BAU, Bits und Bytes

Tippen statt hämmern: Software stieß auf der Messe BAU auf ebenso viel Interesse wie Baustoffe und Werkzeuge. Neben Baustoffen und Bauprodukten bot die BAU-Messe in München auch einen Überblick über Bausoftware und Hardware. Im Trend lagen VR-Brillen, die Digitalisierung am Bau und BIM. Text: Marian Behaneck Die Virtual Reality (VR), die interaktive Präsentation von Projekten oder Produkten innerhalb virtueller Welten, ist im Baubereich angekommen – und ebenso die Augmented Reality, die Überlagerung digitaler Informationen mit der realen Umgebung. VR-Brillen in allen Formen und Ausführungen konnte man auf der Messe BAU in München sehen und ausprobieren. Software-Anbieter wie Autodesk, Computerworks, Trimble und viele weitere haben sich quasi gegenseitig überboten. Trimble stellte beispielsweise den neuen SketchUp-Viewer für die HoloLens- Holografie-Brille von Microsoft vor. Die neue Mixed-Reality-Lösung projiziert 3D-Modelle holographisch auf die reale Welt (www.trimble.com). Weniger Show-Charakter hatten die eigentlichen zentralen Themen der BAU-IT-Sonderschau 2017. Das waren neben BIM und der Digitalisierung am Bau, das kooperative Planen, die visuelle Kostenplanung und Ausschreibung oder das Mobile und Cloud Computing. BIM, CAD & Co. Die neue Version 2017-1 der BIM-Konstruktionssoftware Allplan vom gleichnamigen Hersteller offeriert neue Werkzeuge für die Zusammenarbeit in BIM-Projekten. So lassen sich mit der Task-Board-Funktion Aufgaben zuordnen, verwalten und nachverfolgen. Angebunden ist das Task-Board an die cloudbasierte OpenBIM-Plattform bim+ für den Austausch und die Koordination von BIM-Projektdaten. Auch das Modellieren und Modifizieren von 3D-Körpern, Freiformen oder Bauteilen wurde erweitert und eine IFC4-Schnittstelle für den BIM-Export ergänzt (www.allplan.com). Bereits Ende Oktober haben Autodesk und RIB Software ihre Kooperation zur Entwicklung einer 5D BIM-Lösung der nächsten Generation bekannt gegeben. 5D-BIM verknüpft die 3D-Konstruktionsmodellierung und visualisierung mit dem zeitlichen Ablaufplan (4D) und kostenbezogenen Projektinformationen (5D) in Echtzeit. (www.autodesk.de und www.rib-software.de). Durch die Brille: Trimble bietet Virtual-Reality-Werkzeuge, mit denen Planer ihre Entwürfe überprüfen und Bauherren Projekte dreidimensional begutachten können. Mit der BIM-Software Archicad 20 unterstützt der Hersteller Graphisoft Open BIM, die fachübergreifende Zusammenarbeit aller Projektpartner und deren Softwarewerkzeuge unterschiedlicher Hersteller: Neben der BIM-Software Archicad oder der Echtzeit Teamwork-Lösung BIMcloud bietet Graphisoft jetzt auch eine integrierte Verbindung zwischen Archicad und dem Modellkontroll-Werkzeug Solibri Model Checker. Damit können Anwender ihr Gebäudemodell im CAD-Programm überprüfen und kontinuierlich einem Qualitäts-Check unterziehen (www.graphisoft.de). Die Version 2017 der CAD- und BIM-Software Vectorworks Architektur von Computerworks unterstützt Planer mit neuen Funktionen in den Bereichen BIM, Datenmanagement und Kooperation. Dazu gehören unter anderem ein Abgleich unterschiedlicher IFC-Daten oder eine IFC-basierende Steuerung der Objektdarstellung. Mit den neuen Webview- und VR-Funktionen wird ein Link erzeugt, der es Bauherren oder Planungspartnern erlaubt, Projekte überall und auf jedem PC in 3D zu betrachten und virtuell zu begehen (www.computerworks.de). Die CAD-Lösung Cadder des Herstellers Reico ist entgegen dem aktuellen Cloud-Trend noch ganz herkömmlich käuflich zu erwerben; auch bei Abschluss eines Servicevertrags besteht kein Online-Zwang. Die aktualisierte Version kann mit dem Finger oder einem digitalen Zeichenstift auf einem Multitouch-Display bedient werden, aber auch konventionell mit der Maus. Neu ist die bereits beim Entwurf mitlaufende Baukostenschätzung (www.reico.de). AVA-, Kosten- und Terminplanung Von der BIM-Planungsmethode und Gebäudedatenmodellen versprechen sich auch AVA-Hersteller für die Kostenplanung und Ausschreibung zahlreiche Vorteile. So können beispielsweise mit Bechmann BIM und Bechmann AVA 2017 vom gleichnamigen Hersteller Kostenberechnungen bereits in frühen Leistungsphasen auf Basis von einfachen BIM-Modellen erstellt werden (www.bechmann.de). Auch G&W Software automatisiert mit der neuen Version 8 der AVA- und Baukostenmanagementlösung California.pro Vergabeprozesse und den BIM-Datenaustausch. So wurde etwa eine neue DIN SPEC 91350-Schnittstelle, die den Datenaustausch von BIM-Bauwerksmodellen und Leistungsverzeichnissen regelt, in das Zusatzmodul BIM2AVA 2.0 integriert (www.gw-software.de). Für mehr Durchblick: Orca verknüpft BIM mit AVA, was für bessere Orientierung sowie transparentere Mengenermittlungen und Kostenplanungen sorgen soll. Eine konsequente Ausrichtung an die BIM-Arbeitsweise verfolgt auch Nevaris Bausoftware. Mit iceBIM sollen die 3D-Modellierung und AVA sowie Kalkulation, Abrechnung und Controlling in einer Software verbunden werden (www.nevaris.com). Die webbasierte AVA- und Projektmanagement-Software Nova AVA wurde kürzlich von einer vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zertifizierten IT-Prüfstelle geprüft und für sicher befunden. Außerdem erhielt die Weblösung kürzlich die GAEB XML 3.2 Zertifizierung. In der Version 22 der AVA- und Kostenmanagement-Lösung Orca AVA von Orca Software erleichtert die neue IFC-Mengenübernahme 2.0 inklusive 3D-Visualisierung die räumliche Orientierung und Zuordnung von AVA- und Kostendaten. Einzelne Bauteilgruppen können ein- bzw. ausgeblendet werden, was komplexe Modelle transparenter macht. (www.orca-software.com). Dokumentation und Management Zur Digitalisierung gehört auch die konsequente Erfassung von Daten direkt auf der Baustelle. Was früher umständlich per Notizzettel und Fotoapparat dokumentiert wurde, etwa Materialschäden oder Montagefehler kann heute rationell per Smartphone oder Tablet digital erfasst, sofort verarbeitet, zugeordnet und an Beteiligte weitergeleitet werden – etwa mit dem BKI Fotoaufmaß 3D, das auf Seite 12 rechts dieser Ausgabe vorgestellt ist. Die neue Version der digitalen Baudokumentation pro-Report von Gripsware unterstützt die Bautagebuch-Erstellung und Mängelverfolgung vor Ort. Dazu werden auf der Baustelle Leistungsstände, Mängel oder Checklisten inklusive Fotos oder Sprachnotizen erfasst und sofort den richtigen Gewerken und Unternehmen zuordnet. Die mobil erzeugten Berichte lassen sich anschließend mit den Bürodaten synchronisieren (www.gripsware.de). Balken und Torten: Bei Wiko sollen Controlling-Dashboards den Überblick über den aktuellen Stand und aktuelle Projektdaten vereinfachen. In der neuen Version 14 der Projektmanagement-Lösung Powerproject von Asta Development ermöglicht die integrierte Risikoanalyse das Identifizieren und Bewerten von Risiken. Einen Überblick über den Projektfortschritt verschafft der neue EVA-Reporter. Auch der kostenfreie Asta Project-Viewer ist jetzt BIM-fähig (www.astadev.de). Mit docu-tools von Sustain Solutions und MobiPlan von Eyeled wurden auf der Baumesse erstmals zwei neue flexible Web-Lösungen zur Dokumentation von Baustellenabläufen oder Mängeln vorgestellt. Damit werden Sprach- und Textinformationen, Fotos oder Videos erstellt und direkt vor Ort Plänen zugeordnet (www.docu-tools.com und www.eyeled.de). Mit der Controllinglösung Kobold Control von Kobold Management Systeme lassen sich Projekte so steuern, dass die daran geknüpften wirtschaftlichen Ziele erreicht werden. Ein integrierter Kalender erinnert an auf Wiedervorlage gelegte Termine oder Dokumente. Mit dem Honorar-Modul lassen sich Honorare berechnen, Angebote und Rechnungen erstellen (www.kbld.de). Newforma hat mit Project Information Management (PIM) eine Technologie präsentiert, mit der sich zunehmend komplexere Projektdaten transparent und nachvollziehbar organisieren lassen (www.newforma.de). Neu beim Bürosoftware-Anbieter Projekt Pro ist PRO simulation zur grafischen Einsatzplanung von Mitarbeitern. Diese werden einfach per Drag&Drop auf die jeweilige Leistungsphase gezogen, so dass die Auslastung des Teams und eventuelles Optimierungspotenzial sichtbar werden (www.projektpro.com). Zur BAU hat der Vordruckverlag Weise seine komplette Software-Palette für Büro- und Projektmanagement, Bauzeitenplanung, Baustellendokumentation, SiGe-Koordination sowie Fluchtplan und Brandschutznachweis aktualisiert und erweitert. Zu den Neuerungen zählen individuelle Auswertungen oder eine an 4K-Monitore angepasste Bildschirmdarstellung (www.vordruckverlag.de). Das neue Dashboard der Controlling-Lösung Wiko von Wiko Bausoftware ist eine individuell gestaltbare Ansicht, die Überblick über den aktuellen Stand und aktuelle Projektdaten bietet. Damit lassen sich auch mehrere Projekte gleichzeitig überwachen und Fehlentwicklungen erkennen. (www.wiko.de). untermStrich X bietet neben Instrumenten zur wirtschaftlichen Steuerung auch modulare Lösungen zu Optimierung der Büro-Organisation und des internen Workflows. Mit dokspace hat untermStrich eine neue webbasierte Projektplattform integriert, die speziell für das Plan- und Datenmanagement komplexer Bauprojekte entwickelt wurde (www.untermstrich.com). Höhen und Tiefen: Schnelle Ergebnisse verspricht ein neuartiges Aufmaßsystem von Hottgenroth, das tachymetrische und Fotoaufmaß-Verfahren kombiniert. Hardware zum Drucken und Messen Dass Großformatdrucker auch Textilien für die Innengestaltung mit bis zu 1,6 Meter Druckbreite gestalten können, zeigte der Epson-Stand. Per Sublimationsdrucktechnologie lassen sich individuelle Innenraumdekore oder Designgegenstände als Einzelstück oder in kleinen Auflagen relativ kostengünstig herstellen (www.epson.de). Weil Digitalisierung am Bau bei „A“ wie Aufmaß anfängt, haben neben Leica Geosystems und Bosch immer mehr weitere Anbieter bluetoothfähige Laser-Distanzmesser zur digitalen Übertragung der Messdaten im Produktportfolio, so Stabila mit dem LD 520 und Hilti mit dem PD-C – beides Distanzmesser mit Funk-Datenschnittstelle (www.hilti.de, www.stabila.de). Mit dem BLK360 präsentierte Leica in Halle B6 einen sehr kompakten, über ein iPad bedienbaren 3D-Laserscanner, der mit einer Messreichweite von 60 m Rundum-Scans in nur drei Minuten ermöglichen soll. Die dabei erfassten geometrischen und visuellen Informationen lassen sich überlagern, so dass ein 3D-Panorama entsteht, das zusammen mit der mobilen App ReCap Pro 360 von Autodesk die Bild- und Punktwolkendaten auf einem iPad darstellen und an CAD-, BIM-, VR- und AR-Anwendungen übergeben kann (www.leica-geosystems.com, http://blk360.autodesk.com). Die drei Minuten zu unterbieten, hat sich offensichtlich der Energiesoftware-Anbieter Hottgenroth vorgenommen: HottScan soll die digitale Raumerfassung in nur zwei Minuten ermöglichen. Dank einer Kombination von Aufmaßsystem mit einer Auswertungssoftware werden nur wenige Messwerte benötigt, um einen vollständigen 3D-Raum geometrisch und visuell zu erfassen. Daraus generiert ein Aufmaßprogramm Mengenauswertungen und 3D-Aufmaßskizzen (www.hottscan.de). Der Laserscanning-Spezialist Faro versucht mit dem neuen FocusM 70 Laser Scanner einen neuen Preis-Leistungs-Standard im Einstiegssegment für professionelle Anwendungen im Bausektor zu setzen. Das Gerät wurde speziell für Innen- und Außenanwendungen entwickelt (www.faro.com). Schon seit vielen Jahren erprobte Lösungen für das digitale 3D-Planeraufmaß präsentierte auch Flexijet mit Flexijet4Architects (www.flexijet.info). Schließlich stellte der Messgeräte-Anbieter Testo Wärmebildkamera-Modelle mit bis zu 320 x 240 Pixel IR-Auflösung (www.testo.de) vor. Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz).

Lern-Erfolge

Bau-Leitkultur: Stechen, Zeichnen, Modellieren – und alles ins Radio bringen: Eingewanderte Kinder und Jugendliche machen sich – und dann andere – mit Münchener Architektur vertraut. Vier deutsche Projekte sind zur Teilnahme am „Golden-Cube“-Wettbewerb des Architekten-Weltverbands UIA ausgewählt, der Initiativen der Baukultur-Pädagogik auszeichnet. Eine Stadt aus Tönen Die Münchener Architektinnen Kerstin Hartig und Iris Rosa organisierten gemeinsam mit der Medienpädagogin Eveline Kubitz das Projekt „Wie klingt München?“ in Zusammenarbeit mit Sport trifft Kunst e.V. und Radio Feierwerk. Die 18 Teilnehmer im Alter von 13 bis 15 Jahren waren neu im Land und sprachen kaum Deutsch. Die Kooperation von Architektur und Radio machte die neue Heimat München für die Schüler optisch und akustisch erfahrbar. Die Jugendlichen erhielten eine kreative und interaktive Möglichkeit, sich mit ihrem neuen Zuhause zu identifizieren und Deutsch zu lernen. Projektorte waren die Weilerschule aus dem Jahr 1899, die die Teilnehmer besuchten, der Stadtteil München-Au und weitere Ziele in der Stadt, etwa die Allianz Arena. Die Architektinnen vermittelten ihnen Stadtgeschichte und fertigten mit ihnen Fassadenstudien, Innenraumskizzen und Modelle an. Zum Abschluss wurden die Teilnehmer zu Rundfunkreportern und berichteten auf „Radio Feierwerk“ über ihre Schule oder interviewten Passanten. So wurden sie von passiven, stillen Beobachtern zu aktiven, selbstbewussten Reportern mit viel Hintergrundwissen. Karten für die Stadt-Erkundung Die bayerische Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Architektur und Schule hat im Lauf der Jahre zahlreiche Methoden der Stadterkundung und -darstellung entwickelt. Diese wurden sortiert, auf je einer Karteikarte beschrieben, bei einer mehrtägigen Lehrerfortbildung im Stadtraum ausprobiert, aufbereitet und in einer täglichen „Werkschau“ hinsichtlich ihrer Durchführbarkeit diskutiert und evaluiert. Die Bayerische Architektenkammer sowie das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst unterstützten das Projekt. Jetzt steht der Karteikasten allen Mitgliedern der LAG zur Verfügung. Sie nutzen die Methoden in allen Schularten und Altersstufen, ergänzen sukzessive die Karten und versehen sie mit Bildern von Schülerarbeiten. Die Kartei soll auch als Handreichung für den Unterricht mit rund 60 gedruckten Karten veröffentlicht werden. Ideen auf dem Bierdeckel Bayerns Landesarbeitsgemeinschaft Architektur und Schule ermunterte 4.500 junge Leute zu einer folkloristischen Auseinandersetzung mit Architektur: Sie konnten im Schülerwettbewerb eigene Entwürfe für Plätze, Brachen, Grundstücke und Grünflächen auf Bierdeckel (bayerisch: Bierfilzln) skizzieren. Die Landesarbeitsgemeinschaft, unterstützt von der Bayerischen Architektenkammer und dem Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, resümiert: „Die Ergebnisse des Wettbewerbs geben einen eindrucksvollen Einblick in die Lebenswelten und architektonischen Visionen sowie in die Formensprache bayerischer Schüler/-innen.“ Aus mehr als 650 eingereichten Modellen wurden zwölf Preisträger in drei Altersstufen ausgewählt, die mit ihren Lehrern zur Architektur-Biennale nach Venedig reisen durften. Alle eingereichten Arbeiten wurden im Internet präsentiert, die besten in einer Broschüre. www.filzl.architektur-und-schule.org Kleine Erbauer großer Türme Die Architektin Katharina Walterspiel und die Sonderschullehrerin Maria Koch aus München ermuntern Sechs- bis Elfjährige zum Bau von Türmen. Sie vermitteln ihnen die Geschichte und Konstruktion einzelner Türme, lassen sie die Architektur zeichnen und bauen im Team ein großformatiges Modell aus Recyclingpapier. Jedes Blatt wird zu einem stabilen Element gefaltet; diese Elemente werden dann mit Büroklammern verbunden. Die Initiatorinnen verweisen auf die bescheidenen Kosten von unter zehn Euro pro Modell. Die Schüler kommen aus verschiedensten Kulturkreisen und werden im Projekt meist zum ersten Mal mit Architektur konfrontiert. Durch das genaue Kennenlernen bedeutender Türme entwickeln sie ein Bewusstsein für Qualität, Proportion, Konstruktion, Stabilität und Material.

Elektronisches Haus

Zentrales Element: Der Raumregler Corlo Touch KNX bildet die Schnittstelle zwischen Nutzer und Gebäude, denn darüber werden alle programmierten Funktionen gesteuert. Ein Hersteller von Steuerungstechnik nutzt in seinem Neubau die Potenziale der vernetzten Gebäudeautomation. Text: Marion Goldmann Dass es möglich ist, Gebäudetechnik auf einem hohen Energiespar- und Sicherheitslevel einzurichten und gleichzeitig den Nutzern eine weitreichende Mitbestimmung zu ermöglichen, zeigt die 2015 fertiggestellte Firmenzentrale von Elsner Elektronik im baden-württembergischen Ostelsheim. Architekt war Willi Burk von 21-ARCH in Calw. Die Automation des Gebäudes wurde vollständig auf Basis des BUS-Systems KNX realisiert, wobei größtenteils Steuerungstechnik von Elsner Elektronik eingesetzt wurde, ergänzt durch Systeme und Lösungen anderer Hersteller. So wurden neben Klimasteuerung, Lüftung und Beschattung auch Medientechnik, Sicherheits- und Überwachungsfunktionen eingebunden. Das Projekt zeigt somit die Möglichkeiten auf, die eine durchgängige Vernetzung aller Gewerke eröffnet. In das Konzept flossen auch die Wünsche der Bauherren Jutta und Thomas Elsner in Bezug auf die Architektur des Hauses ein: „Wir bevorzugen beispielsweise große Glasflächen, um die Wiesen und Wälder rund um unseren Standort sehen zu können. Trotzdem sollte der Energieverbrauch möglichst gering sein. Wärmegewinne müssen also berücksichtigt werden.“ Diese Anforderungen wurden mithilfe einer sonnenstands- und innentemperaturgesteuerten Beschattung, Nachtrückkühlung und einer durchdachten Temperaturregelung realisiert. Eine zentrale Funktion übernimmt dabei der Raumregler „Corlo Touch KNX“, der unterschiedlichste Funktionen steuert und durch sein Touch-Display gleichzeitig als Bedieneinheit in den einzelnen Büros dient. Komfortable Bedienung Thomas Elsner weist darauf hin, dass Energieverluste nur durch vernetzte Anlagen der technischen Gebäudeausrüstung vermeidbar seien. Wird zum Beispiel das Fenster geöffnet oder das Gebäude durch Sonneneinstrahlung aufgrund der großen Glasflächen erwärmt, muss die Heizung ausgeschaltet bleiben. Um die Räume in der warmen Jahreszeit vor Überhitzung zu schützen, ist natürlich auch eine Beschattung erforderlich. Ihre Steuerung erfolgt auf Basis von GPS-Daten, die die Wetterstation auf dem Dach liefert. Die daraus berechneten Sonnenstands-Daten werden raumweise auf die Corlo-Touch-Regler übertragen; die Jalousien werden entsprechend raumweise angesteuert und auch erst dann heruntergefahren, wenn die gewünschte Raumtemperatur erreicht ist. So wird beispielsweise die Jalousie eines nach Osten orientierten Büros nicht heruntergefahren, wenn die Sonne im Süden steht. Trotz dieser automatisierten Abläufe können die Mitarbeiter die Jalousien über das Touch-Display des Raumreglers auch selbst betätigen – ebenso wie die Funktionen Heizung und Kühlung. Für die ­Bauherren liegt darin ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg. Ihre langjährigen Erfahrungen als Hersteller von Steuerungstechnik haben gezeigt, dass der einfache Zugang zur Technik und individuelle Eingriffsmöglichkeiten essenziell für die Akzeptanz durch die Nutzer sind. Der Raumregler mit Touch-Display bildet somit die Schnittstelle zwischen Nutzer und Gebäude. Die Automatik setzt der manuellen Bedienung nur dort Grenzen, wo es um zu hohen Energieverbrauch oder den Schutz der Einrichtungen geht. Unter anderem stellen sich bei geöffnetem Fenster Heizung oder Klimaanlage aus oder es lassen sich bei Sturm die Jalousien nicht herunterfahren. Zum Beispiel Sonnenschutz: Trotz der sonnenstands- und innentemperaturgesteuerten Beschattung… Das System bietet noch eine Reihe weiterer Funktionen. In den Büros kann das Licht über das Display des Raumreglers oder die im gleichen Design gehaltenen Schalter individuell geschaltet werden. In den Konferenzräumen erfolgt auch die Bedienung von Beamer, Leinwand oder Sound über das Display oder alternativ über die zugehörige App via Smartphone oder Tablet-PC. In den Toiletten und Gängen erkennen Präsenzmelder die Anwesenheit von Personen und regeln das Licht energieeffizient. In der Produktionshalle sorgt der „Abwesenheits“-Modus dafür, dass nach Feierabend Werkzeuge und Maschinen vom Stromnetz getrennt werden und auch keine Energie zur Warmwasseraufbereitung verbraucht wird. …können die Mitarbeiter in ihrem Büro die Jalousien ihrem individuellen Empfinden entsprechend einstellen. Die Bedienung erfolgt mittels Touch-Display einfach und komfortabel. Oberste Priorität hatte für die Bauherren zudem die Sicherheit. Hier wurden verschiedene Szenarien, wie Brand oder Einbruch, berücksichtigt. Beispielsweise starten die Rauchmelder im Brandfall ein Sicherheitsprogramm, das den Brandschutzvorhang der Galerie im Bürotrakt herunterfährt, alle Jalousien hochfährt und Zufahrts-Tore öffnet. Zusätzlich wird eine Meldung per Telefonanruf abgesetzt. Dabei wählt das System hinterlegte Telefonnummern der Priorität nach an, bis jemand erreicht wird. Installation kein Hexenwerk Das Firmengebäude wurde 2016 mit dem SmartHome Deutschland Award der SmartHome Initiative Deutschland als „bestes realisiertes Projekt“ ausgezeichnet. Denn obwohl eine durchgängige Vernetzung aller Haustechnik-Gewerke prinzipiell schon seit Jahren möglich ist, erfolgt dies in der Praxis eher selten. Dabei ist der Weg dahin technisch weit unkomplizierter als oft vermutet; es entstehen auch keine deutlich höheren Kosten. Thomas Elsner meint, eher das Gegenteil sei der Fall: „Ich bin mir sicher, dass wir allein bei der Rauminstallation im Vergleich zur konventionellen Elektroinstallation deutlich günstiger sind. Jeder Raum ist ja nur mit einem Bediengerät in Form eines kleinen Bildschirms ausgestattet.“ Der Konferenzraum macht die Reduzierung besonders deutlich. Klimaanlage, Heizung, Multimedia und so weiter erforderten normalerweise mindestens acht Schalter und Regler. Die Planung einer gewerkeübergreifenden Vernetzung mithilfe eines BUS-Systems obliegt zwar in der Regel dem Elektrofachplaner, doch nicht jeder schlägt das dem Architekten vor. Falls Bauherren und Architekten vor allem hinsichtlich des energieeffizienten Gebäudebetriebs und einer angenehmen Arbeitsatmosphäre für die Nutzer dies dennoch wünschen, müsste der Fachplaner für die Anlagen der Gebäudetechnik lediglich KNX-Schnittstellen ausschreiben, sagt Elsner. Alle Gewerke werden somit zwangsläufig über KNX miteinander verbunden und programmiert. Bei der Planung des Gebäudes sind zudem einige bauliche Anforderungen zu berücksichtigen – zum Beispiel der Platz für BUS-Systemgeräte und Aktoren sowie Raum für die Verkabelung, die hier im Doppelboden untergebracht wurde. Wichtig ist zudem die sinnvolle Platzierung der Sensoren für Innen- und Außendaten. Ist das System einmal installiert und programmiert, erfordert die laufende Unterhaltung keinerlei Wartung. Die Vernetzung an sich läuft vollautomatisch und innerhalb des Gebäudes ab. Den Bauherren war auch ein Fernzugriff auf ihre Firmenzentrale via Smartphone und Tablet wichtig, da in die Gebäudeautomation auch der Feuer- und Einbruchalarm integriert ist. Im Ernstfall klingelt dann beim Geschäftsführer das Telefon; ebenso wenn ein Präsenzmelder eine Person im Haus meldet, obwohl niemand anwesend sein dürfte. Sicherheit ermöglicht der Fernzugriff auch bei der Gebäudereinigung. Das Personal ist dafür mit einer Fernbedienung ausgestattet, die das Gebäude in den „Reinigungsmodus“ versetzt. Bei Aktivierung schaltet sich das Licht an und die Jalousien bewegen sich in die definierte Position. Die Schnittstelle für die Datenübertragung vom Inneren des Gebäudes nach außen erfolgt über einen Rechner mit virtuellem passwortgeschütztem privatem Netzwerk (VPN). Gegen den Zugriff auf die Daten durch Unbefugte werden laut Thomas Elsner die gleichen hohen Sicherheitsmaßnahmen getroffen wie bei PC-basierten Systemen auch.

