Wie weit darf sich ein Architekturgenie auf politischen Wahn einlassen? In der Schweiz ist eine Diskussion über Le Corbusiers antisemitische Äußerungen und über seine Bemühung aufgeflammt, unter den übelsten Diktatoren der Epoche zu bauen – Hitler, Stalin und Mussolini (siehe DAB 9/09, S. 66). Die UBS-Bank tilgte ihn nach Protesten aus einer Werbekampagne; die Stadt Zürich zögert mit der geplanten Taufe eines Le-Corbusier- Platzes und die Frage wird diskutiert, ob sein Kopf noch der richtige für die Schweizer 10-Franken-Note (links) sei. Corbu-Bewunderer wie der Züricher Kunsthistoriker Stanislaus von Moos sehen bei Corbusier lediglich „eine dumme Bemerkung hier, eine politische Fehleinschätzung dort, beides zur falschen Zeit“. Aber auch von Moos zieht die Verbindung vom Planer mit universellem Gestaltungsanspruch zur totalitären Politik: „Architektur und Städtebau, so wie Le Corbusier sie verstand, hatten die durchgreifende Obrigkeit zur Voraussetzung.“ Und da hatte der Meister keine Hemmungen – etwa 1936 in seinem Konzept für das von Mussolini gerade eroberte Addis Abeba, für das Corbusier eine städtebauliche Synthese aus kolonialer Herrschaftsgeste und Apartheid entwarf.
Texte zum Thema
Le Corbusier und Frankreichs Nazi-Statthalter – Reportage von Daniel de Roulet im Tagesspiegel
Kritische Biographie, besprochen von Philipp Gut im Deutschlandradio Kultur
Mussolini Kolonialpläne für Ostafrika – mit einer Idee Le Corbusiers, beschrieben von Aram Mattioli in der Zeit
Reaktionen auf die Vorwürfe in der Schweiz, geschildert von Bruno Schletti im Tagesanzeiger
Verteidigung Le Corbusiers von Stanislaus von Moos im Tagesanzeiger
Kommentar zur aktuellen Schweizer Diskussion von Niklas Maak in der FAZ
Ein neuer Service im Internet erleichtert
den Bau von Architekturmodellen | Von Fred Wagner
Exakte Darstellung: Der Internet-Dienstleister liefert Architekturmodelle,
„Ich habe in meinem Leben schon viele Modelle gebaut, aber da kann man so viel üben, wie man will“, sagt Andreas Petermann. „Eine solche Präzision im Schnitt und bei der Bedruckung lässt sich per Hand einfach nicht erreichen.“ Der Augsburger Architekt hat als einer der Ersten plannerrescue.de ausprobiert, einen neuen Service im Internet, der den Bau von Modellen erleichtert.
Mit dem Ergebnis ist der 39-Jährige sehr zufrieden. Nicht nur mit der Qualität – auch die Zeitersparnis sei enorm. Sein Auftrag: das Schichtenmodell eines großen Einfamilienhauses auf einem Hanggrundstück. „Für die Datenerstellung und den Zusammenbau des präsentationsfertigen Modells habe ich nicht einmal acht Stunden benötigt“, schwärmt Petermann. „Wenn ich das auf die traditionelle Weise mache, brauche ich mindestens dreimal so lange.“
Das Prinzip der neuen Dienstleistung ist relativ einfach: Der Architekt erstellt mithilfe seines CAD-Programms einen „Bastelbogen“ und schickt diesen als PDF-Datei an www.plannerrescue.de, zusammen mit den Angaben über die gewünschten Materialien. Der Dienstleister bedruckt und schneidet aus den Materialien den Modellbausatz aus und sendet diesen an den Architekten, der die Einzelteile nur noch zusammenfügen muss. Der größte Teil des zeitraubenden Modellbaus entfällt.
Die Idee, Modelle von Bauvorhaben anhand der Planungsdaten via Internet zu fertigen, kommt aus England. Die phg GmbH, ein Augsburger Unternehmen, das sich auf digitales Printing-on-Demand für internationale Konzerne spezialisiert hat, hat diese Idee aufgegriffen. Es hat ein Softwarepaket entwickelt und zugleich eine komplette Fertigungsstraße mit millimetergenauer Schnitt- und Frästechnik eingerichtet, um sowohl Massenmodelle, Schichtmodelle als auch Baukörpermodelle produzieren zu können. Geschäftsführer Helfried Prünster: „Wir arbeiten bis auf einen Zehntelmillimeter genau, um hohe Qualität gewährleisten zu können.“
Für den Bau der Modelle werden Bögen und Platten in Formaten von DIN A4 bis DIN A1 angeboten. Für die Bodenplatte mit eingedrucktem Grundriss stehen als Materialien weißer Karton, Graupappe, Forex-Platten, Sperrholz natur oder beschichtet sowie Acrylglas bis zu einer Stärke von 19 Millimetern zur Auswahl. Für den Baukörper selbst kann man sich entscheiden zwischen weißem Karton, Echtfurnieren in Eiche, Teak, Wenge oder Zebrano auf Papierträger kaschiert und Polycarbonfolien für transparente Gebäudeteile. Stärken der Außen- wie Innenwände sowie der Decken sind variabel. Das ausgewählte Material wird dann anhand der digitalen Daten mit einer UV-beständigen Farbe bedruckt; auch die Darstellung von Glas, Edelstahl oder Mauerwerk ist möglich. Die Farbe der Sonnenschutzrollos kann zudem auf dem Modell dargestellt werden. Die Detailtreue hängt von den gelieferten Daten der Originalpläne ab, die auf den Server geschickt werden.
Die Preise richten sich nach den Größen und verwendeten Materialien. Ein Beispiel: Ein Modell aus weißem Karton und Polycarbonfolien, farbig bedruckt auf einer A4-Grundplatte kostet rund 170 Euro. Als maximale Lieferzeit verspricht der Internetservice 48 Stunden.
Die Banken sind mit der Vergabe von Krediten vorsichtiger geworden. Umso wichtiger ist für Architekten eine
kluge Strategie, um an Geld für die Finanzierung des Büros zu kommen | Von Roland Stimpel
Der Umgang mit Geld ist vielen Architekten weniger wichtig. „Finanzielles liegt an vorletzter Stelle von insgesamt 20 betrachteten Zielen“, stellte der Münchener Architekt Gunnar Gombert nach einer Umfrage bei 478 Kollegen fest (DAB 8/2009, S. 36 ). Aber auch Idealisten brauchen immer wieder Geld – für Start oder Übernahme eines Büros, für dessen Expansion und für die Überbrückung von Engpässen. Ob die Bank hartherzig oder freigiebig reagiert, hängt auch von der richtigen Strategie und Selbstdarstellung des Architekten ab.
Das gilt schon beim Kredit für eine Bürogründung. Tobias Knoll, Kreditexperte bei der Commerzbank in Frankfurt, beschreibt seinen Wunsch-Neukunden: „Er oder sie hat einen soliden beruflichen Hintergrund, Praxiserfahrung und bringt möglichst auch eigenes Geld ein.“ Im besten Fall gibt es bei der Gründung schon Aufträge – wenn nicht, muss ein Büro-Starter plausibel machen, dass er sie bald erhalten wird. Knoll: „Wie ist jemand vernetzt, wie akquiriert er Aufträge, wie agiert er am Markt? All das entscheidet darüber, ob seine Gründung aussichtsreich erscheint.“
Wer als Architekt Kredit haben will, braucht darüber hinaus eine finanzielle Grobplanung, aber kein extrem ausgereiftes Konzept, meint Tobias Knoll: „Wir erwarten vom Kunden keine fertige Finanzierungslösung, sondern erarbeiten sie mit ihm gemeinsam. Er sollte aber wissen, wie viel er für die Anschubfinanzierung benötigt, welche laufenden Kosten er dann hat und wie viel Geld voraussichtlich hereinkommt.“ Dagegen sei es gerade für einen Gründer wenig hilfreich, der Bank seine Büroausstattung als Sicherheit anzubieten, etwa den CAD-Computer. „Equipment taugt wenig – es ist für sich allein ja kein Indiz, dass das Unternehmen auch funktioniert.“
Ein kurzer und ein langer Kredit
Die Gewichte der Bewertung verschieben sich, soll nicht die Gründung eines neuen Büros, sondern die Übernahme eines bestehenden finanziert werden. Hier spielen Größen wie Kunden- und Mitarbeiterstamm, Know-how und Renommee eine wichtige Rolle. Aber hier sollte ohnehin kein Architekt auf eigene Faust den Wert eines Büros zu errechnen versuchen, sondern sich von Experten unterstützen lassen. Sie sitzen in den Kammern und ihren Beratungseinrichtungen selbst oder werden von den Kammern empfohlen.
