Flexibel bleiben

Wie Wohnprojekte für Flüchtlinge auch andere Gruppen integrieren können, lesen hier. Außerdem im Fokus der Architekten: Umnutzung. Text: Frank Maier-Solgk Die Flüchtlings-Ausnahmesituation in den Jahren 2015 und 2016 hat oft zu schnellen und preiswerten Unterbringungslösungen geführt – das war gewünscht und notwendig. Selten entstanden daraus jedoch dauerhafte, integrativ konzipierte, geschweige denn architektonisch interessante Wohngebäude. Nach den Turnhallen und Gemeinschaftsunterkünften kamen die Container-Behausungen, neuerdings die Bauten in Modulbauweise. Erst allmählich bilden sich neue durchdachtere Entwicklungen heraus, die die Erfahrungen aus den letzten Jahren berücksichtigen. Hier lohnt es sich, einige Einzelfälle unter die Lupe zu nehmen. Wohnen über dem Parkplatz Ein durchaus originelles Pilotprojekt der Landeshauptstadt München entstand im Rahmen des Programms „Wohnen für Alle“ und wurde im Dezember 2016 fertig gestellt. Über einem 4.200 Quadratmeter großen Parkplatz wurden 100 neue Wohnungen in einem viergeschossigen Wohnriegel in Holzsystembauweise (Gewofag Wohnungsbaugesellschaft, Architekt: Florian Nagler) errichtet, der auf einer Konstruktion aus Stahlbetonstützen und Unterzügen aufsitzt. Der Zugang zu den 86 Einzimmerwohnungen und 14 Wohnungen mit 2,5 Zimmern erfolgt über Laubengänge, die sich gelegentlich zu geräumigeren Bereichen weiten. Gemeinschaftsräume und eine Dachterrasse mit Spielbereiche sowie Flächen für den Anbau von Gemüse und Kräutern bieten weitere Möglichkeiten der Gemeinschaftsbildung. Die Bauzeit betrug insgesamt sieben Monate. Das für die Belegung zuständige Amt für Wohnen und Migration achtet auf eine ausgewogene Vergabe der Wohnungen in Bezug sowohl auf Altersklassen als auch, was die Zahl an Migranten betrifft. 51 Prozent der Wohnungen werden an anerkannte Flüchtlinge und andere Wohnungslose mit Registrierbescheid vergeben. Die Nettokaltmiete beträgt 9,40 Euro. Die Nutzer sind in diesem Fall also vergleichsweise heterogen und baulich entpuppt sich der neue Wohnblock mit seiner abgerundeten Schmalseite sogar als eine Bereicherung der städtebaulichen Situation. Wie sich jedoch die Wohnsituation vor Ort entwickeln wird, ist damit freilich noch lange nicht entschieden. Unterkunft für Geflüchtete, Bunsenstraße Kassel | foundation 5+, Baufrösche, HHS, Clemens Kober, Reichel Architekten und Spöth Architekten, Foto: Constantin Mayer-Köln. Erst Flüchtlinge, dann Studenten Ein anderes interessantes Beispiel steht in Kassel und sieht ein klein wenig nach einer Siedlung der 1950er-Jahre aus. Das Projekt besteht aus drei dreigeschossigen Baukörpern aus verputztem Porenbeton – einem Eingangsbau sowie zwei Gebäuden, die durch ein außenliegendes Treppen- und Spielhaus zu einer Hofanlage verbunden sind. Das Ensemble bietet Platz für aktuell 180 Flüchtlinge, die in 36 für jeweils zwei bis acht Personen ausgelegten Wohnungen leben. Von vorneherein wurde eine spätere Nutzung für Sozialwohnungen oder Studentenapartments vorgesehen. Es handelt sich also eher um klassischen Wohnungsbau, der besonders flexibel konzipiert wurde. Die Umsetzung erfolgte auch in diesem Fall in nur sieben Monaten und wurde durch die enge Zusammenarbeit der sechs beteiligten Kasseler Planungsbüros, der städtischen Wohnungsbaugesellschaft (GWG) und der Baubehörde möglich. Teil des Projekts, das inzwischen durch die Landesinitiative Baukultur Hessen ausgezeichnet wurde, sind Räume für Sprachunterricht, ein Waschsalon mit angeschlossener Teeküche und eine Werkstatt. Wenn die Häuser nicht mehr zur Unterbringung für Flüchtlinge benötigt werden, sollen darin, wie es heißt, bezahlbare Apartments (mit Größen von 26 bis 76 Quadratmetern) entstehen. Gesamtlage noch immer angespannt Die beiden Beispiele finden sich auch in der Datenbank zu neueren Flüchtlings-Wohnprojekten www.makingheimat.de, die das Deutsche Architektur Museum (DAM) als Teil seines Biennale-Konzepts von 2016 aufgebaut hatte. Die entsprechende Ausstellung wurde erweitert und ist nun in Frankfurt zu sehen, begleitet von Fachsymposien rund um die Themen Migration und Integration. Die kontinuierlich aktualisierte Datenbank, eine Listung von Wohnprojekten unterschiedlicher Größe, mit unterschiedlichen Belegungsverhältnissen, unterschiedlicher Bauweise und mit den jeweiligen Kostenangaben, vermag sicherlich weiterhin Kommunen Entscheidungshilfen zu geben. Das Thema hat an Aktualität schließlich nichts verloren, auch wenn die Flüchtlingszahlen im Jahr 2016 von zuvor 900.000 auf 280.000 zurückgegangen sind. Nach wie vor nämlich leben laut DAM rund 300.000 Migranten in Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften. Alleine in Nordrhein-Westfalen werden nach Angaben der NRW.BANK 120.000 Wohnungen für Flüchtlingshaushalte benötigt. Trotz ihrer Aktualität mutet das Programm der Ausstellung in Frankfurt heute zum Teil überholt an. Die Thesen des kanadischen Autors Doug Saunders („Arrival City“), die für die Konzeption ursprünglich maßgebend waren, reflektieren eine stark positiv gekennzeichnete Ankunftssituation von Flüchtlingen. Eine aktualisierte Analyse der vielfältigen urbanen und gesellschaftlichen Bedingungen für zukünftige Integration müsste vermutlich aber die Verschärfung der Wohnsituation und nicht zuletzt auch die psychologischen Abwehrmechanismen innerhalb der Gesellschaft berücksichtigen. Vielleicht ist es für ein systematisches Resümee aber auch noch zu früh und vielleicht kann ein Ausstellungshaus wie das DAM dies auch nicht alleine leisten. Es gebe, so die Kuratorin der Frankfurter Ausstellung Anna Scheuermann, nicht die einzelne konkrete Lösung, die sich überall aufdränge; meist sei der Ort ausschlaggebend. Ein Fazit sei der Wunsch nach größerer Flexibilität und nach geringeren Bauauflagen hinsichtlich Barrierefreiheit oder Wärmedämmung; und schließlich würde die große Zahl an Holzmodulbauten diesen aktuellen Trend bestätigen. An sich aber wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, die Integrationsperspektiven, die sich aus den bisher realisierten Flüchtlingsunterkünften und Wohnprojekten hinsichtlich Standort, Größe, Bauweise, Nutzergruppen oder Umfeldverträglichkeit ergeben, zu analysieren und entsprechende Empfehlungen auszusprechen. Foto: Constantin Mayer-Köln. Monostrukturen überdenken Wohin die Entwicklung geht, ist aber bei genauerer Durchsicht im Prinzip schon jetzt erkennbar: die Stichworte sind Ausweitung der Nutzergruppen und Standortanalyse. So hat die ehemalige Erstaufnahmeeinrichtung im rheinland-pfälzischen Lautzenhausen ihre neuen Mieter inzwischen gefunden. Hier wurde in den Monaten des größten Andrangs Mitte Oktober 2015 ein vorgefertigter dreistöckiger Holzbau in nur drei Monaten Bauzeit und vier Wochen Planung errichtet. Das Gebäude (33m lang, 15m breit, 9m hoch) wurde aus vorgefertigten Elementen in Holztafelbauweise (Raster Module 3x6m) errichtet, im Innen- und Außenbereich wurden heimische Hölzer eingesetzt. 200 Flüchtlinge fanden darin Unterkunft. Nach deren Auszug wurde der Bau Ende 2016 nun für eine neue Nutzergruppe umgerüstet. Ab sofort stehen die 126 Wohnungen nun den Studierenden der Hochschule der Polizei Rheinland-Pfalz zur Verfügung. In Berlin setzt man auf so genannte Modulare Unterkünfte für Flüchtlinge (MUFs). Rund 3.320 Wohnraumplätze werden in der Stadt derzeit durch die Wohnungsbaugesellschaften errichtet; 1603 Mietverträge mit Flüchtlingen wurden inzwischen abgeschlossen; alles noch vergleichsweise wenig im Vergleich zum Bedarf. Nach Berechnungen der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) suchen noch rund 40.000 Flüchtlinge eine Wohnung. Erst in letzter Zeit zeichnen sich grundsätzliche Veränderungen an den vielfach kritisierten MUFs ab. So soll das jüngste, noch in Planung befindliche Projekt der WBM, ein zunächst für 500 Flüchtlinge ausgelegtes Projekt an der Quedlinburger Straße in Berlin-Charlottenburg nun im Hinblick auf seine Nutzung überdacht werden. Der Modulcharakter bleibt erhalten, bezieht sich jedoch (nur) auf zwei alternative Grundrisse und vorgefertigte Badzellen. Die Frage der Akzeptanz durch die Bevölkerung in der unmittelbaren Umgebung sowie die Nähe zur Universität, legen laut Steffi Pianka von der WBM ein Überdenken im Hinblick auf eine nachhaltigere Nutzung nahe. Nach Angaben des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten soll das Projekt nun „das erste Objekt werden, das eine Kombination aus einer Gemeinschaftsunterkunft und einem gemeinschaftlichem Wohnzentrum beinhaltet“. Frank Maier-Solgk ist Publizist zu Architektur- und Kulturthemen in Düsseldorf.

