Umfrage zum Geschäftsklima

Geschäftsklima weiter freundlich Das Geschäftsklima bei den freischaffenden Architekten ist weiterhin sehr freundlich, wie das ifo Institut in seiner jüngsten Umfrage feststellte. Im Frühsommer schätzten sie ihre aktuelle Geschäftslage noch etwas besser ein als in den vorangegangenen Quartalen – und insgesamt so gut wie seit Anfang der 1990er-Jahre nicht mehr. 47 Prozent aller Architekten nannten ihre Geschäftslage gut, nur etwa 14 Prozent finden sie schlecht. Drei von vier Architekten erwarteten, dass das Klima im nächsten halben Jahr etwa gleich bleibt; der Rest rechnet teils mit einer besseren, teils mit einer schlechteren Entwicklung. 57 Prozent konnten im Befragungs-Quartal neue Verträge abschließen – auch dies ist ein sehr hoher Stand im Langfrist-Vergleich. Besonders stark boomt der Bau von Mehrfamilienhäusern; auch das Auftragsvolumen für Ein- und Zweifamilienhäuser ist gewachsen. Im Wirtschaftsbau ist dagegen das Auftragsvolumen seit 2012 deutlich gesunken, im öffentlichen Hochbau liegt es sogar unter dem langjährigen Durchschnitt. Der Auftragsbestand liegt im Durchschnitt der befragten Architekten bei 6,4 Monaten. Dipl.-Ing. Dipl.-Wirtsch.-Ing. Erich Gluch arbeitet am ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München  

Bücher

Neue Werke vom BKI Beim Baukosteninformationszentrum Deutscher Architektenkammern (BKI) sind zwei neue Werke mit statistischen Altbau-Kostenkennwerten erschienen: BKI Baukosten Gebäude Altbau 2014 sowie BKI Baukosten Positionen Altbau 2014. Die Grundlage der neuen Baukosten-Bundesdurchschnittswerte 2014 für Gebäude und Positionen bilden mehr als 500 aktuelle abgerechnete Altbau-Referenz-Objekte. Aktualisiert ist auch die Software BKI Wärmebrückenplaner für die Berechnung und Analyse von Wärmebrücken gemäß EnEV und KfW. Mit ihr können Architekten, Planer und Energieberater für ihre Bauherren und Auftraggeber wirtschaftliche Vorteile bei KfW-Förderanträgen und EnEV-Nachweisen erreichen, da die konkrete Berechnung der Wärmebrücken meist in der Bauausführung viel kostensparender ist als ein pauschaler Wärmebrückenzuschlag.
  • BKI Baukosten Gebäude Altbau 2014, 650 Seiten, 99 Euro
  • BKI Baukosten Positionen Altbau 2014, 754 Seiten, 89 Euro
  • BKI Wärmebrückenplaner 2
– Basisversion, CD-ROM und Handbuch, 399 Euro – Komplettversion, 899 Euro – Komplettversion, Upgrade Basisversion, 499 Euro – Testversion, 29 Euro (alle Preise zzgl. MwSt., Angebote jeweils CD-ROM und Handbuch, für Windows Vista/7/8)

Urteil

30 Jahre hochgestapelt Philippe Leblanc baute 30 Jahre lang Schulen, Kindergärten und Wohnungen im Umland von Paris, ohne Architekt zu sein. Dafür erhielt er jetzt wegen Betrugs und Urkundenfälschung zwei Jahre Gefängnis auf Bewährung. Mit der Mitgliedsnummer seines Schwagers bewarb er sich bei öffentlichen Ausschreibungen und verschaffte sich so Zugang zu Aufträgen. Mehreren getäuschten Bauherren muss er bis zu 3.000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Das Gericht bescheinigte ihm allerdings, er habe „im Allgemeinen die Arbeiten ohne Probleme ausgeführt“. Mit 60 Jahren versucht Leblanc jetzt seine Arbeit zu legalisieren, hat Architektur studiert und sich kürzlich zur Abschlussprüfung angemeldet.  

Baukultur Regensburg

Alle machen mit Regensburgs neue „Initiative Baukultur“ besteht nicht nur aus Architekten, Fachverbänden und weiteren Einzelpersonen, sondern bündelt gleich zwanzig Initiativen und Organisationen verschiedenster Art. In die Baukultur-Arbeit eingebunden sind zum Beispiel die regionale Handwerks- sowie die Industrie- und Handelskammer Niederbayern, die Jugendherberge, die Kunstsammlungen des Bistums, die städtische Tourismusgesellschaft und das Amt für kommunale Jugendarbeit. Erste gemeinsame Aktion war ein Baukulturfest Ende September. Jetzt will die Initiative ein „Zentrum für Baukultur Regensburg“ schaffen. www.tano.de Runder Tisch Baukultur  

Ausgezeichnete Architekten

Die Gewinner der großen Architekturpreise Velux-Wettbewerb: Bayern leuchtet Bei den „Lofthäusern“ im bayerischen Kolbermoor strömt Helligkeit durch Oberlichter, bodentiefe Fenster und im Inneren durch Glaswände und Bodenöffnungen. Licht genug, um dem Bau von Behnisch Architekten den ersten Preis im Velux-Architekten-Wettbewerb 2014 zu geben. In ihm wählte zunächst eine Fachjury fünf Projekte aus; das finale Urteil fällten dann die Leser der Zeitschrift „Wohnglück“. Auf Platz zwei setzten sie die Kinderkrippe in Vaterstetten bei München von Raum und Bau GmbH, auf Rang drei eine Münchener Altbau-Aufstockung von Hofstadt Architekten.   Medaille für Winfried Brenne Der Berliner Architekt Winfried Brenne erhält die Heinrich-Tessenow-Medaille 2014. Die Heinrich-Tessenow-Gesellschaft begründet Brennes Auszeichnung mit seinem „passionierten Engagement für den Erhalt von Baudenkmälern und ihre beispielhafte Pflege“, etwa den Umbau des Zeughauses zum Deutschen Historischen Museum. Brenne ist wesentlich zu verdanken, dass sechs Berliner Siedlungen der frühen Moderne 2008 den Unesco-Welterbestatus erhalten haben (siehe auch DAB 8/2008, Seite 20: „Ein Mann sieht bunt“).   Eschwege: kleiner Bahnhof ganz groß Das Büro PPB – Projektservice Planen + Bauen hat den Deutschen Verkehrsplanungspreis 2014 erhalten. Die Planer aus Hannover wurden damit für den Neubau des Stadtbahnhofs im hessischen Eschwege ausgezeichnet. Dieser bietet kleine Räume mit Aufenthaltsqualität und konturiert zudem den Stadtraum neu. Für Fahrgäste ist er der attraktive Anfangs- oder Endpunkt einer Bahnstrecke, die 17 Jahre nach ihrer Stilllegung zusammen mit der Station wiedereröffnet wurde. Der Bau hat bereits den „European Rail Award“ in der Kategorie „Kleine Bahnhöfe“ erhalten. Den Verkehrsplanungspreis vergeben der ökologische Verkehrsclub VCD und die Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung SRL.   Holcim-Award: Saline, Campus, Stadtentwicklung Ein Mittelmeer-Projekt hat den Holcim-Award 2014 für Europa gewonnen. Die Architekten Francisco Leiva vom Büro grupo aranea im spanischen Alicante und Marco Scarpinato von AutonomeForme aus Palermo erhalten ihn für die Regeneration der Altindustrie-Landschaft der Saline Joniche in Süditalien (Abbildung). Auf Platz zwei kam das Pariser Büro Muoto architectes mit einem gemischt genutzten Gebäude auf einem Hochschulcampus. Den dritten Rang belegten Arenas Basabe Palacios arquitectos aus Madrid.        

Baukultur und Ökonomie: kein Gegensatz

Lutz Heese, Präsident der Bayerischen Architektenkammer. Foto: BYAK Leser der business- und anlageorientierten Fachzeitschriften sind tendenziell keine regelmäßigen Leser der Architektur- und Raumplanungsmagazine“, so fasste kürzlich das Center for Urban & Real Estate Management (CUREM) der Universität Zürich seine neueste Umfrage zum Medienkonsum in der Immobilienbranche zusammen. Die Umfrageergebnisse, so erfährt man weiter, „zeigen einen Bruch zwischen architektur- und managementinteressierten Personen“. Vor Jahren hätte ich vielleicht gedacht: Klar, das war ja zu erwarten. Baukultur und Ökonomie schließen sich aus. Per se. Heute allerdings wundere ich mich über die Analyse des Schweizer Instituts für Banking und Finance. Dort könnte, sollte und müsste man es schließlich längst besser wissen: Baukultur bedeutet – da gebe ich dem Kritiker Wolfgang Kil recht –, nicht nur dem Schönen, sondern auch dem Guten, sprich: dem Vernünftigen, Wege zu ebnen. Oder, um mit den Worten des Kollegen Gerhard Wittfeld von Kada Wittfeld zu sprechen: „Wir hören immer häufiger von Investoren, dass Architekturqualität ungeheuer wichtig ist.“ Natürlich ist sie das: Städtebau und Architektur waren immer schon ein Imagefaktor für unsere Städte. Und zwar nicht nur für deren kulturelle Bedeutung, sondern auch für die ökonomische: Schließlich ist Baukultur entscheidend für die Identität eines Standorts und damit für seine wirtschaftliche Attraktivität. Und das gerade in Zeiten, in denen unsere mediale Gesellschaft sich der Macht der Bilder kaum noch entziehen und Architektur als räumliche Gestaltungskunst große Gefühle wecken kann, somit also schlagkräftige, weil finanzkräftige Argumente für den Handel liefert. Baukultur ist Standort- und Wirtschaftsfaktor. Weil sie eben – wie bereits zitiert – nicht nur schön, sondern vor allem gut ist. Und das bedeutet, dass Städtebau, Architektur, Landschaftsarchitektur und Innenarchitektur hochwertige Gestaltung mit sozialer Funktionalität, geringem Ressourcenverbrauch sowie Wirtschaftlichkeit auf Investitions- und Betriebskostenebene verbinden und damit auch Wertschöpfung generieren. Baukultur spiegelt unsere Wertvorstellungen. Geiz ist nicht geil. Weil Sie es sich wert sind – dieser Werbespruch allerdings sollte nicht nur in der Kosmetikbranche gelten, sondern jedem mündigen, also interessierten Bürger einleuchten. Bei aller Ökonomie: Ganz umsonst ist Baukultur nun einmal nicht zu haben. Ich rede allerdings nicht (nur) von Finanzen. Vielmehr braucht es Engagement – wie etwa unsere Präsenz auf der Messe Expo Real, auf der vom 6. bis 8. Oktober 2014 die Bundesarchitektenkammer gemeinsam mit zahlreichen Länderkammern auch in diesem Jahr den Berufsstand repräsentiert (siehe Artikel hier). Es braucht Bildung, um Bürger – ganz junge, junge und ebenso die bereits im Leben stehenden – für ihre geplante Umgebung zu interessieren und sie dafür zu begeistern, Verantwortung für eben diese Umwelt zu übernehmen. Und natürlich braucht es Kolleginnen und Kollegen, die immer wieder unter Beweis stellen, dass Baukultur nicht nur schön, sondern vor allem auch gut und vernünftig ist. Dann liegt, so hoffe ich jedenfalls, der „Baumeister“ bald selbstverständlich neben dem „Aktionär“, und das „Deutsche Architektenblatt“ automatisch neben dem „Börsenblatt“. Und so sollte es auch sein. Lutz Heese, Präsident der Bayerischen Architektenkammer

Vom Los lösen

Ein Auslober darf Bewerber für einen Wettbewerb nur per Los auswählen, wenn er keine anderen nachvollziehbaren und objektiven Kriterien dafür hat Text: Axel Plankemann Bewerber für einen öffentlichen Auftrag oder einen Architektenwettbewerb müssen, soweit möglich, nach den vorgegebenen qualitativen Kriterien objektiv ausgewählt werden. Ein Losverfahren kommt erst in Betracht, wenn eine solche Auswahl nicht möglich ist, weil mehrere Bewerber in gleichem Maße die Anforderungen der Vergabekriterien erfüllen. So entschied jetzt die Niedersächsische Vergabekammer (Az.: VgK – 26/2014). Im vorliegenden Fall hatte der Auslober für einen Schulneubau mit europaweiter Bekanntmachung einen nicht offenen Wettbewerb mit beschränkter Teilnehmerzahl gemäß RPW 2013 ausgelobt. Die Zulassung zum Wettbewerb sollte zweistufig erfolgen. Auf der ersten Stufe sollte auf Basis der eingereichten Teilnahmeanträge der potenzielle Teilnehmerkreis festgelegt werden. Nach festgelegten Wertungskriterien waren bis zu 100 Punkte erreichbar. Auf Stufe zwei sollte unter allen Teilnehmern mit mindestens 50 Punkten ausgelost werden. Im Ergebnis erhielt nur eine einzige Bewerbung weniger als 50 Punkte. Die Bewerber auf Rang eins bis drei erzielten die höchstmögliche Anzahl von 100 Punkten. Im Losverfahren wurde jedoch einer von ihnen ausgeschieden. Er rügte das Vergabever­fahren als willkürlich und damit vergaberechtswidrig. Diese nachträgliche Rüge war rechtzeitig erhoben worden, obwohl das Losverfahren an sich schon in den Auslobungsbedingungen dargestellt worden war, stellte die Vergabekammer fest. Denn in diesem frühen Stadium waren noch nicht zwangsläufig Vergabeverstöße zu erkennen gewesen. Vor allem aber bestätigte die Kammer die Vergabewidrigkeit des konkreten Losverfahrens. Das Vergaberecht werde vom Wettbewerbsgrundsatz beherrscht – und damit sei kein Losverfahren zu vereinbaren, das seiner Natur nach nicht die Auswahl der besten Bewerber zum Ziel habe, sondern zu einer zufälligen Bewerberauswahl führe. Zwar seien Losverfahren gemäß § 10 Abs. 3 VOF grundsätzlich zulässig. Der öffentliche Auftraggeber dürfe aber die Bewerberzahl nur dann per Los reduzieren, wenn er nicht mehr nachvollziehbar und objektiv nach qualitativen Kriterien unter gleichqualifizierten Bewerbern auswählen könne. Das wäre im vorliegenden Fall aber möglich gewesen. Denn die Spanne von 50 bis 100 Punkten sei in aller Regel ausreichend, um eine differenzierte Auswahl der sieben besten Bewerber herbeizuführen. Auch die in der Vergabeakte enthaltene Auswertung der eingegangenen Teilnehmeranträge zeige, dass eine Auswahl der gewünschten Anzahl von Bewerbern allein nach der Rangfolge der erreichten Punktzahl hätte getroffen werden können und dass ein Losentscheid gar nicht erforderlich gewesen sei. Das an­gekündigte Losverfahren hätte daher vergaberechtskonform allenfalls dann zur Anwendung kommen dürfen, wenn noch Plätze frei gewesen wären und mehrere Bewerber die gleiche niedrigste Punktzahl gehabt hätten. Daran änderte auch die Argumentation des Auslobers nichts, er habe gerade kleineren Planungsbüros eine Chance zur Teilnahme geben wollen. Die nachgewiesene Qualifikation der Teilnehmer, die der Auslober selbst in seinen Kriterien abgefragt und differenziert bis auf einen halben Punkt bewertete, habe nämlich bei den Ergebnissen mit 50 bis 100 Punkten keine Rolle mehr gespielt. Damit widerspreche die Auswahl dem Wettbewerbsgebot, nach dem diejenigen Bewerber auszuwählen sind, welche in einer Prognoseentscheidung die bestmögliche Leistung erwarten lassen. Die Niedersächsische Vergabekammer wendet sich mit ihrem Beschluss gegen die konkrete Anwendung des Losverfahrens und bemängelt, dass der Auslober seine von ihm selbst vorgegebenen Auswahlkriterien nicht konsequent ausgewertet und in der Folge die Wettbewerbsteilnehmer aus einem Kreis nicht gleichgewerteter Teilnehmer gelost habe. Die Gründe für diese Ausweitung von Losverfahren seien mit § 10 Abs. 3 VOF unvereinbar. Es gibt aber daneben andere vergaberechtliche Vorkehrungen, um auch kleineren Planungsbüros einen grundsätzlichen ­Zugang zum Architektenwettbewerb zu ­ermöglichen – zum Beispiel die quotenweise Berücksichtigung bestimmter Berufsgruppen. Axel Plankemann ist Rechtsanwalt in Hannover

