Wie viel Rücksicht muss sein?

Nachbarn können von Bauprojekten in mancher Hinsicht Rücksicht verlangen – müssen aber auch vieles dulden. Text: Hubertus Schulte Beerbühl Der Begriff des Rücksichtnahmegebotes wird in nahezu jeder verwaltungsgerichtlichen Nachbarklage gegen ein als störend empfundenes Bauvorhaben bemüht. Das Gebot stellt den von einem Vorhaben Betroffeausgeführtnen in den Vordergrund. Er soll keine unzumutbaren Nachteile erleiden müssen und auch keine „qualifizierte Störung“. Bloße Lästigkeiten stellen aber keinen Verstoß gegen das Rücksichtnahmegebot dar. Das Gebot ist ein unabdingbares rechtliches Korrektiv zur Vermeidung von unzumutbaren Zuständen in Fallgestaltungen, die der Gesetzgeber durch sein Regelwerk nicht erfassen konnte. Es darf aber auch nicht überstrapaziert werden, sondern muss seinen Anwendungsbereich auf Extremfälle beschränken, in denen auch zumutbare Maßnahmen des Betroffenen nicht zu einer verträglichen Konfliktlösung beitragen können. Zudem muss es dem planenden Nachbarn, der sein eigenes Grundstück in einer sonst zulässigen Weise baulich nutzen will, einen gewissen Vorrang zugestehen: Er braucht eigene berechtigte Interessen nicht zurückzustellen, um gleichwertige fremde zu schonen. Der folgende Text zeigt die wichtigsten Aspekte in der praktischen Rechtsanwendung. Kein Anspruch auf verträglichere Alternative Gegenüber einem genehmigten Vorhaben kann ein Nachbar nicht einwenden, das Vorhaben hätte auch in anderer Form gestaltet werden können, die für ihn erträglicher wäre. Ebenso wenig kann er einwenden, die Anlage hätte auch an einem anderen Standort auf dem Baugrundstück errichtet werden können, an dem es ihn weniger belasten würde. Denn für die Frage, ob er einen Abwehranspruch gegen das Vorhaben hat, ist allein maßgeblich, ob das Vorhaben sich so, wie es zur Genehmigung gestellt wurde, als nachbarrechtskonform erweist. Steht nach bauordnungsrechtlichen und bauplanungsrechtlichen Gesichtspunkten fest, dass das Vorhaben objektiv-rechtlich rechtmäßig ist, ist es einer Alternativprüfung nicht mehr zugänglich. Der Nachbar kann zum Beispiel nicht verlangen, dass der Bauherr seine Garage an der von ihm abgewandten Seite des Einfamilienhauses errichtet, wenn der geplante Standort ansonsten mit bauordnungs- und bauplanungsrechtlichen Vorschriften vereinbar ist. Schikane rechtfertigt keinen Bau Auch im Öffentlichen Recht gilt das Schikaneverbot. Eine Schikane liegt vor, wenn der Standort oder die Nutzung einer genehmigten Anlage nur den Nachbarn schädigen soll und der Bauherr kein schutzwürdiges Eigeninteresse verfolgt. Das lässt sich im Einzelfall nur selten nachweisen – zum Beispiel in dem vom Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg entschiedenen Fall (Urteil vom 15.4.2008, Az.: 8 S 98/08). Hier ging es um einen zwölf Meter langen, fünf Meter breiten und bis zu fünf Meter hohen Geräte- und Brennholzschuppen mit Pultdach unmittelbar vor dem Wohnhaus des Nachbarn, der gerade noch den zulässigen Mindestabstand zur Grundstücksgrenze von 2,5 Metern einhält. Nach der Überzeugung des Gerichts sollte das allein den Nachbarn schädigen, ohne dass der Bauherr auch nur entfernt ein darüber hinausgehendes eigenes Interesse verfolgte. Die von ihm genannten Gründe dafür, den Schuppen exakt und mit der ganzen Breite vor dem Wohnbereich des Klägers zu platzieren, entsprachen nach dem Urteil ersichtlich nicht der Realität. Wertminderung muss hingenommen werden Wertminderungen als solche führen nicht schon zur Rücksichtslosigkeit. Sie sind nur Indizien für die Intensität eines – mittelbaren – Eingriffs in die Grundstückssituation des Nachbarn. Zu berücksichtigen sind sie nur, wenn sie die Folge einer unzumutbaren Beeinträchtigung der Nutzungsmöglichkeiten des Grundstücks sind. Es gibt keinen Anspruch darauf, vor jeglicher Wertminderung bewahrt zu werden. So konnte nach einem Urteil des VGH München (12.7. 2012, Az.: 2 B 12.1211) ein Nachbar nicht mit Erfolg geltend machen, durch die Ansiedlung einer bauplanungsrechtlich zulässigen Spielhalle in der unmittelbaren Umgebung seines Grundstücks trete eine Wertminderung ein. Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Beschluss vom 11.1.1999 (Az.: 4 B 128/98) ausgeführt, es sei unerheblich, dass Eigentümern eines Wohnhauses nach ihren Angaben ein Wertverlust in Höhe von mindestens 100.000 DM drohe. Zwar könnten sie einen höheren Preis erzielen, wenn die Umgebung nur locker bebaut sei und auf den direkt angrenzenden Nachbargrundstücken keine Häuser stünden. Allein daraus ließen sich aber keine Erkenntnisse darüber gewinnen, ob das Bauprojekt nebenan zulässig sei. „Erdrückende Wirkung“ darf nicht sein Rücksichtslosigkeit kann in extremen Sonderfällen darin liegen, dass das Vorhaben eine „erdrückende Wirkung“ gegenüber dem Gebäude des Nachbarn ausübt. Dazu muss aber das eine Gebäude derart übermächtig sein, dass das „erdrückte“ Gebäude nur noch oder überwiegend wie eine von einem „herrschenden“ Gebäude dominierte Fläche ohne eigene baurechtliche Charakteristik wahrgenommen wird. Dafür setzt die Rechtsprechung voraus, dass eine bauliche Anlage dem Nachbarbau förmlich „die Luft nimmt“ und für dessen Bewohner das Gefühl des „Eingemauertseins“ oder einer „Gefängnishofsituation“ entstehe. Immer ist dies eine Frage der Einzelfallbewertung. Das Bundesverwaltungsgericht (Urteil vom 13.3.1981, Az.: 4 C 1.78) fand ein zwölfgeschossiges Gebäude erdrückend, das im Abstand von 15 Metern zum zweigeschossigen Wohnhaus eines Nachbarn errichtet werden sollte und bereits genehmigt war. Doch laut Gericht war die Beeinträchtigung dem Nachbarn nicht zuzumuten, da die Situation bisher durch eine im Wesentlichen zwei- und dreigeschossige Wohnbebauung geprägt war. Kein Schutz vor Blicken Ein Nachbar muss Einblicke in sein Grundstück prinzipiell hinnehmen, wenn das Grundstück nebenan innerhalb des Rahmens baulich ausgenutzt wird, den das Bauplanungs- und das Bauordnungsrecht (insbesondere das Abstandsflächenrecht) vorgeben und wo die Einsicht in einem bebauten Gebiet üblich ist. Das gilt insbesondere dort, wo bis an die Grenze gebaut werden darf. Denn hier wird die erhöhte Nutzbarkeit der benachbarten Grundstücke „erkauft“ durch den Verzicht auf seitliche Grenzabstände und damit auf Freiflächen, die dem Wohnfrieden dienen. Auch das bauplanungsrechtliche Gebot des Einfügens bezieht sich nur auf die in § 34 Abs. 1 BauGB genannten städtebaulichen Merkmale, also die Nutzungsart, das Nutzungsmaß, die Bauweise und die überbaubare Grundstücksfläche. Die Möglichkeit der Einsichtnahme wird hier nicht angesprochen – sie ist städtebaulich irrelevant. Ein Nachbar hat aber Abwehransprüche, wenn ein Balkon gewissermaßen eine Aussichtsplattform über sein gesamtes Grundstück darstellt und sein letzter Freiraum für die private Lebensgestaltung zerstört wird. Ebenso, wenn ein Reihenhaus einen massiven Quer-Anbau erhalten soll, der in den Ruhe- und Gartenbereich der Hauszeile hineinragt. Mit einem solchen Fall hatte der VGH München (2.7.2010, Az.: 9 CS 10.894) zu tun. Nach Ansicht des Gerichts in dem Eilverfahren sprach viel dafür, dass so trotz der Einhaltung der Abstandsflächen der Wohnfrieden der „bodenrechtlichen Lebens- und Schicksalsgemeinschaft“ empfindlich gestört würde. Verschattung muss hingenommen werden In einem bebauten innerstädtischen Wohngebiet müssen Nachbarn hinnehmen, dass es durch rechtskonforme Bauvorhaben zu einer gewissen Verschattung des eigenen Grundstücks beziehungsweise von Wohnräumen kommt. Auch wenn etwa ein sehr schmal geschnittenes Grundstück stark von der Verschattung durch ein Nachbargebäude betroffen ist, beruht dies auf dem Zuschnitt der Parzelle und fällt grundsätzlich in die Risikosphäre des Eigentümers. Für die materiell-rechtliche Beurteilung der Zumutbarkeit einer Verschattung gibt es keinen normativ verbindlichen Maßstab. Die DIN 5034-1 „Tageslicht in Innenräumen“ in der Fassung vom Oktober 1999 bietet hierzu lediglich Anhaltspunkte. Eine schlichte Übertragung der dort genannten Werte auf die Frage der Zumutbarkeit ist problematisch. Insbesondere bedeutet die Einhaltung der Vorgaben lediglich, dass hygienische oder gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht drohen. Sie genügt jedoch ebenso wenig, um die Zumutbarkeit einer Verschattung zu bejahen. Ein Betroffener muss nicht ohne Ausgleich eine Beeinträchtigung der Wohnqualität bis hin zur Gesundheitsgefährdung hinnehmen. Rücksichtslosigkeit ist aber in der Regel nicht anzunehmen, wenn die Mindestbesonnungsdauer erhalten bleibt. Das Bundesverwaltungsgericht urteilte am 23.2.2005 (Az.: 4 A 4/04): Durch ein geplantes Brückenbauwerk für eine Autobahn vermindert sich die Besonnung des Wohnhauses im Winter an der Südseite um etwa 13 und an der Westseite um etwa 17 Prozent. Das liege noch im Rahmen dessen, womit ein Grundstückseigentümer in einem ländlich geprägten Wohngebiet aufgrund möglicher Veränderungen der Umgebung rechnen muss. Sozialadäquater Lichtschein Nach § 22 Abs. 1 Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) sind nach diesem Gesetz nicht genehmigungsbedürftige Anlagen unter anderem so zu errichten und zu betreiben, dass schädliche, nach dem Stand der Technik vermeidbare Umwelteinwirkungen verhindert oder, wenn sie nach dem Stand der Technik unvermeidbar sind, auf ein Mindestmaß beschränkt werden. Zu diesen Einwirkungen zählt nach § 3 Abs. 2 BImSchG auch Licht. Wenn eine ihrer Art nach zulässige Einrichtung mit zeitgemäßen, etwa den Sicherheitsanforderungen genügenden Beleuchtungsanlagen ausgestattet wird, müssen Nachbarn dies als sozialadäquat hinnehmen. Das OVG Koblenz entschied einen Fall mit Beschluss vom 22.6.2016 (Az.: 8 B 10411/16), in dem ein Nachbar sich gegen drohende Lichtimmissionen von einem geplanten Altenheim-Anbau wehrte. Dort sollte ein außenliegendes Treppenhaus eine Notbeleuchtungsanlage erhalten, die mit einem Bewegungsmelder versehen sein würde. Das ist nach Gerichtsbeschluss zumutbar. Wenn die Beleuchtung unzumutbar oft ausgelöst würde – etwa durch missbräuchliche oder übermäßige Nutzung der Treppenanlage durch Bewohner oder Personal der Einrichtung –, könne der Nachbar zivil- oder ordnungsrechtlich einschreiten. Im Falle einer Störung wird sich der Betroffene im Übrigen oftmals auf das Gebot der sogenannten architektonischen Selbsthilfe gegen Lichtimmissionen verweisen lassen müssen (dazu unten mehr). Kein Recht auf freie Aussicht Es ist in der Regel hinzunehmen, dass eine bisher weitgehend ungestörte Sicht vom Haus aus gestört wird. Die Rechtsordnung sieht keinen allgemeinen Anspruch auf Schutz vor einer solchen Verschlechterung vor. Deren Aufrechterhaltung ist lediglich als eine „Chance“ anzusehen, die mit der Bebauung des Nachbargrundstücks infrage gestellt werden kann. Der VGH München entschied per Urteil vom 29.7.2011 einen Fall (Az.: 15 N 08.2086), in dem die Eigentümer einer am Bodensee gelegenen Wohnungsanlage geklagt hatten. Sie befürchteten, dass durch ein Bauvorhaben die Sicht von ihren Wohnungen auf den Bodensee in Richtung Vorarlberg und auf einen Segelhafen verloren gehe oder zumindest stark eingeschränkt werde und ihre Wohnungen dadurch erheblich im Wert gemindert würden. Das Gericht urteilte jedoch, jeder Grundstückseigentümer müsse damit rechnen, dass seine Aussicht durch bauordnungs- und bauplanungsrechtlich zulässige Bautätigkeit auf Nachbargrundstücken beschränkt werden könne. Mithören ist in Kauf zu nehmen Die Möglichkeit eines „unerwünschten Mithörens sozialer Lebensäußerungen“ begründet ebenfalls keinen Verstoß gegen das Gebot der Rücksichtnahme. Insbesondere bei Doppel- oder Reihenhäusern rücken die Nutzungsbereiche der jeweiligen Grundstücke näher aneinander, was ein erhöhtes Störpotenzial bedeutet. Es gilt der allgemeine Grundsatz, dass dann, wenn die bauordnungsrechtlich einzuhaltenden Abstände eingehalten werden, regelmäßig kein Verstoß gegen das Rücksichtnahmegebot vorliegt. Ausnahmen von diesem Grundsatz sind allerdings möglich. Vorhandene Fenster können zugemauert werden Die Verwirklichung eines Vorhabens kann, in Übereinstimmung mit der Pflicht oder dem Recht, grenzständig zu bauen, dazu führen, dass vorhandene Fenster in der Außenwand eines Nachbargebäudes zugebaut werden. Auch das muss grundsätzlich geduldet werden – insbesondere von einem Nachbarn, der selbst bis an die Grenze gebaut hat. Ein unabweisbares Bedürfnis des Bauherrn für sein Projekt ist nicht erforderlich. Schon sein Interesse ist schutzwürdig, mit der Ausübung seines Baurechts von seinem Eigentum Gebrauch zu machen und sein Grundstück entsprechend den planungsrechtlichen Vorgaben ebenso wie der Nachbar zu bebauen. Auch wenn dort die Fensteröffnungen bereits seit „unvordenklicher Zeit“ existieren, gibt dies nicht für sich genommen einen beachtlichen Vertrauensschutz oder Bestandsschutz dahin gehend, dass diese Öffnungen nicht zugebaut werden dürfen. „Architektonische Selbsthilfe“ Mitunter vermag eine sogenannte architektonische Selbsthilfe zur Verringerung oder Beseitigung einer Störung beizutragen – etwa passiver Lärmschutz, der Schutz vor Licht oder anderen Immissionen. Es ist anerkannt, dass im Öffentlichen Baunachbarrecht im Rahmen des Rücksichtnahmegebotes solche Mittel zu berücksichtigen sind, wenn durch eine zumutbare Maßnahme der Konflikt gelöst und damit die Erteilung der Baugenehmigung für das Vorhaben eines Dritten oder – im Falle des beabsichtigten Heranrückens an einen emittierenden Betrieb – ein eigenes Vorhaben ermöglicht wird. Die Rechtfertigung hierfür liegt darin, dass das Rücksichtnahmegebot sowohl für die hinzukommende als auch für die vorhandene Nutzung nicht nur Rechte, sondern auch Duldungspflichten und unter Umständen sogar Obliegenheiten zum Tätigwerden begründet. Deshalb sind etwa bei Lichtimmissionen dem betroffenen Nachbarn Maßnahmen zur Lichtdämpfung (etwa durch das Anbringen von Jalousien) zuzumuten. Soweit die Maßnahmen die Vermeidung von unzumutbarem Lärm bezwecken, ist allerdings zu berücksichtigen, dass sie im Einklang mit der TA Lärm stehen müssen. Dieser zuwider laufende Regelungen oder Auflagen in einer Baugenehmigung sind nicht geeignet, einen hinreichenden Lärmschutz sicherzustellen und deshalb unbeachtlich. Als vom Nachbarn zur Vermeidung von unzumutbaren Lärmimmissionen zu erwartende Maßnahmen kommen – im Einklang mit der TA Lärm – insbesondere die Stellung des Gebäudes, der äußere Zuschnitt des Hauses oder die Anordnung der Räume oder der notwendigen Fenster in Frage. Auch können nicht zu öffnende Fenster eingebaut oder verlangt werden, sofern dies im konkreten Fall bauordnungsrechtlich zulässig ist. Hubertus Schulte Beerbühl ist Richter am Verwaltungsgericht Münster. Kundig mit dem Nachbarn streiten Das Buch unseres Autors beschreibt und analysiert die oft schwierigen Konstellationen im Dreieck zwischen Bauherr, Nachbar und Behörde. Wichtige Themen sind Abwehrrechte gegen Baugenehmigungen, Umwelteinwirkungen, Bestandschutz und Anspruch auf Einschreiten der Bauaufsicht, Verlust von Nachbarrechten und prozessuale Rechte von Nachbarn und Bauherren. Hubertus Schulte Beerbühl Öffentliches Baunachbarrecht Nomos Verlag, Baden-Baden 2017, 332 Seiten, 44 Euro Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

„Barrieren behindern alle“

Verena Bentele, Behinderten-Beauftragte der Bundesregierung, fordert Vorrang für Barrierefreiheit, kritisiert Bewusstseins-Lücken bei Architekten und beschreibt, wie Blinde Bauten wahrnehmen. Interview: Roland Stimpel Frau Bentele, darf man noch Treppen bauen? Natürlich darf man das, wenn es daneben eine andere Möglichkeit gibt, den Höhenunterschied zu überwinden, etwa Rampen oder Aufzüge. Persönlich finde ich übrigens Treppen gut. Ich bin Sportlerin und laufe sie gern. Kann und soll die Welt barrierefrei sein? Das wäre eine schöne Welt. Wo Barrieren beseitigt sind, hat es niemand schlechter, aber viele haben es besser – früher oder später. Denn niemand ist vor Behinderungen sicher. Nur vier Prozent der Menschen haben sie von Geburt an; 96 Prozent der Behinderungen treten im Laufe des Lebens auf. Wer sich zum Beispiel rechtzeitig eine bodengleiche Dusche baut, der profitiert schon bei einer temporären Verletzung. Mit einem Kreuzbandriss ist es nicht leicht, über einen hohen Duschrand zu klettern. Wo ist für Sie der barrierefreie Umbau am dringendsten? Den größten Bedarf wird es in den nächsten Jahren infolge des demografischen Wandels beim Wohnen geben. Innerhalb der Wohnung, aber auch bei der Erschließung. Man muss natürlich seine Wohnung gut verlassen und wieder erreichen können. Heute geht das oft nur schwer. Die oft mangelnde Barrierefreiheit reißt Menschen dann aus ihrem Umfeld und so aus dem gesellschaftlichen Leben. Und außerhalb der Wohnung? Ich stelle die Gegenfrage: Soll es irgendwelche Bereiche geben, die Menschen mit Behinderungen nicht erreichen dürfen? Bedarf an Barrierefreiheit ist überall – ob in öffentlichen Verkehrsmitteln, Arztpraxen, Kneipen oder Konzertsälen, und nicht zuletzt am Arbeitsplatz. Menschen mit und ohne Behinderungen gehen Berufen nach, suchen Orte für Bildung, Kultur und Freizeit auf und brauchen dafür Zugänge ohne Hürden. Was halten Sie von kleineren Lösungen, die Barrierearmut statt Barrierefreiheit bewirken, zum Beispiel der Abbau von Schwellen ohne das Verbreitern von Türen? Was bringt die Schwellenfreiheit, wenn jemand gar nicht in die Wohnung hineinkommt? Natürlich ist jedes Beseitigen von Barrieren ein guter Schritt. Für Umbau- oder Neubaumaßnahmen wünsche ich mir, dass konsequent ohne Barrieren gedacht und geplant wird. Ist das Baudenkmal mit Fahrstuhl und Rampe noch ein Denkmal? Natürlich ist Denkmalschutz wichtig. Aber noch wichtiger ist das Menschenrecht auf Zugänglichkeit. Wenn Braut oder Bräutigam als Rollstuhlnutzer im historischen Rathaus nicht in den Festsaal kommen, soll der Standesbeamte sie dann auf der Straße trauen? Oder soll der Arzt mit einer Praxis im Gründerzeithaus die Blutprobe unten im Hausflur abnehmen? Gibt es eigentlich Gegner der Barrierefreiheit? Bewusste und erklärte Gegner nicht, jedenfalls kenne ich keinen. Aber durch Gedankenlosigkeit gibt es nach wie vor Barrierenbauer. Wer vor Altbauten Pflastersteine legt, der ignoriert Menschen mit Gehhilfen, Rollatoren oder Kinderwagen. Wer öffentliche Verkehrsmittel ohne Leitsysteme für Blinde betreibt, denkt nicht an die vielen, für die solche Orientierungshilfen essenziell sind. In der U-Bahn hat jeder Fremde Probleme. Da sieht man, wie universell das Thema ist. Es reicht zum Beispiel weit in Freizeit und Tourismus hinein. Wenn etwa ein Küstenort erklärt, er wolle Tourismus für alle anbieten, dann muss er natürlich auch Rollstuhlfahrern Wege ans Wasser bauen – möglich wäre das mit einer Rampe. Sie sind Beauftragte der Bundesregierung. Wie steht es in deren Bauten? Für Bundesbauten gibt es nach dem Behinderten-Gleichstellungsrecht sehr klare Formulierungen: Alle Gebäude, die neu- oder umgebaut oder modernisiert werden, sollen danach barrierefrei sein. Bis 2021 müssen außerdem Berichte über den Stand der Barrierefreiheit von Bestandsgebäuden verfasst werden. Dann müssen in meinen Augen Maßnahmenpläne aufgestellt werden, wie die Barrieren beseitigt werden. Ein Bericht allein hilft noch nicht. Ich appelliere an Architekten, sich in solche Prozesse einzubringen – nicht nur bei Bundesbauten. Mit den Architektenkammern veranstalten Sie Regionalkonferenzen zur Barrierefreiheit. Die erste war in München. Wie haben Sie sie erlebt? Mich haben vor allem die tollen Beispiele von Städteplanern und Architekten überzeugt. So wurden zum Beispiel Häuser für Menschen verschiedener Generationen , die natürlich barrierefrei sind, vorgestellt; das ist ein Projekt, das bauliche und soziale Barrieren berücksichtigt. Die Beispiele haben gezeigt, dass Barrierefreiheit und anspruchsvolle, kreative Gestaltung wunderbare Synthesen bilden können. Sehen Sie auch Defizite bei Architekten? Ja, im Bewusstsein. Vielen Architekten ist die Bedeutung des Themas im Studium, in ihrer bisherigen Praxis oder in Fortbildungen nicht vermittelt worden. Darum steht es nicht weit genug oben auf ihrer Prioritätenliste. Das gilt aber nicht nur für sie, sondern auch für öffentliche und private Bauherren. Manche beziehen Menschen mit Behinderungen und ihre Belange frühzeitig ein. Anderen wird erst spät bewusst, dass es nur einen nicht für jedermann nutzbaren Lastenaufzug gibt und auf den Stufen keinen kontrastreichen Belag für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen. Hier sehe ich Architekten in der Verantwortung. Es gehört nach meiner Ansicht zu ihrer Beratungspflicht, Bauherren auf das Nötige hinzuweisen, damit sie auch noch in 30 Jahren in dem Haus leben können. Die Bayerische Architektenkammer hat eine eigene Beratungsstelle. Es ist gut, wenn Kammern beraten. Schon allein die Existenz einer solchen Beratungsstelle wirkt bewusstseinsbildend. Das Thema darf bei keinem Architekten mehr durchrutschen. Das rächt sich spätestens dann, wenn mangels Kompetenz der Planungsauftrag für eine barrierefreie Kita an einen anderen geht. Auch im Interesse der Architekten sollte das Thema Pflichtfach sein. Was antworten Sie einem Architekten auf den Satz: „Diese Rampe würde aber hässlich“? Dann soll er eine schöne Rampe entwerfen; bei Wendeltreppen geht es doch auch. Wenn ein Architekt allerdings keine schöne Rampe entwerfen kann, dann muss er sich selbst in Frage stellen, nicht die Bauaufgabe. Architekten sollten Barrierefreiheit nicht als lästigen Zusatz sehen, sondern als spannende Herausforderung. Schon das schiere Potenzial an Aufträgen sollte sie reizen. Ein anderer Architekt sagt: „Die Bewegungsfläche und das Treppenhaus mit zweitem Handlauf kosten viel Fläche.“ Wer soll das alles zahlen, wer muss sich dafür räumlich einschränken? Das Thema darf man nicht auf dem Rücken einzelner Menschen austragen, die direkt oder indirekt dafür zahlen sollen. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, und man sollte bedenken: Barrierefreiheit bringt hohen gesellschaftlichen Nutzen. Sie ermöglicht Bildung, Arbeit und Teilhabe jeder Art, sie kann teure Pflege im Heim ersparen, kurz: Sie kostet nicht nur, sondern sie bereichert uns auch, und zwar wirtschaftlich, sozial und kulturell. Für den Wohnungssektor bedeutet das konkret: Es sollte mehr staatlich finanzierte Bauten geben, ob in öffentlichen Gesellschaften oder durch Zuschüsse. Im privaten Bau sollte sich jeder fragen, wo er seine Prioritäten setzt: Will man lieber eine Wohnung mit zwei Bädern und Ankleidezimmer oder eine, in der man noch im Alter von 90 wohnen kann? So etwas sollte man bewusst entscheiden. Wie steht es mit Barrieren im öffentlichen Raum? Das ist ein wichtiges Thema und kein einfaches. Denn hier zeigt sich, wie unterschiedlich die Bedarfe sind. Ein Mensch im Rollstuhl will einen komplett abgesenkten Bordstein. Für mich als jemand, der nicht sieht, ist ein komplett abgesenkter Bordstein unter Umständen gar nicht gut. Barrierefreiheit ist oft die Suche nach dem Kompromiss. Haben Sie Ideen zum Stadtverkehr? Es sollte mehr in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs investiert werden, nicht zuletzt in barrierefreie Zugänge. Außerdem sollten Elektroautos hörbar sein. Braucht jeder Bürgersteig ein Leitsystem? Mir würde es schon reichen, wenn auf dem Bürgersteig weniger herumstünde. Zwischen Blumenkübeln, Cafétischen und falsch geparkten Autos bleibt kaum noch eine Spur, wo man gut laufen kann, geschweige denn rollen. Auch das sind Barrieren, unter denen alle leiden. Was wünschen Sie sich vom Autoverkehr? Ich wünsche mir, dass mehr Menschen auf ihr Auto verzichten und vor allem langsamer fahren. Das erhöht die Sicherheit für alle Menschen, vor allem auch für Kinder. Zurück zu den Häusern. Wie erleben Sie Architektur, die doch vor allem fürs Auge gestaltetet wird? Für mich lebt ein Raum vor allem durch Akustik oder Geruch. Ich höre, ob die Decke hoch und ob sie gerade oder gewölbt ist. Ich kann schön geformte Türen oder haptisch angenehme Wände und Möbel fühlen. Und ich erfasse die Atmosphäre mit der Nase. Meine Eltern haben ein Haus mit sehr gesundem Raumklima gebaut, aus Holz und Lehm. Ich mag das Haus auch, weil es durch die großen Fenster und Türen sehr hell ist. Schätzen Sie einen bestimmten öffentlichen Bau? Ich mag das alte Rathaus in München. Dort knarrt der alte Holzboden, die Türen sind mit Schnitzereien verziert und ich kann draußen das Glockenspiel im Turm hören. Das ist haptisch und akustisch ein spannendes Haus.

Verbindlich berechnet

Ein Auftraggeber kann nicht eigenständig die Kostenberechnung des Architekten nach unten korrigieren und so dessen Honorar drücken. Text: Sven Kerkhoff Die Kostenberechnung durch den Architekten bildet seit der HOAI 2009 den Dreh- und Angelpunkt zur Honorarbemessung. Allerdings finden sich in den bisherigen Vertragsmustern der Bundesbauverwaltung (RBBau Bund), aber auch in den Vertragswerken zahlreicher anderer öffentlicher und kirchlicher Auftraggeber Klauseln, wonach der Bauherr die Kostenberechnung zunächst genehmigen muss, bevor damit die anrechenbaren Kosten zur Bemessung des Architektenhonorars feststehen. Im Mustervertrag nach RBBau Bund wird dabei auf die vom Auftraggeber zu bestätigende Kostenberechnung zur sogenannten Haushaltsunterlage Bau verwiesen. Dieser Vertragspraxis hat der Bundesgerichtshof (BGH) nun ein Ende bereitet. In seinem Beschluss vom 16. November 2016 (Az. VII ZR 314/13) führt das höchste deutsche Zivilgericht aus, dass eine solche Klausel den Architekten unangemessen benachteilige und daher gemäß § 307 Abs. 1 BGB unwirksam sei. Zur Begründung weisen die Richter darauf hin, dass der Planer auf das nach Art und Umfang nicht näher eingegrenzte Genehmigungsverfahren keinerlei Einfluss habe. Die Klausel eröffne dem Auftraggeber vielmehr die Möglichkeit, die Kostenberechnung einseitig nach unten zu ändern. Dieser könne somit das Honorar „in unangemessener, den Leistungen des Architekten nicht gerecht werdender Weise“ reduzieren. Die entsprechende Vertragsklausel führe folglich zu einem einseitigen Leistungsbestimmungsrecht des Auftraggebers. Rechtlich schützenswerte Belange, die eine derart weitreichende Befugnis des Bauherrn rechtfertigen könnten, verneint der BGH. Kein Bauherr kann sich also durch Allgemeine Vertragsbedingungen vorbehalten, die Kostenberechnung zu genehmigen. Das Urteil betrifft zwar einen Fall unter Geltung der HOAI 1976/1988, wirkt aber auch auf die aktuellen Vertragsmuster. Die Folge ist, dass der Architekt bei der Honorarbemessung auf das Ergebnis seiner eigenen, sachlich korrekten Kostenberechnung zurückgreifen kann und etwaige Änderungen außer Acht lassen kann, die der Auftraggeber im Zuge seiner Genehmigung der Kostenberechnung vorgenommen hat. Die Entscheidung des BGH gewinnt im Hinblick auf die HOAI 2013 zusätzlich an Gewicht, weil nach den jetzt geltenden rechtlichen Vorgaben die anrechenbaren Kosten auf der Grundlage der Kostenberechnung durchweg ausschlaggebend für die Honorarermittlung sind (§ 6 Abs. 1 Nr. 1 HOAI 2013). Diese Kostenberechnung ist nach § 2 Abs. 11 HOAI 2013 nichts anderes als die Ermittlung der Kosten auf Basis der Entwurfsplanung unter Berücksichtigung der DIN 276. Die zu erwartenden Gesamtkosten sind dabei bis zur zweiten Ebene der Kostengruppen aufzuschlüsseln. Die Kostenberechnung, die zu den Grundleistungen im Rahmen der Leistungsphase 3 zählt, bildet die Basis für die Entscheidung des Auftraggebers, ob das geplante Bauvorhaben realisiert werden soll und wie die Finanzierung zu bewerkstelligen ist. Entspricht die Entwurfsplanung den vertraglich vereinbarten Leistungszielen, so ist die hierauf beruhende Kostenberechnung für beide Vertragsparteien zur Honorarermittlung bindend. Diesen Grundsatz der Einheitlichkeit der Kostenberechnung betont der BGH in seiner Entscheidung noch einmal ausdrücklich. Da die Kostenberechnung also weitreichende Rechtsfolgen hat und dem Bauherrn eine wesentliche Entscheidungsgrundlage liefert, hat dieser selbstverständlich Anspruch auf eine sorgfältig und zuverlässig erstellte Berechnung. Unabhängig von einem wie auch immer gearteten behörden-internen Genehmigungsverfahren wirkt nur eine korrekte und sorgfältige Kostenberechnung honorarmäßig bindend. Vertraglich vereinbarte Baukostenobergrenze oder andere Kostenlimits sind dabei zu beachten; eine hiervon abweichende Planung und Kostenberechnung muss der Bauherr nicht hinnehmen (vgl. BGH, BauR 1997, 494). Auch gelten keine Fehlertoleranzen, wenn in fahrlässiger Weise zum Beispiel Leistungspositionen übersehen, Mengen falsch angesetzt oder unzutreffende Preise ermittelt wurden (vgl. Koeble, in: Locher/Koeble/Frik, HOAI, 12. Aufl., Rz. 124 zu § 34). Eine auf diese Weise schuldhaft überhöhte Kostenberechnung stellt eine Pflichtverletzung dar. Sie kann daher für die Honorarermittlung nicht zugrunde gelegt werden. Stattdessen ist dann im Zuge der Nachbesserung eine korrigierte Kostenberechnung vorzulegen, welche maßgeblich für die Höhe des Honorars ist (vgl. Wirth/ Galda, in: Korbion/ Mantscheff/ Vygen, HOAI, 9. Aufl., Rz. 14). Die Pflicht zur vertragsgemäßen und sorgfältigen Kostenberechnung und der Anspruch auf Korrektur einer diesen Maßstäben nicht entsprechenden Berechnung schützen den Bauherrn bereits hinreichend. Daher hat er im Sinne des BGH-Urteils auch unter Geltung der HOAI 2013 kein berechtigtes Interesse, die Kostenberechnung einem eigenen Genehmigungsverfahren zu unterwerfen. Eine gänzlich andere Konstellation liegt vor, wenn sich nach Erstellung der Kostenberechnung die Leistungsziele und mit ihnen die anrechenbaren Kosten verändern. In solchen Fällen sollte der Architekt in erster Linie eine Vereinbarung zur Honoraranpassung anstreben (§ 10 HOAI 2013). Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass die vorgestellte BGH-Entscheidung nicht im Zusammenhang mit der Klage steht, die die private Initiative fairtrag e.V. gegen andere Klauseln in den Vertragsmustern der RBBau Bund angestrengt hat. Diese Klage richtet sich gegen die formular- und standardmäßige Festlegung von Baukostenobergrenzen in solchen Verträgen. Sie ist jüngst vom Landgericht Berlin in erster Instanz als unbegründet abgewiesen worden (Urteil vom 22.11.2016 – Az. 16 O 379/15). Die Initiative fairtrag e.V. beabsichtigt dem Vernehmen nach, gegen das Urteil Rechtsmittel einzulegen. Dr. Sven Kerkhoff ist Rechtsreferent bei der ­Architektenkammer Nordrhein-Westfalen. Mehr Informationen und Artikel zum Thema Recht finden Sie hier.

