Fluss Tejo 7.000 Quadratmeter öffentlichen Raum und zeigt: Ein Museum kann auch Stadtplanung. Die portugiesische Hauptstadt verbindet aber auch Historisches mit Modernem. Unweit des MAAT befindet sich das Mosteiro dos Jerónimos im prunkvollen Stil der Manuelinik. Wo früher die Mönche im Kloster ihre Gottesdienste abhielten, unterzeichneten europäische Staatschefs 2007 den Vertrag von Lissabon zur Neuordnung der Europäischen Union. Das Kloster ist also ein historischer Bau mit flexibler Nachnutzung, zum Beispiel als Verhandlungsort. Das ist für mich ein Sinnbild der Architektur Portugals. Ihre Flexibilität und Leichtigkeit inspiriert mich auch für meine Arbeit als Architektin. Zu Hause in Deutschland versuche ich sie auch Kindern zu vermitteln, zum Beispiel mit dem interaktiven Online-Spiel „Archiraum.de“, das ich zusammen mit der Kollegin Bettina Gebhardt entwickelt habe und in dem man virtuell auf Architekturreise zum Münchener Olympiastadion oder zum CCTV-Tower in Peking gehen kann. Emanuela Parma, Architektin, Frankfurt am Main / Protokoll: Stefan Kreitewolf Inselstadt: Auf Ijburg entsteht sehenswerter Wohnungsbau, etwa von VMX Architects. Mit leichter Hand gebaut Meine Urlaube sind häufig vom Zufall gesteuert. Mit meiner Frau, die ebenfalls Architektin ist, fahre ich während unserer Familienurlaube gerne relativ ziellos durch niederländische Städte, um bisher eher Unbekanntes zu entdecken. Zuletzt haben wir uns zum Beispiel per Zufall die neue Wohnbebauung außerhalb des Autobahngürtels von Amsterdam angeschaut. Beeindruckend ist für uns immer wieder, wie die niederländischen Kollegen mit ihrem formalen Anspruch in der Umsetzung umgehen: Viele Entwürfe scheinen ohne Umwege zwangsbefreit aus dem Stift direkt in die Landschaft gestellt worden zu sein. Das dient mir und meiner Frau als Inspiration – genauso wie die städtebaulichen Ansätze zur Verkehrsberuhigung der Innenstädte oder die auch in neueren Stadtteilen detailverliebt ausgestalteten Plätze. Toll ist auch, wie selbst in engen Altstadtvierteln immer mehr öffentliche Räume barrierefrei sind. Davon können wir als deutsche Architekten noch viel lernen. Thomas Kalman, Krieger Architekten, Velbert / Protokoll: Stefan Kreitewolf Maßarbeit: Das „Kleine Haus“ ist Teil des Musée Unterlinden und städtebauliche Setzung. Stadtplanung im Labor Ganz nah und doch so fern: Im Elsass wartet nicht nur das französische Flair auf architekturinteressierte Reisende, sondern auch gebaute Highlights. In Colmar zum Beispiel sind seit 2012 viele schöne neue Gebäude entstanden. Glanzstück ist das 8.000 Quadratmeter große „Musée Unterlinden“, eine architektonische wie städtebauliche Maßarbeit von Herzog & de Meuron. Die mutige Erweiterung des berühmten Museums ist der neue Mittelpunkt der historischen Fußgängerzone, die eine der größten in ganz Europa ist. Mein Lieblingsbauprojekt der letzten Jahre aber ist ein Infrastruktur-Großprojekt: die neue Tram-Strecke, mit der man in 26 Minuten vom deutschen Städtchen Kehl in die französische Metropole Straßburg fahren kann. Hier lässt sich gelungene Stadtentwicklung auf Basis einer grenzübergreifenden Raumplanung in der Entstehungsphase beobachten. Viele Gebiete am Rande der Strecke wurden als Bauland aktiviert, nachdem sie jahrzehntelang ein Dasein als abgehängte Randgebiete fristeten. Dort passiert gerade ganz viel: 120 Projekte vom neuen Wohnquartier für bis zu 20.000 Menschen bis zum restaurierten Hafenviertel befinden sich in der Bauphase. Beste Besuchszeit ist vom 29. September bis 27. Oktober 2017 zu den „Trinationalen Architekturtagen“, die auch Führungen zu architektonischen Highlights wie dem Musée Unterlinden im Programm haben. Ralf Mika, Werkgruppe Lahr, Lahr / Protokoll: Stefan Kreitewolf Brückenstadt: Die miteinander verbundenen Häuser teilen sich Freizeitangebote. Soziale Wohnutopien In Zeiten der Wohnungsnot in Deutschland ist der Blick nach Wien mit seinen insgesamt 220.000 Gemeindewohnungen, in denen mehr als ein Viertel der Wiener wohnt, besonders interessant für uns. Auf jeden Fall sollte man das Sonnwendviertel direkt am neuen Hauptbahnhof besuchen, wo bis 2021 Wohnungen für 13.000 Menschen, 20.000 Arbeitsplätze und ein Bildungscampus entstehen. Sehenswert ist neben dem gerade fertiggestellten Wohnungsbau von BKK-3 der 2013 errichtete Block von Studio Vlay, Karoline Streeruwitz, Riepl Kaufmann Bammer Architektur und Klaus Kada mit insgesamt 450 Wohnungen. Der von einer gemeinnützigen Bauträgergesellschaft errichtete geförderte Wohnungsbau fällt schon durch seine aufgebrochenen Blockränder und den öffentlichen Außenraum mit einem Marktstand, Grill- und Essplätzen auf. Vor allem überrascht aber das großzügige soziale Angebot: Mietkino, Schwimmbad, Saunen, Gemeinschaftsküche, Musik-Proberaum, Jugendraum, mehrgeschossige Indoorkletter- und Rutschenanlagen, Dachgärten, Fahrradwerkstatt, Theater und ein Raum speziell für Mädchen. Hier werden soziale Utopien bei einer maximal ausgenutzten Baudichte zur Wirklichkeit. Die Frage, warum mitten in Wien so hochwertig für sieben Euro warm pro Quadratmeter in einem Passivhaus gewohnt werden kann, sollte uns alle beschäftigen. Die unterschiedlichen Wiener Förder- und Genossenschaftsmodelle garantieren die soziale Durchmischung der Stadt und bewirken das Bekenntnis, „zu Hause“ angekommen zu sein. Ein Ort, den deutsche Wohnungsbauer gesehen haben sollten! Stefan Wirth, Renner Hainke Wirth Architekten, Hamburg   Lichtzylinder: Im historischen Museum von Lugo spielt das Licht eine Hauptrolle. Das zauberhafteste Licht der Welt Spaniens Nordküste ist ein wunderbares Urlaubsziel, insbesondere die galicischen Provinzen Lugo und La Coruña. Die Stadtanlage Lugos wird von einer fantastischen römischen Mauer aus dem 3. Jahrhundert umgeben. Prägend sind die wuchtigen, halbkreisförmigen Bastionen: Sie gliedern die begehbare, acht bis zwölf Meter starke Anlage. Die Mauer ist so gut erhalten, dass man morgens auf dem zwei Kilometer langen „Rundkurs“ nach Belieben eine sportliche Laufeinheit absolvieren kann. Das Motiv der runden Bastionen haben etwa Nieto Sobejano in ihren Neubau für das Historische Museum der Stadt übertragen. Hier lässt sich viel über die Anwendung und Wirkung des Lichts in der Architektur studieren. Die Architekten fangen das Sonnenlicht förmlich ein und leiten es über große Zylinder in die hauptsächlich unter der Erde angeordneten Ausstellungsräume – jenes typisch galicische Licht, das hier nach jedem der vielen Regenschauer wie neu geboren wirkt. Wenn in Galicien das Sonnenlicht wieder durch die Wolken bricht, ist es das zauberhafteste, das wir kennen. Licht wie in seidenen Fäden, das man förmlich greifen kann. Diese Erfahrung war sehr prägend und hat unsere Arbeit im Umgang mit Licht weiter präzisiert. Juni bis September ist die beste Reisezeit. Tagsüber empfehlen sich dann Ausflüge an den Atlantik nach La Coruña oder nach Santiago de Compostela. Zurück in Lugo ist ein Abendessen in der Taberna Pajón ein Muss, wo regionale Köstlichkeiten wie Pulpo a la Gallega, Pimientos da Padrón und Meeresfrüchte aller Art serviert werden. Ansgar und Benedikt Schulz, Schulz und Schulz, Leipzig Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil  

Böse Sonne

Das Baugewerbe und die Hautärzte werden wohl keine Freunde, denn Zwangs- Hautuntersuchungen drohen Baustellen lahmzulegen. Screening: Heiko Haberle Nach Wärmeschutz und Lärmschutz ist neuerdings der Staubschutz ein großes Thema. Dabei ist fast untergegangen, was derzeit auf sommerlichen Baustellen tatsächlich die Gemüter und die Häupter erhitzt: die Sonne – beziehungsweise der Sonnenschutz. Dabei geht es nicht darum, ob außen oder innen liegend, ob Markise, Lamellen oder Rollladen. Passend zur Urlaubszeit geht es um Sonnenbrille und Hut. Das Bundesarbeitsministerium hat nämlich eine längst in Vergessenheit geratene EU-Sonnenschein-Richtlinie wiederbelebt, über die vor zehn Jahren schon heftig gestritten wurde. Danach sollen alle Beschäftigten, die zwischen Mai und September täglich mehr als drei Stunden draußen arbeiten, jährlich zur Ganzkörperinspektion beim Hautarzt – egal, welche Körperstellen der Sonne ausgesetzt sind. Neben Biergartenkellnern, Spargelstechern, Fahrradkurieren und Kutschern wären das auch geschätzte zwei Millionen Bauarbeiter. Doch der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes ist empört und schießt gegen den Dermatologen-Verband. Man fürchtet gar Baustopps, denn wer nicht zum Zwangs-Screening geht, darf nicht mehr aufs Gerüst. Stattdessen setzt man auf Selbstkontrolle und Info-Apps. Man könnte aber auch über alternative Maßnahmen nachdenken. Hermetisch abgeschlossene Schutzanzüge wie im Atomkraftwerk vielleicht? Vorteile: Auch das Staubproblem wäre besiegt und beim Betonieren wären sie sicher ebenfalls ganz praktisch. Nachteile: Das typische Brüllen auf Baustellen muss Handzeichen weichen und der nackte Oberkörper verschwindet als prägendes Element aus dem Stadtbild. Oder riesige temporäre Sonnendächer, die als mobile Variante auch für den Straßenbau denkbar wären? Vorteil: Nebenbei wird eine neue Bauaufgabe mit hohem Innovations- und Gestaltungspotenzial geschaffen. Nachteil: Auch das Sonnendach muss jemand bauen, der dann wiederum ungeschützt wäre. Dann bleibt wohl nur noch Frei-Sonnencreme statt Freibier. Doch was erfährt man da: Die wirkt nur bei „messerdickem Auftrag“. Da müssen sich Bauarbeiter in Zukunft morgens wohl als erstes selbst verspachteln.  

„Nehmen Sie jemanden mit!“

Herbert Klein (links) ist im In- und Ausland an Projekten in den Bereichen Gesundheit, Pharma und Biotechnologie beteiligt. Außerdem treibt er die Nutzung von BIM voran. Türker Köksal (rechts) ist für die Master- und die Entwurfsplanung von Großprojekten vor allem in China verantwortlich. Er ist auch Mitglied der türkischen Architektenkammer. Deutsche Planer sind im Ausland beliebt. Doch was muss man beim Schritt über die Grenzen beachten? Herbert Klein und Türker Köksal von der HWP Planungsgesellschaft über restriktive Verordnungen, skurrile Vorkommnisse und den Nutzen eines guten Netzwerks. Interview: Stefan Kreitewolf Herr Köksal, Herr Klein, Ihr Büro hat seit Jahrzehnten zahlreiche Projekte im Ausland realisiert. Worauf sollte ich als Architekt besonders achten, wenn ich erstmalig im Ausland arbeite? Klein: Englisch ist essenziell. Man muss sowohl alle nötigen Fachbegriffe als auch Verträge verstehen. Köksal: Jeder Architekt, der ins Ausland geht, sollte sich außerdem bewusst machen, dass dort andere soziale, kulturelle und berufliche Gepflogenheiten und Arbeitsweisen herrschen, die man nicht alle vorab von Deutschland aus überblicken kann. Zum Beispiel? Köksal: Wir haben in China die Erfahrung gemacht, dass beispielsweise die Brandschutzverordnungen dort weitaus restriktiver sind als in Deutschland. Das hatte zur Folge, dass unser lokaler Partner einen Entwurf noch einmal überarbeiten musste, um unter anderem die geforderten Fluchtwege, Treppen- und Flurbreiten umsetzen zu können. Klein: Aus diesem Grund kann ich jedem Architekten nur raten, jemanden mitzunehmen, der sich vor Ort sehr gut auskennt. Wie läuft das konkret ab? Kann ich nur den Entwurf machen und muss die Ausführungsplanung einem vor Ort ansässigen Büro anvertrauen, oder macht beides Sinn? Köksal: Wenn man als Architekturbüro im Ausland arbeitet, ist ein lokaler Partner sehr wichtig. Sieht man ein bestimmtes Land als langfristiges Tätigkeitsfeld, empfiehlt es sich, über eine Niederlassung dort nachzudenken. Wir machen beides. In der Türkei haben wir seit 2008 eine Niederlassung und planen unter anderem Gesundheitseinrichtungen. Die Mitarbeiter dort sind überwiegend gebürtige Türken, die Projektsprache ist Englisch. In China arbeiten wir seit 15 Jahren effektiv und vertrauensvoll mit einem lokalen Projektpartner zusammen. Sie sind Mitglied im NAX, das sich seit Jahren für deutsche Architekten im Ausland einsetzt. Was sind Ihre Erfahrungen damit? Klein: Das NAX ist eine tolle Plattform, um sich als Architekt mit seinem Portfolio öffentlich zu präsentieren und die Bekanntheit der deutschen Architektur im Ausland zu festigen. Darüber hinaus kann man sich dort mit Kollegen austauschen, die bereits Erfahrungen im Ausland sammeln konnten. Deshalb sind wir schon lange Mitglied im NAX. Gemeinsam haben wir zahlreiche Projekte, wie die Ausstellung „Contemporary Architecture. Made in Germany“, realisiert, die bereits in Frankreich und China gezeigt wurde. Was ist das Skurrilste, das Ihnen bei der Arbeit im Ausland passiert ist? Klein: Als wir vor einigen Jahren im Oktober in Nordafrika waren, ist uns aufgefallen, dass sich keiner der Baukräne bewegte. Auf meine Frage, warum das so ist, erhielt ich die Antwort, dass der Staat seine finanziellen Mittel für dieses Jahr bereits ausgeschöpft habe. Das hieß für Sie dann konkret Stillstand bis Jahresende? Klein: Nicht direkt, aber die Bauunternehmen hatten kein Geld mehr erhalten und arbeiteten mit einer stark verringerten Personalanzahl. Die „normale“ Arbeit ging dann im nächsten Frühjahr weiter, nachdem im Parlament der neue Haushalt verabschiedet worden war. Sie wenden BIM an. Trifft das im Ausland genau wie hierzulande bei Bauherren auf Zuspruch? Klein: In Deutschland tasten sich viele Büros erst langsam an BIM heran. In den USA oder Norwegen hingegen werden öffentliche Bauvorhaben regelmäßig mit BIM geplant. Was sind die Vorteile von BIM? Klein: Mit BIM kann man umfassende Daten zum jeweiligen Bauvorhaben in einem digitalen Modell sammeln, vernetzen und auch analysieren. Das bedeutet für Bauherren und Architekten mehr Planungssicherheit. Gerade bei komplexen Bauvorhaben ist das sehr nützlich. Bei unserem Projekt „US-Klinikum Weilerbach“, bei dem wir und HOK Architects die Generalplanung für die Vorplanung übernahmen, waren wir der lokale Partner für unsere Kollegen aus Amerika. Gemeinsam mit HOK haben wir insgesamt 20 Büros koordiniert. Da haben über 150 Mitarbeiter, unter anderem Architekten, Tragwerksplaner und weitere Fachplaner, über sechs verschiedene Zeitzonen hinweg zusammengearbeitet. Durch BIM konnten wir am Morgen sehen, was unsere Kollegen in den USA in der Nacht davor gemacht haben. Was berichten die internationalen Kollegen? Wie ist derzeit der Ruf von deutschen Planern im Ausland? Köksal: Gut. Sie werden als diszipliniert, korrekt und engagiert wahrgenommen. Das Qualitätsmerkmal „made in Germany“ gilt auch für Planer. Netzwerk Architekturexport Seit 2002 unterstützt die Bundesarchitektenkammer mit dem Netzwerk Architekturexport (NAX) deutsche Architekten, Ingenieure und Fachplaner auf ihrem Weg in neue Märkte weltweit. Das NAX bringt grenzüberschreitend tätige Architekten zusammen und vermittelt Kontakte zwischen in- und ausländischen Kollegen, Bauherren und Investoren. Auf seiner Website ist eine Länderdatenbank mit vielen nützlichen Informationen frei zugänglich. Das NAX kooperiert aktuell mit 53 international erfahrenen deutschen Mitgliedern, den sogenannten Paten. Mehr Informationen finden Sie hier: www.nax.bak.de Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil

Unterwegs mit den Profis

Wer unter kundiger Begleitung architektonische Glanzpunkte erleben möchte, hat im Herbst viele Möglichkeiten. Auch die Architektenkammern sind dabei. SIZILIEN | 5.–10. Oktober 2017Hamburgische Architektenkammer, ab 1.780 Euro Griechische Tempel, normannische Dome, arabische Ornamente und die barocke Altstadt Palermos, aber auch die Spuren der Mafia Mehr Informationen ab Mitte Juli: www.akhh.de/fortbildung INDIEN | Vier Termine zwischen November 2017 und Februar 2018Architektenkammer NRW, ab 2.995 Euro Die Metropolen Delhi und Mumbai, der Taj Mahal und Le Corbusiers Werke in Chandigarh und Ahmedabad Mehr Informationen: www.aknw.de MADRID UND TOLEDO | 12.–15. Oktober 2017Brandenburgische Architektenkammer, ab 995 Euro Historische Altstädte, neue Stadterweiterungsgebiete, beispielhafte Wohnbauten und aktuelle Museumsarchitektur Mehr Informationen: www.ak-brandenburg.de VALENCIA | 29. Oktober – 1. November 2017Architektenkammer des Saarlandes, ab 495 Euro Eine Stadt, die ihre Lage am Meer erst entdeckt, Sanierungsgebiete, Jugendstilviertel und Calatravas Kulturbauten Mehr Informationen: www.aksaarland.de DOCUMENTA | 1.–2. September 2017 Bund Deutscher Landschaftsarchitekten, ab 90 Euro (für Mitglieder günstiger) Fridericianum und documenta-Halle, die Spuren vergangener Documentas im Stadtraum und ein Sommerfest im Museum für Sepulkralkultur Mehr Informationen: www.bdla.de MIT DER APP DURCH DEN SÜDWESTEN Rund 690 Objekte versammelt eine App der Architektenkammer Baden-Württemberg. Dabei kann nach Standort, Baujahren und Stichwörtern gefiltert werden. Jetzt auch auf Englisch und Französisch verfügbar. Mehr Informationen: www.akbw.de/architektur/app GRAZ UND INNSBRUCK | 21.–25. Oktober 2017architektur & reisen, ab 858 Euro Hadid, Cook und UN-Studio, außerdem ein früher Vertreter der Moderne und Wein-Architektur in der Steiermark Mehr Informationen: www.architekturundreisen.de BRESLAU | 12.–15. Oktober 2017ticket b, ab 590 Euro Scharoun und Mendelsohn, Nachkriegsmoderne, Brutalismus und ganz eigenwillig Polnisches, dazu Gutes von heute Mehr Informationen: www.ticket-b.de Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil

Arbeiten für die Freizeit

Bauen für Urlauber führt oft zu architektonischer Meterware. Will man für die schönste Zeit im Jahr das schönste Haus, kann es aber auch zu einer willkommenen Herausforderung werden – für Bauherren wie für Architekten. Text: Christiane Pfau Urlaub: Das bedeutet Rückzug und Aufbruch gleichermaßen. Das Wort allein klingt für viele Menschen verheißungsvoller als Ostern und Weihnachten zusammen. Es duftet nach Freiheit. Was heißt das für das ideale Urlaubshaus? Wer baut diese Häuser? Welche Rolle spielt der Bauherr, welche der Architekt? Sind die Planung und der Bau eines Urlaubshauses vielleicht selbst schon ein Stück Urlaub – vor allem für den Architekten, der sich im Alltag des Bauprozesses sonst eher zwischen Baukosten und Baurecht zerreibt? Darf er hier endlich einmal der Idee des „Baumeisters“ nahekommen, der über Jahrhunderte als Inbegriff des Künstlers galt? Bettenburgen versus Baukultur Tatsächlich ist das Wohnen im Urlaub für viele Menschen sekundär. Wichtiger ist ihnen die Nähe zum Strand, wenig Sprachverwirrung und möglichst keine Konfrontation mit Fremdartigkeiten bei überschaubaren Kosten. Investoren kommen dieser Mentalität gern entgegen und realisieren bei geringem wirtschaftlichem Aufwand und auf kurzen Wegen zur lokalen Verwaltung Bauprojekte mit erfreulicher Rendite. Das Ergebnis sind verbaute Küstenabschnitte, zubetonierte Strände und kilometerlange Camping-Areale. Die Architekten, die hier involviert sind, müssen hartgesotten sein. Ein Architekt, der sich als visionärer Gestalter verwirklichen möchte, braucht andere Verbündete. Diese findet er in einer Urlaubergruppe, die seit Jahren stetig wächst – genauso wie die Zahl der Internetportale, die seit etwa zehn Jahren architektonisch anspruchsvolle Unterkünfte präsentieren. Das Design-Bewusstsein von reisenden Menschen hat sich in den letzten Jahren extrem verändert. Entsprechend reagieren nicht nur kleine, inhabergeführte Häuser, sondern auch Hotelketten für verschiedenste Budgets. In manchen Gefilden hat sich die Architektur so gemausert, dass es viele Urlauber heute andersherum machen: Sie planen nicht mehr zuerst das Ziel, an dem sie die kostbarste Zeit des Jahres verbringen möchten, sondern suchen als Erstes das Haus aus, in dem sie wohnen wollen, und vertrauen darauf, dass ein tolles Gebäude meist nicht in einer katastrophalen Umgebung steht. Hüttenturm: Auf dem Tannerhof wurde die traditionelle Berghütte von Architekt Florian Nagler in die Gegenwart überführt. In den Türmen sind drei Zimmer übereinandergestapelt. Treppen und Balkone sind eingeschnitten. Es geht auch im Regel-Rahmen Wenn man sich auf Portalen wie „Urlaubsarchitektur“ durch die Vielzahl architektonisch gelungener Ferienhäuser klickt (siehe „Der Traumhaus-Sammler“), traut man manchmal seinen Augen nicht: Da werden Häuser präsentiert, die man kaum für möglich halten mag, weil sie scheinbar die Grenzen der üblichen Reglementierungen im Bauwesen außer Kraft setzen. Das stimmt so aber meist gar nicht. Den Tannerhof in Bayrischzell zum Beispiel hat der Münchner Architekt Florian Nagler ganz regelkonform auf den Kopf und wieder zurück auf die Füße gestellt. 1904 als „Kuranstalt für physikalisch diätetische Therapie“ gegründet, wird das Hotel-Ensemble heute in der vierten Generation geführt. Über die Jahrzehnte wurde es mehrfach um- und dabei verbaut. Von 2009 bis 2011 setzten die Inhaber Burgi von Mengershausen und Roger Brandes mit Naglers Unterstützung neue Akzente. „Die Zusammenarbeit mit den privaten Bauherren lebte von einer effektiven Auseinandersetzung“, beschreibt Nagler die Kooperation mit den Inhabern. Er mag anspruchsvolle Bauherren. „Ein Freibrief wäre mir zu langweilig.“ Der Architekt entwickelte ein Gesamtkonzept für das Ensemble, das den Rückbau von Anbauten, die Renovierung des Haupthauses, die Erweiterung durch eine Orangerie und die Restaurierung der alten Lufthütten am Fuße des Bergwalds beinhaltete. Neu sind die „Hüttentürme“, die auf kleiner Grundfläche drei Räume übereinanderstapeln. „Wir haben dabei alle Reglementarien berücksichtigt“, sagt Florian Nagler, „auch wenn die anspruchsvolle Architektur zunächst ein wenig erklärungsbedürftig war. Natürlich fanden manche Vertreter der Gemeinde die Türmchen ganz schrecklich. Aber der Kreisbaumeister, der selbst Architekt ist, mochte den Entwurf, und irgendwie hat es dann gut geklappt.“ Ausschlaggebend für die Bewilligung der Gemeinde war, dass der Entwurf sich nahtlos in die Landschaft einfügte. Außerdem ist der Tannerhof für die kleine Gemeinde ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor – interessante Architektur zieht solvente Touristen an. Deshalb war das Interesse grundsätzlich vorhanden, auf beiden Seiten so weit wie möglich von den architektonischen Ideen zu profitieren. Offenheit, Pioniergeist, Vertrauen Ein anderes Beispiel für eine effektive Auseinandersetzung ist das Hofgut Hafnerleiten in Niederbayern. In der urbayerischen hügeligen Rottaler Landschaft hat Studio LOT einen großen Dreiseit-Hof und seine Nebengebäude um sechs Häuschen ergänzt, die als Baumhaus, Wasserhaus, Terrassenhaus, Blumenhaus oder Hanghaus konzipiert sind. Haufendorf: Im Hofgut Hafnerleiten gibt es ein Bootshaus, ein Baumhaus, ein Hanghaus oder ein Wiesenhaus. Die Architektur von Studio LOT inszeniert die unterschiedlichen Lagen und ist nur auf den ersten Blick ähnlich. Ursprünglich wünschten sich die Hofgut-Betreiber Anja und Erwin Rückerl schlicht eine Erweiterung, um Gäste unterzubringen. „Das Gelände ist aber topografisch so differenziert, dass wir nicht einfach einen massiven Klotz hinstellen wollten“, erinnert sich Anke Lorber vom Studio LOT. „Stattdessen haben wir vorgeschlagen, den einzelnen Gästen einzelne Häuser zuzuordnen. Unsere Grundidee war der typische Getreideschuppen aus Holz, der hier auf jedem Feld steht.“ In der modernen Variante ist jedes Haus anders, hat aber eine ähnliche Hülle, um Ruhe und Stringenz zu vermitteln. „Die Herausforderung war, aus einer Typologie die Vielfalt abzuleiten, ohne chaotisch zu werden“, so Lorber. Innen ist jedes Haus anders: Eins öffnet sich zum Garten, eins zum Hang, ein anderes zum Teich, und im umlaufend verglasten Baumhaus orientiert sich alles an der Treppe in der Mitte. Jedes Haus kommuniziert mit seiner unmittelbaren Umgebung. Rottaler Langhäuser: Die Ferienhäuser im Hofgut Hafnerleiten sind den Getreideschuppen der Region nachempfunden. Ihre Lage und ihr Innenleben sind jeweils individuell entworfen. Anke Lorber staunt heute noch über die große Offenheit der Auftraggeber – auch was die Risikobereitschaft hinsichtlich der Kosten anging. Die Architekten konnten auf keine Vergleichswerte zurückgreifen, weil dieses Bauvorhaben für alle neu war. Ideen und Budgets entwickelten sich parallel. „Was das Projekt maßgeblich geprägt hat, war das immense gegenseitige Vertrauen“, so Lorber. Dieses baute auch auf ein gemeinsames Verständnis von Architektur: „Die Rückerls haben die Idee von den einzelnen Häusern genauso getragen wie wir. Da merkten wir bald, dass wir eine gemeinsame Sprache gefunden hatten.“ Wie Nagler schätzt auch Lorber das Arbeiten für private Bauherren. „Wenn man die Entscheider mit im Boot hat, geht es schneller und konstruktiver vorwärts. Das ist völlig anders als die Zusammenarbeit mit öffentlichen Partnern oder großen Wirtschaftsunternehmen. Da kommt es eher vor, dass man der Willkür Einzelner ausgeliefert ist, unter der dann das Gesamtkonzept leidet. Bei den privaten Auftraggebern wird kein Geld verschwendet, aber die Suche nach kreativen Lösungen ist wesentlich werteorientierter.“ Dazu gehörte die Entscheidung für nachhaltige, hochwertige Materialien wie Schiefer in den Bädern, heimische Lärche als konstruktives und sichtbares Holz, Eiche für die Böden (wegen seiner Härte), Kortenstahl und samtigen Beton im Außenbereich. Teurer in der Anschaffung, altern sie in Würde, ohne ständig kostspielige Pflege einzufordern. Rote Scheune: Ob beim Umbau eines Kuhstalls… Übersetzungsarbeit Viele Bauherren, die sich auf solche Bauprojekte einlassen, haben sehr klare Vorstellungen – die sich manchmal jedoch nicht direkt an der Realität orientieren. Eine der ersten Aufgaben der Architekten besteht hier in der Übersetzungsarbeit. Kreative Bauherren wie die Berliner Designerin Johanna Michel, die mit dem Architekten Thomas Kröger ein puristisches Ferienhaus in Brandenburg realisiert hat, wissen diese Leistung zu schätzen. So sagt Michel über den Entstehungsprozess des sogenannten „Schwarzen Hauses“: „Wir brauchten einen Architekten, der unsere Gedanken verstand und sie übersetzen konnte. Er musste uns in unseren Bildern abholen und uns dann nach und nach auf den richtigen Weg führen.“ …oder beim gläsernen Neubau, dem Schwarzen Haus – Architekt Thomas Kröger lässt landwirtschaftliche Motive erkennbar. Thomas Kröger scheint hierfür das richtige diplomatische Händchen zu haben: Mit seinem Berliner Büro hat er inzwischen mehrere Häuser in der brandenburgischen Uckermark geplant (siehe „Luxus der Einfachheit“), wo viele Berliner ihre Wochenend Zuflucht finden. Die Häuser zeichnen sich durch eine Eigenwilligkeit aus, die eine schnörkellose Formensprache mit einer räumlichen Großzügigkeit verbindet. Bestes Beispiel ist die „Rote Scheune“: Der Umbau eines großen Stalls, der geschickt mit Transparenzen und verschiedenen Ebenen spielt, brachte das Büro in diesem Jahr bis ins Finale des DAM-Preises für Architektur in Deutschland. Urlaub zu Hause: In der Münchener Innenstadt plant Thomas Kröger gerade ein luxuriöses Wohnhaus mit vier Gebäudeteilen und zwei Innenhöfen. Der Blick aus den großen Fenstern auf die Isar könnte auch hier Urlaubsgefühle aufkommen lassen. Die Freiheit, die Architekten im Genre „Ferienhaus“ entfalten können, wünscht man sich auch im Alltag, im heimischen Straßenbild, in der Ödnis von Neubauvierteln. Manchmal funktioniert das sogar: Die Ideen, die Thomas Kröger mit seinen Bauherren auf dem Land ausprobiert hat, lässt er nun in große urbane Bauprojekte wie in München einfließen, wo er gerade zusammen mit dem Projektentwickler Euroboden und Stefan F. Höglmaier ein Mehrfamilienhaus gegenüber dem Deutschen Museum realisiert. In der Innenstadt allerdings schlägt sich die räumliche Großzügigkeit schnell in schwindelerregenden Preisen nieder. Wie gut, dass man sich zumindest im Urlaub auch als temporärer Hausherr von gelungener Architektur verzaubern lassen kann. Christiane Pfau ist Autorin für Kultur- und Architekturthemen. Sie lebt in München. Buch-Tipp Weitere Beispiele gelungener Ferienhäuser präsentiert die aktuelle Edition „Urlaubsarchitektur“, die 31 Bauten in ganz Europa vorstellt.         Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil

Auf Achse

Der Trend zu Mobilität und Selbstversorgung findet immer mehr Anhänger. Ein Wiener Unternehmen hat die autarke, fahrbare Wohnhütte perfektioniert. Text: Wojciech Czaja Daniel Glasl steht vor seinem winzig kleinen Holzhaus am Tegernsee, das erst kürzlich in einer deutschen Lifestyle-Zeitschrift als „kleinste Villa Deutschlands“ betitelt wurde. Die Assoziation ist gar nicht so weit gegriffen. Das gerade einmal 15 Quadratmeter große mobile Bauwerk, das bezeichnenderweise auf den Namen „Max“ hört, hat alles, was man braucht: Raum, Komfort, Infrastruktur. Max: Auch das kleine Modell hat Parkett aus Altbrettern. Hinter Bodenklappen verbirgt sich Stauraum. Dort befinden sich auch ein Wassertank und ein Energiespeicher. „Mit diesem kleinen Almwagen will ich einen Kontrast zu den großen und unpersönlichen Hotels schaffen“, sagt Glasl, der das Häuschen auf Airbnb vermietet. „Das ist eine umweltbewusste Alternative zu bisherigen Urlaubsformen, denn man fühlt sich geborgen und naturnah und ist dabei vollkommen unabhängig.“ Die Idee zum Bau des sogenannten Wohnwagons kam dem bayerischen Naturburschen, als sich seine eigene Wohnsituation veränderte und er dabei kurzfristig mit einem Viertel seiner bisherigen Wohnfläche vorliebnehmen musste. Ein Problem war das keineswegs. Im Gegenteil: „Ich habe gemerkt, wie schön das ist und wie wenig man braucht, um glücklich zu sein.“ Hinter dem dunkel gebeizten Häuschen auf Rädern, das mit seinen abgerundeten Enden unverwechselbar und einprägsam daherrollt, verbirgt sich das Wiener Unternehmen WW Wohnwagon GmbH. Das 2013 gegründete Start-up hat es nicht nur auf die Mobilität abgesehen, sondern vor allem auch auf Nachhaltigkeit und Autarkie. Sämtliche Baustoffe, wie etwa die biogebeizten Fichten- und Lärchenlatten sowie die Wärmedämmung aus Schafwolle, sind behutsam gewählt. Hinzu kommt eine zum Großteil autarke Vollversorgung mit selbst produziertem Strom und geschlossenem Wasserkreislauf mitsamt Wasseraufbereitungsanlage. Fanni: Das große Modell lässt sich per Erker erweitern. Die Zentralheizung wird durch die Solarzellen gespeist. Bei Bedarf wird mit Holz nachgeholfen. Eine App gibt den Überblick. Den eigenen Strombedarf decken die Wagons mittels einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. In Kombination mit einem kleinen Holzofen sorgt diese auch für die Beheizung und Warmwasserproduktion. Das nötige Nutzwasser entnimmt das Häuschen dem eigenen Kreislauf, in dem rund 650 Liter unterwegs sind. Das benutzte Wasser wird innerhalb eines Tages über eine Grünkläranlage auf dem Dach gereinigt und wieder dem Kreislauf zugeführt. Ganz ohne Wasser hingegen kommt die Trockentoilette aus. Den Urin reinigt die Grünkläranlage, Fäkalien werden mittels Holzkohle, Steinmehl und Biofaser am eigenen Grundstück kompostiert. Und sogar WLAN ist im Ökostrom-Paket inkludiert. 100 Prozent autark „In der Regel sind all unsere Wohnwagons zu 100 Prozent autark“, sagt Theresa Steininger, die das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Partner Christian Frantal leitet. „Im privaten Wohnbereich nehmen die Kunden in Kauf, dass autarke Systeme stets von Mutter Natur abhängig sind und dass beispielsweise weniger Strom zur Verfügung steht, wenn die Sonne sich mal nur selten blicken lässt. Doch ein Hotelgast will in diesem Punkt keine Kompromisse eingehen. Daher statten wir die Hotelwagen in den meisten Fällen mit einem klassischen Back-up-System aus.“ In den letzten vier Jahren wurden bereits 22 Wohnwagons nach Österreich, Deutschland, Belgien und in die Schweiz verkauft – einige als Gästeherberge, andere als Sommerhäuschen im Grünen und ein beachtliches Drittel sogar als vollwertiger Hauptwohnsitz. Angeboten werden Max, Karl und Fanni – jedes einzelne Projekt erhält in Absprache mit dem Kunden seinen eigenen Namen – in drei unterschiedlichen Größen. Die kleinere Einheit ist sechs Meter lang und bietet 15 Quadratmeter Nutzfläche, die größere kommt auf zehn Meter Länge und 25 Quadratmeter Innenfläche. Auf Wunsch kann die große Version auch mit einem ausfahrbaren Erker ausgestattet werden, sodass sich die zur Verfügung stehende Wohnfläche im geparkten Zustand auf 33 Quadratmeter vergrößert. „Das ist unsere Junior-Suite“, sagt Steininger mit einem Augenzwinkern. Produktion im eigenen Werk Waren die ersten Wohnwagons noch alte Anhängerwagen der Bundesforste, die umgebaut und entsprechend adaptiert wurden, handelt es sich bei den aktuellen Modellen um hochwertige Konstruktionen, die im eigenen Werk in Niederösterreich hergestellt werden. Das Fahrgestell besteht aus verzinktem Stahl, die Bodenplatte aus diffusionsgeschlossenen Hochleistungsdämm-Elementen. Im 50 Zentimeter hohen Doppelboden verbirgt sich die gesamte Haustechnik samt Wassertank und Energiespeicher. Die dazwischen liegenden Leerräume dienen als versteckte Lagerräume, die über öffenbare Bodenklappen leicht zugänglich sind. Der gesamte Aufbau darüber, der weitaus weniger statischen und dynamischen Strapazen ausgesetzt ist als das 22 Zentimeter über der Straße schwebende Fundament, steht ganz im Zeichen der nachwachsenden Rohstoffe: Pfosten-Riegel-Konstruktion mit Fichtenstaffeln, Wolldämmung, Lärchenfassade und Lehmputz im Innenraum. Hinzu kommen Möbeleinbauten aus Vollholz, behandelt mit Wachsen sowie mit biologischen Farben und Lacken. Armaturen und Accessoires sind aus Messing, Kupfer und Stein. Besonders stolz ist man auf den serienmäßig angebotenen Parkettboden aus gebrauchten Altbrettern. Klärdach: Brauchwasser fließt in eine Grünkläranlage auf dem Dach. Die Sumpfpflanzen filtern durch Mikroorganismen im Wurzelwerk. „Natürlich gehen wir auch auf individuelle Kundenwünsche ein“, sagt Theresa Steininger, die beruflich mit „Frau Trude“, einem knallroten Opel-Transporter, Baujahr 1955, durch die Lande kurvt. „Aber im Großen und Ganzen kann man davon ausgehen, dass sich unsere Käufer mit dem von uns angebotenen Stil gut identifizieren können.“ Ein wenig erinnert das Innenleben an Landhausküche und Country-Chic. Die Beschläge, Kanten und Details zeichnen sich durch weiche Rundungen aus, die Bullaugen über der Küchenzeile haben etwas Maritimes, und spätestens wenn man die Herzausschnitte in den Stuhllehnen entdeckt hat, versteht man die Wohnwagon-Chefin, die im Interview den Wiener Künstler Friedensreich Hundertwasser zitiert: „Die gerade Linie ist gottlos.“ Immobil: Wohnwagons baute man, weil autarke Systeme bei festen Häusern schwer umsetzbar waren. Nach der Lockerung einiger Bauvorschriften steht nun in der Schweiz das erste nicht rollende Eigenheim der Wagenbauer. Aus juristischer Not heraus Doch woher stammt die Idee, einen mobilen Wohnwagen anzubieten – wo doch der Camping- und Trailer-Markt im mittel- und nordeuropäischen Raum schon ziemlich gesättigt scheint? „Die Uridee hatte weniger mit Mobilität zu tun als vielmehr mit dem Wunsch nach einem umweltfreundlichen, autarken Wohnsystem“, sagt Steininger, die bis 2013 eine Marketing- und Grafikagentur leitete. „Doch weil die Bauvorschriften im deutschsprachigen Raum so streng sind und eigentlich kaum autarke Lösungen zulassen, haben wir uns entschieden, unsere Ideen auf Räder zu packen und den Kunden ein Haus anzubieten, das sie im Notfall überall hin begleiten kann.“ Je nach Größe und Ausstattungsgrad muss man mit 50.000 bis 150.000 Euro pro Wohneinheit rechnen. Obwohl die mobile Tugend nur eine juristische Not ist, nehmen viele Kunden sie gerne in Anspruch. „Die meisten Wohnwagons, die wir ausgeliefert haben, werden zumindest am eigenen Grundstück hin und her gefahren, damit man sie je nach Jahreszeit am jeweils optimalen Standort parken kann. Mit einem klassischen Haus wäre so etwas nicht möglich.“ Daniel Glasl, der Herr am Tegernsee, ist derzeit sogar auf der Suche nach Interessenten, die seinen Max auch einmal anmieten und an einem anderen Ort aufstellen möchten. Mit 2,55 Meter Breite und 10 km/h Höchstgeschwindigkeit ist der Wohnwagon für die Straße zugelassen. Derzeit arbeitet Steininger, nachdem der Erfahrungsschatz größer geworden ist und die strengen Bauvorschriften in den letzten Monaten etwas gelockert wurden, an autarken Wohnmodellen auch ohne Räder. In der Schweiz wurde soeben das erste sich selbst versorgende Einfamilienhaus fertiggestellt. Weitere Häuser mit 50, 70 und 90 Quadratmetern Nutzfläche sind in Planung. Doch das Unternehmen lebt nicht nur von der mobilen Architektur: Einen großen Anteil am Umsatz macht ein Webshop aus, der unter dem Motto Autarkie mehr als 500 Produkte und Komponenten anbietet. Die Nachfrage ist enorm. In den kommenden Monaten soll das Angebot auf 700 Produkte ausgeweitet werden. „Der Wohnwagon“, sagt Steininger am Ende des Gesprächs, „ist meine Art, mit der Unzufriedenheit mit der heutigen Welt umzugehen und diesen Ärger zu kompensieren. Ich wünsche mir ein Reflektieren und Rückbesinnen auf die einfachen Dinge im Leben und auf eine gewisse Demut gegenüber der Umwelt.“ Wie es scheint, sehen das immer mehr Bauherren genauso. Wojciech Czaja ist freier Architekturjournalist in Wien. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „mobil“ finden Sie in unserem DABthema mobil