Städtisch und sozial

Auch so kann städtischer Wohnungsbau aussehen: Die Siedlung Grüner Weg in Köln Für bezahlbaren Wohnraum sind nicht zuletzt die kommunalen Gesellschaften zuständig. Aber wie arbeiten die eigentlich und wie sehen die Ergebnisse in Berlin, Köln und München aus? Text: Heiko Haberle In den Architekturmedien sind kommunale Wohnungsbauten kaum präsent. Wenn doch, stehen sie in Wien und neuerdings auch oft in Paris, manchmal noch in München und Frankfurt am Main. Trieb die Wohnungsfrage einst die berühmtesten Baumeister um, ist großmaßstäblicher Wohnungsbau heute bei vielen Architekten, besonders bei sehr namhaften Büros, grundsätzlich kein Thema. Auch für die sechs Berliner Wohnungsbau-Gesellschaften war dies bis vor wenigen Jahren so. Doch nun arbeiten sie jeweils an etwa einem Dutzend Neubauten. Hinzu kommt der Ankauf privater Projektentwicklungen oder bezugsfertiger Wohnungen. Nach dem neuen Koalitionsvertrag müssen 50 statt bisher 30 Prozent der selbst errichteten Wohnungen den Förderrichtlinien entsprechen. Diese werden dann für durchschnittlich 6,50 Euro kalt pro Quadratmeter vermietet. Weil die Förderung umgerechnet etwa 1,50 Euro beträgt, muss sich die Wohnung bei acht Euro pro Quadratmeter rechnen. Berlin: Bauen neu lernen Es galt zunächst, wieder eigene Bauabteilungen aufzubauen und Strategien zu formulieren: Gefragt sind kompakte Bau­körper mit kompakten Grundrissen. Übereinander sollen gleiche Wohnungen liegen und die Räume möglichst nutzungsneutral sein. Gut ist die Wiederholbarkeit von Bauteilen und Planungsabläufen und die Vereinheitlichung von Maßen, etwa für Balkone. Schlecht sind Versprünge in der Konstruktion oder an den Fassaden und sowieso alles, was hohe Instandhaltungskosten bedeutet. Keller sind teuer, weshalb Abstellräume auf den Etagen oder auf dem Dach liegen sollen. Hinzu kommen Standards für Böden (meistens Laminat, meistens Fußbodenheizung), Sanitärobjekte, Fliesen und die Haustechnik. Das Wärmedämm-Verbundsystem (WDVS) ist übrigens kein Standard, sondern nur eine Alternative und dann auch ohne Polystyrol. Stattdessen soll monolithisch gebaut werden, also etwa mit Porenbeton-Steinen ohne zusätzliche Dämmung. Die Wirtschaftlichkeit eines Projekts wird an diversen Parametern abgelesen, etwa dem Verhältnis von Nutzfläche zu Bruttogrundfläche (bei der degewo idealerweise 66 bis 76 Prozent) oder dem Verhältnis der addierten Türen- und Fensterflächen an der Fassade zur Nutzfläche (zwölf bis 15 Prozent). Die Baukosten pro Quadratmeter liegen bei den landeseigenen Gesellschaften im Schnitt bei 1.730 Euro (KG 300–500), die scheinbar besonders rationell arbeitende degewo erreicht sogar 1.650 Euro (KG 200–500).

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Berlin: Die Treskow-Höfe im Stadtteil Karlshorst sind eine eher klassische und ruhige Wohnanlage, die aber dank ihrer Durchwegung und der offenen Erdgeschosszonen weniger abweisend wirkt, als so manches Investorenprojekt. Die HOWOGE erhielt dafür den Bauherrenpreis 2016.

Diese handfesten Kriterien finden sich in einem sehr gut gemachten Handbuch der Berliner Gesellschaften, das auch andere bedeutsame Themen enthält: Demografie, neue Wohnformen, Vorfertigung, Holzbau und BIM. Nur ein Abschnitt über Architektur als Gestaltung fehlt. Stattdessen wird erläutert, dass großflächige Neuplanungen anstatt kleinteiliger Nachverdichtungen wünschenswert seien. Letztere erforderten nämlich eine „individualisierte Architektur“ und Bürgerbeteiligung, sodass die Baukosten „im Gegensatz zu den vereinbarten Zielen des ,bezahlbaren Wohnens‘“ stünden. Da wundert es nicht, dass auf den Websites der sechs Gesellschaften und bei den ersten fertigen Ergebnissen neben einigen gelungenen Beispielen leider auch architektonischer Durchschnitt dabei ist: mit gestaltlosen Fassaden (meistens doch mit WDVS), mit kleinen Fenstern und Raumaufteilungen wie damals. „In Bezug auf die Grundrisse höre ich Argumente wie vor 30 Jahren, die aber heutiger Lebens­realität widersprechen: dass eine Küche ­eine Tür haben müssen oder das Kinderzimmer nicht größer als das Elternschlafzimmer sein dürfe“, sagt der Architekt Ulrich Schop. Sein Büro roedig.schop architekten ist gleich für drei Berliner Gesellschaften tätig und hat bereits viele Wohnhäuser für kostenbewusste Baugruppen geplant. Als Argument werde von den Kaufleuten aus der Vermietungsabteilung stets der Mieterwunsch nach klassischen Grundrissen angeführt: „Aber die Frage ist doch, was zuerst da war: die einseitige Nachfrage oder ein wenig differenziertes Angebot.“ Ob bei einem Projekt mehr oder weniger Offenheit für Neues da sei, habe schlussendlich immer mit den konkret beteiligten Personen zu tun, findet Schop. Immerhin offene Küchen konnte die Architektin Anika Wolff, Inhaberin des Berliner Büros Ligne Architekten, gegenüber der HOWOGE bei deren „Treskow-Höfen“ im Stadtteil Karlshorst durchsetzen. Der Komplex, an dem auch Cramer Neumann Architekten einige Bauteile planten, besteht aus 414 Wohnungen, einer Kita und zwei Senioren-WGs und ist das erste große ­Berliner Neubauprojekt. Dafür wurden zwei leer stehende Studentenwohnheime abgerissen und ein drittes in den Komplex integriert. Als das Projekt 2012 anlief, war die Wohnungsbauförderung noch nicht offiziell wieder aufgelegt, weshalb die ­HOWOGE am Objekt eigene Kriterien entwickeln musste. Auch ohne Förderungen liegen die Mieten zwischen sieben und elf Euro kalt, also nur wenig über dem geförderten Mietniveau von 6,50 Euro und dem frei finanzierten Mietniveau von durchschnittlich zehn Euro pro Quadratmeter bei der ­HOWOGE. Das gelang nur mit strengen Richtlinien, etwa zu Raumgrößen und -bezügen, Balkontiefen und Ausstattungen. „Die meisten Vorgaben sind eine sinnvolle Orientierung, müssen aber vielleicht nicht bis auf den letzten ­halben Quadratmeter erfüllt werden“, findet Wolff rückblickend und stellt fest, dass der Bauherr bei neueren Projekten mit Grundrissvorgaben lockerer umgehe. Das erstaunt fast, da ja nun die teils deutlich strengeren Förderkriterien vorliegen. Diese setzt die HOWOGE mit einem eigenen „Wohnungsbewertungssystem“ um, was den Vorteil hat, dass nicht alle Räume alle Anforderungen erfüllen müssen, solange die Wohnung und das Gesamtprojekt insgesamt wirtschaftlich bleiben. Das detaillierte System, das mit Punktevergabe und Ampelkennzeichnungen arbeitet, führt aber auch zu grotesken Annahmen möglicher Möblierungskonflikte: „Aufgrund der Überschneidung der Bewegungsfläche der Schrankmodule im Schlafzimmer mit dem Beistelltisch wird in diesem Zimmer nur ein Punkt erreicht.“ Die „Treskow-Höfe“ sind nicht das Resultat eines Planungswettbewerbs, sondern eines Generalübernehmer-Verfahrens, bei dem sich Bauunternehmen im Team mit Architekten bewarben. Die HOWOGE wendet ansonsten aber auch andere Vergabearten an. Einfacher macht es sich die degewo: Um sich immer neue Verfahren zu sparen, hat man mit sieben Büros Rahmenverträge für Planungsleistungen abgeschlossen – ein erst seit Kurzem nach EU-Recht existierendes Modell. In der Reihenfolge ihrer Platzierung beim Auswahlverfahren werden nun den Büros die Aufträge angeboten. Die degewo muss also nicht jedes Mal neue Partner „einarbeiten“, ob dabei aber architektonische Vielfalt entsteht, bleibt abzuwarten. Köln: Stadt an der Peripherie wagen Mangelnde Vielfalt kann man dem funktional durchmischten Quartier „Grüner Weg“ der Kölner GAG im etwas ruppigen Stadtteil Ehrenfeld nicht vorwerfen. Auf dem Gelände einer Fabrik für Destillationsgeräte wurden 15 Punkthäuser oder kurze Zeilen, die keine Vorder- oder Rückseiten kennen, locker verstreut. Darin befinden sich 86 Gewerbeeinheiten, eine Kita, eine Demenz-WG, das neue Domizil des „Kölner Künstler Theaters“ sowie 240 Wohnungen, davon 56 geförderte. Das mutige und sehr urbane städtebauliche Konzept stammt vom Büro ASTOC, ebenso ein Drittel der Entwürfe; der Rest von Molestina Architekten und dem Büro Lorber Paul.

