Genie und Wahn

Wie weit darf sich ein Architekturgenie auf politischen Wahn einlassen? In der Schweiz ist eine Diskussion über Le Corbusiers antisemitische Äußerungen und über seine Bemühung aufgeflammt, unter den übelsten Diktatoren der Epoche zu bauen – Hitler, Stalin und Mussolini (siehe DAB 9/09, S. 66). Die UBS-Bank tilgte ihn nach Protesten aus einer Werbekampagne; die Stadt Zürich zögert mit der geplanten Taufe eines Le-Corbusier- Platzes und die Frage wird diskutiert, ob sein Kopf noch der richtige für die Schweizer 10-Franken-Note (links) sei. Corbu-Bewunderer wie der Züricher Kunsthistoriker Stanislaus von Moos sehen bei Corbusier lediglich „eine dumme Bemerkung hier, eine politische Fehleinschätzung dort, beides zur falschen Zeit“. Aber auch von Moos zieht die Verbindung vom Planer mit universellem Gestaltungsanspruch zur totalitären Politik: „Architektur und Städtebau, so wie Le Corbusier sie verstand, hatten die durchgreifende Obrigkeit zur Voraussetzung.“ Und da hatte der Meister keine Hemmungen – etwa 1936 in seinem Konzept für das von Mussolini gerade eroberte Addis Abeba, für das Corbusier eine städtebauliche Synthese aus kolonialer Herrschaftsgeste und Apartheid entwarf. Texte zum Thema Le Corbusier und Frankreichs Nazi-Statthalter – Reportage von Daniel de Roulet im Tagesspiegel Kritische Biographie, besprochen von Philipp Gut im Deutschlandradio Kultur Mussolini Kolonialpläne für Ostafrika – mit einer Idee Le Corbusiers, beschrieben von Aram Mattioli in der Zeit Reaktionen auf die Vorwürfe in der Schweiz, geschildert von Bruno Schletti im Tagesanzeiger Verteidigung Le Corbusiers von Stanislaus von Moos im Tagesanzeiger Kommentar zur aktuellen Schweizer Diskussion von Niklas Maak in der FAZ

Modelle per Mausklick

Ein neuer Service im Internet erleichtert den Bau von Architekturmodellen | Von Fred Wagner Exakte Darstellung: Der Internet-Dienstleister liefert Architekturmodelle, „Ich habe in meinem Leben schon viele Modelle gebaut, aber da kann man so viel üben, wie man will“, sagt Andreas Petermann. „Eine solche Präzision im Schnitt und bei der Bedruckung lässt sich per Hand einfach nicht erreichen.“ Der Augsburger Architekt hat als einer der Ersten plannerrescue.de ausprobiert, einen neuen Service im Internet, der den Bau von Modellen erleichtert. Mit dem Ergebnis ist der 39-Jährige sehr zufrieden. Nicht nur mit der Qualität – auch die Zeitersparnis sei enorm. Sein Auftrag: das Schichtenmodell eines großen Einfamilienhauses auf einem Hanggrundstück. „Für die Datenerstellung und den Zusammenbau des präsentationsfertigen Modells habe ich nicht einmal acht Stunden benötigt“, schwärmt Petermann. „Wenn ich das auf die traditionelle Weise mache, brauche ich mindestens dreimal so lange.“ Das Prinzip der neuen Dienstleistung ist relativ einfach: Der Architekt erstellt mithilfe seines CAD-Programms einen „Bastelbogen“ und schickt diesen als PDF-Datei an www.plannerrescue.de, zusammen mit den Angaben über die gewünschten Materialien. Der Dienstleister bedruckt und schneidet aus den Materialien den Modellbausatz aus und sendet diesen an den Architekten, der die Einzelteile nur noch zusammenfügen muss. Der größte Teil des zeitraubenden Modellbaus entfällt. Die Idee, Modelle von Bauvorhaben anhand der Planungsdaten via Internet zu fertigen, kommt aus England. Die phg GmbH, ein Augsburger Unternehmen, das sich auf digitales Printing-on-Demand für internationale Konzerne spezialisiert hat, hat diese Idee aufgegriffen. Es hat ein Softwarepaket entwickelt und zugleich eine komplette Fertigungsstraße mit millimetergenauer Schnitt- und Fräs­technik eingerichtet, um sowohl Massenmodelle, Schichtmodelle als auch Baukörpermodelle produzieren zu können. Geschäftsführer Helfried Prünster: „Wir arbeiten bis auf einen Zehntelmillimeter genau, um hohe Qualität gewährleisten zu können.“ Für den Bau der Modelle werden Bögen und Platten in Formaten von DIN A4 bis DIN A1 angeboten. Für die Bodenplatte mit eingedrucktem Grundriss stehen als Materia­lien weißer Karton, Graupappe, Forex-Platten, Sperrholz natur oder beschichtet sowie Acrylglas bis zu einer Stärke von 19 Millimetern zur Auswahl. Für den Baukörper selbst kann man sich entscheiden zwischen weißem Karton, Echtfurnieren in Eiche, Teak, Wenge oder Zebrano auf Papierträger kaschiert und Polycarbonfolien für transparente Gebäudeteile. Stärken der Außen- wie Innenwände sowie der Decken sind variabel. Das ausgewählte Material wird dann anhand der digitalen Daten mit einer UV-beständigen Farbe ­bedruckt; auch die Darstellung von Glas, Edelstahl oder Mauerwerk ist möglich. Die Farbe der Sonnenschutzrollos kann zudem auf dem Modell dargestellt werden. Die Detailtreue hängt von den gelieferten Daten der Originalpläne ab, die auf den Server geschickt werden. Die Preise richten sich nach den Größen und verwendeten Materialien. Ein Beispiel: Ein Modell aus weißem Karton und Polycarbonfolien, farbig bedruckt auf einer A4-Grundplatte kostet rund 170 Euro. Als maximale Lieferzeit verspricht der Internetservice 48 Stunden.

Immer flüssig

Die Banken sind mit der Vergabe von Krediten vorsichtiger geworden. Umso wichtiger ist für Architekten eine kluge Strategie, um an Geld für die Finanzierung des Büros zu kommen | Von Roland Stimpel Der Umgang mit Geld ist vielen Architekten weniger wichtig. „Finanzielles liegt an vorletzter Stelle von insgesamt 20  betrachteten Zielen“, stellte der Münchener Architekt Gunnar Gombert nach einer Umfrage bei 478 Kollegen fest (DAB 8/2009, S. 36 ). Aber auch Idealisten brauchen immer wieder Geld – für Start oder Übernahme eines Büros, für dessen Expansion und für die Überbrückung von Engpässen. Ob die Bank hartherzig oder freigiebig reagiert, hängt auch von der richtigen Strategie und Selbstdarstellung des Architekten ab. Das gilt schon beim Kredit für eine Bürogründung. Tobias Knoll, Kreditexperte bei der Commerzbank in Frankfurt, beschreibt seinen Wunsch-Neukunden: „Er oder sie hat einen soliden beruflichen Hintergrund, Praxiserfahrung und bringt möglichst auch eigenes Geld ein.“ Im besten Fall gibt es bei der Gründung schon Aufträge – wenn nicht, muss ein Büro-Starter plausibel machen, dass er sie bald erhalten wird. Knoll: „Wie ist jemand vernetzt, wie akquiriert er Aufträge, wie agiert er am Markt? All das entscheidet darüber, ob seine Gründung aussichtsreich erscheint.“ Wer als Architekt Kredit haben will, braucht darüber hinaus eine finanzielle Grobplanung, aber kein extrem ausgereiftes Konzept, meint Tobias Knoll: „Wir erwarten vom Kunden keine fertige Finanzierungslösung, sondern erarbeiten sie mit ihm gemeinsam. Er sollte aber wissen, wie viel er für die Anschubfinanzierung benötigt, welche laufenden Kosten er dann hat und wie viel Geld voraussichtlich hereinkommt.“ Dagegen sei es gerade für einen Gründer wenig hilfreich, der Bank seine Büroausstattung als Sicherheit anzubieten, etwa den CAD-Computer. „Equipment taugt wenig – es ist für sich allein ja kein Indiz, dass das Unternehmen auch funktioniert.“ Ein kurzer und ein langer Kredit Die Gewichte der Bewertung verschieben sich, soll nicht die Gründung eines neuen Büros, sondern die Übernahme eines bestehenden finanziert werden. Hier spielen Größen wie Kunden- und Mitarbeiterstamm, Know-how und Renommee eine wichtige Rolle. Aber hier sollte ohnehin kein Architekt auf eigene Faust den Wert eines Büros zu errechnen versuchen, sondern sich von Experten unterstützen lassen. Sie sitzen in den Kammern und ihren Beratungseinrichtungen selbst oder werden von den Kammern empfohlen. Wer Gründung oder Kauf eines Büros finanziert, nimmt oft nicht nur einen Kredit, sondern gleich zwei – auf lange und auf kurze Sicht. Großinvestitionen werden mit länger laufenden Krediten finanziert – etwa der Kaufpreis eines Büros oder die Anschaffung teurer Geräte. Derartige Darlehen können Laufzeiten von bis zu 20 Jahren haben. Und sie müssen nicht nur von der eigenen Bank kommen, meint Tobias Knoll: „Hier können auch öffentliche Förderkredite eingebaut werden.“ Etwa die maximal 50 000 Euro „Startgeld“ der bundeseigenen KfW-Bank, die Gründer und Freiberufler in den ersten drei Jahren ihrer Selbstständigkeit zu relativ niedrigen Zinsen erhalten können – vermittelt über ihre Hausbank. Für reifere und größere Büros eignet sich eher der KfW-Unternehmerkredit. Immer wieder kann aber auch kurzfristiger Kreditbedarf auftreten. Er ist besonders dringend, wenn ein Architekturbüro bereits viel Geld in ein Projekt investiert, aber das Honorar dafür noch aussteht. Dafür kann die Bank auf dem Geschäftskonto einen Kontokorrent-Kredit gewähren – Privatleuten besser bekannt als Überziehungskredit. Ist dafür einmal ein Rahmen geschaffen, bekommt man ihn bei Bedarf sofort und problemlos. Er ist jedoch keine Dauerlösung, denn dafür sind seine Zinsen viel zu hoch – genau wie bei Privatleuten. Ein anderer Weg, solche Engpässe zu überbrücken, ist Architekten in der Regel verschlossen: das Factoring, bei dem man die von Kunden unbezahlten Rechnungen mit Rabatt an ein Unternehmen verkauft, das dann beim Kunden das Geld eintreiben will. Solche Unternehmen kaufen meist nur offene Rechnungen für gelieferte Waren, nicht für Dienstleistungen. Ein Finanzierungsweg für Anschaffungen führt an der Bank scheinbar vorbei: das Leasing, bei dem zum Beispiel Computer, Büroeinrichtung oder der Dienstwagen nicht gekauft, sondern gegen feste Raten für längere Zeit geliehen werden. Doch genau wie Banken geben auch Leasing-­Firmen ihre kostbaren Güter nur aus der Hand, wenn der Kunde ihnen zahlungskräftig genug erscheint. Und man muss genau nachrechnen: Anzahlung und laufende Raten können niedriger, aber auch weit höher sein als die Kreditkosten bei einem Kauf. Zumal am Ende der Leihzeit das gute Stück weg ist. „Rechte einfordern“ Interview mit dem Berliner Architekten  Olaf Beutin, der sich im Kundenbeirat der Commerzbank engagiert Wie kommt man als Architekt in den Beirat einer Bank? Ich hatte da schon lange mein Geschäftskonto und habe mich um die Mitgliedschaft beworben, als der Beirat 2009 gegründet werden sollte. Die Bank wird so für mich transparenter; ich erweitere mein Wissen über Finanzen und Wirtschaft und lerne ganz neue Leute kennen. Im Beirat sind zum Beispiel eine langjährige Kulturpolitikerin, ein Anwalt, ein Student und andere mehr. Das bringt ­einen breiten, interdisziplinären Ansatz. Damit viele verschiedene Berufe vertreten sind, bin auch ich als selbstständiger Architekt Beiratsmitglied geworden. Worüber wird dort konkret beraten? Wir halten der Bank einen Spiegel vor – wir zeigen ihr, wie ihre Kunden sie sehen. Wir machen konkrete Verbesserungsvorschläge und arbeiten an allgemeinen Regeln. Zum Beispiel an der neuen Kunden-Charta. Da musste ich zuerst an die Charta von Athen denken, aber es geht natürlich um etwas ganz anderes: um Rechte, die wir Kunden bei der Bank einfordern können. Verstehen Sie viel von Bankgeschäften? Ich lerne gerade viel. Aber um zu zeigen, wie eine Bank aus Kundensicht aussieht und was man sich von ihr wünscht, ist ein Laienblick vielleicht sogar besser als der eines Bankers. Und hilft Ihr Architekten-Know-how? Das kann ich durchaus einbringen. Ich habe im Beirat schon über Mängel an der Inneneinrichtung und Akustik von Bankfilialen berichtet. Und als Freund klarer Strukturen war ich auch mit der Bank-Website nicht rundum zufrieden. Wie ernst werden Sie genommen? Durchaus ernst. Unser Gesprächspartner ist der Privat- und Geschäftskundenvorstand Achim Kassow. Er stellt sich auch kritischen Diskussionen und ich habe den Eindruck, dass unsere Anregungen durchaus ernst genommen und auch umgesetzt werden.

Bürgerbewegung

Im zweiten Wettbewerb für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal stieg der Ertrag | Von Roland Stimpel Riesenschale, Riesenkniefall und Buchstabendach: Drei Siegerentwürfe brachte der Wettbewerb für ein Denkmal, das die Freiheitsbewegung zum Ende der DDR und die wiedergewonnene Einheit würdigen soll. Standort ist das Spreeufer am Berliner Schlossplatz – auf dem Sockel eines früheren Kaiser-Wilhelm-Reiterstandbildes. Beides zeigt: Über dieses Pathos sind wir hinaus. Pünktlich zum Einheitsjubiläum am 3. Oktober verkündete Arno Sighart Schmid, Juryvorsitzender und früherer Präsident der Bundesarchitektenkammer, das Ergebnis: Wettbewerb Nummer zwei ist weit erfreulicher ausgegangen als der erste von 2007. Den hatten schon die Auslobungsbedingungen zum Scheitern verurteilt: Das Denkmal sollte einschlägige Bewegungen von 1848 bis 1990 würdigen, nationale und Berliner Ereignisse und im Speziellen dann noch die Demonstrationen von Leipzig. Dem konnte keiner der 532 eingereichten Entwürfe genügen. Diesmal war die Wettbewerbsaufgabe schlanker; es sollte nur um die Ereignisse von 1989/90 gehen. 386 Architekten und Künstler bewarben sich, 28 kamen in die Endrunde und drei siegten – die nun aber ihre Entwürfe nochmals gründlich überarbeiten sollen. Das aber nicht wegen der künstlerischen Qualität und Aussage, sondern aus eher praktischen, teils auch banalen Gründen. Das trifft am meisten den außergewöhnlichsten der drei Siegerentwürfe von den Stuttgarter Architekten und Szenografen Milla und Partner und der Berliner Choreografin Sasha Waltz: eine weit ausladende, oben goldglänzende Schale von spielerischer Großzügigkeit und mit einem Hauch von Bananen-Ironie. Bürgerbewegt: Besuchergruppen können die Goldschale in Schwingungen versetzen „Bürger in Bewegung“ heißt der Entwurf und meint das wörtlich: Gruppen ab etwa 50 Menschen können die Schale ins Wippen brin-gen – die gemeinschaftliche Bürgerbewegung verstärkt sich selbst. Aber ach: Nach dem Juryprotokoll muss der Außenbereich unter der Schale „in Bezug auf Sicherheit, Zugänglichkeit und architektonische Wirkung zwingend überarbeitet werden. Hinsichtlich der Sicherheit, Betriebskosten, des Missbrauchs und des hohen technischen Aufwandes wurden zum Teil erhebliche Bedenken geäußert. Der Zugang zur Schale für Behinderte ist ebenfalls unklar.“ Was nützt das schönste Mahnmal, wenn es nicht pflegeleicht und für alle zugänglich ist? Kniefall: Der Mann ist fünf monumentale Meter groß, doch seine Geste Zeigt Demut. Der Karlsruher Bildhauer Stephan Balkenhol schlägt einen fünf Meter großen „Knienden“ vor. „Warum eigentlich keine Frau?“, fragt die Jury und stellt fest: „Die Verbindung zum Einheits- und Freiheitsbegriff im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1989 ist nicht eindeutig.“ Jedoch „nimmt die Arbeit den Gedanken des klassischen Denkmals auf. Sie bricht ihn auf eine zeitgemäße Weise in eine Geste der Kontemplation und Nachdenklichkeit des Einzelnen herunter.“ Und praktisch ist es auch: „Eingriffe in den Sockel sind eher gering. Probleme bezüglich Verkehrssicherheit und barrierefreiem Zugang sind nicht erkennbar. Konstruktion, Materialität und Farbigkeit sind erprobt.“ Buchstabendach: Besucher wandeln unter einem Dach, dessen Stützen für je ein Bundesland stehen. Den dritten ersten Preis gewann der Münchener Architekt Andreas Meck für ein Dach aus Buchstaben, die Aussagen zum Einheitsprozess ergeben. Laut Jury „entwickelt sich daraus eine hohe Symbolkraft, welche das Wort und die gemeinsame Sprache als Element der wiedergewonnenen Einheit und Freiheit ausdrucksstark ins Zentrum rückt“. 16 Dachstützen stehen für je ein Bundesland, den Boden prägt ein Kartengrundriss Deutschlands mit markierter Exgrenze. Und das Praktische ist bedingt erfülllt: „Der historische Sockelbereich ist im Entwurf nicht barrierefrei erreichbar. Errichtung und Unterhaltung erscheinen unter wirtschaftlichem Gesichtspunkt unproblematisch.“ Mit den drei Entwürfen sieht Kulturstaatsminister Bernd Neumann jetzt „eine hervorragende Grundlage für die weitere Planung und Realisierung des Projektes gegeben.

