Weitere Informationen

zum Beitrag “Aussichtsreiche Erfindungen”:
  • Forschungsvorhaben der TU Kaiserslautern „Leicht bauen mit Beton – innovative Klebeverbindungstechnik für filigrane Fassadenplatten aus Hochleistungsbeton“ hier
  • Forschungsvorhaben der Bauhaus-Universität Weimar „Glas-Hybrid-Elemente mit transluzenten Zwischenschichten zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäudehüllen“ hier und hier
  • Dissertation “Hochhausfassaden aus Membranen”, Untersuchung transparenter Folien als vorgespanntes Membranentragwerk hier und hier

Gelenkte Lichtblicke

Innovative Jalousien lassen Tageslicht in den Raum und erlauben den Ausblick, weisen aber Hitze und Blendung ab | Von Marion Goldmann Multifunktional: Reflektierende Oberfläche und Krümmung der Lamellen bewirken, dass Tageslicht nahezu blendfrei in den Raum gelenkt wird. Der Frankfurter Architekt und Lichtplaner Helmut Köster bringt es auf den Punkt: „Traditioneller Sonnenschutz kann energetisch höchst kontraproduktiv sein. Er dunkelt den Innenraum ab und erfordert elektrische Beleuchtung, während draußen die Sonne scheint.“ Dies gelte für alle innen liegenden Rollosysteme, Vertikallamellen und farbige Jalousien und sogar für den üblichen, außen liegenden Sonnenschutz – auch in Verbindung mit Sonnenschutzglas. Tageslicht-Lenkjalousien für Fenster und Fassaden transportieren dagegen das natürliche Licht tief in den Raum hinein. Dadurch werden auch weiter vom Fenster entfernt liegende Bereiche mit natürlichem Licht versorgt, was Kunstlicht tagsüber weitgehend überflüssig macht. Gleichzeitig ist in der Nähe der Fenster der Sonnen- und Blendschutz sichergestellt. Die freie Sicht nach außen bleibt ebenfalls erhalten. Sie ist für Nutzer inzwischen genauso wichtig wie die grundsätzlich positive Wirkung von Tageslicht auf das menschliche Wohlbefinden. Aber auch bei den Tageslicht-Lenksystemen gibt es große Unterschiede: Innovative Retrolamellenjalousien leisten Lichteinfall und Wärmeabweisung deutlich besser als herkömmliche Spiegeljalousien. Sie werden vor allem in Bürogebäuden sowie zunehmend in Schulen und Krankenhäusern eingesetzt. Auch für energetisch optimierte Wohnbauten kommen sie infrage, die durch große Glasscheiben in den kühlen Jahreszeiten Energie gewinnen wollen, in denen jedoch im Sommer Überhitzung droht. Neben den weichen Faktoren „Aussicht und Wohlbefinden“ zählt die Gesamtenergieeffizienz des Gebäudes, in die bei Nichtwohngebäuden seit 2006 die Beleuchtung mit einfließt. Je weiter demnach eine Tageslichtlenkjalousie das Tageslicht in den Raum hinein leitet, desto wirtschaftlicher ist das System. Simulationsprogramme ermitteln bereits im Vorfeld, bis zu welcher Raumtiefe die jeweils nutzungsbedingte Mindestbeleuchtungsstärke gewährleistet werden kann. Auf dieser Basis lässt sich die Einschaltdauer des Kunstlichtes berechnen. Das Ergebnis hängt auch von der Lichtdurchlässigkeit der Verglasung ab. Köster erwartet zum Beispiel bei einem hochtransparenten Glas in Verbindung mit einem Tageslicht-Lenksystem eine Stärke von 300 Lux bis zu einer Raumtiefe von zehn Metern. Unterschiedliche Funktionsprinzipien Tageslicht-Lenkjalousien werden in verschiedenen Varianten angeboten. Herkömmliche Spiegeljalousien besitzen konkav geformte und mit einer hoch reflektierenden Oberfläche versehene Lamellen. Um den Blendschutz im unteren Bereich zu gewährleisten, müssen diese Lamellenbehänge dort geschlossen bleiben. Der Tageslichteinfall erfolgt über den oben geöffneten Teil. Doch diese Systeme können den Strahlengang nur zum Teil ausreichend lenken. Hier pendelt die Strahlung zwischen den Lamellen so lange hin her, bis sie entweder nach außen oder innen reflektiert oder an den Lamellen absorbiert ist. Dadurch aber heizt sich der Behang beziehungsweise die Fensterzone stark auf. Das ist vor allem energetisch unwirtschaftlich, da auch diese Wärme über die Kühlung wieder abgeführt werden muss. RetroFlex Lichtlenklamellen: Besitzen eine ­mikrostrukturierte, spiegelnde Oberseite als Retroreflektor, der einen fokussierenden Fresnell-Spiegel mit Lichtlenkung zurück nach außen bildet. Mit der Retrotechnik fand Köster schon Mitte der 1990er-Jahre eine Lösung, die sich aufgrund der energetischen Vorzüge jetzt im Markt durchsetzt: eine aus zwei Teilstücken bestehende Lamelle, deren nach außen gerichteter Teil w-förmig gekantet ist. Diese Form bewirkt eine gezielte Reflexion des Lichts: Während die solare Wärmestrahlung nach außen zurückgelenkt wird, transportiert das nach innen gerichtete Lichtlenkteilstück die diffuse Strahlung in den Raum hinein. Köster: „Wir können genau steuern, wie ein Raum zu einer bestimmten Tages- oder Jahreszeit mit Tageslicht ausgeleuchtet ist.“ Dadurch wird die Energiebilanz der Fassade präziser berechenbar, gleichzeitig bieten die Retrolamellen eine hohe Präzision in der Lichtführung nach innen. Es gibt sowohl außen- und innenliegende Systeme als auch solche für den Scheibenzwischenraum und für großflächige Dachverglasungen. Je nach Bedarf sind die Oberflächen unterschiedlich beschichtet. Weiterentwickelte Jalousienprofile sind so ausgebildet, dass die geöffneten Lamellen eine weitgehend ungehinderte Aussicht zulassen, jedoch zugleich vor Überhitzung und Blendung schützen. Fehler durch unbedachte Wahl Selbst das beste Tageslicht-Lenksystem nützt nichts, wenn die tangierenden Fachdisziplinen nicht rechtzeitig in den Planungsprozess eingebunden werden. Zwar wenden schon eine Reihe von Architekten die Tageslichtplanung bei ihren Projekten konsequent an. Meist sind es jedoch prominente Bauvorhaben mit höherem Budget, wo auch die Fachplaner von Anfang an involviert sind. Anderswo hingegen fehlen oft umfassendere Kenntnisse. Bei Fortbildungsseminaren wird Köster vor allem gefragt, ob der Sonnenschutz außen liegen müsse oder ob ein innen liegendes System genüge – und ob Sonnenschutzglas erforderlich sei oder eine normale Wärmeschutzverglasung ausreiche. Doch die Tageslichttechnik muss ins energetische Gesamtkonzept eingebunden werden. Die Nutzung von Tageslicht, ohne die Gebäude zu überhitzen, nimmt zunehmend eine Schlüsselstellung ein. Bisher wird aber oft einfach eine Wärmeschutzverglasung mit einem Tageslicht-Lenksystem kombiniert, was so nicht funktioniert: Auch beim innovativsten System bleibt im Fensterbereich minimale Restwärme übrig, die über die Lüftung abzuführen ist. Oft werden zudem Leuchten eingesetzt, die die Nutzung des natürlichen Lichtes erschweren. Fachwissen erwerben Die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sind bisher begrenzt. Architektenkammern bieten das Thema in der Fortbildung an. An Hoch- und Fachhochschulen gibt es aber bisher keinen Masterstudiengang „Tageslichttechnik“. Lediglich einzelne Module innerhalb verschiedener Studiengänge behandeln das Thema. Als Masterstudiengang wird nur „Lichttechnik und künstliche Beleuchtung“ angeboten – eher für Elektroplaner konzipiert und für Architekten zu speziell. Es gibt jedoch einen Lichtblick aus Österreich. Hier hat die Donau-Universität in Krems die Initiative ergriffen. Im Herbst 2010 startet der erste postgraduale Lehr- beziehungsweise Studiengang „Tageslicht-Architektur“, der einen integralen Ansatz verfolgt. Lehrgangsleiter ­Gregor Radinger aus dem Universitätsdepartment für Bauen und Umwelt: „Das erworbene Wissen ermöglicht, ein Haus so zu entwerfen, dass es tageslichtplanerisch und optisch wie energetisch wirklich gut wird.“ Der Abschluss ist nach drei Semestern als „Akademischer Experte“ oder nach vier Semestern als „Master of Science“ möglich.

