„Wir müssen reden“

Ein Gespräch über die Vorurteile zwischen Architekten und Ingenieuren, einen schwierigen Annäherungsprozess und die Notwendigkeit einer neuen Planungskultur Interview: Brigitte Schultz Architekten und TA-Ingenieure sind sich oft nicht besonders grün. Sie sagen: „So geht das nicht weiter!“ Warum? Zülch: Der bisher übliche Planungsprozess funktioniert so nicht mehr. Der Stellenwert der Gebäudetechnik ist viel größer geworden. Da reicht es nicht mehr, die Fachingenieure in Leistungsphase 3 dazuzuholen – und sich dann mit ihnen zu streiten. Katzschmann: Man merkt einfach immer wieder, dass wir in verschiedenen Welten leben – die dann, wenn das Gebäude gedanklich schon steht, aufeinandertreffen. Wie macht sich das bemerkbar? Katzschmann: Eine Konsequenz ist, dass es meist teurer wird, länger dauert oder am Ende nicht aussieht wie der erste Entwurf, den die Öffentlichkeit kennt. So machen sich Ingenieure und Architekten angreifbar. Zülch: Bauen wird zu wenig ganzheitlich gesehen, das bildet sich auch in der Architektur ab. Wer alles durchrastert, braucht sich mit vielem nicht auseinanderzusetzen. Katzschmann: Aber wir bekommen das ja hin! Wir müssen etwas tun, um unsere Berufsgruppen als freie Berater zu erhalten. Dazu haben Sie in den letzten eineinhalb Jahren mit einer Dialoggruppe aus Architekten und Ingenieuren gearbeitet. Wie lief der Prozess ab? Katzschmann: Jede Länderkammer der Architekten und Ingenieure hat jemanden entsendet. Beim ersten Gespräch wurden die Themen vorgetragen – mit viel Emotion! Man kann sagen: Wenn wir keinen Moderator gehabt hätten, wäre das erste Treffen womöglich das letzte gewesen … Zülch: Das hat exemplarisch gezeigt, was auf dem Feld los ist. Was hat man sich an den Kopf geworfen? Zülch: Da gingen zum Teil die Emotionen mit den Leuten durch. Sie haben einander faktisch die Kompetenz abgesprochen. Dass es so weit geht, hätten wir beide nicht geglaubt. Katzschmann: Das lag aber nicht an den Anwesenden, sondern an den beiden Berufsgruppen, die aufeinanderprallten. Wenn wir zwanzig andere genommen hätten, wäre es wahrscheinlich genauso gelaufen. Was wurde vorgebracht? Katzschmann: Jeder hatte Beispiele. Wenn etwa der Architekt keine geschlossene Decke plant, sondern eine Gitterdecke, sieht das zwar gut aus und kann auch dem Schallschutz dienen, aber die Brandmeldeanlage wird doppelt so teuer. Das ist dann für den Ingenieur eine Schnapsidee. Zülch: Solche Fälle aus dem persönlichen Erfahrungsbereich der Beteiligten kamen viele. Im Grunde ging es immer darum, dass der eine nicht erkennt, was seine Planung jeweils beim anderen auslöst. Wie kann man das vermeiden? Katzschmann: Wir müssen uns ohne Zeitdruck zusammensetzen und besprechen, welche Auswirkungen welche Entscheidung hat. Dann kann der Ingenieur sich ein bisschen zurücknehmen und beispielsweise noch mal in Ruhe nachrechnen, ob man nicht doch mit einer etwas geringeren Luftmenge auskommt und den Lüftungskanal dorthin legen kann, wo er den Architekten weniger stört. Zülch: Auch wir Architekten müssen die Aussage des Ingenieurs akzeptieren, selbst wenn sie uns gestalterisch gegen den Strich geht. Für die Gestaltung gibt es ja immer mehrere Möglichkeiten. Besonders Architekten sind als Moderatoren gefragt, die dem Bauherrn klarmachen, warum von Anfang an alle Beteiligten am Tisch sein sollten – und welche Schwierigkeiten darin liegen, wenn nicht. Auch bei Behörden, Investoren und Projektsteuerern ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, dass es keinen Sinn macht, erst alles fertig zu planen, um dann festzustellen, dass es technisch so gar nicht geht. Wir hoffen, dass unser Leitfaden, der alle Argumente zusammenfasst, dabei hilft. Darin erwähnen Sie auch die Ausbildung … Zülch: Dort beginnen die Probleme. Wir haben festgestellt, dass die verschiedenen Fachrichtungen, die heute wichtig sind, nirgendwo gemeinsam unterrichtet werden! Ich halte es daher für wichtig, ein Kompetenzzentrum zu bilden, das alle Fachsparten gemeinsam lehrt. Katzschmann: Auch fachübergreifende Praktika wären sehr hilfreich. Wenn man die TA-Ingenieure früher mit ins Boot holt, wird es dadurch teurer? Zülch: Am Ende nicht! Wenn man Probleme früher löst, vermeidet man spätere Planänderungen. Katzschmann: Solange das Projekt nicht abgebrochen wird, ist es im Zweifel sogar insgesamt billiger. Zülch: Um die Probleme zu sammeln und in den Griff zu bekommen, reichen im Grunde intensive Gespräche am Anfang. Aber die müssen natürlich auch bezahlt werden. Und dann sagt der Bauherr: Wieso können Sie das als Architekt nicht selbst? Was antworten Sie darauf? Zülch: Die wesentlichen Fehler werden am Anfang gemacht, nicht am Ende. Das zieht eigentlich immer ganz gut. Wenn zu Beginn eine Fehlentscheidung in Bezug auf Technik getroffen wird, bekomme ich diese nicht mehr so einfach in den Griff. Deshalb brauchen wir Architekten die zusätzliche Fachkompetenz der Fachingenieure von Beginn an. Katzschmann: Und es funktioniert! Wir hatten einmal einen Bauherrn, der sehr viel Zeit für die anfängliche Abstimmung aller eingeplant hat. Das war so aufwendig, dass wir schon befürchteten, dass das Honorar nicht reicht. Aber als der Entwurf fertig war, hat sich der Bauherr zurückgezogen und jeder konnte stringent das, was ausgemacht war, durchplanen. Das Projekt war pünktlich und im Kostenrahmen fertig – und hat sich trotz des anfangs hohen Aufwands für alle gerechnet. Wie kommen wir zu solch einer Planungskultur? Katzschmann: Wir müssen das Bewusstsein vermitteln, dass beide Berufsgruppen nur gewinnen können, wenn jeder den anderen als Experten akzeptiert. Das ist in meinen Augen die Essenz aller Gespräche, auch wenn sie teilweise noch so heterogen gelaufen sind. Wir müssen lernen, miteinander zu reden. Wenn wir uns vertrauen, gibt es keinen lachenden Dritten. Zülch: Es ist eine Frage des Bewusstseins! Im Grunde geht es um Wertschätzung, Respekt und Toleranz. Zehn Handlungsvorschläge
  • Schon zu Projektbeginn wird gemeinsam mit dem Bauherrn ein ­Planerteam aus Architekten und TA-Ingenieuren zusammengestellt.
  • Der fachliche Austausch, aber auch der Zusammenhalt des Planerteams werden durch regelmäßige Koordinierungstermine gestärkt und vertieft
  • Schon in frühen Planungsphasen muss auf die Zusammenarbeit ­aller ­Beteiligten gedrängt werden.
  • Die Vertragspflichten der Planungsbeteiligten müssen aufeinander ­abgestimmt sein.
  • Das Zeitmanagement aller Beteiligten ist entsprechend der fortschreitenden Planungstiefe abzustimmen.
  • Planänderungen müssen frühzeitig und deutlich kommuniziert und im ­Planerteam erörtert werden.
  • Das Planerteam muss den Bauherrn gemeinsam auf die ­Konsequenzen von Planänderungen hinweisen.
  • Die Ausbildung von Architekten und Ingenieuren muss gemäß den ­Anforderungen an eine neue kooperative Planungskultur reformiert und ausgestaltet werden.
  • Architekten und TA-Ingenieure brauchen gemeinsame inter­disziplinäre Fortbildungen.
  • Architekten und TA-Ingenieure sollten die Chancen der Digitalisierung von Planen und Bauen nutzen, um eine kooperative und ­kommunikative Planungskultur zu entwickeln.
  • Ausführliche Tipps finden Sie unter www.gemeinsam-planen.de „Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Wandelbar“ finden Sie in unserem DABthema wandelbar