Solides Zahlenfundament

Das Baukosteninformationszentrum BKI sucht weitere Architekten, die ihm gegen Honorar Kostendaten übermitteln | Von Rebecca Weiand-Schütt Seit der HOAI-Novellierung 2009 ist die Kostenberechnung noch wichtiger, da mit ihr das Architektenhonorar in einem sehr frühen Stadium nahezu verbindlich festgeschrieben wird. In der Praxis gelingt das kostenoptimierte Planen nur auf Grundlage fundierter Daten. Für diesen Zweck wurde vor mehr als 14 Jahren das Baukosteninformationszentrum Deutscher Architektenkammern (BKI) in Stuttgart gegründet. Das Ziel war und ist es, eine aktuelle, breit angelegte Baukosten-Datenbank zur Unterstützung der Architekten bereitzustellen. Rund 50 000 Nutzer, also fast jeder zweite deutsche Architekt, bedienen sich mittlerweile dieser Dokumentation. Gründe für die Vertrauenswürdigkeit der Werte nennt der Hamburger Architekt Karsten Holst: „Es ist ein gemeinschaftliches Werk unseres Berufsstands, da die Daten ausschließlich aus abgerechneten Projekten von Architekten stammen. Das macht sie sehr verlässlich und durch die detaillierten Quellenangaben gut nachvollziehbar.“ Mehr als 1 700 Objekte stehen derzeit zur Verfügung, aufgegliedert in Neu- und Altbauten, energiesparendes ­Bauen sowie Freianlagen. Doch Gesetzesänderungen, weiterentwickelte Baustoffe und Materialien sowie steigende energetische Anforderungen verändern fortlaufend sowohl die Rahmenbedingungen als auch die Bauprozesse selbst. „Neue Objekte sind jederzeit willkommen, denn wir benötigen aus allen Regionen und quer über alle Bauwerksarten hinweg Zahlen, um unseren hohen Standard als aktuelle und repräsentative Datenbank zu halten“, erklärt BKI-Geschäftsführer Professor Georg Wiesinger. Die Architektenschaft verwendet diese Werte in unterschiedlicher Art und Weise – mal als Ausgangsannahme, bevor Ausschreibungsergebnisse vorliegen, mal als Vergleichsbasis für eigene Zahlen, mal als einzelne Bausteine für bestimmte Positionen. Selbst wenn ein Büro nach langer Berufspraxis einen umfangreichen Datenbestand hat, ist dieser nicht immer so aufbereitet, dass er zur Kostenberechnung neuer Aufträge taugt. Werden die Werte hingegen an die Datenbank weitergegeben, bleiben sie zukunftstauglich. Den größten Vorteil daraus haben die Datenlieferanten selbst, meint Architekt Werner Miller von der Werksgruppe Freiburg: „Die Kennzahlen aus der Auswertung der eigenen Objekte sind methodisch so exakt strukturiert, dass sie sich sehr gut für Folgeprojekte nutzen lassen.“ Wenig Aufwand und hoher Informationsertrag Den Ausgangspunkt dafür bilden Checklisten, die den Architekten genau angeben, welche Unterlagen benötigt werden. BKI-Mitarbeiter prüfen, ob die eingehenden Planunterlagen, Fotos und Beschreibungen vollständig und plausibel sind. Ob daraus eine Grob- oder Feindokumentation entsteht, ist abhängig vom Umfang der Abrechnungsunterlagen. Wurden viele Leistungen pauschal vergeben oder gab es Eigenleistungen in hohem Umfang, bietet sich eine Darstellung auf der ersten Ebene der DIN 276 an, was mit 150 Euro honoriert wird. 700 Euro erhalten Architekten für Datenmaterial, das der dritten Ebene entspricht. Die zeitliche Belastung für das Aufbereiten und Darstellen der Daten ist für Büros mit strukturierter Kostenplanung gering und wird auf einige Stunden bis maximal einen Arbeitstag geschätzt. „Die Honorierung war eine zusätzliche Vergütung für wenig Aufwand“, berichtet Carsten Eichholz aus dem Büro Barthelmey, das bereits 13 Objekte geliefert hat. Seit Kurzem können sich die Büros bei der Zusammenstellung der Daten direkt vor Ort von BKI-Mitarbeitern unterstützen lassen. Von Duisburg aus betreut Bettina Böhmer Datenlieferanten aus dem westlichen Nordrhein-Westfalen, Andreas Hecker in Dortmund ist für den östlichen Landesteil zuständig. In Mainz ist Philipp von Mann für Hessen und Rheinland-Pfalz der Ansprechpartner, und von Brandenburg aus ist Constanze Kreiser in Berlin und den neuen Bundesländern behilflich. Aufbereitet werden die Daten von den Fachleuten des BKI, die die Positionen aller Gewerke mit Kurztext, Menge und Einheitspreis erfassen und den Kostengruppen der DIN 276 und den Leistungsbereichen des STLB zuordnen. Bei größeren Projekten geht es oft um mehrere tausend Einzelposten. Zudem werden aus den Zeichnungen Flächen, Rauminhalte und Elementmengen herausgemessen. Aus diesen Rohdaten entstehen die Planungs- und Kostenkennwerte. So wird jedes Projekt sauber aufgeschlüsselt und gut vergleichbar. Hinzu kommen Fotos und Pläne. Die Veröffentlichung setzt die Zustimmung der Bauherren voraus. Das ist in aller Regel kein Problem. Im Gegenteil: Viele sind stolz darauf, dass ihr Haus so umfangreich dokumentiert wird und als Vorbild für andere dient. „Die BKI-Sonderdrucke der eigenen Projekte wirken bei der Akquise von privaten Bauherren als vertrauensbildende Maßnahmen, vergleichbar einem Qualitätskriterium“, sagt Hans Peter Benl aus dem bayrischen Neuötting, der seit mehr als zehn Jahren die Datenbank nutzt und zugleich beliefert. Er schätzt besonders, dass über Zu- und Abschläge alle Kennwerte deutschlandweit auf jede Region umgerechnet werden können. Möglich machen das Daten aus allen Bundesländern. Allein durch das Nord-Süd-Gefälle gibt es bei einzelnen Gewerken Preisdifferenzen von bis zu 20 Prozent. Die Datenbank ist somit in mehrfacher Hinsicht ein Spiegelbild der deutschen Baurealität. Die Gebäude entsprechen in ihrer Aufteilung in Wohn-, Gewerbe- und öffentlichen Bau genau dem, was tatsächlich geplant und errichtet wurde. Und sie zeigt einen Querschnitt durch die Werke der Architekten, vom freischaffenden Einzelkämpfer bis hin zu großen Büros mit vielen Angestellten.  Rebecca Weiand-Schütt betreibt das Büro rws’ KOMMUNIKATION in Schönaich

„Eine Frage der Kommunikation“

Denkmalschutz übertreibe manchmal, meint DAB-Redakteur Roland Stimpel. Er werde im Gegenteil untertrieben, entgegnet DAB-Autor Jürgen Tietz Roland Stimpel, DAB-Chefredakteur Stimpel: Ungefähr eine Million Baudenkmale in Deutschland verlangen Geld, Sachverstand, angemessene Nutzungen, amtliche Aufmerksamkeit und öffentliche Würdigung – und von allem mehr, als unsere Gesellschaft geben will. Die knappen Ressourcen sind oft willkürlich und zufällig auf die Denkmale verteilt. Wir könnten Denkmale besser pflegen, wenn wir weniger hätten. Jürgen Tietz, DAB-Autor Tietz: Maximal drei bis fünf Prozent des gebauten Bestands sind geschützt. Das sind nicht zu viele Denkmale, sondern eher zu wenige. Wir können uns nicht auf wenige Leuchttürme von globaler und nationaler Bedeutung beschränken, wie das zum Beispiel nach dem Entwurf des sächsischen Denkmalgesetzes droht. Deutschland ist groß und hat eine reiche Kulturlandschaft, die wir in ihrer Vielfalt wertschätzen müssen. Und wenn diese Wertschätzung nicht für alle ausreicht, was dann? Welchem Bau wollen Sie den Denkmalstatus nehmen? Etwa dem Schulhaus oder Kirchlein im kleinen märkischen Dorf, das man mit ein paar Tausend Euro für die Abdichtung von Dach oder Fenster bis auf Weiteres retten kann? Solche Denkmale gibt es Zigtausende – und sie sind wichtig, um zum Beispiel in schrumpfenden Regionen überhaupt den Charakter eines Ortes zu bewahren und Identität zu stiften. Viele Denkmale schöpfen Mittel aus ihrer unmittelbaren Nachbarschaft – denn beim Denkmalschutz geht es ja nicht allein ums Geld, sondern auch um das bürgerschaftliche Engagement insgesamt vor Ort und für den Ort. Und das würde leiden, wenn nur noch Kirche und Schloss in der Landeshauptstadt Denkmalstatus besitzen. Klar: Auch unspektakuläre Bauten können lokal von herausragender Bedeutung sein und Initiative wecken. Aber insgesamt droht dem Status „Denkmal“ inflationäre Entwertung, je mehr Bauten ihn erhalten und je beliebiger manche Begründung für den Schutz wirkt. Deren Kern heißt oft nur noch „Zeugnis für …“. Und das ist letztlich jedes ältere Haus. Der Denkmalbegriff ist in den letzten Jahrzehnten nicht simpler geworden, sondern im Gegenteil komplexer und vielschichtiger. Aber ich verstehe Ihren Einwand: Das erschwert für manche Menschen die Nachvollziehbarkeit, was ein Denkmal ist und warum. Daher ist es besonders wichtig, dass die Denkmalbehörden die Inhalte und Schutzgründe vermitteln. Dafür müssten sie aber personell hinreichend ausgestattet sein. Das ist leider nicht der Fall. Im Gegenteil: Aufgrund von Stellenstreichungen sind heute die Denkmalpfleger in den meisten Bundesländern gar nicht mehr in der Lage, dem ihnen gestellten gesetzlichen Auftrag nachzukommen. In einigen Ländern ist sogar die Inventarisation von Denkmalen ausgesetzt; da droht der Verlust ganzer Denkmalschichten. Wichtige Kommunikationsaufgaben können daher nicht angemessen geleistet werden. Da sehe ich nicht nur Ressourcenmangel, sondern bei wachsender Zahl der Denkmale auch ein Verblassen des Besonderen. Je mehr Denkmale es gibt, desto weniger unterscheiden sich viele von der Masse der anderen Bauten. Und desto willkürlicher erscheint manchmal ihr Status. Von Willkür kann wirklich keine Rede sein. Jede Unterschutzstellung muss ausführlich begründet werden; ihr gehen gründliche Recherchen vor Ort, in Akten und Archiven voraus, häufig auch wissenschaftliche Bauforschung. Auch beim Umgang mit geschützten Denkmalen sind die Maßstäbe nicht immer nachvollziehbar. Mal ist jede Zeitschicht heilig, sodass zum Beispiel beim barocken Berliner Schoeler-Schlösschen die Denkmalbehörde jahrelang die Bewahrung eines Dachaufbaus der Nazizeit verlangte. Mal zählt nicht der Zustand der letzten hundert Jahre, sondern ein älterer Befund, wie etwa beim Rathaus von Malchow in Mecklenburg, das gegen lokalen Protest seinen früheren Anstrich auf dem bis dahin sichtbaren Fachwerk zurückerhielt. Den Fall kenne ich im Detail nicht. Es kann richtig sein, einen Vorzustand wiederherzustellen, um Bauschäden vorzubeugen – wenn zum Beispiel ein Putz in jüngerer Zeit entfernt wurde und eine Wand darunter leidet. Beim Schoeler-Schlösschen trafen jedoch zwei grundsätzlich andere Auffassungen von Denkmalschutz aufeinander. Manchmal muss abgewogen werden, was erhalten werden kann, oft aus ganz pragmatischen Gründen. Dieses Problem kennt jeder Archivar – und jeder, der eine randvolle Computer-Festplatte hat. Lösen lässt sich das nur in einem Diskurs zwischen den beteiligten Akteuren. Dabei sollte aber stets gelten, so viel historische Denkmalsubstanz zu bewahren wie möglich – auch aus jenen Geschichts­epochen, an die manch einer heute gar nicht mehr erinnert werden möchte. Denkmale sind Dokumente unserer Geschichte und keine freie Verfügungsmasse, um das Geschichtsbild nach Geschmack zu verändern. Es gibt einen Grundwiderspruch in jenem Denkmalschutz, der alle Zeitschichten würdigen will: Jede Veränderung bis zu dem Moment, in dem ein Bau unter Schutz gestellt wird, ist heilig. Jede Veränderung ab diesem Moment ist eher unerwünscht. Je länger ein Bau schon unter Schutz steht, desto größer wird der Mangel an dem, weswegen er zunächst geschützt wurde: der Dokumentation von Veränderung über die Zeiten hinweg. Das Denkmal ist quasi eingefroren. Das sind erfahrungsgemäß die wenigsten Denkmale, etwa Schlösser. Aber selbst dort passiert immer etwas – mal eine neue Belüftung in museal genutzten Räumen, mal vielleicht eine neue WC-Anlage. Und bei Bauten mit alltäglicher Nutzung gibt es diesen schockgefrosteten Zustand nach meinen Erfahrungen ohnehin nicht. Auch für die Denkmale ist es besser, wenn der Bau weiterentwickelt wird, statt dass er leer steht und verfällt. Denkmalschutz erfüllt auf der einen Seite das Grundrecht auf Erinnerung, lässt aber auch die Möglichkeit einer zeitgeschichtlichen Weiterentwicklung offen, solange diese nicht gegen das Denkmal gerichtet ist. Sie nannten das Bedürfnis nach Erinnerung. Da konzentriert sich Denkmalpflege auf die überlieferte Materie, die aber für Laien und ohne Erläuterung nicht immer verständlich und erlebbar ist. Laien wollen und brauchen stattdessen Bilder. Aber ihrer Wahrnehmungsart verweigert sich die Denkmalpflege oft. Bilder des Alten ohne alte Materie sind für sie sogar tabu und werden bekämpft. Auch der Augenschein spielt eine wichtige Rolle. Aber natürlich ist die Materie der primäre Träger dessen, was die Geschichtlichkeit eines Denkmals ausmacht. Man kann die Erscheinung nicht von der Substanz lösen. Wer das tut, geht von der Überlieferung zur Fiktion. Ein Schlachtengemälde kann mehr von einer Schlacht erzählen als der authentische Helm, den Jahrhunderte später ein Bauer auf dem Acker findet. Das kommt auf die Aufbereitung des Helms an. Jede Erzählung ist ein Mosaik, das sich aus verschiedenen Elementen zusammensetzt. Darin ist die Materialität der essenzielle Träger von Informationen – beim Denkmal beispielsweise auf dem Weg der Bauforschung. Je mehr Materie erhalten ist, desto mehr Informationen werde ich haben. Je mehr Veränderungen Materie erfahren hat, desto mehr erfahre ich darüber, wie mit ihr umgegangen worden ist. Das spricht für sich, aber nicht gegen Bilder. Vor Kurzem haben sich viele über einen Kunstfälscher erregt: Bis dahin für echt gehaltene Pechsteins waren plötzlich nicht mehr Pechsteins, vorgebliche Giacomettis keine Giacomettis mehr. Aber den gleichen Leuten scheint es egal zu sein, ob ein Berliner Schloss von Andreas Schlüter ist oder nicht. Pechstein und Giacometti sollen selbst den Pinsel geschwungen haben, oder auch nicht. Schlüter hat den Bildschmuck am Berliner Schloss entworfen, aber nicht selbst geformt. Das haben andere vielleicht drei Jahre später gemacht – wieder andere machen es vielleicht 300 Jahre später. Den Unterschied macht, dass ein Schloss von heute vorgeben würde, aus der Schlüter-Zeit zu sein. Man kann die Originalmaterie hoch schätzen – aber warum das Bild so niedrig? Mit ihm lässt sich in unserer bildfixierten Welt oft schneller eine Wirkung erzielen. Die Geschichte lässt sich aber nur mithilfe von Materie aufklären und vermitteln, die Informationen über die vergangenen Zeiten enthält. Das bedarf unter Umständen einer Erklärung, eröffnet aber eine ganz andere Faszination und Offenbarung. Dafür hat die Überlieferung von Materie unstreitig ihren Sinn. Aber sie hat keinen Monopolanspruch, sie darf zum Beispiel die Übermittlung von Geschichte durch Bilder oder Nachbauten nicht tabuisieren. Es gibt inzwischen reihenweise Kopien von Shakespeares Globe Theatre. Kein Stück Holz ist aus der Shakespeare-Zeit. Aber man kann darin viel mehr über die damalige Theaterpraxis erfahren, als wenn man in London am Originalort noch ein 400 Jahre altes Holzstück fände. Man kann Nachbauten auch als künstlerisches Mittel einsetzen, indem man zum Beispiel die Doublette von Goethes Gartenhaus durch Thüringen wandern lässt. Solange jeder weiß, dass das nicht Goethes Gartenhaus ist, bin ich dabei schmerzfrei. Ein Problem wird es, wo zwischen dem einen und dem anderen nicht mehr unterschieden wird – wo am Ende Kinder vor einem Baumarkt stehen und sagen, der sei von Gropius, weil da „Bauhaus“ dransteht. Aber viele Gebäudekopien geben vor, einen Denkmalstatus zu besitzen, der ihnen nicht zukommt. Welches rekonstruierte Haus der letzten Jahrzehnte tut das? Die Frauenkirche in Dresden wird es lautstark tun, wenn sich erst die Farbe der originalen und der neuen Steine angeglichen hat und man den Unterschied nicht mehr sieht. In Frankfurt tut es die sogenannte Alte Stadtbibliothek, die aber nicht alt ist, sondern von Christoph Mäckler vor ein paar Jahren einem kriegszerstörten Haus nachgebaut wurde. Über das Baualter kann man ja informieren. Wo man es zu wenig tut, drohen auch manche materiell authentischen Denkmale zu lügen. Dazu ein Gedankenspiel: Wäre im Berliner Palast der Republik kein Asbest gewesen, dann stünde er heute im Reiseführer als „Originaldokument der DDR“. Und was für eins: transparent, offen, einladend, entspannt, konsumfreudig. Dabei war er schon damals als Kontrast zum Alltag der DDR angelegt, nicht als deren Repräsentanz. Genau das ist der Punkt. Er würde wenig über den Alltag erzählen, aber viel über das Selbstbild, das die DDR von sich erzeugen wollte. Der Palast würde nicht lügen, sondern seinen eigenen Teil der Geschichte erzählen. Und nur mithilfe unterschiedlicher Erzählungen kommt man zu einem Bild, das der Komplexität der Wirklichkeit entspricht. Aber der Palast würde andere Erzählungen übertönen, so prominent wie er und sein Standort wären. Man müsste extrem großen Stimmaufwand betreiben, damit diese Geschichte nicht dominiert. Schließlich könnte man nicht jeden Palastbesucher anschließend in die Straßenbahn setzen, die ihn dann eine Stunde lang ostwärts durch Plattenbaugebiete fährt. Ich kann nachvollziehen, dass man diese Geschichte nicht so stehen lassen will. Aber wenn Sie solche Aussagen nicht mögen, müssen Sie auch gegen die Rekonstruktion des Berliner Schlosses sein. Es zeigt doch nicht das Leben der armen Preußen im vierten Hinterhof. Das Schloss hat nie den Anspruch erhoben, das Volksleben zu repräsentieren. Der Palast der Republik schon. Das ist alles eine Frage der Information und Kommunikation. Aber die setzt immer originale Anschauung voraus. Im Übrigen: Wäre der Palast erhalten geblieben, sähe er heute vermutlich anders aus als zu Honeckers Zeiten. Da hätte es bestimmt bald nach 1990 einen Wettbewerb zur Optimierung und Aneignung durch die neue Zeit und Nutzung gegeben. Vielleicht wäre er heute eher ein sehr spannendes Zeugnis der Nachwendezeit und der Aufarbeitung von DDR-Vergangenheit als ein Zeugnis der DDR selbst. Zu einem ganz anderen Thema: dem Verhältnis von Architekten und Denkmalschutz. Ich finde es sehr erfreulich, wie sich der Berufsstand für den Erhalt wertvoller Bauten engagiert. Ich bin nicht ganz so erfreut. Viele Architekten haben bis heute nicht verstanden, worum es geht. Es fehlt oft das Bewusstsein für die nötige Behutsamkeit im Umgang mit dem Bestand. Es fehlt das Verständnis dafür, dass nicht nur bei Denkmalen, sondern auch bei Sanierungen generell die Bauforschung zu einem besseren Ergebnis führen kann – für das Gebäude, nicht nur für den Denkmalschutz. Ich sehe viel Sensibilität und Respekt auch bei zeitgenössischen Ergänzungen. Die gibt es, aber es gibt auch oft die Angst, entwurflich eingeschnürt zu sein im Kontext eines historischen Bauwerks, die Angst, keine eigene Duftnote hinterlassen zu dürfen. Da bräuchten Architekten mehr Demut. Selbstbewusstsein ist nicht erlaubt? Doch – aber in der Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen und dem Kontext. Zum Beispiel so, wie Helmut Dietrich das beim Angelika-Kauffmann-Museum in Schwarzenberg in Österreich geleistet hat. Dem Haus von 1556 wurde im lange Zeit ungenutzten Wirtschaftsteil in Maßarbeit ein Museum eingefügt, das die hohen technischen Anforderungen an Museumsbauten erfüllt und dennoch den Dialog mit dem Alten auf Augenhöhe führt. Aber das geht nur mit viel Verständnis für Baugeschichte. … die gelehrt wird. Ich unterrichte selbst und habe da wenig Hoffnung. Die meisten Architekturstudenten kennen die Grundlagen der Baugeschichte kaum und manche wollen sie auch gar nicht kennenlernen.