Durchblick für jedes Alter

Bedeutsame Bauelemente: Von der Kindheit bis ins hohe Alter – Fenster und Türen begleiten Menschen das ganze Leben lang. Fenster und Türen für Schulbauten sowie für altersgerechte Wohnungen müssen spezielle Anforderungen ihrer Nutzer erfüllen. Text: Ulrich Sieberath, Ingo Leuschner Junge wie alte Menschen haben besondere Anforderungen an Fenster. Für Schulen sind ein hoher Lüftungsbedarf, eine optimale Tageslichtversorgung mit entsprechendem Blend- und Sonnenschutz, ein wirkungsvoller Schallschutz und vor allem die hohen mechanischen Belastungen die charakteristischen Merkmale. Besonders für Klassenzimmer sollten die höchsten mechanischen Beanspruchungsklassen für Beschläge, Fensterrahmen (einschließlich Eckverbindungen) sowie Verglasungen bei der Planung berücksichtigt werden. Ebenso sind die richtigen Abmessungen und Aufteilungen, die Öffnungsarten, die Konstruktion und die Sicherheitseinrichtungen zu definieren. Folgende Grundsätze bieten hierfür eine Orientierung: – einfache Konstruktionen mit „robuster“ Ausführung (Beschläge, Profile etc.) mit geeigneter Klassifizierung für mechanische Festigkeit und Dauerfunktion – Begrenzung von Größe und Gewicht der Fensterflügel mit geringer Anfälligkeit bezüglich Fehlbedienung – Öffnungsarten mit gut dosierbarer, effizienter Lüftung durch Kippflügel an Ober-/Unterlichtern, die für Kinder gut zugänglich und leicht bedienbar sind – Ausführung der Unterlichter und Festverglasungen mit Sicherheitsglas, um die Absturzsicherheit zu gewährleisten Bild 1: Fensterteilung mit kleinen Flügel­abmessungen und oberen Kippflügeln zur ­Dauerlüftung für Fenster in Schulen. Ein Beispiel dafür, wie ein Fensterelement für ein Klassenzimmer aussehen könnte, ist in Bild 1 dargestellt. Tabelle 1 zeigt, welche Öffnungsarten und Eigenschaften für Schulgebäude geeignet sind. Licht und Luft für Klassenzimmer Obwohl mittlerweile zahlreiche medizinische Studien belegen, dass Tageslicht die Leistungs- und Lernfähigkeit steigert, wird dies bei Klassenzimmern oft unzureichend berücksichtigt. Für eine gute Licht- und Fensterplanung gelten folgende Kriterien: – farbneutrale Verglasung mit einem Lichttransmissionsgrad von 65 bis 75 Prozent – das Verhältnis von Breite zur Tiefe der Räume sollte etwa 1:2 betragen – die Fensterfront sollte etwa 20 Prozent der Raumfläche umfassen – Breite und Höhe der Fenster etwa 1,5 bis 2,5 Meter, Brüstungshöhe etwa 90 Zentimeter, deckennahe Fensteroberkante – keine Glasteilung durch Sprossen – möglichst geringe Abschattung durch Verbauung oder Pflanzen Steuerung von Licht- und Energiemenge durch Blend- und Sonnenschutz. Aufgrund ihrer guten Tageslichtnutzung werden Lichtlenkungssysteme (Lamellen, Prismen etc.) empfohlen In Klassenzimmern besteht zudem ein hoher Lüftungsbedarf. Um den CO2-Gehalt der Luft unter 1.000 ppm zu halten, sollte pro Person mit circa 30 Kubikmeter Frischluftbedarf kalkuliert werden. Ein drei Meter hoher und 60 Quadratmeter großer Klassenraum erfordert bei 30 Personen eine Luftwechselrate von 5, die sich durch eine Kombination von Dauerlüftung (Kippflügel) und Stoßlüftung (Drehflügel) in den Pausen erreichen lässt. Wichtig ist, dass während der Lernzeit keine Zugluft auftritt. Eine CO2-Steuerung motorisch angetriebener Fensterflügel oder eine CO2-Ampel helfen, die Luftqualität zu steuern. Tabelle 1: Eignung verschiedener Fenster-Öffnungsarten und Eigenschaften für Schulgebäude (Auszüge aus Tabellen 6 und 12 aus ift-Richtlinie FE-16/1 „Fenster in Schulbauten“) Altersgerechtes Wohnen Für ein selbstbestimmtes Wohnen im Alter oder Menschen in Pflegeeinrichtungen, die viel Zeit im Inneren des Gebäudes verbringen, spielen Fenster und Türen eine besondere Rolle, denn sie lassen Sonne, Luft und Geräusche in den Raum. Die Planung von Fenstern in Pflegeeinrichtungen sollte dem Leitgedanken „Hinkommen – Reinkommen – Klarkommen“ folgen. Dafür sind aus Nutzersicht folgende Aspekte zu beachten: – Bewohner haben weniger Kraft in den Armen und Händen sowie eine reduzierte Beweglichkeit – ihr Sehvermögen ist eingeschränkt – sie benötigen Ausblicke in die Umgebung auch aus Sitzhöhe – ihre geistige Auffassungsfähigkeit und ihr Sicherheitsbewusstsein sind teils eingeschränkt – sie benötigen viel Tageslicht und höhere Innenraumtemperaturen Tabelle 2: Konstruktive Auswirkungen auf die Fenster in Abhängigkeit von unterschiedlichen körperlichen und geistigen Einschränkungen (Tabelle 4 aus ift-Richtlinie FE-17/1) Diese Auslegungskriterien führen zu Fenstern mit einfachen Details und kleinen Flügelformaten. Die Ausstattung mit automatischen Antrieben und Lüftern ist für die leichte Bedienung und Frischluftversorgung sinnvoll. Damit die Bewohner auch von der Couch oder vom Rollstuhl aus den Kontakt zur Außenwelt mit Blick auf Spielplatz, Straße oder Garten genießen können, muss mindestens ein Fenster über eine Brüstungshöhe von circa 60 Zentimetern verfügen. Der Planer muss beachten, dass es sich dann um ein absturzsicherndes Bauteil handelt. Wie sich körperliche und geistige Einschränkungen im Detail auf die Fensterkonstruktion auswirken, ist in Tabelle 2 dargestellt. Ein Beispiel für eine empfehlenswerte Fensterteilung und Öffnungsart zeigt Bild 2. Bild 2: Empfohlene Fensterteilung und Öffnungsart für Fenster in Pflegeeinrichtungen. Für ältere Menschen sind nicht zuletzt die Barrierefreiheit und die Bedienbarkeit der Fenster und Türen essenziell. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sich schätzungsweise in der Hälfte aller Wohnungen Schwellen zu Balkon oder Terrasse befinden, die als Hindernis empfunden werden. Wie die Schwellen je nach Anforderung auszuführen sind, ist in Tabelle 3 zusammengestellt. Werden elektronische Geräte verwendet, wie Türöffner oder eine Zutrittsüberwachung, ist auf eine altersgerechte und einfache Bedienung zu achten. Empfehlenswert sind zum Beispiel große Bildschirme und haptische und gut erkennbare Bedienelemente. Letztere können gleichzeitig auch über eine „ausbruchhemmende“ Funktion verfügen, damit Demenzpatienten zur eigenen Sicherheit die Wohnung oder Gemeinschaftseinrichtung nicht unkontrolliert verlassen. Tabelle 3: Bewertung unterschiedlicher Schwellenausführungen für ältere Menschen (Auszug aus Tabelle 6 aus ift-Richtlinie FE-17/1). Ausstattung nach Universal Design Menschen im Alter 55plus („Silver Ager“) verfügen über eine große Kaufkraft und messen dem Komfort in der eigenen Immobilie einen hohen Stellenwert bei. Wichtig sind für sie ein thermisch behagliches Umfeld, automatische Systeme, ein guter Schallschutz sowie Sicherheit. Diese Wünsche lassen sich gut nach den Prinzipien des Universal Design (UD) realisieren. Bei Fenstern und Türen mit automatischen Schließsystemen oder Sicherheitsfenstern senden Sensoren bei Beschädigung oder Einbruch unverzüglich eine Nachricht. Automatische Fenster öffnen und schließen sich selbstständig, wenn die Sollwerte für Luftfeuchte und CO2-Gehalt erreicht sind, und können im Sommer zur Nachtkühlung genutzt werden, ohne dass man bei einem Gewitter aufstehen muss. Das einfache und kraftsparende Öffnen hilft insbesondere älteren Personen oder Menschen mit Handicap. Die Bedienung sollte unkompliziert und intuitiv per Smart-Phone erfolgen, damit der Wunsch, lange und selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden zu leben, erfüllt werden kann. Professor Ulrich Sieberath ist der Leiter des ift Rosenheim und Dipl.-Ing. (FH) Ingo Leuschner leitet das Sachverständigen­zentrum des ift ­Rosenheim. ift-Richtlinien Das Fenster, die Tür oder das Tor für jeden Einsatzzweck gibt es nicht, denn die Ansprüche in Schul-, Verwaltungs- oder Wohnbauten sind zu unterschiedlich. Das ift Rosenheim hat deshalb für Architekten Richtlinien mit Empfehlungen für die Planung, Ausschreibung, Herstellung und Montage von Fenstern und Türen für besondere Einsatzzwecke erarbeitet (FE-16/1, FE-17/1, TU-10/1). www.ift-rosenheim.de Mehr Informationen und Artikel zum Thema Transparenz finden Sie in unserem DABthema Transparenz.

Schwerpunkt: Transparenz

Jeder will selbst durchblicken, aber jeder sich auch oft vor den Blicken anderer schützen. Der Widerspruch bewegt die Architektur-Diskussion und führt häufig zu besonders spannenden Lösungen, die unterschiedliche Lichtverhältnisse und wechselnde Material-Eigenschaften nutzen. Transparenz ist auch ein zentrales Thema bei der Bürgerbeteiligung. In einer mittleren und einer kleinen Stadt profitieren schwierige Projekte vom Durchblick-Bonus. Multi-perspektivisch: Normalerweise zeigen wir an dieser Stelle ein eher exotisches Projekt, das im Heft nicht nochmals vorkommt. Der Ausnahmebau Elbphilharmonie ist aber auch in dieser Hin-Sicht eine Ausnahme wert. Ihre öffentliche „Plaza“ auf dem Dach des älteren Speicherhauses markiert den Übergang zum Neubau. Sechs Meter hohe Windschotts brechen die ärgsten Hamburger Luftströme; die geschwungenen Glasscheiben der Plaza scheinen mehr zu verbinden als zu trennen. Man schreitet lustvoll über die eigens für diesen Ort gebrannten Bodenziegel und genießt die Blicke über Fluss und Hafen, City und Speicherstadt. Und kann sich daran bis auf Weiteres trösten, wenn man nicht zu den Glücklichen gehört, die schon bald mit einem der raren Tickets für Konzerte und Führungen in den Kern des Hauses aufsteigen dürfen.

Die EnEV zerrechnen

„Eine Befreiung von der EnEV lohnt sich nicht für jeden, weil sie sehr zeitintensiv und kostspielig sein kann.“Karim El Ansari Ausnahmen, Freistellungen und viel Arbeit: Karim El Ansari kämpft mit Datenloggern gegen unwirtschaftliche EnEV-Regeln. Das ist mühsam – am Ende aber erfolgreich. Text: Stefan Kreitewolf Karim El Ansari ist „ein bisschen aufgeregt“. Wenn der Architekt im hessischen Herborn seine aufwändigen Analysen präsentiert und Beispiele haarklein erläutert, wirkt er wie elektrisiert. Er sagt dann auch druckreife Sätze, etwa: „Mein Ziel ist nicht die sklavische Umsetzung diskussionswürdiger physikalischer Annahmen, sondern eine wirtschaftliche und ehrlich energieeffiziente Lösung.“ Anders formuliert: El Ansari kämpft für eine wirtschaftliche Energieeinsparverordnung, kurz EnEV. Und zwar mit Erfolg. Der Architekt und ausgebildete Zimmermann weist nach, dass die Dämmung von Häuserfassaden nicht immer „wirtschaftlich angemessen ist“, wie es im Gesetzesjargon heißt. Als Versuchsobjekte dienten ihm zwei ältere Mehrfamilienhäuser aus den 1960er-Jahren in Dillenburg. Anhand der beiden Bauten zeigt er, dass bei einer energetischen Sanierung auf die nach der EnEV eigentlich vorgeschriebene komplette Dämmung der Fassade verzichtet werden kann. Lokale Rechnungen, bundesweite Folgen „Die Zusatzkosten für die Dämmung hätten sich nicht während deren voraussichtlicher Haltbarkeitsdauer amortisiert“, sagt El Ansari. „Die Mehrkosten wären nicht durch Einsparungen beim Heizenergieverbrauch wettgemacht worden.“ Der westhessische Lahn-Dill-Kreis hat ihm deswegen eine Befreiung von den Dämmvorgaben erteilt. Das ist eine große Ausnahme. Ausnahmegenehmigungen bezüglich der EnEV wurden bislang nur äußerst selten erteilt – und wenn überhaupt, dann ausschließlich für Einfamilienhäuser. Bislang musste der Nachweis dafür in aufwändigen Einzelfallberechnungen erbracht werden. Mit dem neuen mathematischen Modell von El Ansari ist dies nun zumindest etwas einfacher geworden. Seine lokalen Rechnungen haben bundesweite Folgen. El Ansari erlangte durch die Befreiung eine gewisse Prominenz in einschlägigen Kreisen. Vor dem Dachverband der Immobilienbranche „Zentraler Immobilienausschuss“, der 22 Verbände und 37.000 Unternehmen vertritt, hielt er Vorträge. Bauherren aus dem ganzen Land buhlen nun um seine Hilfe. „Und das alles wegen zwei unscheinbarer Mehrfamilienhäuser in Dillenburg“, sagt El Ansari lächelnd. In der dortigen Lohrbachstraße arbeitete er seit 2006 an einem Langzeitprojekt. Für eine lokale Wohnungsbaugesellschaft sollte er 18 Objekte innerhalb von zehn Jahren sanieren. „Im Einzelnen ging es dabei um eine äußere energetische Ertüchtigung und eine architektonische Modernisierung im Innenraum“, erläutert der Architekt. „Sonnenstrahlen wärmen“ 2009 war das erste Haus fertig und EnEV-konform saniert. lm Nachgang ließ er die äußere Dämmung der ersten beiden Häuser prüfen. Seine Kollegin Sandra Seibert fand dabei heraus, „dass sich die Zusatzkosten der Dämmung erst nach 42 Jahren amortisieren“. Die verwendeten Baustoffe seien aber lediglich zehn Jahre haltbar. El Ansari folgert daraus: „Unter streng betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ist eine solche energetische Sanierung also vollkommener Quatsch.“ Er betrachte Sanierungen lediglich unter der Maßgabe der Wirtschaftlichkeit. „Dazu gehört, vereinfacht gesagt, die Beurteilung von Investition und Ertrag.“ Schließlich gilt auch bei der EnEV das Wirtschaftlichkeitsgebot. „Wird nachgewiesen, dass sich die Mehrkosten für die Dämmung nicht während der voraussichtlichen Haltbarkeit der Dämmstoffe rentieren, dürfen die Baubehörden Ausnahmen machen“, sagt El Ansari. Das sei allerdings keine Freude für die Behörden und der Weg zur Ausnameregelung sei mühsam. Sinnvoller Wärmeschutz bedeute für ihn indes „die Beurteilung, Beachtung und Umsetzung von Ökologie, Ökonomie und Bauphysik bei baulichen Maßnahmen“. Sein Ziel sei es, ehrlich energieeffiziente Bauwerke zu errichten oder sie so zu sanieren. „Wärmeschutz ist deutlich mehr als die eindimensionale Betrachtung eines möglichst niedrigen U-Werts“, sagt El Ansari. Seibert ergänzt: „Eine Besonderheit unserer Betrachtung ist die Beurteilung unterschiedlicher Maßnahmen zur Wahl des optimalen Systems.“ El Ansari sieht insbesondere die solaren Wärmegewinne unterschätzt. „Jeder weiß doch, dass Sonnenstrahlen wärmen“, sagt er. Sein Ansatz für energieeffiziente Sanierungen berücksichtige die bauphysikalischen Eigenschaften von Gebäudefassaden. „Das bedeutet, die Materialeigenschaften massiver Wände haben einen positiven Einfluss auf das Wärmeverhalten des Gebäudes, der jedoch in herkömmlichen Berechnungsverfahren unberücksichtigt bleibt.“ Karim El Ansari bei der Messung: Mithilfe von Datenloggern sucht der EnEV-Skeptiker nach der optimalen Energiesparlösung. Paragrafen, Datenlogger, Prüfer Dass erhebliche Energieeinsparungen mit solaren Wärmegewinnen und ohne EnEV-konforme Sanierungen möglich sind, ­zeigen seine Testergebnisse. Nach seinem Verfahren sanierte Gebäude erzielten Einspareffekte, die für über 30 Prozent Energieeinsparung nur maximal die Hälfte der Investitionen erfordern. Dennoch sagt er: „Eine Befreiung von der EnEV bei kleineren Maßnahmen lohnt sich nicht für jeden, weil sie sehr zeitintensiv und kostspielig sein kann.“ Er kläre zwar jeden Bauherrn über mögliche Einsparpotenziale auf, entscheiden müsse aber der Bauherr selbst. El Ansari sammelt sein Material mithilfe von acht Datenloggern (Mess- und Speichergeräte für regelmäßig aufgenommene Daten), die er an der Fassade und im Innenraum eines seiner Versuchsobjekte in der Lohrbachstraße anbrachte und die ihm alle zehn Minuten Daten über Wärme, Luftfeuchtigkeit und Heizbedarf liefern. Parallel wird der tatsächliche Heizenergieverbrauch beurteilt. Seine Berechnungen dauern an und werden ständig abgeglichen. Sie sind hochkomplex. 2012 benötigte er sechs Monate für Berechnungen und Nachweise, bis er einen Antrag auf EnEV-Befreiung nach § 25 EnEV stellen konnte. Die zuständige Baugenehmigungsbehörde des Lahn-Dill-Kreises war mit seinem Anliegen erst einmal überfordert. El Ansari ließ nicht locker und stand wochenlang mit einem Prüfer der Universität Göttingen in Kontakt, dem als Sachverständigem der Antrag vorlag. Schließlich erhielt er die Freistellung. 2.000 Projektstunden – nach Feierabend Der Architekt, der selbst vereidigter Sachverständiger für Schall- und Wärmeschutz ist, rattert die Gesetzestexte wie im Schlaf herunter. Auseinandersetzungen mit Behördenvertretern, Stapel von Papieren, monatelanges Auswerten und Paragrafenwälzen: El Ansaris Kampf gegen die EnEV-Windmühlen ist mühsam. Warum tut er sich das an? „Ich bin kein Don Quijote“, sagt El Ansari. Er wolle sich nicht „aufblasen“, versichert der Architekt. „Wir sind schlicht und einfach Überzeugungstäter und waren neugierig.“ Die Auswertungen seiner Testgebäude laufen in seinem Büro neben dem Tagesgeschäft. „Das geht gar nicht anders als abends nach Feierabend und am Wochenende“, erklärt er. 2.000 Projektstunden habe er über die Jahre schon in „die EnEV-Sache“, wie er seine Analysen nennt, investiert. Das sei aber nicht weiter schlimm. „Schließlich haben wir als Architekten eine Verantwortung“, ist El Ansari überzeugt. Dazu gehöre eben auch, „die vorherrschenden Meinungen und Bedingungen infrage zu stellen“. Karim El Ansari ist auf einer Mission. Im bürokratischen Dickicht der Ausnahmeregelungen und Befreiungsanträge fühlt er sich wohl. Aber er sieht das nicht dogmatisch: „Wenn nötig, dämme ich auch EnEV-konform, wenn der Bauherr das unbedingt wünscht.“ Mehr Informationen und Artikel zum Thema Transparenz finden Sie in unserem DABthema Transparenz.

Die Kunst des Fugenverschlusses

Möglichkeiten der Brandweiterleitung: Über diese Wege an der Fassade können Rauch und Feuer in die darüberliegenden Geschosse gelangen. Über die Fuge zwischen Tragwerk und Fassade können sich Rauch und Feuer schnell im Gebäude ausbreiten – diese Schwachstelle wird oft nicht gesehen. Text: Stephan Appel Fassaden von Gewerbebauten werden in der Regel mit einer von der Tragstruktur entkoppelten Konstruktion ausgeführt. Typisch hierfür sind neben den klassischen Pfosten-Riegel-Konstruktionen die Element- und Paneelfassaden sowie unzählige Varianten hinterlüfteter Systeme. Im Anschlussbereich zwischen Baukörper und Fassade entstehen schon aufgrund der zulässigen Maßtoleranzen geschossübergreifende Hohl- oder Lufträume, die im Brandfall Rauch und Feuer weiterleiten können. Selbst kleine Fugen stellen somit eine Gefahr für den Brandschutz dar. Die sichere Ausbildung der Anschlüsse und das fachgerechte Schließen der Fugen bleiben in der Praxis allerdings häufig unbeachtet. Es werden zwar Brandschutzplaner und Sachverständige mit der Erstellung von Brandschutzkonzepten beauftragt. Deren Leistung endet jedoch meist mit der Definition von Schutzzielen und der Abgabe des Konzeptes im Rahmen der Baugenehmigung. Dabei bleiben die Ausführungsdetails oft auf der Strecke. Dagegen endet die Arbeit des Architekten in der Regel nicht mit der Abgabe der Baugenehmigung – und dieser Gefahrenpunkt obliegt dann seiner Verantwortung. Typische Fassadenkonstruktionen: Die Vielzahl erschwert die Detailplanung für den Brandschutz. Wodurch entsteht die Fuge und wie muss die Ausbildung erfolgen? Die Größe der Fugen beträgt im Durchschnitt 20 bis 50 Millimeter. Sie entstehen bereits im Rohbau aufgrund herstellungsbedingter Toleranzen, die in der DIN 18202 geregelt sind. Danach darf beispielsweise ein Stahlbetonbauwerk, abhängig von der Abmessung des Einzelbauteils, 10 bis 30 Millimeter (Tabelle 4 der DIN) von der Planung abweichen. Nach der gleichen Norm darf eine darauf montierte Metallkonstruktion nur eine Abweichung zwischen 3 und 25 Millimetern besitzen. Außerdem sind zwischen Rohbau und Fassade Mindestabstände einzuhalten, um die Bewegungen aufgrund der thermischen Ausdehnung und des Winddrucks auszugleichen. Nutzer schlagen Alarm: Der R

Glas und Hass

Entgrenzung oder Verzerrung, Entspannung oder Lärm, Transparenz oder Transpirieren: ein kurzes Scherbengericht über Glashäuser. Schlieren: Roland Stimpel Angeblich ist es der Sichtbeton, der Freunde zeitgenössischer Architektur vom Rest der Menschheit trennt. Aber der Anblick von Beton wird längst allgemein toleriert, zumindest in Parkgaragen und Müllheizwerken. Schließlich ist er billig, praktisch und haltbar. Die wahre Trennwand zwischen den Architekturauffassungen ist auch hart, aber oft unsichtbar: Sie ist aus Glas. Für die einen soll Glas den Widerspruch überwinden zwischen dem Offenen und dem Geschlossenen, zwischen Schutz und Freiheit. Es soll Schwerelosigkeit suggerieren und Räume weiten, wenn nicht entgrenzen. Die anderen fühlen sich hinter teurem Ganzglas den Blicken, den Sommerstrahlen und der Winterkälte von draußen ausgesetzt und von drinnen dem harten Echo aller Geräusche. Zwar bietet die Glasindustrie längst Gegenmittel, aber die machen es noch teurer. Die Traditions-Avantgarde hält jedoch dran fest; schließlich war Deutschlands „Eröffnungsbauwerk der Moderne“, wie der Kritiker Manfred Sack es nannte, komplett verglast: Bruno Tauts Pavillon auf der Kölner Werkbundausstellung 1914. Taut war inspiriert von Paul Scheerbart, Dichter und Gründer des „Verlags deutscher Phantasten“, der „überall die Backsteinarchitektur von der Glasarchitektur verdrängen“ wollte, auf dass sich „die Erde mit einem Brillanten- und Emailschmuck um­kleidet. Die Herrlichkeit ist gar nicht auszudenken. Wir hätten dann ein Paradies auf der Erde.“ „Das bunte Glas zerstört den Hass“, reimte Scheerbart im Sommer 1914 über Tauts Pavillon – und irrte tragisch: Ein paar Wochen danach begann der Hass, nicht nur sehr viel Glas zu zerstören. Später sollte dieses dann wieder für Transparenz stehen, für Demokratie und Gerechtigkeit. Aber ach: Heute zocken Hegdefonds hinter Ganzglas, Donald Trump hat damit exzessiv gebaut und in Pjöngjang täuscht ein 330-Meter-Hotelturm seit sechs Jahren mit seiner Glasverkleidung vor, dass er auch innen fertig sei. Überall prallt der Blick des Volks zurück; im gefärbten, gebogenen Glas sieht man nur sich selbst, postfaktisch verzerrt und entstellt. Wer noch nie mit Ganzglas gesündigt hat (oder wer es bereut), der werfe jetzt den ersten Stein.