Aussichtsreiche Erfindungen

Beton, Glas, Membranen: Innovative Produkte aus der Baustoffforschung sind energetisch und wirtschaftlich effektiv – und teils schon einsatzreif | Von Marion Goldmann Textile Formen: Mit Membranen aus ETFEFolie könnten Hochhausfassaden zum Beispiel so aussehen. Für Atrien oder Wintergärten eignen sich diese Formen ebenfalls. Der scheinbar so simple Beton gehört zu den besonders innovationsträchtigen Baustoffen; ständig kommen neue Entwicklungen dazu. Zum Beispiel aus dem Forschungsvorhaben der TU Kaiserslautern „Leicht bauen mit Beton – innovative Klebeverbindungstechnik für filigrane Fassadenplatten aus Hochleistungsbeton“. Hier wurden erstmals glasfaserverstärkte (GFK) Kunststoffanker punktförmig mit Betonelementen verklebt. Das erlaubt den Verzicht auf Edelstahlanker, die Wärmebrücken bilden. Neu ist auch das ­Herstellungsverfahren der nur zwölf Millimeter starken Elemente aus glasfaserbewehrtem Textilbeton. Projektleiter Professor Jürgen Schnell, Fachgebiet Massivbau und Baukonstruktion: „Das Produkt entsteht als hinterlüftete Sandwichkonstruktion im Fertigteilwerk, was kostengünstige groß- und kleinteilige Fassadenplatten mit beliebiger Geometrie möglich macht.“ Ebenso erlauben die verwendeten Feinkornbetone eine hochwertige Oberflächengestaltung mit scharfkantigem, beliebig verlaufendem Fugenschnitt. Neue Verbindung: Hier wurden glasfaserverstärkte Kunststoffanker punktförmig mit zwölf Millimeter dicken Fassadenplatten aus Feinkornbeton verklebt. Textile Membranen verleihen Gebäuden seit eh und je eine extravagante, durch Leichtigkeit geprägte Architektur. Welche gestalterischen Möglichkeiten transparente ETFE-Folien für Hochhausfassaden bieten, hat Piotr Adamczewski für seine Dissertation an der TU Berlin untersucht. Weil die Folien selbst keine wärmedämmenden Eigenschaften besitzen, sollen sie als mechanisch vorgespanntes Membranentragwerk die äußere Wetterschutzschale einer Doppelfassade bilden. Auf Grundlage üblicher Hochhauskonstruktionen und -formen, einer definierten Geschosshöhe sowie über die Art der Vorspannung haben sich sechs völlig unterschiedliche Formen ergeben. Adamczewski: „Diese Vielfalt hat mich selbst überrascht.“ Für jede der Varianten wurde eine Spannungs- und Verformungsanalyse erstellt und die Anschlussdetails wurden überprüft. Vorteil der Membranen ist ihr geringes Gewicht, entsprechend leicht darf deshalb auch die Unterkonstruktion sein. Zwar sind die Vorschläge bislang Theorie geblieben, sie ließen sich aber alle realisieren. Stand der Forschung: Diese Wärmestromsimulation zeigt, wie das Glas-Hybrid- Element für Fassaden oder Dächer aufgebaut sein könnte. Glas zählt zu den Baustoffen mit dem derzeit höchsten Entwicklungspotenzial. Im Rahmen der Forschungsinitiative „Zukunft Bau“ läuft an der Bauhaus-Universität Weimar ein Projekt mit dem Titel: „Glas-Hybrid-Elemente mit transluzenten Zwischenschichten zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäudehüllen“. Gegenüber den üblichen Mehrscheibenverglasungen will man mit dieser Materialkombination das Gewicht deutlich reduzieren. Daneben sollen bei den für Dach und Fassade einsetzbaren Elementen unter anderem der Grad der Transluzenz wählbar sein sowie unterschiedliche Geometrien und Farbvarianten kreative architektonische Entwürfe nach sich ziehen. Angeschoben hat dieses Projekt materialtechnisch gesehen eher ein Außenseiter: Frank Werner, Professor für Stahlbau an der Fakultät Bauingenieurwesen, glaubt schon lange, dass neben der Verbindung von Stahl und Glas auch andere Kombinationen möglich sein müssen. Zukunftsfähige Konstruktionen sollten leichter sein und die Wärme besser dämmen. Neben Werner verantwortet Andrea Dimmig-Osburg, Juniorprofessorin für polymere Bindemittel und Baustoffe, den Kunststoffpart in dieser Kooperation. Der Prototyp des Glas-Hybrid-Elements soll bis 2011 hergestellt sein; untersetzt mit allen technischen Kennwerten, die eine Serienproduktion erfordert. Dem interdisziplinär besetzten Projektbeirat gehören auch Architekten an. Dimmig-Osburg: „Die Zusammenarbeit mit Architekten ist für uns sehr wichtig, denn wir müssen natürlich auch die Knackpunkte beim Entwurf kennen.“

Innovative Baustoffe und Wärmepumpen, die regenerative Energien immer effizienter nutzen

Fassadenintegrierte Dünnschichtmodule Die erste Solar-Fassadenanlage von Bosch ist jetzt am Kaufhaus Schwager im Zentrum von Holzminden (Niedersachsen) ans Netz gegangen. Die Planung und Errichtung solcher Fassadenanlagen erweitert zukünftig das Angebot des Projektvertriebs von Bosch Solar Energy. Die Photovoltaik-Anlage mit einer Leistung von 21 kWp wurde im Zuge der Fassadenneugestaltung und Dämmung mit einem WDV-System montiert. Die alte Vorhangfassade stammte aus den siebziger Jahren, sie war dringend sanierungsbedürftig und kaum wärmegedämmt. Die an der 300 Quadratmeter großen Südfassade installierten CIS-Solarmodule von Johanna Solar Technology zeichnen sich durch edles Design, attraktive Erträge und eine hochwertige Verarbeitung aus. Sie sind um zehn Grad zur Sonne geneigt und können so eine höhere Leistung erzielen – hier sind es 19.000 kWh Strom im Jahr. Um eine Hinterlüftung zu erreichen, wurden die Rücksprünge zwischen den Modulen mit beschichteten Aluminium-Lochblechen verkleidet und die Fassade zusätzlich durch eine Aluminium-Rahmenkonstruktion seitlich gerahmt. Die Johanna Solar Technology GmbH, seit Dezember 2009 Tochtergesellschaft der Bosch-Gruppe, entwickelt und fertigt innovative Dünnschicht-Solarmodule auf Basis der CIS-Technologie. Bei dieser Technik wird nicht Silizium als Halbleiter verwendet, sondern eine chemische Verbindung aus den Elementen Kupfer, Indium, Gallium, Schwefel und Selen. www.bosch-solarenergy.de Dachpfanne mit integrierten Solarkollektoren Den Dachziegelwerken Nelskamp ist es gelungen, solarthermische Kollektoren in Form und Farbe nahezu unsichtbar an Dachziegel anzupassen. Dadurch bleibt die gewohnte Optik einer Ziegeldeckung erhalten. Das System nutzt die Wärme der Umgebungsluft für Heizung und Warmwasser und besteht aus Wärmepumpe und Wärmetauscher. Selbst wenn die Sonne nicht scheint, gewinnen die Kollektoren thermische Energie durch die Umgebungswärme aus der Luft: Eine spezielle Flüssigkeit durchströmt sie mit einem Temperaturunterschied von sechs bis zehn Kelvin und nimmt über den natürlichen Prozess der Wärme-Egalisation Energie auf. Im Sommer lässt sich diese Funktion auch umkehren – dann arbeitet die Wärmepumpe als Kühlsystem. Der Hersteller bietet die Kollektoren zunächst für das Dachziegelmodell Finkenberger Pfanne. www.nelskamp.de Neue Wärmepumpen-Generation Das ostwestfälische Unternehmen Remko hat eine neue Wärmepumpen-Generation mit einer sogenannten SuperTec-Inverter-Technologie auf den Markt gebracht, die sowohl über eine Heiz- als auch über eine Kühlfunktion verfügen. Herzstück der Anlage ist der Wärmepumpenmanager „Multitalent“, der im Alleinbetrieb oder in Verbindung mit anderen Heizsystemen für einen äußerst sparsamen Betrieb sorgt. Die Steuerung ermöglicht die Anbindung von mehreren externer Wärmeerzeuger, Brauchwasserbereitung, Kühlfunktion, Solarregelung und viele andere Funktionen mehr. Die Menüführung erlaubt eine einfache, intuitive Bedienbarkeit des Systems. Mit einer Fernbedienung, die in Funk- oder Kabelausführung lieferbar ist, kann die Steuerung von jedem beliebigen Ort aus erfolgen. Aktuell sind vier Gerätetypen mit Heizleistungen von 3,5 bis 16 kW (Kühlleistung: 3,3 bis 14 kW) erhältlich. Sie bestehen jeweils aus einem sehr leise arbeitenden Außenmodul und einem designorientierten Innenmodul in Wand- oder Standausführung. www.remko.de Strom von der Fassade StoVerotec Photovoltaic liefert nicht nur umweltfreundliche Energie, sondern bietet auch architektonisch neue Lösungen: Das in eine vorgehängte, hinterlüftete Fassade integrierte System lässt sich mit hochwertigen Oberflächen wie Glas, Naturstein oder Putz kombinieren. Für die auf dünnschichtiger CIS-Technologie basierenden Fassadenpaneele stehen verschiedene Glasfarben in feiner Nadelstreifenoptik zur Wahl. Da die Elemente unsichtbar an der Unterkonstruktion befestigt werden, sind von außen keine Befestigungspunkte zu sehen. Die Konstruktion ist zudem sehr wartungsfreundlich: Für Kontroll- und Reparaturarbeiten lassen sich die Module einzeln abnehmen oder tauschen, der Luftspalt zwischen Dämmung und Paneelen erlaubt einen einfachen, nicht sichtbaren elektrischen Anschluss an das Stromnetz. Abhängig von der Lage des Gebäudes und der Ausrichtung der Fassade ist ein jährlicher Stromertrag von 55 bis 80 Kilowattstunden pro Quadratmeter PV-Modul möglich. www.verotec.de