Planung vor Gericht

Aktuelle Urteile zu Bebauungsplänen, Baugenehmigungen und zum Außenbereich Text: Hubertus Schulte Beerbühl   Bebauungspläne Die Firsthöhe muss definiert sein Eine Gemeinde setzte in einem Bebauungsplan die Firsthöhe auf maximal 9,5 Meter fest, definierte aber keinen unteren Bezugspunkt dafür. Auch in der Planbegründung fanden sich hierzu keine näheren Angaben. Der untere Bezugspunkt ließ sich auch nicht auf sonstige Weise ermitteln. Es ergaben sich keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür, dass auf bestimmte Kanaldeckelhöhen, Geländehöhen oder bestehende Fußbodenhöhen abgestellt werden sollte. Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen erklärte die Festsetzung der Firsthöhe für unwirksam – und mit ihr den gesamten Bebauungsplan. Ein solcher Plan muss die Rechtslage für die Betroffenen eindeutig erkennbar umschreiben. Dies gilt sowohl für die Planzeichnung als auch für die textlichen Festsetzungen. Die gebotene Normenklarheit und -bestimmtheit kann auch gegeben sein, wenn die planerische Festsetzung einer ­weiteren Interpretation bedarf. Das gilt auch und insbesondere für eine Höhenfest­setzung nach § 18 Abs. 1 der Baunutzungs­verordnung (BauNVO). Um dem Bestimmtheitsgebot zu genügen, kann sie auf Bezugspunkte im Geltungsbereich des Bebauungsplans abstellen, die bestimmt oder bestimmbar sind. Das war hier nicht der Fall. Ein Plan mit einem einzelnen Festsetzungsmangel kann nur wirksam sein, wenn die übrigen Regelungen, Maßnahmen oder Festsetzungen für sich betrachtet noch eine sinnvolle städtebauliche Ordnung im Sinne des § 1 Abs. 3 Satz 1 BauGB bewirken können und wenn die Gemeinde nach ihrem im Planungsverfahren zum Ausdruck gelangten Willen im Zweifel auch eine Satzung dieses eingeschränkten Inhalts beschlossen hätte. Die letztgenannte Voraussetzung war hier aber nicht erfüllt. Mit der Höhenfestsetzung beabsichtigte der Plangeber ausweislich der Satzungsbegründung, die in einem maßgeblichen Teil des Plangebiets zugelassene Bebauung an die aktuelle Situation in der Umgebungsbebauung anzupassen. Es konnte deshalb nicht mit der erforderlichen Sicherheit angenommen werden, dass der Plangeber den Bebauungsplan auch ohne eine entsprechende Höhenbegrenzung erlassen hätte. OVG Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 6. November 2013 – 7 D 16/12.NE   Feuerwehrgerätehaus – sozial oder verwaltend? Die freiwillige Feuerwehr ist zwar in vielen kleinen Gemeinden ein Mittelpunkt des örtlichen Soziallebens. Doch im baurechtlichen Sinn ist ein Feuerwehrgerätehaus keine „Anlage für soziale Zwecke“ im Sinne des § 4 Abs. 2 Nr. 3 BauNVO. Stattdessen gehört es zu den „Anlagen für Verwaltungen“ nach § 4 Abs. 3 Nr. 3 BauNVO. Das hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof jetzt entschieden. Das Gericht befasste sich mit dem Begriff der „Anlagen für kirchliche, kulturelle, soziale, gesundheitliche und sportliche Zwecke“ in der BauNVO. Solche Anlagen sind zwar nicht auf die traditionellen Bereiche der genannten Zwecke beschränkt. Die Verordnung verwendet diese Begriffskategorie vielmehr als bewusst weit gefasste Kategorie, die für eine „dem Wandel der Zeiten“ anpassungsfähige Auslegung offen ist. Damit sollen gerade auch neue Erscheinungsformen baulicher Vorhaben städtebaulich erfasst werden, um eine geordnete Bodennutzung und städtebauliche Entwicklung zu gewährleisten. Die damit gemeinten Anlagen dienen in einem weiten Sinn der sozialen Fürsorge und der öffentlichen Wohlfahrt; es handelt sich um Nutzungen, die auf Hilfe, Unterstützung, Betreuung und ähnliche fürsorgerische Maßnahmen ausgerichtet sind. Typische Beispiele sind Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, alte Menschen sowie andere Personengruppen, die (beziehungsweise deren Eltern) ein besonderes soziales Angebot annehmen wollen. Anlagen für soziale Zwecke lassen sich damit unter dem Begriff der „Wohlfahrtspflege“ fassen. Das trifft für ein Feuerwehrgerätehaus nicht zu. Es gehört zur Begriffskategorie der „Anlagen für Verwaltungen“, weil es der Unterbringung des Fahrzeugbestands und der technischen Ausrüstung der Feuerwehr sowie der persönlichen Ausrüstungsgegenstände der Feuerwehrleute, Verwaltungstätigkeiten, Schulungs- und Ausbildungszwecken und geselligen Veranstaltungen dient. Trotzdem konnte der klagende Nachbar das Haus nicht verhindern. Die Gemeinde hatte es zwar fehlerhaft als soziale Einrichtung eingeordnet. Jedoch sind nach der BauNVO ausnahmsweise auch Anlagen für Verwaltungen zulässig. Der Nachbar hat nicht schon deshalb einen Abwehranspruch, weil die Gemeinde das Haus der falschen Kategorie zugeordnet hat. Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Urteil vom 16. Januar 2014 – 9 B 10.2528   Bebauungsplan funktionslos – doch das Amt muss ihn anwenden Eine Baugenehmigungsbehörde muss einen Bebauungsplan auch anwenden, wenn sie sicher ist, dass er wegen eines inhaltlichen oder formellen Fehlers nicht wirksam geworden ist. Das gilt nach einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz auch dann, wenn der erkannte Gültigkeitsmangel nicht schon bei Inkrafttreten des Plans, sondern erst später eingetreten ist. Die Nicht-Anwendung kommt für die Behörde nach der Rechtsprechung nur in Betracht, wenn die Behörde zuvor den Rat der Gemeinde auf den erkannten Fehler hingewiesen hat, um ihm Gelegenheit zu geben, den Fehler zu heilen oder den Bebauungsplan aufzuheben – oder wenn ein Verwaltungsgericht die Satzung in einem Parallelprozess bereits als ungültig behandelt hat. Zwar wird ein Plan obsolet, wenn er seine Funktion nicht mehr erfüllen kann, die Bebauung von Grundflächen zu lenken und zu leiten. Aber selbst für diesen Fall verweigerte das Oberverwaltungsgericht der Verwaltung die Verwerfungskompetenz. Wenn die Gemeinde selbst Trägerin der Bauaufsichtsbehörde ist, dann muss die Behörde das kommunalrechtlich für die Aufstellung der Bebauungspläne zuständige Organ, hier den Stadtrat, unterrichten. Das war in diesem Fall nicht erfolgt. Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz, Beschluss vom 14. Mai 2013 – 8 A 10043/13   Bebauungsplan aufheben? Nur wenn städtebaulich erforderlich Will eine Gemeinde einen Bebauungsplan ganz oder teilweise aufheben, dann muss das städtebaulich erforderlich sein – genau wie die Aufstellung eines solchen Plans. Diese Bedingung erfüllt nach einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Nordrhein-Westfalen eine Gemeinde nicht, die sich eines solchen Planes entledigen wollte. Wie die Aufstellung eines Bebauungsplans muss seine Aufhebung eine positive Planungskonzeption erkennen lassen und ersichtlich Zielen dienen, die auf diese Weise besser erreichbar sind als mit alternativ infrage kommenden Planungsinstrumenten des Baugesetzbuchs (BauGB). Bei einer Aufhebung muss zugleich entschieden werden, welche städtebauliche Ordnung an die Stelle derer treten soll, die mit dem Plan seinerzeit beabsichtigt war: ob ein neuer Bebauungsplan erlassen werden soll, die planersetzende Bestimmung des § 34 oder ob § 35 BauGB gelten soll. Der bloße Verweis der Gemeinde auf die Geltung der beiden Paragrafen reicht nicht in jeder Situation aus, um die ersatzlose Planaufhebung städtebaulich zu rechtfertigen. Weiter ist zu bedenken, dass die Planersatzvorschrift des § 34 BauGB nur dann als positive Planungskonzeption tragfähig ist, wenn ihre Steuerungskraft im Gebiet des beseitigten Bebauungsplans eine geordnete städtebauliche Entwicklung gewährleisten kann. Andernfalls kann im Anschluss an die Aufhebung des alten Plans oder gleichzeitig mit dieser die erneute Aufstellung eines Bebauungsplans erforderlich werden. Ein Planungsbedürfnis besteht ­besonders dann fort, wenn ansonsten die Gefahr einer regellosen Bebauung im ­Aufhebungsgebiet droht und/oder sich ungesicherte oder schwierige Erschließungsverhältnisse beziehungsweise bewältigungsbedürftige Immissionskonflikte konkret abzeichnen. Entsprechendes gilt auch für den Außenbereich: Schädliche Umwelteinwirkungen und vor allem auch strukturell zu missbilligende Zersiedlungstendenzen durch Splittersiedlungen oder Anschlussbebauungen sind hier unzulässig. Das drohte im konkreten Fall nach Auffassung des Gerichts. § 34 BauGB war nicht anwendbar, weil der Bereich nach der Teilaufhebung im Außenbereich liegen würde. Und selbst wenn man die Anwendbarkeit von § 34 BauGB in diesem Bereich unterstellte, könnten keine weiteren Wohnbauvorhaben genehmigt werden, da diese sich nicht im Sinne von § 34 Abs. 1 Satz 1 BauGB in die Eigenart der näheren Umgebung einfügen würden. Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 8. April 2014 – 2 D 43/13.NE   Genehmigungsfragen Bestandsschutz nur, wenn der Bau genehmigt ist Ein Haus wurde vor mehr als 75 Jahren als Wochenendhaus im Außenbereich errichtet und später ohne Genehmigung zum Wohnen umgenutzt. Jetzt wollte der Eigentümer es erweitern und berief sich auf § 35 Abs. 4 Satz 1 Nr. 5 BauGB. Danach kann ein Wohnhaus im Außenbereich auf bis zu zwei Wohnungen erweitert werden – allerdings nur, wenn es zulässigerweise errichtet worden ist. Diese Voraussetzung sah das Bundesverwaltungsgericht hier nicht. Es hat wiederholt betont, dass ein Gebäude nur dann „zulässigerweise errichtet“ ist, wenn es entweder in Übereinstimmung mit dem materiellen Bebauungsrecht errichtet oder wenn – trotz materieller Illegalität – eine Baugenehmigung für ein Wohnhaus erteilt worden ist. In dem Fall hatte zwar das zuständige Landratsamt im Jahr 1954 Um- und Anbauten an dem Gebäude genehmigt. Es war auch dort ausdrücklich als Wochenendhaus bezeichnet worden. Seit 1959 wurde das Gebäude dauerhaft bewohnt, was aber nie vom Eigentümer angezeigt oder gar genehmigt wurde. Das wirkte sich jetzt zulasten des Bauherrn aus. Denn er konnte auf keinen die Wohnnutzung legalisierenden Bescheid verweisen. Eine Baugenehmigung schafft jedoch eine Bindung für die Zukunft: Sie bestimmt, dass im Zeitpunkt ihrer Erteilung das Vorhaben mit den öffentlich-rechtlichen Vorschriften übereinstimmt, die im Verfahren zu prüfen sind. Diese Entscheidung hat im Übrigen bedeutende Auswirkungen über den Anwendungsbereich des § 35 Abs. 4 Satz 1 Nr. 5 BauGB hinaus. Sie ist bedeutsam für alle Fragen des Bestandsschutzes. Bundesverwaltungsgericht, Beschluss vom 16. Januar 2014 – 4 B 32/13 –   Doppelhaus-Charakter muss gewahrt bleiben Doppelhäuser bieten viel Konfliktpotenzial: Seit Jahren müssen Verwaltungsgerichte immer wieder Streitigkeiten zwischen Bauamt, Bauherr und Nachbar darüber entscheiden, ob es sich bei der Änderung einer Hälfte um ein zulässiges Bauvorhaben handelt. Dabei geht es erstens um die Frage, ob das Gesamtgebäude nachher noch den Charakter eines Doppelhauses aufweist. Zweitens geht es darum, ob der Nachbar sich als Eigentümer der unverändert bleibenden Hälfte wehren kann, wenn das Gebäude den Charakter verliert. In der Rechtsprechung galt schon bisher: Im Sinne des § 22 Abs. 2 Satz 1 BauNVO ist ein Doppelhaus eine bauliche Anlage, die dadurch entsteht, dass zwei Gebäude auf benachbarten Grundstücken durch Aneinanderbauen an der gemeinsamen Grundstücksgrenze zu einer Einheit zusammengefügt werden. Kein Doppelhaus bilden dagegen zwei Gebäude, die sich zwar an der gemeinsamen Grundstücksgrenze noch berühren, aber als zwei selbständige Baukörper erscheinen. Ein Doppelhaus ist ferner nur dann gegeben, wenn die beiden Haushälften in wechselseitig verträglicher und abgestimmter Weise aneinandergebaut werden. Das gilt sowohl im Geltungsbereich eines qualifizierten Bebauungsplans als auch im unbeplanten Innenbereich. In dem aktuellen Fall hatte zunächst das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen entschieden, bei Realisierung des Vorhabens bestehe kein Doppelhaus mehr. Denn es entstünden zwei zusätzliche Vollgeschosse und ein Staffelgeschoss, die Gebäudehälften würden unterschiedlich hoch und zudem die eine erweitert. Hinzu träten qualitative Gesichtspunkte, insbesondere die unterschiedlichen Dachformen (Satteldach auf der einen, Flachdach auf der anderen Seite). Diese Würdigung billigte das Bundesverwaltungsgericht und verwies ergänzend darauf, dass die Qualifizierung zweier Gebäude als Doppelhaus nicht allein davon abhänge, in welchem Umfang die beiden Gebäude an der gemeinsamen Grundstücksgrenze aneinandergebaut seien. Bedeutsam an der Entscheidung ist darüber hinaus die Aussage des Gerichts zum Nachbarschutz: Im beplanten Bereich hat die Festsetzung der Bauweise (hier: Doppelhaus) nachbarschützenden Charakter; das ist seit Jahren anerkannt. Im unbeplanten Innenbereich billigt das Gericht nunmehr dem Nachbarn ebenfalls ein Abwehrrecht zu und leitet dies aus dem allgemeinen Rücksichtnahmegebot ab. Ist ein unbeplanter Innenbereich in offener Bauweise bebaut, weil dort nur Einzelhäuser, Doppelhäuser und Hausgruppen im Sinne von § 22 Abs. 2 BauNVO den maßgeblichen Rahmen bilden, so fügt sich ein Vorhaben, das unter Beseitigung eines bestehenden Doppelhauses grenzständig errichtet wird, ohne mit dem verbleibenden Gebäudeteil ein Doppelhaus zu bilden, im Sinne von § 34 Abs. 1 BauGB grundsätzlich nicht nach der Bauweise in die Umgebungsbebauung ein. Das verstößt auch gegen das Gebot zur Rücksichtnahme und kann daher vom Nachbarn gerügt werden. Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 5. Dezember 2013 – 4 C 5/12   Befreiung vom B-Plan möglich – auch wenn der Nachbar schon klagt Ein Nachbar klagt gegen ein Bauvorhaben; im Verfahren stellt sich heraus, dass die Genehmigung rechtswidrig und er tatsächlich in seinen Rechten verletzt ist. Beides trifft aber dann nicht mehr zu, wenn die Behörde eine rechtlich zulässige Befreiung von einer Festsetzung des geltenden Bebauungsplans ausspricht. Das kann sie auch noch tun, während der Nachbar schon klagt, urteilte jetzt der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg. Tut sie es, ist im anhängigen Prozess die Rechtmäßigkeit der Befreiung ohne besonderes Vorverfahren zusammen mit der Baugenehmigung zu prüfen. Im konkreten Fall war eine Stellplatzfläche, auf der Fahrzeuge gewerblich verkauft werden sollten, als allgemeines Wohngebiet ausgewiesen. Nach dem genehmigten Bauantrag diente der Stellplatz allein als Park- beziehungsweise Verkaufsfläche; Reparaturen oder Wartungsarbeiten an den Fahrzeugen durften auf dem Grundstück nicht durchgeführt werden. Im Rahmen des Betriebs sollten jährlich nicht mehr als zwölf Fahrzeuge verkauft werden. Angesichts des geringen Umfangs des Gewerbes konnte nach Ansicht des Gerichts auf der Grundlage des § 31 Abs. 2 Nr. 2 BauGB eine Befreiung erteilt werden, was im Gerichtsverfahren auch geschah. Denn ein nennenswerter Kundenverkehr könne ausgeschlossen werden und Störungen der Wohnruhe seien nicht zu erwarten. Der Nachbar könne weder von dem Vorhaben selbst noch von dessen zu erwartenden Folgewirkungen nennenswert beeinträchtigt werden. Die Abweichung von den Festsetzungen des Bebauungsplans sei städtebaulich vertretbar und lasse die Grundzüge der Planung unberührt. Sie sei ferner unter Würdigung nachbarlicher Interessen mit den öffentlichen Belangen vereinbar. VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 21. Februar 2014 – 3 S 1992/13   Räume und Gebäude für eine Tierarztpraxis Kann ein Nachbar in einem reinen Wohngebiet den Betrieb einer Tierarztpraxis verhindern? Grundsätzlich nicht. Denn gemäß § 13 Baunutzungsverordnung (Bau-NVO) ist in allen Baugebieten nach §§ 2 bis 9 BauNVO, also auch in Wohngebieten, die Nutzung von Räumen für die Berufsausübung freiberuflich Tätiger zulässig – also auch Tierärzte und solche Gewerbetreibende, die ihren Beruf in ähnlicher Art ausüben. Sofern sich jedoch die Nutzung auf „Gebäude“ erstreckt, ist sie nur in den Gebieten nach §§ 4a bis 9 BauNVO zulässig, also nicht in Wohngebieten; im Falle einer Genehmigung steht dem Nachbarn ein sogenannter Gebietserhaltungsanspruch (oder Gebietsbewahrungsanspruch) zu. Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts dürfen in einem Wohnhaus eine oder auch mehrere Wohnungen ausschließlich für freie oder ähnliche Berufe genutzt werden, solange das Wohnhaus nicht durch überwiegende berufliche Nutzung dem Wohnen entfremdet wird. Konkret darf die freiberufliche Nutzung in Mehrfamilienhäusern, die in Wohngebieten liegen, nicht mehr als die halbe Anzahl der Wohnungen und nicht mehr als die Hälfte der Wohnfläche in Anspruch nehmen, wobei es entscheidend darauf ankommt, dass der spezifische Gebietscharakter auch für das einzelne Gebäude gewahrt bleibt. In einem jetzt vom Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen entschiedenen Fall wurde das Erdgeschoss für die Praxis in Anspruch genommen. Diese Fläche war größer als die für das Wohnen im Obergeschoss, da die Praxis über einen etwa 9,09 Quadratmeter großen geschlossenen Raum verfügte, der in der darüber liegenden Wohnung fehlte. Hinzu kam ein kleiner Flur hinter dem Eingang zum Erdgeschoss. Eine Loggia im Obergeschoss wurde nur anteilig berücksichtigt, da Außenwohnbereiche das einzelne Gebäude im Vergleich zu geschlossenen Wohnräumen deutlich weniger prägen, sodass es bei einem Überwiegen der freiberuflichen Nutzung blieb. Dies komme auch in den Regelwerken zur Wohnflächenberechnung zum Ausdruck und müsse zusätzlich auch in diesem Zusammenhang berücksichtigt werden. OVG Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 28. August 2013 – 10 A 2085/12   Außenbereich Garage ja – Pool nein Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg hat entschieden, dass ein Pool keine im Außenbereich privilegiert zulässige bauliche Anlage ist – auch nicht als Nebenanlage eines landwirtschaftlichen Altenteilerhauses. Zunächst stellt ein Pool wegen seiner bodenrechtlichen Relevanz ein Vorhaben nach § 35 Abs. 1 Nr. 1 BauGB dar. Die Zulässigkeit eines solchen Vorhabens setzt unter anderem voraus, dass es einem land- oder forstwirtschaftlichen Betrieb dient. Dafür reicht es nicht aus, dass ein Vorhaben nach den Vorstellungen des Landwirts für seinen Betrieb lediglich förderlich ist. Andererseits kann nicht verlangt werden, dass das Vorhaben für den Betrieb schlechthin unentbehrlich ist. Es muss darauf abgestellt werden, ob ein vernünftiger Landwirt – auch und gerade unter Berücksichtigung des Gebotes größtmöglicher Schonung des Außenbereichs – das Bauvorhaben mit etwa gleichem Verwendungszweck und mit etwa gleicher Gestaltung und Ausstattung für einen entsprechenden Betrieb errichten würde. Auch die Ausstattung eines im Außenbereich geplanten Altenteilerhauses muss „verkehrsüblich“ sein. Das gilt etwa für eine Garage. Ein Swimmingpool ist dagegen in keiner Weise verkehrsüblich, da weder Altenteilerhäuser noch Wohnhäuser im Bereich von Bauleitplänen regelmäßig über eine solche Entwicklung verfügen. Pools gehören zudem nicht zur funktionsgerechten Nutzung einer Wohnung. VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 26. Juli 2013 – 3 S 241/12 Dr. Hubertus Schulte Beerbühl ist Richter am Verwaltungsgericht Münster  