Innovation von unten

Ernsthaft: Keineswegs kindlich war das Bauklötzchen-Legen, das Wolfgang Christ (rechts) in Ladenburg veranstaltete. Im badischen Ladenburg planten Bürger ein neues Quartier – im Verfahren transparenter und im Ergebnis in mancher Hinsicht besser als Experten. Text: Roland Stimpel Stadt machen, wenn Bürger und private Bauherren aktiv mitmischen? Das gilt in Fachkreisen weithin als ziemlich aussichtslos. Wir kennen doch diesen eigenbrötlerischen, unvernünftigen und unkundigen Menschenschlag: Er will große Grundstücke und niedrige Dichte, wählt sein Traumhaus aus dem Katalog und wünscht drumherum eher Sterilität als urbane Mischung. Der Quartierspark kann kaum groß genug sein; voluminösere Gebäude sind unerwünscht. Das Klischee stimmt so allgemein natürlich nicht. Und ganz konkret widerlegt es gerade Ladenburg, ein wachsendes 12.000-Einwohner-Städtchen zwischen Heidelberg und Mannheim. Hier dominiert im geplanten Neubaugebiet der Wunsch nach Dichte, Gemeinschaftlichkeit und Vielfalt. Nicht, weil die Ladenburger anders wären als andere. Sondern – da ist sich der Stadtplaner und Architekt Wolfgang Christ sicher – weil sie anders gefragt wurden als sonst, was sie wollen. Christs Darmstädter Büro Urban Index Institut hat im Auftrag der Stadt ein sehr aufwendiges, basisnahes und transparentes Verfahren für Ladenburgs jüngstes Quartier umgesetzt. Vom Resümee ist er selbst überrascht: „Manche Innovation kann nur von unten kommen.“ New Urbanism von der besten Seite Dabei begann er ganz konventionell. Ladenburg wollte seine Nordstadt abrunden und beauftragte ihn mit einem ersten Masterplan. 30 Jahre lang hatte die Stadt sich auf ihre Innenentwicklung konzentriert; jetzt ist der Wachstumsdruck immens. Ein anfangs mit 7,5 Hektar bemessenes Dreieck sollte bebaut werden – bislang ein grüner Keil zwischen zwei Stadtquartieren, genutzt von Bauern und Kleingärtnern. Wolfgang Christ hat „im Masterplan nur ganz grob die Struktur mit Baugebieten und einem Grünzug definiert“. Der Gemeinderat steuerte sieben eher diffuse Leitlinien bei. „Vielfalt und Gemeinsinn“ hieß eine, „Nachhaltigkeit und Schönheit“ die nächste. Und nicht zuletzt „Mitplanen und Mitgestalten von Anfang an“. Konstruktiv: Interessenten legten sich ein Quartier von überraschend hoher Dichte. Idee und Verfahren sind dem aus den USA stammenden New Urbanism entlehnt. Den verstanden in Deutschland viele nur als konservative Design-Idee – ein so reduziertes wie falsches Verständnis, das vieles am New Urbanism ausblendet: angestrebte Dichte, Mischung und öffentliche Räume sowie nicht zuletzt Beteiligungsverfahren, in denen Verwaltung, Experten und Bürger auf Augenhöhe diskutieren und entwerfen. In Ladenburg begann das an einem vierstündigen Samstagnachmittag Ende 2015 in einer Turnhalle mit dem Thema „Wie wir wohnen wollen“. Etwa hundert Ladenburger und weitere Interessenten erschienen und platzierten sich an Thementischen zu Wohnungsbau, Energie, Stadtgestalt, Mobilität, Grün und mehr. Experten und Kommunalpolitiker standen mehr moderierend und beratend als gestaltend dabei; die Bürger zeichneten und schrieben auf metergroße Papiere und Klebezettel. Bürgermeister Rainer Ziegler kommentierte den Nachmittag hinterher leicht überrascht: „Niemand hat unsere erste Stadterweiterung seit den 1980er-Jahren in Frage gestellt.“ Natürlich hatten hier wie überall Bewohner von Nachbarquartieren vorab Kritik geäußert. Aber die Einladung zum Gestalten bewirkte jetzt, dass auch die Befürworter als Gruppe in Erscheinung traten. Damit waren fundamentale Gegner kommunalpolitisch neutralisiert, noch bevor sie sich gegen ein konkretes Projekt zusammenfinden konnten. Von dem hoffen nicht wenige zu profitieren: Anfangs war von rund 800, inzwischen ist von bis zu rund 1.350 Bewohnern die Rede – rund ein Zehntel der heutigen Ladenburger Bevölkerung. Silhouette: Ladenburgs neue Nordstadt ist ein heute noch unbebauter Keil zwischen besiedelten Gebieten. Das Zentrum ist nah – und auch wenn die monokulturellen Äcker nicht unbedingt ökologisch wertvoll sind, hat man mit der Stadterweiterung Jahrzehnte gezögert. Abschied vom 800-Meter-Grundstück Da ums „Ob“ nicht gekämpft werden musste, blieb für das „Wie“ umso mehr Energie. Bürgermeister Ziegler bemerkte vor allem den Wunsch nach „Vielfalt im sozialen Miteinander, im Leben und im Wohnen“. Kleinere Einfamilienhäuser waren gefragt; Bauträger konnten sich Stadtvillen vorstellen und die Diakonie ein Heim für Betreutes Wohnen. Vom Tisch kam dagegen die Idee, gut situierten Bauwilligen 800-Quadratmeter-Grundstücke zu überlassen. „Als die Leute sahen, wie wenig Häuser dann gebaut werden könnten, stand dazu keiner mehr“, berichtet Wolfgang Christ. Wie knapp im prosperierenden Rhein-Neckar-Gebiet Bauland ist, ­zeigen Ladenburgs Preise: Rund 800 Euro soll der Quadratmeter in der künftigen Nordstadt kosten. Hoher Bedarf prägte auch drei Monate später die öffentliche „Baubörse“. Jetzt kamen schon zweihundert Interessenten, konnten Holzwürfel im Maßstab 1 zu 100 und grüne Papp-Plättchen auf einen vier mal vier Meter großen Plan schichten. Nach Christs Worten wurde damit „typologie-orientiert geübt“. Zum Beispiel an Reihenhäusern: Interessenten schoben anfangs drei Teilklötzchen zu einer Einheit zusammen – bis man ihnen erklärte, dass 18 Meter Haustiefe kein sehr helles Wohnen ergeben würden. Aber auch danach wünschten sich die Interessenten nach Christs Worten „eine viel höhere Dichte, als wir erwartet haben. Als wir die insgesamt verwendeten Holzklötzchen gezählt hatten, stellte sich eine enorm hohe GFZ für den Rand einer Mittelstadt heraus.“ Ebenso der Wunsch nach Mischung: keine grobkörnige mit Wohn- und Gewerbeparzellen, wohl aber geplante Mischnutzung innerhalb von Häusern, etwa eine Kombination von Wohnhaus und Apotheke. Und wegen des großen Andrangs wuchs das Planungsgebiet im Laufe des Verfahrens von gut sieben auf über zehn Hektar – wodurch aber der äußere Grüngürtel der Stadt kaum angegriffen wird. Die größte geplante Einheit, das Heim der Diakonie, wollte diese ursprünglich schüchtern am Rand platzieren. Bürger motivierten sie, in die Mitte zu gehen – da könnten dann auch andere von der Infrastruktur profitieren. Von einem Dachcafé etwa, das eine prachtvolle Aussicht auf Ladenburgs Altstadt-Silhouette verspricht. „Während der Diskussionen ist Schritt für Schritt der Wunsch nach einem lebendigen Quartier gewachsen“, hat Christ beobachtet. Nicht zuletzt der Wunsch nach einem auch repräsentativen zentralen Platz vor dem Haus der Diakonie – von einem „urbanen Spot“ spricht der Planer vorsichtig. Idylle: In seinem Altstadtkern ist Ladenburg ländlich-niedlich. Die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt ist hoch. Das künftige Quartier im Norden soll aber als eins von heute erscheinen. Unter ihm soll das ökotechnische Markenzeichen des neuen Quartiers liegen: einer der drei Eisspeicher für die Nahwärme-Versorgung. Experten von der Fraunhofer-Gesellschaft hatten dieses und andere Energiekonzepte vorgestellt; rasch ging der Trend zu den unterirdischen Riesentanks mit 19 Metern Durchmesser, in denen mit Hilfe von Wärmepumpen die Heizenergie für das gesamte Quartier gewonnen werden soll. „Keiner hätte sich getraut, so etwas den Bauwilligen von oben herab vorzuschreiben“, sagt Christ. „Das ist nur durchsetzbar, wenn der Wille von den Leuten selbst kommt.“ Das gilt wohl auch für das Kleingarten-Konzept. Laubenpieper leisteten hier nicht den anderenorts üblichen Fundamental-Widerstand. Sondern sie arrangierten sich mit der Bürgeridee, auf ihrem Areal 50 Quadratmeter kleine individuelle Sommergärten ohne Zäune vorzusehen – mehr Gemeinschaft, weniger Arbeit und Pflichten, nicht zuletzt Chancen für mehr Freizeitgärtner statt für weniger. Auch dieses rundum zeitgemäßere Konzept setzte sich dank der Dynamik der Großgruppe durch. Bloß kein Webergrill-Quartier Zurückgehalten haben sich die Planer und Begleiter des Prozesses bei den meisten gestalterischen Fragen. Bürger äußerten hier zunächst Negativ-Vorstellungen: keine Photovoltaik auf den Dächern und zu ihrer Vermeidung gern die Eisspeicher. Und bitte nicht das, was Spötter „Webergrill-Quartier“ nannten: stark verdichtete Reihenhäuser mit ziemlich öffentlichen Terrassen, deren Bild von den kugeligen Wurstmachinchen dominiert würde. Ratsmitglieder und Planer hatten so etwas auf einer Exkursion in der nahen Heidelberger Bahnstadt gesehen und waren nicht sehr angetan. Wie aus dem Lehrbuch: Raumtypologien zum Bewusstwerden und Ausprobieren für die beteiligten Bürger. Recht diffus äußerten die engagierten Amateur-Planer den Wunsch nach einer „schönen Stadt“ – laut Christ „lesbare Formen, keine gestalterischen Brüche und keine Dominanz von Energie-Anlagen“. Es dürfte eine gefällige, architektonisch eher unspektakuläre Stadt werden – damit aber auch eine, die Unbehagen vermeidet. Christ hat sich da zurückgehalten. „Ich habe keinen Geschmack vermitteln wollen, sondern möglichst neutral erläutert, worin hier städtebauliche Qualitäten bestehen könnten.“ Auch ein städtebaulicher Wettbewerb stand in Ladenburg nie zur Diskussion. „Zum Glück“, erlaubt sich Christ zu sagen. „Gerade wenn da ein ambitioniertes Konzept herausgekommen wäre, dann wäre das bestimmt nicht umgesetzt worden. Es hätte zu einer Kontroverse statt zu Konsensbildung geführt. Ich bin zum Beispiel sicher, dass es nie zu dieser Energieversorgung kommen würde, wenn sie Teilergebnis eines Wettbewerbs gewesen wäre statt ein von Bürgern angenommener Expertenrat.“ All das geht natürlich leichter in einer kleinen Stadt, die nur ein einziges Baugebiet ausweisen will. Hier finden sich Bauinteressenten leichter zusammen; bei den Bürgerrunden ging es sehr pragmatisch statt grundsätzlich zu. Andererseits fehlen einer solchen Stadt die Ressourcen und der Druck für manches, was sich anderswo bewährt hat. Wie von Profis: Der kollektive Plan zeigt hohe Dichte am zentralen Park sowie Stadtvillen- und Reihenhausgruppen im Norden. Die Stadt-Vertreter waren vor Verfahrensbeginn natürlich auch in Tübingen – und stellten fest: Das ist gut, aber es geht in Ladenburg nicht. Es gibt zu wenig potenzielle Selbständige, um an mehr als ein paar Brennpunkten Gewerberäume im Erdgeschoss zu füllen. Auch eine Grundstückvergabe in Konzeptverfahren lohnt nicht. Die Bauherren sind eher individuell und planen gewöhnliches Wohnen, so dass bei der Grundstücksvergabe keine Auswahl zwischen unterschiedlichen Ideen besteht. Seine Experten-Aufgabe sah Christ im Erklären und Moderieren. „Es ging nicht darum, den Dialog zu beherrschen. Sondern darum, die Leute mit Informationen zu versorgen und sie selbst dialogfähig zu machen.“ Und es war sein Job, Kommunalpolitiker zu beruhigen. „Die Gemeindevertreter hatten befürchtet, dass ihnen der Prozess entgleitet. Ich habe ihnen dann geraten: Bringt euch ein, werdet Teil der Debatte.“ Vorsichtshalber gab es aber einen städtischen Lenkungsausschuss. „Es sollte nichts aus dem Ruder laufen.“ Diese Befürchtung erwies sich als unbegründet: Mehr und mehr fühlten sich die Ladenburger nicht aus dem Ruder gelaufen, sondern alle in einem Boot. „Die Ergebnisse der Bürgerveranstaltungen haben eine starke Bindungswirkung.“ Auf ihrer Grundlage stellt der Gemeinderat jetzt den Bebauungsplan auf. Mehr Informationen und Artikel zum Thema Transparenz finden Sie in unserem DABthema Transparenz.

Wer schreibt, der bleibt

Welche Architektenleistungen müssen in den Leistungsphasen 1 bis 3 dokumentiert werden? Text: Eike Jürgen Wendorff Dieses alte Sprichwort gilt leider auch für den Nachweis von erbrachten und gegebenenfalls strittigen Planungstätigkeiten. Mit der Novellierung der HOAI 2013 hat der Verordnungsgeber nunmehr und zur Gebäudeplanung erstmalig u.a. eine Dokumentationspflicht der Ergebnisse in den Leistungsphasen 1 bis 3 festgeschrieben. In der einschlägigen Fachliteratur und sonstigen Veröffentlichungen wird wie auch in Seminaren, Vorträgen und ähnlichen Veranstaltungen immer wieder auf die Notwendigkeit hingewiesen, Planungsarbeiten im Zweifelsfall nachweisen zu können. Im Zuge von Auseinandersetzungen über das Honorar bestreiten die Auftraggeber nahezu regelmäßig, dass die Architektin bzw. der Architekt die Leistungen entsprechend der HOAI und / oder dem geschlossenen Vertrag erbracht hat. Insbesondere im Rechtsstreit sind die Aussagen der Vertragspartner oft widersprüchlich und die Interessenslage entgegengesetzt. Ein gegebenenfalls seitens des Gerichtes hinzugezogener Sachverständiger kann seine Beurteilungen jedoch nur auf die ihm zur Verfügung stehenden Informationen stützen. Hierzu zählen im Wesentlichen und vorrangig alle Arten von Dokumenten. Spätestens die neuen Regelungen sollten dazu führen, dass die beauftragten Planerinnen und Planer sich sorgfältig mit den Anforderungen an eine vertrags- und projektgerechte Dokumentation auseinandersetzen. Sie sollten eine auf das Objekt und die einzelnen Leistungsphasen bezogene Zusammenstellung von Unterlagen und Leistungsnachweisen als Selbstverständlichkeit ansehen, um insbesondere späteren Auseinandersetzungen vorzubeugen und gegebenenfalls den Honoraranspruch nachdrücklich sowie belastbar zu untermauern. Regelungen bis 2009 In den alten Fassungen der HOAI fanden sich keine expliziten und eindeutigen Hinweise auf Dokumentationspflichten. Zur Leistungsphase 1 (Grundlagenermittlung) wurde das „Zusammenfassen der Ergebnisse“, zur Leistungsphase 2 (Vorplanung) das „Zusammenstellen aller Vorplanungsergebnisse“ und zur Leistungsphase 3 (Entwurfsplanung) das „Zusammenfassen aller Entwurfsunterlagen“ gefordert. Eine Formvorschrift war hiermit nicht verbunden. Wenn der Begriff „Dokumentation“ dort auch nicht auftauchte, so ergab sich jedoch eine entsprechende Forderung sinngemäß zur Leistungsphase 8, Objektüberwachung. Dort war als Grundleistung die „Übergabe des Objekts, einschließlich Zusammenstellung und Übergabe der erforderlichen Unterlagen“ angeführt. Bereits die Überschrift zur Leistungsphase 9 verwies auf die „Objektbetreuung und Dokumentation“. Als Grundleistung handelte es sich um die „systematische Zusammenstellung der zeichnerischen Darstellungen und rechnerischen Ergebnisse des Objekts“. Regelungen in HOAI 2009 Das geforderte Leistungsbild zur Objektplanung wurde von § 15 (HOAI alt) mit der Novellierung in Anlage 11 zu den §§ 33 und 38 Abs. 2 HOAI verschoben. Eine textliche Überarbeitung hinsichtlich der Dokumentationspflichten erfolgte in diesem Zusammenhang allerdings nicht. Neu war jedoch eine Regelung im allgemeinen Teil unter § 3 (8): „Das Ergebnis jeder Leistungsphase ist mit dem Auftraggeber zu erörtern.“ Zwar wurde in der amtlichen Begründung, „dass die Ergebnisse der Leistungsphasen mit der Auftraggeberin oder dem Auftraggeber abzustimmen sind“, nur auf die Absätze 4 bis 6 des § 3 verwiesen. Danach sollte die „Abstimmung der Ergebnisse einer jeden Leistungsphase … kontinuierlich erfolgen und damit zu einem transparenten Vertragsablauf führen.“ Ein bestimmtes Formerfordernis war hiermit nicht verbunden. Vor dem Hintergrund der HOAI als Verordnung zur Regelung von Gebührentatbeständen und nicht zur Normierung von Leistungspflichten scheint diese Regelung keine wesentliche Bedeutung bekommen zu haben. Regelungen ab 2013 Mit der Novellierung hat der Verordnungsgeber umfangreiche Dokumentationspflichten im Leistungsbild gemäß Anlage 10 zu den § 34 Abs. 4 und § 35 Abs. 7 wie folgt festgeschrieben (Hervorhebungen durch den Verfasser):
  • In Leistungsphase 1, Grundlagenermittlung:
Zusammenfassen, Erläutern und Dokumentieren der Ergebnisse
  • In Leistungsphase 2, Vorplanung:
Zusammenfassen, Erläutern und Dokumentieren der Ergebnisse
  • In Leistungsphase 3, Entwurfsplanung:
Zusammenfassen, Erläutern und Dokumentieren der Ergebnisse Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass in der Leistungsphase 8 (Objektüberwachung) nunmehr u.a. gefordert werden:
  • Dokumentation des Bauablaufs (z.B. Bautagebuch)
  • Systematische Zusammenstellung der Dokumentation, zeichnerischen Darstellungen und rechnerischen Ergebnissen des Objekts
Eine Bestimmung gemäß den Regelungen in § 3 Abs. 8 HOAI 2009 ist entfallen. Mit den entsprechenden Texten in den Leistungsphasen 1 bis 3 werde laut amtlicher Begründung nun betont, „dass es sich bei der Dokumentationspflicht um einen fortlaufenden, die Leistungsphase begleitenden Prozess handelt.“ Begriffsbestimmung Laut Wikipedia stammt das Wort Dokument vom lateinischen documentum als „beweisende Urkunde“ bzw. dem Wort docere für „lehren“ ab. Es steht danach unter anderem für
  • Schriftstück im Allgemeinen
  • Urkunde im Speziellen
  • Amtliches Dokument, ein Beleg zu einer öffentlichen oder behördlichen Angelegenheit
  • Elektronische Dokumente oder Dateien in verschiedenen Formen.
Bei Duden ist die Bedeutungsübersicht wie folgt angegeben: Als Synonyme zu Dokument werden dort benannt: Nach sachverständiger Einschätzung muss es sich vor diesem Hintergrund bei einem Dokument zwingend um einen greifbaren Beleg handeln, der bei Bedarf einem Dritten, z.B. einem Gutachter, zur Verfügung gestellt werden kann. Eine nur mündliche oder gedankliche Dokumentation scheidet danach aus. In Frage kommen allerdings nicht nur Schriftstücke, sondern auch anders geartete Nachweise, z.B. Fotos oder Modelle. Allerdings sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass insbesondere elektronisch gespeicherte Dokumente und Belege oftmals ohne erheblichen technischen Aufwand manipulierbar sind. Auftrags- und Vertragsdokumentation Grundsätzlich ist ein Planungsauftrag nicht an eine bestimmte Form gebunden. Er kann beispielhaft also auch mündlich erteilt werden. Hinsichtlich der Honorarvereinbarung geht der Verordnungsgeber in HOAI § 7 (2013) vorrangig von einer „schriftlichen Vereinbarung, die die Vertragsparteien bei Auftragserteilung im Rahmen der durch diese Verordnung festgesetzten Mindest- und Höchstsätze treffen“, aus. Gleichzeitig wird nach § 7 (5) bei einer fehlenden schriftlichen Vereinbarung „unwiderleglich vermutet, dass die jeweiligen Mindestsätze gemäß Absatz 1 vereinbart sind“. Laut sachverständiger Erfahrung und gemäß immer wiederkehrenden Empfehlungen in diversen Fortbildungsveranstaltungen und Veröffentlichungen ist allerdings unbedingt eine schriftliche Vereinbarung anzuraten. Für nahezu alle Regelungen, die eine Abweichung von den Mindestsätzen darstellen, wird diese sogar nach HOAI gefordert. Schriftformerfordernis bedeutet in diesem Fall, dass ein von beiden Parteien unterschriebenes Dokument vorliegen muss. Eine einseitige Willenserklärung, gegebenenfalls sogar mit schriftlicher Bestätigung der Gegenseite, ist üblicherweise nicht ausreichend. Allerdings ist auch hierzu der Verordnungstext teilweise widersprüchlich. So ist der Umfang der mitzuverarbeitenden Bausubstanz nach § 4 angemessen zu berücksichtigen. Dabei sind deren Umfang und Wert „zum Zeitpunkt der Kostenberechnung oder, sofern keine Kostenberechnung vorliegt, zum Zeitpunkt der Kostenschätzung objektbezogen zu ermitteln und schriftlich zu vereinbaren.“ Rechtsprechung und Kommentierung gehen jedoch davon aus, dass in diesem Sonderfall der Verweis auf die Schriftform nur eine Klarstellungsfunktion hat und nicht als Anspruchsgrundlage zu sehen ist. Insofern ist leider nur schwer verständlich, warum überwiegend die Schriftformerfordernis sehr eng ausgelegt wird, in Einzelfällen jedoch keine wesentliche Bewandtnis haben soll bzw. hat. Ebenfalls durch schriftliche Vereinbarung anzupassen ist eine Änderung im Umfang der beauftragten Leistungen während der Laufzeit des Vertrags nach HOAI § 10. Hierzu bleibt die Rechtsprechung abzuwarten, wie eine Änderung der beauftragten Leistungen ohne entsprechende schriftliche Vertragsanpassung rechtlich einzuordnen sein wird. Leider hat die langjährige sachverständige Erfahrung gezeigt, dass viele Architektinnen und Architekten mit der Dokumentation des Auftrages sowie der vertraglichen Vereinbarungen bei Weitem zu sorglos umgehen. Die notwendige Schriftformerfordernis für entsprechende Regelungen nach HOAI ist unbedingt zu beachten. Darüber hinaus kann jedem Auftragnehmer nur empfohlen werden, alle Vereinbarungen und Absprachen in geeigneter Weise festzuhalten und belastbar zu dokumentieren. Selbst eine einfache Aktennotiz zum Inhalt eines Gespräches mit Datum und Teilnehmern kann im Zuge einer Auseinandersetzung einen wichtigen Beleg darstellen. Selbstverständlich sind solche Dokumente auch in der Projektakte an einer Stelle abzulegen, wo der Auftragnehmer sie jederzeit wiederfindet und bei Bedarf zur Verfügung stellen kann. Dokumentation zur Leistungsphase 1, Grundlagenermittlung Offensichtlich unterschätzen viele Auftragnehmerinnen und Auftragnehmer nach wie vor die Bedeutung der Leistungsphase 1. Hier werden gemäß der Überschrift die „Grundlagen“ für die weitere, erfolgreiche und möglichst konfliktarme Bearbeitung der Planungsaufgabe gelegt. Die rechtliche Kommentierung vertritt teilweise die Ansicht, dass eine bestimmte Form für die Zusammenfassung nicht vorgesehen sei. Diese könne auch mündlich erfolgen. Auch sachverständiger Sicht und unter Verweis auf die Begriffsbestimmungen muss vor einer solchen Vorgehensweise ausdrücklich gewarnt werden. Es handelt sich um eine Dokumentationspflicht, deren Inhalt und Umfang im Wesentlichen von dem zwischen den Parteien geschlossenen Vertrag abhängt. Sofern das Leistungsbild nach HOAI zu Grunde gelegt wurde, ergeben sich entsprechende Hinweise aus Anlage 10 zu § 34 Abs. 4 bzw. § 35 Abs. 7. Gegebenenfalls ist hierzu eine Checkliste hilfreich. Beispielhaft wären nach sachverständiger Erfahrung die folgenden Punkte zu klären und im Ergebnis zu dokumentieren:
  • Allgemeine Aufgabenbeschreibung
Leider fällt im Rahmen von Rechtsstreitigkeiten immer wieder auf, welche wesentliche Diskrepanzen schon bei der Beschreibung der allgemeinen Aufgabenstellung zwischen den Parteien bestehen können. Insofern ist zu empfehlen, soweit möglich Begriffe aus den Begriffsbestimmungen nach HOAI § 2 zwischen den Vertragsparteien abzustimmen und zu verwenden. Es sollte zumindest Klarheit darüber geschaffen werden, ob es sich um einen Neubau, einen Wiederaufbau, eine Erweiterung, einen Umbau, eine Modernisierung, eine Instandsetzung oder eine Instandhaltung handelt. Angaben zur vorgesehenen Nutzung des Objektes sowie gegebenenfalls dazu, ob es sich um mehrere und gegebenenfalls wie viele Objekte handelt, sind unumgänglich.
  • Standort bzw. Grundstück
Neben selbstverständlichen Angaben wir Adresse und Größe nach Unterlagen sollten hier bereits Besonderheiten angeführt werden, die in diesem frühen Bearbeitungsstadium bekannt sind. Hierbei könnte es sich beispielhaft um Altlastenverdacht, bergbauliche Einflüsse oder Immissionen aus der Nachbarbebauung handeln. In diesem Zusammenhang sind die Ergebnisse der als „Ortsbesichtigung“ geforderten Grundleistung festzuhalten. Besonderheiten, z.B. bezüglich topografischer Gestaltung, vorhandener Bebauung, Nutzungs- oder Zufahrtseinschränkungen oder ähnliches, können mit Angaben zu Datum und Teilnehmer Bestandteil eines Protokolls sein. Gegebenenfalls helfen Fotos als Ergänzungen zu den örtlichen Feststellungen.
  • Flächen- oder Raumbedarf
Die allgemeinen Daten zur geplanten Objektgröße sind wesentlich. Hierbei kann es sich beispielhaft um Quadratmeter Wohnfläche, Zahl der Zimmer, Zahl der Arbeitsplätze oder die Lager- und Produktionsfläche handeln.
  • Sonstige Wünsche der Auftraggeber
Oftmals haben die Bauherren bestimmte Vorstellungen zu einzelnen Punkten, die ihnen wichtig und vom Planer zu berücksichtigen sind. Hierbei sind gestalterische Wünsche, aber auch andere Aspekte denkbar, etwa besondere Materialien, eine sehr kurze Bauzeit, energetische Gesichtspunkte, Nutzungsflexibilität oder umfangreiche Eigenleistungen.
  • Finanzrahmen
Die Planerin bzw. der Planer müssen die finanziellen Möglichkeiten oder Vorstellungen des Auftraggebers abklären. Dies sollte mit großer Sorgfalt geschehen. Typische Fehler treten etwa bei der Berücksichtigung der Mehrwertsteuer, des Grundstückserwerbs und der Baunebenkosten auf. Auch Besonderheiten vor dem Hintergrund eventueller Förderprogramme oder spezieller Finanzierungsmodelle sind zu klären. Eine eindeutige Abgrenzung des Budgets ist unbedingt im Interesse aller Beteiligten. Hierzu gehört auch die vom Planer vorzunehmende Prüfung, ob und gegebenenfalls mit welchen Einschränkungen die sonstigen Vorstellungen der Bauherrschaft mit dem finanziellen Rahmenbedingungen übereinstimmen. Der Architektin / dem Architekten ist unbedingt anzuraten, sorgfältig auf Widersprüche hinzuweisen, diese mit den Auftraggebern abzuklären und das Ergebnis der Abstimmungen zu dokumentieren.
  • Sonstige Beteiligte
Je nach Aufgabenstellung muss die Planerin / der Planer mit den Auftraggebern besprechen, welche übrigen Beteiligten erforderlich sind und gegebenenfalls Empfehlungen geben. Hierbei kann es sich um Fachplaner, aber auch um Behörden und gegebenenfalls spezielle Unternehmen – z.B. hinsichtlich eines möglichen GU-Auftrages – handeln. In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass die Rechtsprechung insbesondere bei der Baugrunduntersuchung eine umfangreiche Aufklärungspflicht des Planers vertritt.
  • Sonstige Beratung
Projektbezogen sind eventuelle weitere Beratungsleistungen erforderlich. Diese können sich auf bei sonstigen Punkten festgestellte Konflikte, aber auch z.B. auf energetische Rahmenbedingungen, mögliche Fördermittel    oder ähnliches beziehen. Hierzu ist nur eine einzelfallspezifische Betrachtung möglich.
  • Besondere Leistungen
Je nach Aufgabenstellung können besondere Leistungen erforderlich werden. Wesentliche Bedeutung kommt hier im Rahmen der Leistungsphase 1 einer eventuell erforderlichen Bestandsaufnahme beim Bauen im Bestand zu. Deren Ergebnis ist in geeigneter Weise festzuhalten. Hierbei kann es sich etwa um Besichtigungsprotokolle, Aufmaßzeichnungen, Fotos oder sonstige Dokumente handeln. Durch die systematische Aufbereitung der Dokumentation in Leistungsphase 1, Grundlagenermittlung, werden offene Punkte und gegebenenfalls Widersprüche deutlich. Es besteht die Möglichkeit, Konflikte zwischen den Vertragsparteien abzustimmen und zu klären. Aus sachverständiger Sicht ist dringend zu empfehlen, nach Abschluss dieser Leistungsphase (evtl. auch nach Abschluss anderer Leistungsphasen) den Planungsauftrag zu überprüfen, gegebenenfalls zu konkretisieren und zu überarbeiten. Dokumentation zur Leistungsphase 2, Vorplanung (Projekt- und Planungsvorbereitung) Die Leistungsphase 2 wird üblicherweise mit dem sogenannten „Vorentwurf“ abgeschlossen. Insofern liegt ein greifbares Planungsergebnis vor, das die Tätigkeit der Architektin / des Architekten belegt. Legt man die Grundleistungen nach HOAI zu Grunde, so manifestieren sich deren Ergebnisse jedoch nur teilweise in der zeichnerischen Darstellung. Sofern keine abweichende Vereinbarung zwischen den Parteien getroffen wurde, bedarf es zur Dokumentation weiterer Angaben, im Wesentlichen zu den folgenden Punkten:
  • Vorplanung mit Varianten
Vorrangig ist selbstverständlich die zeichnerische Darstellung der zwischen den Parteien zur weiteren Bearbeitung vereinbarten Planung. Darüber hinaus sind jedoch auch die untersuchten und dargestellten Varianten sowie deren Bewertung festzuhalten.
  • Kostenschätzung
Die Kostenschätzung nach DIN 276 dient gemäß Punkt 3.4.2 „als eine Grundlage für die Entscheidung über die Vorplanung.“ Sie muss die Gesamtkosten ausweisen und beruht neben den Ergebnissen der Vorplanung auf Mengenberechnungen von Bezugseinheiten der Kostengruppen nach DIN 277. Im Normentext werden darüber hinaus erläuternde Angaben zu den planerischen Zusammenhängen, Vorgängen und Bedingungen sowie Angaben zum Baugrundstück und zur Erschließung gefordert. Selbstverständlich bedarf es einer Kontrolle und Gegenüberstellung mit dem in Leistungsphase 1 besprochenen Finanzrahmen.
  • Genehmigungsfähigkeit
Grundsätzliche Fragen der Genehmigungsfähigkeit sind im Rahmen der Vorplanung zu klären. Es besteht eine weitgehende Hinweispflicht an die Bauherrschaft bezüglich eventueller Risiken. Diese kann bis zur Empfehlung gehen, eine Bauvoranfrage durchführen zu lassen.
  • Terminplan
Das „Erstellen eines Terminplans mit den wesentlichen Vorgängen des Planungs- und Bauablaufs“ ist als Grundleistung neu in die HOAI 2013 aufgenommen worden. Dieser ist zwar an keine bestimmte Form gebunden. Zumindest sollten jedoch die wesentlichen Eckdaten festgehalten und mit der Bauherrschaft besprochen werden.
  • Sonstige fachlich Beteiligte
Sofern die Koordination und Integration der anderen an der Planung fachlich Beteiligten aus der Vorplanung nicht hervorgeht, empfiehlt sich eine anderweitige Dokumentation, z.B. über Schriftverkehr oder Aktennotizen.
  • Erläuterungsbericht
Im Einzelfall wird zu entscheiden sein, ob und inwieweit ein ergänzender Erläuterungsbericht erforderlich ist. Bei wesentlichen Zielkonflikten oder einem umfangreichen Erläuterungsbedarf zu einzelnen Gesichtspunkten der Planung muss eine ergänzende, schriftliche Ausführung an den Bauherren dringend empfohlen werden. In der Fachliteratur wird teilweise sogar die Meinung vertreten, dass ein fehlender Erläuterungsbericht zur Honorarminderung führen könne. Nach HOAI § 15 (2) hat die Auftragnehmerin bzw. der Auftragnehmer einen Anspruch auf Abschlagszahlungen für nachgewiesene Grundleistungen in angemessenen zeitlichen Abständen. Mit dem dokumentierten Abschluss der Leistungsphase 2 einschließlich Kostenschätzung sind nunmehr wesentliche Voraussetzungen erfüllt, ein Abschlagshonorar auf Grundlage von HOAI § 6 in Verbindung mit HOAI § 15 nachvollziehbar ermitteln zu können und geltend zu machen. Dokumentation zur Leistungsphase 3, Entwurfsplanung (System- und Integrationsplanung) Vorab sei der erhebliche Stellenwert betont, den die Leistungsphase 3 im gesamten Planungsprozess hat. Nach Locher/Koeble/Frik (Kommentar zur HOAI, 12. Auflage, Seite 853) stellt sie „in der Planungssystematik der HOAI die wichtigste und umfassendste Planungsphase im gesamten Planungsprozess dar“. In dieser Leistungsphase müssten „alle wichtigen Entscheidungen, die die Gestaltung, die Konstruktion, die technischen Anlagen, den Standard des Ausbaus und damit die Kosten betreffen,“ getroffen werden. Keinesfalls ist der leider immer noch verbreiteten Meinung zuzustimmen, dass der Planer mit einem unterschriebenen Bauantrag – eventuell noch mit einer überschlägigen Kostenermittlung – nicht nur die Genehmigungsplanung, sondern auch seine Entwurfsplanung ausreichend dokumentiert habe. Vielmehr gehen die Nachweispflichten deutlich darüber hinaus.
  • Entwurfsplanung und Zeichnungen
Mit der Neustrukturierung in Anlage 10 wurden die ehemals getrennten Grundleistungen „Durcharbeiten des Planungskonzeptes“ und „Zeichnerische Darstellung des Gesamtentwurfs“ unter einem Ordnungsbuchstaben zusammengefasst. Unter dem Gesichtspunkt der Dokumentationspflicht erleichtert dies die Bearbeitung. Die neuen Texte können als Klarstellung verstanden werden, dass das ab-strakte Planungskonzept im Wesentlichen in Zeichnungen umgesetzt wird. Die Pläne sind im erforderlichen Umfang und Detaillierungsgrad sowie unter Berücksichtigung aller fachspezifischen Anforderungen zu erstellen. Gemeinsam mit der Objektbeschreibung müssen sie alle Angaben enthalten, die dem Bauherren ein vollständiges Verständnis der Planung ermöglichen und für ihn die Kostenberechnung nachvollziehbar machen.
  • Sonstige fachlich Beteiligte
Die Einbindung der anderen an der Planung fachlich Beteiligten ist ein mindestens zweistufiger Prozess im Rahmen der Entwurfsplanung. Einerseits muss der Gebäudeplaner seine Arbeitsergebnisse zur Verfügung stellen, andererseits deren Leistungen im Rücklauf integrieren. Zum Nachweis können Besprechungsprotokolle, aber auch Anschreiben sowie selbstverständlich die Darstellungen in den Zeichnungen dienen.
  • Objektbeschreibung
Die Objektbeschreibung ist in unmittelbarem Zusammenhang mit den Zeichnungen, die den Gesamtentwurf zeigen, zu sehen. Die Pläne und textlichen Erläuterungen ergänzen und vervollständigen sich gegenseitig. Fehlende Angaben in den Zeichnungen werden durch Beschreibungen komplettiert und umgekehrt. Hierbei ist zu empfehlen, dass sich die Gebäudeplanerin bzw. der Gebäudeplaner auch in den Kenntnisstand der Auftraggeber versetzt. Den Fachleuten selbstverständlich erscheinende, planerische Zusammenhänge sind für einen im Bauen unerfahrenen Laien oftmals nicht deutlich oder sogar offensichtlich und bedürfen daher einer textlichen Erläuterung. Darüber hinaus bietet die Objektbeschreibung die Chance, auf Punkte einzugehen, die der Auftraggeberin bzw. dem Auftraggeber besonders wichtig sind, und deren Lösungsansätze herauszustellen.
  • Genehmigungsfähigkeit
Im Rahmen der Leistungsphase 3 sind sämtliche Fragen rund um die Genehmigungsfähigkeit auf Basis des durchgearbeiteten Entwurfes möglichst abschließend zu klären. Entsprechende Abstimmungen sollten durch Schriftverkehr oder Protokolle festgehalten werden. Zwingend erforderlich ist darüber hinaus eine Dokumentation von gegebenenfalls offenen und unklaren Punkten sowie der Kommunikation hierzu mit der Bauherrschaft.
  • Kostenberechnung
Die zu erwartenden Kosten ihres Bauvorhabens stellt für fast alle Auftraggeberinnen und Auftraggeber einen zentralen Punkt rund um die Gesamtplanung dar. Die Kostenberechnung dient nach DIN 276 (2008) unter 3.4.3. „als eine Grundlage für die Entscheidung über die Entwurfsplanung.“ Neben Planungsunterlagen und Mengenberechnungen sind Erläuterungen erforderlich, sofern Angaben aus den Unterlagen nicht ersichtlich, aber „für die Berechnung und Beurteilung der Kosten von Bedeutung sind.“ Eine vollständige, detaillierte und nachvollziehbare Kostenberechnung ist aber nicht nur für die Bauherrschaft, sondern auch für die Planerin bzw. den Planer wichtig. Nach HOAI § 6 richtet sich das Honorar für Grundleistungen im Zusammenhang mit der Gebäudeplanung u.a. „nach den anrechenbaren Kosten des Objekts auf der Grundlage der Kostenberechnung“. Eine entsprechend sorgfältige Bearbeitung muss daher im Eigeninteresse der Auftragnehmerin / des Auftragnehmers sein. Hierzu zählt auch der als Grundleistung geforderte Vergleich mit der Kostenschätzung. Er ermöglicht es der Planerin/ dem Planer, Abweichungen zu begründen und ihren / seinen Kunden plausibel zu machen.
  • Terminplan
Mit dem Abschluss des Entwurfes besteht die Verpflichtung, den in Leistungsphase 2 aufgestellten Terminplan fortzuschreiben und zu konkretisieren. Die besondere Wichtigkeit der Leistungsphase 3 hat der Verordnungsgeber u.a. damit betont, dass er den Grundleistungsanteil von 11 % in den früheren Fassungen der HOAI mit der Novellierung 2013 auf 15 % angehoben hat. Mit der Dokumentation kann die Planerin bzw. der Planer ihre / seine Leistungen gegenüber der Bauherrschaft transparent machen. Sie oder er kann darstellen, wie die Wünsche der Bauherrschaft aufgenommen und umgesetzt wurden. Wichtig ist, dass die Auftraggeberin bzw. der Auftraggeber den Entwurf mit den zu erwartenden Kosten und der Terminplanung nachvollziehen kann und die bauherrenseitigen Vorstellungen entsprechend wiederfindet. Inwieweit eine (weitere) Abschlagsrechnung nach Abschluss der Leistungsphase 3 oder erst nach der Leistungsphase 4, Genehmigungsplanung, sinnvoll ist, muss die Antragsnehmerin bzw. der Auftragnehmer im Einzelfall entscheiden, sofern dies nicht vertraglich geregelt wurde. Zusammenfassung und Schlussbemerkungen Auf den ersten Blick scheinen die in der Überarbeitung der HOAI 2013 aufgenommenen Dokumentationspflichten vorrangig zu einem zusätzlichen Arbeitsaufwand der Planerin/ des Planers zu führen. Tatsächlich handelt es sich jedoch zu einem sehr großen Anteil lediglich um eine Konkretisierung von schon bisher sinnvollen sowie in der Rechtsprechung und einschlägigen Kommentierung teilweise bereits geforderten Nachweisen. Die Dokumentationen dienen dabei auch dem zwischen den Beteiligten abgestimmten Ablauf der Planung und des Bauvorhabens. Mit einer verstärkten Transparenz können Konfliktfelder von vornherein umgangen und insofern auch rechtliche Auseinandersetzungen eingeschränkt werden. Die Architektinnen und Architekten haben einerseits üblicherweise nichts zu verheimlichen. Andererseits hat die Bauherrschaft als Auftraggeber und somit Kunde einen Anspruch auf umfassende Informationen und Abstimmungen zu den von ihr bezahlten Leistungen. Vor diesem Hintergrund kann die weitgehende Dokumentationspflicht einen Beitrag zur Minimierung von Auseinandersetzungen leisten und ist durchaus auch als Chance für die Gebäudeplanerinnen bzw. Gebäudeplaner zu sehen.   Eike Jürgen Wendorff ist Architekt und ­öffentlich bestellter und vereidigter Sach­verständiger für Honorare in Mülheim (Ruhr). Streit und Schlichtung: Neue Informationspflichten Ab dem 1. Februar 2017 haben selbständige Architekten unter bestimmten Voraussetzungen neue Informationspflichten gegenüber Bauherren, die als Verbraucher gelten. Hintergrund ist das Verbraucherstreitbeilegungsgesetz (VSBG), das die außergerichtliche Streitbeilegung durch anerkannte private Verbraucherschlichtungsstellen oder eingerichtete behördliche Verbraucherschlichtungsstellen fördern soll. Folgende Pflichten können selbständige ­Architekten treffen: • Wer am 31.12. des vorangegangenen Jahres mehr als zehn Personen beschäftigt hat, muss auf seiner Webseite und/oder zusammen mit seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) angeben, ob und inwieweit er dazu bereit ist, an Streitbeilegungsverfahren vor einer Verbraucherschlichtungsstelle teilzunehmen (§ 36 Abs. 1 Nr. 1 VSBG). • Wer sich bereits grundsätzlich zur Teilnahme an einem Streitbeilegungsverfahren vor einer Verbraucherschlichtungsstelle verpflichtet hat, muss Verbraucher auf seiner Webseite und/oder zusammen mit seiner AGB auf die zuständige Verbraucherschlichtungsstelle hinweisen (§ 36 Abs. 1 Nr. 2 VSBG). • Wer eine konkrete Streitigkeit mit einem Verbraucher nicht beilegen konnte, muss diesen in Textform auf eine für ihn zuständige Verbraucherschlichtungsstelle hinweisen (§ 37 VSBG). Als Verbraucherschlichtungsstelle im Sinne des VSBG kommen in manchen Bundesländern auch die Schlichtungsausschüsse der Architektenkammern in Betracht – fragen Sie Ihre Kammer. Ist dies der Fall, können Architekten ohne weiteres hierauf verweisen. In allen anderen Bundesländern sollten Architekten ihre Schlichtungsbereitschaft ausdrücklich nur auf ein Verfahren vor dem Schlichtungsausschuss der Kammer beziehen, nicht hingegen auf die „Verbraucherschlichtungsstelle“ im Sinne des VSBG. Denn bei ihr würde es sich dann um eine so genannte „Auffangschlichtungsstelle“ ohne entsprechende fachliche Kompetenz handeln. Unabhängig davon sollten Architekten eine etwaige Schlichtungsbereitschaft immer unter den Vorbehalt stellen, dass ihre Berufshaftpflichtversicherung dem nicht widerspricht, und sich wegen weiterer Einzelheiten mit ihrer Kammer in Verbindung setzen. Volker Schnepel Mehr Informationen und Artikel zum Thema Recht finden Sie hier.

