Hoher Wirkungsgrad

20 Fenchurch Street in London: Eine hauseigene Brennstoffzelle versorgt das Bürohochhaus mit Strom und Wärme. Die Hersteller von Brennstoffzellen-Heizungen werben mit Energie-Effizienz und Schonung der Umwelt – vor allem beim Einsatz in großen Gebäuden. Text: Georg Staß Die Brennstoffzellen-Technologie ist nach Angaben ihrer Hersteller die effizienteste, die der Markt derzeit zu bieten hat. Mit der Technik lassen sich dezentral Strom und Wärme nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung bei einem äußerst niedrigen Energieverbrauch erzeugen. Gleichzeitig ist der Wirkungsgrad sehr hoch und durch den geringen Ausstoß an Treibhausgasen wird die Umwelt deutlich geschont. Zwar ist die Technologie nicht völlig neu, doch ein Durchbruch ließ lange auf sich warten. Als Zielgruppe standen bislang eher private Bauherren im Fokus, von denen viele aufgrund der vergleichsweise hohen Kosten für eine Anlage im Ein- oder Zweifamilienhaus lieber verzichteten. Sie können jedoch für den Einsatz einer Brennstoffzellen-Heizung im niedrigen Leistungsbereich verschiedene Fördermöglichkeiten, wie den KWK-Bonus – oder seit August letzten Jahres – die KfW-Förderung nach Programm 433, in Anspruch nehmen. Interessant ist der Brennstoffzellen-Einsatz aber auch vor allem für große Gebäude mit hohem Energiebedarf. So hat in London der landesweit größte Projektentwickler Land Securities mit 20 Fenchurch Street einen Hochhaus-Bürokomplex errichtet, der mit dieser Technologie ausgestattet ist. Der im Jahr 2015 mit dem „International Property Award“ ausgezeichnete Neubau liegt im Zentrum der Stadt; der Projektentwickler bezeichnet ihn aufgrund des charakteristischen Entwurfs des Architekten Rafael Viñoly sowie seines nachhaltigen Energieversorgungskonzepts als eines der „neuen Wahrzeichen“ der City of London. Mit dem Einbau einer Brennstoffzelle zur Strom- und Wärmeversorgung ist das Projekt ein wichtiger Bestandteil des vom Bürgermeister der britischen Hauptstadt formulierten Ziels, ein Viertel des in London benötigten Stroms aus dezentraler Erzeugung bereitzustellen und die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2025 um 60 Prozent zu verringern. Strom und Wärme zum Heizen und Kühlen In dem 38-geschossigen Bürogebäude wurde eine „DFC 300 EU“-Brennstoffzelle der FuelCell Energy installiert, die mit Erdgas betrieben wird und rund 300 Kilowatt Strom erzeugt. Die Stromerzeugung in der Brennstoffzelle erfolgt verbrennungslos durch eine chemische Aufspaltung des zugeführten Gases. Bei diesem geräuschlosen Prozess entsteht zusätzlich Abwärme, die für die Beheizung beziehungsweise durch den Einsatz von Absorbern zum Kühlen der rund 64.000 Quadratmeter großen Gebäudefläche genutzt wird. Durch die hohe Energieeffizienz der Technologie erreichen die Betreiber einen Gesamtwirkungsgrad der eingesetzten Energie von rund 85 Prozent. Funktions-Prinzip: Diese Technologie nutzt die chemische Energie des Brennstoffs und wandelt sie ohne Verbrennung in Strom und Wärme um. Bei der Suche nach einem Technologiepartner wurde Land Securities beim US-amerikanischen Anbieter FuelCell Energy fündig, der mit der in Dresden ansässigen FuelCell Energy Solutions (FCES) seit mehreren Jahren über ein Tochterunternehmen in Europa verfügt. Neil Pennell, Technikchef von Land Securities: „Durch die deutsche Tochter konnten wir sicherstellen, dass die Lösung alle technischen Anforderungen für den 50-Hertz-Betrieb sowie die europaweit geltenden Sicherheitsstandards erfüllen wird.“ Die Dresdener FCES stellt den Betrieb via Remote-Monitoring sowie den Service für alle europaweit im Einsatz befindlichen Anlagen sicher. Aufgrund des geringen Platzbedarfs von sechs mal sechs Metern wurde die Brennstoffzelle gemeinsam mit weiterem technischen Equipment des Gebäudes innerhalb von sechs Wochen in einem rund 130 Quadratmeter großen Kellerraum installiert und arbeitet bereits seit Ende 2015 im Dauerbetrieb. Der Aufbau der Brennstoffzelle und der auf weitere Kellerräume verteilten Anlagenperipherie verlief nach Aussage des Betreibers problemlos. Nur der Aufwand für die unterstützenden Systeme zur Erhöhung des Gasdrucks oder zur Belüftung des Technikraums führte zu einem technischen Mehraufwand im Gebäude. Langfristig rentabel und kaum Emissionen Die neue Technologie ist zwar in der Anschaffung teurer als herkömmliche Blockheizkraftwerke, rentiert sich aber durch die lange Laufzeit, die niedrigen Energiekos-ten für den Betrieb und die gute Umweltbilanz. Wegen ihrer geringen Emissionen wären Brennstoffzellen auch hierzulande für zahlreiche Städte eine Lösung. Denn die laut der europäischen Richtlinie (EU) 2008/50/EG über Luftqualität und saubere Luft für Europa einzuhaltenden Grenzwerte sind für Städte oft problematisch. Allein durch die verbrennungsfreie Strom- und Wärmeerzeugung in 20 Fenchurch Street sinkt beispielsweise der Ausstoß an Stickoxiden um über 98 Prozent im Vergleich zum Grenzwert für neue Gasmotoren/-turbinen gemäß der europäischen Richtlinie (EU) 2015/2193 zur Begrenzung der Emissionen bestimmter Schadstoffe aus mittelgroßen Feuerungsanlagen. Die Schadstoffbelastung durch Feinstaub und andere Emissionen verringert sich ebenfalls signifikant. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) plant zurzeit ein Technologieeinführungs-Programm für große stationäre Brennstoffzellen, ähnlich wie dies für kleine Brennstoffzellen bereits existiert. Auch die EU fördert im Rahmen des „Fuel Cells and Hydrogen Joint Undertaking“ (FCH-JU) Projekte im Bereich der sauberen und dezentralen Energieversorgung. Um die Investitionskosten für Projektentwickler und Betreiber niedrig zu halten, können die FCES-Kraftwerke sowohl als Leasing- oder Contracting-Lösungen als auch unter einem Power Purchase Agreement (PPA) betrieben werden, das dem Kunden die Energielieferung in einer vertraglich festgeschriebenen Höhe garantiert. Andreas Frömmel, bei FuelCell Energy Solutions für die Geschäftsfeldentwicklung in Europa verantwortlich: „Unsere Brennstoffzellen-Kraftwerke können bereits heute je nach Region Strom zu Kosten unter den Marktpreisen produzieren.“ Auch die Aufstellung im Freien ist möglich: Beim Einsatz von Brennstoffzellen als Quartierslösungen im Bestand können die Anlagen problemlos auf Freiflächen außerhalb von Gebäuden errichtet werden. Brennstoffzellen eignen sich für alle größeren Gebäudekomplexe, die einen kontinuierlich hohen Strom- und Wärmebedarf haben. Neben Krankenhäusern werden inzwischen in Amerika auch Hochschulen auf diesem Weg versorgt. Während im Hochbau im Moment noch kleinere Brennstoffzellen zum Einsatz kommen, werden in Fabriken sehr leistungsstarke Anlagen verbaut. So wurde im Sommer 2016 beim baden-württembergischen Werkstoffhersteller Friatec die erste europäische Brennstoffzelle im Megawatt-Leistungsbereich in Betrieb genommen. In Südkorea, das aufgrund einer vorbildlichen Förderpolitik weltweit eine Vorreiterrolle beim Einsatz der neuen Technologie einnimmt, ist man schon einen Schritt weiter. Hier wird in der Stadt Daegu ein Brennstoffzellen-Park mit einer Nennleistung von 60 Megawatt betrieben, der einen ganzen Stadtteil mit Energie versorgt. Insofern sind auch im Wohnungsbau große Quartierslösungen denkbar, die netzunabhängig die Strom- und Wärmeversorgung von Siedlungen sicherstellen. Georg Staß betreibt ein Redaktionsbüro mit Schwerpunkt IT, Energie und Technologie in Berlin. Das im Text genannte Unternehmen FCES gehört zu seinen Kunden. Einsatzbeispiel in Berlin Auch in Deutschland sind bereits leistungsfähige Brennstoffzellen im Einsatz. Der nach Entwürfen des Architekten Christian Pelzeter neu errichtete Dienstsitz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) in Berlin verfügt über ein innovatives Energiekonzept und wird durch eine gasbetriebene Brennstoffzelle mit Strom und Wärme versorgt. Im Vergleich zu einer herkömmlichen Erzeugung werden durch die elektrochemische Energieumwandlung mittels Brennstoffzelle Gaseinsparungen von rund 30 Prozent realisiert. Aufgrund der Nachhaltigkeit und Energieeffizienz erhielt der BMBF-Neubau die höchste Auszeichnungsstufe „Gold“ nach dem Bewertungssystem „Nachhaltiges Bauen für Bundesgebäude“. Die FuelCell Energy Solutions gibt Architekten und Fachplanern im ­Rahmen regelmäßig stattfindender Führungen durch das BMBF einen Einblick in die Technologie und die konkrete bauliche Umsetzung vor Ort. Anmeldung unter: ­info@fces.de Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Heißes Thema für Reformen

Das Ziel im Brandschutz: einheitliche Handhabung der gesetzlichen Grundlagen unter Wahrung eines gesunden Maßes, findet Alexander Schwehm. Brandschutz als Wahlkampfthema? Im Saarland ist es jetzt anlässlich der Landtagswahl so gekommen. Fast alle Kandidaten für den Landtag argumentieren in die gleiche Richtung: Manche Brandschutzregeln gehören überprüft. Vor allem aber soll ihre Anwendung sachgerechter, einheitlicher und berechenbarer werden, so auch die Forderung der Architektenkammer des Saarlandes. Wir als Architektenschaft begrüßen sehr, dass sich die Landespolitik endlich des Themas annimmt; haben wird doch, zusammen mit unseren Kollegen von der Ingenieurkammer und anderen Betroffenen, es immer wieder zur Sprache gebracht. Um Missverständnissen vorzubeugen: Brandschutz ist lebensnotwendig. Wäre er schwach, dann kämen in Deutschland weit mehr als 343 Menschen im Jahr durch Rauch, Feuer und Flammen um – so viele waren es 2015. Doch obwohl der Aufwand für Brandschutz und der Anteil der dafür optimierten Neubauten ständig steigt, sinkt die Zahl der Opfer kaum noch. Aus Übereifer oder der Ängstlichkeit mancher Behörden droht der Brandschutz zum Selbstzweck zu werden. Das betrifft nicht nur den Brandschutz in Schulen, wo Aulen kaum noch für Abiturfeiern und Theateraufführungen genutzt werden dürfen, oder Brandschutztüren in Kindergärten, die kein Kind mehr öffnen kann, sondern es greift tief in die Grundstruktur von Bauten ein. Da gibt es, insbesondere für Sonderbauten oder Umnutzungen, vor der Genehmigungsprozedur kaum abschätzbare Anforderungen an Rettungswege, Brandabschnittsgrößen, Materialien, Entrauchung und Besprinklerung. Es werden Bestandsbauten gesperrt, in denen seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten niemand Brandgefahr gesehen hat. Andere werden nicht modernisiert, weil dann der Bestandsschutz verfallen würde, aber die Brandschutzanforderungen nicht wirtschaftlich umsetzbar sind. Also verfällt stattdessen das Gebäude. Dies alles sind nicht Folgen verschärfter Regeln. Es sind die Folgen der verschärften Anwendung der einschlägigen Brandschutzregelungen. Da Brandschutz nun mal hochkomplex ist, sollte er zentralisiert werden. In einem kleinen Bundesland wie unserem kommt da durchaus eine zentrale Behörde infrage oder in jeder Bauaufsichtsbehörde die Bündelung dieser Aufgabe bei einem Experten. Nochmals sei betont: Es geht nicht darum, Risiken zu erhöhen, sondern darum, dass für den Brandschutz künftig genau das gefordert und getan wird, was nötig ist – und nicht mehr alles, was ein Sachbearbeiter ohne Rücksicht auf Kosten und Einbußen für den Bau und seine Nutzer für möglich hält. Zu groß ist die Angst, Verantwortung zu übernehmen, wenn Regeln eventuell nicht strikt eingehalten wurden. Von einer „Diktatur der Feuermelder“ und damit der Feuerwehr sprach vor einigen Monaten die angesehene Zeitung „Die Zeit“. Das ist natürlich überspitzt. Es ist oft auch nicht die Feuerwehr, es sind Verwaltungen und eine Industrie, die auch an der Angst verdient. Ein Beispiel: In Deutschland herrscht die Rauchmelderpflicht, seit Anfang dieses Jahres auch im Saarland. Das freut Hersteller und vor allem Wartungsfirmen. Aber es bringt der Feuerwehr ein Problem: Ist der Rauchmelder auf eine Brandmeldeanlage aufgeschaltet, muss sie bei jedem Fiepen ausrücken – egal ob ein Fehlalarm oder ein echter Brand auf sie wartet. Selbst Brandschützer leiden demnach unter den Anforderungen an den Brandschutz. Nochmals unser Ziel: die einheitliche Handhabung der gesetzlichen Grundlagen unter Wahrung eines gesunden Maßes. Alexander Schwehm, Präsident der Architektenkammer des Saarlandes Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Schlanke XL-Formate

Große Fliesen sind modern. Aber damit das Fugenbild des Bodenbelags am Ende auch stimmt, ist einiges zu beachten. Text: Uwe Wild In den letzten Jahren haben sich großformatige Fliesen mehr und mehr durchgesetzt. Sie lassen Räume größer erscheinen und sind aufgrund des geringeren Fugenanteils leichter zu reinigen. Besonders beliebt sind sie daher als Bodenbelag in gewerblich genutzten Gebäuden, wie Läden und Einkaufszentren, sowie in Eingangsbereichen jeglicher Art. Aber auch private Bauherren entdecken die großen Formate zunehmend für sich, zum Beispiel um das Erdgeschoss des Einfamilienhauses damit auszustatten. Als großformatig werden Fliesen ab einer Größe von etwa 40 mal 40 Zentimetern bezeichnet. Mittlerweile sind sogar Formate von drei mal einem Meter keine Seltenheit. Gleichzeitig werden sie mit Dicken von weniger als vier Millimetern auch immer dünner. Da sich diese Entwicklung bislang noch nicht in den für die Fliesenverlegung gültigen Normen niedergeschlagen hat, stellt der Einbau dünnschichtiger und großformatiger Fliesen eine Sonderbauweise dar. Diesbezüglich muss der Bauherr aufgeklärt werden und es ist eine schriftliche Vereinbarung der Beteiligten notwendig. Sonderbauweisen erfordern darüber hinaus sowohl vom Planer als auch vom Fliesenleger erhöhte Sorgfaltspflichten. Fugen-Übertragung und Fugen-Bild Die Wahl der Bodenfliesen sowie die Festlegung des Fugenbildes erfolgen in der Praxis oft erst nach dem Einbau des Estrichs, also in „letzter Sekunde“. Dann muss der Fliesenleger versuchen, das Fliesenformat und das Verlegemuster mit der Geometrie des Raumes und den Estrichfugen in Einklang zu bringen. Erfahrungsgemäß gelingt das nicht immer. Schwierig wird es zudem, soll der Fliesenbelag durchgängig über mehrere Räume verlaufen. Dabei treten viele Zwangspunkte auf, zum Beispiel die Türdurchgänge. Sollen später keine schmalen Fliesenstreifen das Erscheinungsbild beeinträchtigen, müssen die Fugen der Fußbodenkonstruktion bereits frühzeitig in die Planung einfließen (siehe Bilder weiter unten). Schwierig: Reicht der Fliesenbelag über mehrere Räume, sind Zwangspunkte, wie der hier gezeigte Türdurchgang, zu beachten. Das ist besonders bei einem beheizten Fußbodenaufbau wichtig. Die Arbeiten werden von drei Gewerken (Estrichleger, Heizungsbauer und Fliesenleger) ausgeführt und müssen aufeinander abgestimmt werden. Gemäß DIN 18560-2 „Estriche im Bauwesen – Teil 2: Estriche und Heizestriche auf Dämmschichten (schwimmende Estriche)“, Punkt 5.3.3, hat der Planer einen Fugenplan zu erstellen, der für den Estrichleger, den Heizungsbauer und den Fliesenleger gleichermaßen verbindlich ist. Optisch mangelhaft: Sollen später keine schmalen Fliesenstreifen… Damit die Fliesenfugen deckungsgleich mit den Heizkreisen und Feldbegrenzungsfugen des Heizestrichs verlaufen, sind sie zunächst auf den Verlegeplan für die Bodenfliesen zu übertragen. Erst dann kann die genaue Lage der Feldbegrenzungsfugen und Heizkreise festgelegt werden. Bei temperaturbeanspruchten Bodenbelägen können durch unterschiedliche thermische Längenänderungen zwischen Verlege-Untergrund (Wärmeausdehnungskoeffizient circa 0,012 mm/m·K) und Keramik (circa 0,006 mm/m·K) auch Scherkräfte auftreten. Zur Vermeidung von Scherspannungen müssen wegen des geringeren Fugenanteils bei großformatigen Fliesen die Feldgrößen entsprechend angepasst werden. …oder breite Fugen das Erscheinungsbild beeinträchtigen, müssen die Fugen der Fußbodenkonstruktion frühzeitig in die Planung einfließen. Scherspannungen können aber auch bei unbeheizten Fußböden auftreten, zum Beispiel durch Sonneneinstrahlung aufgrund großflächiger Südverglasungen. In diesen partiell besonnten Bereichen können die thermischen Belastungen sogar höher sein als bei einer gleichmäßigen und vollflächigen Wärmeverteilung einer Fußbodenheizung. Herstellungsbedingt dürfen nach DIN EN 14411 „Keramische Fliesen und Platten – Definitionen, Klassifizierung, Eigenschaften, Bewertung und Überprüfung der Leistungsbeständigkeit und Kennzeichnung“ keramische Fliesen eine gewisse konvexe Wölbung aufweisen. Die zulässige Wölbung der Fliesen kann mit zunehmender Kantenlänge zu sichtbareren Höhenversätzen zwischen benachbarten Fliesen führen. Besonders auffällig sind Höhenversätze, wenn die Fliesenverlegung im Halb- oder Drittelverband erfolgt. So trifft bei der Verlegung im Halbverband der höchste Punkt der Wölbung, der sich in der Mitte der Platte befindet, genau auf die tiefer liegenden Ecken der benachbarten Fliesen. Bei der Verlegung im Drittelverband entsteht ein ähnliches Bild. Das kann beson-deres bei Streiflicht, das beispielsweise bei bodentiefen Fenstern entsteht, die Optik beeinträchtigen. In solchen Fällen empfiehlt sich daher die Verlegung mit Kreuzfugen oder im Dreiviertelverband. Bei Heizestrichen sollte generell keine Diagonalverlegung in Betracht gezogen werden, da die Feldbegrenzungsfugen mit dem Verlauf der Heizkreise üblicherweise rechtwinklig angelegt werden. Ebenheit und Verlegeverfahren Großformatige Fliesen erfordern auch einen besonders ebenen Verlege-Untergrund. Während der Fliesenleger mit kleinen Formaten geringfügige Unebenheiten noch relativ problemlos in den zahlreichen Fugen ausgleichen konnte, entsteht dagegen bei großen Formaten ein auffälliger Höhenversatz an den Kanten. Daher ist es erforderlich, mit dem Estrichleger erhöhte Anforderungen gemäß DIN 18202 „Toleranzen im Hochbau – Bauwerke“, Tabelle 3, Zeile 4, zu vereinbaren und gegebenenfalls zusätzlich eine separate Spachtelung der Estrichoberfläche auszuschreiben. Konvex gebogen: Bei Verlegung im Halb- oder Drittelverband wird der Höhenversatz ­aufgrund der herstellungsbedingten Wölbung besonders deutlich. Üblicherweise werden keramische Fliesen im Dünnbettverfahren nach DIN 18157-1 „Ausführung keramischer Bekleidungen im Dünnbettverfahren; Hydraulisch erhärtende Dünnbettmörtel“ verlegt. Bei dieser auch als Buttering-Verfahren bezeichneten Ausführungsart wird der Verlegemörtel mit einem Kammspachtel auf den Untergrund aufgekämmt und anschließend werden die Fliesen in das Mörtelbett eingeschoben. Mit kleineren Fliesenformaten lässt sich so eine weitgehend vollflächige Bettung erzielen. Bei großen Formaten können sich dabei im Verlegemörtel jedoch größere Hohlräume und Luftblasen bilden. Das lässt sich nur durch die Anwendung des Buttering-Floating-Verfahrens vermeiden, wobei der Mörtel auf den Untergrund und auf die Fliese aufgetragen wird. Der Architekt sollte daher bei Großformatfliesen das Buttering-Floating-Verfahren gemäß DIN 18157-1 ausschreiben. Für den Fliesenleger heißt das, er muss bei der Kalkulation eine größere Menge des Verlegemörtels einplanen. Klebemörtelauftrag: Eine entsprechende Baustelleneinrichtung ist notwenig, um die Großformatplatten für die Verlegung vorbereiten zu können. Verlegemörtel und Verarbeitung Überschüssiges Wasser aus dem Verlegemörtel verdunstet bei einem Fliesenbelag ausschließlich über die Fugen. Aufgrund des geringen Fugenanteils bei der Verwendung großer Formate bleibt die Feuchtigkeit im Fußboden im Vergleich zu kleinen Fliesen deutlich länger erhalten. Feuchteempfindliche Ansetz- und Verlegeflächen, wie etwa Calciumsulfatestriche, können dadurch geschädigt werden. Eine Grundierung, zum Beispiel auf Basis eines wasserfreien Reaktionsharzes, kann die Estrichoberfläche dagegen schützen. Wird eine Reaktionsharzgrundierung verwendet, muss sie im frischen Zustand mit Quarzsand abgestreut werden. Um den Feuchtetransport durch die schmalen Mörtelfugen weiter zu minimieren, sollte ein schnell erhärtender Verlegemörtel mit hoher kristalliner Wasserbindung verwendet werden. Am besten eignet sich ein C2-Klebemörtel mit hoher Flexibilität, da das Material die bereits beschriebenen möglichen thermischen Spannungen zwischen Fliesen und Verlege-Untergrund zum Teil aufnehmen kann. Einige Bauchemiehersteller bieten spezielle „Großformat-Kleber“ an. Saugheber: Transport, Bearbeitung und Verlegung von Großformatfliesen erfordern spezielle Werkzeuge sowie Trage- und Verlegehilfen. Je größer das Fliesenformat ist, umso größer ist auch die Bruchgefahr bei Transport, Verarbeitung und Nutzung. Um die Bruchgefahr zu minimieren, ist die Rückseite der Fliesen oft mit einer Gewebearmierung beschichtet. Trifft das zu, muss die Art der Beschichtung und des Gewebes bekannt sein – gegebenenfalls ist beim Fliesenanbieter nachzufragen – und es sollte eine Empfehlung für den zu verwendenden Verlegemörtel beim Bauchemiehersteller eingeholt werden. Transport, Bearbeitung und Verlegung von Großformatfliesen erfordern spezielle Werkzeuge sowie Trage- und Verlegehilfen. Bearbeitung und Zuschnitt erfolgen mit Diamantwerkzeugen, um saubere Schnittkanten herzustellen. Das Einsetzen erfolgt in der Regel mit Saughebern. Zur Vermeidung von Höhenversätzen zwischen benachbarten Fliesen hat sich der Einsatz von Verlegehilfen (auch Nivelliersysteme genannt) bewährt. Damit lassen sich die Kanten zu den benachbarten Fliesen auf die gleiche Höhe einjustieren. Muss eine frisch verlegte Großformatfliese noch einmal aus dem Mörtelbett herausgenommen werden, ist zunächst der Haftverbund zwischen Fliese und Mörtel mit einem Draht zu durchtrennen, damit die Fliese nicht bricht. Uwe Wild ist Sachverständiger für das Estrichlegerhandwerk sowie für das Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerhandwerk in Brandis bei Leipzig. Grundsätze für Planung und Ausführung – Verlegeplan für den Fliesenleger mit dem Fugenplan für den Estrichleger und den Heizungsbauer ­abstimmen (Planung „von oben nach unten“) – erhöhte Anforderungen an die Ebenheit des ­Estrichs und die Spachtelung ausschreiben – Verlegung erfolgt im kombinierten Verfahren ­(Buttering-Floating-Verfahren) – großformatige Fliesen nicht im Halb- oder ­Drittelverband verlegen – besondere Verlegemörtel mit hoher kristalliner Wasserbindung verwenden – Feuchteschutz bei Calciumsulfat-Estrichen ­ausschreiben Normen und Regelwerke DIN 18157-1 „Ausführung keramischer Bekleidungen im Dünnbettverfahren; hydraulisch erhärtende Dünnbettmörtel“, Stand 1979-07 DIN ATV 18352 VOB Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen – Teil C: Allgemeine Technische Vertragsbedingungen für Bauleistungen (ATV) – „Fliesen- und Plattenarbeiten“, Stand 2012-09 DIN EN 14411 „Keramische Fliesen und Platten – Definitionen, Klassifizierung, Eigenschaften, Bewertung und Überprüfung der Leistungsbeständigkeit und Kennzeichnung“, deutsche Fassung EN 14411:2016, Stand 2016-12 DIN 18560-2 „Estriche im Bauwesen – Teil 2: Estriche und Heizestriche auf Dämmschichten (schwimmende Estriche)“, Stand 2009-09 DIN 18202, „Toleranzen im Hochbau – Bauwerke“, Ausgabe 2013-04 BVF-Fachinformation „Schnittstellenkoordination bei Flächenheizungs- und Flächenkühlungssystemen in Neubauten“, herausgegeben vom Bundesverband Flächenheizungen e.V., Hagen, Stand 2011-05 ZDB-Fachinformation „Großformatige keramische Fliesen und Platten“, herausgegeben vom Fachverband Fliesen und Naturstein im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes, Stand 2010-05 Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Im Schwitzkasten

Saunas auf Stelzen, im Betonschacht oder daheim auf 45 Quadratmetern: heiße Ideen von Architekten. Text: Stefan Kreitewolf Das Thermometer klettert gen 90 Grad Celsius. Der Schweiß läuft in Strömen, die verspannten Muskeln werden warm und weich. Der Kopf wird leer. Nach der Schwitzpartie geht es hinaus in die kühle Luft. Die von der Wärme geweiteten Bronchien saugen den Sauerstoff auf, jede Zelle des Körpers wird durchblutet. Ein ausgiebiger Sauna-Tag ist für viele Deutsche wie ein paar Stunden Kururlaub – gleich um die Ecke. Und das ist extrem beliebt. Für Thomas Kalman von Krieger Architekten im rheinischen Velbert ist das nichts Neues: „Die Nachfrage nach Sauna-Neubauten ist sehr hoch“, weiß der Geschäftsführer des Büros, das sich auf Schwimmbad- und eben Saunabau spezialisiert hat. „Sauna- oder Wellnessbereiche werden als zentraler Bestandteil von Gesundheitsbädern konzipiert.“ Sie stünden als hochwertiges Angebot einem teilweise überregionalen Publikum zur Verfügung. Allerdings müsse, um diese Magnetwirkung erzielen zu können, alles stimmen – „das Ambiente, der Service und die Einzigartigkeit des Ortes“. Während klassische Saunas voll im Trend liegen, werden auch innovative Ideen und kreative Konzepte realisiert. In Troisdorf zum Beispiel lässt sich nun auf hohem Niveau saunieren – und zwar buchstäblich. Der Saunabereich des Schwimmbads „Aggua“ besteht aus einer Holzkonstruktion, die – ähnlich einer Pfahlbausiedlung – auf Betonstützen aufgeständert ist. Das ist sinnvoll, weil das darunter fließende Flüsschen Agger einmal jährlich über die Ufer tritt, und es ist nicht zuletzt einzigartig und spektakulär. „So entfaltet die Baumhaussauna mit Blick ins Grüne eine tolle Atmosphäre, die auch Besucher aus größerer Entfernung anzieht“, sagt Kalman. Bei steigendem Bedarf, können weitere Pfahlbauten errichtet werden. „Hommage an das Nichtstun“ Es geht aber noch kreativer: Ein besonderes Beispiel dafür ist die „One Man Sauna“ (Abb. S. 25) des Münsteraner Architekturkollektivs Modulorbeat. Der Schwitzkasten, der im Rahmen des Bochumer Stadt- und Kunstfestivals „Das Detroit-Projekt“ errichtet wurde, ist siebeneinhalb Meter hoch. Er besteht aus gestapelten Betonfertigteilen, die eigentlich für den Bau von Schachtanlagen verwendet werden. Jan Kampshoff von Modulorbeat erklärt: „Das Projekt ist eine Hommage an das Nichtstun, und zwar ganz allein.“ Die „One Man Sauna“ biete nämlich lediglich Platz für eine Person. Auf der untersten Ebene befindet sich ein Tauchbecken. In der Etage darüber lädt die Sauna-Box zum Schwitzen ein. Und ganz oben öffnet ein Ruheraum den freien Blick gen Himmel. „Die Sauna ist eine Oase in einer von Industrie geprägten Stadt und dient als Reflexionsidee für die Zukunft der Stadt“, erklärt Kampshoff. Schwitzen statt Schuften: Standort, Material und Form lassen sich als Referenz an die Bergbauindustrie vergangener Tage lesen. Mehrstöckig schwitzen und entspannen: Das war in der „One Man Sauna“ möglich. Die Sauna wurde aus Schachtmodulen gebaut. Wie viele Projekte von Modulorbeat, war auch die „One Man Sauna“ temporärer Natur. Der Schwitzschacht ist mittlerweile wieder abgebaut worden. „Aber wer weiß, vielleicht bauen wir bald wieder eine Sauna“, hofft Kampshoff. Das Projekt erhielt schließlich eine Anerkennung beim Deutschen Architekturpreis 2015 und hat das Büro deutschlandweit bekannt gemacht. Geschäftsmodell Schwitzen Saunas sind für Krieger Architekten und Modulorbeat ein einträglicher Alleinstellungsfaktor. Denn Saunabaden ist in Deutschland extrem beliebt. Das Schwitzen hat eine neue Rekordmarke erreicht: 30 Millionen Deutsche saunieren einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Saunabundes zufolge regelmäßig. Das ist ein Riesenmarkt, der stetig wächst. Und zwar auch im privaten Bereich. Das Kemptener Büro architektur + raum plant und realisiert Saunas für den Privatbereich; aktuell ist eine Sauna im bayerischen Pfronten geplant. „Auf 45 Quadratmetern werden wir in einem Wohnhaus eine Trockensauna, einen Whirlpool, eine Dusche, ein Liegepodest und eine Akustik-Lamellenwand realisieren“, berichtet Thorsten Leekes von architektur + raum. Die verwendeten Materialien – Kautschukboden, Glasmosaik und Tannenholz – spiegeln den luxuriösen Charakter der Privatsauna wider. „Bei privaten Saunas geht es um Individualität, deswegen legen wir Wert darauf, keine Fertigteile zu nutzen“, sagt Leekes. Für architektur + raum ist das Schwitzen bereits zum Geschäftsmodell geworden. Und damit nicht genug: „Der Trend geht zum Wellnessgarten. Dabei wird die gesamte Gartenlandschaft auf Erholung und Entspannung ausgerichtet – etwa mit Swimmingpool und kleiner Sauna“, erklärt Leekes. Für Architekturbüros bleibt also noch Einiges zu tun. Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Ganz neutrale Suche