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Köln: Am Grünen Weg im Stadtteil Ehrenfeld errichtete die GAG 240 Wohnungen, davon 56 geförderte, eine Kita, eine Demenz-WG und 86 Gewerbeeinheiten.

Die Entwürfe beherzigen weitgehend die im Berliner Zusammenhang genannten Kriterien. Zusätzlich gilt bei der GAG eine WDVS-Fassade, bestenfalls mit Klinkerriemchen verblendet, als gesetzt. Geförderte und frei finanzierte Wohnungen unterscheiden sich weder in ihrer Bauweise noch bei Haustechnik, Fenstern oder Fassaden. Nur die Ausstattung oder die Anzahl der Bäder variiert. Es gibt, wie generell im sozialen Wohnungsbau, keine Quersubventionierungen. Jede Wohnform muss sich selbst rechnen. Daher ist der Unterschied bei den Baukosten pro Quadratmeter eher gering: für die geförderten Wohnungen 1.700 Euro (KG 300–600), für die frei finanzierten 1.790 Euro. Die Kaltmieten reichen von 5,10 bis 11,50 Euro pro Quadratmeter. Entsprechend wenig unterschied sich auch die Planung für die zwei Bereiche, berichtet Annette Paul vom Büro Lorber Paul und ergänzt: „Einschränkungen gibt es bei allen Planungsaufgaben. Man kann sich auch im sozialen Wohnungsbau kreative Räume suchen.“ Am Grünen Weg waren das etwa die Farbgebung, die Texturen und die unterschiedlichen Balkone, die teilweise Kabinen gleichen. Obwohl auch hier offene Küchen im geförderten Segment machbar waren, wünscht sich Paul, dass sich zudem offene Flure und fließende Räume leichter realisieren ließen und die Grundrisse nutzungsneutraler wären. Dass sich die Wohnungen im frei finanzierten Bereich, mit ihren teilweise hervorragenden und außergewöhnlichen Grundrissen (darunter sind auch Maisonettes mit Büro unten und Wohnung oben) so gut vermarkten ließen, sollte bei der GAG und beim Fördergeber jedenfalls nicht unbeachtet bleiben. Leider wurden alle geförderten Wohnungen in dem der Straße am nächsten gelegenen Bauabschnitt untergebracht: einerseits, weil die GAG die Finanzierungsarten nicht innerhalb eines Gebäudes mischt; andererseits, weil nur die dortigen niedrigen Häuser förderfähig waren: Zur Planungszeit galt eine Obergrenze von maximal vier Etagen plus Staffelgeschoss; heute wären sieben Geschosse machbar. München: Neue Erfahrungen sammeln In München hingegen werden frei finanzierte Wohnungen mit den von Stadt oder Land geförderten gemischt, wobei die geförderten Wohnungen bis zu 80 Prozent eines Projekts ausmachen können. Die Zusammensetzung der an verschiedene Zielgruppen gerichteten Fördermodelle wird projektspezifisch durch die Stadt vorgegeben. Je nach Förderart liegen die Kaltmieten zwischen 5,25 und 10,50 Euro pro Quadratmeter. Die Mietpreise beginnen also noch unter dem Berliner Niveau, aber das Bauen ist in München teurer: 1.900 Euro (KG 300–400) pro Quadratmeter bei der GEWOFAG und 1.850 Euro (KG 300–400) bei der GWG. Aber dafür entsteht vorzeigbare Architektur. So wirbt etwa die GEWOFAG auf ihrer Website offensiv mit der Ästhetik ihrer Bauten. Dieser Sinn für gestalterische Qualität ist sicher auch ein Resultat vieler Wettbewerbe. Von ihnen sei man aber etwas abgekommen, weil man schöne Siegerentwürfe zu oft abspecken musste, wie Dr. Klaus-Michael Dengler, Sprecher der Geschäftsführung, erklärt. Stattdessen führe man mehr Konzeptstudien im Rahmen von VOB-Verfahren durch. Auch mit Generalunternehmern arbeite man nun zusammen, wie am Dantebad, wo mit nur einem Jahr Planungs- und Bauzeit ein weiterhin nutzbarer Parkplatz mit 100 Wohnungen in Holz-Hybridbauweise überbaut wurde (mehr zu diesem Projekt hier).

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München: Die GEWOFAG errichtete nach Entwürfen des Berliner Büros léonwohlhage 272 Wohnungen, die meisten gefördert.

Die monolithische Bauweise, die sich aber nur bis zu einer bestimmten Geschosszahl eignet, ist bei GWG und GEWOFAG Standard. Es wird also gemauert, denn serielles Bauen sei noch nicht prinzipiell günstiger, sagt Dengler, was sich aber bald ändern könne. Noch mehr Ideen aus der Bauindustrie wünscht sich Gerda Peter, Geschäftsführerin der GWG und selbst Architektin. Vor allem aber wünscht sie sich ein Hinterfragen von Standards. „Wir wollen und müssen die Förderrichtlinien beachten, dabei möglichst transparent arbeiten, und wir haben wenig Spielraum bei der Auftragsvergabe. Dazu kommen diverse bauliche Richtlinien und Normen: energetische Standards, der Stellplatznachweis oder der Schallschutz, bei dem wir unsere Mieter teilweise regelrecht entmündigen. Wir müssen fragen, was wir wirklich für bezahlbaren und qualitätvollen Wohnraum brauchen.“ Entsprechend errichtet die GWG derzeit für geplante 1.450 Euro (KG 300-400) pro Quadratmeter ein „Minimalprojekt“ ohne Tiefgarage, mit nur einem Schacht pro Wohnung, nur einem Fenster­format und in Teilen ohne Aufzug. Die Elektroinstallation liegt auf der Wand in einer Medienleiste und auf eine individuelle Abrechnung der Heizkosten wird verzichtet. München: An der Isoldenstraße ­planten 03 Archi­tekten für die ­GEWOFAG 69 Wohnungen, davon 63 geförderte. Das Haus strahlt nach außen und innen Großzügigkeit aus, nicht ­zuletzt wegen der hohen Eingangsbereiche und klug ­organisierter Grund­risse. Für solche Experimente haben die routinierten Münchener Gesellschaften neben dem Tagesgeschäft noch Kapazitäten. Aber auch in Berlin ist man langsam aus der Lernphase heraus, in der die Zahlen dominierten. Inzwischen ist Vielversprechendes in der Pipeline: aus Holz, aus Modulen und sogar eine Fassade aus Streckmetall. Auch mehrere Architekten aus dem Baugruppensegment sowie schweizerische und österreichische Büros, die für interessanten Wohnungsbau stehen, haben Aufträge erhalten. Dazu passt, was Gerda Peter von der GWG feststellt: „Architekten interessieren sich wieder für den Wohnungsbau und schrecken auch nicht mehr davor zurück, sich auf die Förderrichtlinien einzulassen und damit zu arbeiten.“ Mehr Informationen und Artikel zum Thema „bezahlbar“ finden Sie in unserem DABthema bezahlbar.

Schrift am Bau

Ein Buch zeigt, wie Beschriftungen Teil der Architektur werden, statt nur Ergänzung zu sein. Und eine Web-TV-Serie ist in sieben Städten auf Expedition, um besondere Schriftzüge und Schilder im Straßenbild zu finden. Text: Heiko Haberle Architektur und Schrift sollten im besten Fall eine Synthese eingehen und die gleiche Sprache sprechen, so die These der beiden Autoren von „Archigrafie“, einer Grafikerin und eines Architekten. Dass beispielsweise zu Zeiten der Neuen Sachlichkeit Schrift und Bauwerk eins waren, zeigt ein historischer Überblick, der vom Bauhaus Dessau über das Dortmunder U bis zu den berühmten BEST-Supermärkten in den USA und zu Werner Düttmanns nicht mehr existierendem Kudamm-Eck mit seiner Medienwand führt. Nach einer Einführung in die Signaletik folgen zahlreiche aktuelle Beispiele, von denen die meisten aus der Schweiz stammen. Gezeigt werden Konzepte weit jenseits klassischer Schilder oder Leuchtreklamen. Da wird die Schrift zum skulpturalen Zeichen oder zum Fassadenornament oder läuft wie am Kunstmuseum Basel wie von Geisterhand über die Ziegelfassade: In den Fugen befinden sich LEDs, die die Fugen ausleuchten oder dunkel lassen. Auch mit verschiedenen Ebenen, mit Materialgegensätzen oder unterschiedlicher Bearbeitung des gleichen Materials werden spannende Effekte erzielt: durch Polieren, Gravieren, Stanzen, Ätzen oder Meißeln. Im Anhang werden diverse weitere Techniken erklärt, sodass „Archigrafie“ nicht nur eine bildstarke Inspirationsquelle, sondern auch ein handfester Ratgeber ist. Agnès Laube & Michael Widrig: Archigrafie – Schrift am Bau Birkhäuser, Basel 2016, 168 Seiten, 49,95 Euro, ISBN: 978-3-0356-0567-9

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Blättern Sie durch das Buch!