Virtuelle Nicht-Architekten

Klaut die Elektronik-Branche unsere Berufsbezeichnung? Text: Roland Stimpel Das Bundeskriminalamt suchte neulich eine Chefarchitektin, notfalls einen Chefarchitekten. Sie oder er soll ein „Architekturteam“ leiten, „Architektur-Management“ betreiben und ein „Architekturboard“ betreuen. Es ging nicht um Baukultur für die BKA-Zentrale, auch nicht um das, was man dort als „Sicherheits-Architektur“ bezeichnet: Polizei- und Militärstrukturen zum Schutze des Volks. Es ging nur um die amtseigene Informationstechnik. Nicht nur beim BKA lieben die Computerfreaks unseren Titel – in der Branche gibt es mehr IT- und Hardware-Architekten, System-Architekten und Web-Architekten als Bits und Bytes. Am wildesten treibt es ein Anbieter, der nach eigenen Worten ein „Software-Architekturbüro“ besitzt, welches „Bauaufsicht für Ihre Softwareprojekte“ anbietet sowie „Architekturanalyse, um die Qualität Ihrer Softwaresysteme und -landschaften zu sichern“ – auch noch elektronische Landschaftsarchitektur. Dürfen die das? Klar ist: Software-Menschen dürfen sich nicht Architekten nennen und Planungsleistungen anbieten. Solange sie aber nur IT machen und nicht in unser Werk pfuschen, dürfen sie. Sollen wir uns jetzt ärgern? Freuen wir uns lieber, dass unser Beruf für andere ein Ehrentitel ist. Nicht nur für Elektroniker, auch in der Politik. Wolfgang Schäuble steht seit 1990 als „Architekt der Einheit“ im Geschichtsbuch, Egon Bahr seit 1970 als „Architekt der Ostverträge“. Aber wer es speziell den Software-Leuten nicht gönnen mag, möge Hoffnung bei Ilker Cetinkaya schöpfen, einem Berater von IT-Unternehmen: „Der Software-Architekt hat ausgedient. Für ihn gibt es keine Zukunft.“ Cetinkaya schimpft wie ein Futurist von 1913 über die Hofbaumeister Kaiser Wilhelms. Für ihn ist der Software-Architekt „der Anti-Modernist und der Anti-Avantgardist in Reinkultur“, ein „verstaubtes Relikt einer nostalgischen Ära“. Wiederholt sich die Geschichte unseres Berufs nach 100 Jahren in der IT-Branche? Werden auch da alte Architekten verdrängt von genialen Neo-Nerds wie Gropius, Mies van der Rohe und Le Corbusier? Das wäre schön, denn mit solchen Leuten haben wir kein Titelproblem. Wir halten die drei in Ehren, auch wenn keiner von ihnen ein Architekturstudium vollendet hat.  

Wo die Mitte Spitze ist

Wenn der Mittelstand zum Bauherrn wird, entsteht oft gute Architektur. Davon profitieren Unternehmen und Standort gleichermaßen Text: Cornelia Dörries Über lange Jahre galt der praktische, schmucklose Zweckbau im Gewerbegebiet als kleinster gemeinsamer Nenner von Architektur und Mittelstand. Zeichenhafte Firmensitze und Geschäftsbauten, sogenannte Corporate Architecture, leisteten sich nach diesem Verständnis nur große, global agierende Unternehmen in repräsentativen Großstadtlagen. Doch inzwischen pflegt auch der Mittelstand selbstbewusste Auftritte und lässt seine Unternehmenskultur in Stein, Stahl oder Glas übersetzen. Ein Vorreiter war der Medizinbedarfshersteller B. Braun im hessischen Melsungen, der im Jahr 1987 den Pritzker-Preisträger James ­Stirling (zusammen mit Michael Wilford) mit Neubauten beauftragte. Denn Unternehmen können sich im Zeitalter einer globalisierten Konkurrenz nicht darauf verlassen, allein über ihre Produkte wahrgenommen zu werden. Wettbewerbsvorteile werden heute über die Marke, das Image und emotionale Zuschreibungen wie Prestige, Aura oder Mythos gesichert – immaterielle Faktoren, die nach einem möglichst unverwechselbaren Ausdruck verlangen. All das wird über ein sogenanntes Corporate Image gesteuert, das nicht nur mit Mitteln des Produkt- und Grafikdesigns arbeitet, sondern sich verstärkt auch der kommunikativen Talente der Architektur bedient. Dabei geht es keineswegs nur um Äußerlichkeiten. Jochen Siegemund, Professor für den Masterstudiengang Corporate Architecture der FH Köln, unterscheidet zwischen Unternehmen in den USA, die zugunsten der Markenpräsenz stärker auf das Spektakuläre setzen, und in Europa, wo das Unternehmen an sich, die Strategie und die Wertschöpfung mehr zählen. Denn gerade der Mittelstand kann sich kurzlebigen Kulissenzauber gar nicht leisten. Corporate Architecture für diese Zielgruppe muss neben ästhetischer Klasse auch unbedingte bauliche Qualität und eine möglichst langfristige Nutzbarkeit bieten. Erst dieser im besten Sinne kaufmännische Anspruch bewirkt eigentlich, dass Corporate Architecture nicht auf den Show-Effekt reduziert wird, sondern begünstigend auch nach innen, auf die Mitarbeiter, wirken kann. Vor allem die neueren Projekte dieser Sparte reagieren mit flexiblen internen Strukturen und der Ablösung überkommener Raumhierarchien auf den tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt (siehe dazu auch Seite 46). Aus dieser Perspektive, die den gesamten Unternehmensauftritt im Blick hat, überzeugt Corporate Architecture nur dann, wenn die äußere Erscheinung den inneren Werten entspricht. Dann aber zahlt sie sich aus. So konnte beispielsweise in der Langzeituntersuchung „Office Excellence Check“ des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation nachgewiesen werden, dass es einen Zusammenhang zwischen der Beschaffenheit der Arbeitsräumlich­keiten und der Produktivität der Mitarbeiter gibt. In ihrer konservativen Schätzung der brachliegenden Potenziale nehmen die Wissenschaftler an, dass sich mit einer zeitgemäßen Arbeitsplatzgestaltung die Leistung in deutschen Büros um mehr als ein Drittel steigern ließe. Doch gute Corporate Architecture für den Mittelstand dient nicht nur den Unternehmen: Gerade weil viele dieser Firmen eben nicht in den großen Metropolen sitzen, sondern in kleinen oder mittleren Städten verwurzelt sind, gewinnt durch dieses neue Standortbewusstsein der Unternehmer auch die oft geschmähte Provinz an Profil und Eigenständigkeit. Gewerbegebiet mal anders: Der Leitz-Park im hessischen Wetzlar schottet sich nicht ab, sondern öffnet sich baulich zur Landschaft und mit Angeboten für Besucher. Wie Corporate Architecture einen Beitrag zur praktischen Baukultur vor Ort leisten kann, zeigt sich am jüngst fertiggestellten Leitz-Park in Wetzlar. Genau genommen handelt es sich dabei eigentlich um ein Gewerbegebiet mit fotooptischem Schwerpunkt, gelegen am östlichen Rand der hessischen Mittelstadt. Doch die 35.000 Quadratmeter große Anlage, entworfen vom Frankfurter Büro Gruber und Kleine-Kraneburg, ist mehr: Hier entstand in zwei Bauabschnitten (2010 und 2014) ein neues Quartier, das seine stadträumlichen Qualitäten aus der planvollen Integration von Landschaft, Gebäuden und Umgebung bezieht. Es schottet sich nicht ab, sondern gibt der Tradition Wetzlars als Stadt der Fotografie einen physischen, sozusagen begeh- und erlebbaren Ort. Mit dem Umzug des weltberühmten Kameraherstellers Leica in seine neue Zentrale (Entwurf ebenfalls von Gruber und Kleine-Kraneburg) im Frühjahr 2014 ist das Traditionsunternehmen nicht nur an seinen Gründungsort Wetzlar zurückgekehrt; die Eröffnung des Neubaus setzte zugleich ein Zeichen für die erfolgreiche Gesundung des Unternehmens nach einer lange währenden wirtschaftlichen Krise. Das markante Leica-Ensemble ist eines von insgesamt vier Gebäuden auf dem Areal und zweifellos der Primus inter Pares. Daneben stehen zwei Flachbauten, die Fertigungsbetriebe der Schwesterunternehmen Viaoptic und Weller Feinwerktechnik beherbergen, sowie ein frei stehendes Café. Die dreigeschossigen, miteinander verbundenen Zylinder des Leica-Komplexes lassen sich durchaus als Anspielung auf die Filmrollen verstehen, mit denen die Leica-Kleinbildkameras zum Welterfolg wurden. Dass die Fensterbänder an die typischen Randperforationen dieser Filme erinnern, ist mehr als nur schöner Zufall; mit Spiegelungen des Tageslichts verleihen sie den Kubaturen darüber hinaus eine dynamisch-flirrende Optik. So weit die poetische Deutbarkeit dieser Architektur. Ihre handfesten Qualitäten liegen indes in der platzbildenden Anordnung zu den anderen Bauten und den lichten, offenen Arbeitsbereichen im Inneren. Die Offenheit des Gebäudes bleibt keine oberflächliche Geste: Das Unternehmen ist sozusagen ganztägig geöffnet und bietet auch spontanen Besuchern bei einem eigens konzipierten Rundgang Einblick in Fertigung und Montage. Außerdem gibt es neben einer Ausstellung historischer Fototechnik und – natürlich – Fotoausstellungen auch ein hauseigenes Restaurant sowie das bereits erwähnte Café auf der zentralen Piazza. Informationstechnik bodenständig Doch ortsbildprägende Corporate Archi­tecture funktioniert auch ohne die Lock­botenstoffe des Erlebnisweltlichen. Zu den gelungenen Beispielen einer eher introvertierten Branche gehört die „Softwarescheune“ im oberpfälzischen ­Falkenberg. In der strukturschwachen Gegend am östlichen Rand Bayerns gründeten zwei Brüder im Jahr 1999 die IGZ, eine Firma für Logistiksoftware; als Unternehmenszentrale diente beiden damals die ausgebaute ­elterliche Scheune. Gut zehn Jahre später waren Auftragsvolumen und Belegschaft so gewachsen, dass ein Neubau unausweichlich wurde. Das beauftragte Büro Brückner & Brückner aus dem nahen Tirschenreuth entwarf ein Gebäude, das mit seinem Sockel aus grob behauenem Granit und einer hölzernen Obergeschoss-Konstruktion an die regionaltypische Scheunenarchitektur anknüpft und hinter seiner wohlgestalteten Fassade höchst moderne, offene und kommunikative Arbeitsbereiche beherbergt. Nicht nur das Äußere des Gebäudes ist eine angenehme Überraschung; auch im Inneren herrscht dank der vorherrschenden warmen Holztöne und des gläsernen Dachaufbaus eine fast sakrale, bedächtige Atmosphäre. Ein IT-Unternehmen, das Global Players wie Boss oder Siemens zu seinem Kundenstamm zählt, verzichtet auf eine technoid-futuristische Ufo-Architektur und zieht stattdessen das Bodenständige vor, freilich in höchster Qualität bis ins letzte Detail. Das erzählt mehr von der Firma und ihrem Selbstverständnis als so mancher Werbeprospekt. Softwarescheune: Eine zeitgenössische Interpretation der regionaltypischen Agrararchitektur in Oberfranken Natürlich ist es nicht jedem Unternehmen vergönnt, sich mit dieser Art von Architektur zu präsentieren. Doch selbst die gesichtslosen Kisten im Gewerbegebiet müssen keine hoffnungslosen Fälle sein. Wie der gestalterische Umgang mit einem Zweckbau für industrielle Fertigung, Lager und Verwaltung aussehen kann, zeigt ein schlichtes Projekt für einen Hersteller elektrotechnischer Systeme in Kerpen. Das Büro Michels (Köln/Berlin) entwarf für die Firma ELEQ mit Hauptsitz in den Niederlanden ein knapp 7.000 Quadratmeter großes Entwicklungs- und Produktionszentrum diesseits des Rheins.

Corporate Architecture

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"Softwarescheune" von IGZ: Eine kommunikative Arbeitswelt auf der Höhe der Zeit. (Foto: Peter Manev, Selb)

Die Lage wurde mit Hinblick auf Expansionsmöglichkeiten gewählt, das straffe Raumprogramm garantiert kurze Wege und optimale Produktionsabläufe – und dennoch gönnte sich der Bauherr mit der Fassade etwas, das diesen kostenbewussten Pragmatismus auf spielerische Weise unterläuft: Das Haus ist kreuz und quer von Bändern aus leuchtendem Orange überzogen und sieht aus wie ein mit Kupferdraht umwickelter Transformator. Architektur trifft Elektrodynamik – dann vibrieren manchmal auch die Kisten.

Kisten haben ausgedient

Die blickdichten, hässlichen Flachbauten für Supermärkte galten lange und zu Recht als Antithese städtischer Handelsarchitektur. Doch es geht auch anders, wie eine Bilderreise durch Deutschland zeigt Text: Cornelia Dörries Oldenburg-Kreyenbrück Stadt entsteht mit Handel und Wandel. Das gilt gewissermaßen auch in Oldenburg-Kreyenbrück, wo der neue Supermarkt die Mitte des entstehenden Stadtteilzentrums markiert. Das Umfeld, geprägt von Wohnbauten aus den 1920er- und 1930er-Jahren, erhält mit dem Entwurf des Büros neun grad einen markanten Mittelpunkt. Der Basar in Ziegelbauweise besteht aus runden Baukörpern und öffnet sich über verglaste Bögen nach außen. In der Tat, ein Super-Markt.   Bad Krozingen Festkörperphysik im Einzelhandel? In Bad Krozingen zeigt ein Verbrauchermarkt, wie diese Verbindung aussehen kann. Das Büro Müller & Huber entwarf einen Neubau, der mit seinen geneigten Fassadenflächen, harten Farbkontrasten und kubischen Formen allem zuwiderläuft, was man von Einkaufszentren an der Peripherie gewohnt ist. Kommen, sehen, staunen: So hat Einkaufen von jeher am besten funktioniert. Jetzt auch wieder hier.   Leipzig Schön ist nur die Boutique und nachhaltig allein der Bioladen? Ach was, gleich beides ist ein ganz normaler Lebensmittelmarkt in Leipzig. Entworfen vom ortsansässigen Büro Kühnl + Schmidt, trumpft die Rewe-Filiale in Holzbauweise mit Wärmepumpe, Regenwassernutzung und Tageslichtkonzept auf und bringt mit ihrer offenen, ­urbanen Architektur eine neue Qualität ins Plattenbauquartier. Im Handelskonzern ­Rewe wird damit die neue Green-­Building-Linie fortgeschrieben, für die der Düsseldorfer Architekt Jürgen Koch das Konzept vorgelegt hat. So kann es weitergehen.   Oldenburg-Bloherfelde Supermarkt, Getränkehandel und Parkplatz: der Dreisatz suburbaner Tristesse. Nicht so in Oldenburg-Bloherfelde, wo die Erweiterung eines bestehenden Geschäfts mit der Umgestaltung des ganzen Umfelds verbunden wurde. Das Büro neun grad schuf ein Ensemble aus kantig-kraftvollen Quadern in norddeutscher Backsteinoptik, das dank seiner großen Fensterfronten im Erdgeschoss tatsächlich städtische Qualitäten aufweist. Geht doch.   Offenbach Preisfrage: Wo befindet sich der kleinste gemeinsame Nenner von Erich Mendelsohn und Supermarkt? Genau, im hessischen Offenbach. Dort entstand ein Neubau für eine Penny-Filiale, entworfen von Faller & Krück aus Frankfurt. Die dynamisch geschwungene Backsteinfassade mit umlaufendem Fensterband legt sich elegant in die Kurve; die windschnittige Kontur des Gebäudes vermählt sich mit dem fließenden Verkehr. Ach, Moderne, du kannst so schön sein!      