40 Jahre HOAI

Die HOAI ist ein unverzichtbares Instrument zur Sicherung einer hohen Planungsqualität. Und feiert 40-jähriges Bestehen. Der Standpunkt. Seit 1977 gibt es die HOAI – heute natürlich nicht mehr in der damaligen Fassung, sondern mehrfach gründlich aktualisiert und modernisiert. Ihren Wert hat vor Kurzem Barbara Hendricks, die Bundesministerin für Umwelt und Bau, bündig zusammengefasst: „Die HOAI stärkt die Baukultur in unserem Land. Sie ist ein wichtiges und unverzichtbares Instrument zur Sicherung einer hohen Planungsqualität. Der Erhalt des verbindlichen Preisrechts für Architekten- und Ingenieurleistungen in Deutschland ist die Voraussetzung für einen fairen Leistungswettbewerb. Architekten- und Ingenieurleistungen dürfen nicht zu Dumpingpreisen angeboten werden.“ Damit wandte sich Ministerin Hendricks gegen Versuche der Europäischen Kommission, die HOAI abzuschaffen. Solche Versuche gab es auch schon in der deutschen Politik; zum Glück sind sie gescheitert. Die Ansinnen werden immer gleich begründet: Die HOAI behindere den freien Wettbewerb unter Planern und den Marktzugang neuer Büros, sie sei bürokratisch und verbraucher-unfreundlich. Wie falsch das alles ist, zeigt die Entwicklung des Berufsstands: Allein in den sechs Jahren von 2008 bis 2014 ist die Zahl der Architekturbüros von 35.021 auf 41.117 gestiegen. Ein Siebtel mehr Büros unter Geltung der HOAI – das spricht nicht gegen, sondern für sie. Gerade für junge, kleine und aus dem Ausland herziehende Büros ist die HOAI als Schutzschirm attraktiv, der Honorar-Dumping verhindert und einen Wettbewerb um höchste Qualität statt um den niedrigsten Preis fördert. Noch wichtiger ist ihr Nutzen für Bauherren und Gesellschaft. Sie ermuntert dazu, nicht den billigsten, sondern für die jeweilige Aufgabe besten Architekten zu beauftragen. Sie macht die Honorare transparent, gut ermittelbar und erspart viel zähes Verhandeln. Damit ist sie Verbraucherschutz im besten Sinn – den sich eigentlich und grundsätzlich auch die EU auf die Fahnen geschrieben hat. Berufspolitisch und juristisch unternehmen die Organisationen der deutschen Architekten und Ingenieure darum ihr Möglichstes, um die HOAI zu erhalten. Aber wir können auch in der täglichen Praxis für das Ansehen der HOAI arbeiten. Das beginnt damit, Bauherren über das umfangreiche, komplexe und für Außenstehende nicht leicht zu durchdringende Regelwerk aufzuklären. Potenzielle Auftraggeber sollten verstehen, was wir inhaltlich leisten müssen und auch können. Wichtig ist dabei, zu betonen, dass die HOAI einen nicht ganz einfach strukturierten, doch sehr brauchbaren formalen Rahmen für unsere geistig-schöpferischen Leistungen darstellt. Sie macht den geleisteten Zeitaufwand und das damit verbundene Honorar nachvollziehbarer und akzeptabel. Nicht zuletzt informiert sie durch ihre Gliederung in Leistungsphasen auch damit über unsere vielfältigen Aufgaben und Tätigkeiten im Planungsprozess. Natürlich entbindet uns die HOAI nicht von der Notwendigkeit, unsere Projekte betriebswirtschaftlich zu kalkulieren. Wer auskömmlich bezahlt sein will, muss seinen Bürokostenstundensatz kennen sowie Projekte vor- und nachkalkulieren. Damit können die Angemessenheit von Honoraren noch transparenter und nachvollziehbarer machen. Der Versuch der EU-Kommission zeigt, dass die Existenz einer verbindlichen Honorarordnung nicht selbstverständlich ist. Wir müssen für sie arbeiten, indem wir sie leben und immer wieder erklären. Dann kann sie auch in den nächsten 40 Jahren gute Dienste für Bauherren, Baukultur und Berufsstand leisten. Joachim Brenncke, Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer Mehr Informationen und Artikel zum Thema „bezahlbar“ finden Sie in unserem DABthema bezahlbar.

Honorar wächst nicht mit

Reklamiert ein Bauherr eine Baukosten-Obergrenze, muss er beweisen, dass sie vereinbart ist. Und wenn der Architekt sie überschreitet, dann richtet sich sein Honorar nach den zuvor vereinbarten Baukosten, nicht nach den tatsächlichen. Text: Hans Christian Schwenker Streiten sich Architekt und Bauherr darüber, ob eine Baukostenobergrenze vereinbart ist, dann muss der Bauherr beweisen, dass sie vereinbart ist. Das ergibt sich aus einem Urteil des Bundesgerichtshofs vom 6.10.2016 (Az. VII ZR 185/13). Die Vorinstanzen (Land- und Oberlandesgericht) hatten die Beweislast noch beim Architekten gesehen. Der BGH entschied auch: Wenn eine Baukostenobergrenze nachweisbar vereinbart ist und eine der Vertragsparteien später behauptet, sie sei geändert worden, trägt diejenige Partei die Beweislast für die Veränderung, für die sich die Abänderung günstig erweisen würde. In dem entschiedenen Fall hatte der Bauherr behauptet, er habe von Anfang an und stets erklärt, die Baukosten dürften maximal 600.000 Euro betragen, womit sich die Architektin einverstanden erklärt habe. Die beauftragte Architektin hingegen will zwar vor Vertragsschluss einen „Honorar-Vorschlag“ auf Grundlage anrechenbarer Kosten in Höhe von knapp 600.000 Euro gemacht haben, bei der Honorarberechnung legte sie allerdings höhere anrechenbare Kosten zugrunde und forderte nun ein Mehr an Honorar. Sie meint, der Bauherr habe einer späteren Schätzung zugestimmt, nach der die Baukosten 1,2 Millionen Euro betragen. Da sie das allerdings nicht beweisen kann, steht dem Auftraggeber ein Schadensersatzanspruch zu. Denn die Planungsleistung eines Architekten entspricht nicht der vereinbarten Beschaffenheit und ist somit mangelhaft, wenn die Errichtung des Bauwerks höhere Baukosten erfordert als vereinbart. Der Schadenersatz bemisst sich so, dass der Honorarberechnung maximal anrechenbare Baukosten in Höhe der nachweisbar vereinbarten Kostenobergrenze zugrunde gelegt werden dürfen, der Bauherr also nicht darüber hinaus zahlen muss. Denn der Architekt verhielte sich treuwidrig im Sinne des § 242 BGB, wenn er einen Honoraranspruch durchsetzen wollte, obwohl er verpflichtet wäre, das Erlangte als Schadensersatz sofort wieder herauszugeben. Hans Christian Schwenker ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht in Hannover.

Kostenbremse kann teuer werden

Bauherren verlangen zunehmend von Architekten die strikte Einhaltung von Budgetvorgaben. Welche Gefahren lauern – und wie kann ein fairer Vertrag hierzu aussehen? Text: Markus Prause Auftraggeber erwarten, dass der Architekt kostengünstig und wirtschaftlich plant und die Baukosten jederzeit „im Griff hat“. Während professionelle Bauherren vom Architekten immer häufiger verlangen, dass die Einhaltung einer Kostenobergrenze vertraglich verankert wird, sind sich viele unerfahrene Bauherren nicht darüber im Klaren, mit welchen Kosten ihre Wünsche verbunden sind. Gleichwohl haben sich auch diese Bauherren in aller Regel schon eine Meinung darüber gebildet, wieviel Geld sie ausgeben wollen und können. Die Rechtsprechung musste sich in den letzten Jahren zunehmend mit Fällen beschäftigen, in denen Architekten recht sorglos mit den finanziellen Möglichkeiten des Bauherrn umgegangen sind. Die Gerichte sehen hinsichtlich der Baukosten beim Architekten insbesondere zwei Pflichtenkreise: 1. Der Architekt hat bereits im Rahmen der Grundlagenermittlung aktiv beim Bauherrn zu erfragen, welche Kostenvorstellungen er hat, so der Bundesgerichtshof im Urteil vom 21.3.2013 (Az. VII ZR 230/11). Der Architekt muss sich also bereits vor Eintritt in die Planungsphase Klarheit über das Budget für das Vorhaben verschaffen. Aus dieser Rechtsprechung resultiert zugleich, dass der Architekt das Thema der Baukosten nicht mehr ignorieren kann, da er sonst eine haftungsrelevante Pflichtenverletzung im Rahmen der Leistungsphase 1 begehen würde. 2. Der Architekt ist verpflichtet, ihm bekannte Kostenvorstellungen bei der Planung zu berücksichtigen und den Bauherrn unverzüglich zu unterrichten, wenn eine Überschreitung des Kostenrahmens droht. Was bei Kostenüberschreitung gilt Ein vom Bauherrn benanntes Kostenlimit wird in aller Regel zu einer verbindlichen vertraglichen Vorgabe, wenn der Architekt dem nicht widerspricht. Hierzu ist nicht einmal eine ausdrückliche Einbeziehung in den Vertrag erforderlich. Schafft es der Architekt während der Ausführung des Vertrages nicht, die Vorgabe einzuhalten, ist seine Leistung automatisch mangelhaft – ohne dass es auf sein Verschulden ankommt. Hat der Bauherr eine Baukosten-obergrenze benannt, so stehen dem Architekten diesbezüglich keine Toleranzen zu. Stellt die Überschreitung des Baukostenlimits einen Mangel dar, hat der Architekt zunächst das Recht zur Nachbesserung, sofern der Mangel noch beseitigt werden kann. Bei der Nachbesserung ist der Bauherr zur Kooperation verpflichtet und darf Vorschläge des Architekten zur Kosteneinsparung nicht willkürlich ablehnen. Allerdings hat der Architekt keinen Anspruch darauf, dass der Auftraggeber von anderweitigen vertraglichen Vorgaben (zum Beispiel vereinbarte Mindestnutzfläche) Abstriche macht. Schafft es der Architekt nicht, die Kosten in das Budget zurückzuführen, ist der Auftraggeber berechtigt, den Architektenvertrag aus wichtigem Grund zu kündigen – so das Kammergericht im Urteil vom 23.5.2013 (Az. 27 U 155/11). Muss der Bauherr das Projekt wegen der Kostenüberschreitung abbrechen und sind deshalb die bisherigen Leistungen des Architekten für den Bauherrn ganz oder teilweise nutzlos, steht dem Architekten keine oder nur eine geminderte Vergütung zu. Vom Bauherrn bereits gezahlte Abschläge sind gegebenenfalls zurückzuerstatten (OLG Karlsruhe, Urteil vom 20.12.2013, Az. 13 U 233/12). Sollte den Architekten an der Überschreitung des Kostenrahmens sogar ein Verschulden treffen und erleidet der Bauherr durch die Kostenüberschreitung einen finanziellen Schaden, so ist der Architekt zusätzlich zum Schadensersatz verpflichtet. Bei der vorstehend genannten Konstellation wird die Kostenvorgabe des Bauherrn zu einer so genannten Beschaffenheit im Sinne des Werkvertragsrechtes (§ 633 Abs. 2 BGB). Der Architekt muss zwar die Beschaffenheit als werkvertraglichen Erfolg erreichen, ist aber nur bei Verschulden zum Schadensersatz verpflichtet. Von der Vereinbarung einer Beschaffenheit ist die so genannte Baukostengarantie zu unterscheiden. Von einer Baukostengarantie spricht man, wenn sich der Architekt nicht nur vertraglich verpflichtet, das Budget einzuhalten, sondern darüber hinaus sogar zusagt, für finanzielle Schäden des Auftraggebers bei einer Kostenüberschreitung verschuldensunabhängig einzustehen. Derartige Garantieversprechen müssten sich allerdings sehr deutlich aus dem Vertrag ergeben. Architekten ist von einer solchen Vereinbarung dringend abzuraten. Mit Kosten auseinandersetzen! Theoretisch kann im Architektenvertrag das Gegenteil vereinbart werden – dass nämlich ein vom Bauherrn bekannt gegebenes Budget keine Verbindlichkeit besitzen soll. Dass sich ein Auftraggeber auf einen solchen „Freifahrtschein“ des Architekten einlässt, ist jedoch nicht zu erwarten. Unverbindlich wird eine genannte Kostengrenze in der Regel auch nicht, wenn die Angabe zu einem wirtschaftlichen Rahmen im Vertrag mit Begriffen wie „ca.“ oder „ungefähr“ versehen ist. Im Prinzip bleibt dem Architekten keine andere Möglichkeit, als sich frühzeitig mit der Kostenvorstellung des Bauherrn auseinanderzusetzen. Hierzu sollte der Architekt – soweit möglich – schon vor der Planung eine Prognose anstellen, ob die Erwartungshaltung des Bauherrn annähernd realistisch ist. Erkennt der Architekt, dass das Vorhaben mit dem genannten Budget voraussichtlich nicht realisierbar ist, muss er dieses sofort einwenden. Beharrt der Bauherr gleichwohl auf einer unmöglich einzuhaltenden Budgetvorgabe, sollte der Architekt vor dem Hintergrund der oben genannten rechtlichen Konsequenzen den Auftrag ablehnen. Schätzt der Architekt die Kostenvorstellung des Auftraggebers als durchaus realistisch ein, stellt sich die Frage, wie hierzu eine sachgerechte und faire Klausel im Architektenvertrag verankert werden kann. Im Rahmen einer solchen Klausel sollten folgende Punkte Beachtung finden: 1. Die Verantwortung des Architekten sollte sich auf die Kostengruppe(n) beschränken, die der Architekt nach dem Vertrag planerisch zu bearbeiten hat. Dies ist zumeist die Kostengruppe 300. Je nach Vertragsinhalt können aber auch weitere Kostengruppen (zum Beispiel KG 200) hinzutreten. Nicht in den Verantwortungsbereich des Architekten fallende Kostengruppen von Sonderfachleuten sollten ausgeklammert werden. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass etwa bei der Kostenklausel des RBBau-Vertragsmusters des Bundes auch Kostengruppen von Fachplanern mit der Begründung inkludiert werden, dass der Architekt die Sonderfachleute koordiniere. Da über die Koordinierung jedoch keine ausreichende Einflussmöglichkeit auf die Fachplanung besteht, ist diese Sichtweise wenig sachgerecht. Wo immer möglich, sollten solche Klauseln nicht vereinbart werden. 2. Eine verbindliche Beschaffenheitsvereinbarung zu den Kosten kann aus Sicht des Architekten zumeist nicht schon bei Vertragsschluss getroffen werden, denn zu diesem Zeitpunkt ist eine Aussage über die voraussichtlichen Kosten des Objektes noch mit zahlreichen Un­sicherheitsfaktoren verbunden. Sinnvoll ist es daher, eine Verbindlichkeit erst im Zeitpunkt der Erstellung der Kosten­berechnung am Ende der Entwurfs­planung zu fixieren. Auf diesen Zeitpunkt bezieht sich auch § 4 Abs. 3 HOAI bei der Vereinbarung zum Wert und Umfang der mitzuverarbeitenden Bausubstanz. 3. Erforderlich ist zudem eine Anpassungsklausel für Fälle, in denen der Architekt Kostensteigerungen nicht zu vertreten hat (zum Beispiel bei Änderungs- und Zusatzwünschen des Bauherrn, Störungen des Bauablaufs, zusätzlichem Sanierungsbedarf nach einer Bauteilöffnung). Soll statt einer Budgetanpassung eine Umplanung erfolgen, ist der Mehrvergütungsanspruch nach § 10 HOAI zu beachten. 4. Eine Kostengarantie sollte ausdrücklich ausgeschlossen werden. Unter Berücksichtigung der vorstehenden Überlegungen könnte eine Kostenklausel wie folgt lauten: „Der Auftraggeber avisiert für die Kostengruppen 200 bis 600 DIN 276 ein Investitionsvolumen von …….. €. Der Architekt hat seine Vor- und Entwurfsplanung auf diesen unverbindlichen Gesamtkostenrahmen auszurichten und den Auftraggeber unverzüglich zu informieren, wenn erkennbar wird, dass der wirtschaftliche Rahmen überschritten wird. Nach Erstellung der Kostenberechnung vereinbaren die Parteien einvernehmlich eine verbindliche Obergrenze der Kosten für die Kostengruppe 300 DIN 276 als Beschaffenheit. Eine Kostengarantie ist damit nicht verbunden. Für Kostenentwicklungen, die nicht im Einflussbereich des Architekten liegen (zum Beispiel Änderungs- und Zusatzwünsche des Auftraggebers, gestiegene gesetzliche Anforderungen, unerwartete Materialpreissteigerungen, unvorhersehbare witterungsbedingte Mehrkosten, zusätzlicher Sanierungsbedarf nach einer Bauteilöffnung), sowie für Kosten, die in der Verantwortung anderer Planungsbeteiligter liegen, beschränkt sich die Verantwortung darauf, den Auftraggeber unverzüglich auf eine Überschreitung des Gesamtkostenrahmens hinzuweisen. In diesen Fällen sind die Kostenobergrenze für die Kostengruppe 300 und der Gesamtkostenrahmen entsprechend anzupassen. Wünscht der Auftraggeber stattdessen eine Umplanung, um Kosteneinsparungen zu erzielen, ist § 10 HOAI zu beachten. Wird die verbindliche Kostenobergrenze aus der Kostengruppe 300 überschritten und hat der Architekt die Überschreitungen zu vertreten, so hat er dem Auftraggeber ohne zusätzlichen Vergütungsanspruch geeignete Maßnahmen vorzuschlagen, um die Kosten wieder in die Kostenvorgabe zu bringen. Weitergehende Schadensersatzansprüche bleiben unberührt.“ Wichtig ist, dass der Architekt die Inhalte einer solchen Kostenklausel auch tatsächlich umsetzt, also gegebenenfalls seinen Anzeigepflichten genügt und im Anschluss mit dem Bauherrn im Gespräch klärt, ob das Budget angehoben oder Einsparungsmaßnahmen vorgenommen werden. Die Ergebnisse sollten auf jeden Fall schriftlich fixiert werden. Markus Prause ist Justitiar der Architektenkammer Niedersachsen. KOSTEN ÜBERSCHRITTEN – VERSICHERUNG VERWIRKT? Wer sich bei den Baukosten vertut, hat in vielen Fällen keinen ­Versicherungsschutz. Was hier gilt und im Einzelfall zu beachten ist, erläutert der Beitrag „Kosten als Risiko“, der in Ausgabe 7-2012 erschienen und unter DABonline.de/tag/kosten-risiko aktualisiert ist.

Von Auslobungen, Bartnings sozialer Moderne und neuen Hilfen vom BKI

Von Auslobungen, Bartnings sozialer Moderne und neuen Hilfen vom BKI: die Meldungen der Ausgabe. Zwei auf einen Streich Nach zehn Jahren Planungs- und fünf Jahren Bauzeit wird in Lüneburg das neue Zentralgebäude der Leuphana Universität (oben) nach Plänen ihres ehemaligen nebenberuflichen Professors Daniel Libeskind eröffnet. Das wurde auch Zeit, denn es drohten EU-Fördermittel zu verfallen. Das skandalträchtige Projekt, das wegen seiner intransparenten Planung auch die EU-Korruptionsbekämpfungsbehörde, den Landesrechnungshof und die Oberfinanzdirektion beschäftigte, wird inzwischen auf 100 Millionen Euro statt geplanter 58 Millionen geschätzt. Zumindest in den letzten Jahren lief es dank neuer Projektsteuerung einigermaßen rund. Deutlich reibungsloser ging es bei Libeskinds Berliner Luxus-Wohnhaus „Sapphire“ (unten) gegenüber der BND-Zentrale zu, dessen Fassade dem Lüneburger Projekt nicht völlig unähnlich ist. Während oben auf hohem Preisniveau gewohnt wird, schließt unten ein Supermarkt eine Versorgungslücke in der ehemaligen Rand- und werdenden Toplage.   Gemeinschaftswerk Architekturstudenten der TU Kaiserslautern und drei ihrer Professoren planten und bauten gemeinsam mit Flüchtlingen für die Erstaufnahmestelle in der Mannheimer Spinelli-Kaserne einen multifunktionalen Pavillon. Der Holzbau, der fast komplett mit Handarbeit und Muskelkraft errichtet werden konnte, umschließt einen intimen Hof und einen offenen Bereich mit Bühne. Hinzu kommen Sitznischen und Lagerräume, die auch Werkstatt oder Kiosk werden können. Einige Flächen erhielten ein Lattengeflecht, das ein orientalisch anmutendes Ornament erzeugt. Mehr zum Thema Bauen für Flüchtlinge finden Sie hier und hier. Auslobung 1: Einfamilienhäuser Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung lobt zum siebenten Mal ihren Preis für „neue Wohnhäuser privater Bauherren aus, die durch architektonische Qualität und ein stimmiges Konzept überzeugen. Berücksichtigt werden ausschließlich Wohnhäuser in Deutschland, die Architekten im Auftrag privater Bauherren geplant haben.“ Auch erneuerte Altbauten haben Chancen: Die Häuser müssen in den letzten zwei Jahren fertiggestellt oder saniert sein. Zudem müssen die Bauherren selbst darin wohnen. Beiträge können bis zum 9. Mai eingereicht werden; mehr Informationen gibt es unter www.faz.net/haeuser Auslobung 2: Wohnungsbau Mehr als 30 Jahre Tradition hat der Deutsche Bauherrenpreis „Hohe Qualität zu tragbaren Kosten“ – gemeinsam ausgelobt vom Bund Deutscher Architekten, dem Städtetag und dem Immobilienverband GdW. Prämiert werden seit 2013 neu gebaute oder sanierte Wohnhäuser. Ausdrücklich erwünscht sind Gebäude mit experimentellem Charakter, in denen nach den Worten der Auslober „Gewohntes und Herkömmliches, aber auch Normen und Vorschriften in Frage gestellt worden sind“. Die Auslober teilen mit: „Vom Wettbewerb ausgeschlossen sind nicht in den städtebaulichen Kontext eingebundene freistehende Einzelbauten.“ Zur Einreichung ist Zeit bis zum 1. Juni; mehr unter www.deutscherbauherrenpreis.de Auslobung 3: Beton Das Informationszentrum Beton vergibt den Architekturpreis Beton 2017; auch hier ist der Bund Deutscher Architekten beteiligt. Prämiert werden „herausragende Leistungen der Architektur und Ingenieurbaukunst, deren Qualität von den gestalterischen, konstruktiven und technologischen Möglichkeiten des Baustoffs Beton geprägt ist“. Die jetzt einzureichenden Projekte müssen seit 2014 fertig gestellt sein; einbezogen sind auch Ingenieurbauwerke. Gesucht werden auch „architektonisch wirksame Zu- und Umbauten zu bestehender Bausubstanz“. Einreichungsschluss ist hier am 10. Mai. www.architekturpreis-beton.de Auslobung 4: Denkmal-Substanz Mit dem Gestaltungspreis der Wüstenrot-Stiftung werden Baumaßnahmen seit Fertigstellung 2012 prämiert, die „Substanzielle ­Beispiele für den Umgang mit denkmalwürdiger Bausubstanz sind“. Ein amtlicher Schutzstatus ist nicht nötig: „Maßnahmen an Gebäuden oder Ensembles, die nicht oder noch nicht unter Denkmalschutz stehen, können mit qualifizierter Begründung ihrer Denkmalwürdigkeit ebenfalls eingereicht werden.“ Bewerbungen sind bis zum 24. April möglich. Details verrät die Website www.gestaltungspreis.de Auslobung 5: Wirklich das Beste? Wer sich um den „best architects Award“ bewerben will, sollte die Kosten und Konditionen kennen. Für die Teilnahme zahlt man bei Einreichung bis zum 3. April 190 Euro, danach bei Einreichung bis zum 29. Mai 250 Euro. Wer ausgezeichnet wird, zahlt dann 1.600 Euro für ein „Winner Package“ mit Label in Gold, zwei Seiten in einer Publikation, einem Belegexemplar von ihr und schließlich zwei Urkunden. Zu allen genannten Kosten kommt noch die Umsatzsteuer. Die Auszeichnung ist nicht allzu exklusiv: Im Vorjahr gab es 93 Gewinner. Teilnahmebedingungen und -verpflichtungen stehen unter https://bestarchitects.de Dreispitz Ein neues Mehrfamilienhaus ­integriert sich im Bergisch Gladbacher Ortsteil Herkenrath bestens in die kleinstädtische Umgebung und fällt doch auf. Zunächst könnte man an drei Townhouses denken, die das Kölner Büro HPA+ hier entworfen hat. Doch es befinden sich sechs Wohnungen im Haus, von denen drei über einen ­Laubengang im Obergeschoss erschlossen werden. Nur dieser Gang ist in Sichtbeton ausgeführt, ansonsten dominiert ­Ziegel – auch als Blickschutz vor einigen Fenstern und an den Untersichten. Ausdrucksstark und modern wirkt das Trio, weil man sich über eine Grundregel des Maurerhandwerks hinwegsetzte: Die Ziegel wurden in keinem der bekannten Verbände gesetzt, sondern im Raster. Ausstellung: Bartnings soziale Moderne Als „Architekten, Ideengeber und Organisator“ würdigt eine Berliner Ausstellung Otto Bartning (1883 – 1959). Präsentiert werden unter anderem Kirchenbauten der 1920er- und die seriellen „Notkirchen“ der 1940er-Jahre, die von ihm geleitete Internationale Bauausstellung in Berlin 1957, zu der der „Spiegel“ ihn als „heiligen Otto“ titulierte, sowie seine Tätigkeiten für den Deutschen Werkbund und die (West-)Berliner Akademie der Künste. In deren Bau von Werner Düttmann läuft die Ausstellung bis zum 18. Juni. Mehr unter www.adk.de/bartning Bestandsprojekte: Neue Hilfen vom BKI Das Fachbuch „Objektdaten Altbau – Band A 10“ ist beim BKI Baukosteninformationszentrum Deutscher Architektenkammern neu erschienen. Es umfasst 56 aktuelle Baukosten-Dokumentationen von abgerechneten Altbau-Projekten mit farbigen Vorher- und Nachher-Fotos auf 677 Seiten. Die Begleit-CD-ROM enthält detaillierte Ausführungsbeschreibungen und Baukosten auf 1.200 Seiten. Alle weitverbreiteten Gebäudetypen sind enthalten; einen Schwerpunkt bilden Wohn- und Gemeinschaftsbauten. Ebenfalls dem Bauen im Bestand dient das neue BKI-Programm „Fotoaufmaß – Ver-¬ sion 7“ mit 3D-Funktion sowie DXF- und Excel-Export. Auf Basis von Fotografien und mit nur einem Referenzmaß kann ein Gebäude schnell und einfach vermessen werden. Perspektivische Verzerrungen ermittelt das Programm automatisch und berücksichtigt sie bei der Ermittlung der abgeleiteten Maße. Zugleich können auch die korrespondierenden Beschriftungen eingetragen werden. Das Fachbuch inklusive CD-ROM kostet 99 Euro plus Versand, die Basisversion des Aufmaßprogramms 599 Euro und die Komplettversion 799 Euro. Alle Produkte können vier Wochen zur Ansicht mit Rücknahmegarantie unter Tel. 0711 954 854-0 oder ­info@bki.de bestellt werden. Freiraum-Konferenz in Berlin Unter dem Titel „metropolitan open space“ läuft vom 18. bis 21. Mai eine internationale Konferenz zu urbanen Freiräumen. Anlass ist die Internationale Gartenschau im Stadtteil Marzahn-Hellersdorf. Experten aus Soziologie, Stadt- und Freiraumplanung, Philosophie und Kulturwissenschaften referieren und präsentieren, ebenso Landschaftsarchitekten aus allen fünf Kontinenten, die für die IGA Gartenkabinette geschaffen haben. Natürlich werden auch die IGA selbst sowie weitere Berliner Freiräume besichtigt. Mehr unter www.bdla.de Feuerrot und kurvig Luckenwalde in Brandenburg kann sich über einen weiteren gelungenen Neubau freuen, denn jüngst wurde die neue Feuerwache von Pussert und Kosch Architekten aus Dresden in Betrieb genommen. Obwohl ein zusammenhängender Baukörper, bietet die Wache je nach Standpunkt verschiedene Ansichten: auf einer Seite als Gruppe unterschiedlich hoher Bauteile um einen Eingangshof herum, auf der anderen Seite als kompakte Halle. Im niedrigsten Trakt befinden sich die Werkstätten, im höchsten die Personalräume. Dazwischen vermittelt die Fahrzeughalle. Der hellrote Ziegel und die abgerundeten Ecken, die durch eloxierte Aluminiumprofile betont werden, sorgen für Dynamik.