Dynamische Großform

Der Tag der Architektur beginnt im neuen Kieler Fährterminal – einem Bau, der mehr von Bewegung erzählt als manche Schiffe | Von Claas Gefroi Schiffshaus und Hausschiff: Maritim sind die Formensprache, das Ambiente und die Nutzung des Kieler Fährterminals, in dem der Bundesauftakt des Tages der Architektur stattfindet. „Horizonte“: Das Motto des diesjährigen Tages der Archiektur konnte nur in Kiel geboren werden. Die Stadt ist ganz von der Horizontalen geprägt, dem hohen Himmel, dem weiten Meer. Nur das Rathaus, einige Kirchen und Bürohäuser wagen sich in eher moderate Höhen. Und dennoch gibt es in dieser Stadt eindrucksvolle vertikale Dominanten – sie kommen und gehen freilich Tag für Tag. Es sind die großen Skandinavienfähren und Kreuzfahrtschiffe, die am Förde­ufer direkt an der Innenstadt festmachen, um Hunderte Passagiere und Autos auszuwerfen oder aufzunehmen. Laufen diese Giganten ein, dann wird Weite mit einem Mal zu Enge, Waagerechtes zu Senkrechtem. Die heutigen Schiffsriesen überragen mit bis zu 60 Metern Höhe die meisten Bauten der Stadt und gehören deshalb zum Stadtbild wie Rathaus und Nikolaikirche. Der Fährverkehr hat hier Tradition: Bereits 1780 gab es eine regelmäßige Schiffsverbindung nach Kopenhagen; im 19. Jahrhundert kam die Route nach Oslo (das damals noch Kristiania hieß) hinzu. 1961 ging mit dem Oslokai unterhalb des Schlosses der erste moderne Fährterminal Kiels in Betrieb. Von Anfang an waren die Planer auf eine pittoreske Wirkung aus: „Kiel wird eine besondere Attraktion besitzen, wenn große Fährschiffe mitten in der Innenstadt liegen“, meinte beispielsweise Stadtbaurat Klaus Müller-Ibold. Und der norwegische Reeder Anders Jahre verlangte, der Anleger müsse in einem Umfeld liegen, das „… den landschaftlichen und städtebaulichen Reizen der Hafeneinfahrt und der Liegeplätze in Oslo gleichkommt“. Auch der zweite Fähranleger, der 1981 am Bollhörnkai entstandene Schwedenkai, liegt unmittelbar am Stadtzentrum. Doch die Umnutzung der westlichen Uferkante ging nicht ohne Blessuren ab: Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Kleine Kiel, der einst die Altstadt umfloss, in weiten Teilen zugeschüttet und seine Verbindung zur Förde auf unterirdische Röhren reduziert. Durch den Bau des Schwedenkais wurde der Bootshafen, die südliche Verbindung des Kleinen Kiels mit der Förde, vom Meer räumlich abgetrennt und fristet seitdem als dreieckiges, von Mauern eingefasstes Becken ein trauriges Dasein. Modernisierung am Schwedenkai Das Fähr- und Kreuzfahrtgeschäft jedoch boomt und Kiel etablierte sich in den letzten Jahren immer mehr als der deutsche Ostseehafen. Es entstanden mit dem Norwegen- und Ostseekai zwei neue Terminalgebäude. Die Stena-Line, deren Schiffe vom Schwedenkai Richtung Göteborg starten, wünschte zudem einen Um- und Neubau des Schwedenkais für zwei moderne RoPax-Schiffe (Kombifähren), die jeweils über 4 000 Spurmeter für Lkw und Pkw besitzen und 1 000 Passagiere transportieren können. Der Betreiber der Ter­minals, die städtische Firma „Seehafen Kiel“, investiert hierfür 30 Millionen Euro. Dafür werden die Betriebsflächen logistisch optimiert und erweitert sowie der Eisenbahn­anschluss ertüchtigt. Zur schnellen Be- und Entladung der Fahrzeugdecks wird eine neue RoRo-Brücke installiert. Und schließlich: Das alte, unauffällige Terminalgebäude von FO Arkitektkontor aus Göteborg musste einem Neubau des Büros KSP Jürgen Engel Architekten weichen. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe, denn ein Neubau ist billiger als die Modernisierung des Bestands. Teil der Rechnung ist aber auch das so möglich gewordene neunstöckige Bürohochhaus, das sich über den drei Ebenen des Terminals erhebt und der „Seehafen Kiel“ zusätzliche Mieteinnahmen beschert. Das Hochhaus macht auch gestal­terisch Sinn: Erst die Gesamthöhe von über 43 Metern ­verschafft dem Gebäude genügend Geltung, damit es sich neben den Schiffsriesen behaupten kann. Die Architekten haben sich viel Mühe mit der städtebaulichen Einbindung gegeben: Die quer zum Kai errichtete Hochhausscheibe markiert einen Eingang zur Altstadt; sie verbindet optisch die Stadt mit dem Hafen und gewährt weiterhin den Blick von der City auf das Wasser. Die Teilung in verschiedene Baukörper macht die unterschiedlichen Funktionen nach außen anschaulich und erleichtert die Orientierung. Der großzügig verglaste Terminal bildet den Sockel. Dort werden die Besucherströme elegant verteilt und gelenkt: Im Erdgeschoss findet die Abfertigung der Lkw statt. Die oberen beiden Etagen für Passagierabfertigung und Verwaltung ragen als aufgeständerter Riegel weit nach Osten und überspannen Fahrspuren und Bahngleise. Sie werden noch mittels gläserner Brücken mit der Innenstadt und den Schiffen verbunden. Darüber erheben sich die Bürogeschosse in einem zu einem Parallelogramm verschobenen Baukörper. Empfangen statt abgefertigt: Das Innere des Terminals (Rendereing) will die Ankommenden freundlich begüßen - und lässt die Sonne ein, wann immer sie über Kiel scheint. Das Prinzip kennt man schon vom am Hamburger Elb­ufer gelegenen „Dockland“ der Architekten Bothe Richter Teherani. Doch während dort das Gebäude quasi als Yacht in See stechen will, bleibt die Schiffsmetapher beim Kieler Bürohaus eher dezent. Gleichwohl ergibt sich auch hier das Problem, dass die dynamische Großform anachronistisch wirkt in einer Zeit, in der Fähren und Kreuzfahrtschiffe wie schwimmende Kühlschränke die Meere durchpflügen. Eine feine Idee ist es, die verschiedenen Gebäudeteile mittels eines umlaufenden, mäandrierenden Bandes zusammenzuhalten. Es sollte ursprünglich einen subtilen Kontrast zu den komplett gläsernen Fassaden bilden. Aus Kostengründen wurden jedoch im Bürohaus statt der geplanten bodentiefen Fenster Brüstungs- und Fensterbänder verbaut, was dem Gebäude viel von seiner zeichenhaften Wirkung nimmt. Immerhin konnten die Architekten die vom Bauherrn gewünschten geschlossenen Fensterflächen auf die Innenseite der Verbundfenster hinter den durchlaufenden Sonnenschutz verbannen, wodurch der Eindruck von Lochfassen vermieden wird. Das Innere war bei Redaktionsschluss noch nicht aus­gebaut und somit kaum zu beurteilen. Die sich über zwei ­Ebenen erstreckende große Abfertigungshalle des Terminals mit Check-in, Warte- und Sicherheitsbereichen für bis zu 500 000 Passagiere jährlich wird komplett dem Corporate Design des Hauptnutzers, der Stena-Line, angepasst. Dass die Decken mit ihrem Haustechnikdurcheinander wiederum zur Kostenreduktion unverkleidet blieben, ist für die Architekten schmerzhaft. Den Bauherrn indes kümmert es nicht, denn – so sein Kalkül – die Passagiere lassen den Blick voll Vorfreude ohnehin nur nach draußen, über Wasser und Schiffe schweifen. Das Argument ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, denn der Ausblick ist tatsächlich wunderbar. Ihn können aber nicht nur die Reisenden genießen, denn auf dem Dach des Terminals entsteht in 12,5 Metern Höhe eine öffentliche Aussichtsterrasse mit einem Restaurant. Sie versöhnt den Kritiker mit einem hervorragend geplanten ­Gebäude, das durch den Druck zur Kostenreduktion in der Ausführung nicht immer überzeugt. Hier oben bekommt der Bau eine neue Qualität. Wenn Architektur es schafft, jedermann – auch Menschen, die sich keine Passage nach Oslo oder Göteborg leisten können – neue Horizonte zu öffnen, die Welt neu zu betrachten, dann hat sie viel erreicht. Und deshalb ist der Terminal Schwedenkai von KSP Architekten eine gute Wahl für den Auftakt zum Tag der Architektur. Claas Gefroi ist Presse- und Öffentlichkeitsreferent der Architektenkammer Hamburg und freier Autor

Veranstaltungen und Objekte

Zum Bundesauftakt in Kiel am 25. Juni mit geladenen Gästen sprechen unter anderem die Kammerpräsidenten in Bund und Land, Arno Sighart Schmid und Uwe Schüler, der Berliner Baustaatssekretär Jan Mücke sowie last not least der Terminalarchitekt Jürgen Engel. Öffentliche Landesauftakte veranstalten am selben Tag zwei Länder. Schauplatz in Mecklenburg-Vorpommern ist der Stadthafen von Malchow von Steidle und Partner mit Torsten Löber (beide Berlin). In Sachsen-Anhalt ist der Auftakt zugleich das Sommerfest der Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten; das Doppelfest findet auf der Landesgartenschau Aschersleben statt. Schon ab dem 19. Juni läuft im Berliner „Stilwerk“ die Begleitausstellung zum Tag der Architektur mit dem Titel „da! Architektur in und aus Berlin“. Informationen aus allen Ländern gibt es hier. Bunte Vielfalt Auswahl aus Bauten, die zum Tag der Architektur gezeigt werden: [Zeige Bilder-Liste] Es wird der Adobe Flash Player benötigt und im Browser muss Javascript aktiviert sein. var so32_1 = { params : { wmode : "opaque", allowfullscreen : "true", bgcolor : "#000000"}, flashvars : { file : "http%3A%2F%2Fdabonline.de%2Findex.php%3Fcallback%3Dimagerotator%26gid%3D32", showicons : "false", overstretch : "true", rotatetime : "7", transition : "fade", backcolor : "0x000000", frontcolor : "0xffffff", lightcolor : "0xcc0000", width : "540", height : "400"}, attr : { styleclass : "slideshow", name : "so32"}, start : function() { swfobject.embedSWF("http://www.architektenblatt.com/wp-content/plugins/nextgen-gallery/imagerotator.swf", "so32_1", "540", "400", "7.0.0", false, this.flashvars, this.params , this.attr ); } } so32_1.start();