Decken zu niedrig, Wände zu krumm

Wie Denkmale in einer schrumpfenden Region verfallen – und Idealisten gegenhalten | Von Roland Stimpel Ausgerechnet aus dem liebevoll durchsanierten Weimar melden sich zwei Denkmal-Experten mit Schreckensvisionen. „Die absehbaren Schrumpfungsprozesse werden Siedlungsverluste und Parzellenverwüstungen hinterlassen, wie sie früheren Zeiten nicht fremd waren“, sagt Hermann Wirth voraus, pensionierter Denkmalpflege-Professor an der Bauhaus-Universität. „Ruinöse Stadtdenkmale lassen sich nur als archäologische Freilichtmuseen betreiben.“ Sein noch aktiver Kollege Hans-Rudolf Maier fürchtet: „Wir werden uns daran gewöhnen und der Öffentlichkeit vermitteln müssen, dass es manchenorts wohl nicht wenige Denkmale gibt, für die derzeit keine Nutzung in Sicht ist.“ Maier macht sich schon über „Erbe-Management als Rückbau-Management“ Gedanken. Wirth und Maier denken nicht an das von Klassik und Tourismus gesättigte Weimar, sondern an Schrumpfungs- und Krisenregionen. So eine war kürzlich 100 Kilometer weiter nordwestlich von Weimar zu besichtigen: In Dörfern und Städten an der idyllischen Oberweser, unweit von Göttingen und Kassel, führte das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz verlassene, bedrohte Häuser vor – aber auch tapfere Idealisten, die gerade an so schwierigen Orten gebautes Kulturerbe pflegen. Altes im neuen Glanz: Das Kaufmannshaus aus dem Jahr 1564 in der Altstadt von Hannoversch Münden Niedergang und etwas Hoffnung gibt es zum Beispiel in Hannoversch Münden. Seine Altstadt zwischen den Flüssen Weser, Werra und Fulda mit 700 Fachwerkhäusern ist vielfach gerühmt und für seine Erhaltung prämiiert, doch von beschleunigtem Schwund betroffen. Schon in den vergangenen 20 Jahren verlor die Stadt fünf Prozent ihrer Einwohner, in den nächsten 15 Jahren soll sich der Verlust verdoppeln. Dabei setzt schon der heutige Rückgang der Altstadt schwer zu. Das zeigen auf den ersten Blick ganze Reihen leerer Schaufenster in Nebengassen, auf den zweiten zeigen es die vielen blinden, verschmutzten Fenster einstiger Wohnräume – oft hinter ansonsten noch properen Fassaden. Doch im Blockinneren erwecken verfallene Hinterhöfe den Eindruck, hier sei noch nie saniert worden. Dabei geschieht das in Hannoversch Münden seit 39 Jahren. Seit ähnlich langer Zeit sind viele angestammte Altstädter in die weniger romantischen, doch praktischen Randgebiete der Stadt gezogen. Sogenannte Gastarbeiter folgten, aber auch sie suchen jetzt weiter draußen Nachkriegskomfort. Hannoversch Mündens engagierter Stadtdenkmalpfleger Burkhard Klapp kann weder Bewohner noch Investoren in die von ihm amtsseits allein betreuten „Riesenbaumassen“ zwingen. „Wer hier erst sanieren muss, bräuchte danach zehn Euro Miete pro Quadratmeter“, rechnet er vor. „Man bekommt aber höchstens 4,50 Euro. Da hilft dann auch keine Steuererleichterung.“ Wenn jemand trotzdem in der Altstadt investieren will, dann nicht immer hochsensibel. So propagierte kürzlich die Werbegemeinschaft der lokalen Kaufleute, die hier „Gilde“ heißt, durchgehende Glasdächer über einigen Gassen, damit die mit regenfesten Einkaufszentren wetteifern können. Ausgeschlafen: Die gelungene Sanierung des Hauses, hier ein Blick in eines der Gästezimmer, lässt auf Nachahmer hoffen. Aber einzelne Bürger bieten statt fragwürdigen Glases symbolische Lichtblicke. Hannoversch Mündens Musterbürger ist der gelernte Tischlermeister Bernd Demandt, der sich heute als hauptberuflicher „Denkmal-Aktivist“ bezeichnet. Zwei Häuser mit Baujahr 1534 sanierte er vor zehn Jahren und machte daraus das Fachwerk- und Fahrradhotel Aegidienhof mit 14 Zimmern. Als Nächstes machte er ein stattliches Kaufmannshaus von 1564 zum Gästehaus Tanzwerder mit fünf Wohnungen, möbliert in Biedermeier, Jugendstil oder Gründerzeit. Für Demandt ist die Fachwerkpflege Mission und Sport zugleich: „Ich will zeigen, welches Potenzial in historischen Fachwerkhäusern steckt und welche Wohnideen man hier umsetzen kann.“ Dafür balanciert er ständig am Rande der Illiquidität, macht seit vielen Jahren keinen Urlaub und fährt ein Auto, das mit seinen 25 Jahren auch schon fast Denkmalstatus hat. Unfromme Altar-Bar Demandts jüngstes Stück ist die einstige Aegidienkirche, aus der er in diesem Jahr ein Café machte, das seinem benachbarten Hotel auch als Frühstücksraum dient. Drinnen sitzt man auf rot gestrichenen Kirchenbänken an Esstischen oder auf gewagten roten Hockern an der Altar-Bar, was manche Besucher allzu unfromm finden. Ein Segen für altes Gemäuer: Die ehemalige Aegidienkirche ist heute ein Café Demandts nächstes Projekt ist eine Halbruine, aus der er ein Behindertenhotel machen will. 1,5 Millionen Euro würde das kosten. Natürlich hat er die nicht, „und die Banken fürchten mich eher“. Also ist das Haus erst mal provisorisch gesichert; Demandt hatte Zeit für die Organisation des „Denkmal! Kunst“-Festivals, währenddessen er auswärtige Künstler in leeren Häusern einquartierte. Ein Amerikaner blieb hängen und lässt gerade von Demandt ein weiteres Haus umbauen. Alle paar Jahrzehnte brennt es in Hannoversch Mündens Altstadt. 2008 wurde ein Haus ganz, eines weitgehend ­zerstört. Der dort aufgewachsene Eigentümer, der längst bei Frankfurt am Taunus lebt, ließ beide rasch rekonstruieren. Zwei Ecken weiter klafft an der Stelle eines 1989 abgebrannten Renaissancebaus noch heute eine Lücke. ­Wenigstens ist das Nachbarhaus saniert und wird vom Brachgrundstück aus per Treppenturm aus Beton und Stahl erschlossen. Bei seinem Anblick müssen allerdings viele Altstadtbesucher schlucken. Und die Stadt hofft auf einen Neubau, zu dessen Erschließung der Treppenturm schon ausgelegt ist – und von dem er gnädig verdeckt würde. Doch gerade etwas neuzeitliche Funktionalität braucht die Altstadt. Das erwarten vor allem die künftigen Scharen alter Menschen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind. Vorbildlich gelöst wurde die Aufgabe von den Büros Thumm/Albrecht aus Hildesheim und großmannplanung aus Göttingen, die vor sechs Jahren am Renaissancebau des Herzogin-Elisabeth-Stifts ein Treppenhaus mit Fahrstuhl aus Stahl und Glas anbrachten. Ihre Konstruktion ist filigran und zudem von der Straße aus nicht zu sehen, da sie auf einem luftigen Hof steht. Dort verschwand zwar Altes, doch sensibles Entkernen und Modernisieren ist in der Summe der altstadtfreundlichste Weg. Vorderhäuser sind gerettet; mithilfe von Technik zieht neues Seniorenleben ins historische Quartier. Zehn Kilometer nördlich von Hannoversch Münden liegt das Dorf Hemeln. Hier im verwunschenen Wesertal zwischen Bramwald und Reinhardswald ist Brüder-Grimm-Land; die nahe Sababurg wird heute an der Deutschen Märchenstraße als Dornröschenschloss vermarktet. Unten im Tal ist das Fachwerkdorf Hemeln sehr sauber, aber gar nicht steril. Das ist wesentlich dem örtlichen Altbau-Idealisten Walter Henckel zu verdanken – einem ganz anderen Typen als dem leicht bohemigen Bernd Demandt. Henckel, pensionierter Architekt und ehrenamtlicher Heimatpfleger, ist bald 30 Jahre älter, trägt Trachtenjacke statt Pulli und verkörpert dörflichen Gemeinschaftsgeist. Im 900-Einwohner-Ort kennt er von jedem Fachwerkhaus die Bau- und Sanierungsgeschichte und erklärt mit viel Feinsinn die Grenze zwischen niederdeutschem Hallenhaus und mitteldeutschem Querhaus, die exakt durch Hemeln verläuft. Auch dieser Ort hat es wirtschaftlich nicht leicht. Das Forstamt ist nur noch Nebenstelle; im einstigen Waldarbeiterdorf leben nur noch zwei Holzfäller. Aber Leute wie Henckel halten den Stolz bei Bauern und ihren Erben wach und wecken ihn bei Zugezogenen neu. „Schöne Architektur vermittelt Heimatgefühl“, ist sein Credo. Nicht zuletzt dank des Ortsbilds hält Hemeln bisher seine Einwohnerzahl. Und wenn es eines Tages schrumpft, dürfte der gepflegte alte Kern weit bessere Chancen haben als die Allerwelts-Neubaugebiete drum herum. Traditionsbrüche Dem nächsten Weserstädtchen Bodenfelde sieht man überdeutlich an, dass ihm ein Demandt oder ein Henckel fehlt. Der kleine Industrieort brach schon vor der Schrumpfung mit seinen Traditionen – und bricht immer weiter. Der Ortskern ist vom Autoverkehr und brachialer Altbaumodernisierung verhunzt; Gewerbe und Dienstleister sind an den Rand gezogen. Selbst die Gemeindeverwaltung sitzt in einem Fertighaus auf der Wiese – einem Haus, das wohl selbst die deutsche Fertighausindustrie am liebsten verstecken würde. Den Fachwerk-Vorgängerbau im Ortskern wollte der Bürgermeister nach dem Auszug abreißen lassen, fürs Erste rettete ihn der Gemeinderat mit knapper Mehrheit. Die fast 200 Jahre alte Synagoge dagegen überlebte nur durch Exodus: Sie steht jetzt im 30 Kilometer entfernten Göttingen, nachdem auch ihr in Bodenfelde der Abriss gedroht hatte (2006, nicht 1938). Mehr Idealismus als in Bodenfelde, doch nicht minder große Gefahren für die Denkmale gibt es im nahen Dörfchen Verliehausen. Hier sind von einst 17 Bauernhöfen noch zwei übrig. Es gibt 400 Einwohner, darunter sieben Kinder. Das Dorf liegt eigentlich idyllisch im Tal des Baches Schwülme, fern aller großen Verkehrswege. Aber schon die beiden Landesstraße bringen einen Lkw-Verkehr, der den engen Ort mit Lärm und Schrammfahrten an der Hauswand im 5-Minuten-Takt zu sprengen scheint. Nur wenige im Ort halten die Fahne der Zuversicht hoch – vor allem der pensionierte Bauingenieur Gerhard Sommer. Er kämpft im Ortsrat einen unermüdlichen Kampf gegen das ewige Lied der Denkmal-Verweigerer: „Da will ich nicht wohnen, da sind die Decken zu niedrig, die Wände zu krumm, dann sind da Sprossenfenster, da muss meine Frau so viel putzen.“ Sommer und seine Frau Rosemarie putzen so etwas gern. Die beiden haben im Nachbarort Wahmbeck an der Weser ein Bauernhaus von 1637 gekauft und renoviert. Heute ist es Radlercafé, Laden und historische Weberei – Rosemarie Webers Hobby. Sie verdienen daran nichts, eher im Gegenteil. Auch hier funktioniert der Denkmalschutz nur dank zweier Idealisten mit viel Altbau-Sinn, Zeit, einer gewissen Menge Geld und nicht zuletzt Sachverstand. Die Radtouristen an der Weser werden zwar mehr, doch die Einwohner immer weniger. Um sich die Zukunft der Gegend auszumalen, greift der Archäologe Henning Haßmann vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege weit in die Historie zurück. Im Gebiet nordwestlich von Göttingen hat er 329 einstige Dörfer registriert, die durch Seuchen, Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen und weiteres Ungemach verschwanden. Ganz so schlimm wird es nicht kommen, doch vielen Dörfern droht ein halber, einigen vielleicht auch ein ganzer Tod. Und das nicht nur an der Weser, sondern in vielen Regionen Deutschlands. Der Weimarer Denkmalpfleger Wirth macht sich schon einmal Gedanken über Begleitaktionen in verödenden Orten: „Es sollten charakteristische Grundrisskonfigurationen, einstige Traufhöhen, die denkmalwerten Strukturelemente wie Bodenbeläge oder Pergolen durch landschaftsgestalterische Installationen jeder Art anschaulich bleiben; auf Informationstafeln des Inhalts ‚Hier befand sich …‘ sollte gegebenenfalls beischriftlich ergänzt werden: ‚Wiederaufbau vorgesehen‘.“

Junge Entwerfer für alte Steine

Ein altes Haus in jungen Händen: Das sanierte St.-Nikolaus-Hospital in Bernkastel-Kues Wenn 40-jährige Architekten sich mit 400 Jahre alten Häusern beschäftigen, gewinnen beide | Von Fred Wagner „Das Spannendste an meiner Arbeit ist, dass ich Werte schaffe“, sagt Michael Leonhardt. „An meine Pläne, Dokumentationen und Berichte wird man sich vermutlich auch noch in 100 oder 200 Jahren erinnern.“ Etwas zu viel Optimismus für einen jungen Architekten? Eher nicht. „Ich habe schon während des Studiums gewusst, dass ich in diesem Bereich tätig sein will“, erklärt der Inhaber des Büros Leonhardt, Architektur und Denkmalpflege in Trier. Nach einer Schreinerausbildung und dem Studium hat er sich neben dem Entwurf auch zu handwerklichen Dingen und zur Bauleitung hingezogen gefühlt. Heute kommen rund 90 Prozent seiner Aufträge aus der Denkmalpflege. Leonhardt: „Mich reizt der Kompromiss zwischen Neu und Alt.“ Außerdem sei die Arbeit kaum mit der eines herkömmlichen Architekten zu vergleichen und gleiche eher einer wissenschaftlichen Tätigkeit. Beispiel: das Dreikönigenhaus von 1230, eines der fünf wichtigsten Denkmale in Trier. Es wurde von Leonhardt monatelang akribisch untersucht und dokumentiert – in enger Zusammenarbeit mit Archäologen, Kunsthistorikern und Restauratoren. Oder das St.-Nikolaus-Hospital in Bernkastel-Kues. Leonhardt: „Seit über sechs Jahren plant und betreut mein Büro die Reparatur- und Instandsetzungsmaßnahmen. Außerdem waren eine ganze Reihe von Bauforschungsaufgaben zu lösen und es gab umfangreiche Baualtersbestimmungen.“ Angenagt vom Zahn der Zeit: Schadhafte Balken und Dachsparren vor der Sanierung Trotz der langen Fertigstellungsprozesse kommt bei ihm keine Langeweile auf: „Die Objekte haben alle eine Vergangenheit und es ist spannend, herauszufinden, wie ein Ge­bäude gearbeitet ist.“ Dazu brauche man fundiertes Fachwissen und müsse intensive Bauforschung betreiben. Als Sanierungsgrundlage dienen digitale Bestandspläne bis hin zu ver­formungsgerechten Digitalaufmaßen, Schadenskartierungen oder auch Messbilder, die mithilfe modernster Lasertechnologie von Leonhardt angefertigt werden. Er empfiehlt Kollegen, die in die Denkmalpflege wollen, die Arbeit in einem Büro mit Erfahrungen in diesem Bereich oder bei einem guten Restaurator. Es sei wichtig, zuerst in die Praxis zu gehen, um zu sehen, wie man mit Denkmalen umgeht. Wo kommen die Schäden her und wie kann ich etwas sanieren, sodass es auch nachhaltig Bestand hat? Ohne Fortbildung geht es nicht Auch wirtschaftlich kann der Architekt aus Trier nicht klagen. An gut bezahlten Aufträgen im Bereich der Denkmalpflege herrscht kein Mangel. Trotzdem finden nur wenige junge Architekten den Weg zur Sanierung alter Gemäuer Das hält wieder: Das instand gesetzte Gebälk des alten Hospitals Für Heinz Wionski, selbst studierter Architekt und Konservator beim Landesamt für Denkmalpflege Hessen, ist das vor allem ein Thema der fehlenden Fortbildung: „Sobald junge Absolventen ihren ersten Job in einem Büro haben, werden sie beruflich so stark gefordert, dass die Fortbildung in den Hintergrund rückt.“ Das Haus "Markt 19" in Bernkastel-Kues vor der umfassenden Reparatur des Holzständerwerks Neben seiner Tätigkeit als Gebietsreferent leitet Wionski seit sechs Jahren die Fortbildung „Architekt in der Denkmalpflege“ in der Propstei Johannesberg/Fulda. Die Ausbildung dauert insgesamt zwölf Wochen und ist über drei Jahre verteilt. Wionski: „Haben die jungen Leute dann ein paar Jahre Berufspraxis hinter sich und kommen aus dem einen oder anderen Grund mit der Denkmalpflege in Berührung, merken sie schnell, dass sie ohne Fortbildung nicht weiterkommen.“ Und so sieht das Haus heute von Außen... Diese Erfahrung machte auch Nicole Lieber aus Diez an der Lahn. Aus diesem Grund nimmt die 35-jährige Architektin seit März dieses Jahres an der Fortbildung in Johannesberg teil. „Inzwischen habe ich den dritten Wochenblock beendet und sehr viel Wissen für die Praxis mitbekommen.“ Lieber hat sich schon vor ihrem Hochbaustudium für das ökologische Bauen interessiert. „Im Vorpraktikum habe ich deshalb in einem darauf spezialisierten Büro gearbeitet. So bekam ich den ersten Kontakt zur Altbausanierung. Für das Hauptstudium habe ich dann eine Hochschule gewählt, an der ich das Thema ,Planen und Bauen im Bestand‘ vertiefen konnte. Das war die Fachhochschule in Oldenburg.“ ...und von Innen aus. Nach dem Studium hat sich Lieber wieder vorrangig mit dem ökologischen Bauen beschäftigt und zur Baubiologin qualifiziert. „Bisher habe ich zwar noch kein reines Denkmalpflege-Projekt betreut, arbeite aber zu 80 Prozent im Bestand.“ Nach ihrer Weiterbildung möchte die junge Architektin stärker im Bereich der Erhaltung von Kulturdenkmalen arbeiten. „Wenn man die Sache rein wirtschaftlich betrachtet, liegt für uns Architekten die Zukunft in der Arbeit im Bestand allgemein und in der Denkmalpflege im Speziellen. Hier muss man jedoch mit viel Sachkenntnis herangehen und kann die Dinge weder als Planer noch als Handwerker so geradlinig durchziehen, wie es im Neubau üblich ist.“ Warum sich so wenige junge Architekten dafür begeistern können, erklärt Nicole Lieber mit einem Vorurteil: „Die meisten haben den Eindruck, dass man im Altbau die Kreativität unseres Berufsstands nicht einbringen kann. Das stimmt aber nicht. Jedes neue Objekt ist eine neue Herausforderung, weil die Arbeit immer wieder zum Teil extrem anders ist. Hier geht es nicht um den eigenen Kopf oder moderne Trends, sondern darum, mit viel Fingerspitzengefühl, aber auch Kreativität auf das alte Gebäude einzugehen.“ Interdisziplinäres planen und bauen Der 40-jährige Markus Schäfer ist Stadtplaner und durch Zufall zum Denkmalschutz gekommen. Er hatte zuvor in ­Holland gearbeitet und ging dann wegen seiner Frau nach Bamberg. „Ich habe mich dann umgesehen, welche Möglichkeiten es hier gibt, und bin relativ schnell darauf gekommen.“ Er absolvierte in Bamberg ein Denkmalpflege-Aufbaustudium, bei dem er die Kunsthistorikerin Alexandra Baier und die Hochbauarchitektin Yvonne Slanz kennenlernte. 2002 gründete er mit beiden das Büro „Arbeitsgemeinschaft transform“. „Wir hatten uns nach der Gründung unter anderem für Denkmalprojekte in Bamberg beworben und den Zuschlag erhalten. Danach hat es nicht lange gedauert, bis man uns ein Händchen für Projekte im historischen Kontext nachsagte.“ Zu dieser erfolgreichen Spezialisierung hat sicher auch die Zusammensetzung des Büros aus Architektin, Stadtplaner und Kunsthistorikerin beigetragen. Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem städtebauliche und denkmalpflegerische Bewertungen und Untersuchungen, die insbesondere bei Dorf- oder Stadtteilerneuerungen eine große Rolle spielen, Modellprojekte für den urbanen Gartenbau, die im Rahmen des Konjunkturpakets I für die UNESCO-Welterbestädte gefördert werden, sowie Nutzungskonzepte für leer stehende Denkmale. Schäfer: „Was wir hier machen, hat mit einer klassischen Architekturaufgabe nicht mehr viel zu tun. Wir haben eine Nische in der Steuerung und Koordination von denkmalpflegerischen Sonderprojekten gefunden und sind damit sehr zufrieden.“ Für Kerstin Beer war es der Umgang mit den alten Handwerkstechniken, der sie zur Denkmalpflege geführt hat. Nach einer Tischlerlehre wollte sie direkt zur Fortbildung in die Propstei Johannesberg, um im Bereich der Restauration zu arbeiten. Ohne Berufserfahrung hatte sie jedoch keine Chance. Sie entschied sich dann für ein Architekturstudium in Aachen und die Arbeit in einem Planungsbüro. „Irgendwann dachte ich dann, ich müsse etwas für mich tun und habe die Propstei Johannesberg wiederentdeckt“, berichtet die 40-Jährige. Von 2006 bis 2007 ließ sie sich zur „Architektin in der Denkmalpflege“ fortbilden. Gleichzeitig arbeitete sie im „Büro für Architektur und Stadtplanung“ in Kassel an der Restaurierung und Sanierung von alten Fachwerkhäusern. Zurzeit arbeitet Beer an der Sanierung einer Schule aus den 1940er-Jahren, die Teil einer denkmalgeschützten Anlage ist. Beer: „Kein Projekt ist wie das andere. In Zukunft wird es neue Aufgaben geben, wie die Betonsanierung aus den 1960er-Jahren, die heute noch wenig beackert sind. Auch hier muss man sich sehr viel Wissen aneignen, um fachgerecht zu sanieren und zu erhalten. Es geht also nicht nur um die mittelalterlichen Gebäude. Ich bin mir sicher: Wer sich als junger Architekt für Denkmalpflege interessiert, hat auf jeden Fall eine Zukunft.“

Was das Publikum liebt

Gefällt den Hanseaten: Die prämierte Villa von "splendid architecture" in Hamburg Berüchtigt, aber auch berechtigt ist der in England jährlich verliehene Karbunkel- Preis für den vom Publikum gewählten hässlichsten Neubau. Hamburg hat es besser: Hier haben eine Tageszeitung und der örtliche BDA schon dreimal den „Publikums- Architekturpreis“ für einen schönen Hamburger Neubau ausgeschrieben. Gewonnen hat diesmal eine Villa des Büros „splendid architecture“ in den feinen Elbvororten. Auf Rang zwei kam die neue Unilever-Zentrale von Stefan Behnisch. Diese gewann bei den Profis vom BDA, bei denen jedoch die Villa unter „ferner liefen “rangierte.