Wer Stellen ausschreibt und Bewerbungsgespräche führt, kann auch ungewollt Kandidaten diskriminieren. Text: Franziska Klug und Dirk Scholz Mittlerweile ist das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) seit über zehn Jahren in Kraft und viele Unternehmen sind in Sachen Diversity (Vielfalt) bereits gut aufgestellt. Dennoch kommen im Zusammenhang mit dem AGG auch für erfahrene Arbeitgeber und Personalverantwortliche immer wieder rechtliche Fragen auf. Eine diskriminierende Stellenausschreibung oder eine unzulässige Frage im Vorstellungsgespräch können weitreichende Folgen haben, bis hin zur Schadenersatzpflicht. Auch Bewerber sollten wissen, welche Fragen im Bewerbungsgespräch oder Personalfragebogen unzulässig sind und wie sie hierauf reagieren können. Für ein diskriminierungsfreies Formulieren von Stellenausschreibungen gibt es aber auch Positiv-Gründe: Sie benachteiligen nicht. Und mit ihnen kann ein größerer Kreis potenzieller Bewerber angesprochen und damit letztlich das Unternehmen vielfältiger werden. Benachteiligen verboten Ziel des AGG ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen. Beschäftigte dürfen nicht aus einem dieser Gründe benachteiligt werden. Das Benachteiligungsverbot greift schon bei der Stellenausschreibung und im Vorstellungsgespräch. Es gilt gegenüber Arbeitnehmern, Auszubildenden und arbeitnehmerähnlichen Personen. Für Selbstständige und Organmitglieder – wie zum Beispiel Geschäftsführer und Vorstände – gilt es hingegen nur, soweit der Zugang zur Erwerbstätigkeit oder der berufliche Aufstieg betroffen sind. Stellen für alle ausschreiben! Eine Stellenausschreibung darf nicht gegen das Verbot der Benachteiligung aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität verstoßen. Die Pflicht zur geschlechtsneutralen Stellenausschreibung ist allgemein bekannt. Bezeichnungen wie „Architekt“ oder „Geschäftsführer“ gelten weithin als nicht geschlechtsneutral. Durchgesetzt hat sich die Nennung beider Geschlechter, zum Beispiel „Architekt/Architektin“ oder „Architekt(in)“. Das bloße Anhängsel (m/w) sollte schon deshalb vermieden werden, weil sich nach Studien Frauen davon kaum angesprochen fühlen. Ausschreibungen sind auch unzulässig, wenn sie Diskriminierungs-Merkmale nicht ausdrücklich nennen, sondern sie umschreiben. So kann zum Beispiel die Anforderung „sehr gutes Deutsch“ in einer Stellenanzeige ein Indiz für eine mittelbare Benachteiligung eines nicht zum Vorstellungsgespräch geladenen Bewerbers wegen dessen ethnischer Herkunft sein (LAG Hessen vom 05.10.2011, Az.: 2 Sa 171/11; LAG Hamm vom 04.02.2014; Az.: 7 Sa 1026/13). Insoweit kommt es darauf an, ob die geforderten Kenntnisse für die Tätigkeit eine entscheidende Anforderung darstellen. Dies ist dann der Fall, wenn die Tätigkeit andernfalls nicht ordnungsgemäß ausgeübt werden kann. Die Anforderung „Deutsch als Muttersprache“ ist daher regelmäßig nicht gerechtfertigt. Besonders häufig sind Verstöße gegen das Verbot der Benachteiligung aufgrund des Alters. Wird in einer Stellenanzeige ein „junger” Bewerber oder eine „junge” Bewerberin gesucht und eingestellt, dann kann eine abgelehnte ältere Person vermuten, dass sie wegen ihres Alters benachteiligt worden ist. Auch die Erwähnung eines „jungen, dynamischen Teams“ kann ältere Arbeitnehmer von einer Bewerbung abhalten (LAG Hamburg vom 23.06.2010, Az.: 5 Sa 14/10; LAG Schleswig-Holstein vom 29.10.2013, Az.:1 Sa 142/13). Auch die Beschränkung des Bewerberkreises auf Arbeitnehmer im ersten Berufs- oder Tätigkeitsjahr kann eine mittelbare Benachteiligung wegen des Alters darstellen – sogar in einer innerbetrieblichen Ausschreibung (BAG vom 18.08.2009, Az.: 1 ABR 47/08). Werden Berufsanfänger gesucht, muss aus der Stellenanzeige deutlich werden, dass damit nicht nur jüngere Arbeitnehmer gemeint sind, sondern auch ältere, die bereit sind, sich in einen neuen Beruf einzuarbeiten. Werden „Hochschulabsolventen/Young Professionals“ gesucht, kommt darin zum Ausdruck, dass vornehmlich etwa 25- bis 30-Jährige angesprochen werden. Auch hierin liegt eine unzulässige Benachteiligung wegen des Alters (BAG vom 24.01.2013, Az.: 8 AZR 429/11). Wenn im Anforderungsprofil bestimmte körperliche Fähigkeiten oder das Vorliegen einer Fahrerlaubnis verlangt werden, kommt eine unzulässige Benachteiligung wegen einer Behinderung in Betracht, wenn die gestellte Anforderung für die Ausübung der konkreten Tätigkeit nicht erforderlich ist. Es ist zudem darauf zu achten, dass auch die Beschreibung der zu erbringenden Tätigkeit neutral abgefasst wird. Andernfalls können diese Angaben gegenüber potenziellen Bewerbern eine abschreckende Wirkung entfalten. Schließlich ist darauf zu achten, dass der Arbeitsplatz nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) als Teilzeitarbeitsplatz auszuschreiben ist, wenn er sich hierfür eignet. Enthält eine Stellenanzeige ein verbotenes Merkmal gemäß § 1 AGG und werden Bewerber nicht eingestellt, die dieses Merkmal erfüllen, deutet das auf deren Benachteiligung hin. Der bewerbenden Person können dann Schadenersatzansprüche zustehen. Diese Ansprüche müssen innerhalb von zwei Monaten nach Erhalt der Absage schriftlich gegenüber dem Arbeitgeber geltend gemacht und binnen weiteren drei Monaten gerichtlich eingeklagt werden. Vorstellungsgespräch: Verbotene Fragen Auch das Vorstellungsgespräch hat benachteiligungsfrei zu erfolgen. Insoweit wird das allgemeine Fragerecht des Arbeitgebers eingeschränkt. Es dürfen nur solche Fragen gestellt werden, die erforderlich sind, um sich ezin verlässliches Bild über die fachliche und persönliche Eignung der Bewerbenden für die zu verrichtende Tätigkeit zu machen. Generell zulässig sind Fragen, die sich ausschließlich auf die ausgeschriebene Stelle beziehen, wie zum Beispiel Fragen nach der fachlichen Qualifikation, einer vorhandenen Ausbildung, dem beruflichen Werdegang, der zuletzt ausgeübten Tätigkeit oder dem Bestehen eines Wettbewerbsverbots. Unzulässig sind hingegen Fragen nach der Gewerkschaftszugehörigkeit, den familiären und persönlichen Lebensumständen, einer bestehenden Schwangerschaft, Rauchgewohnheiten oder privaten Vermögensverhältnissen. Regelmäßig ist auch die Frage nach einer Schwerbehinderung im Vorstellungsgespräch unzulässig. Die Frage nach körperlichen Beeinträchtigungen kann nur dann zulässig sein, wenn diese Einfluss darauf haben, ob die Tätigkeit ausgeübt werden kann. Auch in diesem Fall ist die Frage jedoch nach der Eignung für die konkrete Tätigkeit zu stellen und nicht nach einer bestehenden Schwerbehinderung im Allgemeinen. Eingeschränkt zulässig sind Fragen nach bestehenden Krankheiten. Nach solchen darf nur gefragt werden, wenn durch sie die Eignung für den Arbeitsplatz infrage gestellt wird. Es muss insoweit ein konkreter Bezug zu der angestrebten Tätigkeit bestehen. Allgemeine Fragen zum Gesundheitszustand sind – ebenso wie die Frage nach gelegentlichem Alkoholgenuss – unzulässig. Auch nach Führungszeugnissen oder Vorstrafen darf nur gefragt werden, wenn ein Zusammenhang mit der Stelle vorliegt. So ist die Frage nach Vermögensdelikten erlaubt, wenn Beschäftigte mit der Verwaltung eines Vermögens betraut werden. Dagegen sind Verkehrs- oder Körperverletzungsdelikte in der Regel unerheblich. Im Bundeszentralregister gelöschte Straftaten müssen Bewerber auch dann nicht offenbaren, wenn sie im Zusammenhang mit der Stelle einschlägig sind. Zulässige Fragen sind wahrheitsgemäß zu beantworten. Ist eine Frage unzulässig, muss sie nicht beantwortet werden. Den Bewerbenden steht insoweit ein „Recht zur Lüge“ zu, da der Arbeitgeber aus der bloßen Nichtbeantwortung der Frage negative Schlüsse ziehen würden. Findet ein Arbeitgeber später heraus, dass das „Recht zur Lüge“ ausgeübt wurde, darf er daraus keine rechtlichen Konsequenzen ziehen. Unzulässige Fragen nach den in § 1 AGG genannten Merkmalen – insbesondere einer Schwangerschaft oder Behinderung – können zu Schadenersatzansprüchen gegen den Arbeitgeber führen. Denn bereits die Frage begründet eine Vermutung für eine Benachteiligung, wenn Bewerber das unzulässige Merkmal erfüllen und nach dem Vorstellungsgespräch nicht eingestellt werden. Rechtsanwalt Dirk Scholz und Rechtsanwältin Franziska Klug sind in der Berliner Kanzlei Betz – Rakete – Dombek (www.robe.org) im Arbeitsrecht sowie im Antidiskriminierungsrecht tätig. Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Feuerfeste Partnerschaft

Johannes-Schule, Berlin: Weil Holz kontrolliert abbrennt, konnte es, wo nötig, als feuerhemmend definiert werden. Der Brandschutzplaner sitzt heute schon beim Entwurf mit am Tisch – erst recht bei anspruchsvollen Bauaufgaben. Text: Heiko Haberle Das Thema Brandschutz ist emotional aufgeladen. Einerseits weckt es Urängste; andererseits gilt es als wesentlicher Faktor dafür, dass das Bauen immer komplizierter wird (siehe auch Standpunkt). Dabei haben Anforderungen an Energie- und Lüftungstechnik mindestens genauso viele Auswirkungen auf einen Entwurf. Reinhard Eberl-Pacan ist Architekt und Brandschutzplaner mit Büro in Berlin, außerdem leitender Redakteur der Zeitschrift Bauen+ für Energie, Brandschutz, Bauakustik und Gebäudetechnik. Er versendet Newsletter, betreibt eine Brandschutz-Akademie und veranstaltet Brandschutz-Stammtische. Diese offensive Öffentlichkeitsarbeit für das Thema gefällt vermutlich nicht jedem in der „Szene“, wirkt doch der Brandschutz sonst eher im Hintergrund und wird im Idealfall nie benötigt. Dass der Brandschutz, wie viele andere Sicherheitsvorkehrungen, die unsere Gesellschaft entwickelt hat, still und ohne Behinderungen für den Alltag funktionieren muss, sagt auch Eberl-Pacan selbst. Er möchte vor allem den Architekten die Angst vor dem Thema nehmen und es als selbstverständlichen Teil des Entwurfs vermitteln. „Architekten haben immer Brandschutz gemacht, ohne es zu merken“, findet Eberl-Pacan. Die Organisation des Gebäudes, seine Erschließung und Unterteilung sind nicht nur die ersten Entwurfsaufgaben, sondern auch die Voraussetzungen für Fluchtwege und Brandabschnitte. Dabei empfindet er es als besonders wichtig, auch als Fachplaner eine architektonische Sicht auf den Gesamtentwurf zu haben und erst später in die Details zu gehen. Und „man sollte in Alternativen denken und den Entwerfern Optionen lassen, etwa auf eine Brandwand zu verzichten, aber dafür mehr Gebäudetechnik zuzulassen“. Die Johannesschule in Berlin-Schöneberg ist Teil eines noch wachsenden Waldorf-Campus. Ein Bereich, in dem architektonisch gerade viel passiert, ist der Schulbau. Ganztagsbetrieb und neue Lernkonzepte verändern die Gebäude. Zu den Klassenräumen kommen offene Gemeinschaftsbereiche. Verkehrsflächen sollen auch dem Aufenthalt dienen. Der „notwendige Flur“, der keine Brandlasten enthalten darf, ist hier fehl am Platz. Eine Lösung kann die Anordnung von Klassenräumen und möglichen Zusatzflächen in mehreren „Clustern“ sein. Die sind aus pädagogischen Gründen inzwischen oft gewünscht und kommen dem Brandschutz dabei entgegen, weil überschaubare Einheiten entstehen. Die 2016 fertig gestellte Johannes-Schule in Berlin-Schöneberg besitzt drei Flügel, die als Cluster mit je eigenem Treppenhaus und Fluchtszenario definiert wurden: einer für Klassenräume, einer für Fachräume, einer für Sonderräume wie Foyer, Mensa und Eurythmie-Saal. Als Teil eines Waldorf-Campus ist neben der Schule ein Kindergarten entstanden. Weitere Gebäude sollen folgen. Brandschutz entwerfen Die Architekten Minka Kersten und Andreas Kopp vom Büro Kersten + Kopp wollten die Schule als Holzbau errichten und banden schon früh Reinhard Eberl-Pacan ein – laut Kopp, „weil Holzbau in der Bauaufsicht immer noch ein Angstthema ist und für uns trotz Erfahrungen auf diesem Gebiet kein Tagesgeschäft“. Der Partner sollte dann möglichst jemand sein, der Brandschutz als kreative Disziplin begreift und im Fall einer Schule auch pädagogische Konzepte versteht. Kopp kennt nämlich zwei Typen von Brandschutzplanern: „Die einen, die offensiv und konstruktiv damit umgehen. Und die anderen, die nicht mitplanen, sondern prüfend auftreten, als seien sie selbst die Bauaufsicht. Das macht einen großen Unterschied für die Planung.“ Dass der Holzbau bisher wenig reguliert ist, sei auch eine Chance, findet Eberl-Pacan. Auf einem Gebiet, das erst von wenigen Experten bearbeitet wird, könne idealerweise ein Nachweis so schlüssig erbracht werden, dass die Bauaufsicht kaum handeln müsse. Die drei Flügel wurden als „Cluster“ definbiert. Feuerhemmende Wände (rot) und Brandschutztüren, die im Betrieb offen stehen, trennen sie voneinander. Die Johannes-Schule besteht aus Brettschichtholzdecken, die auf Innenwänden aus Brettsperrholz lagern. Die Außenwände sind als Holzrahmenkonstruktion mit dämmender Zellulose-Füllung ausgeführt. Jene Wände, die die Cluster voneinander trennen, sollten feuerhemmend ausgebildet werden. Diese Eigenschaft bringt das Holz – verwendet wurde Fichte – aber ohnehin selbst mit, weil es sehr kontrolliert und vorhersagbar abbrennt, nämlich um 0,7 Millimeter pro Minute. Damit eine Standsicherheit von 30 Minuten erreicht wird, musste also das Holz so bemessen werden, dass nach 30 Minuten Abbrennen der tragende Kern noch vorhanden ist. Solange der Brand vorher gestoppt wird, kann das zerstörte Material übrigens auch ersetzt werden. Für die Schule bedeutete das 16 Zentimeter starke Wände. Weil aber ohnehin nur bestimmte Maße produziert werden und auch statische Anforderungen hinzukommen, unterscheiden sich die feuerhemmenden Wände nicht von den anderen. Treppenhaus und Flur im Schulgebäude Die Cluster sind durch Brandschutztüren voneinander getrennt, die aber im Betrieb offen stehen dürfen. Im Brandfall sorgen Rauchmelder für ein automatisches Schließen. Dadurch sind die Flure für den Aufenthalt nutzbar. Weil die drei Cluster aber jeweils größer als 400 Quadratmeter sind, wurde eine Brandmeldeanlage mit Direktmeldung bei der Feuerwehr notwendig. Im doppelstöckigen Foyer erschwert ein Holzsturz über der Galerie – der vor allem als architektonisches Mittel überzeugt – die Rauchausbreitung. Ein zusätzlicher Rauchschutzvorhang wurde hier nötig, damit die Versammlungsstätten-Verordnung nicht im gesamten Haus gilt, sondern nur für Foyer und Mensa. Dass Treppenhäuser und Sanitärkerne in Stahlbeton ausgeführt wurden, hat mit einem gestalterisch gewünschten Materialwechsel zu tun. Der schalungsraue Beton korrespondiert dabei mit der Holzkonstruktion. Mogeln geht nicht mehr Das klingt zumindest im Nachhinein alles recht einfach. Und tatsächlich macht Eberl-Pacan oft die Erfahrung, dass Bauherren, etwa die großen Wohnungsbaugesellschaften, geradezu enttäuscht seien, wie wenige Eingriffe der Brandschutz verursache: „Die denken: Das muss doch wehtun.“ Weh tue es vor allem, wenn der Experte zu spät einbezogen werde, berichtet Stephan Appel, Architekt, Brandschutzplaner und Sachverständiger aus dem fränkischen Volkach. Nach seiner Erfahrung sehen Architekten den Brandschutz immer noch als notwendiges Übel an: „Die Fachplaner werden meistens zu spät beteiligt. Das ist sogar schlimmer geworden.“ Irgendwann könne er dann nur noch in die Trickkiste greifen und der Entwurf leide darunter. „Das tut mir dann besonders leid, weil man Probleme partnerschaftlich früh hätte lösen können.“ Entgegen landläufigen Meinungen, findet Appel sogar, dass es leichter geworden sei, die Anforderungen an den Brandschutz zu erfüllen, denn diese seien dank neuer Erkenntnisse und Bauprodukte heute zielgerichteter. Dass früher scheinbar alles einfacher war, liegt für ihn auch daran, dass Regeln nicht beachtet wurden. „Doch durchmogeln geht nicht mehr!“ Dem stimmt auch Eberl-Pacan zu: „Früher kannte man bei der Bauaufsicht seine speziellen Ansprechpartner, wusste genau, wer worauf achtet – und hat entsprechend nur das vorgelegt.“ Der Eurythmiesaal im ersten Obergeschoss der Schule Appel rät Architekten auch davon ab, Brandschutznachweise selbst zu erstellen, denn das Baurecht so zu lesen, wie es gemeint ist, sei gar nicht so einfach. Die Bauordnung müsse man sich wirklich „ganz genau anschauen und auf der Zunge zergehen lassen“, meint Kollege Eberl-Pacan. „Viele kennen nämlich nur Teilaspekte.“ Verändern müssten sich zumindest die Bauordnungen in Sachen Brandschutz (und das ist ihr Hauptinhalt) aber nicht wesentlich, um das Bauen schneller oder günstiger zu machen. Die Begriffe „feuerbeständig“ und „nichtbrennbare Baustoffe“ sollten jedoch, wie in Baden-Württemberg schon geschehen, entkoppelt werden. Schließlich ist Holz ein brennbarer Baustoff, aber kann eben durchaus feuerhemmend, ja sogar feuerbeständig sein. „Dann wäre dem Holzbau extrem geholfen, ohne das Sicherheitsniveau zu senken.“ Eberl-Pacan wünscht sich außerdem bundesweit einheitliche Verfahren und ein Vier-Augen-Prinzip mit Fachplaner und Prüfingenieur, wie es in den sechs ostdeutschen Bundesländern, in Bayern und im Saarland praktiziert wird. Und noch immer kollidieren Richtlinien und Verantwortlichkeiten miteinander. So wird etwa in Berlin und Nordrhein-Westfalen auch das Arbeitsstättenrecht auf Schulen angewendet, weil die Lehrer dort arbeiten. Es orientiert sich an großen Sonderbauten und bringt eigene Brandschutzregeln mit sich, die etwa für kleine Schulen Fluchtwegbreiten wie im Fußballstadion zur Folge hätten, wie Eberl-Pacan kritisiert. Andreas Kopp bemängelt, dass die Gesetzeslage sehr beweglich sei und die Halbwertszeiten von Richtlinien und Normen immer kürzer würden. „Die einzelnen Regeln sind in sich konsistent, aber es bestehen Widersprüche zu anderen Anforderungen und die Prioritäten sind unklar. Gleichzeitig werden die Ansprüche an die Planung immer differenzierter und es werden immer früher genaue Kostenschätzungen gewünscht.“ Deshalb werden Brandschutz- und andere Fachplaner schon während der Entwurfsarbeit beteiligt, denn erfolgreich könne man nur im Team sein. Der Bewegungs- und Mehrzweckraum des benachbarten Kindergartens. Zu viel des Guten Entwurfsarchitekten sollten aber auch selbst über den Brandschutz nachdenken. „Viele trauen sich das gar nicht mehr“, stellt Eberl-Pacan fest. Oder sie würden von ihren Bauherren zu bestimmten Maßnahmen gedrängt. „Dann wird sogar oft zu viel Brandschutz gemacht.“ Das kann auch passieren, wenn man sich strikt an die Normen hält, denn die seien oft von Lobbyinteressen geprägt, wie Stephan Appel bedauert. Er nennt die DIN 18232, die etwa die Entrauchung von Industriebauten regelt. Nach einer Überarbeitung der Norm waren pro Fläche mehr Rauchabzugsgeräte nötig. Appels Berechnungen für ein eigenes Projekt ergaben aber, dass sogar weniger Geräte ausreichten, als die alte Norm verlangte. Ein individueller Nachweis schützt in solchen Fällen vor unnötigen Ausgaben. Einen baulichen Idealzustand, bei dem kein technischer Brandschutz mehr die Defizite kompensieren muss, scheint es heute kaum zu geben. Die Anlagentechnik sollte dann genau auf die Projektgröße skaliert werden. Und man müsse sich über die Konsequenzen im Klaren sein, meint Eberl-Pacan: „Eine Brandwand ist pflegeleicht. Eine Brandmeldeanlage ist nach zehn Jahren schon überholt.“ Eigentlich könnte sie problemlos 25 Jahre halten, denkt Stephan Appel. Doch wie bei Elektrogeräten mit eingebautem Verschleiß sei ein früherer Austausch wirtschaftlich gewünscht. Hersteller helfen nach, indem es keine Ersatzteile oder keine Software-Updates mehr gibt. Appel tendiert auch deswegen persönlich zu baulichen und langfristigen Lösungen. Doch letztendlich entscheide meist, was, auf einen Lebenszyklus von 20 Jahren betrachtet, wirtschaftlich mehr Sinn macht. Manchmal ist es eben doch eine Sprühnebellöschanlage, wenn die Alternative ist, einen Dachstuhl komplett neu zu bauen. Und nicht nur Technik muss gewartet werden. Auch Fluchtwege gehören regelmäßig überprüft und freigeräumt, Nutzer müssen Schulungen erhalten. Ein ideales Brandschutzkonzept ist mal mehr baulich, mal mehr technisch ausgerichtet. In jedem Fall sollte es aber möglichst einfach strukturiert und laienverständlich sein. Entwerfer und Fachplaner müssen früh dafür sorgen, dass eine architektonische Idee auch in Sachen Brandschutz funktioniert. Dafür sieht Eberl-Pacan trotz vieler Vorschriften genug Möglichkeiten: „Die Entschuldigung ,Das Amt hat es nicht erlaubt‘ gilt nicht mehr.“ Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Von der Stadt- und Baukultur-Tagung, dem Deutschen Architektenpreis 2017 und dem „Best of Backstein“