Stimmiges Bild

Warum präsentieren sich Architekturbüros oft so zurückhaltend und verwechselbar, wenn es um ihren eigenen Auftritt vor potenziellen Kunden geht? Fragen an einen, der sich auskennt Interview: Cornelia Dörries Eigentlich sollte man meinen, dass ­Architekten als professionelle Gestalter um die Bedeutung einer ansprechenden Selbstdarstellung wissen. Doch gerade auf diesem Gebiet hinkt der Berufsstand seltsam hinterher. Es beginnt mit der schlichten Formel für den Büronamen: Müller Meier Schulze Architekten. Damit macht man nichts falsch; das klingt solide und unprätentiös. Und weil dazu auch keine grafischen Extravaganzen passen, beschränkt man sich auf eine ganz dezente Optik mit schlichter Typografie für den Briefkopf und die Website. Ein eigenes Logo gilt fast schon als verwegen. Architekten, also gerade diejenigen, die in ihren Entwürfen nach Individualität und Unverwechselbarkeit, mitunter sogar provokanter Eigenständigkeit streben, präsentieren sich ganz anders, wenn es um sie selbst geht. Ist diese Bescheidenheit eine berufsspezifische Tugend oder rührt sie doch eher aus einer gewissen Unsicherheit angesichts der bunten Vielfalt, die Design und Medien heute bieten? Florian Adler, Geschäftsführer und Mitinhaber des Designbüros adlerschmidt und Professor für Kommunikationsdesign an der HTW Berlin, hat sich mit Fragen des Corporate Designs für Architekturbüros systematischer auseinandergesetzt und uns fünf Fragen beantwortet. Florian Adler ist Kommunikationsdesigner mit eigenem Büro in Berlin und hat sich mit der Selbstdarstellung von Architekten beschäftigt. Warum benötigen Architekturbüros ein eigenes Corporate Design? Es gibt allein in Deutschland rund 57.000 freischaffende Architekten und Stadtplaner, von denen in der Öffentlichkeit nur eine kleine Minderheit bekannt ist. Wenn sich potenzielle Bauherren auf die Suche nach einem passenden Planer begeben, möchten sie sich zunächst ein Bild von ihm machen. Da helfen persönliche Empfehlungen, Referenzprojekte, vielleicht räumliche Nähe, aber eben auch eine erkennbare Unternehmensidentität des möglicherweise infrage kommenden Büros. Persönliche Haltung, Kompetenz und Erfahrung, gestalterische, aber auch gesellschaftliche Werte, Ziele und Überzeugungen – man spricht hier von Corporate Identity oder Markenidentität – werden durch den visuellen Auftritt sichtbar. Dabei spielt die Website die wichtigste Rolle, aber bereits auf der Visitenkarte wird erkennbar, wofür ein Büro steht. Damit hier von Beginn an ein adäquates Image entsteht, empfiehlt sich ein sorgfältiges Corporate Design. Was können die einzelnen Elemente und Bestandteile eines Corporate Designs, also Schrift, Farben, Formen, Logo, überhaupt vermitteln? Schriften repräsentieren zeitgeschichtlche Epochen, die aber auch sehr zeitgemäß interpretiert werden können. Wir unterscheiden Renaissance-, Barock- und klassizistische Antiqua sowie konstruierte, statische oder dynamische Groteskschriften bis hin zu den hybriden, oft ausgesprochen modischen Formen heutiger Schriftentwerfer. Allein durch die Schriftwahl lassen sich also sehr differenzierte Aussagen hinsichtlich formaler oder zeitgeistiger Präferenzen machen. Farben transportieren im warmen Spektrum eher emotionale Impulse, während kühle Farben für Rationalität und Frische stehen. Über die Hälfte der Architekturbüros verzichtet jedoch auf jede Farbigkeit und beschränkt sich in ihrer Eigendarstellung auf Schwarz-weiß. Es ist sicher unnötig, Architekten zu erklären, dass natürlich auch abstrakte oder ikonische Zeichen vielfältige Bedeutungen tragen und entsprechend eingesetzt werden können. Auch Papierqualitäten und andere Materialien spielen eine Rolle. Die einzelnen Gestaltungselemente visualisieren also unterschiedliche semantische Aspekte und bilden eine gemeinsame Syntax. Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen ­Architekt und Kommunikationsdesigner ­konkret ab? Womit beginnt die Erarbeitung eines Corporate Designs? Wenn Corporate Design eine Corporate Identity zum Ausdruck bringen soll, muss zunächst diese Identität bestimmt werden. „Das Äußere ist ein Bild des Inneren“, sagte Otl Aicher, einer der Pioniere des Corporate Designs in Deutschland. Manche Büros haben bereits so etwas wie eine Bürophilosophie oder ein sogenanntes „Mission Statement“ formuliert. Falls diese Form der Selbstbeschreibung nicht schon vorliegt, erarbeiten wir das gemeinsam in einem Workshop, reflektieren die Besonderheiten des Unternehmens, die Wettbewerber und Bezugsgruppen und formulieren Haltung, Werte und Ziele. Die wichtigsten drei Fragen lauten immer: Was können wir besonders gut? Was ist uns besonders wichtig? Und was ist unser Alleinstellungsmerkmal? Daraus definieren wir das angestrebte Fremdbild und die gewünschte Tonalität, was dann wiederum die Basis für unsere Entwurfsarbeit bildet. Corporate Design ist also keine Fassadendekoration, sondern bedeutet nichts weniger als die Visualisierung von Identität.

Corporate Design

Welche Rolle spielen dabei die bereits realisierten Projekte oder Bauten? Die realisierten Projekte bilden die Hintergrundfolie, sie stehen immer mit auf der Bühne, wobei aber auch die Entwurfsmethodik, individuelle Kompetenzen, das Leistungsspektrum und die Besonderheiten der fokussierten Zielgruppen eine große Rolle spielen. Grundsätzlich müssen jedoch die Menschen sichtbar werden, die diese Leistung anbieten. Denn Gestaltung ist immer eine sehr persönliche Angelegenheit, wie auch das Verhältnis von Auftraggeber und Auftragnehmer. Wie lässt sich ein stilistisch und typologisch sehr heterogenes Portfolio „unter einen Hut bringen“? Es gibt Architekturbüros, deren Bauten einen eigenen Stil, eine eigene Handschrift tragen, egal ob im Wohn-, Gewerbe- oder Industriebau. Andere entwickeln für jede Bauaufgabe eine eigene Formensprache, die sich aus den jeweiligen Nutzungsanforderungen ergibt. Gerade solche Unterscheidungen in der Herangehensweise sind für den potenziellen Bauherrn von großer Bedeutung und lassen sich in der Typografie, Farbgebung und Formensprache auch wunderbar zum Ausdruck bringen. Es bräuchte dafür nur etwas mehr Mut seitens der Architekten, mehr als nur ihren Namen in Großbuchstaben zu setzen. Über 70 Prozent der Architekturbüros nutzen dafür die gleichen drei bis fünf Groteskschriften wie Futura, Helvetica oder gar Arial; nur etwa ein Fünftel traut sich an aktuelle Schriften heran, und wir haben überhaupt nur drei Büros unter den „Top 50“ in Deutschland gefunden, die eine Antiqua, also eine Serifenschrift, nutzen. Dabei gibt es auch in diesen Klassifikationen sehr zeitgemäße und elegante Interpretationen. Eine wirklich gestaltete Wortmarke verwenden gerade mal zehn Prozent der Büros, ein abstraktes oder ikonisches Bildzeichen haben wir überhaupt nicht gefunden. Hier herrscht offenbar die Sorge, dass hinter einer prägnanten Marke die Individualität des Architekten verschwinden könnte. Es gilt jedoch, in einem engen Markt prägnante Zeichen zu setzen.  

Große Einladung

Wie ein Bistum, eine kleine und eine größere Stadt von offenen Wettbewerben profitiert haben. St.-Hedwigs-Kathedrale Berlin Überzeugungsarbeit Der Widerspruch schien unüberbrückbar: Einerseits wollte das katholische Erzbistum Berlin das Erbe des Architekten Hans Schwippert bewahren, der die kriegszerstörte St.-Hedwigs-Kathedrale 1956 bis 1963 wiederaufgebaut und dabei ein Unikat geschaffen hatte: ein Bodenloch mitten im Kirchenraum, in dem eine Treppe zur Unterkirche führte. Andererseits störte genau dieses Loch: Es nimmt Fläche, es behindert die Liturgie, und es passt nicht mehr in die heutige Zeit. Denn es schafft den Raumeindruck einer bedrohten Gruppe in der sozialistischen Diaspora, nicht den eines Hauptstadt-Doms, in dem heute Päpste Messen lesen und der Bundestag Eröffnungsgottesdienste feiert. „Wir mussten Lösungen für die gewachsenen Bedürfnisse für diese Kirche finden“, sagt Prälat Ronald Rother, Domprobst an St.-Hedwig. Und er gesteht offen: „Uns fehlte die Idee, wie wir das Verändern und das Bewahren in Einklang bringen konnten.“ Offenes Modell: „Unter Nutzung der gegebenen Baugestalt wird die liturgische Versammlung in Form eines kreisrunden Communio-Raumes konfiguriert“, schreiben die Architekten. Da entschied sich das Bistum für einen offenen Wettbewerb. „Wir wollten, dass Architekten vorurteilsfrei an die Sache herangehen und ihre Ideen kundtun.“ Als er 2013 ausgelobt war, bekundeten 465 Büros aus Europa und den USA Interesse. 169 von ihnen reichten schließlich Entwürfe ein. Die Erstauswahl in Phase 1 geschah rigoros, berichtet Rother: „Wir haben alle Entwürfe fallen gelassen, die die Idee eines ­Anbaus an die Kirche enthielten.“ Es hatte deutlich in der Ausschreibung gestanden, dass genau das nicht erwünscht war. Bei den übrig bleibenden Entwürfen ging es in Phase 1 und in Endphase 2 vor allem um die eine heikle Frage, die Rother ausspricht: „Wie können wir das Konzept von Hans Schwippert bewahren? Da wurde einheitlich festgestellt: Jeder Versuch, die Öffnung zur Unterkirche zu verändern, ist eine Verschlimmbesserung. Der ausgezeichnete Entwurf greift Schwipperts Gedanken der Zentralarchitektur auf. Aber man kann nie allem zugleich recht tun.“ Auch für seine Entscheidung für einen offenen statt eines beschränkten Wettbewerbs hatte das Bistum neben dem baukulturellen Grund einen taktischen. Rother: „Bei einem Einladungswettbewerb hätte man uns hinterher vorwerfen können, wir wären ja sowieso nur auf Büros zugegangen, die uns bestimmte Wünsche erfüllen. Diesem Vorwurf wollten wir mit der Auslobung eines offenen Wettbewerbs von vornherein begegnen.“ Das Bistum setzte stattdessen auf die Macht des Funktionell-Faktischen: Gerade der offene Wettbewerb würde zeigen, dass die gewünschten Anforderungen nur erfüllbar sein würden, wenn man Schwipperts Konzept antastete. Geschlossener Raum: Die Unterkirche mit Taufbecken, die bisher durch ein Loch in der Decke mit dem Hauptraum darüber verbunden ist, gewinnt durch dessen Schließung an Intimität. So geschah es – von einer Jury legitimiert, in der auch Schwipperts Schüler Dieter Georg Baumewerd aus Münster saß. Den Wettbewerb gewannen Sichau + Walter Architekten aus Fulda mit einem Konzept, das den Boden schließt. Damit siegte ein feines, nicht sehr großes Büro, das in einem VOF-Verfahren oder einem Einladungswettbewerb kaum zum Zuge gekommen wäre – mangels Referenzen im Kirchenbau.   Wettbewerbs-Steckbrief Bauaufgabe: Neugestaltung des Innenraums und des baulichen Umfelds der St.-Hedwigs-Kathedrale Berlin Ausloberin: Katholisches Erzbistum Berlin Verfahrensform: zweiphasiger, offener Wettbewerb Wettbewerbsbetreuer: Rudolf Lückmann, Dessau Teilnehmer: 169 1. Preis: Sichau + Walter Architekten, Fulda   Das Interview mit Professor Hans-Peter Achatzi und Uwe Dahms finden Sie hier Den Artikel zum Wolfsburger Wettbewerb finden Sie hier Den Artikel zur Stadtkaserne Germersheim finden Sie hier