Wer Gründung oder Kauf eines Büros finanziert, nimmt oft nicht nur einen Kredit, sondern gleich zwei – auf lange und auf kurze Sicht. Großinvestitionen werden mit länger laufenden Krediten finanziert – etwa der Kaufpreis eines Büros oder die Anschaffung teurer Geräte. Derartige Darlehen können Laufzeiten von bis zu 20 Jahren haben. Und sie müssen nicht nur von der eigenen Bank kommen, meint Tobias Knoll: „Hier können auch öffentliche Förderkredite eingebaut werden.“ Etwa die maximal 50 000 Euro „Startgeld“ der bundeseigenen KfW-Bank, die Gründer und Freiberufler in den ersten drei Jahren ihrer Selbstständigkeit zu relativ niedrigen Zinsen erhalten können – vermittelt über ihre Hausbank. Für reifere und größere Büros eignet sich eher der KfW-Unternehmerkredit.
Immer wieder kann aber auch kurzfristiger Kreditbedarf auftreten. Er ist besonders dringend, wenn ein Architekturbüro bereits viel Geld in ein Projekt investiert, aber das Honorar dafür noch aussteht. Dafür kann die Bank auf dem Geschäftskonto einen Kontokorrent-Kredit gewähren – Privatleuten besser bekannt als Überziehungskredit. Ist dafür einmal ein Rahmen geschaffen, bekommt man ihn bei Bedarf sofort und problemlos. Er ist jedoch keine Dauerlösung, denn dafür sind seine Zinsen viel zu hoch – genau wie bei Privatleuten. Ein anderer Weg, solche Engpässe zu überbrücken, ist Architekten in der Regel verschlossen: das Factoring, bei dem man die von Kunden unbezahlten Rechnungen mit Rabatt an ein Unternehmen verkauft, das dann beim Kunden das Geld eintreiben will. Solche Unternehmen kaufen meist nur offene Rechnungen für gelieferte Waren, nicht für Dienstleistungen.
Ein Finanzierungsweg für Anschaffungen führt an der Bank scheinbar vorbei: das Leasing, bei dem zum Beispiel Computer, Büroeinrichtung oder der Dienstwagen nicht gekauft, sondern gegen feste Raten für längere Zeit geliehen werden. Doch genau wie Banken geben auch Leasing-Firmen ihre kostbaren Güter nur aus der Hand, wenn der Kunde ihnen zahlungskräftig genug erscheint. Und man muss genau nachrechnen: Anzahlung und laufende Raten können niedriger, aber auch weit höher sein als die Kreditkosten bei einem Kauf. Zumal am Ende der Leihzeit das gute Stück weg ist.
„Rechte einfordern“
Interview mit dem Berliner Architekten Olaf Beutin, der sich im Kundenbeirat der Commerzbank engagiert
Wie kommt man als Architekt in den Beirat einer Bank?
Ich hatte da schon lange mein Geschäftskonto und habe mich um die Mitgliedschaft beworben, als der Beirat 2009 gegründet werden sollte. Die Bank wird so für mich transparenter; ich erweitere mein Wissen über Finanzen und Wirtschaft und lerne ganz neue Leute kennen. Im Beirat sind zum Beispiel eine langjährige Kulturpolitikerin, ein Anwalt, ein Student und andere mehr. Das bringt einen breiten, interdisziplinären Ansatz. Damit viele verschiedene Berufe vertreten sind, bin auch ich als selbstständiger Architekt Beiratsmitglied geworden.
Worüber wird dort konkret beraten?
Wir halten der Bank einen Spiegel vor – wir zeigen ihr, wie ihre Kunden sie sehen. Wir machen konkrete Verbesserungsvorschläge und arbeiten an allgemeinen Regeln. Zum Beispiel an der neuen Kunden-Charta. Da musste ich zuerst an die Charta von Athen denken, aber es geht natürlich um etwas ganz anderes: um Rechte, die wir Kunden bei der Bank einfordern können.
Verstehen Sie viel von Bankgeschäften?
Ich lerne gerade viel. Aber um zu zeigen, wie eine Bank aus Kundensicht aussieht und was man sich von ihr wünscht, ist ein Laienblick vielleicht sogar besser als der eines Bankers.
Und hilft Ihr Architekten-Know-how?
Das kann ich durchaus einbringen. Ich habe im Beirat schon über Mängel an der Inneneinrichtung und Akustik von Bankfilialen berichtet. Und als Freund klarer Strukturen war ich auch mit der Bank-Website nicht rundum zufrieden.
Wie ernst werden Sie genommen?
Durchaus ernst. Unser Gesprächspartner ist der Privat- und Geschäftskundenvorstand Achim Kassow. Er stellt sich auch kritischen Diskussionen und ich habe den Eindruck, dass unsere Anregungen durchaus ernst genommen und auch umgesetzt werden.
Im zweiten Wettbewerb für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal stieg der Ertrag | Von Roland Stimpel
Riesenschale, Riesenkniefall und Buchstabendach: Drei Siegerentwürfe brachte der Wettbewerb für ein Denkmal, das die Freiheitsbewegung zum Ende der DDR und die wiedergewonnene Einheit würdigen soll. Standort ist das Spreeufer am Berliner Schlossplatz – auf dem Sockel eines früheren Kaiser-Wilhelm-Reiterstandbildes. Beides zeigt: Über dieses Pathos sind wir hinaus.
Pünktlich zum Einheitsjubiläum am 3. Oktober verkündete Arno Sighart Schmid, Juryvorsitzender und früherer Präsident der Bundesarchitektenkammer, das Ergebnis: Wettbewerb Nummer zwei ist weit erfreulicher ausgegangen als der erste von 2007. Den hatten schon die Auslobungsbedingungen zum Scheitern verurteilt: Das Denkmal sollte einschlägige Bewegungen von 1848 bis 1990 würdigen, nationale und Berliner Ereignisse und im Speziellen dann noch die Demonstrationen von Leipzig. Dem konnte keiner der 532 eingereichten Entwürfe genügen.
Diesmal war die Wettbewerbsaufgabe schlanker; es sollte nur um die Ereignisse von 1989/90 gehen. 386 Architekten und Künstler bewarben sich, 28 kamen in die Endrunde und drei siegten – die nun aber ihre Entwürfe nochmals gründlich überarbeiten sollen. Das aber nicht wegen der künstlerischen Qualität und Aussage, sondern aus eher praktischen, teils auch banalen Gründen. Das trifft am meisten den außergewöhnlichsten der drei Siegerentwürfe von den Stuttgarter Architekten und Szenografen Milla und Partner und der Berliner Choreografin Sasha Waltz: eine weit ausladende, oben goldglänzende Schale von spielerischer Großzügigkeit und mit einem Hauch von Bananen-Ironie.
Bürgerbewegt: Besuchergruppen können die Goldschale in Schwingungen versetzen
„Bürger in Bewegung“ heißt der Entwurf und meint das wörtlich: Gruppen ab etwa 50 Menschen können die Schale ins Wippen brin-gen – die gemeinschaftliche Bürgerbewegung verstärkt sich selbst. Aber ach: Nach dem Juryprotokoll muss der Außenbereich unter der Schale „in Bezug auf Sicherheit, Zugänglichkeit und architektonische Wirkung zwingend überarbeitet werden. Hinsichtlich der Sicherheit, Betriebskosten, des Missbrauchs und des hohen technischen Aufwandes wurden zum Teil erhebliche Bedenken geäußert. Der Zugang zur Schale für Behinderte ist ebenfalls unklar.“ Was nützt das schönste Mahnmal, wenn es nicht pflegeleicht und für alle zugänglich ist?
Kniefall: Der Mann ist fünf monumentale Meter groß, doch seine Geste Zeigt Demut.
Der Karlsruher Bildhauer Stephan Balkenhol schlägt einen fünf Meter großen „Knienden“ vor. „Warum eigentlich keine Frau?“, fragt die Jury und stellt fest: „Die Verbindung zum Einheits- und Freiheitsbegriff im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1989 ist nicht eindeutig.“ Jedoch „nimmt die Arbeit den Gedanken des klassischen Denkmals auf. Sie bricht ihn auf eine zeitgemäße Weise in eine Geste der Kontemplation und Nachdenklichkeit des Einzelnen herunter.“ Und praktisch ist es auch: „Eingriffe in den Sockel sind eher gering. Probleme bezüglich Verkehrssicherheit und barrierefreiem Zugang sind nicht erkennbar. Konstruktion, Materialität und Farbigkeit sind erprobt.“
Buchstabendach: Besucher wandeln unter einem Dach, dessen Stützen für je ein Bundesland stehen.