„Phase 0“: Chance & Risiko

Als Wunderwaffe in Bezug auf Probleme mit Kosten und Terminen bei Bauvorhaben wird neben „BIM“ gerne die „Phase 0“ propagiert. Selbst wer gar nicht die einzelnen Leistungsphasen der HOAI und ihre Bedeutung kennt, spricht davon. Diese etwas unscharfe Wortschöpfung lebt davon, dass die Leistungsphase 0 in der HOAI gerade nicht definiert, sondern stillschweigend vorausgesetzt wird. So können denn auch alle das darunter verstehen, was sie sich wünschen: Öffentliche Bauherren brauchen eine gute, professionelle Beratung bereits im Vorfeld eines Projektes, um Probleme und Aufgabenstellungen so zu formulieren, dass die angebotenen Lösungen brauchbar und angemessen sind. Wir als Planende wünschen uns eine durchdachte und klare Aufgabenstellung und träumen von Auftraggebern, die vor Projektbeginn wissen, was sie wollen, und danach ihre Vorstellungen möglichst nicht mehr ändern. Bürgerinnen und Bürger sowie Nutzergruppen wünschen sich vor Entscheidungen zu großen Architektur- und Stadtentwicklungsvorhaben, wie Kultur-, Verkehrs- oder Schulbauten, in einem gut gesteuerten und moderierten Prozess beteiligt zu werden. Private Bauherren schließlich subsumieren unter der „Phase 0“ gerne all das, was vor einem Projektstart notwendig sei und was im Vorfeld abrechenbarer Leistungen nach der HOAI im Zweifel als Akquisition gilt. Niemand wird die Notwendigkeit bezweifeln, vor einer Investition zu prüfen, ob, wo und in welchem Umfang sie wirtschaftlich und sinnvoll ist. Wie kann eine solche Selbstverständlichkeit überhaupt zum Thema werden? Wurde diese wichtige Stufe im Bauprozess tatsächlich manchmal unterbewertet, vielleicht auch im Sinne fehlender dafür zur Verfügung stehender Finanzmittel? Müssen Kommunen wie private Projektentwickler solche Ausgaben aus der „Portokasse“ begleichen und entsprechend niedrig halten? So unscharf der Begriff „Phase 0“ sein mag, die Verantwortung dafür liegt eindeutig beim Bauherrn. Sie ist sogar in den Nachhaltigkeitsbausteinen des Bewertungssystems Nachhaltiges Bauen des Bundes (BNB) enthalten. Und die frisch aktualisierte DIN 18205 beschreibt minutiös, was eine „Bedarfsplanung“ enthalten muss. Nur zu deren Honorierung sagt sie leider nichts aus. Viele Kolleginnen und Kollegen sind in diesem Aufgabenfeld seit vielen Jahren freischaffend oder als Angestellte und Beamte tätig und befassen sich auf hohem fachlichem Niveau mit der Durchführung von Nutzer- und Beteiligungsprozessen, mit Machbarkeitsstudien für private und öffentliche Investoren sowie mit der Abwicklung von Wettbewerbs- und Vergabeverfahren. Die Honorierung dafür wird auf dem Markt ermittelt. Wir müssen in jedem Fall darauf achten, die Machbarkeitsstudie in der „Phase 0“ nicht mit dem städtebaulichen Entwurf zu verwechseln. Ergebnisse und Empfehlungen von Machbarkeits- und Standortuntersuchung-¬ en, wie zum Beispiel die des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung für das Museum des 20. Jahrhunderts am Berliner Kulturforum, sollten dennoch in möglichst ergebnisoffenen städtebaulichen Wettbewerben vertieft zur Diskussion gestellt werden. Zu früh getroffene Entscheidungen und zu genaue Vorgaben schränken die Freiheit der Entwerfenden unnötig ein und können dadurch zu unbefriedigenden Ergebnissen führen. Die in einem Planungsprozess erforderlichen Leistungen sind auch mit einer „Phase 0“ nicht erschöpfend zu beschreiben. Denn Entwerfen ist und bleibt ein iterativer Prozess mit vielen Beteiligten, für dessen Gelingen Planende gemeinsam mit ihren Auftraggebern die Verantwortung übernehmen müssen und wollen. Christine Edmaier, Präsidentin der Architektenkammer ­Berlin. Mehr Informationen und Artikel zum Thema Transparenz finden Sie in unserem DABthema Transparenz.

Macht und Zauber

Eis gebrochen: Beim Sehen und Hören in der Elbphilharmonie schmilzt die hanseatische Kühle dahin. Ein Besuch in der Elbphilharmonie, in der auch ohne Musik ein Konzert der Räume und Perspektiven spielt. Text: Claas Gefroi Für Architekturkritiker ist auf der Suche nach eindrucksvollen Metaphern für die Elbphilharmonie kein Vergleich zu hoch oder zu gewagt. Der Rezensent einer großen deutschen Tageszeitung nannte Hamburgs neues Wahrzeichen eine „Kathedrale der Klänge“. Dabei war bei Erscheinen des Textes noch kein Ton im Konzert erklungen – und hat die Elbphilharmonie nichts Sakrales oder Erhabenes an sich. Sie ist alles andere als ein weihevoller Musentempel, denn sie macht keinen Hehl aus der in ihrem Pragmatismus typisch hamburgischen Mischung von Hochkultur mit drei Konzertsälen, einem „Klingenden Museum“ für Kinder und den eher amusischen Angeboten 5-Sterne-Hotel, Luxus-Eigentumswohnungen, Restaurants, Cafés und Parkhaus. U und E, Souvenirs und Symphonien liegen hier sehr dicht beieinander. Und dennoch ist jeder empfindsame Mensch ergriffen von diesem Bau. Er ist ein Kunstwerk aus Gegensätzen und Ambivalenzen: Enge und Weite, Offenheit und Geschlossenheit, Licht und Schatten treffen in einer Dramatik aufeinander, die Besucher in ihren Bann zieht. Das hintersinnige Spiel mit Raum, Licht und Materialien beginnt schon außen: Von Westen, aus Richtung Landungsbrücken, wirkt die Elbphilharmonie schlank und rank. Ihre Glasfassade reckt sich dort dramatisch auf bis zu 110 Meter Höhe. Man muss an expressionistische Bauten und Architekturvisionen der 1920er-Jahre denken. Auch Fritz Högers Chilehaus ist eine berechtigte Assoziation, obwohl der Elbphilharmonie dessen Spitze fehlt. Richtung Osten, zur Hafencity hin, verliert dieser gläserne Aufbau auf den alten backsteinernen Speicherwänden ganze 30 Meter Höhe, sodass er vom Kaiserkai aus eher wuchtig und lastend wirkt, die Horizontale betonend. Treppe gekrümmt (rechts): Der Rolltreppen-Buckel hat keinen funktionalen Grund, sondern soll die Überraschung am Ziel steigern. Dass die Glasfassade dennoch nicht streng oder langweilig erscheint, ist zum einen der auch hier wogenden Dachlandschaft geschuldet, die aus insgesamt acht ineinander geschnittenen Kugelteilflächen besteht und von 1.000 unterschiedlich gekrümmten stählernen Dachträgern gehalten wird. Zum anderen jedoch tragen die Glasfassadenelemente selbst zum lebhaften Erscheinungsbild bei: Keines gleicht exakt dem anderen. Einige werfen gleichsam Blasen, sind nach außen gebogen, um Platz zu schaffen für schmale seitliche Lüftungsöffnungen. Die Wohnungen erhielten zudem Balkone, deren gläserne Brüstungen wie schmelzendes Wachs herunterrinnen und tropfenförmige Öffnungen freigeben. Und jedes der insgesamt 1.089 einschaligen, jeweils fünf Zentimeter starken Fassadenelemente besitzt eine individuelle Bedruckung aus grauen Punkten für den Sonnenschutz und Chrompunkten für einen Spiegeleffekt an der Außenseite. Diese Glasfassade ist einzigartig. Dank ihrer besonderen Beschaffenheit wirkt das Gebäude je nach Standpunkt, Tageszeit und Wetterlage immer wieder unterschiedlich: Mal verschmilzt es mit dem Blau und Grau des Himmels, mal glitzern und spiegeln sich Stadt und Elbstrom darin, manchmal schimmert es, von der Abendsonne angestrahlt, golden. Und nachts schließlich verliert die Hülle ihren um- und abschließenden Charakter, wird transparent und lässt Blicke tief ins erleuchtete Innere zu. Es gibt sie nicht, die eine Elbphilharmonie, sondern derer viele; sie erscheint auch Hamburgern bereits vertraut und zugleich immer wieder neu. Die Plaza als sonderbarer Zwischenort Das Spiel mit Erwartungen und Kontrasten setzt sich auch im Inneren fort. Statt durch ein prächtiges Portal betritt der Besucher das Gebäude durch einen unscheinbaren, schmalen, mit Metallschotten gegen Sturmfluten gesicherten Schlitz, der früher einmal eine Laderampe für LKWs war. Ist er passiert, gleitet man auf einer endlos scheinenden, bogenförmig gekrümmten Rolltreppe durch eine Röhre. Der Zweck der Krümmung ist kein funktionaler. Vielmehr soll der Besucher am Beginn des Aufstiegs noch nicht den Endpunkt ausmachen können. So endet die Fahrt unversehens an einer Gebäudeöffnung, in der einst das Logo des Speicher-Betreibers HHLA prangte und die nun als Loggia erste Ausblicke Richtung Landungsbrücken und Altona erlaubt. Eine Drehung weiter und nach einem erneuten kurzen Anstieg erreicht man die „Plaza“ – das Dach des einstigen Kaispeichers A, das nun als öffentliche Besucherplattform und Verteilerebene dient. Wogende Landschaft: 8.359 eloxierte und pulverbeschichtete weiße Aluminium-Pailletten bilden das Dach. Es ist ein sonderbarer Zwischenort, ein eingeschossiger Spalt zwischen dem Backsteinkoloss unten und dem gewaltigen neuen Aufbau oben, und an den Seiten die Weite des Hamburger Fluss- und Stadtpanoramas. Dass der Außenraum auch tief im Inneren der Plaza sichtbar ist, ist auf die Glasvorhänge zurückzuführen, die das Innere der Ebene von dem umlaufenden offenen Galeriegang trennen und Besucher vor dem Wind schützen. Diese Glasschotten sind nicht einfach vertikale Scheiben, es sind wunderbar durch den Raum mäandrierende, schwingende Vorhänge, die trotz ihrer Massivität leicht und luftig wirken. Je nach Standpunkt des Betrachters und Krümmungsgrad der Glaselemente scheinen sie mal reflektierend, mal transparent, manchmal beides zugleich. Durch die Krümmungen wird das vor oder hinter dem Glas Liegende zudem immer wieder bizarr verzerrt – ein Spiel mit der Wahrnehmung wie in einem Glasirrgarten oder Spiegelkabinett. Angesichts all des Glases stellt man sich unwillkürlich die Frage, wo nur in aller Welt der über einem ruhende, gewaltige Neubaukörper aufgelagert wird. Nun, die ihn tragenden Stützen und Wände liegen tief im Inneren. Ziel der Architekten war es, dass am Gebäuderand keine Stützen sichtbar sind, um den Eindruck einer durchlaufenden Fuge zwischen Alt und Neu nicht zu stören. Dafür wurde großer Aufwand betrieben: Die Vertikalkräfte der Fassade wurden über geneigte Stützen, die durch die drei unteren Neubau-Geschosse laufen, auf eine hintere Stützenreihe abgeleitet. Die vor diesen Stützen liegenden Bereiche dieser drei Ebenen wiederum wurden an den darüber liegenden Ebenen aufgehängt. Es ist dies nur eines von vielen Details dieses im Verborgenen wirkenden, außerordentlich komplexen und aufwändigen Tragwerks. Wer eine Ahnung erhalten möchte, wie kompliziert die Konstruktion tatsächlich ist, dem sei der Besuch der Website des Architekturfotografen Oliver Heissner empfohlen, der während des gesamten Bauprozesses kontinuierlich Fotos anfertigen durfte (oliverheissner.net). Spiel mit der Wahrnehmung: Die gewölbten Fenster der Fassade ¬lenken, fokussieren oder verzerren den Blick – die Überraschung endet nie. Mit jedem Schritt verändert sich der Eindruck Über spiralförmige, verwinkelte, schluchtenartige Treppenräume, die das in der Fassade aufscheinende Bild einer Kristallstruktur im Inneren fortführen, gelangt man in die Foyers und Wandelgänge des Konzerthauses. Es sind die wohl berückendsten Räume des Gebäudes. Mit jedem Schritt verändert sich der Eindruck. Stützen, Lufträume und Brüstungen arrangieren sich immer wieder neu, Enges trifft auf Weites, Geknicktes auf Gerades, Offenes auf Geschlossenes. Der eiförmige Große Saal ist mit seiner Unterseite, die hier die Decke bildet, bereits als raumgreifende Skulptur omnipräsent. Und als wäre dies alles noch nicht genug, tritt dank der raumhohen Verglasungen auch das Wetter als Akteur hinzu. Fantastisch sind die Momente, wenn die Wolkendecke aufreißt und urplötzlich die Sonne die vorher diffus beleuchteten Fluchten mit ihrem Licht ausfüllt und Schatten wirft – die mannigfaltig gefalteten Wände und Decken erhalten schlagartig Plastizität und Präsenz. Dramatischer kann sich Raum nicht verändern; hier werden die Macht und der Zauber spürbar, die Architektur entfalten kann. Die Glasfronten selbst spielen auf ganz eigene Weise mit den Erwartungen der Besucher. Die gleichförmigen Glasfassaden der meisten Hochhäuser erscheinen tagsüber von außen zumeist wie monotone, leblose dunkle Flächen. Das Versprechen der Transparenz von Glasfassaden wird ja tagsüber immer nur in eine Richtung eingelöst – von innen nach außen. Erst abends, wenn im Inneren die Lichter angehen, können Passanten tatsächlich für kurze Zeit Einblick erhalten. Und im Inneren besticht die vollkommene Transparenz nur im ersten Moment; schon recht bald verliert der ständig verfügbare Panoramablick seinen Reiz. Nicht so bei der Elbphilharmonie. Dank der Sonnenschutzbedruckung der Gläser bleibt die Aussicht immer nur ausschnitthaft, eben dort, wo kein Punkteraster die Sicht behindert. Durch diese Rahmen wird der Blick fokussiert – man schaut genauer, konzentrierter, nimmt Details wahr, über die der Blick sonst hinweggeglitten wäre. Und man wird neugierig, wandert von einem Klarglasflecken zum nächsten, entdeckt immer wieder Neues. Von außen wirkt das Glas ungemein lebhaft. Die Scheiben wölben sich, sie besitzen helle und dunkle Bereiche, sie reflektieren die Umgebung. Der gläserne Aufsatz auf den alten Backsteinmauern ist – anders als so viele gläserne Hochhausbauten – kein sich von der Stadt abwendender, verschlossener Solitär, sondern Teil seines Umfelds, ein Stadtbaustein. Treppen-Erlebnis: Bei jedem Schritt auf dem Weg in die Foyers wechselt der Eindruck. Enges trifft auf Weites, Geknicktes auf Gerades. Von den Foyers schließlich geht es ins Innerste des Gebäudes – den Großen Saal. Man ist überrascht, wie überschaubar er trotz seiner Ausmaße wirkt. Die rundliche Form erzeugt eine Fokussierung auf die Mitte mit dem Orchesterpodest. Die steilen Ränge bieten, wie schon oft beschrieben, tatsächlich auf jedem Platz nicht nur das Gefühl, sondern die Möglichkeit, ganz nah am Geschehen zu sein: Kein Sitz ist weiter als 30 Meter vom Dirigenten entfernt. Weil die Ränge unterschiedlich gestaffelt wurden, bilden sie kleine, räumlich voneinander abgetrennte Bereiche – so entsteht, in einem Saal für 2.150 Zuhörer, so etwas wie Intimität. Hier ist, anders als in herkömmlichen Sälen mit lediglich einer Unterteilung zwischen Parkett und Rang und schier endlosen Sitzreihen, niemand Teil einer Masse. Die sogenannte „weiße Haut“, eine Verkleidung der Wände und Brüstungen aus 10.000 weißen, massiven, immer unterschiedlich gefrästen Gipsfaserplatten, nimmt das Thema von Individualität und Einzigartigkeit auf. Zwar ­dienen die computergesteuert ins Material gebrachten unterschiedlichen muschelförmigen Vertiefungen der Verkleidungen (zusammen mit dem großen trichterförmigen Deckenreflektor) einer gezielten Streuung des Schalls und somit einer optimalen Saalakustik. Doch prägen die feinporigen Oberflächen auch den Raum, geben ihm Unverwechselbarkeit und Lebendigkeit. Im Kleinen Saal, einer klassischen Schuhschachtel, regulieren Wandverkleidungen aus gewellten Eichenholzpaneelen den Schall, auch sie individuell geschnitten, auch hier jede ein Unikat. Geschichte und Gegenwart kommen zusammen Der Redaktionsschluss für dieses Heft lag wenige Tage vor dem Eröffnungskonzert. Noch weiß niemand, ob die Elbphilharmonie tatsächlich jenes Konzerthaus von Weltrang wird, zu dem sie bereits stilisiert wurde. Dies ist eine für Musikliebhaber nicht ganz unbedeutende Frage. Doch für weit mehr Menschen, schlicht für jeden, der dieses Gebäude anschaut, passiert oder vielleicht nur für eine Tasse Kaffee besucht, ist weit wichtiger, was die Elbphilharmonie schon jetzt ist: ein Fixpunkt, ein Ort der Identifikation und der Selbstvergewisserung in einer Stadt, die es in ihrer bürgerlichen Tradition nie für nötig hielt, sich ein Wahrzeichen zu bauen. In der Elbphilharmonie kommen Geschichte und Gegenwart zusammen. Undurchsichtiges und Transparentes, ein steinerner alter Speicher und ein neuer, gläserner Aufbau vereinen sich zu einem Ganzen. Die Elbphilharmonie ist immer beides: irden und luftig, schwer und leicht, statisch und dynamisch, aber die Gegensätze entzweien das Gebäude nicht, sondern geben ihm einen unverwechselbaren Charakter. Es ist mit ihr gelungen, Rodins Satz auf die Architektur zu übertragen: „Skulptur ist die Kunst der Buckel und Höhlungen, die Kunst, die Formen im Spiel von Licht und Schatten darzustellen.“ Claas Gefroi ist freier Autor sowie Presse- und Öffentlichkeitsreferent der Hamburgischen ­Architektenkammer. Mehr Informationen und Artikel zum Thema Transparenz finden Sie in unserem DABthema Transparenz.

Vergabe umgangen – kein Honorar!

Foto: Fotolia Wer das Vergaberecht bewusst umgeht, hat keinen Honoraranspruch für bereits erbrachte Leistungen. Text: Lia Möckel Für die Vergabe von Architektenleistungen oberhalb der Schwellenwerte gelten im Grundsatz die allgemeinen Regelungen des Vierten Teils des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) und der unter anderem hierauf beruhenden Vergabeverordnungen (VgV). Öffentliche Auftraggeber sind bei Vergaben von Aufträgen, die den Schwellenwert von derzeit 209.000 Euro überschreiten, an den Verfahrensweg des GWB und der VgV gebunden. Umgeht ein öffentlicher Auftraggeber die Normierungen des Vergaberechts unter sogenannter kollusiver Mitwirkung seines Vertragspartners, also unerlaubt zum Nachteil eines möglichen Bewerbers oder Bieters, kann der Vertrag wegen Sittenwidrigkeit nichtig sein. Über einen solchen Fall hat das Oberlandesgericht (OLG) Saarbrücken am 17.8.2016 entschieden (Az.: 1 U 159/14). Eine Stiftung beabsichtigte den Neubau eines Museums sowie dessen Anschluss an die vorhandene Moderne Galerie Saarbrücken. Da die Stiftung ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke verfolgt und überwiegend vom Bundesland finanziert wird, gilt sie nach dem GWB als öffentlicher Auftraggeber und ist verpflichtet, Architektenleistungen EU-weit auszuschreiben, wenn der maßgebliche Schwellenwert überschritten wird. Im Vorfeld der Vergabe wurde die Stiftung von einem Rechtsanwalt beraten, der mehrfach darauf hinwies, dass wegen der Überschreitung der Schwellenwerte eine EU-weite Ausschreibung der Architektenleistungen zwingend sei. Bei den wesentlichen Besprechungen mit ihm war der Geschäftsführer eines zu jener Zeit beratend tätigen Architekturbüros ebenfalls anwesend und verfügte somit nach Auffassung des Gerichts über den gleichen Kenntnisstand wie der Auftraggeber. Dieses Büro wurde anschließend mit diversen Architektenleistungen beauftragt – ohne die erforderliche Ausschreibung. Später kündigte die Stiftung die Architektenverträge aus anderen Gründen. Danach begehrte das Architekturbüro Vergütung für bereits erbrachte Leistungen und infolge der vorzeitigen Vertragsbeendigung entgangenen Gewinn. Die Stiftung machte ihrerseits die Rückzahlung bereits geleisteter Abschlagszahlungen geltend. Das Gericht stellte allerdings fest, dass die so geschlossenen Architektenverträge wegen Sittenwidrigkeit nichtig seien. Der Vorstand der Stiftung und der Geschäftsführer des Architekturbüros hätten nämlich bei Abschluss dieser Verträge unter Außerachtlassung der vergaberechtlichen Vorschriften kollusiv zusammengewirkt. Ein Rechtsgeschäft ist, so das OLG Saarbrücken, wegen Sittenwidrigkeit nichtig, wenn es nach seinem Inhalt, Beweggrund und Zweck mit den guten Sitten nicht zu vereinbaren ist. Hierbei sei weder das Bewusstsein der Sittenwidrigkeit noch eine Schädigungsabsicht erforderlich. Es genüge vielmehr, wenn der Handelnde die Tatsachen kennt, aus denen die Sittenwidrigkeit folgt. Dem stehe es gleich, wenn sich jemand bewusst oder grob fahrlässig der Kenntnis erheblicher Tatsachen verschließt. Nach diesen Grundsätzen ist ein Vertrag nichtig, der unter Außerachtlassung von Vergabevorschriften zum Nachteil potenzieller anderer Bieter geschlossen wurde, wenn der öffentliche Auftraggeber in bewusster Missachtung des Vergaberechts handelt und der Vertragspartner hiervon Kenntnis hat. Das hat das OLG Düsseldorf bereits in einem Beschluss vom 3.12.2003 festgestellt (Verg 37/03). Das OLG Saarbrücken räumt zwar in seinem aktuellen Urteil ein, dass der Auftragnehmer grundsätzlich nicht verpflichtet sei, zu prüfen, ob der Auftraggeber sich an die Vorgaben des Vergaberechts hält. Anders liege der Fall aber dann, wenn der Auftragnehmer weiß, dass der Auftrag ausgeschrieben werden müsste, er sich hierüber aber im Zusammenwirken mit dem öffentlichen Auftraggeber bewusst hinwegsetzt. Rechtsfolge eines nichtigen Vertrages wegen Sittenwidrigkeit ist die Unwirksamkeit des Vertrages. Fraglich ist jedoch, wie mit wechselseitigen Ansprüchen umzugehen ist, die sich aus einem unwirksamen Vertrag ergeben. Grundsätzlich ist hierfür im Bereicherungsrecht eine Anspruchsgrundlage vorgesehen, die die Rückforderung von solchen Leistungen regelt – also zum Beispiel die Rückzahlung einer Abschlagszahlung an den Auftraggeber. Diese soll ausgeschlossen sein, wenn dem Auftraggeber selbst ein Verstoß gegen die guten Sitten zur Last fällt. Das OLG Saarbrücken sah dies so. Seine Begründung fußt darauf, dass Vergabevorschriften dem Schutz eines fairen Wettbewerbs, der Korruptionsprävention sowie dem freien Marktzugang dienen. Schreibt ein öffentlicher Bauherr einen Auftrag oberhalb des Schwellenwerts, trotz Kenntnis der Verpflichtung, nicht aus, verhindere er den Wettbewerb und darüber hinaus den Rechtsschutz möglicher anderer Bieter. Diese können dann mangels Kenntnis der Auftragsvergabe keinen Nachprüfungsantrag stellen. Deshalb ist es nach dem Urteil aus generalpräventiven Gründen gerechtfertigt, die Rückforderung in diesem Fall auszuschließen. Das Gericht gelangte daher zu dem Ergebnis, dass weder der Auftraggeber bereits gezahlte Abschlagszahlungen zurückverlangen kann noch der Auftragnehmer noch nicht honorierte, aber bereits erbrachte Leistungen sowie entgangenen Gewinn vergütet bekommt. Diese Entscheidung zeigt einmal mehr, dass sich ein Vertrag, der unter Verstoß gegen das Vergaberecht zustande kommt, für beide Seiten nicht lohnt. Wer ihn trotzdem abschließt, ist im Rahmen eines (vermeintlichen) Architektenvertrages vorleistungsverpflichtet. In der Praxis sollte daher dringend davon abgesehen werden, mit einem öffentlichen Auftraggeber einen Vertrag ohne Durchführung eines Vergabeverfahrens zu schließen, wenn das Honorar den derzeitigen Schwellenwert von 209.000 Euro überschreitet. Lia Möckel ist Rechtsanwältin (Syndikusrechtsanwältin) bei der Bayerischen ­Architektenkammer. Mehr Informationen und Artikel zum Thema Recht finden Sie hier.