Kohlenwäsche und Designstadt

Die Zeche Zollverein in Essen feiert sich als zentraler Ort der Kulturhauptstadt Ruhr. Hier fokussieren sich aber auch die Probleme der Neuerfindung eines Ortes | Von Heike Oevermann Zum Auftakt des Kulturjahres wurde in der ehemaligen Kohlenwäsche das alte Ruhrlandmuseum als Ruhr Museum eröffnet. Das Gebäude fungiert schon seit 2006 als Ort der Information im weitläufigen Zechengelände und ist nun ­Ankerpunkt in der unübersichtlichen, kaum erfahrbaren „Hauptstadt“ Ruhr. Radikal modernisiert und räumlich umfassend umgebaut wurde es in mehreren Bauabschnitten durch die Büros OMA, Rotterdam und Böll/Krabbel, Essen. Die Innengestaltung schuf hg merz aus Berlin und Stuttgart. Wer eintritt, gelangt auf eine feuerorange Rolltreppe, die in die oben gelegene Eingangsebene fährt. Als entfernbares Element wird sie dem Denkmalschutz gerecht, atmosphärisch spricht sie von der Zukunft. Geschichte auf drei Maschinenebenen Auf der 24-Meter-Ebene empfängt den Besucher der raue Charme alter Maschinenanlagen. Weit hinten lockt das Feuerorange einer weiteren, der zentralen Treppe. Wie früher die Lichtstreifen der Schlote der Stahlfabriken am Nachthimmel leuchtet die Treppe in die Ausstellungsräume. Hier darf der Besucher nun endlich im Museum dem alten Weg der Kohle folgen – Maschinenebene für Maschinen­ebene. In der Bewegung nach unten und in dem dunkel gehaltenen Licht der wie Schätze ausgestellten Objekte zeigt sich die Kohlenwäsche als ein faszinierendes und atmosphärisch aufgeladenes Heimatmuseum. Glühendes Museum: Auf der Rolltreppe des Ruhr Museums fühlt man sich in die Bandbrücken der Kohlenförderbänder versetzt. Auch „Gangway“ genannt, soll die neue Erschließung des Baus mehr als nur funktionalen Erfordernissen genügen. Unten: Das Kunstprojekt „Werkschwimmbad“ in der Kokerei Zollverein von Dirk Paschke und Daniel Milhonic. Im Museum wird auf drei Ausstellungsebenen eine Geschichte des Ruhrgebietes vermittelt, die in den Urzeiten der Steinkohleentstehung beginnt und mehr Facetten aufweist als die bekannte Industrialisierung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts samt Niedergang und notwendigem Strukturwandel. Von römischen Okkupationen, Kriegen zwischen Franken und Sachsen, Verlagswesen und Buchdruck und ihren prägenden Einflüssen werden Zeugnisse präsentiert – und schaffen eine neue Sicht auf bekanntere Objekte und Bilder aus der Gegenwart. Die gliedernden Kategorien der Ausstellung heißen „Gegenwart“, „Gedächtnis“ und „Geschichte“ – sie finden sich auch in der Architektur wieder. Natur- und Kulturgeschichte, Wirtschafts-, Technik-, Politik- und Sozialgeschichte werden zusammengeführt. Kultur wird hier als Organisationsform und Produkt des gesellschaftlichen Lebens und Arbeitens verstanden. Auch Architektur ist hier, unabhängig von ihrer ästhetischen Qualität, Ausdruck der jeweiligen Kultur. Bezieht man die Industriekultur ein, ist das Ruhrgebiet mit seinen Siedlungen, Industriebauten und technischen Anlagen eine kulturell bedeutende Region. Davon erzählen Bau und Inhalt des Ruhr Museums. Und doch schleichen sich auch Zweifel an der Selbstbeschreibung des Ruhrgebiets als „kreativ“ und „kulturell“ ein. Die mantraartige Wiederholung vom gelungenen Strukturwandel, das Wissen um die leeren Haushaltskassen in Essen und ringsum und nicht zuletzt die architektonische und programmatische Neuerfindung des Ortes werfen auch Fragen und Sorgen auf. Der Strukturwandel ist bisher nicht gelungen – das macht das Museum teils unfreiwillig deutlich, das Fußball, Taubenzüchtervereine, Schimanski, Bergbausiedlungen und weiteres Bekanntes als Gegenwart der Region ausweist und auszeichnet. Doch auch bei den architektonischen Eingriffen gibt es zwei kritische Punkte: Zum einen wird die überlieferte Substanz durch die Umnutzungen massiv verändert. Von der ehemals überdachten Maschine „Kohlenwäsche“ ist wenig geblieben. In der Fassade findet sich kaum mehr ein alter Stein oder ein altes Stahlteil. Neue Decken wurden eingezogen, Teilabrisse vorgenommen – so am Rohkohlebunker – und viele Maschinen wurden entfernt. Aber kann eine Maschinenanlage ein Museum beherbergen und kann ein Museum wie eine Kohlenwäsche aussehen? Oder anders gefragt: Können Architekten einen Ort neu erfinden und dennoch seine authentische Substanz umfassend erhalten? „Erhaltung durch Umnutzung“ erfordert gerade bei den Industriedenkmalen schwierige Kompromisse. Auf der Zeche entsteht eine eigene Welt Der zweite kritische Punkt: Zeche und Stadtteil drohen sich voneinander abzulösen. Die umliegenden Quartiere haben sich in enger Abhängigkeit von der Zeche und der Kokerei entwickelt. Mit deren Stilllegung in den 1980er- und 1990er-Jahren wurde diese Verbindung abgeschnitten. Seit etwa zehn Jahren wird verstärkt auf Akteure, Programme und Architekturen gesetzt, die wenig mit dem vergangenen Alltag verbindet. Das zeigt auch die „Zollverein School“ des japanischen Architekturbüros Sanaa von 2006. Außerdem werden einige temporäre Bauten als Raumangebote für Gründer am Schacht 1/2/8 realisiert. 2007 hatte es dafür einen Wettbewerb für „mobile working spaces“ gegeben, aus dem jetzt fünf Entwürfe realisiert werden. Die Stiftung Zollverein verspricht durch die neuen Nutzer Belebung der umliegenden Stadtteile. Studenten, Besucher und Lehrende sollen hier wohnen, ausgehen und einkaufen. Gleichzeitig wird aber auf Zollverein eine eigene Welt geschaffen, die in der Vision der „Designstadt“ am einstigen Schacht 1/2/8 einen ehrgeizigen Namen erhalten hat. Essen und das Ruhrgebiet vertrauen seit mehr als einem Jahrzehnt auf Kultur und Kreative. Doch an Zollverein 2010 wird sichtbar, wie schwierig an solchen Standorten die Neuerfindung eines städtischen Kerns ist. Zudem stehen zeitgenössische Bau- und Nutzungsformen in der Kritik, weil sie sich vom Überkommenen entfernt haben. Mit beidem zeigt sich das chronische Dilemma der Region: Das Alte taugt nicht mehr – und das Neue tut sich bislang schwer, hier Fuß zu fassen. Beispielsweise scheint das Ruhr Museum mit seinem Bezug zur regionalen Vergangenheit auch architektonisch beim breiteren Publikum deutlich besser anzukommen als der exotisch anmutende Bau von Sanaa. Der Besucherandrang ist ein Zeichen dafür, dass Bau wie Programm für die Menschen vor Ort ebenso wie für die neuen Akteure attraktiv ist. Heike Oevermann lehrt und forscht über Stadtentwicklung und Kulturerbe