Den dritten ersten Preis gewann der Münchener Architekt Andreas Meck für ein Dach aus Buchstaben, die Aussagen zum Einheitsprozess ergeben. Laut Jury „entwickelt sich daraus eine hohe Symbolkraft, welche das Wort und die gemeinsame Sprache als Element der wiedergewonnenen Einheit und Freiheit ausdrucksstark ins Zentrum rückt“. 16 Dachstützen stehen für je ein Bundesland, den Boden prägt ein Kartengrundriss Deutschlands mit markierter Exgrenze. Und das Praktische ist bedingt erfülllt: „Der historische Sockelbereich ist im Entwurf nicht barrierefrei erreichbar. Errichtung und Unterhaltung erscheinen unter wirtschaftlichem Gesichtspunkt unproblematisch.“ Mit den drei Entwürfen sieht Kulturstaatsminister Bernd Neumann jetzt „eine hervorragende Grundlage für die weitere Planung und Realisierung des Projektes gegeben.
Das Baukosteninformationszentrum BKI sucht weitere Architekten, die ihm gegen Honorar Kostendaten übermitteln | Von Rebecca Weiand-Schütt
Seit der HOAI-Novellierung 2009 ist die Kostenberechnung noch wichtiger, da mit ihr das Architektenhonorar in einem sehr frühen Stadium nahezu verbindlich festgeschrieben wird. In der Praxis gelingt das kostenoptimierte Planen nur auf Grundlage fundierter Daten. Für diesen Zweck wurde vor mehr als 14 Jahren das Baukosteninformationszentrum Deutscher Architektenkammern (BKI) in Stuttgart gegründet. Das Ziel war und ist es, eine aktuelle, breit angelegte Baukosten-Datenbank zur Unterstützung der Architekten bereitzustellen. Rund 50 000 Nutzer, also fast jeder zweite deutsche Architekt, bedienen sich mittlerweile dieser Dokumentation. Gründe für die Vertrauenswürdigkeit der Werte nennt der Hamburger Architekt Karsten Holst: „Es ist ein gemeinschaftliches Werk unseres Berufsstands, da die Daten ausschließlich aus abgerechneten Projekten von Architekten stammen. Das macht sie sehr verlässlich und durch die detaillierten Quellenangaben gut nachvollziehbar.“
Mehr als 1 700 Objekte stehen derzeit zur Verfügung, aufgegliedert in Neu- und Altbauten, energiesparendes Bauen sowie Freianlagen. Doch Gesetzesänderungen, weiterentwickelte Baustoffe und Materialien sowie steigende energetische Anforderungen verändern fortlaufend sowohl die Rahmenbedingungen als auch die Bauprozesse selbst. „Neue Objekte sind jederzeit willkommen, denn wir benötigen aus allen Regionen und quer über alle Bauwerksarten hinweg Zahlen, um unseren hohen Standard als aktuelle und repräsentative Datenbank zu halten“, erklärt BKI-Geschäftsführer Professor Georg Wiesinger. Die Architektenschaft verwendet diese Werte in unterschiedlicher Art und Weise – mal als Ausgangsannahme, bevor Ausschreibungsergebnisse vorliegen, mal als Vergleichsbasis für eigene Zahlen, mal als einzelne Bausteine für bestimmte Positionen. Selbst wenn ein Büro nach langer Berufspraxis einen umfangreichen Datenbestand hat, ist dieser nicht immer so aufbereitet, dass er zur Kostenberechnung neuer Aufträge taugt. Werden die Werte hingegen an die Datenbank weitergegeben, bleiben sie zukunftstauglich. Den größten Vorteil daraus haben die Datenlieferanten selbst, meint Architekt Werner Miller von der Werksgruppe Freiburg: „Die Kennzahlen aus der Auswertung der eigenen Objekte sind methodisch so exakt strukturiert, dass sie sich sehr gut für Folgeprojekte nutzen lassen.“
Wenig Aufwand und hoher Informationsertrag
Den Ausgangspunkt dafür bilden Checklisten, die den Architekten genau angeben, welche Unterlagen benötigt werden. BKI-Mitarbeiter prüfen, ob die eingehenden Planunterlagen, Fotos und Beschreibungen vollständig und plausibel sind. Ob daraus eine Grob- oder Feindokumentation entsteht, ist abhängig vom Umfang der Abrechnungsunterlagen. Wurden viele Leistungen pauschal vergeben oder gab es Eigenleistungen in hohem Umfang, bietet sich eine Darstellung auf der ersten Ebene der DIN 276 an, was mit 150 Euro honoriert wird. 700 Euro erhalten Architekten für Datenmaterial, das der dritten Ebene entspricht. Die zeitliche Belastung für das Aufbereiten und Darstellen der Daten ist für Büros mit strukturierter Kostenplanung gering und wird auf einige Stunden bis maximal einen Arbeitstag geschätzt. „Die Honorierung war eine zusätzliche Vergütung für wenig Aufwand“, berichtet Carsten Eichholz aus dem Büro Barthelmey, das bereits 13 Objekte geliefert hat.
Seit Kurzem können sich die Büros bei der Zusammenstellung der Daten direkt vor Ort von BKI-Mitarbeitern unterstützen lassen. Von Duisburg aus betreut Bettina Böhmer Datenlieferanten aus dem westlichen Nordrhein-Westfalen, Andreas Hecker in Dortmund ist für den östlichen Landesteil zuständig. In Mainz ist Philipp von Mann für Hessen und Rheinland-Pfalz der Ansprechpartner, und von Brandenburg aus ist Constanze Kreiser in Berlin und den neuen Bundesländern behilflich.
Aufbereitet werden die Daten von den Fachleuten des BKI, die die Positionen aller Gewerke mit Kurztext, Menge und Einheitspreis erfassen und den Kostengruppen der DIN 276 und den Leistungsbereichen des STLB zuordnen. Bei größeren Projekten geht es oft um mehrere tausend Einzelposten. Zudem werden aus den Zeichnungen Flächen, Rauminhalte und Elementmengen herausgemessen. Aus diesen Rohdaten entstehen die Planungs- und Kostenkennwerte. So wird jedes Projekt sauber aufgeschlüsselt und gut vergleichbar. Hinzu kommen Fotos und Pläne.
Die Veröffentlichung setzt die Zustimmung der Bauherren voraus. Das ist in aller Regel kein Problem. Im Gegenteil: Viele sind stolz darauf, dass ihr Haus so umfangreich dokumentiert wird und als Vorbild für andere dient. „Die BKI-Sonderdrucke der eigenen Projekte wirken bei der Akquise von privaten Bauherren als vertrauensbildende Maßnahmen, vergleichbar einem Qualitätskriterium“, sagt Hans Peter Benl aus dem bayrischen Neuötting, der seit mehr als zehn Jahren die Datenbank nutzt und zugleich beliefert. Er schätzt besonders, dass über Zu- und Abschläge alle Kennwerte deutschlandweit auf jede Region umgerechnet werden können.
Möglich machen das Daten aus allen Bundesländern. Allein durch das Nord-Süd-Gefälle gibt es bei einzelnen Gewerken Preisdifferenzen von bis zu 20 Prozent. Die Datenbank ist somit in mehrfacher Hinsicht ein Spiegelbild der deutschen Baurealität. Die Gebäude entsprechen in ihrer Aufteilung in Wohn-, Gewerbe- und öffentlichen Bau genau dem, was tatsächlich geplant und errichtet wurde. Und sie zeigt einen Querschnitt durch die Werke der Architekten, vom freischaffenden Einzelkämpfer bis hin zu großen Büros mit vielen Angestellten.
Rebecca Weiand-Schütt betreibt das Büro rws’ KOMMUNIKATION in Schönaich
Denkmalschutz übertreibe manchmal, meint DAB-Redakteur Roland Stimpel.
Er werde im Gegenteil untertrieben, entgegnet DAB-Autor Jürgen Tietz
Roland Stimpel, DAB-Chefredakteur
Stimpel: Ungefähr eine Million Baudenkmale in Deutschland verlangen Geld, Sachverstand, angemessene Nutzungen, amtliche Aufmerksamkeit und öffentliche Würdigung – und von allem mehr, als unsere Gesellschaft geben will. Die knappen Ressourcen sind oft willkürlich und zufällig auf die Denkmale verteilt. Wir könnten Denkmale besser pflegen, wenn wir weniger hätten.
Jürgen Tietz, DAB-Autor
Tietz: Maximal drei bis fünf Prozent des gebauten Bestands sind geschützt. Das sind nicht zu viele Denkmale, sondern eher zu wenige. Wir können uns nicht auf wenige Leuchttürme von globaler und nationaler Bedeutung beschränken, wie das zum Beispiel nach dem Entwurf des sächsischen Denkmalgesetzes droht. Deutschland ist groß und hat eine reiche Kulturlandschaft, die wir in ihrer Vielfalt wertschätzen müssen.
Und wenn diese Wertschätzung nicht für alle ausreicht, was dann?