Drohne statt Streetview

In der Not lässt der Architekt fliegen. Martin Parsch aus Lünen in Westfalen kam „aus berufl icher Not heraus“ auf die Idee mit der Drohne – einem unbemannten Fluggerät mit Kamera, die Bilder aus bis zu 150 Metern Höhe aufnimmt. Seine „spezielle Architekturfotografi e nebst architekturgerechter Bildbearbeitung“ bietet Parsch Kollegen, Bauherren, Kommunen und anderen Abnehmern. Fluggerät und Kamera werden vom Boden aus ferngesteuert. Perspektive und Bildschnitt sieht man auf Monitor oder Videobrille. Die Bilder gibt es ab 199 Euro. www.liftbilder.de

Grün und Gold

Vergoldet: Prämierter Supermarkt von Degener Architekten in Dortmund Als umweltfreundlichste Handelsimmobilien wurden vom Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M) drei Projekte gekürt: der „Supermarkt der Zukunft“ in Berlin-Rudow von Koch Architekten aus Düsseldorf, das Forum Duisburg von Ortner + Ortner sowie der Fruchthof Konstanz von Neogeo Architekten aus Konstanz. Offenkundig weniger um Ökologie ging es bei einer prämiierten Handelsimmobilie im Wettbewerb „bestarchitects“, den eine Düsseldorfer Kommunikationsagentur namens „Zinnobergruen“ auslobte. Hier wurden, wenn wir richtig gezählt haben, gleich 75 Projekte in Deutschland und der Schweiz ausgezeichnet. Zehn erhielten ihn gar in Gold, einer von den anderen für Gold: ein Supermarkt in Dortmund-Huckarde vom örtlichen Büro Degener Architekten mit nierenähnlich vorkragenden Flugdach, verkleidet mit Goldmetallic-Schindeln. www.gebaeudewettbewerb.de

Denkmalschutz: Ansporn für Architekten

Alf Furkert, Präsident der Architektenkammer Sachsen Wir sind reich an Baudenkmalen, aber es sei zugegeben: Manche erscheinen uns im Arbeitsalltag zunächst lästig. Wo Denkmalschutz wirkt, sind zeitgenössische Gestaltung, Funktionalität, Ökonomie und auch Ökologie häufig nur eingeschränkt umsetzbar. Wir Architekten sollten das nicht nur als Einschränkung sehen, sondern Denkmalpflege als das begreifen, was sie in ihrem Kern ist: eine Würdigung von Architektur und Baukultur und damit des Wirkens unseres Berufsstandes in der Vergangenheit. Das Baudenkmal spiegelt den Geist seiner Zeit wider, stärkt die Vertrautheit mit dem Ort, und oft ist es schlicht schön. Letztlich ist sein Schutz in der Regel sogar ökonomisch und ökologisch sinnvoll, weil Umgang mit überkommener Substanz nachhaltig ist. Wiegt das mehr als die vordergründige Brauchbarkeit? Da steht schon das nächste Thema an. Nur ein genutztes Denkmal ist auf Dauer auch ein lebendiges Denkmal. Damit es leben kann, müssen drei sich finden: erstens der verantwortungsbewusste Eigentümer, zweitens der für Denkmale aufgeschlossene Architekt, der seinen Einfallsreichtum und ganzheitlichen Ansatz für eine Synthese von Bau und Nutzung aufbringt. Und drittens der Denkmalpfleger, der auf Basis seiner Sachkenntnis auch das gewisse Gespür für das richtige Maß von Konservieren und Verändern, für Bewahren und Preisgeben mitbringt. Die gesellschaftliche Basis ist da: Unzählige Liebhaber, Vereine, Bürgerinitiativen und Stiftungen engagieren sich in dem Metier. Diese Zivilgesellschaft braucht hier auch einen starken Staat. Nur er kann das allgemeine Interesse an einer langfristigen Bewahrung des Kulturguts gegen kurzfristige und individuelle Interessen an einer bequemeren Lösung durchsetzen. Ein auf diesem Feld beherzter Staat ist kein totalitärer Staat, im Gegenteil: In den ostdeutschen Bundesländern konnte mit dem Einzug der Demokratie und natürlich auch neuer wirtschaftlicher Verhältnisse der Verfall vieler alter Häuser und Städte gebremst und gestoppt werden; vielerorts hat neues Leben begonnen. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben das wirksam flankiert. Wenn es jetzt wie in Sachsen darum geht, diese zu modernisieren, letztlich den Verwaltungsaufwand zu reduzieren, dann sollte nicht ein Paradigmenwechsel die seit gut zwanzig Jahren in Sanierung befindliche Denkmallandschaft erschüttern, sondern es müssen Wege gesucht werden, die Reduzierung der Verwaltungsaufgaben fachlich zu kompensieren. Zur Diskussion steht hier eine Übertragung von Aufgaben an qualifizierte Dritte, ein in anderen Bereichen auch der baulichen Betätigung erfolgreich beschrittener Weg. Die fachliche Bewertung eingereichter Anträge oder angezeigter Änderungen und die qualifizierte Vorbereitung von Verwaltungsentscheidungen – das sind keine undenkbaren Aufgaben für Architekten, vielmehr ein Angebot des Berufsstandes. Und ein Bekenntnis, sich den wandelnden Anforderungen der Gesellschaft zu stellen. Wenn sich der Staat zurückzieht, das Feld aber nicht unbestellt bleiben darf, dann müssen und können andere die Lücken schließen. Wir können Verantwortung übernehmen für das Objekt und in der Beurteilung der Vorstellungen von Kolleginnen und Kollegen. Für viele von uns möglicherweise ein neuer Gedanke. Sicher aber mehr als gerechtfertigt für die Bewahrung des baukulturellen Erbes.

Die Mobilitäts-Immobilie

Das Airrail am Frankfurter Flughafen ist Deutschlands größtes privates Bauprojekt. Es liegt im Schnittpunkt aller Verkehrswege, bietet aber auch Ruhe | Von Roland Stimpel Statisch- dynamisch: Das 660 Meter lange Gebäude über dem ICE-Bahnhof steht für stabilen Raum und rasche Bewegung. U-Boot? Ufo? Wal? Insekt? Beim Frankfurter Airrail kommen Betrachter immer wieder auf Vergleiche mit etwas, das in der Luft und im Wasser rast, schwimmt oder fliegt. Das liegt zunächst an seiner Form: Das Airrail ist lang gestreckt, stromlinienförmig gerundet und auf 43 stramme Stelzen gesetzt. Es liegt aber auch an seiner Lage und Funktion: Es ist Immobilie und steht für deren Gegenteil, für Hyper-Mobilität. Das Airrail liegt am Frankfurter Flughafen auf dem Dach des ICE-Bahnhofs, der wiederum an den Längsseiten von Schnellstraßen gesäumt ist, die zu Deutschlands größtem Autobahnkreuz führen. Die Airrail-Erbauer vom Bonner Immobilienkonzern IVG werben damit, dass man per Jet, Zug oder Auto von überall her ganz schnell hinkommt – und ganz schnell wieder weg. Die Form mit aerodynamischen Rundungen und flinken Beinen entspricht dieser Funktion. Das ist aber keine herbeigequälte Symbolik, sondern ergab sich aus dem vom Verkehr dominierten Ort. Die Stelzen mussten sein, weil nur so auf dem schma­len Streifen überhaupt ein Gebäude möglich wurde. Das Überkragen über die Platte entspringt dem Wunsch nach viel Nutzfläche auf begrenztem Grund. Und die Rundform ohne Kanten, Ausbuchtungen oder Aufbauten war eine Anforderung der Radar- und Funktechniker von Europas zweitgrößtem Flughafen. Dort hatte einst das Hamburger Büro Bothe Richter Teherani (BRT) den 1999 fertiggestellten ICE-Bahnhof entworfen, darüber die 660 Meter lange, an den Schmalseiten gerundete Dachplatte sowie Ideen für den darauf zu errichtenden Bau. Diesem ersten Entwurf sieht das, was jetzt nach und nach realisiert und bezogen wird, recht ähnlich. Es ist aber nicht von Bothe Richter Teherani, sondern von JSK aus Frankfurt. BRT fand das nicht sehr originell; dagegen verweist JSK auf die räumlichen und funktionellen Vorgaben, die für jeden Entwerfer eine derartige Form erzwungen hätten. Den Zuschlag hatte JSK-Gründer Helmut W. Joos in einem Investoren-Auswahlverfahren im Jahr 2000 erhalten; es ging um die Leistungsphasen 1 bis 5. Im Jahr 2006 begann dann der Bau – aber vier Jahre danach waren noch immer rund 15 JSK-Leute vor Ort, neben rund 1 800 weiteren Bau-, Planungs- und Sicherheitsleuten. Der Bedarf an baubegleitender Planung, an Änderungen, an Entwurfsdetails für Mieter geht so schnell nicht aus. Das Airrail steht nicht nur für Mobilität, sondern auch für eine Komplexität, die sich nach den Worten des JSK-Architekten Michael Felka „gar nicht mehr erhöhen lässt“: Seine 214 000 Quadratmeter nutzen Büromieter und Hotels, 250 Läden und Lokale, Arztpraxen, die Bahn und andere mehr. JSK-Projektleiter Felka ist seit 1998 mit dem Airrail beschäftigt. Der Bau mit der Länge zweier liegender Eiffeltürme ist in sechs Abschnitte gegliedert, die einerseits einzeln genutzt, real geteilt und verkauft werden können. Andererseits werden sie gemeinsam erschlossen, versorgt und technisch genutzt. Auch IVG-Geschäftsführer Gerhard Hilke erlebt hier „große Ausmaße, logistische Herausforderungen, eine Verschiedenartigkeit von Nutzungen und technischen Elementen wie noch bei keinem Projekt zuvor“. Dabei hat der Bauingenieur Hilke schon viel Großes in Frankfurt gemanagt, von Norman Fosters Commerzbank-Hochhaus über Nicholas Grimshaws Messehalle 3 bis zu Christoph Mäcklers Opernturm. Im Auge des Taifuns: Links und rechts Schnellstraßen, unten die Eisenbahn, ein paar Meter weiter Startbahnen. ­Alles ist rasch erreichbar, aber nichts davon im Inneren allzu spürbar. Bei aller Vielfalt drinnen wirkt das Airrail von außen homogen und monolithisch. Auch drinnen gibt es Gliederungs- und Gestaltungselemente, die sich durchs ganze Haus ziehen und nach der Erläuterung Felkas „optisch alles zusammenhalten“: einheitlicher Natursteinboden auf Hauptwegen und -flächen, aufeinander abgestimmte Vorhänge und Beschattungselemente an den Fenstern, die von einer der beiden Längszeilen am Gebäuderand nach innen zu den fünf glasgedeckten Atrien gehen. An diesen Innenfassaden dominieren wie außen Glas und Aluminium, deren Gestaltung Felka als „bewusst zurückhaltend“ beschreibt. Die Konstruktion wird nur an den Streben und Schraubverbindungen sichtbar, die das Dach und die Querbrücken zwischen den beiden lang gestreckten Zeilen tragen. Sehr rasch dürften aber die Eigenheiten der einzelnen Gebäudeteile über das Verbindende dominieren. Das östlichste Atrium ist das Foyer zweier Hilton-Hotels der Drei- und Fünf­sterneklasse, gestaltet von JOI Design aus Hamburg. Das nächste Atrium ist schon seit 1999 von einem gewölbten Glasdach gedeckt, dient als Empfangshalle der ICE-Station und als Airrail-Zugang zur Fußweg- und Laufbandbrücke, die zum Hauptterminal des Flughafens führt. An den mittleren Atrien findet sich ein Potpourri an Nutzern: unten Läden und Lokale, wie die „360-Grad-Bar“, sowie Empfangszonen von Mietern, in den oberen Etagen vor allem Büros, aber auch Konferenzräume, Service verschiedenster Art und eine Jetset-Klinik namens „Metropolitan Medical Center“. Mit Airport-Englisch strengt man sich hier an. Anstelle von „Airrail“ versuchen Marketingleute neuerdings den in einem Namenslabor gebauten Begriff „Squaire“ zu verbreiten – eine Sprachblase aus „Square“ außen und „Air“ darin. Im Haus wird es nach Westen hin einheitlicher und nüchterner. Hier richtet gerade die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG ihre Europa-Zentrale auf 30 000 Quadratmetern ein. Sie ist eine prototypische Airrail-Nutzerin, deren hoch bezahlte und stets zeitknappe Angestellten immer wieder zu Kunden und Besprechungen unterwegs sind oder andere Vielreisende empfangen. So dicht das Airrail mit ferneren Weltteilen verknüpft ist, so isoliert ist es von seiner nächsten Umgebung. Lärm, Abgase und Vibration erforderten Höchststandards bei Schallschutz, Klimatisierung, Lüftung und Dämpfung. Kein Außenfenster und keine Dachscheibe lässt sich öffnen. Ins Airrail kommt man vom Terminal auf Laufbändern, von Bahnsteigen und Parkdecks über Rampen, Rolltreppen und Lifts und später vom geplanten Parkhaus nebenan per Kabinenbahn. Nur zu Fuß von draußen und per Rad geht es nicht. Drinnen herrscht die Stille im Auge des Verkehrstaifuns. An den Schmal- und Südseiten sieht man stumm auf den Trubel der Jets, Autos und Züge. Der Blick nach Norden führt scheinbar in eine andere Welt: vorn Wald, weit hinten der grüne Taunus, nur an den Horizonten hier und da Hochhäuser von Frankfurt und kleineren Rhein-Main-Städten. Zum Wald soll es immerhin eine Brücke über die hauseigene Erschließungs- und die Schnellstraße geben, gedacht für Jogger aus Hotels und Büros und die Kleinen im geplanten Kindergarten. Schlankes Schiff: Ein Hafen ist die einizige Fernverkehrs-Infrastruktur, die das Airrail nicht bietet, auch wenn es in der Skizzen-Draufsicht an ein Schiff erinnert. Ambitionierte Grünpläne hatte es auch für die Atrien gegeben, erdacht von den Hamburger Landschaftsplanern WES & Partner, die hier fast meditative Ruhepole als Kontrast zum Airport-Milieu entwarfen. Den Bauherren waren aber die halbrunden Großbeete und die Rankpflanzen über fünf Geschosse zu dominant und zu raumgreifend: Die Atriums-Flächen sollten disponibel bleiben für wechselnde Aufbauten und für Veranstaltungen. „Man wollte diese Flächen nicht belasten“, sagt IVG-Projektleiter Stephan Lösch. Die Atrien sind als Versammlungsräume für bis zu 2 000 Menschen konzipiert; als erstes Großmeeting fand im September ein Unternehmertag zu „Innovation und Nachhaltigkeit“ sein passendes Milieu. In puncto Innovationskraft und Nachhaltigkeit bietet das Airrail Visionäres und Konventionelles zugleich: einerseits eine futuristisch-flüchtige Heimstatt der Globalisierungs-Avantgarde, die reisezeitoptimiert lebt. Hier kann der Bau indirekt Energie sparen helfen, da er viele Taxi- und Mietwagenkilometer erspart und direkt über Deutschlands von Zügen meistfrequentiertem ICE-Bahnhof liegt. Selbst unter einem Himmel voller Vulkanasche bliebe das Airrail Europas besterreichbarer Ort. Andererseits funktionieren Isolierung und Klimatisierung ganz konventionell mit viel Einsatz von Energie und Material. Das aber ist kein Hindernis für das angestrebte Green-Building-Zertifkat. An Nachhaltigkeit ist die IVG mehr interessiert als andere Projektentwickler, die ihre Häuser rasch verkaufen: Ein Teil des Bonner Konzerns zieht ins Airrail-Squaire um. Manche Frankfurter Unternehmen aus Gastronomie, Handel und Bürovermietung mochten sich auf das Airrail lange gar nicht freuen, Verfechter der Urbanität auch nicht: In ihren Augen drohte der Stadt Konkurrenz durch die Airport-City. Aber die Angst dürfte nachlassen. Erstens gewinnt Gesamt-Frankfurt unterm Strich als Wirtschaftsstandort. Zweitens ist der Urbanitätsverlust nicht allzu groß. In der „New Work City“, wie die IVG das Airrail bezeichnet, kann man alles außer wohnen; da raubt es keinem anderen Ort Leben. Und wer künftig durchs Airrail spaziert, gehörte schon bisher kaum zu den Flaneuren am Römerberg und den Kneipengästen im Nordend. Konkurrenz entsteht nur zu Teilen der Stadt, die ohnehin rettungslos steril sind. Und das Airrail bietet private, aber doch teil- und zeitweise stark belebte Fußgängerstraßen und Plätze für die rund 10 000 Menschen, die sich hier tagsüber aufhalten sollen. „Der Außenraum findet innen statt“, sagt Architekt Michael Felka. Das Airrail bringt wenig Urbanitätsverlust, aber auf der anderen Seite dem Flughafen einen auch sozialen Gewinn. Es ist einerseits eine Lage-optimierte, Zeit-minimierende und Tempo-maximierende Mobilitätsmaschine. Aber zugleich ist es – gemessen an den Terminals – ein Ort relativer Ruhe, des längeren Aufenthalts, der etwas gemächlicheren Kommunikation und des Rückzugs vom Trubel. Inmitten der Raserei dient die Mobilitäts-Immobilie auch als Ruhepunkt.