„Nicht vor Wettbewerben zurückschrecken!“

Hans-Peter Achatzi und Uwe Dahms haben den Zeit- und Geldaufwand von Vergabeverfahren untersucht. Wichtigstes Ergebnis: Wettbewerbe dauern nicht länger und sind nicht teurer als VOF-Verfahren. Interview: Roland Stimpel Hans-Peter Achatzi: Wir wollten wissen, wie viel Zeit jedes dieser Verfahren benötigt und wie viel Geld es den Auslober im Hinblick auf die gesamte Planungsphase kostet. Beides sehen viele potenzielle Bauherren als wichtige Entscheidungskriterien für das jeweilige Verfahren. Professor Hans-Peter Achatzi und Uwe Dahms führen das Berliner Büro C4C competence for competitions. Es hat gemeinsam mit architecture.strategic communications and management in Basel sowie dem IfS Institut für Stadtforschung und Strukturpolitik in Berlin die Studie „Aufwendungen bei der Vergabe von Planungsleistungen“ erarbeitet. Auftraggeber waren das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und das damalige Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.   Und welches Verfahren ist das schnellste, billigste, effizienteste? Uwe Dahms: Da gibt es kein eindeutig bestes. Denn auf einen Planungsprozess wirkt vieles ein: Personalkapazitäten und -engpässe beim Auslober, politische Einflüsse, Budgets und Bremsen, wie etwa Haushaltssperren, Anforderungen an die Bauaufgabe und der Grad, in dem sich der Auslober über diese Aufgabe klar ist. All das beeinflusst Zeit- und Geldfragen viel mehr als die jeweilige Vergabeart der Planungsleistungen. Die theoretisch denkbaren Unterschiede zwischen den verschiedenen VOF- und Wettbewerbsverfahren sind so gering, dass sie die Gesamtzeit und die Gesamtkosten der Planung eines Bauprojekts nicht messbar beeinflussen. Viele Bauherren sehen das anders und scheuen Wettbewerbe. Es scheint ja auch auf den ersten Blick klar, dass diese mehr Zeit und Geld kosten als eine simple Vergabe. Achatzi: Dieser erste Blick täuscht oft, wie unsere Fallstudien zeigen. Bei Wettbewerben gibt es einen klaren, oft straffen Terminplan von der Formulierung der Inhalte über den Verfahrensstart, das Ende der Bewerbung oder Unterlagen-Anforderung und die Abgabe des Entwurfs bis zur entscheidenden Jury-Sitzung. Und danach ist die Vorplanung weitgehend gelaufen, bis auf gewünschte Überarbeitungen. Und VOF-Verfahren ohne Planungswettbewerbe dauern länger? Dahms: Vergabeverfahren ohne Lösungsvorschläge führen relativ schnell zu einem Planungspartner, aber nicht zu einem Planungsergebnis. Denn die Vorplanung findet erst danach statt – und sie kann dauern! Der Wettbewerb liefert dagegen die Vorplanung in den wesentlichen Grundzügen bereits vor der Vergabe. Die Festlegung auf einen Planungspartner findet nur zu einem späteren Zeitpunkt im Projektprozess statt, der ansonsten in beiden Fällen zeitlich weitgehend gleich verläuft. Bei der Vergabe ohne Lösungsvorschläge und Wettbewerb unterliegt die Vorplanung noch vielen Unwägbarkeiten. Die tatsächliche Qualität der Vorplanung ist ungewiss, auch sind dann oft noch verwaltungsinterne und -externe sowie politische Abstimmungen nötig. Diese erfolgen bei einem Wettbewerb bereits vor der Vergabe, da die Behörden und Interessenvertreter schon bei der Ausschreibung berücksichtigt und womöglich eingebunden sind – und dann nochmals durch ihre Teilnahme an den Jurysitzungen. Von der Zeit- zur Geldfrage: Hier scheint der Nachteil von Wettbewerben noch mehr auf der Hand zu liegen. Achatzi: Natürlich brauchen Wettbewerbe ein gewisses Budget, das ihre Kosten deutlich sichtbar macht. Bei VOF-Verfahren werden die Kosten dagegen oft gar nicht sichtbar, weil sie behördenintern mit dem ohnehin vorhandenen Personal gemacht werden. Wie viele Stunden ihrer bezahlten Zeit diese Leute für das jeweilige Verfahren aufwenden, wird meist nicht erfasst; bei den VOF-Verfahren verschwinden diese Kosten irgendwo im allgemeinen Haushalt. Ebenso wenig wird berechnet, wie Verzögerungen im Verfahren das ganze Projekt verteuern. Dahms: Wir haben versucht, die tatsächlichen Kosten für zwei Musterverfahren mit Baukosten von drei und zehn Millionen Euro zu ermitteln. Da gibt es einen für alle Verfahren gleichen Grundaufwand, den wir nicht berechnet haben. Dieser entspricht den Kosten eines VOF-Verfahrens ohne Lösungsvorschläge. Beim nichtoffenen Wettbewerb mit 80 Bewerbern und 25 Teilnehmern haben wir die über den Grundaufwand hinausgehenden Mehrkosten in Höhe von 73.750 Euro errechnet, bei einem offenen Wettbewerb mit 80 Teilnehmern sind dies rund 95.000 Euro. Am teuersten war das VOF-Verfahren mit Lösungsvorschlägen von sieben Teilnehmern – also die Mehrfachbeauftragung. Hier sind die fälligen Honorare so hoch, dass Mehrkosten von 111.910 Euro anfielen. Oft sind in diesen Verfahren die Honorare jedoch in der Praxis kläglich niedrig. Achatzi: Wie in der VOF vorgeschrieben, haben wir Honorare nach der HOAI unterstellt. Verfahren mit gesetzwidrig niedrigen Honoraren taugen nicht für einen solchen Vergleich. Von ihnen können wir Auslobern wie Architekten ohnehin nur abraten. Und wie waren die Ergebnisse in der zweiten Musterrechnung für ein Zehn-Millionen-Projekt? Achatzi: Die Mehraufwendungen der Wettbewerbe waren etwa doppelt so hoch wie beim kleineren Projekt, doch beim VOF-Verfahren mit Lösungsvorschlägen stiegen die Kosten weit stärker. Allein die hierbei fälligen Honorare waren mehr als dreimal so hoch wie die Preisgelder in den Wettbewerben. Wenn nun keine Verfahrensart große Einflüsse auf Zeitablauf und Kosten der Planungsphase eines Projekts hat – haben Sie trotzdem einen Rat für Bauherren? Dahms: Ja, eine gute Nachricht: Bauherren können die Verfahrensart allein danach auswählen, welche Qualität sie jeweils für die Bauaufgabe bietet. Sie müssen insbesondere nicht vor Wettbewerben zurückschrecken und können ihre vielen Qualitäten nutzen. Das gilt für den inhaltlichen Vorteil der ­Ideenvielfalt und der Erarbeitung völlig unterschiedlicher Alternativen – ein kaum zu unterschätzender Mehrwert und Erkenntnisgewinn. Es gilt auch für den Verfahrensvorteil, dass bei einem Wettbewerb die Aufgabe frühzeitig gut definiert sein muss, dass in der Jury die Vertreter verschiedenster Interessen eingebunden sein können, dass man kompetente externe Preisrichter gewinnt und im Moment der Juryentscheidung oft schon ein hoher Konsens erreicht ist. Hier locken Einsparungen für das Gesamtprojekt, die viel größer sind als der Zeit- und Geldaufwand für den Wettbewerb. VOF-Verfahren bergen dagegen oft riesige Untersicherheiten, und das noch weit nach ihrem formalen Abschluss. Sie eignen sich vielleicht für kleine oder einfache Aufgaben, bei denen echte Entwurfsalternativen gar nicht möglich und gefragt sind. Warum werden denn dann so viele Vergaben als VOF-Verfahren ohne Lösungsvorschläge durchgeführt? Dahms: Hier zeigt sich ein wirklich grundlegendes Problem. Die zuständigen Verwaltungen sind zumeist ausgedünnt und suchen mit der Vergabe vor allen Dingen schnell einen Partner, der das Projekt voranbringt. Die Verwaltungen selbst sind kaum noch in der Lage, die Grundlagen und die Aufgabenstellung in der erforderlichen Sorgfalt zu erarbeiten. Das wird dann dem Planungspartner übertragen. Doch geht das auf Kosten der Qualitätssicherheit und der Baukultur. Die Qualität der späteren Vorplanung wird bei diesem Weg kaum noch geprüft – es fehlt zudem der Vergleich zu anderen Lösungsansätzen. Die Vergabe der Planungsleistung geht zwar schneller, doch sind die Qualität und der Verlauf der Vorplanung ungewiss. Bleibt bei Wettbewerben die Entscheidung zwischen offenen und Einladungs-Verfahren. Die befürchtete Flut von Einsendungen ist meist die größte Hemmschwelle. Und diese Furcht wird von Verfahren bestätigt, in denen Hunderte von Entwürfen geprüft und beurteilt werden müssen. Achatzi: Da wirkt der bekannte Teufelskreis. Nur noch drei Prozent unserer Wettbewerbe sind offen. Und je weniger es sind, desto mehr Teilnehmer stürzen sich auf die restlichen. Diesen Effekt muss man umdrehen. In der Schweiz sind offene Wettbewerbe die Regel, und dort haben sie im Durchschnitt viel weniger Teilnehmer als bei uns. Der Markt regelt das schon. Tut er das wirklich? Offene Wettbewerbe locken Teilnehmer aus der ganzen EU; kleinere Büros aus der Region haben noch weniger Chancen. Achatzi: Das sehe ich umgekehrt. Gäbe es genug offene Wettbewerbe, dann würden sich Büros eher regional bewerben und nicht jede Distanz in Kauf nehmen. Die Baukultur vor Ort würde dadurch sicherlich gestärkt. Offene Wettbewerbe gelten manchen auch als unökonomisch, weil hier Architekturbüros immense Ressourcen einsetzen, die zum größten Teil nicht verwertet werden. Dahms: Die Architekten wissen, was sie tun; sie tun es nicht zuletzt für die Baukultur. Und wir empfehlen doch gerade, dass diese Ressourcen auf mehr Verfahren verteilt werden, statt sich auf ganz wenige zu konzentrieren. Das bringt Innovationen in mehr Verfahren und führt eher dazu, dass sich Büros die Aufgaben aussuchen können, die ihrer Neigung und Qualifikation am besten entsprechen. Mehr offene Wettbewerbe wären auch unter diesem Aspekt effizienter. Was empfehlen Sie für offene Wettbewerbe? Achatzi: Wir favorisieren zweiphasige Verfahren – mit einer engeren Auswahl nach der Entwurfsqualität anhand von Aussagen zum Grundkonzept in der ersten Phase, einem anschließenden Workshop oder Kolloquium und einer detaillierten Bearbeitung durch die ausgewählten Verfasser in der zweiten Phase. Dahms: Und wir haben eine Empfehlung für Auslober bei allen Verfahrensarten. Sie brauchen einen eigenen Etat für die Projektvorbereitung und die angemessene Manpower dafür. Heute verzichten ja manche Bauherren auf den Planungswettbewerb nur, weil sie ihn selbst nicht angemessen vorbereiten können und wegen mangelnder Mittel dies auch nicht nach draußen geben. Achatzi: Dazu noch eine Empfehlung für Architekten, die in dieser Phase tätig sind: Auch sie sollten das selbstbewusst als eigene Leistung definieren, die in sich abgeschlossen und unabhängig von der Arbeit in den späteren HOAI-Phasen ist und natürlich eigenständig und angemessen honoriert werden muss.   Studie zum Download Die Studie kann per Link hier heruntergeladen werden   Den Artikel zur St.-Hedwigs-Kathedrale Berlin finden Sie hier Den Artikel zur Stadtkaserne Germersheim finden Sie hier Den Artikel zum Wolfsburger Wettbewerb finden Sie hier    

Stadtkaserne Germersheim

Feine Mitte Im pfälzischen Germersheim steht die klassizistische Stadtkaserne historisch-repräsentativ, aber bisher auch lästig herum – als Barriere zwischen der Altstadt und den Wiesen am Rhein. Der Nutzlosigkeit entspricht der dreieckige Freiraum zwischen Stadt und Kaserne: Er war bisher nach dem Motto „Innen Rasen, außen rum Bäume“ ziemlich fantasielos gestaltet. Jetzt will ein Privatinvestor aus der Kaserne ein Einkaufszentrum machen – und die Stadt will den zentralen Freiraum aufwerten. Neues Zentrum: Durch die Gestaltung der bisher diffusen Freiräume vor der historischen Stadtkaserne gewinnt Germesheim eine neue öffentliche MItte. Dafür lobte die 20.000-Einwohner-Gemeinde 2012 einen offenen Wettbewerb aus. Ihr Bau-Beigeordneter Norbert König „wollte nicht nur die uns bekannten Architekten einladen, sondern viele Möglichkeiten aufgezeigt bekommen, was mit diesem Raum möglich ist. Da rieten uns die späteren Verfahrensbetreuer Kaupp + Franck zu einem offenen Wettbewerb.“ Das riecht nach einer Flut von Teilnehmern, aber König hatte keine Angst, darin unterzugehen. Freiraum- und Städtebauwettbewerbe sind nicht ganz so überlaufen wie die für Hochbauten. Und dafür, dass nicht jedes Büro zwischen Polarkreis und Portugal teilnahm, sorgte die Stadt mit einer beliebten kleinen List. Norbert König: „Wir haben verlangt, dass alle Teilnehmer an einem Kolloquium vor Ort teilnehmen mussten.“ Trotzdem waren Büros aus Italien, Österreich und den Niederlanden unter den 35 Interessenten, von denen schließlich 23 Entwürfe abgaben. Die Jury-Entscheidung war einstimmig; renommierte Fachpreisrichter waren ebenso eingebunden wie Vertreter der Germersheimer Ratsparteien. Es gewann Karl Jochen aus Schwanau – ein bescheidener Architekt ohne eigene Website – mit der AG Freiraum aus Freiburg. Nach dem Sieger-entwurf wird das Gelände zum künftigen Einkaufszentrum hin terrassiert; man erreicht den Bau wie eine historische Burg über eine Brücke. Diese überquert auch den „Lichtgraben“ rund um das Gebäude-Souterrain, einen öffentlichen Gang unter Bodenniveau, aber offen zum Himmel. Die Jury lobte die „städtebauliche Spannung“ sowie die „unterschiedlichen und qualitativ hochwertigen Gestaltungselemente“, etwa zwei steinerne Plätze und ihre Verbindung durch eine grüne Achse. Auch die verstärkte Erlebbarkeit des Einkaufs- und Dienstleistungszentrums durch die terrassierte und tiefergelegte Grünfläche fand Anklang bei den Preisrichtern. Nächstes Jahr soll das Projekt mit einer Bausumme von sieben Millionen Euro starten. Der Beigeordnete Norbert König ist sich nach der guten Erfahrung sicher: „Hätten wir erneut ein Projekt dieser Art und Größe, würden wir natürlich wieder einen offenen Wettbewerb ausloben.“   Wettbewerbs-Steckbrief Bauaufgabe: Aufwertung des öffentlichen Raums um die ehemalige Stadtkaserne Germersheim Ausloberin: Stadt Germersheim Verfahrensform: offener freiraumplanerischer und städtebaulicher Realisierungswettbewerb Wettbewerbsbetreuer: Kaupp + Franck Architekten GmbH, Mannheim (DE) Teilnehmer: 23 1. Preis: Karl Jochen Architekturwerkstatt, Schwanau, mit AG Freiraum, Freiburg im Breisgau   Das Interview mit Professor Hans-Peter Achatzi und Uwe Dahms finden Sie hier Den Artikel zur St.-Hedwigs-Kathedrale Berlin finden Sie hier Den Artikel zum Wolfsburger Wettbewerb finden Sie hier

Bildungshaus Wolfsburg

Neuer Geist Wolfsburg will ein „Bildungshaus“, in dem sich die Stadtbibliothek, ein Medienzentrum, die Volkshochschule und eine Sekundarschule gegenseitig befruchten. Stadtbaurätin Monika Thomas möchte gar „einen neuen Geist der Bildung initiieren“. Architektonisch liegt die Latte in der Stadt hoch, die mit Kulturbauten wie dem Theater von Hans Scharoun und dem Kulturhaus von Alvar Aalto aufwarten kann. „Für die neuartige Bauaufgabe brauchen wir ebenso neue Ideen“, sagt Thomas. Für den besonderen Bau leistet sich die Stadt ein Verfahren von besonderer Komplexität,in dem ein zweiphasiger offener Wettbewerb, eine Bürgerbeteiligung und ein VOF-Verfahren miteinander verknüpft werden. Drei Sieger: Aus dem Wolfsburger Wettbewerb gingen drei 2. Preise hervor, die danach in einer Überarbeitungsphase konkretisiert werden sollten.Schaltraum Architektur Es begann mit einer laut Thomas „ausgesprochen intensiven Vorphase mit den Nutzern, um das Raumkonzept zu erstellen und Flächenbedarfe zu definieren. Gerade bei einer unkonventionellen Bauaufgabe brauchen die Wettbewerbsteilnehmer eine möglichst klare Orientierung an den Nutzervorstellungen.“ In Phase eins des offenen Wettbewerbs ging es vor allem um den Städtebau. An zwei Sitzungstagen (Thomas: „Ein Marathon bis tief in die Nacht“) teilte sich die Jury in vier Gruppen, die jeweils einen Teil der 112 eingereichten Entwürfe diskutierten; am Ende wählte das Jury-Plenum 22 aus. „Es war extrem spannend, zu sehen, wie sich da bestimmte Typologien herausbildeten“, berichtet Thomas. Nebenbei widerlegte das Wolfsburger Verfahren ein Vorurteil: dass sich prominente Architekten an offenen Wettbewerben wegen der unwägbaren und statistisch geringen Chancen nur ungern beteiligen würden. „Es waren herausragende Architekturbüros dabei“, verrät Thomas – selbstverständlich auch internationale. prosa architekten Vor der Wettbewerbsphase zwei gab es eine Bürgerbeteiligung der besonderen Art – bemerkenswert ihrer seiner Integration in ein Wettbewerbsverfahren und wegen des besonderen Aufwands, der dafür nötig war. Alle 22 Entwürfe wurden in der fensterlosen ehemaligen Kassenhalle im Inneren des Rathauses ausgehängt. Alle Besucher mussten sich namentlich registrieren, eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, Kameras und Handys draußen lassen. Wettbewerbsteilnehmer waren für die Besichtigung nicht zugelassen. Trotz allem fanden in einer Woche 850 Menschen den Weg zu den Entwürfen – viele von der Stadt eingeladen und in Gruppen geführt, die zum Beispiel aus Nachbarschaftsvereinen, Schulen und einem islamischen Kulturzentrum kamen. Negative wie positive Meinungsäußerungen von „Wird zu groß“ bis „Möchte ich gerne dran arbeiten“ konzentrierten sich auf die optisch besonders auffälligen Entwürfe. Monika Thomas: „Innovative andersartige Formen boten den größten Anreiz zur Diskussion. Die Bürger gucken schon sehr auf neue Formen, vor allem auf runde, ellipsoide, weiche. Sie achten stark aufs Atmosphärische. Sehr viele haben gesagt: Diese Entscheidung möchte ich nicht fällen müssen.“ Aus den Meinungsäußerungen der 850 Besucher wurde ein „Bürgerkommentar-Bericht“, den die Preisrichter der zweiten Phase erhielten. „Er wurde von der Jury sehr ernst genommen“, bilanziert Thomas. Allerdings ist nicht bekannt geworden, dass er prägenden Einfluss auf das Beratungsergebnis gehabt hätte. Dieses war ohnehin nur ein Zwischenstand: Es gab keinen 1.Preis, aber drei 2.Preise. „Bei jedem Entwurf gab es Details, die noch nicht so ausgereift waren wie gewünscht. Für die Nutzer wäre es eine vertane Chance gewesen, sich auf einen festzulegen, wenn noch nicht alle drei die Aufgabe vollkommen durchdrungen haben.“ Also ließ die Stadt dem zweiphasigen Wettbewerb gleich noch eine weitere Runde folgen: ein VOF-Verfahren, in dem die Träger der drei 2.Preise mit einer Überarbeitung beauftragt wurden. Wenn das geschehen ist, soll die Wettbewerbsjury erneut zusammentreten und final entscheiden. „Faktisch ist das jetzt Phase drei“, sagt Thomas. „Die Phase der endgültig substantiellen Entscheidungsfindung für alle.“ Esa Ruskeepää Architects „Das Ganze ist schon ein immenser Aufwand“ gesteht Thomas zu. „Aber es rechnet sich. Im Verhältnis zu den Baukosten ist der Aufwand minimal. Jede Nachbesserung, die man später versucht, ist teurer. Und wer etwas Neuartiges haben will, der muss einfach ein Verfahren wählen, das Innovationen fördert und in dem Fachleute, Nutzer und Öffentlichkeit sie gründlich prüfen können.“   Wettbewerbs-Steckbrief Bauaufgabe: Bildungscampus am Klieversberg, Wolfsburg Ausloberin: Stadt Wolfsburg Verfahrensform: zweiphasiger, offener Ideen- und Realisierungswettbewerb mit eingeschobener Bürgerbeteiligung und anschließendem VOF-Verfahren mit Überarbeitung durch die Preisträger Wettbewerbsbetreuer: Büro Luchterhandt, Hamburg Teilnehmer: 112 Drei 2. Preise:
  • Schaltraum Architektur (Hamburg), Werner Sobek (Stuttgart) mit Hinnenthal Schaar Landschaftsarchitekten (München)
  • prosa architekten (Darmstadt) mit Rehwaldt Landschaftsarchitekten (Dresden)
  • Esa Ruskeepää Architects (Helsinki) mit Fugmann Janotta Landscape Architecture (Berlin)
  Das Interview mit Professor Hans-Peter Achatzi und Uwe Dahms finden Sie hier Den Artikel zur St.-Hedwigs-Kathedrale Berlin finden Sie hier Den Artikel zur Stadtkaserne Germersheim finden Sie hier