Welchem Bau wollen Sie den Denkmalstatus nehmen? Etwa dem Schulhaus oder Kirchlein im kleinen märkischen Dorf, das man mit ein paar Tausend Euro für die Abdichtung von Dach oder Fenster bis auf Weiteres retten kann? Solche Denkmale gibt es Zigtausende – und sie sind wichtig, um zum Beispiel in schrumpfenden Regionen überhaupt den Charakter eines Ortes zu bewahren und Identität zu stiften. Viele Denkmale schöpfen Mittel aus ihrer unmittelbaren Nachbarschaft – denn beim Denkmalschutz geht es ja nicht allein ums Geld, sondern auch um das bürgerschaftliche Engagement insgesamt vor Ort und für den Ort. Und das würde leiden, wenn nur noch Kirche und Schloss in der Landeshauptstadt Denkmalstatus besitzen.
Klar: Auch unspektakuläre Bauten können lokal von herausragender Bedeutung sein und Initiative wecken. Aber insgesamt droht dem Status „Denkmal“ inflationäre Entwertung, je mehr Bauten ihn erhalten und je beliebiger manche Begründung für den Schutz wirkt. Deren Kern heißt oft nur noch „Zeugnis für …“. Und das ist letztlich jedes ältere Haus.
Der Denkmalbegriff ist in den letzten Jahrzehnten nicht simpler geworden, sondern im Gegenteil komplexer und vielschichtiger. Aber ich verstehe Ihren Einwand: Das erschwert für manche Menschen die Nachvollziehbarkeit, was ein Denkmal ist und warum. Daher ist es besonders wichtig, dass die Denkmalbehörden die Inhalte und Schutzgründe vermitteln. Dafür müssten sie aber personell hinreichend ausgestattet sein. Das ist leider nicht der Fall. Im Gegenteil: Aufgrund von Stellenstreichungen sind heute die Denkmalpfleger in den meisten Bundesländern gar nicht mehr in der Lage, dem ihnen gestellten gesetzlichen Auftrag nachzukommen. In einigen Ländern ist sogar die Inventarisation von Denkmalen ausgesetzt; da droht der Verlust ganzer Denkmalschichten. Wichtige Kommunikationsaufgaben können daher nicht angemessen geleistet werden.
Da sehe ich nicht nur Ressourcenmangel, sondern bei wachsender Zahl der Denkmale auch ein Verblassen des Besonderen. Je mehr Denkmale es gibt, desto weniger unterscheiden sich viele von der Masse der anderen Bauten. Und desto willkürlicher erscheint manchmal ihr Status.
Von Willkür kann wirklich keine Rede sein. Jede Unterschutzstellung muss ausführlich begründet werden; ihr gehen gründliche Recherchen vor Ort, in Akten und Archiven voraus, häufig auch wissenschaftliche Bauforschung.
Auch beim Umgang mit geschützten Denkmalen sind die Maßstäbe nicht immer nachvollziehbar. Mal ist jede Zeitschicht heilig, sodass zum Beispiel beim barocken Berliner Schoeler-Schlösschen die Denkmalbehörde jahrelang die Bewahrung eines Dachaufbaus der Nazizeit verlangte. Mal zählt nicht der Zustand der letzten hundert Jahre, sondern ein älterer Befund, wie etwa beim Rathaus von Malchow in Mecklenburg, das gegen lokalen Protest seinen früheren Anstrich auf dem bis dahin sichtbaren Fachwerk zurückerhielt.
Den Fall kenne ich im Detail nicht. Es kann richtig sein, einen Vorzustand wiederherzustellen, um Bauschäden vorzubeugen – wenn zum Beispiel ein Putz in jüngerer Zeit entfernt wurde und eine Wand darunter leidet. Beim Schoeler-Schlösschen trafen jedoch zwei grundsätzlich andere Auffassungen von Denkmalschutz aufeinander. Manchmal muss abgewogen werden, was erhalten werden kann, oft aus ganz pragmatischen Gründen. Dieses Problem kennt jeder Archivar – und jeder, der eine randvolle Computer-Festplatte hat. Lösen lässt sich das nur in einem Diskurs zwischen den beteiligten Akteuren. Dabei sollte aber stets gelten, so viel historische Denkmalsubstanz zu bewahren wie möglich – auch aus jenen Geschichtsepochen, an die manch einer heute gar nicht mehr erinnert werden möchte. Denkmale sind Dokumente unserer Geschichte und keine freie Verfügungsmasse, um das Geschichtsbild nach Geschmack zu verändern.
Es gibt einen Grundwiderspruch in jenem Denkmalschutz, der alle Zeitschichten würdigen will: Jede Veränderung bis zu dem Moment, in dem ein Bau unter Schutz gestellt wird, ist heilig. Jede Veränderung ab diesem Moment ist eher unerwünscht. Je länger ein Bau schon unter Schutz steht, desto größer wird der Mangel an dem, weswegen er zunächst geschützt wurde: der Dokumentation von Veränderung über die Zeiten hinweg. Das Denkmal ist quasi eingefroren.
Das sind erfahrungsgemäß die wenigsten Denkmale, etwa Schlösser. Aber selbst dort passiert immer etwas – mal eine neue Belüftung in museal genutzten Räumen, mal vielleicht eine neue WC-Anlage. Und bei Bauten mit alltäglicher Nutzung gibt es diesen schockgefrosteten Zustand nach meinen Erfahrungen ohnehin nicht. Auch für die Denkmale ist es besser, wenn der Bau weiterentwickelt wird, statt dass er leer steht und verfällt. Denkmalschutz erfüllt auf der einen Seite das Grundrecht auf Erinnerung, lässt aber auch die Möglichkeit einer zeitgeschichtlichen Weiterentwicklung offen, solange diese nicht gegen das Denkmal gerichtet ist.
Sie nannten das Bedürfnis nach Erinnerung. Da konzentriert sich Denkmalpflege auf die überlieferte Materie, die aber für Laien und ohne Erläuterung nicht immer verständlich und erlebbar ist. Laien wollen und brauchen stattdessen Bilder. Aber ihrer Wahrnehmungsart verweigert sich die Denkmalpflege oft. Bilder des Alten ohne alte Materie sind für sie sogar tabu und werden bekämpft.
Auch der Augenschein spielt eine wichtige Rolle. Aber natürlich ist die Materie der primäre Träger dessen, was die Geschichtlichkeit eines Denkmals ausmacht. Man kann die Erscheinung nicht von der Substanz lösen. Wer das tut, geht von der Überlieferung zur Fiktion.
Ein Schlachtengemälde kann mehr von einer Schlacht erzählen als der authentische Helm, den Jahrhunderte später ein Bauer auf dem Acker findet.
Das kommt auf die Aufbereitung des Helms an. Jede Erzählung ist ein Mosaik, das sich aus verschiedenen Elementen zusammensetzt. Darin ist die Materialität der essenzielle Träger von Informationen – beim Denkmal beispielsweise auf dem Weg der Bauforschung. Je mehr Materie erhalten ist, desto mehr Informationen werde ich haben. Je mehr Veränderungen Materie erfahren hat, desto mehr erfahre ich darüber, wie mit ihr umgegangen worden ist.
Das spricht für sich, aber nicht gegen Bilder.
Vor Kurzem haben sich viele über einen Kunstfälscher erregt: Bis dahin für echt gehaltene Pechsteins waren plötzlich nicht mehr Pechsteins, vorgebliche Giacomettis keine Giacomettis mehr. Aber den gleichen Leuten scheint es egal zu sein, ob ein Berliner Schloss von Andreas Schlüter ist oder nicht.
Pechstein und Giacometti sollen selbst den Pinsel geschwungen haben, oder auch nicht. Schlüter hat den Bildschmuck am Berliner Schloss entworfen, aber nicht selbst geformt. Das haben andere vielleicht drei Jahre später gemacht – wieder andere machen es vielleicht 300 Jahre später.
Den Unterschied macht, dass ein Schloss von heute vorgeben würde, aus der Schlüter-Zeit zu sein.
Man kann die Originalmaterie hoch schätzen – aber warum das Bild so niedrig?
Mit ihm lässt sich in unserer bildfixierten Welt oft schneller eine Wirkung erzielen. Die Geschichte lässt sich aber nur mithilfe von Materie aufklären und vermitteln, die Informationen über die vergangenen Zeiten enthält. Das bedarf unter Umständen einer Erklärung, eröffnet aber eine ganz andere Faszination und Offenbarung.
Dafür hat die Überlieferung von Materie unstreitig ihren Sinn. Aber sie hat keinen Monopolanspruch, sie darf zum Beispiel die Übermittlung von Geschichte durch Bilder oder Nachbauten nicht tabuisieren. Es gibt inzwischen reihenweise Kopien von Shakespeares Globe Theatre. Kein Stück Holz ist aus der Shakespeare-Zeit. Aber man kann darin viel mehr über die damalige Theaterpraxis erfahren, als wenn man in London am Originalort noch ein 400 Jahre altes Holzstück fände.