Von der Stadt- und Baukultur-Tagung, dem Deutschen Architektenpreis 2017 und dem „Best of Backstein“ – die Meldungen der Ausgabe. Potsdam: Barock und Neue Sachlichkeit Potsdam ist ganz vorn mit dabei, wenn es um Rekonstruktionen geht. Nach dem Stadtschloss wurde nun direkt nebenan das Palais Barberini in der Version von Thomas Albrecht als Museum eröffnet. Es ist Mittelpunkt einer Uferbebauung (unten), die vage alten Vorbildern folgt, wobei das Palais zumindest an seiner Vorderseite (unter Schinkels Nikolaikirche) dicht am Original von 1771 ist – das wiederum eine verkleinerte Kopie des hundert Jahre älteren Palazzo Barberini in Rom war. Das Innere ist von Thomas Albrecht relativ schlicht gehalten und trägt im Treppenhaus Züge der Neuen Sachlichkeit. Gestiftet hat das Haus der Software-Milliardär Hasso Plattner, der dort neben Leihgaben Exponate aus seiner hochkarätigen Kunstsammlung präsentiert, darunter auch Werke aus der DDR.   Tagung zu Stadt und Baukultur „Städtebau und Baukultur – Die visuelle Ordnung der Stadt erkennen“ lautet das Motto einer gemeinsamen Tagung, die das Institut für Städtebau Berlin mit Unterstützung der Bundesstiftung Baukultur veranstaltet. Sie will „durch gute Beispiele und Erfahrungswerte die Bedeutung und das Potential von Baukultur als Stadtmehrwert hervorheben – sie vor Augen führen“. Städtebaupraktiker beantworten mit ihrem Erfahrungswissen beispielsweise Fragen zum Mehrwert von Baukultur für die Stadtrendite, zur Gestaltung von öffentlichen Räumen oder zu Wohnraumversorgung und Gestaltqualität. Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, führt in die Tagung ein. Kölns Bau-Beigeordneter Franz-Josef Höing spricht über das „Image der smarten Stadt“ und Christoph Beck von der städtischen Gesellschaft Degewo in Berlin über „Kommunale Wohnungswirtschaft im Spannungsfeld zwischen Baukultur, günstigem Wohnraum und Stadtrendite“. Claudia Reich-Schilcher vom Berliner Senat stellt Projekte des Plätze-Programms vor. Am Nachmittag gibt es eine Exkursion durch den Stadtteil Friedrichshain. Die Tagung findet am 15. und 16. Juni statt; die Teilnahme kostet 320 Euro. Mehr unter www.isw-isb.de Best of Backstein Der Fritz-Höger-Preis 2017 ist ausgelobt. Bewerben können sich Architekten mit ihren Projekten, bei denen der traditionelle Baustoff Backstein besonders überzeugend an der Fassade eingesetzt ­wurde – für den gestalterischen Ausdruck, für den Ortsbezug oder für die Energieeffizienz. Der Preis wird in verschiedenen Kategorien vergeben. Einsendeschluss ist der 15. Mai. Mehr Informationen ­unter: www.backstein.com/architekturpreis Material der Wahl Der aufsehenerregende Einsatz eines besonderen Materials am Bau wird vielleicht mit dem materialPREIS 2017 belohnt. Das Material kann dabei sowohl konstruktive als auch dekorative Funktion ­haben. Erstmals wird auch per Online-Voting ein Publikumspreis vergeben. Architekten, Innenarchitekten oder Ingenieure können sich noch bis zum 30. April bewerben. Mehr Informationen unter: www.materialpreis.com Stahl in Form gebracht Viel zu selten werden Brücken oder Industriehallen als Gestaltungsaufgabe begriffen. Mit dem Ingenieurpreis des Deutschen Stahlbaues 2017 wurden nun wieder willkommene Ausnahmen gewürdigt. In der Kategorie Hochbau gewann die Produktionshalle der Firma Sartorius in Göttingen. Gebäudehohe Stahlbügel tragen die Geschossdecken der einzelnen Hallenabschnitte. Ihre dynamisch geschwungenen Stützen begrenzen dabei großzügig belichtete Zwischenräume. Verantwortlich waren der Architekt Christian Rathmann aus dem Hannoveraner Büro Bünemann & Collegen und der Ingenieur Martin Speth von Drewes und Speth. Als beste Brücke wurde die Allerbrücke bei Verden prämiert, die sich deutlich von den Standardbrücken der Deutschen Bahn abhebt und sich auch besser in die Flussniederung integriert. Ihre Form und die Lamellenstruktur veranschaulichen den Lastabtrag. Entwurf und Konstruktion stammen aus dem Büro schlaich bergermann partner mit Andreas Keil als verantwortlichem Ingenieur. Werner Sobek erhielt eine Auszeichnung für das Dach des Busbahnhofs in Hannover. Schwungvoller Auftritt In deutschen Großstädten sprießen schicke neue Stadthäuser in hellem Naturstein oder Putz aus dem Boden, die sich in wechselnden Mixturen bei Klassizismus oder Neuer Sachlichkeit bedienen. Doch diese Fassade des Kölner Büros kister scheithauer gross am Düsseldorfer Fürstenplatz ist anders. Die mal von rechts nach links und mal umgekehrt geschwungenen Balkone verleihen dem Wohnhaus etwas Spielerisches. Die französischen Fenster sorgen für eine große Offenheit. Die Architekten wollten an die zerstörte gründerzeitliche Wohnbebauung anknüpfen, besonders an deren stadträumliche Präsenz. Trotzdem gelingt zugleich der Dialog mit den Nachbarhäusern aus der Nachkriegszeit. Lebenslang wohnen Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat eine Planungshilfe für den altersgerechten Neu- und Umbau von Wohnungen veröffentlicht. Der Ratgeber „ready kompakt – Planungsgrundlagen zur Vorbereitung von altengerechten Wohnungen“ bezieht sich dabei auf das Leitkonzept „ready“, das unter Professor Thomas Jocher an der Universität Stuttgart entwickelt wurde. Neben einem barrierearmen Mindeststandard sieht das Modell verschiedene Stufen bis hin zur DIN-gerechten Barrierefreiheit vor. Damit sollen auch Familienwohnungen mit überschaubarem Aufwand generationensicher werden können. Die Arbeitshilfe ist kostenlos und kann hier heruntergeladen werden: www.forschungsinitiative.de/publikationen Europa: Weltfremde Karte Die EU-Kommission plant eine „Dienstleistungskarte“, die das Anbieten von Leistungen in der gesamten EU erleichtern soll. Die Bundesarchitektenkammer (BAK) begrüßt den guten Willen, das grenzüberschreitende Arbeiten und die Mobilität zu fördern – aber nicht die vorgeschlagene Ausführung. Der Gesetzesentwurf zur Karte greift laut BAK-Vizepräsident Ralf Niebergall „unverhältnismäßig in bestehendes innerstaatliches Recht ein“, denn die Karte führe weitgehend zum „Herkunftsland-Prinzip“. Institutionen wie die Architektenkammern könnten dann zum Beispiel kaum noch die Qualifikation von Architekten aus anderen Ländern überprüfen, die sich in Deutschland niederlassen wollen. Auch müsse das bewährte System zur Anerkennung von Berufsqualifikationen erhalten bleiben. Die von der EU-Kommission vorgeschlagene Dienstleistungskarte führe zu einem quasi automatisierten Verfahren. Das qualitätssichernde Moment der Aufnahme in eine Kammer werde ausgehebelt, warnte Niebergall. Die Umsetzung der „Dienstleistungskarte“ solle nach Vorstellungen der Kommission eine neue „Superbehörde“ übernehmen, die in keiner Hinsicht die Fachkompetenz zur Beurteilung der Qualifikationen habe. „Das ganze Konstrukt entbehrt jeglicher klaren Sicht auf die Verwaltungswirklichkeit und ist das Gegenteil dessen, was man sich unter Bürokratieabbau vorstellt“, sagte Niebergall. Er wies darauf hin, dass auch bisher ein reibungsloser Austausch von Dienstleistungen funktioniert habe. Darüber hinaus will die EU-Kommission, dass Berufsreglementierungen, wie zum Beispiel die Architektengesetze der Bundesländer, bei jeder Änderung einem starren Analyseraster unterworfen werden, um ihre Verhältnismäßigkeit nachzuweisen. „Das ­unterbindet jegliche Dynamik in solchen Abwägungsprozessen“, kritisiert Niebergall. Noch weiter geht das EU-Vorhaben, nach dem nationale Gesetzgebungs- oder Verordnungsvorhaben mit Binnenmarkt-Bedeutung von der Kommission blockiert werden könnten und die Mitgliedsstaaten dagegen klagen müssten, um sie in Kraft zu setzen. Das beträfe dann beispielsweise jede Novelle der HOAI. Flachbau mit Spitzdach Obwohl noch Teil der Schwabenmetropole, wirkt doch das kleine grüne Tal in Stuttgart-Feuerbach recht beschaulich. Hier bauten Reichel Schlaier Architekten ein Einfamilienhaus, das den Blick ins Grüne zum Hauptmotiv macht. Mit großen Glasflächen und gestalterisch betonten Geschossdecken wirkt es vom Garten her wie ein doppelgeschossiger Bungalow. Eine Terrasse und im Obergeschoss ein umlaufender Balkon wurden in das Bauvolumen integriert. Von der höher gelegenen Straße fällt das Satteldach auf, das die örtlichen Bauvorschriften verlangten. Das gibt nicht nur dem Wohnraum mehr Kopffreiheit, sondern verleiht dem Haus auch einen interessanten Charakter mit zwei Gesichtern.   Deutscher Architekturpreis ausgelobt Das Bundesbauministerium und die Bundesarchitektenkammer (BAK) loben gemeinsam den Deutschen Architekturpreis 2017 aus, um beispielhafte Bauwerke auszuzeichnen. Sie sollen eine besondere baukulturelle Qualität aufweisen beziehungsweise von vorbildlichem Umgang bei der Sanierung und Modernisierung historischer Bausubstanz zeugen, dem nachhaltigen Bauen in ökologischer, ökonomischer und soziokultureller Hinsicht verpflichtet sein und positiv zur Gestaltung des öffentlichen Raumes beitragen. Von den ausgezeichneten Bauwerken sollen zum einen Anregungen für zukünftige Planungen ausgehen, zum anderen die Bedeutung der Baukultur und des nachhaltigen Bauens der Öffentlichkeit nahegebracht werden. Zugelassen zum Deutschen Architekturpreis 2017 sind Bauwerke oder Gebäudeensembles, die zwischen dem 1. Januar 2015 und dem 31. Januar 2017 in Deutschland oder im Namen oder überwiegend aus Zuwendungsmitteln der Bundesrepublik Deutschland im Ausland errichtet wurden. Die gesamte Preissumme beträgt 60.000 Euro. Bewerbungen um den Preis können bis zum 31. März eingereicht werden. Mehr unter: DABonline.de/tag/architekturpreis-2017

Das Fehlen der Kopisten

Inspiriert, nicht kopiert: Hans Scharouns Philharmonie-„Weinberg“… Wie originell muss Architektur sein – und wie deutlich, wer zuerst die gebaute Idee hatte? Text: Wolfgang Bachmann Es muss Anfang der 1980er-Jahre gewesen sein. Wieder einmal tagte in Berlin eine IBA-Wettbewerbsjury. In der engeren Wahl war eine Arbeit, die die besondere Aufmerksamkeit der Preisrichter genoss. Sie schien …prägt die Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron… sich nicht bis zur Preisgruppe behaupten zu können, hatte jedoch alle Rundgänge überlebt. Die Regularien wurden peinlich eingehalten, keiner sprach eine Vermutung über den Verfasser aus, aber allen war klar: Rob Krier, eindeutig. Schließlich schlug einer die Platzierung bei den Ankäufen vor, dann würde der Entwurf sicher nicht gebaut, aber man hätte wenigstens die Qualität gewürdigt. Dabei blieb es, die Kuverts wurden geöffnet. …und den erneuerten Dresdner Kulturpalast (gmp). Himmel! Der angegebene Verfasser war ein völlig unbekanntes Büro aus der Provinz, die Bearbeiter offenbar Studenten, die Krier bis auf die sepiabraunen Schraffuren seiner illustrierten Flaneure kopiert hatten. Die Preisrichter schienen betroffen oder erleichtert. Jedenfalls: Schwamm drüber! Was lehrt uns das? Ist die Geschichte gut oder schlecht ausgegangen? Abkupfern hatte immer einen Hautgout, bei Studentenentwürfen erhielt man noch mildernde Umstände, wenn die Betreuer geschmeichelt entdeckten, dass ihre eigenen Arbeiten Pate gestanden hatten. Aber später im richtigen Leben, da gab es kein Pardon mehr. Architektur galt als kreativer Beruf, das war seine entscheidende Qualität. Demnach ist nur der ein Künstler, „der alles in spontaner Eingebung aus der eigenen Persönlichkeit schöpft“, so kürzlich eine Konzertkritik in der Süddeutschen Zeitung. Plagiat oder kein Plagiat? Diese Grundwertedebatte wird allerdings dünn, wenn wir darüber verhandeln, wie hoch der künstlerische Anteil am Schaffen des Architekten ist. Keinesfalls möchten wir ihn zum Dienstleister degradieren, wie das Kollegen in stillen Momenten gerne selbst anbieten. Betrachten wir nur einmal die moderne Arbeitsweise. Man kann einem Architekten keinen Plagiatsvorwurf machen, wenn er dieselben Werkzeuge und Methoden benutzt wie seine Kollegen. Bei einem 6B-Stift wäre es lächerlich gewesen. Doch wenn beim parametrischen Entwerfen aus Algorithmen komplexe Systeme erzeugt werden, fragen sich wir Außenstehende doch, welche formalen Identitäten auf ihren Schöpfer zurückgehen, ob es endlose Varianten gibt oder der Erfindergeist in der Scriptsprache verborgen ist. Bleiben wir bei den lesbaren Quellcodes. Auch bei städtebaulichen Lösungen wird nicht ihre Wiedererkennbarkeit getadelt, etwa die Schließung einer Baulücke oder der Rückbau einer Verkehrsschneise unter dem Arbeitstitel Nachverdichtung. Das gilt ebenso für technische Lösungen. Baut ein Architekt mit einem Fachplaner ein Energie-autarkes Haus, darf ein Kollege mit demselben Ingenieur ein anderes Gebäude nach dem gleichen Prinzip errichten, und niemand wird die identischen Verbrauchswerte als Plagiat beanstanden. Auch die saisonale Vorliebe für bestimmte Materialien fällt nicht unter den Vorwurf des Kopierens. Es ist eher ein Wettstreit, wer gerade Stuccolustro, Stampfbeton oder Cortenstahl mit größerer Raffinesse ausführen lässt. Selbst typologische Lösungen werden zum Standard der ­Bauentwurfslehre. Seit Scharouns Berliner Philharmonie gehört der Begriff der Weinbergterrassen ins Repertoire der Musiktheater. Das Leipziger Gewandhaus (Skoda), die Disney Concert Hall in Los Angeles (Gehry), die Elbphilharmonie in Hamburg (Herzog & de Meuro) und der Kulturpalast in Dresden (gmp) übernehmen das Prinzip, die Musik in den Mittelpunkt gestaffelter Zuschauerpolygone zu holen – deshalb wird man nicht behaupten, hier sei bei Scharoun abgekupfert worden. Aus der jüngeren Baugeschichte kennen wir sogar kuriose Verdoppelungen, etwa am Hamburger Gänsemarkt, wo Riecke & Karres nach gut 60 Jahren das vorhandene Gebäude der Stadtbäckerei auf dem Nachbargrundstück wiederholt haben, um dem Platz eine ruhige Geschlossenheit zu geben. In anderen Fällen übernimmt ein Büronachfolger kryptische Skizzen und arbeitet sozusagen in einer „Konzept-Reinkarnation“ (Friedrich von Borries) an den Ideen des Altvorderen weiter. Als prominentes Beispiel gilt der Kammermusiksaal in Berlin von Edgar Wisniewski, worüber Ulrich Conrads orakelte: „Dass einer – wörtlich – seinen Meister (nämlich Scharoun, Anm. d. A.) gefunden hat und eines Tages sich dazu verurteilt sieht, dessen Werk fortzuführen, und zwar auf der Stelle, vor Ort, ist ein Schicksal, das man hart, das man ebenso aber auch gütig nennen kann.“ Und wenn es doch passiert? Dass Architekten bis zu einem gewissen Grad fremde Ideen übernehmen, ist unvermeidlich. Dazu sind die Aufgaben, die Bauherren, die Orte, die Nutzer viel zu ähnlich, als dass sie jedes Mal mit nie Dagewesenem konfrontiert werden müssen. Man darf sich also von fremden Werken inspirieren lassen. Aber wann kann man darin ein Plagiat erkennen? Fast immer wird die frappante Duplizität an Äußerlichkeiten festgemacht. Als genüge der Blick des Laien, der einen Nissan nicht von einem Mitsubishi unterscheiden kann. Vor 30 Jahren präzisierte die BDA-Justiziarin Gabriele Moser zur „freien Benutzung“ fremder Entwürfe: Sie ist „nur zulässig, wenn das nachgeschaffene Kunstwerk durch eigene Gestaltungsleistung die Eigentümlichkeiten und Elemente der Vorlage verblassen und allenfalls als Leitweg erkennen lässt. Wer dagegen ein fremdes Werk nur bearbeitet oder umgestaltet oder sogar unverändert – und sei es auch nur in Teilen – übernimmt, begeht ein Plagiat, wenn er die Leistung als die eigene ausgibt.“ Dass die Beurteilung in vielen Fällen strittig ist, Verstöße von Kollegen „allenthalben“ akzeptiert werden, merkte die Autorin allerdings auch an. Max Bächer hatte deshalb angeregt, eine „Plagiatssäule“ für Wettbewerbe einzurichten. Tatsächlich blieb es den Redakteuren der Fachzeitschriften überlassen, die ideelle Spurensicherung zu übernehmen. Sie enttarnten dann zum Beispiel kokett, dass der Wettbewerbsentwurf von Böge Lind-ner Architekten für die DG-Bank in Hannover stark dem Vorschlag von Mario Botta für ein Siemens-Bürogebäude in München ähnelte, den der drei Jahre zuvor abgeliefert hatte. Bei Zeus, nur das Original besitzt eben den Nimbus des Unerreichten, des Eigenschöpferischen, das ist die Essenz, der Markenkern des Berufs! Legal kopiert: Die Hamburger „Stadtbäckerei“, gebaut von Theodor Speckbötel 1913 (linke Hälfte) ergänzten Riecke & Karres 1980 mit einem äußerlich identischen Neubau, um dem davor liegenden Gänsemarkt „ruhige Geschlossenheit“ zu geben. Speckbötels Nachkommen gaben urheberrechtlich grünes Licht. Mach’s noch einmal, Sam! Doch dann sammelte Christoph Mäckler mit seinen Konferenzen zur „Schönheit der Stadt“ (ab 2010) die herumtreibende Gegenbewegung. Das Credo der mitwirkenden Kollegen lautete, statt „individualistischer Eventarchitektur“ den zeitlosen städtischen Zusammenhang zu sehen und die langfristig und handwerklich solide entwickelte Baukultur nicht durch schrille, den Bürgern unverständliche Einfälle zu stören. Von einer Aufforderung zum Kopieren war nicht die Rede, der geforderte moderate Umgang mit der eigenen Originalität schloss diese Möglichkeit jedoch nicht aus. Die Losung ist übergesprungen. Einer von Mäcklers ehemaligen Assistenten, Georg Ebbing, hat sich mit drei Kollegen zu einer Interessengruppe gefunden, die das „reproduktive Entwerfen“ propagiert. „Wir haben es leid, immer wieder neu anzufangen!“, beginnt ihr Manifest. Sie halten alles Vorhandene für reproduzierbar, ohne formale oder stilistische Tabus. Dabei geht es nicht ums Kopieren, sondern um ein respektvolles Nachempfinden, ohne das konkrete Vorbild zu verleugnen. Man setzt auf die Beständigkeit der Architektur, nicht auf weniger Arbeit durch eingesparte Leistungsphasen. Häuser sollen Orte in Erinnerung rufen, an denen man sich wohlgefühlt hat, die gut funktionieren und ein Heimatgefühl auslösen. Wollte man es emphatisch formulieren, verbirgt sich in dieser Haltung eine kopernikanische Wende der Architekturauffassung. Warum hatten wir uns vor Jahrzehnten zu diesem Studium entschlossen? Weil wir erfinden, verändern, erschaffen wollten. Wer hätte zugegeben, dass ihm sein Schulhaus, die Pfarrkirche und das Einwohnermeldeamt so gut gefallen haben, dass er sie so ähnlich nachbauen möchte und deshalb Architektur studierte? Undenkbar. Jetzt, im fortgeschrittenen Alter, würde ich das Nachahmen nicht mehr verurteilen. Aufschlussreich sind die Geständnisse eines Kunstfälschers (sic!). Vor einigen Jahren wurde Wolfgang Beltracchi entlarvt und dann berühmt. Er schreibt in seinen Erinnerungen, dass ihn neben dem finanziellen Anreiz die künstlerische Sinnsuche getrieben hat, um sich „nicht auf den Wiedererkennungswert beschränken zu müssen“. Beltracchi wollte nicht einzigartig sein, er war nicht auf der „Suche nach Originalität“, weil sie ihm den Blick verstellte auf die „nahezu unbegrenzte Anzahl von Stilen, von Techniken“. Was er malte, war für ihn „im jeweiligen Augenblick die angemessenste“ Form für seinen Ausdruckswunsch. Dazu hat er sich wie besessen in andere Künstler vertieft und neue Bilder erfunden, die jene gar nicht geschaffen hatten. Er malte also (überwiegend) nicht Vorlagen ab, sondern wiederholte die geistige Sphäre ihrer Entstehung. Überträgt man Beltracchis Methode auf die Architektursparte, führt das zu un­sittlichen Gedanken: Wenn Architektur Baukunst ist, dann lohnt sich die Reproduktion. Wolfgang Bachmann ist Architektur-Publizist in Deidesheim (Rheinland-Pfalz) Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Modische dritte Haut

Schwarz: Bundschuh/ Bonin, 2000er Was vorgestern angesagt war, steht leider immer noch rum: eine kleine Kulturgeschichte der betonierten Strohfeuer. Text: Christoph Gunßer Nicht nur Kleidung, auch die Architektur bedient das Distinktionsbedürfnis des Menschen, und zwar, allen Nachhaltigkeitsdebatten zum Trotz, in offenbar zunehmendem Maße. Immer rascher folgen die baulichen Bekenntnisse zum Anderssein heutzutage aufeinander, wenn auch nicht zweimal jährlich wie bei den Textilien. Doch dafür halten die zementierten Statements wesentlich länger. Von Schwarzsehern und weißen Wänden Wie etwa Schwarz: Was Architekten bislang bevorzugt am Körper trugen, tüncht man seit einigen Jahren plötzlich an die Bau-Körper. Ganze Fassaden und Dachlandschaften – anthrazit. Hersteller von Wärmedämmverbundsystemen beeilten sich, ihre Putze mit Pigmenten vollzupumpen und die dunkelheitsbedingten thermischen Verformungen in den Griff zu kriegen. Bereits in den Siebzigern hatte es ja Ähnliches aus (anfangs asbesthaltigen) Schindeln und (giftigen) Holzschutzmitteln gegeben, doch daran wollte sich irgendwie niemand erinnern. Waren zuvor noch populäre Rot-Töne signalhaft im baulichen Einheitsbrei aufgetaucht, so galt nun unbunt als „cool“. Weiß: Le Corbusier, 1920er Schwarz hat tatsächlich das Zeug zur Avantgarde, wie hundert Jahre zuvor Corbus Weiß. Beide vereint die strikte Negation des Bisherigen als wesentlicher Zug des Modischen. Beide schockierten das Publikum. Damals wie heute beeilten sich Deuter, zeitgeistige Bezüge zur „neuen Gesellschaft“, zur Stimmungslage der Nation herzustellen, doch dürften die Beweggründe in Wahrheit ästhetischer Natur gewesen sein. Schwarze Objekte verschwinden vor dunkler Kulisse, etwa am Waldesrand. Diesen Effekt kultivierten die Japaner seit Langem mit ihren rußgeschwärzten (und dadurch haltbar gemachten) Holzverschalungen. Tendenziell wirken schwarze Dinge kleiner, unaufdringlicher. Wenn heute allerdings ganze Baublöcke Schwarz beziehungsweise Dunkelgrau tragen (Beispiel L40 von Roger Bundschuh und Cosima von Bonin in Berlin), wirkt es nur noch so bedrohlich, trist und schwer, als lebten lauter graue Männer darin. Für Le Corbusier war das Weiß hingegen Sinnbild der Dematerialisierung. Es stand für die Entkoppelung von Konstruktion und Fassade und eine – bautechnisch noch keineswegs realisierte – Leichtigkeit. In seinen fünf Punkten zur Architektur von 1923 erwähnt er zwar das Weiß nicht. Erst sein Exeget Sigfried Giedion sah darin die Emanzipation des Menschen von der Natur repräsentiert. Le-Corbusier-Forscher vermuten heute, dass ihn die in Weiß gehaltene Gesundheitsmode des Fin de Siècle dazu inspirierte. Bekanntlich war Corbu sehr modebewusst und nutzte die Möglichkeiten der Werbung: Vor seinen Häusern ließ er zum Fototermin elegant gekleidete Damen in aktuellen Automodellen vorfahren. Es ist bezeichnend, dass Le Corbusier sich schon bald vom reinen Weiß abwandte und andere, skulpturalere Schwerpunkte setzte. Bereits in den 1920ern im „International Style“ kodifiziert, überdauern die weißen Villen indes bis heute als „zeitlose“ Uniform der Neureichen. Konjunkturen: Mode und Technik Stahlbeton: Eero Saarinen, 1950er Im Bemühen, als Anbieter von Distinktion die Nase vorn zu haben, greifen Baumeister gern neue technische Mittel auf. Mag Le Corbusier bildsprachlich weiter gewesen sein als bautechnisch – seine so entmaterialisiert wirkenden Villen wurden bekanntlich noch konventionell gemauert –, viele seiner Nachfolger benutzten avancierte Materialien. Eero Saarinen erkannte Ende der 1950er-Jahre Reiz und Nutzen von Corten-Stahl. Architekturfirmen wie SOM verhalfen ihm in den Sechzigern zum Durchbruch. Dann verschwand er wieder von der Bildfläche. In den letzten Jahren erlebt er unter den Distinktionsbedingungen des körperlosen Cyberspace eine gewisse Renaissance als lebendiges Material mit Bodenhaftung. Holz kam in den späten Siebzigern als Konstruktions-, aber vor allem auch als Verkleidungsmaterial in Mode. Als „kritischer Regionalist“ zeigte man damit seine Abneigung gegen die sterilen Industrieprodukte, zu denen die Masse der Bauten geworden war. Die bald einsetzende silbergraue Patina galt als ökologisch und naturverbunden. Dies war bald darauf gar nicht mehr schick. Ökologisches Bauen wurde zur Spielwiese der High-Techniker. Ästhetisch hielt eine kühle Glätte Einzug in die Baugebiete. Rebelliert wurde nun mit billigem Low-Tech-Material wie etwa Polycarbonat-Platten, die eigentlich im Gemüsebau zu Hause sind. Dass sie nicht lange halten, wiegt ihr geringer Preis wieder auf. Vermutlich wird unsere Neu-Gier danach eh etwas anderes bestaunen wollen. Holz: Anonyme Öko-Mode der 1980er Fruchtbare Zerstörung, wie sie das Bauen ja letztlich in Gang hält, hatte zuvor schon der Dekonstruktivismus zum Thema. Leider, aber verständlicherweise war das nur symbolisch-semantisch gemeint: Richtige Rempeleien oder gar Rückbau blieben aus. Die spießig-pompöse Postmoderne mit ihren pseudohistorischen Giebeln, Erkern und Säulchen blies man so immerhin vom Parkett. Stilistisch blieben die Decons eine Kurz-Episode. Sowieso galt fortan das neoliberale Credo: „Anything goes“ – solange es sich verkauft. Und dafür sorgten immer mehr Kanäle und Gazetten: Architektur war plötzlich Teil des „Lifestyles“, sie taugte als medialer Aufreißer und Party-Gespräch. Immer kürzer bis zum Sattsehen Medienfassaden waren in den Neunzigern der letzte Schrei. Bei Tage sahen sie oftmals furchtbar banal aus, aber nachts bestanden sie aus nichts als Licht – wunderbar. Nur hatte man sich an dem Geflimmer irgendwann sattgesehen. Derart dekorierte Schuppen sind für Architekten ohnehin etwas unbefriedigend – das Flüchtige ist ihre Sache nicht. Dann schon lieber Steintapeten, wie sie Berlins Senatsbaudirektor Stimmann und die Investoren mögen. Beständigkeit und Solidität sind hier jedoch in vielen Fällen auch nur ­Zitate. Digital: Zeilgalerie in Frankfurt am Main, Medienfassade, 2000er Die Launen von Architekten treiben seltsame Blüten: Seit einigen Jahren darf ein Dach ja keinen Überstand mehr haben, auch wenn das bauphysikalisch durchaus sinnvoll wäre. So wittert und trieft es halt allerorten, weil die Tradition ja nur „zeichenhaft“ zitiert wird. Bei der Verteilung der Fenster scheint Strenge dagegen oft gar nicht wichtig – die Öffnungen tanzen dann wie besoffen aus der Reihe, viele wirken geradezu hingekleckert, auch wenn das mit der inneren Organisation überhaupt nichts zu tun hat. Die Fensterlaibungen pflegt man nun oftmals nach alter Manier breit und zuweilen wulstig zu rahmen – die Welt scheint voller picture windows. Zuweilen schießen Teile des Bauvolumens gar, Schubladen gleich, weit aus der Bauflucht heraus – die Statik zeigt dann ihre Muskeln. Nur Laien wird es darunter mulmig. Zu reden wäre noch von den Promotern der Blobs und von den Parametrikern. Dass die Rechner per se einen Sinn für Sinnhaftigkeit und Beständigkeit hätten, lässt sich kaum behaupten. Bislang scheinen die flüchtigen elektronischen Wunderwerke sich, von ein paar modischen Hinguckern abgesehen, eher wenig in Architektur niederzuschlagen. Aktuell ist mehr ein sehr langlebiges Material im Kommen, der Dämmbeton: Er entspricht dem Wunsch nach – zumindest vermeintlich – einfacheren Konstruktionen und möglichst „brutaler“ Beton-Ästhetik im Stile der Sixties und verspricht Distinktion – vielleicht auch wegen der hohen Kosten. Bei jedem dieser Trends wird das Sich-Abheben von der Masse so lange funktionieren, bis die Magazine das Thema hinreichend hochgepusht haben, mehr Bauherren auf diese Weise bauen, die Stückzahlen also die Preise sinken lassen. Dann ist es wieder Zeit, „eine neue Sau durchs Dorf zu jagen“, wie der Volksmund zu sagen pflegt. „Grün ist das neue Schwarz“, hieß es schon vor Jahren, um nach den trist-trüben Kisten begrünte Hochhäuser als das neue Nonplusultra zu propagieren. Wilde Fenster: Campus Zollverein in Essen von SANAA, 2000er Wohin mit der Mode von vorgestern? Was pure Mode, was eine wichtig bleibende Entwicklung ist, lässt sich allerdings im Einzelfall schwer bestimmen. Problematisch wird es jedenfalls, wenn andere Trends an den vermeintlichen „Modellen“ vorbeiziehen. Wo das Neue nur an der Oberfläche blieb, lässt es sich im Zweifelsfall beheben: Die „Schwarzbauten“ von heute lassen sich zur Not umtünchen, rostige Stahlhüllen durch Edelstahl ersetzen. Bei Betonbauten ist das aufwändiger – siehe die Sanierungen von Bauten aus den schwer bausüchtigen Sixties. Dass Bauschutt heute den Löwenanteil unseres Mülls ausmacht, liegt an der Inflexibilität vieler Modelle von einst – sie werden lange vor der Zeit abgerissen. Richtig kompliziert wird es, wenn die Mode ganze Raumcluster und Siedlungsmuster prägte: Die aufgrund ihrer extremen Raumtiefe fast lichtlosen Großraumbüros, ein Trend der Siebziger, sind nur schwer neuen Standards und Vorlieben anzupassen. Für angeblich zukunftsträchtige Autobahnlandschaften rissen Stadtplaner damals halbe Stadtviertel ab, die heute sehr begehrt wären. Dass der suburbane Häuslebau nun trotz „Landlust“ etwas aus der Mode gekommen ist, wird viele Kommunen noch teuer zu stehen kommen – wenn nicht zuvor eine neue Stadtflucht einsetzt. Meta-Balkon: WoZoCo-Wohnkomplex in Amsterdam-Osdorp von MVRDV, 1990er Was also hilft gegen die Neu-Gier? Eine Erkenntnis aus vielen Moden und Fehlprognosen könnte jedenfalls sein, flexibler, nutzungsneutraler und im Erscheinungsbild weniger zeitgeistig zu planen. Wird das langweilig? Langeweile kommt beim gewöhnlichen Stadtbenutzer und -betrachter weniger aus Zeitgeist-Mangel auf, sondern wegen zu viel Monotonie von Formen und Nutzungen. Oder man strebt gleich das Gegenteil an, plant den ästhetischen und technischen Verschleiß von Bauten gleich ein und sieht von vornherein eine niedrige Lebensdauer seiner Bauten vor. Auch das war ja um 1970 schon mal Mode. Allerdings schienen damals die Ressourcen noch unbegrenzt. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Was Planer fordern