    Heimat wird gebaut

    AKNW-Präsident Ernst Uhing über die Bedeutung von Heimat und deren Vielfältigkeit. Gedanken zum neuen Bundesministerum. Die Bundesregierung steht, und sie beschert uns nicht nur zahlreiche neue politische Ansprechpartner, sondern auch ein neues Ministerium: für Inneres, Bauen und Heimat. Da runzelt mancher die Stirn. Natürlich, wir hatten uns ein eigenständiges Bauministerium gewünscht und dieses auch nachdrücklich eingefordert. Nun kommt das neue „Superministerium“ unter der Leitung von Horst Seehofer, und wir werden konstatieren: Es wird auch in dieser Konstellation konstruktiv gearbeitet werden können. Der Begriff „Heimat“ hat Konjunktur. Es mehren sich in der bundesweiten Debatte die Stimmen, die darum werben, diesen Begriff offensiv aufzugreifen und positiv mit (politischem) Leben zu füllen. Ich denke, dass dies in der neuen Ressortierung durchaus gelingen kann. Wir in Nordrhein-Westfalen haben seit einem Dreivierteljahr bereits ebenfalls ein (CDU-geführtes) Ministerium, das Heimat und Bau verbindet und es mit Kommunalem und Gleichstellung zusammenführt. Unsere Chance in dieser Konstellation ist, immer wieder deutlich zu machen, dass Identität, das Gefühl von Zugehörigkeit und Heimat, ganz erheblich von der baulichen Umgebung abhängt, in der man aufwächst, lebt, liebt und arbeitet. Den Architektinnen und Architekten kommt nicht nur die zentrale Aufgabe zu, jeden Tag an der baukulturellen Entwicklung unserer Heimat mitzuwirken; wir müssen auch verstärkt mit den Menschen über diesen wichtigen Teil der Entwicklung unseres Landes reden! Die politische Basis des Koalitionsvertrags ist dabei aus Sicht der planenden Berufe an vielen Stellen durchaus positiv – auch, weil sich zentrale Forderungen und Positionen unseres Berufsstandes darin finden, zum Beispiel das klare Bekenntnis zu den freien Berufen und zur HOAI. Wir müssen das immer wieder unterstreichen, weil beides (leider) keine Selbstverständlichkeit ist. Auch die angekündigte „Wohnraumoffensive“ des Bundes, die zu einer Lösung der Knappheit an bezahlbaren Wohnungen beitragen soll, ist im Ansatz gutzuheißen. Wir werden dafür sorgen, dass die Wohnungsfrage weiter ganz oben auf der politischen Agenda bleibt. Die Koalitionäre haben sich, zumindest auf dem Papier, dem „Wohnungsbau“ als einer der zentralen politischen Aufgaben unserer Zeit intensiv angenommen. Die Ankündigung zahlreicher Vereinfachungen, Anpassungen und Erleichterungen im Bereich des gebäudebezogenen Energierechts, der steuerlichen Abschreibung, des Bauplanungsrechts und der Grunderwerbsteuer sowie die Schaffung einer Grundsteuer C und die finanzielle Stärkung der sozialen Wohnraumförderung lassen erkennen, dass man sich der ernsten Lage bewusst ist. Aufgabe unseres Berufsstandes ist es nun, die anstehenden Prozesse konstruktiv zu begleiten und darauf einzuwirken, dass den Ankündigungen des Koalitionsvertrages zeitnah konkrete Taten folgen. Heimat wird gebaut. Das war schon immer so, und wir schreiten jeden Tag ein Stück auf diesem Weg voran. Die Aufgaben liegen weiterhin im Bestand, vom Denkmalschutz über die energetische Sanierung bis zum demografie­gerechten Umbau, aber auch im Neubau. Die gute Konjunktur sorgt dafür, dass viele neue Planungsprojekte angegangen werden. Nicht die schlechteste Ausgangslage für ein neues Superministerium für Inneres, Bauen und Heimat. Und eine gute Perspektive für uns Architektinnen und Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner, die neuen Verantwortlichen in Berlin mit konstruktiven Vorschlägen zu mutigen Innovationen im Wohnungs- und Städtebau und im Einsatz für die Baukultur anzuregen. Ernst Uhing ist Präsident der Architektenkammer NRW

    Von Preisen, Ideen und schicken Fassaden

    Hanseatisch shoppen Auch in Hamburg entdeckt der Denkmalschutz die Postmoderne. Anstelle der abgeschlossenen Einkaufszentren der 1970er-Jahre trat 1980 mit dem Hanseviertel (geplant von gmp) ein stadtfreundliches Center auf den Plan. Hinter den Geschäftshausfassaden führt eine eingeschossige und von ­Tageslicht erhellte Passage durch das Blockinnere, das geradezu als öffentlicher Raum empfunden wird. Auch mit der Rückbesinnung auf den Backstein wurde ein bis heute gültiger neuer Hamburger Standard gesetzt. Zuletzt waren Händler und ­Kunden zunehmend abgewandert, weshalb die ­Eigentümerin Allianz Real Estate über einen Verkauf nachdenkt. Dem gerüchteweise schon drohenden Abriss ist man mit dem Schutzstatus nun zuvorgekommen. Architektur in den Medien Alle zwei Jahre lobt die Bundesarchitektenkammer ihren Medienpreis aus. Unter dem Motto „Architektur bleibt“ steht im Kulturerbejahr 2018 die journalistische Auseinandersetzung mit dem historischen Bestand, aber auch dessen Ergänzung durch zeitgenössische Architektur im Mittelpunkt. Eingereicht werden können Beiträge aus Print- oder Online-Medien, Radio oder Fernsehen bis zum 31. Mai. Die Auszeichnung ist mit insgesamt 11.500 Euro dotiert. www.bak.de Junge Ideen Die Stuttgarter Architekturgalerie am Weißenhof will mit ihrem Förderpreis sichtbar machen, dass die Ideen junger Architektinnen und Architekten ein wichtiger Beitrag zum Architekturdiskurs sind. Der Preis wird zum sechsten Mal ausgelobt und zeichnet sowohl realisierte Bauten als auch konzeptionelle Projekte und Strategien aus. Neben einem Preisgeld von 10.000 Euro wird es eine Ausstellung und einen Katalog geben. Bewerbungsschluss ist der 2. Juni. www.weissenhofgalerie.de Auf IT gebaut Um digitale Ideen, die das Bauen verbessern, ging es im Wettbewerb „Auf IT gebaut“. In der Kategorie Architektur wurden zwei erste Preise vergeben: Josephus Meulenkamp entwickelte eine Methode für eine möglichst fehlerfreie Nutzbarmachung von modellbasierten Projektdaten für das Facility Management. Philipp Schwan beschäftigte sich mit einer optimierten Planung von Flughäfen (Bild). Dabei werden bereits in einem BIM-Modell Vorgaben (Flugsicherheit, Brandschutz) überprüft und gewichtet und mit architektonischen Parametern abgeglichen. Die Bundesarchitektenkammer war neben der IG BAU und Verbänden der Bauwirtschaft erstmals Mitauslober. Für die nächste Runde kann man sich bereits anmelden. www.aufitgebaut.de Schicke Fassade Bis zum 18. Mai können sich ­Architekten und Ingenieure für den ­Deutschen ­Fassadenpreis bewerben, wenn sie seit 2015 eine vorgehängte und hinterlüftete Fassade realisiert haben. Geachtet wird auf Energie­effizienz und Gestaltung, ­gute ­handwerkliche Ausführung und mögliche intelligente Zusatzfunk­tionen. Bis zu drei Projekte können vorgeschlagen werden.(Foto: Preisträger 2013, Hochschule Darmstadt, Staab Architekten) www.fvhf.de 1 :1 in Thüringen Architekturbüros aus ganz Deutschland, die seit 2015 in Thüringen einen Neubau oder eine Sanierung realisiert haben, können sich bis zum 23. April für den BDA-Preis „eins zu eins – Ausgezeichnete Bauten in Thüringen 2018“ bewerben. Im Maßstab 1 : 1 sollen dabei Qualitäten, wie etwa eine intelligente Erfüllung der Funktionen, die Einbindung in einen historischen Bestand oder besonders ausgearbeitete Details, ­erkennbar werden. www.bda-thueringen.de Ökobilanz selbst erstellen Immer öfter wird bei der Planung eines Gebäudes auch sein Lebenszyklus ­betrachtet. Um dafür eine Ökobilanz zu ­erstellen, bietet das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und ­Raumforschung das Online-Tool eLCA ­(www.bauteileditor.de) an. Hauptkomponente ist ein Editor, der dem Nutzer das anschauliche Modellieren von Gebäudebauteilen mit verschiedenen ­Materialien ermöglicht und eine Bauteil­bibliothek bereithält. Über eine neu ­entwickelte Schnittstelle können Daten aus einer EnEV-Berechnung an eLCA ­übergeben werden. Weitere Informationen und Anleitungen finden Sie online. www.DABonline.de/tag/oekobilanz