Büros zum Begegnen

Die neue Arbeitswelt erfordert neue Büroformen – und eine andere Planung | Von Roman Wagner 17 Millionen Menschen in Deutsch­land sitzen täglich im Büro. Doch sie sitzen immer weniger. Vor allem den Jüngeren sind behäbige Strukturen ein Greuel: Sie lösen Probleme bevorzugt im Team – wenn es sein muss, auch mehrere gleichzeitig. Sie suchen vielfältige Erfahrungen, leichten Zugang zu Mentoren sowie ein technologisch kluges und innovatives Arbeitsumfeld. Speziell in beratungs- und vertriebsorientierten Unternehmen wird das Bürohaus zum sozialen Treffpunkt. Begegnungsqualität wird immer wichtiger; traditionelle Bürohäuser erhalten nach und nach ein Starbucks-Ambiente. Für deren Bau stellt das neue Anforderungen im Spannungsfeld zwischen Architektur, Organisation und Informationstechnik. Vielfalt im Büro: ­Ausschnitt einer Etagenanimation für den Düsseldorfer Kö-Bogen (Entwurf des Gebäudes: Daniel Libeskind) mit Einzel- und Gruppenbüros, Kommunikations- und Servicezonen Zugleich wächst in Unternehmen die Sensibilität für Flächenkosten, denn sie sind nach dem Aufwand für Personal oft der zweitgrößte Kostenfaktor. Flächen werden häufig nicht sehr effizient genutzt: In den meisten Unternehmen steht der ­Arbeitsplatz 40 bis 50 Prozent der Zeit leer – wegen Konferenzen und Besprechungen, Reisen, Krankheiten, Urlauben und der zunehmenden Telearbeit daheim und unterwegs. Es ­werden Wege gesucht, mit weniger Raum auszukommen, Arbeitsplätze zu teilen und Flächen intensiver zu nutzen. Doch zugleich bleiben soziale Kontakte und fachliche Abstimmungen wichtig. Mit wachsender Mobilität und Selbstständigkeit gerade jüngerer Beschäftigter nimmt ihre Bedeutung sogar weiter zu. In herkömmlichen Bürohäusern fällt der Mangel an geeigneten Räumen für formelle und informelle Begegnungen, für Team- und Projektarbeit immer stärker ins Auge. Zeitgemäße Bürokonzepte müssen auf der einen Seite der erhöhten Nachfrage nach Begegnung und Kommunikation Rechnung tragen, auf der anderen Seite den Rückzug für konzentriertes Arbeiten ermöglichen. Zugleich sollen sie flexibel sein, Restrukturierungen schnell und kostengünstig zulassen und ein positives Image nach innen und außen vermitteln. Es gibt vier gängige Grundkonzepte:
  • Im klassischen Zellenbüro machen die Kommunikations- und Gemeinschaftsflächen im Schnitt nur zehn Prozent der Nutzfläche aus. Auch sie belegen hochwertige Fläche an der Fassade.
  • Im Gruppenbüro sind die Einzelräume oder die nur durch Stellwände abgetrennten Raumbereiche größer und offener; es gibt mehr Kommunikationszonen.
  • Das Kombibüro vereint transparente Ein- und Mehrpersonenräume mit Gemeinschaftseinrichtungen in der Mittelzone. Oft wechseln Beschäftigte je nach aktueller Aufgabe, Projekt und Teamzusammensetzung den Platz.
  • Im Business-Club ist die Bindung an den Einzelarbeitsplatz noch geringer, eine nonterritoriale Nutzung der Arbeitsplätze ist Grundvoraussetzung. Besprechungs- und Kommunikationsbereiche nehmen bis zu 25 Prozent der Fläche in Anspruch.
Die jüngeren Büroformen zeigen eine deutlich höhere Arbeitsplatzbelegung und Flächenwirtschaftlichkeit – trotz des höheren Anteils an Kommunikationszonen. Pro Mitarbeiter kostet ein Arbeitsplatz etwa 20 Prozent weniger als im Zellen- und Gruppenbüro, im Business-Club bei gleichem Ausstattungsstandard sogar bis zu 50 Prozent weniger – und das trotz höherer Ausbaukosten. Die Abkehr vom Zellenbüro bringt auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten für den Baukörper. Das zeigt etwa der Entwurf des Kö-Bogens in Düsseldorf von Daniel Libeskind: In einem Effizienzvergleich mit einem herkömmlichen Riegelgebäude schneidet der Kö-Bogen rund zehn Prozent besser ab. Voraussetzung ist die dreibündige Nutzung und die Akzeptanz der Nutzer für sehr unterschiedliche Bürotypologien. Moderne Arbeitsplatzkonzepte bieten eine Vielfalt an Raumtypen und -funktionen, die je nach Tätigkeit und Arbeitsstil auf Zeit praktiziert werden. Das reicht vom „Think Tank“ für konzentriertes Arbeiten über Team- und Projektarbeitsplätze bis hin zur Lounge für informelle Gespräche oder zur Entspannung. Der Wunsch von Unternehmen nach Flächenersparnis darf aber keinen Schaden bei Produktivität, Aufenthaltsqualität und Motivation der Beschäftigten anrichten. Denn so hoch die Kosten für Räume sein mögen: Die Kosten für Personal sind um ein Mehrfaches höher. Daher sind soziale Aspekte und das Wohlbefinden der Mitarbeiter entscheidende Faktoren. Hier wirken modern und flexibel gestaltete Arbeitswelten eindeutig positiv, wie die Studie „Begegnungsqualität in Bürogebäuden“ in 16 Unternehmen mit über 1 000 Teilnehmern gezeigt hat (siehe Buchtipp Seite 5). Begegnungsqualität, also gestaltete Kommunikation, ist damit eine zentrale Planungsaufgabe. Die Arbeitswelt muss nur um Lebensräume bereichert werden, die einen Kontrast zu funktional gestalteten Räumen inszenieren. Da es hier in erster Linie um ungenutzte oder vernachlässigte „Zwischenräume“ geht, verlangt höhere Begegnungsqualität kaum zusätzliche Flächen, sondern vor allem eine sensible Gestaltung der Räume und der Ausstattung. Die Begegnungsqualität stellt aber auch andere Anforderungen an die Planung und technische Ausstattung von Bürohäusern. Hier ist vor allem die Verdichtung von Arbeitsplätzen eine Herausforderung. Die wichtigsten Vorgaben:
  • Drei Meter lichte Raumhöhe, um größere zusammenhängende Flächen realisieren zu können.
  • Kühlung und Luftwechselrate sind der erhöhten Wärmelast anzupassen.
  • Verkabelung und Bodenauslässe sind auch für die zweite Reihe an der Fassade sowie für die Mittelzone des Gebäudes vorzusehen.
  • Die Toilettenanzahl ist zu prüfen, ggf. sind Möglichkeiten zur Nachrüstung vorzusehen.
  • Akustikmaßnahmen müssen in Kombination mit der Kühlung erarbeitet; Decke und Boden wirksam ausgeführt werden.
Die Mittelzone muss für temporäre Arbeitsplätze und Infrastruktur genutzt werden können. Dafür sind eine Beleuchtung von über 350 Lux und Bodenauslässe vorzusehen. Auf dem Weg zum Team: Vom Zellenbüro (oben links) führt der Weg über das Kombi- und offene Gruppenbüro zum „Business Club“ (unten rechts). Der Anteil abgeschotteter Kleinräume schrumpft; zugleich wächst die Fläche für Begegnung und Kommunikation. Darüber hinaus haben sich bei Büronutzern in den letzten Jahren weitere wichtige Kriterien für die Anmietung von Räumen herauskristallisiert – siehe Kasten „Pluspunkte“ unten. Bei der Modernisierung von Büroräumen suchen Nutzer schnell erreichbare, doch nachhaltig wirksame Optimierungen: mehr Tageslicht, Bewegungsmelder zur Reduzierung der Energie, gesunde Materialien für Bodenbeläge und Oberflächen, ein dezidiertes Energiemanagement. Ohne großen Aufwand lassen sich zudem Angebote für Begegnung und Kommunikation verbessern, speziell der informellen Art. Die dunkle Kaffeeküche kann etwa zu einer offenen, natürlich belichteten Espressobar aufgewertet werden. Farbe, Licht und Grün frischen mit einem Begrünungskonzept das Ambiente im Haus auf. Die Vorgehensweise großer Nutzer Für Architekten ist es bei Neubau- wie auch Modernisierungsprojekten essenziell, die Anforderungen und die Vorgehensweise großer Immobiliennutzer zu kennen. Diese haben sich in den letzten Jahren stark professionalisiert und geben heute Trends in der Büroraumgestaltung vor. Bei ihrem Flächenmanagement liegt der Fokus nicht mehr allein auf Kostenkontrolle und -senkung, sondern auch auf Mitarbeiterproduktivität und Nachhaltigkeit. Alternative Arbeitsplatzkonzepte und eine nachhaltige Bewirtschaftung der Immobilien haben einen festen Platz in ihrem Denken. Die Immobilienabteilungen großer Unternehmen legen Standards für die Arbeitsplatzausstattung und den Flächenverbrauch fest. Weit verbreitet ist die Arbeit auf Basis von Raummodulen entsprechend der Hierarchie und Funktion im Unternehmen. Sie erarbeiten „Design Workbooks“ mit Vorgaben zu technischen, baulichen und rechtlichen Aspekten für die Anmietung von Gebäuden und deren Umbau. Wichtige Rollen spielen dabei die Flächenwirtschaftlichkeit, aber auch die Verwendung von gesundheitsfördernden Materialien. Oft werden nachhaltige Produkte für den Ausbau vorgeschrieben. Mit alternativen Arbeitsplatzkonzepten werden mobile Tätigkeiten technisch wie baulich unterstützt, was die benötigte Fläche stark reduziert. Letztlich mindern Flächenersparnis und Telearbeit auch Materialflüsse, Energieverbrauch und Emissionen. Für Architekten ergeben sich aus den veränderten Anforderungen neue Chancen. Zunächst bedarf es einer dezidierten Anforderungsanalyse in den Unternehmen. Die Erstellung eines Anforderungsprofils in der Leistungsphase 1 war bisher eher Nebensache; in der HOAI ist sie nur als besondere Leistung ausgewiesen. Konzentrieren und kommunizieren: ­ Auch im FBC Frankfurt (Gebäudeentwurf: Richard Heil) sind Begegnungs- und Rückzugsräume kombiniert. Empfiehlt sich aber eine Integration in die Standardleistung der Büros? Architekten sollte bewusst sein, dass sich diese Entscheidung nicht von Projekt zu Projekt oder in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Situation beliebig treffen lässt, da sie ihre Arbeitsweise deutlich prägt. Schließlich unterscheidet sich der oft moderationsgeprägte Entscheidungsfindungsprozess in der Nutzerbetreuung maßgeblich vom herkömmlichen Entwurfs- und Gestaltungsprozess. Insbesondere Letzterer erfordert einigen Aufwand. In der Analyse- und Beratungsphase ist die Kenntnis organisatorischer und sozialer Eigenheiten von Unternehmen nötig, die in der Architektenausbildung nicht unbedingt vermittelt wurden. Dennoch ist diese Ausbildung hierfür eine bessere Voraussetzung als die von Volks- oder Betriebswirten. Schließlich führt der Architekt in einer ganzheitlichen Betrachtung die Gewerke zusammen, die in den neuen Arbeitswelten zu einem intelligenten System aus Raum, Technologie und Organisation kombiniert werden – mit dem arbeitenden Menschen im Fokus. Pluspunkte für Nutzer Aktuelle Kriterien für die Anmietung von Büroräumen • Flexibilisierung der Größen von Miet­einheiten für gute Expansions- und Exit-­Strategien sowie Drittverwendungsfähigkeit • Möglichkeit der Schaffung von Haus-in-Haus Lösungen bei sinnvoller Organisation der Brandabschnitte (400-m²-Regel). Dabei sollte die Haustechnik (Elektro, Lüftung/ Kühlung) auf kleinstmögliche Mietbereiche ausgelegt werden. • 14 bis 15 Meter Gebäudetiefe für eine dreibündige Nutzung und differenzierte Raum­szenarien. Bei größeren Etagen interne ­Verbindungstreppen ermöglichen. • Zu öffnende Fenster auch im Hochhausbau einplanen. • Vorhaltung ausreichend dimensionierter Leerschächte für nachzurüstende Technik des Mieters (intensivste Nutzer sind hier Banken) • Partielle Erhöhung der Bodenlasten, um Bibliotheken und Rollregale in den Büro­flächen zu ermöglichen (Juristen und ­Wirtschaftsprüfer konzentrieren Akten und Bibliotheken zunehmend). • Flexibilität in der Raumnutzung, Konferenzräume mit flexiblen Wänden, Systemtrennwänden, Teppichfliesen und moderner Gebäudeleittechnik • Ausstattung der Kantine als Besprechungsbereich, um diese über den ganzen Tag nutzbar zu machen („Meet & Eat“-Konzept). • Nachhaltige Gebäudekonzepte mit individuell auszuwertender Regeltechnik Dr. Roman Wagner studierte Architektur, ist Mitglied des Immobi­lienverbands RICS und leitet den Bereich „Strategic Architecture“ des Beratungsunternehmens Jones Lang LaSalle in Frankfurt

Grundstücksgeschäfte und Honorarfragen

Weitere aktuelle Urteile für Architekten | Von Erik Budiner BGH bestätigt Kopplungsverbot Bereits seit 1971 regelt das sogenannte Mietrechts-Verbesserungsgesetz (MRVG) nicht nur die Ermächtigung zum Erlass der HOAI, sondern in Art. 10 § 3 auch die Unverbindlichkeit der Kopplung von Grundstückskaufverträgen mit Ingenieur- und Architektenverträgen (sog. „Kopplungsverbot“). Danach ist eine Vereinbarung unwirksam, durch die der Erwerber eines Grundstücks sich im Zusammenhang mit dem Erwerb verpflichtet, bei der Planung oder Ausführung eines Bauwerks auf dem Grundstück die Leistungen eines bestimmten Ingenieurs oder Architekten in Anspruch zu nehmen. Allerdings bleibt die Wirksamkeit des Grundstückskaufvertrages unberührt. Im Ergebnis kommt im Falle einer solchen Verbindung von Architektenvertrag und Grundstücksgeschäft der Grundstückskaufvertrag wirksam zustande, aber kein wirksamer Architektenvertrag. In der Vergangenheit ist wiederholt insbesondere in der Rechtsliteratur in Zweifel gezogen worden, ob diese Regelung aktuell noch geboten und mit dem Grundrecht der Berufsfreiheit zu vereinbaren ist. Im Jahre 2008 hatte sich der BGH bereits einmal mit dieser Fragestellung befasst und zu erkennen gegeben, dass verfassungsrechtlich zumindest ein enges Verständnis des Kopplungsverbotes notwendig sei. So könne das Kopplungsverbot nicht angewendet werden, wenn der Grundstückserwerber selbst den Architekten veranlasst habe, ihm bei der Grundstückssuche behilflich zu sein und ihn beim Grundstückserwerb vermittelnd zu unterstützen. Habe der Bauherr für eine solche erfolgreiche Vermittlungsbemühung dem Architekten die Beauftragung mit entsprechenden Architektenleistungen in Aussicht gestellt, sei das Kopplungsverbot nicht einschlägig. Im Übrigen aber hatte das Gericht bereits 2008 das Kopplungsverbot für verfassungsrechtlich grundsätzlich unbedenklich erachtet. Diese Auffassung hat der BGH jetzt mit seiner Entscheidung vom 22.7.2010 (VII ZR 144/09) ausdrücklich bestätigt. Das Kopplungsverbot folge dem Zweck, die freie Wahl des Architekten durch den Bauwilligen allein nach Leistungskriterien und das typische Berufsbild des freien Architekten zu schützen ­sowie den Wettbewerb unter den Architekten zu fördern. Dabei handele es sich um wichtige ­Gemein- schaftsgüter. Die Berufsfreiheit der freien Architekten, die durch Art. 12 Grundgesetz geschützt ist, wird nicht durch den Eingriff verletzt, der mit dem Kopplungsverbot verbunden ist. Ebenso wenig liege ein Eingriff in das Grundrecht des Eigentums vor. Bemerkenswert ist allerdings ein zusätzlicher Hinweis des Gerichts zu Architektenwettbewerben. In Abkehr von einer früheren Entscheidung sieht der BGH nicht länger einen Verstoß gegen das Kopplungsverbot, wenn eine Gemeinde als Eigentümerin von Baugrundstücken einen Architektenwettbewerb veranstaltet und nach Beurteilung durch das Preisgericht den Grundstücks­erwerbern zur Auflage macht, einen der Preisträger dieses Wettbewerbs zu beauftragen (sogenannte „Architektenmessen“). Gemeinden steht es zukünftig frei, aus städtebaulichen und gestalterischen Gesichtspunkten die Erwerber gemeindeeigener Grundstücke dazu zu verpflichten, Preisträger von solchen Architektenwettbewerben zu beauftragen. Damit wird der langjährigen Forderung von Architekten nach rechtlicher Absicherung dieses Sachverhalts Rechnung getragen. Honorarrechnung: Was beanstandet wird, ist prüfbar Einwände gegen die Prüfbarkeit der Honorar­schlussrechnung des Architekten waren ein probates prozesstaktisches Mittel, die Fälligkeit einer entsprechenden Honorarforderung in Zweifel zu ziehen. Dem hatte der BGH bereits vor Jahren teilweise einen Riegel vorgeschoben, weil er die Beanstandung der Prüfbarkeit nur für einen Zeitraum von zwei Monaten nach Rechnungsstellung zuließ. In seiner Entscheidung vom 22.4.2010 (VII ZR 48/07) bestätigt der BGH diese Rechtsprechung und konkretisiert die Verpflichtung des Auftraggebers. Die Fälligkeit einer Forderung, die der Architekt auf der Grundlage einer (nicht prüfbaren) Rechnung für eine vertragsgemäß erbrachte Leistung erhebt, tritt ein, wenn ein Prüfungszeitraum von zwei Monaten ohne Beanstandung zur Prüfbarkeit abgelaufen ist oder wenn der Auftraggeber als Ergebnis seiner Prüfung sachliche Beanstandungen mitteilt und (zunächst) keine Rügen zur Prüfbarkeit der Rechnung erhebt. Gibt der Auftraggeber mit seinen Beanstandungen zu erkennen, dass er gerade doch in die inhaltliche Prüfung der Rechnung eingetreten ist und diese auch vollzogen hat, kann er nicht gleichzeitig die mangelnde Prüfbarkeit der Rechnung rügen. Im Übrigen erteilt der BGH auch der bloß pauschalen Beanstandung zur Prüfbarkeit eine Absage. Um als eine solche rechtlich wirksame Beanstandung angesehen werden zu können, müsse die vom Auftraggeber erhobene Rüge dem Auftragnehmer verdeutlichen, dass er nicht bereit ist, in die sachliche Auseinandersetzung einzutreten, solange er keine prüfbare Rechnung erhalten hat. Der Auftraggeber muss dabei konkret zu erkennen geben, in welchen Teilen die Rechnung für ihn nicht prüfbar ist und woran die Prüfbarkeit aus seiner Sicht scheitert. Beanstandet er bloß die inhaltliche Richtigkeit einer Honorarrechnung, stellt dieses gerade keine Rüge der Prüfbarkeit dar. Im Übrigen stellt der BGH auch fest, dass der Architekt selbst im Prozess noch seine Rechnung erläutern, ergänzen oder berichtigen kann, um seinen Honoraranspruch zu realisieren. Land muss Verzugszinsen zahlen In seiner Entscheidung vom 25.3.2010 (1 U 108/09) hat sich das OLG Naumburg mit der verspäteten Begleichung einer Honorarrechnung befasst. Wenn der Schuldner eine mit Übergabe fällig gewordene Schlussrechnung nicht zahle, so gerate er unter den Voraussetzungen des § 286 Abs. 3 Satz 1 BGB in Verzug. Handelt es sich bei dem Schuldner nicht um einen Verbraucher, so kommt er spätestens in Verzug, wenn nicht innerhalb von 30 Tagen nach Fälligkeit und Zugang einer Rechnung Zahlung geleistet wird. Die Verzugszinsen bemessen sich nach § 288 BGB. Bei Rechtsgeschäften, an denen ein Verbraucher nicht beteiligt ist, beträgt der Zinssatz für Entgeltforderungen acht Prozentpunkte über dem Basiszinssatz (§ 288 Abs. 2 BGB). Zusatzhonorar rechtzeitig vereinbaren In einem vom Oberlandesgericht Hamm entschiedenen Fall ging es um einen Honoraranspruch wegen der Vergütung von Änderungsleistungen. Der klagende Architekt hatte für einen Bauträger Änderungsleistungen während der Planungs- und Bauzeit erbracht. Die Zusatzvergütung solcher Änderungsleistungen stellte der Architekt dem Bauträger später erst nach Abschluss der Baumaßnahmen in Rechnung. Zuvor hatte er trotz mehrfacher Nachfrage des Bauträgers diesem keine Auskunft über mögliche Zusatzhonorare erteilt, obwohl er wusste, dass der Bauträger diese Zusatzkosten für Änderungswünsche seinen eigenen Bauherren weitergeben wollte. Das OLG Hamm gelangte zu der Entscheidung, dass der klagende Architekt eine nebenvertragliche Auskunftspflicht verletzt hat, weil er seinen Vertragspartner trotz Nachfrage nicht auf die fraglichen Zusatzhonorare für Änderungsplanungen hingewiesen hatte. Wegen der verspäteten Konkretisierung von Zusatzhonoraren war der Bauträger nicht mehr in der Lage, diese Mehrkosten den Hauserwerbern in Rechnung zu stellen. Dem Anspruch des Architekten auf Zusatzhonorar konnte der Bauträger mit einem eigenen Schadensersatzanspruch entgegentreten (OLG Hamm v. 23.04.2010 – 19 U 12/08).
Veröffentlicht unter Recht