Zur Bundestagswahl am 24. September haben 17 Verbände und Organisationen von Architekten und Ingenieuren Prüfsteine herausgebracht – hier eine Kurzfassung. Eigenes Ministerium Die in der letzten Legislaturperiode vorgenommene Verteilung der Aufgaben für das Planen und Bauen von Gebäuden, Bauwerken der Infrastruktur sowie für Stadt- und Landschaftsplanung auf verschiedene Ressorts hat sich im Hinblick auf eine kohärente Baupolitik nicht bewährt. Ein Bundesministerium für Bauen, Stadtentwicklung und Infrastruktur wäre die richtige Antwort auf die aktuellen Herausforderungen. Wohnungsbau-Förderung Gute Wohnverhältnisse und ein funktionierendes Wohnumfeld sind wesentliche Voraussetzungen für sozialen Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Hierzu bedarf es zum Beispiel einer differenzierten Förderpolitik durch steuerliche An­reize, der weiteren Stärkung der Städtebauförderung und der Erhöhung der ­Kompensationszahlungen zur sozialen Wohnraumförderung vom Bund an die Länder. Mischung fördern Die Baunutzungsverordnung (BauNVO) ist nach wie vor vom Gedanken der Funktionstrennung geprägt. Obwohl mit Wohn- und Gewerbenutzung durchmischte Gebiete bereits seit Jahren realisiert werden, behindert die bestehende BauNVO die konsequente Nutzung der Instrumente der integrierten strategischen Stadtentwicklung. Der „doppelten Innenentwicklung“ muss Priorität eingeräumt werden, um Flächenreserven qualitativ und quantitativ baulich sinnvoll zu nutzen und gleichzeitig die innerstädtischen Grün- und Freiräume zu entwickeln und miteinander zu vernetzen. Digitalisierung mit Augenmaß Die zunehmende Digitalisierung hat Auswirkungen auf nahezu alle Bereiche der heutigen Berufs- und Tätigkeitsbilder. Die damit verbundenen Herausforderungen gilt es für die mehrheitlich in kleinen und mittelgroßen Bürostrukturen organisierten Planenden bestmöglich zu begleiten. Durch BIM darf keinesfalls eine Aufhebung der Maxime der Trennung von Planung und Ausführung durch die Hintertür erfolgen. Intelligentere Energiewende Wir begrüßen die Initiative zur Zusammenführung der Regelwerke EnEG/EnEV und EEWärmeG in einem neuen Regelungssystem. Die EnEV muss unter Berücksichtigung der EU-Richtlinien im Sinne der Anwendbarkeit weiterentwickelt werden. Ferner erachten wir ein einheitliches Berechnungsmodell für die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung als dringend notwendig. Dabei muss für das Wirtschaftlichkeitsprinzip im Hinblick auf die Betriebskosten der Endenergiebedarf die maßgebende Größe sein. Mehr Wettbewerbe Die klare und programmatische Stärkung des Planungswettbewerbs – auch durch den eigenständigen Abschnitt 5 in der neuen Vergabeverordnung – begrüßen wir ausdrücklich. Nun ist es Aufgabe der öffentlichen Auftraggeber, den Planungswettbewerb über alle Planungsdisziplinen hinweg als Regelverfahren zu etablieren, um eine in jeder Hinsicht optimale Lösung zu erzielen. Selbstverantwortung stärken Deutschland verfügt über ein bewährtes System berufsständischer Selbstverwaltung und freiberuflicher Eigenverantwortung, das die Qualifikation der Berufsangehörigen und die Qualität ihrer Leistung sichert und zugleich den Staat entlastet. Dazu gehört eine Honorarordnung, die für wesentliche Planungsleistungen einen Honorarrahmen verbindlich vorschreibt. Die Novellierung der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure HOAI 2013 war ein wichtiger Schritt zur Aktualisierung der Leistungsbilder und der Honorarstruktur. Damit liegt eine moderne und zukunftsfähige HOAI vor, die zu erhalten und systematisch weiterzuentwickeln ist. Baukultur fördern Die Förderung der Baukultur ist vornehmliche Aufgabe des Staates auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene. In diesem Zusammenhang muss auch die Arbeit der Bundesstiftung Baukultur durch Aufstockung der Mittel erheblich ausgebaut werden. Ausbildung sichern Für die Qualifikation von Architekten muss es das Ziel sein, die Ausbildungszeit entsprechend den weltweit anerkannten Standards auf eine fünfjährige akademische Ausbildung und eine nachfolgende zweijährige Berufspraxiszeit anzuheben. Die Qualifikationsanforderungen für Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner sind bundesweit auf mindestens acht Semester anzuheben. Haftung gerecht verteilen Zu Recht hat der Gesetzgeber vor Kurzem das Planungsvertragsrecht im BGB als eigenständige Regelung vorgestellt. Eine grundlegende Lösung des Problems der Haftungsschieflage zwischen Planer und Bauunternehmer aufgrund der gesamtschuldnerischen Haftung und zur Förderung des Grundsatzes des kooperativen Zusammenwirkens muss jetzt folgen – wohl am besten in Form einer objektbezogenen Gesamtversicherung. Nur sie kann für einen angemessenen Ausgleich zwischen den Baubeteiligten sorgen. Die vollständigen Wahlprüfsteine gibt es hier.

Dicht, aber grün

Für globalen Klimaschutz brauchen wir kompakte Städte, jedoch gegen Überhitzung aufgelockerte Quartiere. Wie gehen deutsche Städte mit dem Konflikt um? Drei Statements. Hamburg: Dächer begrünen Als erste deutsche Großstadt hat Hamburg eine umfassende Gründach-Strategie ins Leben gerufen. Deren Ziel ist es, mindestens 70 Prozent sowohl der Neubauten als auch der geeigneten zu sanierenden, flachen oder flach geneigten Dächer zu begrünen. Die Gründachstrategie ist Teil einer nachhaltigen Stadtentwicklung: Mindestens 6.000 Wohnungen sollen in der Hansestadt jährlich entstehen. 2013 waren es sogar mehr als 10.000. Wo so viel neuer Wohnraum geschaffen wird, sind Ideen gefragt, die den Bürgern neue Freiräume eröffnen. Hier fügt sich die Gründachstrategie in die Hamburger „Qualitätsoffensive Freiraum“ ein: Bauliche Verdichtung soll immer mit einem grünen Mehrwert und einer Verbesserung der Freiräume in den Quartieren einhergehen. Gründächer vereinen diese Ansprüche und bieten der Anwohnerschaft und den Beschäftigten neue Erholungs- und Nutzflächen. In der nächsten Dekade sollen in Hamburg Gründächer mit einer Gesamtfläche von etwa 100 Hektar entstehen. Das entspricht rund der doppelten Fläche von Planten un Blomen. Allein im Wohnungsneubau ergibt sich, auf fünf Jahre gerechnet, ein Gründachpotenzial von 44 Hektar, im Gewerbeneubau von 66 Hektar. 20 Prozent der neu begrünten Flächen sollen Bewohner oder Beschäftigte als Freiflächen nutzen können. Ein Förderprogramm für Neubauten und Bestandssanierungen setzt Anreize. Bis zu 60 Prozent der Kosten pro Quadratmeter können Grund- und Gebäudeeigentümer als Zuschüsse erhalten, die sie nicht zurückzahlen müssen. Darüber hinaus reduziert sich für sie die Niederschlagswassergebühr um 50 Prozent. Die Hamburger Gründachstrategie wird wissenschaftlich von der HafenCity Universität begleitet. Behörde für Umwelt und Energie Hamburg Berlin: Stadtfläche umbauen Die verdichtete Stadt der kurzen Wege ist nach wie vor das Leitbild der Stadtentwicklung und bietet auch für den Klimaschutz viele Vorteile. Im Interesse einer verbesserten Anpassung an den Klimawandel muss die Stadt dagegen aufgelockerter und weniger dicht werden. Damit ist ein Spannungsverhältnis, aber kein unauflösbarer Widerspruch bezeichnet. Denn bei guter Planung können wir durchaus beides haben: mehr Wohnraum und gleichzeitig mehr klimatische Entlastung in der Stadt. Beides geht dann zusammen, wenn wir nicht nur die Grünflächen betrachten, sondern auch die Dichte und Funktionsvielfalt des städtischen Grüns. Werden strategisch wichtige Grünbereiche aufgewertet und für den Klimawandel ertüchtigt, dann kann Berlin auch ohne einen Zuwachs an begrünter Fläche von der Kühlungs- und Verdunstungswirkung des verbleibenden Stadtgrüns profitieren. Das übergeordnete Ziel aller dieser Maßnahmen ist es, die Stadtoberfläche so umzubauen und zu qualifizieren, dass auch ein wachsendes Berlin seine Lebensqualität im Klimawandel erhält. Wenn strategisch wichtige Grün- und Freiflächen gesichert werden, wenn eine systematische Dach- und Fassadenbegrünung erfolgt, wenn das verbleibende Stadtgrün aufgewertet wird, wenn versiegelte Flächen für Niederschläge durchlässiger werden, wenn kühle Wohlfühlorte in den Quartieren entstehen – dann kann Berlin klimaangepasst wachsen. Senat von Berlin München: Öffentlichen Raum ertüchtigen Mit dem neuen Klimabelang lässt sich Verdichtung begründet steuern. Die unverzichtbaren Belüftungszonen sollten in ihrer Versiegelung gebremst werden, die Düsenwirkung von Straßen kann die Durchgängigkeit der Luftströmungen ebenfalls befördern. Eine Stadtordnung, die sich auf das bedrohliche Klimageschehen einstellt, weist auch den Weg der Verdichtung. Dort, wo die Infrastruktur unter der Straße liegt und die öffentliche Verkehrserschließung leistungsfähig ist, also im Hauptstraßennetz, kann Verdichtung auch im Bestand den Belüftungszweck unterstützen. Bisher begrenzt das Baurecht (§ 34 BauGB) die Verdichtung, wie sie diese auch, zum Teil in den „Gartenstädten“ unerwünscht, zulässt. Dieses Korsett kann und muss jetzt aufgeschnürt werden. Das gibt der Stadtentwicklung neue Perspektiven und Entwicklungschancen. Die mangelhafte, chaotische Struktur der Nachkriegsentwicklung kann damit langfristig korrigiert werden. Verbindet man die mögliche Bautätigkeit im Bestand mit der dringenden Ertüchtigung des öffentlichen Raumes auch in den Erdgeschosszonen, kann sich die Lebensqualität für die Bedürfnisse aller Generationen deutlich steigern lassen. Die Notwendigkeit der Stadtkühlung schafft auch den Anlass, ein durchgängiges Fußwegkonzept zu entwickeln, das dem Individualverkehr die Priorität nimmt, Winde leitet und den öffentlichen Raum stärkt. Reduzierter Individualverkehr und begrünter öffentlicher Raum als Netz in der Stadt sind Klima-Ziele, die ernsthaft angepackt werden müssen. Es stellt sich heraus, dass Stadtverdichtung und Klimaverbesserung, als Gesamtaufgabe betrachtet, der Stadtentwicklung einen neuen positiven Schub geben können. Wolfgang Czisch, München Alle Texte sind Auszüge aus größeren Veröffentlichungen, die Sie hier finden: Berlin, Hamburg und München. Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Wie viel Rücksicht muss sein?

Nachbarn können von Bauprojekten in mancher Hinsicht Rücksicht verlangen – müssen aber auch vieles dulden. Text: Hubertus Schulte Beerbühl Der Begriff des Rücksichtnahmegebotes wird in nahezu jeder verwaltungsgerichtlichen Nachbarklage gegen ein als störend empfundenes Bauvorhaben bemüht. Das Gebot stellt den von einem Vorhaben Betroffeausgeführtnen in den Vordergrund. Er soll keine unzumutbaren Nachteile erleiden müssen und auch keine „qualifizierte Störung“. Bloße Lästigkeiten stellen aber keinen Verstoß gegen das Rücksichtnahmegebot dar. Das Gebot ist ein unabdingbares rechtliches Korrektiv zur Vermeidung von unzumutbaren Zuständen in Fallgestaltungen, die der Gesetzgeber durch sein Regelwerk nicht erfassen konnte. Es darf aber auch nicht überstrapaziert werden, sondern muss seinen Anwendungsbereich auf Extremfälle beschränken, in denen auch zumutbare Maßnahmen des Betroffenen nicht zu einer verträglichen Konfliktlösung beitragen können. Zudem muss es dem planenden Nachbarn, der sein eigenes Grundstück in einer sonst zulässigen Weise baulich nutzen will, einen gewissen Vorrang zugestehen: Er braucht eigene berechtigte Interessen nicht zurückzustellen, um gleichwertige fremde zu schonen. Der folgende Text zeigt die wichtigsten Aspekte in der praktischen Rechtsanwendung. Kein Anspruch auf verträglichere Alternative Gegenüber einem genehmigten Vorhaben kann ein Nachbar nicht einwenden, das Vorhaben hätte auch in anderer Form gestaltet werden können, die für ihn erträglicher wäre. Ebenso wenig kann er einwenden, die Anlage hätte auch an einem anderen Standort auf dem Baugrundstück errichtet werden können, an dem es ihn weniger belasten würde. Denn für die Frage, ob er einen Abwehranspruch gegen das Vorhaben hat, ist allein maßgeblich, ob das Vorhaben sich so, wie es zur Genehmigung gestellt wurde, als nachbarrechtskonform erweist. Steht nach bauordnungsrechtlichen und bauplanungsrechtlichen Gesichtspunkten fest, dass das Vorhaben objektiv-rechtlich rechtmäßig ist, ist es einer Alternativprüfung nicht mehr zugänglich. Der Nachbar kann zum Beispiel nicht verlangen, dass der Bauherr seine Garage an der von ihm abgewandten Seite des Einfamilienhauses errichtet, wenn der geplante Standort ansonsten mit bauordnungs- und bauplanungsrechtlichen Vorschriften vereinbar ist. Schikane rechtfertigt keinen Bau Auch im Öffentlichen Recht gilt das Schikaneverbot. Eine Schikane liegt vor, wenn der Standort oder die Nutzung einer genehmigten Anlage nur den Nachbarn schädigen soll und der Bauherr kein schutzwürdiges Eigeninteresse verfolgt. Das lässt sich im Einzelfall nur selten nachweisen – zum Beispiel in dem vom Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg entschiedenen Fall (Urteil vom 15.4.2008, Az.: 8 S 98/08). Hier ging es um einen zwölf Meter langen, fünf Meter breiten und bis zu fünf Meter hohen Geräte- und Brennholzschuppen mit Pultdach unmittelbar vor dem Wohnhaus des Nachbarn, der gerade noch den zulässigen Mindestabstand zur Grundstücksgrenze von 2,5 Metern einhält. Nach der Überzeugung des Gerichts sollte das allein den Nachbarn schädigen, ohne dass der Bauherr auch nur entfernt ein darüber hinausgehendes eigenes Interesse verfolgte. Die von ihm genannten Gründe dafür, den Schuppen exakt und mit der ganzen Breite vor dem Wohnbereich des Klägers zu platzieren, entsprachen nach dem Urteil ersichtlich nicht der Realität. Wertminderung muss hingenommen werden Wertminderungen als solche führen nicht schon zur Rücksichtslosigkeit. Sie sind nur Indizien für die Intensität eines – mittelbaren – Eingriffs in die Grundstückssituation des Nachbarn. Zu berücksichtigen sind sie nur, wenn sie die Folge einer unzumutbaren Beeinträchtigung der Nutzungsmöglichkeiten des Grundstücks sind. Es gibt keinen Anspruch darauf, vor jeglicher Wertminderung bewahrt zu werden. So konnte nach einem Urteil des VGH München (12.7. 2012, Az.: 2 B 12.1211) ein Nachbar nicht mit Erfolg geltend machen, durch die Ansiedlung einer bauplanungsrechtlich zulässigen Spielhalle in der unmittelbaren Umgebung seines Grundstücks trete eine Wertminderung ein. Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Beschluss vom 11.1.1999 (Az.: 4 B 128/98) ausgeführt, es sei unerheblich, dass Eigentümern eines Wohnhauses nach ihren Angaben ein Wertverlust in Höhe von mindestens 100.000 DM drohe. Zwar könnten sie einen höheren Preis erzielen, wenn die Umgebung nur locker bebaut sei und auf den direkt angrenzenden Nachbargrundstücken keine Häuser stünden. Allein daraus ließen sich aber keine Erkenntnisse darüber gewinnen, ob das Bauprojekt nebenan zulässig sei. „Erdrückende Wirkung“ darf nicht sein Rücksichtslosigkeit kann in extremen Sonderfällen darin liegen, dass das Vorhaben eine „erdrückende Wirkung“ gegenüber dem Gebäude des Nachbarn ausübt. Dazu muss aber das eine Gebäude derart übermächtig sein, dass das „erdrückte“ Gebäude nur noch oder überwiegend wie eine von einem „herrschenden“ Gebäude dominierte Fläche ohne eigene baurechtliche Charakteristik wahrgenommen wird. Dafür setzt die Rechtsprechung voraus, dass eine bauliche Anlage dem Nachbarbau förmlich „die Luft nimmt“ und für dessen Bewohner das Gefühl des „Eingemauertseins“ oder einer „Gefängnishofsituation“ entstehe. Immer ist dies eine Frage der Einzelfallbewertung. Das Bundesverwaltungsgericht (Urteil vom 13.3.1981, Az.: 4 C 1.78) fand ein zwölfgeschossiges Gebäude erdrückend, das im Abstand von 15 Metern zum zweigeschossigen Wohnhaus eines Nachbarn errichtet werden sollte und bereits genehmigt war. Doch laut Gericht war die Beeinträchtigung dem Nachbarn nicht zuzumuten, da die Situation bisher durch eine im Wesentlichen zwei- und dreigeschossige Wohnbebauung geprägt war. Kein Schutz vor Blicken Ein Nachbar muss Einblicke in sein Grundstück prinzipiell hinnehmen, wenn das Grundstück nebenan innerhalb des Rahmens baulich ausgenutzt wird, den das Bauplanungs- und das Bauordnungsrecht (insbesondere das Abstandsflächenrecht) vorgeben und wo die Einsicht in einem bebauten Gebiet üblich ist. Das gilt insbesondere dort, wo bis an die Grenze gebaut werden darf. Denn hier wird die erhöhte Nutzbarkeit der benachbarten Grundstücke „erkauft“ durch den Verzicht auf seitliche Grenzabstände und damit auf Freiflächen, die dem Wohnfrieden dienen. Auch das bauplanungsrechtliche Gebot des Einfügens bezieht sich nur auf die in § 34 Abs. 1 BauGB genannten städtebaulichen Merkmale, also die Nutzungsart, das Nutzungsmaß, die Bauweise und die überbaubare Grundstücksfläche. Die Möglichkeit der Einsichtnahme wird hier nicht angesprochen – sie ist städtebaulich irrelevant. Ein Nachbar hat aber Abwehransprüche, wenn ein Balkon gewissermaßen eine Aussichtsplattform über sein gesamtes Grundstück darstellt und sein letzter Freiraum für die private Lebensgestaltung zerstört wird. Ebenso, wenn ein Reihenhaus einen massiven Quer-Anbau erhalten soll, der in den Ruhe- und Gartenbereich der Hauszeile hineinragt. Mit einem solchen Fall hatte der VGH München (2.7.2010, Az.: 9 CS 10.894) zu tun. Nach Ansicht des Gerichts in dem Eilverfahren sprach viel dafür, dass so trotz der Einhaltung der Abstandsflächen der Wohnfrieden der „bodenrechtlichen Lebens- und Schicksalsgemeinschaft“ empfindlich gestört würde. Verschattung muss hingenommen werden In einem bebauten innerstädtischen Wohngebiet müssen Nachbarn hinnehmen, dass es durch rechtskonforme Bauvorhaben zu einer gewissen Verschattung des eigenen Grundstücks beziehungsweise von Wohnräumen kommt. Auch wenn etwa ein sehr schmal geschnittenes Grundstück stark von der Verschattung durch ein Nachbargebäude betroffen ist, beruht dies auf dem Zuschnitt der Parzelle und fällt grundsätzlich in die Risikosphäre des Eigentümers. Für die materiell-rechtliche Beurteilung der Zumutbarkeit einer Verschattung gibt es keinen normativ verbindlichen Maßstab. Die DIN 5034-1 „Tageslicht in Innenräumen“ in der Fassung vom Oktober 1999 bietet hierzu lediglich Anhaltspunkte. Eine schlichte Übertragung der dort genannten Werte auf die Frage der Zumutbarkeit ist problematisch. Insbesondere bedeutet die Einhaltung der Vorgaben lediglich, dass hygienische oder gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht drohen. Sie genügt jedoch ebenso wenig, um die Zumutbarkeit einer Verschattung zu bejahen. Ein Betroffener muss nicht ohne Ausgleich eine Beeinträchtigung der Wohnqualität bis hin zur Gesundheitsgefährdung hinnehmen. Rücksichtslosigkeit ist aber in der Regel nicht anzunehmen, wenn die Mindestbesonnungsdauer erhalten bleibt. Das Bundesverwaltungsgericht urteilte am 23.2.2005 (Az.: 4 A 4/04): Durch ein geplantes Brückenbauwerk für eine Autobahn vermindert sich die Besonnung des Wohnhauses im Winter an der Südseite um etwa 13 und an der Westseite um etwa 17 Prozent. Das liege noch im Rahmen dessen, womit ein Grundstückseigentümer in einem ländlich geprägten Wohngebiet aufgrund möglicher Veränderungen der Umgebung rechnen muss. Sozialadäquater Lichtschein Nach § 22 Abs. 1 Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) sind nach diesem Gesetz nicht genehmigungsbedürftige Anlagen unter anderem so zu errichten und zu betreiben, dass schädliche, nach dem Stand der Technik vermeidbare Umwelteinwirkungen verhindert oder, wenn sie nach dem Stand der Technik unvermeidbar sind, auf ein Mindestmaß beschränkt werden. Zu diesen Einwirkungen zählt nach § 3 Abs. 2 BImSchG auch Licht. Wenn eine ihrer Art nach zulässige Einrichtung mit zeitgemäßen, etwa den Sicherheitsanforderungen genügenden Beleuchtungsanlagen ausgestattet wird, müssen Nachbarn dies als sozialadäquat hinnehmen. Das OVG Koblenz entschied einen Fall mit Beschluss vom 22.6.2016 (Az.: 8 B 10411/16), in dem ein Nachbar sich gegen drohende Lichtimmissionen von einem geplanten Altenheim-Anbau wehrte. Dort sollte ein außenliegendes Treppenhaus eine Notbeleuchtungsanlage erhalten, die mit einem Bewegungsmelder versehen sein würde. Das ist nach Gerichtsbeschluss zumutbar. Wenn die Beleuchtung unzumutbar oft ausgelöst würde – etwa durch missbräuchliche oder übermäßige Nutzung der Treppenanlage durch Bewohner oder Personal der Einrichtung –, könne der Nachbar zivil- oder ordnungsrechtlich einschreiten. Im Falle einer Störung wird sich der Betroffene im Übrigen oftmals auf das Gebot der sogenannten architektonischen Selbsthilfe gegen Lichtimmissionen verweisen lassen müssen (dazu unten mehr). Kein Recht auf freie Aussicht Es ist in der Regel hinzunehmen, dass eine bisher weitgehend ungestörte Sicht vom Haus aus gestört wird. Die Rechtsordnung sieht keinen allgemeinen Anspruch auf Schutz vor einer solchen Verschlechterung vor. Deren Aufrechterhaltung ist lediglich als eine „Chance“ anzusehen, die mit der Bebauung des Nachbargrundstücks infrage gestellt werden kann. Der VGH München entschied per Urteil vom 29.7.2011 einen Fall (Az.: 15 N 08.2086), in dem die Eigentümer einer am Bodensee gelegenen Wohnungsanlage geklagt hatten. Sie befürchteten, dass durch ein Bauvorhaben die Sicht von ihren Wohnungen auf den Bodensee in Richtung Vorarlberg und auf einen Segelhafen verloren gehe oder zumindest stark eingeschränkt werde und ihre Wohnungen dadurch erheblich im Wert gemindert würden. Das Gericht urteilte jedoch, jeder Grundstückseigentümer müsse damit rechnen, dass seine Aussicht durch bauordnungs- und bauplanungsrechtlich zulässige Bautätigkeit auf Nachbargrundstücken beschränkt werden könne. Mithören ist in Kauf zu nehmen Die Möglichkeit eines „unerwünschten Mithörens sozialer Lebensäußerungen“ begründet ebenfalls keinen Verstoß gegen das Gebot der Rücksichtnahme. Insbesondere bei Doppel- oder Reihenhäusern rücken die Nutzungsbereiche der jeweiligen Grundstücke näher aneinander, was ein erhöhtes Störpotenzial bedeutet. Es gilt der allgemeine Grundsatz, dass dann, wenn die bauordnungsrechtlich einzuhaltenden Abstände eingehalten werden, regelmäßig kein Verstoß gegen das Rücksichtnahmegebot vorliegt. Ausnahmen von diesem Grundsatz sind allerdings möglich. Vorhandene Fenster können zugemauert werden Die Verwirklichung eines Vorhabens kann, in Übereinstimmung mit der Pflicht oder dem Recht, grenzständig zu bauen, dazu führen, dass vorhandene Fenster in der Außenwand eines Nachbargebäudes zugebaut werden. Auch das muss grundsätzlich geduldet werden – insbesondere von einem Nachbarn, der selbst bis an die Grenze gebaut hat. Ein unabweisbares Bedürfnis des Bauherrn für sein Projekt ist nicht erforderlich. Schon sein Interesse ist schutzwürdig, mit der Ausübung seines Baurechts von seinem Eigentum Gebrauch zu machen und sein Grundstück entsprechend den planungsrechtlichen Vorgaben ebenso wie der Nachbar zu bebauen. Auch wenn dort die Fensteröffnungen bereits seit „unvordenklicher Zeit“ existieren, gibt dies nicht für sich genommen einen beachtlichen Vertrauensschutz oder Bestandsschutz dahin gehend, dass diese Öffnungen nicht zugebaut werden dürfen. „Architektonische Selbsthilfe“ Mitunter vermag eine sogenannte architektonische Selbsthilfe zur Verringerung oder Beseitigung einer Störung beizutragen – etwa passiver Lärmschutz, der Schutz vor Licht oder anderen Immissionen. Es ist anerkannt, dass im Öffentlichen Baunachbarrecht im Rahmen des Rücksichtnahmegebotes solche Mittel zu berücksichtigen sind, wenn durch eine zumutbare Maßnahme der Konflikt gelöst und damit die Erteilung der Baugenehmigung für das Vorhaben eines Dritten oder – im Falle des beabsichtigten Heranrückens an einen emittierenden Betrieb – ein eigenes Vorhaben ermöglicht wird. Die Rechtfertigung hierfür liegt darin, dass das Rücksichtnahmegebot sowohl für die hinzukommende als auch für die vorhandene Nutzung nicht nur Rechte, sondern auch Duldungspflichten und unter Umständen sogar Obliegenheiten zum Tätigwerden begründet. Deshalb sind etwa bei Lichtimmissionen dem betroffenen Nachbarn Maßnahmen zur Lichtdämpfung (etwa durch das Anbringen von Jalousien) zuzumuten. Soweit die Maßnahmen die Vermeidung von unzumutbarem Lärm bezwecken, ist allerdings zu berücksichtigen, dass sie im Einklang mit der TA Lärm stehen müssen. Dieser zuwider laufende Regelungen oder Auflagen in einer Baugenehmigung sind nicht geeignet, einen hinreichenden Lärmschutz sicherzustellen und deshalb unbeachtlich. Als vom Nachbarn zur Vermeidung von unzumutbaren Lärmimmissionen zu erwartende Maßnahmen kommen – im Einklang mit der TA Lärm – insbesondere die Stellung des Gebäudes, der äußere Zuschnitt des Hauses oder die Anordnung der Räume oder der notwendigen Fenster in Frage. Auch können nicht zu öffnende Fenster eingebaut oder verlangt werden, sofern dies im konkreten Fall bauordnungsrechtlich zulässig ist. Hubertus Schulte Beerbühl ist Richter am Verwaltungsgericht Münster. Kundig mit dem Nachbarn streiten Das Buch unseres Autors beschreibt und analysiert die oft schwierigen Konstellationen im Dreieck zwischen Bauherr, Nachbar und Behörde. Wichtige Themen sind Abwehrrechte gegen Baugenehmigungen, Umwelteinwirkungen, Bestandschutz und Anspruch auf Einschreiten der Bauaufsicht, Verlust von Nachbarrechten und prozessuale Rechte von Nachbarn und Bauherren. Hubertus Schulte Beerbühl Öffentliches Baunachbarrecht Nomos Verlag, Baden-Baden 2017, 332 Seiten, 44 Euro Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Klarer und eindeutiger