    Sieg für die Stadt

    Siegen baut sein Zentrum entschlossen um: Wo Autos parkten und Läden leer standen, findet man nun einen renaturierten Fluss, öffentliche Plätze und mehr Studierende im Stadtbild Von Heiko Haberle In Siegen hat man es gut gemeint mit den Autofahrern. Eine Schnellstraße schlängelt sich durch das enge Tal. In der Unterstadt zwängen sich Parkhäuser an die Siegufer, sogar am Abhang der historischen Oberstadt hat man im Verlauf der Stadtmauer eines untergebracht. Das Auto ist für die Pendler aus dem ländlichen Umland das Fortbewegungsmittel der Wahl, und auch die Stadt selbst lädt mit ihrer bergigen Topografie nicht gerade zum Fahrradfahren ein. Unter dem Pflaster liegt der Strand: Von 1968 bis 2012 war die Sieg abgedeckelt. Siegtreppe statt Siegplatte Als erste Parkimmobilie war 1968/69 im Stadtzentrum die sogenannte „Siegplatte“ gebaut worden – als 260 Meter lange Überbauung der Sieg, die nur noch durch einen Spalt sichtbar blieb. Dreißig Jahre später musste die Plattform dringend saniert werden. Aber wollte man das wirklich? Schon seit 1991 war auch ein Abriss diskutiert worden, der sich aber erst im Rahmen des Strukturförderprogramms „Regionale 2013“ in Südwestfalen umsetzen ließ – mit Fördermitteln, die es für eine Sanierung nicht gegeben hätte. „Das war die Gelegenheit, mehrere radikale Maßnahmen auf einmal in Angriff zu nehmen. In kleinen Schritten wäre das nicht gegangen“, erklärt Stadtbaurat Henrik Schumann, der bereits unter seinem Vorgänger Michael Stojan das Projekt jahrelang betreut hatte. Den Wettbewerb unter dem Motto „Siegen – zu neuen Ufern“ gewannen 2009 die Landschaftsarchitekten von Atelier Loidl aus Berlin gemeinsam mit dem Ingenieurbüro BPR Dr. Schäpertöns aus München. Anstelle der Siegplatte plante Atelier Loidl eine lange Freitreppe mit Sitzstufen (1). Über eine Rampe ist auch die untere Ebene barrierefrei erreichbar. Trittstufen führen in das renaturierte Flussbett. Einige Sitzpodeste wurden aus mächtigen Douglasienstämmen gefertigt, die sehr wasserbeständig sind. Das ist wichtig, weil sich bei Hochwasser die Wassermenge der Sieg verzehnfachen kann. Selbst ein Jahrhunderthochwasser, wie es an der Universität Siegen mit einem großen Modell getestet worden war, kann die Neugestaltung auffangen. Das Hochwasser war neben der erwarteten starken Nutzung auch ein Grund, warum Wettbewerbsentwürfe mit mehr Grün ausgeschieden waren. 1. Siegtreppe   2. Unteres Schloss   3. Sandstraße   4. Parkhaus   5. Herrengarten   6. Bahnhof         7. Kölner Straße   8. City-Galerie   9. Karstadt Des Weiteren wurden neue Brücken errichtet, die Stützmauern des nahe gelegenen Unteren Schlosses (2) erneuert sowie die angrenzenden Fußgängerzonen neu gepflastert und mit Baumbeeten, Sitzbänken und Spielgeräten ausgestattet. Die Sandstraße (3) wurde von vier auf zwei Fahrspuren verengt. Der Gang an den Hausrückseiten der Sandstraße, der zuvor als Müllplatz diente, erhielt Balkone über dem Fluss, die gastronomisch genutzt werden können. Den Müll entsorgen die Anrainer nun über abschließbare Einwürfe in Depots unter der Sandstraße. So überzeugend das seit 2016 zu besichtigende Ergebnis ist, so überraschend ist die lang anhaltende Kritik an der Planung, denn die Siegplatte war wegen ihrer zentralen Lage beliebt: „Die Autos standen hier Schlange, auch wenn das Parkhaus nebenan frei war“, erinnert sich Thomas Griese, der als städtischer Bauleiter für den Stadtumbau verantwortlich war. Mit einem Gutachten konnte man jedoch nachweisen, dass die Innenstadt genug Parkplätze besitzt. „Auch viele Einzelhändler waren skeptisch. Sie fürchteten, dass mit dem Wegfall der Parkplätze die Geschäfte entlang der Sandstraße sterben würden. Dabei gab es da sowieso kaum noch echten Einzelhandel, sondern vorwiegend Handy-Läden“, ergänzt Henrik Schumann. Außerdem würde mit dem südlichen Teil der Siegplatte eine Veranstaltungsfläche wegfallen. Als Reaktion darauf wurden die zwei neuen Brücken so breit ausgebildet, dass auch Weihnachtsmarktbuden auf ihnen Platz finden. Zudem soll demnächst das zweigeschossige Geschäftshaus „Herrengarten“ (5) abgerissen werden und stattdessen ein neuer Platz entstehen. Der Wettbewerb dazu wird in diesem Sommer stattfinden. Für den Kauf des Grundstücks erhielt die Stadt sogar eine Förderung aus Düsseldorf, wie Schumann berichtet: „Von der Landesregierung kam das Signal, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.“ Dort würde man es wohl am liebsten sehen, wenn bald auch die noch bestehende zweistöckige Überbauung am Südende des neuen Ufers verschwände. Doch der Drogeriemarkt dort hat gerade einen Mietvertrag über zehn Jahre unterschrieben. Beengt: Wenige Meter nördlich der Siegtreppe ist der Autofahrer noch König. Ein Parkhaus (4) thront über der Sieg. Den Wandel vermarkten Um die Kritiker zu überzeugen und den Bürgern und Einzelhändlern die lange Bauzeit zu erleichtern, wurde der Stadtumbau offensiv kommuniziert, wie Henrik Schumann betont: „Wir wollten die Planung und den Bau transparent machen und wichtige Meilensteine zelebrieren.“ So bemalten Schulklassen die frei geräumte Siegplatte vor ihrem Abriss und verwandelten sie in ein überdimensionales Kunstwerk. Ein „Abrissfest“ leitete 2012 die Bauarbeiten ein. Bruchstücke der Siegplatte wurden als Andenken verkauft, deren Erlös der Stützmauersanierung am Unteren Schloss zugutekam. Ein Baustellenbüro und eine Website (www.siegen-zu-neuen-ufern.de), die sogar einen Marketingpreis erhielt, informierten über die Baufortschritte; der Bürgermeister, der alte und der neue Stadtbaurat übernahmen persönlich Baustellenführungen. „Auch die Bauzäune blieben offen, damit jeder die Veränderungen sehen konnte“, ergänzt Thomas Griese. Dass die beliebten Standbilder „Henner“ und „Frieder“, ein Bergmann und ein Hüttenmann, nun mitten auf der neuen Oberstadtbrücke stehen, entschieden fast 1.600 Bürger bei einer Umfrage von Stadt und Lokalpresse. Siegens neue Ufer sollen auch eine bessere Verbindung zwischen der kommerziell geprägten neueren Unterstadt mit dem Bahnhof (6)und der historischen Oberstadt mit Rathaus und Marktplatz schaffen. Die dort hinaufführende Kölner Straße (7) wurde jüngst neu gestaltet. Hier sind Impulse tatsächlich dringend nötig, denn sogar zur Hauptgeschäftszeit ist die Fußgängerzone erschreckend unbelebt. Viele Läden stehen leer, Mietverträge wurden wegen der Bauarbeiten nicht verlängert. Auch sind die Verkaufsflächen wegen der steilen Hanglage klein und eignen sich kaum für die bekannten Filialisten. Die sind dafür seit 1998 in der City-Galerie (8) am Bahnhof zu finden, über die der Stadtbaurat sagt: „Die City-Galerie war für die Anziehungskraft der Stadt innerhalb der Region gut. Aber in der Stadt hat sie das Gleichgewicht verschoben.“ Großzügig: An warmen Sommerabenden wird die ganze Treppe gebraucht – auch weil es mehr Studierende in der Innenstadt gibt. Freigesetzte Energien Doch Henrik Schumann sieht schon positive Effekte durch den Stadtumbau, berichtet von Boutiquen und Gastronomie statt Handy-Läden in der Sandstraße und von ersten Neueröffnungen in der Oberstadt. Damit zahlt sich langsam aus, was die Stadt in weiser Voraussicht als Teil der Gesamtstrategie mitgedacht hat: nämlich für die neuen öffentlichen Räume ein neues Publikum gleich mitzugenerieren. So wurde das Untere Schloss, das auch schon als Behördenhaus, Gericht und Gefängnis diente, für die Fakultät Wirtschaftswissenschaften der Universität umgebaut. Dass nun Studierende im Stadtbild sichtbar werden und in Cafés sitzen, ist ganz neu für Siegen, liegt doch der Uni-Campus auf einem Berg 5,5 Kilometer nördlich des Zentrums. Genauso soll es weitergehen: Die Universität möchte in den nächsten Jahren mit insgesamt 12.000 Studierenden in das Stadtzentrum ziehen, nur noch die 5.000 Naturwissenschaftler sollen auf dem Campus bleiben. Die schwierige Suche nach Bauplätzen führt dabei zu kreativen Lösungen. So soll die oberste Etage von Karstadt (9), das trotz massiven Kundenschwunds noch in der Oberstadt ausharrt, in ein Hörsaalzentrum verwandelt werden. Anstelle eines Parkdecks ist eine Mensa geplant. Auch die Landschaftsplaner von Atelier Loidl bleiben Siegen treu und widmen sich nun der Oberstadt. Sie gewannen 2017 auch den Wettbewerb „Rund um den Siegberg“: Neu gestaltet werden der Marktplatz, der Garten des Oberen Schlosses und die verwilderten Abhänge hinab zur Unterstadt. Siegens Bürger bevölkern nun schon bei den ersten Sonnenstrahlen das neue Ufer, das als „Siegtreppe“ bereits in den Sprachgebrauch eingegangen ist. Nun müssen die weiteren mutigen Schritte beweisen, dass auch die Wiederbelebung der Oberstadt gelingt. Dann hätte Siegen, wie wohl kaum eine andere Kommune bisher, gleich drei (zu ihrer Zeit stets gut gemeinte) Fehlplanungen der letzten Jahrzehnte zwar nicht besiegt, aber deutlich gemildert: die Stadt der Autos und der Campus-Universitäten der 1960er- und 1970er-Jahre sowie die Stadt der Shopping-Center der 1990er- und 2000er-Jahre. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Wandelbar“ finden Sie in unserem DABthema wandelbar