Edel-Container

Holzmodule taugen nicht nur als Provisorien. Es gibt sie auch mit guter und solider Architektur, wie eine Siedlung von Werner Sobek zeigt. Text: Christoph Gunßer Der sprichwörtliche schwäbische Häuslebauer hat es heute, zumindest in den Ballungsräumen, schwer, seinen Traum zu verwirklichen. Knappes Bauland und teure Baupreise treiben selbst den konventionellsten Bauherrn auf neue Wege, zum Beispiel zum Fertighaus, dessen Anteil im Südwesten schon deutlich höher ist als andernorts. Systemisches Denken, wie es die Anbieter von Fertighäusern seit Langem pflegen, gewinnt nun zusätzliche Aktualität, seit die Wohnungsmärkte durch die Zuwanderung noch enger geworden sind. Die Experten sind sich einig: Da hilft nur Neubau, rasch und kostengünstig. Allein in Baden-Württemberg sollten pro Jahr 40.000 Wohnungen entstehen, heißt es. Nordöstlich von Stuttgart, im Rems-Murr-Kreis, ergab sich eine Neubau-Initiative zunächst eher nebenbei: Der Landrat war auf der Suche nach raschen Lösungen mit temporären Bauten – allerdings für die geplante interkommunale Landesgartenschau. Darum war man an Werner Sobek herangetreten. Der prominente Bauingenieur und Architekt, Nachfolger von Frei Otto am Institut für leichte Flächentragwerke der Uni Stuttgart, entwickelt seit einigen Jahren auch Modul- oder Montagehäuser, wie sie der moderne Pionier der Szene, Konrad Wachsmann, in den Zwanzigern nannte. Sobeks in Kooperation mit einem schwäbischen Fertighaushersteller entstandenes Experimentalhaus „B10“ am Rande der Weißenhofsiedlung hatte 2014 Aufsehen erregt. Daraufhin war mit dem Dübelhersteller Klaus Fischer ein anderer Tüftler auf Sobek zugekommen. Gemeinsam gründeten sie eine Firma für Modulhäuser – „um das Bauen von seiner archaischen Seite zu befreien“, wie sie sich ausdrückten. Es geht um ressourcenschonenden Leichtbau, nach der Plattformstrategie der Automobilindustrie „lean“ produziert, für betuchtere wie auch finanzschwächere Kunden. Die Weltlage schuf 2015 zunächst ärmere Nachfrager. Auch im Rems-Murr-Kreis mussten rasch Unterkünfte für Flüchtlinge geschaffen werden. So bekamen Sobeks „schnelle Häuser“ ihre erste Chance: An zwei Standorten in Winnenden und Kernen beauftragte die Kreisbaugesellschaft die Firma Aktivhaus mit Siedlungen in Modulbauweise. In der Kleinstadt Winnenden fanden auf einer Wiese am Waldfriedhof 39 Module Platz. Die Stadt hatte die Nutzung dieser zu einer Jugendhilfeeinrichtung gehörenden Fläche am Rand eines gutbürgerlichen Wohngebiets politisch durchgesetzt mit der klaren Option, das bisherige Sondergebiet in drei Jahren zum Allgemeinen Wohngebiet zu machen. Die Neubauten sollten also kein Provisorium sein, sondern als Sozialer Wohnungsbau taugen. Die beiden 45 und 60 Quadratmeter großen Module bestehen aus einer mit Lärchenholzrosten verkleideten Holzständerkonstruktion, deren Hohlräume Hanf und Holzfaserplatten ausfüllen. Bodentiefe Holzfenster und -türen von einheitlichem Format verteilen sich locker über die Holzquader. Gummilippen-Dichtungen sorgen dafür, dass alles demontierbar bleibt. Überhaupt sind alle Baustoffe recyclingfähig oder kompostierbar. Der Dämmstandard entspricht dem Wohnungsbau. Lernen von Lego Auf der Basis genormter Schnellverbindungen lassen sich die Module wie Lego-Steine kombinieren. Wie im Modulbau üblich, waren die nächtens (und nicht ganz so nachhaltig von einem Hersteller aus dem europäischen Ausland) per Tieflader herantransportierten Bausteine an einem Tag montiert. Hier sind die meisten Module ein- bis zweigeschossig „back to back“ gruppiert, was die Belichtung und Besonnung einiger Innenräume deutlich einschränkt und auch die Zonierung der langen Wohnungen nicht immer günstig gestaltet. Jedoch ergeben sich große, kompakte Baukörper, die geräumige Höfe fassen, die begrünt und auch schon mit Bäumen bepflanzt wurden. Besonders reizvoll sind die großen Dachterrassen vor den oberen Wohnungen. Das transportbedingte Modulmaß beträgt maximal 4,40 mal 18 Meter Länge; dadurch wirken die Wohnungen noch etwas schlauchartig. In der Nachnutzung als Sozialer Wohnungsbau sollen sie mit Nachbar-Einheiten über Durchbrüche verbunden werden. Vergleichbares bieten andere Hersteller auch jetzt schon für die Flüchtlingsnutzung an; Sobeks Aktivhaus gibt es derzeit nur in der Edel-Baureihe mit Modul-übergreifendem Grundriss. Dort gibt es auch keine Beschränkung auf ein Fensterformat, sondern raumgroße Panoramafenster vom doppelten Modulpreis an aufwärts. Die einfachen, zu gut 1.600 Euro brutto pro Quadratmeter beziehbaren Module sollen sich bis zu vier Geschosse hoch stapeln lassen und eine modulare Solarnutzung zulassen. Ein eigenes Technikmodul erlaubt diverse Optionen der Heizung. Als Zugabe, die wenig kostete, besitzen die Container sogar Dachterrassen für die Bewohner. Im Pilotprojekt wirkt die Holzschalung hochwertig. Sie bindet die Siedlung sehr gut in den Landschaftsraum ein. Bei flüchtigem Blick kann die kleine Siedlung fast als „normaler“ Wohnungsbau durchgehen. Bei näherem Hinsehen sind indes die Fugen und Bleche der „Bausteine“ erkennbar. Die davorgestellten stählernen Treppen wirken etwas zu massiv und zudem ob ihrer Durchgangshöhe unfallträchtig. Am hässlichsten fallen am Rande die typisch deutschen Müllcontainer ins Auge, die unbehaust herumstehen … Alles wirkt aber, als könnten die Häuser hier ganz archaisch Wurzeln schlagen. Mit Flexibilität waren ja frühere Erfahrungen eher ernüchternd – es wurde schlicht nichts verändert. Ob also mit den Bausteinen tatsächlich weiter „gespielt“ wird, bleibt abzuwarten. Auch ist unklar, ob das junge Start-up jemals Stückzahlen erreichen wird, welche die Entwicklungskosten einspielen. In diesem Frühjahr beginnt der Bau der Siedlung im benachbarten Kernen. Hier will man die Module mit bunten Trespa-Platten verkleiden und auch kleinere Änderungen in Konstruktion (Massivholzdecken) und Grundriss (längere Schlafzimmer) ausführen. Schlicht, aber wirksam: Einfach und rustikal wirken die Bauten auch im Inneren. Ein rasch wachsender Markt Der Modulmarkt ist derzeit hart umkämpft. Während weiterhin, auch in Winnenden, öde temporäre Unterkünfte aus herkömmlichen Baucontainern entstehen, bieten einige Holzbaufirmen eine durchaus ähnliche Qualität wie hier gezeigt. Seit den Neunzigerjahren schon treibt Kaufmann Bausysteme aus Vorarlberg die Entwicklung voran. Als Marktführer liefert die Firma Systembauten nach ganz Europa, hängt aber die Low-Budget-Bauten aus Marketing-Gründen nicht gerade groß heraus. In der bekanntlich nicht sehr innovationsfreudigen Baubranche gab es in der Vergangenheit Neuerungen meist nur in Notzeiten, wenn alles sehr schnell gehen musste. Dieses Odium verhinderte dann eine breitere Akzeptanz in besseren Zeiten – eine Erfahrung, die schon Konrad Wachsmann mit seinen Holzbausystemen machte. Auch kleinere Anbieter, wie zum Beispiel Bauer Holzbau in Wangen/Allgäu, bauen heute ansehnliche Holzhäuser für Flüchtlinge – sogar mit deren Hilfe: Das Unternehmen lernt sie an und bietet denen mit Bleibeperspektive eine Ausbildung. Die Lebenserwartung der Modulbauten geben Hersteller mit dreißig oder auch hunderten von Jahren an. Ohne baulichen Holzschutz an den Fassaden erfordern sie sicher Pflege, erlauben aber auch leichte Anpassung an die Verhältnisse. Denn die sind ja selbst im Schwabenland nicht mehr so stabil und berechenbar wie einst. Gut möglich also, dass mit den Modulen auch ein Mentalitätswandel in Gang kommt. Bitte keine Besichtigungen! Leider muss zum Schluss noch eine Anmerkung sein: Auch wenn kein Zaun die Flüchtlingssiedlungen abschirmt, sind sie für Besucher tabu. Sicherheitsdienste vertreiben jeden und unterbinden das Fotografieren – zum Schutz der hier untergebrachten Menschen. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Wohnen wie daheim Ein Buch über Flüchtlingsbauten baut auf die Lebensgewohnheiten in den Herkunftsländern Die besondere Stärke dieses Buchs sind die Texte über das Wohnen im Nahen Osten. So gibt der syrischstämmige Mitherausgeber Yasser Shretah einen Überblick über Haus- und Wohnungstypen seiner Heimat und die damit verbundenen Vorstellungen vom Zusammenleben. Egal ob traditionell oder unter dem Einfluss von Kolonialismus oder Moderne entstanden: Die Trennung von Gäste- und Familienbereich ist bei allen Wohnformen zu finden. Besonders die einfachen, ländlichen Typen kann man sich fast direkt auf modulare Wohnheime übertragen vorstellen. Es folgen durch viele eindrückliche Fotos bereicherte Berichte über syrische Flüchtlinge im Libanon, wo sie selbst organisiert für Wohnraum sorgen müssen – in den palästinensischen Flüchtlingsvierteln der Hauptstadt oder in informellen Siedlungen auf dem Land. Dass aus Flucht und Vertreibung auch in Europa eine bisher wenig beachtete Baugeschichte des „Flüchtlingswohnens“ resultiert, zeigt eine historische Zusammenfassung vom Mittelalter bis zu den Nissenhütten der Nachkriegszeit. So wurden in Deutschland für vertriebene Protestanten ganze Städte neu gegründet (Erlangen-Neustadt, Neu-Isenburg, Neu-Hanau) und in Potsdam für „Gastarbeiter“ ein holländisches Viertel imitiert. Die Stadt Wien startete für Arbeitsmigranten, aber auch für Flüchtlinge des Ersten Weltkriegs ein Wohnungsbauprogramm, von dem sie bis heute profitiert. Zu kurz kommen aber auch handfeste Informationen über politische, planerische und bauliche Strategien nicht. Anhand von eingestreuten Beispielen erfährt der Leser mehr über Baurecht, Zuständigkeiten, Verfahren und Sonderprogramme wie den „Wohnungspakt Bayern“ und das Münchener Sofortprogramm „Wohnraum für Alle“. Der abschließende Beispielteil zeigt viele gelungene Projekte, darunter auch einige Holzbauten, kann aber naturgemäß nicht die gleiche Fülle liefern wie die Datenbank „Making Heimat“ des Deutschen Architekturmuseums (www.makingheimat.de). Mit ihrem Blick auf die Herkunftskultur vieler Flüchtlinge und bereits bewährte Modelle schafft die Publikation aber beste Voraussetzungen, um ganz eigene neue Lösungen entwickeln zu können. Lore Mühlbauer, Yasser Shretah (Hrsg.) Handbuch und Planungshilfe Flüchtlingsbauten. Architektur der Zuflucht: Von der Notunterkunft zum sozialen Wohnungsbau DOM publishers, Berlin 2017, 304 Seiten, 78 Euro Mehr Informationen und Artikel zum Thema „bezahlbar“ finden Sie in unserem DABthema bezahlbar.

Honorar wächst nicht mit

Reklamiert ein Bauherr eine Baukosten-Obergrenze, muss er beweisen, dass sie vereinbart ist. Und wenn der Architekt sie überschreitet, dann richtet sich sein Honorar nach den zuvor vereinbarten Baukosten, nicht nach den tatsächlichen. Text: Hans Christian Schwenker Streiten sich Architekt und Bauherr darüber, ob eine Baukostenobergrenze vereinbart ist, dann muss der Bauherr beweisen, dass sie vereinbart ist. Das ergibt sich aus einem Urteil des Bundesgerichtshofs vom 6.10.2016 (Az. VII ZR 185/13). Die Vorinstanzen (Land- und Oberlandesgericht) hatten die Beweislast noch beim Architekten gesehen. Der BGH entschied auch: Wenn eine Baukostenobergrenze nachweisbar vereinbart ist und eine der Vertragsparteien später behauptet, sie sei geändert worden, trägt diejenige Partei die Beweislast für die Veränderung, für die sich die Abänderung günstig erweisen würde. In dem entschiedenen Fall hatte der Bauherr behauptet, er habe von Anfang an und stets erklärt, die Baukosten dürften maximal 600.000 Euro betragen, womit sich die Architektin einverstanden erklärt habe. Die beauftragte Architektin hingegen will zwar vor Vertragsschluss einen „Honorar-Vorschlag“ auf Grundlage anrechenbarer Kosten in Höhe von knapp 600.000 Euro gemacht haben, bei der Honorarberechnung legte sie allerdings höhere anrechenbare Kosten zugrunde und forderte nun ein Mehr an Honorar. Sie meint, der Bauherr habe einer späteren Schätzung zugestimmt, nach der die Baukosten 1,2 Millionen Euro betragen. Da sie das allerdings nicht beweisen kann, steht dem Auftraggeber ein Schadensersatzanspruch zu. Denn die Planungsleistung eines Architekten entspricht nicht der vereinbarten Beschaffenheit und ist somit mangelhaft, wenn die Errichtung des Bauwerks höhere Baukosten erfordert als vereinbart. Der Schadenersatz bemisst sich so, dass der Honorarberechnung maximal anrechenbare Baukosten in Höhe der nachweisbar vereinbarten Kostenobergrenze zugrunde gelegt werden dürfen, der Bauherr also nicht darüber hinaus zahlen muss. Denn der Architekt verhielte sich treuwidrig im Sinne des § 242 BGB, wenn er einen Honoraranspruch durchsetzen wollte, obwohl er verpflichtet wäre, das Erlangte als Schadensersatz sofort wieder herauszugeben. Hans Christian Schwenker ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht in Hannover.

Unterbezahlt und unbezahlbar

Der Architektenstand hat etwas charmant Vorgestriges – das wir morgen gut gebrauchen können. Ein Resümee zum Abschied als Chefredakteur. Text: Roland Stimpel Vor genau zehn Jahren geriet ich unter die Architekten. In der Zeit davor hatte ich viel mit Immobilienmenschen zu tun. Nicht mit Provisionsmaklern oder Wohnungsspekulanten, sondern mit professionellen und kompetenten Managern von Gewerbeimmobilien, die ein so klares wie schlichtes Wertegerüst haben, ziemlich rational vorgehen, entsprechend berechenbar und trocken sind. Oft allzu sehr: War mal ein gesellig gedachter Abend fällig, dann verengte sich der Gesprächsfluss meist rasch zu einem dünnen Immobilien-Rinnsal. Ganz anders bei Architekten. Da wusste ich vorher nie, wohin die Abende neigen würden – zur Ideenwerkstatt oder zum Dogmenstreit, zur Stadtdebatte oder zum Energietechnik-Diskurs, vielleicht auch zu Günter Grass oder Goya. Ich wusste auch nie, ob da coole Macher auftreten würden, vergeistigte Bildhauertypen oder Missionare der guten und wahren Form. Aus der stahlblauen Immobilienwelt kam ich in ­eine vielfarbig schillernde, in der Herzblut so wichtig ist wie in der vorigen Welt Excel-Tabellen. Sobald das Berufsverständnis zutage trat, fühlte sich das oft wie eine spannende Zeitreise rückwärts an – vom frühen 21. ins mittlere 19. Jahrhundert. Die Immobilienleute agierten voll in unserer von großen Organisationen, Regeln und Renditen geprägten Welt. Orte, Objekte und Personen sind darin ziemlich austauschbar. Die traditionelle Leitfigur vieler Architekten ist das bürgerliche Individuum, das die Welt vor 150 Jahren dominierte. Als Idealpaar gelten nach wie vor der persönliche, an den Ort gebundene und für ihn mitverantwortliche Bauherr und sein für ihn planender, höchstselbst verantwortlicher Treuhänder-Architekt und universeller Baumeister, der jede Bauaufgabe beherrscht und ihre Komplexität bewältigt. Seitdem haben sich nicht nur am Bau die Gewichte gewaltig verschoben – von Individuen zu Institutionen, von lokal verwurzelten Generalisten zu globalen Spezialisten. Das hat der Architektenstand im Ganzen eher halbherzig bis widerwillig mitgemacht, was ihn in den Augen Dritter manchmal weltfremd und querköpfig erscheinen lässt. Aber es ist ein wichtiger Beitrag zur mentalen und sozialen Artenvielfalt; ohne solche Widerhäkchen wäre die Welt glatter und öder. Vor allem in den vielen kleinen Büros zahlen Architekten dafür aber einen nicht ganz niedrigen Preis, und ihre Bauherren oft auch. Er fällt an, wenn die Komplexität und Differenzierung über den individuellen Kopf wächst. Schon beim Dorfgemeinschaftshaus weiß kein Einzelner mehr alles, was zu Gestaltung, Funktionen, Kosten, Statik, Brandschutz, Energietechnik, Materialeigenschaften, Akustik, Vertragsrecht, Honorarrecht, Bauordnungs- und Planungsrecht oder Haftungsrecht gefragt ist. Wer nicht delegiert, sich spezialisiert und Expertenteams bildet, der scheitert unvermeidlich an irgendwelchen Punkten. Das gilt nicht nur fürs Wissen, sondern auch für die persönlichen Talente: Wer ist schon schöpferischer Entwerfer, zäher Kalkulierer, geschickter Verhandler und effizienter Baustellen-Manager zugleich? Wer sich all das zutraut, ist entweder genial oder anmaßend. Nur große Büros können glaubhaft mit einer Ballung all dieser Kompetenzen werben. In einem so vielfältigen Beruf ist kein Architekt in seinen Fähigkeiten und Neigungen wie der andere. Bauherren wollen ihn auch darum nicht blind einkaufen. Das scheint mir nach vielen Gesprächen das größte Hemmnis zu sein, einen Wettbewerb auszuloben – oder wenigstens seine Teilnehmer auf vorher analysierte und allesamt potenziell akzeptable Büros einzugrenzen. Die praktizierten Verfahren mögen vor allem bei staatlichen Auslobern oft überbürokratisiert sein – grundsätzlich kann man aber Bauherren kaum verübeln, dass sie im oft größten Investitionsprojekt ihres Berufs- oder Privatlebens das Heft in der Hand behalten wollen. Im Urteil darüber liegen die Außensicht auf Architekten und ihre herkömmliche Selbstsicht oft weit auseinander. In der Selbstsicht ist der Wettbewerb, der offene zumal, ein Kernelement des Berufs: freier Zugang für alle freien Baumeister, reine Qualitätsauswahl ohne Ansehen der Person und damit chancengleiche Sprungbretter für Nachwuchstalente und ein bürgerlich-baukulturelles Abmühen um die beste Lösung – oft selbstlos, weil vergeblich. Im tatsächlichen Leben der meisten Architekten sind Wettbewerbe aber höchstens noch Randerscheinungen. So haben nach der jüngsten Umfrage der Architektenkammern – deren Position ich hier nicht vertrete – im Jahr 2015 überhaupt nur 21 Prozent aller Büros an Wettbewerben teilgenommen und nur rund fünf Prozent an offenen Verfahren. Wettbewerbe sind auch keine Domäne der jungen, kleinen Büros, die sie als Sprungbretter nutzen: Nur acht Prozent aller Ein-Menschen-Büros haben sich in jenem Jahr an einem Wettbewerb beteiligt, dagegen 69 Prozent der relativ großen Büros mit zehn und mehr Köpfen. Kein Wunder: Meist wird vor dem Wettbewerb aussortiert oder exklusiv zu ihm eingeladen – letzteres bevorzugt größere Büros. Kleine Büros können sie sich auch kaum leisten: 125 Stunden und 5.800 Euro kostete im Mittel die Teilnahme an einem Wettbewerb, schon zu den oft bescheiden kalkulierten Stundensätzen. Und das bei geringer Gewinnchance. Das Sich-Einlassen auf Wettbewerbe ist, freundlich ausgedrückt, ein Geschenk der Architekten an Bauherren und Gesellschaft. Unfreundlich ausgedrückt sind sie ein Feld der kollektiven Selbstausbeutung, das nicht unbedingt viel größer werden sollte. Man stelle sich kurz vor, nicht nur 21 Prozent aller Büros würden, sondern 100 Prozent müssten Aufträge über Wettbewerbe akquirieren. Es wäre der Ruin des Berufsstands. „Finanzieller Gewinn steht bei selbständigen Architekten auf Rang 19 von 20 erfragten Zielen. Eine geradezu sensationelle Absage an die dominierende Form des Wirtschaftens, die ich bewundere – aber nicht grenzenlos.“ Zudem kommt auch aus großen und offenen Wettbewerben oft nicht das reine baukulturelle Glück heraus. Erfunden wurden sie einst für herausgehobene, besondere Bauten, heute insbesondere kulturelle, und hier finde ich sie auch angemessen. Da sind Fantasie, Experimente und starke individuelle Lösungen gefragt, gern auch der Bruch mit dem Vorgefundenen. All das kann aber nicht die Masse der Alltagsbauten prägen, für die entspannte Gefälligkeit und respektvolle Anpassung die höheren Tugenden sind. Tugenden, die allerdings in Wettbewerben nicht gefragt sind – da gähnt der Fachpreisrichter eher. Es ist kein Zufall, dass das Innovation und Originalität treibende Instrument Wettbewerb vor allem in historischen Stadtzentren zum Scheitern neigt. Kurz vor und während meiner Architektenblatt-Zeit gab es eine ganze Serie solchen Scheiterns: Für den Hamburger Domplatz, das Frankfurter Dom-Römer-Areal, beim Dresdner Gewandhaus, beim Aachener „Bauhaus Europa“, dem Saal der Staatsoper in Berlin oder der Kongresshalle in Heidelberg zeichnete erst eine von Experten dominierte Jury etwas Zeitgeistiges, teils Spektakuläres aus, das anschließend per Bürgerprotest gekippt wurde. Die blöden Laien! Die Entfremdung allzu vieler Architekten – zum Glück längst nicht aller – vom gemeinen Nutzer- und Betrachtervolk ist weit fortgeschritten. Das ist teils so gewollt: Man kann sich als Elite fühlen und in Gestaltungsfragen ein Monopol beanspruchen, man pflegt das, was bei Soziologen Distinktion heißt und bei manchen anderen unfreundlich Dünkel. Das klassische Architekturstudium, geprägt vom Entwurf und lehrenden Entwerfern, verleitet dazu. Die Ausbildung junger Leute und die Integration in den Berufsstand verfeinern nicht (nur) Gestaltungssinn, Geschmack und Qualitätsmaßstäbe, sondern sie verschieben sie auch. Auffällig wird wichtiger als gefällig, originell wichtiger als angepasst, Reduktion und Körperhaftigkeit zählen mehr als Bild und Fläche. Das gilt natürlich auch für manche Nicht-Architekten, genauso, wie es längst nicht für alle Architekten gilt. Aber das Ganze wird vor allem als Experten-Laien-Kluft wahrgenommen, eben weil es fast immer Architekten sind, die diese Kluft bereitwillig vertiefen. Überheblichkeit und Intoleranz waren das Unangenehmste, was ich unter Architekten erlebt habe. Da gibt es einige, die jeden mit anderer ästhetischer Vorliebe rhetorisch in die AfD-Ecke der reaktionären Kleingeister zu stellen versuchen. Zur Ehrenrettung der Berufspraktiker sei aber gesagt: Weltfremd-dogmatische Kunsthistoriker können noch viel schlimmer sein, und wir Architekturjournalisten die Allerschlimmsten. Auf andere Art übel war und ist es, wenn Architekten sich selbst in praktischen Fragen wichtiger nehmen als die Menschen, für die sie arbeiten. Ich habe Fälle erlebt, wo das gestalterische Ego gnadenlos und teils mit intriganten Methoden über Alltagswünsche der Bauherren gestellt wurde. Auch zu Fassadendetails, die gewöhnliche Betrachter noch nicht einmal bemerken. Hier empfiehlt sich mehr architektonische Entspanntheit. Wer wie der legendäre Bruno Taut Mietern wütende Briefe wegen Tüllgardinen in seinen transparenten Eckfenstern schickt, gilt außerhalb der Architektenschaft eher als anmaßender, egozentrischer Haustyrann denn als Ritter der Baukultur. Zurück zu den charmanten Seiten des Berufsstands. In einer Umfrage vor einigen Jahren konnten Architekten aus 20 möglichen Berufszielen die ankreuzen, die für sie wichtig waren. Dabei kam das Ziel, finanziellen Gewinn zu machen, auf Rang 19 von 20. Eine geradezu sensationelle Absage an die dominierende Form des Wirtschaftens, die ich bewundere. Aber nicht grenzenlos. Denn sie führt dazu, dass sich Architekten, gemessen an ihrer Kompetenz, ihrem Einsatz, Einfallsreichtum und in Kauf genommenen Risiken, viel zu schlecht bezahlen lassen. Egal, ob das Honorar auf irgendeine individuelle Weise ausgewürfelt oder in ambitioniertesten HOAI-Auslegungen errechnet wird. Zwar hat sich in meinen zehn Jahren unter Architekten der Markt für sie extrem verbessert, oft sogar völlig umgedreht: In blühenden Regionen und gefragten Arbeitsfeldern müssen Bauherren betteln, damit Architekten für sie ein bisschen ihrer gefragten Zeit abknapsen. Das mündet aber weiterhin nicht in kollektivem Reichtum. Gemessen an gleicher Leistung und Kompetenz in anderen Berufen, sind Architekten unterbezahlt. Das ist die Schattenseite jenes wundervollen Individualismus und Idealismus, den ich anfangs beschrieben und in den zehn Jahren immer wieder genossen habe. Man kann auch sagen: Architekten sind ziemlich unbestechlich und lassen sich ihre Verantwortung für eine gut gebaute Welt nicht abkaufen. Damit sind sie für unsere Gesellschaft unbezahlbar. Roland Stimpel hat Ende März als Chefredakteur aufgehört und bleibt Autor für das DAB. Künftige Chefin ist Brigitte Schultz, die zum 1. Mai anfängt. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „bezahlbar“ finden Sie in unserem DABthema bezahlbar.