In den Allgemeinen Technischen Vertragsbedingungen (ATV) der VOB/C gibt es Neuerungen. Text: Daniela Deeg Nach der VOB/A und der VOB/B wurde nun auch die VOB/C überarbeitet und in Kraft gesetzt. 15 Allgemeine Technische Vertragsbedingungen (ATVs) wurden materiell fortgeschrieben, 48 ATVs redaktionell überarbeitet und eine ATV neu eingeführt. Insgesamt erscheint die neue VOB/C nun aktueller und in einigen Punkten klarer und eindeutiger – insbesondere durch die Erweiterung der Beispiele. Die Präzisierungen sind für Anwender, Bauherren, Planer und Handwerker förderlich für Vertragsvereinbarungen, Rechnungsstellung und die Kommunikation untereinander. Planer sind gut beraten, sich spätestens in der Leistungsphase 6, der Vorbereitung der Vergabe, mit den jeweiligen aktuellen ATVs vertraut zu machen. Umfangreichere Änderungen wurden beispielsweise bei der ATV DIN 18363 „Maler- und Lackiererarbeiten – Beschichtungen“, der ATV DIN 18364 „Korrosionsschutzarbeiten an Stahlbauten“ und ATV DIN 18366 „Tapezierarbeiten“ vorgenommen. Die Dokumente wurden zur Anpassung an die Entwicklung des Baugeschehens fachtechnisch überarbeitet und der Abschnitt 5 „Abrechnung“ ist komplett neu strukturiert. In der neuen VOB/C wurden in den überarbeiteten Teilen vermehrt Beispiele eingefügt, die helfen, unklare Begriffe zu verdeutlichen. Bereits die Hinweise für das Aufstellen der Leistungsbeschreibung sind umfangreicher als in der VOB 2012. So wurde beispielsweise in allen drei genannten ATVs bei den Angaben zur Ausführung der Umgang mit organischem Bewuchs genauer behandelt. Die ausführende Firma kann nun nach Punkt 3.1.1 freier entscheiden, ob sie unter bestimmten Umständen Bedenken anmeldet oder nicht. Erweitert und überarbeitet wurden die Nebenleistungen und die Besonderen Leistungen im Abschnitt 4. Die Anforderungen an Gerüstbauarbeiten, die entweder für das eigene Gewerk als Nebenleistung notwendig sind oder für andere Gewerke vorgehalten werden sollen, sind präzisiert, teilweise auch angepasst worden. Dadurch ist der Unterschied zwischen Nebenleistungen und Besonderen Leistungen genauer herausgearbeitet. Unter den Nebenleistungen dieser drei ATVs findet sich nun auch das Fertigstellen von Bauteilen in mehreren Arbeitsgängen zur Ermöglichung von Arbeiten anderer Unternehmer, soweit die eigenen Leistungen im Zuge gleichartiger Arbeiten kontinuierlich erbracht werden können. Ist die kontinuierliche Ausführung nicht möglich, handelt es sich um Besondere Leistungen. Durch die Neustrukturierung des Abschnitts 5 „Abrechnung“ kann die Systematik schneller erfasst werden. Die Ermittlung von Mengen, die Übermessungsregeln sowie Einzelregelungen sind auf einen Blick erkennbar. Beim Aufstellen der Leistungsbeschreibung sind nun bei der ATV DIN 18363 und der ATV DIN 18366 weitere Angaben zur Baustelle zu formulieren. Zum Schutz der Arbeiter sind nach 0.1.2 nun Art und Umfang von nicht gegen Absturz gesicherten Absturzkanten und Öffnungen anzugeben. Auch unter Punkt 0.2 „Angaben zur Ausführung“ findet sich der Arbeitsschutz wieder. Anforderungen an Abdeckungen, die zum Schutz verlegt werden, sind im Bereich von Arbeitsplätzen und Verkehrswegen genauer zu definieren, zum Beispiel im Hinblick auf die Trittsicherheit, Rutschsicherheit und Durchbruchsicherheit. An mehreren Stellen wurden bei den ATVs zu Maler- und Lackierarbeiten – Beschichtungen und Tapezierarbeiten – die Qualitätsstufen, wie sie aus dem Trockenbau bekannt sind, eingeführt. Bei den ATVs 18363 und 18364 ist für die Planer besondere Vorsicht bei den Abrechnungseinheiten geboten. Hier wurden einige auf den ersten Blick leicht übersehbare Veränderungen eingeführt. So wurde das Flächenmaß für Stahlprofile und Rohre von einem Umfang von bisher maximal 90 cm auf 1 m angehoben oder bei der ATV 18363 die Einheit für Silikon- und Kieselsäureester-Imprägniermittel von Kilogramm auf Liter verändert. Nachdem die DAST-Richtlinie 022 „Feuerverzinken von tragenden Stahlbauteilen“ im Juni 2016 überarbeitet wurde, findet sie sich in der ATV zu den Korrosionsschutzarbeiten an Stahlbauarbeiten wieder. Die Richtlinie wurde somit auch in der VOB/C eingeführt. Die neue ATV wurde zudem um präzisere Angaben zu den raumklimatischen Bedingungen erweitert, unter denen Tapezierarbeiten durchgeführt werden können. Sie stellt auch nicht mehr ausschließlich auf das Raumklima ab, sondern bezieht die sich aus der Witterung ergebenden Bedingungen ein und erläutert sie im Gesamtkontext. Genauer definiert sind ungeeignete Bedingungen in Bezug auf die Luftfeuchte, die Oberflächentemperatur und die Zugluft, bei deren Vorliegen besondere Maßnahmen zu ergreifen sind. Die ATV DIN 18356, die bisher nur die Parkettarbeiten enthielt, wurde um Holzpflasterarbeiten erweitert. Somit konnte die ATV DIN 18367 entfallen. Die Zusammenlegung erscheint sinnvoll, da unter anderem Analogien, beispielsweise bei der Beschaffenheit des Untergrunds und der Bearbeitung des Materials, bestehen. Auch bei der nun ergänzten ATV DIN 18356 wurde eine fachtechnische Überarbeitung zur Anpassung an das Baugeschehen durchgeführt, und der Abschnitt 5 „Abrechnung“ wurde in gleicher Weise wie bei den oben genannten ATVs überarbeitet. Die neue ATV DIN 18329 „Verkehrssicherungsarbeiten“ gilt zum Beispiel für die Ausführung von Verkehrszeichen, Verkehrseinrichtungen und transportablen Schutzeinrichtungen. Diese dienen bei der Ausführung von Bauarbeiten der Regelung, Führung und Sicherung des öffentlichen Straßenverkehrs im Anwendungsbereich der Straßenverkehrs-Ordnung. Daniela Deeg ist Referentin Technik in der Bayerischen Architektenkammer. Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

„Barrieren behindern alle“

Verena Bentele, Behinderten-Beauftragte der Bundesregierung, fordert Vorrang für Barrierefreiheit, kritisiert Bewusstseins-Lücken bei Architekten und beschreibt, wie Blinde Bauten wahrnehmen. Interview: Roland Stimpel Frau Bentele, darf man noch Treppen bauen? Natürlich darf man das, wenn es daneben eine andere Möglichkeit gibt, den Höhenunterschied zu überwinden, etwa Rampen oder Aufzüge. Persönlich finde ich übrigens Treppen gut. Ich bin Sportlerin und laufe sie gern. Kann und soll die Welt barrierefrei sein? Das wäre eine schöne Welt. Wo Barrieren beseitigt sind, hat es niemand schlechter, aber viele haben es besser – früher oder später. Denn niemand ist vor Behinderungen sicher. Nur vier Prozent der Menschen haben sie von Geburt an; 96 Prozent der Behinderungen treten im Laufe des Lebens auf. Wer sich zum Beispiel rechtzeitig eine bodengleiche Dusche baut, der profitiert schon bei einer temporären Verletzung. Mit einem Kreuzbandriss ist es nicht leicht, über einen hohen Duschrand zu klettern. Wo ist für Sie der barrierefreie Umbau am dringendsten? Den größten Bedarf wird es in den nächsten Jahren infolge des demografischen Wandels beim Wohnen geben. Innerhalb der Wohnung, aber auch bei der Erschließung. Man muss natürlich seine Wohnung gut verlassen und wieder erreichen können. Heute geht das oft nur schwer. Die oft mangelnde Barrierefreiheit reißt Menschen dann aus ihrem Umfeld und so aus dem gesellschaftlichen Leben. Und außerhalb der Wohnung? Ich stelle die Gegenfrage: Soll es irgendwelche Bereiche geben, die Menschen mit Behinderungen nicht erreichen dürfen? Bedarf an Barrierefreiheit ist überall – ob in öffentlichen Verkehrsmitteln, Arztpraxen, Kneipen oder Konzertsälen, und nicht zuletzt am Arbeitsplatz. Menschen mit und ohne Behinderungen gehen Berufen nach, suchen Orte für Bildung, Kultur und Freizeit auf und brauchen dafür Zugänge ohne Hürden. Was halten Sie von kleineren Lösungen, die Barrierearmut statt Barrierefreiheit bewirken, zum Beispiel der Abbau von Schwellen ohne das Verbreitern von Türen? Was bringt die Schwellenfreiheit, wenn jemand gar nicht in die Wohnung hineinkommt? Natürlich ist jedes Beseitigen von Barrieren ein guter Schritt. Für Umbau- oder Neubaumaßnahmen wünsche ich mir, dass konsequent ohne Barrieren gedacht und geplant wird. Ist das Baudenkmal mit Fahrstuhl und Rampe noch ein Denkmal? Natürlich ist Denkmalschutz wichtig. Aber noch wichtiger ist das Menschenrecht auf Zugänglichkeit. Wenn Braut oder Bräutigam als Rollstuhlnutzer im historischen Rathaus nicht in den Festsaal kommen, soll der Standesbeamte sie dann auf der Straße trauen? Oder soll der Arzt mit einer Praxis im Gründerzeithaus die Blutprobe unten im Hausflur abnehmen? Gibt es eigentlich Gegner der Barrierefreiheit? Bewusste und erklärte Gegner nicht, jedenfalls kenne ich keinen. Aber durch Gedankenlosigkeit gibt es nach wie vor Barrierenbauer. Wer vor Altbauten Pflastersteine legt, der ignoriert Menschen mit Gehhilfen, Rollatoren oder Kinderwagen. Wer öffentliche Verkehrsmittel ohne Leitsysteme für Blinde betreibt, denkt nicht an die vielen, für die solche Orientierungshilfen essenziell sind. In der U-Bahn hat jeder Fremde Probleme. Da sieht man, wie universell das Thema ist. Es reicht zum Beispiel weit in Freizeit und Tourismus hinein. Wenn etwa ein Küstenort erklärt, er wolle Tourismus für alle anbieten, dann muss er natürlich auch Rollstuhlfahrern Wege ans Wasser bauen – möglich wäre das mit einer Rampe. Sie sind Beauftragte der Bundesregierung. Wie steht es in deren Bauten? Für Bundesbauten gibt es nach dem Behinderten-Gleichstellungsrecht sehr klare Formulierungen: Alle Gebäude, die neu- oder umgebaut oder modernisiert werden, sollen danach barrierefrei sein. Bis 2021 müssen außerdem Berichte über den Stand der Barrierefreiheit von Bestandsgebäuden verfasst werden. Dann müssen in meinen Augen Maßnahmenpläne aufgestellt werden, wie die Barrieren beseitigt werden. Ein Bericht allein hilft noch nicht. Ich appelliere an Architekten, sich in solche Prozesse einzubringen – nicht nur bei Bundesbauten. Mit den Architektenkammern veranstalten Sie Regionalkonferenzen zur Barrierefreiheit. Die erste war in München. Wie haben Sie sie erlebt? Mich haben vor allem die tollen Beispiele von Städteplanern und Architekten überzeugt. So wurden zum Beispiel Häuser für Menschen verschiedener Generationen , die natürlich barrierefrei sind, vorgestellt; das ist ein Projekt, das bauliche und soziale Barrieren berücksichtigt. Die Beispiele haben gezeigt, dass Barrierefreiheit und anspruchsvolle, kreative Gestaltung wunderbare Synthesen bilden können. Sehen Sie auch Defizite bei Architekten? Ja, im Bewusstsein. Vielen Architekten ist die Bedeutung des Themas im Studium, in ihrer bisherigen Praxis oder in Fortbildungen nicht vermittelt worden. Darum steht es nicht weit genug oben auf ihrer Prioritätenliste. Das gilt aber nicht nur für sie, sondern auch für öffentliche und private Bauherren. Manche beziehen Menschen mit Behinderungen und ihre Belange frühzeitig ein. Anderen wird erst spät bewusst, dass es nur einen nicht für jedermann nutzbaren Lastenaufzug gibt und auf den Stufen keinen kontrastreichen Belag für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen. Hier sehe ich Architekten in der Verantwortung. Es gehört nach meiner Ansicht zu ihrer Beratungspflicht, Bauherren auf das Nötige hinzuweisen, damit sie auch noch in 30 Jahren in dem Haus leben können. Die Bayerische Architektenkammer hat eine eigene Beratungsstelle. Es ist gut, wenn Kammern beraten. Schon allein die Existenz einer solchen Beratungsstelle wirkt bewusstseinsbildend. Das Thema darf bei keinem Architekten mehr durchrutschen. Das rächt sich spätestens dann, wenn mangels Kompetenz der Planungsauftrag für eine barrierefreie Kita an einen anderen geht. Auch im Interesse der Architekten sollte das Thema Pflichtfach sein. Was antworten Sie einem Architekten auf den Satz: „Diese Rampe würde aber hässlich“? Dann soll er eine schöne Rampe entwerfen; bei Wendeltreppen geht es doch auch. Wenn ein Architekt allerdings keine schöne Rampe entwerfen kann, dann muss er sich selbst in Frage stellen, nicht die Bauaufgabe. Architekten sollten Barrierefreiheit nicht als lästigen Zusatz sehen, sondern als spannende Herausforderung. Schon das schiere Potenzial an Aufträgen sollte sie reizen. Ein anderer Architekt sagt: „Die Bewegungsfläche und das Treppenhaus mit zweitem Handlauf kosten viel Fläche.“ Wer soll das alles zahlen, wer muss sich dafür räumlich einschränken? Das Thema darf man nicht auf dem Rücken einzelner Menschen austragen, die direkt oder indirekt dafür zahlen sollen. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, und man sollte bedenken: Barrierefreiheit bringt hohen gesellschaftlichen Nutzen. Sie ermöglicht Bildung, Arbeit und Teilhabe jeder Art, sie kann teure Pflege im Heim ersparen, kurz: Sie kostet nicht nur, sondern sie bereichert uns auch, und zwar wirtschaftlich, sozial und kulturell. Für den Wohnungssektor bedeutet das konkret: Es sollte mehr staatlich finanzierte Bauten geben, ob in öffentlichen Gesellschaften oder durch Zuschüsse. Im privaten Bau sollte sich jeder fragen, wo er seine Prioritäten setzt: Will man lieber eine Wohnung mit zwei Bädern und Ankleidezimmer oder eine, in der man noch im Alter von 90 wohnen kann? So etwas sollte man bewusst entscheiden. Wie steht es mit Barrieren im öffentlichen Raum? Das ist ein wichtiges Thema und kein einfaches. Denn hier zeigt sich, wie unterschiedlich die Bedarfe sind. Ein Mensch im Rollstuhl will einen komplett abgesenkten Bordstein. Für mich als jemand, der nicht sieht, ist ein komplett abgesenkter Bordstein unter Umständen gar nicht gut. Barrierefreiheit ist oft die Suche nach dem Kompromiss. Haben Sie Ideen zum Stadtverkehr? Es sollte mehr in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs investiert werden, nicht zuletzt in barrierefreie Zugänge. Außerdem sollten Elektroautos hörbar sein. Braucht jeder Bürgersteig ein Leitsystem? Mir würde es schon reichen, wenn auf dem Bürgersteig weniger herumstünde. Zwischen Blumenkübeln, Cafétischen und falsch geparkten Autos bleibt kaum noch eine Spur, wo man gut laufen kann, geschweige denn rollen. Auch das sind Barrieren, unter denen alle leiden. Was wünschen Sie sich vom Autoverkehr? Ich wünsche mir, dass mehr Menschen auf ihr Auto verzichten und vor allem langsamer fahren. Das erhöht die Sicherheit für alle Menschen, vor allem auch für Kinder. Zurück zu den Häusern. Wie erleben Sie Architektur, die doch vor allem fürs Auge gestaltetet wird? Für mich lebt ein Raum vor allem durch Akustik oder Geruch. Ich höre, ob die Decke hoch und ob sie gerade oder gewölbt ist. Ich kann schön geformte Türen oder haptisch angenehme Wände und Möbel fühlen. Und ich erfasse die Atmosphäre mit der Nase. Meine Eltern haben ein Haus mit sehr gesundem Raumklima gebaut, aus Holz und Lehm. Ich mag das Haus auch, weil es durch die großen Fenster und Türen sehr hell ist. Schätzen Sie einen bestimmten öffentlichen Bau? Ich mag das alte Rathaus in München. Dort knarrt der alte Holzboden, die Türen sind mit Schnitzereien verziert und ich kann draußen das Glockenspiel im Turm hören. Das ist haptisch und akustisch ein spannendes Haus. Konferenzen: Auf nach Duisburg und Schwerin! Verena Bentele hat gemeinsam mit der Bundesarchitektenkammer sowie Kammern der Länder eine Reihe von vier Regionalkonferenzen zum inklusiven Gestalten initiiert. Zwei gut besuchte und beurteilte Konferenzen in München und Hannover fanden bereits statt. Auch hier wurden Projekte präsentiert, die Gestaltqualität und Barrierefreiheit vereinen. Zu zwei weiteren Konferenzen sind alle Architekten eingeladen: am 16. März nach Duisburg und am 21. April nach Schwerin, wo auch ein Beitrag von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig geplant ist. Die Teilnahme ist kostenfrei. Die Einladung nach Duisburg finden Sie hier.  

Verbindlich berechnet

Ein Auftraggeber kann nicht eigenständig die Kostenberechnung des Architekten nach unten korrigieren und so dessen Honorar drücken. Text: Sven Kerkhoff Die Kostenberechnung durch den Architekten bildet seit der HOAI 2009 den Dreh- und Angelpunkt zur Honorarbemessung. Allerdings finden sich in den bisherigen Vertragsmustern der Bundesbauverwaltung (RBBau Bund), aber auch in den Vertragswerken zahlreicher anderer öffentlicher und kirchlicher Auftraggeber Klauseln, wonach der Bauherr die Kostenberechnung zunächst genehmigen muss, bevor damit die anrechenbaren Kosten zur Bemessung des Architektenhonorars feststehen. Im Mustervertrag nach RBBau Bund wird dabei auf die vom Auftraggeber zu bestätigende Kostenberechnung zur sogenannten Haushaltsunterlage Bau verwiesen. Dieser Vertragspraxis hat der Bundesgerichtshof (BGH) nun ein Ende bereitet. In seinem Beschluss vom 16. November 2016 (Az. VII ZR 314/13) führt das höchste deutsche Zivilgericht aus, dass eine solche Klausel den Architekten unangemessen benachteilige und daher gemäß § 307 Abs. 1 BGB unwirksam sei. Zur Begründung weisen die Richter darauf hin, dass der Planer auf das nach Art und Umfang nicht näher eingegrenzte Genehmigungsverfahren keinerlei Einfluss habe. Die Klausel eröffne dem Auftraggeber vielmehr die Möglichkeit, die Kostenberechnung einseitig nach unten zu ändern. Dieser könne somit das Honorar „in unangemessener, den Leistungen des Architekten nicht gerecht werdender Weise“ reduzieren. Die entsprechende Vertragsklausel führe folglich zu einem einseitigen Leistungsbestimmungsrecht des Auftraggebers. Rechtlich schützenswerte Belange, die eine derart weitreichende Befugnis des Bauherrn rechtfertigen könnten, verneint der BGH. Kein Bauherr kann sich also durch Allgemeine Vertragsbedingungen vorbehalten, die Kostenberechnung zu genehmigen. Das Urteil betrifft zwar einen Fall unter Geltung der HOAI 1976/1988, wirkt aber auch auf die aktuellen Vertragsmuster. Die Folge ist, dass der Architekt bei der Honorarbemessung auf das Ergebnis seiner eigenen, sachlich korrekten Kostenberechnung zurückgreifen kann und etwaige Änderungen außer Acht lassen kann, die der Auftraggeber im Zuge seiner Genehmigung der Kostenberechnung vorgenommen hat. Die Entscheidung des BGH gewinnt im Hinblick auf die HOAI 2013 zusätzlich an Gewicht, weil nach den jetzt geltenden rechtlichen Vorgaben die anrechenbaren Kosten auf der Grundlage der Kostenberechnung durchweg ausschlaggebend für die Honorarermittlung sind (§ 6 Abs. 1 Nr. 1 HOAI 2013). Diese Kostenberechnung ist nach § 2 Abs. 11 HOAI 2013 nichts anderes als die Ermittlung der Kosten auf Basis der Entwurfsplanung unter Berücksichtigung der DIN 276. Die zu erwartenden Gesamtkosten sind dabei bis zur zweiten Ebene der Kostengruppen aufzuschlüsseln. Die Kostenberechnung, die zu den Grundleistungen im Rahmen der Leistungsphase 3 zählt, bildet die Basis für die Entscheidung des Auftraggebers, ob das geplante Bauvorhaben realisiert werden soll und wie die Finanzierung zu bewerkstelligen ist. Entspricht die Entwurfsplanung den vertraglich vereinbarten Leistungszielen, so ist die hierauf beruhende Kostenberechnung für beide Vertragsparteien zur Honorarermittlung bindend. Diesen Grundsatz der Einheitlichkeit der Kostenberechnung betont der BGH in seiner Entscheidung noch einmal ausdrücklich. Da die Kostenberechnung also weitreichende Rechtsfolgen hat und dem Bauherrn eine wesentliche Entscheidungsgrundlage liefert, hat dieser selbstverständlich Anspruch auf eine sorgfältig und zuverlässig erstellte Berechnung. Unabhängig von einem wie auch immer gearteten behörden-internen Genehmigungsverfahren wirkt nur eine korrekte und sorgfältige Kostenberechnung honorarmäßig bindend. Vertraglich vereinbarte Baukostenobergrenze oder andere Kostenlimits sind dabei zu beachten; eine hiervon abweichende Planung und Kostenberechnung muss der Bauherr nicht hinnehmen (vgl. BGH, BauR 1997, 494). Auch gelten keine Fehlertoleranzen, wenn in fahrlässiger Weise zum Beispiel Leistungspositionen übersehen, Mengen falsch angesetzt oder unzutreffende Preise ermittelt wurden (vgl. Koeble, in: Locher/Koeble/Frik, HOAI, 12. Aufl., Rz. 124 zu § 34). Eine auf diese Weise schuldhaft überhöhte Kostenberechnung stellt eine Pflichtverletzung dar. Sie kann daher für die Honorarermittlung nicht zugrunde gelegt werden. Stattdessen ist dann im Zuge der Nachbesserung eine korrigierte Kostenberechnung vorzulegen, welche maßgeblich für die Höhe des Honorars ist (vgl. Wirth/ Galda, in: Korbion/ Mantscheff/ Vygen, HOAI, 9. Aufl., Rz. 14). Die Pflicht zur vertragsgemäßen und sorgfältigen Kostenberechnung und der Anspruch auf Korrektur einer diesen Maßstäben nicht entsprechenden Berechnung schützen den Bauherrn bereits hinreichend. Daher hat er im Sinne des BGH-Urteils auch unter Geltung der HOAI 2013 kein berechtigtes Interesse, die Kostenberechnung einem eigenen Genehmigungsverfahren zu unterwerfen. Eine gänzlich andere Konstellation liegt vor, wenn sich nach Erstellung der Kostenberechnung die Leistungsziele und mit ihnen die anrechenbaren Kosten verändern. In solchen Fällen sollte der Architekt in erster Linie eine Vereinbarung zur Honoraranpassung anstreben (§ 10 HOAI 2013). Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass die vorgestellte BGH-Entscheidung nicht im Zusammenhang mit der Klage steht, die die private Initiative fairtrag e.V. gegen andere Klauseln in den Vertragsmustern der RBBau Bund angestrengt hat. Diese Klage richtet sich gegen die formular- und standardmäßige Festlegung von Baukostenobergrenzen in solchen Verträgen. Sie ist jüngst vom Landgericht Berlin in erster Instanz als unbegründet abgewiesen worden (Urteil vom 22.11.2016 – Az. 16 O 379/15). Die Initiative fairtrag e.V. beabsichtigt dem Vernehmen nach, gegen das Urteil Rechtsmittel einzulegen. Dr. Sven Kerkhoff ist Rechtsreferent bei der ­Architektenkammer Nordrhein-Westfalen. Mehr Informationen und Artikel zum Thema Recht finden Sie hier.

Durchblick für jedes Alter

Bedeutsame Bauelemente: Von der Kindheit bis ins hohe Alter – Fenster und Türen begleiten Menschen das ganze Leben lang. Fenster und Türen für Schulbauten sowie für altersgerechte Wohnungen müssen spezielle Anforderungen ihrer Nutzer erfüllen. Text: Ulrich Sieberath, Ingo Leuschner Junge wie alte Menschen haben besondere Anforderungen an Fenster. Für Schulen sind ein hoher Lüftungsbedarf, eine optimale Tageslichtversorgung mit entsprechendem Blend- und Sonnenschutz, ein wirkungsvoller Schallschutz und vor allem die hohen mechanischen Belastungen die charakteristischen Merkmale. Besonders für Klassenzimmer sollten die höchsten mechanischen Beanspruchungsklassen für Beschläge, Fensterrahmen (einschließlich Eckverbindungen) sowie Verglasungen bei der Planung berücksichtigt werden. Ebenso sind die richtigen Abmessungen und Aufteilungen, die Öffnungsarten, die Konstruktion und die Sicherheitseinrichtungen zu definieren. Folgende Grundsätze bieten hierfür eine Orientierung: – einfache Konstruktionen mit „robuster“ Ausführung (Beschläge, Profile etc.) mit geeigneter Klassifizierung für mechanische Festigkeit und Dauerfunktion – Begrenzung von Größe und Gewicht der Fensterflügel mit geringer Anfälligkeit bezüglich Fehlbedienung – Öffnungsarten mit gut dosierbarer, effizienter Lüftung durch Kippflügel an Ober-/Unterlichtern, die für Kinder gut zugänglich und leicht bedienbar sind – Ausführung der Unterlichter und Festverglasungen mit Sicherheitsglas, um die Absturzsicherheit zu gewährleisten Bild 1: Fensterteilung mit kleinen Flügel­abmessungen und oberen Kippflügeln zur ­Dauerlüftung für Fenster in Schulen. Ein Beispiel dafür, wie ein Fensterelement für ein Klassenzimmer aussehen könnte, ist in Bild 1 dargestellt. Tabelle 1 zeigt, welche Öffnungsarten und Eigenschaften für Schulgebäude geeignet sind. Licht und Luft für Klassenzimmer Obwohl mittlerweile zahlreiche medizinische Studien belegen, dass Tageslicht die Leistungs- und Lernfähigkeit steigert, wird dies bei Klassenzimmern oft unzureichend berücksichtigt. Für eine gute Licht- und Fensterplanung gelten folgende Kriterien: – farbneutrale Verglasung mit einem Lichttransmissionsgrad von 65 bis 75 Prozent – das Verhältnis von Breite zur Tiefe der Räume sollte etwa 1:2 betragen – die Fensterfront sollte etwa 20 Prozent der Raumfläche umfassen – Breite und Höhe der Fenster etwa 1,5 bis 2,5 Meter, Brüstungshöhe etwa 90 Zentimeter, deckennahe Fensteroberkante – keine Glasteilung durch Sprossen – möglichst geringe Abschattung durch Verbauung oder Pflanzen Steuerung von Licht- und Energiemenge durch Blend- und Sonnenschutz. Aufgrund ihrer guten Tageslichtnutzung werden Lichtlenkungssysteme (Lamellen, Prismen etc.) empfohlen In Klassenzimmern besteht zudem ein hoher Lüftungsbedarf. Um den CO2-Gehalt der Luft unter 1.000 ppm zu halten, sollte pro Person mit circa 30 Kubikmeter Frischluftbedarf kalkuliert werden. Ein drei Meter hoher und 60 Quadratmeter großer Klassenraum erfordert bei 30 Personen eine Luftwechselrate von 5, die sich durch eine Kombination von Dauerlüftung (Kippflügel) und Stoßlüftung (Drehflügel) in den Pausen erreichen lässt. Wichtig ist, dass während der Lernzeit keine Zugluft auftritt. Eine CO2-Steuerung motorisch angetriebener Fensterflügel oder eine CO2-Ampel helfen, die Luftqualität zu steuern. Tabelle 1: Eignung verschiedener Fenster-Öffnungsarten und Eigenschaften für Schulgebäude (Auszüge aus Tabellen 6 und 12 aus ift-Richtlinie FE-16/1 „Fenster in Schulbauten“) Altersgerechtes Wohnen Für ein selbstbestimmtes Wohnen im Alter oder Menschen in Pflegeeinrichtungen, die viel Zeit im Inneren des Gebäudes verbringen, spielen Fenster und Türen eine besondere Rolle, denn sie lassen Sonne, Luft und Geräusche in den Raum. Die Planung von Fenstern in Pflegeeinrichtungen sollte dem Leitgedanken „Hinkommen – Reinkommen – Klarkommen“ folgen. Dafür sind aus Nutzersicht folgende Aspekte zu beachten: – Bewohner haben weniger Kraft in den Armen und Händen sowie eine reduzierte Beweglichkeit – ihr Sehvermögen ist eingeschränkt – sie benötigen Ausblicke in die Umgebung auch aus Sitzhöhe – ihre geistige Auffassungsfähigkeit und ihr Sicherheitsbewusstsein sind teils eingeschränkt – sie benötigen viel Tageslicht und höhere Innenraumtemperaturen Tabelle 2: Konstruktive Auswirkungen auf die Fenster in Abhängigkeit von unterschiedlichen körperlichen und geistigen Einschränkungen (Tabelle 4 aus ift-Richtlinie FE-17/1) Diese Auslegungskriterien führen zu Fenstern mit einfachen Details und kleinen Flügelformaten. Die Ausstattung mit automatischen Antrieben und Lüftern ist für die leichte Bedienung und Frischluftversorgung sinnvoll. Damit die Bewohner auch von der Couch oder vom Rollstuhl aus den Kontakt zur Außenwelt mit Blick auf Spielplatz, Straße oder Garten genießen können, muss mindestens ein Fenster über eine Brüstungshöhe von circa 60 Zentimetern verfügen. Der Planer muss beachten, dass es sich dann um ein absturzsicherndes Bauteil handelt. Wie sich körperliche und geistige Einschränkungen im Detail auf die Fensterkonstruktion auswirken, ist in Tabelle 2 dargestellt. Ein Beispiel für eine empfehlenswerte Fensterteilung und Öffnungsart zeigt Bild 2. Bild 2: Empfohlene Fensterteilung und Öffnungsart für Fenster in Pflegeeinrichtungen. Für ältere Menschen sind nicht zuletzt die Barrierefreiheit und die Bedienbarkeit der Fenster und Türen essenziell. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sich schätzungsweise in der Hälfte aller Wohnungen Schwellen zu Balkon oder Terrasse befinden, die als Hindernis empfunden werden. Wie die Schwellen je nach Anforderung auszuführen sind, ist in Tabelle 3 zusammengestellt. Werden elektronische Geräte verwendet, wie Türöffner oder eine Zutrittsüberwachung, ist auf eine altersgerechte und einfache Bedienung zu achten. Empfehlenswert sind zum Beispiel große Bildschirme und haptische und gut erkennbare Bedienelemente. Letztere können gleichzeitig auch über eine „ausbruchhemmende“ Funktion verfügen, damit Demenzpatienten zur eigenen Sicherheit die Wohnung oder Gemeinschaftseinrichtung nicht unkontrolliert verlassen. Tabelle 3: Bewertung unterschiedlicher Schwellenausführungen für ältere Menschen (Auszug aus Tabelle 6 aus ift-Richtlinie FE-17/1). Ausstattung nach Universal Design Menschen im Alter 55plus („Silver Ager“) verfügen über eine große Kaufkraft und messen dem Komfort in der eigenen Immobilie einen hohen Stellenwert bei. Wichtig sind für sie ein thermisch behagliches Umfeld, automatische Systeme, ein guter Schallschutz sowie Sicherheit. Diese Wünsche lassen sich gut nach den Prinzipien des Universal Design (UD) realisieren. Bei Fenstern und Türen mit automatischen Schließsystemen oder Sicherheitsfenstern senden Sensoren bei Beschädigung oder Einbruch unverzüglich eine Nachricht. Automatische Fenster öffnen und schließen sich selbstständig, wenn die Sollwerte für Luftfeuchte und CO2-Gehalt erreicht sind, und können im Sommer zur Nachtkühlung genutzt werden, ohne dass man bei einem Gewitter aufstehen muss. Das einfache und kraftsparende Öffnen hilft insbesondere älteren Personen oder Menschen mit Handicap. Die Bedienung sollte unkompliziert und intuitiv per Smart-Phone erfolgen, damit der Wunsch, lange und selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden zu leben, erfüllt werden kann. Professor Ulrich Sieberath ist der Leiter des ift Rosenheim und Dipl.-Ing. (FH) Ingo Leuschner leitet das Sachverständigen­zentrum des ift ­Rosenheim. ift-Richtlinien Das Fenster, die Tür oder das Tor für jeden Einsatzzweck gibt es nicht, denn die Ansprüche in Schul-, Verwaltungs- oder Wohnbauten sind zu unterschiedlich. Das ift Rosenheim hat deshalb für Architekten Richtlinien mit Empfehlungen für die Planung, Ausschreibung, Herstellung und Montage von Fenstern und Türen für besondere Einsatzzwecke erarbeitet (FE-16/1, FE-17/1, TU-10/1). www.ift-rosenheim.de Mehr Informationen und Artikel zum Thema Transparenz finden Sie in unserem DABthema Transparenz.