Endlich finden statt endlos suchen

Wie kleine Büros beim Konkurrenzkampf um die besten Absolventen mithalten können Text: Nils Hille Es ist eine niemals endende Geschichte: Jan Endemann ist „eigentlich immer irgendwie auf der Suche“, wie er sagt. Egal ob bei Veranstaltungen oder Seminaren, an der Hochschule oder im Gespräch mit Kollegen in der Kammergruppe – der Architekt aus Stuttgart hat dauernd die Frage im Hinterkopf: Wie komme ich an neue Mitarbeiter? Und das nicht etwa, weil Endemann ein riesiges Architekturbüro mit ebenso großen, internationalen Projekten leitet. Sondern gerade weil das Gegenteil der Fall ist. Der heute 47-Jährige hatte sich nach zehn Jahren als Angestellter im Jahr 2006 selbstständig gemacht. Seitdem führt er ein Büro, das mal drei, mal vier Mitarbeiter hat. „Viel mehr sollen es auch gar nicht werden“, sagt er. Und weil er nicht die Mammutaufgaben oder Prestigeprojekte plant und realisiert, von denen jeder hört und liest, kennen die Hochschulabsolventen „Endemann Architekten“ zunächst nicht. Ein Problem, das viele kleine Büros haben, egal, wie gut ihre Arbeit ist. Endemann zum Beispiel hat sich von Anfang an auf den Wohnungsbau konzentriert – und das mit Erfolg. Mittlerweile saniert sein Büro nicht nur Gebäude mit bis zu fünfzehn Wohneinheiten. Die Stuttgarter haben auch das Arbeitsfeld Baugemeinschaften für sich entdeckt. „Zwei Projekte sind abgeschlossen, am dritten sind wir gerade dran.“ Das bedeutet für die Mitarbeiter: Sie können mehr als entwerfen, aber sie müssen das auch wollen. „Bei so überschaubaren Strukturen wie bei uns muss sich jeder für alle Leistungsphasen interessieren. Dafür können sich meine Mitarbeiter mit den Projekten später auf jeden Fall sehen lassen.“ Und damit deutet Endemann eine weitere Dimension des Problems an. Viele sehen so ein kleines Büro eher als Zwischenstation, auch weil ihnen der Chef häufig keine solide Beschäftigungsgarantie für die nächsten Jahre geben kann. Deswegen will Endemann auch keine Mitarbeiter anderer Büros abwerben: „Das ist mir von der Verantwortung her viel zu heiß.“ Doch nur auf freie Mitarbeiter will der Architekt auch nicht setzen: „Das habe ich alles schon versucht. Doch die arbeiten dann meistens von zu Hause aus, was bei unserer Struktur und wegen der nötigen Kommunikation sehr hinderlich ist.“ Problem erkannt. Lösung unbekannt? Es gibt unterschiedliche Wege beim Konkurrenzkampf um die Besten, um auch als kleines, feines Büro immer wieder zum Zuge zu kommen. Hier drei lohnenswerte: 1. Stellenanzeige „Ach, das kann doch nichts bringen“, ist das oft gehörte Vorurteil, wenn es darum geht, eine Stellenanzeige zu schalten. Von wegen! Gerade darüber können Sie Ihr Büro zahlreichen potenziellen Kandidaten auf effektive Art und Weise vorstellen. Sie sollten dabei darauf achten, dass Sie keinen riesigen Anforderungskatalog abbilden, sondern lieber auch aufzeigen, was Sie gerade als kleines Büro zu bieten haben. Zudem macht es Sinn, eine möglichst große Reichweite für Ihren individuellen Zweck zu erzielen. Beispielsweise gehört unsere Stellenbörse im Internet zu den meistangeklickten Seiten auf DABonline.de. Sie finden Sie unter: DABonline.de/stellenmarkt. Jan Endemann hatte zunächst auf einer eher international ausgerichteten Seite ein Stellenangebot aufgegeben. „Doch dann bekam ich zahlreiche Bewerbungen aus dem Ausland, die für mein Büro mit lokaler Ausrichtung wenig Sinn machten“, erzählt er. Über eine lokalere Stellensuche meldeten sich schließlich auch Kandidaten aus Stuttgart und Umgebung. 2. Chancen 2014 Einige weitere potenzielle Mitarbeiter lernte Endemann bei der Veranstaltung „Chancen 2014“ des Instituts Fortbildung Bau (IFBau) der Architektenkammer Baden-Württemberg kennen. Schon seit fünf ­Jahren kommen an einem Freitag Ende ­Januar zahlreiche angehende und junge Architekten zusammen, um sich über Möglichkeiten eines guten Berufseinstiegs oder einer Weiterentwicklung zu informieren. Dieses Jahr servierte das IFBau mit einer Art Arbeitgeber-Speed-Dating ein ­völlig neues Angebot: Zehn Büroinhaber aus Baden-Württemberg stellten sich in Interviews kurz dem Absolventen-Publikum vor. Für einen ersten Einblick in ihre Arbeit durften die Chefs nur eine einzige Präsentations-Seite gestalten und vorstellen. Anschließend nahmen sie an kleinen Tischen Platz und standen für unzählige kurze Erstgespräche mit Absolventen und jungen Architekten zur Verfügung. „Das ist die Schnittstelle, die uns als Inhabern von kleinen Büros sonst oft fehlt“, sagt Endemann. Mit einer Bewerberin von der Veranstaltung steht er nun in engerem Kontakt. „Wir sind noch im Gespräch, aber daraus könnte einmal eine Zusammenarbeit entstehen“, so der Planer. Da das neue Format bei Absolventen und Inhabern gleichermaßen gut angekommen ist, hat IFBau-Geschäftsführer Peter Reinhardt beschlossen, Anfang 2015 gleich zwei solche Nachmittage zu veranstalten – am 30. Januar in Stuttgart und am 6. Februar in Karlsruhe. Weitere Architektenkammern denken über eine Adaption dieser Plattform für ihr Bundesland nach. Permanentes Personalmanagement: Architekt Jan Endemann aus Stuttgart führt ein kleines, gut laufendes Büro. Um neue Mitarbeiter zu gewinnen, geht er immer wieder andere Wege. 3. Trax Ein dritter Weg ist Trax. Trax steht für „Training und Praxis im Architekturbüro“ und wurde vor fünf Jahren von der Architektin Anke Wünschmann und dem Designer Achim Wollscheid in Frankfurt am Main gegründet. Die Planerin mit Lehrauftrag an der FH Frankfurt erklärt: „Nach der Umstellung auf Bachelor und Master haben sich die Studenten beschwert, dass sie keine Zeit mehr für Praxis-Erfahrungen in Büros haben. Und dann beschwerten sich auch noch die Büroinhaber, dass sie keine guten Absolventen mehr bekämen. Das wollten wir nicht auf uns sitzen lassen.“ Und so entwickelte sie Trax, ein Trainee-Programm, bei dem die Studenten, meist zwischen Bachelor- und Master-Studium, für fünf Monate in ein Büro gehen. Die Lernenden bewerben sich aber nicht dort direkt, sondern bei Trax, werden dann zu einem Vorstellungsgespräch geladen, und Wünschmann sorgt für die Auswahl sowie die Vermittlung in ein jeweils passendes Büro. Alle rund 50 beteiligten Büros bezahlen monatlich einen überschaubaren ­Betrag an den gemeinnützigen Verein. Davon wird nicht nur die Vorauswahl und Vermittlung finanziert, sondern auch der sogenannte Theorieteil, bei dem die Trainees zum Beispiel Baustellen, Büros und Ausstellungen besuchen und sich dadurch fortbilden. Zudem verpflichten sich die Inhaber, ihnen während der Praxisphase einen möglichst umfassenden Einblick in die Arbeit als Architekt zu geben. Und ihnen 750 Euro pro Monat zu zahlen, damit sich die Studenten das Trax-Semester überhaupt leisten können. Schon jetzt beteiligen sich auch Architekten aus München und Berlin an dem eigentlich auf Hessen konzentrierten Programm, um darüber geeigneten Nachwuchs zu akquirieren. „Gerade kleine Büros bekommen so Kontakt zu nicht nur guten, sondern auch noch motivierten zukünftigen Absolventen. Die Büros müssen nicht im BDA sein“, erläutert Wünschmann. Die Erfolgsquote gibt ihr recht: Rund 90 Prozent der Ex-Trainees arbeiten während des Masters im Büro weiter. Das Modell spricht sich nicht nur im BDA und bei den Inhabern herum – jetzt fragen auch große Hochschulen aus anderen Bundesländern bei Wünschmann an: „Vielleicht erfüllt sich ja irgendwann mein Traum und wir bieten Trax deutschlandweit an.“ Jetzt will es jedenfalls der BDA in Nordrhein-Westfalen übernehmen, wie Geschäftsführerin Uta Joeressen verrät: „Wir planen, Trax vom BDA Hessen auch bei uns zu etablieren, wenn die Hochschulen mitspielen.“  

Real München

Vielfältige Kontakte, spannende Diskussionen und einen Ministerbesuch bietet der Stand der Architektenkammern auf der Messe Expo Real Gleich nach dem Oktoberfest wird’s ernst: Kaum sind die letzten Lederhosen- und Dirndlträger von der Theresienwiese geschwankt, streben dezent gekleidete Menschen in die Messehallen am Ostrand Münchens. Dort läuft vom 6. bis 8. Oktober die Messe Expo Real, Europas größtes Ereignis rund um Immobilien und Bauen. Es treffen sich rund 35.000 Projektentwickler, Investoren, städtische und private Vermarkter und natürlich Architekten und Planer. Ihnen bietet die Expo Real beste Gelegenheiten für den ungezwungenen Direktkontakt mit potenziellen Bauherren. Deshalb ist auch die Bundesarchitektenkammer (BAK) jedes Jahr in München präsent – mit der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) als bewährter Standpartnerin sowie dem Bundesumwelt- und Bauministerium als neuem Partner. Wie in den Vorjahren dürfte der Stand zum Anlauf- und Kontaktpunkt vieler Architekten und ihrer Gesprächspartner werden, die auf der Messe unterwegs sind. Neben vielen Einzelgesprächen gibt es ein Vortragsprogramm, das an allen drei Messetagen weitere Besucher an den Stand locken will. Hier werden Einzelprojekte vorgestellt, Grundsatzfragen in Statements und Interviews erörtert und Podiumsdiskussionen veranstaltet – siehe Programm. Drei Höhepunkte zeichnen sich ab: am 6. Oktober die Standeröffnung mit BAK-Präsidentin Barbara Ettinger-Brinckmann, am 7. Oktober die Diskussionsrunde des Netzwerks Architekturexport NAX zum Thema „Sustainability made in Germany – die Kompetenz deutscher Planer“ und am 8. Oktober der Besuch von Bundesumwelt- und -bauministerin Barbara Hendricks am Stand. Der Stand der BAK liegt strategisch günstig genau gegenüber vom „Planning & Partnerships Forum“, auf dem die Messegesellschaft selbst Präsentationen und Diskussionen veranstaltet. Hier leisten die BAK und ihre Standpartnerin DGNB am zweiten Messetag zwei Beiträge: eine Reihe zu Bestandsimmobilien, eine zweite zu den wirtschaftlichen Vorteilen der Nachhaltigkeit. Vorteilhaft für alle Beteiligten sind auch die Standpartnerschaften in Gold und Silber, mit denen die Präsenz der Planer auf der Messe unterstützt wird. Zu ihnen gehört auch das Deutsche Architektenblatt.   Partner am Stand Offizielle Standpartner
  • Bundesarchitektenkammer
  • Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Bundesministerium für Umwelt und Bau
Goldpartner
  • Bundesstiftung Baukultur
  • BKI Baukosten-Informationszentrum Deutscher Architektenkammern
  • Goodman Germany
  • greenbcert
Silberpartner
  • art aqua
  • Deutsches Architektenblatt

Deutsches Haus

Warum und wie der Stuttgarter Architekt Manuel Schupp gleich drei Netzwerke pflegt Text: Roland Stimpel Beim Erdenken möglicher Netzwerke fängt Manuel Schupp (Foto) ganz klein an. „Man stelle sich einen Kollegen vor, der Vogelhäuschen entwirft. Warum soll der sich nicht mit einem Vogelfutter-Hersteller zusammentun, mit einem Tischler und einem Hersteller von Federbetten?“ Hauptsache, man hat mit allen Berührungspunkte. Und wenn der eine einen Kunden hat, dann kann er den mit seinen anderen Netzwerkpartnern verbinden. So wird aus dem Geschäft für den einen ein Geschäft fürs ganze Netzwerk: Der Vogelfreund lässt beim einen bauen, kauft beim zweiten Futter und liefert dem Deckenhersteller Federn. Schupp selbst macht das Gleiche in größeren Dimensionen und mit gleich drei Netzwerken: den „Architekten0711“ mit der Vorwahl seiner Stuttgarter Heimat, zur Zahl passend mit sieben Büros, Händlern und Handwerkern. Im Architekturexport-Netzwerk NAX der Bundesarchitektenkammer. Und schließlich im „european network architecture“ mit dem Kürzel ena und 17 planenden Mitgliedern aus dem Spektrum von Architektur, Fachplanung, Technik und Vermessung – allesamt aus Baden-Württemberg. Gegründet wurde das ena-Netzwerk vor zehn Jahren, laut Schupp mit dem simplen Vorsatz: „Wir sollten öfter die Köpfe zusammenstecken und reden, statt dass jeder in seinem Laden nur sein eigenes Süppchen kocht.“ Die Teilnehmer wollten Erfahrungen in Organisationsfragen austauschen, aber vor allem ihre Kontakte zu potenziellen Bauherren und die Kenntnis von Projekten ballen. Schupp: „Mal erfährt der Statiker von einem bauwilligen Bekannten, mal vermisst der Geodät ein größeres Gelände – warum sollte sich so etwas nicht in einem Netzwerk herumsprechen?“ Das Netzwerk soll Aufträge bringen. Nicht als eigenständige Akquise-Agentur, sondern als Kommunikationsplattform. Laut Schupp stört es die Mitglieder gar nicht, dass sie dabei auch im Wettbewerb zueinander stehen könnten: „Konkurrenz gibt es sowieso mit Dritten genug, aber ein Informationsvorsprung ist fast exklusiv. Und wichtiger als die Konkurrenz untereinander ist die Kooperation. Zum Beispiel wenn in einem VOF-Verfahren bestimmte Bürogrößen und Erfahrungen gefordert sind.“ Ena arbeitet vor allem in Deutschland, aber auch international – etwa mit einer Präsenz am Stand des Architekturexport- Netzwerks NAX. Dieses wird vom Büro Wilford Schupp als Paten unterstützt. Schupps Motto für alle Netzwerke ist das gleiche: „Vor allem Kollegialität bringt uns weiter.“ Zu den ena-Planern kommen die Partner: derzeit 26 Industrie- und Handwerksfirmen – meist namhafte, ebenfalls baden-württembergische Unternehmen mit Bau-Bezug. Lieferanten in einem Netzwerk mit Planern – das klingt heikel: Wo bleibt die Hersteller-Unabhängigkeit der freien Architekten? Aber Schupp versichert, die Firmen würden ena nicht mit Geld unterstützen, und für die ena-Architekten sei jeder Griff zum Konkurrenzprodukt anderer Unternehmen so frei wie zuvor. Auch rechtlich sei die Sache mit der Architektenkammer Baden-Württemberg geklärt. Die Industrie dient dem Netzwerk für den gleichen Zweck wie die Vernetzung überhaupt: Man informiert sich über Märkte, Aufträge und eigene Bedürfnisse. „Einem Türtechnik-Hersteller habe ich mal gesagt, eine Software zur Türenplanung wäre sehr sinnvoll. Die hat er dann entwickelt“, berichtet Schupp. „Viele Hersteller wollen Architekten besser bedienen – aber sie kommen nicht immer selbst drauf, wie. Einer sagte zu uns: Der Kontakt zu den Querdenkern am Bau ist genau das, was wir brauchen.“ Im Netzwerk-Namen steckt das Wort „european“, aber Schupp definiert es als regionales Netzwerk von Baden-Württembergern. Das Regionale sei wichtig: „Wir haben das Prinzip, dass wir uns regelmäßig sehen.“ Außer den Treffen in der Heimat gibt es ena-Stammtische auf Messen und ein Intranet. Nachdem ena es auf 35 Mitglieder und Partner gebracht hat, will es „nicht mehr groß wachsen“. Aber Schupp wünscht sich viele regionale Netzwerke – breit organisiert, auf regelmäßigen Kontakt und Kollegialität ausgerichtet und mit Qualitätsbewusstsein. „Wo ein guter Architekt organisiert ist, kann zum Beispiel kein Hersteller schlechter Möbel dabei sein.“ Ena dient Schupps unmittelbaren Bürozielen, aber er verfolgt auch eine größere Mission: „Wir versuchen, die Wertschöpfungskette am Bau abzubilden, statt uns als Einzelkämpfer abzumühen.“ Denn die Welt wolle Gesamtpakete aus einer Hand. Schupp nennt zwei große Industriebau-Anbieter: „Firmen wie Goldbeck und Vollack sind auf ­Märkten stark, auf denen einzelne Architekturbüros keine Chance haben. Ein Netzwerk hat sie aber, wenn es das ganze Leistungsspektrum bieten kann.“ Da sieht Schupp vor allem im Ausland Chancen und spricht leicht martialisch von „gemeinsamer Markterschließung auf breiter Front“. Schupps Vision ist so etwas wie ein nationaler Markenbegriff: „Weltweit ist noch nie so viel gebaut worden wie heute. Wir sollten das, was wir in Deutschland hervorragend können, nach draußen vermitteln. Jeder in der Welt kennt das deutsche Auto – warum nicht eines Tages auch das deutsche Haus?“   NETZWERKE im NETZ www.nax.bak.de www.ena.ag www.architekten0711.de  