Man kann Nachbauten auch als künstlerisches Mittel einsetzen, indem man zum Beispiel die Doublette von Goethes Gartenhaus durch Thüringen wandern lässt. Solange jeder weiß, dass das nicht Goethes Gartenhaus ist, bin ich dabei schmerzfrei. Ein Problem wird es, wo zwischen dem einen und dem anderen nicht mehr unterschieden wird – wo am Ende Kinder vor einem Baumarkt stehen und sagen, der sei von Gropius, weil da „Bauhaus“ dransteht. Aber viele Gebäudekopien geben vor, einen Denkmalstatus zu besitzen, der ihnen nicht zukommt.
Welches rekonstruierte Haus der letzten Jahrzehnte tut das?
Die Frauenkirche in Dresden wird es lautstark tun, wenn sich erst die Farbe der originalen und der neuen Steine angeglichen hat und man den Unterschied nicht mehr sieht. In Frankfurt tut es die sogenannte Alte Stadtbibliothek, die aber nicht alt ist, sondern von Christoph Mäckler vor ein paar Jahren einem kriegszerstörten Haus nachgebaut wurde.
Über das Baualter kann man ja informieren. Wo man es zu wenig tut, drohen auch manche materiell authentischen Denkmale zu lügen. Dazu ein Gedankenspiel: Wäre im Berliner Palast der Republik kein Asbest gewesen, dann stünde er heute im Reiseführer als „Originaldokument der DDR“. Und was für eins: transparent, offen, einladend, entspannt, konsumfreudig. Dabei war er schon damals als Kontrast zum Alltag der DDR angelegt, nicht als deren Repräsentanz.
Genau das ist der Punkt. Er würde wenig über den Alltag erzählen, aber viel über das Selbstbild, das die DDR von sich erzeugen wollte. Der Palast würde nicht lügen, sondern seinen eigenen Teil der Geschichte erzählen. Und nur mithilfe unterschiedlicher Erzählungen kommt man zu einem Bild, das der Komplexität der Wirklichkeit entspricht.
Aber der Palast würde andere Erzählungen übertönen, so prominent wie er und sein Standort wären. Man müsste extrem großen Stimmaufwand betreiben, damit diese Geschichte nicht dominiert. Schließlich könnte man nicht jeden Palastbesucher anschließend in die Straßenbahn setzen, die ihn dann eine Stunde lang ostwärts durch Plattenbaugebiete fährt.
Ich kann nachvollziehen, dass man diese Geschichte nicht so stehen lassen will. Aber wenn Sie solche Aussagen nicht mögen, müssen Sie auch gegen die Rekonstruktion des Berliner Schlosses sein. Es zeigt doch nicht das Leben der armen Preußen im vierten Hinterhof.
Das Schloss hat nie den Anspruch erhoben, das Volksleben zu repräsentieren. Der Palast der Republik schon.
Das ist alles eine Frage der Information und Kommunikation. Aber die setzt immer originale Anschauung voraus. Im Übrigen: Wäre der Palast erhalten geblieben, sähe er heute vermutlich anders aus als zu Honeckers Zeiten. Da hätte es bestimmt bald nach 1990 einen Wettbewerb zur Optimierung und Aneignung durch die neue Zeit und Nutzung gegeben. Vielleicht wäre er heute eher ein sehr spannendes Zeugnis der Nachwendezeit und der Aufarbeitung von DDR-Vergangenheit als ein Zeugnis der DDR selbst.
Zu einem ganz anderen Thema: dem Verhältnis von Architekten und Denkmalschutz. Ich finde es sehr erfreulich, wie sich der Berufsstand für den Erhalt wertvoller Bauten engagiert.
Ich bin nicht ganz so erfreut. Viele Architekten haben bis heute nicht verstanden, worum es geht. Es fehlt oft das Bewusstsein für die nötige Behutsamkeit im Umgang mit dem Bestand. Es fehlt das Verständnis dafür, dass nicht nur bei Denkmalen, sondern auch bei Sanierungen generell die Bauforschung zu einem besseren Ergebnis führen kann – für das Gebäude, nicht nur für den Denkmalschutz.
Ich sehe viel Sensibilität und Respekt auch bei zeitgenössischen Ergänzungen.
Die gibt es, aber es gibt auch oft die Angst, entwurflich eingeschnürt zu sein im Kontext eines historischen Bauwerks, die Angst, keine eigene Duftnote hinterlassen zu dürfen. Da bräuchten Architekten mehr Demut.
Selbstbewusstsein ist nicht erlaubt?
Doch – aber in der Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen und dem Kontext. Zum Beispiel so, wie Helmut Dietrich das beim Angelika-Kauffmann-Museum in Schwarzenberg in Österreich geleistet hat. Dem Haus von 1556 wurde im lange Zeit ungenutzten Wirtschaftsteil in Maßarbeit ein Museum eingefügt, das die hohen technischen Anforderungen an Museumsbauten erfüllt und dennoch den Dialog mit dem Alten auf Augenhöhe führt. Aber das geht nur mit viel Verständnis für Baugeschichte.
… die gelehrt wird.
Ich unterrichte selbst und habe da wenig Hoffnung. Die meisten Architekturstudenten kennen die Grundlagen der Baugeschichte kaum und manche wollen sie auch gar nicht kennenlernen.
Wie Denkmale in einer schrumpfenden Region verfallen – und Idealisten gegenhalten | Von Roland Stimpel
Ausgerechnet aus dem liebevoll durchsanierten Weimar melden sich zwei Denkmal-Experten mit Schreckensvisionen. „Die absehbaren Schrumpfungsprozesse werden Siedlungsverluste und Parzellenverwüstungen hinterlassen, wie sie früheren Zeiten nicht fremd waren“, sagt Hermann Wirth voraus, pensionierter Denkmalpflege-Professor an der Bauhaus-Universität. „Ruinöse Stadtdenkmale lassen sich nur als archäologische Freilichtmuseen betreiben.“ Sein noch aktiver Kollege Hans-Rudolf Maier fürchtet: „Wir werden uns daran gewöhnen und der Öffentlichkeit vermitteln müssen, dass es manchenorts wohl nicht wenige Denkmale gibt, für die derzeit keine Nutzung in Sicht ist.“ Maier macht sich schon über „Erbe-Management als Rückbau-Management“ Gedanken.
Wirth und Maier denken nicht an das von Klassik und Tourismus gesättigte Weimar, sondern an Schrumpfungs- und Krisenregionen. So eine war kürzlich 100 Kilometer weiter nordwestlich von Weimar zu besichtigen: In Dörfern und Städten an der idyllischen Oberweser, unweit von Göttingen und Kassel, führte das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz verlassene, bedrohte Häuser vor – aber auch tapfere Idealisten, die gerade an so schwierigen Orten gebautes Kulturerbe pflegen.
Altes im neuen Glanz: Das Kaufmannshaus aus dem Jahr 1564 in der Altstadt von Hannoversch Münden
Niedergang und etwas Hoffnung gibt es zum Beispiel in Hannoversch Münden. Seine Altstadt zwischen den Flüssen Weser, Werra und Fulda mit 700 Fachwerkhäusern ist vielfach gerühmt und für seine Erhaltung prämiiert, doch von beschleunigtem Schwund betroffen. Schon in den vergangenen 20 Jahren verlor die Stadt fünf Prozent ihrer Einwohner, in den nächsten 15 Jahren soll sich der Verlust verdoppeln. Dabei setzt schon der heutige Rückgang der Altstadt schwer zu. Das zeigen auf den ersten Blick ganze Reihen leerer Schaufenster in Nebengassen, auf den zweiten zeigen es die vielen blinden, verschmutzten Fenster einstiger Wohnräume – oft hinter ansonsten noch properen Fassaden. Doch im Blockinneren erwecken verfallene Hinterhöfe den Eindruck, hier sei noch nie saniert worden. Dabei geschieht das in Hannoversch Münden seit 39 Jahren.
Seit ähnlich langer Zeit sind viele angestammte Altstädter in die weniger romantischen, doch praktischen Randgebiete der Stadt gezogen. Sogenannte Gastarbeiter folgten, aber auch sie suchen jetzt weiter draußen Nachkriegskomfort. Hannoversch Mündens engagierter Stadtdenkmalpfleger Burkhard Klapp kann weder Bewohner noch Investoren in die von ihm amtsseits allein betreuten „Riesenbaumassen“ zwingen. „Wer hier erst sanieren muss, bräuchte danach zehn Euro Miete pro Quadratmeter“, rechnet er vor. „Man bekommt aber höchstens 4,50 Euro. Da hilft dann auch keine Steuererleichterung.“ Wenn jemand trotzdem in der Altstadt investieren will, dann nicht immer hochsensibel. So propagierte kürzlich die Werbegemeinschaft der lokalen Kaufleute, die hier „Gilde“ heißt, durchgehende Glasdächer über einigen Gassen, damit die mit regenfesten Einkaufszentren wetteifern können.