Schwerpunkt: Transparenz

Jeder will selbst durchblicken, aber jeder sich auch oft vor den Blicken anderer schützen. Der Widerspruch bewegt die Architektur-Diskussion und führt häufig zu besonders spannenden Lösungen, die unterschiedliche Lichtverhältnisse und wechselnde Material-Eigenschaften nutzen. Transparenz ist auch ein zentrales Thema bei der Bürgerbeteiligung. In einer mittleren und einer kleinen Stadt profitieren schwierige Projekte vom Durchblick-Bonus. Multi-perspektivisch: Normalerweise zeigen wir an dieser Stelle ein eher exotisches Projekt, das im Heft nicht nochmals vorkommt. Der Ausnahmebau Elbphilharmonie ist aber auch in dieser Hin-Sicht eine Ausnahme wert. Ihre öffentliche „Plaza“ auf dem Dach des älteren Speicherhauses markiert den Übergang zum Neubau. Sechs Meter hohe Windschotts brechen die ärgsten Hamburger Luftströme; die geschwungenen Glasscheiben der Plaza scheinen mehr zu verbinden als zu trennen. Man schreitet lustvoll über die eigens für diesen Ort gebrannten Bodenziegel und genießt die Blicke über Fluss und Hafen, City und Speicherstadt. Und kann sich daran bis auf Weiteres trösten, wenn man nicht zu den Glücklichen gehört, die schon bald mit einem der raren Tickets für Konzerte und Führungen in den Kern des Hauses aufsteigen dürfen.

Die EnEV zerrechnen

„Eine Befreiung von der EnEV lohnt sich nicht für jeden, weil sie sehr zeitintensiv und kostspielig sein kann.“Karim El Ansari Ausnahmen, Freistellungen und viel Arbeit: Karim El Ansari kämpft mit Datenloggern gegen unwirtschaftliche EnEV-Regeln. Das ist mühsam – am Ende aber erfolgreich. Text: Stefan Kreitewolf Karim El Ansari ist „ein bisschen aufgeregt“. Wenn der Architekt im hessischen Herborn seine aufwändigen Analysen präsentiert und Beispiele haarklein erläutert, wirkt er wie elektrisiert. Er sagt dann auch druckreife Sätze, etwa: „Mein Ziel ist nicht die sklavische Umsetzung diskussionswürdiger physikalischer Annahmen, sondern eine wirtschaftliche und ehrlich energieeffiziente Lösung.“ Anders formuliert: El Ansari kämpft für eine wirtschaftliche Energieeinsparverordnung, kurz EnEV. Und zwar mit Erfolg. Der Architekt und ausgebildete Zimmermann weist nach, dass die Dämmung von Häuserfassaden nicht immer „wirtschaftlich angemessen ist“, wie es im Gesetzesjargon heißt. Als Versuchsobjekte dienten ihm zwei ältere Mehrfamilienhäuser aus den 1960er-Jahren in Dillenburg. Anhand der beiden Bauten zeigt er, dass bei einer energetischen Sanierung auf die nach der EnEV eigentlich vorgeschriebene komplette Dämmung der Fassade verzichtet werden kann. Lokale Rechnungen, bundesweite Folgen „Die Zusatzkosten für die Dämmung hätten sich nicht während deren voraussichtlicher Haltbarkeitsdauer amortisiert“, sagt El Ansari. „Die Mehrkosten wären nicht durch Einsparungen beim Heizenergieverbrauch wettgemacht worden.“ Der westhessische Lahn-Dill-Kreis hat ihm deswegen eine Befreiung von den Dämmvorgaben erteilt. Das ist eine große Ausnahme. Ausnahmegenehmigungen bezüglich der EnEV wurden bislang nur äußerst selten erteilt – und wenn überhaupt, dann ausschließlich für Einfamilienhäuser. Bislang musste der Nachweis dafür in aufwändigen Einzelfallberechnungen erbracht werden. Mit dem neuen mathematischen Modell von El Ansari ist dies nun zumindest etwas einfacher geworden. Seine lokalen Rechnungen haben bundesweite Folgen. El Ansari erlangte durch die Befreiung eine gewisse Prominenz in einschlägigen Kreisen. Vor dem Dachverband der Immobilienbranche „Zentraler Immobilienausschuss“, der 22 Verbände und 37.000 Unternehmen vertritt, hielt er Vorträge. Bauherren aus dem ganzen Land buhlen nun um seine Hilfe. „Und das alles wegen zwei unscheinbarer Mehrfamilienhäuser in Dillenburg“, sagt El Ansari lächelnd. In der dortigen Lohrbachstraße arbeitete er seit 2006 an einem Langzeitprojekt. Für eine lokale Wohnungsbaugesellschaft sollte er 18 Objekte innerhalb von zehn Jahren sanieren. „Im Einzelnen ging es dabei um eine äußere energetische Ertüchtigung und eine architektonische Modernisierung im Innenraum“, erläutert der Architekt. „Sonnenstrahlen wärmen“ 2009 war das erste Haus fertig und EnEV-konform saniert. lm Nachgang ließ er die äußere Dämmung der ersten beiden Häuser prüfen. Seine Kollegin Sandra Seibert fand dabei heraus, „dass sich die Zusatzkosten der Dämmung erst nach 42 Jahren amortisieren“. Die verwendeten Baustoffe seien aber lediglich zehn Jahre haltbar. El Ansari folgert daraus: „Unter streng betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ist eine solche energetische Sanierung also vollkommener Quatsch.“ Er betrachte Sanierungen lediglich unter der Maßgabe der Wirtschaftlichkeit. „Dazu gehört, vereinfacht gesagt, die Beurteilung von Investition und Ertrag.“ Schließlich gilt auch bei der EnEV das Wirtschaftlichkeitsgebot. „Wird nachgewiesen, dass sich die Mehrkosten für die Dämmung nicht während der voraussichtlichen Haltbarkeit der Dämmstoffe rentieren, dürfen die Baubehörden Ausnahmen machen“, sagt El Ansari. Das sei allerdings keine Freude für die Behörden und der Weg zur Ausnameregelung sei mühsam. Sinnvoller Wärmeschutz bedeute für ihn indes „die Beurteilung, Beachtung und Umsetzung von Ökologie, Ökonomie und Bauphysik bei baulichen Maßnahmen“. Sein Ziel sei es, ehrlich energieeffiziente Bauwerke zu errichten oder sie so zu sanieren. „Wärmeschutz ist deutlich mehr als die eindimensionale Betrachtung eines möglichst niedrigen U-Werts“, sagt El Ansari. Seibert ergänzt: „Eine Besonderheit unserer Betrachtung ist die Beurteilung unterschiedlicher Maßnahmen zur Wahl des optimalen Systems.“ El Ansari sieht insbesondere die solaren Wärmegewinne unterschätzt. „Jeder weiß doch, dass Sonnenstrahlen wärmen“, sagt er. Sein Ansatz für energieeffiziente Sanierungen berücksichtige die bauphysikalischen Eigenschaften von Gebäudefassaden. „Das bedeutet, die Materialeigenschaften massiver Wände haben einen positiven Einfluss auf das Wärmeverhalten des Gebäudes, der jedoch in herkömmlichen Berechnungsverfahren unberücksichtigt bleibt.“ Karim El Ansari bei der Messung: Mithilfe von Datenloggern sucht der EnEV-Skeptiker nach der optimalen Energiesparlösung. Paragrafen, Datenlogger, Prüfer Dass erhebliche Energieeinsparungen mit solaren Wärmegewinnen und ohne EnEV-konforme Sanierungen möglich sind, ­zeigen seine Testergebnisse. Nach seinem Verfahren sanierte Gebäude erzielten Einspareffekte, die für über 30 Prozent Energieeinsparung nur maximal die Hälfte der Investitionen erfordern. Dennoch sagt er: „Eine Befreiung von der EnEV bei kleineren Maßnahmen lohnt sich nicht für jeden, weil sie sehr zeitintensiv und kostspielig sein kann.“ Er kläre zwar jeden Bauherrn über mögliche Einsparpotenziale auf, entscheiden müsse aber der Bauherr selbst. El Ansari sammelt sein Material mithilfe von acht Datenloggern (Mess- und Speichergeräte für regelmäßig aufgenommene Daten), die er an der Fassade und im Innenraum eines seiner Versuchsobjekte in der Lohrbachstraße anbrachte und die ihm alle zehn Minuten Daten über Wärme, Luftfeuchtigkeit und Heizbedarf liefern. Parallel wird der tatsächliche Heizenergieverbrauch beurteilt. Seine Berechnungen dauern an und werden ständig abgeglichen. Sie sind hochkomplex. 2012 benötigte er sechs Monate für Berechnungen und Nachweise, bis er einen Antrag auf EnEV-Befreiung nach § 25 EnEV stellen konnte. Die zuständige Baugenehmigungsbehörde des Lahn-Dill-Kreises war mit seinem Anliegen erst einmal überfordert. El Ansari ließ nicht locker und stand wochenlang mit einem Prüfer der Universität Göttingen in Kontakt, dem als Sachverständigem der Antrag vorlag. Schließlich erhielt er die Freistellung. 2.000 Projektstunden – nach Feierabend Der Architekt, der selbst vereidigter Sachverständiger für Schall- und Wärmeschutz ist, rattert die Gesetzestexte wie im Schlaf herunter. Auseinandersetzungen mit Behördenvertretern, Stapel von Papieren, monatelanges Auswerten und Paragrafenwälzen: El Ansaris Kampf gegen die EnEV-Windmühlen ist mühsam. Warum tut er sich das an? „Ich bin kein Don Quijote“, sagt El Ansari. Er wolle sich nicht „aufblasen“, versichert der Architekt. „Wir sind schlicht und einfach Überzeugungstäter und waren neugierig.“ Die Auswertungen seiner Testgebäude laufen in seinem Büro neben dem Tagesgeschäft. „Das geht gar nicht anders als abends nach Feierabend und am Wochenende“, erklärt er. 2.000 Projektstunden habe er über die Jahre schon in „die EnEV-Sache“, wie er seine Analysen nennt, investiert. Das sei aber nicht weiter schlimm. „Schließlich haben wir als Architekten eine Verantwortung“, ist El Ansari überzeugt. Dazu gehöre eben auch, „die vorherrschenden Meinungen und Bedingungen infrage zu stellen“. Karim El Ansari ist auf einer Mission. Im bürokratischen Dickicht der Ausnahmeregelungen und Befreiungsanträge fühlt er sich wohl. Aber er sieht das nicht dogmatisch: „Wenn nötig, dämme ich auch EnEV-konform, wenn der Bauherr das unbedingt wünscht.“ Mehr Informationen und Artikel zum Thema Transparenz finden Sie in unserem DABthema Transparenz.

Die Kunst des Fugenverschlusses

Möglichkeiten der Brandweiterleitung: Über diese Wege an der Fassade können Rauch und Feuer in die darüberliegenden Geschosse gelangen. Über die Fuge zwischen Tragwerk und Fassade können sich Rauch und Feuer schnell im Gebäude ausbreiten – diese Schwachstelle wird oft nicht gesehen. Text: Stephan Appel Fassaden von Gewerbebauten werden in der Regel mit einer von der Tragstruktur entkoppelten Konstruktion ausgeführt. Typisch hierfür sind neben den klassischen Pfosten-Riegel-Konstruktionen die Element- und Paneelfassaden sowie unzählige Varianten hinterlüfteter Systeme. Im Anschlussbereich zwischen Baukörper und Fassade entstehen schon aufgrund der zulässigen Maßtoleranzen geschossübergreifende Hohl- oder Lufträume, die im Brandfall Rauch und Feuer weiterleiten können. Selbst kleine Fugen stellen somit eine Gefahr für den Brandschutz dar. Die sichere Ausbildung der Anschlüsse und das fachgerechte Schließen der Fugen bleiben in der Praxis allerdings häufig unbeachtet. Es werden zwar Brandschutzplaner und Sachverständige mit der Erstellung von Brandschutzkonzepten beauftragt. Deren Leistung endet jedoch meist mit der Definition von Schutzzielen und der Abgabe des Konzeptes im Rahmen der Baugenehmigung. Dabei bleiben die Ausführungsdetails oft auf der Strecke. Dagegen endet die Arbeit des Architekten in der Regel nicht mit der Abgabe der Baugenehmigung – und dieser Gefahrenpunkt obliegt dann seiner Verantwortung. Typische Fassadenkonstruktionen: Die Vielzahl erschwert die Detailplanung für den Brandschutz. Wodurch entsteht die Fuge und wie muss die Ausbildung erfolgen? Die Größe der Fugen beträgt im Durchschnitt 20 bis 50 Millimeter. Sie entstehen bereits im Rohbau aufgrund herstellungsbedingter Toleranzen, die in der DIN 18202 geregelt sind. Danach darf beispielsweise ein Stahlbetonbauwerk, abhängig von der Abmessung des Einzelbauteils, 10 bis 30 Millimeter (Tabelle 4 der DIN) von der Planung abweichen. Nach der gleichen Norm darf eine darauf montierte Metallkonstruktion nur eine Abweichung zwischen 3 und 25 Millimetern besitzen. Außerdem sind zwischen Rohbau und Fassade Mindestabstände einzuhalten, um die Bewegungen aufgrund der thermischen Ausdehnung und des Winddrucks auszugleichen. Nutzer schlagen Alarm: Der R

Glas und Hass

Entgrenzung oder Verzerrung, Entspannung oder Lärm, Transparenz oder Transpirieren: ein kurzes Scherbengericht über Glashäuser. Schlieren: Roland Stimpel Angeblich ist es der Sichtbeton, der Freunde zeitgenössischer Architektur vom Rest der Menschheit trennt. Aber der Anblick von Beton wird längst allgemein toleriert, zumindest in Parkgaragen und Müllheizwerken. Schließlich ist er billig, praktisch und haltbar. Die wahre Trennwand zwischen den Architekturauffassungen ist auch hart, aber oft unsichtbar: Sie ist aus Glas. Für die einen soll Glas den Widerspruch überwinden zwischen dem Offenen und dem Geschlossenen, zwischen Schutz und Freiheit. Es soll Schwerelosigkeit suggerieren und Räume weiten, wenn nicht entgrenzen. Die anderen fühlen sich hinter teurem Ganzglas den Blicken, den Sommerstrahlen und der Winterkälte von draußen ausgesetzt und von drinnen dem harten Echo aller Geräusche. Zwar bietet die Glasindustrie längst Gegenmittel, aber die machen es noch teurer. Die Traditions-Avantgarde hält jedoch dran fest; schließlich war Deutschlands „Eröffnungsbauwerk der Moderne“, wie der Kritiker Manfred Sack es nannte, komplett verglast: Bruno Tauts Pavillon auf der Kölner Werkbundausstellung 1914. Taut war inspiriert von Paul Scheerbart, Dichter und Gründer des „Verlags deutscher Phantasten“, der „überall die Backsteinarchitektur von der Glasarchitektur verdrängen“ wollte, auf dass sich „die Erde mit einem Brillanten- und Emailschmuck um­kleidet. Die Herrlichkeit ist gar nicht auszudenken. Wir hätten dann ein Paradies auf der Erde.“ „Das bunte Glas zerstört den Hass“, reimte Scheerbart im Sommer 1914 über Tauts Pavillon – und irrte tragisch: Ein paar Wochen danach begann der Hass, nicht nur sehr viel Glas zu zerstören. Später sollte dieses dann wieder für Transparenz stehen, für Demokratie und Gerechtigkeit. Aber ach: Heute zocken Hegdefonds hinter Ganzglas, Donald Trump hat damit exzessiv gebaut und in Pjöngjang täuscht ein 330-Meter-Hotelturm seit sechs Jahren mit seiner Glasverkleidung vor, dass er auch innen fertig sei. Überall prallt der Blick des Volks zurück; im gefärbten, gebogenen Glas sieht man nur sich selbst, postfaktisch verzerrt und entstellt. Wer noch nie mit Ganzglas gesündigt hat (oder wer es bereut), der werfe jetzt den ersten Stein.

Innovation von unten

Ernsthaft: Keineswegs kindlich war das Bauklötzchen-Legen, das Wolfgang Christ (rechts) in Ladenburg veranstaltete. Im badischen Ladenburg planten Bürger ein neues Quartier – im Verfahren transparenter und im Ergebnis in mancher Hinsicht besser als Experten. Text: Roland Stimpel Stadt machen, wenn Bürger und private Bauherren aktiv mitmischen? Das gilt in Fachkreisen weithin als ziemlich aussichtslos. Wir kennen doch diesen eigenbrötlerischen, unvernünftigen und unkundigen Menschenschlag: Er will große Grundstücke und niedrige Dichte, wählt sein Traumhaus aus dem Katalog und wünscht drumherum eher Sterilität als urbane Mischung. Der Quartierspark kann kaum groß genug sein; voluminösere Gebäude sind unerwünscht. Das Klischee stimmt so allgemein natürlich nicht. Und ganz konkret widerlegt es gerade Ladenburg, ein wachsendes 12.000-Einwohner-Städtchen zwischen Heidelberg und Mannheim. Hier dominiert im geplanten Neubaugebiet der Wunsch nach Dichte, Gemeinschaftlichkeit und Vielfalt. Nicht, weil die Ladenburger anders wären als andere. Sondern – da ist sich der Stadtplaner und Architekt Wolfgang Christ sicher – weil sie anders gefragt wurden als sonst, was sie wollen. Christs Darmstädter Büro Urban Index Institut hat im Auftrag der Stadt ein sehr aufwendiges, basisnahes und transparentes Verfahren für Ladenburgs jüngstes Quartier umgesetzt. Vom Resümee ist er selbst überrascht: „Manche Innovation kann nur von unten kommen.“ New Urbanism von der besten Seite Dabei begann er ganz konventionell. Ladenburg wollte seine Nordstadt abrunden und beauftragte ihn mit einem ersten Masterplan. 30 Jahre lang hatte die Stadt sich auf ihre Innenentwicklung konzentriert; jetzt ist der Wachstumsdruck immens. Ein anfangs mit 7,5 Hektar bemessenes Dreieck sollte bebaut werden – bislang ein grüner Keil zwischen zwei Stadtquartieren, genutzt von Bauern und Kleingärtnern. Wolfgang Christ hat „im Masterplan nur ganz grob die Struktur mit Baugebieten und einem Grünzug definiert“. Der Gemeinderat steuerte sieben eher diffuse Leitlinien bei. „Vielfalt und Gemeinsinn“ hieß eine, „Nachhaltigkeit und Schönheit“ die nächste. Und nicht zuletzt „Mitplanen und Mitgestalten von Anfang an“. Konstruktiv: Interessenten legten sich ein Quartier von überraschend hoher Dichte. Idee und Verfahren sind dem aus den USA stammenden New Urbanism entlehnt. Den verstanden in Deutschland viele nur als konservative Design-Idee – ein so reduziertes wie falsches Verständnis, das vieles am New Urbanism ausblendet: angestrebte Dichte, Mischung und öffentliche Räume sowie nicht zuletzt Beteiligungsverfahren, in denen Verwaltung, Experten und Bürger auf Augenhöhe diskutieren und entwerfen. In Ladenburg begann das an einem vierstündigen Samstagnachmittag Ende 2015 in einer Turnhalle mit dem Thema „Wie wir wohnen wollen“. Etwa hundert Ladenburger und weitere Interessenten erschienen und platzierten sich an Thementischen zu Wohnungsbau, Energie, Stadtgestalt, Mobilität, Grün und mehr. Experten und Kommunalpolitiker standen mehr moderierend und beratend als gestaltend dabei; die Bürger zeichneten und schrieben auf metergroße Papiere und Klebezettel. Bürgermeister Rainer Ziegler kommentierte den Nachmittag hinterher leicht überrascht: „Niemand hat unsere erste Stadterweiterung seit den 1980er-Jahren in Frage gestellt.“ Natürlich hatten hier wie überall Bewohner von Nachbarquartieren vorab Kritik geäußert. Aber die Einladung zum Gestalten bewirkte jetzt, dass auch die Befürworter als Gruppe in Erscheinung traten. Damit waren fundamentale Gegner kommunalpolitisch neutralisiert, noch bevor sie sich gegen ein konkretes Projekt zusammenfinden konnten. Von dem hoffen nicht wenige zu profitieren: Anfangs war von rund 800, inzwischen ist von bis zu rund 1.350 Bewohnern die Rede – rund ein Zehntel der heutigen Ladenburger Bevölkerung. Silhouette: Ladenburgs neue Nordstadt ist ein heute noch unbebauter Keil zwischen besiedelten Gebieten. Das Zentrum ist nah – und auch wenn die monokulturellen Äcker nicht unbedingt ökologisch wertvoll sind, hat man mit der Stadterweiterung Jahrzehnte gezögert. Abschied vom 800-Meter-Grundstück Da ums „Ob“ nicht gekämpft werden musste, blieb für das „Wie“ umso mehr Energie. Bürgermeister Ziegler bemerkte vor allem den Wunsch nach „Vielfalt im sozialen Miteinander, im Leben und im Wohnen“. Kleinere Einfamilienhäuser waren gefragt; Bauträger konnten sich Stadtvillen vorstellen und die Diakonie ein Heim für Betreutes Wohnen. Vom Tisch kam dagegen die Idee, gut situierten Bauwilligen 800-Quadratmeter-Grundstücke zu überlassen. „Als die Leute sahen, wie wenig Häuser dann gebaut werden könnten, stand dazu keiner mehr“, berichtet Wolfgang Christ. Wie knapp im prosperierenden Rhein-Neckar-Gebiet Bauland ist, ­zeigen Ladenburgs Preise: Rund 800 Euro soll der Quadratmeter in der künftigen Nordstadt kosten. Hoher Bedarf prägte auch drei Monate später die öffentliche „Baubörse“. Jetzt kamen schon zweihundert Interessenten, konnten Holzwürfel im Maßstab 1 zu 100 und grüne Papp-Plättchen auf einen vier mal vier Meter großen Plan schichten. Nach Christs Worten wurde damit „typologie-orientiert geübt“. Zum Beispiel an Reihenhäusern: Interessenten schoben anfangs drei Teilklötzchen zu einer Einheit zusammen – bis man ihnen erklärte, dass 18 Meter Haustiefe kein sehr helles Wohnen ergeben würden. Aber auch danach wünschten sich die Interessenten nach Christs Worten „eine viel höhere Dichte, als wir erwartet haben. Als wir die insgesamt verwendeten Holzklötzchen gezählt hatten, stellte sich eine enorm hohe GFZ für den Rand einer Mittelstadt heraus.“ Ebenso der Wunsch nach Mischung: keine grobkörnige mit Wohn- und Gewerbeparzellen, wohl aber geplante Mischnutzung innerhalb von Häusern, etwa eine Kombination von Wohnhaus und Apotheke. Und wegen des großen Andrangs wuchs das Planungsgebiet im Laufe des Verfahrens von gut sieben auf über zehn Hektar – wodurch aber der äußere Grüngürtel der Stadt kaum angegriffen wird. Die größte geplante Einheit, das Heim der Diakonie, wollte diese ursprünglich schüchtern am Rand platzieren. Bürger motivierten sie, in die Mitte zu gehen – da könnten dann auch andere von der Infrastruktur profitieren. Von einem Dachcafé etwa, das eine prachtvolle Aussicht auf Ladenburgs Altstadt-Silhouette verspricht. „Während der Diskussionen ist Schritt für Schritt der Wunsch nach einem lebendigen Quartier gewachsen“, hat Christ beobachtet. Nicht zuletzt der Wunsch nach einem auch repräsentativen zentralen Platz vor dem Haus der Diakonie – von einem „urbanen Spot“ spricht der Planer vorsichtig. Idylle: In seinem Altstadtkern ist Ladenburg ländlich-niedlich. Die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt ist hoch. Das künftige Quartier im Norden soll aber als eins von heute erscheinen. Unter ihm soll das ökotechnische Markenzeichen des neuen Quartiers liegen: einer der drei Eisspeicher für die Nahwärme-Versorgung. Experten von der Fraunhofer-Gesellschaft hatten dieses und andere Energiekonzepte vorgestellt; rasch ging der Trend zu den unterirdischen Riesentanks mit 19 Metern Durchmesser, in denen mit Hilfe von Wärmepumpen die Heizenergie für das gesamte Quartier gewonnen werden soll. „Keiner hätte sich getraut, so etwas den Bauwilligen von oben herab vorzuschreiben“, sagt Christ. „Das ist nur durchsetzbar, wenn der Wille von den Leuten selbst kommt.“ Das gilt wohl auch für das Kleingarten-Konzept. Laubenpieper leisteten hier nicht den anderenorts üblichen Fundamental-Widerstand. Sondern sie arrangierten sich mit der Bürgeridee, auf ihrem Areal 50 Quadratmeter kleine individuelle Sommergärten ohne Zäune vorzusehen – mehr Gemeinschaft, weniger Arbeit und Pflichten, nicht zuletzt Chancen für mehr Freizeitgärtner statt für weniger. Auch dieses rundum zeitgemäßere Konzept setzte sich dank der Dynamik der Großgruppe durch. Bloß kein Webergrill-Quartier Zurückgehalten haben sich die Planer und Begleiter des Prozesses bei den meisten gestalterischen Fragen. Bürger äußerten hier zunächst Negativ-Vorstellungen: keine Photovoltaik auf den Dächern und zu ihrer Vermeidung gern die Eisspeicher. Und bitte nicht das, was Spötter „Webergrill-Quartier“ nannten: stark verdichtete Reihenhäuser mit ziemlich öffentlichen Terrassen, deren Bild von den kugeligen Wurstmachinchen dominiert würde. Ratsmitglieder und Planer hatten so etwas auf einer Exkursion in der nahen Heidelberger Bahnstadt gesehen und waren nicht sehr angetan. Wie aus dem Lehrbuch: Raumtypologien zum Bewusstwerden und Ausprobieren für die beteiligten Bürger. Recht diffus äußerten die engagierten Amateur-Planer den Wunsch nach einer „schönen Stadt“ – laut Christ „lesbare Formen, keine gestalterischen Brüche und keine Dominanz von Energie-Anlagen“. Es dürfte eine gefällige, architektonisch eher unspektakuläre Stadt werden – damit aber auch eine, die Unbehagen vermeidet. Christ hat sich da zurückgehalten. „Ich habe keinen Geschmack vermitteln wollen, sondern möglichst neutral erläutert, worin hier städtebauliche Qualitäten bestehen könnten.“ Auch ein städtebaulicher Wettbewerb stand in Ladenburg nie zur Diskussion. „Zum Glück“, erlaubt sich Christ zu sagen. „Gerade wenn da ein ambitioniertes Konzept herausgekommen wäre, dann wäre das bestimmt nicht umgesetzt worden. Es hätte zu einer Kontroverse statt zu Konsensbildung geführt. Ich bin zum Beispiel sicher, dass es nie zu dieser Energieversorgung kommen würde, wenn sie Teilergebnis eines Wettbewerbs gewesen wäre statt ein von Bürgern angenommener Expertenrat.“ All das geht natürlich leichter in einer kleinen Stadt, die nur ein einziges Baugebiet ausweisen will. Hier finden sich Bauinteressenten leichter zusammen; bei den Bürgerrunden ging es sehr pragmatisch statt grundsätzlich zu. Andererseits fehlen einer solchen Stadt die Ressourcen und der Druck für manches, was sich anderswo bewährt hat. Wie von Profis: Der kollektive Plan zeigt hohe Dichte am zentralen Park sowie Stadtvillen- und Reihenhausgruppen im Norden. Die Stadt-Vertreter waren vor Verfahrensbeginn natürlich auch in Tübingen – und stellten fest: Das ist gut, aber es geht in Ladenburg nicht. Es gibt zu wenig potenzielle Selbständige, um an mehr als ein paar Brennpunkten Gewerberäume im Erdgeschoss zu füllen. Auch eine Grundstückvergabe in Konzeptverfahren lohnt nicht. Die Bauherren sind eher individuell und planen gewöhnliches Wohnen, so dass bei der Grundstücksvergabe keine Auswahl zwischen unterschiedlichen Ideen besteht. Seine Experten-Aufgabe sah Christ im Erklären und Moderieren. „Es ging nicht darum, den Dialog zu beherrschen. Sondern darum, die Leute mit Informationen zu versorgen und sie selbst dialogfähig zu machen.“ Und es war sein Job, Kommunalpolitiker zu beruhigen. „Die Gemeindevertreter hatten befürchtet, dass ihnen der Prozess entgleitet. Ich habe ihnen dann geraten: Bringt euch ein, werdet Teil der Debatte.“ Vorsichtshalber gab es aber einen städtischen Lenkungsausschuss. „Es sollte nichts aus dem Ruder laufen.“ Diese Befürchtung erwies sich als unbegründet: Mehr und mehr fühlten sich die Ladenburger nicht aus dem Ruder gelaufen, sondern alle in einem Boot. „Die Ergebnisse der Bürgerveranstaltungen haben eine starke Bindungswirkung.“ Auf ihrer Grundlage stellt der Gemeinderat jetzt den Bebauungsplan auf. Mehr Informationen und Artikel zum Thema Transparenz finden Sie in unserem DABthema Transparenz.