Stilvoll schrumpfen

Können Städte kleiner werden und dabei gewinnen? Die IBA Sachsen-Anhalt zeigt, wie das mit zäher und sensibler Vor-Ort-Arbeit geht – aber auch, wie aufgepfropfte Konzepte scheitern. |Roland Stimpel „Wir stehen früher auf“ heißt der Werbeslogan Sachsen-Anhalts: leistungsbetont, aber etwas lustfeindlich. In keinem anderen Bundesland nimmt die Einwohnerzahl so stark ab. Gut 2,3 Millionen Menschen leben hier heute; nur noch 1,3 Millionen sind für 2060 vorausgesagt. Nirgendwo sonst sind die Bürger schon jetzt so alt, im Schnitt 46 Jahre. Und kaum ein anderes Land bietet so wenige Jobs und zwingt so viele zum Abwandern. Das merken vor allem Städte, die von Industrie und Bergbau geprägt waren. Schon in den letzten zwanzig Jahren ist die Zahl der Bürger in einigen um ein Drittel gesunken. Darum sind Sachsen-Anhalts Städte früher als andere aufgestanden, um aus dem Schrumpfen das Bestmögliche zu machen. Das Resultat zeigen in diesem Jahr 19 Städte unter dem Dach der Internationalen Bauausstellung (IBA), koordiniert von der Landesregierung und dem Dessauer Bauhaus. Unter den 19 IBA-Städten kommen mit dem Schrumpfen am besten die zurecht, die sich auf lokale Kräfte und die Stärkung ihres Kerns fokussieren. Deutlich schwächer sind intellektuelle und abstraktere, von außen übergestülpte Leitmotive und Projekte. Und auch wenn es nach Klischee klingt: Relativ erfolglos war ein traditioneller, eher männlicher Planungsstil – mit großen Zielen und Visionen beginnen, sich dann ans Durchsetzen machen und gegen lokale Widerstände und Widrigkeiten möglichst obsiegen. Auf der anderen Seite sind die erfolgreichsten IBA-Akteure Frauen mit situationsgemäßem Planungsverständnis, die in kleinen Städten mit vielen kleinen Schritten moderieren und kommunizieren, die auf lokale Eigenkräfte setzen statt auf finanziellen oder intellektuellen Segen von draußen. Alles in die Mitte Zum Beispiel Ria Uhlig. Aschersleben, wo sie Baudezernentin ist, hat für die Anpassung seiner Kernstadt von einst über 35 000 auf jetzt 25 000 Einwohner ein klares Konzept: „Von außen nach innen“. Draußen ist das erste Plattenbaugebiet bis auf wenige Häuser beseitigt. Drinnen, wo 63 Hektar unter städtebaulichem Denkmalschutz stehen, werden dagegen neue Wohnungen gebaut: ein paar Reihenhäuser von Privaten, Mietshäuser der städtischen Gesellschaft und einer Genossenschaft. Sie sind nach örtlichem Maßstab teuer, aber begehrt wegen des Umfelds, wegen der Architektur und des Komforts. Einzelhändler wie Aldi und Netto haben in der Stadt neu gebaut und dafür Graue-Wiese-Märkte der Nachwendezeit aufgegeben. Trotz der Verdichtung wird die Innenstadt auch noch grüner: Am Flüsschen Eine gibt es eine neue Promenade. Und das brachgelegene Areal der einstigen Papierfabrik Bestehorn ist jetzt das Zentrum der Landesgartenschau, die am 24. April eröffnet wird. Am 25. Juni eröffnet darin die Architektenkammer des Landes ihren Tag der Architektur. Kammerpräsident Ralf Niebergall diente Aschersleben als beratender und selbst planender „IBA-Pate“. Nach der Gartenschau konzentriert Aschersleben hier, was die Stadt wie alle anderen am dringendsten braucht: Bildung. Fünf freie und staatliche Schulen finden am Bestehornpark Platz. Auch sie kommen teilweise vom Stadtrand. Mit seiner im Prinzip einfachen, konsequent verfolgten Strategie schafft Aschersleben das Schrumpfen ohne Ausdünnen – stattdessen sogar mit Verdichtung im Inneren. Es lenkt alle Kräfte in seinen Kern, die vom Stadtrand und von außerhalb. Ria Uhlig setzt auf lokale Eigendynamik, nicht auf hohe Förderung: „Wenn man viel Geld hat, kann man auch viel kaputt machen.“ Subventionen bezeichnet sie gar als „Droge, die Abhängigkeit schafft und nicht befreit“. Nur wer sich selbst helfe, dem helfe auch Unterstützung von außen: „Unseren Umbauprozess hatten wir ohnehin. Die IBA sattelt da oben drauf.“ Sie habe aber neue Qualitäten hineingebracht – „durch das Nachdenken über Dinge, die sonst im Alltag untergehen. Wir allein hätten uns dafür die Zeit nicht nehmen können.“ Ästhetisieren: An einer Autopiste nahe der Altstadt füllt Aschersleben Baulücken mit Kunst, etwa von Christopher Winter. Staßfurt hat an den Ort seines durch Bergbau zerstörten Stadtzentrums einen 4 500 Quadratmeter großen See mit Uferpark gesetzt, entworfen vom Berliner Landschaftsarchitektenbüro Häfner + Jimenez. Landschaftliche Tugend statt urbaner Not – aber keine „Neue Mitte“, wie der See auch genannt wird. Das anfangs plakativste IBA-Projekt verbesserte nicht die Struktur, sondern die Optik: die sogenannte „Drive Thru Gallery“. Großbilder anstelle von Baulücken an der aggressivsten Verkehrsschneise der Stadt. Die Galerie gehört zu einer anderen Gruppe der IBA-Projekte: denen, die den Blick auf ein verschwundenes Stück Stadt lenken wollen und bei denen die Bauausstellung eher eine Abbauausstellung ist. Das ist in Aschersleben allerdings nur ein Nebenthema. Dagegen dominiert es die Schau im nahen Halberstadt. Dessen Zentrum wirkt sehr schütter, seit die Kriegsbomben fielen und der Wiederaufbau, freundlich gesagt, sehr aufgelockert vor sich ging – oder, unfreundlich ausgedrückt, in Quantität und Städtebauqualität ärmlich. Auch die Nachwendeimpulse waren nicht stark genug, um das grundlegend zu ändern. Daraus leiteten die Dessauer und die lokalen Halberstädter Ausstellungsmacher ein unorthodoxes Konzept ab: Die Stadt widmet sich „inhaltlich, wahrnehmungsbezogen und gestalterisch dem offensiven Umgang mit der physischen Leere“. Geradezu lustvoll rufen sie die „Ästhetik der Leere“ aus, definieren „Leere als konstitutionelle Ressource“ und propagieren die „Kultivierung der Leere“. Ein „Trainingspfad des Sehens“ soll mit „szenografischen Interventionen“ Leere zeigen; auf einer „Sehbrücke“ lenken Ringe und Fernrohre den Blick auf diese oder jene Leerstelle. In einem stillgelegten Stadtbad gibt es allerlei Veranstaltungen – natürlich ist das Becken leer. Nichts von der Halberstädter Leere wurde zur Bauausstellung mit Neubauten gefüllt. Und die Stadt gesteht auf ihrer Website Schwächen bei der Popularisierung des Nichts: „Eines der herausragenden Probleme ist die Einbeziehung einer breiten Basis in die Projekte.“ Es sei „schwierig genug, das Thema selbst verständlich zu machen und ein allgemeines Interesse zu wecken“. Sanieren: Sangerhausen definiert und pflegt erhaltenswerte Teile seiner Nachkriegssiedlungen. Das Haus „Am Bergmann“, in den 1950ern in gedämpftem Stalin-Stil für Bergleute errichtet, wurde zur IBA denkmalpflegerisch, energetisch und behindertenfreundlich zugleich saniert – von den Hallenser Architekturbüros Branbach (Federführung) und Johann Christian Fromme. Reduzieren am Rand Das fällt Städten leichter, denen es wie Aschersleben stärker ums Gestalten und Strukturieren geht und die näher an der Alltags- und Wahrnehmungswelt der Bürger operieren. Zu ihnen gehört auch Sangerhausen. Hier ist die Altstadt bis auf eine Brache hinterm Markt ebenfalls recht intakt. Weiter draußen wütet dagegen der Einwohnerschwund; in den letzten zwanzig Jahren verschwand ein Viertel der Bürgerschaft aus der einstigen Bergbaustadt – größtenteils aus diversen Plattenbaugebieten, die vier Fünftel aller Wohnungen geboten hatten. Also geht es für Sangerhausens Stadtentwicklungs-Leiterin Silvia Reichwald darum, „Gebiete zu reduzieren, aber auch lebenswert zu erhalten“. Das bedarf geduldiger, sensibler Vor-Ort-Arbeit mit Bürgern und Wohnungsunternehmen, in der Reichwald und Kollegen Defizite, aber auch Vorzüge der einzelnen Gebiete erspüren. Diese verkleinern sie anschließend so feinfühlig wie möglich, damit aus weniger Quantität mehr Qualität fürs verbliebene Quartier wird. IBA-Vorzeigeprojekte sind zwei mit Bewohnern gestaltete „Kumpel plätze“ und ein Hauskomplex, der in den 50er-Jahren für Bergleute in gedämpftem Stalin-Stil errichtet worden war. Jetzt ist er zugleich denkmalpflegerisch-behutsam, energetisch und behindertenfreundlich saniert. Aber die wichtigsten Planungsleistungen von Silvia Reichwald und anderen sind unsichtbar: Recherchieren, Zuhören, Vermitteln und Verhandeln, nicht städtebauliche und architektonische Neuerfindung. Stadt ohne Zentrum Solche Neuerfindungen gibt es aber auch in Städten mit zentralen Leerräumen. Dessau versucht sich leidlich geordnet in „Stadtinseln“ zwischen Landschaftsräumen aufzulösen. Noch trauriger war die Aufgabe in Staßfurt zwischen Harz und Elbe: Freiraumdesign als Verzweiflungsakt. Genau unter Staßfurts Altstadt waren ab 1852 die ersten Kalistollen der Welt abgeteuft, dann aber nie richtig gesichert worden. Der Stadtkern wurde zum Bergschadens- und Bergbau-Verheerungsgebiet. Weit über hundert Häuser inklusive Rathaus, Marktbebauung und Stadtkirche sanken bis zu sieben Mieter tief ab und wurden nach und nach abgerissen. Neu bauen kann man hier nicht; seit Jahrzehnten hat Staßfurt keine Mitte mehr. Stattdessen hatte es lange Zeit eine zwei Hektar große Zentralbrache. Jetzt hat es zur IBA das gezielte „Aufheben der Mitte“ inszeniert. Anstelle der einstigen Altstadt einen See nebst Uferlandschaft mit Markierungen zur Erinnerung: eine Rasenfläche für das Kirchgrundstück, Kleinsteinpflaster für einen Platz und Stummel einstiger Straßenverläufe, die vor dem See abbrechen. Einsam steht am Ufer ein neues Straßenschild und behauptet, dass hier die Rathausstraße vom Großen Markt abgehe. Ringsum liegen angerissene Altbauquartiere und ein Zentrum der neuen Art mit Netto, Subway und Dänischem Bettenlager. Noch wirkt der Raum grotesk zerrissen. Aber er ist besser als das Nichts der vergangenen Jahrzehnte und wird noch stimmiger, wenn erst der am Parkrand geplante Neubau für kommunale und bergbau-dokumentarische Zwecke realisiert wird. Auch Privateigentümer investieren nach langer Zeit wieder in ihren Besitz mit frischem Seeblick. Doch trotz allen Fortschritts wirkt die IBA-Leitfrage für Staßfurt „Wie viel Mitte braucht die Stadt?“ zynisch – etwa wie die Frage an eine Witwe: Wie viel Ehemann brauchen Sie? Staßfurts große Leere macht melancholisch. 