    Paradigmen-Wechsel

    Frei formbar, hoch tragfähig, multifunktional, nahezu wartungsfrei: Carbonbeton ist auf dem besten Weg, das Bauen mit Beton zu revolutionieren. Ein Überblick, was sich davon bereits heute realisieren lässt und was Zukunftsträume sind Von Marion Goldmann Es war ein Zufall, dass die Architektin Maren Kupke vor nunmehr fast zwölf Jahren eine Veranstaltung über den Einsatz von Textilien im Bauwesen besuchte. Dabei wurde auch über die Möglichkeiten informiert, die Materialien zur Bewehrung von Beton einzusetzen. Seitdem hat die Architektin von der AIB GmbH Architekten Ingenieure Bautzen das Thema nicht mehr losgelassen – „damit wollte ich unbedingt bauen“, sagt sie. Auf der Suche nach Partnern, die ihr das Know-how dazu vermitteln, gelangte sie zum Institut für Massivbau der TU Dresden, das ebenso wie die RWTH Aachen zu dieser Zeit an der Entwicklung von Textilbeton mit Bewehrungen aus alkaliresistentem Glas forschte. Die alternative Carbonbewehrung rückte erst in den letzten Jahren aufgrund der gesunkenen Preise für Carbon in den Fokus der Forschung. Daher bewarb sich die TU Dresden beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit dem Projekt „C³ – Carbon Concrete Composite“ um Fördermittel aus dem Programm „Zwanzig20 – Partnerschaft für Innovation“ – und erhielt den Zuschlag. Das C³-Projekt (2014 bis 2021) umfasst ein Konsortium mit etwa 160 Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft und ist das weltweit größte Forschungsprojekt im Bauwesen. Auch Maren Kupke ist mit dabei und von den Möglichkeiten der Carbonbewehrung fasziniert: „Damit lassen sich enorm schlanke, hoch leistungsfähige Bauteile in praktisch jeder Form und zudem nachhaltig bauen.“ Denn es wird kein Stahl benötigt, die Betonmenge wird reduziert und die spätere Betoninstandsetzung entfällt ganz. Letzteres veranlasste die Forscher überhaupt erst, nach Alternativen für die Stahlbewehrung zu suchen. Bekanntlich beginnt das Material zu korrodieren, da der Beton im Lauf der Zeit sein den Stahl schützendes alkalisches Milieu verliert. Massive Bauschäden sind die Folge. Abgespeckt: Diese Träger machen den Unterschied zwischen Stahlbeton und Carbonbeton besonders deutlich. So vielversprechend, wie einst Stahl als Betonbewehrung war, ist es heute Carbon. Es ist nicht nur viermal leichter und fünf- bis sechsmal tragfähiger als Stahl. Aufgrund seiner Eigenschaft, nicht zu korrodieren, ist es zudem nicht mehr notwendig, die Bewehrung mit einer dicken Betonschicht zu schützen; die Betondeckung kann somit auf wenige Millimeter reduziert werden. Damit sind über 50 Prozent Materialeinsparung möglich. Fassadenplatten aus Carbonbeton sind nur noch zwei bis drei Zentimeter dick, statt sieben bis acht Zentimeter bei Stahlbeton. Es können auch ganz neue Betonzusammensetzungen zur Anwendung kommen. Beispielsweise sind ressourcenschonende Bindemittelsysteme zu nennen, aber auch Systeme, deren Herstellung mit einem deutlich reduzierten CO2-Ausstoß verbunden ist. Neuer Denkansatz: Man muss sich dem Entwurf über die konstruktiven Optionen des Materials annähern Was heute bereits realisierbar ist Bauteile aus Textilbeton (Begriffe siehe Info-Kasten auf Seite 41) werden bereits seit einigen Jahren erfolgreich eingesetzt – zunächst mit Glasfaserbewehrungen, die auch heute noch preiswerter als Carbonbewehrungen sind. Frank Schladitz, Forschungsgruppenleiter des C³-Projektes: „Carbon ist allerdings in vielen Bereichen wirtschaftlicher. Sein Elastizitätsmodul ist im Vergleich zu Glas höher, was geringere Verformungen des Bauteils bewirkt. Carbon kann zudem höhere Spannungen aufnehmen, daher wird weniger Bewehrung benötigt. Der Einsatz rentiert sich somit überall dort, wo dünne Konstruktionen mit hoher Tragfähigkeit benötigt werden.“ Und das ist stets von Fall zu Fall zu entscheiden. Hier ein Beispiel: Werden bei einer Deckenverstärkung statt vier Lagen Glasfasergewebe nur zwei Lagen Carbongewebe eingelegt, reduzieren sich neben der Aufbauhöhe auch die Kosten für die Ausführung. Gerade beim Bauen im Bestand und speziell bei denkmalgeschützten Gebäuden, die ihr Erscheinungsbild beibehalten sollen, wurde diese Methode bereits oft gewählt. Ein aktuelles Beispiel ist die Sanierung eines etwa 100 Jahre alten Hochschulgebäudes. Frank Schladitz erzählt, dass hier die Menge der Stahlbewehrung und die Betondeckung der Stahlbetondecken stark variierten. „Deshalb hat man auf weitere aufwendige Untersuchungen verzichtet und wird viele Decken pauschal mit einem ein Zentimeter dicken Carbonbeton ertüchtigen. Das genügt, um die Tragfähigkeit deutlich zu erhöhen.“ Weitere typische Einsatzgebiete sind Dachschalen-Konstruktionen, gewölbte Decken und vor allem auch Brücken. Für Altbauten: Textilbeton der Marke „Tudalit“ besitzt die abZ zur Verstärkung von Stahlbeton. Für die weitere Verbreitung der Bauweise sind allerdings die allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassungen (abZ) entscheidend. Einige gibt es bereits. Zum Beispiel: Textilbeton der Marke „Tudalit“ zur Verstärkung von Stahlbetonbauteilen. Auch der Hersteller von nicht metallischen Bewehrungen Solidian aus Albstadt in Baden-Württemberg und Partner des C³-Projektes ist auf dem Gebiet sehr aktiv. Im vergangenen Jahr wurde dem Unternehmen die abZ für eine Sandwich-Fassadenwand aus Textilbeton erteilt. Gegenüber herkömmlichen Beton-Fertigteilen ist die Gesamtdicke geringer, das Element ist in Form und Optik aber frei gestaltbar. Weitere Zulassungen werden   in Kürze erwartet. Geschäftsführer Christian Kulas: „Wir bieten auch statische Berechnungen und Machbarkeitsstudien an. Das heißt, wir ermitteln für das gewünschte Bauteil die wirtschaftlichste Art der Bewehrung. Das kann Glas oder Carbon, aber auch eine Kombination aus beidem sein.“ Schlank und schön bauen sei das eine, optisch eher unspektakulär, aber technisch äußerst zukunftsweisend seien Straßenbrücken aus Carbonbeton, sagt Christian Kulas weiter. Da die Bewehrung nicht mehr korrodieren kann, entfällt jede weitere Oberflächenbeschichtung und damit auch die Wartung. Das trifft im Wesentlichen auch für Rad- und Fußwegbrücken zu, nur sind die statischen Belastungen hier geringer und der gestalterische Freiraum größer. Das zeigen verschiedene in den letzten Jahren realisierte Projekte, wie die mit 100 Metern derzeit längste textilbewehrte Fußgängerbrücke in Albstadt-Lautlingen oder die erste reine Carbonbrücke in Albstadt-Ebingen. Für Neubauten: Für die Fertigteil-Elemente erhielt Solidian letztes Jahr die bauaufsichtliche Zulassung. Was in Zukunft noch alles möglich ist „Das Bauen mit Carbonbeton eröffnet Perspektiven, die bislang nicht möglich waren“, ist sich Maren Kupke sicher. „Unser Fokus ist auf die Entwicklung sehr schlanker und multifunktionaler Bauteile gerichtet, um beispielsweise energieeffizient zu bauen.“ So hat die Architektin innerhalb des vom BMBF geförderten Programms „autartec“ Wandelemente konstruiert, die aus zwei schlanken Außenschalen bestehen, die durch Stege miteinander verbunden sind. Dadurch lässt sich der Freiraum im Inneren für Energiespeicher nutzen. Die Wände sind hierbei nur ein Bauteil von vielen weiteren, aus denen demnächst am Bergheider See ein autarkes schwimmendes Haus entstehen wird. Brücke Albstadt-Lautlingen: Mit 100 Metern ist diese textilbewehrte Brücke aktuell die längste ihrer Art. Die AIB GmbH Architekten Ingenieure Bautzen ist auch Generalplaner des Modellhauses „Cube“, das im Rahmen des C³-Projektes in den nächsten zwei Jahren auf dem Campus der TU Dresden errichtet wird (siehe Info-Kasten auf Seite 39). Der Entwurf vom Architekturbüro Henn soll die gestalterischen Möglichkeiten und gleichzeitig die massentaugliche Anwendung zeigen. Partner Georg Pichler: „Die leichten und schlanken Eigenschaften des Carbonbetons haben wir durch zwei selbsttragende Schalenkonstruktionen dargestellt, die den Veranstaltungsraum und die Labore überwölben. Die Labore sind in Form einer Box mit einfachen, geraden Wänden daruntergeschoben.“ Bei Carbonbeton überzeugt Georg Pichler besonders das Filigrane, das man erzielen kann. ­Allerdings erfordere die Bauweise einen völlig neuen Denkansatz. Man müsse sich dem Entwurf über die konstruktiven Optionen des Materials nähern. Architekten, die sich dafür interessieren, rät Maren Kupke, mit dem Baustoff zuerst Möbel zu kreieren: „Tische, Spülen, Bänke – das Spektrum ist breit und man wird erstaunt sein, wofür sich nur wenige Millimeter dicker, textilbewehrter Beton alles eignet.“ Treppe: Bauteil zur Energiespeicherung, das im Rahmen des Forschungsprojekts „autartec“ des BMBF entwickelt wurde. Ideen realisieren: Um ein Gefühl für das Material zu erhalten, kann man mit Möbeln üben.     „CUBE“ — HAUS AUS CARBONBETON Mit dem etwa 200 Quadratmeter großen Modellhaus des C³-Projektes „Cube“ entsteht das weltweit erste Gebäude aus Carbonbeton. Der Entwurf vom Architekturbüro Henn berücksichtigt die bisherigen Forschungsergebnisse und vereint zwei Ziele: Das gestalterische Potenzial der Bauweise soll dargestellt sowie ihre massentaugliche Anwendung nachgewiesen werden. Beim Cube sind daher frei geformte mit flächigen, modular strukturierbaren Bauteilen ­kombiniert. Zentrales Anliegen des Vorhabens ist es vor allem, einmal den kompletten Bauprozess abzubilden: von der Planung, Zulassung, Kalkulation und Vergabe bis hin zu Überwachung, Errichtung und Betrieb. Das Modellhaus soll bis Anfang 2020 fertiggestellt sein; bis 2025 soll die Bauweise in der Praxis etabliert sein. Das Nutzungskonzept umfasst einen etwa 70 Quadratmeter großen Präsentationsraum einschließlich vier Arbeitsplätzen für Wissenschaftler, Nebenräumen für sanitäre Einrichtungen sowie zwei zwölf Quadratmeter großen Laboratorien. Detaillierte Informationen über das C³-Projekt finden Sie unter: www.bauen-neu-denken.de   LEXIKON Begriffe: Von Textilbeton spricht man, wenn für die Bewehrung Glas- oder Carbonfasermatten, auch Gitter oder Gelege genannt, eingesetzt werden. Der Begriff „Textil“ leitet sich hierbei nicht vom Material ab, sondern von der Art der Herstellung der Bewehrungsmatten. Sie werden mit Maschinen aus der Textil­industrie produziert. Neben Matten gibt es auch stabförmige Bewehrungen aus Glas- oder Carbonfasern. Bauteile mit Stäben als Bewehrung werden nicht als Textilbeton bezeichnet, sondern heißen Glasfaser- oder Carbonbeton. Materialien: Für Glasfaser-Bewehrungen wird in der Regel AR-Glas (alkaliresistentes Glas) verwendet. Es weist gute mechanische Eigenschaften auf und ist vergleichsweise günstig. Die Carbonbewehrung besteht im Wesentlichen aus Carbonfilamenten, die sich aus Endlosfasern zusammensetzen. Als Ausgangsstoff kann so gut wie alles verwendet werden, was Kohlenstoff enthält. Das kohlenstoffhaltige Material wird dann durch Pyrolyse in grafitartig angeordneten Kohlenstoff umgewandelt. Die verwendeten Betone variieren in Abhängigkeit vom Einsatzzweck (Verstärkung, Neubau etc.) von ultrahochfestem Spezialbeton über hochfesten Feinbeton bis hin zu handelsüblichem Normalbeton. Carbongarn Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier

    Zerstörung und Reparatur

    Wenn alte Gewohnheiten sich ändern, spürt man den Wandel der Zeit. Zerstörung, Abriss und Anpassung bringen oftmals große Herausforderungen mit sich. Von Brigitte Schultz Es gibt Dinge, die werden unseren Nachfahren komisch vorkommen. Die im Nachhinein leichtfertig wirkende Zerstörung unserer Städte durch die Anpassung ans Auto gehört ebenso dazu wie der Abriss ganzer Dörfer und Landstriche für den Abbau eines Energieträgers, der droht, dem Planeten die Lebensgrundlage zu entziehen. Aber manchmal merkt man erst, wenn sich etwas wandelt, an was man sich da eigentlich gewöhnt hatte. Ein bestechendes Beispiel dafür ist Siegen. Als die Stadt entschied, den Fluss im Zentrum von seiner Betondecke zu befreien und den Bürgern als öffentlichen Raum zurückzugeben, hätte man Be­geisterung erwartet. Aber der Abschied von der praktischen Parkfläche fiel vielen dann doch nicht leicht. Nur kluger Überzeugungsarbeit der Planer ist es zu verdanken, dass hier am Ende ein Paradebeispiel ­aktueller Stadtreparatur entstanden ist. Die Moderation des Wandels ist eben eine der größten Herausforderungen unseres Berufs. Geübt darin ist man im Ruhrgebiet, wo 2018 die letzte Zeche schließt. Mit dem Weiterbau am Radschnellweg und an der Zeche Zollverein sind hier immer wieder Erfolgsgeschichten zu erzählen. Auf Europas größter Landschaftsbaustelle in den teils strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands ist dies schon schwieriger. Beim Umbau der riesigen Tagebaulöcher nicht neue Freizeithäfen am Fließband zu produzieren, sondern die Eigenheiten der Region zu wahren, ist eine Herausforderung mit noch offenem Ende.  