Vielerlei Durchblick

Neue Methoden der Glasveredlung ermöglichen große gestalterische Vielfalt Text: Jutta Albus und Stefan Robanus Bei der Gestaltung von Glasoberflächen spielen visuelle Kriterien die entscheidende Rolle. Je nach dem gewünschten Grad der Durchsicht erscheinen sie transparent, transluzent oder opak. Die Oberfläche kann je nach ihrer Beschaffenheit glatt oder mattiert, spiegelnd oder strukturiert wirken. Eine Vielzahl von Bearbeitungsverfahren sorgt für unterschiedlichste Optiken. Elegante Aufträge Bei additiven Verfahren werden Beschichtungen oder Farben auf die Oberfläche aufgebracht. Beim Emaillieren oder Einbrennlackieren werden die farbigen Schichten während des thermischen Vorspannprozesses in die Oberfläche eingebrannt. Allerdings wird durch die Emaillierung die Biegezugfestigkeit des Glases beeinträchtigt. Die Auftragsdicken variieren zwischen zehn und 100 Mikrometern und weisen hervorragende Eigenschaften hinsichtlich Farbbrillanz, Kratzfestigkeit und Witterungsbeständigkeit auf, was auch einen Einsatz dieser Schichten an der Fassadenaußenseite ermöglicht. Nach dem Farbauftrag kann das Glas zu Verbundsicherheits- oder Isolierglas weiterverarbeitet werden. Der Farbauftrag erfolgt im Walz-, Sprüh- oder Siebdruckverfahren bei Glasdicken von vier bis 15 Millimetern. Sonderanfertigungen sind bis zu einer Dicke von 19 Millimetern möglich. Für eine hohe Farbqualität empfiehlt sich als Basisglas eisenoxidarmes Weißglas. Das Walzverfahren (Rollercoater-Verfahren) wird vorrangig bei vollflächigem Farbauftrag eingesetzt. Um den dünnen Farbfilm zu übertragen, durchfahren hierbei die Glasscheiben gerillte Gummiwalzen. Anschließend wird die Beschichtung eingebrannt. Die Maximalbreite des Endprodukts wird von der Walze bestimmt, die zwischen 1,60 und 2,40 Metern breit sein kann. Übliche Glasformate dieser Technik liegen zwischen 200 mal 300 und 1.600–2.499 mal 6.900–7.200 Millimetern. Beim Siebdruckverfahren wird die Farbe durch ein engmaschiges Sieb, das als Druckschablone dient, über einen Siebdrucktisch auf die Glasoberfläche gebracht. Die Herstellung der Siebe und ihrer durch Belichtung entstehenden Dekore ist relativ aufwendig und zeitintensiv. Der Farbauftrag ist sehr präzise und qualitativ hochwertig. Die Beschichtung ist dünner als im ­Walzverfahren. Neben Standarddekoren sind auch individuelle Gestaltungen möglich. Durch Punktraster und eine Variation der Punktabstände lassen sich beispielsweise Farbverläufe und unterschiedliche Transparenzgrade herstellen und dabei spiegelnde Glasoberflächen in mattierte Bereiche überführen. Das Verfahren bietet sich für Formate von 100 mal 250 bis 2.850 mal 6.000 Millimetern an. Tintenstrahl- oder Spritzdruckverfahren mit organischer Zweikomponenten-Farbe führen zu Ergebnissen mit sehr hoher Deckkraft. Eine thermische Behandlung der Gläser ist nicht erforderlich, wodurch Abweichungen von der Planebenheit der Oberfläche ausgeschlossen werden können. Es ist auch eine Weiterverarbeitung zu Isolierglas möglich. Aufgrund der relativ kratz- und witterungsempfindlichen Beschichtung wird die Oberfläche in der Regel durch eine Isolierverglasung oder Laminat geschützt. Keramischer Digitaldruck: Das 38 Meter hohe Blütenkunstwerk auf der Fassade des „One Reading Central“ in England entwarf der Londoner Glasdesigner Graham Jones. Schön durch Abtragen und Fügen Für opake oder transluzente Optiken sind auch sogenannte subtraktive Bearbeitungsmethoden geeignet, wobei von der Glasoberfläche Schichten abgetragen werden. Mögliche Verfahren sind Ätzen, Sandstrahlen oder die Gravur. Dadurch verändert sich die Oberflächenrauigkeit, was die Transparenz und den Reflexionsgrad des Glases beeinflusst. Beim Ätzen, einer der ältesten Techniken, erfolgt die Behandlung mit Flusssäure-Salzen. Dabei ermöglichen die verschiedenen Anwendungsmethoden, Matt-, Blank- oder Tiefätzen, eine Vielzahl von Erscheinungsbildern mit variablem Mattierungsgrad. Die Rauigkeit der Oberfläche ist durch den chemischen Vorgang feiner als beim Sandstrahlen und daher weniger schmutzanfällig. Die einseitig bearbeiteten, transparenten oder eingefärbten Gläser werden vorwiegend als Dekor eingesetzt. Doch der Ätzprozess hat gefährliche Nebeneffekte und wird daher immer häufiger durch das Sandstrahlen ersetzt. Dort ist der Oberflächenabtrag jedoch tiefer und gröber strukturiert. Für eine gleichmäßige Rauigkeit werden die Gläser mit Pressluft durch Sand- oder Korundkörner mechanisch bearbeitet. Außerdem wird dadurch ein sehr weicher Lichteinfall begünstigt, was zu ästhetisch ansprechenden Effekten führt. Die raue Oberfläche eignet sich zudem für Bereiche, die eine erhöhte Rutschfestigkeit fordern, wie begehbare Gläser oder Treppenstufen. Der Materialabtrag ist bei der Ermittlung der notwendigen Scheibendicken zu berücksichtigen. Sandgestrahlte Gläser sind in Abmessungen von 200 mal 300 bis 3.210 mal 4.100–6.000 Millimetern herstellbar. Das Gravieren von Glas stellt eine klassische Veredlungstechnik dar, bei der die Oberfläche mittels Rädern aus Kunststein, Kupfer oder Diamant bearbeitet wird. Die entstehenden Muster oder Grafiken werden reliefartig in die Scheiben graviert. Beim Laminieren werden zwei Glasscheiben über eine Zwischenschicht miteinander verbunden, meist durch PVB-Folien (Polyvinylbutyral) oder Harze. Im Bauwesen wird diese Fügetechnik vorwiegend zum Herstellen von Verbundsicherheitsglas (VSG) für absturzsichernde oder Über-Kopf-Verglasungen eingesetzt. Farbige oder transluzente Folien mit Mustern oder Dekoren bieten eine große gestalterische Bandbreite. Es können bis zu vier Lagen zwischen den Gläsern kombiniert werden. Beliebig gestaltbar Für Planungsaufgaben mit Standardformaten und sich wiederholenden Bauteilen sind die klassischen Verfahren meist die wirtschaftlichsten. Digitaldruck und Lasertechnik sind aufwendiger, eröffnen aber noch viel individuellere und flexiblere Möglichkeiten der Gestaltung, da die vorwiegend am Computer erzeugten Formen und Motive direkt in die Produktion übertragen werden können. Digital emailliert Der weltweit größte Flachbettdrucker bei der Firma Sedak im bayerischen Gersthofen bringt beim Digitaldruck mit keramischen Farben wesentliche Fortschritte. Hier können übergroße Glasscheiben mit Abmessungen bis 3,21 mal 15,00 Meter mit komplexen mehrfarbigen Rasterdesigns in Fotoqualität mit einer Auflösung bis 720 dpi bedruckt werden. Die Reproduktion von Fotos ist ebenso möglich wie die Imitation von Materialstrukturen oder der Rapport einer Ornamentik. Dadurch erhöht sich der individuelle Gestaltungsspielraum erheblich. Weiterhin lassen sich Unikate zeit- und kostensparender als mit Siebdruck herstellen. Auch der Farbauftrag ist deutlich dünner, was transluzente Bereiche und fließende Übergänge erlaubt. Der Druckprozess ähnelt dem Inkjet-Drucken auf Papier; die Farben bestehen allerdings aus feinsten Keramikpartikeln und werden mittels Plotter auf die Scheibe aufgespritzt. Nach dem Brennen im Ofen sind sie dauerhaft mit der Glasscheibe verbunden und die Farbschicht ist kratzfest. Farbemaillierte Gläser werden für Fassaden oder als Blickfang im Innenraum verwendet. Gelaserte Gläser Zu den neueren Verfahren gehört auch die Laserbearbeitung. Es ermöglicht, bisher getrennte Bearbeitungsschritte mit ein und demselben Werkzeug auszuführen. Außerdem können Formate von vier mal zehn Metern bearbeitet werden. Aufgrund des präzisen und splitterfreien Zuschnitts werden damit vorwiegend technische Gläser hergestellt und Beschichtungen entfernt. Per Gravur und Strukturierung hingegen lassen sich Gläser wirtschaftlich und individuell in kleinen Auflagen gestalten. Feinste grafische Strukturen, wie Linien, Punkte, Graustufen und Verläufe, sowie Fotografien und Grafiken werden fast verlustfrei übertragen. Außerdem können funktionale Produkte mit einer nahezu unsichtbaren Strukturierung hergestellt werden, wie rutschhemmende Böden. Eine Besonderheit des Laserverfahrens ist die Innengravur, die völlig neue Anwendungsmöglichkeiten eröffnet. Beim Gravieren wird hier die Oberfläche des Glases nicht verletzt. Analog zur Oberflächengravur lassen sich Motive oder dreidimensionale Objekte und Muster einbringen. Dabei muss jedoch immer mindestens ein Millimeter des Glases bis zur Oberfläche unberührt bleiben. Optisch beeindruckende Effekte entstehen beispielsweise beim Einbinden von Lichtquellen wie LEDs am Scheibenrand. Dipl.-Ing. Jutta Albus und Dipl.-Ing. Stefan Robanus sind Architekten und akademische Mitarbeiter am Institut für Baukonstruktion der Universität Stuttgart     Basisgläser zum Veredeln Als Grundlage der meisten Design- und Gestaltungsanwendungen mit Glas in der Architektur dienen Basisprodukte, die nach dem üblichen Floatglasverfahren hergestellt werden. Das klar durchsichtige Glas kann in Dicken zwischen zwei bis 25 Millimetern produziert werden, handelsübliche Abmessungen liegen bei 3.210 mal 6.000 Millimetern. Je nach Zusammensetzung der Bestandteile entsteht schon während der Herstellung eine unterschiedliche Färbung der Gläser, die durch reduzierte Eisenoxidanteile (Fe2O3) oder die Zugabe von Reduktionsmitteln fast vollständig entfärbt werden können. Das Ergebnis wird als „Weißglas“ oder „extraweißes Glas“ bezeichnet. Weißgläser zeichnen sich durch einen sehr hohen Lichttransmissionsgrad von bis zu 90 Prozent sowie eine hohe UV-Durchlässigkeit aus. Eine Einfärbung der Gläser im Produktionsprozess ist ebenfalls möglich, die durch eine Erhöhung des Metalloxid-Anteils entweder grün, grau oder bronzefarben erscheinen. Durch verbesserte Absorptionswerte bei gleichzeitiger Reduktion des Strahlungsdurchgangs kommen sie als Sonnenschutzgläser zum Einsatz.     Messe-Sonderschau Über neue Techniken im Glasdesign, Anwendungen von Dünnglastechnologien sowie den Umgang mit großen Formaten und anspruchsvollen Geometrien informiert die Sonderschau „glass technology live“ vom 21. bis 24. Oktober anlässlich der Messe „glasstec“ in Düsseldorf. Organisator der Ausstellung unter dem Motto „Intelligent Glass“ ist auch in diesem Jahr wieder das Team um Professor Stefan Behling vom Institut für Baukonstruktion der Universität Stuttgart. Das ergänzende Fachsymposium bietet ein umfangreiches Vortragsprogramm.  

Temporär im Analogen

Unternehmen können bei „Design Offices“ Arbeitsplätze, Büro- und Tagungsräume mieten. Das Sharing-Konzept punktet mit exklusiver Lage, hoher Funktionalität und atmosphärischer Qualität Von Lars Klaaßen Von der Terrasse im siebten Stock geht der Blick nach Süden über die Dächer Berlins: unten vor dem Gebäude die Spree, dahinter der Bahnhof Friedrichstraße, etwas weiter entfernt links der Fernsehturm und rechts die Reichstagskuppel. Hier am Berthold-Brecht-Platz haben Design Offices ihren neuen Standort „Am Zirkus“ eingerichtet. Der Name bezieht sich auf die gleichnamige Straße an der Ostseite des Bürogebäudes, wo einst die erste Markthalle Berlins gestanden hat, die erst zu einem Zirkus, dann zu Max Reinhardts Großem Schauspielhaus umgebaut worden ist. 1945 folgte der Friedrichstadtpalast, der sich nun rund 100 Meter entfernt befindet. Mit der Prominenz ihrer Geschichte kann die Attraktivität der Adresse bis heute mithalten. Zentraler geht es in Berlin kaum, mitten im Geschäftsleben, direkt am Regierungsviertel. Vor der Tür kreuzen sich die S-Bahnen der Nord-Süd- und der Ost-West-Linien mit der U-Bahn sowie Tram- und Buslinien. Bis zum Hauptbahnhof sind es knapp zwei, bis zum Flughafen Tegel gute 18 Kilometer. Für ein Büro ist der Standort also ideal. Grundrisse und Ausstattung bieten ganz unterschiedlichen Akteuren die Möglichkeit, sich hier zu entfalten. Über Raum und Zeit kann „Am Zirkus“ nach Belieben verfügt werden. Design Offices haben ein Konzept auf Arbeitsräume übertragen, das in den vergangenen Jahren anderswo bereits viele Freunde gefunden hat: Sharing. Wozu das eigene Fahrrad oder Auto nutzen, wenn man eines leihen kann, das in der Nähe auf der Straße steht? Und zwar das gerade für diesen Moment passende. Anmelden, fahren, abmelden – das erledigt jeder im Idealfall in wenigen Schritten auf dem Smartphone, Tablet oder mit dem Notebook. Eben diese Geräte haben auch dafür gesorgt, dass Arbeit nicht mehr an feste Orte gebunden ist. Wer mit wem wo welche Dinge bespricht, plant oder erledigt, entscheidet heute jeder nach völlig neuen Kriterien. Damit haben sich die Anforderungen an Bürostandorte gewandelt. Design Offices will für viele dieser neuen Anforderungen Lösungen bieten: ob Tagung, Schulung oder Präsentation, ob Sondierungsgespräch, Workshop, oder Arbeitstreffen für ein Projekt. Auf zwei Etagen wurden hier unterschiedlich große Bereiche eingerichtet, eine dritte Etage kommt wegen der großen Nachfrage bald hinzu. Das Angebot reicht vom einzelnen Arbeitsplatz im sogenannten Co-Working-Space, über eine intime Lounge, separate Büro- und Konferenzräume bis hin zum „Trainingroom“ mit maximal 98 Plätzen. Die Bereiche können einzeln, in Teilen oder komplett gemietet werden, für eine Stunde oder mehrere Tage. Einige Unternehmen haben sich hier auch niedergelassen, sie nutzen ihre Räume als Showroom oder für den Vertrieb. Wer sich temporär einquartiert, braucht nichts mitzubringen außer Smartphone und Notebook. Flatscreens, Whiteboards, Stifte, Papier und Co. sind vor Ort. Auch ein „Virtual Office“ können Kunden sich hier einrichten, eine repräsentative Adresse samt Postservice, Beschilderung sowie flexibler Nutzung der Büro- und Tagungsräume. „Möblierung und Ausstattung gehen weit über funktionales 08/15 hinaus“, betont Michael O. Schmutzer, Gründer der Design Offices. „Auf Basis wissenschaftlicher Untersuchungen zu Arbeitsbedingungen wie Raumklima, Licht, Akustik und Ergonomie haben wir einzigartige Bühnenbilder für eine inspirierende Kommunikation geschaffen“, sagt er. Die Entwicklungszeit dauerte zwei Jahre. 2010 eröffnete der erste Standort in Nürnberg. Darauf folgten München mit gleich zwei Dependancen und Düsseldorf. In diesem Jahr kamen Frankfurt sowie Berlin hinzu, Hamburg folgt im vierten Quartal. Wer heute dort Räume mieten möchte, sollte sich zeitig anmelden. Die Nachfrage wächst laut Schmutzer schnell, man komme mit der Erweiterung des Angebots kaum hinterher. „Niemand will hier eine Videokonferenz abhalten. Die Leute kommen zu uns, um Papier und Schere in die Hand zu nehmen, um sich persönlich zu treffen“, erklärt der Gründer das Konzept. „Gerade in der digitalen, zunehmend abstrakten Welt brauchen wir analoge Räume von hoher Qualität.“