Kultur, Details, Altstädte und mehr

Eine Auswahl aus der Flut aktueller Bücher rund um Architektur und Stadtplanung. Texte: Roland Stimpel, Heiko Haberle, Walter Volkmann Zwischen Habenwollen und Haben Eine geballte Sammlung Erfahrungsberichte zum Bau von Museen, Konzerthäusern oder Bibliotheken vereint dieses Buch. So beschreiben renommierte Museumsplaner, wie Matthias Sauerbruch, HG Merz und Alexander Schwarz aus dem Büro Chipperfield, was eine Planung leisten muss, damit ein Kulturbau funktioniert. Andere Beiträge geben strategische Ratschläge für Projektentwicklung und Kommunikation oder gehen auf Baulogistik und Fachplanung ein. Nicht zuletzt werden Betriebsformen und Trägermodelle, etwa am Beispiel der Essener Kulturlandschaft, vorgestellt. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt auch die Elbphilharmonie: Durchaus kritisch benennt Reiner Nagel, bis 2005 in der Geschäftsleitung der Hafencity Hamburg GmbH tätig, den damaligen emotionalen Impuls des „Habenwollens“ auf Basis eines Renderings. Nun müsse man beweisen, dass ein Konzertsaal in einem Hochhaus funktioniert. Die im Oktober 2016 verstorbene Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler beschreibt die komplizierten Projektstrukturen der Elbphilharmonie und wie es dazu kommen konnte, dass die Stadt nun Hotelbesitzerin ist. Nicht verleugnen kann die Publikation ihren Fokus auf den Neubau und auf die „Hochkultur“. Zumindest im Beitrag der ehemaligen Wolfsburger Stadtbaurätin Monika Thomas zum Wettbewerb um das dortige Bildungshaus geht es auch mal um kreative Formen der Bürgerbeteiligung und kulturelle Bildung an der Basis. Oliver Scheytt, Simone Raskob, Gabriele Willems (Hrsg.): Die Kulturimmobilie. ­Planen – Bauen – Betreiben. Beispiele und Erfolgskonzepte. Transcript Verlag, Bielefeld 2016, 384 Seiten, 29,99 Euro Zoom aufs Detail Um Missverständnissen vorzubeugen: Was hier „Handbuch und Planungshilfe“ für architektonische Details genannt wird, ist kein distanzierter oder theoretischer Ratgeber, sondern ein monografisches Werk, das von der Handschrift des Autors Tobias Nöfer geprägt ist. Das ist keinesfalls verkehrt und schon gar nicht weniger lehrreich – die Bauten des Berliner Architekten, die mal Bezüge zum Klassizismus, mal zu den 1920er-Jahren aufweisen, sind jedoch bekanntermaßen Geschmackssache. In 40 Kapiteln werden Bauteile aus Nöfers Projekten, darunter viele neuere Wohnungsbauten, präsentiert, wobei das Spektrum vom Balkon über Fensterbänke bis zum Klingeltableau reicht. Die vielen Fotos veranschaulichen dabei aber weniger den konstruktiven Aufbau als die Endergebnisse in Nahaufnahme. Das ist als Inspirationsquelle allemal sehenswert, zumal für diese Perspektiven in der Architekturdokumentation sonst kaum Platz ist. Überaus gelungen sind die aufwändigen isometrischen Detailschnitte. Einige sind ausfaltbar und zeigen über mehrere Geschosse hinweg vom Vorder- bis zum Hinterhaus Aufbauten von Wänden, Decken und Fassaden. Kurzum: Wer eine ähnliche Entwurfshandschrift wie der Autor hat, wer mit den von ihm favorisierten Materialien arbeitet und auch sehr spezielle Aufgaben kennt (etwa ein rundes Erkerzimmer umlaufend mit einer Bank inklusive integrierter Heizung auszustatten) – oder wer einfach nur Nöfer-Fan ist, wird dieses Buch lieben. Andere dürften die Hunderte Zooms auf Retro-Kamine, Handläufe und Türgriffe wohl eher ermüden. Tobias Nöfer: Architektonische Details. Handbuch und Planungshilfe. DOM publi-shers, Berlin 2016, 380 Seiten, 98 Euro Altstädte – immer wieder neu Im Einleitungsartikel dieses Kongressbandes gibt Gerhard Vinken einen Querschnitt seines vorigen, sehr anregenden Buches „Zone Heimat“ wieder, etwa seine Thesen zur Entkoppelung von „Altstadt und Alt-Sein“. Die anderen, überwiegend historischen Beiträge unterscheiden sich stark in puncto Perspektive, Ansatz und Gegenwartsbezug. Hervorgehoben sei hier Paul Zalewskis Text über Hannovers Altstadt-Sanierung in der Nazizeit, in der sich der Reinigungsdrang der Moderne mit deren hässlichster rassistischer Seite verband. Robert Kaltenbrunner beleuchtet Aspekte von Baukultur und öffentlichem Raum über Altstädte hinaus; Uwe Altrock analysiert heutige und sich abzeichnende Potenziale und Strategien der Altstadt-Erneuerung. Eine schöne Würdigung von Bürger-Engagement ist der abschließende Beitrag von Achim Schröder über bayerische Altstadt-Vereine. Carmen M. Enss, Gerhard Vinken (Hrsg.): Produkt Altstadt. Historische Stadtzentren in Städtebau und Denkmalpflege. Transcript Verlag, Bielefeld 2016, 280 Seiten, 29,99 Euro Projekte transparent machen Die Publikation ist wichtig für Immobilienprojekte planende und abwickelnde Architekten und Ingenieure – und hier besonders für Generalplaner, für Projektenwickler, für Projektsteuerer und projektleitende Auftraggeber. Hans Lechner war 2011/12 führend mit der Überarbeitung der HOAI befasst, ist also mit den Leistungsbildern der Architekten und Ingenieure bis ins kleinste Detail vertraut und kennt sich nicht zuletzt von seiner Herkunft als Architekt mit der komplexen Tätigkeit des Objektplaners aus. Ebenso vertraut sind ihm aber auch die Projektsteuerung sowie die davon zu unterscheidende Projektleitung. Die Publikation ist eng mit dem Leistungsbild des Arbeitskreises Honorarordnung (AHO Band 9) verknüpft, ist aber sehr viel tiefer strukturiert und kommentiert. Nach einer allgemeinen (aber deshalb nicht unwichtigen) Einleitung wird erstmals eine Struktur zur Bildung von Projektklassen vorgestellt, denn nicht alle Projekte sind hochkomplex – einfache kommen sogar ohne Projektsteuerung aus – doch nicht selten ist der Auftraggeber mit der Leitung überfordert. Lechner schlägt vor, Projekte mithilfe eines Analysebogens in fünf Klassen einzuteilen, und liefert für jede Klasse detaillierte Leistungsansätze in übersichtlicher Checklistenform. Und das ist nur einer der besonderen Vorzüge dieser Publikation. Wird ein Projektsteuerer nicht beauftragt und ist auch der Auftraggeber als Projektleiter nicht kompetent, kann der Objektplaner – durch die Verknüpfung der Leistungsbilder – jederzeit verfolgen, welche Leistungen für eine erfolgreiche Projektabwicklung fehlen. Die kann er dann entweder selbst als Besondere Leistung übernehmen oder zumindest den Auftraggeber darauf aufmerksam machen und warnen. In unserer komplexen Welt mit ihrer arbeitsteiligen Planung und Produktion, vom ersten Entwurf bis zur Übergabe des fertigen Immobilienprojektes, ist die Steuerung der Prozesse von entscheidender Bedeutung. Projekte müssen deshalb für alle durchschaubar, ja gläsern angelegt sein – das Buch ist eine gute Anleitung dafür. Vorgeschlagene Organisations-Handbücher verschiedener Art sind auch hier sehr strukturiert, detailliert und in Checklistenform verfasst, die das Lesen ganz wesentlich erleichtern. In einem Strukturkatalog des Arbeitskreises Honorarordnung werden 104 Einzelleistungen gezählt; in Lechners Publikation wird jede Einzelleistung noch einmal fragmentiert. Durchblick können Interessierte nur durch Lesen und immer wieder Durchdenken gewinnen. Hans Lechner: Projektleitung, Projektsteuerung, Projektentwicklung. Konkretisierung + Präzisierung der ­Leistungsbilder auf Basis AHO, Bd. Nr. 9, Verlag der TU Graz 2016, 339 Seiten, 90 Euro Ureinwohner im Olympischen Dorf Die beiden Bände wollen keine Betrachtung von außen und keine übliche Kritik sein, sondern eine Liebeserklärung des im Münchener Olympiapark wohnenden Autors und Architekten. Wir zitieren aus dem Flyer zum zweiten Band: „Wie die fünf Ringe der Olympiade verschlingen sich die poetischen Spaziergänge der beiden Ureinwohner … Es wird gegangen, gerast, geschlendert, gereimt, gelegentlich gesungen, es werden muntere bis aberwitzige Dia- und Monologe geführt, es wird gelobt, getadelt. Olympische Höhen werden erklommen, auf Wällen und Dämmen wird die Frage nach dem Olympic Spirit gestellt. Besorgt werden die Veränderungen und Abbrüche von Bauten und die neuen Entwürfe betrachtet.“ Das alles ist ausgestattet mit mehreren Hundert Fotos, von denen viele unverwechselbaren, andere alltäglichen Details des Quartiers gewidmet sind. Frank Becker-Nickels: ODE ans OD. Im Olympiapark München. Band 1 (2015): Das Dorf – Spaziergänge eines Ureinwohners. 262 Seiten; Band 2 (2016): Des Parkes und des Zeltes Wellen. 288 Seiten. Beide Bände: Shaker Media ­München, je 19,90 Euro

Durchblick in der Stadt

Noch kahl: Der Eichplatz zwischen Jentower (links) und Altstadt. Für seine Bebauung winkt nach einem transparenten Verfahren nun ein Konsens. Ein Bürgervotum verhinderte vor drei Jahren die Neubebauung des Eichplatzes in Jena. Seither rauft man sich dort zusammen – offener und öffentlicher, kompetenter und mit überraschendem Ergebnis. Text: Christoph Gunßer Transparenzfrei, wie die DDR war, verfügte in den 1960er-Jahren irgendein Gremium den Abriss der Altstadtreste am Jenaer Eichplatz, um den in jeder Stadt obligatorischen Aufmarschplatz zu schaffen. Als städtebauliche Dominante schuf Hermann Henselmann 1972 an der Westseite ein zylindrisches Hochhaus von 145 Metern Höhe und 33 Metern Durchmesser, von den Einheimischen bald „Keksrolle“ oder „Penis jenensis“ genannt. Offiziell heißt es heute Jentower. Zur Wendezeit wurden auf dem Platz Bürgerforen mit bis zu 40.000 Teilnehmern abgehalten. Er dient seither als Park- und gelegentlicher Festplatz. 1993 gab es einen städtebaulichen Wettbewerb, den das damalige Büro Trojan, Trojan + Neu aus Darmstadt gewannen. Die Planer sahen eine moderne Mischbebauung mit einheitlicher Traufhöhe entlang der historischen Baulinien vor. Der städtebauliche Rahmenplan wurde mehrfach überarbeitet. Doch fand sich lange kein Investor. Erst 2011 bewarben sich neun Teams auf die Ausschreibung, die 2014 zu einem Debakel führte. Ein „Hauch von Stuttgart 21“ Der erwählte Entwurf, den eine lokale Baugenossenschaft mit einem regionalen Developer entwickelt hatte, galt Vielen als „Einheitsbrei“. Durch Jena wehte ein „Hauch von Stuttgart 21“, wie die Thüringische Landeszeitung (TLZ) im Januar 2014 schrieb: Der intransparente Verkauf und die geplante Bebauung erregten linke wie konservative „Wutbürger“. Es gab Unterschriftensammlungen, Demos und Beschimpfungen von beiden Seiten. Kurz vor der Kommunalwahl wollte die rot-schwarz-grüne Koalition im Stadtrat keine Basta-Politik betreiben und setzte eine „Bürgervollbefragung“ an. Die ging im März 2014 nicht in ihrem Sinne aus: 62 Prozent der Bürger votierten gegen die Pläne. Der Verkauf wurde gestoppt. Die Stadt stand vor einem Scherbenhaufen. Mit „Eiszeit“ und „Schockstarre“ beschreibt Fritjof Mothes die Situation nach dem Votum. Den professionellen Moderator vom StadtLabor Leipzig holte der Jenaer Stadtrat im April 2015 ins Boot, um wieder Bewegung in die Sache zu bringen. Über ein Jahr lang arbeitete er intensiv mit allen Beteiligten. Er führte zunächst über fünfzig Einzelgespräche, um herauszufinden: „Was braucht das Zentrum?“ Im kleinen Kreis ging es dann darum, „die Leute wieder sprechfähig zu machen“ – eine Strategie, die Mothes in der Tradition der „runden Tische“ der Wendezeit sieht. Alles muss auf den Tisch: Bürger und Experten diskutieren City-Entwürfe. Per Werkstatt zum Ziel Im vorigen Jahr wurde es in drei ganztägigen Planungswerkstätten mit zufällig ausgewählten Bürgern konkreter. Auch eine Jugendwerkstatt gab es zum Thema. Man einigte sich auf zehn Gebote für die Neubebauung, die zwar recht allgemein gehalten waren, aber für einen konstruktiven Konsens standen. Bemerkenswert: Neben Themen wie Generationen- und soziale Gerechtigkeit fand sich in der „Eichplatz-Bibel“ (TLZ) auch der Wunsch nach „überregionaler Ausstrahlung“ der Bebauung. Webseiten der Stadt und der Bürger-AG „Mein Eichplatz“ machten den Prozess auch für Außenstehende transparent. Öffentliche Fachvorträge beleuchteten ähnliche Planungen andernorts. Die regionalen Medien berichteten ausführlich. Moderator Mothes erlebte die Jenenser als kompetent und offen. Immerhin hat die Stadt Deutschlands höchste Akademiker-Dichte nach Erlangen. Da habe dann schon manch einer mit dem Zollstock am Modell nachgemessen, was denn da vorgeschlagen wurde. Im letzten Sommer beauftragte der Stadtrat das Planungsbüro AS+P aus Frankfurt, die Ergebnisse aus den Planungswerkstätten in praktikable räumliche Konzepte zu übersetzen. Auf mehreren öffentlichen Veranstaltungen wurden bald 27 Varianten diskutiert, von denen im November noch eine übrig war, aus der ein Rahmenplan-Entwurf entstand. Dieser sollte Mitte Januar vom Stadtrat verabschiedet werden. Nach Auskunft des Planungsamts-Chefs und Stadtarchitekten Matthias Lerm soll nun zügig nach Investoren für die Bebauung gesucht werden. Er äußerte sich skeptisch zu der für die Architektenschaft interessanten Frage, ob noch offene Wettbewerbe vorgeschaltet werden. Varianten: Hochhaus-Ideen fielen auf fruchtbaren Boden. Hinten stehen schon einige, und Jena will nun seine Skyline komplettieren. Höhepunkt statt Blockstruktur Zum Erstaunen der beteiligten Experten hat sich die vorgesehene Eichplatz-Planung durch die Bürgerbeteiligung deutlich ­verändert. War im abgelehnten Bebauungskonzept noch eine recht brave Block­struktur vorgesehen, die im Sinne der „europäischen Stadt“ die Reparatur des Vorhandenen anstrebte, so wählten die engagierten Bürger am Ende aus den vorgeschlagenen Varianten einstimmig die kühnste, dichteste Bebauung aus: Um zur Altstadt hin Freiflächen zu gewinnen, türmen sich im Westen vor dem Jentower, wo die Abstandsregeln dies zulassen, die Baumassen zu drei kleinen Hochhäusern auf. Der in der Tallage omnipräsente plumpe Tower würde auf diese Weise eingehegt und zu einer Art Downtown-Cluster umgestaltet. Stadtarchitekt Lerm, der früher schon festgestellt hatte, Jena sei eigentlich „fertig gebaut“, kann sich damit anfreunden. Er nimmt heute gern auf Tokio, New York und San Gimignano Bezug, wo es ja auch städtisch „gezähmte“ Hochhäuser gebe. Wieder Deals mit Investoren? Dass solche kleinen Hochhäuser indes kaum wirtschaftlich realisierbar sind, gesteht auch er ein. Vermutlich müssten die geplanten drei Hochhäuser deshalb einem Investor überlassen werden, meint er. Ob dann am Ende nicht doch ein großer Turm daraus wird? Die auch in Jena wenig qualitätvolle Investorenarchitektur der Nachwendezeit sollte den Verantwortlichen eigentlich eine Warnung sein, hier zu viele Kompromisse zu machen. Der alte Kurzschluss Hochhaus gleich Zukunft sollte selbst im Technik-affinen Jena nicht zu langlebigen Fehlern verleiten. Groß und klein: Die Eichplatz-Bebauung soll zwischen Altstadt und Jentower vermitteln. Ein kritischer Parameter wird deshalb die Körnung sein. Kein Baufeld werde über 2.000 Quadratmeter groß, heißt es gegenwärtig. Auch der Nutzungsmix spielt eine große Rolle: Allerdings wird entgegen früheren Planungen für ein Kulturhaus und eine Markthalle keine öffentliche Nutzung mehr eingefügt; dafür wurden teilweise andere Standorte gefunden. Gewerbliche und Wohnnutzungen sollen einziehen, wobei man auch offen ist für „alternative“ Investoren zusätzlich zu den privaten, was in Jena offenbar auf die etablierten Wohngenossenschaften hinauslaufen wird, die schon das Vorgängerkonzept prägten. Und Gewerbe ist ja nicht gleich Gewerbe: Laut einer aktuellen Studie gibt es in Jena kaum mehr Bedarf an großflächigem Einzelhandel. Kleine Läden mit straßenseitigem Zugang, die Leben ins Quartier bringen, ließen sich baurechtlich festschreiben. Moderator Mothes hält es denn auch für wünschenswert, „den Prozess der Investorenfindung zu begleiten“. Das Kapital ist aber bekanntlich ein scheues Reh. Im Übrigen wäre es auch kein Drama, würde der Eichplatz nicht in einem Zuge bebaut. Selbst die geplante Tiefgarage unter dem Platz lässt sich abschnittsweise errichten. Und der Erlös aus dem Verkauf der knapp 10.000 Quadratmeter Bauland wird nach Abzug der Kosten für alle nötigen Arbeiten auch nicht mehr erheblich sein. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg). Mehr Informationen und Artikel zum Thema Transparenz finden Sie in unserem DABthema Transparenz.

Schräge Passagen

Gesamtkunstwerk: Jenas Sonnenhof soll jeder durchqueren können. Jürgen Mayer H. hat auch die Rampe für den barrierefreien Zugang expressiv gestaltet. Der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. realisierte in Jena ein – wie von ihm gewohnt – eigenwilliges, aber gut eingebundenes und öffentlich durchquerbares Ensemble aus „Stadtsteinen“. Text: Christoph Gunßer Die Bauten von Jürgen Mayer H. sind eigentlich Gesamtkunstwerke. Dem 51-jährigen Architekten aus Berlin, der in Harvard lehrt, gern in exotischen Ländern wie Georgien baut und mit drögen deutschen Tektonik-Diskursen sichtlich nichts am Hut hat, geht es ums Umhüllen, um „envelopes“. Das können große Hotels, Bürohäuser oder auch Möbelobjekte sein – er „findet Maßstabsfragen nicht so wichtig“. Hauptsache, alle Bauteile gehen organisch ineinander über und wiederholen ein Thema, wenn es auch noch so kryptisch ist. Manche Betrachter fühlen sich durch seine stromlinienförmigen Blubberformen an psychedelische Happenings der Siebziger erinnert, deren krass grafische Environments nun dank avancierter Technik baubar geworden sind – nur traute sich bislang kein wohlerzogener Tektoniker. Die Medien lieben Mayer H. dafür, dass er sich traut. Wer baulich etwas Besonderes, Ausgefallenes sucht, stößt gewiss auf Objekte des florierenden Berliner Büros. So auch die Wohnbaugenossenschaft Carl Zeiss Jena, die gut 6.000 Wohnungen – ganz überwiegend in Plattenbauten – ihr Eigen nennt. Bei der Planung des neuen Unternehmenssitzes war man mit örtlichen Architekten nicht recht glücklich geworden und durch einen hymnischen Artikel im „Spiegel“ auf Mayer H. aufmerksam geworden. Der Vorstand reiste durch die halbe Republik und sah sich begeistert Mayers bisheriges Œuvre an. Der viel beschäftigte Entwerfer war willig, wenn man denn seine eigenwilligen Vorstellungen in Ostthüringen „durchkriegen“ würde. Allem Anschein nach hat der Stararchitekt hier aber gerade kein Allerweltsobjekt abgeliefert, sondern sich auf den Ort eingelassen. Denn der war tatsächlich besonders. Mut zum Muster Die Baugenossenschaft hatte am Marktplatz das sanierungsbedürftige „Haus zur Sonne“ erworben, das zweitälteste Haus der Stadt mit Ursprung im 13. Jahrhundert. Direkt dahinter, wo früher einmal der Biergarten des Lokals lag, gelang es ihr, ein paar Grundstücke zusammenzulegen, sodass eine Verbindung quer durch den Baublock zum Löbdergraben möglich wurde. Diese zwei Welten, den mittelalterlichen Markt und den gründerzeitlichen „Boulevard“ mit seinen Platanen, wollte man mit einer Neubebauung verbinden. Dafür hatte man die Stadtverwaltung gewonnen und Stadtumbau-Fördermittel aufgetrieben. Über ein halbes Jahr tüftelte der – im persönlichen Umgang sehr verbindliche und erstaunlich geduldige – Jürgen Mayer H. mit den Bauherren am Entwurf, vorwiegend am Modell, also entgegen dem Klischee vom „Parametriker“, der nur Computer füttert. Die Baugenossenschaft hatte ihre Büros damals noch im Jentower, dem Markt und Bauplatz fast zu Füßen liegen. Von dort erschloss sich dem Architekten die „facettierte Stadtstruktur“ (Mayer). Er bekam einen Blick für die „Körnung“, die subtile „Rhythmik“ des Löbdergrabens, wo „jedes Mal, wenn ein Gebäude höher wird, ein kleiner Platz angefügt ist“. Verwoben: Neue Wege und Blickverbindungen führen durch den Altstadt-Block, in den der Sonnenhof implantiert wurde. Die vier „Stadtsteine“, die ihm dabei als Bild für die Bebauung kamen, fügen sich geschmeidig in die Lücke ein: Zwei große, am Ende siebengeschossige Baukörper am Löbdergraben mit den Geschäftsräumen und Büros des Bauherrn nehmen den Maßstab der stattlichen Nachbargebäude auf und lassen auf der anderen Seite einen kleinen Vorplatz frei, von dem ein schmaler Durchschlupf in den Innenbereich des Blocks führt. Auch zwischen diesen zwei „Türmen“, die über eine Brücke verbunden sind, führt eine Passage in den Hof. Dort lehnen sich zwei Fünfgeschosser mit Läden und Wohnungen an die vorhandenen Brandwände. Auch sie überragen die hier niedrigere Bebauung kaum und lassen einen geräumigen Hofraum frei, den „Sonnenhof“. So weit, so einfühlsam. Woran sich bald die öffentliche Meinung stieß, war die Gestaltung der Fassaden. Hier mochte der Architekt nicht von seinem Konzept des „envelope“ lassen und generierte arg gewollt wirkende dunkle, von Schrägen durchschnittene Fensterfelder und klobige Balkonbrüstungen. Die einstige Arbeiterbaugenossenschaft sah sich mit dem Vorwurf des „Prestigeprojekts“ konfrontiert, blieb aber standhaft. Planungsamts-Chef und Stadtarchitekt Matthias Lerm ist des Lobes voll für den Bauherrn. Auch er selbst setzte sich nach Kräften für die Bebauung ein. Der städtische Gestaltungsbeirat redete dem Architekten jedoch das reine Weiß für die Fassaden aus. Auch die Fensterelemente seien „zu braun“; die 1970er-Jahre ließen grüßen. Schließlich einigte man sich auf ein Betongrau für die Fassaden sowie graphitfarbene Fensterrahmen. Die Tücken des Monolithen Dass die Fassaden die polygonale Grundriss-Struktur aufnehmen, Hof und Baukörper wie Positiv- und Negativform operieren, bleibt Laien sicher verborgen. Sinnfälliger wirkt da die ziemlich unruhige Freiraumgestaltung, bei der die Fensteröffnungen auf dem weißen (!) Fußboden im Hof dunkle „Schatten“ werfen, ganz im Sinne des Envelope-Konzeptes – leider sah der billige helle Kunststoffanstrich nur anfangs wie ein plastisches Op-Art-Environment aus und altert seither eher wenig ­fotogen. Haltung transparent gemacht: Starker Ausdruck ist angestrebt, Orientierung am klassizistischen Bestand (rechts in Orange) eher nicht. Gespart werden musste auch bei der Fassade, die bei „Stadtsteinen“ eigentlich monolithisch sein sollte. Da eine naheliegende Ausführung in Dämmbeton finanziell nicht machbar war, wurde der „ehrliche“ Ortbeton-Rohbau in ein Wärmedämmverbundsystem gepackt, was zumindest für die schrägen Dachflächen neuartig war. Tests mit einem für Flachdächer zugelassenen Dichtstoff verliefen positiv, sodass der Hersteller den sonst gelben Anstrich im Grau der Fassade lieferte. Am Übergang zur Vertikalen wurden zierliche Schienen angebracht, die Schneelawinen stoppen und das Regenwasser zu einer innenliegenden Entwässerung leiten sollen. Am Fuß der Fensterkonstruktion ergießt sich das Ganze in den Hof – man wird sehen, wie gut dieses System altert. So skulptural reizvoll die schrägen Dächer, Überhänge und Fensterfelder auch im Einzelnen sein mögen – in Gänze changiert der Eindruck zwischen Bunker, Waldorfschule und riesigen Ski-Brillen. Ein Erich Mendelsohn (den Mayer bewundert) oder Gottfried Böhm hätte das zu seiner Zeit formal wie handwerklich schlüssiger gelöst. Der Gerechtigkeit halber muss man anfügen, dass die Baukosten mit 2.700 Euro brutto pro Quadratmeter Bruttogeschossfläche (Kostengruppe 2–7) keineswegs üppig waren. Das Mobiliar in den schiefwinkligen Räumen musste indes auch noch maßgefertigt werden. Dass die Mietwohnungen nur einseitig belichtet werden und durch die dunklen Loggien noch dunkler werden – geschenkt. Im boomenden Jena gehen sie für zehn Euro pro Quadratmeter weg. In den Läden ergeben sich durch Winkel und Knicke zum Teil ganz reizvolle Situationen. Passagen und Hof bauen eine schöne räumliche Spannung von Eng nach Weit auf, sofern man die Überhänge dabei vor Staunen nicht anrempelt, was möglicherweise eher der „weichen“ Wand wehtut. Vandalismus hat es, wohl auch wegen der sozialen Kontrolle durch die hier Wohnenden, bislang nicht gegeben, stattdessen schon mehrere Kunstaktionen. Die Öffentlichkeit hat sich mit dem skurrilen Ensemble also längst angefreundet. Auf den Stadtführungen gehört der Sonnenhof zum Pflichtprogramm. Ob die unorthogonale Architektur hier Nachahmer findet, bleibt abzuwarten. Die aktuell geplante Eichplatz-Bebauung (siehe Nebenseite) weist jedenfalls schon auffällig schiefwinklige Baublöcke auf. Das Entree zum graubraunen Ensemble, das in Gelb strahlende „Haus zur Sonne“, wurde übrigens von Rittmannsperger Architekten aus Erfurt mustergültig saniert und umgebaut. Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg).