Funktionierende Bauweisen

Großformatige Feinsteinzeugplatten werden gerne auch im Außenbereich verlegt. Für eine fachgerechte Planung und Ausführung muss man sich jedoch mit den Bauweisen intensiv auseinandersetzen. Text: Arno Tröger Der gestalterische Wunsch nach fließenden Übergängen auf Terrassen und Balkonen hat dazu geführt, dass die mittlerweile üblichen großformatigen Feinsteinzeugplatten nicht mehr nur innen, sondern zunehmend auch im Außenbereich verwendet werden. Die Arbeiten werden sowohl von Fliesenlegern als auch von Garten- und Landschaftsbaubetrieben ausgeführt (siehe u.a. Grafiken). Mischbauweise mit gebundener Bettung mit Bodenanschluss und Kontaktschicht auf kapillarbrechender Drainlage mit geschlossener Fuge Hervorragend geeignet auf Schotter- oder Kiestragschichten mit Eigengefälle für Aufbauhöhen ab etwa 100 Millimeter Gesamtaufbauhöhe ab Oberkante der Tragschicht. Die am häufigsten anwendbare und kostengünstigste Bauweise auf ungebundenen Tragschichten erfordert die frostsichere und tragfähige Ausführung des gesamten Oberbaus. Die kapillarbrechende Funktion wird durch die unterseits unbedingt stark perforierte Drainmatte mit oberseits aufkaschiertem Trägergitter als Trennlage erzielt. Diese ist gleichzeitig die Trägermatte für den Einkornbeton mit einem Körnungsspektrum von vier bis acht Millimetern. Die Verlegung der Platten erfolgt mit einer unterseitig aufgebrachten Haftbrücke. Hierzu eignen sich kunststoffvergütete trasshaltige zementäre Mitteldickbettmörtel hervorragend. Die Lagestabilität der Formate wird durch hydraulisch gebundenes Fugenmaterial nach DIN EN 13888 erreicht. Vollgebundene Bauweise mit Drainbetontragschicht (DBT) mit Kontaktschicht mit geschlossener Fuge und direktem Anschluss Fassadenrinne an Entwässerungseinrichtungen Für Bauweise auf Drainbetontragschicht mit Eigengefälle für Aufbauhöhen ab etwa 65 Millimeter Gesamtaufbauhöhe ab Oberkante der Tragschicht. Die kostenintensivste, weil vollgebundene Bauweise auf darunterliegender ungebundener Frostschutzschicht erfordert ebenso die frostsichere und tragfähige Ausführung des gesamten Oberbaus. Auf ein oft propagiertes Filtervlies zwischen Drainbetontragschicht und Bettung aus Einkornbeton mit einem Körnungsspektrum von zwei bis vier, maximal vier bis acht Millimetern ist unbedingt zu verzichten. Der weitere Belagsaufbau ab der Bettung erfolgt analog der Mischbauweise mit gebundener Bettung. Für die Fliesenleger stellen die Baubedingungen im Außenbereich oftmals eine besondere Herausforderung dar. Dagegen sind Garten- und Landschaftsbaubetriebe mit den Baubedingungen zwar bestens vertraut, aber die Verlegung großformatiger keramischer Bauprodukte ist ihnen weniger geläufig. Zwischen Hochbau- und Innenarchitekten sowie Landschaftsarchitekten lassen sich ähnliche Verhältnismäßigkeiten entdecken. Die sichere und mangelfreie Planung und Ausführung setzt daher ein erhöhtes Maß an gewerkeübergreifenden Fachkenntnissen bei Planenden und Ausführenden gleichermaßen voraus. Die produktspezifischen Eigenschaften und Verarbeitungsanforderungen im Bereich der Belagsdecke von Oberbauten mit Bodenanschluss oder auf Bauwerken erfordern eine das Bauwerk abdeckende und die angrenzenden Bereiche berücksichtigende Herangehensweise. Besonders muss dabei der direkte Übergangsbereich von Gebäuden zu nicht überdachten, teilüberdachten oder überdachten Terrassen, Balkonen und Dachterrassen beachtet werden. Keramische Bauprodukte kommen dort überwiegend in unbefahrenen Bereichen mit erhöhten optischen und damit gestalterischen Anforderungen der Nutzungskategorie N1 nach ZTV Wegebau (2013), der Belastungsklasse 1 nach „FLL-Empfehlung für Verkehrsflächen auf Bauwerken“ (2005) und in unbefahrenen Bereichen für Bauweisen der Tafel 6 der RStO 2012 zum Einsatz. Obwohl großformatige Feinsteinzeugplatten seit Langem auf dem Markt verfügbar sind, sind die entsprechenden Verlegegrundsätze in den aktuellen Normen und Regelwerken immer noch deutlich auf den Innenbereich ausgerichtet. Sie sind daher nur zu einem sehr geringen Teil bis gar nicht auf Außenanlagen anwendbar, enthalten aber dennoch oft fragmentarisch nutzbare Informationen. Diese sind grundsätzlich kritisch zu hinterfragen, mit eigenem technischem Verstand und Sachkenntnis zu gewichten, mit baupraktischen Erfahrungen abzugleichen und in einer funktionierenden, gebrauchstauglichen Bauweise für die jeweilige Bausituation aufeinander abzustimmen und zu kombinieren. Vielfach finden normativ nicht geregelte Trockenstelzlager, Drainstelzlager, Fugenkreuze und Drainmatten beziehungsweise Drainmattenelemente zusammen mit keramischen Bauprodukten in verschiedenen Bauweisen Verwendung. Durch Überwachungsprüfungen und langjährigen erfolgreichen Einsatz in der Baupraxis gewährleisten sie eine gebrauchstaugliche Eignung für die von den Herstellern ausgewiesenen maximalen Nutzungsbeanspruchungen. Materialeigenschaften Für den Außenbereich eignen sich besonders trockengepresste und rektifizierte keramische Feinsteinzeugplatten nach DIN EN 14411 mit geringer Wasseraufnahme (E < 0,5 %, Gruppe Bla) und einer Materialdicke ab 20 Millimetern. Unglasierte Bauprodukte mit einer Klassifizierung von R11 bis R13 nach DIN 51130 bieten dabei ausreichend rutschhemmende Eigenschaften der Oberflächen. Aufgrund der geringen Wasseraufnahme und der hohen Materialdichte besitzen die Fliesen keine kapillaren Eigenschaften und sind dadurch sehr pflegeleicht und reinigungsfreundlich. Durch das geringe Gewicht sind sie einerseits einfach zu transportieren und auf der Baustelle leicht zu handhaben, andererseits erfordert die Verlegung im Freien gerade in Verbindung mit der relativ glatten und nahezu porenfreien Unterseite und ebensolchen Seitenflanken besondere Vorkehrungen gegen horizontale und vertikale Verschiebung während der Verlegung und der späteren Nutzung. Die hohe Widerstandsfähigkeit gegen chemischen Angriff und die hohe Frost- und Tausalzbeständigkeit bieten im Zusammenhang mit hohen Biegezugwerten und hoher mechanischer Belastbarkeit sehr gute physikalische Eigenschaften für den Einsatz im Freien. Bauweise auf Trockenstelzlager (aus PE oder PP) mit offener/ flexibel geschlossener Fuge Für Belagsflächen auch ohne Eigengefälle auf druckstabilen Unterlagen und Unterbauten für Aufbauhöhen von circa 50 bis 500 Millimeter Gesamtaufbauhöhe ab Oberkante Abdichtung in Abhängigkeit des Trockenstelzlagerproduktes. Die wasserführende Ebene liegt dann unterhalb der Belagsdecke. Bei flexibel geschlossener Fuge hingegen ist ein Mindestgefälle von 1,5 Prozent auf der Belagsoberkante herzustellen, um den Wasserabfluss zu gewährleisten. Für schwach belastete fußläufige Bereiche beträgt die maximale freitragende Länge von 20 Millimeter dicken Feinsteinzeugplatten auf Trockenstelzlagern 40 Zentimeter. Für Formate ab einer Größe von 40 mal 40 Zentimetern sind weitere Trockenstelzlager als Unterstützungslager in maximal gleichem Raster zu empfehlen. Die maximale freitragende Länge ist geringer als die bei Produkten aus Beton oder Naturstein, da Feinsteinzeugplatten flexibler sind und daher deutlicher auf die Nutzungsbelastungen reagieren. Bauweise kapillarbrechendes Drainstelzlager mit Kontaktschicht mit offener/flexibel geschlossener Fuge Für Belagsflächen auch ohne Eigengefälle auf druckstabilen Unterlagen und Unterbauten für Aufbauhöhen ab etwa 60 bis 130 Millimeter Gesamtaufbauhöhe ab Oberkante Abdichtung. Bei flexibel geschlossener Fuge ist ein Mindestgefälle von 1,5 Prozent auf der Belagsoberkante herzustellen, um den Wasserabfluss zu gewährleisten. Drainstelzlager sind eine Weiterentwicklung der nicht unproblematischen Verlegung auf Mörtelsäckchen, jedoch mit kapillarbrechenden Eigenschaften. Auf der Trägermatte wird Einkornbeton als Bettungsschicht mit einem Körnungsspektrum von zwei bis vier, maximal vier bis acht Millimeter, aufgebracht. Bei höheren Schichtdicken ist die Betonbettung durch ein umlaufendes Kunststoffgitter zu sichern. Vor der Verlegung ist eine Haftbrücke auf die Unterseite der Feinsteinzeugplatten aufzubringen. Hierzu eignen sich kunststoffvergütete trasshaltige zementäre Mitteldickbettmörtel hervorragend. Die statische Lastabtragung erfolgt analog der von Trockenstelzlagern. Die horizontale Lagestabilität der Formate wird mit niedrigen Fugenkreuzen erreicht. Bauweisen und Verlegung Die Auswirkungen von Witterungseinflüssen und Temperaturschwankungen, von ungebundenem Untergrund und festen Unterbauten sowie von oft komplexen Nutzungen und Belastungsanforderungen in Verbindung mit häufig begrenzten Aufbauhöhen sind die bestimmenden Faktoren bei der Wahl der geeigneten Bauweise. Es  sind sechs funktionierende Regelbauweisen für die Verlegung großformatiger Feinsteinzeugplatten mit Materialdicken ab 20 Millimetern dargestellt. Die gebrauchstauglichen Verlege- bzw. Verarbeitungstechniken der darin gezeigten Baustoffe und Bauprodukte sind anzuwenden. Keramische Feinsteinzeugplatten sind grundsätzlich nach ATV DIN 18352 zu verlegen. Die ATV befindet sich aktuell in inhaltlicher Überarbeitung. Die Aktualisierung vom September 2016 erhielt lediglich eine redaktionelle, aber keine inhaltliche Überarbeitung. Die Angaben zur Verlegung im Außenbereich wurden gegenüber der Ausgabe vom September 2012 nicht ergänzt und sind nach wie vor nur spärlich vorhanden. Weitere Normenverweise dort äußern sich auch nur sehr eingeschränkt zur fachgerechten Verlegung. Die ZTV Wegebau 2013 ist bereits weitaus informativer, betrachtet die ungebundene Bauweise, Mischbauweisen und die gebundene Bauweise jedoch nur in ihrer klassischen Ausführung ohne die Möglichkeiten der Verwendung von Trockenstelzlagern, Drainstelzlagern, Fugenkreuzen oder Drainmatten. Eine klare Zuordnung von damit funktionierenden Bauweisen mit keramischen Feinsteinzeugplatten unterbleibt leider in allen Regelwerken. Für diese nicht geregelten Bauprodukte sind die Angaben und baupraktischen Erfahrungswerte der Hersteller hilfreich. Diese Angaben befreien den Verwender jedoch nicht von der Prüfung auf Gebrauchstauglichkeit für den gewünschten Einsatzzweck. Ergänzende technische Informationen zur fachgerechten Ausführung von Belagsflächen mit keramischen Feinsteinzeugplatten bieten darüber hinaus das ZDB-Merkblatt „Außenbeläge“ (2012) und das DNVMerkblatt „Bautechnische Information; Naturwerkstein 1.4 – Bodenbeläge außen“ (2008). Viele der dort genannten Ausführungsgrundsätze können im übertragenen Sinne angewandt werden. Keramische Feinsteinzeugplatten sind stets so zu verlegen, dass eine horizontale und vertikale Verlagerung verhindert wird. Dem geringen Flächengewicht, den großen Formaten und den glatten und dichten Seitenflanken mit Unterseite ist geschuldet, dass sich die Verlegung in ungebundener Bauweise aus technischen Gründen als nicht eindeutig zielführend erwiesen hat. Hinzu kommt, dass insbesondere längliche Großformate, zum Beispiel 1.200 mal 400 mal 20 Millimeter, häufig eine konvexe, also mittige Überhöhung aufweisen. Bei Belastung kommt es zum planen Aufliegen, bei Entlastung zu einer Rückverformung. Die ungebundene Bauweise scheidet gerade für diese Großformate generell aus. Dehnungsfugen und kapillarbrechende Schichten Bei Mischbauweisen und in der vollgebundenen Bauweise sind stets Dehnungsfugen herzustellen, die vertikal durch alle gebundenen Schichten fachgerecht auszubilden sind. Aufgrund des geringen Ausdehnungskoeffizienten von keramischen Feinsteinzeugplatten (bei 8,0 Meter Länge und 50 Grad Celsius Temperaturdifferenz ergibt sich eine Längenänderung von 2,4 Millimetern) können Dehnungsfugen bereits mit einer Mindestbreite von fünf Millimetern bei Feldgrößen von neun bis 16 Quadratmetern hergestellt werden. Bei helleren Belägen ist eine Dehnungsfuge spätestens nach fünf Metern, bei dunkleren Belägen spätestens bereits nach drei Metern herzustellen. Fugenoffene Bauweisen sind bereits mit einer Fugenbreite von mindestens zwei Millimetern und fugengeschlossene Bauweisen mit einer Fugenbreite von mindestens fünf Millimetern praktikabel und auch nach ZTV Wegebau 2013 zulässig. Für Großformate mit einer Seitenlänge von 600 Millimetern und mehr werden Fugenbreiten von zehn bis 15 Millimetern empfohlen. Da viele Hersteller von Feinsteinzeugplatten die Nennmaße ihrer Belagsprodukte nicht auf die Fugenbreiten nach ZTV Wegebau 2013 abgestimmt haben, können in der Baupraxis geforderte gängige Rastermaße mitunter nicht eingehalten werden. Bei allen Bauweisen sind kapillarbrechende Schichten im Übergangsbereich der Decke zur Unterlage zu berücksichtigen. Die permanente Wasserdurchlässigkeit von ungebundenen sowie gebundenen Schichten der Decke und der Unterlage nach Kriterien des MVV 2013 „Merkblatt für versickerungsfähige Verkehrsflächen“ (FGSV 947) ist unbedingt zu gewährleisten. Von besonderer Bedeutung ist dies für teilüberdachte oder von der Bewitterung gänzlich ausgenommene überdachte Belagsflächen, da dort wesentlich günstigere Bedingungen für den kapillaren Feuchtetransport an die Oberfläche der Belagsfläche bestehen. Bauweise auf kapillarbrechender Drainlage mit Kontaktschicht mit offener/flexibel geschlossener Fuge Für Belagsflächen auf Unterbauten für Aufbauhöhen ab circa 50 Millimeter Gesamtaufbauhöhe ab Oberkante Abdichtung in Abhängigkeit des Drainlagenproduktes. Die kapillarbrechende Funktion wird durch die Drainmatte mit oberseits aufkaschiertem Vlies als Trennlage erzielt. Diese ist gleichzeitig Trägermatte für die für Feinsteinzeug geeignete schnellhärtende Fixiermasse, die die Eigenschaften einer Haftbrücke übernimmt. Die horizontale Lagestabilität der Formate wird mit niedrigen Fugenkreuzen erreicht. Mischbauweise mit gebundener Bettung auf Bauwerk mit Kontaktschicht auf kapillarbrechender Drainlage mit geschlossener Fuge Für Belagsflächen auf Unterbauten für Aufbauhöhen ab circa 85 Millimeter Gesamtaufbauhöhe ab Oberkante Abdichtung. Die Schichtdicke der Bettung ist bei steifer Unterlage mit Einkornbeton des Körnungsspektrums von zwei bis vier, maximal vier bis acht Millimetern auf einer oberseits mit Trägergitter als Trennlage kaschierten Drainmatte herzustellen. Die Verlegung der Platten erfolgt mit einer unterseitig aufgebrachten Haftbrücke. Die Lagestabilität der Formate wird durch hydraulisch gebundenes Fugenmaterial nach DIN EN 13888 erreicht. Besonderheit Spannungsverhalten Das Spannungsverhalten gebundener Fugen- und Bettungsmaterialien sowie Haftbrücken ist temperaturabhängig. Alle in diesem Artikel dargestellten Bauweisen, außer der „Bauweise auf Trockenstelzlager“, unterliegen diesen Bedingungen. Entscheidend für die Intensität der Spannung ist die Temperatur zum Zeitpunkt des Einbaus (Nullspannungstemperatur). Eine anschließende unkontrollierte Temperaturänderung bis zum Aushärten der gebundenen Baustoffe erzeugt Spannungen, die zu Rissen, Flankenabrissen und Materialverlust führen. Die optimale Einbautemperatur für gebundene Baustoffe im sachgerechten Temperaturspektrum von plus fünf Grad Celsius bis plus 25 Grad Celsius liegt demnach bei etwa 15 Grad Celsius. Dabei ist zu berücksichtigen, dass hydraulisch gebundene Baustoffe auf Zugspannung deutlich empfindlicher reagieren als auf Druckspannungen. Gerade bei höheren Einbautemperaturen kommt der Nachbehandlung daher eine besondere Bedeutung zu. Beim Einbau sind die Temperatur und die Feuchte entsprechend zu kontrollieren und durch Nachbehandlungsmaßnahmen einzustellen. Grundsätzlich sollten die gebundenen Baustoffe eine maximale Druckfestigkeit von 75 bis 80 Prozent der Belagsmaterialien aufweisen. Dadurch können Rissbildungen der Belagsmaterialien durch Spannungsausgleich infolge von Temperaturschwankungen weitestgehend reduziert werden. Da keramische Feinsteinzeugplatten enorm hohe Druckfestigkeiten von bis zu 300 N/mm2 bei gleichzeitig geringem Ausdehnungsverhalten infolge Temperaturveränderung (lediglich 50 Prozent der Werte von Beton und Stahl) aufweisen, sind Risse im eigentlichen Belagsmaterial bei fachgerechter Wahl der begleitenden gebundenen Baustoffe relativ unwahrscheinlich. Gründliche Baureinigung Bei Mischbauweisen und in der vollgebundenen Bauweise mit zementär gebundenen Fugenmaterialien ist die fach- und sachgerechte Reinigung der Belagsoberfläche während der Verfugung elementar für die spätere Qualität der Oberfläche des Flächenbelages. Dies betrifft unglasierte ebenflächige, aber vor allem unglasierte reliefierte Feinsteinzeugplatten ganz besonders. Die Reinigung während der Verlegung ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Bauschlussreinigung und eine optimale Unterhaltsreinigung. Die Verfugung ist in Arbeitsflächen von vier bis fünf Quadratmetern durchzuführen, wobei die Oberfläche nach dem kurzen Antrocknen des Fugenmaterials unmittelbar mit dem Schwamm und stets frischem klarem Wasser diagonal zum Fugenverlauf von Fugenmörtelresten zu befreien ist. Zur Bauschlussreinigung vor Abnahme wird die Fläche durch eine „saure Reinigung“ (dreiprozentige Salzsäurelösung) mit kurzer Einwirkzeit von jeglichem Bauschmutz befreit. Für kunststoff- oder epoxydharzgebundene Fugenmaterialien sind hierfür geeignete Spezialreiniger anzuwenden. Sind alle Reinigungsarbeiten bis zur Abnahme fachgerecht ausgeführt, so genügt zur Unterhaltungspflege bereits warmes Wasser mit handelsüblichem neutralem Haushaltsreiniger, um eine ansprechende Oberfläche dauerhaft zu gewährleisten. Dipl.-Ing. Arno Tröger ist Landschaftsarchitekt und Sachverständiger für Garten- und Landschaftsbau in Weiden in der Oberpfalz. MEHR INFORMATIONEN Ausführende Gewerke und verwendete Bauweisen Die Marktstudie der B+L Marktdaten GmbH aus Bonn von 2015 konnte in ihrer Verlegerbefragung die Verarbeitungsschwerpunkte für bislang angewandte Bauweisen bei der Verlegung von keramischen Feinsteinzeugplatten im Außenbereich deutlich machen: Verlegung Garten- und Landschaftsbau bzw. Fliesenleger in Splittbettung 32,5 % bzw. 33,3 % in Einkornmörtelbett auf Drainmatte 32,5 % bzw. 31,2 % auf Stelzlagern oder Verlegehilfen 17,5 % bzw.  18,0 % in gebundener Bauweise auf Beton 17,5 % bzw. 17,5 % Diese Ergebnisse sind grundsätzlich zu hinterfragen, da einige der hier genannten bislang angewandten Verlegemethoden in der Baupraxis zum Teil erhebliche Mängel- und Schadensrisiken mit sich bringen. So haben sich ungebundene Bettungen für großformatige Feinsteinzeugplatten als nicht geeignet erwiesen. Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier

Fassadenforschung

Muster-Elemente: Die Forschung führte zu diesen drei Produktfamilien: links „Premium“, Mitte „Economy“ und rechts „Design“. Thermische Solarkollektoren sollen sich künftig in übliche Fassadenkonstruktionen integrieren lassen. Ein Fraunhofer-Institut entwickelt dafür Fertigteile aus Ultrahochleistungsbeton. Text: Michael Hermann Es wäre doch ein Fortschritt, wenn die Fassaden eines Gebäudes nicht nur optisch überzeugen, sondern gleichzeitig noch thermische Energie für die Heizung und die Warmwassererzeugung bereitstellten. Doch bislang basieren solarthermische Produkte in der Regel auf durchströmten Bauteilen aus Metall, die einen hohen Anteil der Solarstrahlung aufnehmen und zur Vermeidung thermischer Verluste wenig Infrarotstrahlung abgeben. Allerdings wird dieser Stand der Technik der Gebäudeintegration und architektonischen Aspekten nicht gerecht. Im Projekt „Tabsolar II“ verfolgt nun das Fraunhofer- Institut für Solare Energiesysteme ISE gemeinsam mit Industriepartnern den neuartigen Ansatz, solarthermische Kollektoren als Fertigteile aus Ultrahochleistungsbeton (UHPC – Ultra High Performance Concrete) herzustellen, die sich hinsichtlich Material und Fertigung an der Baubranche orientieren. Geeignete Verfahren wurden bereits im Vorgängerprojekt „Tabsolar“ erprobt. Dabei konnte die Machbarkeit der Herstellung durchströmbarer Bauteile aus UHPC im Labormaßstab nachgewiesen werden. Es entstanden filigrane, wasserdurchströmte Bauteile im Format 340 mal 460 Millimeter. Daraus resultierten die drei auf dieser Seite gezeigten Produktfamilien, die im Januar auf der Messe BAU 2017 vorgestellt wurden. Die Produktfamilie „Tabsolar Premium“ soll mit einer spektralselektiven Beschichtung und Antireflexverglasung ähnliche Erträge und Temperaturniveaus wie marktgängige Solarkollektoren erreichen. „Tabsolar Economy“ steht für lackierte oder durchgefärbte UHPC-Kollektoren mit Low-E-Verglasung und etwas geringeren Erträgen und Temperaturniveaus. Diese beiden Produktfamilien sind für direkte solare Anwendungen zur Warmwasserbereitung oder für die Nutzung in solaren Kombisystemen konzipiert. Bei der dritten Produktfamilie „Tabsolar Design“ sind die Kollektoren unverglast und können mit verschiedensten Strukturen und Farben versehen werden. Sie zeichnet sich durch vielfältige architektonische Gestaltungsmöglichkeiten aus; es werden aber deutlich geringere Temperaturniveaus und Wirkungsgrade erreicht. Daher eignen sich die Elemente beispielsweise als Niedertemperatur-Wärmequelle für Wärmepumpen, für das Vorwärmen von Trinkwasser oder für eine Schwimmbadbeheizung. Bionische Kanalstrukturen Die Besonderheit der durchströmbaren Bauteile aus dem Ultrahochleistungsbeton besteht darin, dass die Kanalstrukturen direkt aus dem hochfesten Beton gestaltet sind. Sie werden mithilfe des vom Fraunhofer ISE entwickelten und patentierten Membran-Vakuum-Tiefziehverfahrens (MVT-Verfahren) hergestellt. Dabei wird der Beton in der gewünschten späteren Wandstärke auf eine Membran aufgebracht, die über eine Formplatte gespannt ist. Anschließend wird unter der Membran ein Vakuum erzeugt, sodass sich Membran und Beton an die eingefräste Kanalstruktur anlegen. Danach wird die Formplatte gewendet und mit einer ebenfalls frisch gegossenen Beton-Platte zusammengefügt. Die so verbundenen Hälften härten gemeinsam aus und können später als komplettes Bauteil mit Hohlstrukturen ausgeschalt werden. Um diesen Prozess realisieren zu können, ist es notwendig, geeignete UHPCRezepturen zu entwickeln. Dies war Aufgabe des Projektpartners G.tecz. Im Hinblick auf spätere Produkte wird nun das MVT-Verfahren auf praxistaugliche Größen skaliert und auf produktionsnahen Anlagen bei der Firma Spürgin realisiert werden. Darüber hinaus arbeiten die Partner an Lösungen für die hydraulische Verbindung zwischen den einzelnen Kollektoren, geeigneten Fassadensystemen sowie Beschichtungen. Die Kanalstrukturen der Kollektoren folgen dem vom Fraunhofer ISE patentierten bionischen FracTherm-Verfahren (mehrfach verzweigte, fraktale Strukturen wie bei Blutbahnen oder in Blättern), das auch schon mit anderen Fertigungsverfahren und Materialien erfolgreich umgesetzt wurde. Dieses Verfahren ermöglicht nahezu beliebige Formen mit einem gleichmäßig durchströmten Kanalnetzwerk. Das Fraunhofer ISE hat FracTherm-Kanalstrukturen für die Tabsolar-Anwendung mit Simulationsprogrammen berechnet. Die Auslegung berücksichtigt die im Vergleich zu Metallen deutlich geringere Wärmeleitfähigkeit von UHPC. Außerdem wurden Untersuchungen zur Ökobilanz der Kollektoren durchgeführt. Das Karlsruher Institut für Technologie KIT kümmert sich im Projekt um strukturmechanische Fragestellungen, die beispielsweise zur Sicherstellung der notwendigen Innendruckstabilität erforderlich sind. FracTherm-Kanalstruktur: Der Herstellung der Elemente im Membran-Vakuum-Tiefziehverfahren ermöglicht beliebige Formen mit einem gleichmäßig durchströmten Kanalnetz. Ziel Komplettlösung Spektralselektive Beschichtungen sind bei metallischen Solarabsorbern inzwischen Stand der Technik. Sie steigern bei Solarkollektoren den Wirkungsgrad erheblich, weil sie einerseits die Absorption der Solarstrahlung maximieren, gleichzeitig aber die Verluste durch Infrarotabstrahlung minimieren. Im Rahmen des Vorgängerprojektes ist es gelungen, spektralselektive Beschichtungen mit relativ guten Werten für Absorptions- und Emissionsgrade durch Sputtern direkt auf die Elemente aus UHPC aufzubringen. Im aktuellen Projekt konzentrieren sich die Arbeiten jetzt darauf, produktionstechnisch realistische, dauerbeständige Lösungen zu finden. Hierzu werden beispielsweise Vorbeschichtungen, aber auch die Beschichtung von Halbzeugen, die mit den Elementen verbunden werden, untersucht. Im Rahmen von Tabsolar II hat der Projektpartner Facade-Lab verschiedene Gebäudetypologien mit ihren jeweiligen Anwendungen und Fassadensystemen analysiert. Als vielversprechende Lösungen kristallisierten sich dabei das Wärmedämmverbundsystem (WDVS), die vorgehängte hinterlüftete Fassade (VHF) sowie eine Sandwichwand heraus. Diese werden nun in verschiedenen Kombinationen mit den drei Tabsolar-Produktfamilien weiterverfolgt. Damit können zukünftig je nach Gebäude und Bedarf unterschiedliche Gesamtlösungen angeboten werden, zum Beispiel ein WDVS mit integrierten Tabsolar-Elementen. Vielversprechende Fassadensysteme: Die Tabsolar-Elemente werden jetzt für die Integration in Wärmedämmverbundsysteme, vorgehängte hinterlüftete Fassaden und in eine Sandwichwand weiterentwickelt. Dr.-Ing. Michael Hermann ist beim Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE der Koordinator für Innovationsprozesse der Wärme- und Kältetechnik. Das Forschungsteam Am Projekt „Tabsolar II“ beteiligte Partner: Leitung: Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, Freiburg G.tecz Engineering GmbH, Kassel Betonfertigteile Spürgin GmbH & Co. KG, Teningen (Baden-Württemberg) Facade-Lab GmbH, Großbeeren ( Brandenburg) Priedemann Fassadenberatung GmbH, Großbeeren (Brandenburg) Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Karlsruhe Das Projekt wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert. Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier  

„Der Unterschied ist gewaltig“

Barbara Pampe leitet seit 2014 den Projektbereich Pädagogische Architektur bei der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Nach der Arbeit in verschiedenen Architekturbüros gründete sie 2011 mit Vittoria Capresi „baladilab“. Das Foto zeigt die Architektin bei der Präsentation der Workshopergebnisse „Profil einer Bildungslandschaft“ auf dem Fachkongress Bildungscampus Efeuweg im September letzten Jahres in Berlin. Wie können Architekten aktuellste pädagogische Konzepte räumlich umsetzen? Wir sprachen mit Schulexpertin Barbara Pampe über falsche Vorstellungen, böse Überraschungen und die Relevanz der Phase Null. Interview: Brigitte Schultz Frau Pampe, was ist derzeit die größte Herausforderung für Architekten im Schulbau? Sich freizumachen von den eigenen Schulerfahrungen. Die meisten von uns haben noch ein konventionelles Bild von Schule – und so entwerfen wir dann. Aber die Nutzer, die pädagogischen Konzepte und die Aufgaben einer Schule haben sich gewandelt. Doch darüber wurden die Architekten nie wirklich informiert. Bekommt man diese Informationen nicht mit einer Wettbewerbsauslobung? Viele Wettbewerbe basieren immer noch auf Musterraumprogrammen in Form von Raumlisten. Räumliche Zusammenhänge oder Aktivitäten werden nicht beschrieben. In anderen Bereichen, zum Beispiel im Krankenhaus- oder Bürobau, ist eine vorgeschaltete Phase Null selbstverständlich. Da klärt man zuallererst, welche Nutzungen untergebracht werden müssen, wie die Zusammenarbeit aussieht, wer wie oft im Büro ist und wie oft woanders oder wie große Teams sich treffen. Bei Schulen hat man das nie gemacht, weil es eben diese Raumlisten gab. Wann wurden denn die Raumlisten erstellt? Die Grundlage ist wahrscheinlich vor 100 Jahren entstanden und basiert auf der damaligen Organisation einer Schule: ein Tisch, zwei Schüler dran, Mindestabstand zur Tafel, Gang zur Tür: ergibt x Quadratmeter pro Klasse. Und das Ganze immer für einen Lehrer und eine gleich große Gruppe von Schülern. Aber heute passieren in einer Schule ganz andere Dinge: Projekte werden gemacht und präsentiert, es wird teamorientiert, jahrgangsübergreifend und inklusiv gearbeitet, in verschiedenen Gruppen … Die Schüler sind ganztags da, müssen essen und sich erholen können. Das Nutzungsspektrum hat sich komplett gewandelt. Doch in die Raumprogramme ist das fast nie eingeflossen. „Das Nutzungsspektrum hat sich komplett gewandelt. Doch das ist nicht in die Raumprogramme eingeflossen.“ Um das zu ändern, engagieren Sie sich mit der „Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft“ für die Phase Null im Schulbau. Was macht eine gute Phase Null aus? Die Phase Null stellt die entscheidenden Weichen für den gesamten Planungsprozess. Hier müssen alle Beteiligten gemeinsam – und das ist ziemlich komplex im Schulbau – ein Raumprogramm mit Raumzusammenhängen, Nutzungsüberlagerungen und Anforderungen an die Raumqualitäten erstellen, das eine belastbare Grundlage für die weitere Planung ist. Da geht es auch um einen klugen Umgang mit dem Budget: Wie viele Quadratmeter sind möglich, worauf kann verzichtet werden, für was kann man andere Räume mitnutzen, vielleicht sogar im Stadtteil? Seit 2012 haben Sie zehn Kommunen mit je 100.000 Euro bei einer Phase Null unterstützt. Wie werden die Mittel in den Pilotprojekten eingesetzt? Mit einem Großteil wird ein Schulbauberatungsteam finanziert. Es besteht jeweils aus einem Architekten und einem Pädagogen und moderiert, berät, begleitet und steuert den Phase-Null-Prozess, zum Beispiel durch Workshops. Ein wichtiger Bestandteil ist auch eine Exkursion, bei der alle Beteiligten – das Schulverwaltungsamt, das Hochbauamt, Lehrer, Eltern, Schüler, manchmal auch Menschen aus dem Stadtteil oder der Politik – drei Schulen besuchen, die ähnliche Aufgaben beispielhaft gelöst haben. Wie weit muss man für beispielhafte Projekte fahren? Noch vor zehn Jahren hätte ich gesagt: ins Ausland. Mittlerweile kann man auch innerhalb Deutschlands beobachten, wie die veränderte Nutzung von Schulen mit Architektur zusammengeht (siehe auch aktueller Beitrag Die Schulbauwelle). Was ist bei einem solchen Beteiligungsprozess besonders zu beachten? Die größte Aufgabe ist es, ein gemeinsames Verständnis von räumlichen und pädagogischen Voraussetzungen und Zusammenhängen zu etablieren. Wichtig für Entscheidungen ist eine möglichst kleine Lenkungsgruppe – die können nicht 30 oder 40 Personen in Workshops treffen. Und dieses System muss natürlich gut kommuniziert sein, damit jeder weiß, welchen Einfluss er auf den Prozess hat – und welchen eben nicht. Wie sind Ihre Erfahrungen aus den bisherigen Pilotprojekten? Der Unterschied zu einem herkömmlichen Prozess, der ja oft ganz ohne eine Phase Null abläuft, ist schon gewaltig. Wenn die Schulgemeinde zum ersten Mal im Rahmen eines Realisierungswettbewerbs involviert wird, ist sie als Gruppe von Laien oft nicht in der Lage, plötzlich Grundrisse zu bewerten. Oft kommen dann die Überraschungen – und die Beschwerden – erst, wenn schon gebaut wird. Die Phase Null hingegen qualifiziert alle Beteiligten. Danach haben die Architekten ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse der Schule, und die Schulleitung kann bei architektonischen Fragen kompetent mitreden. Die Rollen sind klar und damit ist die Zusammenarbeit für den Rest des Planungsprozesses schon sehr gut eingespielt. Was passiert idealerweise nach einer guten Phase Null? Darüber denken wir gerade gemeinsam mit unseren Pilotkommunen nach. Ist es der offene Wettbewerb, ist es ein Gutachterverfahren oder ein Einladungswettbewerb? Und wie gestaltet man den? Gibt es schon eine Tendenz? Basierend auf den Möglichkeiten der öffentlichen Hand: auf jeden Fall ein Wettbewerb. Aber man muss alles, was man in der Phase Null erarbeitet hat, im Preisgericht auch prüfen. Das geht nicht mit 100 Arbeiten. Also muss man sich etwas Gutes überlegen, um die Teilnahme zu begrenzen – ohne nachher nur die Büros dabeizuhaben, die schon besonders viele Klassenraum- Flur-Schulen gebaut haben. Außerdem muss es wahrscheinlich eine Art Kolloquium oder eine Hospitation in der betreffenden Schule geben, um den teilnehmenden Büros die Ergebnisse der Phase Null lebendig zu vermitteln. Auch das weitere Verfahren muss die in der Phase Null gelebte Partizipation weiterführen. Kern Ihrer Arbeit sind die Schulbauberater – wie qualifiziert man sich dazu? Bei uns hat sich das aus der Arbeit am Thema entwickelt. Wir kannten Pädagogen und Architekten, die bereits als Berater zusammengearbeitet haben. Nach den ersten Pilotprojekten haben wir dann gemerkt, dass der Bedarf aus unserem Beraterpool kaum zu decken ist. Deswegen haben wir zweimal eine Weiterbildung für Architekten und Pädagogen angeboten. Aber ohne intensive Vorerfahrungen geht es nicht. Bieten Sie diese Weiterbildung weiterhin an? Dieses Jahr haben wir es nicht geschafft. Eigentlich wäre es toll, einen anderen Träger dafür zu finden. Die Anfragen von Schulen oder Kommunen mehren sich gerade. Der Bedarf steigt. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Gebildet“ finden Sie in unserem DABthema Gebildet

Vorsicht bei der Vergabe

Foto: Fotolia Um nicht EU-weit auszuschreiben, werden Planungsaufträge oft gesplittet. In manchen Fällen ist aber eine Aufaddierung richtig. Eine aktuelle Gerichtsentscheidung gibt Anlass zu Diskussionen. Text: Eric Zimmermann und Fabian Blomeyer Alles fing an mit einer Mehrzweckhalle, der Autalhalle in Niedernhausen, die saniert werden sollte. Statt die Architektenleistungen EU-weit auszuschreiben, wie es bei einer Gesamtbetrachtung des Auftragswerts eigentlich erforderlich gewesen wäre, wurde der Auftrag aufgesplittet, sodass die einzelnen Planungsleistungen unter der Schwelle lagen. Zu Unrecht, wie der Europäische Gerichtshof (EuGH) aufgrund einer Klage der Europäischen Kommission mit Urteil vom 15. März 2012 feststellte (Az.: C-574/10). Nach dem EuGH wiesen die Architektenleistungen „in wirtschaftlicher und technischer Hinsicht eine innere Kohärenz und eine funktionelle Kontinuität auf, die durch die Aufteilung dieser Leistungen in verschiedene Abschnitte entsprechend dem Rhythmus der Ausführungen der Arbeiten, auf die sie sich bezogen, nicht als durchbrochen angesehen werden können“. Deshalb seien sie im Hinblick auf die Auftragswertermittlung zusammenzurechnen; auch dann, wenn Teilaufträge – zum Beispiel aus haushalterischen Gründen – einzeln vergeben werden sollten, ist ein Gesamtauftrag nicht künstlich aufzuteilen. In Elze sollte in den Jahren 2013/14 ein Freibad in zwei Bauabschnitten saniert werden. Ausgeschrieben waren die Objektplanung, die Planung für Tragwerk und die technische Ausrüstung (Heizung-, Sanitärund Elektroinstallation); sie sollten von unterschiedlichen Fachplanungsbüros übernommen werden. Obwohl der addierte Auftragswert über dem Schwellenwert lag, gab es jeweils keine europaweite Ausschreibung der einzelnen Planungsleistungen. Die Europäische Kommission vertrat die Ansicht, dass sich Planungsleistungen auf das einheitliche Bauvorhaben der Sanierung des Freibades bezögen und jeweils typische Architektenleistungen zu erbringen wären. Klage beim EuGH reichte die Europäische Kommission am Ende doch nicht ein, weil nach Ansicht der Kommission der Bau abgeschlossen sei und damit eine „aktuelle“ Vertragsverletzung, wie dies für die Zulässigkeit einer Klage vor dem EuGH Voraussetzung ist, nicht mehr vorliege. Nicht gleichartige Planungsleistungen sind weiterhin nicht zusammenzurechnen Bei der Reform des Vergaberechts 2016 war zunächst angedacht worden, in § 3 Vergabeverodnung (VgV), der sich mit der Schätzung des Auftragswerts beschäftigt, eine Regelung aufzunehmen, wonach der Wert der Leistungen, die in einem funktionalen Zusammenhang stehen, zusammenzurechnen sei. Im Ergebnis entschied sich der Verordnungsgeber gegen die Addition. Nicht gleichartige Planungsleistungen sind nach § 3 Abs. 7 VgV weiterhin nicht zusammenzurechnen. Das sind solche Planungsleistungen wie in Elze, die sich von ihrer Art und ihrem Inhalt, aber auch in Bezug auf die Qualifikation des jeweiligen Planers unterscheiden. Wenn es jetzt mancherorts – zum Beispiel im Staatsanzeiger Baden-Württemberg vom 10. März – heißt, dass „Planungsleistungen funktional addiert werden“ müssen, stellt dies eine Meinung dar, aber keinesfalls die vergaberechtliche Rechtslage. Die Auffassung, Planungsleistungen seien sowohl nach der Neufassung des § 3 VgV einschließlich der „Gesetzesbegründung“ sowie nach der Rechtsauffassung der EU-Kommission pauschal zusammenzuaddieren, entspricht gerade nicht der Intention des Verordnungsgebers. Schließlich überrascht, dass die Europäische Kommission nun das deutsche Vergaberecht von sich aus bestimmen kann. Wäre es nicht Aufgabe der Kommission, eine rechtliche Klärung beim EuGH herbeizuführen, wenn sie sich ihrer Argumentation so sicher ist? Vermeintlichen Rückenwind erhält diese Ansicht von einem aktuellen Beschluss des OLG München (13.03.2017 – Az.: Verg15/16). Das OLG hat Zweifel, ob der Wortlaut der Auftragswertberechnung im deutschen Vergaberecht in Einklang mit europarechtlichen Vorgaben steht. In der Entscheidung heißt es aber, dass es vorliegend „keiner abschließenden Entscheidung“ bedürfe: „Jedenfalls im streitgegenständlichen Fall ist eine Addition vorzunehmen“, so die Münchener Richter. Denn der Auftraggeber selbst habe die notwendigen Planungsleistungen für sein Bauvorhaben wie folgt beschrieben: „Die Planungsdisziplinen der Tragwerksplanung, der technischen Ausrüstung, der thermischen Bauphysik und nicht zuletzt der Objektplanung müssen daher lückenlos aufeinander abgestimmt und optimiert werden. Sie bilden eine Einheit ohne Schnittstellen.“ Der Auftraggeber hat also selbst eine Einheitlichkeit beziehungsweise einen funktionellen Zusammenhang der benötigten Planungsleistungen festgestellt. Eine Notwendigkeit der Vorlage an den EuGH erkannte das Gericht daher nicht. Das verwundert, zieht doch das Gericht die Möglichkeit in Betracht, dass der deutsche Verordnungsgeber sich nicht an das Europarecht hält. Ein zweites Mal wurde so die Chance einer Klärung durch den EuGH vergeben. Wo EU-Fördermittel fließen, sollten Kommunen besser Vorsicht walten lassen Die Folge ist, dass weiterhin ein hohes Maß an Unsicherheit besteht. Anwaltskanzleien wenden sich bereits an Gemeinden und empfehlen, künftig regelmäßig die Auftragswerte aller Planungshonorare zu addieren. Deshalb gilt: Kommunen sollten dort, wo EU-Fördermittel gewährt werden, angesichts der Haltung der EU-Kommission tatsächlich Vorsicht walten lassen und sich im Zweifel mit dem Fördermittelgeber absprechen, wie der Auftragswert zu berechnen ist. In den anderen Fällen sollte zuvörderst deutsches Recht angewandt werden. Der Verordnungsgeber hat sich gegen eine pauschale Additionspflicht ausgesprochen, das OLG München betont den Einzelfallcharakter seiner Entscheidung. Maßgeblich sei die konkrete Leistungsbeschreibung des Auftraggebers. Eine klare Differenzierung nach Art und Inhalt der Planungsleistungen und Qualifikationen der jeweiligen Planer erscheint deshalb für die Entscheidung für einen Vergabeweg in jedem Fall notwendig. Eric Zimmermann ist Justiziar der Architektenkammer Baden-Württemberg. Fabian Blomeyer ist Vorsitzender des Rechtsausschusses der Bundesarchitektenkammer und Rechtsanwalt in Schäftlarn. Mit freundlicher Genehmigung des Staatsanzeigers Baden-Württemberg und der Bayerischen Staatszeitung, die den Artikel am 28. April 2017 veröffentlichten. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Leben inklusive