Als Herr Weinz weinte,…

Ein Dach über dem Kopf: Im Foto ist eines der fertigen Häuser von Siegmar Weinz zu sehen. … entstand eine Idee. Der Budenheimer Architekt wollte den Erdbebenopfern von Nepal ein Obdach geben. Fast zwei Jahre später stehen die ersten Häuser – erdbebensicher. Text: Stefan Kreitewolf Die Erde bebt. Die Kamera schwenkt unkontrolliert durch das Sichtfeld. Mauern stürzen ein. Schreie sind zu hören. Am Ende ist alles grau, nur noch Staub. Stille. So oder so ähnlich berichtete das deutsche Fernsehen im April 2015 aus Nepal. Den südasiatischen Staat traf eines der schlimmsten Erdbeben in der bewegten Geschichte des Landes. Laut nepalesischer Regierung starben knapp 8.800 Menschen, rund 22.300 wurden verletzt. Hunderttausende Nepalesen wurden obdachlos, zahlreiche UNESCO-Weltkulturerbestätten irreparabel beschädigt. Und in der Nähe von Mainz, im beschaulichen Budenheim, saß ein deutscher Architekt vor dem Fernseher und weinte. Siegmar Weinz war dreimal in Nepal gewesen, war in den Bergen klettern gegangen und hatte viele Nepalesen kennengelernt. Der 58-Jährige hatte in seiner Trauer eine Idee. „Ich wollte einfach etwas zurückgeben an diese freundlichen Menschen, viele Freunde und dieses wunderschöne Land“, sagt er. Also setzte sich der auf Klinikbauten spezialisierte Planer an seinen Schreibtisch und legte los. Das Bild zeigt das zugrunde liegende Stahlskelett. Fremde Hilfe und viel Geduld Mit seiner Idee von erdbebensicheren Wohnhäusern in Skelettbauweise wandte sich der Architekt hoch motiviert an große Hilfsorganisationen. Doch dort stand er vor verschlossenen Türen. „Nach intensiver Suche fand ich mit der Volkshochschule Bhaktapur vor Ort und dem Deutsch-Nepalesischen Kulturverein Dresden in Deutschland zur Spendenabwicklung interessierte Partner“, sagt Weinz, der sich selbst als „Praktiker“ bezeichnet. Der Architekt und leidenschaftliche Bergsteiger investierte ehrenamtlich Hunderte Projektstunden in die Realisierung seines Herzensprojekts. „In Nepal muss man sehr große Geduld aufbringen, um ein solches Projekt umzusetzen“, berichtet Weinz. Doch er wollte immer weitermachen. „Meine Geduld wurde an vielen Stellen strapaziert, aber aufgeben war für mich keine Option“, sagt er. Eine Handvoll Helfer unterstützten ihn bei der Planung. Die Geschichte einer ihm unbekannten Frau erzählt er gern: „Sie fand das Projekt so toll, dass sie kurzerhand mit all ihren Freunden so viel Geld sammelte, dass davon allein ein ganzes Haus entstehen konnte“, berichtet Weinz und fügt noch immer erstaunt hinzu: „Und ich kannte sie nicht einmal.“ Mit der Hilfe entstanden kleine würfelartige, besonders stabile Häuser in Skelettbauweise, die bereits für 5.000 Euro errichtet werden können. Aus Stahlträgern wird ein Gerüst mit quadratischen Räumen zusammengeschweißt. „Ich habe ein in sich steifes Tragwerksmodul in Würfelform gewählt. Mehrere Würfel nebeneinander ergeben dann ein Wohngebäude – das lässt sich später problemlos erweitern“, sagt Weinz. Nur eine Woche soll es dauern, eines seiner Hausskelette aufzubauen. Spannt man dann eine Plane darüber, steht schon eine regensichere Unterkunft, die die Bewohner über die Monate mit Bambus-Lehm-Wänden fertigstellen können. Die äußerste Schicht soll aus den Steinen der eingestürzten Gebäude gebaut werden. Die ersten Häuser stehen „Alle dafür nötigen Bauelemente wiegen zusammen maximal 40 Kilogramm, so kann ein einzelner Mensch sie problemlos zu Baustellen tragen“, sagt Weinz. Schließlich gibt es in Nepal viele ländliche Gebiete, die nur zu Fuß erreichbar sind. Ihm sei es wichtig gewesen, dass seine Lösung auch für „abgelegene, schwer erreichbare kleine Dörfer“ praktikabel ist. Sein ehrgeiziges Ziel lautet, 50 Häuser für bis zu 200 Familien zu bauen. Fast zwei Jahre später, im Februar 2017, stehen die ersten Häuser. Das erste wurde kurz vor Weihnachten 2016 fertig. Sein Ziel hat Weinz damit zwar noch nicht erreicht. ­„Aktuell stehen bereits drei Gebäude und es sind drei im Bau und in der Planung“, sagt er. Das hat neben viel Geld auch viel Zeit und Nerven gekostet. „Erst hatte die nepalesische Regierung einen kompletten ­Baustopp verhängt, dann kamen die nepalesischen Behörden in Kathmandu nicht mit den Genehmigungen hinterher. Danach schlossen die Inder den Markt für nepalesische Händler und wir bekamen kein ­Baumaterial. Zu guter Letzt war kein Benzin verfügbar und wir konnten die fahrbare Strecke zu den Baustellen nicht nutzen“, berichtet Weinz noch immer kopf­schüttelnd. Vertrauen und Kontrolle Circa 40.000 Euro hat er bereits verplant. „Und es wird stetig mehr“, sagt Weinz. Damit mit dem Geld „die wirklich Hilfsbedürftigen unterstützt werden“, wählte er die Familien mithilfe des Deutsch-Nepalesischen Kulturvereins Dresden (siehe Kasten unten) aus. Dazu wurden verschiedene Faktoren berücksichtigt: „Zum Beispiel, ob Grundbesitz vorhanden ist, wie hoch das Gesamteinkommen der Familie ist, ob ein Elternteil bei der Katastrophe gestorben ist, und ob es Schutzbedürftige, wie Kinder oder chronisch Kranke, gibt“, erläutert Weinz. Ihm sei besonders wichtig gewesen, den Ärmsten der Armen zu helfen. Um das Vertrauen seiner Spender zu honorieren, dokumentierte Weinz jeden Schritt. „Die Geldgeber sollen genau sehen, in welchem Haus ihre Spende verbaut wurde“, sagt der Nepal-Fan und ergänzt: „Das gesamte Wohngebäude wurde wie verschiedene Puzzleteile aus kleinen und großen Spenden zusammengesetzt.“ Die Häuser sind einsturzsicher – auch bei Erdbeben bis zu einer Stärke von sechs bis sieben auf der Richterskala – für den wahrscheinlichen Fall, dass die Erde wieder bebt. Spendenkonto Deutsch-Nepalesischer Kulturverein e.V. IBAN: DE 70 4306 0967 1123 8014 00 BIC: GENODEM1GLS Stichwort: Bauen für Nepal www.vhsbhaktapur.org/nepalhilfe Mehr Informationen und Artikel zum Thema „bezahlbar“ finden Sie in unserem DABthema bezahlbar.

Aufwertung für Arme

Deutschlands schlechteste, billigste Siedlung ist noch im Notzustand der Nachkriegszeit. Engagierte Bürger modernisieren jetzt – wollen sie aber für die Bewohner bezahlbar halten. Text: Christoph Gunßer Wie einfach das war, was man in den 1950er-Jahren als „Schlichtwohnungen“ baute, ist leicht vorstellbar: keine Bäder, kein warmes Wasser, Kohleöfen und Etagenklos. Kaum vorstellbar ist, dass es noch heute in Deutschland elf bewohnte Mehrfamilienhäuser in diesem Entstehungszustand gibt. Sie stehen im pfälzischen Kaiserslautern und gehören der Stadt. Nachdem ihr Siedlungsname „Kalkofen in Verruf geraten war, laufen sie jetzt unter der Bezeichnung „Asternweg“. Die Stadt vermietet sie nicht, sondern vergibt sie für ein sogenanntes „Nutzungsentgelt“, eine Nebenkostenpauschale von rund 75 Euro im Monat. Deutschland ganz unten: Wohnungen in Schlichtbauten mit dem Standard der Nachkriegszeit und Spuren von 70 Jahren Verschleiß. Hier leben die Verlierer der Gesellschaft. „Asternweg – eine Straße ohne Ausweg“ hieß vor zwei Jahren eine TV-Doku zur besten Sendezeit, in der das Elend der Leute, die hier wohnen, publik gemacht wurde. Vielleicht war die Sendung etwas rührselig, doch seither bewegt sich etwas in „Deutschlands letztem Slum“, zaghaft zwar, aber erste Arbeiten sind im Gange. Allzu lang beließ man die Häuser „im baulichen Zustand der Errichtungsjahre“, wie es offiziell heißt: Die nüchtern verputzten Zeilen mit Zweispännern vermitteln die Atmosphäre ihrer ärmlichen Entstehungszeit. Was Historiker spannend finden mögen, war im Alltag schlicht Vernachlässigung. Wände verschimmelten, der Putz blätterte von den Wänden, Höfe und Treppenhäuser vermüllten. Um den Ruf des sozialen Brennpunktes zu verbessern, wurden vor Jahren (auf Drängen von Anwohnern) die Straßen nach Blumen benannt. Straßenschilder kosten nicht viel – blühen wollte hier trotzdem nichts. Es herrschten weiter unglaubliche Zustände für ein so reiches Land. Die Stadt Kaiserslautern ist allerdings nicht reich, sondern hat Schulden in Milliardenhöhe – mit über 12.000 Euro die pro Kopf bundesweit höchsten. Für die „ganz unten“ hatte man da, neben den üblichen Transferleistungen, kein Geld übrig. „Soziale Stadt“ als Signal Durch die Aufnahme des Quartiers ins Bundesprogramm „Soziale Stadt“ und die starke Aufstockung der Fördermittel konnte im vorigen Jahr ein erster Block am Geranienweg für 306.000 Euro saniert werden; ein zweiter folgt in diesem Jahr. Neue Fenster, Wärmedämmung, Bäder, Küchen, doch weiterhin Einzelöfen, die jetzt aber mit Gas beheizt werden – der Standard ist einfach und war auch nur möglich, weil viele Arbeiten von angelernten Kräften einer Beschäftigungsinitiative erledigt wurden. Auch die Leute vom städtischen Bauunterhalt wurden endlich aktiv. Was anderswo Standard ist, ist hier ein Vorzeigeprojekt: Ein erstes Haus präsentiert sich gedämmt und farbig gestrichen. Nun ist man stolz auf das erste Vorzeigeprojekt; die Signalfarben künden von einem Anfang. Doch bis alle Häuser auf diesen Stand gebracht sind, werden Jahre vergehen, wenn nicht vorher schon die Prioritäten wanken. Das ganze Stadtviertel „Im Grubentälchen“ ist Fördergebiet, und es gab schon böses Blut, dass für die (zunächst hier eingewiesenen) Flüchtlinge mehr getan würde als für die schon Ansässigen. Es wehen auffallend viele Deutschlandfahnen am Asternweg, wo links der „Slum“, rechts kleine Siedlungshäuser liegen. Von wegen „Willkommenskultur“ und „Arrival City“ – am unteren Rand der Gesellschaft ist der Frieden brüchig. Es wird geschimpft und gepöbelt. Eigenheimbesitzer renommieren vis-à-vis vom „Kalkofen“ mit Gipsbalustraden aus dem Baumarkt. Die Flüchtlinge mussten bald umziehen; Bewohner anderer Bauten im Gebiet rückten nach. Immerhin richtete die Stadt im Asternweg eine Kinderbetreuung und ein Bürgerbüro ein, wo auch auf den Frieden im Quartier geschaut und Beschwerden nachgegangen wird. Bei den Maßnahmen der „Sozialen Stadt“, die bundesweit seit 1999 an 715 Standorten geholfen haben, werden Teilhabe und Integration großgeschrieben. Das seinerzeit von der rot-grünen Bundesregierung initiierte, zwischenzeitlich mit jährlich nur noch 40 Millionen Euro Förderung fast ausgetrocknete Programm wurde 2015 unter Bauministerin Hendricks wieder auf 150 Millionen Euro hochgefahren. Der Bedarf ist riesig: Segregation und Verwahrlosung grassieren, nicht nur im Asternweg. Selbsthilfe: Verein greift ein In dieser prekären Lage, wo es vielen im Gebiet noch viel zu langsam vorangeht, bewegt sich auch etwas „von unten“, aus der viel zitierten Zivilgesellschaft. Unter dem Eindruck der plötzlichen Medienöffentlichkeit wurde im Sommer 2015 der Verein „Asternweg e. V.“ gegründet: Privatleute, die zum Teil hier aufgewachsen sind, teils aber auch Bürger von draußen, die beschämt und empört waren von den publik gewordenen Schicksalen und Missständen in ihrer Stadt, setzten sich für besseres Wohnen ein. Zu den Vereinszielen gehören laut ­Satzung die „pädagogische Begleitung für Kinder, gesundheitliche Aufklärung von Bewohnern, Übernahme von Paten­schaften, Anschaffung von Spielgeräten und Förderung der sportlichen Betätigung von Kindern, Ausrichtung von Veranstaltungen unter anderem zur Verbesserung der allgemeinen Lebenssituation vor Ort“ – so die professionell gemachte Website asternweg.org. Dafür wirbt man regional und überregional um Spenden und Sponsoren, mit wachsendem Erfolg. An die 70.000 Euro kamen im ersten Jahr zusammen. Die Medien berichteten ausführlich vom Asternweg. Das Fernsehen kam nochmals, um nachzuhaken. Daraufhin ging auch der Oberbürgermeister bald demonstrativ mit Siedlungskindern zur Lauterer Kirmes … Doch unter den Bewohnern gab und gibt es auch erhebliches Misstrauen, etwa wenn der städtische Baudezernent von der „langfristigen Aufwertung“ der Siedlung spricht. Man will mitentscheiden können, was genau geschieht. So etwas wird in Kaiserslautern nicht vermietet, sondern gegen geringes „Nutzungsentgelt“ vergeben. Bauen an der Basis Von Anfang an entwickelte der Verein deshalb auch bauliche Ambitionen: Gegenüber der Quartierskneipe „Zum Ilse“, auf der „guten Seite“ des Asternwegs – dort trifft man sich, um Siedlungsthemen zu besprechen, und von dort stammt auch der zweite Vereinsvorsitzende – wird jetzt ein Wohnblock in Eigenregie saniert. Zu diesem Zweck schlossen Stadt und Verein im Herbst 2015 einen Kooperationsvertrag. Darin ist festgelegt, dass die Vereinsmitglieder „nach vorheriger Abstimmung mit dem städtischen Referat ­Gebäudewirtschaft eigenverantwortlich Renovierungsarbeiten in Wohnungen und Treppenhäusern vornehmen“ dürfen. Ehrenamtliche Helfer, die dabei zum Einsatz kommen, bekommen von der Stadt einen Ehrenamtsvertrag. Und ganz wichtig: Die Stadt übernimmt die Gewährleistung für die ausgeführten Arbeiten. „Als Eigentümerin der Schlichtwohnungen verfolgt die Stadt das gleiche Ziel wie der Verein“, erklärte Baudezernent Peter Kiefer. Die klamme Stadt ist froh, wenn die Betroffenen selbst mitanpacken. Wie bei einer Besichtigung spürbar war, verschafft das den Menschen auch Selbstvertrauen. Vieles lässt sich im „informellen Sektor“ zudem rascher und billiger organisieren. Die Elektro-Rohinstallationen schrieb die Stadt noch selbst aus. Um die Freilegung des Mauerwerks, die Fenster, die Heizung und den weiteren Ausbau kümmert sich der Verein mit seinen Leuten und Spon­soren. Die Arbeiten im Haus Nr. 35 sind derzeit im Gange; dann will man an den benachbarten Treppenaufgängen weitermachen. Mehr als Symbolik: Mithelfen statt meckern Auch wenn die Stadt den Verein mit ihren Baumaßnahmen zuletzt „überholt“ hat – die ersten Wohnungen am Geranienweg wurden gerade bezogen –, sind die eigenen Aktivitäten der Leute vor Ort von unschätzbarem Wert. Sie fühlen sich dadurch als Partner ernst genommen, eingebunden. Wo die „Asozialen“ sonst nur am Rande stehen und „betreut“ werden, bekommen sie hier – teilweise – eine aktive Rolle, so etwas wie Würde, und zumindest die Kinder eine Perspektive. „Asternweg – Straße mit Ausweg“ heißt es denn auch im Vereinslogo und: „Wir machen sozial benachteiligte Menschen stark fürs Leben!“ Spenden sind unter www.asternweg.org unkompliziert möglich. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zum Thema „bezahlbar“ finden Sie in unserem DABthema bezahlbar.

Im Wurmloch

In Berlins „historischer“ Mitte sind die Gesetze von Raum und Zeit außer Kraft gesetzt. Zeitreiseleitung: Heiko Haberle Wir starten im Sanierungsfall Pergamonmuseum von Ludwig Hoffmann, der das Spiel mit Zeit und Raum dank großer Stil-Trickkiste perfekt beherrschte. Die Wiedereröffnung erster Bauteile wurde jüngst auf 2023 verschoben. Ab dann kann eine Planung von Oswald Mathias Ungers aus dem Jahr 2000 besichtigt werden, die schon damals nostalgisch an die 1980er erinnerte. Alle Säle werden also dem Diktat des Quadrats unterworfen: mit Trockenbauwänden, an denen wohl keine babylonischen Exponate mehr hängen können. Aber die Ausstellungsplanung wurde in weiser Voraussicht für drei Jahre ausgesetzt, denn wer weiß schon, welche Präsentationstechniken es dereinst geben wird – Hologramme vielleicht. Schräg gegenüber entsteht 2018 vorsorglich für 15 Jahre ein Übergangsmuseum, in dem auch das aus dem Jahr 2011 bekannte Pergamon-Panorama wieder auflebt. Ungers nicht unähnlich, aber nicht quadratisch gegliedert und grobschlächtiger ist auch die „zeitgenössische“ Spreefassade des Stadtschlosses alias Humboldtforum. Mit Bauklötzen in solch zyklopischen Formaten durften bisher nur Pharaonen spielen. Etwas weiter fordert der Haushaltsausschuss des Bundestags mit 62 Millionen Euro zu weiteren Verwirrspielen auf, denn er will Schinkels Bauakademie wieder haben. Und oben drauf legten die Haushälter noch die kaiserlichen Kolonnaden vor dem Schloss, nach denen nun wirklich niemand gefragt hat. Doch Bauministerin Hendricks zeigt sich undankbar und wünscht sich dort jetzt doch das wiederum vom Haushaltsausschuss ad acta gelegte Einheitsdenkmal, die wohl nur noch leicht schaukelnde Schale. Die Straße runter eröffnete der Star der 1990er Frank Gehry (das „O.“ in der Namensmitte scheint er abgelegt zu haben) jüngst seinen neuen Konzertsaal in Richard Paulicks Magazingebäude neben der Dauerbaustelle Staatsoper. Das stammt aus den 1950er-Jahren, geht aber selbst kundigen Augen glatt als echter Klassizismus durch. Letzte Station ist die bisher nur teileröffnete Staatsbibliothek, wo es etwas echt Altes zu bestaunen gibt: Die dortigen Baucontainer, die schon ihren selbstverständlichen Platz im Stadtbild haben, erinnern an das historische Ereignis des Baubeginns im Jahr 1995.