Überwachung unterlassen

Wer Teile der Bauüberwachung unterlässt, zu der er verpflichtet war, muss hierüber den Bauherrn aufklären. Sonst droht noch Jahre später Schadenersatz | Von Hans-Christian Schwenker Ein Architekt hatte die Bauüberwachung für die Sanierung eines Gebäudes übernommen. Später stellte sich heraus, dass eine geplante und vom Bauunternehmer auch abgerechnete Dampfsperre nicht eingebaut worden war. Dadurch gelangte in erheblichen Mengen Tauwasser auf die ursprüngliche Oberfläche der Außenwand und Feuchtigkeit konnte von unten in den Putz aufsteigen. Da Gewährleistungsansprüche gegen das bauausführende Unternehmen nach acht Jahren bereits verjährt waren, nahm der Auftraggeber den Architekten in Anspruch. Dieser berief sich zwar ebenfalls auf Verjährung, hatte damit aber keinen Erfolg, weil das Gericht sein Verhalten als arglistig bewertete. Der Architekt hatte gewusst, dass er den Einbau einer Dampfsperre zu überwachen hatte. Daher hätte er seinen Auftraggeber anschließend darüber aufklären müssen, dass er die Überwachung nicht vorgenommen hat. Der Bundesgerichtshof beschloss zu diesem Fall (VII ZR 46/09): Der Architekt muss dem Auftraggeber bei der Abnahme seines Werkes offenbaren, wenn er Teile der Ausführung des Bauwerkes bewusst vertragswidrig nicht überwacht hat. Unterlässt er dies, so hat er einen Mangel seines Werks arglistig verschwiegen. Unerheblich ist, ob er darauf vertraut, dass der Unternehmer mangelfrei gearbeitet hat. Arglist ist es auch, wenn er nur einzelne der überwachungspflichtigen Gewerke nicht überwacht hat und dies verschweigt. Voraussetzung für die Arglist ist allerdings, dass der Architekt auch weiß, dass er seine Bauüberwachungsaufgabe nicht vertragsgerecht wahrgenommen hat. Ein solches Bewusstsein fehlt, wenn er nicht erkennt, dass ein Gewerk überwachungspflichtig ist und er deshalb die Aufklärung darüber unterlässt, dass er eine Überwachung nicht durchgeführt hat. Der Hinweis des BGH, für die Arglist sei das Bewusstsein des Architekten notwendig, dass ein Gewerk überwachungspflichtig ist, darf nicht täuschen. Ein bauüberwachender Architekt wird sich nämlich nicht damit entschuldigen können, er persönlich habe das betroffene Gewerk nicht für überwachungsbedürftig gehalten. Vielmehr kommt es darauf an, ob bei ordnungsgemäßer Bauüberwachung das betreffende Gewerk überwachungsbedürftig war. Dies ist insbesondere bei erfahrungsgemäß schadensanfälligen Gewerken wie Abdichtungen oder Dämmungen der Fall, aber auch, wenn die Gefahr besteht, dass Mängel des Bauwerks durch den weiteren Bauverlauf verdeckt werden. Im Falle der Arglist wird sich die Verjährungsfrist regelmäßig für den Architekten beträchtlich verlängern und damit zugleich sein Risiko steigen, bei Baumängeln erfolgreich in Regress genommen zu werden. Hans-Christian Schwenker ist Rechtsanwalt in Celle

Kostenanschlag: künftig statisch

Der Bundesgerichtshof hält die Fortschreibung des Kostenanschlags zum Zwecke der Anpassung der Honorargrundlage für unzulässig | Von Erik Budiner In der Vergangenheit wurde lange diskutiert, ob ein Kostenanschlag als Honorargrundlage nach § 10 Abs. 2 Nr. 2 der alten HOAI anzupassen ist, wenn Nachträge vorliegen. Die herrschende Meinung in der baurechtlichen Literatur war der Auffassung, ein Kostenanschlag sei jedenfalls dann fortzuschreiben, wenn die Nachträge nicht auf Planungsfehlern des Architekten beruhten und er damit befasst sei (vgl. DAB 4/2003, S. 52ff.). Eine Differenzierung zwischen ursprünglichen und später erteilten Aufträgen sehe die DIN 276 nicht vor, daher müssten sich solche Nachträge auch für die Leistungsphasen 5 bis 7 honorarsteigernd auswirken. Dem ist nun der BGH in einer aktuellen Entscheidung vom 5.8.2010 entgegengetreten (VII ZR 14/09). Nach Auffassung des Gerichts spricht zum einen die Systematik der HOAI für einen statischen Kostenanschlag als Honorargrundlage, zum anderen der mit der seinerzeit geänderten HOAI verfolgte Zweck, das Honorar stärker von der tatsächlichen Baukostenentwicklung abzukoppeln. Nachträge, die nach der eigentlichen Vergabe einer Bauleistung entstehen, dürfen bei dem der Honorarermittlung zugrunde liegenden Kostenanschlag nicht berücksichtigt werden. Im Honorierungssystem der HOAI hängt vielmehr das Honorar von den anrechenbaren Kosten ab, die zum jeweiligen Planungsstand zugrunde zu legen sind. Nachträgliche Änderungen können deshalb grundsätzlich nicht mehr zu einer Änderung der maßgeblichen Kostenermittlung führen. Daher finden Kostenveränderungen aufgrund einer Verfeinerung und Fortentwicklung der Planung bei der Honorierung grundsätzlich erst in der nächsten Kostenermittlungsstufe Berücksichtigung. Die durch Nachträge entstandenen Kosten sind dann bei der Kostenfeststellung zu berücksichtigen, was im Übrigen der DIN 276 Teil 3 Ziffer 4 entspricht: Danach sind Grundlagen der Kostenfeststellung auch die Begründung und Beschreibung von Änderungen oder nachträglichen bzw. zusätzlichen Leistungen gegenüber dem Kostenanschlag. Diese aktuelle Entscheidung des BGH wirft eine ganze Reihe von Fragen auf. Wann muss der Architekt einen Kostenanschlag vorlegen? Die Entscheidung enthält keinerlei Hinweis darauf, dass der Architekt verpflichtet ist, zu einem bestimmten Zeitpunkt oder nach Erledigung eines bestimmten Teils der Ausschreibung frühzeitig einen Kostenanschlag zu fertigen – und damit im Ergebnis seine eigene Honorarbasis zu schmälern. Hinweise öffentlicher Auftraggeber, der Kostenanschlag sei zwingend zum frühesten Zeitpunkt zu liefern, finden in dem aktuellen Urteil keine Grundlage. Bei vertraglichen Vereinbarungen sollte der ­Architekt darauf achten, dass er nicht vorzeitig zu einem Kostenanschlag verpflichtet wird, sondern erst dann, wenn sich die voraussichtlichen Kosten im Rahmen der Vergabe verlässlich feststellen lassen. Idealerweise wäre das Angebot des letzten auszuschreibenden ­Gewerks abzuwarten. Im Übrigen sieht die DIN 276 für den Kostenanschlag ausdrücklich auch die Ergänzung um solche erwartbaren Kosten vor, die noch nicht durch Ausschreibungsergebnisse belegt sind. Hat der Architekt keinen Honoraranspruch für zusätzliche Leistungen bei Ausschreibung und Vergabe? Der BGH verweist in seinem Urteil auf seine frühere Rechtsprechung und stellt klar, dass dem Architekten ein weiteres (Grundleistungs-)Honorar zusteht, wenn er im Zusammenhang mit Nachträgen an die Unternehmer erneut Grundleistungen erbringen muss. Diese Frage stehe aber nicht im Zusammenhang mit der Beurteilung des Honorars für Planungsleistungen, die bereits nach dem ursprünglichen Vertrag geschuldet wurden, und für deren Honorargrundlage. Hat die Entscheidung möglicherweise ­Auswirkungen auf die neue Rechtslage nach § 6 Abs. 1 HOAI? Da auch die Neuregelung in der HOAI die (weitere) Abkopplung des Architektenhonorars von den tatsächlichen Baukosten bewirken soll, stellt sich zwangsläufig die Frage einer „Fortschreibung“ der Kostenberechnung. Nach § 7 Abs. 5 HOAI ist die dem Honorar zugrunde liegende Vereinbarung durch schriftliche Vereinbarung anzupassen, wenn sich während der Laufzeit des Vertrages der beauftragte Leistungsumfang auf Veranlassung des Auftraggebers verändert und dies Änderungen der anrechenbaren Kosten, Werten oder Verrechnungseinheiten zur Folge hat (vgl. DAB 3/2010, ­S. 30ff. ). Bei den gegenwärtigen Überlegungen zur weiteren Überarbeitung der HOAI wird dieser Thematik besondere Aufmerksamkeit zu widmen sein. Rechtsanwalt Erik Budiner (München) ist Vorsitzender des Rechtsausschusses der Bundesarchitektenkammer

DIN-Flut

Warum es immer mehr Normen gibt – und wie die Kammern im Interesse der Architekten gegenhalten | Von Barbara Chr. Schlesinger und Roland Stimpe Die Normenflut schwillt immer stärker an. Allein die Zahl neuer Normen wird in diesem Jahr doppelt so hoch sein wie noch im Jahr 2000. Dabei sind für das Bauwesen schon heute fast 24 000 DIN-Normteile relevant, von denen etwa 2 500 die Kernaufgaben von Architekten betreffen. „Die Normenflut steigt aber nicht nur wegen der Entwicklung der Technik“, erläutert Klaus Hecker, Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer. „Sondern es gibt da auch handfeste Interessen in der Politik wie in Teilen der Wirtschaft.“ Die Bundesregierung erhofft durch Normung Standort- und Qualitätsvorteile. Die Europäische Kommission sieht sie ebenfalls als Wirtschaftsfaktor; sie will darüber hinaus mit gemeinsamen Normen den internationalen Handel erleichtern und Standards garantieren. Schon heute werden rund 90 Prozent aller Normen auf internationaler Ebene verabschiedet, die meisten auf der europäischen. Zudem werden staatliche Gesetze immer mehr durch Normen untersetzt. Klassisches Beispiel ist die HOAI-Vorschrift, nach der die Kostenschätzung auf Grundlage der DIN 276 zu erstellen ist. Landesbauordnungen verlangen Arbeit nach „eingeführten technischen Regeln“, die Baustellenverordnung beruft sich auf die nicht staatlichen Regeln zum Arbeitsschutz auf Baustellen (RAB). Auch Gerichte und Sachverständige ziehen immer wieder Normen heran. Und zu den Normen kommen technische Regeln durch privatwirtschaftliche Gruppen und Verbände – genannt seien hier nur der Verein Deutscher Ingenieure (VDI), die Deutsche Gesellschaft für Akustik (DEGA), der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZVDH) und die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Planung wird häufig erschwert BAK-Vizepräsident Hecker weiß: „Architekten empfinden Normen oft mehr als Hemmnis denn als Hilfe.“ Die dauernden Änderungen und Ergänzungen sind nur schwer zu verfolgen, die Recherche ist aufwendig und teuer – was sich durch das neue Normenportal jetzt aber bessert. Doch die Planung wird durch Normen nicht unbedingt erleichtert und in sinnvolle Bahnen gelenkt, sondern häufiger beschränkt und erschwert. Klaus Hecker erläutert: „Aus all diesen Gründen engagieren sich die deutschen Architektenkammern für eine Normungspolitik, die den Bedürfnissen des Berufs entspricht. Die Regelungsdichte soll minimiert, technokratische Hemmnisse sollen abgebaut und nur das wirklich Sinnvolle soll normiert werden. Dabei muss möglichst weit­gehend die planerische Freiheit sichergestellt werden, denn bei jedem Projekt sieht die optimale Lösung anders aus.“ Eine Norm, bei der die Kammern mit dieser Strategie Erfolg hatten, ist die DIN 18040 für barrierefreies Bauen, deren Veröffentlichung im November ansteht. Hier lag zunächst ein Vorläuferentwurf mit dem Kürzel E DIN 18030 auf dem Tisch, der allzu starr vorschreiben wollte, wie Barrierefreiheit aussieht. Die BAK und Mitstreiter aus anderen Organisationen konnten ihn stoppen und für einen besseren sorgen. Dieser ist jetzt tauglicher für die Praxis, rechtlich sicherer und enthält vor allem allgemeingültige Anforderungen auf dem Niveau von Mindeststandards anstelle detaillierter Festschreibungen. Die Norm, die jetzt von den Bundesländern als technische Baubestimmung eingeführt werden kann, ist einfacher, überschaubarer, besser lesbar und logischer gegliedert als der Vorläuferentwurf. Auch bei den Regeln für Arbeitsstätten, die ein Ausschuss des Bundesarbeitsministeriums erstellt, gibt es eine Diskussion um die Barrierefreiheit. Die konkreten Anforderungen soll jetzt eine Arbeitsgruppe definieren, die von der BAK geleitet wird. 25 Kammervertreter in 50 Gremien An weiteren Normen arbeiten in den DIN-Ausschüssen rund 25 Mitglieder und Beschäftigte von Kammern in etwa 50 Gremien mit. Ihr Engagement koordiniert die BAK. Zu den Schwerpunkten in jüngerer Zeit gehörte neben dem barrierefreien Bauen unter anderem die DIN V 18599 für die Berechnung der Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden, die von den Kammern schon in der Entstehungsphase als viel zu kompliziert bewertet wurde. Hier erreichten sie die Einführung eines ­vereinfachten Verfahrens in die EnEV. Auf Antrag der BAK arbeiten zwischenzeitlich auch die Normungsgremien an Vereinfachungen. Bei den internationalen Nachhaltigkeitsnormen ISO/TC 59/SC 17 und CEN/TC 350 ging und geht es vor allem um den nötigen Wandel von einer stark wissenschaftlich geprägten zu einer praxisnahen Norm. Daran besteht auch bei anderen Normen Bedarf, da in den Normungsgremien des DIN und anderswo Wissenschaftler relativ stark vertreten sind, dagegen Anwender vergleichsweise schwach. BAK-Vizepräsident Klaus Hecker fordert: „Normen sollen sich als ‚anerkannte Regeln der Technik‘ einführen, Normungsgegenstand darf nicht der Stand der Wissenschaft werden.“ Schon im Jahr 2004 startete die BAK mit 20 weiteren Verbänden eine nachhaltig erfolgreiche Initiative zum baulichen Schallschutz. Hier waren für eine Neuherausgabe der DIN 4109 allzu hohe Anforderungen vorgesehen; die Tätigkeit eines Bauakustikers drohte zur Norm auch bei einfacheren Vorhaben zu werden. Die Verbände konnten erreichen, dass die Norm nicht veröffentlicht wurde und neu bearbeitet wird. Das Ziel: Anforderungen an den Schallschutz sollen technisch einwandfrei und handwerklich zu bewältigen sein. Dabei drücken die Verbände aufs Tempo: Die neue DIN 4109 sollte bald verfügbar sein, da die Rechtsprechung derzeit häufig die konkurrierenden Anforderungen der VDI 4100 als Maßstäbe nimmt. Wachsamkeit gebieten auch neue Normen für Dienstleistungen. Politiker, Verbraucher- und Wirtschaftsvertreter streben mehr und mehr Standardisierungen zu Leistungsbildern, Qualifikationen, Betriebsprozessen und Verfahren an. Architekten sind beispielsweise von entsprechenden Normen für das öffentliche Beschaffungswesen oder für Gutachterleistungen betroffen. Hier hat die BAK frühzeitig Mitsprache gefordert, ist in zwei koordinierende Fachbeiräte aufgenommen worden und kann von dort auf die Normarbeit aus nächster Nähe einwirken. Die Kammern sehen Dienstleistungsnormen grundsätzlich kritisch, da es hier oft nicht den nötigen Konsens in Politik und Gesellschaft gibt. BAK-Vizepräsident Klaus Hecker setzt sich für einen solchen Konsens ein: „Normen sind primär technische Regeln und sollten das auch bleiben.“ Normen-Flatrate Architekten erhalten seit Neuestem für einen günstigen Pauschalpreis Zugang zu 500 Normen Der Zugang zu wichtigen Normen wurde für Architekten stark erleichtert: Seit September ist das Normen-Onlineportal „Architektur“ freigeschaltet, in dem Kammermitglieder zu einem günstigen Pauschalpreis Zugang zu 500 relevanten Normdokumenten erhalten. Hierauf haben sich die Architektenkammern und der Beuth-Verlag des Deutschen Instituts für Normung geeinigt. Für den Zugang melden sich Kammermitglieder unter www.normenportal-architektur.de oder über den Link an, den die Kammern der Länder von ihren Seiten dorthin legen. Wer ­registriert ist, erhält Zugang zu ausgewählten Dokumenten. Claudia Mi­chalski, Geschäftsführerin des Beuth-Verlags: „Hier ist von berufener Stelle eine Auswahl der für Architekten wesentlichen 500 Normen ­getroffen worden – nämlich von den Architektenkammern selbst. Eingeschlossen sind auch einige historische, im Alltag noch sehr bedeutsame Dokumente.“ Alle drei Monate wird der ­Inhalt ­aktualisiert. Michalski: „So bleiben Nutzer automatisch auf dem Laufenden und müssen sich nicht um den Bezug neuer ­Dokumente kümmern.“ Der Zugang kostet für ein Jahr 198 Euro plus Mehrwertsteuer für ­einen Einzelplatz und 498 Euro plus Steuer in einem Netz mit bis zu fünf Arbeitsplätzen. Für Oktober bis Dezember 2010 wird das ­Normenportal „Architektur“ den Kammermitgliedern zu einem ­Einführungspreis von 49,50 Euro plus Steuer angeboten. Wer sich erst Ende Oktober entscheidet, zahlt für die letzten zwei Monate dieses Jahres nur 33 Euro netto. Der von den Architektenkammern in langen Verhandlungen erreichte Preis ist günstiger als der Bezug weniger Einzelnormen und quasi eine Normen-Flat­rate: Für diesen Betrag kann im gebuchten Zeitraum beliebig oft und lange im Normenportal gesurft werden. Außerdem lassen sich Normen ausdrucken. Aber warum kosten Normen überhaupt Geld und werden nicht wie Gesetzestexte kostenfrei angeboten? Claudia Michalski: „Für die ­Erarbeitung von Gesetzen kommen die Steuerzahler auf. Die ­Kosten für die Erarbeitung von DIN-Normen werden zum größten Teil von ihren Anwendern getragen. Jeder von ihnen trägt durch den Kauf von Normen einen kleinen Teil zur Finanzierung der Normungsarbeit bei.“ Bei Architekten stößt dies nicht immer auf Verständnis, da Normen oft mit Gesetzen und Verordnungen für die Planung verbindlich werden – aber Kammermitglieder erhalten jetzt immerhin einen stark vergünstigten Zugang zur unentbehrlichen Norminformation.