Wände aus Öl

Haus im Haus: In Heroldsberg bei Nürnberg wurde ein Einfamilienhaus aus den 1960ern mal ganz anders energetisch saniert. Die Architekten Lisa Barucco und Günter Pfeifer haben es mit Polycarbonat umbaut. Polycarbonat ist leicht, lässt viel Licht, aber vergleichsweise wenig Wärme durch. Doch die energetischen Potenziale werden nur selten ausgenutzt. Text: Heiko Haberle 1953 begann bei der Firma Bayer erstmals die industrielle Produktion von Polycarbonat. Heute bestehen aus diesem Kunststoff auf Erdöl-Basis CDs und Chipkarten, Autoscheinwerfer und Visiere von Schutzhelmen. Seit den frühen 1990er-Jahren wird er auch als Fassadenmaterial eingesetzt. Doch noch immer scheint es ­eine gewisse Hemmschwelle zu geben, einen Kunststoff großflächig an einem Gebäude einzusetzen. Dabei spricht vieles ­dafür, dies zu tun: Polycarbonat ist lichtdurchlässig, besitzt aber eine viel geringere Wärmeleitfähigkeit als Glas, dämpft also Temperaturschwankungen. Es ist sehr schlagfest, schwerentflammbar und formstabil zwischen minus 40 und plus 115 Grad. Es ist günstiger als Glas und deutlich leichter, was sparsame Unterkonstruktionen ermöglicht. Polycarbonat ist recyclingfähig, kann zu Granulat verarbeitet und erneut in Form gebracht werden. Für den Bau geschieht dies als Stegplatten mit Hohlkammern. Diese Paneele haben zwar meist eine Standardbreite von 50 Zentimetern, können aber in verschiedenen Stärken und mit unterschiedlich vielen Hohlkammern produziert werden, was die ­optische Dichte beeinflusst. Das Material kann transparent oder transluzent sein, komplett oder nur an einzelnen Stegen eingefärbt sein, bedruckt und beschichtet werden. Industrie veredelt: Für die Würth-Akademie wählten Allmann Sattler Wappner klares Polycarbonat vor weißem Hintergrund. Neues Image, neue Aufgaben Ist Polycarbonat also ein noch immer unterschätztes Wundermaterial, das zu Unrecht eher mit dem Industrie- und Gewerbebau assoziiert wird? In diesem Bereich begannen auch Allmann Sattler Wappner Architekten Polycarbonat einzusetzen. Am Dornier-Museum Friedrichshafen oder am Baubetriebshof in Poing großteils als thermische Hülle: „So ein purer Einsatz von Polycarbonat ist aber nur dort sinnvoll, wo geringere Anforderungen an die durchschnittlichen erforderlichen Raumtemperaturen bestehen als im Wohnoder Bürobau“, sagt Rob Liedgens, Associate in dem Münchener Büro. Bei der Niederlassung der Firma Würth in München-Freiham umhüllt weiß getrübtes Polycarbonat eine Stahlbetonkonstruktion und schafft einen homogenen, glänzenden Baukörper. Der Kunststoff wurde zum Material der Wahl, um Industriebauten zu veredeln ohne ihren Charakter zu leugnen. So erhielt auch das 2013 fertiggestellte Logistikzentrum am Stammsitz von Würth in Künzelsau-Gaisbach nach zahlreichen Bemusterungen eine Fassade aus Polycarbonat-Paneelen mit sieben Kammern und einer bedruckten weißen Punktierung. Der benachbarte Neubau von 2016, der die betriebseigene Akademie, eine Kantine, einen Abholshop und einen Showroom beherbergt, adelte dann endgültig das Polycarbonat auch für einen repräsentativeren Einsatz als Markenbotschafter. Jene Halbzeuge, die die Firma Würth herstellt, also etwa Anker und Verbindungsstücke, sollten zum gestalterischen Thema werden, wie Projektleiter Rob Liedgens erklärt: „Wir haben das klarste Polycarbonat gewählt, um die Unterkonstruktion möglichst sichtbar zu machen und die besten Tageslichteffekte zu erzielen.“ Um kaum getrübt zu sein, ist das Polycarbonat nur zwei Kammern stark. Es übernimmt keine thermische Funktion, sondern wird zur „Zierfassade“ einer „gedämmten Kiste“. Die weiße Farbe stammt von einer flächendeckenden Dichtungsbahn und der lackierten Unterkonstruktion. Hilfreicher Nachbar: Diese Hauserweiterung von Günter Pfeifer in Freiburg versorgt nicht nur sich selbst mit Wärme, sondern auch das Nachbarhaus aus den 1950ern. Während Allmann Sattler Wappner inzwischen ein großes Spektrum von Einsatzmöglichkeiten für Polycarbonat ausgeschöpft und dabei unterschiedliche Grade von Transparenz erprobt haben, spielen die energetischen Eigenschaften des Materials bei ihnen eine untergeordnete Rolle. Das deckt sich mit der Einschätzung einer bereits 2011 veröffentlichten Studie des Zentrums für nachhaltige Energietechnik der Hochschule für Technik Stuttgart (HfT). So sei die Materialwahl meist gestalterisch motiviert, wohingegen thermische Potenziale ungenutzt blieben. Die Studie untersuchte drei mögliche Arten, die Stegplatten mit energetischem Mehrwert zu nutzen, insbesondere bei der Sanierung von Bestandsbauten. Das Luftkollektor-Konzept lässt zwischen dem eigentlichen Haus und einer Polycarbonat- Hülle einen durchströmten Zwischenraum entstehen. In der zweiten Variante werden die Hohlkammern des Polycarbonats selbst von Luft durchströmt. Die dritte, der Studie zufolge vielversprechendste Option sieht Polycarbonat als transparente Wärmedämmung anstelle herkömmlicher Dämmungen vor. Wärmefänger: Der Bestandsbau in Heroldsberg steht jetzt in einer Art Gewächshaus. Seine Mauern werden zur Speichermasse. Im Zwischenraum zirkuliert erwärmte Luft. Doch seitdem scheint sich nicht allzu viel getan zu haben, sodass Professor Günter Pfeifer und seine Kollegen von der Fondation Kybernetik, einem an der TU Darmstadt angesiedelten Forschungsverbund, mit ihren Luftkollektor-Fassaden noch ziemlich alleine auf weiter Flur stehen. Dass in der Baupraxis so wenig Bewegung in diesem Bereich ist, liegt für Pfeifer an der Politik: „Die hält an der herkömmlichen Dämmung fest. Alternativen sind nicht vorgesehen.“ Pfeifer möchte Energiegewinne maximieren und einlagern – und das mit möglichst wenig Technik. Seine Konzepte nutzen das Gewächshausprinzip und kombinieren es mit einer Speichermasse. „Polycarbonat setzen wir so oft ein, weil es günstig ist, aber auch, weil wir es vom Image eines schmuddeligen Plastikmaterials befreien wollen. Daher sind die Details besonders wichtig.“ Plastik mit energetischem Mehrwert Die Bauten der Fondation Kybernetik erinnern gestalterisch an die viel häufiger publizierten Konzepte von Lacaton & Vassal, weisen aber stets noch einen solarthermischen Clou auf. In Freiburg profitiert ein Bestandsbau von der warmen Luft, die sein neuer Anbau zwischen seiner Fassade aus Polycarbonat-Paneelen und den 24 Zentimeter starken Wänden aus Porenbeton sammelt. In Heroldsberg bei Nürnberg wurde nach einem Entwurf der Architektin Lisa Barucco ein Einfamilienhaus aus den 1960er-Jahren mit einem zweiten Haus aus Polycarbonat auf einer Holzkonstruktion umbaut. Das nicht mehr im Kontakt zur Außenluft stehende Bestandshaus wird zur Speichermasse, und im Zwischenraum entstehen nutzbare Wintergärten. Das gleiche Funktionsprinzip konnten Pfeifer, die Fondation Kybernetik und die Architektin Annette Rudolph-Cleff in Mannheim-Schönau bei der energetischen Sanierung eines fünfgeschossigen Wohnhauses aus der Nachkriegszeit anwenden. Während anderswo in der Siedlung der gleiche Haustyp unter Styropor verschwindet, wagte die Wohnungsbaugesellschaft GBG an der Lilienthalstraße ein Experiment, das das Gegenteil macht: Solare Einträge befördern, statt fernhalten. Größere statt kleinere Fenster und nur mit Doppelverglasung. Reversible Konstruktion statt unauflösbarer Verklebung. Dämmung nur, wo unbedingt nötig. Und das Ergebnis sieht auch noch viel besser aus. Luftkollektor: Bei diesem sanierten Mehrfamilienhaus in Mannheim helfen Polycarbonat und ein luftdurchströmter Zwischenraum dabei, solare Gewinne zu steigern, zu speichern und verzögert abzugeben. Zunächst erstaunten die sehr porösen Wände aus so genanntem Trümmerverwertungsbeton, doch als Speichermasse schienen sie ideal. Die nackten Außenwände wurden mit einer Hülle aus sechs Zentimeter starken, transparenten Polycarbonat-Paneelen umbaut. Im 18 Zentimeter breiten Zwischenraum ist die Luft im Winter dadurch etwa sechs bis zehn Grad wärmer als außerhalb. Durch zwei Ventilatoren unterstützt, strömt sie über das Dach von der Ostseite auf die Westseite (abends umgekehrt). Im Keller trifft sie auf einen Steinspeicher, der nichts anderes ist als ein zwei Meter hoher Stapel aus Kalksandsteinen mit offenen Fugen. Nachts wird die Wärme abgegeben. Im Sommer lagert der Steinspeicher die Nachtkühle ein und gibt sie tagsüber über die Fassade und von dort an die Hauswände ab. Bei drohender Überhitzung öffnen sich Dachklappen. Die unteren Polycarbonat-Paneele sind nur so hoch wie das Erdgeschoss, um leicht ausgewechselt werden zu können. Darüber reichen sie über vier Etagen. Den Einwand, ob das isolierende Polycarbonat denn ideal sei, um solare Gewinne zu maximieren, relativiert Pfeifer – schließlich verhindere das im Treibhausbau eingesetzte Polycarbonat ja umgekehrt auch, dass gespeicherte Wärme oder Kühle wieder entweiche. Und es gehe ja gerade um eine Zeitverzögerung: „Bei jedem Projekt muss aber die Balance zwischen u-Wert und g- Wert neu gefunden werden. Andernorts hat sich auch schon eine Einfachverglasung als Luftkollektor bewährt.“ Im Mannheimer Luftkollektor-Haus konnte mit dem neuen Energiekonzept, das außerdem öffenbare Wintergärten als Klimapuffer und Dämmungen an der Nordseite, Dach und Kellerdecke beinhaltet, der Heizenergiebedarf seit der Fertigstellung 2014 von 273 kWh/m2 auf durchschnittlich 25 bis 30 kWh/m2 gesenkt werden. Welchen Anteil daran die Luftkollektor- Fassade hat, soll eine baldige Evaluation ergeben. Einfach mal ausprobiert Ebenfalls sehr experimentell, wenn auch hauptsächlich wegen seiner radikalen Einfachheit, ist das Haus der Architektengemeinschaft Brandlhuber + Emde, Burlon in der Berliner Brunnenstraße. Bei seiner Fertigstellung 2009 hatte die Rohbauästhetik mit ihrer undurchsichtigen Polycarbonat-Fassade und nur wenigen Fenstern, im steinernen Berlin enorm polarisiert. „Wir wollten vor allem günstig bauen“, berichtet Markus Emde und spricht von einem „Versuchsbau“, der an vielen Stellen nur wenig mit DIN-Normen zu tun habe. Die ursprüngliche Idee sah vor, dass jeder Nutzer seiner Etage eine individuelle Fassade geben konnte. Das Polycarbonat war als eine Art Platzhalter gedacht, blieb dann aber dauerhaft im Entwurf und am Bau. Hier ist das fünf Zentimeter starke Polycarbonbat mit seinen zehn Kammern die thermische Hülle: keine Dämmung, keine Hinterlüftung, kein Wandaufbau in Schichten. Als Absicherung gegen Windlasten dient eine Konstruktion aus vertikalen Stangen und horizontalen Eichenbohlen, die als Regale oder Bänke genutzt werden können. Mit einem u-Wert von 0,8 ist die Fassade mit einer modernen Dreischeiben-Verglasung vergleichbar. Während die inneren Stege transparent sind, sind die äußeren transluzent. Es kommt also Tageslicht innen an, aber der spannende Ausblick auf die lebhafte Brunnenstraße wird verwehrt. Das Haus ist also sowohl zum Straßenraum als auch zu seinen Nutzern relativ streng. Wobei das nur halb wahr ist, denn das Haus wechselt mit den Lichtverhältnissen sein Erscheinungsbild. Mal wirkt es stumpf, mal glänzend, mal weiß, zart rosa, bläulich oder gelblich. Schattenspiel: Das Atelierhaus an der Berliner Brunnenstraße von Brandlhuber+ Emde, ERA, Burlon mag tagsüber streng sein. Abends erwacht die Fassade zum Leben. In den Büroräumen der Architekten offenbart sich dann doch noch ein Nachteil von Polycarbonat: Es gibt kaum Schallschutz. Doch die Planer stört das nach ihren Worten nicht. Für das „Atelierhaus“ mit Galerien und Büros galten weniger strenge Auflagen, und die Wohnung im Dachgeschoss besitzt mit etwas Abstand auf der Innenseite eine zusätzliche Einfachverglasung. Im Polycarbonat haben sich an wenigen Stellen Flecken gebildet, was geschehen kann, wenn die Hohlkammern nicht sorgfältig mit einem Tape verschlossen wurden, wie Markus Emde erklärt. Auch Rob Liedgens berichtet, dass sich in diesem Fall Kondensat bilden könne, sich Algen oder Insekten ansiedeln. Doch ähnliches gelte auch für andere Baustoffe und der Vorteil an Polycarbonat sei ja, dass man schadhafte Paneele leicht auswechseln könne. Liedgens verweist auch darauf, dass sich Polycarbonat bei Wärme ausdehne, was bei der Würth-Akademie mit 47 Metern Kantenlänge bis zu 10 Zentimeter ausmache. Und Günter Pfeifer rät unbedingt zu einer UV-Beschichtung. Sonst könne das Material vergilben oder irgendwann spröde werden. Er selbst setzt darauf, dass die Materialeigenschaften 30 Jahre lang unverändert bleiben. Einen Wermutstropfen hält noch die genannte Studie der HfT Stuttgart bereit: Obwohl es recyclingfähig ist, sieht die Umweltbilanz von Polycarbonat nicht ganz so rosig aus. Der Primärenergiebedarf für die Herstellung liegt nach der Studie acht Mal so hoch wie bei Glas und auch der Wasserverbrauch ist erheblich.

Von klarer Kante in Köln, einer Sportscheune und von Baukultur im Unterricht

Von klarer Kante in Köln, einer Sportscheune und von Baukultur im Unterricht – die Meldungen der Ausgabe. Lärmschutz am Mittleren Ring in München Der Beitrag „München dämpft“ in Ausgabe 1/2017, Seite 24, beruht wesentlich auf Informationen der Stadt München, die Sie hier finden. Ein Hauch von Turm Die Glaubensgemeinschaft der Neuapostoliker baut gern introvertiert. Diese Tradition setzt ihre Kirche von den Stuttgarter Architekten ackermann+raff im schwäbischen Pliezhausen fort – allerdings mit einer leichten Andeutung von Turm, der sonst bei den Neuapostolikern nicht üblich ist. Das Fensterband an der Straßenfassade bringt Licht auf Kreuz und Altar; das Kirchenschiff steht mit Schrägdach und sich erhöhendem Raum symbolisch für die Weitung zum Himmel. Das Innere ist vom Eichenholz der Böden, Bänke, Fenster und des Altars geprägt; der außen dominierende Leichtbeton ist auch hier an den Wänden sichtbar, tritt aber nur zurückhaltend in Erscheinung. Bei Schinkel um die Ecke Dem Haus sieht man nicht überall an, wie es innen gegliedert ist – doppelhohe Geschosse, Maisonetten, Fenster für zwei Wohnungen? Einige Laibungstiefen dürfte sich jedenfalls kein Wärmedämmer trauen. Der Bau steht in der Ackerstraße in Berlin-Mitte, in ­einem Block mit Schinkel-Kirche am anderen Ende. Und es zeichnet sich durch Voll-Erfüllung der beiden Architektur­zwecke „Anders sein“ und „Auffallen“ aus. Die Architekten nps Tchoban Voss teilen mit, das Haus präsentiere sich dem Betrachter „ungewöhnlich großzügig“ und wirke „markant in den Stadtraum hinein“. Es dient dem Wohnen in neun Einheiten von 70 bis 290 Quadratmetern. Schließlich das Rätsel der Fensterhöhen: Die großen Felder dienen je zwei Etagen. Und die Fenster insgesamt sind laut Architekten „sowohl vertikal als auch horizontal ausgerichtet, was den heterogenen Charakter der Umgebung widerspiegelt“. Vergabe kleinerer Aufträge: Kammern stoppen Bürokratisierung Nach einem Entwurf des Bundes-Wirtschaftsministeriums für eine „Unterschwellen-Vergabeordnung“ sollte die Vergabe freiberuflicher Leistungen unterhalb der Schwelle von 209.000 Euro komplizierter und aufwendiger werden. Dies ist jetzt vom Tisch, nachdem die Bundesarchitektenkammer, die Länderkammern und andere Organisationen dagegen protestierten. Sie konnten eine Sonderregelung für freiberufliche Leistungen erreichen, die viel bürokratischen Aufwand vermeidet. Zudem gibt es auf Betreiben der Kammern eine spezielle Regel für Planungswettbewerbe auch bei Aufgaben dieser Größenordung. Die neue Vergabeordnung ersetzt in erster Linie die bisher geltende Vergabe- und Vertragsordnung für Leistungen (VOL/A 1. Abschnitt). Sobald sie in Kraft ist, werden wir darüber informieren. Landschaften online bewerten Der Stuttgarter Landschaftsarchitekt Frank Roser betreibt das ehrgeizige Projekt einer standardisierten Landschaftsbild-Bewertung, um Stromnetze möglichst wenig landschaftsschädlich auszubauen (mehr über den Ansatz hier). Das aktuelle Forschungsprojekt wurde vom Bundesamt für Naturschutz beauftragt und trägt den Titel „Entwicklung eines Bewertungsmodells zum Landschaftsbild beim Stromnetzausbau“. Dazu gibt es jetzt eine Online-Umfrage, deren Teilnehmer Fotos von Landschaften nach feststehenden Kriterien beurteilen sollen. Auf dieser Basis soll ein Modell zur bundesweiten Landschaftsbildbewertung entstehen. Zur Teilnahme, die höchstens 15 Minuten dauern soll, geht es hier. Gewinnen bei der KfW Die KfW prämiert mit ihrem „Award Bauen und Wohnen“ seit 15 Jahren Bauherren – und besonders oft gewinnen Architekten, die für sich selbst oder eine Gruppe ein Projekt besonders engagiert und einfallsreich realisiert haben. Dieses Jahr heißt das Motto „Ausbauen, Anbauen, Umbauen – effizient Wohnraum schaffen und modernisieren“. Prämiert werden private Bauherren oder Baugemeinschaften, die in den vergangenen fünf Jahren ein Gebäude erweitert, umgewidmet, modernisiert oder belebt haben und dabei gleichzeitig Wohnraum geschaffen oder aufgewertet haben. Der Preis ist mit insgesamt 30.000 Euro dotiert. Gewinner-Projekte aus den Vorjahren finden Sie hier. Zum diesjährigen Preis geht es über: www.kfw.de/award-bewerbung Klare Kante in Köln Größer kann eine Verwandlung kaum sein: statt Mansarddach und Erkermotiven nun hochwertige Betonfertigteile und bündige Fenster. Das Bochumer Architekturbüro SSP hat das postmoderne Verwaltungsgebäude der WDR mediagroup gleich neben dem Museum Kolumba in ein zeitgemäßes Bürohaus transformiert. Neben dem komplett neuen Erscheinungsbild wurde das Gebäude energetisch auf den neuesten Stand gebracht und auch innen umgebaut. Der Quasi-Neubau kann sich in seiner urbanen Umgebung nun besser behaupten. Das stimmt durchaus nachdenklich, bezog sich doch die Postmoderne explizit viel mehr auf Motive der historischen Stadt als nüchterne Neubauten. Doch die Halbwertzeiten werden auch in der Architektur immer kürzer und die Postmoderne wirkt angestaubt – aber eben noch nicht genug, um wieder cool zu sein. Ganz nebenbei ist auch ein Beispiel für den stilistischen Wandel des Düsseldorfer Großbüros HPP über die Jahrzehnte verschwunden. Von ihm stammte der Entwurf. Klima ganz leicht eingetrübt Das Geschäftsklima der freien Architekten hat sich im vierten Quartal 2016 leicht abgekühlt, ist aber immer noch ausgesprochen gut. Das ermittelte das Münchener ifo Institut für Wirtschaftsforschung in seiner jüngsten Umfrage. Zuvor hatte sich das Klima fünf Quartale hintereinander verbessert – jetzt ist eine leichte Eintrübung noch kein Grund zur Besorgnis. Gedämpfter als zuvor waren vor allem die weiteren Wachstums-erwartungen. 14 Prozent der Architekten erwarteten eine „eher günstigere“ Auftragssituation in sechs Monaten. Zuvor waren es 18 Prozent gewesen. Die Zahl der Pessimisten ist jedoch nicht gestiegen: Nach wie vor fürchten nur rund zehn Prozent eine „eher ungünstigere“ Entwicklung. Auch ihre aktuelle Lage beurteilten die befragten Architekten ein wenig schlechter als zuvor: 54 Prozent fanden sie „gut“, jedoch 14 Prozent schlecht – eine leichte Steigerung. 56 Prozent der Befragten konnten im Vorquartal neue Verträge abschließen – etwas weniger als im Zeitraum davor, jedoch deutlich mehr als im langjährigen Durchschnitt von 50,5 Prozent. Auch das geschätzte Bauvolumen aus den neu abgeschlossenen Verträgen stieg leicht an – mit Ausnahme des Wohnungsbaus. Dort konzentrieren sich die Aufträge noch stärker auf Mehrfamilienhäuser, für die das geschätzte Bauvolumen aus abgeschlossenen Verträgen erneut um vier Prozent anstieg, nachdem es schon seit dem Jahresanfang 2016 deutlich geklettert war. Wie gut die Lage ist, zeigt sich im Langfrist-Vergleich: In den ersten neun Monaten 2016 konnten die befragten Architekten ein fast ebenso großes Auftragsvolumen akquirieren wie in den gesamten fünf flauen Jahren 2002 bis 2006. Aktuell gab es dagegen einen deutlichen Rückgang an neuen Aufträgen für Ein- und Zweifamilienhäuser. Hier war das Volumen aller Planungsaufträge niedriger als im Vorjahr. Einen starken Anstieg um rund 25 Prozent gab es erneut bei gewerblichen Aufträgen; das ifo Institut bezeichnet die Lage jetzt als „befriedigend“. Dagegen empfindet es den Umfang der Planungsaufträge öffentlicher Auftraggeber als „überaus bescheiden“ – und das seit über einem Jahr. Konstant blieb die zeitliche Reichweite der akquirierten Aufträge. Sie reichen wieder für die nächsten 6,8 Monate. Auf den Leib gebaut Maßgeschneiderte Einfamilienhäuser haben Chancen auf den „Häuser-Award 2018“. Im Mittelpunkt steht dieses Mal nicht nur eine gelungene architektonische Erscheinung, sondern auch die Funktionalität. Gefragt sind etwa Grundrisse, die den Bedürfnissen der Bewohner besonders gut entsprechen oder langfristig auf sich wandelnde Wohnvorstellungen reagieren können. Sonderpreise belohnen gelungene Innenarchitektur und Außengestaltung. Den Preis vergibt die Zeitschrift „Häuser“ gemeinsam mit dem BDA, dem Verband Privater Bauherren und einigen Herstellern. Einsendeschluss ist der 8. Mai. www.haeuser-award.de Sportscheune in Ostbayern Die Grundform der Scheune kann man bekanntlich für Museen ­moderner Kunst verwenden, für Supermärkte, aber natürlich auch für dörfliche Turnhallen. Das haben Almannai Fischer Architekten aus München im ostbayerischen Haiming getan. Stimmig ist hier auch die Holzbauweise mit schön sichtbarem Fachwerk an den Längsseiten, an den Wänden und vor allem den Decken der Halle, wo sich so mancher hochgeschossene Ball seinen Weg durchs Balken­labyrinth suchen muss. Die Balken tragen übrigens entgegen dem Anschein nicht, sondern sind hübscher Zierrat. Baukultur im Unterricht Die Wüstenrot-Stiftung stellt neue Arbeitsblätter für den Unterricht in ihrem Projekt „Baukultur – gebaute Umwelt“ vor. Es geht beispielsweise um die funktionale und symbolische Bedeutung von Treppen, um Energiesparhäuser, Staats- oder Schulbauten. Angesprochen sind Schüler der Sekundarstufen I und II in zahlreichen Fächern wie Mathematik, Kunst, Wirtschaft und Physik. Fächer­verbindend sind Arbeitsblätter über Brücken, Hochhäuser und Türme sowie Bahnhöfe. Ziel des Lehrangebots ist es nach den Worten der Stiftung, „junge Menschen zu motivieren, die gebaute Umwelt ­bewusst wahrzunehmen und sich der Verantwortung dafür zu ­stellen“. Die Blätter können hier kostenlos heruntergeladen werden.

Dämmen mit viel Luft

Ein achtgeschossiger Plattenbau bei Berlin wurde als erstes Großprojekt mit einem Aerogel-Wärmedämmputz fertiggestellt. Text: Marion Goldmann Vor etwa zwei Jahren kam der erste mit Aerogelen versehene Wärmedämmputz auf den deutschen Markt, die viel besser dämmen als herkömmliche Produkte (siehe hier). Bedingt durch die anfangs hohen Kosten schien das Spektrum zunächst begrenzt. Empfohlen wurde der Einsatz in der Denkmalpflege oder als Innendämmung bei Anforderungen, an denen andere Materialien scheitern. ­Diesen Rahmen hat ein privater Bauherr durchbrochen und in Schönefeld bei Berlin ein Wohnhaus mit acht Etagen aus dem Baujahr 1990 komplett mit dem Aerogel-Wärmedämmputz gedämmt. Bei dem Gebäude handelt es sich um einen der letzten noch vor der Wende geplanten und kurz danach fertiggestellten Plattenbau. Aufgrund der Gebäudehöhe von 33 Metern schied infolge der geforderten Nichtbrennbarkeit ein Wärmedämmverbund-System mit EPS-Platten aus. „Als Alternative wäre nur eine Mineralwolle-Dämmung infrage gekommen, wobei allerdings der Aerogel-Putz bei gleicher Materialstärke bessere Dämmwerte erzielt“, berichtet Helmut Brouwers von Blue Energy Solutions aus Berlin. Sein Büro ist auf die Fachplanung von Energiekonzepten spezialisiert, und der Architekt hatte bei dem Plattenbau die Planung und die Bauleitung inne. Da die Außenwand-Platten bereits mit einer 80 Millimeter dicken Mineralwolle-Kerndämmung ausgestattet sind, genügte eine Putzdicke von 60 Millimetern, um den anvisierten rechnerischen U-Wert von 0,22 W/(m2·K) zu erreichen. Weitere energetische Maßnahmen waren die Dämmung von Kellerdecke und Dach sowie der ­hydraulische Abgleich der mit Fernwärme betriebenen Heizungsanlage. Carmen Grunwald von Blue Energy Solutions, die die Berechnung erstellt hat, meint: „Der beantragte KfW-Effizienzhaus-Standard 85 ließ sich damit insgesamt sogar relativ leicht erreichen, zumal die Flächen der Kellerdecken- und Dachdämmung in Bezug auf die Größe des Objektes hierbei kaum ins Gewicht fallen.“ Mit einem Ersatz der alten Fenster (U-Wert 2,0 W/(m2·K)) und einer kontrollierten Be- und Entlüftung hätte sich das energetische Einsparniveau noch deutlich steigern lassen. Herkömmliche Putzsysteme im Vergleich: Diese Aufnahme – Testfläche mit einem drei Zentimeter dicken Branelit-Dämmputzsystem – zeigt eine deutlich geringere Wärmeabgabe über die Fugen. Für die energetische Berechnung haben Carmen Grunwald und Helmut Brouwers auch Bauteilanschlüsse geplant, um den detaillierten Wärmebrückennachweis zu erstellen. Dadurch kann der pauschale Wärmebrückenzuschlag reduziert und somit die Energieeffizienz des Gebäudes erhöht werden. Zum Vergleich zeigt dieses Bild einen früheren teilverputzten Bereich. Beispiele in Bezug auf den Aerogel-Wärmedämmputz sind die Fenster- und Türanschlüsse sowie die Anbindung an Dach und Traufe. Brouwers hat die Ausführung auf der Baustelle zudem kontrolliert. „Wie bei anderen neuen Bauprodukten, benötigte das ausführende Unternehmen gerade bei den Details mehr Hilfe als bei eingeführten Systemen”, lautet sein Resümee. Aerogel-Wärmedämmputz: Hier sind nach etwa einem Jahr Standzeit im Fugenbereich keine Wärmebrücken mehr erkennbar. Christoph Dworatzyk, Geschäftsführer und Leiter Technik der Proceram GmbH in Düsseldorf, die den Aerogel-Wärmedämmputz der Schweizer Fixit-Gruppe in Deutschland vertreibt, sagt: „Wir kennen die Problematik. Deshalb haben wir in den letzten Jahren sämtliche Regeldetailanschlüsse ausgewertet und unsere Anwendungstechniker entsprechend geschult, sodass sie den Verarbeitern vor Ort jederzeit beratend zur Seite stehen können.“ Messtechnisch untersucht Dworatzyk weiter: „Die Putzarbeiten an der 3.200 Quadratmeter großen Fassade dauerten einschließlich der Vorarbeiten an den Plattenfugen sowie des Auf- und Abbaus des Gerüstes etwa zwölf Wochen.“ Welche Arbeiten im Einzelnen ausgeführt wurden, ist im Info-Kasten auf Seite 47 zusammengefasst. Ein wesentlicher Vorteil des Putzsystems ist, dass sich Wärmebrücken nahezu vollständig eliminieren lassen. Das beweisen die Wärmebildaufnahmen der bereits vor zwei Jahren angelegten Probeflächen bei diesem Objekt. Dworatzyk: „Auf den Bildern sind überhaupt keine Wärmebrücken erkennbar und bis heute sind auch keine Risse entstanden.“ Die Proceram GmbH arbeitet hierfür mit dem Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) zusammen. Neben den Infrarot-Aufnahmen fanden Untersuchungen zur Bestimmung des realen U-Wertes statt. Für beide Untersuchungen wurden drei Varianten verglichen: – Außenwand, unbehandelt, als Referenz (Plattenbau, Baujahr 1999), – Außenwand, versehen mit Branelit-Dämmputzsystem, – Außenwand, versehen mit Aerobran Dämmputzsystem. Nach etwa einem Jahr, wenn die Wärmedämmputze durchgetrocknet sind, zeigten die Messungen, dass der Ausgangs-U-Wert bei dem Aerogel-System von etwa 1,0 W/(m2·K) auf unter 0,3 W/(m2·K) gesunken ist. Eine Zusammenfassung aller Ergebnisse der Untersuchungen ist als PDF der Online-Ausgabe dieses Beitrags unter DABonline.de/tag/waermedaemmputz hinterlegt. Messungen 1/2016: Mit dem Aerogel-Wärmedämmputz wird ein U-Wert von 0,3 W/(m2·K) erreicht. Vorteilhafte Eigenschaften Ursache für die deutliche Verbesserung des U-Wertes mithilfe des Aerogel-Wärmedämmputzes ist seine geringe Wärmeleitfähigkeit von 0,028 W/(m·K). Zum Vergleich: Die Wärmeleitfähigkeit herkömmlicher Wärmedämmputze beträgt 0,06, die von Mineralwolle oder EPS liegt zwischen 0,035 bis 0,04 W/(m·K). Aerogele sind hochporöse Feststoffe auf Silikatbasis. Die Partikel enthalten bis zu 99 Prozent Luft und sind so klein, dass darin keine Luftkonvektion mehr stattfindet. Dadurch wird der Wärmeaustausch nahezu vollständig unterbunden. Trotz des hohen Luftanteils sind Aerogele relativ stabil; empfindlich sind sie lediglich gegenüber Scherkräften (mit den Fingern kann man sie leicht zerreiben). Sobald sie aber als Suspension im Putz eingebracht sind, kommen die Scherkräfte nicht mehr zum Tragen. Deshalb kann die Trockenmischung auch in herkömmlichen Mörtelmischern und Putzmaschinen angerührt und auf herkömmliche Weise aufgetragen werden. Andreas Sengespeick, verantwortlicher Mitarbeiter für das Projekt beim Fraunhofer-Institut: „Das belegen indirekt auch unsere Messungen, denn sonst hätten wir den U-Wert nicht erreicht.“ Das Aerogel-Wärmedämmputzsystem ist durchgängig mineralisch. Am Ende seiner Lebensdauer lässt es sich deshalb nicht nur problemlos entsorgen, sondern es ist auch diffusionsoffen. „Damit bleibt ein Wassermanagement innerhalb des Systems möglich, weshalb kein Algen- und Pilzbewuchs auftreten dürfte”, meint Sengespeick. Außerdem könne der Putz bei Sonneneinstrahlung die Wärme speichern, ergänzt Brouwers. Auch wenn sich der Wert nicht exakt bestimmen lässt, bleibt diese Wirkung nach Meinung des Architekten unbestritten. Dworatzyk sieht das Putzsystem mittelfristig als Alternative zu klassischen Wärmedämmverbund-Systemen und begründet dies mit sinkenden Preisen. Durch Produktionsanpassungen sowie einen höheren Mengenumschlag konnten diese bereits in den letzten beiden Jahren deutlich reduziert werden. Zurzeit betrage die Preisdifferenz zu Wärmedämmverbund-Systemen nur noch etwa 20 bis 30 Prozent, so Dworatzyk. Brouwers sieht die Einsatzmöglichkeiten des Aerogel-Wärmedämmputzes auch als Problemlöser in Nischenbereichen des Bauhandwerks. Stuck- und Schmuckelemente oder Rundungen an denkmalgeschützten Fassaden lassen sich zum Beispiel auf einfache Art nachbilden. Aufgrund seiner Nichtbrennbarkeit biete er sich auch zur Sanierung von Stahlstützen an. Im Vergleich zur üblichen Ummantelung mit Platten-Konstruktionen ist die Ausführung durch das einfache Aufspritzen leichter. Darüber hinaus sieht Brouwers eine weitere Anwendungsmöglichkeit für den Dämmputz als Innendämmung. Gegenüber den marktüblichen Systemen erlaubt die geringe Wärmeleitfähigkeit schlankere Dämmstärken beziehungsweise wird bei gleicher Dicke ein besserer Dämmeffekt erzielt. Durch den lückenlosen homogenen Verbund mit dem Untergrund entstehen auch keine Fehlstellen, wo sich Tauwasser niederschlagen könnte. Das gilt besonders für die kritischen Bereiche, wie bei Fensterlaibungen oder im Anschlussbereich zur Decke. Nicht zuletzt bringt Brouwers Neubauten ins Spiel. Werden einschalige Außenwände aus Mauerwerk mit dem Aerogel-Dämmputz versehen, lässt sich leicht der Passivhaus-Standard erreichen. Eine Zusammenfassung aller Ergebnisse der Untersuchungen finden Sie hier.