Klarer und eindeutiger

In den Allgemeinen Technischen Vertragsbedingungen (ATV) der VOB/C gibt es Neuerungen. Text: Daniela Deeg Nach der VOB/A und der VOB/B wurde nun auch die VOB/C überarbeitet und in Kraft gesetzt. 15 Allgemeine Technische Vertragsbedingungen (ATVs) wurden materiell fortgeschrieben, 48 ATVs redaktionell überarbeitet und eine ATV neu eingeführt. Insgesamt erscheint die neue VOB/C nun aktueller und in einigen Punkten klarer und eindeutiger – insbesondere durch die Erweiterung der Beispiele. Die Präzisierungen sind für Anwender, Bauherren, Planer und Handwerker förderlich für Vertragsvereinbarungen, Rechnungsstellung und die Kommunikation untereinander. Planer sind gut beraten, sich spätestens in der Leistungsphase 6, der Vorbereitung der Vergabe, mit den jeweiligen aktuellen ATVs vertraut zu machen. Umfangreichere Änderungen wurden beispielsweise bei der ATV DIN 18363 „Maler- und Lackiererarbeiten – Beschichtungen“, der ATV DIN 18364 „Korrosionsschutzarbeiten an Stahlbauten“ und ATV DIN 18366 „Tapezierarbeiten“ vorgenommen. Die Dokumente wurden zur Anpassung an die Entwicklung des Baugeschehens fachtechnisch überarbeitet und der Abschnitt 5 „Abrechnung“ ist komplett neu strukturiert. In der neuen VOB/C wurden in den überarbeiteten Teilen vermehrt Beispiele eingefügt, die helfen, unklare Begriffe zu verdeutlichen. Bereits die Hinweise für das Aufstellen der Leistungsbeschreibung sind umfangreicher als in der VOB 2012. So wurde beispielsweise in allen drei genannten ATVs bei den Angaben zur Ausführung der Umgang mit organischem Bewuchs genauer behandelt. Die ausführende Firma kann nun nach Punkt 3.1.1 freier entscheiden, ob sie unter bestimmten Umständen Bedenken anmeldet oder nicht. Erweitert und überarbeitet wurden die Nebenleistungen und die Besonderen Leistungen im Abschnitt 4. Die Anforderungen an Gerüstbauarbeiten, die entweder für das eigene Gewerk als Nebenleistung notwendig sind oder für andere Gewerke vorgehalten werden sollen, sind präzisiert, teilweise auch angepasst worden. Dadurch ist der Unterschied zwischen Nebenleistungen und Besonderen Leistungen genauer herausgearbeitet. Unter den Nebenleistungen dieser drei ATVs findet sich nun auch das Fertigstellen von Bauteilen in mehreren Arbeitsgängen zur Ermöglichung von Arbeiten anderer Unternehmer, soweit die eigenen Leistungen im Zuge gleichartiger Arbeiten kontinuierlich erbracht werden können. Ist die kontinuierliche Ausführung nicht möglich, handelt es sich um Besondere Leistungen. Durch die Neustrukturierung des Abschnitts 5 „Abrechnung“ kann die Systematik schneller erfasst werden. Die Ermittlung von Mengen, die Übermessungsregeln sowie Einzelregelungen sind auf einen Blick erkennbar. Beim Aufstellen der Leistungsbeschreibung sind nun bei der ATV DIN 18363 und der ATV DIN 18366 weitere Angaben zur Baustelle zu formulieren. Zum Schutz der Arbeiter sind nach 0.1.2 nun Art und Umfang von nicht gegen Absturz gesicherten Absturzkanten und Öffnungen anzugeben. Auch unter Punkt 0.2 „Angaben zur Ausführung“ findet sich der Arbeitsschutz wieder. Anforderungen an Abdeckungen, die zum Schutz verlegt werden, sind im Bereich von Arbeitsplätzen und Verkehrswegen genauer zu definieren, zum Beispiel im Hinblick auf die Trittsicherheit, Rutschsicherheit und Durchbruchsicherheit. An mehreren Stellen wurden bei den ATVs zu Maler- und Lackierarbeiten – Beschichtungen und Tapezierarbeiten – die Qualitätsstufen, wie sie aus dem Trockenbau bekannt sind, eingeführt. Bei den ATVs 18363 und 18364 ist für die Planer besondere Vorsicht bei den Abrechnungseinheiten geboten. Hier wurden einige auf den ersten Blick leicht übersehbare Veränderungen eingeführt. So wurde das Flächenmaß für Stahlprofile und Rohre von einem Umfang von bisher maximal 90 cm auf 1 m angehoben oder bei der ATV 18363 die Einheit für Silikon- und Kieselsäureester-Imprägniermittel von Kilogramm auf Liter verändert. Nachdem die DAST-Richtlinie 022 „Feuerverzinken von tragenden Stahlbauteilen“ im Juni 2016 überarbeitet wurde, findet sie sich in der ATV zu den Korrosionsschutzarbeiten an Stahlbauarbeiten wieder. Die Richtlinie wurde somit auch in der VOB/C eingeführt. Die neue ATV wurde zudem um präzisere Angaben zu den raumklimatischen Bedingungen erweitert, unter denen Tapezierarbeiten durchgeführt werden können. Sie stellt auch nicht mehr ausschließlich auf das Raumklima ab, sondern bezieht die sich aus der Witterung ergebenden Bedingungen ein und erläutert sie im Gesamtkontext. Genauer definiert sind ungeeignete Bedingungen in Bezug auf die Luftfeuchte, die Oberflächentemperatur und die Zugluft, bei deren Vorliegen besondere Maßnahmen zu ergreifen sind. Die ATV DIN 18356, die bisher nur die Parkettarbeiten enthielt, wurde um Holzpflasterarbeiten erweitert. Somit konnte die ATV DIN 18367 entfallen. Die Zusammenlegung erscheint sinnvoll, da unter anderem Analogien, beispielsweise bei der Beschaffenheit des Untergrunds und der Bearbeitung des Materials, bestehen. Auch bei der nun ergänzten ATV DIN 18356 wurde eine fachtechnische Überarbeitung zur Anpassung an das Baugeschehen durchgeführt, und der Abschnitt 5 „Abrechnung“ wurde in gleicher Weise wie bei den oben genannten ATVs überarbeitet. Die neue ATV DIN 18329 „Verkehrssicherungsarbeiten“ gilt zum Beispiel für die Ausführung von Verkehrszeichen, Verkehrseinrichtungen und transportablen Schutzeinrichtungen. Diese dienen bei der Ausführung von Bauarbeiten der Regelung, Führung und Sicherung des öffentlichen Straßenverkehrs im Anwendungsbereich der Straßenverkehrs-Ordnung. Daniela Deeg ist Referentin Technik in der Bayerischen Architektenkammer. Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Hoher Wirkungsgrad

20 Fenchurch Street in London: Eine hauseigene Brennstoffzelle versorgt das Bürohochhaus mit Strom und Wärme. Die Hersteller von Brennstoffzellen-Heizungen werben mit Energie-Effizienz und Schonung der Umwelt – vor allem beim Einsatz in großen Gebäuden. Text: Georg Staß Die Brennstoffzellen-Technologie ist nach Angaben ihrer Hersteller die effizienteste, die der Markt derzeit zu bieten hat. Mit der Technik lassen sich dezentral Strom und Wärme nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung bei einem äußerst niedrigen Energieverbrauch erzeugen. Gleichzeitig ist der Wirkungsgrad sehr hoch und durch den geringen Ausstoß an Treibhausgasen wird die Umwelt deutlich geschont. Zwar ist die Technologie nicht völlig neu, doch ein Durchbruch ließ lange auf sich warten. Als Zielgruppe standen bislang eher private Bauherren im Fokus, von denen viele aufgrund der vergleichsweise hohen Kosten für eine Anlage im Ein- oder Zweifamilienhaus lieber verzichteten. Sie können jedoch für den Einsatz einer Brennstoffzellen-Heizung im niedrigen Leistungsbereich verschiedene Fördermöglichkeiten, wie den KWK-Bonus – oder seit August letzten Jahres – die KfW-Förderung nach Programm 433, in Anspruch nehmen. Interessant ist der Brennstoffzellen-Einsatz aber auch vor allem für große Gebäude mit hohem Energiebedarf. So hat in London der landesweit größte Projektentwickler Land Securities mit 20 Fenchurch Street einen Hochhaus-Bürokomplex errichtet, der mit dieser Technologie ausgestattet ist. Der im Jahr 2015 mit dem „International Property Award“ ausgezeichnete Neubau liegt im Zentrum der Stadt; der Projektentwickler bezeichnet ihn aufgrund des charakteristischen Entwurfs des Architekten Rafael Viñoly sowie seines nachhaltigen Energieversorgungskonzepts als eines der „neuen Wahrzeichen“ der City of London. Mit dem Einbau einer Brennstoffzelle zur Strom- und Wärmeversorgung ist das Projekt ein wichtiger Bestandteil des vom Bürgermeister der britischen Hauptstadt formulierten Ziels, ein Viertel des in London benötigten Stroms aus dezentraler Erzeugung bereitzustellen und die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2025 um 60 Prozent zu verringern. Strom und Wärme zum Heizen und Kühlen In dem 38-geschossigen Bürogebäude wurde eine „DFC 300 EU“-Brennstoffzelle der FuelCell Energy installiert, die mit Erdgas betrieben wird und rund 300 Kilowatt Strom erzeugt. Die Stromerzeugung in der Brennstoffzelle erfolgt verbrennungslos durch eine chemische Aufspaltung des zugeführten Gases. Bei diesem geräuschlosen Prozess entsteht zusätzlich Abwärme, die für die Beheizung beziehungsweise durch den Einsatz von Absorbern zum Kühlen der rund 64.000 Quadratmeter großen Gebäudefläche genutzt wird. Durch die hohe Energieeffizienz der Technologie erreichen die Betreiber einen Gesamtwirkungsgrad der eingesetzten Energie von rund 85 Prozent. Funktions-Prinzip: Diese Technologie nutzt die chemische Energie des Brennstoffs und wandelt sie ohne Verbrennung in Strom und Wärme um. Bei der Suche nach einem Technologiepartner wurde Land Securities beim US-amerikanischen Anbieter FuelCell Energy fündig, der mit der in Dresden ansässigen FuelCell Energy Solutions (FCES) seit mehreren Jahren über ein Tochterunternehmen in Europa verfügt. Neil Pennell, Technikchef von Land Securities: „Durch die deutsche Tochter konnten wir sicherstellen, dass die Lösung alle technischen Anforderungen für den 50-Hertz-Betrieb sowie die europaweit geltenden Sicherheitsstandards erfüllen wird.“ Die Dresdener FCES stellt den Betrieb via Remote-Monitoring sowie den Service für alle europaweit im Einsatz befindlichen Anlagen sicher. Aufgrund des geringen Platzbedarfs von sechs mal sechs Metern wurde die Brennstoffzelle gemeinsam mit weiterem technischen Equipment des Gebäudes innerhalb von sechs Wochen in einem rund 130 Quadratmeter großen Kellerraum installiert und arbeitet bereits seit Ende 2015 im Dauerbetrieb. Der Aufbau der Brennstoffzelle und der auf weitere Kellerräume verteilten Anlagenperipherie verlief nach Aussage des Betreibers problemlos. Nur der Aufwand für die unterstützenden Systeme zur Erhöhung des Gasdrucks oder zur Belüftung des Technikraums führte zu einem technischen Mehraufwand im Gebäude. Langfristig rentabel und kaum Emissionen Die neue Technologie ist zwar in der Anschaffung teurer als herkömmliche Blockheizkraftwerke, rentiert sich aber durch die lange Laufzeit, die niedrigen Energiekos-ten für den Betrieb und die gute Umweltbilanz. Wegen ihrer geringen Emissionen wären Brennstoffzellen auch hierzulande für zahlreiche Städte eine Lösung. Denn die laut der europäischen Richtlinie (EU) 2008/50/EG über Luftqualität und saubere Luft für Europa einzuhaltenden Grenzwerte sind für Städte oft problematisch. Allein durch die verbrennungsfreie Strom- und Wärmeerzeugung in 20 Fenchurch Street sinkt beispielsweise der Ausstoß an Stickoxiden um über 98 Prozent im Vergleich zum Grenzwert für neue Gasmotoren/-turbinen gemäß der europäischen Richtlinie (EU) 2015/2193 zur Begrenzung der Emissionen bestimmter Schadstoffe aus mittelgroßen Feuerungsanlagen. Die Schadstoffbelastung durch Feinstaub und andere Emissionen verringert sich ebenfalls signifikant. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) plant zurzeit ein Technologieeinführungs-Programm für große stationäre Brennstoffzellen, ähnlich wie dies für kleine Brennstoffzellen bereits existiert. Auch die EU fördert im Rahmen des „Fuel Cells and Hydrogen Joint Undertaking“ (FCH-JU) Projekte im Bereich der sauberen und dezentralen Energieversorgung. Um die Investitionskosten für Projektentwickler und Betreiber niedrig zu halten, können die FCES-Kraftwerke sowohl als Leasing- oder Contracting-Lösungen als auch unter einem Power Purchase Agreement (PPA) betrieben werden, das dem Kunden die Energielieferung in einer vertraglich festgeschriebenen Höhe garantiert. Andreas Frömmel, bei FuelCell Energy Solutions für die Geschäftsfeldentwicklung in Europa verantwortlich: „Unsere Brennstoffzellen-Kraftwerke können bereits heute je nach Region Strom zu Kosten unter den Marktpreisen produzieren.“ Auch die Aufstellung im Freien ist möglich: Beim Einsatz von Brennstoffzellen als Quartierslösungen im Bestand können die Anlagen problemlos auf Freiflächen außerhalb von Gebäuden errichtet werden. Brennstoffzellen eignen sich für alle größeren Gebäudekomplexe, die einen kontinuierlich hohen Strom- und Wärmebedarf haben. Neben Krankenhäusern werden inzwischen in Amerika auch Hochschulen auf diesem Weg versorgt. Während im Hochbau im Moment noch kleinere Brennstoffzellen zum Einsatz kommen, werden in Fabriken sehr leistungsstarke Anlagen verbaut. So wurde im Sommer 2016 beim baden-württembergischen Werkstoffhersteller Friatec die erste europäische Brennstoffzelle im Megawatt-Leistungsbereich in Betrieb genommen. In Südkorea, das aufgrund einer vorbildlichen Förderpolitik weltweit eine Vorreiterrolle beim Einsatz der neuen Technologie einnimmt, ist man schon einen Schritt weiter. Hier wird in der Stadt Daegu ein Brennstoffzellen-Park mit einer Nennleistung von 60 Megawatt betrieben, der einen ganzen Stadtteil mit Energie versorgt. Insofern sind auch im Wohnungsbau große Quartierslösungen denkbar, die netzunabhängig die Strom- und Wärmeversorgung von Siedlungen sicherstellen. Georg Staß betreibt ein Redaktionsbüro mit Schwerpunkt IT, Energie und Technologie in Berlin. Das im Text genannte Unternehmen FCES gehört zu seinen Kunden. Einsatzbeispiel in Berlin Auch in Deutschland sind bereits leistungsfähige Brennstoffzellen im Einsatz. Der nach Entwürfen des Architekten Christian Pelzeter neu errichtete Dienstsitz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) in Berlin verfügt über ein innovatives Energiekonzept und wird durch eine gasbetriebene Brennstoffzelle mit Strom und Wärme versorgt. Im Vergleich zu einer herkömmlichen Erzeugung werden durch die elektrochemische Energieumwandlung mittels Brennstoffzelle Gaseinsparungen von rund 30 Prozent realisiert. Aufgrund der Nachhaltigkeit und Energieeffizienz erhielt der BMBF-Neubau die höchste Auszeichnungsstufe „Gold“ nach dem Bewertungssystem „Nachhaltiges Bauen für Bundesgebäude“. Die FuelCell Energy Solutions gibt Architekten und Fachplanern im ­Rahmen regelmäßig stattfindender Führungen durch das BMBF einen Einblick in die Technologie und die konkrete bauliche Umsetzung vor Ort. Anmeldung unter: ­info@fces.de Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Heißes Thema für Reformen

Das Ziel im Brandschutz: einheitliche Handhabung der gesetzlichen Grundlagen unter Wahrung eines gesunden Maßes, findet Alexander Schwehm. Brandschutz als Wahlkampfthema? Im Saarland ist es jetzt anlässlich der Landtagswahl so gekommen. Fast alle Kandidaten für den Landtag argumentieren in die gleiche Richtung: Manche Brandschutzregeln gehören überprüft. Vor allem aber soll ihre Anwendung sachgerechter, einheitlicher und berechenbarer werden, so auch die Forderung der Architektenkammer des Saarlandes. Wir als Architektenschaft begrüßen sehr, dass sich die Landespolitik endlich des Themas annimmt; haben wird doch, zusammen mit unseren Kollegen von der Ingenieurkammer und anderen Betroffenen, es immer wieder zur Sprache gebracht. Um Missverständnissen vorzubeugen: Brandschutz ist lebensnotwendig. Wäre er schwach, dann kämen in Deutschland weit mehr als 343 Menschen im Jahr durch Rauch, Feuer und Flammen um – so viele waren es 2015. Doch obwohl der Aufwand für Brandschutz und der Anteil der dafür optimierten Neubauten ständig steigt, sinkt die Zahl der Opfer kaum noch. Aus Übereifer oder der Ängstlichkeit mancher Behörden droht der Brandschutz zum Selbstzweck zu werden. Das betrifft nicht nur den Brandschutz in Schulen, wo Aulen kaum noch für Abiturfeiern und Theateraufführungen genutzt werden dürfen, oder Brandschutztüren in Kindergärten, die kein Kind mehr öffnen kann, sondern es greift tief in die Grundstruktur von Bauten ein. Da gibt es, insbesondere für Sonderbauten oder Umnutzungen, vor der Genehmigungsprozedur kaum abschätzbare Anforderungen an Rettungswege, Brandabschnittsgrößen, Materialien, Entrauchung und Besprinklerung. Es werden Bestandsbauten gesperrt, in denen seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten niemand Brandgefahr gesehen hat. Andere werden nicht modernisiert, weil dann der Bestandsschutz verfallen würde, aber die Brandschutzanforderungen nicht wirtschaftlich umsetzbar sind. Also verfällt stattdessen das Gebäude. Dies alles sind nicht Folgen verschärfter Regeln. Es sind die Folgen der verschärften Anwendung der einschlägigen Brandschutzregelungen. Da Brandschutz nun mal hochkomplex ist, sollte er zentralisiert werden. In einem kleinen Bundesland wie unserem kommt da durchaus eine zentrale Behörde infrage oder in jeder Bauaufsichtsbehörde die Bündelung dieser Aufgabe bei einem Experten. Nochmals sei betont: Es geht nicht darum, Risiken zu erhöhen, sondern darum, dass für den Brandschutz künftig genau das gefordert und getan wird, was nötig ist – und nicht mehr alles, was ein Sachbearbeiter ohne Rücksicht auf Kosten und Einbußen für den Bau und seine Nutzer für möglich hält. Zu groß ist die Angst, Verantwortung zu übernehmen, wenn Regeln eventuell nicht strikt eingehalten wurden. Von einer „Diktatur der Feuermelder“ und damit der Feuerwehr sprach vor einigen Monaten die angesehene Zeitung „Die Zeit“. Das ist natürlich überspitzt. Es ist oft auch nicht die Feuerwehr, es sind Verwaltungen und eine Industrie, die auch an der Angst verdient. Ein Beispiel: In Deutschland herrscht die Rauchmelderpflicht, seit Anfang dieses Jahres auch im Saarland. Das freut Hersteller und vor allem Wartungsfirmen. Aber es bringt der Feuerwehr ein Problem: Ist der Rauchmelder auf eine Brandmeldeanlage aufgeschaltet, muss sie bei jedem Fiepen ausrücken – egal ob ein Fehlalarm oder ein echter Brand auf sie wartet. Selbst Brandschützer leiden demnach unter den Anforderungen an den Brandschutz. Nochmals unser Ziel: die einheitliche Handhabung der gesetzlichen Grundlagen unter Wahrung eines gesunden Maßes. Alexander Schwehm, Präsident der Architektenkammer des Saarlandes Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Schlanke XL-Formate

Große Fliesen sind modern. Aber damit das Fugenbild des Bodenbelags am Ende auch stimmt, ist einiges zu beachten. Text: Uwe Wild In den letzten Jahren haben sich großformatige Fliesen mehr und mehr durchgesetzt. Sie lassen Räume größer erscheinen und sind aufgrund des geringeren Fugenanteils leichter zu reinigen. Besonders beliebt sind sie daher als Bodenbelag in gewerblich genutzten Gebäuden, wie Läden und Einkaufszentren, sowie in Eingangsbereichen jeglicher Art. Aber auch private Bauherren entdecken die großen Formate zunehmend für sich, zum Beispiel um das Erdgeschoss des Einfamilienhauses damit auszustatten. Als großformatig werden Fliesen ab einer Größe von etwa 40 mal 40 Zentimetern bezeichnet. Mittlerweile sind sogar Formate von drei mal einem Meter keine Seltenheit. Gleichzeitig werden sie mit Dicken von weniger als vier Millimetern auch immer dünner. Da sich diese Entwicklung bislang noch nicht in den für die Fliesenverlegung gültigen Normen niedergeschlagen hat, stellt der Einbau dünnschichtiger und großformatiger Fliesen eine Sonderbauweise dar. Diesbezüglich muss der Bauherr aufgeklärt werden und es ist eine schriftliche Vereinbarung der Beteiligten notwendig. Sonderbauweisen erfordern darüber hinaus sowohl vom Planer als auch vom Fliesenleger erhöhte Sorgfaltspflichten. Fugen-Übertragung und Fugen-Bild Die Wahl der Bodenfliesen sowie die Festlegung des Fugenbildes erfolgen in der Praxis oft erst nach dem Einbau des Estrichs, also in „letzter Sekunde“. Dann muss der Fliesenleger versuchen, das Fliesenformat und das Verlegemuster mit der Geometrie des Raumes und den Estrichfugen in Einklang zu bringen. Erfahrungsgemäß gelingt das nicht immer. Schwierig wird es zudem, soll der Fliesenbelag durchgängig über mehrere Räume verlaufen. Dabei treten viele Zwangspunkte auf, zum Beispiel die Türdurchgänge. Sollen später keine schmalen Fliesenstreifen das Erscheinungsbild beeinträchtigen, müssen die Fugen der Fußbodenkonstruktion bereits frühzeitig in die Planung einfließen (siehe Bilder weiter unten). Schwierig: Reicht der Fliesenbelag über mehrere Räume, sind Zwangspunkte, wie der hier gezeigte Türdurchgang, zu beachten. Das ist besonders bei einem beheizten Fußbodenaufbau wichtig. Die Arbeiten werden von drei Gewerken (Estrichleger, Heizungsbauer und Fliesenleger) ausgeführt und müssen aufeinander abgestimmt werden. Gemäß DIN 18560-2 „Estriche im Bauwesen – Teil 2: Estriche und Heizestriche auf Dämmschichten (schwimmende Estriche)“, Punkt 5.3.3, hat der Planer einen Fugenplan zu erstellen, der für den Estrichleger, den Heizungsbauer und den Fliesenleger gleichermaßen verbindlich ist. Optisch mangelhaft: Sollen später keine schmalen Fliesenstreifen… Damit die Fliesenfugen deckungsgleich mit den Heizkreisen und Feldbegrenzungsfugen des Heizestrichs verlaufen, sind sie zunächst auf den Verlegeplan für die Bodenfliesen zu übertragen. Erst dann kann die genaue Lage der Feldbegrenzungsfugen und Heizkreise festgelegt werden. Bei temperaturbeanspruchten Bodenbelägen können durch unterschiedliche thermische Längenänderungen zwischen Verlege-Untergrund (Wärmeausdehnungskoeffizient circa 0,012 mm/m·K) und Keramik (circa 0,006 mm/m·K) auch Scherkräfte auftreten. Zur Vermeidung von Scherspannungen müssen wegen des geringeren Fugenanteils bei großformatigen Fliesen die Feldgrößen entsprechend angepasst werden. …oder breite Fugen das Erscheinungsbild beeinträchtigen, müssen die Fugen der Fußbodenkonstruktion frühzeitig in die Planung einfließen. Scherspannungen können aber auch bei unbeheizten Fußböden auftreten, zum Beispiel durch Sonneneinstrahlung aufgrund großflächiger Südverglasungen. In diesen partiell besonnten Bereichen können die thermischen Belastungen sogar höher sein als bei einer gleichmäßigen und vollflächigen Wärmeverteilung einer Fußbodenheizung. Herstellungsbedingt dürfen nach DIN EN 14411 „Keramische Fliesen und Platten – Definitionen, Klassifizierung, Eigenschaften, Bewertung und Überprüfung der Leistungsbeständigkeit und Kennzeichnung“ keramische Fliesen eine gewisse konvexe Wölbung aufweisen. Die zulässige Wölbung der Fliesen kann mit zunehmender Kantenlänge zu sichtbareren Höhenversätzen zwischen benachbarten Fliesen führen. Besonders auffällig sind Höhenversätze, wenn die Fliesenverlegung im Halb- oder Drittelverband erfolgt. So trifft bei der Verlegung im Halbverband der höchste Punkt der Wölbung, der sich in der Mitte der Platte befindet, genau auf die tiefer liegenden Ecken der benachbarten Fliesen. Bei der Verlegung im Drittelverband entsteht ein ähnliches Bild. Das kann beson-deres bei Streiflicht, das beispielsweise bei bodentiefen Fenstern entsteht, die Optik beeinträchtigen. In solchen Fällen empfiehlt sich daher die Verlegung mit Kreuzfugen oder im Dreiviertelverband. Bei Heizestrichen sollte generell keine Diagonalverlegung in Betracht gezogen werden, da die Feldbegrenzungsfugen mit dem Verlauf der Heizkreise üblicherweise rechtwinklig angelegt werden. Ebenheit und Verlegeverfahren Großformatige Fliesen erfordern auch einen besonders ebenen Verlege-Untergrund. Während der Fliesenleger mit kleinen Formaten geringfügige Unebenheiten noch relativ problemlos in den zahlreichen Fugen ausgleichen konnte, entsteht dagegen bei großen Formaten ein auffälliger Höhenversatz an den Kanten. Daher ist es erforderlich, mit dem Estrichleger erhöhte Anforderungen gemäß DIN 18202 „Toleranzen im Hochbau – Bauwerke“, Tabelle 3, Zeile 4, zu vereinbaren und gegebenenfalls zusätzlich eine separate Spachtelung der Estrichoberfläche auszuschreiben. Konvex gebogen: Bei Verlegung im Halb- oder Drittelverband wird der Höhenversatz ­aufgrund der herstellungsbedingten Wölbung besonders deutlich. Üblicherweise werden keramische Fliesen im Dünnbettverfahren nach DIN 18157-1 „Ausführung keramischer Bekleidungen im Dünnbettverfahren; Hydraulisch erhärtende Dünnbettmörtel“ verlegt. Bei dieser auch als Buttering-Verfahren bezeichneten Ausführungsart wird der Verlegemörtel mit einem Kammspachtel auf den Untergrund aufgekämmt und anschließend werden die Fliesen in das Mörtelbett eingeschoben. Mit kleineren Fliesenformaten lässt sich so eine weitgehend vollflächige Bettung erzielen. Bei großen Formaten können sich dabei im Verlegemörtel jedoch größere Hohlräume und Luftblasen bilden. Das lässt sich nur durch die Anwendung des Buttering-Floating-Verfahrens vermeiden, wobei der Mörtel auf den Untergrund und auf die Fliese aufgetragen wird. Der Architekt sollte daher bei Großformatfliesen das Buttering-Floating-Verfahren gemäß DIN 18157-1 ausschreiben. Für den Fliesenleger heißt das, er muss bei der Kalkulation eine größere Menge des Verlegemörtels einplanen. Klebemörtelauftrag: Eine entsprechende Baustelleneinrichtung ist notwenig, um die Großformatplatten für die Verlegung vorbereiten zu können. Verlegemörtel und Verarbeitung Überschüssiges Wasser aus dem Verlegemörtel verdunstet bei einem Fliesenbelag ausschließlich über die Fugen. Aufgrund des geringen Fugenanteils bei der Verwendung großer Formate bleibt die Feuchtigkeit im Fußboden im Vergleich zu kleinen Fliesen deutlich länger erhalten. Feuchteempfindliche Ansetz- und Verlegeflächen, wie etwa Calciumsulfatestriche, können dadurch geschädigt werden. Eine Grundierung, zum Beispiel auf Basis eines wasserfreien Reaktionsharzes, kann die Estrichoberfläche dagegen schützen. Wird eine Reaktionsharzgrundierung verwendet, muss sie im frischen Zustand mit Quarzsand abgestreut werden. Um den Feuchtetransport durch die schmalen Mörtelfugen weiter zu minimieren, sollte ein schnell erhärtender Verlegemörtel mit hoher kristalliner Wasserbindung verwendet werden. Am besten eignet sich ein C2-Klebemörtel mit hoher Flexibilität, da das Material die bereits beschriebenen möglichen thermischen Spannungen zwischen Fliesen und Verlege-Untergrund zum Teil aufnehmen kann. Einige Bauchemiehersteller bieten spezielle „Großformat-Kleber“ an. Saugheber: Transport, Bearbeitung und Verlegung von Großformatfliesen erfordern spezielle Werkzeuge sowie Trage- und Verlegehilfen. Je größer das Fliesenformat ist, umso größer ist auch die Bruchgefahr bei Transport, Verarbeitung und Nutzung. Um die Bruchgefahr zu minimieren, ist die Rückseite der Fliesen oft mit einer Gewebearmierung beschichtet. Trifft das zu, muss die Art der Beschichtung und des Gewebes bekannt sein – gegebenenfalls ist beim Fliesenanbieter nachzufragen – und es sollte eine Empfehlung für den zu verwendenden Verlegemörtel beim Bauchemiehersteller eingeholt werden. Transport, Bearbeitung und Verlegung von Großformatfliesen erfordern spezielle Werkzeuge sowie Trage- und Verlegehilfen. Bearbeitung und Zuschnitt erfolgen mit Diamantwerkzeugen, um saubere Schnittkanten herzustellen. Das Einsetzen erfolgt in der Regel mit Saughebern. Zur Vermeidung von Höhenversätzen zwischen benachbarten Fliesen hat sich der Einsatz von Verlegehilfen (auch Nivelliersysteme genannt) bewährt. Damit lassen sich die Kanten zu den benachbarten Fliesen auf die gleiche Höhe einjustieren. Muss eine frisch verlegte Großformatfliese noch einmal aus dem Mörtelbett herausgenommen werden, ist zunächst der Haftverbund zwischen Fliese und Mörtel mit einem Draht zu durchtrennen, damit die Fliese nicht bricht. Uwe Wild ist Sachverständiger für das Estrichlegerhandwerk sowie für das Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerhandwerk in Brandis bei Leipzig. Grundsätze für Planung und Ausführung – Verlegeplan für den Fliesenleger mit dem Fugenplan für den Estrichleger und den Heizungsbauer ­abstimmen (Planung „von oben nach unten“) – erhöhte Anforderungen an die Ebenheit des ­Estrichs und die Spachtelung ausschreiben – Verlegung erfolgt im kombinierten Verfahren ­(Buttering-Floating-Verfahren) – großformatige Fliesen nicht im Halb- oder ­Drittelverband verlegen – besondere Verlegemörtel mit hoher kristalliner Wasserbindung verwenden – Feuchteschutz bei Calciumsulfat-Estrichen ­ausschreiben Normen und Regelwerke DIN 18157-1 „Ausführung keramischer Bekleidungen im Dünnbettverfahren; hydraulisch erhärtende Dünnbettmörtel“, Stand 1979-07 DIN ATV 18352 VOB Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen – Teil C: Allgemeine Technische Vertragsbedingungen für Bauleistungen (ATV) – „Fliesen- und Plattenarbeiten“, Stand 2012-09 DIN EN 14411 „Keramische Fliesen und Platten – Definitionen, Klassifizierung, Eigenschaften, Bewertung und Überprüfung der Leistungsbeständigkeit und Kennzeichnung“, deutsche Fassung EN 14411:2016, Stand 2016-12 DIN 18560-2 „Estriche im Bauwesen – Teil 2: Estriche und Heizestriche auf Dämmschichten (schwimmende Estriche)“, Stand 2009-09 DIN 18202, „Toleranzen im Hochbau – Bauwerke“, Ausgabe 2013-04 BVF-Fachinformation „Schnittstellenkoordination bei Flächenheizungs- und Flächenkühlungssystemen in Neubauten“, herausgegeben vom Bundesverband Flächenheizungen e.V., Hagen, Stand 2011-05 ZDB-Fachinformation „Großformatige keramische Fliesen und Platten“, herausgegeben vom Fachverband Fliesen und Naturstein im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes, Stand 2010-05 Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Im Schwitzkasten