„Ein ungeeigneter Bau“

Arno Sighart Schmid, bisheriger Präsident der Bundesarchitektenkammer, über den Denkmalwert von Nazi-Architektur – speziell in Venedig | Interview: Roland Stimpel   Nur mäßig einladend: Entree des deutschen Pavillons während der Architektur-Biennale 2010 Sie fordern, den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig abzureißen und einen neuen zu bauen. Wollen Sie versuchen, mit dem Abriss einer Architektur von 1938 ein Stück Nazi-Vergangenheit zu entsorgen? Diese Vergangenheit kann und darf man nicht entsorgen, weder per Abriss noch anderswie. Mir geht es um einen architektonisch hochwertigen, funktionalen Pavillon, mit dem Deutschland sich in Venedig international präsentieren kann. Geht das nicht auch und gerade mit einem Pavillon, in dem man sich mit der Nazi-Zeit auseinandersetzen muss? Der Pavillon ist kein überragendes Zeugnis dieser Epoche – auch nicht im Negativen. Kuratoren, Teilnehmer und Besucher ärgern sich da nicht vorrangig mit der Nazi-Zeit herum, sondern mit einem ungeeigneten Bau für Architektur- und Kunstausstellungen. Er ist düster, schwer bespielbar und hat zur Lagune nicht einmal einen Ausblick, geschweige denn Ausgang und Terrasse. Und so wichtig wie die Auseinander­setzung mit der Nazi-Zeit ist, ist sie doch kein vorrangiges Thema an diesem Ort. Der Pavillon muss den künftigen deutschen Beiträgen der Biennale dienen, nicht die Biennale der Geschichte des Pavillons. Und der Denkmalwert? Der Pavillon steht zwar unter italienischem Denkmalschutz. Aber den verdient nach meiner Ansicht vielleicht seine Urform, ein antikisierender Tempelbau von Daniele Donghi aus dem Jahr 1909, aber wohl kaum Ernst Haigers Umbau von 1938. Es wäre genauso falsch und verkrampft, jeden Bau aus dieser Zeit zu bewahren, wie es falsch und verkrampft wäre, einen Bau nur wegen seiner Herkunft aus der Nazi-Zeit abzureißen. Also weg damit – unabhängig von der Geschichte? Weg damit, wenn ein Bau über die Geschichte wenig sagt. Aber auf keinen Fall weg mit Zentralbauten der Nazis und ihrer Verbrechen etwa in Berlin, in München und in Konzentrationslagern. Sie sind Zeugnisse des Terror-Regimes, die selbstverständlich bleiben müssen. Die Reaktionen auf Ihren Vorschlag waren teils ziemlich heftig. Ja, es gab reflexhafte Verdächtigungen, ich wolle ein Stück Nazi-Vergangenheit verdrängen. Aber man muss über die Qualität des Baus diskutieren können, ohne dass man ihn historisch überstrapaziert. Sind Sie eigentlich der Einzige, der an einen Abriss denkt? Nein, in Gesprächen erhielt ich viel Zustimmung von unterschiedlichster Seite. Ein Abriss des Pavillons war übrigens auch Thema eines Biennale-Beitrags des Berliner Architekten Roger Bundschuh. Und die Universität Karlsruhe hatte – ohne dass ich dies wusste – bereits im Wintersemester 2009/2010 eine Exkursion nach Venedig veranstaltet und sich mit der Frage „Abriss und Neubau oder Um- und Anbau“ sachlich und fachlich fundiert auseinandergesetzt. Und was soll folgen? Ein offener Wettbewerb und spätestens zum 25j-ährigen Jubiläum des Mauerfalls 2014 ein anderer Pavillon, der Ausstellern und Besuchern dient, der Deutschlands Gegenwart und Zukunft zeigt und der ein Zeugnis unserer heutigen Baukultur ist.

Visionen sichtbar machen

Immer mehr Architekten nutzen digitale Visualisierungen, um ihre Entwürfe und Ideen zu präsentieren. Doch nicht für jeden Betrachter taugt das gleiche Rendering | Von Fred Wagner Wettbewerbs-Rendering: Tagperspektive des Euro-Tower in Sofia für HPP Architekten (Bauherr ECE) „Viele Architekten denken, dass gute Visualisierungen ein gutes Programm und ein schneller Rechner reichen“, sagt der Dortmunder Architekt Marco Lachmann-Anke. „Doch das ist wie bei der Fotografie. Die beste Ausrüstung nutzt nichts, wenn man nicht weiß, wie man ein Bild aufbauen und gestalten muss.“ Wichtigste Voraussetzung für überzeugende Renderings ist nicht Technik, sondern das Wissen um die Wirkung von Bildkomposition, Farbe, Perspektive und Kontrast. Lachmann-Anke hat sich als Architekt auf die Visualisierung von geplanten Gebäuden spezialisiert hat und arbeitet damit in einem stark wachsenden Markt – für Architekturbüros, Bauträger, Projektentwickler und öffentliche Bauherren. Herkömmliche Architekturzeichnungen reichen vielen Auftraggebern längst nicht mehr; realistisch wirkende Bilder künftiger Bauten sind inzwischen Standard – ebenso der Begriff „Rendering“, der sich für sie eingebürgert hat. Die virtuelle, dreidimensionale Konstruktion des Gebäudes im Computer ermöglicht unterschiedliche Ansichten und Perspektiven, Materialien und Lichtstimmungen, lange bevor die Realisierung beginnt. Preiswerte, relativ leicht erlernbare Programme wie ArCon oder SketchUp treiben die Entwicklung weiter voran. Mehr Herz als Verstand Der Architekt und Rendering-Produzent Marco Lachmann-Anke von Visualtektur in Dortmund meint: „Ein gutes Rendering muss auch das Herz ansprechen, nicht nur den technischen Verstand oder die künstlerische Neigung.“ Nach seiner Beobachtung denken Architekten oft an etwas besonders Reduziertes, dagegen wollen Immobilienleute eher „blumige“ Bilder. Ein gutes Rendering versucht nach seiner Ansicht nicht in jedem Detail realistisch zu wirken, sondern nur da, wo das dem Betrachter nicht auffällt. Denn dieser weiß ja, dass das Rendering kein Foto ist, und reagiert allergisch auf Versuche, ihm das noch nicht reale als scheinbare Wirklichkeit unterzuschieben. Zwar lassen sich mit modernen Programmen auch organischen Formen aus der Natur und sogar Menschen nachbilden, aber diese wirken meist unecht. „Das menschliche Auge empfindet jede Abweichung vom Natürlichen als falsch und unangenehm“, sagt Lachmann-Anke. Für Stefan Sauer, Architekt und Geschäftsführer der 3D Betrieb GmbH in Würzburg, ist eine Visualisierung dann gut, wenn der Kunde am Ende mit ihr zufrieden ist. Sauer: „Er wird in unserer mehrstufigen Projektabwicklung so weit wie möglich in den Visualisierungsprozess einbezogen.“ Beispielsweise bekommt der Auftraggeber zu Beginn die Screenshots des CAD-Modells zu Überprüfung. Danach werden Kameraposition und Perspektive festgelegt. Auch hier bekomme der Kunde erste Aufnahmen. Im dritten Schritt werden Previews gemacht, bei denen es letzte Korrekturmöglichkeiten gibt. Sauer: „Am Ende bekommt der Kunde nicht einfach ein fertiges Werk vorgesetzt, sondern war an der Entstehung des Renderings maßgeblich beteiligt.“ Wettbewerbs-Rendering: Innenraumperspektive des Neubaus der Hochschule Hamm-Lippstadt (Auftraggeber: agn Niederberghaus & Partner GmbH Halle) Auch Stefan Sauer berichtet, dass Immobilien-Unternehmer andere Anforderungen an Renderings haben als Architekten. Diese möchten ihr Werk in den Vordergrund stellen. Die Ausstattung des Gebäudes sei eher uninteressant. Immobilien-Leute dagegen wollen das Haus opulent präsentieren, am liebsten im Grünen mit vielen Terrassemöbeln und Sonnenuntergang. Sauer: „Die wollen nicht die Architektur verkaufen, sondern die Vorstellung, dort zu leben.“ Auch in Wettbewerben helfen Rederings oft. Hier sollen Sachpreisrichter, aber oft vor allem jurierende Architektenkollegen überzeugt werden. Daher sollten hier zum Beispiel bei Innenraum-Renderings nur solche Möbelklassiker oder Designobjekte verwendet werden, die dem aktuellen Architektengeschmack entsprechen. Sauer: „Bitte keine klassische Wohnlandschaft, wie man sie heute in jedem Wohnzimmer findet. Die Darstellung des Entwurf sollte sehr reduziert sein. Material, Licht und einen gute Perspektive stehen im Vordergrund.“ Stimmigkeit im Bild mit Platz für Abstraktion Gerd Knobling in Düsseldorf produziert seit zehn Jahren 3D-Visualisierungen und Filme für Marketingzwecke und Architekturwettbewerbe. Auch für ihn sind das Licht und die Perspektive entscheidend für eine gute Visualisierung. Zu seinen Kunden gehören unter anderem RKW und HPP Architekten. Knobling: „Eine gute Wettbewerbs-Visualisierung ist letztendlich nicht ein fotorealistisches Rendering, sondern eine Stimmigkeit im Bild, die auch eine Abstraktion und Interpretation des Entwurfsgedankens zulässt.“ Ein wichtiger Punkt sei das Licht. „Wenn das Licht konsequent belassen wird, also nur mit einer Sonne oder der richtigen Beleuchtung gearbeitet wird, dann wird das entstehende Bild in sich konsequenter als eines, das nachträglich in Photoshop aufwendig nachretuschiert ist.“ Apotheke Klinikum Marburg: Die Eingabe der 3D-Daten und die Erstellung mit Umbebung dauerte rund fünf Tage, Kosten ca. 1000 € (Architekt Steffan Rover, Integrale Planung Marburg, Rendering Dirk Lahann) Reinhard Windt in Jülich beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Visualisierungen. Seit einem Jahr bietet der Architekt über Partner die Erstellung von 3D-Visualisierungen und Renderings für Dritte an. Seiner Meinung nach gibt es keine allgemeingültigen Parameter für ein gutes Rendering, sondern es kommt eher darauf an, ergebnisorientiert zu arbeiten. Windt: „Brauche ich die Perspektive, um zum Beispiel einen Wettbewerb zu gewinnen, sollte das Ergebnis zwar gut sein, oft aber auch so schnell und preiswert wie möglich erzielt werden.“ Weniger ist dann oft mehr. Mann solle sich auf zwei bis drei aussagekräftige Ansichten beschränken und diese dann besonders gut machen oder machen lassen. Die Wirkung einer gerenderten 3D-Perspektive hänge natürlich ganz stark von den Farben, der Materialwahl und der plastischen und der fotorealistischen Darstellung ab. Auch Tools für Reflexe, Spiegelung und Brechung seien wichtig. Das menschliche Auge erwartet immer irgendeinen Schatten, eine Spiegelung eines Baums in einer Fassade und die Brechung des Lichtes durch Luft, Wasser oder Glas. Reinhard Windt: „Da lässt sich das Auge nicht täuschen.“ Bearbeitungsstufen: Im Bild 1 wird auf Schatten und Materialstruktur verzichtet, das Bild wirkt dadurch sehr unrealistisch. Bild 2 zeigt bereits Schatten und Struktur. Im Bild 3 sind zusätzlich Spiegelungen der Umgebung erkennbar, die sich im Material abzeichnen. Renderings von Reinhard Windt, Jülich Schlechte Renderings könnten zum Beispiel durch einen unglaubwürdigen und damit falschen Betrachtungsstandpunkt entstehen. „Auch eine aufwendige Zeichnung wirkt unrealistisch, wenn der Betrachtungsstandpunkt unrealistisch ist. Vogelperspektiven, Fischaugeperspektiven, Froschperspektiven und Parallelperspektiven kennt das menschliche Auge nicht. Sie sollten laut Windt vor allem genutzt werden, um etwas sonst gar nicht Verstandenes zu erklären oder zu zeigen. „Zum Beispiel die Vogelperspektive, wenn der Investor zeigen möchte, dass das Grundstück komplett bebaut ist oder wenn es um einen Innenhof geht, der in folgenden Bildern nicht als solcher erkennbar ist.“ Richtig sei der Betrachtungswinkel aus Augenhöhe, allenfalls mit leichter Neigung nach oben oder unten.

Ein Stand für die Baukultur

Kammern und ihre Unterstützer präsentieren sich auf der Immobilienmesse Expo Real Auf ihrem Stand und mit ihrem Stand zeigen 13 Kammern auf der Münchener Immobilienmesse Expo Real den Wert von Architektur und Baukultur. Der Stand ist Anlaufstelle für alle, die sich über Architektenleistungen und spannende Projekte informieren wollen. Und er steht selbst für Verfahrenskultur, denn er ist der realisierte Siegerentwurf eines offenen Wettbewerbs, den die Architektenkammer Bayern organisierte und den Felix Reiter, Lutz Ring sowie Annette Wolf aus München gewannen. Den Stand nutzen auf der Expo Real die Kammern von zwölf Ländern und die des Bundes. Er ermöglicht doppelten Gebrauch: Von der Treppe aus können Besucher Vorträge und Präsentationen verfolgen; darunter sind Empfangstresen, Besprechungstisch und Lager untergebracht. Zudem ist er kein Einwegprodukt, sondern kann demontiert, transportiert und wieder aufgebaut werden. Zu so viel Nachhaltigkeit passt die Standpartnerin der Architektenkammern: die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Die Unternehmen Albrecht JUNG GmbH & Co. KG, Bayer Material Science AG, Cembrit GmbH und Schüco International KG unterstützen den Stand und stellen eigene Projekte vor. Zusammengefasste Darstellungen dieser Projekte stehen auf den folgenden Seiten in diesem Blatt. Auf der Messe selbst werden vom 4. bis 6. Oktober rund 1 500 Aussteller und etwa 35 000 Personen erwartet. Alle BAK- und DGNB-Infos auf www.besser-mit-architekten.de unter „Expo Real“. Energetisch aktiver Kristall Das Solar Aktiv Haus in Regensburg mit intelligenter Steuerung von Albrecht Jung Im bayerischen Regensburg steht der Protoptyp des „Solar Aktiv Hauses“. Es demonstriert mit beispielhafter Solartechnik und einem intelligenten KNX-System der Albrecht Jung GmbH & Co. KG aus Schalksmühle in Nordrhein-Westfalen, wie effizient es sich heute schon bauen lässt. Auch architektonisch hebt sich der Entwurf aus dem Vorstadteinerlei heraus. Mit seiner kristallähnlichen Gestalt reckt sich das Gebäude der Sonne entgegen. Die umfangreiche Verwendung von Solarthermie und Fotovoltaikelementen verleiht dem Bau etwas Futuristisches. Eine neuartige Wärmepumpe ist mit Sonnenkollektoren kombiniert. Im Solar Aktiv Haus wird der Energiebedarf für Heizung und Warmwasser ganzjährig ausschließlich durch Sonnenenergie gedeckt. Gekühlt wird das Gebäude über die natürliche Lüftung mit Zuführung der Außenluft über das Erdreich. Doch spielt Wohnqualität eine ebenso wichtige Rolle wie das Energiesparen. So gibt es großflächige Parallelschiebetüren, obwohl diese energetisch eher nicht effizient sind. Doch durch die komplette Verglasung der offenen Hauptaufenthaltsräume für Wohnen, Kochen und Essen sollen Innen- und Außenraum verschmelzen. Das Gebäude wird barrierefrei erschlossen. Falls sich die Nutzungsverhältnisse ändern, kann das Erdgeschoss als separate Wohneinheit abgetrennt werden. Das Einfamilienhaus hat rund 175 Quadratmeter Wohnfläche plus Keller und Terrasse. Eine kompakte Haustechnik regelt die passive Nutzung der Sonnenenergie sowie die automatische Beschattung der Südglasflächen im Sommer. Zur Steuerung aller Funktionen kommt ein System nach dem weltweiten KNX-Standard zum Einsatz, das mit Produkten von Albrecht Jung realisiert wurde. www.jung.de | Mehr zum Projekt hier Netzwerk für Öko-Gewerbebauten Das EcoCommercial Building Program – Eine Initiative zum nachhaltigen Bauen von Bayer MaterialScience Klimagerecht bauen ist besser als baugerecht klimatisieren. Diese Erkenntnis bildet die Basis des „EcoCommercial Building Program“- Dahinter verbirgt sich das Konzept, die besten Materialien, Systeme und Technologien in einem Netzwerk von unabhängigen Service- und Materialanbietern zusammenzubringen, um im Einklang mit den klimatischen Bedingungen am jeweiligen Standort zu bauen. Mit dem ECB bietet Bayer MaterialScience Entscheidungsträgern in der Baubranche ein breites Portfolio an Dienstleistungen und Materiallösungen für nachhaltiges Bauen. Ziel des Netzwerkes ist das Finden maßgeschneiderter Lösungen zum Bau energieoptimierter und wirtschaftlicher kommerzieller und öffentlicher Gebäude – von Niedrigenergie-Häusern über Passivhäuser bis hin zu Null-Emissions-Gebäuden. Gemeinsam mit einem interdisziplinären Netzwerk an Mitgliedern unterstützt das EcoCommercial Building Program beispielsweise Architekten, Projektleiter, Bauunternehmer, Entwickler und Manager größerer Unternehmen bei der Realisierung öffentlicher und gewerblicher Gebäude, die bisherige Standards in Sachen Nachhaltigkeit deutlich übertreffen. Das Angebot reicht von Energieeffizienzberechnungen während der Planung über die Verwendung umweltverträglicher Materialien bis zur Erzeugung erneuerbarer Energie. Das erste Referenzgebäude, ein Nullemissionsgebäude, ist die im vergangenen Jahr eröffnete Betriebskindertagestätte in Monheim. Auf Basis der Nutzung regenerativer Energie und einer optimalen Dämmung unter Verwendung von Polyurethan-Rohstoffen von Bayer MaterialScience erzielt dieses Gebäude im Jahresverlauf eine emissionsneutrale Energiebilanz. Die klimaneutrale Tagesstätte wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie mit dem Preis für „Energieoptimiertes Bauen 2009“ ausgezeichnet. Ein weiteres Null-Emissionsgebäude, das für Verwaltungszwecke genutzt wird, wird gegenwärtig in Indien in der Nähe von New Delhi errichtet. Daneben eröffnete der Konzern im Mai 2009 ein neues Bürogebäude im belgischen Diegem, das nur halb so viel Energie verbraucht wie vergleichbaren Bauten. Es wurde mit dem Belgischen Preis für Architektur und Energie und wurde von der Europäischen Kommission als „Green Building“ zertifiziert. In der künftigen Nullemissionsstadt Masdar in Abu Dhabi, die Modellcharakter für energieeffizientes und wirtschaftliches Bauen in dieser Region haben soll, wird das Netzwerk des EcoCommercial Building Program ebenfalls seine Kompetenzen einbringen. Ferner wird die Ed. Züblin AG in einem gemeinsamen Pilotprojekt zum Bau schlüsselfertiger energieeffizienter Gewerbegebäude mit dem EcoCommercial Building Program und dessen Netzwerk-Mitglieder in den Bereichen integrierte Beratungsleistungen, Energie- und Materiallösungen zusammenarbeiten. www.bayermaterialscience.de > EcoCommercialBuilding Urban und natürlich Die Lutherschule Bremerhaven und ihre Cembrit-Faserzementfassade Eine traditionelle, ortstypische Bauform und zugleich ein zeitgenössisches Fassadenbild zeichnen die Sanierung und Erweiterung der Lutherschule in Bremerhaven aus. Der von der Planungsabteilung der Seestadt Immobilien Bremerhaven (Leiter: Udo Stössel) entworfene Bau wurde in der Weiterbearbeitung vom Büro JPS Architekten-Ingenieure, Bremerhaven, betreut. Er enthält im Erdgeschoss, das deutlich als Sockelzone markiert ist, eine Mensa mit Küche, Büros, einen „Konfliktraum“ und Sanitäranlagen. In den beiden Geschossen darüber liegen Klassen- und Fachräume. Dieser Bereich ist farblich deutlich vom Sockel abgesetzt, harmoniert jedoch mit ihm ebenso wie mit der Giebelzone unter dem Satteldach, in der Aula, Lehrer-Arbeitszimmer und ein weiterer Klassenraum untergebracht sind. Das Außenbild ist von der hinterlüfteten Faserzementfassade geprägt, die aus 850 Quadratmetern Cembrit-URBAN-NATURE-Tafeln besteht. Unter diesem Begriff bietet Cembrit 49 neue Farben, die von Stadt und Natur inspiriert sind und eine Synthese aus urbanem Lebensstil und Assoziationen an natürliche Lebensräume ausdrücken wollen. Die klaren und leuchtenden Farben und Oberflächen wurden von Experten für das Produkt und seine Herstellung sowie von Kreativen gemeinsam geplant. Anmutung und Farbabstimmung entwickelte das weltweit renommierte Büro Pentagon Design aus Helsinki. Aus dem Spektrum der 49 Farben wählten JPS Architekten in Bremerhaven die Produktreihe Cembrit Metro, deren Farben die Namen europäischer Metropolen tragen, und hieraus wiederum den Farbton „Athens“. Der Bau mit 2 422 Quadratmetern Nutzfläche wurde im Oktober 2011 fertiggestellt. Die Lutherschule hat jetzt nicht nur ein zeitgemäßes und ansehnliches Haus, sondern ist nach jahrelanger Aufteilung auf zwei Standorte nun wieder in einem Gebäudekomplex vereint. www.cembrit.de Harmonisches Ganzes Die Unternehmenszentrale von Thyssen Krup mit Fassadenelementen von Schüco Mit dem Neubau der Unternehmenszentrale am traditionellen Standort Essen markiert ThyssenKrupp den Beginn einer neuen Epoche für den Konzern. Auf einem 20 Hektar großen Areal werden 2 000 Arbeitsplätze entstehen; gleichzeitig soll die Anlage Treffpunkt für Menschen aus allen Nationen werden. Die einzelnen Gebäude gruppieren sich um eine großzügige Längsachse, die als zentrale Wasserfläche den Mittelpunkt bildet. Am Endpunkt ordneten die Büros Chaix & Morel et Associés aus Paris und JSWD Architekten aus Köln, die Gewinner des Architektenwettbewerbs von 2006, einen riesigen, in der Mitte transluzenten Würfel an. Dieser Kubus besteht strukturell aus zwei Winkelelementen, die sich zu einem optisch harmonischen Ganzen mit transparentem Herzen fügen. Er ist eine Allegorie der Partnerschaft von Thyssen und Krupp und deren gemeinsamer offener Firmenphilosophie. Auf der Außenfassade kamen etwa 7 700 Quadratmeter Elementfassade von Schüco mit Sonnenschutz-Lamellensystem in Edelstahl zum Einsatz, an der Atriumfassade rund 2 100 Quadratmeter PR-Fassade und 850 Quadratmeter Element-Doppelfassade von Schüco. Mit dem umfassenden Programm an Profilsystemen von Schüco lassen sich konzeptionell die unterschiedlichsten Fassaden und Lichtdächer konstruieren – in Aluminium oder Stahl. Die vielseitigen Möglichkeiten innerhalb der Systeme bieten große kreative Spielräume für Architekten und Planer. Auch Sonderlösungen auf der Basis von geprüften Systemen lassen sich realisieren. Im großflächigen vertikalen Fassadenbau und den Lichtdach-Konstruktionen erlaubt die hohe Eigenstatik des Materials Stahl schon bei vergleichsweise geringen Bautiefen groß gerasterte Fassadenelemente bei gleichbleibend schmalen Profilbreiten. www.schueco.de