Einen etwas popkulturelleren Ansatz verfolgt die Web-Serie „Typo-Safari“ von Arte. In den Kurzfilmen zeigen uns in sieben Städten (Paris, London, Berlin, Amsterdam, Barcelona, Marseille, Montreal) renommierte Schrift-Experten ihre liebsten Ladenschilder, Hausnummern oder Graffitis. Egal ob das Londoner Pub, der Schreibwarenladen in Barcelona oder die öffentliche Sporthalle in Paris – sie alle fallen durch individuelle aber auch ortstypische Beschriftungen auf. Marseille ist bisher von einer Graffiti-Säuberungswelle verschont geblieben und in Montreal zeugen verblassende „Ghost Signs“ von der industriellen Vergangenheit. Durch die Berlin-Folge, die sich ein bisschen zu sehr auf den öffentlichen Nahverkehr konzentriert, führt der wohl bekannteste deutsche Typograf Erik Spiekermann. Der größte Aufreger für ihn: Die Bundesregierung benutzt „Arial“, um ihre Ministerien zu beschildern. Hier können Sie alle Folgen sehen.

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Was der Hollywood-Schriftzug für Los Angeles, ist „Farine Five Roses“ für Montreal. Als in den 1970ern Französisch als Hauptsprache durchgesetzt wurde, musste der englische Teil entfernt werden.

Leserbrief zur Multihalle

Ich habe mit Freude über die Multihalle in Mannheim gelesen, da mich dieses ungewöhnliche Bauwerk seit meiner Studienzeit in den 1990ern begleitet und immer wieder aufs Neue fasziniert, wie man mit einer so „einfachen“ Konstruktion mit so wenig Material eine so große Fläche stützenfrei überdachen kann. Vor etwa 20 Jahren habe ich bei einer Exkursion mit der Architektenkammer Niedersachsen die Multihalle besichtigt. Sie war damals in einem guten baulichen Zustand. Nun habe ich das Bauwerk über die Feiertage wieder besichtigt und war über den Zustand mehr als erschüttert. Die Konstruktion ist in einem bedauernswerten Zustand. Ich verstehe nicht, wie man als Eigentümer ein solches architektonisches Juwel, das einmal als das „Wunder von Mannheim“ bezeichnet wurde, so verkommen lassen kann. Nach meiner Einschätzung müsste neben der konstruktiven, baulichen Sanierung ebenso eine gärtnerische erfolgen, da einige Bäume zu dicht an der Halle stehen. Bei einem Baum konnte ich sehen, dass sich ein großer Ast auf der Halle abgestützt hat. Dies wäre für mich als Eigentümer ein unhaltbarer Zustand. Daher schlage ich vor, dass zuerst das Grünflächenamt der Stadt Mannheim hier tätig wird. Als weitere Maßnahme möchte ich jeden meiner Architektenkollegen auffordern, mindestens zehn Euro für den Erhalt der Multihalle zu spenden. Dies wäre in meinen Augen eine Würdigung des Lebenswerkes unseres Vordenkers Frei Otto. Außerdem möchte ich zu einer Kooperation zwischen den Disziplinen Tragwerksplanung, Architektur und Landschaftsarchitektur aufrufen, da der Grundgedanke des Entwurfes der Einfügung in die Landschaft, die ebenfalls leicht hügelig modelliert wurde, nicht mehr erkennbar ist. Martin Wais, Architekt, Hanstedt Anmerkung der Redaktion: Inzwischen engagiert sich ein Förderverein für den Erhalt der Multihalle.

Mobile Helfer

Ist das Fenster gerade eingebaut? Ist das wirklich der richtige Farbton? Wie schalldämmend ist ein Glas und wieviel Honorar steht mir zu? Wir stellen 11 kostenlose Apps vor, die die Arbeit auf der Baustelle oder im Büro erleichtern – und eine für Nostalgiker. 1. Kontrolle Wer keinen Werkzeugkasten dabei hat, aber zweifelt, ob die Wand gerade ist, nutzt die App Handy Tools for DIY (auch als Intelligente Werkzeuge for DIY zu finden). In realistischer Optik stehen hier ein Lineal, eine Wasserwaage, Neigungs- und Winkelmesser sowie ein Senklot zur Verfügung. Obwohl die Funktionsvielfalt und die Darstellung besonders überzeugen, kann in der kostenlosen Version die aufpoppende Werbung stören. Dann bieten alternative Apps ähnliche Funktionen. kostenlos / für iOS und Android   2. Aufmaß Anstatt Aufmaßskizzen in Grundriss und Ansicht zu zeichnen, können mit der App My Measures Maße auch direkt in ein Handyfoto gezeichnet werden. Neben Maßpfeilen können das auch Winkel sein. Für herangezoomte Details ist eine Bild-im-Bild-Funktion praktisch. Messen muss man freilich noch selber. Das ist auch besser so, denn eine getestete App, die anhand eines ausgedruckten Referenzsymbols die Maße von Objekten hochrechnet, konnte nicht überzeugen. kostenlos / für iOS und Android 3. Farbtöne Farbfächer vergessen? Die Android-App RAL Color zeigt alle RAL-Farben und nennt die entsprechenden RGB Werte sowie deutsche und englische Farbnamen. Für Pantone-Farben gibt es das Pantone Color Book. kostenlos / für iOS ähnliche Apps verfügbar         4. Wandfarben Zur Abwechslung mal ein rotes Büro? Das sollte man lieber erstmal simulieren. Mit dem Paint Tester können auf dem Handyfoto Wandflächen automatisch erkannt und farbig gefüllt werden. Für genauere Arbeiten gibt es einen Pinsel und einen Radierer. Auszusparende Bereiche können mit einem virtuellen Tape abgeklebt werden. kostenlos / für iOS und Android     5. Akustik Wer vorab testen will, welche Verglasung, wie schalldämmend ist, sollte die App AGC Acoustic nutzen. Sie ist zwar englischsprachig aber intuitiv zu verstehen. Nach einer Kalibrierung der Handylautstärke können verschiedene Lärmquellen eingespielt und durch Wahl der Glassorte gedämmt werden: Flugzeug, Schnellzug, Hundebellen, Spielplatz und Restaurantbetrieb. Natürlich simuliert der Hersteller AGC hiermit die eigenen Produkte, um eine generelle Vorstellung zu bekommen, ist das aber hilfreich. Ergänzt wird die App durch ein Dezibelmeter. kostenlos / für iOS und Android   6. Fensterscheiben Ebenfalls von AGC stammt die App AGC Glass Measurement, mit der an Fenstern überprüft werden kann, ob es eine Einfach-, Zweifach, oder Dreifachverglasung besitzt, wie dick ein Glas ist und ob es beschichtet ist. Auch diese App ist gut gemacht und auf Deutsch verständlich erklärt. Das Handy wird mit einem angezeigten Diagramm im Winkel von 45 Grad an die Scheibe gesetzt. Wo sich in der Spiegelung zwei Linien kreuzen ist der Millimeterwert der Scheibendicke abzulesen. Die Anzahl der Scheiben wird durch die Anzahl der Spiegelbilder eines Testbildes ermittelt. Ist eine Spiegelung davon farbig, liegt dort eine Beschichtung vor. Damit die Spiegelungen gut sichtbar sind, sollte das Display des Handys möglichst hell eingestellt sein. kostenlos / für iOS und Android 7. Dämmung Mit der App u-Wert quick von isover lassen sich u-Werte verschiedener Bauweisen für Wand und Dach berechnen und ablesen welche EnEV-Kriterien damit erfüllt werden. kostenlos / für iOS und Android Wer herstellerunabhängig bleiben möchte, kann den U-Wert Rechner LITE nutzen. Hier gibt es auch mehr Auswahlmöglichkeiten bei den Bauteilen und deren Aufbau. Auch individuelle Abmessungen können eingegeben werden. kostenlos / nur für Android   8. Heizlast In der App Heizlast von Honeywell können in Abhängigkeit von der Beschaffenheit von Decken, Wänden, Fenstern und Böden die Heizlasten von Räumen ermittelt werden. kostenlos / für iOS und Android         9. Heizkessel Auch Heizkessel, die älter als 30 Jahre alt sind, sollen ein Label für ihre Effizienzklasse erhalten. Durchaus mit dem Zweck, den Besitzern deren Ineffizienz vor Augen zu führen. In der App HeizLabel des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie werden Baujahr, Bauart und Brennstoff eingegeben und die Effizienzklasse ermittelt oder in der Datenbank eingetragene Kesseltypen gesucht. kostenlos / für iOS und Android     10. Betondruck Mit dem Betondruckrechner von Harsco können der Betondruck oder die Steiggeschwindigkeit berechnet werden – abhängig von verschiedenen Parametern und Faktoren wie der Umgebungstemperatur oder einer gedämmten Schalung. kostenlos / nur für Android         11. Honorar Der übersichtliche HOAI Schnellrechner wird seinem Namen gerecht und berechnet schnell das Honorar entsprechend der erbrachten Leistung. kostenlos / für iOS und Android         12. Alte Schule Wer noch mit einem Rechenschieber umzugehen weiß, wird sich über die Android-App Rule Slide freuen. kostenlos / für iOS ähnliche Apps verfügbar 13. Büromanagement Lösungen für die Organisation des Bürobetriebs von unterwegs stellen wir in diesem Beitrag vor.    