Vier Beispiel-Projekte aus den Regionalkonferenzen „Inklusiv gestalten – Ideen und gute Beispiele aus Architektur und Stadtplanung“, die Barrierefreiheit und kreative, anspruchsvolle Gestaltung vereinen. Texte: Christoph Gunßer Ensemble mit Zwischenräumen Mehrgenerationenwohnen, Praxen und ein Café verteilen sich auf sieben neue Stadthäuser in der Augsburger Innenstadt. Architektenkammer Bayern, Projekt „Wohnen am Römertor“: Mehrgenerationenwohnen, Architekt Roman Adrianowytsch, Augsburg Freie Mobilität für alle: Dieses Motto bezieht sich hier einmal nicht auf Autofahrer, sondern auf die Bewohner der 37 Apartments im Modellprojekt „Wohnen am Römertor“, das der Augsburger Architekt Roman Adrianowytsch unlängst unter der Regie des Wohnungs- und Stiftungsamts der Stadt realisiert hat. Zwischen Theater und Hofgarten – zentraler geht es kaum in Augsburg – integriert das Projekt sein komplexes Programm in die kleinteilige Baustruktur, indem es die Wohnungen, Treffpunkte und Praxen auf sieben neu errichtete Stadthäuser verteilt. Diese sind miteinander wie ein Reißverschluss verzahnt: Abwechslungsreiche Flure verbinden die Baukörper auf allen Etagen, und auf dem Dach gibt es gemeinschaftlich nutzbare Dachterrassen, im Hof wurden ein Gemeinschaftsgarten sowie ein Spielplatz angelegt. „Nachbarschaftliches, gemeinschaftliches Wohnen kann entscheidend zu einer sozialen Stadtentwicklung, zu Integration und der Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung beitragen“, formuliert das federführende Wohnungsamt die Zielrichtung des Projekts, das den zuvor realisierten Umbau eines benachbarten Pflegeheimes zu einer Haus- und Pflegegemeinschaft ergänzt. Im „Wohnen am Römertor“ war bewusst keine geschlossene Wohnanlage gewünscht, sondern der Bauherr strebte ein kleinteilig differenziertes Konzept für mobile und mobilitätseingeschränkte Menschen gleichermaßen an. Der verwirklichte erste Preis im Realisierungswettbewerb öffnet sich deshalb immer wieder nach außen wie nach innen: Die Zwischenräume, in denen sich Bewohner und Besucher begegnen, spielen eine wesentliche Rolle. Der Wohnungsmix umfasst alles zwischen eineinhalb und vier Zimmern, dazwischen liegen eingestreut die Räume, wo man sich begegnet. Die Eingänge zu den Wohnungen befinden sich jeweils in Nischen, zurückgesetzt vom Flur. Belichtet werden sie durch die Fugen zwischen den gegenüberliegenden Häusern. Außerdem steht der Hausgemeinschaft in jedem Geschoss ein Wasch- und Trockenraum zur Verfügung. So soll eine zwanglose Kommunikation entstehen. Als ruhiges Pendant zu diesen Zonen verfügt jede Wohnung über eine Loggia oder einen französischen Balkon. Trotz des verschachtelten Grundrisses auf vielen Ebenen sind alle Bereiche tatsächlich barrierefrei gestaltet – schließlich lautete die Devise ja „Mobilität für alle“. Durch die Verkettung der Häuser genügte ein zentraler Aufzug, um die Wohnungen behindertengerecht zu erschließen. Die Vorzonen der Wohnungen sind sehr geräumig ausgebildet. Neben Sitzbänken gibt es genug Platz, um Gehhilfen oder Rollstühle abzustellen. In den Wohnungen sind viele Fensterbrüstungen abgesenkt, um auch Rollstuhlfahrern den Ausblick zu ermöglichen. Zum Straßenniveau gilt es vom Hochparterre indes teilweise Stufen zu überwinden. Dort wird jedoch eine Hubvorrichtung für Rollstühle angeboten.   Integrationsmodell am See Eine Gärtnerei und ein Hotel in Waren an der Müritz florieren dank der Arbeit behinderter Menschen. Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern, Projekt „Arbeit und Bildung“: Lebenshilfswerk Waren/Müritz, Architekt Dipl.-Ing. Friedhelm Haas, Haas Architekten Berlin Wie sich behinderte Menschen in den Alltag integrieren lassen und sogar wirtschaftlich erfolgreich arbeiten, zeigt ein Modellprojekt auf der Halbinsel am Tiefwarensee in Waren an der Müritz, das bereits seit 15 Jahren besteht. Hier errichtete der Berliner Architekt Friedhelm Haas für das Lebenshilfswerk Waren auf der Fläche der ehemaligen Stadtgärtnerei einen öffentlichen Schaugarten in Verbindung mit einer Gewächshausanlage sowie ein Besucherzentrum für den Tiefwarensee. Das benachbarte ehemalige Internatsgebäude und die ehemalige Bürgermeistervilla aus der Zeit um 1900, beide denkmalgeschützt, wurden zu einem Drei-Sterne-Hotel umgebaut, in dem behinderte Menschen arbeiten. Als einziges Hotel am Ufer des Sees liegt es inmitten eines Parks in bester Lage. Dem Architekten gelang es, Hotel und Gärtnerei zu einem Ensemble zu formen. Die Gärtnerei bietet Arbeitsplätze für dreißig behinderte Menschen, die von dreißig Gärtnern betreut werden. In den mit breiten Gängen und Hochbeetanlagen behindertengerecht gestalteten Gewächshäusern werden die Zierpflanzen für die Grünanlagen der Stadt vermehrt, und sie dienen als Schaugewächshäuser für Besucher. Eingebettet in den stadtnahen barocken Park, bilden sie einen wichtigen Anlaufpunkt für die Touristen in Waren. Die Gewächshäuser sind ein Spezialgebiet des Architekten. Sie wurden hier als leichte Stahl-Glas-Konstruktion ausgeführt, die sich einmal mit einem Schrägdach an das Besucherzentrum anlehnt, wo die Südwand als Speichermasse aus Torfbrandklinkern gemauert wurde, zum andern frei stehend den Hofraum zur Hotelanlage räumlich fasst. Beides sind Warmhäuser, die auch exotische Pflanzen beherbergen; es werden Führungen von behinderten Menschen angeboten. Das angegliederte Besucherzentrum ist ein flach lagernder Quader – Architekt Haas konnte ihn im Rahmen eines vorhabenbezogenen Bebauungsplanes in Gänze gestalten. Die Kubatur bleibt unterhalb der Baumkronen und wurde auch im Detail zurückhaltend und kompakt gestaltet. Auf einem Sockel aus Torfbrandklinkern besteht die stadtseitige Fassade aus Lärchenholzschindeln, die mittlerweile vergraut sind, sodass sich der Baukörper vorbildlich in die Landschaft einfügt. Das Dach der Anlage wurde extensiv begrünt, eine Solaranlage integriert. Auch dieses Gebäude ist zumindest im Erdgeschoss barrierefrei gestaltet. Weitere Nebengebäude des Bestandes wurden vom Architekten durch neue Fassadenbekleidungen in das Gesamtkonzept integriert und unter anderem durch die Ergänzung von Rampen barrierefrei umgebaut.   Steinteppich und Trittsteine zum Wasser Die Freiräume der „Havenwelten“ in Bremerhaven wurden inklusiv gestaltet. Architektenkammern Niedersachsen, Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Projekt „Freiraum“: Neugestaltung eines Hafengebietes in Bremerhaven, Oliver Keil, Latz und Partner Landschaftsarchitekten, Kranzberg Seit Langem bemüht sich Bremerhaven, den brachliegenden Alten Hafen wieder an die Innenstadt anzubinden und attraktiver zu gestalten. Auf spektakuläre Großbauten wie das „Klimahaus“ folgte nun die umfassende Freiraumplanung durch das Büro Latz und Partner aus Kranzberg. Deren Masterplan sieht vor, die bestehenden Attraktionen in eine Abfolge eigenständiger öffentlicher Plätze und Promenaden einzubetten. Es handelt sich hier um eine spannende Zwischenzone, gleichzeitig Stadt und Landschaft, Gebäude und Freiraum, Hafen und Park. Da die „Wasserkante“ etwa für Sehbehinderte einige Gefahren birgt, achteten die Planer auf eine „inklusive“ Gestaltung, die für alle zugänglich und lesbar ist. So wurde die unmittelbare Uferzone über Material und Ausstattung unterschiedlich zoniert. Gesägtes Großsteinpflaster mit glatten Oberflächen charakterisiert die Hauptbewegungsflächen, während die rauen Oberflächen des gebrauchten Kopfsteinpflasters entlang der Uferkanten dem Fußgänger „Achtung, hier mit Vorsicht bewegen“ signalisieren. Straßenmöblierung und Entwässerungselemente wurden hier eigens für den Ort entwickelt und unterstreichen den besonderen Charakter der Kaianlagen. Neue Multifunktionsmasten ersetzten die alte Straßenbeleuchtung und sorgen für eine gute Ausleuchtung der Gefahrenzonen, denn gerade die Beleuchtung muss vor allem Menschen mit Handicap Teilhabe ermöglichen. Eingebettet in den Steinteppich der wiederbelebten Hafenlandschaft, sind das Klimahaus, die Shopping-Mall „Mediterraneo“ und das Hotel die neuen Attraktionen Bremerhavens. Die Gestaltung spielt mit den unterschiedlichen Höhenniveaus, kombiniert die Gebäude mit repräsentativen Treppen, großzügigen Promenaden und Plätzen über der zweigeschossigen Tiefgarage und stellt den direkten Anschluss zum Weserdeich her. Sehr interessant am neuen Steinteppich ist beispielsweise eine Rampe hinauf zum Klimahaus. Sie wurde nicht, wie üblich, irgendwie am Rand versteckt, sondern durchquert als Hauptgestaltungselement den abgetreppten Freiraum, ohne hässliche Geländer, doch konform zur DIN 18040. In dieser Anlage zeigt sich der allgemeine Trend, die jahrzehntelange Funktionalisierung von Freiräumen aufzuheben und große, einheitliche Flächen zu schaffen. Shared Space, gemeinsam genutzter Raum, lautet hierfür das Stichwort. Jeder muss hier auf jeden Rücksicht nehmen, der Schwächere hat prinzipiell Vorfahrt. In Verlängerung der innerstädtischen Straßen schufen die Freiraumplaner überdies neue Plätze als „Trittsteine“, die zum Wasser führen. Als einer der ersten markiert der Lloydplatz den Eingang zum Hafen. Alle Materialien sind aus Holz und vermitteln als Gegensatz zum rauen Seeklima eine warme und einladende Atmosphäre. Das Deck des Lloydplatzes liegt fast 20 Zentimeter über dem Natursteinteppich, ist aber auch für Gehbehinderte problemlos zugänglich.   Anregung und Schutz Gärten für Demenzkranke erfordern unterschiedliche Räume ohne Zäune sowie einprägsame Zeichen zur Orientierung. Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, Projekt „Freiräume ohne Barrieren“: Beispiele aus Weilerswist, Kerpen und Hösbach, Landschaftsarchitekt Alexander Nix, Büro Contur 2, Bergisch Gladbach Öffentliche Räume werden nun schon häufiger barrierefrei gestaltet – eine alternde Gesellschaft verlangt danach. Doch mit dem Alter kommen auch Krankheitsbilder zum Vorschein, für die eine schlichte Abwesenheit von Hindernissen zu wenig ist – gutes inklusives Gestalten umfasst deutlich mehr als das. Vor allem Demenzkranke bedürfen anderer Angebote und Anreize, um am gemeinschaftlichen Leben teilzunehmen. Die Vorliebe vieler Architekten für eine homogene, großräumige Gestaltung geht an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbei. Ihnen muss die Freiraumplanung einprägsame Zeichen an die Hand geben, die die Orientierung erleichtern, Schutz und Anregung bieten. Sie brauchen unterschiedliche Raumqualitäten auf kleinem Raum, um sich zurechtzufinden, „Ankerplätze“, aus denen sie Situationen überschauen können, um sich geborgen und sicher zu fühlen. Ungeschützt und „ausgestellt“ erleben Patienten regelmäßig Angstzustände. Ebenso gilt es, das Gefühl des Eingeschlossenseins durch Mauern oder Zäune zu vermeiden. Der Landschaftsarchitekt Alexander Nix vom Büro Contur 2 aus Bergisch Gladbach setzt sich mit der Initiative MenschWerk für solche Planungen ein und hat bereits mehrere Gärten für Demenzkranke gestaltet und dabei wesentliche Erfahrungen umgesetzt. Ein wichtiger Aspekt ist die Wegeplanung: Da Sackgassen Demenzkranke überfordern, gilt es, Rundwege zu gestalten. Diese sollten abwechslungsreich sein und sogenannte „Türöffner“ enthalten, die Erinnerungen aktivieren – und Anlass für Gespräche mit Begleitpersonen sein können: besondere Pflanzen, markante Handläufe, Wind- oder Wasserspiele. Die Gestaltung sollte möglichst auf die Biografie der Nutzer abgestimmt werden. Alexander Nix hat sogar Strandkörbe in einen Garten integriert, um bei den alten Menschen Urlaubserinnerungen wachzurufen. Weitere Beispiele aus seinem Repertoire sind „Naschgärten“, Schafgehege und Bouleplätze. Auch Düfte erreichen Demenzkranke unmittelbar. Deshalb lässt man Demenzkranke auch gärtnern, weil es sie in ihrer Ruhelosigkeit beschäftigt. In der baulichen Ausführung empfiehlt der Landschaftsarchitekt indes, Oberflächen eher ruhig zu gestalten: Muster, insbesondere im Bodenbelag, können von Demenzkranken als Barrieren empfunden werden. Ebenso könne sie bereits ein leichtes Gefälle überfordern. Wichtig ist Nix der „Wohlfühlaspekt“ der Gärten, der auch die Angehörigen und Pflegenden einschließt. Seine Initiative MenschWerk bezieht Mediziner und Psychologen ein und hat das Buch „Planungs- Praxis Öffentliche Außenräume  zum Thema veröffentlicht. Planungskonzepte für Demenzkranke enthält auch der Beitrag „Ankern am Hof“ Christoph Gunßer ist freier Fachautor in Bartenstein, Baden-Württemberg. BUCHTIPPS PlanungsPraxis Öffentliche Außenräume Barrierefreie und altersgerechte Planung und Gestaltung nach DIN 18040-3 Der in der DIN 18040-3 neu definierte Bereich „öffentliche Verkehrs- und Freiflächen“ sowie die in der Norm erstmals behandelten Anforderungen des Zwei-Sinne- Prinzips erfordern einen erhöhten Planungsaufwand, denn die Planungen müssen die Anforderungen mit den Bedürfnissen der unterschiedlichen Nutzer und ihren Mobilitätseinschränkungen in Einklang bringen. In dem Buch werden mithilfe von Abbildungen, Detailansichten und realisierten Projekten Lösungen unterbreitet. Es ist im Print- und E-Book- Format sowie als Kombi-Paket verfügbar. Forum-Verlag Herkert GmbH, 1. Auflage 2015, Preis je nach Version 69 bis 99 Euro Alle unter einem Dach Inklusiv gestalten Im Rahmen der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten und von den Länderkammern und der Bundesarchitektenkammer durchgeführten Regionalkonferenzen „Inklusiv gestalten – Ideen und gute Beispiele aus Architektur und Stadtplanung“ wurde unter der Leitung der Architektenkammer Niedersachsen auch die Broschüre „Alle unter einem Dach: Inklusiv gestalten“ erarbeitet. Darin geben unter anderem Architekten Antworten auf die Frage, welche Wohnmodelle sich in den letzten Jahren entwickelt haben. Außerdem werden Beispiele gezeigt und Hintergründe zum Thema vermittelt. Die Broschüre soll Architekten als Leitfaden und Handlungsanleitung dienen und vor allem in der von Architekten geleiteten Seminarreihe „Vom Traum zum Haus/Bauherrenseminar“ bundesweit eingesetzt werden. Die Broschüre steht auf der Website der Architektenkammer Niedersachsen als kostenloses Download-PDF zur Verfügung: www.aknds.de BKI Objektdaten S2 Sonderband Barrierefreies Bauen Der Sonderband zum barrierefreien Bauen des Baukosteninformationszentrums Deutscher Architektenkammern BKI enthält Kostenkennwerte 2017 abgerechneter Bauwerke mit Fotos, Zeichnungen und Objektbeschreibungen. Aufgenommen wurden unter anderem Büro- und Verwaltungsgebäude, Krankenbetreuung und Pflegeheime, Schulen, Kindergärten sowie Wohngebäude und Versammlungsstätten. Enthalten sind zudem Musterpositionen für die Ausschreibung barrierefreier Ausführungen, wie für Rollstuhlrampen für den Außenbereich, für taktile Handlaufbeschriftungen mit Braille- und Profilschrift, für elektromechanische Drehflügeltürantriebe und vieles mehr. Der Sonderband erscheint im August 2017, Preis: 99 Euro. www.bki.de Barrierefreiheit am Denkmal Fachtagung Die gemeinsame Veranstaltung der Architektenkammer und des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt will Wege und Möglichkeiten aufzeigen, wie verantwortungsbewusst und schonend mit erhaltenswerter Bausubstanz umgegangen werden kann, ohne dabei die Bedürfnisse einer inklusiven Gesellschaft und den Wunsch nach individueller Mobilität zu vernachlässigen. Anhand von Best-Practice Beispielen werden die Schwierigkeiten erläutert und Lösungen vorgestellt. 12. Juni, Halle (Saale), Programm und Anmeldung unter: www.ak-lsa.de Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Von Architekturpreisen, Energieeffizienz, Abfallmanagement und neuem Glanz

Der Rheinboulevard in Köln Von Architekturpreisen, Energieeffizienz, Abfallmanagement, neuem Glanz, und einer App für Stadtentdecker: die Meldungen der Ausgabe. Urbane Tribüne Gegenüber der Kölner Altstadt ist mit dem ersten Bauabschnitt des Rheinboulevards eine neue Bühne städtischen Lebens entstanden. Gleichzeitig ist die 500 Meter lange Ufertreppe auch umgekehrt eine Tribüne, vor der sich der Fluss und das Dom-Panorama ausbreiten. Für ihren Entwurf wurde das Berliner Büro Planorama nun mit dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis 2017 des bdla ausgezeichnet. Mit dem neuen Boulevard gelang es, die Deutzer Uferseite zu beleben – und ganz nebenbei wird der Rhein nicht mehr als Grenze erfahren, sondern als Zentrum eines Stadtraums. Energieeffizienz im Vergleich Die Bundesarchitektenkammer und die KfW laden alle Architekten zur Teilnahme an einer Online-Befragung zum Thema energieeffizientes Bauen und Sanieren ein. Die energie- und kostenbezogenen Daten realisierter Neubauten oder Sanierungen sollen zukünftig dabei helfen, zuverlässige Aussagen über das Verhältnis von Baukosten und energetischem Standard zu treffen. Besonders gelungene Projekte werden anschließend veröffentlicht, um Bauherren praktische Hinweise zu baulicher Umsetzung, technischen Lösungen, Planungsprozessen und Förderungen zu geben. Die Befragung dauert etwa 20 Minuten, vorausgesetzt, die nötigen Unterlagen (u. a. Energieausweis) liegen vor. Das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt. Unter den Teilnehmern werden drei iPads verlost (der Rechtsweg ist ausgeschlossen). www.energiewende-mit-architekten.de Der Menüpunkt „Für Architekten“ führt zur Umfrage Neuer Glanz Nach 16 Monaten Bauzeit wurde am 11. Mai die Kapelle der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche wiedereröffnet. Durch Abnutzung und Umwelteinflüsse war der Flachbau neben dem Glockenturm sanierungsbedürftig geworden. Besonders aufwändig waren die Ausbesserung und die Reinigung der Betonsteine mit ihren bunten Glaseinlagen. Die erforderlichen 1,4 Millionen Euro stellte die Wüstenrot Stiftung bereit, die sich mit zahlreichen Projekten für den Erhalt der Nachkriegsmoderne einsetzt. Weiteres Geld soll in eine Bauuntersuchung des Glockenturms fließen. Weniger Müll Baustoffe zu gewinnen oder herzustellen, verbraucht Ressourcen. Ein Leitfaden des baden-württembergischen Umweltministeriums informiert über das Abfallmanagement auf Baustellen, thematisiert den sparsamen Umgang mit Erdaushub und die beste Wahl von Baustoffen. Zum Download gelangen Sie hier Positionen zu Europa Es ist wieder documenta-Jahr. Da lohnt ein Abstecher in den Kulturbahnhof, wo seit 1998 engagierte Planer im historischen Hauptbahnhof das Kasseler Architekturzentrum KAZimKUBA betreiben. Bereits zum vierten Mal wird dort die documenta durch die Ausstellung „architectdocuments“ spielerisch oder ernst, ironisch oder tiefgründig begleitet. Dieses Mal präsentieren 25 internationale Architekten und Städtebauer ihre Gedanken zum Thema „Europa“ – ein Schwerpunkt, der bestens zum Motto der documenta „Von Athen lernen“ und zu ihrem zweiten Standort in der griechischen Hauptstadt passt. Die Ausstellung läuft vom 10. Juni bis zum 17. September. www.kazimkuba.de Im urbanen Dschungel Schöne Radwege kartieren, witzige Häuser fotografieren, Graffitis zählen oder auf besonders laute Orte hinweisen: All das ist möglich mit der hervorragend gestalteten App „Stadtsache“, die von StadtBauKultur NRW unterstützt wird und weltweit einsetzbar ist. Dass Kinder und Jugendliche dabei auch viel über Architektur und Städtebau lernen, tritt in den Hintergrund. Schon das Angucken der vielen tollen Bilder macht sicher auch Erwachsenen Lust auf eigene Stadtforschungen. Die zugehörige Website kann mit verständlicher Sprache, hilfreichen Foto-Tipps (sogar rechtlichen) und einer Umfrage punkten. Auch ein „Workbook“ für den Einsatz im Unterricht ist erschienen. www.stadtsache.de Klimaneutral bis 2050 Konzepte für energetisch ambitionierte Gebäude und Quartiere sind gefragt beim Ideenwettbewerb „EnEff.Gebäude.2050“. Dahinter steht die Zielsetzung eines nahezu klimaneutralen Gebäudebestands im Jahr 2050. Teams aus Planern und Bauherren können bis zum 15. August teilnehmen. Bis zum 15. September haben Stadtverwaltungen und Hochschulen Zeit, ihre Konzepte für einen zukünftigen internationalen Energiewettbewerb einzureichen. Dieser soll an die erfolgreichen deutschen Teilnahmen am „Solar Decathlon“ anknüpfen, aber dabei bis auf die Quartiersebene bezogen sein. Auslober ist der Projektträger Jülich. www.ptj.de  