Aus dem Außenbereich

Aktuelle Urteile zu Gerüchen, Wochenendhäusern, Emittenten-Schutz und Gartenbau. Text: Hubertus Schulte Beerbühl Im Außenbereich darf es im Garten riechen Von Tierhaltungsbetrieben ausgehende Geruchsimmissionen sind oft Gegenstand von Nachbarbeschwerden. Für die Beurteilung der Zumutbarkeit der Gerüche gibt es keine allgemein gültigen Regelungen ähnlich der TA Lärm oder der TA Luft. Die Praxis greift als Orientierungshilfe auf Regelwerke zurück, die in der landwirtschaftlichen Praxis entwickelt wurden, insbesondere die Geruchsimmissionsrichtlinie (GIRL). In der GIRL werden für Baugebiete Immissionswerte als regelmäßiger Maßstab für die höchstzulässige Geruchsimmission festgelegt. Einen Immissionswert für im Außenbereich gelegene Grundstücke gibt die GIRL nicht ausdrücklich vor. Dem Wohnen im Außenbereich wird aber allgemein ein immissionsschutzrechtlich geringerer Schutzanspruch als in dem Wohnen dienenden Gebieten zugebilligt. Für den Schutzanspruch des Wohnens im Außenbereich ist auf die Geruchsbelästigungen im Bereich von (zulässigerweise genutzten) Gebäuden oder sonstigen zum dauernden Aufenthalt von Menschen bestimmten Anlagen abzustellen; das sind insbesondere Wohngebäude. Der Verwaltungsgerichtshof Mannheim hat entschieden, dass auch ein begrenzter Außenwohnbereich geschützt ist, wie etwa Außenanlagen zur Freizeitgestaltung und Erholung an den Gebäuden (Terrassen oder Balkone), die entsprechend allgemeinenWohngewohnheiten im Zusammenhang mit der Nutzung regelmäßig genutzt werden („Wohnen im Freien“), darüber hinausgehende Flächen dagegen nicht. Es stehe nämlich nicht im freien Belieben eines Grundstückseigentümers, sein gesamtes Grundstück mit Außenwohnbereichen zu versehen und vom benachbarten Anlagenbetreiber zu verlangen, er habe darauf uneingeschränkt Rücksicht zu nehmen. Vielmehr könnten Außenwohnbereiche nur in dem Umfang geschützt werden, wie dies den mit der Eigenart des Baugebiets berechtigterweise verbundenen Wohnerwartungen und Wohngewohnheiten auch außerhalb des Wohngebäudes entspreche. VGH Mannheim, Beschluss vom 25.4.2016 (Az. 3 S 1784/15) Wochenendhäuser ergeben keinen Innenbereich Wenn in einem von Außenbereich umgebenen Gebiet, für das kein Bebauungsplan gilt, zahlreiche Wochenendhäuser entstanden sind, kann man dann von einem faktischen Wochenendhausgebiet nach § 34 BauGB sprechen, so wie es faktische Wohngebiete oder Gewerbegebiete gibt? Die Folge davon wäre, dass dann auch Umbau- oder Erweiterungsarbeiten an einem Wochenendhaus genehmigungsfähig wären. Das Bundesverwaltungsgericht hat diese Frage verneint. Denn eine Ansammlung von Wochenendhäusern könne keinen „im Zusammenhang bebauten Ortsteil“ bilden, sondern das Gegenteil dazu, nämlich eine Splittersiedlung, so dass die Gebäude im Außenbereich liegen. Ein Ortsteil setzt nämlich einen Bebauungszusammenhang voraus, an dem es in einem solchen Fall fehlt. Dem Bebauungszusammenhang gehören grundsätzlich nur Bauwerke an, die dem ständigen Aufenthalt von Menschen dienen. Andere Baulichkeiten prägen in der Regel die Siedlungsstruktur einer Gemeinde nicht. So ist es auch bei Wochenendhäusern, die nicht dauernd, sondern bestimmungsgemäß nur an Wochenenden genutzt werden. Außerdem setzt der Begriff des Ortsteils voraus, dass der Bebauungszusammenhang, wenn er ausnahmsweise doch zu bejahen sein sollte, Teil eines Siedlungskomplexes einer Gemeinde ist, der nach der Zahl der vorhandenen Bauten ein gewisses Gewicht hat und Ausdruck einer organischen Siedlungsstruktur ist. Jedenfalls hieran fehlt es bei einem nicht geplanten Wochenendhausgebiet regelmäßig, so auch in dem vom Bundesverwaltungsgericht entschiedenen Fall. Daran änderte sich auch dadurch nichts, dass die vorhandenen Bebauungen geduldet worden sind oder Bestandsschutz genießen. Denn dies hat allenfalls Einfluss auf die Befugnis der Bauaufsicht, dagegen einzuschreiten. Der Charakter der Gebäude und ihrer Nutzung wird dadurch nicht geändert und erst recht entsteht kein Ortsteil. BVG, Beschluss vom 7.6.2016 (Az. 4 B 47/14) Schutz für Betriebswachstum nur, wenn es konkret geplant ist Ein im Außenbereich aufgrund einer Genehmigung ansässiger landwirtschaftlicher Betrieb, der durch seine Emissionen schädliche Umwelteinwirkungen hervorruft, hat eine schutzbedürftige und schutzwürdige Stellung inne. Denn der Rücksicht bedarf nicht nur, wer von Immissionen wie Lärm oder Geruch betroffen wird. Auch demjenigen, der in zulässiger Weise Emissionen verbreitet, muss dafür Raum zur Verfügung gestellt werden, indem seine Anlage in ihrem Bestand und Betrieb vor Überforderungen durch störungsempfindliche Nachbarn geschützt ist (sog. Schutz gegen heranrückende Wohnbebauung). Ob das neue Vorhaben privilegiert oder nicht privilegiert ist, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle; entscheidend ist nur der Störeffekt für den bereits vorhandenen privilegierten Bestand, also die Frage, ob der privilegiert genehmigte Bestand und das beabsichtigte Vorhaben unvereinbar sind. Wenn die einschlägigen Immissionswerte mit Blick auf die heranrückende Wohnnutzung derzeit (noch) eingehalten werden, aber eine Erweiterung des Betriebes in Betracht kommt, die zu dann nicht mehr zumutbaren Werten führen würde, kann auch das Recht des Betreibers bestehen, mit Blick hierauf „vorsorglich“ die heranrückende Wohnbebauung abzuwehren. Allerdings braucht bei der Zulassung eines Vorhabens im Außenbereich nicht schon auf vage Erweiterungsinteressen eines Landwirts Rücksicht genommen zu werden. Dass Erweiterungsabsichten nicht wirklich konkret sind, kann unter Umständen aus dem Verhalten des Landwirts abgeleitet werden, der zum Beispiel eine Baugenehmigung für ein heranrückendes Wohnbauvorhaben anficht und erst Monate später eine Bauvoranfrage oder einen Bauantrag zur Errichtung oder Erweiterung vorhandener Anlagen stellt. So lag es in dem vom OVG Münster entschiedenen Fall. Ähnlich entschied das VG Augsburg: Zwar wurden seit 2009 mehrere Beratungsgespräche über den Umbau eines Rinderstalls für die Umnutzung für Geflügelhaltung geführt. Als aber im August 2013 ein heranrückendes Wohnbauvorhaben genehmigt wurde, waren die Pläne für den Stall immer noch vage: Deren Genehmigung wurde erst im Januar 2014 beantragt. Wollte der Kläger glaubhaft machen, dass er schon vor der Genehmigung des Wohnhauses seinen Betrieb konkret erweitern wollte, hätte er zumindest dargelegen müssen, welche Tierart mit welcher Stückzahl zukünftig auf dem Betrieb gehalten werden sollte. OVG Münster, Beschluss vom 1. 3.2016, (Az. 2 A 2106/15) und VG Augsburg, Urteil vom 12. 11.2014 (Az. Au 4 K 13.1369) Gartenbau und Landwirtschaft: ­Gleiche Privilegien fürs Wohnhaus Ein Wohnhaus im Außenbereich war als landwirtschaftliches Betriebswohnhaus (§ 35 Abs. 1 Nr. 1 BauGB) genehmigt und hat in der Vergangenheit im Wesentlichen einem Gartenbaubetrieb nach § 35 Abs. 1 Nr. 2 BauGB gedient; diese Nutzung soll nun aufgegeben werden. Kann für dieses Haus nun eine Nutzungsänderung in ein „freies“ Wohnhaus nach § 35 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 BauGB beansprucht werden? Das OVG Münster hat nunmehr entschieden, dass sich beides, landwirtschaftliche und gartenbauliche Nutzung, nicht gegenseitig ausschließen. Es hat hierzu die Begründung des Gesetzentwurfs der Bundesregierung für die Einführung der Privilegierung in § 35 Abs. 1 Nr. 2 BauGB durch das Bau- und Raumordnungsgesetz 1998 herangezogen. Der Zweck der neuen Regelung habe darin bestanden, Betriebe der gartenbaulichen Erzeugung, die „Landwirtschaft“ im Sinne der Legaldefinition des § 201 BauGB betreiben, auch dann zu privilegieren, wenn nicht die Voraussetzung erfüllt sei, dass die Fläche eines Gebäudes in Bezug auf den gesamten Betrieb untergeordnet im Sinne des § 35 Abs. 1 Nr. 1 BauGB sei. Keineswegs sei eine strikte Trennung der Nutzungsarten beabsichtigt gewesen. Vielmehr könnten Betriebe der gartenbaulichen Erzeugung auch zugleich nach § 35 Abs. 1 Nr. 1 BauGB privilegiert sein, wenn denn die Voraussetzungen für die Annahme eines landwirtschaftlichen Betriebes erfüllt seien. Das sei bei dem Verständnis der Teilprivilegierung zu berücksichtigen, so dass gartenbauliche Betriebe, die zugleich auch landwirtschaftliche Betriebe seien, eine Nutzungsänderung zum Beispiel von bislang betriebsbezogener in freie Wohnnutzung beanspruchen können. OVG Münster, Urteil vom 6.7.2016 (Az. 7 A 472/15) Dr. Hubertus Schulte Beerbühl ist Richter am Verwaltungsgericht Münster. Mehr Informationen und Artikel zum Thema Recht finden Sie hier.

Planer vor Gericht

Aktuelle Urteile zu unterlassener Bauüberwachung, unklaren und falschen Angaben von Bauherr und Statiker, Koppelungsverbot und der Abgrenzung zwischen Akquise und Auftrag. Text: Kathrin Körner 1. HAFTUNG Bauüberwachung unterlassen und dies verschwiegen: ­Arglist Verschweigt ein mit der Bauüberwachung beauftragter Architekt bei Abnahme des Werks, dass er gar keine Bauüberwachung vorgenommen oder einzelne Gewerke pflichtwidrig nicht überwacht hat, so handelt er nach einem Urteil des OLG Brandenburg arglistig. Er haftet daher für Mängel, die er aufgrund der fehlenden Überwachung nicht erkannt hat. Das gilt allerdings nur, wenn er überhaupt das Bewusstsein hatte, seine Bauüberwachungsaufgaben nicht vertragsgerecht durchgeführt zu haben. Es liegt nur dann Arglist vor, wenn er entweder erkannt hat, dass ein Gewerk überwachungspflichtig ist, er die Überwachung unterlässt und das verschweigt – oder wenn er zwar überwacht und den Mangel als solchen auch erkannt hat, diesen aber verschweigt. In beiden Fällen haftet er. Ein Fehler liegt grundsätzlich vor, wenn der bauüberwachende Architekt es in fehlerhafter Weise unterlässt, die einzelnen Gewerke zu überprüfen beziehungsweise die gesamte Bauüberwachung vorzunehmen. Der Auftraggeber kann den bauüberwachenden Architekten nur wegen arglistig verschwiegener Mängel seiner Leistung in Anspruch nehmen, wenn er beweist, dass der Architekt trotz Erforderlichkeit bewusst keine Bauüberwachung durchgeführt hat. OLG Brandenburg, Urteil vom 3.6.2016 (Az. 11 U 183/14) Der Bauherr muss klare ­Angaben ­machen Macht der Bauherr unklare Angaben gegenüber einem Sonderfachmann, etwa einem Bodengutachter, und resultieren daraus Fehler, dann muss der Bauherr sich diese nach einem Urteil des OLG Hamm gegenüber dem Architekten zurechnen lassen. Bei der Prüfung von Schadenersatzansprüchen gegen den Architekten wegen fehlerhafter Planung und Überwachung ist daher zu klären, ob nicht ein mögliches Mitverschulden des Bauherrn gemäß § 254 Abs. 1 BGB vorliegt. Nach Ansicht des Gerichts besteht eine Obliegenheit des Bauherrn, die an der Planung beteiligten Fachleute mit Informationen zu versorgen, die für deren Planung notwendig sind. Dies gelte auch im Verhältnis zum Architekten, da auch dieser für seine Planung auf Informationen angewiesen ist, die nicht in sein unmittelbares Fachgebiet fallen und mit deren Beschaffung er nicht beauftragt ist. Dazu gehören unter anderem Angaben zu den Boden- und Grundwasserverhältnissen. Holt der Bauherr hierfür ein Bodengutachten ein und sind die Angaben des Gutachters zumindest unklar oder nicht eindeutig, sind diese Angaben dem Urteil zufolge als fehlerhaft anzusehen. Dies müsse sich der Bauherr als Mitverschulden gegenüber dem Architekten zurechnen lassen. OLG Hamm, Urteil vom 24.5.2016 (Az. 24 U 10/14) Nicht auf den Statiker ­vertrauen! Die Planung des Architekten ist nach einem Urteil des OLG Köln fehlerhaft, wenn ein Tiefgaragenstellplatz mit einem Mittelklassefahrzeug nur befahrbar ist, wenn ein anderer Stellplatz in Anspruch genommen wird und der nach öffentlich-rechtlichen Vorschriften vorgeschriebe Einfahrtsradius nicht eingehalten wurde. Dies sei – so das Gericht – auch dann der Fall, wenn die mangelhafte Planung auf einer Vorgabe des Statikers beruht. Der Architekt kann sich nicht darauf berufen, er habe auf die Aussagen des Statikers vertrauen dürfen. Er hätte den Auftraggeber jedenfalls über die eingeschränkte Nutzbarkeit des Stellplatzes informieren müssen. Er wäre von seiner Haftung nur dann frei, wenn er seinen Auftraggeber auf die fehlende Nutzbarkeit des Stellplatzes hingewiesen hat und dieser das Risiko der Planung übernimmt. Zudem sei die Leistung des Statikers mangelhaft, wenn er das Versetzen einer vom Architekten geplanten Stütze als „zwingend notwendig“ bezeichne, tatsächlich aber eine statische Notwendigkeit nicht bestehe und durch das Versetzen die oben geschilderten Folgen eintreten. Auch der Statiker müsse die Gesamtsituation beurteilen und im Rahmen seiner vertraglichen Verpflichtungen auf die wirtschaftlichen Vorgaben und Belange des Auftraggebers Rücksicht nehmen. Der Architekt und der Statiker haften hier daher als Gesamtschuldner. OLG Köln, Urteil vom 24.2.2016 (Az. 16 U 50/15) 2. HONORAR Koppelungsverbot, auch wenn der ­Architekt nicht Verkäufer ist Das Koppelungsverbot bei Grundstücksgeschäften soll nicht nur für Vereinbarungen zwischen Veräußerer und Erwerber gelten, sondern auch für Vereinbarungen zwischen einem Ingenieur oder Architekten und dem Erwerber „im Zusammenhang mit dem Erwerb“. Danach ist jede Vereinbarung unwirksam, in der sich der Erwerber eines Grundstücks im Zusammenhang mit dem Erwerb verpflichtet, bei der Planung oder Ausführung eines Bauwerks auf dem Grundstück die Leistungen eines bestimmten Ingenieurs oder Architekten in Anspruch zu nehmen (§ 3 des Gesetzes zur Regelung von ­Ingenieur- und Architektenleistungen, Ing-ALG). In einem solchen Fall stehe dem Architekten auch kein Honorar für bereits erbrachte Planungsleistungen zu. Der Auftraggeber könne bereits erbrachte Zahlungen zurückverlangen. Wenn der Architekt zur Erfüllung eines formnichtigen Vertrages Planungsleistungen erbracht hat, könne er diese zwar nach bereicherungsrechtlichen Grundsätzen abrechnen (nach den Mindestsätzen der HOAI). Dies aber nur, wenn das Bauwerk tatsächlich unter Verwendung seiner Planungsleistungen errichtet wurde. LG Nürnberg-Fürth, Urteil vom 10.6.2015 (Az. 12 O 5884/14) Viel geplant: Auftrag, nicht Akquise Hat ein Architekt umfassende Planungsleistungen erbracht, die Grundlage für die Beantragung einer Baugenehmigung und eines Investitionskostenzuschusses wurden, spreche dies nach einem Urteil des OLG München für einen (konkludenten) Vertragsschluss. Lebensfremd ist danach die Annahme, dass ein Architekt umfangreiche Leistungen, wie im vorliegenden Fall die Leistungsphasen 1 bis 4, kostenlos erbringen wolle. Im vom OLG München entschiedenen Fall hatten Bauherr und Architekt zudem vereinbart, dass der Planungsauftrag zurückgezogen werden sollte, wenn der Bauherr den beantragten Investitionskostenzuschuss nicht erhalten würde. Gerade diese Bedingung spreche gegen das Erbringen bloßer Akquiseleistungen durch den Architekten. Der Investitionskostenzuschuss habe nur deshalb als Bedingung für die Bezahlung des Architektenhonorars erwähnt werden können, weil zu vergütende Leistungen schon vorlagen. Der Auftraggeber habe so es in der Hand, den Vertrag mit dem Architekten nicht zu schließen. OLG München, Beschluss vom 11.9.2014 (Az. 9 U 1314/14), BGH, 29.6.2016 (Az. VII ZR 240/14) (NZB zurückgewiesen) Kathrin Körner ist Rechtsassessorin in der Bayerischen ­Architektenkammer. Mehr Informationen und Artikel zum Thema Recht finden Sie hier.

Hoch-Moderne

Slowenische Spitzen: Die gestaffelten Pultdächer des mehrschichtigen Biwakbaus am Skuta-Berg… An der Architektur neuer Schutzhütten scheiden sich in den Alpen die Geister. Text: Christoph Gunßer In den Alpinforen im Internet tobt seit einiger Zeit ein Kulturkampf. Die Baukultur am Berg erregt die Gemüter. Fakt ist: Die Designer haben die Berge entdeckt. …sollen mit der Felslandschaft ringsum korrespondieren. Gar manch schroffe Felswand wird inzwischen von hypermodernen Formen überhöht oder – je nach Sichtweise – verunziert. „Wurden die Alpen an Legoland verkauft?“, fragt da ein selbst ernannter Heimatschützer angesichts der Containerbauweise jüngster Schutzhütten; ein anderer fühlt sich vom zuweilen schrillen Futurismus an weggeworfene Red-Bull-Dosen erinnert. Hintergrund ist ein Kletter-Boom: Einhundert neue Steige wurden im Alpenraum in nur fünf Jahren eingerichtet – der Deutsche Alpenverein spricht von einer „Verdrahtung“ der Bergwelt. Wildnis ist „in“, nicht nur in den Bergen. Hier wie anderswo erleben auch Baumhäuser, Baumwipfelpfade und dergleichen einen regelrechten Boom. In den Alpen zieht der Andrang erlebnishungriger Massen oft den Bau leistungsfähiger Infrastruktur nach sich: Bergbahnen, Gasthäuser, Schutzhütten. Es gibt sogar ganze Konferenzzentren am Berg. „Schöne neue Alpen“ hieß schon vor zwanzig Jahren eine alarmierende Ausstellung über die gnadenlose Erschließung der Bergwelt für den Massentourismus. Und hier kommt die Architektur ins Spiel. Um Aufmerksamkeit zu erregen, lässt man die Tourismus-Locations immer spektakulärer stylen. Einmalig soll die Gestaltung sein und „hervorragend“, also gerade nicht sich unauffällig einfügen. Hinzu kommt, dass moderne High-Tech-Konstruktionen mehr Effizienz versprechen als traditionelle Bauformen. Per Helikopter lassen sich heute ganze Hütten einfliegen. Für die Ver- und Entsorgung gibt es an Extremlagen optimierte autarke Systeme. Warum diese Technik also nicht „ehrlich“ zeigen? Ist es nicht Zeit für eine „Revolution am Berg“, wie die „Bauwelt“ schrieb? Angeseilt: Am slowenischen Kanin-Berg bietet eine Kabine… Ein alter Disput, auf die Spitze getrieben Vom modernen Altmeister Adolf Loos sind „Regeln für den, der in den bergen baut“ überliefert. Da heißt es beispielsweise, ziemlich unmodern: …bis zu neun Menschen zumindest notdürftigen Schutz. „Achte auf die formen, in denen der bauer baut. Denn sie sind der urväterweisheit geronnene substanz.“ Und gleichzeitig: „Sprich mit den bauern in deiner sprache … sei wahr.“ Zwischen Tradition und Innovation liegt also eine alpine Gratwanderung. Und selbstverständlich gibt es gute und schlechte Beispiele für beide Haltungen. Auf Deutschlands höchstem Berg etwa, der Zugspitze, gibt es ein Restaurant im plumpesten Blockhausstil ebenso wie eine arg klobige moderne Bergstation. Die Franzosen wussten da zuletzt mehr aus ihrem Höhepunkt zu machen: Am Mont-Blanc klebt seit 2013 ein riesiger silberner Blob. Für eine „Refuge“, eine Schutzhütte also, ist die ovale, in Edelstahl gekleidete Holzkonstruktion mit 120 Übernachtungsplätzen ganz schön luxuriös. Immerhin erklimmen jährlich 30.000 Touristen den Gipfel. Wegen der außergewöhnlichen Architektur, autark geplant von Thomas Büchi und Hervé Dessimoz aus Genf, ist die 7,5 Millionen Euro teure Herberge auf über 3.800 Metern Höhe mittlerweile zum Ziel auch für Leute geworden, die gar nicht auf den Gipfel steigen wollen. Stützpunkte in Extremsituationen Weit weniger Rummel herrscht hingegen in den Südlichen Kalkalpen in Slowenien. Hier entwickelten Ofis Arhitekti aus Ljubljana zwei minimale Schutzbauten in abgelegenem Gebiet: Am Skuta-Berg errichteten sie mit Studenten der Harvard Graduate School 2014 einen mehrschichtigen Biwakbau, dessen gestaffelte Pultdächer mit der schroffen Felslandschaft ringsum korrespondieren. Im vorigen Jahr ging das Team auf dem Kanin-Berg noch radikaler vor: Dort wurde nur eine „Kabine“ für maximal neun Menschen abgesetzt, errichtet ohne Budget, unterstützt durch Spenden. Bei guter Sicht schweift der Blick aus der Box bis zur 50 Kilometer entfernten Adria. Der kantige Bau entsprang ganz offensichtlich der Engführung von innerer Funktion und Form, wirkt aber in diesem bescheidenen Maßstab dennoch nicht als Fremdkörper. Hochwald: Holz-Schindeln obwohl oberhalb der Baumgrenze – die Edelrauthütte in Südtirol. Haustechnik gefragt 740 Schutzhütten gibt es in den Alpen. Viele davon stammen aus dem frühen 20. oder sogar noch aus dem 19. Jahrhundert, als der Bergtourismus in Gang kam. Das Wetter im Hochgebirge nagt an der Substanz; durch den Klimawandel auftauende Permafrostböden gefährden teilweise sogar die Standsicherheit. Und viele Touristen erwarten heute weit mehr als nur notdürftigen Schutz. Der Massenandrang verlangt nach leistungsfähigeren Konzepten, nicht zuletzt für die Haustechnik. Müllhalden sind schließlich Idyllen-Killer. Als erster Hüttenbetreiber im Zentralalpenraum entschloss sich das Land Südtirol deshalb 2011, Architekturwettbewerbe für drei Berghütten in den Ötztaler und Zillertaler Alpen auszuloben. Die bestehenden Hütten seien nicht mehr zu halten, Neubauten also erforderlich. Dabei wollte das federführende Hochbauamt Bozen durchaus auch gestalterisch neue Wege gehen: Innovation dürfe nicht an der Baumgrenze haltmachen, hieß es. Jeweils acht Büros wurden eingeladen. Die prämierten Hütten-Neubauten spiegeln die Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne auf ganz unterschiedliche Weise wider: Für die Edelrauthütte schlugen MoDus Architekten aus Brixen einen L-förmigen Holzbau vor. Die Konstruktion basiert auf einem 2,40-Meter-Raster und eignet sich für den Transport mit dem Hubschrauber. Holzschindeln und Fensterläden geben dem Pultdachkörper dabei ein eher regionales Gepräge. Das Dach nimmt die geforderten Solar- und Photovoltaikpaneele auf. Die Jury lobte die Einfachheit und Bescheidenheit der Anlage. Die Schwarzensteinhütte als höchstgelegene Schutzhütte der Zillertaler Alpen auf 2.923 Metern Höhe wird von Helmut Stifter und Angelika Bachmann aus Pfalzen hingegen in völlig neuer Form errichtet. Ihr Entwurf stapelt die Funktionen in fünf Geschossen zu einem turmartigen Baukörper. Die Holzkonstruktion soll mit vorpatiniertem Kupfer verkleidet werden. Für die Weißkugelhütte entwickelten Höller & Klotzner Architekten einen geschlossenen Baukörper, der sich dem abfallenden Gelände entgegenstemmt. Die kleinen Fenster und Schlitze sollen die Schutzfunktion einer Berghütte zum Ausdruck bringen. Die Hülle bilden Titanzink-Platten in Schuppenoptik. Deren Patina erinnere an das Paragneisgestein der Umgebung, sagen die Architekten. Die Entwürfe lösten Debatten aus; die Rede war gar von „hässlichen Protzbauten“ – die Kosten von bis zu zwei Millionen Euro pro Hütte warfen Fragen auf. Inzwischen sind die Hütten zumindest teilweise im Bau. Spitzenlage: Die La-Grave-Hütte wurde respektvoll saniert. Die Holzkonstruktion wurde in Aluminium verpackt. Anscheinend tut man sich am Rande des Alpenraums leichter mit Innovationen: Vor über zehn Jahren war in der Steiermark das Schiestlhaus am Hochschwab neu errichtet worden. Die Wiener Solarpioniere Treberspurg & Partner mit POS Architekten realisierten dort das erste hochalpine Passivhaus, und zwar in einer unprätentiösen Holzarchitektur. Wie respektvoll auch eine Bestandssanierung gelingen kann, zeigt die exponiert am 3.450 Meter hohen Col de lʼAigle in den französischen Seealpen gelegene Schutzhütte La Grave: C17 Architekten um Jacques Felix-Faure aus Barraux renovierten den Einraum von 28 Quadratmetern, in dem 18 Personen nächtigen können, indem sie die Holzkonstruktion ausbesserten, solare Haustechnik einbauten und das Ganze in eine neue Wetterhülle aus Aluminiumtafeln verpackten. Der ewige Widerstreit von Natur und Kunst, der ja durchaus auch ein Dialog sein kann: Hier oben wird er gewissermaßen auf die Spitze getrieben. Wenn die Architektur dort der Versuchung einer übertriebenen Selbstinszenierung widersteht, kommt das in diesem sensiblen Lebensraum sicher allen Seiten zugute. Christoph Gunßer ist freier Fachautor in ­Bartenstein ­(Baden-Württemberg).