Besser vergeben

Bei der Vergabe öffentlicher Aufträge an Architekten wird die Qualität nun höher gewichtet. Ein neuer Leitfaden hilft dabei. Seit April 2016 ist die aktuelle Vergabeverordnung in Kraft, die die Vergabe öffentlicher Aufträge an Architekten, Stadtplaner, Innen- und Landschaftsarchitekten neu regelt. Sie bietet die große Chance, Vergabeverfahren effizient durchzuführen, die Qualität der Leistung bei der Vergabe stärker zu gewichten sowie kleineren und mittleren Unternehmen den Zugang zu öffentlichen Aufträgen zu erleichtern. Um die Verordnung sinnvoll anwenden zu können, hat die Bundesarchitektenkammer gemeinsam mit Architekten- und Planerverbänden einen Leitfaden herausgegeben, der mit den kommunalen Spitzenverbänden abgestimmt wurde. Im Mittelpunkt steht dabei die Vergabeverordnung als Instrument, um mit sinnvollen Verfahren und Prozessen eine qualitätvolle gebaute Umwelt zu schaffen. Dafür tragen öffentliche Auftraggeber und Architekten gemeinsam Verantwortung. Der Leitfaden bietet in diesem Sinne praxisrelevante Empfehlungen für die öffentliche Hand auf der Suche nach der besten Lösung einer anstehenden Bauaufgabe und damit zugleich nach einem geeigneten Partner. Der Leitfaden kann hier heruntergeladen werden.

Die neue DIN 13080 sowie die neuen Beiblätter 3 und 4

Bei der Planung von Krankenhäusern muss man stets auf dem neuesten Stand sein. Wir stellen die neue DIN 13080 „Gliederung des Krankenhauses in Funktionsbereiche und Funktionsstellen“ vor. Text: Thomas Jansen und Franz Labryga Inhalt der DIN 13080 „Gliederung des Krankenhauses in Funktionsbereiche und Funktionsstellen“ Die DIN 13080 ordnet und gliedert die umfangreichen und komplexen Bereiche, Abteilungen, Stationen, Raumgruppen und -einheiten von Krankenhäusern und anderen Bauten des Gesundheitswesens und stellt damit der Planung dieser Bauten ein praktikables Arbeitsgerüst zur Verfügung. Es werden vier Gliederungsebenen definiert: Funktionsbereiche, Funktionsstellen, Teilstellen und Unterteilstellen. Für die Anwendung gibt es Regeln, die ein einheitliches Vorgehen festlegen. Für Planungen sind die Funktionsbereiche jeweils mit einer Farbe gekennzeichnet. In einem umfangreichen Anhang (45 Seiten) werden vor allem Planungshinweise für die verschiedenen Raumgruppen und im Bedarfsfall auch Räume gegeben. Inhalt des Beiblatts 3 „Formblatt zur Ermittlung von Flächen im Krankenhaus“ Das Beiblatt soll Planern und Nutzern helfen bei Bestandserfassungen und -bewertungen, bei Raumprogrammen, bei der Ermittlung von Differenzen zwischen Raumprogramm und Bestand sowie Entwurfsplanung und bei der Gegenüberstellung von Entwurfsplanung, Bestand und Neubau. Inhalt des Beiblatts 4 „Begriffe und Gliederung der Zielplanung für Allgemeine Krankenhäuser“ Das Beiblatt dient als Orientierungshilfe für Zielplanungen. Es zeigt eine Planungsstrategie auf, die die Funktionsfähigkeit einer Anlage in den verschiedenen Planungsstufen sichert. Neben einer Erläuterung der erforderlichen Begriffe werden die Planungsstufen definiert, und es wird das Beispiel eines Flächenlayouts dargestellt. Notwendigkeit der Überarbeitung Die erste DIN wurde im Jahr 1987 veröffentlicht (Obmann: Prof. Franz Labryga). Die in den Jahren 1999 und 2003 erfolgte Aktualisierung war nur geringfügig, weil sich die Norm auch außerhalb Deutschlands sehr bewährt hatte und man deshalb wesentliche Veränderungen gescheut hat. In den folgenden Jahren haben sich aber im Gesundheitswesen deutliche Veränderungen mit Auswirkungen auf die Planung entsprechender Bauten ergeben. Die Notwendigkeit einer Überarbeitung der DIN 13080 und der Beiblätter war unabdingbar geworden. Arbeitsgruppen Eine interdisziplinär besetzte Expertenkommission hat notwendige inhaltliche Vorarbeiten geleistet. Außerdem wurde der Weg zur Finanzierung des Vorhabens gefunden (27.000 Euro für die Geschäftsstelle des DIN). Zu danken ist der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, der AKG – Architekten für Krankenhaus und Gesundheitswesen sowie 15 Sponsoren der Wirtschaft. Zur Vorbereitung der Ausschussarbeit im DIN war eine Arbeitsgruppe des AKG mehrere Jahre tätig. Obmann war Thomas Jansen (tsj Architekten), der auch nach der Genehmigung durch die DIN-Geschäftsstelle den Arbeitsausschuss der DIN leitete. Er tagte 13 Mal und verab-schiedete nach Einarbeitung der in der öffentlichen Einspruchsberatung gewonnenen Erkenntnisse im Dezember 2015 die neue DIN 13080 sowie die Beiblätter 3 und 4. Mit Datum Juni 2016 hat der DIN-Normenausschuss Bauwesen (NA Bau) die Veröffentlichung vorgelegt. Änderungen der DIN 13080:2003-7 Die Änderungen der Norm beziehen sich auf den gesamten Aufbau und auf alle Abschnitte. Hervorzuheben sind: Aufhebung der bisherigen Unterteilung in die DIN 13080 und die (informellen) Beiblätter 1 und 2. Jetzt hat die DIN 13080 einen informellen Anhang. Damit ist die Norm mit 55 Seiten zwar deutlich umfangreicher, aber als zusammenhängendes Werk auch praktischer handhabbar geworden. Übernahme der Regeln zur Anwendung der Norm aus den bisherigen (informativen) Beiblättern 1 und 2 in die DIN 13080, sie haben jetzt den erforderlichen normativen Charakter. Ergänzung mit dem Funktionsbereich 8.00 Technische Gebäudeausrüstung. Die  bisher nicht enthaltenen Funk-tionsstellen der Technik haben jetzt den ihnen zukom-menden Stellenwert. Zu beachten ist, dass es sich hier nicht um Nutzungsflächen (neuer Begriff der DIN), son-dern um Technikflächen (auch neuer Begriff) handelt. Änderung der Farbkennung für den Funktionsbereich 7.00. Damit wird die bewährte Farbkodierung optimiert. Änderung der Benennung einiger Funktionsstellen und Funktionsbereiche sowie der erläuternden Texte. Diese neuen Bezeichnungen und neuen Erläuterungen berücksichtigen die Veränderungen im Gesundheitswesen. Einführung der Spalte „Planungshinweise“ in den Tabellen des Anhangs. Mit diesen sehr umfangreichen Anmerkungen werden die Erfahrungen der Experten des DIN-Arbeitsausschusses weitergegeben. Sie gliedern sich in die Kapitel „Allgemeines“, „Hygiene“, „Arbeitsschutz“, „Technik“ und „Literatur“. Diese Hinweise haben keinen normativen, sondern nur informativen Charakter. Änderungen in den Beiblättern 3 und 4 Gegenüber dem Beiblatt 3:1999-10 wurde das Basis-Formblatt an die Neufassung der DIN 13080 angepasst. Außerdem wurden einige Bezeichnungen der Variationsmöglichkeiten geändert. Gegenüber dem Beiblatt 4: 2004-07 wurden die Texte und grafischen Darstellungen im gesamten Dokument geändert. Übersetzung ins Englische Mit finanzieller Hilfe des AKG wurde eine Übersetzung der DIN 13080 sowie der Beiblätter 3 und 4 ins Englische erarbeitet. Damit soll den im Ausland tätigen Architekten eine Planungshilfe angeboten werden. Bisher gibt es vor allem britische und amerikanische Planungsunterlagen (guidelines). Mit der Übersetzung wird eine auf deutscher Seite bestehende Lücke zu einem Teil geschlossen.