Saunas auf Stelzen, im Betonschacht oder daheim auf 45 Quadratmetern: heiße Ideen von Architekten. Text: Stefan Kreitewolf Das Thermometer klettert gen 90 Grad Celsius. Der Schweiß läuft in Strömen, die verspannten Muskeln werden warm und weich. Der Kopf wird leer. Nach der Schwitzpartie geht es hinaus in die kühle Luft. Die von der Wärme geweiteten Bronchien saugen den Sauerstoff auf, jede Zelle des Körpers wird durchblutet. Ein ausgiebiger Sauna-Tag ist für viele Deutsche wie ein paar Stunden Kururlaub – gleich um die Ecke. Und das ist extrem beliebt. Für Thomas Kalman von Krieger Architekten im rheinischen Velbert ist das nichts Neues: „Die Nachfrage nach Sauna-Neubauten ist sehr hoch“, weiß der Geschäftsführer des Büros, das sich auf Schwimmbad- und eben Saunabau spezialisiert hat. „Sauna- oder Wellnessbereiche werden als zentraler Bestandteil von Gesundheitsbädern konzipiert.“ Sie stünden als hochwertiges Angebot einem teilweise überregionalen Publikum zur Verfügung. Allerdings müsse, um diese Magnetwirkung erzielen zu können, alles stimmen – „das Ambiente, der Service und die Einzigartigkeit des Ortes“. Während klassische Saunas voll im Trend liegen, werden auch innovative Ideen und kreative Konzepte realisiert. In Troisdorf zum Beispiel lässt sich nun auf hohem Niveau saunieren – und zwar buchstäblich. Der Saunabereich des Schwimmbads „Aggua“ besteht aus einer Holzkonstruktion, die – ähnlich einer Pfahlbausiedlung – auf Betonstützen aufgeständert ist. Das ist sinnvoll, weil das darunter fließende Flüsschen Agger einmal jährlich über die Ufer tritt, und es ist nicht zuletzt einzigartig und spektakulär. „So entfaltet die Baumhaussauna mit Blick ins Grüne eine tolle Atmosphäre, die auch Besucher aus größerer Entfernung anzieht“, sagt Kalman. Bei steigendem Bedarf, können weitere Pfahlbauten errichtet werden. „Hommage an das Nichtstun“ Es geht aber noch kreativer: Ein besonderes Beispiel dafür ist die „One Man Sauna“ (Abb. S. 25) des Münsteraner Architekturkollektivs Modulorbeat. Der Schwitzkasten, der im Rahmen des Bochumer Stadt- und Kunstfestivals „Das Detroit-Projekt“ errichtet wurde, ist siebeneinhalb Meter hoch. Er besteht aus gestapelten Betonfertigteilen, die eigentlich für den Bau von Schachtanlagen verwendet werden. Jan Kampshoff von Modulorbeat erklärt: „Das Projekt ist eine Hommage an das Nichtstun, und zwar ganz allein.“ Die „One Man Sauna“ biete nämlich lediglich Platz für eine Person. Auf der untersten Ebene befindet sich ein Tauchbecken. In der Etage darüber lädt die Sauna-Box zum Schwitzen ein. Und ganz oben öffnet ein Ruheraum den freien Blick gen Himmel. „Die Sauna ist eine Oase in einer von Industrie geprägten Stadt und dient als Reflexionsidee für die Zukunft der Stadt“, erklärt Kampshoff. Schwitzen statt Schuften: Standort, Material und Form lassen sich als Referenz an die Bergbauindustrie vergangener Tage lesen. Mehrstöckig schwitzen und entspannen: Das war in der „One Man Sauna“ möglich. Die Sauna wurde aus Schachtmodulen gebaut. Wie viele Projekte von Modulorbeat, war auch die „One Man Sauna“ temporärer Natur. Der Schwitzschacht ist mittlerweile wieder abgebaut worden. „Aber wer weiß, vielleicht bauen wir bald wieder eine Sauna“, hofft Kampshoff. Das Projekt erhielt schließlich eine Anerkennung beim Deutschen Architekturpreis 2015 und hat das Büro deutschlandweit bekannt gemacht. Geschäftsmodell Schwitzen Saunas sind für Krieger Architekten und Modulorbeat ein einträglicher Alleinstellungsfaktor. Denn Saunabaden ist in Deutschland extrem beliebt. Das Schwitzen hat eine neue Rekordmarke erreicht: 30 Millionen Deutsche saunieren einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Saunabundes zufolge regelmäßig. Das ist ein Riesenmarkt, der stetig wächst. Und zwar auch im privaten Bereich. Das Kemptener Büro architektur + raum plant und realisiert Saunas für den Privatbereich; aktuell ist eine Sauna im bayerischen Pfronten geplant. „Auf 45 Quadratmetern werden wir in einem Wohnhaus eine Trockensauna, einen Whirlpool, eine Dusche, ein Liegepodest und eine Akustik-Lamellenwand realisieren“, berichtet Thorsten Leekes von architektur + raum. Die verwendeten Materialien – Kautschukboden, Glasmosaik und Tannenholz – spiegeln den luxuriösen Charakter der Privatsauna wider. „Bei privaten Saunas geht es um Individualität, deswegen legen wir Wert darauf, keine Fertigteile zu nutzen“, sagt Leekes. Für architektur + raum ist das Schwitzen bereits zum Geschäftsmodell geworden. Und damit nicht genug: „Der Trend geht zum Wellnessgarten. Dabei wird die gesamte Gartenlandschaft auf Erholung und Entspannung ausgerichtet – etwa mit Swimmingpool und kleiner Sauna“, erklärt Leekes. Für Architekturbüros bleibt also noch Einiges zu tun. Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Ganz neutrale Suche

Wer Stellen ausschreibt und Bewerbungsgespräche führt, kann auch ungewollt Kandidaten diskriminieren. Text: Franziska Klug und Dirk Scholz Mittlerweile ist das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) seit über zehn Jahren in Kraft und viele Unternehmen sind in Sachen Diversity (Vielfalt) bereits gut aufgestellt. Dennoch kommen im Zusammenhang mit dem AGG auch für erfahrene Arbeitgeber und Personalverantwortliche immer wieder rechtliche Fragen auf. Eine diskriminierende Stellenausschreibung oder eine unzulässige Frage im Vorstellungsgespräch können weitreichende Folgen haben, bis hin zur Schadenersatzpflicht. Auch Bewerber sollten wissen, welche Fragen im Bewerbungsgespräch oder Personalfragebogen unzulässig sind und wie sie hierauf reagieren können. Für ein diskriminierungsfreies Formulieren von Stellenausschreibungen gibt es aber auch Positiv-Gründe: Sie benachteiligen nicht. Und mit ihnen kann ein größerer Kreis potenzieller Bewerber angesprochen und damit letztlich das Unternehmen vielfältiger werden. Benachteiligen verboten Ziel des AGG ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen. Beschäftigte dürfen nicht aus einem dieser Gründe benachteiligt werden. Das Benachteiligungsverbot greift schon bei der Stellenausschreibung und im Vorstellungsgespräch. Es gilt gegenüber Arbeitnehmern, Auszubildenden und arbeitnehmerähnlichen Personen. Für Selbstständige und Organmitglieder – wie zum Beispiel Geschäftsführer und Vorstände – gilt es hingegen nur, soweit der Zugang zur Erwerbstätigkeit oder der berufliche Aufstieg betroffen sind. Stellen für alle ausschreiben! Eine Stellenausschreibung darf nicht gegen das Verbot der Benachteiligung aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität verstoßen. Die Pflicht zur geschlechtsneutralen Stellenausschreibung ist allgemein bekannt. Bezeichnungen wie „Architekt“ oder „Geschäftsführer“ gelten weithin als nicht geschlechtsneutral. Durchgesetzt hat sich die Nennung beider Geschlechter, zum Beispiel „Architekt/Architektin“ oder „Architekt(in)“. Das bloße Anhängsel (m/w) sollte schon deshalb vermieden werden, weil sich nach Studien Frauen davon kaum angesprochen fühlen. Ausschreibungen sind auch unzulässig, wenn sie Diskriminierungs-Merkmale nicht ausdrücklich nennen, sondern sie umschreiben. So kann zum Beispiel die Anforderung „sehr gutes Deutsch“ in einer Stellenanzeige ein Indiz für eine mittelbare Benachteiligung eines nicht zum Vorstellungsgespräch geladenen Bewerbers wegen dessen ethnischer Herkunft sein (LAG Hessen vom 05.10.2011, Az.: 2 Sa 171/11; LAG Hamm vom 04.02.2014; Az.: 7 Sa 1026/13). Insoweit kommt es darauf an, ob die geforderten Kenntnisse für die Tätigkeit eine entscheidende Anforderung darstellen. Dies ist dann der Fall, wenn die Tätigkeit andernfalls nicht ordnungsgemäß ausgeübt werden kann. Die Anforderung „Deutsch als Muttersprache“ ist daher regelmäßig nicht gerechtfertigt. Besonders häufig sind Verstöße gegen das Verbot der Benachteiligung aufgrund des Alters. Wird in einer Stellenanzeige ein „junger” Bewerber oder eine „junge” Bewerberin gesucht und eingestellt, dann kann eine abgelehnte ältere Person vermuten, dass sie wegen ihres Alters benachteiligt worden ist. Auch die Erwähnung eines „jungen, dynamischen Teams“ kann ältere Arbeitnehmer von einer Bewerbung abhalten (LAG Hamburg vom 23.06.2010, Az.: 5 Sa 14/10; LAG Schleswig-Holstein vom 29.10.2013, Az.:1 Sa 142/13). Auch die Beschränkung des Bewerberkreises auf Arbeitnehmer im ersten Berufs- oder Tätigkeitsjahr kann eine mittelbare Benachteiligung wegen des Alters darstellen – sogar in einer innerbetrieblichen Ausschreibung (BAG vom 18.08.2009, Az.: 1 ABR 47/08). Werden Berufsanfänger gesucht, muss aus der Stellenanzeige deutlich werden, dass damit nicht nur jüngere Arbeitnehmer gemeint sind, sondern auch ältere, die bereit sind, sich in einen neuen Beruf einzuarbeiten. Werden „Hochschulabsolventen/Young Professionals“ gesucht, kommt darin zum Ausdruck, dass vornehmlich etwa 25- bis 30-Jährige angesprochen werden. Auch hierin liegt eine unzulässige Benachteiligung wegen des Alters (BAG vom 24.01.2013, Az.: 8 AZR 429/11). Wenn im Anforderungsprofil bestimmte körperliche Fähigkeiten oder das Vorliegen einer Fahrerlaubnis verlangt werden, kommt eine unzulässige Benachteiligung wegen einer Behinderung in Betracht, wenn die gestellte Anforderung für die Ausübung der konkreten Tätigkeit nicht erforderlich ist. Es ist zudem darauf zu achten, dass auch die Beschreibung der zu erbringenden Tätigkeit neutral abgefasst wird. Andernfalls können diese Angaben gegenüber potenziellen Bewerbern eine abschreckende Wirkung entfalten. Schließlich ist darauf zu achten, dass der Arbeitsplatz nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) als Teilzeitarbeitsplatz auszuschreiben ist, wenn er sich hierfür eignet. Enthält eine Stellenanzeige ein verbotenes Merkmal gemäß § 1 AGG und werden Bewerber nicht eingestellt, die dieses Merkmal erfüllen, deutet das auf deren Benachteiligung hin. Der bewerbenden Person können dann Schadenersatzansprüche zustehen. Diese Ansprüche müssen innerhalb von zwei Monaten nach Erhalt der Absage schriftlich gegenüber dem Arbeitgeber geltend gemacht und binnen weiteren drei Monaten gerichtlich eingeklagt werden. Vorstellungsgespräch: Verbotene Fragen Auch das Vorstellungsgespräch hat benachteiligungsfrei zu erfolgen. Insoweit wird das allgemeine Fragerecht des Arbeitgebers eingeschränkt. Es dürfen nur solche Fragen gestellt werden, die erforderlich sind, um sich ezin verlässliches Bild über die fachliche und persönliche Eignung der Bewerbenden für die zu verrichtende Tätigkeit zu machen. Generell zulässig sind Fragen, die sich ausschließlich auf die ausgeschriebene Stelle beziehen, wie zum Beispiel Fragen nach der fachlichen Qualifikation, einer vorhandenen Ausbildung, dem beruflichen Werdegang, der zuletzt ausgeübten Tätigkeit oder dem Bestehen eines Wettbewerbsverbots. Unzulässig sind hingegen Fragen nach der Gewerkschaftszugehörigkeit, den familiären und persönlichen Lebensumständen, einer bestehenden Schwangerschaft, Rauchgewohnheiten oder privaten Vermögensverhältnissen. Regelmäßig ist auch die Frage nach einer Schwerbehinderung im Vorstellungsgespräch unzulässig. Die Frage nach körperlichen Beeinträchtigungen kann nur dann zulässig sein, wenn diese Einfluss darauf haben, ob die Tätigkeit ausgeübt werden kann. Auch in diesem Fall ist die Frage jedoch nach der Eignung für die konkrete Tätigkeit zu stellen und nicht nach einer bestehenden Schwerbehinderung im Allgemeinen. Eingeschränkt zulässig sind Fragen nach bestehenden Krankheiten. Nach solchen darf nur gefragt werden, wenn durch sie die Eignung für den Arbeitsplatz infrage gestellt wird. Es muss insoweit ein konkreter Bezug zu der angestrebten Tätigkeit bestehen. Allgemeine Fragen zum Gesundheitszustand sind – ebenso wie die Frage nach gelegentlichem Alkoholgenuss – unzulässig. Auch nach Führungszeugnissen oder Vorstrafen darf nur gefragt werden, wenn ein Zusammenhang mit der Stelle vorliegt. So ist die Frage nach Vermögensdelikten erlaubt, wenn Beschäftigte mit der Verwaltung eines Vermögens betraut werden. Dagegen sind Verkehrs- oder Körperverletzungsdelikte in der Regel unerheblich. Im Bundeszentralregister gelöschte Straftaten müssen Bewerber auch dann nicht offenbaren, wenn sie im Zusammenhang mit der Stelle einschlägig sind. Zulässige Fragen sind wahrheitsgemäß zu beantworten. Ist eine Frage unzulässig, muss sie nicht beantwortet werden. Den Bewerbenden steht insoweit ein „Recht zur Lüge“ zu, da der Arbeitgeber aus der bloßen Nichtbeantwortung der Frage negative Schlüsse ziehen würden. Findet ein Arbeitgeber später heraus, dass das „Recht zur Lüge“ ausgeübt wurde, darf er daraus keine rechtlichen Konsequenzen ziehen. Unzulässige Fragen nach den in § 1 AGG genannten Merkmalen – insbesondere einer Schwangerschaft oder Behinderung – können zu Schadenersatzansprüchen gegen den Arbeitgeber führen. Denn bereits die Frage begründet eine Vermutung für eine Benachteiligung, wenn Bewerber das unzulässige Merkmal erfüllen und nach dem Vorstellungsgespräch nicht eingestellt werden. Rechtsanwalt Dirk Scholz und Rechtsanwältin Franziska Klug sind in der Berliner Kanzlei Betz – Rakete – Dombek (www.robe.org) im Arbeitsrecht sowie im Antidiskriminierungsrecht tätig. Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Feuerfeste Partnerschaft