Weiter mit der HOAI

Das von der EU eingeleitete Vertragsverletzungsverfahren führt nicht zur Aussetzung der HOAI. Text: Dr. Volker Schnepel Dass die EU-Kommission die verbindlichen Mindest- und Höchstsätze der HOAI lieber heute als morgen abgeschafft sehen möchte, ist bekannt. Das gegen die Bundesrepublik eingeleitete Vertragsverletzungsverfahren wegen angeblichen Verstoßes gegen die Niederlassungsfreiheit und die Dienstleistungsrichtlinie hat bislang dazu geführt, dass die Kommission im November 2016 beschlossen hat, Klage beim EuGH einzureichen. Dass dieser Klagebeschluss notwendig war, ist – so zynisch dies zunächst klingen mag – bereits ein großer Erfolg und der Standhaftigkeit der Bundesregierung zu verdanken. Bislang konnte sich die Kommission nämlich fast immer darauf verlassen, bereits mit ihrem durch die Einleitung eines Vertragsverletzungsverfahrens ausgeübten Druck gerade bei Honorarordnungen freier Berufe früher oder später erfolgreich zu sein – um dann denjenigen, die weiterhin über eine verbindliche Honorarordnung verfügen, vorzuhalten, andere hätten diese schon abgeschafft. Aus welchen Gründen die Kommission die Einreichung der Klage gegen die HOAI zwar beschlossen, sie bislang aber noch nicht eingereicht hat, ist offiziell unbekannt. Dem Vernehmen nach ist der juristische Dienst der Kommission wegen des Brexits voll ausgelastet. Darüber, ob auch andere Gründe eine Rolle spielen, kann nur spekuliert werden. „Solange der EuGH die von der Kommission behauptete EU-Rechtswidrigkeit der HOAI nicht festgestellt hat, ist sie als geltendes deutsches Recht anzuwenden.“ Bekannt ist hingegen, dass die deutschen Gerichte die HOAI bislang für EU-rechtskonform halten. In aller Eindeutigkeit hat vor Kurzem das OLG Naumburg in seinem Urteil vom 13.4.2017 (Az.: 1 U 48/11) dies bestätigt. Wichtig ist diese Entscheidung aber vor allem deshalb, weil sie – an sich selbstverständlich – klarstellt, dass die endgültige Entscheidung nur der EuGH treffen kann. Dies bedeutet vor allem: Solange der EuGH die von der Kommission behauptete EU-Rechtswidrigkeit der HOAI nicht festgestellt hat, ist sie als geltendes deutsches Recht anzuwenden. Ein Vertragspartner kann sich auch nicht darauf berufen, zunächst das Ende des Vertragsverletzungsverfahrens abzuwarten und bis dahin die Anwendung der HOAI auszusetzen. Diese wichtige Aussage bestätigt die Einschätzung der meisten Fachleute und sorgt bis auf Weiteres für Klarheit bei einer wichtigen Frage: Selbst ein „negatives“ EuGH-Urteil hätte lediglich feststellenden Charakter, aber keine rückwirkenden Folgen für laufende Verträge. Die Bundesrepublik müsste lediglich nach angemessener Zeit für die Zukunft die EU-Rechtskonformität herstellen, wie immer diese aussehen mag. Dieses Ergebnis des OLG Naumburg ist nicht nur juristisch sachgerecht, sondern auch politisch zwingend: Die Kommission ist an keinerlei Fristen gebunden. Sie könnte die Klage gegen die HOAI zum Beispiel auch erst in zwei oder fünf Jahren oder gar nicht einreichen, ohne dass das Recht hierzu durch den Zeitablauf etwa „verwirkt“ wäre. Würde die Aussetzung geltenden deutschen Rechts also bereits aufgrund der bloßen Einleitung von Vertragsverletzungsverfahren (oder gar aufgrund einer bloßen Rechtsmeinung der Kommission) möglich sein, könnte die Kommission sich noch leichter durchsetzen als vorher, ohne eine eigene Niederlage vor dem EuGH riskieren zu müssen. Die BAK und die Länderkammern haben im Zusammenwirken mit der BIngK, dem AHO und allen Planerverbänden die Bundesregierung von Anfang an sowohl argumentativ als auch politisch unterstützt und darin bestärkt, an ihrer Rechtsauffassung festzuhalten. Unabhängig vom sowohl zeitlich als auch inhaltlich offenen Ausgang des Vertragsverletzungsverfahrens gilt es daher zu prüfen, ob und inwieweit die HOAI 2013 im Einzelnen angepasst, aktualisiert und inhaltlich verbessert werden kann. Das schließt zum Beispiel auch die Frage ein, in welcher Weise die durch digitalisierte Arbeitsmethoden (zum Beispiel BIM) entstehenden neuen Anforderungen und Rahmenbedingungen in die HOAI zu integrieren sind. Dr. Volker Schnepel ist Leiter der Rechtsabteilung der Bundesarchitektenkammer. UPDATE EU-Kommission verklagt Deutschland Die Europäische Kommission geht den letzten Schritt in dem bereits 2015  eingeleiteten Vertragsverletzungsverfahren und verklagt die Bundesrepublik Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof wegen der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI). Aus Sicht der Kommission behindert die HOAI die Niederlassungsfreiheit durch ihre verbindlichen Mindestsätze. BAk-Präsidentin Barbara Ettinger-Brinckmann wies darauf hin, dass dieser Schritt der Kommission zwar bedauerlich, aber zu erwarten war: „Wir bleiben bei unserer Linie. Die Bundesregierung ist auf das Klageverfahren gut vorbereitet. Wie vor kurzem das OLG Naumburg gehen auch wir davon aus, dass die HOAI auch vor dem EuGH bestehen wird.“ Weitere Informationen zum Thema HOAI finden Sie hier.

Architektenrecht im BGB

  Foto: Fotolia Eine dreiteilige Serie gibt einen Überblick über die Reform des Bauvertragsrechts und der Mängelhaftung im Kaufrecht. Teil 1 der dreiteiligen DAB-Recht-Reihe: Allgemeines und neues Architektenvertragsrecht Text: Arndt Kresin Der Bundestag hat am 9. März 2017 das Gesetz zur Reform des Bauvertragsrechts und zur Änderung der kaufrechtlichen Mängelhaftung verabschiedet. Das Gesetz tritt am 1. Januar 2018 in Kraft und gilt für Verträge, die ab diesem Tag abgeschlossen werden. Mit der Reform werden erstmals spezielle Regelungen für das Bau- und Architektenrecht in das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) eingeführt. Das BGB trat am 1. Januar 1900 in Kraft. Seitdem oblag es der Rechtsprechung und der Literatur, Antworten auf die oftmals komplexen rechtlichen Fragen bei Planung und Bau zu liefern, die vom Gesetz nicht behandelt wurden. Die Reform ist aber keineswegs das bloße Ende einer „gesetzeslosen“ Epoche. Vielmehr ebnet sie den Weg für die Architekten und Ingenieure, an der zukünftigen Fortentwicklung ihres Rechts im parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren als Interessengruppe mitzuwirken. Änderungen im Recht des Werkvertrages und ähnlicher Verträge Das Recht des Werkvertrages und ähnlicher Verträge im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB), das bislang in den §§ 631 bis 651 m BGB und in den zwei Untertiteln „Werkvertrag“ und „Reisevertrag“ geregelt war, wird mit der Reform grundlegend neu strukturiert und in vier Untertitel unterteilt:
  • Untertitel 1 Werkvertragsrecht §§ 631 bis 650o BGB
  • Untertitel 2 Architekten- und Ingenieurverträge §§ 650p bis 650t BGB
  • Untertitel 3 Bauträgervertrag §§ 650u und 650v BGB
  • Untertitel 4 Reisevertrag §§ 651.ff BGB
Die Neugliederung und Neuerungen dieses Teils des BGB haben dazu geführt, dass selbst inhaltlich unveränderte Regelungen sich nunmehr an anderer Stelle befinden. Mit der Reform werden die vier Vertragstypen „Bauvertrag“, „Verbrauchervertrag“, „Bauträgervertrag“ und „Architektenund Ingenieurvertrag“ unter diesen Bezeichnungen neu in das Gesetz eingeführt, auch wenn sie zum Teil in inhaltlicher Hinsicht bisher schon im BGB normiert waren. Am wichtigsten für Architekten sind naturgemäß die neuen Regelungen zum Architekten- und Ingenieurvertrag. Dabei wurde der betreffende neue Untertitel 2 nicht als Teil des Werkvertragsrechts, sondern als „ähnlicher Vertrag“ eingefügt, womit klargestellt ist, dass anders, als es die Rechtsprechung bisher sah, Architekten- und Ingenieurverträge nicht mehr vollständig dem Werkvertragsrecht unterworfen sein werden, sondern nur insoweit, wie es der Gesetzgeber ausdrücklich vorsieht (s. u. „Welche Vorschriften sind auf Planungsverträge anwendbar?“). Vertragstypische Pflichten im Architekten- und Ingenieurvertrag erstmals geregelt Erstmals regelt das Gesetz die vertragstypischen Pflichten aus einem Architekten und Ingenieurvertrag (d. h. Planungsvertrag) in § 650 p Abs. 1 BGB. Danach ist der „Unternehmer“ (d. h. der Planer) „verpflichtet, die Leistungen zu erbringen, die nach dem jeweiligen Stand der Planung und der Ausführung des Bauwerks oder der Außenanlage erforderlich sind, um die zwischen den Parteien vereinbarten Planungs- und Überwachungsziele zu erreichen“. Mit dieser Definition wird hervorgehoben, dass der vertraglich geschuldete Erfolg nicht erfüllt wird, indem lediglich Leistungshandlungen abgearbeitet werden, sondern erst, wenn die vereinbarten Planungs- und Überwachungsziele erreicht sind (etwa wenn die gestalterischen Vorgaben in der Planung enthalten sind oder eine vereinbarte Kostengrenze eingehalten wurde). Zugleich enthält die Regelung die Maßgabe an die Parteien, nach Möglichkeit bei Vertragsabschluss diese Ziele zu vereinbaren. Pflicht zur Erstellung einer Planungsgrundlage mit Kosteneinschätzung Wurde ein Planungsvertrag geschlossen, ohne dass die Parteien darin Planungs- und Überwachungsziele festgelegt haben, weil der Besteller (d. h. der Auftraggeber) bislang nur vage Vorstellungen von dem Vorhaben besitzt, ist der Planer laut § 650 p Abs. 2 BGB verpflichtet, „zunächst eine Planungsgrundlage zur Ermittlung dieser Ziele zu erstellen. Er legt dem Besteller die Planungsgrundlage zusammen mit einer Kosteneinschätzung für das Vorhaben zur Zustimmung vor.“ In dieser den eigentlichen Planungsleistungen vorgelagerten Leistungsphase 0 schuldet der Planer keine Planung, sondern allenfalls Skizzen sowie zum Beispiel Angaben zum Zweck des zu planenden Gebäudes, zur Art des Daches, Geschossanzahl und ähnliche grundlegende Angaben. Ebenso stellt die Kosteneinschätzung lediglich eine grobe Prognose dar. Ein Ziel dieser Regelungen ist es, spätere Änderungen der Planungsziele, die der Auftraggeber anordnet und die sich auf die Vergütung des Planers auswirken, leichter von der bloßen Konkretisierung der ursprünglichen Planungsziele abzugrenzen. Sonderkündigungsrecht nach Vorlage der Planungsgrundlage Mit der Erarbeitung der Planungsgrundlagen ist zugleich ein Sonderkündigungsrecht sowohl für den Auftraggeber als auch den Planer verbunden (§ 650r BGB). Das Kündigungsrecht des Auftraggebers erlischt zwei Wochen nach Zugang der Planungsgrundlagen. Ist der Auftraggeber ein Verbraucher, handelt er also als Privatperson, muss der Planer ihn in Textform über dieses Kündigungsrecht und seine Rechtsfolgen unterrichten. Ohne diesen Hinweis erlischt das Kündigungsrecht nicht. Nach der Begründung des Gesetzesentwurfs soll dieser Hinweis nicht nachholbar sein; in diesem Fall bestünde das Sonderkündigungsrecht für den Verbraucher bis zur Abnahme der Leistungen aus dem Architektenvertrag fort. Der Planer seinerseits kann dem Auftraggeber eine angemessene Frist für die Zustimmung zu den Planungsgrundlagen und der Kosteneinschätzung setzen. Verweigert der Auftraggeber die Zustimmung oder erteilt er sie nicht fristgerecht, hat der Planer das Recht, den Vertrag zu kündigen (§ 650r Abs. 2 BGB). Wird das Sonderkündigungsrecht nach § 650r BGB ausgeübt, endet der Planungsvertrag für die Zukunft. Der Planer hat (nur) Anspruch auf die Vergütung seiner bis zur Kündigung erbrachten Leistungen. Recht zur Teilabnahme Für den Planungsvertrag wurde zudem ein Recht zur Teilabnahme geregelt (§ 650s BGB). „Der Unternehmer (d. h. der Planer) kann ab der Abnahme der letzten Leistung (…) der bauausführenden Unternehmer eine Teilabnahme der von ihm bis dahin erbrachten Leistungen verlangen.“ Bedeutung hat diese Regelung, falls zum Leistungsumfang des Planers die Leistungsphase 8 oder die Leistungsphasen 8 und 9 zählen. Eine Teilabnahme führt dazu, dass die Mängelhaftung für die Planungs- und Überwachungsleistung nahezu zeitgleich mit der Abnahme der zuletzt fertiggestellten Bauleistung beginnen kann und folglich nicht mehr wesentlich länger andauert als die des betreffenden Bauunternehmers. Das setzt allerdings voraus, dass der Planer die Abnahme seiner erbrachten Leistungen auch einfordert. Gesamtschuldnerische Haftung: zuerst den Bauunternehmer zur Mängelbeseitigung auffordern Bei einem Baumangel, der sowohl auf eine fehlerhafte Bauausführung des Bauunternehmers als auch auf eine unzureichende Objektüberwachung des Planers zurückzuführen ist, haften Bauunternehmer und Planer dem Auftraggeber als Gesamtschuldner. Der Auftraggeber hatte dabei bislang das Wahlrecht, ob er den Bauunternehmer auf Nacherfüllung oder den Planer auf Schadenersatz in Anspruch nimmt. Mit der neuen Regelung in § 650t BGB gilt nun das Primat der Nacherfüllung. Solange der Auftraggeber nicht den ebenfalls für den Baumangel haftenden Bauunternehmer erfolglos zur Mängelbeseitigung aufgefordert hat, kann der Planer seine Inanspruchnahme verweigern. Bleibt der Bauunternehmer untätig oder verweigert er die Nacherfüllung, hat der Auftraggeber jedoch wieder das Wahlrecht, wen er von den Gesamtschuldnern in Anspruch nimmt. Welche Vorschriften sind auf Planungsverträge anwendbar? § 650q Abs.1 BGB gibt an, welche Vorschriften aus dem Werkvertragsrecht auf Planungsverträge entsprechend anzuwenden sind. Besonders hervorzuheben sind hierbei das einseitige Anordnungsrecht des Auftraggebers gemäß § 650 b BGB (dieses wird in Kürze im zweiten Teil dieser Serie im DAB vorgestellt), die fiktive Abnahme nach § 640 Abs.2 BGB und das Kündigungsrecht aus wichtigem Grund (§ 648a BGB). Die allgemeinen Regelungen des Werkvertragsrechts gelten auch für Architektenverträge entsprechend. Die fiktive Abnahme In den allgemeinen Vorschriften wurde die fiktive Abnahme neu geregelt (§ 640 Abs.2 BGB). Als abgenommen gilt ein Werk, also auch eine Architektenleistung, wenn es fertiggestellt ist, der Auftragnehmer den Auftraggeber mit einer angemessenen Frist zur Abnahme auffordert und der Auftraggeber die Abnahme nicht innerhalb dieser Frist unter Angabe zumindest eines Mangels verweigert. Gegenüber einem Verbraucher ist auf diese Rechtsfolge in Textform hinzuweisen. Die fiktive Abnahme knüpft zukünftig also an die Fertigstellung der Leistungen und nicht, wie bisher, an die Abnahmereife an. Folglich ist eine fiktive Abnahme nach neuem Recht möglich, selbst wenn ein wesentlicher Mangel vorliegt. Kündigung aus wichtigem Grund Nach neuem Recht kann jede Partei den Vertrag aus wichtigem Grund fristlos kündigen, wenn „unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls und unter Abwägung der beidseitigen Interessen die Fortsetzung des Vertrags nicht zugemutet werden kann“ (§ 648a BGB). Eine Teilkündigung gemäß § 648a Abs.2 BGB ist möglich, wenn es sich um einen abgrenzbaren Teil der Leistung handelt; die Anforderungen an eine Teilkündigung sind damit geringer als bei einem Bauvertrag, bei dem statt des BGBs die VOB/B wirksam vereinbart wurde. Arndt Kresin ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht in München. Über die für Architekten relevanten Neuerungen können Sie sich in der dreiteiligen DAB-Reihe einen Überblick verschaffen. 1. Teil: Allgemeines und neues Architektenvertragsrecht 2. Teil: Bauvertragsrecht 3. Teil: Verbraucherbauvertrag und weitere Regelungen  Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