Open Space statt Eckbüro

Die neue Unternehmenszentrale des Stromnetzbetreibers 50hertz sorgt mit ihrer tragenden Zickzack-Fassade für Abwechslung im Stadtbild und mit ihren Büroflächen für ein ganz neues Arbeitsgefühl Text: Heiko Haberle Mal keine Lochfassade aus Naturstein: Ganz ungewöhnlich für Berlin zeigt sich der Firmensitz von 50hertz unweit des Hauptbahnhofs sehr gläsern. Und mit strahlend weißen Geschossdecken und diagonalen Stützen kehrt er sein Tragwerk nach außen. Auch eher ungewöhnlich für Berlin: Der Entwurf stammt von dem recht jungen österreichischen Büro LOVE architecture and urbanism aus Graz, das 2013 den Wettbewerb gegen eine hochkarätige Konkurrenz gewonnen hatte. Doch trotz seiner Auffälligkeit ist der Bau kein Einzelgänger, denn durch seine Höhenstaffelung und die Orientierung in verschiedene Richtungen funktioniert er als guter Nachbar für den Altbau nebenan und für den Tour Total schräg gegenüber. Offenheit nicht nur nach außen, sondern auch nach innen auszustrahlen, war das Ziel von 50hertz, dem die Architekten mit drei Gebäudekernen und einem ansonsten frei aufteilbaren Innenraum begegneten, mit dem sich 50hertz nun als moderner Arbeitgeber präsentieren kann. Statt Zellenbüros war ein Open Space mit 680 Arbeitsplätzen gewünscht, der eine teamorientierte Arbeitsweise begünstigt und unterschiedliche Atmosphären schafft. Dafür wurde das Berliner Büro Kinzo beauftragt, das sich durch mehrere unkonventionelle Bürokonzepte bereits einen Namen gemacht hatte.

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Die Abteilungen konnten ihr Arbeitsumfeld selbst definieren und bei Workshops die Wahl von Farben, Materialien und die funktionale Aufteilung mitbestimmen, sodass keines der 13 Geschosse dem anderen gleicht. Allen Etagen gemeinsam ist aber, dass außen die Bürozonen angeordnet sind und, wegen der großen Gebäudetiefe, die Mittelzonen „non-territoriale“ Teamflächen dienen, die auch Rückzugsräume bereithalten. Sogar im Freien kann gearbeitet werden. Dazu besitzt jede Etage mindestens eine Loggia oder Terrasse, die nicht selten das Eckbüro ersetzt, das normalerweise Führungspersonal zugesprochen wird. Die Planer von Kinzo, die neben den Bürobereichen auch das Restaurant und die Leitzentrale gestalten durften, sprechen von einem Arbeitsumfeld, das „Funktionalität, Kommunikation und Wohlbefinden der Mitarbeiter verbindet.“ Was Kinzo beim Entwerfen von Büros wichtig ist und wie sich unsere Arbeitswelt verändern wird, lesen Sie hier.    

Verlassen und vergessen

Der Fotograf Christian Richter hat seit 2011 bereits über 1000 leer stehende Gebäude in ganz Europa besucht und fotografiert. Darunter sind inzwischen bekannte Motive, wie die ehemaligen Beelitzer Heilstätten bei Berlin aber auch viele bisher kaum dokumentierte Gerbäude, die er keineswegs nur im ehemaligen Ostblock findet: Industrieruinen, Theater, Schwimmbäder, verlassene Hotels oder barocke Palazzi, die erst bei abblätternder Farbe ihre ganze Schönheit zu entfalten scheinen.

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Raum für Schwarmintelligenz

Die Blogfabrik verbindet autonomes Arbeiten im Co-Working Space mit einem Projekt, an dem alle mitwirken. Das spiegelt sich im flexiblen Raumkonzept wider Text: Lars Klaaßen Die Macher der Blogfabrik bezeichnen ihr Projekt als „neuen Ansatz eines Co-Working-Konzeptes“. Auf den ersten Blick scheint es sich um einen der vielen Orte zu handeln, an dem Freiberufler sich lediglich temporär einfinden um dort für sich zu arbeiten. Die Etage eines alten Fabrikgebäudes in Berlin-Kreuzberg erstreckt sich U-förmig über zwei Quergebäude und einen dazwischen liegenden Seitenflügel. Auf den 555 Quadratmetern befinden sich 60 Arbeitsplätze. Hier mietet sich allerdings niemand bloß für ein paar Stunden ein. Wer einen dieser Arbeitsplätze nutzen will, muss sich bewerben. „Meistens kommen die Kreativen über Empfehlungen zu uns“, sagt Maria Ebbinghaus, Projektleiterin der Blogfabrik. „Es ist uns wichtig, dass die Chemie einfach stimmt und die Bewerber echte Teamplayer sind.“ Die Plätze werden mindestens für einen Monat vergeben, meistens länger. Anders als in üblichen Co-Working Spaces wird die Nutzung hier auch nicht durch eine Mietzahlung abgegolten, sondern durch Content: Wer in der Blogfabrik arbeitet, verpflichtet sich, am gemeinsamen Online-Magazin mitzuwirken. Das DailyBreadMag wird von all den Bloggern, Instagramern, Foto- und Videografen erstellt, die sich auf der Etage zusammenfinden. Wer einen festen Arbeitsplatz nutzt, erstellt zwei Beiträge pro Monat. Wer mit seinem Laptop dort Platz nimmt, wo es von Tag zu Tag gerade passt, erstellt nur einen Beitrag. Das Magazin widmet sich Themen rund um den digitalen Wandel der Gesellschaft und dokumentiert das Projekt Blogfabrik für die Außenwelt. „Durch diese Zusammenarbeit vernetzen sich die Nutzer der Etage schneller und enger, als es sonst der Fall wäre“, sagt Ebbinghaus. „Dadurch entsteht ein Kompetenzzentrum für digitales Wissen.“ Die Blogfabrik wächst rasant. Die Nachfrage übersteigt ihre Kapazität bei Weitem. Derzeit, so Ebbinghaus, seien über 100 Bewerbungen offen. 2014 ging das Projekt mit 30 Arbeitsplätzen an den Start. Vor wenigen Monaten wurde das ursprüngliche Raumkonzept modifiziert, um die nun 60 Arbeitsplätze unterbringen zu können. „Das war unproblematisch, weil der Raum ohnehin flexibel gestaltet ist“, so Ebbinghaus. Die Etage ist in drei Bereiche unterteilt: In mehreren kleineren Räume befinden sich jeweils einige Einzelarbeitsplätze. Dort sitzen in der Regel auch die Wenigen mit festem Arbeitsplatz. Kleinere Teams arbeiten darin manchmal zusammen. Am anderen Ende der Etage befindet sich ein großer Multifunktionsraum. Er kann als Fotostudio genutzt oder durch Vorhänge unterteilt werden. Zwischen diesen beiden Bereichen befindet sich ein großer Open Space, in dem sich viele Arbeitsplätze befinden. Eine Installation aus Holz strukturiert diesen Raum: schafft verschiedene Ebenen, trennt einzelne Arbeitsplätze und Sitzecken für Besprechungen durch Lamellen voneinander ab. Ein wichtiger Bestandteil des Konzepts sind große Tafeln, an denen sich bis zu 10 Leute zur Teamarbeit zusammensetzen können. Einen separaten Besprechungsraum gibt es auch noch. Er kann stundenweise reserviert werden. „Da die meisten Nutzer das Büro sehr flexibel nutzen, konnten wir viele der Arbeitsplätze doppelt belegen“, so Ebbinghaus. „Da wir zudem immer noch genügend Gemeinschaftsfläche haben, zum Beispiel auch die große Küche, bleibt allen noch ausreichender Bewegungsfreiraum.“ Großzügig und luftig wirken die Räume auch, weil es außer Tischen und Stühlen kaum Mobiliar darin gibt. Wer will, kann einen Trolley mieten, um Sachen darin zu verstauen. Allen anderen, die nach Belieben kommen und gehen, reicht ihr Laptop. Die Blogfabrik hat auch an diesem Punkt eine digitale Vision annähernd verwirklicht: das papierlose Büro. Lars Klaaßen ist freiberuflicher Journalist in Berlin Mehr zum Thema gibt es hier.