    Neu-Seeland

    Brachial: Abraumhalde im Braunkohletagebau Welzow, 2006 Lagunen bei Leipzig, neue Häfen in der ­Lausitz und ein großer Ostsee bei Cottbus: Die Flutung vieler Tagebaue verwandelt die einst dreckigen Braunkohlereviere in Erholungslandschaften. Doch Europas größte Landschaftsbaustelle stellt die Planer vor viele Herausforderungen. Von Christoph Gunßer Manche Baugrube wird ganz von selbst zum See. Die „ausgekohlten“ Tagebaulöcher in der Lausitz und um Leipzig aber sind zusammen viermal so groß wie der Bodensee. Sollen diese Mondlandschaften beim Fluten nicht unkontrolliert absacken, ihre Böschungen und Aufschüttungen nicht ins Rutschen geraten, sind aufwendige Sicherungen und jahrzehntelanges Wassermanagement nötig Europas größte Landschaftsbaustelle betritt vielerorts Neuland. In der gesamten Region, die Teile Brandenburgs, Sachsens und Sachsen-Anhalts umfasst (Übersichtskarte siehe Seite 18/19), läuft eine Operation am offenen Herzen, deren Ausgang noch keineswegs klar ist. Die staatliche Bergbaufolgeverwaltung LMBV hat zwar schon über zehn Milliarden Euro in Sicherung und Verwertung der Flächen investiert (siehe Zahlen in eckigen Klammern), wälzt aber Restrisiken mittels Bergschadenverzichtserklärung oft auf die Investoren ab, weshalb Baugrund und Projekte nur schwer zu beleihen sind. Gleichwohl verwandelt sich die Landschaft vielerorts rasant. Vor allem im Südraum Leipzig und im Revier um Senftenberg, wo die Tagebaupumpen zuerst abgestellt wurden, laufen etliche Bauprojekte. Eindeutiger Schwerpunkt: Tourismus. Lineares Dorf: Aus dem Witznitzer Tagebau entstand der Hainer See (geflutet bis 2010). Die Bebauung der Lagune Kahnsdorf am Südufer mit Boots- und Einfamilienhäusern regelt eine Gestaltungssatzung. Neue Marinas und Hafen­viertel haufenweise Der 681 Hektar große Hainer See, aus dem Witznitzer Tagebau hervorgegangen und nach einem der sechs hier abgebaggerten Dörfer benannt, erreichte 2010 den Zielpegel. An seinen Ufern entstehen nach und nach eine Ferienhaussiedlung, ein Campingplatz und die „Lagune Kahnsdorf“: Untypisch für Tagebaue, steht dort an einem Uferstreifen gewachsener Grund an, und so konnten Häuser in einer Art linearem Dorf auf Pfählen direkt am Ufer gebaut werden. Geregelt durch eine Gestaltungssatzung, mischen sich hier Boots- und kleine Wohnhäuser zu einem bunten Ensemble fast wie in einer skandinavischen Schärenlandschaft. Andere Teile des Sees hat sich die Natur rasch zurückerobert, während kaum drei Kilometer entfernt noch ein Tagebau fortbesteht – samt Kraftwerk, das 60 Prozent der Leipziger Haushalte mit Fernwärme versorgt. Langer Atem: Cottbus bereitet sich seit fast zwei Jahrzehnten auf die neue Lage am See vor. Eigentümer dieses und sechs weiterer neu entstandener Seen ist übrigens der schwäbische Pharma-Unternehmer Merckle. Weiter nördlich, in der sogenannten Goitzsche (sprich: Gottsche), hat der Milliardär 2013 für fast läppische 2,9 Millionen Euro die bankrotte kommunale Tourismusgesellschaft übernommen und entwickelt den Stadthafen Bitterfeld mit angrenzenden Ländereien weiter. Es ist indes längst nicht mehr die einzige derartige Marina in der Gegend. Zahlungskräftige Skipper, die auch Handel und Gastronomie beflügeln, fanden sich bislang nicht überall ein. Auch neue Hotels und Ferienanlagen machen sich Berichten zufolge bereits gegenseitig Konkurrenz. Leuchtendes Vorbild: Mit dem Stadthafen, dem letzten Projekt der IBA See, rückt Senftenberg seit 2013 endlich an seinen seit 1972 bestehenden See. Größe allein ist kein Argument In der abgelegeneren Lausitz läuft die Vermarktung der neuen Freizeit-Liegenschaften zäher als in der Boomregion um Leipzig und Halle. Doch Senftenbergs Stadthafen, am bereits 1972 entstandenen See unlängst neu gebaut, kann sich architektonisch sehen lassen (Planung nach Wettbewerbsgewinn 2008 durch bgmr Landschaftsarchitekten mit Astoc Architekten). Cottbus plant derweil bald zwei Jahrzehnte seinen „Ostsee“ im riesigen Tagebau Cottbus-Nord. Erst kürzlich wurde der Wettbewerb für das neue „Hafenquartier“ entschieden (Gewinner: fehlig mosh­feghi architekten mit Gartenlabor Bruns). In einem verwahrlosten Niemandsland, dem einstigen Hinterhof der Stadt, soll eine noble Adresse entstehen. Eine neue Potenzialanalyse für den See, die die Stadt bei einem Strategieberatungsunternehmen beauftragt hat, gibt sich indes vorsichtig: Allein die Tatsache, dass hier mit 1.900 Hektar der „größte See Brandenburgs“ entsteht, sei noch kein Alleinstellungsmerkmal und keine Garantie für eine nachhaltige Entwicklung. In Konkurrenz zu den Mecklenburger Seen oder gar zur „echten“ Ostsee bleibe dem neuen Gebiet wohl eher die Funktion der Naherholung. Marinas will man deshalb klein halten: Nachfrage bestehe wohl mehr für den Badebetrieb, heißt es. Den beginnenden Wildwuchs privater Developer sieht das Gutachten skeptisch – entstanden ist bereits ein Freizeitpark und ein „Götterhain“. Empfohlen wird hingegen eine „produktive“ Nutzung des Sees, etwa zur Energiegewinnung. Bislang ist aber noch nicht einmal geklärt, wer Eigentümer der neuen Wasserfläche sein wird. Ab sofort füllt erst einmal Spreewasser zehn Jahre lang die ausgekohlte Wüstenlandschaft. Zwei Aussichtstürme – der eine im Ortsteil Merzdorf und der andere, architektonisch reizvoller, in Teichland – bieten Ausblick über die Ausmaße der Bergbaubrache. Wildnis und Visionen Wo die wirtschaftliche Verwertung auf sich warten lässt, kommt im Zweifelsfall die Natur zum Zuge – die Wildnis, nicht der schnurgerade Bergbaufolgeforst. Ökologen sehen darin ein großes Potenzial. So erwarb die Heinz Sielmann Stiftung seit dem Jahr 2000 in der Niederlausitz 3.300 Hektar, um sie für den Naturschutz zu sichern. In den sandigen Dünen, die der Tagebau zurückgelassen hat, siedeln sich seltene Pflanzen und Tiere an. Das letzte Haus des Dorfes Wanninchen, das die Bagger stehen ließen, ist heute ein Naturerlebniszentrum. Es erinnert auch an die 136 „verschwundenen Orte“, die allein in Ostdeutschland der Braunkohle weichen mussten, von Naturräumen, Wäldern, Flüssen und Teichen ganz zu schweigen. Letztere entstehen nun neu und oftmals ungestört, wenn Areale als einsturzgefährdet gelten und auf unabsehbare Zeit gesperrt bleiben. Seit 2009 bei einem Erdrutsch an einem neuen Tagebausee in Sachsen-Anhalt drei Menschen verschüttet wurden, werden Zugangsrechte um einiges restriktiver vergeben. Mit der viel beachteten strategischen Intervention der IBA Fürst-Pückler-Land, auch IBA See genannt, wurde zwischen 2000 und 2010 versucht, das Bild von der Lausitz als kaputtem Niemandsland zu korrigieren. Die geplanten 30 Projekte kamen nicht alle zustande und strahlen auch heute nur bedingt aus – die Inszenierung der Großtechnik als „Industriekultur“ lief gut, doch blieben etwa schwimmende Häuser bis heute Einzelfälle. Auch visionäre Land-Art-Konzepte, wie die „künstliche Wüste“ im Tagebau Welzow-Süd bei Spremberg, scheiterten. „Die Leute wollen nicht in einer Wüste leben“, sagt Carlo Becker vom dafür verantwortlichen Landschaftsplanungsbüro bgmr aus Berlin, der sich durch seine Professur an der BTU Cottbus-Senftenberg in der Region gut auskennt. Er sieht weiterhin eine große Chance in der „Umcodierung“ der Bergbaulandschaft. Leipzig, das in den letzten Jahren seine bestehenden Kanäle mit den neuen Tagebauseen vernetzt hat, erlebt gerade eine solche Umstülpung: „Die Wasserseite ist plötzlich die Vorderseite“, stellt Becker fest. „Der Wassertourismus boomt, man kann jetzt mit speziell entwickelten Booten durch die Stadt fahren.“ Schwierige Maßstabssprünge Becker versteht es als Aufgabe der Landschaftsplaner, die LMBV dazu zu bewegen, aus den neuen Uferbereichen und Schleusen mehr zu machen als technische Anlagen. Hier herrsche noch ein sehr technokratisches Denken. „Man muss lernen, mit diesen Maßstabssprüngen umzugehen. Viele Fachleute verlassen kaum den 10.000er-Maßstab und denken nur in Regelprofilen.“ Schon in den aktiven Tagebauen sollte seiner Meinung nach an die künftige Geländemodellierung gedacht werden. Stattdessen entstünden oft schwer bebaubare Zonen. Leider durchdringe dieses Denken oft auch die lokalen Zweckverbände. Die Politik sei es gewohnt, die Quasi-Monopole in der Bergbauverwaltung machen zu lassen. Zugleich fehle es in der Bevölkerung an Vorstellungsvermögen für die Chancen, bei der Umgestaltung etwas Eigenes, Besonderes zu entwickeln. Im boomenden Umfeld von Leipzig sieht Becker zudem die Tendenz zur Spaltung zwischen teuren Seelagen und vernachlässigten Zwischenräumen. Becker selbst, der als Planer und Juror bundesweit tätig ist, findet es jedenfalls spannend, mit gestörten Landschaften umzugehen. Er wendet sich vor allem gegen die „Verhübschung“ der Montanbrachen und will vielmehr deren verwundeten, rauen Charakter bewahren: „Mit dem üblichen Repertoire der Landschaftsarchitektur kommt man hier nicht weiter.“ Warten aufs Wasser: der zukünftige Cottbuser Ostsee, Herbst 2017. Zwischen dem Ortsteil Merzdorf und dem ehemaligen Tagebau liegt ein Aussichtsturm. Auch Thies Schröder, Geschäftsführer von Ferropolis in Gräfenhainichen und studierter Landschaftsarchitekt, ist offen für Experimente. In seinem Reservat der Bergbaubagger und Großmaschinen inszeniert er erfolgreich Events aller Art für die „Erlebnisgesellschaft“. Auch er beklagt in der Region indes einen Mangel an Offenheit und Kreativität, um neue Ideen anzugehen. Planerisch habe die IBA viel gebracht, resümiert er, insbesondere werde die Entwicklung seither besser koordiniert. Gestalterisch aber wurde er vielfach enttäuscht: Es gebe ein „buntes Durcheinander“ an Bauten, viel „Katalog-Geschmack“ und bloße Nachahmung. Er möchte darum „Mut machen zu sinnvollen Gestaltungssatzungen“. Zumindest um Leipzig sieht auch Schröder inzwischen eine gut vernetzte „urbane Seenlandschaft“ wachsen, wo man „vom Büro mit der S-Bahn zum Baden fahren“ kann. Mehr Kohle, mehr Seen? Noch ist Deutschland mit jährlich rund 180 Millionen Tonnen weltweit führend in der Braunkohleförderung, auch wenn dies weniger als die Hälfte dessen ist, was zu Spitzenzeiten in den 1980er-Jahren in Ost und West abgebaut wurde. Die geschätzten Lagerbestände von 35 Milliarden Tonnen reichen bei heutigem Verbrauch noch für 220 Jahre. Die Planung der „Energiewende“ sieht aber vor, dass das Gros dieser Vorräte im Interesse des Klimaschutzes in der Erde bleibt. Kaum jemand hegt noch Zweifel, dass die Braunkohle­förderung in sehr absehbarer Zeit auslaufen wird, auch wenn dies gerade für die strukturschwache Lausitz soziale Härten bedeutet. Auch im politisch besonders protegierten rheinischen Revier zwischen Köln und Aachen gibt es ungeachtet brachialer Expansionen in jüngster Zeit längst Exitpläne: Das „größte Loch Europas“ bei Hambach, das bis zu 450 Meter tief ist, soll dann mithilfe von Rheinwasser zu einem 4.000 Hektar großen See werden. Der wäre fast so groß wie der Ammersee – und ein imposantes Finale für über 200 Jahre industriellen Tagebau. Bis es so weit ist, kann man dort von den Erfahrungen in Ostdeutschland lernen. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Wandelbar“ finden Sie in unserem DABthema wandelbar