Ausgeschlafen: Die gelungene Sanierung des Hauses, hier ein Blick in eines der Gästezimmer, lässt auf Nachahmer hoffen.
Aber einzelne Bürger bieten statt fragwürdigen Glases symbolische Lichtblicke. Hannoversch Mündens Musterbürger ist der gelernte Tischlermeister Bernd Demandt, der sich heute als hauptberuflicher „Denkmal-Aktivist“ bezeichnet. Zwei Häuser mit Baujahr 1534 sanierte er vor zehn Jahren und machte daraus das Fachwerk- und Fahrradhotel Aegidienhof mit 14 Zimmern. Als Nächstes machte er ein stattliches Kaufmannshaus von 1564 zum Gästehaus Tanzwerder mit fünf Wohnungen, möbliert in Biedermeier, Jugendstil oder Gründerzeit. Für Demandt ist die Fachwerkpflege Mission und Sport zugleich: „Ich will zeigen, welches Potenzial in historischen Fachwerkhäusern steckt und welche Wohnideen man hier umsetzen kann.“ Dafür balanciert er ständig am Rande der Illiquidität, macht seit vielen Jahren keinen Urlaub und fährt ein Auto, das mit seinen 25 Jahren auch schon fast Denkmalstatus hat.
Unfromme Altar-Bar
Demandts jüngstes Stück ist die einstige Aegidienkirche, aus der er in diesem Jahr ein Café machte, das seinem benachbarten Hotel auch als Frühstücksraum dient. Drinnen sitzt man auf rot gestrichenen Kirchenbänken an Esstischen oder auf gewagten roten Hockern an der Altar-Bar, was manche Besucher allzu unfromm finden.
Ein Segen für altes Gemäuer: Die ehemalige Aegidienkirche ist heute ein Café
Demandts nächstes Projekt ist eine Halbruine, aus der er ein Behindertenhotel machen will. 1,5 Millionen Euro würde das kosten. Natürlich hat er die nicht, „und die Banken fürchten mich eher“. Also ist das Haus erst mal provisorisch gesichert; Demandt hatte Zeit für die Organisation des „Denkmal! Kunst“-Festivals, währenddessen er auswärtige Künstler in leeren Häusern einquartierte. Ein Amerikaner blieb hängen und lässt gerade von Demandt ein weiteres Haus umbauen.
Alle paar Jahrzehnte brennt es in Hannoversch Mündens Altstadt. 2008 wurde ein Haus ganz, eines weitgehend zerstört. Der dort aufgewachsene Eigentümer, der längst bei Frankfurt am Taunus lebt, ließ beide rasch rekonstruieren. Zwei Ecken weiter klafft an der Stelle eines 1989 abgebrannten Renaissancebaus noch heute eine Lücke. Wenigstens ist das Nachbarhaus saniert und wird vom Brachgrundstück aus per Treppenturm aus Beton und Stahl erschlossen. Bei seinem Anblick müssen allerdings viele Altstadtbesucher schlucken. Und die Stadt hofft auf einen Neubau, zu dessen Erschließung der Treppenturm schon ausgelegt ist – und von dem er gnädig verdeckt würde.
Doch gerade etwas neuzeitliche Funktionalität braucht die Altstadt. Das erwarten vor allem die künftigen Scharen alter Menschen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind. Vorbildlich gelöst wurde die Aufgabe von den Büros Thumm/Albrecht aus Hildesheim und großmannplanung aus Göttingen, die vor sechs Jahren am Renaissancebau des Herzogin-Elisabeth-Stifts ein Treppenhaus mit Fahrstuhl aus Stahl und Glas anbrachten. Ihre Konstruktion ist filigran und zudem von der Straße aus nicht zu sehen, da sie auf einem luftigen Hof steht. Dort verschwand zwar Altes, doch sensibles Entkernen und Modernisieren ist in der Summe der altstadtfreundlichste Weg. Vorderhäuser sind gerettet; mithilfe von Technik zieht neues Seniorenleben ins historische Quartier.
Zehn Kilometer nördlich von Hannoversch Münden liegt das Dorf Hemeln. Hier im verwunschenen Wesertal zwischen Bramwald und Reinhardswald ist Brüder-Grimm-Land; die nahe Sababurg wird heute an der Deutschen Märchenstraße als Dornröschenschloss vermarktet. Unten im Tal ist das Fachwerkdorf Hemeln sehr sauber, aber gar nicht steril. Das ist wesentlich dem örtlichen Altbau-Idealisten Walter Henckel zu verdanken – einem ganz anderen Typen als dem leicht bohemigen Bernd Demandt. Henckel, pensionierter Architekt und ehrenamtlicher Heimatpfleger, ist bald 30 Jahre älter, trägt Trachtenjacke statt Pulli und verkörpert dörflichen Gemeinschaftsgeist. Im 900-Einwohner-Ort kennt er von jedem Fachwerkhaus die Bau- und Sanierungsgeschichte und erklärt mit viel Feinsinn die Grenze zwischen niederdeutschem Hallenhaus und mitteldeutschem Querhaus, die exakt durch Hemeln verläuft.
Auch dieser Ort hat es wirtschaftlich nicht leicht. Das Forstamt ist nur noch Nebenstelle; im einstigen Waldarbeiterdorf leben nur noch zwei Holzfäller. Aber Leute wie Henckel halten den Stolz bei Bauern und ihren Erben wach und wecken ihn bei Zugezogenen neu. „Schöne Architektur vermittelt Heimatgefühl“, ist sein Credo. Nicht zuletzt dank des Ortsbilds hält Hemeln bisher seine Einwohnerzahl. Und wenn es eines Tages schrumpft, dürfte der gepflegte alte Kern weit bessere Chancen haben als die Allerwelts-Neubaugebiete drum herum.
Traditionsbrüche
Dem nächsten Weserstädtchen Bodenfelde sieht man überdeutlich an, dass ihm ein Demandt oder ein Henckel fehlt. Der kleine Industrieort brach schon vor der Schrumpfung mit seinen Traditionen – und bricht immer weiter. Der Ortskern ist vom Autoverkehr und brachialer Altbaumodernisierung verhunzt; Gewerbe und Dienstleister sind an den Rand gezogen. Selbst die Gemeindeverwaltung sitzt in einem Fertighaus auf der Wiese – einem Haus, das wohl selbst die deutsche Fertighausindustrie am liebsten verstecken würde. Den Fachwerk-Vorgängerbau im Ortskern wollte der Bürgermeister nach dem Auszug abreißen lassen, fürs Erste rettete ihn der Gemeinderat mit knapper Mehrheit. Die fast 200 Jahre alte Synagoge dagegen überlebte nur durch Exodus: Sie steht jetzt im 30 Kilometer entfernten Göttingen, nachdem auch ihr in Bodenfelde der Abriss gedroht hatte (2006, nicht 1938).
Mehr Idealismus als in Bodenfelde, doch nicht minder große Gefahren für die Denkmale gibt es im nahen Dörfchen Verliehausen. Hier sind von einst 17 Bauernhöfen noch zwei übrig. Es gibt 400 Einwohner, darunter sieben Kinder. Das Dorf liegt eigentlich idyllisch im Tal des Baches Schwülme, fern aller großen Verkehrswege. Aber schon die beiden Landesstraße bringen einen Lkw-Verkehr, der den engen Ort mit Lärm und Schrammfahrten an der Hauswand im 5-Minuten-Takt zu sprengen scheint. Nur wenige im Ort halten die Fahne der Zuversicht hoch – vor allem der pensionierte Bauingenieur Gerhard Sommer. Er kämpft im Ortsrat einen unermüdlichen Kampf gegen das ewige Lied der Denkmal-Verweigerer: „Da will ich nicht wohnen, da sind die Decken zu niedrig, die Wände zu krumm, dann sind da Sprossenfenster, da muss meine Frau so viel putzen.“
Sommer und seine Frau Rosemarie putzen so etwas gern. Die beiden haben im Nachbarort Wahmbeck an der Weser ein Bauernhaus von 1637 gekauft und renoviert. Heute ist es Radlercafé, Laden und historische Weberei – Rosemarie Webers Hobby. Sie verdienen daran nichts, eher im Gegenteil. Auch hier funktioniert der Denkmalschutz nur dank zweier Idealisten mit viel Altbau-Sinn, Zeit, einer gewissen Menge Geld und nicht zuletzt Sachverstand.