Büro als Stadtlandschaft

Erste Bank in Wien: Hier möchte man fast wohnen. Dass die Planer von Kinzo über die Zukunft der Arbeit nachdenken, sieht man ihren Bürokonzepten an. Es entstehen Arbeitswelten mit urbanen Merkmalen, wohnlichen Qualitäten und nicht selten auch selbst entworfenen Möbeln. Text: Heiko Haberle Noch als Architekturstudenten hatten Karim El-Ishmawi, Martin Jacobs und Chris Middleton 1999 unweit des Berliner Alexanderplatzes einen eigenen Club eröffnet, ihn selbst ausgebaut und „Kinzo“ genannt. Weil auch nach Studienende das Architekturgeschäft noch am Boden lag, widmeten sich die drei Freunde Aktionen im öffentlichen Raum oder drehten Filme. Aber auch Aufträge für kleinere Innenausbauten kamen bereits, sodass 2002 im gleichen Haus wie der Club das gleichnamige Büro Kinzo gegründet wurde. Von Anfang an wollten sie selbstständig sein und neben der Architektur angrenzende Gestaltungs-Disziplinen einbeziehen. „Das bietet mehr Gestaltungsmöglichkeiten und erlaubt eine größere Arbeitstiefe“, findet Karim El-Ishmawi und berichtet noch vom Wunsch, ein Projekt nicht nur an einer Ecke anfassen zu wollen, um es dann anderen Planern zu übergeben, sondern vom Konzept bis zur Schraube beeinflussen zu können. Aber gearbeitet wird natürlich auch. Dafür stehen verschiedene Bereiche zur Verfügung: je nachdem, ob eher Konzentration… …oder Kommunikation wichtig ist. Den Club gibt es nicht mehr und das Büro ist längst umgezogen, doch der interdisziplinäre Denkansatz findet sich heute im Team aus Architekten, Innenarchitekten, Produktdesignern und Grafikern wieder. Dass heute viele Bürokonzepte und -ausstattungen zu Kinzos Aufträgen gehören, sei kein bewusst gewählter Schwerpunkt. Sehr wohl werde das Thema aber generell wichtiger, denkt El-Ishmawi. Als man sich 2007 dem Thema erstmals annahm, sei der Arbeitsplatz kaum als Gestaltungsaufgabe wahrgenommen worden, obwohl so viel Zeit dort verbracht wird. So wie inzwischen aber das Design bei Hotels ein wichtiges Aushängeschild ist, werde es das auch im Büro werden, denkt der Architekt. Eine „bunte Welt der individuellen Bürokonzepte“, wie sie im angelsächsischen Bereich, etwa im Silicon Valley, schon oft zu finden ist, werde auch zu uns kommen. „Wir planen inzwischen Büros, die eigentlich gastronomische Einrichtungen mit Arbeitsmöglichkeiten sind.“ Viele Firmen scheinen den Druck zu spüren, überkommene Strukturen ändern zu müssen. Sie wollen Kommunikation und Abläufe verbessern, die Mitarbeiterbindung verstärken und überhaupt ein modernes Bild von sich zeichnen. Es muss schon gute Gründe geben, warum man noch ins Büro geht, wo die Arbeit immer mobiler wird. „Weil man heute viel im Team arbeitet und den gegenseitigen Austausch braucht“, antwortet El-Ishmawi. Das Sozialisieren gehört heute also auch zum Büroalltag, ebenso wie das Entspannen und unterschiedliche Arten der Arbeit. Etwa die Hälfte der Zeit müsse man konzentriert alleine sein können, erklärt der Architekt. Für all das seien passende und möglichst attraktive räumliche Angebote nötig. Die Kategorien Einzel-, Großraum- oder Kombibüro lehnen Kinzo dabei ab. Sie sprechen eher von „städtischen Landschaften“, in denen verschiedene Tätigkeiten an geeigneten Orten geschehen, statt organisatorische Strukturen abzubilden. Bekannte Elemente, wie Zelle und Großraum können aber darin auftauchen. An „verkehrsgünstigen“ Stellen schaffen sie Kommunikationsbereiche. Einbauten, wie dieses Geraderobenmöbel mit Telefonzelle im Inneren gliedern die offenen Räume der Ersten Bank. Besonders mutig, seien oft eher traditionelle Unternehmen, wie die Erste Bank in Wien, für deren Hauptverwaltung Kinzo die Innenräume planten. Die Bank wollte einen Paradigmenwechsel vom „Ich“ zum „Wir“ einleiten und vor allem Offenheit signalisieren, was auch die gläserne Architektur von Henke Schreieck Architekten ausdrückt. Sehr radikal hat man Hierarchien und Privilegien abgebaut. Es gibt kein einziges Einzelbüro mehr – auch nicht für den Vorstand – und keine festen Arbeitsplätze. Die 4620 Schreibtische entsprechen nur 80 Prozent der Mitarbeiterzahl, weil 20 Prozent unterwegs oder krank sind, Home-Office oder Urlaub machen. Für solch radikale Konzepte seien drei Faktoren wichtig, erklärt El-Ishmawi: Erstens eine Veränderung auf Nutzerseite, zweitens die technischen Voraussetzungen, etwa für ständige Platzwechsel der Mitarbeiter und drittens die Gestaltung der Bereiche und ihrer Atmosphären. Die drei Gründer und Geschäftsführer von Kinzo: Chris Middleton, Martin Jacobs und Karim El-Ishmawi (v.l.) Letztendlich gehe es in der Arbeit von Kinzo immer darum, bestimmte Atmosphären zu schaffen. Sie beeinflussen das Arbeiten, vermitteln Mitarbeitern und Gästen Wertschätzung und idealerweise auch die Firmenphilosophie. Um dorthin zu gelangen, fließt zunächst viel Aufwand in die Analyse der Kundenwünsche. Durch Workshops versuchen die Planer, ein Gefühl für das Unternehmen zu bekommen. „Wir lassen uns aus verschiedenen Perspektiven erzählen, welche Werte dem Unternehmen wichtig sind und wie das neue Arbeitsumfeld sein soll. Uns ist ein hohes Maß an Identifikation mit dem Entwurf wichtig. Schubladendenken und Standardlösungen vermeiden wir“, erklärt El-Ismawi. Es folgen eine erste Raum-Funktionsplanung und das Arbeiten mit Mood-Boards, mit denen Stimmungen und Zielrichtungen formuliert werden. Wenn das Konzept geschärft ist, werden die Fachplaner, etwa für Licht und Akustik eingebunden. Idealerweise sollte bei Neubauten die Büroplanung schon mit dem Gesamtentwurf zusammen  gedacht werden. Nur selten ist das schon Thema in Wettbewerben, wie etwa beim neuen Zalando Campus, den Henn Architekten mit Büroentwürfen von Kinzo gewannen. El-Ishmawi empfindet die Innenarchitektur als stiefmütterlich behandelt und appelliert, sie ähnlich zu gewichten, wie Landschaftsplanung, Statik und Haustechnik, die bereits in frühen Planungsstadien einen Entwurf entscheidend beeinflussen: „Wir hätten bessere Gebäude, wenn die Atmosphäre und die Ausstattung der Räume von Anfang an mitgedacht würden.“ So kommt das Team von Kinzo immer wieder zu individuellen Lösungen, zu denen oft auch das Mobiliar gehört. Je nach Größenordnung kann die Umsetzung ein lokaler Tischler übernehmen oder man sucht einen Hersteller, durch dessen Erfahrung dann oft ein deutlicher Qualitätssprung erreicht werde, wie El-Ishmawi findet. Manches wird dann später sogar zum Serienprodukt. Die modulare Ausstattung für die Erste Bank in Wien basiert auf einer Planung, die Kinzo unabhängig vom Projekt schon begonnen hatte. Dazu gehören vier Arbeitsplatztypologien für konzentriertes oder eher teamorientiertes Arbeiten. Erkennbar sind die Bereiche an den Leuchten in verschiedenen Farben und Formen, die als einheitliches System der eher kleinteiligen Möblierung in dem offenen Raum übergeordnet sind. Sideboards, Regale sowie falt- und schwenkbare Raumteiler gliedern den offenen Raum. Hinzu kommen Besprechungsräume, Sitzgruppen mit Hydrokulturen, Pausenbereiche und Garderobenmöbel mit integrierter „Telefonzelle“. 1500 Sessel schaffen zwischendurch Wohnzimmeratmosphäre. Für Adidas entwarfen Kinzo ein modulares System aus fast 50 Elementen, die mehr leisten, als klassische Büromöbel. Gleichzeitig integriert es sich in die Architektur und entwickelt diese im Innenraum weiter. Das Möbelprogramm für „Adidas Laces“, dem Forschungs- und Entwicklungszentrum des Sportartikelherstellers in Herzogenaurach, wurde komplett individuell entworfen. Es besteht aus 50 verschiedenen Elementen, die anders als im herkömmlichen Verwaltungsbau, auch Textilien, Bällen, Schuhen und Plänen einen Platz verschaffen und die Architektur von kadawittfeld nahtlos weiterentwickeln. „Dass wir gerne selber Möbel entwerfen, hat nichts mit fehlenden Angeboten der Industrie zu tun. Uns sind einfach Einzigartigkeit und Identifikation besonders wichtig“, erzählt El-Ishmawi. Greife man auf Serienprodukte zurück, gleiche das oft einem „cherry picking“: hiervon einen Stuhl, dort einen Tisch, diesen Mülleimer. Dann entstehe leicht der Eindruck einer Collage: „Wir wollen keine Möbelsammlung, sondern eine rundum gelungene Raumplanung.“ Wo die Büromöbelindustrie aber tatsächlich wenige Angebote mache, sei im Bereich der Funktionsüberlagerung, wie sie Kinzo gerne vorsehen: Bei den Büros für den Online-Dienst Soundcloud geht im Empfangsbereich der Tresen in eine Lounge über. Ein Garderobenmöbel mit Spinden bietet zugleich eine Sitznische und eine Wasserstelle. Die Polstermöbel in einem Besprechungsraum werden mit zugezogenen Vorhängen zur Liege für den Mittagsschlaf. Eine Kerze zeigt an, ob jemand schläft. „Verschiedene Nutzungszustände ohne Umbauten abzubilden, ist mit klassischer Möblierung nicht machbar“, findet El-Ishmawi. Die neuste Bürolandschaft von Kinzo wurde gerade in Berlin eröffnet. Der Stromnetzbetreiber 50hertz bezieht seinen von Love architecture and urbanism entworfenen neuen Firmensitz. Kinzo haben erneut viele ihrer Prinzipien angewendet und weiterentwickelt. Auch hier bekommt das Büro wohnliche Qualitäten und stellt sich auf individuelle Bedürfnisse ebenso wie auf die Organisation in Teams ein. Nur wenn die Technik wieder zunehmend stationärer werde, würden sich auch Büros wieder grundsätzlich verändern. Die nahe Zukunft sehe aber noch mobiler und virtueller aus, sagt El-Ishmawi.