Johannes-Schule, Berlin: Weil Holz kontrolliert abbrennt, konnte es, wo nötig, als feuerhemmend definiert werden. Der Brandschutzplaner sitzt heute schon beim Entwurf mit am Tisch – erst recht bei anspruchsvollen Bauaufgaben. Text: Heiko Haberle Das Thema Brandschutz ist emotional aufgeladen. Einerseits weckt es Urängste; andererseits gilt es als wesentlicher Faktor dafür, dass das Bauen immer komplizierter wird (siehe auch Standpunkt). Dabei haben Anforderungen an Energie- und Lüftungstechnik mindestens genauso viele Auswirkungen auf einen Entwurf. Reinhard Eberl-Pacan ist Architekt und Brandschutzplaner mit Büro in Berlin, außerdem leitender Redakteur der Zeitschrift Bauen+ für Energie, Brandschutz, Bauakustik und Gebäudetechnik. Er versendet Newsletter, betreibt eine Brandschutz-Akademie und veranstaltet Brandschutz-Stammtische. Diese offensive Öffentlichkeitsarbeit für das Thema gefällt vermutlich nicht jedem in der „Szene“, wirkt doch der Brandschutz sonst eher im Hintergrund und wird im Idealfall nie benötigt. Dass der Brandschutz, wie viele andere Sicherheitsvorkehrungen, die unsere Gesellschaft entwickelt hat, still und ohne Behinderungen für den Alltag funktionieren muss, sagt auch Eberl-Pacan selbst. Er möchte vor allem den Architekten die Angst vor dem Thema nehmen und es als selbstverständlichen Teil des Entwurfs vermitteln. „Architekten haben immer Brandschutz gemacht, ohne es zu merken“, findet Eberl-Pacan. Die Organisation des Gebäudes, seine Erschließung und Unterteilung sind nicht nur die ersten Entwurfsaufgaben, sondern auch die Voraussetzungen für Fluchtwege und Brandabschnitte. Dabei empfindet er es als besonders wichtig, auch als Fachplaner eine architektonische Sicht auf den Gesamtentwurf zu haben und erst später in die Details zu gehen. Und „man sollte in Alternativen denken und den Entwerfern Optionen lassen, etwa auf eine Brandwand zu verzichten, aber dafür mehr Gebäudetechnik zuzulassen“. Die Johannesschule in Berlin-Schöneberg ist Teil eines noch wachsenden Waldorf-Campus. Ein Bereich, in dem architektonisch gerade viel passiert, ist der Schulbau. Ganztagsbetrieb und neue Lernkonzepte verändern die Gebäude. Zu den Klassenräumen kommen offene Gemeinschaftsbereiche. Verkehrsflächen sollen auch dem Aufenthalt dienen. Der „notwendige Flur“, der keine Brandlasten enthalten darf, ist hier fehl am Platz. Eine Lösung kann die Anordnung von Klassenräumen und möglichen Zusatzflächen in mehreren „Clustern“ sein. Die sind aus pädagogischen Gründen inzwischen oft gewünscht und kommen dem Brandschutz dabei entgegen, weil überschaubare Einheiten entstehen. Die 2016 fertig gestellte Johannes-Schule in Berlin-Schöneberg besitzt drei Flügel, die als Cluster mit je eigenem Treppenhaus und Fluchtszenario definiert wurden: einer für Klassenräume, einer für Fachräume, einer für Sonderräume wie Foyer, Mensa und Eurythmie-Saal. Als Teil eines Waldorf-Campus ist neben der Schule ein Kindergarten entstanden. Weitere Gebäude sollen folgen. Brandschutz entwerfen Die Architekten Minka Kersten und Andreas Kopp vom Büro Kersten + Kopp wollten die Schule als Holzbau errichten und banden schon früh Reinhard Eberl-Pacan ein – laut Kopp, „weil Holzbau in der Bauaufsicht immer noch ein Angstthema ist und für uns trotz Erfahrungen auf diesem Gebiet kein Tagesgeschäft“. Der Partner sollte dann möglichst jemand sein, der Brandschutz als kreative Disziplin begreift und im Fall einer Schule auch pädagogische Konzepte versteht. Kopp kennt nämlich zwei Typen von Brandschutzplanern: „Die einen, die offensiv und konstruktiv damit umgehen. Und die anderen, die nicht mitplanen, sondern prüfend auftreten, als seien sie selbst die Bauaufsicht. Das macht einen großen Unterschied für die Planung.“ Dass der Holzbau bisher wenig reguliert ist, sei auch eine Chance, findet Eberl-Pacan. Auf einem Gebiet, das erst von wenigen Experten bearbeitet wird, könne idealerweise ein Nachweis so schlüssig erbracht werden, dass die Bauaufsicht kaum handeln müsse. Die drei Flügel wurden als „Cluster“ definbiert. Feuerhemmende Wände (rot) und Brandschutztüren, die im Betrieb offen stehen, trennen sie voneinander. Die Johannes-Schule besteht aus Brettschichtholzdecken, die auf Innenwänden aus Brettsperrholz lagern. Die Außenwände sind als Holzrahmenkonstruktion mit dämmender Zellulose-Füllung ausgeführt. Jene Wände, die die Cluster voneinander trennen, sollten feuerhemmend ausgebildet werden. Diese Eigenschaft bringt das Holz – verwendet wurde Fichte – aber ohnehin selbst mit, weil es sehr kontrolliert und vorhersagbar abbrennt, nämlich um 0,7 Millimeter pro Minute. Damit eine Standsicherheit von 30 Minuten erreicht wird, musste also das Holz so bemessen werden, dass nach 30 Minuten Abbrennen der tragende Kern noch vorhanden ist. Solange der Brand vorher gestoppt wird, kann das zerstörte Material übrigens auch ersetzt werden. Für die Schule bedeutete das 16 Zentimeter starke Wände. Weil aber ohnehin nur bestimmte Maße produziert werden und auch statische Anforderungen hinzukommen, unterscheiden sich die feuerhemmenden Wände nicht von den anderen. Treppenhaus und Flur im Schulgebäude Die Cluster sind durch Brandschutztüren voneinander getrennt, die aber im Betrieb offen stehen dürfen. Im Brandfall sorgen Rauchmelder für ein automatisches Schließen. Dadurch sind die Flure für den Aufenthalt nutzbar. Weil die drei Cluster aber jeweils größer als 400 Quadratmeter sind, wurde eine Brandmeldeanlage mit Direktmeldung bei der Feuerwehr notwendig. Im doppelstöckigen Foyer erschwert ein Holzsturz über der Galerie – der vor allem als architektonisches Mittel überzeugt – die Rauchausbreitung. Ein zusätzlicher Rauchschutzvorhang wurde hier nötig, damit die Versammlungsstätten-Verordnung nicht im gesamten Haus gilt, sondern nur für Foyer und Mensa. Dass Treppenhäuser und Sanitärkerne in Stahlbeton ausgeführt wurden, hat mit einem gestalterisch gewünschten Materialwechsel zu tun. Der schalungsraue Beton korrespondiert dabei mit der Holzkonstruktion. Mogeln geht nicht mehr Das klingt zumindest im Nachhinein alles recht einfach. Und tatsächlich macht Eberl-Pacan oft die Erfahrung, dass Bauherren, etwa die großen Wohnungsbaugesellschaften, geradezu enttäuscht seien, wie wenige Eingriffe der Brandschutz verursache: „Die denken: Das muss doch wehtun.“ Weh tue es vor allem, wenn der Experte zu spät einbezogen werde, berichtet Stephan Appel, Architekt, Brandschutzplaner und Sachverständiger aus dem fränkischen Volkach. Nach seiner Erfahrung sehen Architekten den Brandschutz immer noch als notwendiges Übel an: „Die Fachplaner werden meistens zu spät beteiligt. Das ist sogar schlimmer geworden.“ Irgendwann könne er dann nur noch in die Trickkiste greifen und der Entwurf leide darunter. „Das tut mir dann besonders leid, weil man Probleme partnerschaftlich früh hätte lösen können.“ Entgegen landläufigen Meinungen, findet Appel sogar, dass es leichter geworden sei, die Anforderungen an den Brandschutz zu erfüllen, denn diese seien dank neuer Erkenntnisse und Bauprodukte heute zielgerichteter. Dass früher scheinbar alles einfacher war, liegt für ihn auch daran, dass Regeln nicht beachtet wurden. „Doch durchmogeln geht nicht mehr!“ Dem stimmt auch Eberl-Pacan zu: „Früher kannte man bei der Bauaufsicht seine speziellen Ansprechpartner, wusste genau, wer worauf achtet – und hat entsprechend nur das vorgelegt.“ Der Eurythmiesaal im ersten Obergeschoss der Schule Appel rät Architekten auch davon ab, Brandschutznachweise selbst zu erstellen, denn das Baurecht so zu lesen, wie es gemeint ist, sei gar nicht so einfach. Die Bauordnung müsse man sich wirklich „ganz genau anschauen und auf der Zunge zergehen lassen“, meint Kollege Eberl-Pacan. „Viele kennen nämlich nur Teilaspekte.“ Verändern müssten sich zumindest die Bauordnungen in Sachen Brandschutz (und das ist ihr Hauptinhalt) aber nicht wesentlich, um das Bauen schneller oder günstiger zu machen. Die Begriffe „feuerbeständig“ und „nichtbrennbare Baustoffe“ sollten jedoch, wie in Baden-Württemberg schon geschehen, entkoppelt werden. Schließlich ist Holz ein brennbarer Baustoff, aber kann eben durchaus feuerhemmend, ja sogar feuerbeständig sein. „Dann wäre dem Holzbau extrem geholfen, ohne das Sicherheitsniveau zu senken.“ Eberl-Pacan wünscht sich außerdem bundesweit einheitliche Verfahren und ein Vier-Augen-Prinzip mit Fachplaner und Prüfingenieur, wie es in den sechs ostdeutschen Bundesländern, in Bayern und im Saarland praktiziert wird. Und noch immer kollidieren Richtlinien und Verantwortlichkeiten miteinander. So wird etwa in Berlin und Nordrhein-Westfalen auch das Arbeitsstättenrecht auf Schulen angewendet, weil die Lehrer dort arbeiten. Es orientiert sich an großen Sonderbauten und bringt eigene Brandschutzregeln mit sich, die etwa für kleine Schulen Fluchtwegbreiten wie im Fußballstadion zur Folge hätten, wie Eberl-Pacan kritisiert. Andreas Kopp bemängelt, dass die Gesetzeslage sehr beweglich sei und die Halbwertszeiten von Richtlinien und Normen immer kürzer würden. „Die einzelnen Regeln sind in sich konsistent, aber es bestehen Widersprüche zu anderen Anforderungen und die Prioritäten sind unklar. Gleichzeitig werden die Ansprüche an die Planung immer differenzierter und es werden immer früher genaue Kostenschätzungen gewünscht.“ Deshalb werden Brandschutz- und andere Fachplaner schon während der Entwurfsarbeit beteiligt, denn erfolgreich könne man nur im Team sein. Der Bewegungs- und Mehrzweckraum des benachbarten Kindergartens. Zu viel des Guten Entwurfsarchitekten sollten aber auch selbst über den Brandschutz nachdenken. „Viele trauen sich das gar nicht mehr“, stellt Eberl-Pacan fest. Oder sie würden von ihren Bauherren zu bestimmten Maßnahmen gedrängt. „Dann wird sogar oft zu viel Brandschutz gemacht.“ Das kann auch passieren, wenn man sich strikt an die Normen hält, denn die seien oft von Lobbyinteressen geprägt, wie Stephan Appel bedauert. Er nennt die DIN 18232, die etwa die Entrauchung von Industriebauten regelt. Nach einer Überarbeitung der Norm waren pro Fläche mehr Rauchabzugsgeräte nötig. Appels Berechnungen für ein eigenes Projekt ergaben aber, dass sogar weniger Geräte ausreichten, als die alte Norm verlangte. Ein individueller Nachweis schützt in solchen Fällen vor unnötigen Ausgaben. Einen baulichen Idealzustand, bei dem kein technischer Brandschutz mehr die Defizite kompensieren muss, scheint es heute kaum zu geben. Die Anlagentechnik sollte dann genau auf die Projektgröße skaliert werden. Und man müsse sich über die Konsequenzen im Klaren sein, meint Eberl-Pacan: „Eine Brandwand ist pflegeleicht. Eine Brandmeldeanlage ist nach zehn Jahren schon überholt.“ Eigentlich könnte sie problemlos 25 Jahre halten, denkt Stephan Appel. Doch wie bei Elektrogeräten mit eingebautem Verschleiß sei ein früherer Austausch wirtschaftlich gewünscht. Hersteller helfen nach, indem es keine Ersatzteile oder keine Software-Updates mehr gibt. Appel tendiert auch deswegen persönlich zu baulichen und langfristigen Lösungen. Doch letztendlich entscheide meist, was, auf einen Lebenszyklus von 20 Jahren betrachtet, wirtschaftlich mehr Sinn macht. Manchmal ist es eben doch eine Sprühnebellöschanlage, wenn die Alternative ist, einen Dachstuhl komplett neu zu bauen. Und nicht nur Technik muss gewartet werden. Auch Fluchtwege gehören regelmäßig überprüft und freigeräumt, Nutzer müssen Schulungen erhalten. Ein ideales Brandschutzkonzept ist mal mehr baulich, mal mehr technisch ausgerichtet. In jedem Fall sollte es aber möglichst einfach strukturiert und laienverständlich sein. Entwerfer und Fachplaner müssen früh dafür sorgen, dass eine architektonische Idee auch in Sachen Brandschutz funktioniert. Dafür sieht Eberl-Pacan trotz vieler Vorschriften genug Möglichkeiten: „Die Entschuldigung ,Das Amt hat es nicht erlaubt‘ gilt nicht mehr.“ Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Von der Stadt- und Baukultur-Tagung, dem Deutschen Architektenpreis 2017 und dem „Best of Backstein“

Von der Stadt- und Baukultur-Tagung, dem Deutschen Architektenpreis 2017 und dem „Best of Backstein“ – die Meldungen der Ausgabe. Potsdam: Barock und Neue Sachlichkeit Potsdam ist ganz vorn mit dabei, wenn es um Rekonstruktionen geht. Nach dem Stadtschloss wurde nun direkt nebenan das Palais Barberini in der Version von Thomas Albrecht als Museum eröffnet. Es ist Mittelpunkt einer Uferbebauung (unten), die vage alten Vorbildern folgt, wobei das Palais zumindest an seiner Vorderseite (unter Schinkels Nikolaikirche) dicht am Original von 1771 ist – das wiederum eine verkleinerte Kopie des hundert Jahre älteren Palazzo Barberini in Rom war. Das Innere ist von Thomas Albrecht relativ schlicht gehalten und trägt im Treppenhaus Züge der Neuen Sachlichkeit. Gestiftet hat das Haus der Software-Milliardär Hasso Plattner, der dort neben Leihgaben Exponate aus seiner hochkarätigen Kunstsammlung präsentiert, darunter auch Werke aus der DDR.   Tagung zu Stadt und Baukultur „Städtebau und Baukultur – Die visuelle Ordnung der Stadt erkennen“ lautet das Motto einer gemeinsamen Tagung, die das Institut für Städtebau Berlin mit Unterstützung der Bundesstiftung Baukultur veranstaltet. Sie will „durch gute Beispiele und Erfahrungswerte die Bedeutung und das Potential von Baukultur als Stadtmehrwert hervorheben – sie vor Augen führen“. Städtebaupraktiker beantworten mit ihrem Erfahrungswissen beispielsweise Fragen zum Mehrwert von Baukultur für die Stadtrendite, zur Gestaltung von öffentlichen Räumen oder zu Wohnraumversorgung und Gestaltqualität. Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, führt in die Tagung ein. Kölns Bau-Beigeordneter Franz-Josef Höing spricht über das „Image der smarten Stadt“ und Christoph Beck von der städtischen Gesellschaft Degewo in Berlin über „Kommunale Wohnungswirtschaft im Spannungsfeld zwischen Baukultur, günstigem Wohnraum und Stadtrendite“. Claudia Reich-Schilcher vom Berliner Senat stellt Projekte des Plätze-Programms vor. Am Nachmittag gibt es eine Exkursion durch den Stadtteil Friedrichshain. Die Tagung findet am 15. und 16. Juni statt; die Teilnahme kostet 320 Euro. Mehr unter www.isw-isb.de Best of Backstein Der Fritz-Höger-Preis 2017 ist ausgelobt. Bewerben können sich Architekten mit ihren Projekten, bei denen der traditionelle Baustoff Backstein besonders überzeugend an der Fassade eingesetzt ­wurde – für den gestalterischen Ausdruck, für den Ortsbezug oder für die Energieeffizienz. Der Preis wird in verschiedenen Kategorien vergeben. Einsendeschluss ist der 15. Mai. Mehr Informationen ­unter: www.backstein.com/architekturpreis Material der Wahl Der aufsehenerregende Einsatz eines besonderen Materials am Bau wird vielleicht mit dem materialPREIS 2017 belohnt. Das Material kann dabei sowohl konstruktive als auch dekorative Funktion ­haben. Erstmals wird auch per Online-Voting ein Publikumspreis vergeben. Architekten, Innenarchitekten oder Ingenieure können sich noch bis zum 30. April bewerben. Mehr Informationen unter: www.materialpreis.com Stahl in Form gebracht Viel zu selten werden Brücken oder Industriehallen als Gestaltungsaufgabe begriffen. Mit dem Ingenieurpreis des Deutschen Stahlbaues 2017 wurden nun wieder willkommene Ausnahmen gewürdigt. In der Kategorie Hochbau gewann die Produktionshalle der Firma Sartorius in Göttingen. Gebäudehohe Stahlbügel tragen die Geschossdecken der einzelnen Hallenabschnitte. Ihre dynamisch geschwungenen Stützen begrenzen dabei großzügig belichtete Zwischenräume. Verantwortlich waren der Architekt Christian Rathmann aus dem Hannoveraner Büro Bünemann & Collegen und der Ingenieur Martin Speth von Drewes und Speth. Als beste Brücke wurde die Allerbrücke bei Verden prämiert, die sich deutlich von den Standardbrücken der Deutschen Bahn abhebt und sich auch besser in die Flussniederung integriert. Ihre Form und die Lamellenstruktur veranschaulichen den Lastabtrag. Entwurf und Konstruktion stammen aus dem Büro schlaich bergermann partner mit Andreas Keil als verantwortlichem Ingenieur. Werner Sobek erhielt eine Auszeichnung für das Dach des Busbahnhofs in Hannover. Schwungvoller Auftritt In deutschen Großstädten sprießen schicke neue Stadthäuser in hellem Naturstein oder Putz aus dem Boden, die sich in wechselnden Mixturen bei Klassizismus oder Neuer Sachlichkeit bedienen. Doch diese Fassade des Kölner Büros kister scheithauer gross am Düsseldorfer Fürstenplatz ist anders. Die mal von rechts nach links und mal umgekehrt geschwungenen Balkone verleihen dem Wohnhaus etwas Spielerisches. Die französischen Fenster sorgen für eine große Offenheit. Die Architekten wollten an die zerstörte gründerzeitliche Wohnbebauung anknüpfen, besonders an deren stadträumliche Präsenz. Trotzdem gelingt zugleich der Dialog mit den Nachbarhäusern aus der Nachkriegszeit. Lebenslang wohnen Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat eine Planungshilfe für den altersgerechten Neu- und Umbau von Wohnungen veröffentlicht. Der Ratgeber „ready kompakt – Planungsgrundlagen zur Vorbereitung von altengerechten Wohnungen“ bezieht sich dabei auf das Leitkonzept „ready“, das unter Professor Thomas Jocher an der Universität Stuttgart entwickelt wurde. Neben einem barrierearmen Mindeststandard sieht das Modell verschiedene Stufen bis hin zur DIN-gerechten Barrierefreiheit vor. Damit sollen auch Familienwohnungen mit überschaubarem Aufwand generationensicher werden können. Die Arbeitshilfe ist kostenlos und kann hier heruntergeladen werden: www.forschungsinitiative.de/publikationen Europa: Weltfremde Karte Die EU-Kommission plant eine „Dienstleistungskarte“, die das Anbieten von Leistungen in der gesamten EU erleichtern soll. Die Bundesarchitektenkammer (BAK) begrüßt den guten Willen, das grenzüberschreitende Arbeiten und die Mobilität zu fördern – aber nicht die vorgeschlagene Ausführung. Der Gesetzesentwurf zur Karte greift laut BAK-Vizepräsident Ralf Niebergall „unverhältnismäßig in bestehendes innerstaatliches Recht ein“, denn die Karte führe weitgehend zum „Herkunftsland-Prinzip“. Institutionen wie die Architektenkammern könnten dann zum Beispiel kaum noch die Qualifikation von Architekten aus anderen Ländern überprüfen, die sich in Deutschland niederlassen wollen. Auch müsse das bewährte System zur Anerkennung von Berufsqualifikationen erhalten bleiben. Die von der EU-Kommission vorgeschlagene Dienstleistungskarte führe zu einem quasi automatisierten Verfahren. Das qualitätssichernde Moment der Aufnahme in eine Kammer werde ausgehebelt, warnte Niebergall. Die Umsetzung der „Dienstleistungskarte“ solle nach Vorstellungen der Kommission eine neue „Superbehörde“ übernehmen, die in keiner Hinsicht die Fachkompetenz zur Beurteilung der Qualifikationen habe. „Das ganze Konstrukt entbehrt jeglicher klaren Sicht auf die Verwaltungswirklichkeit und ist das Gegenteil dessen, was man sich unter Bürokratieabbau vorstellt“, sagte Niebergall. Er wies darauf hin, dass auch bisher ein reibungsloser Austausch von Dienstleistungen funktioniert habe. Darüber hinaus will die EU-Kommission, dass Berufsreglementierungen, wie zum Beispiel die Architektengesetze der Bundesländer, bei jeder Änderung einem starren Analyseraster unterworfen werden, um ihre Verhältnismäßigkeit nachzuweisen. „Das ­unterbindet jegliche Dynamik in solchen Abwägungsprozessen“, kritisiert Niebergall. Noch weiter geht das EU-Vorhaben, nach dem nationale Gesetzgebungs- oder Verordnungsvorhaben mit Binnenmarkt-Bedeutung von der Kommission blockiert werden könnten und die Mitgliedsstaaten dagegen klagen müssten, um sie in Kraft zu setzen. Das beträfe dann beispielsweise jede Novelle der HOAI. Flachbau mit Spitzdach Obwohl noch Teil der Schwabenmetropole, wirkt doch das kleine grüne Tal in Stuttgart-Feuerbach recht beschaulich. Hier bauten Reichel Schlaier Architekten ein Einfamilienhaus, das den Blick ins Grüne zum Hauptmotiv macht. Mit großen Glasflächen und gestalterisch betonten Geschossdecken wirkt es vom Garten her wie ein doppelgeschossiger Bungalow. Eine Terrasse und im Obergeschoss ein umlaufender Balkon wurden in das Bauvolumen integriert. Von der höher gelegenen Straße fällt das Satteldach auf, das die örtlichen Bauvorschriften verlangten. Das gibt nicht nur dem Wohnraum mehr Kopffreiheit, sondern verleiht dem Haus auch einen interessanten Charakter mit zwei Gesichtern.   Deutscher Architekturpreis ausgelobt Das Bundesbauministerium und die Bundesarchitektenkammer (BAK) loben gemeinsam den Deutschen Architekturpreis 2017 aus, um beispielhafte Bauwerke auszuzeichnen. Sie sollen eine besondere baukulturelle Qualität aufweisen beziehungsweise von vorbildlichem Umgang bei der Sanierung und Modernisierung historischer Bausubstanz zeugen, dem nachhaltigen Bauen in ökologischer, ökonomischer und soziokultureller Hinsicht verpflichtet sein und positiv zur Gestaltung des öffentlichen Raumes beitragen. Von den ausgezeichneten Bauwerken sollen zum einen Anregungen für zukünftige Planungen ausgehen, zum anderen die Bedeutung der Baukultur und des nachhaltigen Bauens der Öffentlichkeit nahegebracht werden. Zugelassen zum Deutschen Architekturpreis 2017 sind Bauwerke oder Gebäudeensembles, die zwischen dem 1. Januar 2015 und dem 31. Januar 2017 in Deutschland oder im Namen oder überwiegend aus Zuwendungsmitteln der Bundesrepublik Deutschland im Ausland errichtet wurden. Die gesamte Preissumme beträgt 60.000 Euro. Bewerbungen um den Preis können bis zum 31. März eingereicht werden. Mehr unter: DABonline.de/tag/architekturpreis-2017

Das Fehlen der Kopisten

Inspiriert, nicht kopiert: Hans Scharouns Philharmonie-„Weinberg“… Wie originell muss Architektur sein – und wie deutlich, wer zuerst die gebaute Idee hatte? Text: Wolfgang Bachmann Es muss Anfang der 1980er-Jahre gewesen sein. Wieder einmal tagte in Berlin eine IBA-Wettbewerbsjury. In der engeren Wahl war eine Arbeit, die die besondere Aufmerksamkeit der Preisrichter genoss. Sie schien …prägt die Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron… sich nicht bis zur Preisgruppe behaupten zu können, hatte jedoch alle Rundgänge überlebt. Die Regularien wurden peinlich eingehalten, keiner sprach eine Vermutung über den Verfasser aus, aber allen war klar: Rob Krier, eindeutig. Schließlich schlug einer die Platzierung bei den Ankäufen vor, dann würde der Entwurf sicher nicht gebaut, aber man hätte wenigstens die Qualität gewürdigt. Dabei blieb es, die Kuverts wurden geöffnet. …und den erneuerten Dresdner Kulturpalast (gmp). Himmel! Der angegebene Verfasser war ein völlig unbekanntes Büro aus der Provinz, die Bearbeiter offenbar Studenten, die Krier bis auf die sepiabraunen Schraffuren seiner illustrierten Flaneure kopiert hatten. Die Preisrichter schienen betroffen oder erleichtert. Jedenfalls: Schwamm drüber! Was lehrt uns das? Ist die Geschichte gut oder schlecht ausgegangen? Abkupfern hatte immer einen Hautgout, bei Studentenentwürfen erhielt man noch mildernde Umstände, wenn die Betreuer geschmeichelt entdeckten, dass ihre eigenen Arbeiten Pate gestanden hatten. Aber später im richtigen Leben, da gab es kein Pardon mehr. Architektur galt als kreativer Beruf, das war seine entscheidende Qualität. Demnach ist nur der ein Künstler, „der alles in spontaner Eingebung aus der eigenen Persönlichkeit schöpft“, so kürzlich eine Konzertkritik in der Süddeutschen Zeitung. Plagiat oder kein Plagiat? Diese Grundwertedebatte wird allerdings dünn, wenn wir darüber verhandeln, wie hoch der künstlerische Anteil am Schaffen des Architekten ist. Keinesfalls möchten wir ihn zum Dienstleister degradieren, wie das Kollegen in stillen Momenten gerne selbst anbieten. Betrachten wir nur einmal die moderne Arbeitsweise. Man kann einem Architekten keinen Plagiatsvorwurf machen, wenn er dieselben Werkzeuge und Methoden benutzt wie seine Kollegen. Bei einem 6B-Stift wäre es lächerlich gewesen. Doch wenn beim parametrischen Entwerfen aus Algorithmen komplexe Systeme erzeugt werden, fragen sich wir Außenstehende doch, welche formalen Identitäten auf ihren Schöpfer zurückgehen, ob es endlose Varianten gibt oder der Erfindergeist in der Scriptsprache verborgen ist. Bleiben wir bei den lesbaren Quellcodes. Auch bei städtebaulichen Lösungen wird nicht ihre Wiedererkennbarkeit getadelt, etwa die Schließung einer Baulücke oder der Rückbau einer Verkehrsschneise unter dem Arbeitstitel Nachverdichtung. Das gilt ebenso für technische Lösungen. Baut ein Architekt mit einem Fachplaner ein Energie-autarkes Haus, darf ein Kollege mit demselben Ingenieur ein anderes Gebäude nach dem gleichen Prinzip errichten, und niemand wird die identischen Verbrauchswerte als Plagiat beanstanden. Auch die saisonale Vorliebe für bestimmte Materialien fällt nicht unter den Vorwurf des Kopierens. Es ist eher ein Wettstreit, wer gerade Stuccolustro, Stampfbeton oder Cortenstahl mit größerer Raffinesse ausführen lässt. Selbst typologische Lösungen werden zum Standard der ­Bauentwurfslehre. Seit Scharouns Berliner Philharmonie gehört der Begriff der Weinbergterrassen ins Repertoire der Musiktheater. Das Leipziger Gewandhaus (Skoda), die Disney Concert Hall in Los Angeles (Gehry), die Elbphilharmonie in Hamburg (Herzog & de Meuro) und der Kulturpalast in Dresden (gmp) übernehmen das Prinzip, die Musik in den Mittelpunkt gestaffelter Zuschauerpolygone zu holen – deshalb wird man nicht behaupten, hier sei bei Scharoun abgekupfert worden. Aus der jüngeren Baugeschichte kennen wir sogar kuriose Verdoppelungen, etwa am Hamburger Gänsemarkt, wo Riecke & Karres nach gut 60 Jahren das vorhandene Gebäude der Stadtbäckerei auf dem Nachbargrundstück wiederholt haben, um dem Platz eine ruhige Geschlossenheit zu geben. In anderen Fällen übernimmt ein Büronachfolger kryptische Skizzen und arbeitet sozusagen in einer „Konzept-Reinkarnation“ (Friedrich von Borries) an den Ideen des Altvorderen weiter. Als prominentes Beispiel gilt der Kammermusiksaal in Berlin von Edgar Wisniewski, worüber Ulrich Conrads orakelte: „Dass einer – wörtlich – seinen Meister (nämlich Scharoun, Anm. d. A.) gefunden hat und eines Tages sich dazu verurteilt sieht, dessen Werk fortzuführen, und zwar auf der Stelle, vor Ort, ist ein Schicksal, das man hart, das man ebenso aber auch gütig nennen kann.“ Und wenn es doch passiert? Dass Architekten bis zu einem gewissen Grad fremde Ideen übernehmen, ist unvermeidlich. Dazu sind die Aufgaben, die Bauherren, die Orte, die Nutzer viel zu ähnlich, als dass sie jedes Mal mit nie Dagewesenem konfrontiert werden müssen. Man darf sich also von fremden Werken inspirieren lassen. Aber wann kann man darin ein Plagiat erkennen? Fast immer wird die frappante Duplizität an Äußerlichkeiten festgemacht. Als genüge der Blick des Laien, der einen Nissan nicht von einem Mitsubishi unterscheiden kann. Vor 30 Jahren präzisierte die BDA-Justiziarin Gabriele Moser zur „freien Benutzung“ fremder Entwürfe: Sie ist „nur zulässig, wenn das nachgeschaffene Kunstwerk durch eigene Gestaltungsleistung die Eigentümlichkeiten und Elemente der Vorlage verblassen und allenfalls als Leitweg erkennen lässt. Wer dagegen ein fremdes Werk nur bearbeitet oder umgestaltet oder sogar unverändert – und sei es auch nur in Teilen – übernimmt, begeht ein Plagiat, wenn er die Leistung als die eigene ausgibt.“ Dass die Beurteilung in vielen Fällen strittig ist, Verstöße von Kollegen „allenthalben“ akzeptiert werden, merkte die Autorin allerdings auch an. Max Bächer hatte deshalb angeregt, eine „Plagiatssäule“ für Wettbewerbe einzurichten. Tatsächlich blieb es den Redakteuren der Fachzeitschriften überlassen, die ideelle Spurensicherung zu übernehmen. Sie enttarnten dann zum Beispiel kokett, dass der Wettbewerbsentwurf von Böge Lind-ner Architekten für die DG-Bank in Hannover stark dem Vorschlag von Mario Botta für ein Siemens-Bürogebäude in München ähnelte, den der drei Jahre zuvor abgeliefert hatte. Bei Zeus, nur das Original besitzt eben den Nimbus des Unerreichten, des Eigenschöpferischen, das ist die Essenz, der Markenkern des Berufs! Legal kopiert: Die Hamburger „Stadtbäckerei“, gebaut von Theodor Speckbötel 1913 (linke Hälfte) ergänzten Riecke & Karres 1980 mit einem äußerlich identischen Neubau, um dem davor liegenden Gänsemarkt „ruhige Geschlossenheit“ zu geben. Speckbötels Nachkommen gaben urheberrechtlich grünes Licht. Mach’s noch einmal, Sam! Doch dann sammelte Christoph Mäckler mit seinen Konferenzen zur „Schönheit der Stadt“ (ab 2010) die herumtreibende Gegenbewegung. Das Credo der mitwirkenden Kollegen lautete, statt „individualistischer Eventarchitektur“ den zeitlosen städtischen Zusammenhang zu sehen und die langfristig und handwerklich solide entwickelte Baukultur nicht durch schrille, den Bürgern unverständliche Einfälle zu stören. Von einer Aufforderung zum Kopieren war nicht die Rede, der geforderte moderate Umgang mit der eigenen Originalität schloss diese Möglichkeit jedoch nicht aus. Die Losung ist übergesprungen. Einer von Mäcklers ehemaligen Assistenten, Georg Ebbing, hat sich mit drei Kollegen zu einer Interessengruppe gefunden, die das „reproduktive Entwerfen“ propagiert. „Wir haben es leid, immer wieder neu anzufangen!“, beginnt ihr Manifest. Sie halten alles Vorhandene für reproduzierbar, ohne formale oder stilistische Tabus. Dabei geht es nicht ums Kopieren, sondern um ein respektvolles Nachempfinden, ohne das konkrete Vorbild zu verleugnen. Man setzt auf die Beständigkeit der Architektur, nicht auf weniger Arbeit durch eingesparte Leistungsphasen. Häuser sollen Orte in Erinnerung rufen, an denen man sich wohlgefühlt hat, die gut funktionieren und ein Heimatgefühl auslösen. Wollte man es emphatisch formulieren, verbirgt sich in dieser Haltung eine kopernikanische Wende der Architekturauffassung. Warum hatten wir uns vor Jahrzehnten zu diesem Studium entschlossen? Weil wir erfinden, verändern, erschaffen wollten. Wer hätte zugegeben, dass ihm sein Schulhaus, die Pfarrkirche und das Einwohnermeldeamt so gut gefallen haben, dass er sie so ähnlich nachbauen möchte und deshalb Architektur studierte? Undenkbar. Jetzt, im fortgeschrittenen Alter, würde ich das Nachahmen nicht mehr verurteilen. Aufschlussreich sind die Geständnisse eines Kunstfälschers (sic!). Vor einigen Jahren wurde Wolfgang Beltracchi entlarvt und dann berühmt. Er schreibt in seinen Erinnerungen, dass ihn neben dem finanziellen Anreiz die künstlerische Sinnsuche getrieben hat, um sich „nicht auf den Wiedererkennungswert beschränken zu müssen“. Beltracchi wollte nicht einzigartig sein, er war nicht auf der „Suche nach Originalität“, weil sie ihm den Blick verstellte auf die „nahezu unbegrenzte Anzahl von Stilen, von Techniken“. Was er malte, war für ihn „im jeweiligen Augenblick die angemessenste“ Form für seinen Ausdruckswunsch. Dazu hat er sich wie besessen in andere Künstler vertieft und neue Bilder erfunden, die jene gar nicht geschaffen hatten. Er malte also (überwiegend) nicht Vorlagen ab, sondern wiederholte die geistige Sphäre ihrer Entstehung. Überträgt man Beltracchis Methode auf die Architektursparte, führt das zu un­sittlichen Gedanken: Wenn Architektur Baukunst ist, dann lohnt sich die Reproduktion. Wolfgang Bachmann ist Architektur-Publizist in Deidesheim (Rheinland-Pfalz) Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Was Planer fordern