„Außerhalb der Norm“

Professor Dr.-Ing. Alfred Schmitz ist Honorarprofessor an der TU Braunschweig und Geschäftsführer der Firma TAC – Technische Akustik in Grevenbroich mit den Schwerpunkten Raumakustik, Bauakustik, Elektroakustik, Schwingungstechnik und Immissionsschutz. Akustikexperte Professor Alfred Schmitz im Interview über den erhöhten Schallschutz der neuen DIN 4109. Die neue Schallschutznorm DIN ist im Juli 2016 veröffentlicht und löst die alte DIN 4109 von 1989 ab. Professor Alfred Schmitz erläutert, mit welchen Änderungen Architekten zu rechnen haben, und stellt Lösungswege vor, wie die neuen Anforderungen in der Planungspraxis berücksichtigt werden können. Warum ist der bauliche Schallschutz für den Architekten überhaupt wichtig? Wir sind in der heutigen Gesellschaft extrem vielen Schallquellen und akustischen Stimulationen ausgesetzt. Deshalb wird es immer wichtiger, dass die eigene Wohnung eine Stätte der Ruhe ist, in der wir uns entspannen und vom Allttagsstress erholen können. Allerdings erschließt sich der Schallschutz für den Nutzer nicht von selbst. Er kann ihn nicht bemustern, nicht probewohnen. Ist mangelhafter Schallschutz erst mal eingebaut, lässt er sich meist nicht mehr nachrüsten. Und hier kommt der Architekt ins Spiel? Richtig. Zunächst ist es für ihn wichtig zu wissen, welche Erwartungshaltung beziehungsweise Forderungen der Bauherr an den Schallschutz hat. Dann muss er ein Schallschutzniveau als Planungsziel festlegen und es geeignet umsetzen. Einen wesentlichen Einfluss hat hier nicht nur die Eigenschaft des Baukörpers, sondern insbesondere auch die Grundrissgestaltung. So ist beispielsweise ein offener Grundriss schalltechnisch problematischer als eine klassische Gestaltung mit geschlossenen Räumen. Laute Räume, wie Bäder, sollten auch nicht an Schlafräume angrenzen. Welche Vorteile hat hierbei die neue DIN 4109 gegenüber der alten Norm? Die neue DIN 4109 besteht im Grunde wie die alte aus einem Anforderungsteil, einem Rechenverfahren und einem Bauteilkatalog. In Bezug auf die Berechnungsverfahren und den Bauteilkatalog hat die neue Norm deutliche Vorteile. So liefert sie bessere und zielsicherere Aussagen zum jeweils geplanten baulichen Schallschutzniveau. Allerdings war eine Prämisse bei der Erstellung der neuen DIN 4109, die Anforderungswerte, die zum Erhalt des Gesundheitsschutzes dienen, nicht zu erhöhen. Wie ist das zu verstehen? Die neue Norm legt in ihrem Teil 1 im öffentlich-rechtlichen Bereich baurechtliche Mindestanforderungen an den baulichen Schallschutz fest. Geändert hat sich hier allerdings für den Architekten fast nichts. Das heißt, die alten Anforderungswerte der Norm von 1989 sind in Bezug auf den Luftund Trittschallschutz mit wenigen Ausnahmen nicht verändert worden. Es gibt nur kleinere Änderungen bei den Anforderungen an Doppel- und Reihenhäuser und bei der Trittschalldämmung von Decken, die aber aufgrund entsprechender Gerichtsurteile bereits zur Planungspraxis gehören. Es gibt also keine Neuerungen bezüglich des Mindestschallschutzes. Und wie sieht es beim erhöhten Schallschutz aus? Zunächst ist festzustellen, dass die Mindestanforderungen der DIN 4109 für den Wohnungsbau in keinem Fall mehr ausreichen. Es gibt genügend Urteile des Bundesgerichtshofes (BGH), die besagen, dass für einen üblichen Wohn- und Komfortstandard ein erhöhtes Niveau geschuldet und erwartet wird. Hinsichtlich des erhöhten Schallschutzes äußert sich die neue DIN 4109 allerdings nun überhaupt nicht mehr. Es gibt bis jetzt auch kein Pendant zum Beiblatt 2 der alten Norm. Ein erhöhter Schallschutz wird also künftig vollständig außerhalb der Norm behandelt. Derzeit stehen hierfür mehrere Regelwerke zur Verfügung, die Werte für erhöhte Schallschutzniveaus ausweisen. Zum Beispiel können die VDI-Richtlinie 4100:2007 oder die Empfehlung 103 der Deutschen Gesellschaft für Akustik (DEGA) herangezogen werden. Welche Anforderungswerte empfehlen Sie für einen erhöhten Schallschutz? Nach wie vor gilt, dass eine gute Schalldämmung durch schwere Bauteile und/oder durch mehrschalige massive Wandkonstruktionen erreicht wird. Gemäß BGH muss das erhöhte Niveau einen spürbar besseren Schallschutz gegenüber den Mindestanforderungen darstellen. Dies ist bei der Luftschalldämmung bei einer Erhöhung von 3 dB, für den Trittschallschutz und den Schutz gegenüber Geräuschen aus der Wasserinstallation und haustechnischen Anlagen in der Regel bei einer Erhöhung von ≥5 dB gegeben. Die horizontale Luftschalldämmung, zum Beispiel von Wohnungstrennwänden, erhöht sich somit gegenüber den Mindestanforderungen von 53 dB auf 56 dB. Diese Werte werden unter anderem mit Wohnungstrennwänden aus massiven schweren Schalen mit einer Rohdichte von jeweils ≥2,0 sowie mit ausreichend schwer dimensionierten Außenwänden erzielt. Wie sieht bezüglich des Schallschutzes die vertragliche Regelung Architekt – Bauherr aus? Gegenüber den öffentlich-rechtlichen Mindestanforderungen ist die Festlegung eines erhöhten Schallschutzes ein privatrechtlicher Vorgang, der vertraglich schriftlich festgelegt werden sollte, zum Beispiel in einer ausführlichen Baubeschreibung. Ich empfehle, hier explizit auch genaue Zahlenwerte zu nennen, um spätere Streitigkeiten zu vermeiden. Sie nannten bereits das neue Berechnungsverfahren. Womit muss der Architekt rechnen? Mit den rechnerischen Nachweisen und dem deutlich umfangreicheren und differenzierteren Bauteilkatalog ist das Rechenverfahren jetzt viel genauer und gibt dem Architekten eine zum Teil deutlich höhere Planungs- und Ausführungssicherheit. Zum Beispiel werden nun für die Berechnung des Bau-Schalldämm-Maßes R’w im Massivbau alle an der Schallübertragung beteiligten Wege – ein direkter Weg und zwölf Flankenwegsanteile, also insgesamt 13 Übertragungswege – eingerechnet. Dabei wird auch der Anschlussbereich zweier Bauteile berücksichtigt. Das ist neu: Für die Berechnung des Bau-Schalldämm-Maßes R´w im Massivbau werden jetzt alle 13 Schallübertragungswege eingerechnet: ein direkter Weg und zwölf Flankenwegsanteile. Zur Berechnung gibt es Softwareprogramme. Zum Beispiel sind mit dem Kalksandstein-Schallschutzrechner Schwachstellen in der Schallübertragung einfach zu erkennen und zu analysieren. Unter www.kalksandstein.de steht die Software kostenfrei zum Download zur Verfügung. Können die neuen Nachweisverfahren auch von Hand durchgeführt werden? Prinzipiell ja. Aber der Aufwand wäre vergleichsweise groß, da zum Beispiel alle infrage kommenden Schallübertragungswege einzeln zu berechnen und alle beteiligten Bauteile, insbesondere die flankierenden Bauteile, sowie die entsprechenden Anschlussbereiche zu berücksichtigen sind. Zur Berechnung gibt es aber geeignete Softwareprogramme, wie den KS-Schallschutzrechner der Kalksandsteinindustrie für den Massivbau. Mit ihm sind Schwachstellen in der Schallübertragung – wie zu leichte flankierende Außenwände oder ungünstig ausgeführte Anschlussstellen – einfach zu erkennen, zu analysieren und zu vermeiden. So kann das Gebäude schalltechnisch gezielt optimiert werden. Mit welchen Konstruktionen kann der Architekt beim Schallschutz im Wohnungsbau auf Nummer sicher gehen? Zunächst sollten alle Wände, auch die flankierenden Wände, schwer genug dimensioniert werden. Bei Außenwänden sollten auch keine leichten Steine verwendet, sondern, auch wenn dies aus wärmeschutztechnischen Gründen oft nicht gewünscht wird, möglichst schwere Steine eingesetzt werden. Hierdurch reduziert sich unter anderem die sogenannte Körperschallempfindlichkeit des Gebäudes gegenüber Geräuschen, die nach Norm als Nutzergeräusche gelten und an die keine Anforderungen gestellt werden. Hierzu zählen beispielsweise das Öffnen und Schließen von Fenstern und nicht zuletzt auch der „fallende” Toilettendeckel. Werden die Regeln zur Festlegung eines geeigneten Schallschutzniveaus, einer günstigen Grundrissgestaltung sowie im Massivbau die Regeln der schweren Bauweisen beachtet, lassen sich schalltechnisch hochwertige Gebäude mit hoher Zufriedenheit der Nutzer sicher planen. Das Interview führte Dipl.-Ing. Bernd Niebuhr aus Hannover. Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier   

Burgherr vs. Center-Manager

Schwierige Entscheidung in Zwiesel: Ritterburg oder Outlet-Center – was zieht mehr? Marktanalyse: Heiko Haberle Was wird landauf, landab nicht alles versucht, um die Verödung von Kleinstädten zu verhindern: Fachwerkhäuser werden barrierefrei und familienfreundlich saniert, neue Gemeindezentren gebaut, Dorfplätze erneuert. Sogar von Pop-up-Stores in leeren Läden will man schon gehört haben. Und natürlich haben sich Forschungsprojekte, Förderprogramme und Bauausstellungen den ländlichen Raum vorgenommen. Strahlendes Vorbild ist Blaibach im Bayerischen Wald, das nun ein Konzerthaus hat und Festspiel-Touristen sowie Architekturpreise magnetisch anzieht. Nur 50 Kilometer entfernt, in Zwiesel, will jetzt die Renaissance Projektierungs GmbH aus Fichtelberg zeigen, dass es auch einfacher geht: mit einer Burg auf einem Berg – nicht im Stil der Renaissance, sondern als Erlebnis-Hotel in Gestalt einer Ritterburg des 11. Jahrhunderts. Doch der dynamische Geschäftsführer begeht sogleich einen Stilbruch und tritt nicht in der Kutte, sondern im schicken Anzug vor die Kameras des Bayerischen Rundfunks. Dessen Polit- Magazin „quer“ – verlässliches Trüffelschwein für Baupossen und -kuriositäten – hat auch die Zwieseler befragt. Die fürchten ein Mittelalter-Disneyland mitten im Naturpark und erwarten eine Verkehrsbelastung Burgherr versus Center-Manager „wie am Stachus“. Außerdem hätten „Fledermäuse Vorrang vor Burganlagen“. Der Bayerische Wald brauche sanften Natur-Tourismus. Dem Marketing, das die geplante „Burg Rothberg“ für „Abenteurer und Selbstentdecker“ haargenau so anpreist und das ebenfalls geplante „Handwerksdorf Merzenried“ als „Natur-, Lehr- und Erlebnispark“ deklariert, glaubt einfach niemand. Aber sanfte Wander- oder Kanu-Touristen helfen dem Zwieseler Bürgermeister angesichts von Abwanderung und Ladensterben ohnehin nicht weiter. Ganz vorbildlich möchte er die Innenentwicklung voranbringen und hat schon eine Idee: Zwiesel soll zum bewohnten Outlet-Center werden. Auf der Straße vor den ausgeräumten Schaufenstern kommt die Idee gut an. Endlich wieder schöne Konsumwelten vor Ort, damit das mit dem Online Shopping mal ein Ende habe. Klingt irgendwie erst recht nach Stachus. Vielleicht also doch lieber die Burg? So was mögen doch auch Fledermäuse.

Luftveränderung

Sollen Gebäude die Anforderungen an eine gesunde Raumluft erfüllen, muss der Architekt besonders auf die Qualität der Baustoffe achten. Diese Aufgabe wird nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs deutlich komplexer. Text: Peter Bachmann Von vielen Akteuren immer noch unbeachtet, entfaltet ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Praxis der deutschen Baustoffzulassung enorme Wirkung auf alle am Bau Beteiligten. Vor allem die Architekten sitzen zwischen den Stühlen, wenn es darum geht, Gebäude zu bauen oder zu sanieren, die den Kriterien des Umweltbundesamtes an eine gesündere Innenraumluft entsprechen sollen. Doch was ist jetzt anders? Am 16. Oktober 2016 trat in der Rechtssache C-100/13 das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in Kraft, das bereits zwei Jahre zuvor gefällt worden war. Damit setzt die EU den Anspruch auf den Vorrang des freien Warenverkehrs gegenüber nationalstaatlichen Regelungen jetzt auch im Baubereich um. Konkret bedeutet das, dass für in der EU harmonisierte Bauprodukte, das sind Produkte, für die eine europäische Norm existiert, keine zusätzlichen nationalen Zulassungskriterien mehr gelten. Demnach dürfen für die Produktgruppe nur noch Bauprodukte hergestellt, gehandelt und verbaut werden, die lediglich über eine CE-Kennzeichnung verfügen. Die der CE-Kennzeichnung zugrunde liegenden EU-Normen berücksichtigen allerdings nur die Übereinstimmung des Produktes mit den vom Hersteller erklärten Eigenschaften; Vorgaben zu Emissionen von Schadstoffen sind in den EU-Normen bislang nicht enthalten. Dabei sieht die europäische Bauproduktenverordnung (BauPVO) ausdrücklich vor, dass Mitgliedsstaaten auf die Ergänzung der zugrunde liegenden EU-Normen hinwirken sollen. Daher hatte Deutschland 2015 auch gegen sechs unvollständig harmonisierte Bauproduktnormen Einwände erhoben, von denen die Normen für Holzfußböden und Sportböden zurückgewiesen wurden. Dagegen hat die Bundesregierung am 19. April 2017 Klage erhoben. Bis zur Klärung des Rechtsstreites behalten daher die deutschen Vorgaben für die Emissionsprüfung für Holzfußböden und Sportböden weiter ihre Gültigkeit. Für alle anderen für die gesundheitliche Qualität von Innenräumen relevanten Produktgruppen, wie Boden- und Wandbeläge, Klebstoffe, Estriche, Wand- und Deckenverkleidungen, Holzwerkstoffe, Putze, Mauersteine, Abdichtungen, Wärmedämmstoffe, Zemente und Betonfertigteile, enthalten die EU-Normen zu Emissionen von Schadstoffen keinerlei Vorgaben. Die Konsequenzen des Urteils stehen den Bestrebungen entgegen, Gebäude so zu bauen oder zu sanieren, dass sie nach Fertigstellung die Kriterien des Umweltbundesamtes an eine gesündere Innenraumluft mit Sicherheit einhalten. Auch bei den Nachhaltigkeitszertifizierungen von Gebäuden nach DGNB, BNB, LEED oder dem NaWoh-Standard sind zu hohe Innenraumbelastungen als „K.-o.-Kriterien“ definiert. Verantwortung verlagert Das EuGH-Urteil hatte auch eine Neustrukturierung und Änderung der Musterbauordnung (MBO) zur Folge. Die Bauregellisten des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt) verloren ebenfalls ihre Gültigkeit. Die prinzipiellen Anforderungen an die Sicherheit von Gebäuden haben sich zwar grundsätzlich nicht geändert; sie unterliegen nach wie vor der nationalstaatlichen Regulierung. Es wurden jedoch die Verantwortlichkeiten hinsichtlich der Sicherheit von Bauprodukten von der nationalstaatlichen auf die private Ebene verlagert – angefangen beim Hersteller über den Handel, die Architekten und Bauunternehmen bis hin zu den Bauherren und Investoren. Diese Verantwortlichkeiten betreffen alle sicherheitsrelevanten Kriterien eines Bauproduktes, neben seiner gesundheitlichen Qualität zum Beispiel auch Fragen des Brandschutzes, der Standsicherheit und des Schallschutzes. Das vom Architekten zu erfüllende Schutzniveau bleibt zwar gleich, aber die konkrete Anforderung „gesunde Innenraumluft“ wurde entgegen der Empfehlung des Umweltbundesamtes nicht in die MBO aufgenommen. Inwieweit die Bundesländer der Empfehlung in ihren Landesbauordnungen folgen, bleibt abzuwarten. Die bislang von Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen entsprechend novellierten Landesbauordnungen enthalten lediglich die bisherigen Anforderungen, etwa in § 3 „Allgemeine Anforderungen“. Eine Frage der Haftung Für Architekten stellt sich die Situation aktuell sehr unübersichtlich dar. Zum einen muss bei der Überprüfung von Produkteigenschaften geklärt werden, welche Art von Nachweis vorliegt. Denn es gibt im europäischen Bauproduktenrecht für die Bauprodukthersteller eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Übereinstimmung ihres Produktes mit europäischen Vorgaben zu erklären. Ob und welche Angaben der Hersteller zur (gesundheitlichen) Qualität seines Produktes macht, bleibt ihm überlassen. Auch ob und in welcher Form er die gesundheitliche Qualität seiner Produkte von Dritten überwachen lässt, steht dem Hersteller offen. Bauherren werden versuchen, die Verantwortung an die Architekten weiterzugeben. Mit der Verantwortung würden auch Haftungsfragen entsprechend weitergereicht. Architekten käme damit die Aufgabe zu, Erklärungen auf Übereinstimmung mit den gesetzlichen Vorgaben oder der Ausschreibung durch den Investor zu überprüfen. Das bedeutet nicht nur einen enormen verwaltungstechnischen Aufwand, sondern auch ein entsprechendes Haftungsrisiko. Wichtige Labels: Durch die Liberalisierung des deutschen Bauproduktemarktes ist die Bedeutung von Prüfzeichen deutlich gestiegen. Qualitätskriterien für Baustofflabel Für Architekten, deren Planungsziel eine überprüfbar gute gesundheitliche Qualität des Bauwerks ist, spielen deshalb verlässliche und belastbare Prüfzeichen für Bauprodukte eine zentrale Rolle. Dafür müssen die Bauprodukte von einem akkreditierten Labor geprüft und zertifiziert werden. Die Bedeutung solcher Prüfzeichen ist durch die Liberalisierung des deutschen Bauproduktemarktes in der Folge des EuGH-Urteils weiter gestiegen. Ein Beispiel ist das TÜV-Rheinland- Prüfzeichen „Schadstoffgeprüft“. In Kooperation mit dem Sentinel Haus Institut wird dieses Prüfzeichen zur Schaffung von Klarheit und Transparenz bezüglich der gesundheitsbezogenen Eigenschaften von Bauprodukten in den Markt gestellt. Mit diesem anspruchsvollen Zeichen dokumentieren Hersteller auf freiwilliger Basis in Anlehnung an das bewährte AgBBSchema die hohe gesundheitliche Qualität ihrer Bauprodukte. Die Gültigkeit sowie die Inhalte des Zertifikats können in der „Certipedia”-Datenbank des TÜV Rheinland überprüft und eingesehen werden. Darüber hinaus gibt es weitere, alternative Prüfzeichen für Bauprodukte, die das Sentinel Haus Institut in Zusammenarbeit mit dem TÜV Rheinland im Rahmen ihrer gemeinsamen Initiative „Gesündere Gebäude“ anerkennen und als Voraussetzung für die Listung von Bauprodukten auf der Onlineplattform www.bauverzeichnis.gesündere-gebäude.de akzeptieren. Diese enthält aktuell rund 1.700 hinsichtlich Schadstoffemissionen geprüfte Produkte aller Sparten. Diese können von registrierten Nutzern recherchiert, zu persönlichen Merklisten zusammengefasst und exportiert werden. Zudem stehen Leitfäden und Empfehlungslisten für Ausschreibungs- und Vergabeaspekte zur Verfügung, die Architekten, Bauunternehmen und Bauherren zusätzliche Sicherheit bieten. Peter Bachmann ist Geschäftsführer des Sentinel Haus Instituts in Freiburg. INFO Gesundheitliches Qualitätsmanagement Gebäude, die entsprechend dem Qualitätsmanagement des Sentinel Haus Instituts in innenraumrelevanten Bereichen mit geprüft emissionsarmen Baustoffen errichtet werden und deren Innenraumluftqualität nach Fertigstellung vom TÜV Rheinland überprüft wurde, können eine Prüfbescheinigung erhalten, die die Einhaltung der Grenzwerte bestätigt. Die Objekte können dann im Bauverzeichnis „Gesündere Gebäude“ präsentiert werden. Fachkonferenz zu Konsequenzen des EuGH-Urteils Am 15. November 2017 veranstalten der TÜV Rheinland und das Sentinel Haus Institut in Köln eine eintägige Fachkonferenz mit Experten und Baupraktikern zum aktuellen Stand der Umsetzung des EuGH-Urteils und zu seinen Konsequenzen für die Bauwirtschaft. Die Veranstaltung richtet sich an Investoren und Bauherren, Architekten, Bauunternehmen, Sachverständige, die Wohnungswirtschaft und andere Akteure. Das Programm und die Referenten werden veröffentlicht auf: www.gesündere-gebäude.de Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Die Schulbauwelle