Großraum oder Zelle?

In der Berliner Agentur Hi-Res! umgeben käfigartige Strukturen die Arbeitsplätze. Das Co-Working-Prinzip zieht auch in traditionellen Unternehmen ein. Raum orientiert sich auch dort nicht mehr an Positionen sondern an Funktionen. In Start-ups gibt die App vieles vor. Und dann sind da noch die Kinder. Text: Lars Klaaßen Als die Swiss Re 2013 beschloss, aus Unterföhring nach München umzuziehen, wurde daraus trotz der räumlichen Nähe dennoch ein großer Sprung. „Mit dem neuen Standort wurden sowohl die Kommunikationsbeziehungen zwischen den einzelnen Bereichen als auch auch deren Anforderungen detailliert analysiert und daraufhin das Bürokonzept grundsätzlich neu gestaltet“, erläutert Christoph Kitterle, Geschäftsführender Gesellschafter bei congena. Der Münchener Unternehmensentwickler hat die Versicherung bei der Suche des neuen Standortes unterstützt, das neue Raumkonzept entwickelt – und vor allem auch die interne Kommunikation mit Führungskräften und Mitarbeitern begleitet. „Die Qualität eines Arbeitsplatzes kann sich nur dann voll entfalten, wenn das Konzept von den Akteuren auch akzeptiert wird“, betont Kitterle. Swiss Re: Ein „Business Garden“ mit dem Thema Wald Außerdem gibt es „Quiet Areas“… …und „Homebases“. Schon früh war klar, dass am neuen Standort „non-territorial“ gearbeitet werden soll. Mitarbeiter haben keine fest zugeordneten Schreibtische mehr, sondern setzen sich je nach Aufgabe an einen dafür geeigneten Platz, der gerade frei ist. „Davon müssen die Nutzer erst einmal überzeugt werden“, weiß Kitterle. Regelmäßig wurde darüber informiert, was geplant ist und Rücksprache mit den Mitarbeitern gehalten. Eine Reihe von Herausforderungen wurde dabei diskutiert und gelöst: vom Verlust des eigenen Schreibtisches über Fragen der Vertraulichkeit von Gesprächen und Unterlagen bis zur Einhaltung von Spielregeln am Arbeitsplatz. „Der Verzicht auf den eigenen Schreibtisch wird dadurch kompensiert, dass man für unterschiedliche Aufgabenbereiche eine optimale Arbeitsumgebung zur Verfügung hat“, erläutert Kitterle. Die 9.000 Quadratmeter Fläche auf zwei Etagen wurden entsprechend verschiedener Arbeitsszenarien differenziert gestaltet. Ein wichtiges Modul ist die „Homebase“. „Sie schafft ein Gefühl von Zugehörigkeit und bietet Orientierung“, so Kitterle. An den dort offen angeordneten Arbeitsplätzen können Teammitglieder sich zusammensetzen und austauschen. Auch der „Business Garden“ bietet eine Arbeitsumgebung für Teamaufgaben. Die grüne Umgebung soll einen inspirierenden und anregenden Kontrast zu den Standardarbeitsplätzen der „Homebase“ bieten. Jeder der insgesamt sechs Gärten wurde mit einer eigenen Farbwelt gestaltet und hat eine seinem Thema entsprechende Bepflanzung: Wald, Blumenwiese, Steingarten. Für konzentrierte Tätigkeiten kann man sich in die „Quiet Area“ zurückziehen. Die Arbeitsplätze dort sind voneinander abgeschirmt, telefoniert wird dort nicht. Für den informellen Austausch unter den Kollegen bietet auf jeder Etage eine „Business Lounge“ mit Espressobar die passende Gelegenheit. Mit dem neuen Konzept bedarf es bei gleicher Zahl der Mitarbeiter nur noch 80 Prozent der Arbeitsplätze in Vergleich zum alten Standort. „Entscheidend ist aber, dass die Mitarbeiter sich in den verschiedenen Bereichen wohlfühlen“, so Kitterle. „Sie haben die Freiheit, sich einen Arbeitsplatz zu wählen, der ihnen in der aktuellen Situation die beste Umgebung bietet.“ Bei Hi-Res! sitzt man an Schreibtischen in einem riesigen Raummöbel, zieht sich zur Stillarbeit in eine Vogelhaus zurück… …oder nutzt ein überdimensionales Kuscheltier als Treffpunkt. Den Wohlfühlfaktor hat auch Henri Fischer im Fokus. Sein Berliner Studio Henri Fischer Collective – HFC entwirft Bürokonzepte, häufig für Start-ups. „Da sind flexible Strukturen gefragt, weil diese Unternehmen rasant wachsen“, so Fischer. Der Workflow gehöre zu seinen wichtigen Orientierungsmarken für ein Raumkonzept: „Oft sind deren Sitzpläne synchron zur Struktur der App, die gerade entwickelt wird.“ Seine Aufgabe besteht meist darin, auf beschränktem Raum für viele Mitarbeiter eine angenehme Umgebung zu schaffen. Und diese Umgebung soll auch ein oder zwei Jahre später noch funktionieren, wenn noch mehr Menschen dort tätig sind. Fischer setzt auf das Prinzip „Fixdesk plus work styles“.  „Die Leute haben einen ‚Stammplatz‘, können sich aber je nach Projektkontext die beste Umgebung suchen. Ich schaffe genau jene Zonen, die sie in der einen oder anderen Situation benötigen.“ Auch hier gilt: Kommunikation und Konzentration brauchen ihren Raum. Fischer entwirft Raummöbel, die beides schaffen – auch wenn die Fläche begrenzt ist. Für die Digitalagentur Hi-Res! gestaltete Studio HFC das Innenraumkonzept für ein raumgreifendes Möbel, das Empfangstresen, Arbeitskojen für konzentriertes Arbeiten und eine Küche beinhaltet. Dieser verschachtelte Block grenzt sich nicht nur räumlich vom Open Space ab, wo an einem schlangenförmigen Tisch rund 40 Arbeitsplätze kurvenreich aneinandergereiht sind. Der große Raum mit vielen Arbeitsplätzen beieinander ist in grauen Tönen gehalten, mit Blick durch die Fensterfront auf die Stadt. Die knallbunte Kiste hingegen bietet introvertierte Rückzugsräume, die mit Wänden in kräftigem rot, blau oder gelb eine kindliche Freude bereiten können. Als die Agentur ihr Büro erweiterte, hat Fischer Kojen entworfen, die wie kleine Vogelhäuschen aussehen. Darin können die Mitarbeiter in Ruhe arbeiten, wenn es ihnen bei den Kollegen zu unruhig ist. Passend zu den unbeschwert bunten Nischen sind in der Raumskulptur einige Möbel so vergrößert, dass man sich eindrücklich in die Kindheit zurückversetzt fühlen kann. „Coworking Toddler“ bietet nicht nur Arbeitsplätze an, sondern auch eine Kita. In den Pausen wird gemeinsam gespielt oder gegessen. Dem Thema Arbeit und Kind hat sich der Architekt Dieter Neikes auf sehr direkte und konkrete Art gewidmet: „Coworking Toddler“ in Berlin bietet seit einigen Monaten Plätze in einem Gemeinschaftsbüro mit integrierter Kita an. Neikes hat das Raumkonzept für beide Bereiche entwickelt – oder genauer für alle drei Bereiche: Neben dem Open Space und der Kita gibt es auch noch den Gemeinschaftsraum. Dort können die Eltern in der Pause mit ihrem Kind Mittagessen. Auf 300 Quadratmetern können zwölf Menschen arbeiten, während ihre Kinder nebenan von Erziehern betreut werden. Einige große Unternehmen haben sich zwar schon betriebseigene Kitas eingerichtet, „aber den Co-Working Space mit Kinderbetreuung zu verbinden, ist neu“, betont Neikes. Das gilt auch für die Arbeit des Architekten: „Die meisten Architekturbüros entwerfen entweder Büros oder Kitas.“ Beides zusammen zu bringen sei aber noch einmal etwas anderes. Das Regelwerk für den Bau einer Kita sollte man ohnehin nicht unterschätzen. Da wurde der Abstand der Garderobenhaken überprüft, so Neikes, und auch das Gesundheitsamt habe vorbeigeschaut. Die Kombination Büro und Kita warf aber auch bis dahin unbekannte Fragen auf: Auf welche Art und Weise können die Bereiche intern miteinander verbunden werden? „Das war ein Diskussionspunkt bei der Planung“, so Neikes. Allzu offen sollte diese Schnittstelle nicht werden. Eine Schleuse aus zwei Türen trennt den Arbeitsbereich nicht nur akustisch, sondern auch optisch von der Kita. Wer im Open Space arbeitet, soll das in Ruhe tun können. Gleichzeitig können die Erzieher bei Bedarf schnell bei den Eltern sein, ohne einmal ums Haus laufen zu müssen. Verbunden hat Neikes die Bereiche aber gestalterisch noch etwas stärker: „Die warmen Farben an den Wänden der Kita ziehen sich bis in den Büroraum hinein. Dieses Farbkonzept habt sich auch schon in anderen Kreativbereichen bewährt.“ Wo der Raum sich öffnet, soll gute Stimmung einziehen, ob im Business Garden, im Raummöbel oder neben der Kita. Lars Klaaßen ist freiberuflicher Journalist in Berlin