Berliner Design Offices

Nur gucken, nichts anfassen

Intelligente Lichtkonzepte optimieren Arbeitsplätze, sorgen für Wohlbefinden und steigern damit die Produktivität. Eine Langzeitstudie stellt fest, dass es damit in vielen Büros noch düster aussieht. Umso heller erstrahlen die Vorreiter Text: Lars Klaaßen Nicht alles ist erleuchtet, zumindest nicht so, wie es wünschenswert wäre. Zu diesem Ergebnis kommt die Zwischenbilanz der Langzeitstudie „Wahrgenommene Lichtqualität im Büro“. Die nun vorliegende Auswertung von sechs westeuropäischen Ländern ergab, dass die Mehrheit der befragten Angestellten unter Lichtverhältnissen arbeitet, die ihren Bedürfnissen nur teilweise entspricht. Das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) sowie Zumtobel erfassen systematisch weltweit unterschiedliche Arbeitssituationen und befragen die Nutzer dazu. Einzel-, Zwei-, Mehrpersonen- und Teambüros sowie Open-Space-Flächen sind darin jeweils zu ähnlich großen Anteilen vertreten. Überraschend ist, dass in den Bürogebäuden vieler europäischer Länder oft grundlegende Dinge nicht beachtet werden: „Allein bei 30 Prozent der Studienteilnehmer ist der Arbeitsplatz zur Fensterfront falsch ausgerichtet“, sagt IAO-Studienleiter Jörg Kelter. „Ein Bildschirmarbeitsplatz sollte im rechten Winkel zur Fensterfront stehen, damit sich die Sonne nicht im Monitor spiegelt, noch die Augen blendet.“ Auch die Bürobeleuchtung selbst lässt zu wünschen übrig. „Bei der Angabe ihrer persönlichen Präferenz wählen 82 Prozent der Befragten eine Lichtlösung mit kombinierten Direkt- und Indirektanteil“, so Kelter. Das heißt: Die Deckenleuchten sollten nicht nur nach unten abstrahlen, sondern ein Teil des Lichts auch über die Decke reflektiert werden. Das erzeugt eine weichere Lichtatmosphäre. Diese finden laut Studie aber nur 38 Prozent an ihrem Arbeitsplatz vor. Mehr als 60 Prozent der Studienteilnehmer bevorzugen Beleuchtungsstärken von 800 Lux und mehr. „Das hat uns überrascht“, sagt Kelter, „denn damit wünscht die große Mehrheit sich deutlich höhere Beleuchtungsstärken als von einschlägigen Normen verlangt.“ Auch im Sommer wird verstärkt Kunstlicht eingesetzt. Ein knappes Drittel der Studienteilnehmer arbeitet selbst in der hellen Jahreszeit mehr als sechs Stunden pro Tag bei eingeschalteter Beleuchtung. „Auch dies ist erstaunlich“, so Kelter, „wir erklären uns den hohen Wert teilweise mit sehr tiefen Raumzonen in Bürogebäuden, wo wenig Tageslicht hingelangt.“ Das Fazit der Zwischenbilanz: „Ein auf den Nutzer ausgerichtetes, individuell steuerbares Licht steigert das Wohlbefinden und fördert die Gesundheit. Es stimuliert den menschlichen Organismus, erhöht die kognitive Leistung und gibt dem Arbeitsraum emotionale Qualität und Atmosphäre.“ Der Bedarf an Systemen, die sich an den individuellen Bedürfnissen der Nutzer orientieren, werde daher weiter zunehmen. „Allerdings sind die hierfür benötigten Licht-, Steuerungs- und Sensortechnologien in der Praxis noch nicht ausreichend im Einsatz“, so Kelter. Keinen Finger rühren Wie ein ideal ausgestattetes Büro aussehen kann, macht die Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin Mitte vor. Für deren Mitarbeiter bedeutet das im Arbeitsalltag: nur gucken, nichts anfassen. Ihre Schreibtische sind in jeder Situation optimal ausgeleuchtet, ohne dass sie dafür einen Finger rühren müssen. Möglich macht das ein Konzept, bei dem der Entwurf des Neubaus in der Schumannstraße mit der Haustechnik abgestimmt wurde. Ein Leitgedanke dabei lautet, weitmöglich Tageslicht zu nutzen. Wenn die Sonneneinstrahlung blendet oder die Räume zu sehr erhitzt, werden die Fenster automatisch verschattet – aber möglichst wenig verdunkelt, um nicht auf künstliches Licht zurückgreifen zu müssen. Auf Deckenleuchten wurde in den Arbeitsbereichen gänzlich verzichtet. An den Schreibtischen befinden sich rund zwei Meter hohe Standleuchten. Sie geben zwei Drittel ihres Lichts nach unten ab, ein Drittel wird zur indirekten Beleuchtung an die Decke gestrahlt. „Solche Insellösungen haben zwei Vorteile: Alle können ihren Arbeitsplatz individuell einrichten und das System ist weniger komplex“, erläutert Bert Bloß, Leiter der IT-technischen Dienste des Gebäudes. „Wird die Beleuchtung zentral gesteuert, greifen unzufriedene Mitarbeiter auf eigene Leuchten zurück.“ Die Standlichtquellen an den Tischen sind mit Bewegungssensoren ausgestattet. Sie schalten sich automatisch ein oder aus, wenn jemand kommt oder geht. Außerdem messen sie das Licht vor Ort und dimmen sich entsprechend anderer Einstrahlung entsprechend hoch oder runter. Die gewünschte Lichtmenge können die Mitarbeiter in zwei verschiedenen Stufen selbst einstellen, ebenso die Zeit, bis die Leuchte ohne Bewegung abgeschaltet wird. In den Fluren und auf den Toiletten werden die Lampen ebenfalls über Bewegungsmelder gesteuert. „Wenn Geräte effizient genutzt werden sollen, ist der Mensch der größte Störfaktor“, meint Bloß. Deshalb wird sämtlichen Mitarbeitern jährlich das gesamte System erläutert. Denn nur wenn alle wissen, wie es funktioniert und es auch akzeptieren, entfalte es sein volles Potenzial.  

Ab in die Komfortzone

Unsere Arbeitswelt wandelt sich und damit wandeln sich auch die Anforderungen an das Büro. Bei der Einrichtung sind heute Flexibilität und Vielfalt gefragt. Doch vor allem sollen sich die Beschäftigten wohlfühlen Text: Lars Klaaßen Den Durchblick behalten: Bei der Errichtung für die Firmenzentrale von Groupon in Berlin durch das ortsansässige Architekturbüro de Winder galt es, den Widerspruch zwischen kommunikativer Offenheit und konzentrierter Arbeitsatmosphäre aufzulösen. Am Rosenthaler Platz in Berlin befindet sich seit 2005 das Café „Sankt Oberholz“. Wer dort gerade nicht auf den belebten Platz guckt oder in ein Gespräch vertieft ist, konzentriert sich in der Regel auf sein Notebook; WLAN wird kostenlos serviert. Das alles wäre nicht der Rede wert, hätte dieser Ort nicht schon kurz nach seiner Gründung als Arbeitsplatz für Selbständige, Durchreisende und Kreative Furore gemacht. Das „Sankt Oberholz“ wurde zum Inbegriff für den Wandel unserer Arbeitswelt: Feste Bürostrukturen mit fixen Arbeitsplätzen werden von Räumen abgelöst, in denen sich flexible und mobile Berufstätige in wechselnden Zusammenhängen treffen können und beides haben: technische und räumliche Voraussetzungen für die konzentrierte Arbeit am Rechner und ein soziales Umfeld, das Kommunikation und Vernetzung ermöglicht. Dabei handelt es sich nicht bloß um die geschmäcklerischen Vorlieben von frei flottierenden Freiberuflern; vielmehr beruht diese Entwicklung auf handfesten wirtschaftlichen Veränderungen. Sie spiegelt eine Arbeitswelt wider, in der Festanstellungen immer seltener werden, während der Anteil befristeter oder projektgebundener Verträge zunimmt. Diese Verflüssigung ökonomischer Strukturen hat auch Einfluss auf die Räume, in denen heute gearbeitet wird. „Sacharbeiter, die mit Aktenordnern hantieren und standardisierte Routineaufgaben erledigen, waren früher die Norm. Heute hingegen sind Wissensarbeit und Kreativität gefragt, die Aufgaben werden komplexer und verändern sich dynamisch“, erläutert Stefan Rief. Er leitet das Team „Workspace Innovation“ sowie das Verbundforschungsprojekt „Office 21“ beim Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). Seit 1981 schon untersucht das IAO, welche Möglichkeiten des Arbeitens und der Bürogestaltung sich künftig realisieren lassen. „Leistungsdruck und Arbeitsdichte nehmen zu, neue Formen der Organisation von Arbeit erfordern mehr Kompetenz, Zusammenarbeit und Selbstorganisation“, so Rief. Beschleunigung und Globalisierung prägen den ­Arbeitsalltag zunehmend. Technisch machbar wird das alles durch Digitalisierung. Hinzu kommt der demografische Wandel samt Fachkräftemangel: „Qualifizierte Mitarbeiter fordern selbstbewusst eine optimale Arbeitsumgebung im Sinne von Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit und Flexibilität, die es ermöglicht, individuelle Lebensphasen und Lebensstile zu integrieren“, so Rief. „Büroarbeit wird hyperflexibel, multilokal, individuell und nachhaltig. Die Integration von Arbeit und Freizeit wird sich weiter verbreiten, Personen und Geräte werden sich umfassend vernetzen, Büroarbeit wird individueller organisiert und gestaltet werden.“ Der Blick ins Büro der Zukunft verspricht eine Reihe technischer Neuerungen, die wir aus gar nicht mal so alten Science-Fiction-Filmen kennen: großflächige, digitale Schreibtische, an denen Teams per Fingerwisch arbeiten; OLED-Tapeten, die ganze Wände zu Arbeits- und Darstellungsflächen machen; Computer, denen wir einfach diktieren können, was wir bislang mühsam eintippen müssen. Solche technischen Werkzeuge faszinieren zwar, spielen aber nicht die zentrale Rolle im Wandel der Arbeitswelt. Weniger augenfällig, aber umso bedeutender sind die Strukturen. So lassen sich heute schon sehr viele Aufgaben problemlos mit einem Notebook und einem Smartphone erledigen. Das ermöglicht vielen Arbeitnehmern, einen Teil ihrer Arbeit zu Hause zu tun. Wer im Home Office sitzt, benötigt während dieser Zeit keinen Schreibtisch im Unternehmen. Das erfreut viele Arbeitgeber: Wer weniger Schreibtische als Mitarbeiter braucht, kann Büroflächen reduzieren und damit Immobilienkosten senken. Arbeitswelt 2.0: Beim Online-Versandhändler Zalando herrscht eine offene, kommunikative Atmosphäre. Die Einrichtung ermöglicht ständigen Austausch und flexible Abläufe. „Flächeneffizienz ist aber nur ein Faktor, wenn gut gearbeitet werden soll“, betont Tim Hagemann, Wissenschaftler am Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin (IAPAM). „Der Mensch und seine Tätigkeiten stehen im Mittelpunkt.“ Die neu gewonnene Flexibilität kann einerseits genutzt werden, um Beruf und Familie besser miteinander zu vereinbaren. „Arbeitgeber sollten aber bei extern tätigen Mitarbeitern auf die Anbindung achten“, rät Hagemann. „Rituale sind dabei hilfreich, etwa regelmäßig zu ausgemachten Zeiten mit den Kollegen zu telefonieren.“ Neue Bedürfnisse erfordern bei der Planung und Gestaltung von Büroräumen neue Strukturen. Die Zahl der Einzelarbeitsplätze nimmt tendenziell ab. Der dadurch gewonnene Raum steht damit Funktionen zur Verfügung, die bislang eine eher geringe Rolle spielten. Drei Kernbereiche kristallisieren sich heraus: ruhige Orte für konzentriertes Arbeiten; Besprechungsräume für Teams, die gemeinsam an bestimmten Projekten arbeiten; Begegnungsstätten zum informellen Austausch. Das kann eine Lounge oder eine Kaffeebar sein, wo auch zufällige Begegnungen Synergieeffekte schaffen. Wer in solch einem Büro arbeitet, so die Idee, wählt sich den passenden Arbeitsplatz frei nach Bedarf. Katzenposter und Topfpflanze haben in diesem Konzept oft keinen Platz. Laut Hagemann wollen viele auf den eigenen, stationären Arbeitsplatz nicht verzichten. Für den Berliner Architekten Klaus de Winder kommt es hier auf die Unternehmenskultur an: „Mit Change-Management kann man die Leute davon überzeugen, dass sie von einem Wandel profitieren.“ Ob Pflanzen oder Fotos: Dahinter stecke das Bedürfnis, sich einen Kokon zu bauen. „Und dieses Bedürfnis ist meist darin begründet, dass die eigene Arbeitsumgebung bislang eben nicht den persönlichen Bedürfnissen gerecht wird“, so de Winder. „Hier geht es um mehr als schöne Deko.“ Eine Reihe von Studien besagt, dass Angestellte effektiver arbeiten, wenn sie sich im Büro wohlfühlen. Das lasse sich im Allgemeinen zwar schwer messen, wendet de Winder ein, aber der Blick auf Einzelaspekte sei eine wichtige Voraussetzung dafür. Beispiel Großraumbüro: Früher bildete das Rattern der Schreibmaschinen einen Geräuschteppich. Das konnte störend wirken – aber auch als Schutz: Gespräche bekamen die Kollegen kaum mit. Weil heute kaum noch etwas klappert, muss diese Abschirmung über Material- und Gestaltungslösungen realisiert werden. Für de Winder steht außer Frage: „Wenn wir Büros planen, sind Akustiker und Lichtplaner ganz wichtige Partner für uns.“ Akustik etwa spielt in der Berliner Firmenzentrale von Groupon eine Rolle, die das Büro de Winder am Gendarmenmarkt geplant und entworfen hat. Die plastische Deckenverkleidung – eine Struktur aus weißen Linienleuchten – verbirgt nicht nur die Raumtechnik. Um den Geräuschpegel zu senken, wurden die Deckenfelder akustisch wirksam ausgebildet. Aus dem gleichen Grund erhielten die Stauraum­möbel an der Rückseite aus Textil bezogene ­Akustikpaneele. Ein Beispiel für die bewusste Lichtplanung von Klaus de Winder ist der Berliner Zalando-Standort in der Neuen Bahnhofstraße: Der Eingangsbereich wirkt durch die Versetzung der Glasfassade breiter; hinzu kommt eine illusionistische Wandgestaltung aus hohen Spiegeln und Fashionshow-Motiven, die räumliche Tiefe erzeugt. Welcher Büro-Typ sind Sie? Dass die Realität in den Büros meist noch anders aussieht, als wünschenswert wäre, belegt eine Studie, die der Hersteller Steelcase in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut Ipsos erstellte: Rund 41 Prozent aller Befragten gaben dort an, dass sie mit ihrer Arbeitsumgebung unzufrieden sind. Der hohe Geräuschpegel im Großraumbüro verursache Stress, Bereiche für konzentriertes Arbeiten fehlten. 40 Prozent aller Befragten sagten zudem, dass ihr Unternehmen kein guter Platz zum Arbeiten sei und nicht zu ihrem persönlichen Stil passe. Von allen Befragten arbeiten 79 Prozent noch an festen Arbeitsplätzen und nur 36 Prozent haben die Möglichkeit, mit mobilen Geräten zu arbeiten. Die Studie verweist aber auch auf Chancen: „Menschen gehen gern ins Büro, sie treffen dort Kollegen und finden hier die besten Voraussetzungen für ihre Tätigkeit“, sagt Thomas Stickelbröck, Innenarchitekt bei Steelcase. „Die Möglichkeiten, optimale Arbeitsbedingungen zu schaffen, sind vielfältig. Geben Unternehmen ihren Mitarbeitern mehr Freiheiten, die eigene Arbeitsumgebung zu wählen, zu gestalten und zu kontrollieren, erhöht dies die Zufriedenheit und das Wohlbefinden signifikant.“ „Welcher Büro-Typ sind Sie?“ Das fragt der Büromöbelhersteller WINI in einem Online-Kurz-Check (www.das-mein-buero-prinzip.de): Damit könne jeder binnen weniger Minuten erfahren, welche Bürozonen eingerichtet werden müssen, damit er optimale, motivierende Arbeitsbedingungen vorfindet und sich bei seiner täglichen Büroarbeit voll entfalten kann. Der Kurz-Check fragt nach den persönlichen Tätigkeitsschwerpunkten des Einzelnen und leitet daraus eine individuelle Bürogestaltung ab. Das Ergebnis liefert zumindest einen ersten Anstoß; gründliche Analysen über Strukturen und Prozesse kann und soll der Kurz-Check nicht ersetzen. Wie ein Unternehmen arbeitet und auf welche künftigen Veränderungen man sich einstellen sollte, wird in Workshops manchmal über ein bis zwei Jahre sondiert. Nur wer den Bedarf seiner Mitarbeiter kennt, kann dafür sorgen, dass sie sich im Büro noch wohler fühlen als in einem Café in der Stadt. Lars Klaaßen ist freier Journalist in Berlin  

Sieger-Sammelband

Sieger-Sammelband 50 Beispiele für hoch entwickelte Baukultur versammelt das neue Buch „Ausgezeichnete Architektur- und Ingenieurbaukunst“. Es stellt die Träger wichtiger Architektur- und Ingenieurpreise aus den Jahren 2012 bis 2014 in Text und Bild vor, nennt alle am Bau Beteiligte, die wichtigsten Gebäudedaten und eine Kursfassung der Jury-Begründung. Herausgeber sind das Bundesministerium für Umwelt und Bauen, die Bundeskammern der Architekten und Ingenieure sowie die Bundesstiftung Baukultur. Andreas Gottlieb Hempel Ausgezeichnete Architektur- und Ingenieurbaukunst. 50 preisgekrönte Bauten. Callwey Verlag München, 256 Seiten, 59,59 Euro. Für Kammermitglieder 30 Prozent Rabatt bei Bestellung im Verlag  

Ideenwettbewerb – Lübecks neue Altstadt-Giebel

Die Stadt Lübeck lädt zum Wettbewerb für ein ehrgeiziges Projekt: ein „Gründungsviertel“ in der Keimzelle der Stadt nahe der Marienkirche. In dem kriegszerstörten Quartier standen zuletzt zwei Berufsschulen aus den 1950er-Jahren, die jetzt vor kurzem abgerissen wurden. An ihrer Stelle sollen jetzt individuelle Neubauten mit typischen Spitzdächern auf 39 für die Lübecker Altstadt ebenso typischen kleinen Parzellen entstehen. Die Stadt erläutert: „Eine zeitgemäße Architektur des 21. Jahrhunderts soll die typologischen Eigenschaften historischer Vorbilder aufnehmen und interpretieren. Der historische Kontext der Lübecker Altstadt soll bewahrt und gleichzeitig soll die Neubebauung auch den Anforderungen einer modernen Innenstadt gerecht werden.“ Für die Fassadengestaltung hat die Stadt jetzt einen Ideenwettbewerb europaweit ausgeschrieben. Gesucht werden realisierbare Entwürfe für die Straßenfassade von drei Musterhäusern sowie schematische Grundrisse. Grundlage ist der städtebauliche „Rahmenplanes Gründungsviertel“. Der Auslobungstext wird Ende September für Interessenten freigeschaltet, die sich formlos unter gruendungsviertel@luebeck.de melden. Da es sich um einen Ideenwettbewerb handelt, ist ein Auftragsversprechen mit dem Gewinn nicht verbunden.