München dämpft

Lärmschutz und ambitionierte Architektur vereint München am Mittleren Ring. Text: Cordula Rau Dieser Text beruht wesentlich auf Publikationen der Stadt München, die Sie hier finden Der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur“, bemerkte Kurt Tucholsky, und weiter: „Lärm ist das Geräusch der anderen.“ Lärm, insbesondere Verkehrslärm, stellt laut einer Umfrage des Bundesumweltamtes eines der gravierendsten Umweltprobleme unserer Zeit dar. Auch am Mittleren Ring in München mit bis zu 150.000 Kraftfahrzeugen in einzelnen Abschnitten. Trotz der hohen Verkehrsbelastung ist er in vielen Teilen auch Wohnort von meist alteingesessenen Münchnern. Obwohl sie der ständigen Lärmbelastung ausgesetzt sind, fühlen sich die Bewohner mit ihrem Quartier verbunden oder finden nichts anderes. Dies belegt die geringe Fluktuation in Stadtvierteln wie Giesing, Ramersdorf, Bogenhausen oder Neuhausen. Für den Unterhalt von Bundesstraßen, in deren Kategorie auch der Mittlere Ring fällt, ist die Stadt mit ihren eigenen Finanzmitteln zuständig. Eine Maßnahme gegen Verkehrslärm ist das Verlegen von „Flüster­asphalt“, woran in München bereits an einigen Abschnitten gearbeitet wird. Im Wohnungsbau helfen experimentelle Ansätze, Wohnungen nachhaltig zu verbessern oder neue sinnvoll entstehen zu lassen. Kontrollierte Lüftungsanlagen, Lärmschutzgläser und schallabsorbierende Elemente werten Altbauten auf, vorhandene Freiflächen werden durch Lärmschutzbebauungen zu nutzbaren Grünräumen, neu entstehende Wohnungen tragen zur Durchmischung bei. Durchdachte Grundrisse orientieren sich dabei überwiegend zur ruhigen Hofseite, während die Fassaden zum Ring hin ein urbanes Gesicht zeigen. Entwicklung: In Berg am Laim zeigt der Entwurf von 03 Architekten zum Mittleren Ring einen Hauch von Urbanität, zum Hof hin Idylle. Rechts das Quartiers-Gesamtkonzept. © Estudio Obra/ 03 Architekten 30 Millionen für das Wohnen am Ring „Wohnen am Ring“ heißt das Förderprogramm der Landeshauptstadt München zur Verbesserung der Wohn- und Lebensqualität am Mittleren Ring. Das Programm wurde im Jahr 2001 erstmals aufgelegt und gerade zum zweiten Mal bis 2022 verlängert. Mehr als 30 Millionen Euro sind bisher geflossen; Insgesamt wurden rund 975 Wohnungen gefördert und über 1.000 weitere Wohnungen schallberuhigt. Ziel ist es, möglichst große Lärmschutzeffekte an geeigneten Abschnitten des Mittleren Rings zu erzielen. In den Stadtteilen, die durch Verkehr und Gewerbe belastet sind, leben häufig am Wohnungsmarkt benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Der Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit bei Umweltqualität und umweltbezogener Gesundheit wird in Deutschland in zahlreichen Studien untersucht. Die Armutsbevölkerung ist meist weniger in der Lage, sich vor den Folgen der Umweltbelastungen zu schützen. In den Gebäuden am Mittleren Ring konzentrieren sich oft Haushalte in schwierigen Lebenslagen. Mit Unterstützung des Förderprogramms können die Umweltbelastungen auch für diesen Bewohnerkreis reduziert werden. Durch den Einsatz von Städtebauförderungsmitteln wurden in den Sanierungsgebieten zahlreiche Wohnungen lärmberuhigt – häufig im Verbund mit Wohnungsbauförderungsmitteln und Mitteln aus dem Lärmschutzprogramm. Durch den zum Mittleren Ring orientierten Baulückenschluss konnten neue Wohnungen gebaut werden. Einerseits bedeutet dies für die Mieter mehr Lebensqualität, andererseits für den Eigentümer eine nachhaltige Investition in den Werterhalt seiner Immobilie. Verglast: 58 Sozialwohnungen von Zillerplus schirmen die dahinter liegende Maikäfersiedlung vom Mittleren Ring ab. In den unteren Etagen gibt es an der Südseite zur Straße statt Balkonen verglaste Loggien. Im Münchener Osten zwischen Ramersdorf und Berg am Laim wurde verdichtet. Zillerplus Architekten gewannen dort einen städtebaulichen Wettbewerb. Die frühere Maikäfersiedlung wurde nach und nach ersetzt. Den Auftakt der neuen Bebauung bildet ein parallel zum stark belasteten Mittleren Ring angeordnetes Wohn- und Geschäftshaus mit angegliedertem Turm. Neben Läden und den Büros der Hausverwaltung finden in diesem Ensemble 58 Sozialwohnungen Platz. Die überwiegend geschlossene Bebauung entlang der verkehrsreichen Straßen sollte – wie so oft im sozialen Wohnungsbau – den Häusern dahinter als Lärmschutz dienen. Die Kombination verschiedener Formen wie Atrium-, Maisonettwohnung oder Zentralgrundriss in horizontaler Schichtung ermöglicht soziale Mischung bei gleichzeitigem Lärmschutz. Die durchgesteckten Maisonettes und Atriumwohnungen holen das Licht von der Südseite an der Straße und die Luft von der ruhigen Hofseite im Norden in die Räume. Entlang der Straße bieten Loggien im ersten und zweiten Geschoss mehr Wohnqualität. Sie sind durch eine zu öffnende Einfachverglasung geschützt. Dies funktioniert an der Stelle wesentlich besser als ein offener Balkon. Lückenschluss in Ramersdorf Im Münchner Stadtteil Ramersdorf liegt die Wohnanlage der GWG München an der Zornedinger Straße. Früher standen auf dem Grundstück drei Gebäude aus den 1960er-Jahren. Da die Anlage zum Innsbrucker Ring hin offen war, drang der Verkehrslärm ungehindert hindurch. Die Lärmbelastung war hoch, die Freiflächen zwischen den Häuserzeilen wurden kaum genutzt. Ziel der 2007 begonnenen Planung für ein neues Gesamtkonzept der Anlage war es, die Lärmemissionen zu reduzieren und durch Neubau und Aufstockung neuen Wohnraum zu schaffen. Heute stehen zwischen den drei Gebäudezeilen des Bestandes drei neue fünfgeschossige Gebäudekomplexe als Lückenschluss zum Innsbrucker Ring. Gleich einer Lärmschutzwand bewahren sie die alten Bestandsbauten vor dem eindringenden Verkehrslärm. Abgewandt: In Ramersdorf haben Felix + Jonas eine Hausgruppe aus den 1960er-Jahren saniert, aufgestockt und ergänzt. Das Leben findet auf der Hofseite statt. Sie zeigen: Die nachträgliche Aufwertung von ehemals stark belasteten Wohngebieten ist durchaus möglich. Auch der Bestand muss nicht immer grundsätzlich in Frage gestellt werden. Behutsame Erneuerung zeigt die preisgekrönte Wohnanlage der Münchner Architekten Felix + Jonas. Nach Modernisierung, Aufstockung und Neubau umfasst die Wohnanlage insgesamt 147 Mieteinheiten. Die Schließung des Zeilenbaus aus den Sechzigern durch zusätzliche Riegel verbessert die Wohnqualität im Quartier spürbar. Grundrisse mit durchgesteckten Wohnungen und die Anordnung von Fluren und Nebenräumen zur verkehrsbelasteten Straße hin kennzeichnen die Neubauten. Individual- und Wohnräume liegen zu den beruhigten Innenhöfen. Schmale Fensteröffnungen prägen das Erscheinungsbild zum Mittleren Ring. Sie lassen die Fassaden zur Straße trotz des Verkehrslärms nicht abweisend in Erscheinung treten, sondern auch von dort als Wohnbau. Durch die Anordnung der fünfgeschossigen Neubauten ist in der gesamten Anlage der Lärm erheblich reduziert worden. Mieter konnten bleiben und bestehenden Hausgemeinschaften sich halten. Neben der einkommensorientierten Förderung kam auch hier das Förderprogramm „Wohnen am Ring“ zum Tragen. Das Projekt wurde mit dem Bauherrenpreis Modernisierung und dem Ehrenpreis der Stadt München ausgezeichnet. Ein weiteres Beispiel am Innsbrucker Ring ist ein Wettbewerb aus dem Jahr 2013, aus dem 03 Architekten als Sieger hervorgingen. Das Projekt ist derzeit im Bau. Der Struktur der Siedlung und der Stadt folgend, schließt der Entwurf die Ecksituation mit durchgehender Traufhöhe. Er bietet den nötigen Schallschutz für die Wohnnutzung und das dahinter liegende Quartier. Das Gebäude wurde in eine zweite Haut gehüllt. Großzügige verglaste Einschnitte markieren die Eingänge zu den Nutzungen. In den Wohngeschossen erzeugt der Wechsel von verglasten und blechverkleideten Flächen ein abstraktes Bild zur viel befahrenen Kreuzung. Die Fassaden dahinter sind herkömmliche Putzfassaden. Die verschiebbaren Lochblechelemente zeigen nachts eine sich stetig ändernde Ansicht, die neben dem Sonnenschutz auch die notwendige Privatheit für die Bewohner herstellt. Die umlaufende zweite Schicht mit Balkon und Laubengangbereichen lässt das Gebäude offen und großzügig wirken. Ruhe in der Ex-Kaserne Von den Berliner Architekten Leon Wohlhage stammt die Planung für den Umbau der ehemaligen Funkkaserne im Münchner Norden zum Wohnen. 420 Wohnungen bilden den Auftakt; zum großen Teil sind es geförderte Mietwohnungen und Studentenwohnungen. Dazu kommen eine Kindertagesstätte, Pflegewohnungen und ein Familienzentrum. Ruhiges Wohnen trotz lauter Straße wurde durch innere Organisation und Lärmschutzwände zum Frankfurter Ring erreicht. Die zu ihm gelegenen etwas abgerückten Bauteile erschließt ein an der Außenwand verlaufender Gang. Er dient gleichzeitig als Lärmpuffer. Zu den Seitenstraßen sind nur Nebenräume angeordnet. Das Wohnen orientiert sich zum begrünten ruhigen Hof. Gestalterisch begnügt sich auch die Straßenseite nicht damit, Rückseite zu sein. Erkerartige Vorsprünge geben der dahinterliegenden Erschließung Räumlichkeit und bieten auch dem schnell Vorbeifahrenden ein unverwechselbares Bild. Die besonders gestalteten Schallschutzwände fügen sich in zurückhaltender Transparenz in die Zwischenräume ein. Cordula Rau ist Architektin, Kuratorin und ­Publizistin in München.

Schutz und Spannung

Für die Gesellschaft mit Visionen: Richard Buckminster Fullers ­Biosphère in Montreal existiert noch als Gerippe. ­Eigentlich wollte er ganze Städte über­dachen. Dächer sind mehr als Ingenieurbauwerke: Sie stehen für unsere Gesellschaft, der sie ein Obdach bieten – und damit für uns alle. Text: Heiko Haberle Alle Produkte dieser Welt versuchte man 1851 auf der Londoner Weltausstellung im berühmten Kristallpalast zu versammeln. Das Gebäude selbst demonstrierte mit seiner Stahl-Glas-Konstruktion von über einem halben Kilometer Länge das technische Können der Zeit. Auch später brachten immer wieder Weltausstellungen beeindruckende Dächer hervor. Der amerikanische Architekt, Schriftsteller und Erfinder Richard Buckminster Fuller entwarf 1967 mit seiner Biosphère, dem US-Pavillon für die Expo in Montreal, aus einem dreidimensionalen Stabwerk eine Kugel von 76 Metern Durchmesser. Dass deren Acrylhaut 1976 in Flammen aufging, beeinträchtigte die ansonsten noch heute existierende Struktur nicht. Die sollte ohnehin nur ein Prototyp sein: Für Midtown Manhattan hatte Fuller bereits eine geodätische Kuppel mit einer Höhe von einer Meile und einem Durchmesser von 40 Straßenblocks erdacht. Niemand sollte darunter mehr heizen oder kühlen müssen und allein die eingesparten Kosten der Schneebeseitigung würden die Konstruktion in nur zehn Jahren gegenfinanzieren. Netze, Gitter und Zelte Ebenfalls auf der Montrealer Weltausstellung, die ganz vom Glauben an technischen und gesellschaftlichen Fortschritt geprägt war, fiel auch der deutsche Pavillon auf. Die von Frei Otto und Rolf Gutbrod zusammen mit dem Ingenieur Fritz Leonhardt entworfene Zeltkonstruktion bestand aus Seilen, die von Masten abgehängt waren und, mit einer Membran bespannt, fast 8.000 Quadratmeter überdachten. Das war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das fast zehnmal so große Münchner Olympiadach von 1972, das Otto mit dem Architekturbüro Behnisch und Partner entwickelte. An die Stelle der Membran waren Acrylglasplatten getreten, sodass die transparente Zelt-Architektur zusammen mit der leichtfüßigen Grafik von Otl Aicher nicht nur der bis dahin etwas altbackenen Stadt München zu einem neuen Image verhalf, sondern ein ganz neues Deutschlandbild vermittelte: das einer weltoffenen, friedvollen und modernen Nation.

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Für die Fortschrittsgesellschaft: Die Multihalle Mannheim ist akut gefährdet und großteils gesperrt. Foto: Daniel Lukac

Was eine Expo im Großen, waren Bundesgartenschauen wohl einmal im Kleinen. Besonders experimentierfreudig war man 1975 in Mannheim. So wurde mit dem Aerobus – einer Schwebebahn, deren Schienen an einer beängstigend filigranen Seilkonstruktion abgehängt waren – ein bis heute einzigartiges Verkehrskonzept erprobt. Und die Architekten Carlfried Mutschler und Joachim Langner konnten mit Frei Otto im Herzogenriedpark ihre Multihalle bauen. Mit 7.400 Quadratmetern überdachter Fläche ist sie noch immer die weltweit größte Holzgitterschale. Unter dem amorphen Kuppelbau, der eine Höhe von 20 Metern und eine maximale Spannweite von 85 Metern erreicht, befinden sich neben öffentlichen Wegen und einem Restaurant auch eine Veranstaltungshalle, die bis vor einigen Jahren noch meist bodenständigen Zwecken diente: Messen für Rassekatzen oder Modellbau, Mittelaltermärkte, aber auch Groß-Hochzeiten. Doch nach 40 Jahren macht sich bemerkbar, dass eigentlich nur ein temporärer Bau geplant und genehmigt worden war. Die große Halle musste gesperrt werden. Der Sanierungsbedarf ist an allen Bauteilen sichtbar. Das veranlasste den Gemeinderat im Sommer 2016 zu dem Beschluss, die denkmalgeschützte Halle wohl abreißen zu müssen, wenn nicht bis Ende 2017 die geschätzten 11,6 Millionen Euro aus privaten Spenden aufgebracht würden. Was von vielen Medien als Abrisswunsch skandalisiert wurde, hat zumindest bewirkt, dass die Stadt, die sich sehr wohl des Wertes der Multihalle bewusst zu sein scheint, nun nicht mehr allein dasteht. Ein Förderverein wurde auf Initiative der Architektenkammer Baden-Württemberg gegründet. Deren Vizepräsident Stephan Weber erinnert sich an seine Studienzeit in den 1980er-Jahren bei Professor Fritz Wenzel, dem Prüfstatiker der Multihalle: „Zum Nachweis der Statik wurden Mülleimer mit Wasser gefüllt und unter das Dach gehängt.“ Als sich etwas später die Postmoderne mit ihren retrospektiven und stilvermischenden Konzepten durchsetzte, habe man sich als Kontrast gern die filigrane Multihalle vor Augen geführt. Volker Schmid, Professor für Verbundstrukturen an der TU Berlin, hält die Multihalle noch immer für einen Meilenstein. Ihr Konstruktionsprinzip aus ineinandergreifenden Strängen aus Doppellatten sei an sich ein robustes System, das auch heute noch Anwendung finde. In Mannheim seien eben die Verbindungen nicht für eine Dauerbelastung konzipiert worden. „Auch wenn sich viele Utopien nicht bewahrheitet haben, müssen die Dächer dieser Zeit erst recht gerettet werden“, findet Schmid. „Gerade weil Ingenieure an kaum einer anderen Bauaufgabe so gut ihre Kreativität demonstrieren können.“ Für die bildhungrige Gesellschaft: Der Metropol Parasol war auf den Renderings so überzeugend, dass er gebaut wurde. Aber auch das gebaute Ergebnis sieht auf dem Foto virtuell aus. Frei Otto und seine Mitstreiter strebten bei vielen ihrer Dächer nach Minimalflächen, die sie durch Experimente mit Hängemodellen, Damenstrumpfhosen oder Seifenhaut gewannen. Lehrmeisterin in Sachen Formoptimierung und Materialreduktion war oft auch die Natur. Am Ende des Formfindungsprozesses stand eine baubare Lösung. Weil wir heute in einer bildfixierten Gesellschaft leben, wundert es nicht, dass nun umgekehrt von spektakulären Zielbildern ausgegangen wird, die es zu realisieren gilt. Etwa 2004 beim Ideen-Wettbewerb für die Neugestaltung eines Stadtplatzes in Sevilla. Dabei sollten römische Ausgrabungen und ein Markt integriert werden und das Ganze einen Sonnenschutz erhalten. Das kann man ganz bescheiden lösen oder spektakulär wie Jürgen Meyer H., der gemeinsam mit den Ingenieuren von Arup mit dem starken Bild riesiger Schirme, die zu einer begehbaren Dachfläche zusammenwachsen, den Wettbewerb gewann. Diesen Metropol Parasol dann auch umzusetzen, erforderte wiederum einiges Experimentieren, wie Volker Schmid, damals Projektleiter bei Arup, berichtet. Die kräftigen Stützen sollten ja nicht einfach eine horizontale Dachfläche tragen, sondern Stämme und Dach eine fließende Gesamtform darstellen. Gelöst wurde das mit einem Raster aus vertikalen Scheiben, die den Formenverlauf zeichnen. Erst dabei habe sich Furnierschichtholz als ideales Baumaterial herausgestellt. Für die Ökogesellschaft: Bei Köln soll ein ganzes Gewerbegebiet unter einer Klimahülle verschwinden und sich selbst versorgen. Das verhindert auch architektonischen Wildwuchs. Hüllen und Holz Waren die leichten Konstruktionen der 1960er- und 1970er-Jahre ein Symbol für Transparenz, Freiheit und Demokratie gewesen, findet man heute Dächer, die für eine „Ökogesellschaft“ stehen. Oft wird dabei Holz eingesetzt. Manchmal ist das aber eher assoziativ, denn es darf bezweifelt werden, ob beeindruckende Mammutkonstruktionen wie der Metropol Parasol oder das aus zehn riesigen Schirmen bestehende Expo-Dach in Hannover per se ökologisch sein können. Auch stößt man oft noch an die Grenzen der Bauordnungen, wie Shigeru Bans japanischer Pavillon auf der Expo 2000 (Frei Otto war auch daran beteiligt). Das Tragwerk aus Papprohren musste mit einer Holzkonstruktion unterstützt und die Papiermembran mit einer feuerfesten PVC-Folie überdeckt werden. Ein weiteres Konzept der Ökogesellschaft sind Klimahüllen, deren wohl konsequentestes Beispiel seit 1999 in Herne auf der ehemaligen Zeche Mont Cenis zu besichtigen ist. Die vom französischen Architekturbüro Jourda & Perraudin in Partnerschaft mit dem Büro HHS des jüngst verstorbenen Manfred Hegger eher rational konstruierte Halle überspannt eine kleine Stadt: die Fortbildungsakademie des Landes Nordrhein-Westfalen, ein Hotel, ein Stadtteilzentrum und eine Bibliothek. In den „Freiräumen“ im Inneren, die mit Palmen und Wasserbecken ausgestattet sind, herrscht „das ganze Jahr über ein Klima wie am Mittelmeer“, wie die Stadtwerke Herne werben. Mit seiner riesigen Solaranlage wird das Dach zum Kraftwerk. Dank eines Batteriespeichers und der Nutzung von Grubengas ist man auf Mont Cenis energetisch autark. Für die Erlebnisgesellschaft: Das Tropical Islands südlich von Berlin fasziniert als Ingenieurbauwerk und als Idee. Ein Besuch ist aber nicht jedem Gemüt zuträglich. Volker Schmid von der TU Berlin sieht solche Klimahüllen persönlich kritisch, aber da sei seine Profession durchaus uneins. „Die eingesparten Maßnahmen des Wetterschutzes an den Einbauten dürften wohl nur selten die Unterhaltungskosten der Hülle aufwiegen. Zudem entstehen neue Anforderungen an den Brandschutz, den Schallschutz und die Belüftung.“ Doch aktuell ist die Idee noch immer. So möchte der Marler Architekt Ralf Baumgärtner westlich von Köln zwischen Bergheim, Bedburg und Elsdorf ein zu errichtendes interkommunales Gewerbegebiet einhüllen. Mit 290 mal 100 Metern wäre sein Projekt doppelt so groß wie das Vorbild aus Herne. Als Erstes soll die Hülle errichtet werden. Sie wird bis auf eine Höhe von 3,50 Metern verglast und erhält darüber eine transluzente, textile Membran in Doppellage, in die Fotovoltaikzellen integriert sind. Ausgehend von festen Installationspunkten und Treppenschächten, folgen dann schrittweise die Einbauten für produzierendes Gewerbe, Büros und Schulung. „Das gleichbleibende Mikroklima macht Abdichtungen und Dämmungen weitgehend überflüssig, sodass die Holzkonstruktion der Einbauten sichtbar bleiben kann“, erklärt Baumgärtner. Der Brandschutz wird durch Sprinkler gewährleistet und geheizt wird in den ersten 25 Jahren mit Sümpfungswasser, das aus den nahen ehemaligen Braunkohletagebauen abgepumpt wird. Mit der Fakt AG aus Essen ist bereits ein Investor vorhanden. Die umliegenden Gemeinden bereiten derzeit den Bebauungsplan vor. Röhre, Dom und Spitzdach Das Dach als Metapher? Ist unsere Gesellschaft nicht inzwischen viel zu differenziert, um sie unter einem Dach zusammenfassen zu wollen? Nein, denn auch die Erlebnisgesellschaft bringt ganz eigene Hallen hervor. Zum Beispiel solche, die in eine andere Welt einladen, wie das Tropical Islands südlich von Berlin. Das Südseeparadies liegt in einer Halle, die im Jahr 2000 vom damaligen Münchener Architekturbüro SIAT für die Produktion von Lasten-Zeppelinen geplant worden war. Der Eiffelturm würde liegend hineinpassen. Zunächst fasziniert der Bau als Meisterstück der Ingenieure von Arup, die hier für die Statik der weltweit größten freitragenden Halle sorgten. Obwohl sie bei ihrer Fertigstellung in den Fachmedien viel beachtet wurde, wird die Halle mit ihrer heutigen Ethno-Freizeitarchitektur in akademischen Kreisen belächelt. Und um ein Wohlfühlklima am Boden zu halten, sind die 107 Meter Höhe alles andere als ideal. Für die Genussgesellschaft: In Rotterdam wird in einer riesigen Röhre gegessen und getrunken, aber auch gearbeitet und gewohnt. Der „echte“ Wochenmarkt findet vor der Halle statt. Aber dafür ist Buckminster Fullers Utopie wohl nirgends realer. Alles geschieht unter einem Dach: Baden, Essen, Urwaldspaziergang, Übernachten. Theoretisch müsste man die Halle nie verlassen. Hier wurde ein Stück reale Tropenlandschaft in eine überdimensionale Blechdose gebeamt. Und wenn durch die folienbespannte Südseite die Sonne scheint, ist das surreale Erlebnis perfekt. Nur der schier endlose, graue Metallhimmel holt einen auf den Boden zurück, zumindest dort, wo er nicht täuschend echt wie im Film „Die Truman Show“ aufgemalt ist. Auf ähnlich absurde Weise beeindruckt die „Markthal“ in Rotterdam, die den gesellschaftlichen Trend zu Ernährungsthemen und zum kulinarischen Genuss bedient. Ein Haus mit Dach hat das Büro MVRDV allerdings nicht geplant, sondern eine radikal simple Großform, für die man im Architekturstudium wohl exmatrikuliert würde. Der Markt findet im Inneren einer zwölf Geschosse hohen Röhre statt. Deren Wand ist mit Büros und Wohnungen gefüllt und zum Halleninneren mit überdimensionalen Himbeeren, Schnecken oder Garnelen bedruckt, die optisch auf die Besucher niederprasseln. Für die offene Gesellschaft: Als Haus ohne Wände ist die Stadshal in Gent vielfältig nutzbar. Ein Geschenk für die Öffentlichkeit, aber wegen ihrer Offenheit auch eine Herausforderung. Sogar für die klassische Stadtgesellschaft werden noch Dächer gebaut, etwa im flämischen Gent. Die vergleichsweise kleine „Stadshal“ der Architekten Paul Robbrecht, Hilde Daem und Marie-José Van Hee ist ganz eindeutig ein archetypisches Dach, wenn auch irgendwie verzerrt. Mit spitzen Doppelgiebeln und sogar einem (windschiefen) Schornstein ruht die 40 Meter lange Stahlkonstruktion, die mit Holz und Glasschindeln verkleidet wurde, auf vier massiven Füßen. Der Raum darunter ist eine offene Bühne. Hier finden Volksfeste und Märkte statt. Für Konzerte sind die Vorrichtungen zur Befestigung der Bühnentechnik bereits da, und bei Lesungen wird der öffentliche Kamin angefeuert. Mit einem solchen undefinierten Raum muss man allerdings umzugehen wissen. Er erfordert eine offene und demokratische Gesellschaft, die zur Zeit Frei Ottos Leitbild in der Architektur war, im Moment aber gefährdet ist. Multihalle mitretten! Der Verein Multihalle e.V. freut sich über Ihre Unterstützung. Für den Frühling 2017 ist ein öffentlicher Workshop geplant, bei dem Nutzungskonzepte für die Multihalle gefunden werden sollen. Zu beidem ist die Architektenkammer Baden-Württemberg mit weiteren Informationen behilflich. Am Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe ist bis zum 12. März die ­Ausstellung „Frei Otto. Denken in ­Modellen“ zu sehen.

Vom Kölner Rheintriadem, Schinkels Bauakademie und von Goethe im Orient

Vom Kölner Rheintriadem, Schinkels Bauakademie und von Goethe im Orient – die Meldungen der Ausgabe. Schwer trifft leicht Die ehemalige Bahndirektion in Köln, unweit des Doms und direkt am Rheinufer, ist ein massiver wilhelminischer Bau, den kadawittfeld nun für den neuen Sitz der Europäischen Agentur für Flugsicherheit umgebaut h­aben. Eigentlich wurde bis auf die Fassade und die Eingangshalle fast alles neu gebaut. Denkmalgeschützte Treppengeländer, Verkleidungen und Laibungen wurden demontiert und an gleicher Stelle wieder verbaut. Stuck wurde abgedrückt und originalgetreu neu hergestellt. Dass es sich nun um ein modernes Büro­gebäude handelt, erkennt man von außen am Dach­aufbau: Er zeichnet die Kontur des kriegszerstörten Mansarddachs nach. Hinter den angeschrägten Fassadenbändern verbergen sich jedoch Dachterrassen und gläserne Arbeitsplätze. Kongress zur ­Energie-Effizienz Ein Kongress zum Thema „Energieeffizient Bauen“ findet am 30. und 31. Januar 2017 in Berlin statt. Praxisnahe Projekte aus zwei Forschungsinitiativen des Bundes-­Wirtschaftsministeriums zeigen, wie sich Gebäude und Quartiere in das Energie­versorgungssystem von morgen integrieren lassen. Einen Link zum Kongress mit Programm und Anmeldeformular gibt es auf DABonline.de/tag/effizient-bauen Gesucht 1: Gute Freiräume Endspurt für den Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis: Bewerbungen nimmt der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten noch bis zum 24. Januar an – erstmals ausschließlich online. In zwei Durchgängen entscheidet die Jury über die besten Arbeiten in neun Kategorien, von der „Pflanzenverwendung“ über „Sport, Spiel, Bewegung“ bis zu „Quartiersentwicklung und Wohnumfeld“. Die feierliche Preisverleihung findet im September in Berlin statt. Dann werden auch alle ausgezeichneten und nominierten Arbeiten in einer Ausstellung präsentiert. www.deutscher-landschaftsarchitektur-preis.de Gesucht 2: Gute Holzbauten Wer einen Holzbau realisiert hat oder auf diesem Gebiet forscht, kann sich bis zum 31. Januar für den Deutschen Holzbaupreis bewerben. Die Projekte werden ebenso nach ihrer gestalterischen Qualität bewertet wie hinsichtlich ihres Lebenszyklus. ­Neben Neubauten und Maßnahmen im ­Bestand können auch Bauprodukte und -systeme eingereicht werden. Daher sind neben Architekten auch Tragwerksplaner, Bauherren und Unternehmen der Holz­wirtschaft zur Teilnahme eingeladen. www.deutscher-holzbaupreis.de Licht im Würfel Das Thema Tageslicht steht stets im Mittelpunkt des „International Velux Award“, der alle zwei Jahre an ­Architekturstudenten verliehen wird. Diesmal gewannen Teams aus Südkorea und China den Preis. Die ­Koreaner erdachten für schlecht belichtete Räume ein würfelförmiges Fenster, das tagsüber Sonnenlicht einfängt und nach innen leitet und umgekehrt abends die Raumbeleuchtung nach außen streut (Abbildung). Das chinesische Team überlegte, wie blinde Menschen Licht und ­Schatten erfahren. Es versuchte dann, diese Gegen­sätze haptisch umzusetzen – mit einem Material, das auf Licht reagiert. Mehr unter iva.velux.com Außenwirtschaftstag: Weltweit planen Der fünfte Außenwirtschaftstag Architektur, Planen und Bauen am 25. Januar träg das Motto „Baustelle Welt – deutsche Kompetenz für globale Herausforderungen“. Er findet im Auswärtigen Amt in Berlin statt, will den Austausch zwischen Export-Interessenten anregen und Unterstützung für internationale Projekten diskutieren. Workshops beschäftigen sich unter anderem mit energieeffizientem Bauen im Ausland, der Wasserversorgung sowie den Märkten Afrikas und des Iran. Zum Programm und zur Online-Anmeldung geht es über www.DABonline.de/tag/export Architekturpreis Wein: Gewinner Hille und Blinn Zum Architekturpreis Wein sind zwei Namen nachzutragen: Verantwortlich für die Neuordnung des Weinguts Emmerich-Koebernik in Waldböckelheim sind Hille Architekten aus Ingelheim. Und die Vinothek Anton in Kirrweiler ist vom Innenarchitekten Thomas Blinn aus Weingarten. Nachwuchs mit Hauptgewinn Sechs Volontäre der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) begleiten in einem Online-Projekt die Entstehung der „Wasserstadt Limmer“ – so engagiert und kompetent, dass sie am 1. Dezember mit dem Medienpreis der Bundesarchitektenkammer (BAK) ausgezeichnet wurden. Nach den Worten von BAK-Präsidentin Barbara Ettinger-Brinckmann will der Preis „Journalisten ehren und motivieren, sich gezielt mit der Bedeutung von Architektur, Städtebau und Stadtplanung für die Gesellschaft auseinanderzusetzen“. Den zweiten Preis erhielt Gerhard Matzig von der Süddeutschen Zeitung (ganz rechts), den dritten Joachim Goetz von der Münchener Abendzeitung (Zweiter von links), den Förderpreis Adrian Lobe (Zweiter von rechts) für Beiträge in der Neuen Zürcher Zeitung. Die Volontäre sind (ab der Dritten von links) Linda Tonn, Isabell Rollenhagen, Lisa Malecha, Sabine Gurol, Nils Oehlschläger und Katharina Derlin. Ganz links Hannah Suppa aus der Chefredaktion der HAZ. Zum Siegerprojekt führt ein Link auf www.DABonline.de/tag/medienpreis Schinkels Bauakademie: Geld ist da In Wurfweite des Berliner Humboldt-Forums soll noch mehr rekonstruiert werden. Für Schinkels Bauakademie hat der Haushaltsausschuss des Bundestags im November 62 Millionen Euro bereitgestellt. Schon 1999 bis 2001 wurde eine Ecke des Gebäudes zu Ausbildungszwecken nachgebaut. Seit 2004 verdeutlicht eine inzwischen etwas mitgenommene Plane die Kontur des Hauses. Ein Förderverein, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und andere Institutionen hatten bereits seit Längerem auf einen Wiederaufbau hingewirkt. Der Durchbruch blieb jedoch aus. Nun ist plötzlich die gesamte Bausumme vorhanden – aber es steht noch keine Nutzung fest. Diskutiert wird etwa über ein Architekturmuseum. Die Berliner Architektenkammer wünscht sich hingegen ein Forum für Forschung, Diskussion und baukulturelle Bildung. Statt auf eine reine Replik hofft sie außerdem auf einen offenen Planungswettbewerb über das „Wie“ des Wiederaufbaus. Inklusions-Tagung in Hannover Wer sich in Norddeutschland über barrierefreie und inklusionsfreundliche Planung informieren will, ist zur Regionalkonferenz „Inklusiv gestalten – Ideen und gute Beispiele aus Architektur und Stadtplanung“ eingeladen. Veranstalter sind Verena Bentele, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, die Bundesarchitektenkammer sowie die Kammern von Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Ort der Konferenz ist Hannover; sie findet am 24. Januar von 14 bis 18.30 Uhr statt. Die Anmeldung wird bis zum 13. Januar über www.fortbilder.de oder Fax 0511 – 280 9669 erbeten. Die Teilnahme kostet nichts. Wolke am Gefängnis Die Sieger des Deutschen Fassadenpreises 2016 demonstrieren, was mit Putz und Farbe möglich ist – sogar am Torbau eines Gefängnisses in Augsburg. Prämiert wurde hier ein dreidimensional erscheinendes Wolkenbild des Künstlers Gerhard Mayer. Dafür wurde ein Muster aus verschieden dicht angeordneten Rechtecken mithilfe einer Maske dreimal in unterschiedlichen Farben und immer leicht versetzt aufgebracht. Entwerfer waren die Arge Karl + Probst (München) und Dömges Architekten (Regensburg). Mehr unter www.fassadenpreis.de BKI: Kostenplaner und Baupreise kompakt Neu herausgekommen ist der „Kostenplaner 19“ des Baukosteninformationszentrums Deutscher Architektenkammern (BKI). Kernstück ist die aktualisierte Baukostendatenbank mit über 2.900 abgerechneten Vergleichsobjekten und 23.000 Baupreisen. Auch die neue DIN 276 ist berücksichtigt. Für die Baupreis-Recherche auf der Baustelle hat das BKI die beiden Handbücher „Baupreise kompakt 2017“ herausgebracht. Die Handbücher im Jackentaschenformat verstehen sich als Grundlage zur Preiskontrolle für die Bereiche Rohbau, Ausbau, Gebäudetechnik und Freianlagen. Die Basisversion des Kostenplaners 19 kostet 349 Euro plus Mehrwertsteuer; die Baupreise Kompakt für den Neubau mit 395 Seiten sowie für den Altbau mit 317 Seiten kosten zusammen 129 Euro einschließlich Mehrwertsteuer. Beide gibt es vier Wochen kostenlos zur Ansicht mit Rückgabegarantie. Zu bestellen sind sie beim BKI unter Tel. 0711 954 854-0 oder info@bki.de Goethe im Orient Botschaften oder Goethe-Institute sind schöne Bauaufgaben: Man kann Deutschland repräsentieren und zugleich Einflüsse der jeweiligen Standorte aufnehmen. Das tut auch der Neubau des Goethe-Instituts in Kairo von Worschech Architekten aus Erfurt. Um einen Altbau und dessen Garten herum wurden mehrere neue Baukörper angeordnet, zwischen denen Durchgänge und kleine Höfe ein orientalisches Gassengewirr im Kleinformat entstehen lassen. Unterstützt wird das Bild von der abwechslungsreichen Dachlandschaft der weißen Kuben und gestanzten Metallgittern an den Fenstern. Dass es sich bei deren Muster nicht um ein Ornament, sondern um Variationen des Logos des Goethe-Instituts handelt, fällt erst auf den zweiten Blick auf.