„Sich dem ökonomischen Kalkül beugen“

Der Immobilienmanager Eckart John von Freyend über die Mentalität und die Kleiderordnung von Architekten – und über den Wert von Wettbewerben| Interview: Roland Stimpel Dr. Eckart John von Freyend, 68, ist einer der renommiertesten Vertreter der deutschen Immobilienbranche. Er war Vorstandsvorsitzender des Bonner IVG-Konzerns und ist heute unter anderem Ehrenpräsident des von ihm gegründeten Interessenverbandes „Zentraler Immobilienausschuss“, Präsident des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln und Vorsitzender des Gremiums Architektur im Kulturkreis der deutschen Wirtschaft, in dem rund 400 Unternehmen Mitglied sind. Was soll ein Architekt für Sie sein: kreativer Vorreiter oder Dienstleister? Ich finde es geradezu notwendig, dass der Architekt mit jeder Menge interessanter Ideen vorangeht. Aber er muss sich am Ende einem ökonomisch-rationalen Kalkül beugen, auch wenn ein Gutteil seiner Ideen nicht berücksichtigt wird. Gestaltung ist eine Qualität, aber sie kann nicht Vorrang haben. Dinge bauen, die wunderschön sind und sonst nichts – das kann man in einer Welt, in der Leute nicht für das Geld verantwortlich sind, das sie ausgeben. Erwarten Sie von Architekten mehr Sinn für Ökonomie? Unbedingt. Manche sehen sich in erster Linie als Künstler und nicht als Dienstleister im komplexen Immobilienumfeld. Aber Letztere spielen oft eine viel größere Rolle als Mitgestalter und Mitschöpfer wichtiger Gebäude. Manche sind sogar selbst erfolgreiche Projektentwickler geworden. Die Qualität des Architekten als Entwerfer ist für Sie zweitrangig? Nein, natürlich nicht! Aber mit Kreativität allein ist es nicht getan. Viele Architekten meinen doch, dass ökonomische Realität und Ästhetik nicht zusammen passen. Ich sehe diesen Gegensatz nicht. Wer als Immo­bilienunternehmer Erfolg haben will, muss einschätzen, wie ein Gebäude in zehn oder 15 Jahren bewertet wird – also auch, wie es dann angesehen wird. Also hat Gestaltung doch Priorität? Sie ist eine wichtige Komponente, neben vertretbaren Baukosten, Funktionalität, Umweltverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit im Betrieb. Auch die Gestaltung muss nachhaltig sein. Das bedeutet oft gerade das Gegenteil von aufwendig. Wer vorausschauend baut, muss sich vor vergänglichen Moden in Acht nehmen und eher zurückhaltende Formen wählen, die später auch anpassbar sind. Das Haus soll ja 50 und mehr Jahre mit Anstand dastehen. Das gebietet es, modischen Aperçus einer kurzlebigen Gegenwart mit Zurückhaltung zu begegnen. Führt das nicht zu einer uniformen grauen Masse an Gebäuden – alles sieht gleich zurückhaltend, gleich langweilig aus? Selbst bei hoher Rationalität und Betonung der Nachhaltigkeit müssen ja nicht alle Bauherren den gleichen Geschmack und Stil haben. Widersprechen sich ästhetische, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit? Im Gegenteil: Sie ergänzen sich in vielfältiger Weise. Wir haben die Verpflichtung gegenüber Gesellschaft und Umwelt, Betriebskosten niedrig zu halten und die Umwelt zu schonen. Da erwarte ich von Architekten Vorlagen, gerade weil sie sich als Vordenker für das Zusammenspiel von Form, Material und Technik verstehen. Wie sehr stören Sie die Vorgaben durch Städtebauer, etwa für Höhen, Baulinien und Fassadengestaltung? Allzu bürokratisch sollten die natürlich nicht sein. Aber einfache, klare und für alle gleiche Regeln sind auch für Immobilienfirmen von Vorteil. Zum Beispiel die, die Hans Stimmann in Berlin erlassen hat. Seine Traufhöhe stellt ein wichtiges Element der Kontinuität dar. Für Investoren bedeuten solche Regeln Klarheit und raschere Entscheidungen der Ämter, als wenn in jedem Einzelfall neu über Höhe und Ausnutzung entschieden werden muss. Das treibt übrigens auch die Bodenpreise, weil sich jeder für sein Grundstück mehr Geschossfläche erhofft. Haben für Sie alte Häuser einen Wert? In London, Paris und Budapest oder Madrid habe ich für die IVG über 100 Jahre alte Häuser einkaufen dürfen – mit großem Vergnügen. Dort hat man klassische Linien entwickelt, die in allen Epochen nie langweilig geworden sind. Welche Rolle spielt für Sie Baukultur? Baukultur ist ja viel mehr als ein ökonomischer Topos. Kultur ist über Generationen geprägte und weitergegebene Lebensform. Sie hat großen Einfluss auf das Wohlbefinden der Menschen und damit auch auf Vermietung und Verkauf von Immobilien. Aber sie steht trotzdem im Spannungsfeld zu Kosten und anderen Kriterien. Sie waren vor drei Jahren beim Gründungskonvent der Bundesstiftung Baukultur in Potsdam. Zugleich lief in Berlin ein großer Immobilienkongress. Zwischen beiden Veranstaltungen gab es fast keinen Austausch. Warum leben Architekten und Immobilienleute nebeneinander statt miteinander? Wir haben sicher alle die Neigung, uns in unserem jeweiligen Spezialgebiet einzumauern. Und wir müssen uns immer ermahnen, die jeweils andere oder angrenzende Seite zu sehen und mitzubedenken. Das muss aber auch gerade für Architekten gelten, denn ich wundere mich schon, warum sie sich so isolieren. Das fängt schon bei äußeren Merkmalen an. Damals auf dem von Ihnen zitierten Konvent fiel mir auf, dass 90 Prozent der Leute uniform gekleidet waren. Schwarze Hose, schwarzes Hemd, das gehört offenbar zum Selbstverständnis von Architekten. Mir kam es in Verbindung mit den Debattenbeiträgen eher wie Isolierung vor einer als feindlich und unverständig betrachteten Umwelt vor. Banker und Immobilienleute kleiden sich mindestens ebenso uniform. Zu Zahlenmenschen passt das ja auch, bei denen es im Beruf nicht so sehr um Individualität geht. Aber es ist doch ein merkwürdiger Widerspruch, wenn Architekten Anspruch auf Originalität, Eigenwilligkeit und Offenheit gegenüber Neuem erheben, sich aber andererseits so stark gruppenspezifisch vorstellen und sich demonstrativ von anderen abgrenzen. Sie haben in vielen Ländern Europas Häuser gebaut, gekauft und verkauft. Haben Sie Architekten überall so empfunden? Vor allem in London habe ich Architekten mit großer Of­fenheit und großem Dienstleistungsverständnis angetroffen. Dort schien mir Teamplay verbunden mit einem gewissen Sichzurücknehmen, ein Akzeptieren gegebener Zwänge ausgeprägter als bei uns. Das war durchaus mit Stolz und Selbstbewusstsein verbunden – aber gleichzeitig mit der Bereitschaft, anzuerkennen, dass die Qualität eines Hauses nicht nur aus seiner Architektur besteht, sondern aus der Optimierung der Teilbereiche. Übrigens sehen die Häuser dort nicht schlechter aus als bei uns. Von deutschen Architekten halten Sie weniger als von Briten und Niederländern? Deutsche Architekten sind so gut wie deutsche Ingenieure und Kaufleute. Aber manche haben doch gewisse Eigenheiten – am ausgeprägtesten diejenigen, die sich vor allem als Künstler verstehen und ein gewisses Maß an Autismus nicht verbergen wollen. Wenn Sie einen Architekten für ein bestimmtes Projekt gesucht haben: Haben Sie Wettbewerbe veranstaltet, in denen Sie den devotesten Dienstleister suchten? Devotheit sicher nicht. Bei der IVG haben wir viele Wettbewerbe veranstaltet. Ich nenne nur den für unsere Bonner Hauptverwaltung vor gut zehn Jahren. Der Wettbewerb war mit dem damaligen Stadtbaurat Sigurd Trommer abgesprochen, der großen Wert auf solche Verfahren legte. Es haben bedeutende Leute wie Ingenhoven und van den Valentyn teilgenommen, aber gewonnen hat am Ende das relativ junge Büro Steves & Borsum aus Köln, das einen sehr schönen und auch in der Umsetzung gut gelungenen Entwurf vorgelegt hat. Wettbewerbe kosten natürlich Zeit und Geld und sind erst mal lästig. Aber auf lange Sicht sind Wettbewerbe allemal gut für den Wert des Gebäudes. Im Bundesverband der deutschen Industrie gibt es einen Kulturkreis und darin einen Bereich Architektur, den Sie leiten. Suchen Sie dort die Dienstleister von morgen? Ich finde es immer wieder eindrucksvoll, wie junge Leute, die ja nicht zuerst auf Kosten achten müssen, unbekümmert eine Situation völlig neu interpretieren, wie sie Schneisen durch bestehende Agglomerationen schlagen oder eine Firma räumlich komplett reorganisieren. Das wird man nie eins zu eins umsetzen, aber es bringt immer eine Fülle neuer Gedanken, auf die man ohne diese Radikalität des jugendlichen Denkens nicht gekommen wäre. Warum veranstaltet ein Industrieverband so etwas? Dass eine graue Hütte reicht, in der die Menschen ans Fließband gefesselt sind – das ist doch eine Vorstellung von 1860. Heute werben doch Unternehmen auch mit ihrer Architektur um die besten Mitarbeiter und Kunden. Immer mehr Firmen wollen mit ihren Gebäuden auch in ihrer Außendarstellung attraktiv sein. Schon das Bild einer Firmenzentrale sagt viel darüber aus, was dahinter geschieht. Corporate Culture findet oft genug mit herausragenden Architekten interessante und zugleich kostenbewusste Ausdrucksformen. Sie sind auch Aufsichtsratschef des Berliner Unternehmens GSW, das 55 000 Wohnungen mit meist nicht sehr hoch verdienenden Mietern besitzt und nicht neu baut. Ist da Architektur überhaupt ein Thema? Auch im Bestand ist architektonische Kreativität gefragt, ob bei der energetischen Sanierung oder bei Substanzeingriffen, die aber erhebliche ästhetische Verbesserungen bewirken können. Manchmal reicht ja schon eine neue Eingangsgestaltung. Geht gute Architektur für eher ärmere Mieter? Ein guter Entwurf muss nicht teurer sein als ein schlechter, auch seine Ausführung nicht. Günstige Mietwohnungen ästhetisch zu verbessern, kostet nicht unbedingt mehr Geld. Es kostet vor allem mehr Nachdenken. Wenn Sie jetzt nach München auf die Immobilienmesse Expo Real gehen: Interessieren Sie da allein wirtschaftliche Erfolge oder gucken Sie auch nach guter Architektur? Ich schaue mir gerne die Modelle an, aber ich frage mich auch: Was kostet das? Dr. Eckart John von Freyend, 68, ist einer der renommiertesten Vertreter der deutschen Immobilienbranche. Er war Vorstandsvorsitzender des Bonner IVG-Konzerns und ist heute unter anderem Ehrenpräsident des von ihm gegründeten Interessenverbandes „Zentraler Immobilienausschuss“, Präsident des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln und Vorsitzender des Gremiums Architektur im Kulturkreis der deutschen Wirtschaft, in dem rund 400 Unternehmen Mitglied sind.

Fußgängerzonen

Der Beitrag war für mich als Mitautor der Prager Straße in Dresden besonders interessant. Bei der Planung der städtebaulichen Grundsatzkonzeption kamen uns die Erfahrungen mit der Fußgängerzone „Lijnbaan“ unserer Partnerstadt Rotterdam zugute. Der Umgang mit der Prager Straße in den 1990er-Jahren ist bekannt. In dem Leitbild von 1994 wurde festgelegt, den Mittelbereich als „Prager Platz“ neu zu gestalten. Der südliche und nördliche Teil sollten hoch verdichtet bebaut und die alte Straßenbreite von 18 Metern wieder hergestellt werden. 2009 wurde der nordwestliche Bereich in hoher Qualität fertiggestellt und 2010 mit dem Sächsischen Architekturpreis ausgezeichnet. Mit der Centrum-Galerie Prager Straße hat die Dresdner Innenstadt eine weitere Shoppingmall und einen touristischen Magneten erhalten. Der holländische Investor Multi Development hat aber die negativen Erfahrungen aus der Rotterdamer Lijnbaan nicht ausgewertet. Die Centrum-Galerie mit der 18 Meter breiten Straße und die städtebaulich zusätzlich eingeordneten Verbindungsgassen haben keinerlei Freizeitangebote wie Diskotheken, Bars und kulturelle Einrichtungen, die dazu anregen, das Stadtzentrum in den späten Abend- und Nachtstunden aufzusuchen. Die Stadt hat die große Chance, in den noch zu bebauenden Freiflächen an der nordöstlichen Seite der Prager Straße zwischen Ferdinand- und Georgplatz sowie der südwestlichen Seite zwischen Prager Straße und Reitbahnstraße Investoren zu gewinnen, die in solche Freizeitangebote investieren. Wird diese Chance nicht wahrgenommen, dann sagen sich auch in Zukunft die Füchse und Hasen aus der Bürgerwiese in der Prager Straße Gute Nacht. Hans Konrad, Architekt, Dresden Dieser Brief bezieht sich auf den Bericht zu Fußgängerzonen in Ausgabe 6/10 auf Seite 14

Kammerpräsident fordert Abriss des Biennale-Pavillons

Auch der NS-Klassizismus war, selbst in seiner Kolossalvariante, eben ein Klassizismus, dem letztlich das griechische Ideal zugrunde lag, dem wir – wie jeder weiß – die Grundlagen der modernen Demokratie verdanken. Sowohl geschichtlich gesehen, als auch ideologisch, widersprechen sich Demokratie und klassische bzw. klassizistische Architektur also nicht. Woran soll man nun die Grenzen der Zumutbarkeit eigentlich festmachen? Der Knackpunkt ist die metaphysische Dimension solcher Bauwerke. Wer sich aber darauf einlassen will, muss sich im Klaren sein, dass dann von der deutschen Baugeschichte, von der Baugeschichte überhaupt, außer der „Neuen Sachlichkeit“, nicht viel übrig bleiben wird. Mit der kategorischen (mitunter hysterische Züge annehmenden) Stigmatisierung bestimmter Bauwerke zur Herrschaftsarchitektur wird man dem Problem nicht beikommen. Maß einer Beurteilung kann in einer überwiegend säkularen und materialistischen Gesellschaft letztlich doch nur die künstlerische, funktionale Qualität eines Bauwerks sein, die man – auch in einer Demokratie – letztlich respektieren sollte. Die Frage der Nutzung ist eine andere. Mit ihr muss man sich sachlich auseinandersetzen. Vergleichsweise bescheidene Gebäude wie der Deutsche Pavillon, mit solchem Säulenportikus, gibt es einige, beispielsweise das Festspielhaus in Dresden-Hellerau (H. Tessenow 1911). Warum kommt aber niemand auf die Idee, dass sich dieser Bau nicht mit unserem demokratischen Staatsverständnis vertragen könnte, obgleich er doch im Krieg von den ­Nazis und nach dem Krieg von den Sowjets vereinnahmt wurde? Weil der Klassizismus ein zeitloses Ideal verkörpert, welches sich in den meisten europäischen Kulturen und Stilrichtungen wiederfindet und welches offenbar einem Bedürfnis in den Gesellschaften entspricht. Von daher sind die Abbruchsargumente nicht schlüssig. Vor allem dann nicht, wenn man auch berücksichtigt, was man mit dem angemahnten sogenannten demokratischen Bauen in den letzten Jahrzehnten angerichtet hat. ­Unzählige Baudenkmale und historische Stadtquartiere sind von Architekten bedenkenlos dem Zeitgeist geopfert worden, ein unermesslicher kultureller wie auch materieller Aderlass. Dass man ein solches Bauwerk auch für die zeitgenössische Kunst nutzen kann, zeigt besagtes Beispiel des Festspielhauses in Hellerau. Es beherbergt heute das „Europäische Zentrum der Künste Hellerau“. Übrigens ist die Wiederherstellung beziehungsweise Neugestaltung des Gebäudes Ergebnis eines Architektenwettbewerbs. Es kann sich sehen lassen (Ausführung 2006 durch Architekt J. Meier-Scupin). Genau genommen spricht also gar nichts dagegen, mit dem Pavillon in Venedig ebenso zu verfahren. Dass man das Gebäude in einen unseres Landes würdigen Zustand versetzen sollte, darüber wird es wohl kaum Differenzen geben. Hier muss man Herrn Schmid sicher beipflichten. Ulrich Kopp, Architekt, Heilbronn Dieser Brief bezieht sich auf den Bericht zum Abriss des Bienale-Pavillons in Ausgabe 7/10 auf Seite 6

Bauhaus.SOLAR-Kongress

Einen doppelten Brückenschlag plant der dritte internationale Kongress Bauhaus.SOLAR am 10. und 11. November in Erfurt: Er will zwischen Tradition und Moderne ebenso vermitteln wie zwischen Design und Technik. Nach den Worten der Veranstalter will er „das Bauhaus mit der innovativen Solartechnik verbinden“. Zu den Höhepunkten zählt die Verleihung des Bauhaus.Solar-Preises. Neben dem Kongress läuft eine Ausstellung, auf der vor allem Thüringen seine Spitzenstellung zeigen will: Weltweit jede zehnte Solarzelle wird nach Angaben der Kongressveranstalter hier produziert.