Wer schreibt, der bleibt

Welche Architektenleistungen müssen in den Leistungsphasen 1 bis 3 dokumentiert werden? Text: Eike Jürgen Wendorff Dieses alte Sprichwort gilt leider auch für den Nachweis von erbrachten und gegebenenfalls strittigen Planungstätigkeiten. Mit der Novellierung der HOAI 2013 hat der Verordnungsgeber nunmehr und zur Gebäudeplanung erstmalig u.a. eine Dokumentationspflicht der Ergebnisse in den Leistungsphasen 1 bis 3 festgeschrieben. In der einschlägigen Fachliteratur und sonstigen Veröffentlichungen wird wie auch in Seminaren, Vorträgen und ähnlichen Veranstaltungen immer wieder auf die Notwendigkeit hingewiesen, Planungsarbeiten im Zweifelsfall nachweisen zu können. Im Zuge von Auseinandersetzungen über das Honorar bestreiten die Auftraggeber nahezu regelmäßig, dass die Architektin bzw. der Architekt die Leistungen entsprechend der HOAI und / oder dem geschlossenen Vertrag erbracht hat. Insbesondere im Rechtsstreit sind die Aussagen der Vertragspartner oft widersprüchlich und die Interessenslage entgegengesetzt. Ein gegebenenfalls seitens des Gerichtes hinzugezogener Sachverständiger kann seine Beurteilungen jedoch nur auf die ihm zur Verfügung stehenden Informationen stützen. Hierzu zählen im Wesentlichen und vorrangig alle Arten von Dokumenten. Spätestens die neuen Regelungen sollten dazu führen, dass die beauftragten Planerinnen und Planer sich sorgfältig mit den Anforderungen an eine vertrags- und projektgerechte Dokumentation auseinandersetzen. Sie sollten eine auf das Objekt und die einzelnen Leistungsphasen bezogene Zusammenstellung von Unterlagen und Leistungsnachweisen als Selbstverständlichkeit ansehen, um insbesondere späteren Auseinandersetzungen vorzubeugen und gegebenenfalls den Honoraranspruch nachdrücklich sowie belastbar zu untermauern. Regelungen bis 2009 In den alten Fassungen der HOAI fanden sich keine expliziten und eindeutigen Hinweise auf Dokumentationspflichten. Zur Leistungsphase 1 (Grundlagenermittlung) wurde das „Zusammenfassen der Ergebnisse“, zur Leistungsphase 2 (Vorplanung) das „Zusammenstellen aller Vorplanungsergebnisse“ und zur Leistungsphase 3 (Entwurfsplanung) das „Zusammenfassen aller Entwurfsunterlagen“ gefordert. Eine Formvorschrift war hiermit nicht verbunden. Wenn der Begriff „Dokumentation“ dort auch nicht auftauchte, so ergab sich jedoch eine entsprechende Forderung sinngemäß zur Leistungsphase 8, Objektüberwachung. Dort war als Grundleistung die „Übergabe des Objekts, einschließlich Zusammenstellung und Übergabe der erforderlichen Unterlagen“ angeführt. Bereits die Überschrift zur Leistungsphase 9 verwies auf die „Objektbetreuung und Dokumentation“. Als Grundleistung handelte es sich um die „systematische Zusammenstellung der zeichnerischen Darstellungen und rechnerischen Ergebnisse des Objekts“. Regelungen in HOAI 2009 Das geforderte Leistungsbild zur Objektplanung wurde von § 15 (HOAI alt) mit der Novellierung in Anlage 11 zu den §§ 33 und 38 Abs. 2 HOAI verschoben. Eine textliche Überarbeitung hinsichtlich der Dokumentationspflichten erfolgte in diesem Zusammenhang allerdings nicht. Neu war jedoch eine Regelung im allgemeinen Teil unter § 3 (8): „Das Ergebnis jeder Leistungsphase ist mit dem Auftraggeber zu erörtern.“ Zwar wurde in der amtlichen Begründung, „dass die Ergebnisse der Leistungsphasen mit der Auftraggeberin oder dem Auftraggeber abzustimmen sind“, nur auf die Absätze 4 bis 6 des § 3 verwiesen. Danach sollte die „Abstimmung der Ergebnisse einer jeden Leistungsphase … kontinuierlich erfolgen und damit zu einem transparenten Vertragsablauf führen.“ Ein bestimmtes Formerfordernis war hiermit nicht verbunden. Vor dem Hintergrund der HOAI als Verordnung zur Regelung von Gebührentatbeständen und nicht zur Normierung von Leistungspflichten scheint diese Regelung keine wesentliche Bedeutung bekommen zu haben. Regelungen ab 2013 Mit der Novellierung hat der Verordnungsgeber umfangreiche Dokumentationspflichten im Leistungsbild gemäß Anlage 10 zu den § 34 Abs. 4 und § 35 Abs. 7 wie folgt festgeschrieben (Hervorhebungen durch den Verfasser):
  • In Leistungsphase 1, Grundlagenermittlung:
Zusammenfassen, Erläutern und Dokumentieren der Ergebnisse
  • In Leistungsphase 2, Vorplanung:
Zusammenfassen, Erläutern und Dokumentieren der Ergebnisse
  • In Leistungsphase 3, Entwurfsplanung:
Zusammenfassen, Erläutern und Dokumentieren der Ergebnisse Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass in der Leistungsphase 8 (Objektüberwachung) nunmehr u.a. gefordert werden:
  • Dokumentation des Bauablaufs (z.B. Bautagebuch)
  • Systematische Zusammenstellung der Dokumentation, zeichnerischen Darstellungen und rechnerischen Ergebnissen des Objekts
Eine Bestimmung gemäß den Regelungen in § 3 Abs. 8 HOAI 2009 ist entfallen. Mit den entsprechenden Texten in den Leistungsphasen 1 bis 3 werde laut amtlicher Begründung nun betont, „dass es sich bei der Dokumentationspflicht um einen fortlaufenden, die Leistungsphase begleitenden Prozess handelt.“ Begriffsbestimmung Laut Wikipedia stammt das Wort Dokument vom lateinischen documentum als „beweisende Urkunde“ bzw. dem Wort docere für „lehren“ ab. Es steht danach unter anderem für
  • Schriftstück im Allgemeinen
  • Urkunde im Speziellen
  • Amtliches Dokument, ein Beleg zu einer öffentlichen oder behördlichen Angelegenheit
  • Elektronische Dokumente oder Dateien in verschiedenen Formen.
Bei Duden ist die Bedeutungsübersicht wie folgt angegeben: Als Synonyme zu Dokument werden dort benannt: Nach sachverständiger Einschätzung muss es sich vor diesem Hintergrund bei einem Dokument zwingend um einen greifbaren Beleg handeln, der bei Bedarf einem Dritten, z.B. einem Gutachter, zur Verfügung gestellt werden kann. Eine nur mündliche oder gedankliche Dokumentation scheidet danach aus. In Frage kommen allerdings nicht nur Schriftstücke, sondern auch anders geartete Nachweise, z.B. Fotos oder Modelle. Allerdings sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass insbesondere elektronisch gespeicherte Dokumente und Belege oftmals ohne erheblichen technischen Aufwand manipulierbar sind. Auftrags- und Vertragsdokumentation Grundsätzlich ist ein Planungsauftrag nicht an eine bestimmte Form gebunden. Er kann beispielhaft also auch mündlich erteilt werden. Hinsichtlich der Honorarvereinbarung geht der Verordnungsgeber in HOAI § 7 (2013) vorrangig von einer „schriftlichen Vereinbarung, die die Vertragsparteien bei Auftragserteilung im Rahmen der durch diese Verordnung festgesetzten Mindest- und Höchstsätze treffen“, aus. Gleichzeitig wird nach § 7 (5) bei einer fehlenden schriftlichen Vereinbarung „unwiderleglich vermutet, dass die jeweiligen Mindestsätze gemäß Absatz 1 vereinbart sind“. Laut sachverständiger Erfahrung und gemäß immer wiederkehrenden Empfehlungen in diversen Fortbildungsveranstaltungen und Veröffentlichungen ist allerdings unbedingt eine schriftliche Vereinbarung anzuraten. Für nahezu alle Regelungen, die eine Abweichung von den Mindestsätzen darstellen, wird diese sogar nach HOAI gefordert. Schriftformerfordernis bedeutet in diesem Fall, dass ein von beiden Parteien unterschriebenes Dokument vorliegen muss. Eine einseitige Willenserklärung, gegebenenfalls sogar mit schriftlicher Bestätigung der Gegenseite, ist üblicherweise nicht ausreichend. Allerdings ist auch hierzu der Verordnungstext teilweise widersprüchlich. So ist der Umfang der mitzuverarbeitenden Bausubstanz nach § 4 angemessen zu berücksichtigen. Dabei sind deren Umfang und Wert „zum Zeitpunkt der Kostenberechnung oder, sofern keine Kostenberechnung vorliegt, zum Zeitpunkt der Kostenschätzung objektbezogen zu ermitteln und schriftlich zu vereinbaren.“ Rechtsprechung und Kommentierung gehen jedoch davon aus, dass in diesem Sonderfall der Verweis auf die Schriftform nur eine Klarstellungsfunktion hat und nicht als Anspruchsgrundlage zu sehen ist. Insofern ist leider nur schwer verständlich, warum überwiegend die Schriftformerfordernis sehr eng ausgelegt wird, in Einzelfällen jedoch keine wesentliche Bewandtnis haben soll bzw. hat. Ebenfalls durch schriftliche Vereinbarung anzupassen ist eine Änderung im Umfang der beauftragten Leistungen während der Laufzeit des Vertrags nach HOAI § 10. Hierzu bleibt die Rechtsprechung abzuwarten, wie eine Änderung der beauftragten Leistungen ohne entsprechende schriftliche Vertragsanpassung rechtlich einzuordnen sein wird. Leider hat die langjährige sachverständige Erfahrung gezeigt, dass viele Architektinnen und Architekten mit der Dokumentation des Auftrages sowie der vertraglichen Vereinbarungen bei Weitem zu sorglos umgehen. Die notwendige Schriftformerfordernis für entsprechende Regelungen nach HOAI ist unbedingt zu beachten. Darüber hinaus kann jedem Auftragnehmer nur empfohlen werden, alle Vereinbarungen und Absprachen in geeigneter Weise festzuhalten und belastbar zu dokumentieren. Selbst eine einfache Aktennotiz zum Inhalt eines Gespräches mit Datum und Teilnehmern kann im Zuge einer Auseinandersetzung einen wichtigen Beleg darstellen. Selbstverständlich sind solche Dokumente auch in der Projektakte an einer Stelle abzulegen, wo der Auftragnehmer sie jederzeit wiederfindet und bei Bedarf zur Verfügung stellen kann. Dokumentation zur Leistungsphase 1, Grundlagenermittlung Offensichtlich unterschätzen viele Auftragnehmerinnen und Auftragnehmer nach wie vor die Bedeutung der Leistungsphase 1. Hier werden gemäß der Überschrift die „Grundlagen“ für die weitere, erfolgreiche und möglichst konfliktarme Bearbeitung der Planungsaufgabe gelegt. Die rechtliche Kommentierung vertritt teilweise die Ansicht, dass eine bestimmte Form für die Zusammenfassung nicht vorgesehen sei. Diese könne auch mündlich erfolgen. Auch sachverständiger Sicht und unter Verweis auf die Begriffsbestimmungen muss vor einer solchen Vorgehensweise ausdrücklich gewarnt werden. Es handelt sich um eine Dokumentationspflicht, deren Inhalt und Umfang im Wesentlichen von dem zwischen den Parteien geschlossenen Vertrag abhängt. Sofern das Leistungsbild nach HOAI zu Grunde gelegt wurde, ergeben sich entsprechende Hinweise aus Anlage 10 zu § 34 Abs. 4 bzw. § 35 Abs. 7. Gegebenenfalls ist hierzu eine Checkliste hilfreich. Beispielhaft wären nach sachverständiger Erfahrung die folgenden Punkte zu klären und im Ergebnis zu dokumentieren:
  • Allgemeine Aufgabenbeschreibung
Leider fällt im Rahmen von Rechtsstreitigkeiten immer wieder auf, welche wesentliche Diskrepanzen schon bei der Beschreibung der allgemeinen Aufgabenstellung zwischen den Parteien bestehen können. Insofern ist zu empfehlen, soweit möglich Begriffe aus den Begriffsbestimmungen nach HOAI § 2 zwischen den Vertragsparteien abzustimmen und zu verwenden. Es sollte zumindest Klarheit darüber geschaffen werden, ob es sich um einen Neubau, einen Wiederaufbau, eine Erweiterung, einen Umbau, eine Modernisierung, eine Instandsetzung oder eine Instandhaltung handelt. Angaben zur vorgesehenen Nutzung des Objektes sowie gegebenenfalls dazu, ob es sich um mehrere und gegebenenfalls wie viele Objekte handelt, sind unumgänglich.
  • Standort bzw. Grundstück
Neben selbstverständlichen Angaben wir Adresse und Größe nach Unterlagen sollten hier bereits Besonderheiten angeführt werden, die in diesem frühen Bearbeitungsstadium bekannt sind. Hierbei könnte es sich beispielhaft um Altlastenverdacht, bergbauliche Einflüsse oder Immissionen aus der Nachbarbebauung handeln. In diesem Zusammenhang sind die Ergebnisse der als „Ortsbesichtigung“ geforderten Grundleistung festzuhalten. Besonderheiten, z.B. bezüglich topografischer Gestaltung, vorhandener Bebauung, Nutzungs- oder Zufahrtseinschränkungen oder ähnliches, können mit Angaben zu Datum und Teilnehmer Bestandteil eines Protokolls sein. Gegebenenfalls helfen Fotos als Ergänzungen zu den örtlichen Feststellungen.
  • Flächen- oder Raumbedarf
Die allgemeinen Daten zur geplanten Objektgröße sind wesentlich. Hierbei kann es sich beispielhaft um Quadratmeter Wohnfläche, Zahl der Zimmer, Zahl der Arbeitsplätze oder die Lager- und Produktionsfläche handeln.
  • Sonstige Wünsche der Auftraggeber
Oftmals haben die Bauherren bestimmte Vorstellungen zu einzelnen Punkten, die ihnen wichtig und vom Planer zu berücksichtigen sind. Hierbei sind gestalterische Wünsche, aber auch andere Aspekte denkbar, etwa besondere Materialien, eine sehr kurze Bauzeit, energetische Gesichtspunkte, Nutzungsflexibilität oder umfangreiche Eigenleistungen.
  • Finanzrahmen
Die Planerin bzw. der Planer müssen die finanziellen Möglichkeiten oder Vorstellungen des Auftraggebers abklären. Dies sollte mit großer Sorgfalt geschehen. Typische Fehler treten etwa bei der Berücksichtigung der Mehrwertsteuer, des Grundstückserwerbs und der Baunebenkosten auf. Auch Besonderheiten vor dem Hintergrund eventueller Förderprogramme oder spezieller Finanzierungsmodelle sind zu klären. Eine eindeutige Abgrenzung des Budgets ist unbedingt im Interesse aller Beteiligten. Hierzu gehört auch die vom Planer vorzunehmende Prüfung, ob und gegebenenfalls mit welchen Einschränkungen die sonstigen Vorstellungen der Bauherrschaft mit dem finanziellen Rahmenbedingungen übereinstimmen. Der Architektin / dem Architekten ist unbedingt anzuraten, sorgfältig auf Widersprüche hinzuweisen, diese mit den Auftraggebern abzuklären und das Ergebnis der Abstimmungen zu dokumentieren.
  • Sonstige Beteiligte
Je nach Aufgabenstellung muss die Planerin / der Planer mit den Auftraggebern besprechen, welche übrigen Beteiligten erforderlich sind und gegebenenfalls Empfehlungen geben. Hierbei kann es sich um Fachplaner, aber auch um Behörden und gegebenenfalls spezielle Unternehmen – z.B. hinsichtlich eines möglichen GU-Auftrages – handeln. In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass die Rechtsprechung insbesondere bei der Baugrunduntersuchung eine umfangreiche Aufklärungspflicht des Planers vertritt.
  • Sonstige Beratung
Projektbezogen sind eventuelle weitere Beratungsleistungen erforderlich. Diese können sich auf bei sonstigen Punkten festgestellte Konflikte, aber auch z.B. auf energetische Rahmenbedingungen, mögliche Fördermittel    oder ähnliches beziehen. Hierzu ist nur eine einzelfallspezifische Betrachtung möglich.
  • Besondere Leistungen
Je nach Aufgabenstellung können besondere Leistungen erforderlich werden. Wesentliche Bedeutung kommt hier im Rahmen der Leistungsphase 1 einer eventuell erforderlichen Bestandsaufnahme beim Bauen im Bestand zu. Deren Ergebnis ist in geeigneter Weise festzuhalten. Hierbei kann es sich etwa um Besichtigungsprotokolle, Aufmaßzeichnungen, Fotos oder sonstige Dokumente handeln. Durch die systematische Aufbereitung der Dokumentation in Leistungsphase 1, Grundlagenermittlung, werden offene Punkte und gegebenenfalls Widersprüche deutlich. Es besteht die Möglichkeit, Konflikte zwischen den Vertragsparteien abzustimmen und zu klären. Aus sachverständiger Sicht ist dringend zu empfehlen, nach Abschluss dieser Leistungsphase (evtl. auch nach Abschluss anderer Leistungsphasen) den Planungsauftrag zu überprüfen, gegebenenfalls zu konkretisieren und zu überarbeiten. Dokumentation zur Leistungsphase 2, Vorplanung (Projekt- und Planungsvorbereitung) Die Leistungsphase 2 wird üblicherweise mit dem sogenannten „Vorentwurf“ abgeschlossen. Insofern liegt ein greifbares Planungsergebnis vor, das die Tätigkeit der Architektin / des Architekten belegt. Legt man die Grundleistungen nach HOAI zu Grunde, so manifestieren sich deren Ergebnisse jedoch nur teilweise in der zeichnerischen Darstellung. Sofern keine abweichende Vereinbarung zwischen den Parteien getroffen wurde, bedarf es zur Dokumentation weiterer Angaben, im Wesentlichen zu den folgenden Punkten:
  • Vorplanung mit Varianten
Vorrangig ist selbstverständlich die zeichnerische Darstellung der zwischen den Parteien zur weiteren Bearbeitung vereinbarten Planung. Darüber hinaus sind jedoch auch die untersuchten und dargestellten Varianten sowie deren Bewertung festzuhalten.
  • Kostenschätzung
Die Kostenschätzung nach DIN 276 dient gemäß Punkt 3.4.2 „als eine Grundlage für die Entscheidung über die Vorplanung.“ Sie muss die Gesamtkosten ausweisen und beruht neben den Ergebnissen der Vorplanung auf Mengenberechnungen von Bezugseinheiten der Kostengruppen nach DIN 277. Im Normentext werden darüber hinaus erläuternde Angaben zu den planerischen Zusammenhängen, Vorgängen und Bedingungen sowie Angaben zum Baugrundstück und zur Erschließung gefordert. Selbstverständlich bedarf es einer Kontrolle und Gegenüberstellung mit dem in Leistungsphase 1 besprochenen Finanzrahmen.
  • Genehmigungsfähigkeit
Grundsätzliche Fragen der Genehmigungsfähigkeit sind im Rahmen der Vorplanung zu klären. Es besteht eine weitgehende Hinweispflicht an die Bauherrschaft bezüglich eventueller Risiken. Diese kann bis zur Empfehlung gehen, eine Bauvoranfrage durchführen zu lassen.
  • Terminplan
Das „Erstellen eines Terminplans mit den wesentlichen Vorgängen des Planungs- und Bauablaufs“ ist als Grundleistung neu in die HOAI 2013 aufgenommen worden. Dieser ist zwar an keine bestimmte Form gebunden. Zumindest sollten jedoch die wesentlichen Eckdaten festgehalten und mit der Bauherrschaft besprochen werden.
  • Sonstige fachlich Beteiligte
Sofern die Koordination und Integration der anderen an der Planung fachlich Beteiligten aus der Vorplanung nicht hervorgeht, empfiehlt sich eine anderweitige Dokumentation, z.B. über Schriftverkehr oder Aktennotizen.
  • Erläuterungsbericht
Im Einzelfall wird zu entscheiden sein, ob und inwieweit ein ergänzender Erläuterungsbericht erforderlich ist. Bei wesentlichen Zielkonflikten oder einem umfangreichen Erläuterungsbedarf zu einzelnen Gesichtspunkten der Planung muss eine ergänzende, schriftliche Ausführung an den Bauherren dringend empfohlen werden. In der Fachliteratur wird teilweise sogar die Meinung vertreten, dass ein fehlender Erläuterungsbericht zur Honorarminderung führen könne. Nach HOAI § 15 (2) hat die Auftragnehmerin bzw. der Auftragnehmer einen Anspruch auf Abschlagszahlungen für nachgewiesene Grundleistungen in angemessenen zeitlichen Abständen. Mit dem dokumentierten Abschluss der Leistungsphase 2 einschließlich Kostenschätzung sind nunmehr wesentliche Voraussetzungen erfüllt, ein Abschlagshonorar auf Grundlage von HOAI § 6 in Verbindung mit HOAI § 15 nachvollziehbar ermitteln zu können und geltend zu machen. Dokumentation zur Leistungsphase 3, Entwurfsplanung (System- und Integrationsplanung) Vorab sei der erhebliche Stellenwert betont, den die Leistungsphase 3 im gesamten Planungsprozess hat. Nach Locher/Koeble/Frik (Kommentar zur HOAI, 12. Auflage, Seite 853) stellt sie „in der Planungssystematik der HOAI die wichtigste und umfassendste Planungsphase im gesamten Planungsprozess dar“. In dieser Leistungsphase müssten „alle wichtigen Entscheidungen, die die Gestaltung, die Konstruktion, die technischen Anlagen, den Standard des Ausbaus und damit die Kosten betreffen,“ getroffen werden. Keinesfalls ist der leider immer noch verbreiteten Meinung zuzustimmen, dass der Planer mit einem unterschriebenen Bauantrag – eventuell noch mit einer überschlägigen Kostenermittlung – nicht nur die Genehmigungsplanung, sondern auch seine Entwurfsplanung ausreichend dokumentiert habe. Vielmehr gehen die Nachweispflichten deutlich darüber hinaus.
  • Entwurfsplanung und Zeichnungen
Mit der Neustrukturierung in Anlage 10 wurden die ehemals getrennten Grundleistungen „Durcharbeiten des Planungskonzeptes“ und „Zeichnerische Darstellung des Gesamtentwurfs“ unter einem Ordnungsbuchstaben zusammengefasst. Unter dem Gesichtspunkt der Dokumentationspflicht erleichtert dies die Bearbeitung. Die neuen Texte können als Klarstellung verstanden werden, dass das ab-strakte Planungskonzept im Wesentlichen in Zeichnungen umgesetzt wird. Die Pläne sind im erforderlichen Umfang und Detaillierungsgrad sowie unter Berücksichtigung aller fachspezifischen Anforderungen zu erstellen. Gemeinsam mit der Objektbeschreibung müssen sie alle Angaben enthalten, die dem Bauherren ein vollständiges Verständnis der Planung ermöglichen und für ihn die Kostenberechnung nachvollziehbar machen.
  • Sonstige fachlich Beteiligte
Die Einbindung der anderen an der Planung fachlich Beteiligten ist ein mindestens zweistufiger Prozess im Rahmen der Entwurfsplanung. Einerseits muss der Gebäudeplaner seine Arbeitsergebnisse zur Verfügung stellen, andererseits deren Leistungen im Rücklauf integrieren. Zum Nachweis können Besprechungsprotokolle, aber auch Anschreiben sowie selbstverständlich die Darstellungen in den Zeichnungen dienen.
  • Objektbeschreibung
Die Objektbeschreibung ist in unmittelbarem Zusammenhang mit den Zeichnungen, die den Gesamtentwurf zeigen, zu sehen. Die Pläne und textlichen Erläuterungen ergänzen und vervollständigen sich gegenseitig. Fehlende Angaben in den Zeichnungen werden durch Beschreibungen komplettiert und umgekehrt. Hierbei ist zu empfehlen, dass sich die Gebäudeplanerin bzw. der Gebäudeplaner auch in den Kenntnisstand der Auftraggeber versetzt. Den Fachleuten selbstverständlich erscheinende, planerische Zusammenhänge sind für einen im Bauen unerfahrenen Laien oftmals nicht deutlich oder sogar offensichtlich und bedürfen daher einer textlichen Erläuterung. Darüber hinaus bietet die Objektbeschreibung die Chance, auf Punkte einzugehen, die der Auftraggeberin bzw. dem Auftraggeber besonders wichtig sind, und deren Lösungsansätze herauszustellen.
  • Genehmigungsfähigkeit
Im Rahmen der Leistungsphase 3 sind sämtliche Fragen rund um die Genehmigungsfähigkeit auf Basis des durchgearbeiteten Entwurfes möglichst abschließend zu klären. Entsprechende Abstimmungen sollten durch Schriftverkehr oder Protokolle festgehalten werden. Zwingend erforderlich ist darüber hinaus eine Dokumentation von gegebenenfalls offenen und unklaren Punkten sowie der Kommunikation hierzu mit der Bauherrschaft.
  • Kostenberechnung
Die zu erwartenden Kosten ihres Bauvorhabens stellt für fast alle Auftraggeberinnen und Auftraggeber einen zentralen Punkt rund um die Gesamtplanung dar. Die Kostenberechnung dient nach DIN 276 (2008) unter 3.4.3. „als eine Grundlage für die Entscheidung über die Entwurfsplanung.“ Neben Planungsunterlagen und Mengenberechnungen sind Erläuterungen erforderlich, sofern Angaben aus den Unterlagen nicht ersichtlich, aber „für die Berechnung und Beurteilung der Kosten von Bedeutung sind.“ Eine vollständige, detaillierte und nachvollziehbare Kostenberechnung ist aber nicht nur für die Bauherrschaft, sondern auch für die Planerin bzw. den Planer wichtig. Nach HOAI § 6 richtet sich das Honorar für Grundleistungen im Zusammenhang mit der Gebäudeplanung u.a. „nach den anrechenbaren Kosten des Objekts auf der Grundlage der Kostenberechnung“. Eine entsprechend sorgfältige Bearbeitung muss daher im Eigeninteresse der Auftragnehmerin / des Auftragnehmers sein. Hierzu zählt auch der als Grundleistung geforderte Vergleich mit der Kostenschätzung. Er ermöglicht es der Planerin/ dem Planer, Abweichungen zu begründen und ihren / seinen Kunden plausibel zu machen.
  • Terminplan
Mit dem Abschluss des Entwurfes besteht die Verpflichtung, den in Leistungsphase 2 aufgestellten Terminplan fortzuschreiben und zu konkretisieren. Die besondere Wichtigkeit der Leistungsphase 3 hat der Verordnungsgeber u.a. damit betont, dass er den Grundleistungsanteil von 11 % in den früheren Fassungen der HOAI mit der Novellierung 2013 auf 15 % angehoben hat. Mit der Dokumentation kann die Planerin bzw. der Planer ihre / seine Leistungen gegenüber der Bauherrschaft transparent machen. Sie oder er kann darstellen, wie die Wünsche der Bauherrschaft aufgenommen und umgesetzt wurden. Wichtig ist, dass die Auftraggeberin bzw. der Auftraggeber den Entwurf mit den zu erwartenden Kosten und der Terminplanung nachvollziehen kann und die bauherrenseitigen Vorstellungen entsprechend wiederfindet. Inwieweit eine (weitere) Abschlagsrechnung nach Abschluss der Leistungsphase 3 oder erst nach der Leistungsphase 4, Genehmigungsplanung, sinnvoll ist, muss die Antragsnehmerin bzw. der Auftragnehmer im Einzelfall entscheiden, sofern dies nicht vertraglich geregelt wurde. Zusammenfassung und Schlussbemerkungen Auf den ersten Blick scheinen die in der Überarbeitung der HOAI 2013 aufgenommenen Dokumentationspflichten vorrangig zu einem zusätzlichen Arbeitsaufwand der Planerin/ des Planers zu führen. Tatsächlich handelt es sich jedoch zu einem sehr großen Anteil lediglich um eine Konkretisierung von schon bisher sinnvollen sowie in der Rechtsprechung und einschlägigen Kommentierung teilweise bereits geforderten Nachweisen. Die Dokumentationen dienen dabei auch dem zwischen den Beteiligten abgestimmten Ablauf der Planung und des Bauvorhabens. Mit einer verstärkten Transparenz können Konfliktfelder von vornherein umgangen und insofern auch rechtliche Auseinandersetzungen eingeschränkt werden. Die Architektinnen und Architekten haben einerseits üblicherweise nichts zu verheimlichen. Andererseits hat die Bauherrschaft als Auftraggeber und somit Kunde einen Anspruch auf umfassende Informationen und Abstimmungen zu den von ihr bezahlten Leistungen. Vor diesem Hintergrund kann die weitgehende Dokumentationspflicht einen Beitrag zur Minimierung von Auseinandersetzungen leisten und ist durchaus auch als Chance für die Gebäudeplanerinnen bzw. Gebäudeplaner zu sehen.   Eike Jürgen Wendorff ist Architekt und ­öffentlich bestellter und vereidigter Sach­verständiger für Honorare in Mülheim (Ruhr). Streit und Schlichtung: Neue Informationspflichten Ab dem 1. Februar 2017 haben selbständige Architekten unter bestimmten Voraussetzungen neue Informationspflichten gegenüber Bauherren, die als Verbraucher gelten. Hintergrund ist das Verbraucherstreitbeilegungsgesetz (VSBG), das die außergerichtliche Streitbeilegung durch anerkannte private Verbraucherschlichtungsstellen oder eingerichtete behördliche Verbraucherschlichtungsstellen fördern soll. Folgende Pflichten können selbständige ­Architekten treffen: • Wer am 31.12. des vorangegangenen Jahres mehr als zehn Personen beschäftigt hat, muss auf seiner Webseite und/oder zusammen mit seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) angeben, ob und inwieweit er dazu bereit ist, an Streitbeilegungsverfahren vor einer Verbraucherschlichtungsstelle teilzunehmen (§ 36 Abs. 1 Nr. 1 VSBG). • Wer sich bereits grundsätzlich zur Teilnahme an einem Streitbeilegungsverfahren vor einer Verbraucherschlichtungsstelle verpflichtet hat, muss Verbraucher auf seiner Webseite und/oder zusammen mit seiner AGB auf die zuständige Verbraucherschlichtungsstelle hinweisen (§ 36 Abs. 1 Nr. 2 VSBG). • Wer eine konkrete Streitigkeit mit einem Verbraucher nicht beilegen konnte, muss diesen in Textform auf eine für ihn zuständige Verbraucherschlichtungsstelle hinweisen (§ 37 VSBG). Als Verbraucherschlichtungsstelle im Sinne des VSBG kommen in manchen Bundesländern auch die Schlichtungsausschüsse der Architektenkammern in Betracht – fragen Sie Ihre Kammer. Ist dies der Fall, können Architekten ohne weiteres hierauf verweisen. In allen anderen Bundesländern sollten Architekten ihre Schlichtungsbereitschaft ausdrücklich nur auf ein Verfahren vor dem Schlichtungsausschuss der Kammer beziehen, nicht hingegen auf die „Verbraucherschlichtungsstelle“ im Sinne des VSBG. Denn bei ihr würde es sich dann um eine so genannte „Auffangschlichtungsstelle“ ohne entsprechende fachliche Kompetenz handeln. Unabhängig davon sollten Architekten eine etwaige Schlichtungsbereitschaft immer unter den Vorbehalt stellen, dass ihre Berufshaftpflichtversicherung dem nicht widerspricht, und sich wegen weiterer Einzelheiten mit ihrer Kammer in Verbindung setzen. Volker Schnepel Mehr Informationen und Artikel zum Thema Recht finden Sie hier.