40 Kilometer südlich in Eisleben stehen viele kleine Leerstellen dagegen für neues Leben im Stadtkern. Hier wirkt Gisela Kirchner als Sachgebietsleiterin der Stadt für Planung und Sanierung. Sie wurde wie Ria Uhlig und Silvia Reichwald noch zu DDR-Zeiten in Weimar als Stadtplanerin ausgebildet – wo sie auf das Schrumpfungsmanagement im 21. Jahrhundert so wenig vorbereitet wurden wie zum Beispiel Angela Merkel im Physikstudium auf ihren jetzigen Job. Aber irgendwie befähigt es doch. Alle drei gehören zu den stillen Heldinnen der IBA, für die sich Regierungs- und Ausstellungszentralen in Magdeburg und Dessau feiern lassen. Mit der Eislebener Altstadt hat Gisela Kirchner es schwerer als ihre Kolleginnen mit den Zentren von Aschersleben und Sangerhausen. Der Kern ist enger, viele Häuser sind noch älter und fürs heutige Leben wenig tauglich, der Autoverkehr ist teilweise penetrant. Ein Viertel der Häuser ist verlassen, ganze Gassen stehen leer. Eigentümer wohnen oft weit weg und haben weder Geld noch die für diese Altstadt nötige Leidenschaft. Von ihr hat Gisela Kirchner umso mehr. Ihre Arbeit beschreibt sie knapp so: „Immer unterwegs, dauernd im Gespräch, nach Möglichkeiten schauen, etwas organisieren.“ Der eine hat ein leeres Haus, der nächste in der Nähe einen raumbedürftigen Betrieb. Dritte brauchen Aufklärung, wo es vielleicht doch noch ein paar Förder-Euro geben könnte. Mit Vierten gründet sie einen Verein, der eine besonders wichtige Ruine wiedererwecken will. „Hier macht man keine großen Entwürfe. Sondern man managt, dass hier etwas geschieht und da etwas passiert.“ Ab und zu passiert auch etwas, was im ersten Moment erschreckt: Abrisse. Eislebens extrem dichte Altstadt dünnt baulich etwas aus. Das Paradoxe ist aber, dass sie sich dadurch funktionell verdichtet. Studieren kann man das an der neuen IBA-Achse: dem Lutherweg, der vom Geburtshaus des Reformators bis zu seinem letzten Wohnhaus vor dem Tod führt und an jeder Station ein Thema seines Lebens behandelt. Ein ums andere Mal passiert man Lücken – aber immer scheint ein abgewandelter Luthersatz zu gelten: Wo heute ein Stück Altstadtwelt untergeht, können wir gleich morgen ein Apfelbäumchen pflanzen. Fast wörtlich geschah das auf dem vormaligen Abriss- und Brachland, das die Magdeburger Landschaftsarchitekten Lohrer. Hochrein mit Aprikosen-, Pfirsich- und Walnussbäumen zum „Schöpfungsgarten“ verwandelt haben, begrenzt von einer Ziegelmauer entlang der einstigen Gebäudekante. Briten würden es Pocket Park nennen: ein Platz zum Niederlassen und Aufatmen inmitten eines dicht bebauten Quartiers. Gleich um die Ecke schuf der Abriss eines hoffnungslos verrotteten Baus gegenüber von Luthers Geburtshaus Platz für das Besucherzentrum von Springer Architekten aus Berlin. Das bereichert jetzt die Altstadt weit mehr, als es das unrettbare Denkmal noch konnte. Leer, doch buchstäblich ein Hoffnungsschimmer ist das Haus Lutherstraße 9. Hinterleuchtete „Showfenster“ von René Weißbarth aus Dessau bringen Bildaussagen zum Thema „Luther und die Festkultur“. Ein paar Meter weiter liegt der schillerndste Ort dessen, was die IBA-Leute „kleinteilige Perforation“ der Altstadt nennen. Gleich vier Häuser wurden nach langen Diskussionen abgerissen; historische Bausubstanz und historischer Stadtraum wurden zerstört. Auch diese Häuser hatten leer gestanden. Bauzustand, Düsternis und Enge boten keine Aussicht auf Wiederbelebung. Nur als Geschichtsmasken hätten sie weiterexistieren können. Daher stimmten schließlich die Denkmalpfleger seufzend dem Abriss zu. Ausgerechnet dieser hat danach das ganze Viertel belebt und wohl am Ende mehr alte Stadt gerettet als vernichtet: Vorher fast ebenso schadhafte Nachbarhäuser haben mehr Luft und Freiraum; ihre Eigentümer haben sie nun saniert. Ein Lokal bekam schöne Freisitze – Gisela Kirchner hatte die Wirtsleute auf die Idee gebracht. Auf dem Abrissgrundstück selbst hat das Berliner Atelier le balto die „Ohrenweide“ gestaltet: eine Fläche mit gepflanzten Ohrweiden (so heißt der Baum wirklich) und Metallrohren, die zusammen den „Flüsternden Garten“ ergeben. Er ist dem Thema „Luther und die deutsche Sprache“ gewidmet – zu hören mit dem Ohr am Rohr. Und vielleicht kommt irgendwann auch wieder ein Haus hin. Perforieren: Eisleben kämpft mit Leerstand und Verfall im historischen Kern. Die Stadt geht das Thema offensiv an – teils mit Abriss und Neubau wie beim Besucherzentrum bei Martin Luthers Geburtshaus, teils mit Zwischenlösungen wie den hinterleuchteten „Showfenstern“ mit Luthermotiven an einem leeren Haus. In Eisleben harmonierten Stadt und IBA: hier die konkrete, zähe und bodenständige Vor-Ort-Arbeit wie die von Gisela Kirchner, dort die Dessauer Bauhaus-Denkwelt, deren viele Ideen dann helfen, wenn sie lokale Kräfte unterstützen. Wenn sie sich um diese Kräfte aber nicht kümmern, dann können sich aufgesetzte Ideen sogar als Knüppel zwischen den Beinen erweisen, auf denen eine Stadt den Weg der Schrumpfung geht. Das passierte in Sachsen-Anhalts größter Stadt Halle, mit minus 90 000 Einwohnern auch die Metropole der Schrumpfung. In ihr sehen Unbedarfte eine Stadt, die IBA aber zwei: Halle und das seit 20 Jahren eingemeindete Halle-Neustadt. Für sie proklamierte die IBA als Leitmotiv einen „Balanceakt Doppelstadt“. Der wiederum „erfordert eine kulturelle und ökonomische Aufwertung von Halle-Neustadt“, denn „nur zwei gleiche Pole balancieren sich aus“. Gleiche Pole? Halle ist 1 194 Jahre alt und entsprechend vielschichtig, Halle-Neustadt ein vor 43 Jahren gegründetes Wohngebiet aus einem Betonplattenguss. In Halle außer der Neustadt leben 185 000 Menschen, in Letzterer 45 000. Kultur, Wirtschaft, Handel und Verwaltung befinden sich fast vollständig in Halle und kaum in Neustadt. Die hat nur in einem Punkt deutliches Übergewicht: Während im übrigen Halle die Einwohnerzahl um 15 Prozent geschrumpft ist, sind es in der Neustadt bisher 50 Prozent. Doch die IBA probierte das genaue Gegenteil dessen, womit sie in kleineren Städten Erfolg hat: Sie nutzte nicht die örtliche Dynamik und lenkte sie in konstruktive Bahnen, sondern sie hielt dagegen. Unbekümmert um die Dauerabstimmung per Möbelwagen betet die IBA ihr Mantra vom „Balanceakt“ und den „gleichen Polen“ herunter. Über die Motive kann man nur grübeln: Quartierslobbyismus? DDR-Nostalgie? Aversion gegen die alte Bürgerstadt? Gralshüten der Nachkriegsmoderne, unabhängig von ihrer Qualität? Das Ganze hätte nicht weiter gestört, wenn die IBA sich auf Neustadt-Projekte wie die Platzerneuerung Am Tulpenbrunnen und eine Skaterbahn konzentriert hätte. Doch sie verteidigte die Neustadt auch in der Altstadt – und verfestigte deren Probleme. Zum Beispiel in Glaucha, einem gemischten Alt-Neubauquartier südlich des Zentrums von Halle, ziemlich zentral und städtebaulich eigentlich von guter Substanz. Doch Glaucha steht zu einem Drittel leer, viele alte Häuser sind unsaniert, weil nicht zuletzt auch wegen der Neustadt-Konkurrenz keiner sie sanieren wollte. In die Neustadt flossen dagegen seit der Wende rund eine Milliarde Euro meist öffentlicher Mittel. Sie entleert sich trotzdem; in Glaucha mühte sich die IBA spät, mit bescheidenen Mitteln und Erfolgen, um ein paar Impulse. Fast hautnah bedrängt ein Neustadt-Auswuchs die Franckeschen Stiftungen: die früher größte Schulstadt Europas, gegründet vor 300 Jahren, heute Bildungs- und Kulturquartier von der Kita bis zur barocken Wunderkammer, vom Institut für Pietismusforschung bis zum Apothekergarten. Nur zehn Meter von ihr entfernt führt eine vierspurige Hochstraße entlang – angeblich existenziell für die Neustadt, tatsächlich aber nur für diejenigen nötig, die weder per Straßenbahn im Vierminutentakt noch per Rad über die Saale fahren können. Die Hochstraße ließ einst gegen den Willen der Stadt Halles SED-Chef Horst Sindermann durch die Stadt schlagen, über den damals Wolf Biermann spottete: „Ach Sindermann, du blinder Mann. Du richtest nur noch Schaden an.“ Vergebliche Klimmzüge – doch ein Erfolg für die Stadt Bis heute verhunzt, verlärmt und tranchiert die Straße die Stadt; der Aufnahme der Frankeschen Stiftungen ins UNESCO-Welterbe ist sie auch nicht förderlich. Zur Einzigartigkeit und Lebensqualität Halles trägt sie so viel bei wie Machwerke gleichen Typs in Hannover oder Houston. Aber die IBA feiert sie als „Zeugnis der städtebaulichen Moderne“ von „besonderer Relevanz“, da sie „beide Stadthälften räumlich miteinander verbindet“. In ähnlichem Ton feiert sie am östlichen Ende der Straße, einem Verkehrskreisel namens Riebeckplatz, zwei seit Jahren leer stehende Hochhäuser. Aber schließlich hat sich die IBA doch um diese Themen Verdienste erworben. Ihre vielen vergeblichen Klimmzüge für die leeren Hochhäuser machten am Ende allen deutlich, dass diese mit keinem vernünftigen Aufwand zu retten sind. Ab Ende Juni kommen sie weg, wozu die IBA nunmehr einen „Auftakt-Event” plant. Einen ähnlichen Weg geht die Hochstraßendiskussion: Ausgerechnet auf einer IBA-Veranstaltung verkündete Planungsdezernent Thomas Pohlack, eine bald nötige Reparatur werde so teuer und die Verkehrsbedeutung sei so mäßig, dass man von den vier Fahrbahnen am besten zwei abreiße. Pohlacks Vorgänger Friedrich Busmann agierte zeitweise nicht in Halle und kehrte dann als IBA-Beauftragter zurück, der an Doppelstadt-Parolen nicht glaubt: „Ich habe nicht den notwendigen Auftrieb gespürt, den man sich von der theoretischen Auseinandersetzung mit der Moderne erhofft hatte. Offenbar lässt sich dieses Thema besser in Akademikerkreisen kommunizieren.“ Und er äußert, was die IBA teilweise bis heute nicht sehen will: „Die Altstadt mit ihrer kulturellen Kraft kann von der Neustadt niemals eingeholt werden.“ Eher unfreiwillig hat die IBA eigene und geistesverwandte Blasen platzen lassen. Erst machte sie es schwerer, aber nun wird es für die Stadt leichter, sich anstelle ­eines traumtänzerischen Balanceakts auf ihren urbanen Boden zu stellen. Und die Neustadt kann auf ein ihr angemessenes und stadtverträgliches Maß schrumpfen. Alle Erfolgswege und Irrwege, die Leistungen der tapferen Planerinnen, die Oden an die Leere und die Trance-Balance von Halle präsentiert die IBA ab dem 10. April im Dessauer Bauhaus. All ihre 19 Städte stellen ihre Arbeit auch vor Ort aus – so unterschiedlich wie die Familienförderung in Wanzleben und die Homöopathie in Köthen. Auch wenn manches stecken geblieben und Einzelnes bizarr ist: Es hat sich gelohnt, dass Sachsen-Anhalt früh zur aktiven Stadtverkleinerung aufgestanden ist. Gelohnt auch für andere Regionen, denen das noch bevorsteht und die sich von den Schrumpfpionieren vieles abgucken können.