Die Radtouristen an der Weser werden zwar mehr, doch die Einwohner immer weniger. Um sich die Zukunft der Gegend auszumalen, greift der Archäologe Henning Haßmann vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege weit in die Historie zurück. Im Gebiet nordwestlich von Göttingen hat er 329 einstige Dörfer registriert, die durch Seuchen, Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen und weiteres Ungemach verschwanden. Ganz so schlimm wird es nicht kommen, doch vielen Dörfern droht ein halber, einigen vielleicht auch ein ganzer Tod.
Und das nicht nur an der Weser, sondern in vielen Regionen Deutschlands. Der Weimarer Denkmalpfleger Wirth macht sich schon einmal Gedanken über Begleitaktionen in verödenden Orten: „Es sollten charakteristische Grundrisskonfigurationen, einstige Traufhöhen, die denkmalwerten Strukturelemente wie Bodenbeläge oder Pergolen durch landschaftsgestalterische Installationen jeder Art anschaulich bleiben; auf Informationstafeln des Inhalts ‚Hier befand sich …‘ sollte gegebenenfalls beischriftlich ergänzt werden: ‚Wiederaufbau vorgesehen‘.“
Ein altes Haus in jungen Händen: Das sanierte St.-Nikolaus-Hospital in Bernkastel-Kues
Wenn 40-jährige Architekten sich mit 400 Jahre alten Häusern beschäftigen, gewinnen beide | Von Fred Wagner
„Das Spannendste an meiner Arbeit ist, dass ich Werte schaffe“, sagt Michael Leonhardt. „An meine Pläne, Dokumentationen und Berichte wird man sich vermutlich auch noch in 100 oder 200 Jahren erinnern.“ Etwas zu viel Optimismus für einen jungen Architekten? Eher nicht. „Ich habe schon während des Studiums gewusst, dass ich in diesem Bereich tätig sein will“, erklärt der Inhaber des Büros Leonhardt, Architektur und Denkmalpflege in Trier. Nach einer Schreinerausbildung und dem Studium hat er sich neben dem Entwurf auch zu handwerklichen Dingen und zur Bauleitung hingezogen gefühlt.
Heute kommen rund 90 Prozent seiner Aufträge aus der Denkmalpflege. Leonhardt: „Mich reizt der Kompromiss zwischen Neu und Alt.“ Außerdem sei die Arbeit kaum mit der eines herkömmlichen Architekten zu vergleichen und gleiche eher einer wissenschaftlichen Tätigkeit. Beispiel: das Dreikönigenhaus von 1230, eines der fünf wichtigsten Denkmale in Trier. Es wurde von Leonhardt monatelang akribisch untersucht und dokumentiert – in enger Zusammenarbeit mit Archäologen, Kunsthistorikern und Restauratoren. Oder das St.-Nikolaus-Hospital in Bernkastel-Kues. Leonhardt: „Seit über sechs Jahren plant und betreut mein Büro die Reparatur- und Instandsetzungsmaßnahmen. Außerdem waren eine ganze Reihe von Bauforschungsaufgaben zu lösen und es gab umfangreiche Baualtersbestimmungen.“
Angenagt vom Zahn der Zeit: Schadhafte Balken und Dachsparren vor der Sanierung
Trotz der langen Fertigstellungsprozesse kommt bei ihm keine Langeweile auf: „Die Objekte haben alle eine Vergangenheit und es ist spannend, herauszufinden, wie ein Gebäude gearbeitet ist.“ Dazu brauche man fundiertes Fachwissen und müsse intensive Bauforschung betreiben. Als Sanierungsgrundlage dienen digitale Bestandspläne bis hin zu verformungsgerechten Digitalaufmaßen, Schadenskartierungen oder auch Messbilder, die mithilfe modernster Lasertechnologie von Leonhardt angefertigt werden.
Er empfiehlt Kollegen, die in die Denkmalpflege wollen, die Arbeit in einem Büro mit Erfahrungen in diesem Bereich oder bei einem guten Restaurator. Es sei wichtig, zuerst in die Praxis zu gehen, um zu sehen, wie man mit Denkmalen umgeht. Wo kommen die Schäden her und wie kann ich etwas sanieren, sodass es auch nachhaltig Bestand hat?
Ohne Fortbildung geht es nicht
Auch wirtschaftlich kann der Architekt aus Trier nicht klagen. An gut bezahlten Aufträgen im Bereich der Denkmalpflege herrscht kein Mangel. Trotzdem finden nur wenige junge Architekten den Weg zur Sanierung alter Gemäuer
Das hält wieder: Das instand gesetzte Gebälk des alten Hospitals
Für Heinz Wionski, selbst studierter Architekt und Konservator beim Landesamt für Denkmalpflege Hessen, ist das vor allem ein Thema der fehlenden Fortbildung: „Sobald junge Absolventen ihren ersten Job in einem Büro haben, werden sie beruflich so stark gefordert, dass die Fortbildung in den Hintergrund rückt.“
Das Haus "Markt 19" in Bernkastel-Kues vor der umfassenden Reparatur des Holzständerwerks
Neben seiner Tätigkeit als Gebietsreferent leitet Wionski seit sechs Jahren die Fortbildung „Architekt in der Denkmalpflege“ in der Propstei Johannesberg/Fulda. Die Ausbildung dauert insgesamt zwölf Wochen und ist über drei Jahre verteilt. Wionski: „Haben die jungen Leute dann ein paar Jahre Berufspraxis hinter sich und kommen aus dem einen oder anderen Grund mit der Denkmalpflege in Berührung, merken sie schnell, dass sie ohne Fortbildung nicht weiterkommen.“
Und so sieht das Haus heute von Außen...
Diese Erfahrung machte auch Nicole Lieber aus Diez an der Lahn. Aus diesem Grund nimmt die 35-jährige Architektin seit März dieses Jahres an der Fortbildung in Johannesberg teil. „Inzwischen habe ich den dritten Wochenblock beendet und sehr viel Wissen für die Praxis mitbekommen.“ Lieber hat sich schon vor ihrem Hochbaustudium für das ökologische Bauen interessiert. „Im Vorpraktikum habe ich deshalb in einem darauf spezialisierten Büro gearbeitet. So bekam ich den ersten Kontakt zur Altbausanierung. Für das Hauptstudium habe ich dann eine Hochschule gewählt, an der ich das Thema ,Planen und Bauen im Bestand‘ vertiefen konnte. Das war die Fachhochschule in Oldenburg.“
...und von Innen aus.
Nach dem Studium hat sich Lieber wieder vorrangig mit dem ökologischen Bauen beschäftigt und zur Baubiologin qualifiziert. „Bisher habe ich zwar noch kein reines Denkmalpflege-Projekt betreut, arbeite aber zu 80 Prozent im Bestand.“ Nach ihrer Weiterbildung möchte die junge Architektin stärker im Bereich der Erhaltung von Kulturdenkmalen arbeiten. „Wenn man die Sache rein wirtschaftlich betrachtet, liegt für uns Architekten die Zukunft in der Arbeit im Bestand allgemein und in der Denkmalpflege im Speziellen. Hier muss man jedoch mit viel Sachkenntnis herangehen und kann die Dinge weder als Planer noch als Handwerker so geradlinig durchziehen, wie es im Neubau üblich ist.“
Warum sich so wenige junge Architekten dafür begeistern können, erklärt Nicole Lieber mit einem Vorurteil: „Die meisten haben den Eindruck, dass man im Altbau die Kreativität unseres Berufsstands nicht einbringen kann. Das stimmt aber nicht. Jedes neue Objekt ist eine neue Herausforderung, weil die Arbeit immer wieder zum Teil extrem anders ist. Hier geht es nicht um den eigenen Kopf oder moderne Trends, sondern darum, mit viel Fingerspitzengefühl, aber auch Kreativität auf das alte Gebäude einzugehen.“
Interdisziplinäres planen und bauen
Der 40-jährige Markus Schäfer ist Stadtplaner und durch Zufall zum Denkmalschutz gekommen. Er hatte zuvor in Holland gearbeitet und ging dann wegen seiner Frau nach Bamberg. „Ich habe mich dann umgesehen, welche Möglichkeiten es hier gibt, und bin relativ schnell darauf gekommen.“ Er absolvierte in Bamberg ein Denkmalpflege-Aufbaustudium, bei dem er die Kunsthistorikerin Alexandra Baier und die Hochbauarchitektin Yvonne Slanz kennenlernte. 2002 gründete er mit beiden das Büro „Arbeitsgemeinschaft transform“. „Wir hatten uns nach der Gründung unter anderem für Denkmalprojekte in Bamberg beworben und den Zuschlag erhalten. Danach hat es nicht lange gedauert, bis man uns ein Händchen für Projekte im historischen Kontext nachsagte.“ Zu dieser erfolgreichen Spezialisierung hat sicher auch die Zusammensetzung des Büros aus Architektin, Stadtplaner und Kunsthistorikerin beigetragen.
Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem städtebauliche und denkmalpflegerische Bewertungen und Untersuchungen, die insbesondere bei Dorf- oder Stadtteilerneuerungen eine große Rolle spielen, Modellprojekte für den urbanen Gartenbau, die im Rahmen des Konjunkturpakets I für die UNESCO-Welterbestädte gefördert werden, sowie Nutzungskonzepte für leer stehende Denkmale. Schäfer: „Was wir hier machen, hat mit einer klassischen Architekturaufgabe nicht mehr viel zu tun. Wir haben eine Nische in der Steuerung und Koordination von denkmalpflegerischen Sonderprojekten gefunden und sind damit sehr zufrieden.“
Für Kerstin Beer war es der Umgang mit den alten Handwerkstechniken, der sie zur Denkmalpflege geführt hat. Nach einer Tischlerlehre wollte sie direkt zur Fortbildung in die Propstei Johannesberg, um im Bereich der Restauration zu arbeiten. Ohne Berufserfahrung hatte sie jedoch keine Chance. Sie entschied sich dann für ein Architekturstudium in Aachen und die Arbeit in einem Planungsbüro. „Irgendwann dachte ich dann, ich müsse etwas für mich tun und habe die Propstei Johannesberg wiederentdeckt“, berichtet die 40-Jährige. Von 2006 bis 2007 ließ sie sich zur „Architektin in der Denkmalpflege“ fortbilden. Gleichzeitig arbeitete sie im „Büro für Architektur und Stadtplanung“ in Kassel an der Restaurierung und Sanierung von alten Fachwerkhäusern. Zurzeit arbeitet Beer an der Sanierung einer Schule aus den 1940er-Jahren, die Teil einer denkmalgeschützten Anlage ist. Beer: „Kein Projekt ist wie das andere. In Zukunft wird es neue Aufgaben geben, wie die Betonsanierung aus den 1960er-Jahren, die heute noch wenig beackert sind. Auch hier muss man sich sehr viel Wissen aneignen, um fachgerecht zu sanieren und zu erhalten. Es geht also nicht nur um die mittelalterlichen Gebäude. Ich bin mir sicher: Wer sich als junger Architekt für Denkmalpflege interessiert, hat auf jeden Fall eine Zukunft.“
Gefällt den Hanseaten: Die prämierte Villa von "splendid architecture" in Hamburg
Berüchtigt, aber auch berechtigt ist der in England jährlich verliehene Karbunkel- Preis für den vom Publikum gewählten hässlichsten Neubau. Hamburg hat es besser: Hier haben eine Tageszeitung und der örtliche BDA schon dreimal den „Publikums- Architekturpreis“ für einen schönen Hamburger Neubau ausgeschrieben. Gewonnen hat diesmal eine Villa des Büros „splendid architecture“ in den feinen Elbvororten. Auf Rang zwei kam die neue Unilever-Zentrale von Stefan Behnisch. Diese gewann bei den Profis vom BDA, bei denen jedoch die Villa unter „ferner liefen “rangierte.
In der Not lässt der Architekt fliegen. Martin Parsch aus Lünen in Westfalen kam „aus berufl icher Not heraus“ auf die Idee mit der Drohne – einem unbemannten Fluggerät mit Kamera, die Bilder aus bis zu 150 Metern Höhe aufnimmt. Seine „spezielle Architekturfotografi e nebst architekturgerechter Bildbearbeitung“ bietet Parsch Kollegen, Bauherren, Kommunen und anderen Abnehmern. Fluggerät und Kamera werden vom Boden aus ferngesteuert. Perspektive und Bildschnitt sieht man auf Monitor oder Videobrille. Die Bilder gibt es ab 199 Euro.
www.liftbilder.de
Vergoldet: Prämierter Supermarkt von Degener Architekten in Dortmund
Als umweltfreundlichste Handelsimmobilien wurden vom Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M) drei Projekte gekürt: der „Supermarkt der Zukunft“ in Berlin-Rudow von Koch Architekten aus Düsseldorf, das Forum Duisburg von Ortner + Ortner sowie der Fruchthof Konstanz von Neogeo Architekten aus Konstanz. Offenkundig weniger um Ökologie ging es bei einer prämiierten Handelsimmobilie im Wettbewerb „bestarchitects“, den eine Düsseldorfer Kommunikationsagentur namens „Zinnobergruen“ auslobte. Hier wurden, wenn wir richtig gezählt haben, gleich 75 Projekte in Deutschland und der Schweiz ausgezeichnet. Zehn erhielten ihn gar in Gold, einer von den anderen für Gold: ein Supermarkt in Dortmund-Huckarde vom örtlichen Büro Degener Architekten mit nierenähnlich vorkragenden Flugdach, verkleidet mit Goldmetallic-Schindeln.
www.gebaeudewettbewerb.de
Alf Furkert, Präsident der Architektenkammer Sachsen
Wir sind reich an Baudenkmalen, aber es sei zugegeben: Manche erscheinen uns im Arbeitsalltag zunächst lästig. Wo Denkmalschutz wirkt, sind zeitgenössische Gestaltung, Funktionalität, Ökonomie und auch Ökologie häufig nur eingeschränkt umsetzbar. Wir Architekten sollten das nicht nur als Einschränkung sehen, sondern Denkmalpflege als das begreifen, was sie in ihrem Kern ist: eine Würdigung von Architektur und Baukultur und damit des Wirkens unseres Berufsstandes in der Vergangenheit. Das Baudenkmal spiegelt den Geist seiner Zeit wider, stärkt die Vertrautheit mit dem Ort, und oft ist es schlicht schön. Letztlich ist sein Schutz in der Regel sogar ökonomisch und ökologisch sinnvoll, weil Umgang mit überkommener Substanz nachhaltig ist.
Wiegt das mehr als die vordergründige Brauchbarkeit? Da steht schon das nächste Thema an. Nur ein genutztes Denkmal ist auf Dauer auch ein lebendiges Denkmal. Damit es leben kann, müssen drei sich finden: erstens der verantwortungsbewusste Eigentümer, zweitens der für Denkmale aufgeschlossene Architekt, der seinen Einfallsreichtum und ganzheitlichen Ansatz für eine Synthese von Bau und Nutzung aufbringt. Und drittens der Denkmalpfleger, der auf Basis seiner Sachkenntnis auch das gewisse Gespür für das richtige Maß von Konservieren und Verändern, für Bewahren und Preisgeben mitbringt.
Die gesellschaftliche Basis ist da: Unzählige Liebhaber, Vereine, Bürgerinitiativen und Stiftungen engagieren sich in dem Metier. Diese Zivilgesellschaft braucht hier auch einen starken Staat. Nur er kann das allgemeine Interesse an einer langfristigen Bewahrung des Kulturguts gegen kurzfristige und individuelle Interessen an einer bequemeren Lösung durchsetzen. Ein auf diesem Feld beherzter Staat ist kein totalitärer Staat, im Gegenteil: In den ostdeutschen Bundesländern konnte mit dem Einzug der Demokratie und natürlich auch neuer wirtschaftlicher Verhältnisse der Verfall vieler alter Häuser und Städte gebremst und gestoppt werden; vielerorts hat neues Leben begonnen. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben das wirksam flankiert.
Wenn es jetzt wie in Sachsen darum geht, diese zu modernisieren, letztlich den Verwaltungsaufwand zu reduzieren, dann sollte nicht ein Paradigmenwechsel die seit gut zwanzig Jahren in Sanierung befindliche Denkmallandschaft erschüttern, sondern es müssen Wege gesucht werden, die Reduzierung der Verwaltungsaufgaben fachlich zu kompensieren. Zur Diskussion steht hier eine Übertragung von Aufgaben an qualifizierte Dritte, ein in anderen Bereichen auch der baulichen Betätigung erfolgreich beschrittener Weg. Die fachliche Bewertung eingereichter Anträge oder angezeigter Änderungen und die qualifizierte Vorbereitung von Verwaltungsentscheidungen – das sind keine undenkbaren Aufgaben für Architekten, vielmehr ein Angebot des Berufsstandes. Und ein Bekenntnis, sich den wandelnden Anforderungen der Gesellschaft zu stellen. Wenn sich der Staat zurückzieht, das Feld aber nicht unbestellt bleiben darf, dann müssen und können andere die Lücken schließen. Wir können Verantwortung übernehmen für das Objekt und in der Beurteilung der Vorstellungen von Kolleginnen und Kollegen. Für viele von uns möglicherweise ein neuer Gedanke. Sicher aber mehr als gerechtfertigt für die Bewahrung des baukulturellen Erbes.