    In der Gewerbesteuerfalle

    In zwei Fällen besteht für Architekten das Risiko, Gewerbe­steuer zahlen zu müssen. Doch davor kann man sich schützen Von Carmen Stamm und Claudia Küh Bei einer Qualifizierung als „gewerblich“ beträgt das finanzielle Risiko, bis zu 19 Prozent Gewerbesteuer zahlen zu müssen – zuzüglich sechs Prozent Zinsen und zeitlich vorgelagerter Ertrags- und Umsatzbesteuerung. Die Einkünfte eines „freiberuflichen Architekten“ können in zwei Fällen steuerlich als gewerblich gelten: a) Beim Verlust der eigenverantwortlichen und leitenden Tätigkeit durch die zunehmende Einbindung weiterer Fachkräfte; oder b) Bei einem inhaltlichen Wandel hin zu einer gewerblichen Tätigkeit. Bei der freiberuflichen Tätigkeit nach § 18 EStG steht die geistige und schöpferische Arbeit im Vordergrund. Arbeitseinsatz, Ausbildung und Können des Berufsträgers prägen die Tätigkeit. Bei einem Gewerbebetrieb liegen nach § 15 EStG eine selbstständige, nachhaltige Betätigung mit Gewinnerzielungsabsicht sowie eine Beteiligung am allgemeinen wirtschaftlichen Verkehr vor. Kapitalgesellschaften, zum Beispiel eine GmbH, unterliegen kraft ihrer Rechtsform immer der Gewerbesteuer (2015 nur acht Prozent aller deutschen Architekturbüros, Quelle: Statistisches Bundesamt). Einzelunternehmer und Personengesellschaften, wie etwa Partnerschaftsgesellschaften, sind dagegen nicht kraft ihrer Rechtsform gewerbesteuerpflichtig. Verlust der eigenverantwortlichen und leitenden Tätigkeit Ein Freiberufler darf sich „fachlich vorgebildeter Arbeitskräfte“ bedienen, muss aber eigenverantwortlich und leitend tätig sein, wobei seinen Leistungen der „Stempel der Eigenverantwortlichkeit“ aufgedrückt sein muss. Kritisch sind folgende Fälle:
    • Beschäftigung von leitenden Angestellten („quantitative Eignungsleihe“) oder Subunternehmern („qualitative Eignungsleihe“), die zu wenig kontrolliert werden.
    • „Nullgesellschafter“ als verdeckter Arbeitnehmer (neuer Gesellschafter, der zu Beginn keinen Gewinnanteil und keine Verfügungsmacht über die Bürokonten hat und keine Abfindung bei Ausscheiden erhält).
    Bei der „quantitativen Eignungsleihe“ verhindert der Nachweis von organisatorischen Vorkehrungen bei jedem einzelnen Auftrag die Gewerblichkeit, zum Beispiel durch die Einführung von Checklisten oder des Vier-Augen-Prinzips. Stichprobenweise Prüfungen genügen nicht. Alle wesentlichen Entscheidungen müssen persönlich getroffen und die Mitarbeiter kontrolliert werden. Kritischer ist die „qualitative Eignungsleihe“, wenn eingeschaltete Subunternehmer mangels entsprechender Fachkenntnisse nicht beaufsichtigt werden können. Analog zu einem aktuellen Urteil des Bundesfinanzhofs zu einem Übersetzungsbüro, das Subaufträge erteilt hat (Urteil vom 21. Februar 2017, Az.: VIII R 45/13), könnte die Tätigkeit eines freiberuflichen Architekten, der Subunternehmer beauftragt, als gewerblich bewertet werden. Kritisch wird es insbesondere, wenn der Architekt als Bauleiter, -betreuer oder Generalplaner im eigenen Namen und auf eigene Rechnung Unteraufträge vergibt, die er fachlich nicht selbst kontrollieren kann – zum Beispiel bei der technischen Gebäudeausstattung. Wandel zur gewerblichen Tätigkeit Steuerlich wird der freiberufliche Architekt als gewerblich qualifiziert, wenn die geistige und schöpferische Arbeit sowie Arbeitseinsatz, Ausbildung und Können in den Hintergrund rücken.
    • Eindeutig gewerblich sind die Fälle, in denen ein Architekt auch Produktions-, Handels- oder Lieferinteressen verfolgt, zum Beispiel als Bauträger, -unternehmer oder Generalunternehmer, der schlüsselfertige Gebäude errichtet, ferner als Makler (falls berufsrechtlich zugelassen), Projektentwickler, Wohnungsunternehmer, Baustoffhändler oder -hersteller, Verkäufer von Produkten zur Gartengestaltung oder Inneneinrichtung und als Facility Manager.
    • Kritisch sind Tätigkeiten, bei denen der Architekt nicht nur Unteraufträge vergibt, sondern auch das Kostenrisiko auf eigene Rechnung übernimmt (unabhängig von der Auftragsbezeichnung). Eine Bezeichnung wie Bauleiter, Baubetreuer oder auch Generalplaner verstärkt das Risiko der gewerblichen Qualifizierung. So wurde etwa ein Architekt, der im Vertrag als „Baubetreuer“ beauftragt wurde, tatsächlich aber im eigenen Namen und auf eigene Rechnung und Gefahr schlüsselfertige Bauwerke erstellt hatte, vom Bundesfinanzhof als gewerblich qualifiziert, obwohl die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen ihn als „frei“ eingestuft hatte (Urteil vom 18. Oktober 2006, Az.: XI R 10/06).
    Wie man sich absichert Die gewerbliche Tätigkeit wird von vornherein verhindert, indem zum Beispiel
    • durch organisatorische Vorkehrungen sichergestellt wird, dass die Tätigkeit weiterhin eigenverantwortlich und leitend ist („quantitative Eignungsleihe“)
    • Subunternehmeraufträge in anderen Fachgebieten („qualitative Eignungsleihe“) von Architekten nicht vergeben werden, sondern die betreffenden Aufträge direkt vom Bauherrn oder im Auftrag und im Namen des Bauherrn auf dessen Rechnung beauftragt werden
    • Gesellschaftsverträge bei „Nullgesellschaftern“ auf steuerliche Risiken überprüft werden
    • durch vertragliche Gestaltungen und eindeutige Begrifflichkeiten sichergestellt wird, dass kein Risiko übernommen wird und keine schlüsselfertigen Bauten erstellt sowie keine Produktions-, Handels- oder Lieferinteressen verfolgt werden.
    Sollte ein Architekt dennoch gewerblich tätig sein, muss er dies von der freiberuflichen Tätigkeit trennen, damit die freiberufliche Tätigkeit gewerbesteuerfrei bleibt:
    • Einzelunternehmer sollten steuerlich zwei Unternehmen anmelden – gewerblich und freiberuflich („Trennungsprinzip“). Notwendig sind getrennte Verträge, Honorarvereinbarungen (sogar bei einheitlichen Kunden), Buchhaltungen, Briefpapiere und Konten. Von einem Vertrag über die Planung und die Errichtung eines Gebäudes ohne gesondertes Architektenhonorar ist abzuraten.
    • Die Personengesellschaft, wie zum Beispiel die Partnerschaftsgesellschaft und die Gesellschaft bürgerlichen Rechts, kann nicht in zwei Steuersubjekte aufgespalten und wie zwei steuerpflichtige Unternehmen behandelt werden, sie ist nur ein Unternehmen. Damit sind ihre Einkünfte entweder gewerblich oder freiberuflich. Liegt eine wesentliche gewerbliche Tätigkeit vor, „färbt“ diese grundsätzlich auf die freiberufliche ab und „infiziert“ sie, die Gesellschaft erzielt dann ausschließlich gewerbliche Einkünfte („Abfärbetheorie“, vgl. DAB 04.2015, „Tücken des Gewerbes“). Gewerbliche Umsätze von weniger als drei Prozent der Gesamtumsätze oder maximal 24.500 Euro sind dabei unkritisch. Ansonsten empfiehlt sich eine Auslagerung in eine eigene Gesellschaft.
    Carmen Stamm ist Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin in München (www.wp-stamm.eu). Claudia Kühl ist Steuerberaterin in Hamburg (www.kuehl-hamburg.de) Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

    Kommunizieren in der Cloud

    Im Architekturbüro Gaus & Knödler werden intern keine E-Mails mehr verschickt. Stattdessen chattet man professionell. Auch die Büroorganisation ist Cloud-basiert Von Eric Sturm Seit gut sechs Jahren nutzt das mittelständische Architekturbüro Gaus & Knödler aus Göppingen die Bürosoftware Projekt Pro. Sie löst Kommunikationsaufgaben wie den E-Mail-Versand oder das Projektcontrolling zufriedenstellend, hat aber einen entscheidenden Nachteil: Sie ist nicht Cloud-basiert. Auf die Daten kann also nicht flexibel, zum Beispiel von der Baustelle aus, zugegriffen werden. Zudem suchte man nach Wegen aus dem „E-Mail-Chaos“, denn überfüllte Posteingänge binden viel Arbeitszeit. Trennung von interner und externer Kommunikation 2017 führten Gaus & Knödler dann die Web-Anwendung Slack als E-Mail-Ersatz für die bürointerne Kommunikation ein. Der radikale Schritt wurde zunächst in einer kleinen Gruppe (erfolgreich) getestet. Inzwischen tauschen sich alle 30 Mitarbeiter über das Programm aus – und sparen eine Menge Zeit. „Wenn wir jetzt noch E-Mails erhalten, sind das Nachrichten von extern. Die bekommen dann automatisch eine gewisse Wichtigkeit. Das sehen wir sehr positiv, weil angesichts der bisherigen ,E-Mail-Schwemme‘, mitverursacht durch viele interne Nachrichten, die Aufmerksamkeit für wichtige E-Mails gelitten hat“, sagt Büroinhaber Christian Gaus. In Slack können unterschiedliche Themenbereiche in Kanälen („Channels“) angelegt werden. Einzelne Gesprächsinhalte können aus dem Chatverlauf ausgegliedert werden, um sie in kleinerer Runde zu vertiefen. Bei Gaus & Knödler gibt es einen Kanal je Projekt, einen allgemeinen Kanal und eine Handvoll administrative Kanäle. Die meisten Mitarbeiter sind zwei Projekt-Kanälen und dem allgemeinen Kanal zugeordnet. Weil man zunächst mit einer kleinen Gruppe testete und die Mitarbeiter über die bevorstehende Umstellung laufend informiert wurden, habe das „Change Management“ bestens funktioniert, so Christian Gaus: „Der Übergang zu Slack wurde extrem positiv aufgenommen, weil viel direkter und schneller kommuniziert wird.“ Der Architekt sieht einen weiteren Vorteil in der größeren Transparenz: „Man nimmt die Mitarbeiter viel mehr mit.“ Auch Kollegen, die 500 Kilometer weiter nördlich im Baucontainer sitzen, hätten viel stärker das Gefühl, zum Büro zu gehören, so Gaus: „Wir posten auch unsere Erfolge, etwa gewonnene Wettbewerbe, und lassen alle Mitarbeiter daran teilhaben. Es ist ein Tool, das integriert und verbindet.“ Papierloses Büro: Bei Gaus & Knödler werden Dokumente in Evernote verwaltet. Über Neuigkeiten tauscht man sich in Slack aus. Dokumentenmanagement statt Papierausdrucke Dass Evernote ebenfalls Cloud-basiert ist, war ein wichtiges Argument für die Software. Sie kommt bei Gaus & Knödler etwa bei der wöchentlichen Büroplanung, beim „Jour Fixe Controlling“ oder bei Baustellenbesprechungen zum Einsatz: Protokolle werden in der App mitgeschrieben, erledigte Aufgaben abgehakt, neue Aufgaben angelegt. So stehen dem gesamten Team alle Informationen sofort zur Verfügung. Da den Protokoll-Dokumenten auch PDF-Dateien oder Bilder beigefügt werden können, ersetzen die Evernote-Listen nun sämtliches Papier bei den Sitzungen. Auch der (Brief-)Posteingang und die Rechnungsprüfung wird bei Gaus & Knödler inzwischen digital in Evernote abgebildet. Eingegangene Briefe werden eingescannt und im Notizbuch „Posteingang“ abgelegt. Ebenso sind Fotos von Dokumenten mit wenigen Schritten im System abgelegt. Alle Inhalte – auch die der Scans – erfasst die Software und macht sie über eine Suchfunktion auffindbar. „Selbst relativ schlecht lesbare Handschrift wird noch voll erkannt“ berichtet Michael Reisser, der Evernote auch für das Büro-Marketing nutzt. Auch beim Wissensmanagement wird es eingesetzt: „Wir bauen gerade unsere gesamte Datenbank in Evernote auf“ erläutert Christian Gaus. Sämtliche für die tägliche Arbeit relevanten Dokumente – von Gesetzestexten bis hin zu Detailzeichnungen – werden demnächst zentral verfügbar sein. „Die klassische Datenhaltung auf dem eigenen Server wird durch Slack und Evernote aber nicht überflüssig“, ergänzt Gaus, „gerade wenn es um den Umgang mit sensiblen Kunden- und personenbezogenen Daten geht.“ Eric Sturm ist Webdesigner, Blogger und Fachjournalist in Berlin MEHR INFORMATIONEN Slack lässt sich vereinfacht als WhatsApp für die Büro-interne Kommunikation bezeichnen – allerdings mit mehr Funktionen: Ein Administrator im Unternehmen legt themenbezogene Kanäle an und bestimmt, welche Nutzer sich darin austauschen oder Dateien hochladen dürfen. Über die Suchfunktion sind Dokumente oder Diskussionen schnell auffindbar. Andere Dienste, wie Dropbox oder Google Drive, können integriert werden, ein Export der Chat-Daten ist ebenfalls möglich. Die ausgetauschten Informationen und Daten können dauerhaft oder zeitlich begrenzt vorgehalten werden. Slack läuft im Browser oder als App für Windows, macOS, Linux, iOS, Android und Windows Phone. Die Basisversion (mit begrenztem Funktionsumfang) ist kostenlos, daneben werden zwei Bezahlversionen für 6,25 (wie Gaus & Knödler sie nutzen) oder 11,75 Euro pro Mitarbeiter und Monat angeboten. Slack ist ein eigenständiges US-Unternehmen mit weltweiten Niederlassungen. Die Daten werden in den USA gespeichert, eine Speicherung in Europa wird jedoch vorbereitet. Alternativen sind Microsoft Teams, Yammer (auch Microsoft) oder das deutsche Communote. Evernote ermöglicht das Sammeln, Ordnen und Finden von Notizen, Dokumenten und Fotos in verschiedenen Formaten – als Browser-Anwendung oder als App für Windows, macOS, iOS, Android, BlackBerry und Windows Phone. Es können abhakbare To-do-Listen erstellt und Aufgaben definiert werden. Mit einer Benachrichtigungsfunktion werden Projektbeteiligte an eine Notiz erinnert. Via Texterkennung können auch Suchbegriffe auf Fotos, Plänen oder eingescannten Dokumenten gefunden werden. Die Daten werden doppelt vorgehalten: auf dem Endgerät und in der Cloud. Sie können außerdem manuell gesichert und in verschiedene Dateiformate exportiert werden. Evernote wird als „Freemium“-Produkt angeboten, bietet also ein kostenloses Basis-Konto mit Begrenzungen bei Funktionalität und Speicherplatz. Das Premium-Konto für Einzelnutzer kostet 60 Euro pro Jahr, für Evernote Business (wie bei Gaus & Knödler) werden 12 Euro pro Einzelnutzer und Monat berechnet. Evernote ist ein eigenständiges US-Unternehmen. Derzeit werden alle Daten in den USA gespeichert. Software-Alternativen sind Microsoft OneNote oder Dropbox Paper.