Zur Bundestagswahl am 24. September haben 17 Verbände und Organisationen von Architekten und Ingenieuren Prüfsteine herausgebracht – hier eine Kurzfassung. Eigenes Ministerium Die in der letzten Legislaturperiode vorgenommene Verteilung der Aufgaben für das Planen und Bauen von Gebäuden, Bauwerken der Infrastruktur sowie für Stadt- und Landschaftsplanung auf verschiedene Ressorts hat sich im Hinblick auf eine kohärente Baupolitik nicht bewährt. Ein Bundesministerium für Bauen, Stadtentwicklung und Infrastruktur wäre die richtige Antwort auf die aktuellen Herausforderungen. Wohnungsbau-Förderung Gute Wohnverhältnisse und ein funktionierendes Wohnumfeld sind wesentliche Voraussetzungen für sozialen Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Hierzu bedarf es zum Beispiel einer differenzierten Förderpolitik durch steuerliche An­reize, der weiteren Stärkung der Städtebauförderung und der Erhöhung der ­Kompensationszahlungen zur sozialen Wohnraumförderung vom Bund an die Länder. Mischung fördern Die Baunutzungsverordnung (BauNVO) ist nach wie vor vom Gedanken der Funktionstrennung geprägt. Obwohl mit Wohn- und Gewerbenutzung durchmischte Gebiete bereits seit Jahren realisiert werden, behindert die bestehende BauNVO die konsequente Nutzung der Instrumente der integrierten strategischen Stadtentwicklung. Der „doppelten Innenentwicklung“ muss Priorität eingeräumt werden, um Flächenreserven qualitativ und quantitativ baulich sinnvoll zu nutzen und gleichzeitig die innerstädtischen Grün- und Freiräume zu entwickeln und miteinander zu vernetzen. Digitalisierung mit Augenmaß Die zunehmende Digitalisierung hat Auswirkungen auf nahezu alle Bereiche der heutigen Berufs- und Tätigkeitsbilder. Die damit verbundenen Herausforderungen gilt es für die mehrheitlich in kleinen und mittelgroßen Bürostrukturen organisierten Planenden bestmöglich zu begleiten. Durch BIM darf keinesfalls eine Aufhebung der Maxime der Trennung von Planung und Ausführung durch die Hintertür erfolgen. Intelligentere Energiewende Wir begrüßen die Initiative zur Zusammenführung der Regelwerke EnEG/EnEV und EEWärmeG in einem neuen Regelungssystem. Die EnEV muss unter Berücksichtigung der EU-Richtlinien im Sinne der Anwendbarkeit weiterentwickelt werden. Ferner erachten wir ein einheitliches Berechnungsmodell für die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung als dringend notwendig. Dabei muss für das Wirtschaftlichkeitsprinzip im Hinblick auf die Betriebskosten der Endenergiebedarf die maßgebende Größe sein. Mehr Wettbewerbe Die klare und programmatische Stärkung des Planungswettbewerbs – auch durch den eigenständigen Abschnitt 5 in der neuen Vergabeverordnung – begrüßen wir ausdrücklich. Nun ist es Aufgabe der öffentlichen Auftraggeber, den Planungswettbewerb über alle Planungsdisziplinen hinweg als Regelverfahren zu etablieren, um eine in jeder Hinsicht optimale Lösung zu erzielen. Selbstverantwortung stärken Deutschland verfügt über ein bewährtes System berufsständischer Selbstverwaltung und freiberuflicher Eigenverantwortung, das die Qualifikation der Berufsangehörigen und die Qualität ihrer Leistung sichert und zugleich den Staat entlastet. Dazu gehört eine Honorarordnung, die für wesentliche Planungsleistungen einen Honorarrahmen verbindlich vorschreibt. Die Novellierung der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure HOAI 2013 war ein wichtiger Schritt zur Aktualisierung der Leistungsbilder und der Honorarstruktur. Damit liegt eine moderne und zukunftsfähige HOAI vor, die zu erhalten und systematisch weiterzuentwickeln ist. Baukultur fördern Die Förderung der Baukultur ist vornehmliche Aufgabe des Staates auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene. In diesem Zusammenhang muss auch die Arbeit der Bundesstiftung Baukultur durch Aufstockung der Mittel erheblich ausgebaut werden. Ausbildung sichern Für die Qualifikation von Architekten muss es das Ziel sein, die Ausbildungszeit entsprechend den weltweit anerkannten Standards auf eine fünfjährige akademische Ausbildung und eine nachfolgende zweijährige Berufspraxiszeit anzuheben. Die Qualifikationsanforderungen für Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner sind bundesweit auf mindestens acht Semester anzuheben. Haftung gerecht verteilen Zu Recht hat der Gesetzgeber vor Kurzem das Planungsvertragsrecht im BGB als eigenständige Regelung vorgestellt. Eine grundlegende Lösung des Problems der Haftungsschieflage zwischen Planer und Bauunternehmer aufgrund der gesamtschuldnerischen Haftung und zur Förderung des Grundsatzes des kooperativen Zusammenwirkens muss jetzt folgen – wohl am besten in Form einer objektbezogenen Gesamtversicherung. Nur sie kann für einen angemessenen Ausgleich zwischen den Baubeteiligten sorgen. Die vollständigen Wahlprüfsteine gibt es hier.

Modische dritte Haut

Schwarz: Bundschuh/ Bonin, 2000er Was vorgestern angesagt war, steht leider immer noch rum: eine kleine Kulturgeschichte der betonierten Strohfeuer. Text: Christoph Gunßer Nicht nur Kleidung, auch die Architektur bedient das Distinktionsbedürfnis des Menschen, und zwar, allen Nachhaltigkeitsdebatten zum Trotz, in offenbar zunehmendem Maße. Immer rascher folgen die baulichen Bekenntnisse zum Anderssein heutzutage aufeinander, wenn auch nicht zweimal jährlich wie bei den Textilien. Doch dafür halten die zementierten Statements wesentlich länger. Von Schwarzsehern und weißen Wänden Wie etwa Schwarz: Was Architekten bislang bevorzugt am Körper trugen, tüncht man seit einigen Jahren plötzlich an die Bau-Körper. Ganze Fassaden und Dachlandschaften – anthrazit. Hersteller von Wärmedämmverbundsystemen beeilten sich, ihre Putze mit Pigmenten vollzupumpen und die dunkelheitsbedingten thermischen Verformungen in den Griff zu kriegen. Bereits in den Siebzigern hatte es ja Ähnliches aus (anfangs asbesthaltigen) Schindeln und (giftigen) Holzschutzmitteln gegeben, doch daran wollte sich irgendwie niemand erinnern. Waren zuvor noch populäre Rot-Töne signalhaft im baulichen Einheitsbrei aufgetaucht, so galt nun unbunt als „cool“. Weiß: Le Corbusier, 1920er Schwarz hat tatsächlich das Zeug zur Avantgarde, wie hundert Jahre zuvor Corbus Weiß. Beide vereint die strikte Negation des Bisherigen als wesentlicher Zug des Modischen. Beide schockierten das Publikum. Damals wie heute beeilten sich Deuter, zeitgeistige Bezüge zur „neuen Gesellschaft“, zur Stimmungslage der Nation herzustellen, doch dürften die Beweggründe in Wahrheit ästhetischer Natur gewesen sein. Schwarze Objekte verschwinden vor dunkler Kulisse, etwa am Waldesrand. Diesen Effekt kultivierten die Japaner seit Langem mit ihren rußgeschwärzten (und dadurch haltbar gemachten) Holzverschalungen. Tendenziell wirken schwarze Dinge kleiner, unaufdringlicher. Wenn heute allerdings ganze Baublöcke Schwarz beziehungsweise Dunkelgrau tragen (Beispiel L40 von Roger Bundschuh und Cosima von Bonin in Berlin), wirkt es nur noch so bedrohlich, trist und schwer, als lebten lauter graue Männer darin. Für Le Corbusier war das Weiß hingegen Sinnbild der Dematerialisierung. Es stand für die Entkoppelung von Konstruktion und Fassade und eine – bautechnisch noch keineswegs realisierte – Leichtigkeit. In seinen fünf Punkten zur Architektur von 1923 erwähnt er zwar das Weiß nicht. Erst sein Exeget Sigfried Giedion sah darin die Emanzipation des Menschen von der Natur repräsentiert. Le-Corbusier-Forscher vermuten heute, dass ihn die in Weiß gehaltene Gesundheitsmode des Fin de Siècle dazu inspirierte. Bekanntlich war Corbu sehr modebewusst und nutzte die Möglichkeiten der Werbung: Vor seinen Häusern ließ er zum Fototermin elegant gekleidete Damen in aktuellen Automodellen vorfahren. Es ist bezeichnend, dass Le Corbusier sich schon bald vom reinen Weiß abwandte und andere, skulpturalere Schwerpunkte setzte. Bereits in den 1920ern im „International Style“ kodifiziert, überdauern die weißen Villen indes bis heute als „zeitlose“ Uniform der Neureichen. Konjunkturen: Mode und Technik Stahlbeton: Eero Saarinen, 1950er Im Bemühen, als Anbieter von Distinktion die Nase vorn zu haben, greifen Baumeister gern neue technische Mittel auf. Mag Le Corbusier bildsprachlich weiter gewesen sein als bautechnisch – seine so entmaterialisiert wirkenden Villen wurden bekanntlich noch konventionell gemauert –, viele seiner Nachfolger benutzten avancierte Materialien. Eero Saarinen erkannte Ende der 1950er-Jahre Reiz und Nutzen von Corten-Stahl. Architekturfirmen wie SOM verhalfen ihm in den Sechzigern zum Durchbruch. Dann verschwand er wieder von der Bildfläche. In den letzten Jahren erlebt er unter den Distinktionsbedingungen des körperlosen Cyberspace eine gewisse Renaissance als lebendiges Material mit Bodenhaftung. Holz kam in den späten Siebzigern als Konstruktions-, aber vor allem auch als Verkleidungsmaterial in Mode. Als „kritischer Regionalist“ zeigte man damit seine Abneigung gegen die sterilen Industrieprodukte, zu denen die Masse der Bauten geworden war. Die bald einsetzende silbergraue Patina galt als ökologisch und naturverbunden. Dies war bald darauf gar nicht mehr schick. Ökologisches Bauen wurde zur Spielwiese der High-Techniker. Ästhetisch hielt eine kühle Glätte Einzug in die Baugebiete. Rebelliert wurde nun mit billigem Low-Tech-Material wie etwa Polycarbonat-Platten, die eigentlich im Gemüsebau zu Hause sind. Dass sie nicht lange halten, wiegt ihr geringer Preis wieder auf. Vermutlich wird unsere Neu-Gier danach eh etwas anderes bestaunen wollen. Holz: Anonyme Öko-Mode der 1980er Fruchtbare Zerstörung, wie sie das Bauen ja letztlich in Gang hält, hatte zuvor schon der Dekonstruktivismus zum Thema. Leider, aber verständlicherweise war das nur symbolisch-semantisch gemeint: Richtige Rempeleien oder gar Rückbau blieben aus. Die spießig-pompöse Postmoderne mit ihren pseudohistorischen Giebeln, Erkern und Säulchen blies man so immerhin vom Parkett. Stilistisch blieben die Decons eine Kurz-Episode. Sowieso galt fortan das neoliberale Credo: „Anything goes“ – solange es sich verkauft. Und dafür sorgten immer mehr Kanäle und Gazetten: Architektur war plötzlich Teil des „Lifestyles“, sie taugte als medialer Aufreißer und Party-Gespräch. Immer kürzer bis zum Sattsehen Medienfassaden waren in den Neunzigern der letzte Schrei. Bei Tage sahen sie oftmals furchtbar banal aus, aber nachts bestanden sie aus nichts als Licht – wunderbar. Nur hatte man sich an dem Geflimmer irgendwann sattgesehen. Derart dekorierte Schuppen sind für Architekten ohnehin etwas unbefriedigend – das Flüchtige ist ihre Sache nicht. Dann schon lieber Steintapeten, wie sie Berlins Senatsbaudirektor Stimmann und die Investoren mögen. Beständigkeit und Solidität sind hier jedoch in vielen Fällen auch nur ­Zitate. Digital: Zeilgalerie in Frankfurt am Main, Medienfassade, 2000er Die Launen von Architekten treiben seltsame Blüten: Seit einigen Jahren darf ein Dach ja keinen Überstand mehr haben, auch wenn das bauphysikalisch durchaus sinnvoll wäre. So wittert und trieft es halt allerorten, weil die Tradition ja nur „zeichenhaft“ zitiert wird. Bei der Verteilung der Fenster scheint Strenge dagegen oft gar nicht wichtig – die Öffnungen tanzen dann wie besoffen aus der Reihe, viele wirken geradezu hingekleckert, auch wenn das mit der inneren Organisation überhaupt nichts zu tun hat. Die Fensterlaibungen pflegt man nun oftmals nach alter Manier breit und zuweilen wulstig zu rahmen – die Welt scheint voller picture windows. Zuweilen schießen Teile des Bauvolumens gar, Schubladen gleich, weit aus der Bauflucht heraus – die Statik zeigt dann ihre Muskeln. Nur Laien wird es darunter mulmig. Zu reden wäre noch von den Promotern der Blobs und von den Parametrikern. Dass die Rechner per se einen Sinn für Sinnhaftigkeit und Beständigkeit hätten, lässt sich kaum behaupten. Bislang scheinen die flüchtigen elektronischen Wunderwerke sich, von ein paar modischen Hinguckern abgesehen, eher wenig in Architektur niederzuschlagen. Aktuell ist mehr ein sehr langlebiges Material im Kommen, der Dämmbeton: Er entspricht dem Wunsch nach – zumindest vermeintlich – einfacheren Konstruktionen und möglichst „brutaler“ Beton-Ästhetik im Stile der Sixties und verspricht Distinktion – vielleicht auch wegen der hohen Kosten. Bei jedem dieser Trends wird das Sich-Abheben von der Masse so lange funktionieren, bis die Magazine das Thema hinreichend hochgepusht haben, mehr Bauherren auf diese Weise bauen, die Stückzahlen also die Preise sinken lassen. Dann ist es wieder Zeit, „eine neue Sau durchs Dorf zu jagen“, wie der Volksmund zu sagen pflegt. „Grün ist das neue Schwarz“, hieß es schon vor Jahren, um nach den trist-trüben Kisten begrünte Hochhäuser als das neue Nonplusultra zu propagieren. Wilde Fenster: Campus Zollverein in Essen von SANAA, 2000er Wohin mit der Mode von vorgestern? Was pure Mode, was eine wichtig bleibende Entwicklung ist, lässt sich allerdings im Einzelfall schwer bestimmen. Problematisch wird es jedenfalls, wenn andere Trends an den vermeintlichen „Modellen“ vorbeiziehen. Wo das Neue nur an der Oberfläche blieb, lässt es sich im Zweifelsfall beheben: Die „Schwarzbauten“ von heute lassen sich zur Not umtünchen, rostige Stahlhüllen durch Edelstahl ersetzen. Bei Betonbauten ist das aufwändiger – siehe die Sanierungen von Bauten aus den schwer bausüchtigen Sixties. Dass Bauschutt heute den Löwenanteil unseres Mülls ausmacht, liegt an der Inflexibilität vieler Modelle von einst – sie werden lange vor der Zeit abgerissen. Richtig kompliziert wird es, wenn die Mode ganze Raumcluster und Siedlungsmuster prägte: Die aufgrund ihrer extremen Raumtiefe fast lichtlosen Großraumbüros, ein Trend der Siebziger, sind nur schwer neuen Standards und Vorlieben anzupassen. Für angeblich zukunftsträchtige Autobahnlandschaften rissen Stadtplaner damals halbe Stadtviertel ab, die heute sehr begehrt wären. Dass der suburbane Häuslebau nun trotz „Landlust“ etwas aus der Mode gekommen ist, wird viele Kommunen noch teuer zu stehen kommen – wenn nicht zuvor eine neue Stadtflucht einsetzt. Meta-Balkon: WoZoCo-Wohnkomplex in Amsterdam-Osdorp von MVRDV, 1990er Was also hilft gegen die Neu-Gier? Eine Erkenntnis aus vielen Moden und Fehlprognosen könnte jedenfalls sein, flexibler, nutzungsneutraler und im Erscheinungsbild weniger zeitgeistig zu planen. Wird das langweilig? Langeweile kommt beim gewöhnlichen Stadtbenutzer und -betrachter weniger aus Zeitgeist-Mangel auf, sondern wegen zu viel Monotonie von Formen und Nutzungen. Oder man strebt gleich das Gegenteil an, plant den ästhetischen und technischen Verschleiß von Bauten gleich ein und sieht von vornherein eine niedrige Lebensdauer seiner Bauten vor. Auch das war ja um 1970 schon mal Mode. Allerdings schienen damals die Ressourcen noch unbegrenzt. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Dicht, aber grün

Für globalen Klimaschutz brauchen wir kompakte Städte, jedoch gegen Überhitzung aufgelockerte Quartiere. Wie gehen deutsche Städte mit dem Konflikt um? Drei Statements. Hamburg: Dächer begrünen Als erste deutsche Großstadt hat Hamburg eine umfassende Gründach-Strategie ins Leben gerufen. Deren Ziel ist es, mindestens 70 Prozent sowohl der Neubauten als auch der geeigneten zu sanierenden, flachen oder flach geneigten Dächer zu begrünen. Die Gründachstrategie ist Teil einer nachhaltigen Stadtentwicklung: Mindestens 6.000 Wohnungen sollen in der Hansestadt jährlich entstehen. 2013 waren es sogar mehr als 10.000. Wo so viel neuer Wohnraum geschaffen wird, sind Ideen gefragt, die den Bürgern neue Freiräume eröffnen. Hier fügt sich die Gründachstrategie in die Hamburger „Qualitätsoffensive Freiraum“ ein: Bauliche Verdichtung soll immer mit einem grünen Mehrwert und einer Verbesserung der Freiräume in den Quartieren einhergehen. Gründächer vereinen diese Ansprüche und bieten der Anwohnerschaft und den Beschäftigten neue Erholungs- und Nutzflächen. In der nächsten Dekade sollen in Hamburg Gründächer mit einer Gesamtfläche von etwa 100 Hektar entstehen. Das entspricht rund der doppelten Fläche von Planten un Blomen. Allein im Wohnungsneubau ergibt sich, auf fünf Jahre gerechnet, ein Gründachpotenzial von 44 Hektar, im Gewerbeneubau von 66 Hektar. 20 Prozent der neu begrünten Flächen sollen Bewohner oder Beschäftigte als Freiflächen nutzen können. Ein Förderprogramm für Neubauten und Bestandssanierungen setzt Anreize. Bis zu 60 Prozent der Kosten pro Quadratmeter können Grund- und Gebäudeeigentümer als Zuschüsse erhalten, die sie nicht zurückzahlen müssen. Darüber hinaus reduziert sich für sie die Niederschlagswassergebühr um 50 Prozent. Die Hamburger Gründachstrategie wird wissenschaftlich von der HafenCity Universität begleitet. Behörde für Umwelt und Energie Hamburg Berlin: Stadtfläche umbauen Die verdichtete Stadt der kurzen Wege ist nach wie vor das Leitbild der Stadtentwicklung und bietet auch für den Klimaschutz viele Vorteile. Im Interesse einer verbesserten Anpassung an den Klimawandel muss die Stadt dagegen aufgelockerter und weniger dicht werden. Damit ist ein Spannungsverhältnis, aber kein unauflösbarer Widerspruch bezeichnet. Denn bei guter Planung können wir durchaus beides haben: mehr Wohnraum und gleichzeitig mehr klimatische Entlastung in der Stadt. Beides geht dann zusammen, wenn wir nicht nur die Grünflächen betrachten, sondern auch die Dichte und Funktionsvielfalt des städtischen Grüns. Werden strategisch wichtige Grünbereiche aufgewertet und für den Klimawandel ertüchtigt, dann kann Berlin auch ohne einen Zuwachs an begrünter Fläche von der Kühlungs- und Verdunstungswirkung des verbleibenden Stadtgrüns profitieren. Das übergeordnete Ziel aller dieser Maßnahmen ist es, die Stadtoberfläche so umzubauen und zu qualifizieren, dass auch ein wachsendes Berlin seine Lebensqualität im Klimawandel erhält. Wenn strategisch wichtige Grün- und Freiflächen gesichert werden, wenn eine systematische Dach- und Fassadenbegrünung erfolgt, wenn das verbleibende Stadtgrün aufgewertet wird, wenn versiegelte Flächen für Niederschläge durchlässiger werden, wenn kühle Wohlfühlorte in den Quartieren entstehen – dann kann Berlin klimaangepasst wachsen. Senat von Berlin München: Öffentlichen Raum ertüchtigen Mit dem neuen Klimabelang lässt sich Verdichtung begründet steuern. Die unverzichtbaren Belüftungszonen sollten in ihrer Versiegelung gebremst werden, die Düsenwirkung von Straßen kann die Durchgängigkeit der Luftströmungen ebenfalls befördern. Eine Stadtordnung, die sich auf das bedrohliche Klimageschehen einstellt, weist auch den Weg der Verdichtung. Dort, wo die Infrastruktur unter der Straße liegt und die öffentliche Verkehrserschließung leistungsfähig ist, also im Hauptstraßennetz, kann Verdichtung auch im Bestand den Belüftungszweck unterstützen. Bisher begrenzt das Baurecht (§ 34 BauGB) die Verdichtung, wie sie diese auch, zum Teil in den „Gartenstädten“ unerwünscht, zulässt. Dieses Korsett kann und muss jetzt aufgeschnürt werden. Das gibt der Stadtentwicklung neue Perspektiven und Entwicklungschancen. Die mangelhafte, chaotische Struktur der Nachkriegsentwicklung kann damit langfristig korrigiert werden. Verbindet man die mögliche Bautätigkeit im Bestand mit der dringenden Ertüchtigung des öffentlichen Raumes auch in den Erdgeschosszonen, kann sich die Lebensqualität für die Bedürfnisse aller Generationen deutlich steigern lassen. Die Notwendigkeit der Stadtkühlung schafft auch den Anlass, ein durchgängiges Fußwegkonzept zu entwickeln, das dem Individualverkehr die Priorität nimmt, Winde leitet und den öffentlichen Raum stärkt. Reduzierter Individualverkehr und begrünter öffentlicher Raum als Netz in der Stadt sind Klima-Ziele, die ernsthaft angepackt werden müssen. Es stellt sich heraus, dass Stadtverdichtung und Klimaverbesserung, als Gesamtaufgabe betrachtet, der Stadtentwicklung einen neuen positiven Schub geben können. Wolfgang Czisch, München Alle Texte sind Auszüge aus größeren Veröffentlichungen, die Sie hier finden: Berlin, Hamburg und München. Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.