Revier oder Metropole?

Im Kulturjahr 2010 schwankt das Ruhrgebiet zwischen Heimatverbundenheit und globaler Avantgarde – auch in den Bauten | Von Katharina Hodes Das Kulturjahr an der Ruhr hatte noch nicht begonnen, als der 13. Gelsenkirchener Baukultur-Salon im November die Frage behandelte, wie nachhaltig die Projekte für die Region nach 2010 wirken würden. Eine pointierte Antwort gab es nicht – kein Wunder bei der Unterschiedlichkeit der Ideen und der Teilnehmer, von Nordrhein-Westfalens Bau- und Verkehrsminister Lutz Lienenkämper über Ulrike Rose, Leiterin der Landesinitiative Stadtbaukultur, bis hin zum niederländischen Rauminstallationskünstler Andre Dekker. Symbolisch für die Vielfalt steht das Raumumfeld mit herben Baugerüsten und makellosen Marketingständen für „RUHR.2010“. Auch dessen Bau- und Stadtprojekte folgen einer Vielzahl unterschiedlicher Intentionen und Konzepte – wie fast alles am Kulturjahr. Das ist in ihm angelegt: Bei ­seiner Erfindung 1985 sollte es die europäische Identität fördern, doch schnell drängten sich profanere Ziele in den Mittelpunkt: Tourismus, Prominenz, Imagepolitur für die jeweilige Stadt. Jetzt findet das Kulturjahr zum dritten Mal in Deutschland statt – nach Westberlin 1988 und Weimar 1999. Diesmal steht eine ganze Region aus 53 Städten mit mehr als fünf Millionen Einwohnern im Mittelpunkt. „Europa“, „Mythos“ und „Metropole gestalten“ sind die Schlagworte, die das Programm bestimmen. Außerdem will das Revier zum Kreativquartier werden. Es hat sich viel vorgenommen. Der Programmpunkt „Europa“ ist der architektur- und planungsfernste. In „Mythos“ wird Kohlenpottkultiges zur Kultur erhoben; Geliebtes und Vertrautes wird in neuen Zusammenhang gebracht. Projekte wie die Kunstinstallation SchachtZeichen sind ebenso einfach wie bewegend: In der Maiwoche nach Pfingsten werden 350 gelbe Ballons in bis zu 80 Metern Höhe die ehemaligen Kohlenschächte markieren. Jeder Ballon erhält eigene Paten, die auf ihn achtgeben. Rundherum gibt es Angebote im Freien. So verbinden sich Stolz und Geschichte, Feiern und Kultur. Zwar kratzen auch diese Ideen nur an der Oberfläche, aber sie können den Revierbewohnern neues Selbstbewusstsein geben. Hinter dem Motto „Metropole gestalten“ stecken zwei Absichten. Zum einen soll aus dem fünftgrößten Ballungsraum Europas ein Zentrum werden, das mit London oder Paris mithalten kann – kühn angesichts der industriegeprägten Geschichte und Bewohnerschaft, der Zersplitterung und der nach außen nur mäßigen, teils negativen Ausstrahlung. Abhilfe soll auch hier die Baukultur schaffen. Gut gelingt ihre Verbindung mit traditioneller Ruhrkultur in der Reihe „Hochpunkte“. Sieben Aussichtsorte, teils bestehend, teils erneuert, aber alle mit der Identität des Ruhrgebiets verwoben, laden zum Überblick ein. Zum „Hochpunkt“ geadelt wurde Bekanntes teilweise aus der Zeit der IBA Emscherpark, wie das Oberhausener Gasometer, der Tetraeder in Bottrop, die Essener Schurenbachhalde mit der Skulptur „Bramme für das Ruhrgebiet“ und der Landschaftspark Duisburg-Nord. Drei der Hochpunkte sind oder werden aber extra für das Kulturhauptstadtjahr modernisiert: das Dortmunder U, als ehemalige Brauerei nahe dem Hauptbahnhof ein Wahrzeichen der Stadt, erhält eine Dach- und Fachsanierung, während die Fassade nur instand gesetzt wird. Im UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein in Essen ist das neue Ruhr Museum entstanden (siehe Seite 22). Und der Förderturm der Nordstern-Zeche in Gelsenkirchen wird um eine Glaskonstruktion plus 18 Meter hohen „Herkules“ von Markus Lüpertz erweitert. Ohrenpark und Parktankstelle Kulturjahrthema ist auch eine nichtwirtschaftliche Seite des oft beschworenen Strukturwandels: die Konversion von Kirchen, die nicht abgerissen, sondern in veränderter Form weiter genutzt werden sollen. Das gelingt zum Beispiel in der Markuskirche in Gladbeck, jetzt „Martin-Luther-Forum Ruhr“, und in der Bochumer Marienkirche mit ihrem Umbau zum Kammermusiksaal durch Max Dudler aus Berlin. Auch auf der Straße soll Metropole gestaltet werden. Die Autobahn A42, die mitten durchs Ruhrgebiet durch den Emscher-Landschaftspark führt, soll den täglich 80 000 Fahrern mehr bieten als Schallschutzwände. Auf der „Parkerlebnisstrecke“ bieten Sichtfenster Ausblicke auf die Attraktionen entlang der Strecke. Am Autobahnkreuz Castrop-Rauxel gibt es in den Autobahnohren der Ausfahrt einen „Ohrenpark“ – nicht zum Hören, nur zum Vorbeifahren. An „Parktankstellen“ gibt es kein Benzin, sondern Informationen zur Kulturhauptstadt. Ein paar Kilometer weiter südlich wird die Autobahn A40, in Wirklichkeit und im Volksmund längst vom Ruhrschnellweg zum Ruhrstauweg degradiert, am 18. Juli garantiert keinen Stau erleben. Sie ist dann auf 60 Kilometern gesperrt und lädt von 11 bis 17 Uhr ein, an der längsten Tafel der Welt Platz zu nehmen. „Still-Leben Ruhrschnellweg“ ist der hübsche Name der Veranstaltung. Entwerfen aus der Region heraus Andere Bauprojekte werden dem Metropolgedanken gerecht, vereinbaren ihn aber kaum mit der bestehenden Ruhrkultur. Der Neubau des Folkwang-Museums durch David Chipperfield hebt Essens Prestige, wirkt aber als Fremdkörper in trostloser Umgebung an einer Schnellstraße. Das Museum Küppersmühle in Duisburg verwandelt sich zum Spiel mit Riesenbauklötzen: Herzog & de Meuron setzen dem Backsteinbau einen Quader aus Glas auf. In Bochum erhält das Museum „Situation Kunst“ durch das Büro Pfeiffer – Ellermann – Preckel aus Lüdinghausen einen Erweiterungsbau, der aus der Kriegsruine eines Herrenhauses von 1592 mit integriertem Glasbau besteht. Den stärksten nachhaltigen Erfolg verspricht das Bestreben, durch Kreativquartiere den Standort Ruhrgebiet aufzuwerten. Gelingt es, die Kreativen ins gemachte oder selbst gestaltbare Nest zu locken, regt sich neues Leben in ehemaligen Industriegebäuden und heutigen Problemvierteln. Die Niederlande haben mit der Strategie bereits Erfolg und unterstützen nun das Ruhrgebiet. Der übrig gebliebene Turm der Dortmunder Union-Brauerei wird vom örtlichen Büro Gerber zum Kreativzentrum „Dortmunder U“ verwandelt, mit Fachhochschule, Ostwall-Museum und zwei sogenannten Kreativetagen mit offener Funktion. Oberhausen bietet am zentralen Altmarkt günstige Wohn- und Arbeitsflächen. Bochum widmet seine früheren Zechen Prinz Regent dem Thema Musik. Dinslaken will auf dem Areal der erst vor fünf Jahren stillgelegten Zeche Lohberg das Kreativleben in einer kleineren Stadt entwickeln. Für einen nachhaltigen Wandel ist Authentizität immer Bedingung – darin waren sich die Teilnehmer des Gelsenkirchener Baukultur-Salons im November immerhin einig. Der niederländische Künstler Andre Dekker wünschte sich, den Heimatgedanken zu stärken, die ruhrgebietstypische Architektur weiterzubauen: „Das Echte muss weiterleben. Die zahlreichen Glaskuben der neuen und erweiterten Architekturen gibt es überall, und die ureigene Kultur des Reviers hat keinen Anknüpfungspunkt.“ Glaskuben mit ihrem internationalen Design geben zwar dem Erscheinungsbild des Ruhr­gebiets modernes Flair – beispielsweise der Kubus auf dem Duisburger Museum Küppersmühle, der Bochumer Kunstkubus oder der Turm der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen von Karl-Heinz Petzinka mit Nathalie Ness und René Clasen. Sie wirken aber auch aufgesetzt, nicht aus der Region heraus entworfen. Schlüssiger gelöst ist das Thema in der Zeche Zoll­verein oder dem Dortmunder U. Die Bauten betonen die überkommene Kantigkeit der Orte, ­anstatt ihnen eine ortsfremde Identität über­zustülpen. Pius Knüsel, Direktor der Züricher Kulturstiftung „Pro Helvetia“, stellte im Bau­kultur-Salon allen Gestaltungseifer infrage: ­„Heimat entsteht langsam und im Detail, nicht am Reißbrett. Und gerade Wegnehmen gibt Entwicklungen Raum. Wäre es nicht mancherorts ­sinnvoller, eine Million in den Abriss zu ­investieren?“ Katharina Hodes ist Journalistin in Düsseldorf Baukunst-Website Eigens für die Kulturhauptstadt von den Architekten- und Ingenieurkammern des Landes erarbeitet, bietet die Website Überblick über die spannendsten Bauwerke der Revierstädte. Mit einem Klick sind Daten, Bilder und Beschreibungen abrufbar. In einer Kompaktversion steht der Service auch für mobile Endgeräte zur Verfügung. Insgesamt präsentiert der Onlineführer fast 1 000 Projekte aus ganz NRW. Wohnkulturroute Auch an der „Route der Wohnkultur“ ist die Architektenkammer maßgeblich beteiligt. An 60 Objekten können Besucher hautnah erleben, wie das Ruhrgebiet wohnt – von außen wie von innen. Über die Website sind Führungen durch die Wohngebiete von Dortmund, Bochum, Oberhausen und Hattingen buchbar. Im „Sommer der Wohnkultur“ von August bis Oktober können die Objekte auch von innen besichtigt werden. Baukulturkonvent Die rund 350 Mitglieder des Konvents der Bundesstiftung Baukultur diskutieren am 16. April in der Essener Zeche Zollverein über „Baukultur des Öffentlichen“. Am 17. April wird das Thema mit prominenter Besetzung vor Ort diskutiert: das Thema Bildung in Bochum in der Erich-Kästner-Gesamtschule, das Thema Freiraum in Gelsenkirchen auf dem Heinrich-König-Platz und das Thema Verkehr im Hauptbahnhof Essen. NRW wohnt Ebenfalls in der Zeche Zollverein läuft am 19. April die feierliche Abschlussveranstal-tung der Veranstaltungsreihe „NRW wohnt“. In allen Regionen des Landes hatte sie seit 2008 Experten und Laien, Architekten und Mieter, Investoren und Eigentümer zusammengebracht. Am 19. April wird zusammengefasst und Bilanz gezogen; außerdem werden auch die Preisträger des Fotowettbewerbs „Wohn(t)räume – Lebensräume“ bekanntgegeben.