    Schreckgespenst Datenschutz

    Auch Architekturbüros unterliegen bald strengeren Datenschutzregeln. Es gilt genau zu prüfen, ob personenbezogene Daten zu Recht gespeichert wurden und wie mit ihnen umzugehen ist.                             Von Janina Winz   Selten hat ein Rechtsgebiet innerhalb kürzester Zeit derart an Popularität gewonnen wie derzeit das Datenschutzrecht. Grund ist die Europäische Datenschutz-Grundverordnung (DS-GVO), die ab dem 25. Mai in allen EU-Mitgliedstaaten unmittelbar gilt und drakonische Sanktionen für Verstöße vorsieht. Flankiert wird sie durch das neu gefasste Bundesdatenschutzgesetz (BDSG-neu), das ergänzende Regelungen zur Anpassung des deutschen Datenschutzrechts an die DS-GVO enthält. Dieses Zusammenspiel stellt nicht nur Großunternehmen, sondern auch kleinere Unternehmen wie Architekturbüros vor große Herausforderungen. Pflicht oder Kür? Architekturbüros messen dem neuen Datenschutzrecht bislang meist keine größere Bedeutung bei. Dabei gilt es auch für sie, soweit sie personenbezogene Daten, also Daten von natürlichen Personen wie Bauherren, Geschäftspartnern oder Mitarbeitern verarbeiten („verarbeiten“ meint das Erheben, Speichern, Organisieren, Übermitteln oder sonstiges Verwenden). Die scheinbare Gelassenheit gründet in der großen Unsicherheit, wie die sehr abstrakten und strengen Vorgaben der DS-GVO mit verhältnismäßigem Aufwand praktisch umzusetzen sind. Der falsche Weg ist es allerdings, erst einmal abzuwarten, denn datenschutzrechtliche Versäumnisse, wie etwa das Nichtbestellen eines unter Umständen notwendigen Datenschutzbeauftragten, bergen enorme Sanktions- und Haftungsrisiken (Bußgelder bis zu 20 Millionen Euro oder Schadensersatzansprüche). Sie können zudem zum Wettbewerbsnachteil werden. Architekturbüros sollten das neue Datenschutzrecht daher ernst nehmen und seine Grundpflichten umsetzen. Die ersten Schritte Der erste Schritt sollte eine Bestandsaufnahme der eigenen Datenverarbeitungsprozesse sein. Um den notwendigen Anpassungsbedarf festzustellen, ist zu ermitteln, welche personenbezogenen Daten zu welchen Zwecken verarbeitet werden. Der Begriff der personenbezogenen Daten ist dabei weit zu verstehen und umfasst alle Informationen, die sich auf eine natürliche Person beziehen. Ein guter Ausgangspunkt ist die Erstellung eines sogenannten Verarbeitungsverzeichnisses, in dem die wesentlichen Umstände aller Datenverarbeitungsverfahren dokumentiert werden. Das Führen eines solchen Verzeichnisses ist verpflichtend und dient zugleich als Nachweis für die Rechtmäßigkeit der Datenverarbeitung. Auf dieser Basis sind sodann die Rechtmäßigkeit und der etwaige Anpassungsbedarf zu prüfen: Ist die Verarbeitung zur Erfüllung eines Vertrages, einer gesetzlichen Verpflichtung oder eines berechtigten Interesses erforderlich? Bedarf es womöglich einer Einwilligung der Personen, deren Daten verarbeitet werden? Genügt eine solche Einwilligung den rechtlichen Anforderungen? Wie lange dürfen die Daten aufbewahrt werden? Wer darf auf die Daten zugreifen? Sind die notwendigen Maßnahmen zur Gewährleistung der Datensicherheit getroffen worden? Birgt die Verarbeitung hohe Risiken für die Betroffenen, die eine besondere Kontrolle erfordern (sogenannte Datenschutz-Folgenabschätzung)? Welche weiteren Pflichten bestehen in Zusammenhang mit der jeweiligen Verarbeitung? Je nach Größe des Büros und Komplexität der Datenverarbeitungsprozesse kann bei der Beantwortung dieser Fragen die Unterstützung durch externe Berater sinnvoll sein. Welche weiteren Pflichten haben Architekten? Architekturbüros kann die Pflicht treffen, einen Datenschutzbeauftragten zu bestellen. Das ist unter anderem der Fall, wenn mindestens zehn Personen ständig mit der automatisierten Verarbeitung personenbezogener Daten beschäftigt sind – dafür kann es reichen, dass sie am PC tätig sind und beispielsweise E-Mails schreiben. Ferner können weitreichende Informationspflichten gegenüber den Betroffenen, wie zum Beispiel Bauherren, bestehen, um die Datenverarbeitung für sie transparenter zu machen. Werden externe Dienstleister, wie etwa Cloud-Dienste, einbezogen, ist das Architekturbüro nicht etwa von der Pflicht zur Einhaltung der datenschutzrechtlichen Vorgaben befreit, es bedarf vielmehr eines speziellen Auftragsverarbeitungsvertrages. Zu beachten ist, dass hinsichtlich der Einhaltung all dieser Pflichten grundsätzlich das Unternehmen nachweispflichtig ist. Eine sorgfältige Dokumentation ist daher entscheidend. In der noch zur Verfügung stehenden Zeit ist eine lückenlose Umsetzung der Vorgaben allerdings kaum möglich. Umso wichtiger ist es, nötigenfalls mit externer Unterstützung, ein effektives Konzept auszuarbeiten und Datenschutz als fortlaufenden Prozess zu verstehen. Die seitens fachkundiger Stellen, Datenschutzaufsichtsbehörden und Architektenkammern veröffentlichten Praxishilfen dienen dabei als wertvolle Stütze.p Janina Winz ist Rechtsanwältin bei Kapellmann und Partner Rechtsanwälte mbB in Düsseldorf   MEHR INFORMATIONEN Weitergehende hilfreiche Informationen liefern beispielsweise der Praxishinweis 54/2018 der Architektenkammer NRW oder ein Merkblatt der Bayerischen Architektenkammer. Auch andere Architektenkammern haben Anwendungshinweise erstellt. Ferner haben die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI) und die Landesdatenschutzaufsichtsbehörden ergänzende Praxishinweise und Muster veröffentlicht, die bei der Umsetzung der DS-GVO und des BDSG-neu eine gute Hilfestellung bieten können: Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier