Weitere Informationen

zum Beitrag „Aussichtsreiche Erfindungen“:
  • Forschungsvorhaben der TU Kaiserslautern „Leicht bauen mit Beton – innovative Klebeverbindungstechnik für filigrane Fassadenplatten aus Hochleistungsbeton“ hier
  • Forschungsvorhaben der Bauhaus-Universität Weimar „Glas-Hybrid-Elemente mit transluzenten Zwischenschichten zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäudehüllen“ hier und hier
  • Dissertation „Hochhausfassaden aus Membranen“, Untersuchung transparenter Folien als vorgespanntes Membranentragwerk hier und hier

Gelenkte Lichtblicke

Innovative Jalousien lassen Tageslicht in den Raum und erlauben den Ausblick, weisen aber Hitze und Blendung ab | Von Marion Goldmann Multifunktional: Reflektierende Oberfläche und Krümmung der Lamellen bewirken, dass Tageslicht nahezu blendfrei in den Raum gelenkt wird. Der Frankfurter Architekt und Lichtplaner Helmut Köster bringt es auf den Punkt: „Traditioneller Sonnenschutz kann energetisch höchst kontraproduktiv sein. Er dunkelt den Innenraum ab und erfordert elektrische Beleuchtung, während draußen die Sonne scheint.“ Dies gelte für alle innen liegenden Rollosysteme, Vertikallamellen und farbige Jalousien und sogar für den üblichen, außen liegenden Sonnenschutz – auch in Verbindung mit Sonnenschutzglas. Tageslicht-Lenkjalousien für Fenster und Fassaden transportieren dagegen das natürliche Licht tief in den Raum hinein. Dadurch werden auch weiter vom Fenster entfernt liegende Bereiche mit natürlichem Licht versorgt, was Kunstlicht tagsüber weitgehend überflüssig macht. Gleichzeitig ist in der Nähe der Fenster der Sonnen- und Blendschutz sichergestellt. Die freie Sicht nach außen bleibt ebenfalls erhalten. Sie ist für Nutzer inzwischen genauso wichtig wie die grundsätzlich positive Wirkung von Tageslicht auf das menschliche Wohlbefinden. Aber auch bei den Tageslicht-Lenksystemen gibt es große Unterschiede: Innovative Retrolamellenjalousien leisten Lichteinfall und Wärmeabweisung deutlich besser als herkömmliche Spiegeljalousien. Sie werden vor allem in Bürogebäuden sowie zunehmend in Schulen und Krankenhäusern eingesetzt. Auch für energetisch optimierte Wohnbauten kommen sie infrage, die durch große Glasscheiben in den kühlen Jahreszeiten Energie gewinnen wollen, in denen jedoch im Sommer Überhitzung droht. Neben den weichen Faktoren „Aussicht und Wohlbefinden“ zählt die Gesamtenergieeffizienz des Gebäudes, in die bei Nichtwohngebäuden seit 2006 die Beleuchtung mit einfließt. Je weiter demnach eine Tageslichtlenkjalousie das Tageslicht in den Raum hinein leitet, desto wirtschaftlicher ist das System. Simulationsprogramme ermitteln bereits im Vorfeld, bis zu welcher Raumtiefe die jeweils nutzungsbedingte Mindestbeleuchtungsstärke gewährleistet werden kann. Auf dieser Basis lässt sich die Einschaltdauer des Kunstlichtes berechnen. Das Ergebnis hängt auch von der Lichtdurchlässigkeit der Verglasung ab. Köster erwartet zum Beispiel bei einem hochtransparenten Glas in Verbindung mit einem Tageslicht-Lenksystem eine Stärke von 300 Lux bis zu einer Raumtiefe von zehn Metern. Unterschiedliche Funktionsprinzipien Tageslicht-Lenkjalousien werden in verschiedenen Varianten angeboten. Herkömmliche Spiegeljalousien besitzen konkav geformte und mit einer hoch reflektierenden Oberfläche versehene Lamellen. Um den Blendschutz im unteren Bereich zu gewährleisten, müssen diese Lamellenbehänge dort geschlossen bleiben. Der Tageslichteinfall erfolgt über den oben geöffneten Teil. Doch diese Systeme können den Strahlengang nur zum Teil ausreichend lenken. Hier pendelt die Strahlung zwischen den Lamellen so lange hin her, bis sie entweder nach außen oder innen reflektiert oder an den Lamellen absorbiert ist. Dadurch aber heizt sich der Behang beziehungsweise die Fensterzone stark auf. Das ist vor allem energetisch unwirtschaftlich, da auch diese Wärme über die Kühlung wieder abgeführt werden muss. RetroFlex Lichtlenklamellen: Besitzen eine ­mikrostrukturierte, spiegelnde Oberseite als Retroreflektor, der einen fokussierenden Fresnell-Spiegel mit Lichtlenkung zurück nach außen bildet. Mit der Retrotechnik fand Köster schon Mitte der 1990er-Jahre eine Lösung, die sich aufgrund der energetischen Vorzüge jetzt im Markt durchsetzt: eine aus zwei Teilstücken bestehende Lamelle, deren nach außen gerichteter Teil w-förmig gekantet ist. Diese Form bewirkt eine gezielte Reflexion des Lichts: Während die solare Wärmestrahlung nach außen zurückgelenkt wird, transportiert das nach innen gerichtete Lichtlenkteilstück die diffuse Strahlung in den Raum hinein. Köster: „Wir können genau steuern, wie ein Raum zu einer bestimmten Tages- oder Jahreszeit mit Tageslicht ausgeleuchtet ist.“ Dadurch wird die Energiebilanz der Fassade präziser berechenbar, gleichzeitig bieten die Retrolamellen eine hohe Präzision in der Lichtführung nach innen. Es gibt sowohl außen- und innenliegende Systeme als auch solche für den Scheibenzwischenraum und für großflächige Dachverglasungen. Je nach Bedarf sind die Oberflächen unterschiedlich beschichtet. Weiterentwickelte Jalousienprofile sind so ausgebildet, dass die geöffneten Lamellen eine weitgehend ungehinderte Aussicht zulassen, jedoch zugleich vor Überhitzung und Blendung schützen. Fehler durch unbedachte Wahl Selbst das beste Tageslicht-Lenksystem nützt nichts, wenn die tangierenden Fachdisziplinen nicht rechtzeitig in den Planungsprozess eingebunden werden. Zwar wenden schon eine Reihe von Architekten die Tageslichtplanung bei ihren Projekten konsequent an. Meist sind es jedoch prominente Bauvorhaben mit höherem Budget, wo auch die Fachplaner von Anfang an involviert sind. Anderswo hingegen fehlen oft umfassendere Kenntnisse. Bei Fortbildungsseminaren wird Köster vor allem gefragt, ob der Sonnenschutz außen liegen müsse oder ob ein innen liegendes System genüge – und ob Sonnenschutzglas erforderlich sei oder eine normale Wärmeschutzverglasung ausreiche. Doch die Tageslichttechnik muss ins energetische Gesamtkonzept eingebunden werden. Die Nutzung von Tageslicht, ohne die Gebäude zu überhitzen, nimmt zunehmend eine Schlüsselstellung ein. Bisher wird aber oft einfach eine Wärmeschutzverglasung mit einem Tageslicht-Lenksystem kombiniert, was so nicht funktioniert: Auch beim innovativsten System bleibt im Fensterbereich minimale Restwärme übrig, die über die Lüftung abzuführen ist. Oft werden zudem Leuchten eingesetzt, die die Nutzung des natürlichen Lichtes erschweren. Fachwissen erwerben Die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sind bisher begrenzt. Architektenkammern bieten das Thema in der Fortbildung an. An Hoch- und Fachhochschulen gibt es aber bisher keinen Masterstudiengang „Tageslichttechnik“. Lediglich einzelne Module innerhalb verschiedener Studiengänge behandeln das Thema. Als Masterstudiengang wird nur „Lichttechnik und künstliche Beleuchtung“ angeboten – eher für Elektroplaner konzipiert und für Architekten zu speziell. Es gibt jedoch einen Lichtblick aus Österreich. Hier hat die Donau-Universität in Krems die Initiative ergriffen. Im Herbst 2010 startet der erste postgraduale Lehr- beziehungsweise Studiengang „Tageslicht-Architektur“, der einen integralen Ansatz verfolgt. Lehrgangsleiter ­Gregor Radinger aus dem Universitätsdepartment für Bauen und Umwelt: „Das erworbene Wissen ermöglicht, ein Haus so zu entwerfen, dass es tageslichtplanerisch und optisch wie energetisch wirklich gut wird.“ Der Abschluss ist nach drei Semestern als „Akademischer Experte“ oder nach vier Semestern als „Master of Science“ möglich.

Aussichtsreiche Erfindungen

Beton, Glas, Membranen: Innovative Produkte aus der Baustoffforschung sind energetisch und wirtschaftlich effektiv – und teils schon einsatzreif | Von Marion Goldmann Textile Formen: Mit Membranen aus ETFEFolie könnten Hochhausfassaden zum Beispiel so aussehen. Für Atrien oder Wintergärten eignen sich diese Formen ebenfalls. Der scheinbar so simple Beton gehört zu den besonders innovationsträchtigen Baustoffen; ständig kommen neue Entwicklungen dazu. Zum Beispiel aus dem Forschungsvorhaben der TU Kaiserslautern „Leicht bauen mit Beton – innovative Klebeverbindungstechnik für filigrane Fassadenplatten aus Hochleistungsbeton“. Hier wurden erstmals glasfaserverstärkte (GFK) Kunststoffanker punktförmig mit Betonelementen verklebt. Das erlaubt den Verzicht auf Edelstahlanker, die Wärmebrücken bilden. Neu ist auch das ­Herstellungsverfahren der nur zwölf Millimeter starken Elemente aus glasfaserbewehrtem Textilbeton. Projektleiter Professor Jürgen Schnell, Fachgebiet Massivbau und Baukonstruktion: „Das Produkt entsteht als hinterlüftete Sandwichkonstruktion im Fertigteilwerk, was kostengünstige groß- und kleinteilige Fassadenplatten mit beliebiger Geometrie möglich macht.“ Ebenso erlauben die verwendeten Feinkornbetone eine hochwertige Oberflächengestaltung mit scharfkantigem, beliebig verlaufendem Fugenschnitt. Neue Verbindung: Hier wurden glasfaserverstärkte Kunststoffanker punktförmig mit zwölf Millimeter dicken Fassadenplatten aus Feinkornbeton verklebt. Textile Membranen verleihen Gebäuden seit eh und je eine extravagante, durch Leichtigkeit geprägte Architektur. Welche gestalterischen Möglichkeiten transparente ETFE-Folien für Hochhausfassaden bieten, hat Piotr Adamczewski für seine Dissertation an der TU Berlin untersucht. Weil die Folien selbst keine wärmedämmenden Eigenschaften besitzen, sollen sie als mechanisch vorgespanntes Membranentragwerk die äußere Wetterschutzschale einer Doppelfassade bilden. Auf Grundlage üblicher Hochhauskonstruktionen und -formen, einer definierten Geschosshöhe sowie über die Art der Vorspannung haben sich sechs völlig unterschiedliche Formen ergeben. Adamczewski: „Diese Vielfalt hat mich selbst überrascht.“ Für jede der Varianten wurde eine Spannungs- und Verformungsanalyse erstellt und die Anschlussdetails wurden überprüft. Vorteil der Membranen ist ihr geringes Gewicht, entsprechend leicht darf deshalb auch die Unterkonstruktion sein. Zwar sind die Vorschläge bislang Theorie geblieben, sie ließen sich aber alle realisieren. Stand der Forschung: Diese Wärmestromsimulation zeigt, wie das Glas-Hybrid- Element für Fassaden oder Dächer aufgebaut sein könnte. Glas zählt zu den Baustoffen mit dem derzeit höchsten Entwicklungspotenzial. Im Rahmen der Forschungsinitiative „Zukunft Bau“ läuft an der Bauhaus-Universität Weimar ein Projekt mit dem Titel: „Glas-Hybrid-Elemente mit transluzenten Zwischenschichten zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäudehüllen“. Gegenüber den üblichen Mehrscheibenverglasungen will man mit dieser Materialkombination das Gewicht deutlich reduzieren. Daneben sollen bei den für Dach und Fassade einsetzbaren Elementen unter anderem der Grad der Transluzenz wählbar sein sowie unterschiedliche Geometrien und Farbvarianten kreative architektonische Entwürfe nach sich ziehen. Angeschoben hat dieses Projekt materialtechnisch gesehen eher ein Außenseiter: Frank Werner, Professor für Stahlbau an der Fakultät Bauingenieurwesen, glaubt schon lange, dass neben der Verbindung von Stahl und Glas auch andere Kombinationen möglich sein müssen. Zukunftsfähige Konstruktionen sollten leichter sein und die Wärme besser dämmen. Neben Werner verantwortet Andrea Dimmig-Osburg, Juniorprofessorin für polymere Bindemittel und Baustoffe, den Kunststoffpart in dieser Kooperation. Der Prototyp des Glas-Hybrid-Elements soll bis 2011 hergestellt sein; untersetzt mit allen technischen Kennwerten, die eine Serienproduktion erfordert. Dem interdisziplinär besetzten Projektbeirat gehören auch Architekten an. Dimmig-Osburg: „Die Zusammenarbeit mit Architekten ist für uns sehr wichtig, denn wir müssen natürlich auch die Knackpunkte beim Entwurf kennen.“

Innovative Baustoffe und Wärmepumpen, die regenerative Energien immer effizienter nutzen

Fassadenintegrierte Dünnschichtmodule Die erste Solar-Fassadenanlage von Bosch ist jetzt am Kaufhaus Schwager im Zentrum von Holzminden (Niedersachsen) ans Netz gegangen. Die Planung und Errichtung solcher Fassadenanlagen erweitert zukünftig das Angebot des Projektvertriebs von Bosch Solar Energy. Die Photovoltaik-Anlage mit einer Leistung von 21 kWp wurde im Zuge der Fassadenneugestaltung und Dämmung mit einem WDV-System montiert. Die alte Vorhangfassade stammte aus den siebziger Jahren, sie war dringend sanierungsbedürftig und kaum wärmegedämmt. Die an der 300 Quadratmeter großen Südfassade installierten CIS-Solarmodule von Johanna Solar Technology zeichnen sich durch edles Design, attraktive Erträge und eine hochwertige Verarbeitung aus. Sie sind um zehn Grad zur Sonne geneigt und können so eine höhere Leistung erzielen – hier sind es 19.000 kWh Strom im Jahr. Um eine Hinterlüftung zu erreichen, wurden die Rücksprünge zwischen den Modulen mit beschichteten Aluminium-Lochblechen verkleidet und die Fassade zusätzlich durch eine Aluminium-Rahmenkonstruktion seitlich gerahmt. Die Johanna Solar Technology GmbH, seit Dezember 2009 Tochtergesellschaft der Bosch-Gruppe, entwickelt und fertigt innovative Dünnschicht-Solarmodule auf Basis der CIS-Technologie. Bei dieser Technik wird nicht Silizium als Halbleiter verwendet, sondern eine chemische Verbindung aus den Elementen Kupfer, Indium, Gallium, Schwefel und Selen. www.bosch-solarenergy.de Dachpfanne mit integrierten Solarkollektoren Den Dachziegelwerken Nelskamp ist es gelungen, solarthermische Kollektoren in Form und Farbe nahezu unsichtbar an Dachziegel anzupassen. Dadurch bleibt die gewohnte Optik einer Ziegeldeckung erhalten. Das System nutzt die Wärme der Umgebungsluft für Heizung und Warmwasser und besteht aus Wärmepumpe und Wärmetauscher. Selbst wenn die Sonne nicht scheint, gewinnen die Kollektoren thermische Energie durch die Umgebungswärme aus der Luft: Eine spezielle Flüssigkeit durchströmt sie mit einem Temperaturunterschied von sechs bis zehn Kelvin und nimmt über den natürlichen Prozess der Wärme-Egalisation Energie auf. Im Sommer lässt sich diese Funktion auch umkehren – dann arbeitet die Wärmepumpe als Kühlsystem. Der Hersteller bietet die Kollektoren zunächst für das Dachziegelmodell Finkenberger Pfanne. www.nelskamp.de Neue Wärmepumpen-Generation Das ostwestfälische Unternehmen Remko hat eine neue Wärmepumpen-Generation mit einer sogenannten SuperTec-Inverter-Technologie auf den Markt gebracht, die sowohl über eine Heiz- als auch über eine Kühlfunktion verfügen. Herzstück der Anlage ist der Wärmepumpenmanager „Multitalent“, der im Alleinbetrieb oder in Verbindung mit anderen Heizsystemen für einen äußerst sparsamen Betrieb sorgt. Die Steuerung ermöglicht die Anbindung von mehreren externer Wärmeerzeuger, Brauchwasserbereitung, Kühlfunktion, Solarregelung und viele andere Funktionen mehr. Die Menüführung erlaubt eine einfache, intuitive Bedienbarkeit des Systems. Mit einer Fernbedienung, die in Funk- oder Kabelausführung lieferbar ist, kann die Steuerung von jedem beliebigen Ort aus erfolgen. Aktuell sind vier Gerätetypen mit Heizleistungen von 3,5 bis 16 kW (Kühlleistung: 3,3 bis 14 kW) erhältlich. Sie bestehen jeweils aus einem sehr leise arbeitenden Außenmodul und einem designorientierten Innenmodul in Wand- oder Standausführung. www.remko.de Strom von der Fassade StoVerotec Photovoltaic liefert nicht nur umweltfreundliche Energie, sondern bietet auch architektonisch neue Lösungen: Das in eine vorgehängte, hinterlüftete Fassade integrierte System lässt sich mit hochwertigen Oberflächen wie Glas, Naturstein oder Putz kombinieren. Für die auf dünnschichtiger CIS-Technologie basierenden Fassadenpaneele stehen verschiedene Glasfarben in feiner Nadelstreifenoptik zur Wahl. Da die Elemente unsichtbar an der Unterkonstruktion befestigt werden, sind von außen keine Befestigungspunkte zu sehen. Die Konstruktion ist zudem sehr wartungsfreundlich: Für Kontroll- und Reparaturarbeiten lassen sich die Module einzeln abnehmen oder tauschen, der Luftspalt zwischen Dämmung und Paneelen erlaubt einen einfachen, nicht sichtbaren elektrischen Anschluss an das Stromnetz. Abhängig von der Lage des Gebäudes und der Ausrichtung der Fassade ist ein jährlicher Stromertrag von 55 bis 80 Kilowattstunden pro Quadratmeter PV-Modul möglich. www.verotec.de

Dynamische Großform

Der Tag der Architektur beginnt im neuen Kieler Fährterminal – einem Bau, der mehr von Bewegung erzählt als manche Schiffe | Von Claas Gefroi Schiffshaus und Hausschiff: Maritim sind die Formensprache, das Ambiente und die Nutzung des Kieler Fährterminals, in dem der Bundesauftakt des Tages der Architektur stattfindet. „Horizonte“: Das Motto des diesjährigen Tages der Archiektur konnte nur in Kiel geboren werden. Die Stadt ist ganz von der Horizontalen geprägt, dem hohen Himmel, dem weiten Meer. Nur das Rathaus, einige Kirchen und Bürohäuser wagen sich in eher moderate Höhen. Und dennoch gibt es in dieser Stadt eindrucksvolle vertikale Dominanten – sie kommen und gehen freilich Tag für Tag. Es sind die großen Skandinavienfähren und Kreuzfahrtschiffe, die am Förde­ufer direkt an der Innenstadt festmachen, um Hunderte Passagiere und Autos auszuwerfen oder aufzunehmen. Laufen diese Giganten ein, dann wird Weite mit einem Mal zu Enge, Waagerechtes zu Senkrechtem. Die heutigen Schiffsriesen überragen mit bis zu 60 Metern Höhe die meisten Bauten der Stadt und gehören deshalb zum Stadtbild wie Rathaus und Nikolaikirche. Der Fährverkehr hat hier Tradition: Bereits 1780 gab es eine regelmäßige Schiffsverbindung nach Kopenhagen; im 19. Jahrhundert kam die Route nach Oslo (das damals noch Kristiania hieß) hinzu. 1961 ging mit dem Oslokai unterhalb des Schlosses der erste moderne Fährterminal Kiels in Betrieb. Von Anfang an waren die Planer auf eine pittoreske Wirkung aus: „Kiel wird eine besondere Attraktion besitzen, wenn große Fährschiffe mitten in der Innenstadt liegen“, meinte beispielsweise Stadtbaurat Klaus Müller-Ibold. Und der norwegische Reeder Anders Jahre verlangte, der Anleger müsse in einem Umfeld liegen, das „… den landschaftlichen und städtebaulichen Reizen der Hafeneinfahrt und der Liegeplätze in Oslo gleichkommt“. Auch der zweite Fähranleger, der 1981 am Bollhörnkai entstandene Schwedenkai, liegt unmittelbar am Stadtzentrum. Doch die Umnutzung der westlichen Uferkante ging nicht ohne Blessuren ab: Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Kleine Kiel, der einst die Altstadt umfloss, in weiten Teilen zugeschüttet und seine Verbindung zur Förde auf unterirdische Röhren reduziert. Durch den Bau des Schwedenkais wurde der Bootshafen, die südliche Verbindung des Kleinen Kiels mit der Förde, vom Meer räumlich abgetrennt und fristet seitdem als dreieckiges, von Mauern eingefasstes Becken ein trauriges Dasein. Modernisierung am Schwedenkai Das Fähr- und Kreuzfahrtgeschäft jedoch boomt und Kiel etablierte sich in den letzten Jahren immer mehr als der deutsche Ostseehafen. Es entstanden mit dem Norwegen- und Ostseekai zwei neue Terminalgebäude. Die Stena-Line, deren Schiffe vom Schwedenkai Richtung Göteborg starten, wünschte zudem einen Um- und Neubau des Schwedenkais für zwei moderne RoPax-Schiffe (Kombifähren), die jeweils über 4 000 Spurmeter für Lkw und Pkw besitzen und 1 000 Passagiere transportieren können. Der Betreiber der Ter­minals, die städtische Firma „Seehafen Kiel“, investiert hierfür 30 Millionen Euro. Dafür werden die Betriebsflächen logistisch optimiert und erweitert sowie der Eisenbahn­anschluss ertüchtigt. Zur schnellen Be- und Entladung der Fahrzeugdecks wird eine neue RoRo-Brücke installiert. Und schließlich: Das alte, unauffällige Terminalgebäude von FO Arkitektkontor aus Göteborg musste einem Neubau des Büros KSP Jürgen Engel Architekten weichen. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe, denn ein Neubau ist billiger als die Modernisierung des Bestands. Teil der Rechnung ist aber auch das so möglich gewordene neunstöckige Bürohochhaus, das sich über den drei Ebenen des Terminals erhebt und der „Seehafen Kiel“ zusätzliche Mieteinnahmen beschert. Das Hochhaus macht auch gestal­terisch Sinn: Erst die Gesamthöhe von über 43 Metern ­verschafft dem Gebäude genügend Geltung, damit es sich neben den Schiffsriesen behaupten kann. Die Architekten haben sich viel Mühe mit der städtebaulichen Einbindung gegeben: Die quer zum Kai errichtete Hochhausscheibe markiert einen Eingang zur Altstadt; sie verbindet optisch die Stadt mit dem Hafen und gewährt weiterhin den Blick von der City auf das Wasser. Die Teilung in verschiedene Baukörper macht die unterschiedlichen Funktionen nach außen anschaulich und erleichtert die Orientierung. Der großzügig verglaste Terminal bildet den Sockel. Dort werden die Besucherströme elegant verteilt und gelenkt: Im Erdgeschoss findet die Abfertigung der Lkw statt. Die oberen beiden Etagen für Passagierabfertigung und Verwaltung ragen als aufgeständerter Riegel weit nach Osten und überspannen Fahrspuren und Bahngleise. Sie werden noch mittels gläserner Brücken mit der Innenstadt und den Schiffen verbunden. Darüber erheben sich die Bürogeschosse in einem zu einem Parallelogramm verschobenen Baukörper. Empfangen statt abgefertigt: Das Innere des Terminals (Rendereing) will die Ankommenden freundlich begüßen - und lässt die Sonne ein, wann immer sie über Kiel scheint. Das Prinzip kennt man schon vom am Hamburger Elb­ufer gelegenen „Dockland“ der Architekten Bothe Richter Teherani. Doch während dort das Gebäude quasi als Yacht in See stechen will, bleibt die Schiffsmetapher beim Kieler Bürohaus eher dezent. Gleichwohl ergibt sich auch hier das Problem, dass die dynamische Großform anachronistisch wirkt in einer Zeit, in der Fähren und Kreuzfahrtschiffe wie schwimmende Kühlschränke die Meere durchpflügen. Eine feine Idee ist es, die verschiedenen Gebäudeteile mittels eines umlaufenden, mäandrierenden Bandes zusammenzuhalten. Es sollte ursprünglich einen subtilen Kontrast zu den komplett gläsernen Fassaden bilden. Aus Kostengründen wurden jedoch im Bürohaus statt der geplanten bodentiefen Fenster Brüstungs- und Fensterbänder verbaut, was dem Gebäude viel von seiner zeichenhaften Wirkung nimmt. Immerhin konnten die Architekten die vom Bauherrn gewünschten geschlossenen Fensterflächen auf die Innenseite der Verbundfenster hinter den durchlaufenden Sonnenschutz verbannen, wodurch der Eindruck von Lochfassen vermieden wird. Das Innere war bei Redaktionsschluss noch nicht aus­gebaut und somit kaum zu beurteilen. Die sich über zwei ­Ebenen erstreckende große Abfertigungshalle des Terminals mit Check-in, Warte- und Sicherheitsbereichen für bis zu 500 000 Passagiere jährlich wird komplett dem Corporate Design des Hauptnutzers, der Stena-Line, angepasst. Dass die Decken mit ihrem Haustechnikdurcheinander wiederum zur Kostenreduktion unverkleidet blieben, ist für die Architekten schmerzhaft. Den Bauherrn indes kümmert es nicht, denn – so sein Kalkül – die Passagiere lassen den Blick voll Vorfreude ohnehin nur nach draußen, über Wasser und Schiffe schweifen. Das Argument ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, denn der Ausblick ist tatsächlich wunderbar. Ihn können aber nicht nur die Reisenden genießen, denn auf dem Dach des Terminals entsteht in 12,5 Metern Höhe eine öffentliche Aussichtsterrasse mit einem Restaurant. Sie versöhnt den Kritiker mit einem hervorragend geplanten ­Gebäude, das durch den Druck zur Kostenreduktion in der Ausführung nicht immer überzeugt. Hier oben bekommt der Bau eine neue Qualität. Wenn Architektur es schafft, jedermann – auch Menschen, die sich keine Passage nach Oslo oder Göteborg leisten können – neue Horizonte zu öffnen, die Welt neu zu betrachten, dann hat sie viel erreicht. Und deshalb ist der Terminal Schwedenkai von KSP Architekten eine gute Wahl für den Auftakt zum Tag der Architektur. Claas Gefroi ist Presse- und Öffentlichkeitsreferent der Architektenkammer Hamburg und freier Autor

Veranstaltungen und Objekte

Zum Bundesauftakt in Kiel am 25. Juni mit geladenen Gästen sprechen unter anderem die Kammerpräsidenten in Bund und Land, Arno Sighart Schmid und Uwe Schüler, der Berliner Baustaatssekretär Jan Mücke sowie last not least der Terminalarchitekt Jürgen Engel. Öffentliche Landesauftakte veranstalten am selben Tag zwei Länder. Schauplatz in Mecklenburg-Vorpommern ist der Stadthafen von Malchow von Steidle und Partner mit Torsten Löber (beide Berlin). In Sachsen-Anhalt ist der Auftakt zugleich das Sommerfest der Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten; das Doppelfest findet auf der Landesgartenschau Aschersleben statt. Schon ab dem 19. Juni läuft im Berliner „Stilwerk“ die Begleitausstellung zum Tag der Architektur mit dem Titel „da! Architektur in und aus Berlin“. Informationen aus allen Ländern gibt es hier. Bunte Vielfalt Auswahl aus Bauten, die zum Tag der Architektur gezeigt werden:

Kohlenwäsche und Designstadt

Die Zeche Zollverein in Essen feiert sich als zentraler Ort der Kulturhauptstadt Ruhr. Hier fokussieren sich aber auch die Probleme der Neuerfindung eines Ortes | Von Heike Oevermann Zum Auftakt des Kulturjahres wurde in der ehemaligen Kohlenwäsche das alte Ruhrlandmuseum als Ruhr Museum eröffnet. Das Gebäude fungiert schon seit 2006 als Ort der Information im weitläufigen Zechengelände und ist nun ­Ankerpunkt in der unübersichtlichen, kaum erfahrbaren „Hauptstadt“ Ruhr. Radikal modernisiert und räumlich umfassend umgebaut wurde es in mehreren Bauabschnitten durch die Büros OMA, Rotterdam und Böll/Krabbel, Essen. Die Innengestaltung schuf hg merz aus Berlin und Stuttgart. Wer eintritt, gelangt auf eine feuerorange Rolltreppe, die in die oben gelegene Eingangsebene fährt. Als entfernbares Element wird sie dem Denkmalschutz gerecht, atmosphärisch spricht sie von der Zukunft. Geschichte auf drei Maschinenebenen Auf der 24-Meter-Ebene empfängt den Besucher der raue Charme alter Maschinenanlagen. Weit hinten lockt das Feuerorange einer weiteren, der zentralen Treppe. Wie früher die Lichtstreifen der Schlote der Stahlfabriken am Nachthimmel leuchtet die Treppe in die Ausstellungsräume. Hier darf der Besucher nun endlich im Museum dem alten Weg der Kohle folgen – Maschinenebene für Maschinen­ebene. In der Bewegung nach unten und in dem dunkel gehaltenen Licht der wie Schätze ausgestellten Objekte zeigt sich die Kohlenwäsche als ein faszinierendes und atmosphärisch aufgeladenes Heimatmuseum. Glühendes Museum: Auf der Rolltreppe des Ruhr Museums fühlt man sich in die Bandbrücken der Kohlenförderbänder versetzt. Auch „Gangway“ genannt, soll die neue Erschließung des Baus mehr als nur funktionalen Erfordernissen genügen. Unten: Das Kunstprojekt „Werkschwimmbad“ in der Kokerei Zollverein von Dirk Paschke und Daniel Milhonic. Im Museum wird auf drei Ausstellungsebenen eine Geschichte des Ruhrgebietes vermittelt, die in den Urzeiten der Steinkohleentstehung beginnt und mehr Facetten aufweist als die bekannte Industrialisierung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts samt Niedergang und notwendigem Strukturwandel. Von römischen Okkupationen, Kriegen zwischen Franken und Sachsen, Verlagswesen und Buchdruck und ihren prägenden Einflüssen werden Zeugnisse präsentiert – und schaffen eine neue Sicht auf bekanntere Objekte und Bilder aus der Gegenwart. Die gliedernden Kategorien der Ausstellung heißen „Gegenwart“, „Gedächtnis“ und „Geschichte“ – sie finden sich auch in der Architektur wieder. Natur- und Kulturgeschichte, Wirtschafts-, Technik-, Politik- und Sozialgeschichte werden zusammengeführt. Kultur wird hier als Organisationsform und Produkt des gesellschaftlichen Lebens und Arbeitens verstanden. Auch Architektur ist hier, unabhängig von ihrer ästhetischen Qualität, Ausdruck der jeweiligen Kultur. Bezieht man die Industriekultur ein, ist das Ruhrgebiet mit seinen Siedlungen, Industriebauten und technischen Anlagen eine kulturell bedeutende Region. Davon erzählen Bau und Inhalt des Ruhr Museums. Und doch schleichen sich auch Zweifel an der Selbstbeschreibung des Ruhrgebiets als „kreativ“ und „kulturell“ ein. Die mantraartige Wiederholung vom gelungenen Strukturwandel, das Wissen um die leeren Haushaltskassen in Essen und ringsum und nicht zuletzt die architektonische und programmatische Neuerfindung des Ortes werfen auch Fragen und Sorgen auf. Der Strukturwandel ist bisher nicht gelungen – das macht das Museum teils unfreiwillig deutlich, das Fußball, Taubenzüchtervereine, Schimanski, Bergbausiedlungen und weiteres Bekanntes als Gegenwart der Region ausweist und auszeichnet. Doch auch bei den architektonischen Eingriffen gibt es zwei kritische Punkte: Zum einen wird die überlieferte Substanz durch die Umnutzungen massiv verändert. Von der ehemals überdachten Maschine „Kohlenwäsche“ ist wenig geblieben. In der Fassade findet sich kaum mehr ein alter Stein oder ein altes Stahlteil. Neue Decken wurden eingezogen, Teilabrisse vorgenommen – so am Rohkohlebunker – und viele Maschinen wurden entfernt. Aber kann eine Maschinenanlage ein Museum beherbergen und kann ein Museum wie eine Kohlenwäsche aussehen? Oder anders gefragt: Können Architekten einen Ort neu erfinden und dennoch seine authentische Substanz umfassend erhalten? „Erhaltung durch Umnutzung“ erfordert gerade bei den Industriedenkmalen schwierige Kompromisse. Auf der Zeche entsteht eine eigene Welt Der zweite kritische Punkt: Zeche und Stadtteil drohen sich voneinander abzulösen. Die umliegenden Quartiere haben sich in enger Abhängigkeit von der Zeche und der Kokerei entwickelt. Mit deren Stilllegung in den 1980er- und 1990er-Jahren wurde diese Verbindung abgeschnitten. Seit etwa zehn Jahren wird verstärkt auf Akteure, Programme und Architekturen gesetzt, die wenig mit dem vergangenen Alltag verbindet. Das zeigt auch die „Zollverein School“ des japanischen Architekturbüros Sanaa von 2006. Außerdem werden einige temporäre Bauten als Raumangebote für Gründer am Schacht 1/2/8 realisiert. 2007 hatte es dafür einen Wettbewerb für „mobile working spaces“ gegeben, aus dem jetzt fünf Entwürfe realisiert werden. Die Stiftung Zollverein verspricht durch die neuen Nutzer Belebung der umliegenden Stadtteile. Studenten, Besucher und Lehrende sollen hier wohnen, ausgehen und einkaufen. Gleichzeitig wird aber auf Zollverein eine eigene Welt geschaffen, die in der Vision der „Designstadt“ am einstigen Schacht 1/2/8 einen ehrgeizigen Namen erhalten hat. Essen und das Ruhrgebiet vertrauen seit mehr als einem Jahrzehnt auf Kultur und Kreative. Doch an Zollverein 2010 wird sichtbar, wie schwierig an solchen Standorten die Neuerfindung eines städtischen Kerns ist. Zudem stehen zeitgenössische Bau- und Nutzungsformen in der Kritik, weil sie sich vom Überkommenen entfernt haben. Mit beidem zeigt sich das chronische Dilemma der Region: Das Alte taugt nicht mehr – und das Neue tut sich bislang schwer, hier Fuß zu fassen. Beispielsweise scheint das Ruhr Museum mit seinem Bezug zur regionalen Vergangenheit auch architektonisch beim breiteren Publikum deutlich besser anzukommen als der exotisch anmutende Bau von Sanaa. Der Besucherandrang ist ein Zeichen dafür, dass Bau wie Programm für die Menschen vor Ort ebenso wie für die neuen Akteure attraktiv ist. Heike Oevermann lehrt und forscht über Stadtentwicklung und Kulturerbe

Stilvoll schrumpfen

Können Städte kleiner werden und dabei gewinnen? Die IBA Sachsen-Anhalt zeigt, wie das mit zäher und sensibler Vor-Ort-Arbeit geht – aber auch, wie aufgepfropfte Konzepte scheitern. |Roland Stimpel „Wir stehen früher auf“ heißt der Werbeslogan Sachsen-Anhalts: leistungsbetont, aber etwas lustfeindlich. In keinem anderen Bundesland nimmt die Einwohnerzahl so stark ab. Gut 2,3 Millionen Menschen leben hier heute; nur noch 1,3 Millionen sind für 2060 vorausgesagt. Nirgendwo sonst sind die Bürger schon jetzt so alt, im Schnitt 46 Jahre. Und kaum ein anderes Land bietet so wenige Jobs und zwingt so viele zum Abwandern. Das merken vor allem Städte, die von Industrie und Bergbau geprägt waren. Schon in den letzten zwanzig Jahren ist die Zahl der Bürger in einigen um ein Drittel gesunken. Darum sind Sachsen-Anhalts Städte früher als andere aufgestanden, um aus dem Schrumpfen das Bestmögliche zu machen. Das Resultat zeigen in diesem Jahr 19 Städte unter dem Dach der Internationalen Bauausstellung (IBA), koordiniert von der Landesregierung und dem Dessauer Bauhaus. Unter den 19 IBA-Städten kommen mit dem Schrumpfen am besten die zurecht, die sich auf lokale Kräfte und die Stärkung ihres Kerns fokussieren. Deutlich schwächer sind intellektuelle und abstraktere, von außen übergestülpte Leitmotive und Projekte. Und auch wenn es nach Klischee klingt: Relativ erfolglos war ein traditioneller, eher männlicher Planungsstil – mit großen Zielen und Visionen beginnen, sich dann ans Durchsetzen machen und gegen lokale Widerstände und Widrigkeiten möglichst obsiegen. Auf der anderen Seite sind die erfolgreichsten IBA-Akteure Frauen mit situationsgemäßem Planungsverständnis, die in kleinen Städten mit vielen kleinen Schritten moderieren und kommunizieren, die auf lokale Eigenkräfte setzen statt auf finanziellen oder intellektuellen Segen von draußen. Alles in die Mitte Zum Beispiel Ria Uhlig. Aschersleben, wo sie Baudezernentin ist, hat für die Anpassung seiner Kernstadt von einst über 35 000 auf jetzt 25 000 Einwohner ein klares Konzept: „Von außen nach innen“. Draußen ist das erste Plattenbaugebiet bis auf wenige Häuser beseitigt. Drinnen, wo 63 Hektar unter städtebaulichem Denkmalschutz stehen, werden dagegen neue Wohnungen gebaut: ein paar Reihenhäuser von Privaten, Mietshäuser der städtischen Gesellschaft und einer Genossenschaft. Sie sind nach örtlichem Maßstab teuer, aber begehrt wegen des Umfelds, wegen der Architektur und des Komforts. Einzelhändler wie Aldi und Netto haben in der Stadt neu gebaut und dafür Graue-Wiese-Märkte der Nachwendezeit aufgegeben. Trotz der Verdichtung wird die Innenstadt auch noch grüner: Am Flüsschen Eine gibt es eine neue Promenade. Und das brachgelegene Areal der einstigen Papierfabrik Bestehorn ist jetzt das Zentrum der Landesgartenschau, die am 24. April eröffnet wird. Am 25. Juni eröffnet darin die Architektenkammer des Landes ihren Tag der Architektur. Kammerpräsident Ralf Niebergall diente Aschersleben als beratender und selbst planender „IBA-Pate“. Nach der Gartenschau konzentriert Aschersleben hier, was die Stadt wie alle anderen am dringendsten braucht: Bildung. Fünf freie und staatliche Schulen finden am Bestehornpark Platz. Auch sie kommen teilweise vom Stadtrand. Mit seiner im Prinzip einfachen, konsequent verfolgten Strategie schafft Aschersleben das Schrumpfen ohne Ausdünnen – stattdessen sogar mit Verdichtung im Inneren. Es lenkt alle Kräfte in seinen Kern, die vom Stadtrand und von außerhalb. Ria Uhlig setzt auf lokale Eigendynamik, nicht auf hohe Förderung: „Wenn man viel Geld hat, kann man auch viel kaputt machen.“ Subventionen bezeichnet sie gar als „Droge, die Abhängigkeit schafft und nicht befreit“. Nur wer sich selbst helfe, dem helfe auch Unterstützung von außen: „Unseren Umbauprozess hatten wir ohnehin. Die IBA sattelt da oben drauf.“ Sie habe aber neue Qualitäten hineingebracht – „durch das Nachdenken über Dinge, die sonst im Alltag untergehen. Wir allein hätten uns dafür die Zeit nicht nehmen können.“ Ästhetisieren: An einer Autopiste nahe der Altstadt füllt Aschersleben Baulücken mit Kunst, etwa von Christopher Winter. Staßfurt hat an den Ort seines durch Bergbau zerstörten Stadtzentrums einen 4 500 Quadratmeter großen See mit Uferpark gesetzt, entworfen vom Berliner Landschaftsarchitektenbüro Häfner + Jimenez. Landschaftliche Tugend statt urbaner Not – aber keine „Neue Mitte“, wie der See auch genannt wird. Das anfangs plakativste IBA-Projekt verbesserte nicht die Struktur, sondern die Optik: die sogenannte „Drive Thru Gallery“. Großbilder anstelle von Baulücken an der aggressivsten Verkehrsschneise der Stadt. Die Galerie gehört zu einer anderen Gruppe der IBA-Projekte: denen, die den Blick auf ein verschwundenes Stück Stadt lenken wollen und bei denen die Bauausstellung eher eine Abbauausstellung ist. Das ist in Aschersleben allerdings nur ein Nebenthema. Dagegen dominiert es die Schau im nahen Halberstadt. Dessen Zentrum wirkt sehr schütter, seit die Kriegsbomben fielen und der Wiederaufbau, freundlich gesagt, sehr aufgelockert vor sich ging – oder, unfreundlich ausgedrückt, in Quantität und Städtebauqualität ärmlich. Auch die Nachwendeimpulse waren nicht stark genug, um das grundlegend zu ändern. Daraus leiteten die Dessauer und die lokalen Halberstädter Ausstellungsmacher ein unorthodoxes Konzept ab: Die Stadt widmet sich „inhaltlich, wahrnehmungsbezogen und gestalterisch dem offensiven Umgang mit der physischen Leere“. Geradezu lustvoll rufen sie die „Ästhetik der Leere“ aus, definieren „Leere als konstitutionelle Ressource“ und propagieren die „Kultivierung der Leere“. Ein „Trainingspfad des Sehens“ soll mit „szenografischen Interventionen“ Leere zeigen; auf einer „Sehbrücke“ lenken Ringe und Fernrohre den Blick auf diese oder jene Leerstelle. In einem stillgelegten Stadtbad gibt es allerlei Veranstaltungen – natürlich ist das Becken leer. Nichts von der Halberstädter Leere wurde zur Bauausstellung mit Neubauten gefüllt. Und die Stadt gesteht auf ihrer Website Schwächen bei der Popularisierung des Nichts: „Eines der herausragenden Probleme ist die Einbeziehung einer breiten Basis in die Projekte.“ Es sei „schwierig genug, das Thema selbst verständlich zu machen und ein allgemeines Interesse zu wecken“. Sanieren: Sangerhausen definiert und pflegt erhaltenswerte Teile seiner Nachkriegssiedlungen. Das Haus „Am Bergmann“, in den 1950ern in gedämpftem Stalin-Stil für Bergleute errichtet, wurde zur IBA denkmalpflegerisch, energetisch und behindertenfreundlich zugleich saniert – von den Hallenser Architekturbüros Branbach (Federführung) und Johann Christian Fromme. Reduzieren am Rand Das fällt Städten leichter, denen es wie Aschersleben stärker ums Gestalten und Strukturieren geht und die näher an der Alltags- und Wahrnehmungswelt der Bürger operieren. Zu ihnen gehört auch Sangerhausen. Hier ist die Altstadt bis auf eine Brache hinterm Markt ebenfalls recht intakt. Weiter draußen wütet dagegen der Einwohnerschwund; in den letzten zwanzig Jahren verschwand ein Viertel der Bürgerschaft aus der einstigen Bergbaustadt – größtenteils aus diversen Plattenbaugebieten, die vier Fünftel aller Wohnungen geboten hatten. Also geht es für Sangerhausens Stadtentwicklungs-Leiterin Silvia Reichwald darum, „Gebiete zu reduzieren, aber auch lebenswert zu erhalten“. Das bedarf geduldiger, sensibler Vor-Ort-Arbeit mit Bürgern und Wohnungsunternehmen, in der Reichwald und Kollegen Defizite, aber auch Vorzüge der einzelnen Gebiete erspüren. Diese verkleinern sie anschließend so feinfühlig wie möglich, damit aus weniger Quantität mehr Qualität fürs verbliebene Quartier wird. IBA-Vorzeigeprojekte sind zwei mit Bewohnern gestaltete „Kumpel plätze“ und ein Hauskomplex, der in den 50er-Jahren für Bergleute in gedämpftem Stalin-Stil errichtet worden war. Jetzt ist er zugleich denkmalpflegerisch-behutsam, energetisch und behindertenfreundlich saniert. Aber die wichtigsten Planungsleistungen von Silvia Reichwald und anderen sind unsichtbar: Recherchieren, Zuhören, Vermitteln und Verhandeln, nicht städtebauliche und architektonische Neuerfindung. Stadt ohne Zentrum Solche Neuerfindungen gibt es aber auch in Städten mit zentralen Leerräumen. Dessau versucht sich leidlich geordnet in „Stadtinseln“ zwischen Landschaftsräumen aufzulösen. Noch trauriger war die Aufgabe in Staßfurt zwischen Harz und Elbe: Freiraumdesign als Verzweiflungsakt. Genau unter Staßfurts Altstadt waren ab 1852 die ersten Kalistollen der Welt abgeteuft, dann aber nie richtig gesichert worden. Der Stadtkern wurde zum Bergschadens- und Bergbau-Verheerungsgebiet. Weit über hundert Häuser inklusive Rathaus, Marktbebauung und Stadtkirche sanken bis zu sieben Mieter tief ab und wurden nach und nach abgerissen. Neu bauen kann man hier nicht; seit Jahrzehnten hat Staßfurt keine Mitte mehr. Stattdessen hatte es lange Zeit eine zwei Hektar große Zentralbrache. Jetzt hat es zur IBA das gezielte „Aufheben der Mitte“ inszeniert. Anstelle der einstigen Altstadt einen See nebst Uferlandschaft mit Markierungen zur Erinnerung: eine Rasenfläche für das Kirchgrundstück, Kleinsteinpflaster für einen Platz und Stummel einstiger Straßenverläufe, die vor dem See abbrechen. Einsam steht am Ufer ein neues Straßenschild und behauptet, dass hier die Rathausstraße vom Großen Markt abgehe. Ringsum liegen angerissene Altbauquartiere und ein Zentrum der neuen Art mit Netto, Subway und Dänischem Bettenlager. Noch wirkt der Raum grotesk zerrissen. Aber er ist besser als das Nichts der vergangenen Jahrzehnte und wird noch stimmiger, wenn erst der am Parkrand geplante Neubau für kommunale und bergbau-dokumentarische Zwecke realisiert wird. Auch Privateigentümer investieren nach langer Zeit wieder in ihren Besitz mit frischem Seeblick. Doch trotz allen Fortschritts wirkt die IBA-Leitfrage für Staßfurt „Wie viel Mitte braucht die Stadt?“ zynisch – etwa wie die Frage an eine Witwe: Wie viel Ehemann brauchen Sie? Staßfurts große Leere macht melancholisch. 40 Kilometer südlich in Eisleben stehen viele kleine Leerstellen dagegen für neues Leben im Stadtkern. Hier wirkt Gisela Kirchner als Sachgebietsleiterin der Stadt für Planung und Sanierung. Sie wurde wie Ria Uhlig und Silvia Reichwald noch zu DDR-Zeiten in Weimar als Stadtplanerin ausgebildet – wo sie auf das Schrumpfungsmanagement im 21. Jahrhundert so wenig vorbereitet wurden wie zum Beispiel Angela Merkel im Physikstudium auf ihren jetzigen Job. Aber irgendwie befähigt es doch. Alle drei gehören zu den stillen Heldinnen der IBA, für die sich Regierungs- und Ausstellungszentralen in Magdeburg und Dessau feiern lassen. Mit der Eislebener Altstadt hat Gisela Kirchner es schwerer als ihre Kolleginnen mit den Zentren von Aschersleben und Sangerhausen. Der Kern ist enger, viele Häuser sind noch älter und fürs heutige Leben wenig tauglich, der Autoverkehr ist teilweise penetrant. Ein Viertel der Häuser ist verlassen, ganze Gassen stehen leer. Eigentümer wohnen oft weit weg und haben weder Geld noch die für diese Altstadt nötige Leidenschaft. Von ihr hat Gisela Kirchner umso mehr. Ihre Arbeit beschreibt sie knapp so: „Immer unterwegs, dauernd im Gespräch, nach Möglichkeiten schauen, etwas organisieren.“ Der eine hat ein leeres Haus, der nächste in der Nähe einen raumbedürftigen Betrieb. Dritte brauchen Aufklärung, wo es vielleicht doch noch ein paar Förder-Euro geben könnte. Mit Vierten gründet sie einen Verein, der eine besonders wichtige Ruine wiedererwecken will. „Hier macht man keine großen Entwürfe. Sondern man managt, dass hier etwas geschieht und da etwas passiert.“ Ab und zu passiert auch etwas, was im ersten Moment erschreckt: Abrisse. Eislebens extrem dichte Altstadt dünnt baulich etwas aus. Das Paradoxe ist aber, dass sie sich dadurch funktionell verdichtet. Studieren kann man das an der neuen IBA-Achse: dem Lutherweg, der vom Geburtshaus des Reformators bis zu seinem letzten Wohnhaus vor dem Tod führt und an jeder Station ein Thema seines Lebens behandelt. Ein ums andere Mal passiert man Lücken – aber immer scheint ein abgewandelter Luthersatz zu gelten: Wo heute ein Stück Altstadtwelt untergeht, können wir gleich morgen ein Apfelbäumchen pflanzen. Fast wörtlich geschah das auf dem vormaligen Abriss- und Brachland, das die Magdeburger Landschaftsarchitekten Lohrer. Hochrein mit Aprikosen-, Pfirsich- und Walnussbäumen zum „Schöpfungsgarten“ verwandelt haben, begrenzt von einer Ziegelmauer entlang der einstigen Gebäudekante. Briten würden es Pocket Park nennen: ein Platz zum Niederlassen und Aufatmen inmitten eines dicht bebauten Quartiers. Gleich um die Ecke schuf der Abriss eines hoffnungslos verrotteten Baus gegenüber von Luthers Geburtshaus Platz für das Besucherzentrum von Springer Architekten aus Berlin. Das bereichert jetzt die Altstadt weit mehr, als es das unrettbare Denkmal noch konnte. Leer, doch buchstäblich ein Hoffnungsschimmer ist das Haus Lutherstraße 9. Hinterleuchtete „Showfenster“ von René Weißbarth aus Dessau bringen Bildaussagen zum Thema „Luther und die Festkultur“. Ein paar Meter weiter liegt der schillerndste Ort dessen, was die IBA-Leute „kleinteilige Perforation“ der Altstadt nennen. Gleich vier Häuser wurden nach langen Diskussionen abgerissen; historische Bausubstanz und historischer Stadtraum wurden zerstört. Auch diese Häuser hatten leer gestanden. Bauzustand, Düsternis und Enge boten keine Aussicht auf Wiederbelebung. Nur als Geschichtsmasken hätten sie weiterexistieren können. Daher stimmten schließlich die Denkmalpfleger seufzend dem Abriss zu. Ausgerechnet dieser hat danach das ganze Viertel belebt und wohl am Ende mehr alte Stadt gerettet als vernichtet: Vorher fast ebenso schadhafte Nachbarhäuser haben mehr Luft und Freiraum; ihre Eigentümer haben sie nun saniert. Ein Lokal bekam schöne Freisitze – Gisela Kirchner hatte die Wirtsleute auf die Idee gebracht. Auf dem Abrissgrundstück selbst hat das Berliner Atelier le balto die „Ohrenweide“ gestaltet: eine Fläche mit gepflanzten Ohrweiden (so heißt der Baum wirklich) und Metallrohren, die zusammen den „Flüsternden Garten“ ergeben. Er ist dem Thema „Luther und die deutsche Sprache“ gewidmet – zu hören mit dem Ohr am Rohr. Und vielleicht kommt irgendwann auch wieder ein Haus hin. Perforieren: Eisleben kämpft mit Leerstand und Verfall im historischen Kern. Die Stadt geht das Thema offensiv an – teils mit Abriss und Neubau wie beim Besucherzentrum bei Martin Luthers Geburtshaus, teils mit Zwischenlösungen wie den hinterleuchteten „Showfenstern“ mit Luthermotiven an einem leeren Haus. In Eisleben harmonierten Stadt und IBA: hier die konkrete, zähe und bodenständige Vor-Ort-Arbeit wie die von Gisela Kirchner, dort die Dessauer Bauhaus-Denkwelt, deren viele Ideen dann helfen, wenn sie lokale Kräfte unterstützen. Wenn sie sich um diese Kräfte aber nicht kümmern, dann können sich aufgesetzte Ideen sogar als Knüppel zwischen den Beinen erweisen, auf denen eine Stadt den Weg der Schrumpfung geht. Das passierte in Sachsen-Anhalts größter Stadt Halle, mit minus 90 000 Einwohnern auch die Metropole der Schrumpfung. In ihr sehen Unbedarfte eine Stadt, die IBA aber zwei: Halle und das seit 20 Jahren eingemeindete Halle-Neustadt. Für sie proklamierte die IBA als Leitmotiv einen „Balanceakt Doppelstadt“. Der wiederum „erfordert eine kulturelle und ökonomische Aufwertung von Halle-Neustadt“, denn „nur zwei gleiche Pole balancieren sich aus“. Gleiche Pole? Halle ist 1 194 Jahre alt und entsprechend vielschichtig, Halle-Neustadt ein vor 43 Jahren gegründetes Wohngebiet aus einem Betonplattenguss. In Halle außer der Neustadt leben 185 000 Menschen, in Letzterer 45 000. Kultur, Wirtschaft, Handel und Verwaltung befinden sich fast vollständig in Halle und kaum in Neustadt. Die hat nur in einem Punkt deutliches Übergewicht: Während im übrigen Halle die Einwohnerzahl um 15 Prozent geschrumpft ist, sind es in der Neustadt bisher 50 Prozent. Doch die IBA probierte das genaue Gegenteil dessen, womit sie in kleineren Städten Erfolg hat: Sie nutzte nicht die örtliche Dynamik und lenkte sie in konstruktive Bahnen, sondern sie hielt dagegen. Unbekümmert um die Dauerabstimmung per Möbelwagen betet die IBA ihr Mantra vom „Balanceakt“ und den „gleichen Polen“ herunter. Über die Motive kann man nur grübeln: Quartierslobbyismus? DDR-Nostalgie? Aversion gegen die alte Bürgerstadt? Gralshüten der Nachkriegsmoderne, unabhängig von ihrer Qualität? Das Ganze hätte nicht weiter gestört, wenn die IBA sich auf Neustadt-Projekte wie die Platzerneuerung Am Tulpenbrunnen und eine Skaterbahn konzentriert hätte. Doch sie verteidigte die Neustadt auch in der Altstadt – und verfestigte deren Probleme. Zum Beispiel in Glaucha, einem gemischten Alt-Neubauquartier südlich des Zentrums von Halle, ziemlich zentral und städtebaulich eigentlich von guter Substanz. Doch Glaucha steht zu einem Drittel leer, viele alte Häuser sind unsaniert, weil nicht zuletzt auch wegen der Neustadt-Konkurrenz keiner sie sanieren wollte. In die Neustadt flossen dagegen seit der Wende rund eine Milliarde Euro meist öffentlicher Mittel. Sie entleert sich trotzdem; in Glaucha mühte sich die IBA spät, mit bescheidenen Mitteln und Erfolgen, um ein paar Impulse. Fast hautnah bedrängt ein Neustadt-Auswuchs die Franckeschen Stiftungen: die früher größte Schulstadt Europas, gegründet vor 300 Jahren, heute Bildungs- und Kulturquartier von der Kita bis zur barocken Wunderkammer, vom Institut für Pietismusforschung bis zum Apothekergarten. Nur zehn Meter von ihr entfernt führt eine vierspurige Hochstraße entlang – angeblich existenziell für die Neustadt, tatsächlich aber nur für diejenigen nötig, die weder per Straßenbahn im Vierminutentakt noch per Rad über die Saale fahren können. Die Hochstraße ließ einst gegen den Willen der Stadt Halles SED-Chef Horst Sindermann durch die Stadt schlagen, über den damals Wolf Biermann spottete: „Ach Sindermann, du blinder Mann. Du richtest nur noch Schaden an.“ Vergebliche Klimmzüge – doch ein Erfolg für die Stadt Bis heute verhunzt, verlärmt und tranchiert die Straße die Stadt; der Aufnahme der Frankeschen Stiftungen ins UNESCO-Welterbe ist sie auch nicht förderlich. Zur Einzigartigkeit und Lebensqualität Halles trägt sie so viel bei wie Machwerke gleichen Typs in Hannover oder Houston. Aber die IBA feiert sie als „Zeugnis der städtebaulichen Moderne“ von „besonderer Relevanz“, da sie „beide Stadthälften räumlich miteinander verbindet“. In ähnlichem Ton feiert sie am östlichen Ende der Straße, einem Verkehrskreisel namens Riebeckplatz, zwei seit Jahren leer stehende Hochhäuser. Aber schließlich hat sich die IBA doch um diese Themen Verdienste erworben. Ihre vielen vergeblichen Klimmzüge für die leeren Hochhäuser machten am Ende allen deutlich, dass diese mit keinem vernünftigen Aufwand zu retten sind. Ab Ende Juni kommen sie weg, wozu die IBA nunmehr einen „Auftakt-Event“ plant. Einen ähnlichen Weg geht die Hochstraßendiskussion: Ausgerechnet auf einer IBA-Veranstaltung verkündete Planungsdezernent Thomas Pohlack, eine bald nötige Reparatur werde so teuer und die Verkehrsbedeutung sei so mäßig, dass man von den vier Fahrbahnen am besten zwei abreiße. Pohlacks Vorgänger Friedrich Busmann agierte zeitweise nicht in Halle und kehrte dann als IBA-Beauftragter zurück, der an Doppelstadt-Parolen nicht glaubt: „Ich habe nicht den notwendigen Auftrieb gespürt, den man sich von der theoretischen Auseinandersetzung mit der Moderne erhofft hatte. Offenbar lässt sich dieses Thema besser in Akademikerkreisen kommunizieren.“ Und er äußert, was die IBA teilweise bis heute nicht sehen will: „Die Altstadt mit ihrer kulturellen Kraft kann von der Neustadt niemals eingeholt werden.“ Eher unfreiwillig hat die IBA eigene und geistesverwandte Blasen platzen lassen. Erst machte sie es schwerer, aber nun wird es für die Stadt leichter, sich anstelle ­eines traumtänzerischen Balanceakts auf ihren urbanen Boden zu stellen. Und die Neustadt kann auf ein ihr angemessenes und stadtverträgliches Maß schrumpfen. Alle Erfolgswege und Irrwege, die Leistungen der tapferen Planerinnen, die Oden an die Leere und die Trance-Balance von Halle präsentiert die IBA ab dem 10. April im Dessauer Bauhaus. All ihre 19 Städte stellen ihre Arbeit auch vor Ort aus – so unterschiedlich wie die Familienförderung in Wanzleben und die Homöopathie in Köthen. Auch wenn manches stecken geblieben und Einzelnes bizarr ist: Es hat sich gelohnt, dass Sachsen-Anhalt früh zur aktiven Stadtverkleinerung aufgestanden ist. Gelohnt auch für andere Regionen, denen das noch bevorsteht und die sich von den Schrumpfpionieren vieles abgucken können.

Revier oder Metropole?

Im Kulturjahr 2010 schwankt das Ruhrgebiet zwischen Heimatverbundenheit und globaler Avantgarde – auch in den Bauten | Von Katharina Hodes Das Kulturjahr an der Ruhr hatte noch nicht begonnen, als der 13. Gelsenkirchener Baukultur-Salon im November die Frage behandelte, wie nachhaltig die Projekte für die Region nach 2010 wirken würden. Eine pointierte Antwort gab es nicht – kein Wunder bei der Unterschiedlichkeit der Ideen und der Teilnehmer, von Nordrhein-Westfalens Bau- und Verkehrsminister Lutz Lienenkämper über Ulrike Rose, Leiterin der Landesinitiative Stadtbaukultur, bis hin zum niederländischen Rauminstallationskünstler Andre Dekker. Symbolisch für die Vielfalt steht das Raumumfeld mit herben Baugerüsten und makellosen Marketingständen für „RUHR.2010“. Auch dessen Bau- und Stadtprojekte folgen einer Vielzahl unterschiedlicher Intentionen und Konzepte – wie fast alles am Kulturjahr. Das ist in ihm angelegt: Bei ­seiner Erfindung 1985 sollte es die europäische Identität fördern, doch schnell drängten sich profanere Ziele in den Mittelpunkt: Tourismus, Prominenz, Imagepolitur für die jeweilige Stadt. Jetzt findet das Kulturjahr zum dritten Mal in Deutschland statt – nach Westberlin 1988 und Weimar 1999. Diesmal steht eine ganze Region aus 53 Städten mit mehr als fünf Millionen Einwohnern im Mittelpunkt. „Europa“, „Mythos“ und „Metropole gestalten“ sind die Schlagworte, die das Programm bestimmen. Außerdem will das Revier zum Kreativquartier werden. Es hat sich viel vorgenommen. Der Programmpunkt „Europa“ ist der architektur- und planungsfernste. In „Mythos“ wird Kohlenpottkultiges zur Kultur erhoben; Geliebtes und Vertrautes wird in neuen Zusammenhang gebracht. Projekte wie die Kunstinstallation SchachtZeichen sind ebenso einfach wie bewegend: In der Maiwoche nach Pfingsten werden 350 gelbe Ballons in bis zu 80 Metern Höhe die ehemaligen Kohlenschächte markieren. Jeder Ballon erhält eigene Paten, die auf ihn achtgeben. Rundherum gibt es Angebote im Freien. So verbinden sich Stolz und Geschichte, Feiern und Kultur. Zwar kratzen auch diese Ideen nur an der Oberfläche, aber sie können den Revierbewohnern neues Selbstbewusstsein geben. Hinter dem Motto „Metropole gestalten“ stecken zwei Absichten. Zum einen soll aus dem fünftgrößten Ballungsraum Europas ein Zentrum werden, das mit London oder Paris mithalten kann – kühn angesichts der industriegeprägten Geschichte und Bewohnerschaft, der Zersplitterung und der nach außen nur mäßigen, teils negativen Ausstrahlung. Abhilfe soll auch hier die Baukultur schaffen. Gut gelingt ihre Verbindung mit traditioneller Ruhrkultur in der Reihe „Hochpunkte“. Sieben Aussichtsorte, teils bestehend, teils erneuert, aber alle mit der Identität des Ruhrgebiets verwoben, laden zum Überblick ein. Zum „Hochpunkt“ geadelt wurde Bekanntes teilweise aus der Zeit der IBA Emscherpark, wie das Oberhausener Gasometer, der Tetraeder in Bottrop, die Essener Schurenbachhalde mit der Skulptur „Bramme für das Ruhrgebiet“ und der Landschaftspark Duisburg-Nord. Drei der Hochpunkte sind oder werden aber extra für das Kulturhauptstadtjahr modernisiert: das Dortmunder U, als ehemalige Brauerei nahe dem Hauptbahnhof ein Wahrzeichen der Stadt, erhält eine Dach- und Fachsanierung, während die Fassade nur instand gesetzt wird. Im UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein in Essen ist das neue Ruhr Museum entstanden (siehe Seite 22). Und der Förderturm der Nordstern-Zeche in Gelsenkirchen wird um eine Glaskonstruktion plus 18 Meter hohen „Herkules“ von Markus Lüpertz erweitert. Ohrenpark und Parktankstelle Kulturjahrthema ist auch eine nichtwirtschaftliche Seite des oft beschworenen Strukturwandels: die Konversion von Kirchen, die nicht abgerissen, sondern in veränderter Form weiter genutzt werden sollen. Das gelingt zum Beispiel in der Markuskirche in Gladbeck, jetzt „Martin-Luther-Forum Ruhr“, und in der Bochumer Marienkirche mit ihrem Umbau zum Kammermusiksaal durch Max Dudler aus Berlin. Auch auf der Straße soll Metropole gestaltet werden. Die Autobahn A42, die mitten durchs Ruhrgebiet durch den Emscher-Landschaftspark führt, soll den täglich 80 000 Fahrern mehr bieten als Schallschutzwände. Auf der „Parkerlebnisstrecke“ bieten Sichtfenster Ausblicke auf die Attraktionen entlang der Strecke. Am Autobahnkreuz Castrop-Rauxel gibt es in den Autobahnohren der Ausfahrt einen „Ohrenpark“ – nicht zum Hören, nur zum Vorbeifahren. An „Parktankstellen“ gibt es kein Benzin, sondern Informationen zur Kulturhauptstadt. Ein paar Kilometer weiter südlich wird die Autobahn A40, in Wirklichkeit und im Volksmund längst vom Ruhrschnellweg zum Ruhrstauweg degradiert, am 18. Juli garantiert keinen Stau erleben. Sie ist dann auf 60 Kilometern gesperrt und lädt von 11 bis 17 Uhr ein, an der längsten Tafel der Welt Platz zu nehmen. „Still-Leben Ruhrschnellweg“ ist der hübsche Name der Veranstaltung. Entwerfen aus der Region heraus Andere Bauprojekte werden dem Metropolgedanken gerecht, vereinbaren ihn aber kaum mit der bestehenden Ruhrkultur. Der Neubau des Folkwang-Museums durch David Chipperfield hebt Essens Prestige, wirkt aber als Fremdkörper in trostloser Umgebung an einer Schnellstraße. Das Museum Küppersmühle in Duisburg verwandelt sich zum Spiel mit Riesenbauklötzen: Herzog & de Meuron setzen dem Backsteinbau einen Quader aus Glas auf. In Bochum erhält das Museum „Situation Kunst“ durch das Büro Pfeiffer – Ellermann – Preckel aus Lüdinghausen einen Erweiterungsbau, der aus der Kriegsruine eines Herrenhauses von 1592 mit integriertem Glasbau besteht. Den stärksten nachhaltigen Erfolg verspricht das Bestreben, durch Kreativquartiere den Standort Ruhrgebiet aufzuwerten. Gelingt es, die Kreativen ins gemachte oder selbst gestaltbare Nest zu locken, regt sich neues Leben in ehemaligen Industriegebäuden und heutigen Problemvierteln. Die Niederlande haben mit der Strategie bereits Erfolg und unterstützen nun das Ruhrgebiet. Der übrig gebliebene Turm der Dortmunder Union-Brauerei wird vom örtlichen Büro Gerber zum Kreativzentrum „Dortmunder U“ verwandelt, mit Fachhochschule, Ostwall-Museum und zwei sogenannten Kreativetagen mit offener Funktion. Oberhausen bietet am zentralen Altmarkt günstige Wohn- und Arbeitsflächen. Bochum widmet seine früheren Zechen Prinz Regent dem Thema Musik. Dinslaken will auf dem Areal der erst vor fünf Jahren stillgelegten Zeche Lohberg das Kreativleben in einer kleineren Stadt entwickeln. Für einen nachhaltigen Wandel ist Authentizität immer Bedingung – darin waren sich die Teilnehmer des Gelsenkirchener Baukultur-Salons im November immerhin einig. Der niederländische Künstler Andre Dekker wünschte sich, den Heimatgedanken zu stärken, die ruhrgebietstypische Architektur weiterzubauen: „Das Echte muss weiterleben. Die zahlreichen Glaskuben der neuen und erweiterten Architekturen gibt es überall, und die ureigene Kultur des Reviers hat keinen Anknüpfungspunkt.“ Glaskuben mit ihrem internationalen Design geben zwar dem Erscheinungsbild des Ruhr­gebiets modernes Flair – beispielsweise der Kubus auf dem Duisburger Museum Küppersmühle, der Bochumer Kunstkubus oder der Turm der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen von Karl-Heinz Petzinka mit Nathalie Ness und René Clasen. Sie wirken aber auch aufgesetzt, nicht aus der Region heraus entworfen. Schlüssiger gelöst ist das Thema in der Zeche Zoll­verein oder dem Dortmunder U. Die Bauten betonen die überkommene Kantigkeit der Orte, ­anstatt ihnen eine ortsfremde Identität über­zustülpen. Pius Knüsel, Direktor der Züricher Kulturstiftung „Pro Helvetia“, stellte im Bau­kultur-Salon allen Gestaltungseifer infrage: ­„Heimat entsteht langsam und im Detail, nicht am Reißbrett. Und gerade Wegnehmen gibt Entwicklungen Raum. Wäre es nicht mancherorts ­sinnvoller, eine Million in den Abriss zu ­investieren?“ Katharina Hodes ist Journalistin in Düsseldorf Baukunst-Website Eigens für die Kulturhauptstadt von den Architekten- und Ingenieurkammern des Landes erarbeitet, bietet die Website Überblick über die spannendsten Bauwerke der Revierstädte. Mit einem Klick sind Daten, Bilder und Beschreibungen abrufbar. In einer Kompaktversion steht der Service auch für mobile Endgeräte zur Verfügung. Insgesamt präsentiert der Onlineführer fast 1 000 Projekte aus ganz NRW. Wohnkulturroute Auch an der „Route der Wohnkultur“ ist die Architektenkammer maßgeblich beteiligt. An 60 Objekten können Besucher hautnah erleben, wie das Ruhrgebiet wohnt – von außen wie von innen. Über die Website sind Führungen durch die Wohngebiete von Dortmund, Bochum, Oberhausen und Hattingen buchbar. Im „Sommer der Wohnkultur“ von August bis Oktober können die Objekte auch von innen besichtigt werden. Baukulturkonvent Die rund 350 Mitglieder des Konvents der Bundesstiftung Baukultur diskutieren am 16. April in der Essener Zeche Zollverein über „Baukultur des Öffentlichen“. Am 17. April wird das Thema mit prominenter Besetzung vor Ort diskutiert: das Thema Bildung in Bochum in der Erich-Kästner-Gesamtschule, das Thema Freiraum in Gelsenkirchen auf dem Heinrich-König-Platz und das Thema Verkehr im Hauptbahnhof Essen. NRW wohnt Ebenfalls in der Zeche Zollverein läuft am 19. April die feierliche Abschlussveranstal-tung der Veranstaltungsreihe „NRW wohnt“. In allen Regionen des Landes hatte sie seit 2008 Experten und Laien, Architekten und Mieter, Investoren und Eigentümer zusammengebracht. Am 19. April wird zusammengefasst und Bilanz gezogen; außerdem werden auch die Preisträger des Fotowettbewerbs „Wohn(t)räume – Lebensräume“ bekanntgegeben.

Dunkelmänner und eine Frau

Wie die beliebteste Nichtfarbe die Fantasie anregt. | Cordula Rau Warum tragen Architekten schwarz? Unsere Autorin hat sich des dunklen Themas angenommen, die Frage Kollegen in aller Welt gestellt und einen bunten Strauß erhellender Antworten bekommen:
  • Nach sicherer Überlieferung, damit am Hemdärmel der schwarze Tuschestift abgeputzt werden kann.  (Florian Aicher, München)
  • Wahrscheinlich weil sie Weltverbesserer und Moralisten sind. (Kees Christiaanse, Rotterdam)
  • Die Trauer um die vielen unrealisierten Projekte. (Arno Brandlhuber, Berlin)
  • Aus Angst, sonst etwas falsch zu machen. (Dionys Ottl, München)
  • Würden Sie sich ein Haus von einem Architekten mit gelb gepunkteter Krawatte bauen lassen? (Amandus Sattler, München)
  • Schwarz macht dünn. (Stefan Behling, Stuttgart)
  • Damit die Augen zur Geltung kommen. (Gregor Eichinger, Wien)
  • Architekten sind Missionare. (Herrmann Kaufmann, Schwarzach)
  • Weil ich dachte, ich mache das als Einziger. (Michel Desvigne, Paris)
  • Weil’s keine Entscheidung braucht. Wenigstens eine sichere Sache am Tag … (Hannelore Deubzer, Berlin)
  • Weil wir in Schwarz gut und gefährlich aussehen. (Clemens Weisshaar, München)
  • Weil das Leben so traurig ist. (Albert Speer, Frankfurt)
  • Weil es keine Farbe ist. (Armand Grüntuch, Berlin)
  • Verschwinden, verschwinden aus der Welt. (Ai Weiwei, Peking)
  • Es hat irgendwo in Japan begonnen? (Ben van Berkel, Amsterdam)
  • Ich trage kein Schwarz. (Kazunari Sakamoto, Tokio)
  • Ich hasse schwarze Klamotten. (Christoph Ingenhoven, Düsseldorf)
  • Ich trage farbige Kleidungsstücke. (Peter Zumthor, Haldenstein)
  • Ich bevorzuge Blau. (Christian Kerez, Zürich)
  • Ich trage immer Orange. (Manuel Schupp, Stuttgart)
  • Mir fällt zu Schwarz nichts ein. (Jacques Herzog, Basel)
Alle Zitate (z.T. Auszüge) aus: Cordula Rau (Ed.): Why Do Architecs Wear Black? Springer Wien New York 2008, 228 S., 19,95 €. Alle Antworten in Handschrift abgebildet und ins Englische übersetzt. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Vermitteln lernen

Mediatoren bieten als professionelle Konfliktlöser eine zeit- und geldsparende Alternative zum Gang vors Gericht. Ein spezieller Lehrgang der Bayerischen Architektenkammer bildet Planer dazu aus. | Nils Hille Rund ums Planen und Bauen gibt es viele Konfliktherde: zwischen Architekt, Baufirma und Bauherr oder zwischen den Initiatoren von Großprojekten und Bürgergruppen. Oft werden Gerichte angerufen – ein mühsamer, langwieriger und teurer Weg ins Ungewisse. Besser ist die Vermittlung, neudeutsch Mediation. Sie braucht professionelles Know-how und ist daher ein Tätigkeitsfeld auch für Architekten und Planer. In Bayern kann man die professionelle Streit-schlichtung lernen: „Mediation im Planungs-, Bau- und Umweltbereich“ heißt die Zusatzausbildung, die von der Bayerischen Architektenkammer gemeinsam mit der österreichischen Arch+Ing Akademie angeboten wird. Sie hilft den Teilnehmern auch bei kleineren alltäglichen Auseinandersetzungen im Beruf weiter. „Die meisten Architekten sind es gewohnt, mit Konflikten umzugehen. Doch das gezielte Herausarbeiten von Interessen und Bedürfnissen mithilfe strukturierter Kommunikationswege ist für viele Neuland“, sagt Stefan Kessen. Der Berliner hat die Ausbildung konzipiert, die im kommenden Frühjahr (siehe Kasten auf Seite 67) erneut angeboten wird. Als Lehrgangsleiter will er diese Methode als eine Möglichkeit des Umgangs mit Konflikten vermitteln: „Die Mediation ist kein Königsweg. Doch sie bietet die Möglichkeit, die eigentlichen Bedürfnisse herauszuarbeiten, egal ob von einer einzelnen Person oder von mehreren, sich streitenden Parteien, um damit neue Lösungsräume zu schaffen.“ Anders zu handeln ist dabei also das Ziel. Der Architekt, der zwangsläufig sehr lösungsorientiert arbeitet, lernt in der Ausbildung, umzudenken. Er prescht nicht sofort mit seiner Idee vor, sondern geht den Weg über die Bedürfnisse und Interessen. „Es gilt, diese Lösungslosigkeit aushalten zu können und zunächst den Kunden zu fragen: Warum ist das für Sie wichtig? Oder: Was würde sich dann für Sie verändern?“, erklärt Kessen. Anstelle eines vorgegebenen Kompromisses findet der Kunde selbst eine Lösung, die für ihn positiv ist. Ohne eigenen Senf „Das Schwierigste ist die andere Art des Zuhörens: Man muss nämlich das erfassen, was dem anderen wirklich wichtig ist. Das zumindest sagen viele unserer bisherigen Teilnehmer“, so Kessen. Damit sie dies nach dem Lehrgang wirklich beherrschen, hat er ein umfassendes Programm mit acht dreitägigen Modulen (jeweils Donnerstag bis Samstag, Übersicht 1) konzipiert. Die ersten dienen dabei als Basis, das fünfte Wochenende ist das Schlüsselmodul, in dem Haltung und unterschiedliche Rollen besprochen werden, und die weiteren Module gehen zu komplexeren Verfahren über. „Für die zukünftigen Mediatoren macht es vor allem einen großen Unterschied, auf welche Gruppengröße sie treffen“, sagt Kessen. Damit die Lernenden sich ganz auf diese Unterschiede konzentrieren können, werden für die Seminare immer kleine, etwas abgelegene Orte ausgewählt. Hier lernen die Architekten, nicht als Berater aufzutreten, sondern ihren Kunden deren Eigenverantwortung in den Entscheidungen klarzumachen. Dazu wenden sie ein sechsstufiges Verfahren an (Übersicht 2). Verschiedene Ziele Die Pläne, die für die Teilnehmer hinter dem Besuch der Ausbildung stehen, sind ganz unterschiedlich. Viele wollen in beruflichen Konfliktsituationen besser reagieren können. Einige möchten neben ihrem gewohnten Berufsfeld auch gelegentlich als Mediator arbeiten, und ein eher kleiner Teil will sich damit eher ein neues berufliches Standbein schaffen. Für alle besteht anstelle der Architektur die Chance, Aufträge in der Projektleitung über Ausschreibungen zu bekommen, da sie das Zusatzwissen mitbringen, wie man zwischen den Parteien vermittelt. Das Trainerteam hat Kessen nicht aus Spezialisten für einzelne Themenbereiche, wie bei Lehrgängen oft üblich, zusammengestellt. Er wählte erfahrene Mediatoren, die sich untereinander kennen: „Das ist für die Übergabe von einem Wochenende zum anderen wichtig. Sie sollten eine ähnliche Haltung zur Mediation verkörpern. Also eine homogene Gruppe mit unterschiedlichen Typen bilden.“ Die Module
  • Grundlagen kooperativer Konfliktregelung durch Mediation
  • Mediation als Kommunikationsprozess
  • Struktur und Ablauf eines Mediationsverfahrens
  • Mediation im privaten Baubereich
  • Rolle und Haltung des Konfliktvermittlers
  • Mediation bei größeren Projekten und Vielparteienkonflikten
  • Transfer in die Praxis
  • Phasen der Mediation
  • Vorbereitung/Mediationsvertrag Wer muss an der Mediation teilnehmen? Sind alle damit einverstanden?
  • Information/Themensammlung Welche Themen müssen besprochen werden?
  • Interessenklärung Wer verfolgt welche Wünsche? Was steht dahinter?
  • Kreative Ideensuche Unstrukturiertes Sammeln von -Lösungsoptionen
  • Optionsauswahl und -bewertung Interessen von 3. dienen als Kriterien bei der Auswahl
  • Vereinbarung und Umsetzung Mündliche Vereinbarung bis notarielle Urkunde (je nach Bereich)
  • Mediation im Planungs-, Bau- und Umweltbereich Abschluss: Zertifikat bei Besuch aller Module und der Dokumentation eines Mediationsfalls Ort: verschiedene Seminarhotels in Bayern Dauer: 8 Wochenenden in einem Jahr Kosten: 6 950 Euro plus evtl. MwSt. Start: 7. Mai Infotermin: 17. Februar, 18 Uhr, Bayerische Architektenkammer Internet: www.byak.de Buchtipp: Peter Hammacher, Ilse Erzigkeit, Sebastian Sage So funktioniert Mediation im Planen + Bauen Drei Mediatoren, von Beruf Anwalt, Stadt planerin und Architekt, erklären das Verfahren und bringen Fallbeispiele. Sie ­wollen ihre Leser ermutigen, moderne Wege der Konfliktlösung zu gehen. Vieweg + Teubner 2008, 179 Seiten, 23,60 €

    Rollende Baukultur

    Zwei Studenten entwickelten einen Wohnwagen mit gestalterischem Anspruch – zur Fahrt in die Selbstständigkeit. | Nils Hille Der "Mehrzeller" ist eine neue Form von mobilem Wohnen. „Superbieder sind die Camper, aber es gibt zehn Prozent Verrückte. Da haben wir angesetzt“, sagt Theresa Kalteis mit einem Lachen vor Freude und vor Stolz. Die Studentin der Technischen Universität Graz hat mit ihrem Kommilitonen Christian Freissling etwas geschaffen, was sie selbst nicht glauben kann. Eine ganz neue Form von mobilem Wohnen haben die beiden mit ihrem „Mehrzeller“ entwickelt und den Prototyp direkt selbst gebaut. Seitdem die ersten Informationen über den individuell zusammenstellbaren Wohnwagen mit innenarchitektonischem Anspruch an die Öffentlichkeit kamen, können sie sich vor Anfragen von Campern, Herstellern und Presse kaum retten. „Wir sind jede Woche positiv geschockt, was passiert“, sagt Kalteis. Auf der Messe „Caravan Salon“ Anfang September in Düsseldorf gaben sich Kamerateams und Fotografen die Klinke des weißen, eckigen Anhängers in die Hand. „Morgens nach dem Aufstehen und abends vor dem Schlafen – immer, wenn ich im Hotel den Fernseher angeschaltet habe, sah ich mich darin.“ Kein Wunder. Auf einer Messe, auf der sich sonst optisch sehr ähnliche Wohnwagen und -mobile aneinanderreihen, waren sie die Exoten. Auch die Messebetreiber schienen sich von dem Mehrzeller einiges zu versprechen. Sie schenkten den beiden ihren Standplatz direkt an einem Haupteingang. Als die Idee entstand, rechnete mit so etwas noch keiner. Kalteis’ und Freisslings Wunsch war eigentlich nur, wieder etwas selbst zu bauen. Vor zwei Jahren hielten sich sie im Rahmen eines Projekts ihrer Hochschule in Südafrika auf. Dort hatten sie mit einigen Kommilitonen in einem Township einen Kindergarten gebaut. Auch sonst stürzten sie sich auf jedes Uniprojekt, in dem nicht nur geplant wurde. „Zum Abschluss wollten wir auch etwas Kleines selbst bauen“, sagt Kalteis, während sie in dem 5,3 mal 2,3 Meter großen Mehrzeller sitzt. Bloß kein Brett vorm Kopf Die Idee zum individuellen Wohnwagen hatten sie ein Jahr zuvor auf dem „Caravan Salon“. Bei einer Umfrage erklärten ihnen viele Camper, dass sie mit einer Notlösung durch die Gegend fahren würden. Richtig wohl würden sie sich in ihrem Wagen nicht fühlen, vor allem durch die Enge, die dieser vermitteln würde. „Auch Konstruktionen wie Tische, die zu Betten umgebaut werden, kamen bei den Befragten nicht gut an“, sagt Kalteis. Freissling und sie entschieden, dass der Branche etwas frischer Wind nicht schaden könnte. „In einem Jahr stehen wir hier, haben wir noch gewitzelt“, erinnert sie sich. Konfigurator konstruiert Hinter vielen der weißen Innenraumflächen sind Schränke und Regale versteckt. Die Realisierung begann aber nicht mit der üblichen Konstruktion per CAD-Programm. Sie entwickelten einen vom Kunden leicht zu bedienenden Onlinekonfigurator, der sich an Tools wie das Küchenbauprogramm von IKEA anlehnt, aber weit darüber hinaus „mitdenkt“. Per Drag and Drop zieht der potenzielle Käufer zuerst die Anzahl der Personen und sogar Tiere, für die der Wohnwagen gebaut werden soll, auf die dargestellte Arbeitsfläche in der Mitte. Daraus errechnet das Programm eine Empfehlung zur Größe des Anhängers. Nun wählt der Kunde die gewünschten Raumnutzungen, wie Schlafen, Kochen, Arbeiten und/oder Feiern sowie deren Relevanz und deren Transparenz zum Außenraum aus. Das System entwickelt eine Flächenverteilung der -Module, die mithilfe von Kreisen dargestellt wird. Mit einem Klick auf „Wachstum starten“ baut sich nun eine 3-D-Struktur des Modells auf. Durch die Material- und Farbkonfiguration entsteht direkt vor den Augen des Kunden eine -realitätsnahe Darstellung des individuellen Wohnwagens. „Hinter dem Angebot steht ein System aus einem Raumverteilungsdiagramm und der mathematischen Zellteilung. Jeder erhält sein Unikat“, so Kalteis. Ein Einzelstück ist auch der Prototyp, mit dem die beiden Studenten zeigen, dass die virtuelle Planung auch in die Realität übertragbar ist. Bei ihm verzichteten sie auf eine Nasszelle, dafür ist Platz für eine großzügige Küche inklusive Herd und Kühlschrank sowie eine Couchecke mit zwei übereinanderliegenden Schlafnischen. Hinter den meisten weißen eckigen Flächen der Wände sind Schränke und Stauräume versteckt. „Wir haben immer gesagt: Wenn wir ein Fahrgestell geschenkt bekommen, dann bauen wir wirklich“, sagt Kalteis. Und nicht nur das erhielten die Studenten. Für alle Bauteile konnten sie Sponsoren gewinnen. Nachdem die ersten größeren Firmen zugesagt hatten, zogen viele nach. Insgesamt 36 Unternehmen haben die beiden bei ihrer Idee unterstützt. Jetzt haben sie auch „einen Hersteller, der sich traut, mit dem Mehrzeller in die ‚individuelle Serie‘ zu gehen“, gefunden. Gemeinsam wickeln sie nun die ersten größeren Aufträge ab. Nur eine kleine Reihe hätten die Studenten selbst stemmen können. Rad ab Im „Mehrzeller“ ist Platz für eine Couchecke mit zwei übereinanderliegenden Schlafnischen. Nicht nur wegen der Unterstützung und der vielen positiven Reaktionen verfolgen sie ihre Idee konsequent weiter. Die beiden Grazer sehen dadurch die Chance zur erfolgreichen Selbstständigkeit direkt nach dem Studium, so Kalteis:  „Der Arbeitsmarkt ist in Österreich wie Deutschland verheerend. Ich möchte nicht 1 000 Euro netto verdienen und als technische Zeichnerin arbeiten. Ich will einen Job finden, der mich zufriedenstellt.“ Der von den Studenten selbst zusammengebaute Prototyp war vor der eigentlichen schriftlichen Abschlussarbeit fertig. Beide Modelle werden zur Benotung dienen, vor der die Studenten aber keine Angst haben, sagt Kalteis entspannt: „Unser Professor ist  begeistert. Er fragte nur immer wieder: ‚Wieso muss es auf Rädern stehen?‘“ In ihren neusten Visionen setzen die beiden den Onlinekonfigurator schon für Wohnungen und Häuser ein.

    Spiel mit Rechtecken

    Die neuen Fliesen sind groß, schlank und werden neuerdings gern quer verlegt. Strukturierte und imitierte Oberflächen bestimmen das Design. | Ingrid Bork Schlanke, quer verlegte Rechtecke der Serie „Avorio“ von Agrob Buchtal. Als Leitmesse der Fliesenhersteller gehen von der in Bologna stattfindenden „Cersaie“ alljährlich im Herbst Impulse für keramische Wand- und Bodenbeläge aus. In diesem Jahr hatten die 1 074 Aussteller im doppelten Sinne wahrhaft Großes zu bieten. Nicht nur bei den Dekoren war die Auswahl riesig, auch mit den Abmessungen von 40 x 60, 60 x 60 oder 60 x 120 Zentimetern werden die Fliesen immer größer. Zugleich begeistern sich die Designer für besonders schmale und längliche Formen. Fast ausschließlich quer verlegt, sollen sie einem Raum Weite und Großzügigkeit verleihen. Das bestätigt auch Dieter Schäfer, Vorsitzender des Verbandes der europäischen Fliesenhersteller (CET): „Die schmalen Großformate setzen sich weiter durch – auch in kleinen Räumen.“ Maße von 20 x 70, 30 x 60 oder kalibrierte Varianten wie 20 x 60 Zentimeter könnten sich zu Trendsettern entwickeln. Gleichzeitig gehe man bei der Verlegung immerspielerischer mit den Formaten um. „Entweder mit unterschiedlichen Breiten oder mit unterschiedlichen Höhen.“ Schmale Fugen und lebhafte Strukturen der Serie „Spirit“ von Rako. Mosaike fügen sich derzeit relativ unaufgeregt in dieses Formenspiel ein, farblich abgestimmt auf die Grundfliesen. Man integriert sie aber nicht nur dezent in die Flächen, sondern bevorzugt werden Mosaike auch für dreidimensionale Lösungen eingesetzt. Zum Beispiel für Bänke, Waschtischabmauerungen oder abgerundete Wanneneinfassungen. Auch bei Mo saiken werden die Formate länglicher und schmaler. Besonders prägnant wirkten Ausführungen mit stark strukturierter Oberfläche und superschmalen Fugen. Manches erinnerte an Bruchmosaikstreifen aus Naturstein. Ton in Ton mit der übrigen Fläche fielen solche Kreationen durch eine krude Natürlichkeit auf. Farben und Oberflächen Satte Brauntöne: „Lounge“ von Steuler Auffallend in diesem Jahr sind vor allem die satten, schweren Farben wie Schokolade oder Mokka. Begleitet werden die Grundtöne von einer reichhaltigen Rotpalette von Burgunder über Kirsche bis hin zu Hummer. Diverse Abstufungen in erster Linie bei den helleren Naturtönen wie beispielsweise Bambus runden das Spektrum ab. Inzwischen lohnt es sich auch, bei den keramischen Holzimitaten genauer hinzusehen. Die Nachbildungen werden immer perfekter. Maserungen und Strukturen, typische Farben und selbst die Gebrauchsspuren gealterter Parkettböden werden täuschend echt imitiert. Ob Textilgewebe oder Tapete, ob Teppichmuster oder Putzstruktur – keramische Oberflächen geben sich neuerdings oft erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen. Die in den letzten Jahren stark vertretenen „Metallfliesen“ sind dagegen auf dem Rückzug. Dafür hat man jetzt den Naturstein wieder entdeckt. Vom tiefschwarzen „Schiefer“ bis hin zum reinweißen „Marmor“ präsentierte sich die Keramik von ihrer „steinreichen“ Seite. Besonders authentisch wirken solche Oberflächen, wenn sie mit kalibrierten Kanten ausgestattet sind. Sowohl für Fliesen mitHolzoptik als auch für Natursteindekore gilt: je schmaler der Abstand, desto schöner der Gesamteindruck. Die verlegten Fliesenflächen wirken dank der kaum ins Auge fallenden Fugenbreiten sehr viel weniger rustikal und kommen damit in der Optik den Originalmaterialien erheblich näher. Putzen und Renovieren leicht gemacht Mit fließenden Linie fällt die „Moods bleu“ von Steuler ins Auge. Um noch größere Formate herstellen zu können, entwickeln Hersteller die Keramik weiter: Es gibt millimeterdünne Bodenfliesen; Beimischungen aus Kunststoff ermöglichen eine Reduzierung der normalen Fliesenstärke um mehr als die Hälfte. Die geringe Aufbauhöhe erlaubt die Verlegung Fliese auf Fliese und ist damitbesonders für den Modernisierungs- und Renovierungsmarkt geeignet. Die neuen XL-Formate sind außerdem relativ leicht in der Handhabung. Es gibt weniger Schmutz, weniger Arbeit, weniger Kosten und weniger Zeitaufwand. Interessante Perspektiven für den gewerblichen Bereich eröffnet ein neues Fliesenprogramm aus durchgefärbtem Feinsteinzeug, das von Nord Ceram vorgestellt wurde. Der Hersteller verspricht hohe Rutschhemmung und besondere Reinigungsfreundlichkeit. Die Spezialoberfläche wird bereits während des keramischen Brennprozesses aufgetragen. Trotz Rutschhemmstufe R10/B sollen die 30 x 60 Zentimeter beziehungsweise 33 x 33 Zentimeter großen Fliesen von bleibenden Verschmutzungen verschont bleiben. Chancen im umkämpften Markt Die Lage der Fliesenbranche ist schwierig. Das wurde auch in Bologna nicht verhehlt. Es kommen immer weniger keramische Beläge an die Wände. Das sieht Dieter Schäfer ebenso: „Wir müssen aufhören, zu glauben, dass wir einen Raum bis unter die Decke fliesen müssen. Aber wir sollten Empfehlungen geben.“ Gerade bei halbhoch oder partiell gefliesten Räumen wie Bädern oder WCs sei es wichtig, den Kunden bei der Gestaltung der restlichen Wandflächen nicht allein zu lassen. Welche Farben, welche Materialien bieten sich da beispielsweise als Ergänzung zur Keramik an? Auch damit müssen sich die Fliesenhersteller verstärkt befassen. „Die Gesamtheit beruhigt, das Detail verblüfft“ Fragen an Marek Vráblík, Chefdesigner der Lasselsberger-Gruppe, des zweitgrößten europäischen Fliesenherstellers. In welche Richtung entwickelt sich die Fliese? Bei der Größe der Formate hat die Fliese ihr Limit erreicht. Interessante Entwicklungen gibt es aber bei den Oberflächen: Es wird bis ins kleinste Detail an den Strukturen gearbeitet. Nachahmungen anderer Materialien, wie Holz, Stein oder Metall, werden inzwischen nahezu perfekt erreicht. Was hat Sie auf der Cersaie am meisten fasziniert? Das war wohl die Tendenz zur Überzeugung auf den zweiten Blick. Das keramische Material wirkt innerhalb des Interieurs zunächst als ruhiger Hintergrund für die übrigen Einrichtungselemente. Es übertönt nicht. Erst bei näherem Hinsehen und vielleicht auch beim Berühren wird die Vollkommenheit des Materials deutlich. Der Gesamteindruck beruhigt, das Detail verblüfft. Und wie geht es weiter? Die Möglichkeiten keramischer Innovationen sind noch lange nicht ausgeschöpft. So könnten etwa Wand- und Bodenbeläge zusätzliche Funktionen als Licht- oder Wärmequellen übernehmen. Denkbar ist zudem, durch spezielle Oberflächen-behandlungen wie Laserstrahlgravuren besondere gestalterische Effekte zu erzielen. Ingrid Bork betreibt ein Fachpressebüro in Kaarst. Neuer Verlege- und Fugenmörtel Mit Ultralite S1 bietet Mapei jetzt einen Leichtflexkleber an,mit dem alle Arten und Formate keramischer Fliesen und Platten verlegt werden können. Der Klebemörtel eignet sich außerdem für verformungsstabile Naturwerksteine im Innen- und Außen bereich. Neu ist auch das Epoxidharz-Fugensystem Keraproxy Design für Glasmosaikbeläge. Den Fugenmörtel gibt es in acht verschiedenen Farbtönen, die auf die Glas mosaikpalette führender Hersteller abgestimmt sind. Dieses Spektrum ermöglicht es, dass die Fuge sich gestalterisch dem Farbspiel der Mosaikbeläge anpasst und durch die Optik einer geschlossenen Oberfläche die Wertigkeit des Belages erhöht. Der Fugenmörtel ist chemikalienbeständig, mechanisch hoch belastbar und wasserdicht und kann deshalb sowohl innen als auch außen sowie im Schwimmbadbau verwendet werden. www.mapei.de

    Zu gründlich deutsch?

    Im Januar erhalten die ersten Gebäude das „Deutsche Gütesiegel für Nachhaltiges Bauen“. Gegen dieses Zertifikat gibt es aber auch Vorbehalte. | Marion Goldmann Das grundlegende Ziel: nachhaltig bauen und dafür eine Bewertung einführen. Der Ansturm war groß: Laut Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) bewarben sich für das neue Label zahlreiche ihrer Mitglieder mit „beeindruckenden Projekten“. Dreißig wurden ausgewählt und davon werden derzeit die ersten in einer Pilotphase zertifiziert. Das Ergebnis ist auf der Messe BAU im Januar in München zu erfahren. Dort kann man sich auch einen Überblick über das Bewertungsverfahren sowie über eine mögliche Ausbildung zum „Auditor“ verschaffen. Im Vorfeld der ersten Probezertifizierungen wurden in knapp einem halben Jahr die nunmehr 63 mit sogenannten Steckbriefen unterlegten Bewertungskriterienzusammengetragen. Viel zu kompliziert, sagen die einen. Unbedingt notwendig, sagen die anderen, um den Anspruch der Nachhaltigkeit von Gebäuden – und hier sind nicht nur Energieeffizienz und Umweltverträglichkeit gemeint – auf hohem Niveau zu erfassen. Dabei sind sich über das grundlegende Ziel alle einig: Bundesbauministerium (BMVBS), Bauwirtschaft, Baustoffindustrie, Architekten und Ingenieure sowie die Immobilienbranche wollen nachhaltig bauen und sind auch bereit, dafür eine Bewertung einzuführen. Das ist quer durch alle Lager unbestritten. Ein Gütesiegel ist in erster Linie notwendig, um im internationalen Green-Building- und Labelling-Wettbewerb deutsche Qualität dokumentieren zu können. Immer mehr Investoren legen daher Wert auf einen diesbezüglichen Nachweis. Vorangetrieben wird die Etablierung eines deutschen Labels deshalb auch von den einheimischen, aber international agierenden Unternehmen. Große Architektur- und Ingenieurbüros gehören ebenso dazu wie Bau- und Immobilienunternehmen. Zu viel des Guten Aber wie sieht man dies in der Masse der kleinen und mittleren Büros? Stefan Schramm in Köln betreibt ein Architekturbüro mit fünf Mitarbeitern, das Wohn- und Geschäftshäuser mittlerer Größe projektiert. Außerdem ist Schramm europaweit im Einfamilienhausbau tätig. Durch dieses breit gefächerte Feld kommt er seit Langem immer wieder mit dem Thema Nachhaltigkeit in Berührung. Einerseits sagt er: „Es ist gut, dass die großen Büros diesen Prozess vorantreiben.“ Auch öffentliche Bauten hält Schramm wie viele andere Mitstreiter für eine Testphase prädestiniert. So ließen sich Erfahrungen sammeln und im Lauf der Zeit könne ein funktionierendes System entstehen. Andererseits hat Schramm Bedenken: Hier zeitgleich in der Entwicklungsphase noch eine Zertifizierung für kleine Projekte aus dem Boden zu stampfen, scheint ihm der Aufwand viel zu hoch. Damit steht Schramm nicht allein. Bereits im Mai hat die Bundesarchitektenkammer (BAK) entsprechende Bedenken geäußert: zuwissenschaftlich, zu komplex und nicht wirklich praxisnah sei das Verfahren. Zudem sind Fragen der Kosten und der Architektenhaftung ungeklärt. Rudolf Scherzer, Vizepräsident der Architektenkammer Bayern und Mitglied in der Arbeitsgruppe nachhaltiges Bauen der Bundesarchitektenkammer: „ Viele der 63 Kriteriensteckbriefe sind noch nicht praxisgerecht ausgearbeitet. Zum Beispiel wird die zur Bewertung notwendige Datenbasis für einige der Bereiche auch in absehbarer Zeit noch nicht vorliegen. Zudem werden bauphysikalische Zusammenhänge mehrfach in unterschiedlichen Kriteriensteckbriefen behandelt.“ Auch der Detaillierungsgrad sei zumindest in Teilbereichen zu hoch. So finden sich in der ökologischen Bewertungsgruppe neben dem Primärenergiebedarf, unterteilt in nicht erneuerbar und erneuerbar, das Versauerungs-, Ozonschicht zerstörungs-, Ozonbildungs-, und Überdüngungspotenzial ebenso wie Risiken für die lokale Umwelt oder das Mikroklima. Die Komplexität des Bewertungssystems wird durch die Ergänzung von Kriteriengruppen wie der funktionalen und technischen Qualität sowie Prozess- und Standortqualität weiter gesteigert. Dass neben ökologischen und ökonomischen Aspekten als dritte Säule der Nachhaltigkeit soziale Belange berücksichtigt werden sollen, wird vonseiten der BAK dennoch begrüßt. Weiterhin sei noch zu diskutieren, ob die Kriterien richtig gewichtet sind und die Gestaltung ausreichend berücksichtigt ist. Letzteres ließe sich zum Beispiel mit Kriterien wie Planungswettbewerb, Kunst am Bau, Flächeneffizienz, Umnutzungsfähigkeit oder Barrierefreiheit darstellen. Auch das deutsche Baugewerbe sieht Mängel im Verfahren und befürchtet die Wertminderung von Bestandsbauten, die den Kriterien nicht genügen, aber auch immensen zusätzlichen Aufwand für Neubauten. Denn um ein Gütesiegel „Gold“ oder „Silber“ zu erhalten, müssten die derzeitigen Planungs- und Ausführungsstandards deutlich überschritten werden. Die Deutsche Gesellschaft für Mauerwerksbau (DGfM) hat ebenfalls Bedenken. Sie hat ihre Mitgliedschaft in der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V. (DGNB) deshalb auch nach nur vier Monaten beendet. Ihr Fazit: Das Nachhaltigkeitsgütesiegel führt durch seine überhöhten Anforderungen zu einer Explosion der Kosten und behindert damit letztlich das nachhaltige Bauen. Durch die höheren Anforderungen an die Energieeffizienz aufgrund der EnEV sind die Baukosten ohnehin schon gestiegen, auch fehlt bislang eine Kostenanalyse über die Mehrkosten der Zertifizierung. Anlass für den Austritt der Mauerwerker war die Ankündigung der DGNB, dass das Gütesiegel ab 2009 auf alle Gebäudetypen einschließlich Wohn- und Bestandsbauten angewendet werden könne. Ursprünglich hatte das Bundesbauministerium die Zertifizierung auf den Neubau bundeseigener Büro- und Verwaltungsbauten begrenzt. Steiniger Weg In Zukunft sollen sich alle Neubauten von Siemens an den Green-Building-Richtlinien – eine firmeneigene Ini tiative – der Siemens Real Estate orientieren. Das neue Siemens-Bürogebäude in Schanghai wird deshalb auch eines der energieeffizientesten und umweltfreundlichsten Gebäude der Stadt werden. Architekt Schramm: „Wenn überhaupt, können sich das nur große Unternehmen leisten.“ Für kleine Immobilien ist das Verfahren derzeit noch unrentabel. Das Problem sei, dass alle Nachhaltigkeit wollen, aber viele wollen nicht mehr bezahlen. Manche Immobilienmarktexperten prognostizieren, dass in absehbarer Zeit eine Art Erster-Klasse-Markt für grüne Immobilien entstehen könnte. LEED, das amerikanische Green-Building-Label –, einst entstanden in Ermangelung nationaler Standards in den USA und als Marketinginstrument eingesetzt – hat diese Entwicklung maßgeblich mitbestimmt. Nachhaltiges Bauen im Sinne eines umfassenden Klima- und Umweltschutzes bedeutet allerdings mehr. Hier gilt es, ökonomische, ökologische und soziale Belange gleichrangig zu berücksichtigen. Dasdeutsche Gütesiegel soll auf alles eine Antwort geben. Professor Gerd Hauser, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Bau- physik und Mitglied des Vorstandes der DGNB: „Wir wissen, dass auf uns ein ganz erheblicher Aufwand zukommt, um ein Gebäude derart zu kennzeichnen. Aber wir brauchen das, um insbesondere auf dem internationalen Markt aktiv werden zu können – auch um uns gegen LEED durchzusetzen.“ Im amerikanischen Zertifikat sind zum Beispiel ökonomische Aspekte bislang überhaupt nicht verankert. Finanzierende Banken bewerten Energiesparmaßnahmen von jeher nach wirtschaftlichen Maßstäben. Der Nachweis durch Umweltlabels ist für die meisten Finanzinstitute lediglich ein Indiz dafür, dass sich der Bauherr um Qualität bemüht. Im Rahmen der Analyse und Bewertung von Immobilien wird in der Regel ohnehin geprüft, ob die eingesetzte Anlagentechnik auch in Bezug auf die Umweltfreundlichkeit auf dem neuesten Stand ist und die Inves tition sich insgesamt lohnt. Moderne Energietechnik steigertzunächst den Wert. Systeme mit einer kurzen wirtschaftlichen oder technischen Lebensdauer erfordern jedoch eine hohe Wirtschaftlichkeit, da Ersatzinvestitionen kalkuliert werden müssen. Hier schaut ein Banker also genauer hin. „Bei der ganzen Diskussion um die Energieeffizienz sollte man auch die Entsorgung und Recyclingfähigkeit unserer Bauwerke im Auge behalten“, meint Schramm. Die hohen energetischen Anforderungen haben inzwischen dazu geführt, dass fast nur noch Verbundbaustoffe eingesetzt werden. Nachhaltiges Bauen führt allerdings nur dann zum Ziel, wenn den folgenden Generationen kein Sondermüll hinterlassen wird. Fragwürdig scheint derzeit vielen auch die für das deutsche Gütesiegel vorgesehene Messung der soziokulturellen Qualität von Gebäuden. „In der Tat werden wir damit in der Praxis erhebliche Umsetzungsprobleme haben“, bestätigt Professor Hauser. Seiner Meinung nach wird das Gütesiegel vorerst nur für große Objekte von Bedeutung sein. Letztendlich wird der Markt bestimmen, inwieweit sich  grüne Standards durchsetzen werden. Weitere Informationen: Bundesarchitektenkammer:
    • www.bak.de ► Veröffentlichungen ► Stellungnahmen
    Informationsportal Nachhaltiges Bauen des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadt entwicklung: Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V.: Deutsche Gesellschaft für Mauerwerksbau e. V.:

    Koppeln erleichtert

    Soll ein Architekt dem Bauherrn ein Grundstück vermitteln, hat er jetzt größere Chancen auf den anschließenden Planungsauftrag. | Axel Plankemann Verpflichtet sich ein Grundstückskäufer im Zusammenhang mit dem Erwerb, anschließend einen bestimmten Architekten oder Ingenieur zu beauftragen, dann ist er an diese Verpflichtung nicht gebunden. So regelt es Artikel 10 des sogenannten Mietrechtsverbesserungs gesetzes (MRVG – welches gleichzeitig Ermächtigungsgrundlage für die HOAI ist) in § 3 – das sogenannte Koppelungsverbot. Hierzu vertrat auch der Bundesgerichtshof bisher eine harte Linie. Mit Urteil vom 25.9.2008 (VII ZR 174/07) hat er sie zumindest moderat gelockert. Der Leitsatz des Urteils lautet: „Tritt ein Bauwilliger an einen Architekten mit der Bitte heran, ein passendes Grundstück für ein bestimmtes Projekt zu vermitteln, und stellt er ihm gleichzeitig in Aussicht, ihn im Erfolgsfall mit den Architektenleistungen zu beauftragen, ist der in der Folge abgeschlossene Architektenvertrag nicht nach Art. 10 § 3 MRVG unwirksam. Ein Verstoß gegen das Koppelungsverbot liegt auch dann nicht vor, wenn der Architekt zu einem späteren Zeitpunkt die Vermittlung des Grundstücks davon abhängig macht, dass ihm der zuvor in Aussicht gestellte Architektenauftrag erteilt wird (Aufgabe des BGH, Urteil vom 10. April 1975 – VII ZR 254/73, BGHZ 64, 173).“ Der beklagte Bauherr hatte für sein Unternehmen nach einem geeigneten Baugrundstück gesucht. Dabei kam es auch zu Gesprächen mit dem klagenden Architekten, der ein geeignetes Grundstück ermittelte. Dieser führte in der Folgezeit Gespräche mit dem Grundstückseigentümer. Später beauftragte der Bauherr den Kläger mit einem umfassenden Architektenvertrag. Es wurde ein notarieller Kaufvertrag über das Grundstück geschlossen. Nachdem es wegen der Finanzierung zu Schwierigkeiten gekommen war, kündigte der Beklagte den Architektenvertrag und nahm von seiner Bauabsicht Abstand. Daraufhin klagte der Architekt sein (Kündigungs-)Honorar ein. Der BGH räumt in seinem Urteil ein, dass nach seiner bisherigen Rechtsprechung der vorliegende Architektenvertrag als nichtig zu beurteilen gewesen wäre. An seinem weiten Verständnis des Koppelungsverbotes hält das Gericht mit seiner neuen Entscheidung aber nicht mehr „uneingeschränkt“ fest. Bei verfassungskonformer Auslegung sei die Nichtigkeitsfolge des Koppelungsverbotes jedenfalls dann nicht mehr anzunehmen, wenn der Grundstückserwerber selbst den Architekten vorab veranlasst, ihm ein entsprechendes Grundstück aufzufinden, und gleichzeitig auch die Beauftragung mit Architektenleistungen – von sich aus – in Aussicht gestellt habe. Eine solche Konstellation ist nach Auffassung des Gerichtes vom Gesetzeszweck nicht erfasst, weil sie die Architektenauswahl vor dem Hintergrund des beabsichtigten Grundstückskaufs nicht einschränkt. Vielmehr hat die Auswahl des Architekten durch den Bauherrn bereits zuvor stattgefunden, sodass sie nicht durch den späteren Umstand des Grundstücksgeschäftes beeinflusst werden konnte. Der Wettbewerb sei nicht beeinträchtigt, da der Erwerber den Architekten aufgrund seiner freien Entscheidung, die er bereits im Rahmen der Grundstückssuche getroffen hatte, beauftragte. Macht der Architekt dann zu einem späteren Zeitpunkt die Vermittlung des von ihm gefundenen Grundstücks davon abhängig, dass ihm tatsächlich der zuvor in Aussicht gestellte Architektenauftrag erteilt wird, so müsse dieser Architektenvertrag wirksam bleiben. Der zuständige VII. Senat hat den Fall zur weiteren Aufklärung an das Berufungsgericht zurücküberwiesen, damit dort die genauen tatsächlichen Umstände der streitigen Vertragsbeziehungen geklärt werden können. Dieses Berufungsgericht in der Vorinstanz hatte die Revision des klagenden Architekten zur Klärung der Frage zugelassen, ob Artikel 10 § 3 MRVG verfassungsgemäß sei. Insbesondere in der Rechtsliteratur waren wiederholt verfassungsrechtliche Bedenken geäußert worden. Die bei Erlass des Gesetzes 1971 angeführten Gründe seien nicht mehr aktuell: die Gefährdung des Wettbewerbs durch Manipulationen, die zu einer monopolartigen Stellung von Architekten führen könnten, die Grundstücke an der Hand haben. Vielmehr verzerre die Regelung heute selbst den Wettbewerb zwischen Architekten und zum Beispiel vom Koppelungsverbot nicht erfassten Bauträgern und verstoße damit gegen Artikel 3 und 12 des Grundgesetzes. Eine Auseinandersetzung mit dieser grundsätzlichen Frage hat der BGH dadurch vermieden, dass er sein bisheriges „weites Verständnis“ des Koppelungsverbotes nicht aufrechterhält und seine eigene Rechtsprechung insoweit korrigiert. Axel Plankemann ist Rechtsanwalt in Hannover.

    Grenzen der Nutzung

    Starker Nachbarschutz im Bebauungsplangebiet Die Festsetzung von Baugebieten durch einen Bebauungsplan hat nachbarschützenden Charakter zugunsten derGrundstückseigentümer in dem jeweiligen Baugebiet. Das heißt,der Grundstückseigentümer kann sich gegen die Zulassung einer gebietswidrigen Nutzung wehren, und zwar selbst dann, wenn er durch sie selbst nicht unzumutbar beeinträchtigt wird. Dieser bauplanungsrechtliche Nachbarschutz beruht auf dem Gedanken des wechselseitigen Austauschverhältnisses. Das Bundesverwaltungsgericht hat in dem angegebenen Beschluss betont, dass ein gebietsübergreifender Schutz des Nachbarn vor (behaupteten) gebietsfremden Nutzungen im lediglich angrenzenden Plangebiet unabhängig von konkreten Beeinträchtigungen grundsätzlich nicht besteht. In einem solchen Fall bestimmt sich der Nachbarschutz nur nach dem in § 15 Abs. 1 Satz 2 Baunutzungsverordnung (BauNVO) enthaltenen Gebot der Rücksichtnahme. Dabei kommt es – anders als bei Grundstücken im selben Baugebiet – auf die konkreten örtlichen Verhältnisse und die Frage an, was dem Betroffenen an Hinnahme noch zuzumuten ist und was nicht. Bundesverwaltungsgericht, Beschluss vom 18. Dezember 2007, Az.: 4 B 55/07) Wohnlofts im Gewerbegebiet unzulässig Die Errichtung von sogenannten „Lofts“ kann bauplanungsrechtlich problematisch sein. Soll ein Lager- oder Industrieraum in eine – reine – Wohnung umgewandelt werden und ist in dem fraglichen Gebiet Wohnen zulässig, ist das planungsrechtlich unbedenklich. Wenn aber, wie in dem vom Gericht entschiedenen Fall, in einem Gewerbegebiet „Wohnen und Arbeiten unter einem Dach“ geplant ist – in den Bauzeichnungen zu dem Vorhaben waren als künftige Nutzer „Komponist“, „Bildhauer“, „Tontechniker“ und „Grafiker/Webdesigner“ beispielhaft aufgeführt –, sindNutzungskonflikte zu befürchten. Diese Nutzungsart kann auf der einen Seite eine Nutzung für die Berufsausübung freiberuflich Tätiger odersolcher Gewerbetreibender, die ihren Beruf in ähnlicher Art ausüben (§ 13 BauNVO), sein, ist auf der anderen Seite aber auch Wohnen. Hier handelte es sich um ein Vorhaben, das das gesamte Obergeschoss eines großen, zudem zentral im Gebiet gelegenen Fabrikgebäudes mit einer Grundfläche von knapp 800 Quadratmetern einnehmen sollte. Das Gericht entschied, dass das Vorhaben nach seinem Umfang und nach seiner Zweckbestimmung der Eigenart eines Gewerbe gebietes, das derUnterbringung von nicht erheblich belästigenden Betrieben dient, widerspreche. Die „Lofts“ seien nämlich für „wohnartige“ und damit typischerweise störempfindliche freiberufliche bzw. freiberufsähnliche Tätigkeiten bestimmt. Auch lege die Tatsache, dass nicht nur „unter einem Dach“, sondern in einem großen Raum gewohnt und gearbeitet werden solle, die Annahme nahe, dass die Einheiten vorwiegend für „wohnartige“ Tätigkeiten bestimmt seien; denn in einem Raum, in dem das Wohnen störende Arbeiten ausgeführt würden, könne nicht auf Dauer gewohnt werden. Die Baugenehmigung enthalte keine Regelung, die die Variationsbreite der genehmigten freiberuflichen bzw. freiberufsähnlichenNutzung einschränke. Das Gericht führte allerdings ergänzend aus, dass ein Vorhaben für freiberufliches Wohnen und Arbeiten „unter einem Dach“ im Einzelfall wohl auch in einem Gewerbegebiet zulässig sein könne, wenn anhand der konkreten Situation zu erkennen sei, dass Konflikte mit den gewerbegebietstypischen Nutzungen nicht zu befürchten seien. Auf die Klage der benachbarten Firma, die auf einem gleichfalls zu dem Fabrikgelände gehörenden Grundstück ein Wasserkraftwerk betrieb und für die Zukunft Beschränkungen in der Möglichkeit der Ausübung des Gewerbes befürchtete, hob das Gericht die Baugenehmigung auf. Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Urteil vom 2. Januar 2008, Az.: 1 BV 04.2737 Kein Dialysezentrum im allgemeinen Wohngebiet In der Baunutzungsverordnung ist durch die typisierende Zuordnung vonNutzungen zu den näher bezeichneten Baugebieten (reines Wohngebiet, allgemeines Wohngebiet, Gewerbegebiet …) ein Ausgleich zwischen den oft vielfältigen Ansprüchen an die Bodennutzung unternommen worden, indem den Gebieten bestimmte Nutzungen allgemein zugewiesen wurden und solche, die nur ausnahmsweise zugelassen werden können. In dem entschiedenen Fall ging es um den Abwehranspruch gegen die Zulassung eines Dialysezentrums mit 18 Behandlungsplätzen und 17 Kfz-Stellplätzen in einem allgemeinen Wohngebiet. Das Bundesverwaltungsgericht – wie die Vorinstanzen – gab dem Nachbarn, der das Vorhaben für gebietsunverträglich hielt und die Genehmigung deshalb als rechtswidrig angesehen hatte, Recht. Zwar handle es sich um eine Anlage zur freiberuflichen Berufsausübung und um eine Anlage für gesundheitliche Zwecke, die nach den §§ 13 und 4 BauNVO in allgemeinen Wohngebieten grundsätzlich zulässig sind; jedoch steht die Zulässigkeit jeder Nutzungtrotz der typisierenden Zuordnung unter dem Vorbehalt derGebietsverträglichkeit. Sie hängt insbesondere von derImmissionsverträglichkeit des jeweiligen Gebiets ab und kann nach Größe, betrieblicher Ausrichtung und räumlichem Einzugsbereich von sehr unterschiedlicher Art sein. Gegenstand der Betrachtung sind die Auswirkungen, die typischerweise von einem Vorhaben der beabsichtigten Art ausgehen. Entscheidend sei nicht, ob die mit der Nutzungverbundenen Lärmwerte eingehalten werden. Auf die kon krete Bebauung in der Nachbarschaft komme es nicht an, sondern nur auf den Gebiets- charakter. Bundesverwaltungsgericht, Beschlüsse vom 28. Februar 2008, Az.: 4 B 60/07, 4 B 61/07, 4 B 62/07 Betriebsleiterwohnung nur zulässig, solange der Betrieb existiert Wohnungen für Aufsichts- und Bereitschaftspersonen sowie für Betriebsinhaber und Betriebsleiter, die dem Gewerbebetrieb zugeordnet und ihm gegenüber in Grundfläche und Baumasse untergeordnet sind, können in faktischen und geplanten Gewerbegebieten und Industriegebieten ausnahmsweise zugelassen werden; allerdings kann in einem Bebauungsplan auch festgesetzt werden kann, dass solche Ausnahmen generell nicht zugelassen werden sollen oder – umgekehrt – solche Nutzungen nicht nur ausnahmsweise, sondern generell zulässig sein sollen. Ist eine solche Genehmigung einmal erteilt worden, wird sie gegenstandslos und damit ungültig, wenn die zugelassene Nutzungendgültig aufgegeben wird. Mit der in dem entschiedenen Fall festgestellten endgültigen Aufgabe des Betriebs, zu dem die Betriebswohnungen gehörten und genehmigt worden waren, verloren die Wohnungen ihre Existenzberechtigung. Da die ausnahmsweise Zulässigkeit einer Betriebswohnung nur in Bezug auf den konkreten Betrieb, dem sie zugeordnet werden sollte, gesehen werden kann – sie knüpft unter anderem an die Größe und die Struktur eines bestimmten Betriebs an –, stellt sich, wenn sie einem anderen Betrieb dienen soll, die Frage derZuordnung und der weiteren gesetzlichen Voraussetzungen neu. Deshalb liegt bei einer Nutzung als Betriebsleiterwohnung für einen anderen Betrieb eine planungsrechtliche Nutzungsänderung vor. Erst recht gilt das für den Fall, dass ein allgemeines Wohnen ausgeübt wird. Die allgemeine Wohnnutzung begründet in einem Gewerbegebiet und insbesondere in einem Industriegebiet bodenrechtlich beachtliche Spannungen, weil sie schädlichen Umwelteinwirkungen ausgesetzt wäre oder künftig werden könnte. Demgegenüber setzt der Gesetzgeber voraus, dass Aufsichts- und Bereitschaftspersonal sowie Betriebsinhaber und -leiter, die aus betrieblichen Gründen in unmittelbarer Nähe zum Betrieb wohnen, ein höheres Maß an Störungen für das Wohnen hinnehmen müssen, als dies für die allgemeine Wohnnutzung gilt. Oberverwaltungsgericht für NRW, Beschluss vom 17. März 2008, Az.: 8 A 929/07 B-Plan bindend, auch wenn die Realität abweicht Ein Bebauungsplan wird als Satzung erlassen, ist also eine Rechtsnorm, die sowohl die Baugenehmigungsbehörden als auch die Bauwilligen bindet. Leidet er nicht an einem zur Unwirksamkeit führenden Mangel, sind seine Festsetzungen zu beachten. Ausnahmsweise und in äußerst seltenen Fällen sind aber Bebauungspläne oder einzelne Festsetzungen in ihnen nicht bindend, weil sie funktionslos geworden sind. Das ist der Fall, wenn die Verhältnisse, auf die sie sich beziehen, ihre Verwirklichung auf unabsehbare Zeit ausschließen und diese Tatsache so offensichtlich ist, dass ein in ihre Fortgeltung gesetztes Vertrauen keinen Schutz verdient. Wenn die tatsächlichen Verhältnisse so massiv und so offenkundig vom Planinhalt abweichen, dass der Bebauungsplan insoweit seine städtebauliche Gestaltungsfunktion unmöglich erfüllen kann, kann derPlan oder eine einzelne Festsetzung funktionslos sein. In dem vom Gericht entschiedenen Fall hatte der Bauherr in einem Gewerbegebiet eine Wohnnutzung zur Genehmigung gestellt und darauf verwiesen, dass bereits eine private Wohnnutzung vorzufinden sei und einige Gewerbeimmobilien leer stünden. Selbst wenn, was der Bauherr vorgetragen hatte, die Behörde den Wechsel von einem Gewerbegebiet zu einem Mischgebiet faktisch dulde, verliere dadurch die Festsetzung nicht ihre bindende Kraft, sondern sei zu beachten. Oberverwaltungsgericht für NRW, Beschluss vom 2. April 2008, Az.: 7 B 251/08 Ferienapartments sind keine Wohnnutzung In dem entschiedenen Fall hatte der Plan geber für ein Sondergebiet mitder Zweckbestimmung „hafenbezogenes Wohnen“ als Nutzungsart „Wohnen“ festgesetzt. Da eine benachbarte Grundstückseigentümerin ein bauaufsichtliches Einschreiten gegen eine laufende Nutzung eines Wohnhauses zu Ferienzwecken verlangt hatte, was die Behörde abgelehnt hatte, musste das Gericht sich mit dem Begriff des Wohnens auseinandersetzen. Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ist dieser Begriff durch eine auf Dauer angelegte Häuslichkeit, Eigengestaltung der Haushaltsführung und des häuslichen Wirkungskreises sowie Freiwilligkeit des Aufenthalts gekennzeichnet. Die Definition soll den Bereich des Wohnens als Bestandteil der privaten Lebensgestaltung kennzeichnen und meint dieNutzungsform des selbstbestimmt geführten privaten Lebens „in den eigenen vier Wänden“. Darunter fielen, so das Oberverwaltungsgericht, Ferienwohnungen nicht, weil es bei ihnen jedenfalls typischerweise an derauf Dauer angelegten Häuslichkeit fehle. Daran ändere im vorliegenden Fall auch der Umstand nichts, dass ein Sondergebiet gerade für „hafenbezogenes“ Wohnen festgesetzt worden sei. Das modifiziere nicht den Begriff des Wohnens, sondern stelle nur den Bezug zu den typischen Lebensverhältnissen an einem Hafen her, insbesondere zu seiner Geräuschkulisse, die sich meist nicht in die für Wohngebiete geltenden Lärmrichtwerte einpassen lasse. In der Entscheidung ließ das Gericht die Berufung gegen das erstinstanzliche Urteil zu, weil im Berufungsverfahrender Frage nachgegangen werden müsse, zu welchen tatsächlichen Beeinträchtigungen die baugebietswidrige Nutzung führe. Denn anders als bei einer Klage gegen eine einem Dritten erteilte Baugenehmigung komme es bei einem Antrag auf bauaufsichtliches Einschreiten gegen baurechtswidrige Zustände in der Nachbarschaft darauf an, ob und inwieweit ein Einschreiten unter dem Gesichtspunkt des Ermessens zu rechtfertigen sei. Niedersächsisches Oberverwaltungsgericht, Beschluss vom 18. Juli 2008, Az.: 1 LA 203/07 Bau-, Schutz- und Toleranzgrenzen Auch zu Baugrenzen, zum Bestandsschutz, zum Klagerecht von Gemeinden und zu Biogasanlagen gibt es neue Urteile. Baugrenze darf Geschossfläche limitieren Das Gericht hatte die Frage zu entscheiden, ob ein Bebauungsplan deshalb ungültig war, weil die darin festgesetzte Grundflächenzahl von 0,5 auch bei vollständiger Ausnutzung der auf dem Baugrundstück vorhandenen überbaubaren Grundstücksgrenze nicht annähernd erreicht werden konnte. Der Bebauungsplan sah nämlich an der zum See gewandten Seite des Grundstücks eine Baugrenze und die Festsetzung einer privaten Grünfläche vor. Ohne Einbeziehung der privaten Grünfläche ergebe sich, so die Bauherrin, eine bauliche Ausnutzbarkeit des Grundstücks von maximal 44 Prozent, unter deren Einbeziehung sogar nur von 39 Prozent. Unter Bestätigung der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts für das Land Schleswig-Holstein betonte das Bundesverwaltungsgericht, dass Baugrenzen in einem Bebauungsplan nicht so festgesetzt werden müssten, dass sie dem Grundeigentümer die volle Ausschöpfung der festgesetzten Grundflächenzahl ermöglichen. Da die Festsetzung des Maßes der baulichen Nutzung und die Festsetzung derüberbaubaren Grundstücksfläche durch Baugrenzen unterschiedlichen städtebaulichen Zwecken dienten, besitze jede dieser Festsetzungen einen eigenständigen Regelungsinhalt, der nur im Rahmen der jeweils anderen Festsetzung verwirklicht werden könne. Bundesverwaltungsgericht, Beschluss vom 19. Dezember 2007, Az.: 4 BN 53/07 Keine großen Carports außerhalb der faktischen Baugrenze Soll ein Carport in einem nicht beplanten, aber im Zusammenhang bebauten Ortsteil straßennah errichtet werden, ist dieses Vorhaben nur dann zulässig, wenn es sich unter anderem nach dem Merkmal „Grundstücksfläche, die überbaut werden soll“ in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt. In dem entschiedenen Fall war er unter dem genannten Gesichtspunkt ohne Vorbild; denn in der Umgebung fanden sich Freiräume von zumeist um fünf Meter, während der geplante Carport erstmals unmittelbar an die Straßenbegrenzungslinie heranrückte und damit die faktische vordere Baugrenze überschritt. Deshalb ging das Gericht entsprechend der ständigen Rechtsprechung der Frage nach, ob das Vorhaben trotz Überschreitung des aus der näheren Umgebung abzuleitenden Rahmens keine bodenrechtlichen Spannungen verursachte. Dann könnte es nämlich dennoch genehmigungsfähig sein. Das Gericht wies darauf hin, dass immerhin zu berücksichtigen sei, dass es sich bei einem Carport, bezogen auf die Hauptnutzung des Grundstücks durch ein Wohnhaus, um eine Nebenanlage handele, die nach Landesrecht in den Abstandsflächen zulässig sei oder zugelassen werden könnte und außerhalb der durch (faktische) Baugrenzen markierten überbaubaren Grundstücksflächen nicht generell unzulässig sei. Die materiellen Maßstäbe des einschlägigen § 23 Abs. 5 BauNVO, nach denen bei derErmessensentscheidung vor allem die städtebaulichen Folgen einer Zulassung von Nebenanlagen außerhalb der überbaubaren Grundstücksfläche zu beachten seien, seien auch bei der Prüfung derbodenrechtlichen Spannung von Bedeutung. Da hier mit der Zulassung von Carports erstmals von ihren äußeren Umgrenzungen her voluminöse bauliche Anlagen entstünden, die etwa bis zur Höhe eines Geschosses praktisch die gesamte Tiefe des Freiraums von der Gebäudefront bis zur Straßenbegrenzungslinie einnähmen, hätte die Anlage nach Wertung des Gerichts eine bislang nicht gegebene Beeinträchtigungsqualität; die Ablehnung des Bauantrags war rechtmäßig. Oberverwaltungsgericht für NRW, Urteil vom 19. Juni 2008, Az.: 7 A 2053/07 Bei Planänderung muss die Gemeinde einbezogen werden Nach § 36 BauGB wird über die Zulässigkeit von Vorhaben nach den §§ 31, 33 bis 35 BauGB im bauaufsichtlichen Verfahren von derBaugenehmigungsbehörde im Einvernehmen mit der Gemeinde entschieden. Diese Norm gewährleistet das gemeindliche Selbstverwaltungsrecht. Hat die Gemeinde im Rahmen ihrer Beteiligung ihr Einverständnis mit dem Vorhaben erklärt oder gilt es als erteilt (§ 36 Abs. 2 Satz 1 BauGB), dann hat das nur für dieses Vorhaben Bedeutung. Wird das Vorhaben später in einem planungsrechtlich relevanten Umfang geändert – das war hier nach Ansicht des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen wegen einer Verschiebung des Standortes zweier Windkraftanlagen der Fall –, bezieht sich das Einvernehmen nicht hierauf. Das Bundesverwaltungsgericht hat das Recht der Gemeinde bekräftigt, in einem solchen Fall die Genehmigung im Klageweg anzufechten. Bei seiner Entscheidung prüfte das Gericht mangels Entscheidungsrelevanz nicht, ob der Bauherr einen materiellen Anspruch auf die beantragte Genehmigung besaß, sondern allein, ob die klagende Gemeinde in ihrer Planungshoheit verletzt war, was hier auch nach Ansicht des Bundesverwaltungsgerichts gegeben war. Bundesverwaltungsgericht, Beschluss vom 11. August 2008, Az.: 4 B 25.08 Gebäudeveränderung gefährdet Bestandsschutz Soll ein im Außenbereich gelegenes Wohngebäude um eine Wohnung erweitert werden (§ 35 Abs. 4 Satz 1 Nr. 5 BauGB), ist deren Genehmigungsfähigkeit unter anderem davon abhängig, dass das existierende Gebäude „zulässigerweise errichtet worden“ ist. Das ist derFall, wenn es genehmigt ist oder – so die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts – zwar nicht genehmigt worden ist, aber während eines nicht unerheblichen Zeitraumes bestanden hat und hätte genehmigt werden können, damit formell legal ist; könnte es heute nicht (mehr) genehmigt werden, ist es bestandsgeschützt. Trotz einer früher einmal erteilten Genehmigung zur Errichtung und Nutzung des Wohngebäudes ist das Merkmal indes nicht erfüllt, wenn es durch an ihm vorgenommene Baumaßnahmen nachträglich so verändert worden ist, dass es sich gegenüber dem früheren Zustand als etwas anderes, als ein „Aliud“ darstellt. Auch eine vom Bauherrn bereits vorgenommene oder auch nur angebotene Wiederherstellung des seinerzeit genehmigten Zustandes lässt den Bestandsschutz nicht wieder aufleben. Die Möglichkeit, den sogenannten überwirkenden Bestandsschutz in Anspruch zu nehmen, hat er unumkehrbar verloren. Gleiches gilt im Übrigen für die anderen in § 35 Abs. 4 Satz 1 BauGB genannten Fälle, die eine zulässigerweise erfolgte Errichtung voraussetzen. Oberverwaltungsgericht für NRW, Beschluss vom 11. März 2008, Az.: 7 A 3348/07 Biogasanlagen als privilegierte Vorhaben Die Privilegierung des Betriebs einer Biogasanlage im Außenbereich setzt nach § 35 Abs. 1 Nr. 6 BauGB voraus, dass es um die energetischeNutzung von Biomasse „im Rahmen“ (etwa) eines landwirtschaftlichen Betriebes geht. Das Gericht hatte die Frage zu entscheiden, ob diese Voraussetzung auch dann erfüllt ist, wenn der Bauherr die gesamte landwirtschaftliche Erzeugung seines Betriebes als Biomasse der geplanten Anlage zuführen will. Während die Vorinstanz dies verneint hatte, weil es an einem „landwirtschaftlichen Basisbetrieb“ fehle, entschied das Gericht, dass die Biogasanlage sich nicht im Sinne eines „Dienens“ derlandwirtschaftlichen Betätigung unterordnen müsse. Das Ziel, keine „Biogasfabriken“ im Außenbereich entstehen zu lassen, habe derGesetzgeber nicht unter Rückgriff auf das Kriterium der Unterordnung verfolgt, sondern durch die Beschränkung der elektrischen Maximalleistung sowie durch das Kriterium, dass die Biogasanlage in einem räumlich-funktionalen Zusammenhang mit dem landwirtschaftlichen Betrieb stehen müsse. Allerdings ist ein derartiges Vorhaben nur zulässig, wenn die Biomasse überwiegend aus dem Betrieb, in dem die Biogasanlage errichtet werden soll, oder überwiegend aus diesem und aus nahe gelegenen landwirtschaftlichen Betrieben stammt. Nach Ansicht des Gerichts ist eine Prognose anzustellen, ob die Erfüllung dieser Voraussetzung anzunehmen ist. An diese Prognose dürfen keine überzogenen Anforderungen gestellt werden. Oberverwaltungsgericht für das Land Rheinland-Pfalz, Urteil vom 22. November 2007, Az.: 1 A 10253/07

    Mehr drin, als draufsteht

    AVA-Software erleichtert nicht nur Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung. | Gesine Liskien-Penning Sie sind wahre Pioniere der Bau-IT. Die ersten Systeme für die Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung von Bauleistungen (AVA) kamen bereits in den Siebzigerjahren auf den Markt, als an PCs, grafische Benutzeroberflächen und Internet noch nicht zu denken war. Dieser langen Marktpräsenz ist es zu verdanken, dass AVA-Systeme heute in puncto Leis tung und Handhabung ausgereift sind: In mehr als dreißig Jahren war genug Zeit, alle mehr oder weniger notwendigen Funktionen zu integrieren, die die Abwicklung von Bauleistungen erleichtern. Die gut 40 Lösungen, die in Deutschland rund um das Thema AVA zu haben sind, setzen ganz unterschiedliche Schwerpunkte. So verstehen sich einige Systeme hauptsächlich als reine Ausschreibungspakete, die genau das anbieten, was die Bezeichnung verspricht. Andere haben sich die Integration in den alphanumerischen und grafischen Planungsprozess auf die Fahnen geschrieben, teils durch die Kopplung mit CAD, teils durch die Verbindung mit Kostenplanung und Projektmanagement. So unterschiedlich wie das Leistungsspektrum ist auch das Preisniveau: Es variiert ja nach System und Lizenzart zwischen rund 400 und 3 000 Euro. Schnell und wirtschaftlich Die Leistungsphasen 6 bis 8 der HOAI sind die Hauptaufgabe der AVA-Systeme. Sie unter stützen den Planer dabei, vollständige, eindeutige, rechtssichere und technisch aktuelle Leis tungsverzeichnisse (LVs) möglichst schnell und wirtschaftlich zu erstellen. Außerdem erleichtern sie die Angebotsprüfung, das Erstellen von Preisspiegeln und unterstützen die Abrechnung und Vergabe. Darüber hinaus beinhalten viele Systeme Mengenberechnungs- und Büromanagementfunktionen. Zum Umfang gehören weiterhin Schnittstellen wie GAEB für den Austausch von LVs zu kommerziellen Textanbietern sowie zu Excel und Word. In puncto Handhabung und Oberfläche orientieren sich AVA-Systeme am Standard, den Microsoft mit seinen Office-Programmen gesetzt hat. Hierarchische Strukturen in Explorer-Manier und intelligente, grafische Oberflächen mit Kontextmenüs und Assistenten sorgen dafür, dass sich auch weniger versierte Nutzer darin zurechtfinden. Das Erstellen von Leistungsverzeichnissen wird durch die Drag-and-Drop-Funktionalität erleichtert, mit deren Hilfe sich Ausschreibungstexte schnell integrieren und nach Belieben verschieben lassen. Ausschreibungstexte bilden das Herz der AVA, da sie das LV mit Inhalt füllen. Dabei können eigene Stammkataloge verwendet werden, aber auch Texte und Baupreise von Anbietern wie StLB Bau/Dynamische Baudaten, Heinze BauOffice oder sirAdos – bei Bedarf auch online. Der Vorteil: Die Texte sind aktuell und berücksichtigen alle Änderungen baurelevanter Normen und Vorschriften. Der Planer muss sich nicht mehr selbst um die Aktualisierung kümmern. Er erhält vollständige und rechtssichere Texte und ist so weitgehend vor kostspieligen Nachträgen geschützt. Vergabe auch online Anbindungsmöglichkeiten an das Internet betreffen neben der Suche nach Leistungsverzeichnistexten oder -preisen auch Vergabeplattformen, über die Ausschreibungen und die Auftragsvergabe elektronisch abgewickelt werden können – ein Weg, mit dem sich immense Papierberge vermeiden und damit Zeit und Kosten einsparen lassen. Noch scheuen manche Architekten die Internetoptionen, wie Achim Warkotsch von G & W Software feststellt: „Viele fürchten, dass das, was in einer Onlineausschreibung oder in einem Online angebot herausgegeben wird, nicht identisch ist mit dem, was man abgeben wollte.“ Erik von Stebut von der RIB Software AG hat die Erfahrung gemacht, dass viele Planungsbüros bereits intensiv mit den Vergabeplattformen der Bundesländer Berlin und Bayern oder der Städte Wuppertal und Stuttgart arbeiten, bei denen der gesamte Vergabeprozess online abgewickelt wird. „Die Planer, die Auftraggeber und die Handwerker“, so von Stebut, „wollen diese Lösungen dann auch nicht mehr missen.“ LV auf Knopfdruck? Leistungsbeschreibung und Menge ergeben zusammen das LV. Wie aber kommt der Planer möglichst schnell und einfach an Flächen und Massen? Seitdem es CAD-Systeme gibt, besteht der Wunsch nach einer Ausschreibung auf Knopfdruck – schließlich sind in ihnen die Mengen bereits enthalten; warum also nicht Flächen und Massen automatisch ermitteln und an die AVA übergeben? Ganz so einfach ist das nicht, denn bei Weitem nicht alles, was für eine Mengenermittlung benötigt wird, konstruieren Architekten tatsächlich im CAD-System. Außerdem planen viele noch, während bereits die Ausschreibung beginnt, und selbst später ist die Planung ständigen Änderungen unterworfen. Nacharbeit ist auch dann weiter erforderlich, wenn Architekten Mengen aus dem CAD-System in die Ausschreibung automatisch übernehmen, etwa nach der Elementmethode mithilfe von vorgefertigten Kostenelementen. Auf Standardbauwerke, sagt Wolfgang Reinecke von RIB, seien Kostenelemente recht gut anwendbar, problematisch werde es aber, wenn es um ganz individuelle Bauten gehe: „In der Zeit, die der Planer dafür braucht, eigene Kostenelemente zu erstellen, hat er eigentlich auch schon das individuelle LV erstellt und direkt mit Mengen aus den Plänen versehen.“ Neuer Aufschwung durch BIM Mit dem Building Information Modeling, kurz BIM, hat die Kopplung von CAD und AVA neuen Aufschwung erfahren. Es bezeichnet die durchgängige Verwendung intelligenter Gebäudedaten über den gesamten Planungs-, Bau- und Nutzungsprozess hinweg. Ein virtuelles Gebäude im Rechner enthält dabei neben den geometrischen Daten auch sämtliche Eigenschaften wie Bauteilinformation, Mengen, Kosten und Zeit (lesen Sie dazu auch DAB 01/2009). So stehen im digitalen Gebäudemodell letztendlich auch alle Daten für AVA und Kostenplanung zur Verfügung und lassen sich per Knopfdruck übergeben – eine Verbindung, für die es mittlerweile einige Lösungsansätze gibt. Neben der Kopplung mit CAD spielt die Einbettung der AVA in Kostenplanung und Projektmanagement eine herausragende Rolle. Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung mit Kostenschätzung, -anschlag und -feststellung sind nur eine punktuelle Sicht auf die Baukosten, während der Bedarf an wirtschaftlichen Informationen über die gesamte Bauzeit hinweg und später noch besteht. Letztendlich wollen Planer und Bauherr zu jeder Zeit wissen, wie der Stand in puncto Baukosten ist – vor und nach der Ausschreibung und Vergabe. „In den meisten deutschen Planungsbüros erfolgt die Kostenplanung immer noch mit Excel“, sagt Warkotsch, „losgelöst davon die Ausschreibung und Vergabe am AVA-System, während die Abrechnung schließlich wieder mit Excel bearbeitet wird.“ Nicht selten kommt es dann in der Ausschreibung und Vergabe zu bösen Überraschungen, weil die realen Preise der Baufirmen ganz anders ausfallen als die Annahmen des Architekten. Einige AVA-Hersteller legen daher ihr Augenmerk auf die Dokumentation der Kosten in allen Projektstadien. Damit ermöglichen sie es dem Architekten, über den gesamten Projektverlauf hinweg für die Einhaltung von Budgetvorgaben zu sorgen, und bieten so weit mehr, alsdas Kürzel AVA verheißt. Gesine Liskien-Penning ist Diplom-Ingenieurin der Architektur und freie Fachredakteurin in Heidelberg   Breit gefächert Das Leistungsspektrum von AVA-Systemen reicht von einfachen Ausschreibungspaketen bis hin zu umfassenden Managementlösungen. Die Kosten fallen so sehr unterschiedlich aus. Allplan BCM 2008 (Nemetschek) Das Programm steht für Building Cost Management und somit, laut Nemetschek, für transparente Baukostenplanung sowie AVA. Mit ihm sollen sich Leistungsverzeichnisse einfach erstellen lassen. Analytische Preisvergleiche helfen, die richtige Entscheidung in der Vergabe zu treffen. Planer können bereits in einer frühen Projektphase Kosten genau ermitteln und bis hin zur Abrechnung verfolgen und analysieren. Zusammen mit Allplan BIM Architektur und Allplan IBD bildet Allplan BCM die Basis für eine Mengen- und Kostenermittlung auf Basis eines Gebäudemodells, kurz: Design2Cost. Allplan BCM ist über autorisierte Händler erhältlich und kostet ab 1 495 Euro. ARRIBA planen (RIB) Mit der Version 12.4 bietet die RIB Software AG, Anbieter von Projektmanagement-Softwarelösungen für alle Bauprozesse in Planung und Ausführung, eine Software für AVA, Kostenmanagement und Projektsteuerung. Zugeschnitten auf die Anforderungen von Architekten, Ingenieuren, Fertigungsindustrie und öffentlicher Hand unterstützt ARRIBA planen Projekt- und Nachunternehmersteuerung branchenübergreifend. Die Software ist als Vollversion zum Preis von 2 700 Euro und als ARRIBA planen KOMPAKT für 1 900 Euro erhältlich. ASBwin – AVA 10.0 (Heitker) Das Angebot von Heitker ist ein umfassendes AVA-System, das den Fokus auf leichte Bedienbarkeit und eine selbsterklärende Oberfläche legt. Das Programm lässt sich ohne Schulungen und in vielen Fällen ohne Handbuchstudium intuitiv bedienen, verfügt dennoch über alle Funktionen und Schnittstellen eines ausgereiften AVA-Systems. Auf der Homepage des Herstellers findet sich eine Liste mit Referenzen und Kundenmeinungen. ASBwin – AVA ist ab 400 Euro (SBE-Version) erhältlich. AVANTI (Softtech) Das AVA-System von Softtech wird in allen Fachbereichen eingesetzt und bietet nach Herstellerangaben eine strukturierte Benutzeroberfläche sowie einen reibungslosen Datenaustausch. Neu ist eine PIN-Funktion, die bei der Verwaltung von Notizen und To-do-Listen hilft. Um noch tiefer in die Preisanalyse einzusteigen, können Einheitspreisanteile aus StLB-DBD Baupreise EFB direkt übernommen werden. Für eine optimierte Terminplanung ist das LV über eine Schnittstelle an die Terminplanungssoftware ProPlan und MS Project angebunden. Ein Einstiegs assistent bietet bereits beim Programmstart eine schnelle Orientierung. AVANTI pro 15 kostet in der Erstlizenz 3 300 Euro, als Basis­lösung für kleine Büros ist es für 950 Euro zu haben. Der Preis für jede weitere Lizenz reduziert sich auf die Hälfte. BUILDUP ava (Bauer Software) Das Programm von Bauer Software ist eine durchgängige Lösung für die Planung und Abrechnung von Bauleistungen. Es zeichnet sich durch eine hohe Bedienungsfreundlichkeit aus und ist dank der Office2007-Oberfläche intuitiv bedienbar. Mehr Sicherheit bietet eine Undo-Funktion. Die aktuell zertifizierte GAEB-DA-XML-Schnittstelle, sowie alle weiteren sollen einen zuverlässigen Datenaustausch gewährleisten. Weitere Funktionen sind eine Änderungshistorie, die dokumentiert, wer, wann, wo eine Modifikation vorgenommen hat. Zudem kann in der Bieterauswahl auf eine Statistik zurückgegriffen werden, die zeigt, wie oft der Bieter zur Angebotsabgabe aufgefordert wurde, ein Angebot abgegeben und einen Zuschlag erhalten hat. CALIFORNIA 3000 (G&W) Das AVA- und Kostenkontrollsystem der Münchener G&W Software Entwicklung GmbH richtet sich an Architekten, die planen, ausschreiben und Baumaßnahmen aller Art überwachen. Es bietet eine Optimierung des gesamten Planungs- und Ausführungsprozesses sowie Kostenoptimierung bei Bau- und Unterhaltsmaßnahmen. Das System ist modular aufgebaut und passt sich jeder Bürostruktur und Aufgabenstellung an, wahlweise als Business-Edition, Small-Business-Edition oder Enterprise-Edition. CALIFORNIA 3000 kostet ab 490 bis 2 990 Euro. ProjektPro (mairpro) Mit dem Modul AVA bietet mairpro eine Lösung an, die sowohl als bedarfsgerechte günstige Stand-alone-Anwendung als auch innerhalb der kompletten Geschäftslösung ProjektPro zusammen mit Controlling, Office- und Projektmanagement arbeitet. Das Programm ist für die Betriebssysteme MacOS und Windows erhältlich. Die neue Generation ProjektPro ‚09 mit zahlreichen Veränderungen im Modul AVA wie Drag-and-Drop-Funktionalität in der LV-Erstellung, fast unbegrenzten Preisspiegelauswertungen und GAEB-DA-XML-Schnittstelle kann bereits bestellt werden. Der Preis für AVA LV beträgt 600 Euro, AVA XT kostet 900 Euro. ORCA AVA (ORCA) Das Komplettprogramm von ORCA bietet Kostenschätzung, Ausschreibung, Vergabe, Abrechnung und Kostenverfolgung von Bauleistungen. Die Anwendung ist nach Angaben des Herstellers intuitiv zu bedienen. Sie läuft auf allen modernen Microsoft-Betriebs sys temen und ist für Mischnetzwerke mit Linux-Servern geeignet. Für den korrekten Datenaustausch stehen zahlreiche Standardschnittstellen zur Verfügung. ORCA AVA ist GAEB-XML-zertifiziert. Das Komplettprogramm kostet 2 590 Euro pro Hauptlizenz.

    Die Paradies-Vermarkter

    Gärten für den Sofortgebrauch, fürs Fernsehen und für Prominente:Die ungewöhnlichen Wege dreier Kölner Landschaftsarchitekten. |Michael Sudahl Im rheinischen Andernach schwimmen Kois und Gartenbesitzer – allerdings in getrennten Teichen, die zwei Wasserläufe optisch mit­einander verbinden. Miriam und Gregor liegen sich in den Armen. Freudentränen rinnen der attraktiven Mitdreißigerin über Wangen und Kinn. Mit einem Abba-Song und in Zeitlupe sorgt RTL mit „Mein Garten“ für viiiiiiel Gefüüüühl. Überraschung! Das Pärchen setzt seine blickdichte Sonnenbrillen ab und freut sich über ein grünes Paradies. Schick und passend zum Reihen-häuschen im 50er-Jahre-Stil. Mit der Einrichtungsshow für draußen lockt der Kölner Privatsender sonntagnachmittags bis zu 20 Prozent der werberelevanten Zielgruppe vors Gerät. Und das seit mehr als vier Jahren. Wer mag, kann sich Inspirationen holen. Wer das nicht mag, geht besser eine Stunde Unkraut jäten. So fragwürdig das Fernsehformat ist, für Bernd Franzen ist es ein Glücksgriff. Der 33-Jährige war vier Jahre lang Gärtner der Sendung. Was wenige Zuschauer wissen: Der smarte Moderator hat in Essen Landschaftsarchitektur studiert. Die Skizze zum Teich in Andernach Vor einem Jahr gründete er auf der Grundlage seines Fernseherfolgs mit seinen ehemaligen Kommilitonen Simon Leuffen und Sebastian Spittka ein Büro für Freiraumplanung. „gartenplus“ gestaltet Gärten, unter anderem von Promis wie Erika Berger, der langjährigen Fernsehsexberaterin Nummer eins. Für diedrei lohnt sich der Weg über die Marketing-Maschine von RTL. In zwei Jahren entwarfen sie fast 200 Privat-Paradiese, Parkanlagen, ein grünes Klassenzimmer der Michael-Ende-Schule in Neuss und beeindruckten auf der Lifestyle-Messe Giardina 2008 in Karlsruhe. Franzen, Leuffen und Spittka lernten sich in den 90er-Jahren beim Studium in Essen kennen und merkten schnell, dass sie etwas verbindet. „Bei Projekten arbeiteten wir effektiver zusammen und lieferten bessere Ergebnisse als Kommilitonen“, sagt Simon Leuffen. Der 34-Jährige mit dem kritischen Blick gilt als kreativer Kopf des Teams. Schon bei RTL ist er der Mann im Hintergrund. Nach seinen Entwürfen verschönert der Sender Gärten. Zum Abschluss des Studiums beschließen die Freunde, ein Dreivierteljahr in Australien zu leben – als Belohnung. Das gartenplus-Team Sebastian Spittka, Bernd Franzen und Simon Leuffen (v.l.), zu ihren Füßen Hund Eddy. Eine Exkursion mit Folgen: DieMänner mit den grünen Daumen mähen Rasen wohlhabender Kunstsammler und einflussreicher Manager, säubern Pools, fegen Tennisplätze, dekorieren Blumengestecke und betrachten voller Staunen eine mobile Hundewaschanlage. Eindrücke sammeln lautet das Motto. Ihr Chef, Landscape-Contractor Ray Pickford, nimmt sie mit, Außenanlagen von Reichen und Schönen zu pflegen. „Unvergessen bleiben Nächte in Rays Wohnzimmer“, sagt Spittka. Ein Hotel war zu teuer, so diente das Wohnzimmer des Chefs den Absolventen als Schlafplatz. „Abgeschaut haben wir in Down Under die Idee, auf solvente Kunden zu setzen“, sagt Franzen. Und im Zeitalter von Globalisierung, Internet und immer schneller taktender Geschäfte lernen sie ein neues Konzept kennen: „Gärten zu entwerfen, die vom ersten Tag an Freude bereiten“, wie Leuffen erklärt. Rollrasen, Laufende-Meter-Hecken und Bodendeckermatten bieten technische Voraussetzungen für diese „Instant-Gärten“. „Sie können auch in Deutschland innerhalb weniger Tage blühen“, meint Spittka. Zurück in Deutschland trennten sich zunächst die Wege der drei. Spittka arbeitete bei Kipar Landschaftsarchitekten in Mailand und Duisburg sowie als Abteilungsleiter bei Jakob Leonhards Söhne in Wuppertal. Leuffen begleitete Projekte beim Landschafts- und Golfplatzarchitekten Volker Püschel in Mettmann. Franzen wollte ebenfalls als Landschaftsarchitekt eine Stelle antreten. „Doch daraus wurde nichts.“ Statt des Jobs in einer Privatgartenabteilung macht er sich als Planer selbstständig und bewirbt sich bei RTL als Gärtner für ein neues Serviceformat. Im zweiten Casting wählt ihn Hans Meisers Produktionsfirma „creaTV“ aus 40 Kandidaten aus und startet die Pilotsendung von „Mein Garten“. Weil das Publikum applaudiert, entscheiden sich die Macher, eine zwölfteilige Staffel zu drehen. Auch die findet Zuspruch. Eloquent steht Franzen schließlich vier Jahre lang bei insgesamt 120 Produktionen vor der Kamera. Seinen Kollegen Simon Leuffen nimmt er mit. Er scribbelt die Pläne für dieNachmittagssendung. Ruhig gestalteter Showgarten in der Halle der Karlsruher „Giardina“- Messe. Durch die Präsenz im Fernsehen steigt die Bekanntheit des kleinen Planungsbüros. Franzen betritt sogar den Promihimmel: Im Skiurlaub sprechen ihn Zuschauer an. Autogramm- statt Visitenkarten gehören zum Erfolg.Die Auftragslage verbessert sich. Und „Mein Garten“ entwickelt sich zu einer Art Spielwiese. „Wir konnten Gärten in allen Varianten gestalten“, sagt Franzen. Egal welches Thema, sie setzen es um: Strand mit Kaimauer und Sand statt Kiesbelag für ein Liebespärchen. Einen Teich in Nierenform für den Rock’n’Roll-Fan, Reiki-Harmonie mit Wasserspiel für eine Japanliebhaberin und eine Harley-Davidson-Kreation im Stil der Route 66 mit integriertem Tresen. Doch irgendwann ist es genug. Das Format entwickelt sich zunehmend in Richtung Hilfsprogramm für Bedürftige. Da wollen Franzen und Leuffen nicht mehr mitmachen. Im Herbst 2007 drehen sie die letzte Folge. Der Kölner Sender strahlt sie im Juni aus und sucht neue Gärtner. Mittlerweile wieder zu dritt, sitzt das Büro in einer renovierten Wassermühle in Grevenbroich zwischen Köln, Düsseldorf und Mönchengladbach. Gepusht durch die Strahlkraft der Sendung, fragen Kunden aus den unterschiedlichsten Regionen an: Von Sylt bis Augsburg, sogar aus Mallorca und der Türkei flattern Aufträge ins Postfach. Doch irgendwie fehlt nach dem medialen Erfolg ein Konzept. Welche Marketingstrategie passt zu dem Büro? „Auf der Suche nach unserem eigenen Profil sind wir auf eine Geschichte im Deutschen Architektenblatt gestoßen“, sagt Franzen. In der Augustausgabe finden sie einen Artikel zur Spezialisierung von Architekturbüros. Franzen, Leuffen und Spittka erkennen, dass sie dieselben Fragen zu beantworten haben wie die im Text porträtierten Büros. Welche Kunden wollen wir ansprechen? Wie können wir unsere Bekanntheit gezielt einsetzen und was sind dieSchwerpunkte unserer Arbeit? Hilfe holt sich gartenplus beim Architektenberater Andreas Preißing. In dessen Stuttgarter Büro entstehen jetzt Ideen für die Zeit nach RTL. Michael Sudahl ist freier Wirtschaftsjournalist in Stuttgart.

    Doppelt krisenfest

    Wie sich die Versorgungswerke der Architekten in der akuten Finanzkrise und der chronischen Rentenkrise behaupten. | Fred Wagner Entspannt in die Zukunft: Die Architektenrenten sind trotz weltweiter Krise an den Finanzmärkten sicher. Gesetzliche Rentenversicherung oder Versorgungswerk? Wenn es um die Rente geht, haben Architekten keine Wahl: Sie müssen per Gesetz dem Versorgungswerk ihrer Kammer beitreten. Eine angenehme Pflicht: Die Absicherung durch ein Versorgungswerk kombiniert die Vorteile der gesetzlichen Rentenversicherung mit denen der privaten Lebensversicherung. Gleichzeitig entfallen viele Nachteile beider Systeme. Der wohl wichtigste Unterschied ist die Art und Weise, wie die Renten finanziert werden. Die gesetzliche Rentenversicherung funktioniert nach dem Umlageverfahren. Das heißt, sie muss die eingehenden Beiträge sofort an die Leistungsbezieher auszahlen. Konkret: Die folgende Generation ist dazu verpflichtet, die Altersversorgung der aktuellen Rentenbezieher zu sichern. Dieser Generationenvertrag kann aber nur dann funktionieren, wenn die erwerbstätige Generation Kinder in ausreichender Zahl großzieht und diese dann auch als Erwerbstätige Versicherungsbeiträge einzahlen. Doch seit Jahren schon reichen die Beiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber nicht aus, sodass die staatlichen Renten zu rund 30 Prozent durch Bundeszuschüsse, also aus Steuermitteln finanziert werden. Die Versorgungswerke für Architekten dagegen sind zu einhundert Prozent kapitalgedeckt und arbeiten nach dem Anwartschafts-Deckungsverfahren. Im Klartext: Jedes Mitglied finanziert während seiner Anwartschaftszeit seine individuelle Rentenhöhe selbst. Je höher die Beiträge, desto höher fällt die Alters- und Berufsunfähigkeitsrente aus. Bei dem vom Versorgungswerk der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen praktizierten „offenen Deckungsplanverfahren“ sparen die Beitragszahler kollektiv ein Deckungskapital an, das ihre künftigen Rentenansprüche befriedigen soll. Auch deshalb bekommen Architekten für die gleichen Beiträge wesentlich höhere Leistungen als bei der gesetzlichen Rentenversicherung. Dazu trägt auch bei, dass Versorgungswerke gemeinnützig tätig sind und keinen Erwerbszweck verfolgen. Die Leistungen werden nicht geschmälert durch Provisionszahlungen, Werbemaßnahmen, interne Abschlusskosten, Steuern oder Rückversicherungsbeiträge. Demografische Entwicklungen wirken sich allerdings durch die gestiegene Lebenserwartung der Teilnehmer und die damit verbundene längere Rentenbezugsdauer aus. Auch für diese finanziellen Mehrbelastungen bilden die Versorgungswerke Rückstellungen. Wie sicher sind die Einlagen? Sicherheit geht vor Rendite: Die Anlage der Vermögen der einzelnen Versorgungswerke erfolgt nach den strengen Bestimmungen des Versicherungsaufsichtsgesetzes. Dieses schreibt vor, dass mindestens 70 Prozent der Vermögensanlage in festverzinsliche Wertpapiere zu erfolgen hat. Nur maximal 30 Prozent dürfen die Versorgungswerke als so genannte Risikokapitalquote in Aktien oder andere Anlageprodukte stecken. Professionelle Anlagespezialisten sollen dafür sorgen, dass eine gleich hohe und gleich sichere Vermögensanlage gewährleistet ist. Daraus folgt, dass das Zinsniveau an den Kapitalmärkten den größten Einfluss auf die Entwicklung der Vermögen hat. Steigende oder fallende Aktienkurse wirken sich weniger stark aus. Ihr Einfluss richtet sich auch nach der Anlagepolitik des einzelnen Versorgungswerkes. Diese wird regelmäßig in der Vertreterversammlung durch die Geschäftsführung des Versorgungswerkes dargelegt. Zur Berechnung der Renten und Anwartschaften geht man überwiegend von einem Rechnungszins in Höhe von vier Prozent aus. Liegen die tatsächlich erwirtschafteten Erträge darüber, steigen die Renten und Anwartschaften, liegen sie darunter, müssen sie jedoch nicht unbedingt fallen. „Versorgungswerke bauen Verlustrücklagen auf, mit denen sich Verluste aus Kursschwankungen, Kurseinbrüche oder Bankinsolvenzen ausgleichen lassen“, erklärt Walter Köckeritz, Vorsitzender des Verwaltungsausschusses beim Versorgungswerk der Architektenkammer Sachsen. Reaktionen auf die aktuelle Finanzmarktkrise bleiben deshalb aber nicht aus. Etwa bei der Bayerischen Versorgungskammer, die die Gelder für verschiedene Versorgungswerke verwaltet und mit rund 40 Milliarden Euro Vermögen Deutschlands größter Kapitaltopf ist. „Im vergangenen Jahr haben wir begonnen, die Aktienquote zu senken, und das in diesem Jahr fortgesetzt. Die Quoten der einzelnen Versorgungswerke schwanken jetzt zwischen drei und acht Prozent, im vergangenen Jahr waren sie teilweise zweistellig“, sagt André Heimrich, Leiter Wertpapiermanagement. Auch Rolf Schulze, Geschäftsführer des Versorgungswerkes der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, sieht keine Gefahr: „Derzeit besteht überhaupt kein Anlass, sich Sorgen zu machen. Unser Aktienanteil ist, gemessen am Gesamtvermögen, sehr gering und beträgt unter zehn Prozent. Das Versorgungswerk betreibt eine konservative Anlagepolitik, die Sicherheit steht an erster Stelle. Wir hoffen natürlich alle, dass sich die Finanzkrise nicht weiter ausbreitet. Wenn sie in dem Umfang bleibt wie bisher, haben die Versorgungswerke nichts zu befürchten.“ Welche Leistungen gibt es? Jedes der fünf großen Versorgungswerke (siehe Kasten) regelt seine Aufgaben autonom. Unterschiedliche Mitgliederzahlen und Altersmischungen ergeben Unterschiede bei den Leistungen. Einzelheiten sind in den jeweiligen Satzungen festgelegt. Die Leistungen sind jedoch einheitlich für alle Mitglieder der angeschlossenen Bundesländer. Zu den grundsätzlichen Leistungen gehören Berufsunfähigkeitsrente, Altersruhegeld, vorgezogenes Altersruhegeld und Hinterbliebenenversorgung. Auch was die Höhe der zu erwartenden Renten betrifft, gibt es Unterschiede. Vorbildlich informiert zum Beispiel die Architektenkammer NRW im Internet (www.architektenversorgung-nrw.de) über deren Höhe. Eine Beispielrechnung für einen Architekten, der mit 40 Jahren in der Lage ist, den Normalbeitrag zu zahlen, und 2008 mit 65 Jahren in Rente geht. Der Normalbeitrag entspricht dem Höchstbeitrag zur gesetzlichen Rentenversicherung – derzeit monatlich 1 054,70 Euro, den bei Angestellten zur Hälfte der Arbeitgeber zahlt.  Er erhält dann eine Rente von rund 3 000 Euro. Ein Nichtarchitekt, der den Höchstbeitrag in die staatliche Rentenkasse gezahlt hat, erhält eine Rente von rund 1 500 Euro. Wie hoch sind die Beiträge? Der Beitrag ist einkommensabhängig und richtet sich nach dem Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung. Aktuell beträgt der Satz 19,5 Prozent der Beitragsbemessungsgrenze bei fest angestellten Architekten (jeweils zur Hälfte von Arbeitnehmer und Arbeitgeber), freie Architekten zahlen circa 16 bis 18 Prozent. Bei nachweislich geringerem Einkommen kann der Beitrag auf die Hälfte reduziert werden, weitere Sonderregelungen gibt es je nach Versorgungswerk, beispielsweise für Existenzgründer. Allerdings gilt die Selbstverständlichkeit: Wer heute weniger zahlt, bekommt morgen weniger Rente. Die Satzungen bieten unterschiedliche Möglichkeiten, um auf die momentane finanzielle Situation des Teilnehmers einzugehen: So ist für Architekten in Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachsen-Anhalt in den ersten fünf Jahren der Teilnahme am Versorgungswerk eine Beitragsermäßigung von bis zu einem Vierteil des Regelbeitrages möglich. Anschließend besteht die Möglichkeit, wenn das Einkommen die Beitragsbemessungsgrenze nicht erreicht, 18 Prozent Beitrag auf das tatsächliche Jahresberufseinkommen zu zahlen. Liegt das Jahreseinkommen eines freischaffenden Teilnehmers unter 20 Prozent der Jahresbeitragsbemessungsgrenze, kann ein Ruhen der Beitragspflicht beantragt werden. Auch eine freiwillige Mehrzahlung ist in einigen Versorgungswerken möglich: Zum Regelbeitrag können dann zusätzlich sowohl von freiberuflich tätigen als auch von angestellten Architekten monatlich noch freiwillige Mehrzahlungen bis zu 50 Prozent des Regelbeitrages für das laufende Jahr gezahlt werden, um die Anwartschaften auf die Alters- beziehungsweise Hinterbliebenenrente zu erhöhen. Sonnige Aussicht: Bei der Anlage ihrer Vermögen setzen Versorgungswerke auf Sicherheit und vermeiden riskante Anlagen. Fünf Versorgungswerke kümmern sich um die Altersversorgung für den gesamten Berufsstand: Bayerische Versorgungskammer: für Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner in Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz Versorgungswerk der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen: für Kammermitglieder in Nordrhein-Westfalen, Hessen, im Saarland und in Bremen Versorgungswerk der Architektenkammer Berlin: für Kammermitglieder in Berlin und Brandenburg Versorgungswerk der Architektenkammer Sachsen: für Kammermitglieder in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern Versorgungswerk der Architektenkammer Baden-Württemberg: für Kammermitglieder in Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Hamburg Lesermeinung  1

    Genuss-Räume

    Wie eine Kammer mit dem Thema Weinbau für den Berufsstand wirbt. Wer hätte es von Rheinland-Pfalz anders erwartet? Reben und Rüben, die Landeswerbung spricht vom „Weinland Rheinland-Pfalz“, da muss wohl auch die Architektur weinselig sein, gerne mit passender Königin dekoriert. Scheinbar ein liebenswertes Randthema, doch halt – internationale Bezüge drängen sich auf: Herzog & de Meuron im Napa Valley, Santiago Calatrava in der Riojaregion und Der Entwurf für das Zentrum des Weins am Mainzer Zoll- und Binnenhafen – eine Innen- (oben) und Außenansicht (unten). natürlich die vielen österreichischen Beispiele. Was hat das alles mit erfolgreicher Kammerarbeit zu tun? 1990 oder 2000, die Österreicher haben zwar damals schon gebaut, aber noch nicht so eifrig publiziert, das Thema – vermutlich nicht gerade beim Kaffeetrinken – für das Bundesland entdeckt. Zunächst skeptisch aus der Distanz betrachtet, von einigen belächelt, hat es sich inzwischen zum ersten Gewächs in Sachen Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit der Architektenkammer Rheinland-Pfalz entwickelt. Denn was so liebenswert landestypisch klingt, hat vielfältige und sehr erdverbunden-ökonomische Implikationen: Bei den Winzern gab es einen Generationenwechsel. Diejenigen, die die Betriebe jetzt übernehmen, sind an den Fachhochschulen gut ausgebildet und in aller Welt herumgekommen. Sie kennen die neuesten Forschungsergebnisse und Vinifikationsmethoden, setzen in der Mehrheit konsequent auf Qualität und möchten entsprechende Preise in der Vermarktung erzielen. Ein Kundenpotenzial, das bereit ist, sich zum Genuss verführen zu lassen, das auf seinen Weinverstand und die Kennerschaft stolz ist, findet in mit Fassdauben und Weinlaub ausstaffierten Räumen aber keine Heimat. Die Qualität des Weines muss sich diesem anspruchsvollen Publikum auf den ersten Blick vermitteln. Die Haltung des Kellermeisters, seine kompromisslose Professionalität, soll sich im Erscheinungsbild des Weingutes vom Flaschenetikett über die Architektur bis zur Freiraumgestaltung manifestieren. So ist man bereit und in der Lage, zu investieren. Seit 2005 haben inzwischen vier Symposien  „Wein + Architektur“ den Informationsbedarf der Winzer aufgefangen. Zuletzt stand am 6. November 2008 in Trier die Verbindung von Architektur und Landschaftsarchitektur als Erfolgsfaktor für Weinvermarktung und Tourismus auf der Tagesordnung. Auch diese Veranstaltung war hervorragend besucht – wie schon drei vorangegangene und eine Veranstaltung, die im Paket mit der Teilnahme an der Stuttgarter Intervitis-Messe 2007 gemeinsam mit den baden-württembergischen Kollegen organisiert wurde. Die Symposien und der erste Architekturpreis Wein haben inzwischen Hunderte von Winzern und Architekten zusammengebracht. Es wird gebaut. Teilweise sind es kleine Maßnahmen, die entstehen, vom Anspruch her aber Leuchttürme, die erkennen lassen, dass gutes Bauen ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor sein kann. Mainz wurde vor wenigen Monaten zur „Great Wine Capital“ erkoren, es gehört nun einem exklusiven Klub von nationalen oder regionalen Hauptstädten in weltweit bedeutenden Weinbauregionen an. San Francisco, Porto und Bordeaux, Florenz, Mendoza und Bilbao gehören auch dazu. Einmal im Klub angekommen, geht es auch hier um Baukultur. Die großen Weinhauptstädte sind ihrem Selbstverständnis gemäß ein weltweit agierender Marketingklub. Der Wein steht im Zentrum. Ihn bekannt zu machen, emotional aufzuladen, ihn mit Ideen und Träumen von herrlichen Landschaften, Lebensgenuss und Qualität zu verbinden, darum geht es. Also am Ende um die Frage, wie viele Menschen weltweit bereit sind, einen guten Preis für die Teilhabe am Savoir- vivre zu zahlen. Wozu auch gutes Bauen gehört. Ende Oktober wurde in diesem Zusammenhang in Mainz der erste Architektenwettbewerb entschieden. Im alten Weinlagergebäude am Zoll- und Binnenhafen, einem städtebaulichen Entwicklungsgebiet, sollen im „Zentrum des Weins“ Weinverkauf und -erlebnis gebündelt werden. Das junge Mainzer Büro kercher + schnura hat den Einladungswettbewerb gewonnen, dicht gefolgt von gehbauer helten architekten aus Oppenheim. „Wein + Architektur“ ist, auf professionellem Networking basierend, zu einem kommunikativen Glücksfall geworden: Das Thema weckt Neugierde, verlockt zur Beschäftigung mit mehr Baukultur und es führt Menschen, die bauen möchten, mit Architekten zusammen. Fast nichts kann deshalb die Euphorie trüben. Einzig die Notwendigkeit, ein Nachfolgethema mit ähnlicher Strahlkraft zu finden, droht uns Wasser in den Wein zu gießen. Annette Müller ist Geschäftsführerin für Öffentlichkeitsarbeit der Architektenkammer Rheinland-Pfalz.

    Konzern-Karrieren

    Architekten beim Centerunternehmen ECE reden wenig von Baukultur – aber viel vom Einfluss auf Großprojekte und von persönlichen Chancen. | Roland Stimpel Henning Schröter: von der Hochschule direkt in die Schloss-planung Im flachen Hamburger Norden ragt das Bürohaus an der Straße Heegbarg weit übers Übliche hinaus. Die neungeschossige Scheibe ist eingeklemmt zwischen Parkpalette und S-Bahn; unten an der Wand stehen groß die Nutzer: „ECE Architekten“. Die brauchen viel eigenen Raum: 260 gelernte Architekten und Innenarchitekten arbeiten für den Immobilienkonzern, der damit auch eine der größten Entwurfs- und Planungsfirmen Deutschlands ist. Und die umstrittenste mit ihren bald hundert Einkaufszentren in ganz Europa. Wie kommen Architekten statt zum eigenen Büro oder zu BRT, HPP, JSK oder RKW zu einem Arbeitgeber wie der ECE Projektmanagement G.m.b.H. & Co. KG? Wie arbeiten sie hier, wie denken sie darüber? Direkt nach dem Studium hat sich Henning Schröter bei der ECE beworben – auf gut Glück, nicht auf eine angebotene Stelle. „Ich komme aus der Region, und ich fand die Projekte hochinteressant.“ Er suchte das Greifbare. „Im Studium hatte ich eher künstlerisch orientierte Professoren. Da gab es seltsame Aktionen – einer schüttete Mehl im Raum aus; wir Studenten durften dann darüberlaufen.“ Der heute 34-Jährige konzentrierte sich lieber auf Baukonstruktion, lernte aber noch nichts über Einkaufszentren. Den Job bekam er trotzdem – auch wegen seiner norddeutsch-nüchternen Architekturauffassung: „Für mich kommt es vor allem auf die Funktionalität an. Ist die schlecht, hat das Gebäude seine Sinnhaftigkeit verloren.“ Seine neue Firma schickte ihn gleich nach Braunschweig, wo gerade das Einkaufszentrum Schlossarkaden entstand. Ein doppelt umstrittenes Projekt wegen der großen Handelsflächen und wegen der vorgesetzten Fassade des 1960 abgerissenen Braunschweiger Herzogschlosses. Schröter prüfte hier alle Planungsunterlagen, lernte das Wesen des Shoppingcenters kennen und zugleich das der klassizistischen Eierstab-Ornamentleiste. Jetzt hat er sein  erstes eigenes Projekt: Er erweitert das Allee-Center im nordrhein-westfälischen Remscheid um 4000 Quadratmeter – „organisatorisch ziemlich anspruchsvoll, auch weil alles bei laufendem Betrieb geschieht“. Was denken Exkommilitonen darüber, die anderswo jobben? „Am Anfang haben mich manche gefragt: Was willst du denn da? Aber jetzt fragen sie eher, ob es hier nicht Stellen gibt.“ Raus aus der ECE und rein in ein klassisches Büro will Schröter auf keinen Fall: „Nächtelang durcharbeiten und du kriegst kaum Geld dafür – das kommt für mich nicht infrage.“ Einkaufen muss jeder Anna-Carin Heidbreder: Wozu ein eigenes Büro? Im Konzern lässt sich mehr gestalten. Ebenso wenig für die 41-jährige Innenarchitektin Anna-Carin Heidbreder, die schon zehn Jahre dabei ist. Auch sie erinnert sich an ihre „sehr künstlerische Ausbildung. Die Entwürfe waren losgelöst von der Realität, alles im kommerziellen Bereich war eher verpönt.“ Doch sie kam beim Düsseldorfer Büro Schwitzke & Partner unter, das auf Einkaufsarchitektur spezialisiert ist. Bei der ECE bewarb sie sich auf eine Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen. Ihre ersten Erfahrungen und erkennbaren Neigungen passten. Statt einzelner Läden plante sie bald an ganzen Centern. „Da war ich von der Größe und Masse der Aufgaben schon sehr gefordert.“ Derzeit ist sie verantwortlich für Konzept und Ausführung im Inneren des Limbecker-Platz-Komplexes in Essen, mit 70 000 Quadratmetern Deutschlands größtes Innenstadtcenter. Was prägt ihre Arbeit im Alltag? „Hier planen wir von Anfang an in interdisziplinären Teams. Da sitzen Handels experten, Marketingleute, Controller und Ingenieure drin.“ Das enge aber nicht ein, meint Anna-Carin Heidbreder – ganz im Gegenteil: „Ich empfinde die Planung hier als viel freier als anderswo. Ich habe keine externen Auftraggeber – die Bauherren sind wir praktischerweise selbst. Da kann ich als Architektin meine Themen auf ganz anderer Ebene diskutieren als bei einem Kunden von draußen.“  Ein eigenes Kleinbüro will sie auch aus einem zweiten Grund nicht: „Wie sollte ich da je an solche Projekte kommen?“ Mit dem umstrittenen Thema Center hat sie keine Probleme: „Am Einkaufen ist ja nichts Schlechtes; das muss jeder tun. Und ich sehe für mich die Verpflichtung, die Einkaufsumwelt gut zu gestalten.“ Schon fast zwanzig ECE-Jahre hat Jost Hering, 59, erlebt. „Leiter Architektur“ steht auf seiner Visitenkarte. „Seit dem Diplom, das war 1976, habe ich eigentlich immer Konsum architektur gemacht.“ Zur ECE warb ihn ein Headhunter ab. Seine immer wiederkehrende Lieblingsaufgabe: „Mit einem definierten Budget in einem vorgegebenen Zeitraum etwas Gutes zu entwickeln.“ Nicht nur Einkaufszentren: „Wir haben auch schon Schlösser, Kirchen und Konzertsäle gebaut.“ Und er bestätigt gern das Gerücht, dass auch aus prominenten Büros wie gmp Architekten zur ECE gehen. „Schubweise“, sagt Hering und deutet an: „Unsere Gehälter schrecken nicht direkt ab.“ Jost Hering: Seit 32 Jahren Konsumbauten - aber auch Kirchen und Konzertsäle Zur draußen oft beklagten Qualität seiner Bauten meint der Chefarchitekt: „Die hat sich mit der Zeit sehr entwickelt. Als vor 40 Jahren die ersten deutschen Center entstanden, hat Architektur nicht stattgefunden. Das hat sich geändert, seit wir in den Innenstädten und nicht mehr auf der grünen Wiese bauen.“ Denn in den Citys gehe keine billige Kiste mehr – und meist auch nicht der klassische Einkaufsknochen mit einem dicken Laden an jedem Ende und einer langen, geraden Passage mit kleinen Geschäften dazwischen. „Wir haben immer die gleiche Typologie, aber wir müssen sie jedes Mal variieren. Je nach der Grundstücksform und nach den Wegebeziehungen ringsum, die wir aufnehmen wollen.“ Jetzt gebe es gekrümmte Knochen, T-Bone-Steaks und demnächst in Essen einen kompletten Ring, angereichert mit vier Plätzen. Und an den Außenseiten gibt es ab und zu Schaufenster. „Ladentüren nicht. Viele Geschäfte haben ein Problem mit zwei Eingängen, an denen sie kassieren und überwachen müssten.“ Den Zielen der Firma verbunden Auch die Gestaltung werde innen wie außen anspruchsvoller. „Wir bauen in vielen Stadtzentren schließlich das Größte, was dort je entstanden ist. Da haben wir uns in der Qualität entwickelt, weil wir schlicht und einfach müssen.“ Und weil es dem Ziel dient, um das er nicht drumherum redet: „Die Leute sollen bei uns ihr Geld loswerden.“ Vorwürfe wie den von der Austrocknung der Straßen draußen und von der Sprengung altstädtischer Maßstäbe steckt er entspannt weg. „Die Formen des Handels haben sich über die Jahrhunderte immer wieder weiterentwickelt. Und heute tragen wir der Tatsache Rechnung, dass einzelne Läden viel mehr Fläche brauchen. Ein Buchladen eher 3 000 als 700 Quadratmeter und ein Saturn eben nicht zehnmal 500, sondern geballte 5 000 Quadratmeter.“ Auch bauliche Ewigkeitswerte strebt er nicht an, sondern will „immer auf dem neuesten Stand sein“ – und nichts lange Gültiges schaffen oder gar für den Denkmalschutz arbeiten. „Bis der kommt, haben wir im Inneren schon dreimal alles umgestaltet.“ Er kann auch damit leben, dass im jüngsten ECE-Buch bei seinen Projekten „Architekten der ECE“ steht und nicht Jost Hering. „Hier gibt es keine Einzelkämpfer. Das meist-strapazierte Wort bei uns heißt Team.“ Gelegentlich dürfen auch externe Büros mitmachen, vor allem bei den Fassaden. Hering nennt Auer und Weber in Passau, Grazioli und Muthesius in Braunschweig, Gunter Henn in Essen, Friedrich Spengelin in Hameln und das junge Büro Venneberg und Zech bei der Ernst-August-Galerie in Hannover. Für Fassaden veranstaltet die ECE immer wieder Einladungswettbewerbe, worauf oft die Städte drängen. Normalerweise hält er auf Sparsamkeit; beim Wettbewerb kommt es nicht so darauf an. „Diese Kosten sind doch relativ gering, gemessen an den Gesamtkosten eines Shoppingcenters.“ Die Innengestaltung wird dagegen in hausinternen Workshops entwickelt. Da ist eher Dezenz als Auffälligkeit gefragt. „Die Leute sollen in die Shops gehen und nicht die Mall bewundern. Deren Design ist zur Unterstützung da.“ Hierzu gehört auch die Orientierung. In Centern verirren sich die Leute oft; es fehlen der große Überblick und die markanten Gebäude zur Orientierung. Da müssen am Essener Riesencenter kleine Plätze mit angedeuteten Stadtmotiven herhalten: Rom, Paris, Amsterdam und Essen selbst. Gracht, Eiffel- und Zechenturm weisen Centerbesuchern den Weg. Das provozierte die jüngste Kritikwelle an der ECE – wie auch an der Außenfassade des Essener Centers, für die die ECE und Gunter Henn den kühnen Vergleich mit Marilyn Monroes aufgeblasenem Kleid aus dem „Verflixten siebten Jahr“ lanciert hatten. Hering nimmt solche Kritik mit Sarkasmus: „Im nächsten Leben plane ich Atomkraftwerke. Da wird man nicht so geprügelt.“ Heidbreder, Hering und Schröter arbeiten fern der gängigen Architekturdiskussionen und -bestrebungen in Fachblättern und Berufsverbänden, wo Gestaltqualität und Baukultur zentrale Bedeutung haben. Trotz hoher Arbeitsbelastung arbeiten sie auch fern von den Bedingungen in vielen Büros. Sie sind loyale Konzernbeschäftigte und den Ziele der Firma verpflichtet. Dem Leben in der freiberuflichen Wildbahn ziehen sie das Angestelltendasein im Großunternehmen vor: gutes Gehalt, fester Job und Urlaub, keine Sorgen mit Akquisition, Haftpflicht, querulierenden und schleppend zahlenden Bauherren. Und die hoffnungsvollsten Anfänger durchlaufen ein Programm für „Architektur-trainees“. In der Fachwelt sind ECE-Center wie das Ettlinger Tor in Karlsruhe umstritten; Firmenarchitekten können jedoch gut damit leben. Nicht nur bei der ECE gibt es diese Existenzform für Architekten immer häufiger. Die Projekt- und Immobilien industrie schafft laufend größere, kompliziertere Konglomerate, in die sie auch Entwerfer, Planer und Bauleiter ein bindet. Von solchen Firmen gehen aber meist weniger baukulturelle Impulse aus; eher sehen Architekten und Kritiker draußen deren Bedrohung. Also müssen die Forderungen nach Baukultur von Staat und Stadt, von Bürgergruppen und Berufsverbänden kommen. Damit mehr daraus wird als Forderungen, sind wiederum Architekten in Firmen wie der ECE unentbehrlich – wer sonst soll dort baukulturelle Ansinnen von draußen verstehen und umsetzen? Die ECE-Leute sind schließlich aufs Thema Einkaufen keineswegs fixiert. Zumindest unsere Gesprächspartner sind keine begeisterten Schaufenster- oder Centerbummler. „Ich kann gar nicht mehr unbeschwert einkaufen“, sagt Anna-Carin Heidbreder. „Überall sehe ich die Schwächen in der Ladengestaltung.“ Und Henning Schröter meidet Läden fastganz. „Einkaufen? Das überlasse ich meiner Frau.“

    Dekoriert oder deprimiert

    Schaufenster verschwinden, die Ladeneinrichtung kommt vom Fließband – doch im Luxusmarkt agieren Stararchitekten. | Cornelia Dörries Der gemächliche Schaufensterbummel ist in Centern wie den Berliner Potsdamer Platz Arkaden eher die Ausnahme. Rechts eine Wand aus turmhoch gestapelten Schuhkartons, links eine grell verklebte Front mit lauter großen Pro zentzeichen, ein paar Schritte weiter  zwei Strickpullover hinter Glas – Schaufensterbummel in der Shoppingmall. Aber geht dieser Bummel überhaupt noch? In den modernen Einkaufszentren gibt es gar keine richtigen Schaufenster mehr, zumindest keine, die als separate Vitrinen zwischen dem vorbeiflanierenden Kunden und dem Ladeninneren vermitteln und mit ihren Auslagen Lust auf das Angebot wecken sollen. Hier gibt es nur noch eine Glasfront, die manche Ladenbetreiber lieber verkleben, um auf diese Weise Stellfläche im Inneren zu gewinnen. Andere gewähren gleich freie Sicht bis zur Kasse, und nur ein paar ambitioniertere Händler simulieren mit ein paar aufgehängten Stoffbahnen hinter angezogenen Puppen oder artig drapierten Waren wenigstens eine Schwundform des klassischen Ladengeschäfts mit Schaufenster, Verkaufsraum und Kassentheke. Klapppappen statt Dekorationskunst Auch wenn die Betreiber der ganzen Center, Arkaden, Plazas und Einkaufsparks nicht müde werden zu behaupten, dass es sich bei ihren riesigen Häusern nur um überdachte Geschäftsstraßen auf mehreren Ebenen handelt, haben sie mit der langweiligen, bisweilen ärgerlichen Optik ihrer Einrichtungen nolens volens eine der schönsten und vornehmsten Formen des großstädtischen Zeitvertreibs verschwinden lassen: den Schaufensterbummel. Sein Ende markiert das gestalterische Elend einer ganzen Branche. Gerade der Einzelhandel bedürfte doch eigentlich der atmosphärischen Inszenierung, die den schnöden Akt des Geld-für-Ware-Tauschs vergessen lässt und mit Verheißungen spielt; zumal in Zeiten verschärfter Konkurrenz. Denn es geht, ganz schlicht, um die auratische Aufwertung von zumeist industriell gefertigten Produkten, das Wecken von Begehrlichkeiten und die Steigerung der Kauflust. Schaufenster spielen dabei eine ebenso große Rolle wie die Gestaltung und Dekoration der Läden im Inneren. Doch die Zeiten, in denen für die sinnliche Betörung der Kundschaft noch viel Geld ausgegeben wurde, sind vorbei. Beispielhaft zeigt das der freiberufliche Dekorateur Gregor Elsner: Als er Ende der Siebzigerjahre seine Laufbahn in einem ganz normalen Kaufhaus einer mittleren Stadt in Süddeutschland begann, umfasste die hauseigene Dekorationsabteilung gut 40 Angestellte, darunter Tischler, Schreiner, Grafiker, Siebdrucker, Dekorateure. Etwa vier Prozent des Umsatzes wurden jährlich in die aufwendige Gestaltung der Schaufenster und Verkaufsflächen investiert. Heute verfügen Kaufhäuser, von wenigen Ausnahmen wie dem KaDeWe in Berlin abgesehen, kaum noch über eigene Dekorationsabteilungen: zu teuer, betriebswirtschaftlich unsinnig. Die zahlreichen, mittlerweile von einer Handvoll Konzerne betriebenen Innenstadtkaufhäuser werden stattdessen von der jeweiligen Zentrale mit vorgefertigten, schlichten Passepartoutlösungen versorgt. Dekorateuren wie Gregor Elsner bleibt am Ende nur noch die Aufgabe, die gelieferten Banner, Displays oder Poster pünktlich zu installieren. Die Standardisierung nahezu aller gestalterischen Aspekte hat auch die sogenannten kleinen Läden im Stadtzentrum erfasst. Anstelle der tradierten, inhabergeführten Fachgeschäfte dominieren in den Einkaufsstraßen nunmehr Filialisten großer Ketten; und landauf, landab präsentiert sich das übliche Douglas-H&M-Nordsee-Thalia-Konglomerat in einheitlichem Dekor. Die von der Konzernzentrale gesandten Aufsteller und Displays sind so simpel, dass sie vom Verkaufspersonal selbst aufgeklappt werden können und sich vor Beginn der nächsten Trend-, Sale- oder Schnäppchenaktion leicht entsorgen lassen. Innengestalter mit Marketingkenntnis Die zeitgemäße, auf Trends und Moden fix reagierende Gestaltung ihrer rasch wechselnden Ladeneinrichtungen und Dekorationen lassen sich die großen Handelsunternehmen freilich etwas kosten. Und sie greifen dabei auch gern auf die Dienste der Innenarchitekten zurück, die in der Sparte Ladenplanung und Ladenbau vor allem dann gefragt sind, wenn sie nicht nur Entwurf und Ausbau übernehmen können, sondern auch Expertise in solch artfremden Themen wie Markenkommunikation und Merchandising mitbringen. Doch der Kern ihrer Arbeit besteht letztlich in der kreativen Umsetzung der jeweiligen, von Markenagenturen und Consultingfirmen abgesegneten Corporate Identity; zielgruppen-affin, wiedererkennbar und günstig. Aus Ladenbau wird Shopdesign; architektonische Aspekte treten hinter marktgängigem Kulissenzauber und einer Oberflächenkosmetik zurück, die manchmal nur unverkleidete Decken, undifferenzierte Lichtverhältnisse und Raumknappheit kaschieren soll. Doch nicht immer sind die dafür zur Verfügung stehenden Mittel so bescheiden wie in den eingangs beschriebenen Geschäften der hart kalkulierenden Akteure in Shoppingmalls. Das Düsseldorfer Büro Schwitzke & Partner gehört zu den erfolgreichsten Anbietern von Storekonzepten, die speziell auf die räumliche Situation in Einkaufszentren zugeschnitten sind. „Die konfektionierte Fläche eines Shoppingcenters ist an sich eine Herausforderung, wenn der Store anders als quadratisch und gleichwinkelig sein soll“, sagt Karl Schwitzke über die Planungsbedingungen in diesen Gebäuden. Denn um spannende Raumbilder zu schaffen, braucht es auch individuelle Gegebenheiten auf der Fläche. Während in klassischen Ladenlokalen Vorsprünge, Nischen, Fenstersimse oder Balken schon vorhanden sind und natürlich Einfluss auf die Raumgestaltung haben, müssen solche strukturierenden Aspekte in den vorgegebenen Flächen der Center erst wieder neu geschaffen werden, damit Indivi dualität entsteht. Auch klassische Hochbauarchitekten haben sich in den letzten Jahren der Ladenplanung zugewandt. Da war zum einen die Krise am Bau, von der etliche Planer zu Ausflügen in die Innenarchitektur gezwungen wurden; zum anderen begannen vor allem Luxusmarken, sich mit den Entwürfen namhafter Architekten, vorzugsweise geadelt mit dem Pritzker-Preis, eine neue Art von Distinktionsgewinn zu verschaffen. So entwarf Rem Koolhaas den New Yorker Flagship-Store der Modefirma Prada, Zaha Hadid richtete dem italo-englischen Designer Neil Barrett eine Filiale in Tokio ein, Massimiliano Fuksas avancierte zum Hausarchitekten von Armani, und das deutsche Büro Hilmer + Sattler und Albrecht verhalf dem Schweizer Edelcouturier Akris zu einer feinen Adresse in Hamburg. Solche Planer müssen sich freilich nicht mit der nackten, pragmatischen Armutsarchitektur einer handelsüblichen Shoppingmall herumschlagen, sondern können mit Rosshaartapeten, Echtholz, Leder, Marmor und Kristall das zaubern, was man gemeinhin als Markenwelt bezeichnet: eine sinnliche Atmosphäre, in der vom Geruch über die Geräusche bis hin zur Haptik alles stimmt. In diesem Fall darf tatsächlich von Techniken der Verführung die Rede sein; und wer da zum Geldausgeben verführt werden soll, ist eine vermögende, wählerisch-verwöhnte Minderheit, die sich eher selten in eine Kommerzkaverne wie das „Alexa“ am Berliner Alexanderplatz verirrt. Impulse aus den Szenevierteln Nische für Anspruchsvolle: Dessousgeschäft von wiewiorra hopp aus Berlin. Ansässig ist diese Kundschaft bevorzugt dort, wo abseits vom Massengeschäft in den Fußgängerzonen kleine Nischen des guten Geschmacks entstehenoder gar überlebt haben, in denen auch weniger bekannte, junge Innenarchitekten interessante Aufgaben finden können. Also in gentrifizierten Metropolenquartieren, deren Bewohner Wert auf das Individuelle und Unverwechselbare legen. Um diesen Anspruch wissen Ladenbesitzer in solchen Gegenden – und geben deshalb Geld für eine ansprechende Einrichtung aus, die anders als an den Cash-and-Carry-Umschlagplätzen länger halten soll als nur eine Saison. Oft engagieren sie Berufsanfänger, die den Ausbau eines Coffeeshops planen oder eine alte Metzgerei in einen Buchladen verwandeln, ohne dabei die Vorgaben von Key-Account-Managern oder einer fernen Markenabteilung berücksichtigen zu müssen. Solcher Gestaltungsspielraum wird fast nur noch von inhabergeführten Einzelgeschäften geboten – nicht zufällig gehören ausgerechnet Apotheken, Optikergeschäfte oder spezialisierte, lokal etablierte Boutiquen zu den schönsten und prämierten Projekten. Besonders spektakuläre Einrichtungen wie die Dessousgeschäfte des Berliner Büros wiewiorra hopp architekten oder die Boutiquen der ippolito fleitz group aus Stuttgart werden dann in Hochglanzbüchern besprochen und setzen auf diese Weise einen Trend, der kurze Zeit später in popularisierter Form von den Shopdesignern großer Ketten aufgegriffen wird: ein Verwertungskreislauf, der beileibe nicht nur im Falle der Innenarchitektur, sondern auch bei Damenoberbekleidung oder Tanzmusik zum Tragen kommt. Auch Shopdesign ist Pop. Cornelia Dörries ist Soziologin und freie Journalistin in Berlin.

    Öffentlicher Privatraum

    Center und Stadtraum – geht das zusammen? Ein Neubau in Duisburg und ein 50er-Jahre-Zentrum in Berlin zeigen Potenziale und Schwierigkeiten. | Heike Oevermann Gute Architektur und der Typus Shoppingmall schließen sich nicht aus. Das führen das im September eröffnete Forum Duisburg und seine Architekten Ortner und Ortner vor. Es liegt an der Duisburger Fußgängerzone und greift den existierenden Stadtgrundriss auf – und das bringt offensichtlich neue Spielräume für den Entwurf und für die Realisierung einer Stadtzentrumsmall. Der zuvor von Karstadt und anderen Immobilien besetzte Straßenblock war zu klein für das gesamte Raumprogramm. Forum Duisburg: Das Center präsentiert sich außen mit mehreren Baukörpern. Sie sind durch ein Glasdach verbunden (oben), das Licht ins Innere gelangen lässt (unten). Die Verwaltung des Kaufhauses wurde in einen Neubau im Nachbarblock ausgelagert, und auch eine zweite Anlieferung wurde dort geschaffen, die sich geschickt in die untergeordneten Seitenstraßen einfügt. So zwangen schon die existierenden Stadtstrukturen dazu, etwas mehr Kleinteiligkeit als üblich zu schaffen. Schon die in den Hauptbau eingebundene Altbaufassade macht deutlich, dass der Block gestalterisch parzelliert ist – ungewöhnlich für diesen Bautyp. Die Baukörper fürs Einkaufen unterscheiden sich in den Fassaden durch Material, Profil und gestalterische Elemente. Sie sind, ähnlich den alten Pariser Passagen, durch eine verglaste Überdachung verunden. Der Komplex präsentiert sich als zusammengefügtes Ensemble und nicht als hermetischer Block. Sein differenzierter Maßstab wirkt aus dem Stadtraum heraus bis nach innen. Zudem behielt der anderswo oft vernachlässigte Stadtraum selbst an der Rückseite des Centers seine Verhältnismäßigkeit. Haupt- und Nebenbau sind durch einen gläsernen zweigeschossigen Brückengang verbunden, der schon aus den Seitenstraßen heraus Gutes erahnen lässt. Er erinnert an die vielen Brückengänge, die Bauten in den historischen Städten von jeher verknüpft hatten. Allerdings ist die Aufnahme eines vorhandenen oder früheren Stadtgrundrisses kein Patentrezept. Das zeigt ein anderes Beispiel: die Potsdamer Platz Arkaden in Berlin (Innenansicht auf Seite 20). Hier wurde eine gradlinige frühere Straße wiederaufgenommen. So entstand eine Achse mit stur aufgereihten Läden und ohne räumliche Vielschichtigkeit. Da kommt wenig Lust zum Schlendern auf. Anders im Duisburger Forum, wo sich die Verkehrszone um einen Kern herumwindet. Innen und außen an diesem Ring sind Läden unterschiedlicher Größen angeordnet, zwischen denen es je nach Etage unterschiedliche Verbindungen gibt. Selbst die Parketage ist als tiefste Ebene eines Hofes Teil dieses miteinander korrespondierenden Systems. Immer wieder ergeben sich neue Blicke und Perspektiven. Vertikale wie horizontale Aufweitungen der Verkehrszone, unterschiedliche Geh- und Rolltreppen, angedeutete Höfe und Plätze, Brücken, Arkaden und Vordächer greifen das ganze räumliche Repertoire der historischen Stadt auf, verlagern es in den Innenraum und interpretieren es in Material und Form neu. Damit erscheint der Innenraum als ein in den Dschungel des Konsums geschlagener Weg. Er überzeugt durch Abwesenheit von Designschnickschnack, durch das nicht spiegelnde Glas und die gut gestalteten Details und Materialien. Der Konsumtempel wird zur Mallstadt, die ihre Vergangenheit als Disneyland oder Kaufmaschine abgelegt hat. Dennoch bleibt ein etwas muffiges Odeur – buchstäblich, denn es fehlt die frische Luft. Sie fehlt wortwörtlich; Wind, Sonne, Kühle, vielleicht sogar Regen sind auf der Haut nicht spürbar. Und sie fehlt im übertragenen Sinn: Die Frage bleibt, wie städtischer Raum geschaffen werden kann durch ein rund 57 000 Quadratmeter großes Einkaufszentrum mit über 80 überwiegend nach innen konzentrierten Läden, die in einer Hand organisiert sind. Wie können hier die Qualitäten von Straßen und Plätzen als heterogene Kommunikations- und Interaktionsräume entstehen? Die überzeugende Architektur ändert noch nichts am problematischen Nutzungsablauf in jeder Shoppingmall: Reinfahren, Einkaufen und noch mehr Einkaufen, Rausfahren – und alles ohne eine Berührung mit dem Stadtraum. Ein Versuch von 1957 Einen ganz anderen Ansatz der Einbindung in die umgebende Stadt zeigt ein kleines, schon 50 Jahre altes Einkaufszentrum in Berlin, geschaffen zur Internationalen Bauausstellung am Hansaplatz. Dort wurden einerseits gezielt tradierte Formen des historischen Stadtraums – Straße, Block, Parzelle – aufgegeben, andererseits wurde dennoch der Versuch unternommen, offenen städtischen Raum ohne Abgrenzung nach draußen zu gestalten. Das Einkaufszentrum Hansaplatz besteht aus ein- bis zweigeschossigen Einzelbauten, rund um zwei offene Höfe gruppiert. Überdachte Umgänge, leichte Stahlstützen und horizontale Bänder – Dachabschlüsse, Fassadengliederungen und Schriftzüge – verbanden die pavillonartigen Architekturen zu einem offenen Ensemble. Damit wurden fließende Räume geschaffen. Unmerkliche Übergänge führten von Straße und Bürgersteig über Arkade und Hofsituation zu den Ladenlokalen, den Café-Restaurants und dem Theater. Auch der Eingang des zeitgleich entstandenen U-Bahnhofs konnte so integriert werden. Aufenthaltsqualitäten sollten in den unterschiedlichen Außenräumen entstehen. Das Einkaufszentrum sicherte nicht nur die Versorgung des täglichen Bedarfs der umliegenden Bewohner, sondern war auch als Ort des Verweilens, der Begegnung und Kommunikation gedacht. Gemeinsam mit der gegenüberliegenden Kirche und der Bibliothek sollte das Zentrum des Hansaviertels belebt werden. Mit dem gesamten Viertel steht es seit 1995 unter Denkmalschutz. Allerdings sind Läden, Bibliothek und Kirche durch eine große Straßenkreuzung voneinander getrennt. Das sah man in der damaligen Autoeuphorie noch nicht als Problem, doch sprengt es die einzelnen Bereiche des Zentrums auseinander. Auch aus anderen Gründen kann das ursprüng liche Konzept heute kaum noch erfasst werden. Das Einkaufszentrum wurde in den 1970er-Jahren im Osten erweitert. Fassaden, Oberflächen und Schriftzüge sind vielfach umgebaut und verändert. Die Einkäufer, die U-Bahn-Nutzer, die Besucher des am Platz gelegenen Grips-Theaters und auch die Obdachlosen bilden zwar eine heterogene Mischung, aber der vernachlässigte und deformierte Raum bringt sie nicht miteinander in Berührung. Düstere Gänge unter Denkmalschutz Das Einkaufszentrum leidet heute unter Kundenschwund, verschärft durch die geringe Attraktivität in den engen, dunklen, überdachten Außenräumen des 70er-Jahre-Anbaus. Neue Perspektiven sollen ihm zwei Analysen und Entwürfe geben, die in diesem Jahr in der Architekturwerkstatt des Berliner Senats entstanden. Die Büros gmp aus Hamburg und Helm Westhaus aus Berlin haben kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen vorgeschlagen. Stadtbezirk und Denkmalschutzbehörde bearbeiten sie noch, doch Grundtendenzen sind schon deutlich: Der freie Außenraum zur Kreuzung Hansaplatz soll bewahrt bleiben, auch mit den Veränderungen und Erweiterungen der 60er- und 70er-Jahre. Selbst diese fallen inzwischen unter den Denkmalschutz. Er hat allerdings die Problematik der abschreckenden Außenräume erkannt; Weiterentwicklung ist möglich. Es ist jedoch unklar, wie dieses Problem ohne größere Abrisse gelöst werden kann. Gmp will den unattraktiven Außenraum in einen Innenraum verwandeln und damit einem heutigen Center näherkommen. Doch das würde mit hoher Wahrscheinlichkeit keine neue Attraktivität erzeugen, sondern weitere gestalterische Beliebigkeit. Und das denkmalberechtigte ursprüngliche Ensemble, das sich durch den Außenraum von überzeugender Qualität ausgezeichnet hatte, wäre ganz aufgegeben. Gestaltungsspielräume gibt es dagegen an der bisherigen Rückseite des Einkaufszentrums hin zur S- Bahn-Trasse. Unklar bleibt insgesamt, wie die privaten und öffentlichen Eigentümer auf die Vorschläge reagieren. Sie haben für Planer und Behörden keinen gemeinsamen Ansprechpartner. Senat, Denkmalbehörde und Bezirk versuchen jetzt, die einzelnen Eigentümer daran zu erinnern, über welche stadträumlichen Qualitäten dieser Ort im Hansaviertel verfügen könnte – ein langwieriges, aber sinnvolles Prozedere. Wenn es gelingen würde, an die architektonischen Schöpfungen von gestern anzuknüpfen, könnte eine weitere, zur alten ­europäischen Stadt alternative Raumform neue Überzeugungskraft gewinnen. Eine architektonisch überzeugende Gestaltung des Einkaufszentrums könnte hier, anders als die „Mall-Stadt“ in Duisburg, einen wahrhaft städtischen Raum schaffen, in dem man auch gerne einkauft – und nicht zuletzt frischen Wind genießt. Heike Oevermann ist Architektin und lebt im Berliner Hansaviertel

    Die Finanzmarktkrise und wir

    Die Planungs- und Baubranche ist sehr stark konjunkturabhängig. Ohne wirtschaftspolitische Begleitung kann die Finanzmarktkrise für Planer undbauausführende Wirtschaft fatale Folgen haben. DieErklärung der Ursachen der Finanzmarktkrise ist weitestgehend unumstritten: Banken haben freizügig undohne entsprechende Risikoprüfung Kredite für einen überhitzten Immobilienmarkt – insbesondere in den USA – vergeben. Viele Investoren und Bauherren haben dieRisiken, die sie eingingen, nicht erkannt oder wollten sie nicht ernst nehmen. Dabei trifft die Schuld auch den Staat. Die Notenbanken – insbesondere dieamerikanische – haben mit einer Politik des billigen Geldes die Krise mit ausgelöst. Niedrige Zinsen haben einen Investitions- und Konsumboom befeuert und die Aktienkurse steigen lassen. Der Staat und viele private Haushalte haben aufgrund der Illusion dauerhaft steigender Immobilienpreise und Aktienkurse, also der Illusion steigender Vermögen, über ihre Verhältnisse gelebt und über das Einkommen hinaus Konsumausgaben getätigt. Die Finanzmarktkrise hat also durchaus einen realwirtschaftlichen Hintergrund und ist nicht nur das Ergebnis einer aus dem Ruder gelaufenen Finanzwirtschaft. Hinzu kamen Finanzmarktinnovationen, deren Wirkungen dieMarktteilnehmer selbst nicht richtig einschätzen konnten: dieinternationale Verbriefung und Strukturierung von Krediten und mit ihr dieVerschleierung der Risiken. Aus diesem Grund trifft das Platzen der amerikanischen Immobilienblase die gesamte Weltwirtschaft. Banken nehmen nun fast keine Risiken mehr an, der realen Weltwirtschaft fehlen Kredite für Investitionen und Konsumenten reduzieren ihre Ausgaben. DieReaktionen der Politik – Stabilisierung des Finanzmarktes durch Vergesellschaftung der Verluste und Stützung der Konjunktur – sind durchaus geeignet, die realwirtschaftlichen Folgen der Finanzmarktkriseabzumildern. Doch gegen die weltweite Überschuldung von Staaten undPrivathaushalten und einen weltweiten Vermögensverlust können sie nur begrenzt etwas ausrichten. Die Planungs- und Bauwirtschaft ist doppelt betroffen: von einem Finanzsektor, der Immobilieninvestitionen nur noch eingeschränkt finanziert, und von einem Nachfragerückgang privater Haushalte. Das Programm der Bundesregierung „Beschäftigungssicherung durch Wachstums stärkung“ mit einem bunten Strauß an Finanzhilfen undSteueranreizen wird zwar die Konjunktur stützen, aber den Abschwung nicht voll kompensieren können. Die Bundesarchitektenkammer appelliert an die öffentliche Hand, Bauinvestitionen weiter zu forcieren oder möglichst vorzuziehen. Die Privatwirtschaft verschiebt derzeit Investitionsvorhaben. Hierzu muss eine Gegenentwicklung geschaffen werden. Wie lange der Anpassungsprozess der Märkte dauern wird, kann kein Ökonom sicher vorhersagen. Doch eins ist leider gewiss: Die Planungs-und Bauwirtschaft wird im Zentrum der kommenden Rezession stehen. Welche Anpassungsstrategien für Architekten und Stadtplaner gibt es? Zum einem gilt es, die staatlich geförderten Baubereiche, das heißt dieenergetische Gebäudesanierung, zu besetzen. Zum anderen müssen Tätigkeiten außerhalb der Neubauplanung gefunden werden, die von der ­Rezession besonders betroffen ist. In der Krise gilt noch mehr als zuvor: Mit einer klar durchdachten Bürostrategie müssen neue Märkte erschlossen, durch Kalkulation und Controlling muss die Büroeffizienz erhöht und durch Spezialisierung und Netzwerke muss das Leistungsprofil geschärft werden. Dr. Thomas Welter, Referent für Wirtschaft und Gesellschaft der ­Bundesarchitektenkammer