„Phase 0“: Chance & Risiko

Als Wunderwaffe in Bezug auf Probleme mit Kosten und Terminen bei Bauvorhaben wird neben „BIM“ gerne die „Phase 0“ propagiert. Selbst wer gar nicht die einzelnen Leistungsphasen der HOAI und ihre Bedeutung kennt, spricht davon. Diese etwas unscharfe Wortschöpfung lebt davon, dass die Leistungsphase 0 in der HOAI gerade nicht definiert, sondern stillschweigend vorausgesetzt wird. So können denn auch alle das darunter verstehen, was sie sich wünschen: Öffentliche Bauherren brauchen eine gute, professionelle Beratung bereits im Vorfeld eines Projektes, um Probleme und Aufgabenstellungen so zu formulieren, dass die angebotenen Lösungen brauchbar und angemessen sind. Wir als Planende wünschen uns eine durchdachte und klare Aufgabenstellung und träumen von Auftraggebern, die vor Projektbeginn wissen, was sie wollen, und danach ihre Vorstellungen möglichst nicht mehr ändern. Bürgerinnen und Bürger sowie Nutzergruppen wünschen sich vor Entscheidungen zu großen Architektur- und Stadtentwicklungsvorhaben, wie Kultur-, Verkehrs- oder Schulbauten, in einem gut gesteuerten und moderierten Prozess beteiligt zu werden. Private Bauherren schließlich subsumieren unter der „Phase 0“ gerne all das, was vor einem Projektstart notwendig sei und was im Vorfeld abrechenbarer Leistungen nach der HOAI im Zweifel als Akquisition gilt. Niemand wird die Notwendigkeit bezweifeln, vor einer Investition zu prüfen, ob, wo und in welchem Umfang sie wirtschaftlich und sinnvoll ist. Wie kann eine solche Selbstverständlichkeit überhaupt zum Thema werden? Wurde diese wichtige Stufe im Bauprozess tatsächlich manchmal unterbewertet, vielleicht auch im Sinne fehlender dafür zur Verfügung stehender Finanzmittel? Müssen Kommunen wie private Projektentwickler solche Ausgaben aus der „Portokasse“ begleichen und entsprechend niedrig halten? So unscharf der Begriff „Phase 0“ sein mag, die Verantwortung dafür liegt eindeutig beim Bauherrn. Sie ist sogar in den Nachhaltigkeitsbausteinen des Bewertungssystems Nachhaltiges Bauen des Bundes (BNB) enthalten. Und die frisch aktualisierte DIN 18205 beschreibt minutiös, was eine „Bedarfsplanung“ enthalten muss. Nur zu deren Honorierung sagt sie leider nichts aus. Viele Kolleginnen und Kollegen sind in diesem Aufgabenfeld seit vielen Jahren freischaffend oder als Angestellte und Beamte tätig und befassen sich auf hohem fachlichem Niveau mit der Durchführung von Nutzer- und Beteiligungsprozessen, mit Machbarkeitsstudien für private und öffentliche Investoren sowie mit der Abwicklung von Wettbewerbs- und Vergabeverfahren. Die Honorierung dafür wird auf dem Markt ermittelt. Wir müssen in jedem Fall darauf achten, die Machbarkeitsstudie in der „Phase 0“ nicht mit dem städtebaulichen Entwurf zu verwechseln. Ergebnisse und Empfehlungen von Machbarkeits- und Standortuntersuchung-¬ en, wie zum Beispiel die des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung für das Museum des 20. Jahrhunderts am Berliner Kulturforum, sollten dennoch in möglichst ergebnisoffenen städtebaulichen Wettbewerben vertieft zur Diskussion gestellt werden. Zu früh getroffene Entscheidungen und zu genaue Vorgaben schränken die Freiheit der Entwerfenden unnötig ein und können dadurch zu unbefriedigenden Ergebnissen führen. Die in einem Planungsprozess erforderlichen Leistungen sind auch mit einer „Phase 0“ nicht erschöpfend zu beschreiben. Denn Entwerfen ist und bleibt ein iterativer Prozess mit vielen Beteiligten, für dessen Gelingen Planende gemeinsam mit ihren Auftraggebern die Verantwortung übernehmen müssen und wollen. Christine Edmaier, Präsidentin der Architektenkammer ­Berlin. Mehr Informationen und Artikel zum Thema Transparenz finden Sie in unserem DABthema Transparenz.

Vergabe umgangen – kein Honorar!

Foto: Fotolia Wer das Vergaberecht bewusst umgeht, hat keinen Honoraranspruch für bereits erbrachte Leistungen. Text: Lia Möckel Für die Vergabe von Architektenleistungen oberhalb der Schwellenwerte gelten im Grundsatz die allgemeinen Regelungen des Vierten Teils des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) und der unter anderem hierauf beruhenden Vergabeverordnungen (VgV). Öffentliche Auftraggeber sind bei Vergaben von Aufträgen, die den Schwellenwert von derzeit 209.000 Euro überschreiten, an den Verfahrensweg des GWB und der VgV gebunden. Umgeht ein öffentlicher Auftraggeber die Normierungen des Vergaberechts unter sogenannter kollusiver Mitwirkung seines Vertragspartners, also unerlaubt zum Nachteil eines möglichen Bewerbers oder Bieters, kann der Vertrag wegen Sittenwidrigkeit nichtig sein. Über einen solchen Fall hat das Oberlandesgericht (OLG) Saarbrücken am 17.8.2016 entschieden (Az.: 1 U 159/14). Eine Stiftung beabsichtigte den Neubau eines Museums sowie dessen Anschluss an die vorhandene Moderne Galerie Saarbrücken. Da die Stiftung ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke verfolgt und überwiegend vom Bundesland finanziert wird, gilt sie nach dem GWB als öffentlicher Auftraggeber und ist verpflichtet, Architektenleistungen EU-weit auszuschreiben, wenn der maßgebliche Schwellenwert überschritten wird. Im Vorfeld der Vergabe wurde die Stiftung von einem Rechtsanwalt beraten, der mehrfach darauf hinwies, dass wegen der Überschreitung der Schwellenwerte eine EU-weite Ausschreibung der Architektenleistungen zwingend sei. Bei den wesentlichen Besprechungen mit ihm war der Geschäftsführer eines zu jener Zeit beratend tätigen Architekturbüros ebenfalls anwesend und verfügte somit nach Auffassung des Gerichts über den gleichen Kenntnisstand wie der Auftraggeber. Dieses Büro wurde anschließend mit diversen Architektenleistungen beauftragt – ohne die erforderliche Ausschreibung. Später kündigte die Stiftung die Architektenverträge aus anderen Gründen. Danach begehrte das Architekturbüro Vergütung für bereits erbrachte Leistungen und infolge der vorzeitigen Vertragsbeendigung entgangenen Gewinn. Die Stiftung machte ihrerseits die Rückzahlung bereits geleisteter Abschlagszahlungen geltend. Das Gericht stellte allerdings fest, dass die so geschlossenen Architektenverträge wegen Sittenwidrigkeit nichtig seien. Der Vorstand der Stiftung und der Geschäftsführer des Architekturbüros hätten nämlich bei Abschluss dieser Verträge unter Außerachtlassung der vergaberechtlichen Vorschriften kollusiv zusammengewirkt. Ein Rechtsgeschäft ist, so das OLG Saarbrücken, wegen Sittenwidrigkeit nichtig, wenn es nach seinem Inhalt, Beweggrund und Zweck mit den guten Sitten nicht zu vereinbaren ist. Hierbei sei weder das Bewusstsein der Sittenwidrigkeit noch eine Schädigungsabsicht erforderlich. Es genüge vielmehr, wenn der Handelnde die Tatsachen kennt, aus denen die Sittenwidrigkeit folgt. Dem stehe es gleich, wenn sich jemand bewusst oder grob fahrlässig der Kenntnis erheblicher Tatsachen verschließt. Nach diesen Grundsätzen ist ein Vertrag nichtig, der unter Außerachtlassung von Vergabevorschriften zum Nachteil potenzieller anderer Bieter geschlossen wurde, wenn der öffentliche Auftraggeber in bewusster Missachtung des Vergaberechts handelt und der Vertragspartner hiervon Kenntnis hat. Das hat das OLG Düsseldorf bereits in einem Beschluss vom 3.12.2003 festgestellt (Verg 37/03). Das OLG Saarbrücken räumt zwar in seinem aktuellen Urteil ein, dass der Auftragnehmer grundsätzlich nicht verpflichtet sei, zu prüfen, ob der Auftraggeber sich an die Vorgaben des Vergaberechts hält. Anders liege der Fall aber dann, wenn der Auftragnehmer weiß, dass der Auftrag ausgeschrieben werden müsste, er sich hierüber aber im Zusammenwirken mit dem öffentlichen Auftraggeber bewusst hinwegsetzt. Rechtsfolge eines nichtigen Vertrages wegen Sittenwidrigkeit ist die Unwirksamkeit des Vertrages. Fraglich ist jedoch, wie mit wechselseitigen Ansprüchen umzugehen ist, die sich aus einem unwirksamen Vertrag ergeben. Grundsätzlich ist hierfür im Bereicherungsrecht eine Anspruchsgrundlage vorgesehen, die die Rückforderung von solchen Leistungen regelt – also zum Beispiel die Rückzahlung einer Abschlagszahlung an den Auftraggeber. Diese soll ausgeschlossen sein, wenn dem Auftraggeber selbst ein Verstoß gegen die guten Sitten zur Last fällt. Das OLG Saarbrücken sah dies so. Seine Begründung fußt darauf, dass Vergabevorschriften dem Schutz eines fairen Wettbewerbs, der Korruptionsprävention sowie dem freien Marktzugang dienen. Schreibt ein öffentlicher Bauherr einen Auftrag oberhalb des Schwellenwerts, trotz Kenntnis der Verpflichtung, nicht aus, verhindere er den Wettbewerb und darüber hinaus den Rechtsschutz möglicher anderer Bieter. Diese können dann mangels Kenntnis der Auftragsvergabe keinen Nachprüfungsantrag stellen. Deshalb ist es nach dem Urteil aus generalpräventiven Gründen gerechtfertigt, die Rückforderung in diesem Fall auszuschließen. Das Gericht gelangte daher zu dem Ergebnis, dass weder der Auftraggeber bereits gezahlte Abschlagszahlungen zurückverlangen kann noch der Auftragnehmer noch nicht honorierte, aber bereits erbrachte Leistungen sowie entgangenen Gewinn vergütet bekommt. Diese Entscheidung zeigt einmal mehr, dass sich ein Vertrag, der unter Verstoß gegen das Vergaberecht zustande kommt, für beide Seiten nicht lohnt. Wer ihn trotzdem abschließt, ist im Rahmen eines (vermeintlichen) Architektenvertrages vorleistungsverpflichtet. In der Praxis sollte daher dringend davon abgesehen werden, mit einem öffentlichen Auftraggeber einen Vertrag ohne Durchführung eines Vergabeverfahrens zu schließen, wenn das Honorar den derzeitigen Schwellenwert von 209.000 Euro überschreitet. Lia Möckel ist Rechtsanwältin (Syndikusrechtsanwältin) bei der Bayerischen ­Architektenkammer. Mehr Informationen und Artikel zum Thema Recht finden Sie hier.

Macht und Zauber

Eis gebrochen: Beim Sehen und Hören in der Elbphilharmonie schmilzt die hanseatische Kühle dahin. Ein Besuch in der Elbphilharmonie, in der auch ohne Musik ein Konzert der Räume und Perspektiven spielt. Text: Claas Gefroi Für Architekturkritiker ist auf der Suche nach eindrucksvollen Metaphern für die Elbphilharmonie kein Vergleich zu hoch oder zu gewagt. Der Rezensent einer großen deutschen Tageszeitung nannte Hamburgs neues Wahrzeichen eine „Kathedrale der Klänge“. Dabei war bei Erscheinen des Textes noch kein Ton im Konzert erklungen – und hat die Elbphilharmonie nichts Sakrales oder Erhabenes an sich. Sie ist alles andere als ein weihevoller Musentempel, denn sie macht keinen Hehl aus der in ihrem Pragmatismus typisch hamburgischen Mischung von Hochkultur mit drei Konzertsälen, einem „Klingenden Museum“ für Kinder und den eher amusischen Angeboten 5-Sterne-Hotel, Luxus-Eigentumswohnungen, Restaurants, Cafés und Parkhaus. U und E, Souvenirs und Symphonien liegen hier sehr dicht beieinander. Und dennoch ist jeder empfindsame Mensch ergriffen von diesem Bau. Er ist ein Kunstwerk aus Gegensätzen und Ambivalenzen: Enge und Weite, Offenheit und Geschlossenheit, Licht und Schatten treffen in einer Dramatik aufeinander, die Besucher in ihren Bann zieht. Das hintersinnige Spiel mit Raum, Licht und Materialien beginnt schon außen: Von Westen, aus Richtung Landungsbrücken, wirkt die Elbphilharmonie schlank und rank. Ihre Glasfassade reckt sich dort dramatisch auf bis zu 110 Meter Höhe. Man muss an expressionistische Bauten und Architekturvisionen der 1920er-Jahre denken. Auch Fritz Högers Chilehaus ist eine berechtigte Assoziation, obwohl der Elbphilharmonie dessen Spitze fehlt. Richtung Osten, zur Hafencity hin, verliert dieser gläserne Aufbau auf den alten backsteinernen Speicherwänden ganze 30 Meter Höhe, sodass er vom Kaiserkai aus eher wuchtig und lastend wirkt, die Horizontale betonend. Treppe gekrümmt (rechts): Der Rolltreppen-Buckel hat keinen funktionalen Grund, sondern soll die Überraschung am Ziel steigern. Dass die Glasfassade dennoch nicht streng oder langweilig erscheint, ist zum einen der auch hier wogenden Dachlandschaft geschuldet, die aus insgesamt acht ineinander geschnittenen Kugelteilflächen besteht und von 1.000 unterschiedlich gekrümmten stählernen Dachträgern gehalten wird. Zum anderen jedoch tragen die Glasfassadenelemente selbst zum lebhaften Erscheinungsbild bei: Keines gleicht exakt dem anderen. Einige werfen gleichsam Blasen, sind nach außen gebogen, um Platz zu schaffen für schmale seitliche Lüftungsöffnungen. Die Wohnungen erhielten zudem Balkone, deren gläserne Brüstungen wie schmelzendes Wachs herunterrinnen und tropfenförmige Öffnungen freigeben. Und jedes der insgesamt 1.089 einschaligen, jeweils fünf Zentimeter starken Fassadenelemente besitzt eine individuelle Bedruckung aus grauen Punkten für den Sonnenschutz und Chrompunkten für einen Spiegeleffekt an der Außenseite. Diese Glasfassade ist einzigartig. Dank ihrer besonderen Beschaffenheit wirkt das Gebäude je nach Standpunkt, Tageszeit und Wetterlage immer wieder unterschiedlich: Mal verschmilzt es mit dem Blau und Grau des Himmels, mal glitzern und spiegeln sich Stadt und Elbstrom darin, manchmal schimmert es, von der Abendsonne angestrahlt, golden. Und nachts schließlich verliert die Hülle ihren um- und abschließenden Charakter, wird transparent und lässt Blicke tief ins erleuchtete Innere zu. Es gibt sie nicht, die eine Elbphilharmonie, sondern derer viele; sie erscheint auch Hamburgern bereits vertraut und zugleich immer wieder neu. Die Plaza als sonderbarer Zwischenort Das Spiel mit Erwartungen und Kontrasten setzt sich auch im Inneren fort. Statt durch ein prächtiges Portal betritt der Besucher das Gebäude durch einen unscheinbaren, schmalen, mit Metallschotten gegen Sturmfluten gesicherten Schlitz, der früher einmal eine Laderampe für LKWs war. Ist er passiert, gleitet man auf einer endlos scheinenden, bogenförmig gekrümmten Rolltreppe durch eine Röhre. Der Zweck der Krümmung ist kein funktionaler. Vielmehr soll der Besucher am Beginn des Aufstiegs noch nicht den Endpunkt ausmachen können. So endet die Fahrt unversehens an einer Gebäudeöffnung, in der einst das Logo des Speicher-Betreibers HHLA prangte und die nun als Loggia erste Ausblicke Richtung Landungsbrücken und Altona erlaubt. Eine Drehung weiter und nach einem erneuten kurzen Anstieg erreicht man die „Plaza“ – das Dach des einstigen Kaispeichers A, das nun als öffentliche Besucherplattform und Verteilerebene dient. Wogende Landschaft: 8.359 eloxierte und pulverbeschichtete weiße Aluminium-Pailletten bilden das Dach. Es ist ein sonderbarer Zwischenort, ein eingeschossiger Spalt zwischen dem Backsteinkoloss unten und dem gewaltigen neuen Aufbau oben, und an den Seiten die Weite des Hamburger Fluss- und Stadtpanoramas. Dass der Außenraum auch tief im Inneren der Plaza sichtbar ist, ist auf die Glasvorhänge zurückzuführen, die das Innere der Ebene von dem umlaufenden offenen Galeriegang trennen und Besucher vor dem Wind schützen. Diese Glasschotten sind nicht einfach vertikale Scheiben, es sind wunderbar durch den Raum mäandrierende, schwingende Vorhänge, die trotz ihrer Massivität leicht und luftig wirken. Je nach Standpunkt des Betrachters und Krümmungsgrad der Glaselemente scheinen sie mal reflektierend, mal transparent, manchmal beides zugleich. Durch die Krümmungen wird das vor oder hinter dem Glas Liegende zudem immer wieder bizarr verzerrt – ein Spiel mit der Wahrnehmung wie in einem Glasirrgarten oder Spiegelkabinett. Angesichts all des Glases stellt man sich unwillkürlich die Frage, wo nur in aller Welt der über einem ruhende, gewaltige Neubaukörper aufgelagert wird. Nun, die ihn tragenden Stützen und Wände liegen tief im Inneren. Ziel der Architekten war es, dass am Gebäuderand keine Stützen sichtbar sind, um den Eindruck einer durchlaufenden Fuge zwischen Alt und Neu nicht zu stören. Dafür wurde großer Aufwand betrieben: Die Vertikalkräfte der Fassade wurden über geneigte Stützen, die durch die drei unteren Neubau-Geschosse laufen, auf eine hintere Stützenreihe abgeleitet. Die vor diesen Stützen liegenden Bereiche dieser drei Ebenen wiederum wurden an den darüber liegenden Ebenen aufgehängt. Es ist dies nur eines von vielen Details dieses im Verborgenen wirkenden, außerordentlich komplexen und aufwändigen Tragwerks. Wer eine Ahnung erhalten möchte, wie kompliziert die Konstruktion tatsächlich ist, dem sei der Besuch der Website des Architekturfotografen Oliver Heissner empfohlen, der während des gesamten Bauprozesses kontinuierlich Fotos anfertigen durfte (oliverheissner.net). Spiel mit der Wahrnehmung: Die gewölbten Fenster der Fassade ¬lenken, fokussieren oder verzerren den Blick – die Überraschung endet nie. Mit jedem Schritt verändert sich der Eindruck Über spiralförmige, verwinkelte, schluchtenartige Treppenräume, die das in der Fassade aufscheinende Bild einer Kristallstruktur im Inneren fortführen, gelangt man in die Foyers und Wandelgänge des Konzerthauses. Es sind die wohl berückendsten Räume des Gebäudes. Mit jedem Schritt verändert sich der Eindruck. Stützen, Lufträume und Brüstungen arrangieren sich immer wieder neu, Enges trifft auf Weites, Geknicktes auf Gerades, Offenes auf Geschlossenes. Der eiförmige Große Saal ist mit seiner Unterseite, die hier die Decke bildet, bereits als raumgreifende Skulptur omnipräsent. Und als wäre dies alles noch nicht genug, tritt dank der raumhohen Verglasungen auch das Wetter als Akteur hinzu. Fantastisch sind die Momente, wenn die Wolkendecke aufreißt und urplötzlich die Sonne die vorher diffus beleuchteten Fluchten mit ihrem Licht ausfüllt und Schatten wirft – die mannigfaltig gefalteten Wände und Decken erhalten schlagartig Plastizität und Präsenz. Dramatischer kann sich Raum nicht verändern; hier werden die Macht und der Zauber spürbar, die Architektur entfalten kann. Die Glasfronten selbst spielen auf ganz eigene Weise mit den Erwartungen der Besucher. Die gleichförmigen Glasfassaden der meisten Hochhäuser erscheinen tagsüber von außen zumeist wie monotone, leblose dunkle Flächen. Das Versprechen der Transparenz von Glasfassaden wird ja tagsüber immer nur in eine Richtung eingelöst – von innen nach außen. Erst abends, wenn im Inneren die Lichter angehen, können Passanten tatsächlich für kurze Zeit Einblick erhalten. Und im Inneren besticht die vollkommene Transparenz nur im ersten Moment; schon recht bald verliert der ständig verfügbare Panoramablick seinen Reiz. Nicht so bei der Elbphilharmonie. Dank der Sonnenschutzbedruckung der Gläser bleibt die Aussicht immer nur ausschnitthaft, eben dort, wo kein Punkteraster die Sicht behindert. Durch diese Rahmen wird der Blick fokussiert – man schaut genauer, konzentrierter, nimmt Details wahr, über die der Blick sonst hinweggeglitten wäre. Und man wird neugierig, wandert von einem Klarglasflecken zum nächsten, entdeckt immer wieder Neues. Von außen wirkt das Glas ungemein lebhaft. Die Scheiben wölben sich, sie besitzen helle und dunkle Bereiche, sie reflektieren die Umgebung. Der gläserne Aufsatz auf den alten Backsteinmauern ist – anders als so viele gläserne Hochhausbauten – kein sich von der Stadt abwendender, verschlossener Solitär, sondern Teil seines Umfelds, ein Stadtbaustein. Treppen-Erlebnis: Bei jedem Schritt auf dem Weg in die Foyers wechselt der Eindruck. Enges trifft auf Weites, Geknicktes auf Gerades. Von den Foyers schließlich geht es ins Innerste des Gebäudes – den Großen Saal. Man ist überrascht, wie überschaubar er trotz seiner Ausmaße wirkt. Die rundliche Form erzeugt eine Fokussierung auf die Mitte mit dem Orchesterpodest. Die steilen Ränge bieten, wie schon oft beschrieben, tatsächlich auf jedem Platz nicht nur das Gefühl, sondern die Möglichkeit, ganz nah am Geschehen zu sein: Kein Sitz ist weiter als 30 Meter vom Dirigenten entfernt. Weil die Ränge unterschiedlich gestaffelt wurden, bilden sie kleine, räumlich voneinander abgetrennte Bereiche – so entsteht, in einem Saal für 2.150 Zuhörer, so etwas wie Intimität. Hier ist, anders als in herkömmlichen Sälen mit lediglich einer Unterteilung zwischen Parkett und Rang und schier endlosen Sitzreihen, niemand Teil einer Masse. Die sogenannte „weiße Haut“, eine Verkleidung der Wände und Brüstungen aus 10.000 weißen, massiven, immer unterschiedlich gefrästen Gipsfaserplatten, nimmt das Thema von Individualität und Einzigartigkeit auf. Zwar ­dienen die computergesteuert ins Material gebrachten unterschiedlichen muschelförmigen Vertiefungen der Verkleidungen (zusammen mit dem großen trichterförmigen Deckenreflektor) einer gezielten Streuung des Schalls und somit einer optimalen Saalakustik. Doch prägen die feinporigen Oberflächen auch den Raum, geben ihm Unverwechselbarkeit und Lebendigkeit. Im Kleinen Saal, einer klassischen Schuhschachtel, regulieren Wandverkleidungen aus gewellten Eichenholzpaneelen den Schall, auch sie individuell geschnitten, auch hier jede ein Unikat. Geschichte und Gegenwart kommen zusammen Der Redaktionsschluss für dieses Heft lag wenige Tage vor dem Eröffnungskonzert. Noch weiß niemand, ob die Elbphilharmonie tatsächlich jenes Konzerthaus von Weltrang wird, zu dem sie bereits stilisiert wurde. Dies ist eine für Musikliebhaber nicht ganz unbedeutende Frage. Doch für weit mehr Menschen, schlicht für jeden, der dieses Gebäude anschaut, passiert oder vielleicht nur für eine Tasse Kaffee besucht, ist weit wichtiger, was die Elbphilharmonie schon jetzt ist: ein Fixpunkt, ein Ort der Identifikation und der Selbstvergewisserung in einer Stadt, die es in ihrer bürgerlichen Tradition nie für nötig hielt, sich ein Wahrzeichen zu bauen. In der Elbphilharmonie kommen Geschichte und Gegenwart zusammen. Undurchsichtiges und Transparentes, ein steinerner alter Speicher und ein neuer, gläserner Aufbau vereinen sich zu einem Ganzen. Die Elbphilharmonie ist immer beides: irden und luftig, schwer und leicht, statisch und dynamisch, aber die Gegensätze entzweien das Gebäude nicht, sondern geben ihm einen unverwechselbaren Charakter. Es ist mit ihr gelungen, Rodins Satz auf die Architektur zu übertragen: „Skulptur ist die Kunst der Buckel und Höhlungen, die Kunst, die Formen im Spiel von Licht und Schatten darzustellen.“ Claas Gefroi ist freier Autor sowie Presse- und Öffentlichkeitsreferent der Hamburgischen ­Architektenkammer. Mehr Informationen und Artikel zum Thema Transparenz finden Sie in unserem DABthema Transparenz.