Lernlandschaft: Klassenräume ohne Türen, gläserne Wände, bequemes Sofa – so sieht eine zeitgemäße Lernumgebung in der Berufsschule in Hamburg-Eidelstedt (SchröderArchitekten, 2017) aus. Das vielfältige Angebot an Arbeitsplätzen in diesem kleinen „Campus“ nutzen selbst die Lehrer. Der Investitionsrückstau an deutschen Schulen ist ein Dauerthema. Doch langsam kommt Bewegung in den Schulbau. Viele Städte verabschieden sich von der Flurschule und planen Neubauten, die sich an Reformkonzepten orientieren. Text: Doris Kleilein Erinnert sich noch jemand an das Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung? Oder an das Konjunkturpaket II? Mit den beiden großen Bauprogrammen sind in den letzten 15 Jahren bereits beträchtliche Mittel in den Schulbau geflossen. Vier Milliarden Euro ließ sich die Regierung Schröder von 2003 bis 2007 den Ausbau der Ganztagsschulen kosten, weitere zehn Milliarden Euro stellte der Bund nach der Finanzkrise 2008 bereit, um die Bauwirtschaft anzukurbeln – Geld, mit dem auch viele Schulen saniert und erweitert wurden. Doch der Bedarf ist nach wie vor enorm: In einer Umfrage der KfW-Bank im September letzten Jahres schätzten die Kämmerer deutscher Kommunen, dass weitere 34 Milliarden Euro in die Sanierung von 53.500 Schulen investiert werden müssen. In der Berufsschule in Hamburg-Eidelstedt gruppieren sich je drei Unterrichtsräume um eine gemeinsame Zone. Zwei solche Cluster gibt es pro Etage. Im Schulbau rächt sich nicht nur die jahrzehntelange Vernachlässigung des Bestands. Viele Experten fordern auch, dass Schulen radikaler neu gedacht werden müssen, um im internationalen Vergleich der Bildungssysteme mithalten zu können. „Wir haben nicht nur einen Investitions-, sondern auch einen Innovationsrückstand“, so Karl-Heinz Imhäuser, Vorstand der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. „Konzepte aus der Vergangenheit werden für die Zukunft betoniert.“ Allzu oft wurden unter dem hohen Zeitdruck althergebrachte Raumkonzepte nicht infrage gestellt und Schulen nur halbherzig um Mensa oder Hortraum erweitert. Dabei haben sich seit dem „Pisa- Schock“ im Jahr 2000 die Anforderungen an die pädagogische Arbeit so verändert wie zuletzt in den Siebzigerjahren. Das rhythmisierte Lernen in der Ganztagsschule, bei dem Unterrichts- und Freizeitangebote sich abwechseln, verlangt flexible Raumprogramme. Hinzu kommen die Inklusion, die Digitalisierung, mehr soziale Arbeit – und zuletzt auch die Aufnahme von etwa 300.000 Flüchtlingskindern an deutschen Schulen. Mag es im Bestand auch mühsam sein, neue Raumprogramme zu implementieren: Die Neubauwelle, die gerade anrollt, bietet die Gelegenheit für weitreichende Reformen. Viele Städte verzeichnen Zuzug und damit explodierende Schülerzahlen – allein in Berlin rechnet man mit 75.000 zusätzlich benötigten Schulplätzen bis zum Jahr 2024/25 und hat ein Schulbauprogramm mit 30 Neubauten aufgelegt. Da die Zeit drängt, wurde in der Hauptstadt Mitte letzten Jahres eine „Task-Force“ aus Verwaltung, Architekten und Schulvertretern gegründet, mit deren Hilfe die üblichen Planungs- und Bauzeiten von bis zu neun Jahren auf die Hälfte reduziert werden sollen. Doch nicht nur Berlin muss handeln: In vielen größeren Städten sollen Schulen gebaut werden. München und Leipzig haben jeweils mehr als dreißig Schulen angekündigt, Bremen sechs, Frankfurt am Main neunzehn. Das Lernhauskonzept Während skandinavische Länder seit Langem mit spektakulären Schulbauten wie dem „Ørestad Gymnasium“ in Kopenhagen (3xn Architekten, 2007) auf sich aufmerksam machen, tut man sich in Deutschland schwer mit offenen Lernlandschaften. Doch wer beim Schulbau noch lange Flure mit Klassenzimmertüren vor Augen hat, muss auch hierzulande umdenken. „Lernhäuser“ heißt das Konzept der Stunde, nach dem große Schulen in überschaubare Einheiten aufgeteilt werden. Dass in München bereits alle neuen Schulen nach dem Lernhausprinzip gebaut werden, ist das Verdienst von Rainer Schweppe. Der Schulentwicklungsexperte hat in München als Referatsleiter für Bildung und Sport das „Münchner Lernhauskonzept“ implementiert und zuvor in Herford das Modell der Offenen Ganztagsschule nach skandinavischem Vorbild eingeführt. Jetzt berät er auch den Berliner Senat. „Die Unpersönlichkeit großer Schulen wird aufgelöst und es entsteht ein besonderes Miteinander“, so Schweppe. „Es gibt nach unseren Erfahrungen weniger Sitzenbleiber, weil ein Lehrerteam über Jahre hinweg für die Entwicklung einer bestimmten Gruppe von Schülern verantwortlich ist.“ Im Lernhaus arbeiten die Schüler aller Klassenstufen in räumlichen und organisatorischen Clustern. Mehrere Klassen bilden eine kleine Schule in der Schule, mit Lern-, Unterrichts- und Ruheräumen, aber auch mit eigenen Garderoben, Toiletten und einer Lehrerstation. Die Räume eines Lernhauses gruppieren sich um eine Mitte: ein Forum, das im Lauf des Tages flexibel genutzt wird. Mit dem Abschied von der Flurschule trennen sich viele Städte auch von veralteten Musterraumprogrammen zugunsten neuer Raum- und Funktionsprogramme. Das Angebot an „pädagogischnutzbaren Flächen“ wird vor allem durch die Foren und Differenzierungsräume erweitert, aber je nach Stadt und Schultyp kommen auch Inklusionsräume, die es bislang nur in speziellen Schwerpunktschulen gab, eine Vergrößerung der Unterrichtsräume oder eine Erweiterung der Mensa und der Küchenbereiche hinzu. Im Neubau (oben rechts) der Neuen Schule Wolfsburg sind die allgemeinen Unterrichtsbereiche in Jahrgangsclustern mit je vier Klassenräumen organisiert, die sich zur gemeinsamen Mitte öffnen. Mehr Angebot, höhere Kosten? Mehr pädagogisches Angebot bedeutet aber auch: Die Schulen werden größer. Im Berliner Schulbauprogramm steigt die Nutzfläche für jeden Schüler von 3,98 auf 5,21 Quadratmeter. Eine erste Kostenschätzung sieht 22,6 Millionen Euro Baukosten für eine dreizügige Grundschule vor (KG 200–700), etwa 5,2 Millionen Euro mehr als im bisherigen Modell. „Es ist unsere Aufgabe, kostengünstige Lösungen zu finden“, so die Präsidentin der Berliner Architektenkammer Christine Edmaier. Um die Kosten gering zu halten, könnte die Möblierung der Schulen zumindest teilweise in den architektonischen Entwurf integriert werden, anstatt teure Möbel aus dem Katalog zu bestellen. Auch in Sachen Lüftung, Akustik und Brandschutz sollen kreative Lösungen gefunden werden, etwa das Zusammenlegen von Fluchtwegen und Erschließung. Ein zentraler Gedanke bei der Kostenersparnis ist die flexible und sinnvolle Nutzung von Flächen: Flure werden zu Foren, Räume nicht nach Vormittag (Schule) und Nachmittag (Hort) getrennt, sondern den ganzen Tag über unterschiedlich genutzt. „Durch die integrierte Nutzung von Vor- und Nachmittagsräumen entstehen hochwirtschaftliche Schulen. Das wird sich langfristig bewähren“, kommentiert Rainer Schweppe. Auch die Öffnung der Schulen in den Stadtteil hinein soll weiter ausgebaut werden, wie es Hamburg bereits mit dem „Bildungszentrum Tor zur Welt“ (bof Architekten, 2013), einem Vorzeigeprojekt der IBA, umgesetzt hat. Nicht nur Sporthallen sollen, wie bislang, von externen Vereinen genutzt, auch Bibliotheken, Seminarräume und Foren können sich für die Erwachsenenbildung öffnen und zum sozialen Treffpunkt im Kiez werden. Pilotprojekte werden an vielen Orten entwickelt. In Köln entsteht beispielsweise die „Bildungslandschaft Altstadt Nord“, indem sieben Bildungseinrichtungen gemeinsam ein Raumprogramm entwickelt haben: Unterm Strich sind die Kosten geringer, als wenn jede Schule einzeln geplant hätte – und durch die Bündelung von Kapazitäten wird oft ein Mehrwert erzeugt, wie ein gemeinsam nutzbares Selbstlernzentrum oder eine Schulküche, die sich die Institutionen einzeln nicht hätten leisten können. In den Niederlanden wird diese Öffnung seit Jahrzehnten mit guten Erfahrungen praktiziert, sie setzt allerdings auch eine gewisse Offenheit und Flexibilität der Nutzer voraus. Partizipation kontra Typisierung Ob sich durch Partizipation generell Einsparmöglichkeiten im Schulbau finden lassen, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Partizipation sollte im Schulbau grundsätzlich verankert werden“, so Susanne Hofmann, die mit ihrem Büro „Die Baupiloten“ bereits viele Schulen unter Teilhabe der Schulgemeinschaft umgestaltet hat. „Allerdings haben nur wenige Architekturbüros das Know-how, wie Partizipationsprozesse ablaufen, und müssten eigentlich mit Experten zusammenarbeiten.“ Rainer Schweppe wiederum hält Partizipation beim Neubau von Schulen für schwierig, da es in der Planungsphase noch keine Schulgemeinschaft gibt, die man einbeziehen könnte. Die Aufteilung in Lernhäuser bietet allerdings einen klaren Rahmen für Architekturbüros: Räumliche Beziehungen müssen nicht neu erarbeitet werden, sondern sind bereits definiert. Architekten könnten sich auf die Ausformulierung der Raumprogramme am jeweiligen Standort und auf die architektonischen Themen wie Transparenz, Blickbeziehungen, Materialität und Konstruktion konzentrieren. „Eine Typisierung und Modularisierung zumindest in Teilbereichen bietet sich an“, so Schweppe. Die Lernhäuser als autarke Minischulen können bestehende Gebäude erweitern, auch können gleiche Schultypen gebündelt werden. „Man sollte die Architektur allerdings nicht zu sehr festschreiben, da dies die Kreativität einschränkt“, so Hofmann. Clever ausgenutzt: Auf kleiner Fläche bietet der Außenraum der evangelischen Grund- und Gemeinschaftsschule Jakobus in Karlsruhe (wulf architekten, 2013) viele Möglichkeiten. Das verdankt sich der Idee, die Dachfläche der Sporthalle als zusätzliches Spiel- und Sportfeld zu gestalten. Die Schulen der Zukunft Ob Typenschule, individuell entworfene Gebäude, Umbauten oder gar Umnutzungen: Wer wissen will, wie gute Schulen heute entwickelt werden, kann dies in den „Leitlinien für leistungsfähige Schulbauten in Deutschland“ der Montag Stiftung nachlesen (aktuelle Ausgabe 2014). Die architektonische und stadträumliche Qualität neuer Schulen hängt allerdings auch entscheidend von den Planungs- und Bauverfahren ab, die von den Städten ausgeschrieben werden. Wird es offene Wettbewerbe geben, bei denen auch kleinere und jüngere Büros eine Chance haben? Oder kommen nur Generalplaner zum Zuge, die bereits eine Schule gebaut haben und einen Jahresumsatz aufweisen können, der für die meisten Büros schwindelerregend hoch ist? Zweistufige Verfahren wären denkbar, die zunächst allen Architekturbüros offenstehen und in der zweiten Phase mit Partnern wie Haustechnikern und Landschaftsarchitekten ergänzt werden. Gerade wenn die finanziellen Mittel bescheiden sind, ist Kreativität gefragt. In Städten mit hohem Leerstand werden zum Teil auch bestehende Liegenschaften genutzt, wie dies beispielsweise die nach der Wende gegründeten Jenaplanschulen praktizieren: In Weimar ließ sich die Schule auf zwei Standorte ein und zog mit einem Teil der Schule in einen Plattenbau am Stadtrand, in Nürnberg belegte sie über Jahre hinweg sogar Räume in einem ehemaligen Industriebau, dem leer stehenden Quelle-Gebäude von Ernst Neufert. Wie die Schule der Zukunft aussieht, wird derzeit in vielen Ländern neu definiert – in der Schweiz und in Japan etwa lösen Schulen wie das transparente, vom Industriebau beeinflusste Schulhaus am Leutschenbach in Zürich (Christian Kerez, 2008) oder die Grundschule ohne Wände und Türen in Uto (CAt, 2008) traditionelle Typologien auf. Es wird Zeit, dass auch aus Deutschland internationale Impulse für den Schulbau kommen. Doris Kleilein ist Architekturjournalistin und Redakteurin der Bauwelt in Berlin. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Gebildet“ finden Sie in unserem DABthema Gebildet

Architektur für Architekten

Dorfzentrum: Der Neubau ist auf einer Seite von Bestandsgebäuden umgeben. In der historischen Produktionshalle links entstehen die Studios für die Studenten. Das neue Architekturgebäude der Uni Kassel ist gestalterisch gelungen. Doch die Planungskultur bei der Entwicklung des gesamten Campus wird kritisiert. Text: Heiko Haberle Ganz anders sollte die Gesamthochschule Kassel werden, als sie 1971 gegründet wurde: interdisziplinär und offen in der Ausrichtung, baulich kleinteilig und innenstadtnah. Dass am vorgesehenen Standort auf dem ehemaligen Gelände der Henschel-Werke gut erhaltene Industriehallen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgerissen wurden, passte aber nicht so ganz ins Bild einer Reformhochschule. Schon eher das postmoderne Dorf, das in den 1980er Jahren von den Stuttgarter Architekten Höfler und Kandel als Herzstück des Campus gebaut wurde. Trotz Kritik an seinen Gassen und Pergolen und funktional teilweise fragwürdigen Lösungen hat sich über die Jahre in „Schlumpfhausen“, wie es liebevoll genannt wird, eine lebendige kleinstädtische Idylle eingestellt. Sie lebt von der Mischung aus Bibliothek, Mensa, Büros und Hörsälen mit eingestreuten Cafés, studentischen Initiativen und Wohnungen. Als Hessen 2007 das Hochschul-Investitionsprogramm „Heureka“ auflegte, nahm man in Kassel eine nördliche Erweiterung des Campus in Angriff, um die räumliche Enge zu beheben und Fakultäten von anderen Standorten abzuziehen. Den Wettbewerb gewann 2008 das junge Berliner Büro raumzeit. Die Architekten Jan Läufer, Friedrich Tuczek und Gunnar Tausch hatten sich im Studium an der TU Berlin kennengelernt. Läufer und Tuczek waren danach wissenschaftliche Mitarbeiter in Kassel gewesen. „Wir wollten Qualitäten des alten Campus, etwa den menschlichen Maßstab, aufnehmen, dabei aber weniger verwinkelte Räume schaffen“, sagt Läufer. Ihr Plan setzt sich aus relativ dicht gestellten polygonalen Baukörpern zusammen, die eine Abfolge von Plätzen und nur angedeutete Achsen erzeugen. Neun Jahre nach dem Wettbewerb steht etwa die Hälfte der Neubauten. Schon jetzt wird deutlich, dass der neue Campus auch vom Imagewandel deutscher Universitäten zeugt. Statt Bildungsexperimenten stehen die Außenwirkung und Kooperationen im Vordergrund. Entsprechend verschwand auch die „Gesamthochschule“ gänzlich aus dem Namen. Wo in „Schlumpfhausen“ alles gemischt war, wird nun nach Funktionen getrennt: ein zentrales Hörsaalzentrum – das sich auch vermieten lässt –, ein Studentenwohnheim, eine Kita, ein noch zu sanierender Altbau für den AStA und andere studentische Initiativen. Ein „Selbstlernzentrum“ mit fast 350 Arbeits- und Ruheplätzen hat gerade eröffnet (siehe aktueller Beitrag: Bildungsland Deutschland), ebenso ein „Science Park“ für Start-up-Ausgründungen. Dass bei den bisher fertiggestellten Häusern metallische Fassaden überwiegen, ist vermutlich einem von raumzeit verfassten Gestaltungshandbuch geschuldet, das für den südlichen Bereich silbrige Fassaden vorsieht. Farbverlauf: Ein Gestaltungshandbuch regelt die Fassadenfarben. Die großen silbernen Bauvolumen im Zentrum stehen noch nicht. Dorf statt Großform Da der Wettbewerb mehrere Realisierungsteile umfasste, ergaben sich für raumzeit auch konkrete Bauaufträge: neben dem 2015 eröffneten Hörsaalzentrum der Umbau zweier Altbauten und ein Neubau für die Fakultät Architektur, Stadtplanung, Landschaftsplanung (ASL). Deren bisheriger Hauptsitz im alten Verwaltungsgebäude der Firma Henschel wird aufgegeben. Weitere Lehrstuhlbüros und Studios in mehreren kleinen Bestandsbauten weiter nördlich werden aber weiterhin genutzt und wurden um einen Neubau ergänzt. Zum kleinen ASL-Dorf gehört auch die ehemalige Produktionshalle des Zeltplanen-Herstellers Gottschalk, in der künftig die Modellwerkstatt und die studentischen Arbeitsplätze liegen sollen – losgelöst von den Lehrstühlen und teilweise als Großraumbüro. Das gefällt nicht jedem. Doch das war so gewünscht, damit sich Erstsemester- und Master-Studenten austauschen können. „Ansonsten bilden sich Grüppchen, die sich einschließen und erst am Semesterende wieder zum Vorschein kommen“, berichtet Läufer. Betonkern: Der Sichtbeton wurde im Atrium bis zur Decke geführt, wo er in Oberlichtern endet. Der Neubau in Form eines lang gezogenen Sechsecks ist überraschend klein. Umso überdimensionierter erscheint zunächst das offene Erdgeschoss, das fast die halbe Grundfläche einnimmt. Die Obergeschosse ruhen hier nur auf schlanken Stützen und einem Treppenkern. Damit wird eine einfache Verbindung von der angrenzenden Nordstadt zum Flüsschen Ahna auf der Ostseite des Campus und zum dort entstehenden Park geschaffen. Außerdem kann der überdachte Freiluftbereich für Ausstellungen und den Bau größerer Modelle genutzt werden. Den Rest des hohen Erdgeschosses nehmen zwei kleine Hörsäle, die sich zusammenschalten lassen, und ein noch recht leeres Foyer ein. Ein öffenbares Wandmöbel und eine rollende Theke sorgen aber zumindest zeitweise für studentisches Leben. Geschickt gelöst ist der Übergang zu den Obergeschossen: Durch die relative Enge einer zweiläufigen Treppe gelangt man nach oben, wo sich ein dreigeschossiges Atrium öffnet. Hier versammeln sich Seminarräume, Computerlabore, die Fakultätsverwaltung, Lehrstuhlbüros, Räume für die Fachschaft und über zwei Etagen an der Südspitze das Fakultätsarchiv – eine praktische Einrichtung, die anderen Unis fehlt. Hier lagern alle Seminar- und Abschlussarbeiten. Obwohl die Grundanlage der Etagen gleich ist, erscheint das Atrium abwechslungsreich, weil das Auge auf jeder Etage unterschiedlich geschnitten ist und an den Enden wechselseitig Treppen angeordnet sind. Um den Raum mit seinen vielen Verwaltungsfunktionen zu beleben, wurden die senfgelben Türen mit Vitrinen für Aushänge oder mit Schaufenstern für kleine Modelle versehen. Nicht alle Lehrstühle nutzen das aus, sogar Sichtschutz-Folien sind zu finden. Auch ansonsten sind nicht alle mit ihren neuen Arbeitsplätzen zufrieden. Die Kritik ähnelt der an vielen Neubauten und zielt auf den schwindenden Einfluss auf die Haustechnik ab. Trotz manueller Belüftung der Büros über Öffnungsflügel neben der Festverglasung und viel offen liegendem Beton als Speichermasse wird von Überhitzung berichtet. Deshalb sollen die Windsensoren, die den Sonnenschutz zu häufig nach oben fahren, neu eingestellt werden, erklärt Tuczek. Im Grundriss des 2. OG ist ganz rechts das Fakultätsarchiv, ganz links sind zwei Seminarräume. Aneignung braucht Zeit Die Studierenden sind nicht ganz so kritisch, loben etwa das Atrium als Begegnungsraum, den es im Altbau mit seinen langen Fluren so nicht gegeben habe. Es ist aber noch der Respekt vor dem Neuen zu spüren, sodass Spuren der Aneignung erst zaghaft verteilt sind. Wenn der Umbau der benachbarten Produktionshalle für die Studios fertig ist, kommt aber vermutlich auch diese in Fahrt. Was genau aber in der Halle gebaut wird, darüber scheinen die Studenten wenig zu wissen. An eine Beteiligung, etwa Workshops, kann sich zumindest in der aktuellen Studenten-Generation niemand erinnern. Das mag daran liegen, dass die Heureka-Mittel eine schnell zu nutzende Gelegenheit darstellten und die Universität nur ein Akteur von vielen ist: Der Bauprozess wurde von einem hessischen Landesbetrieb gemanagt, Bauherr war das hessische Finanzministerium. Doch selbst im Dekanat scheint man unter Beteiligung nur Projektbesprechungen, Gremienarbeit und Entwurfspräsentationen zu verstehen. Kein Wunder also, dass sich – weniger bezogen auf das ASL-Haus als auf den Campus insgesamt – eine Initiative aus Lehrenden, Studierenden und Anwohnern gegründet hat. Sie kritisiert neben den fast gänzlich versiegelten Freiräumen zwischen den Bauten die mangelnde Einbeziehung der Bewohner der Nordstadt, ein Zurückfahren von Transparenz und studentischem Mitspracherecht sowie ein Verschwinden sozialer Biotope. Beispielsweise erfuhr man nur über Umwege davon, dass die Flächen eines studentisch betriebenen Biergartens und einer Fahrradwerkstatt für die Baulogistik vorgesehen waren. Die endgültige Räumung des Platzes geschah ohne Vorankündigung – wie damals bei den Henschel-Hallen. Aus Protest hatte man den Platz zuvor nach Lucius Burckhardt benannt, jenem Mitbegründer des integrierten Studiengangs Stadt-/Landschaftsplanung und Verfechter von offener Kommunikation und Partizipation. Doch heute ist Aneignung dort schwer möglich, weil der Platz durch fest installierte Sitzsteine und teils unebene Bodenbeläge fixiert ist. Dem erfrischend unkonventionellen Städtebau, ebenso wie dem Hörsaalzentrum und dem ASL-Gebäude, merkt man auf wohltuende Weise an, dass bei den Architekten das Studium noch nicht so lange zurückliegt. Doch zeitgemäße und mutige Architektur scheint in Kassel in einem merkwürdigen Kontrast zu einer unzeitgemäßen und wenig dynamischen Planungskultur zu stehen. Ausgerechnet hier, wo einst neue Lehrmethoden erprobt wurden und wo am Lehrstuhl ASL Interdisziplinarität und Partizipation traditionell hochgehalten werden, verwundert das. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Gebildet“ finden Sie in unserem DABthema Gebildet