Dunkelmänner und eine Frau

Wie die beliebteste Nichtfarbe die Fantasie anregt. | Cordula Rau Warum tragen Architekten schwarz? Unsere Autorin hat sich des dunklen Themas angenommen, die Frage Kollegen in aller Welt gestellt und einen bunten Strauß erhellender Antworten bekommen:
  • Nach sicherer Überlieferung, damit am Hemdärmel der schwarze Tuschestift abgeputzt werden kann.  (Florian Aicher, München)
  • Wahrscheinlich weil sie Weltverbesserer und Moralisten sind. (Kees Christiaanse, Rotterdam)
  • Die Trauer um die vielen unrealisierten Projekte. (Arno Brandlhuber, Berlin)
  • Aus Angst, sonst etwas falsch zu machen. (Dionys Ottl, München)
  • Würden Sie sich ein Haus von einem Architekten mit gelb gepunkteter Krawatte bauen lassen? (Amandus Sattler, München)
  • Schwarz macht dünn. (Stefan Behling, Stuttgart)
  • Damit die Augen zur Geltung kommen. (Gregor Eichinger, Wien)
  • Architekten sind Missionare. (Herrmann Kaufmann, Schwarzach)
  • Weil ich dachte, ich mache das als Einziger. (Michel Desvigne, Paris)
  • Weil’s keine Entscheidung braucht. Wenigstens eine sichere Sache am Tag … (Hannelore Deubzer, Berlin)
  • Weil wir in Schwarz gut und gefährlich aussehen. (Clemens Weisshaar, München)
  • Weil das Leben so traurig ist. (Albert Speer, Frankfurt)
  • Weil es keine Farbe ist. (Armand Grüntuch, Berlin)
  • Verschwinden, verschwinden aus der Welt. (Ai Weiwei, Peking)
  • Es hat irgendwo in Japan begonnen? (Ben van Berkel, Amsterdam)
  • Ich trage kein Schwarz. (Kazunari Sakamoto, Tokio)
  • Ich hasse schwarze Klamotten. (Christoph Ingenhoven, Düsseldorf)
  • Ich trage farbige Kleidungsstücke. (Peter Zumthor, Haldenstein)
  • Ich bevorzuge Blau. (Christian Kerez, Zürich)
  • Ich trage immer Orange. (Manuel Schupp, Stuttgart)
  • Mir fällt zu Schwarz nichts ein. (Jacques Herzog, Basel)
Alle Zitate (z.T. Auszüge) aus: Cordula Rau (Ed.): Why Do Architecs Wear Black? Springer Wien New York 2008, 228 S., 19,95 €. Alle Antworten in Handschrift abgebildet und ins Englische übersetzt. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Vermitteln lernen

Mediatoren bieten als professionelle Konfliktlöser eine zeit- und geldsparende Alternative zum Gang vors Gericht. Ein spezieller Lehrgang der Bayerischen Architektenkammer bildet Planer dazu aus. | Nils Hille Rund ums Planen und Bauen gibt es viele Konfliktherde: zwischen Architekt, Baufirma und Bauherr oder zwischen den Initiatoren von Großprojekten und Bürgergruppen. Oft werden Gerichte angerufen – ein mühsamer, langwieriger und teurer Weg ins Ungewisse. Besser ist die Vermittlung, neudeutsch Mediation. Sie braucht professionelles Know-how und ist daher ein Tätigkeitsfeld auch für Architekten und Planer. In Bayern kann man die professionelle Streit-schlichtung lernen: „Mediation im Planungs-, Bau- und Umweltbereich“ heißt die Zusatzausbildung, die von der Bayerischen Architektenkammer gemeinsam mit der österreichischen Arch+Ing Akademie angeboten wird. Sie hilft den Teilnehmern auch bei kleineren alltäglichen Auseinandersetzungen im Beruf weiter. „Die meisten Architekten sind es gewohnt, mit Konflikten umzugehen. Doch das gezielte Herausarbeiten von Interessen und Bedürfnissen mithilfe strukturierter Kommunikationswege ist für viele Neuland“, sagt Stefan Kessen. Der Berliner hat die Ausbildung konzipiert, die im kommenden Frühjahr (siehe Kasten auf Seite 67) erneut angeboten wird. Als Lehrgangsleiter will er diese Methode als eine Möglichkeit des Umgangs mit Konflikten vermitteln: „Die Mediation ist kein Königsweg. Doch sie bietet die Möglichkeit, die eigentlichen Bedürfnisse herauszuarbeiten, egal ob von einer einzelnen Person oder von mehreren, sich streitenden Parteien, um damit neue Lösungsräume zu schaffen.“ Anders zu handeln ist dabei also das Ziel. Der Architekt, der zwangsläufig sehr lösungsorientiert arbeitet, lernt in der Ausbildung, umzudenken. Er prescht nicht sofort mit seiner Idee vor, sondern geht den Weg über die Bedürfnisse und Interessen. „Es gilt, diese Lösungslosigkeit aushalten zu können und zunächst den Kunden zu fragen: Warum ist das für Sie wichtig? Oder: Was würde sich dann für Sie verändern?“, erklärt Kessen. Anstelle eines vorgegebenen Kompromisses findet der Kunde selbst eine Lösung, die für ihn positiv ist. Ohne eigenen Senf „Das Schwierigste ist die andere Art des Zuhörens: Man muss nämlich das erfassen, was dem anderen wirklich wichtig ist. Das zumindest sagen viele unserer bisherigen Teilnehmer“, so Kessen. Damit sie dies nach dem Lehrgang wirklich beherrschen, hat er ein umfassendes Programm mit acht dreitägigen Modulen (jeweils Donnerstag bis Samstag, Übersicht 1) konzipiert. Die ersten dienen dabei als Basis, das fünfte Wochenende ist das Schlüsselmodul, in dem Haltung und unterschiedliche Rollen besprochen werden, und die weiteren Module gehen zu komplexeren Verfahren über. „Für die zukünftigen Mediatoren macht es vor allem einen großen Unterschied, auf welche Gruppengröße sie treffen“, sagt Kessen. Damit die Lernenden sich ganz auf diese Unterschiede konzentrieren können, werden für die Seminare immer kleine, etwas abgelegene Orte ausgewählt. Hier lernen die Architekten, nicht als Berater aufzutreten, sondern ihren Kunden deren Eigenverantwortung in den Entscheidungen klarzumachen. Dazu wenden sie ein sechsstufiges Verfahren an (Übersicht 2). Verschiedene Ziele Die Pläne, die für die Teilnehmer hinter dem Besuch der Ausbildung stehen, sind ganz unterschiedlich. Viele wollen in beruflichen Konfliktsituationen besser reagieren können. Einige möchten neben ihrem gewohnten Berufsfeld auch gelegentlich als Mediator arbeiten, und ein eher kleiner Teil will sich damit eher ein neues berufliches Standbein schaffen. Für alle besteht anstelle der Architektur die Chance, Aufträge in der Projektleitung über Ausschreibungen zu bekommen, da sie das Zusatzwissen mitbringen, wie man zwischen den Parteien vermittelt. Das Trainerteam hat Kessen nicht aus Spezialisten für einzelne Themenbereiche, wie bei Lehrgängen oft üblich, zusammengestellt. Er wählte erfahrene Mediatoren, die sich untereinander kennen: „Das ist für die Übergabe von einem Wochenende zum anderen wichtig. Sie sollten eine ähnliche Haltung zur Mediation verkörpern. Also eine homogene Gruppe mit unterschiedlichen Typen bilden.“ Die Module
  • Grundlagen kooperativer Konfliktregelung durch Mediation
  • Mediation als Kommunikationsprozess
  • Struktur und Ablauf eines Mediationsverfahrens
  • Mediation im privaten Baubereich
  • Rolle und Haltung des Konfliktvermittlers
  • Mediation bei größeren Projekten und Vielparteienkonflikten
  • Transfer in die Praxis
  • Phasen der Mediation
  • Vorbereitung/Mediationsvertrag Wer muss an der Mediation teilnehmen? Sind alle damit einverstanden?
  • Information/Themensammlung Welche Themen müssen besprochen werden?
  • Interessenklärung Wer verfolgt welche Wünsche? Was steht dahinter?
  • Kreative Ideensuche Unstrukturiertes Sammeln von -Lösungsoptionen
  • Optionsauswahl und -bewertung Interessen von 3. dienen als Kriterien bei der Auswahl
  • Vereinbarung und Umsetzung Mündliche Vereinbarung bis notarielle Urkunde (je nach Bereich)
  • Mediation im Planungs-, Bau- und Umweltbereich Abschluss: Zertifikat bei Besuch aller Module und der Dokumentation eines Mediationsfalls Ort: verschiedene Seminarhotels in Bayern Dauer: 8 Wochenenden in einem Jahr Kosten: 6 950 Euro plus evtl. MwSt. Start: 7. Mai Infotermin: 17. Februar, 18 Uhr, Bayerische Architektenkammer Internet: www.byak.de Buchtipp: Peter Hammacher, Ilse Erzigkeit, Sebastian Sage So funktioniert Mediation im Planen + Bauen Drei Mediatoren, von Beruf Anwalt, Stadt planerin und Architekt, erklären das Verfahren und bringen Fallbeispiele. Sie ­wollen ihre Leser ermutigen, moderne Wege der Konfliktlösung zu gehen. Vieweg + Teubner 2008, 179 Seiten, 23,60 €