Rapidograph war gestern

Zayed University, Abu Dhabi, Hadi Teherani Auf dem Deutschen Architektenkongress drehte sich alles um den Architekten im digitalen Zeitalter. Welche Rolle hat er bei BIM, welche beim Smart Home und wer verdient das Geld damit? Deutscher Architektenkongress Text: Heiko Haberle Dass Architekten – und besonders die deutschen – bei der Digitalisierung hinterherhinken ist inzwischen fast ein Allgemeinplatz geworden, der aber auch am 16. November in Berlin auf dem ersten Deutschen Architektenkongress im Raum Stand. Dabei haben sich nur wenige Berufe in den letzten zwei Jahrzehnten so grundlegend gewandelt, sowohl was das Arbeitsfeld als auch die Arbeitsmittel angeht. Der an diesem Tag viel zitierte Rapidograph dürfte jedenfalls nirgends mehr zum Einsatz kommen. „An BIM führt kein Weg vorbei“, betonte die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer Barbara Ettinger-Brinckmann denn auch zur Eröffnung. Ein automatischer Garant für einen guten Entwurf und eine gute Ausführung sei das aber nicht. Dafür brauche es Architekten, die sich durch BIM auch wieder die an Projektentwickler verloren gegangene Rolle des Koordinators zurückerobern könnten. Der Hamburger Architekt Hadi Teherani hat sich verlorene Architektenaufgaben zurückgeholt und betreibt in getrennten Gesellschaften Architektur, Produktdesign, Innenarchitektur und Consulting. Teherani gibt freimütig zu, niemals am Computer zu zeichnen, aber natürlich auf digitale Methoden gerade bei anspruchsvollen Freiformen angewiesen zu sein. Besonders Renderings sind ihm aber oft zu genau, obwohl noch gar keine Entwurfsplanung stattgefunden hat. Ebenso führe BIM dazu, sich zu früh auf jene Bauprodukte festzulegen, die als BIM-Objekte vorlägen – für Teherani ein Verlust an Gestaltungsraum (Mehr berichtet Hadi Teherani im Interview). Bei der Berechnung der Dachkonstruktion der Zayed University in Abu Dhabi konnte das Büro von Hadi Teherani alleine durch eine Umstellung der Rechenmethode Stahl im Wert von 20 Millionen Euro einsparen. Pioniere und Profiteure „Die Pioniere haben selten etwas von ihrem Mut“, findet der Berliner Architekt Robert Specht. Für sein Büro habe BIM erst einmal höhere Kosten, mehr Kommunikationsaufwand und keine Mehreinnahmen bedeutet. Er sieht vor allem die Fachplaner als Profiteure. Eine Experimentierphase, bei der parallel zwei- und dreidimensional geplant wird, kann sich eher ein Großbüro wie gmp leisten. Erst vor zwei Jahren hatte man mit BIM begonnen, weil bei einem gemeinsamen Projekt ausländische Büros damit arbeiteten. Doch deren virtuelle Modelle seien sehr ungenau gewesen, wie Hubert Nienhoff und Jochen Köhn berichteten. Inzwischen loben die beiden Planer die schnelle und präzise Arbeit mit BIM. Wichtig sei aber, vorab genau zu definieren, was im Modell gemacht wird und welche Partner daran teilnehmen. Dass das Vertrauen erhöht wird und Planungsfehler früher erkannt werden, schätzt Gerold Reker, Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, an BIM. „Es wird aber nicht lösen, was im Moment schief läuft.“ Die Bauindustrie hat BIM weitgehend implementiert und hofft auf einen größeren Anteil an der Wertschöpfungskette Bau. Doch wenn an dieser auch Architekten maßgeblich beteiligt sein sollen, muss sich BIM auch für kleine Architekturbüros lohnen – besonders wenn es womöglich schon bald zur Bedingung für öffentliche Aufträge wird oder eine neue EnEV Nullenergiehäuser fordert. Dass dabei noch einiges widersprüchlich ist, wurde spätestens beim BIM-Einsteigerworkshop des Kongresses deutlich: Dort erfuhren die Teilnehmer nämlich, dass sich das Planen am digitalen Modell erst ab etwa 15 Millionen Euro Bausumme und nicht bei Stufenbeauftragungen lohne. Doch gerade solche sind oft öffentliche Aufträge. Sensibles Haus Während man sich auf dem Architektenkongress weitgehend einig war, dass BIM, trotz Anlaufschwierigkeiten, bald unverzichtbar sein wird, polarisierte das Smart Home deutlich mehr. In den Bereichen Sicherheit, Energiemanagement und Licht haben sich bereits Lösungen etabliert. Hinzukommen werden immer mehr Sensoren für Bewegung, Luft, Licht und Wasser (für den Fall einer Überschwemmung), glaubt Mijo Maric, Leiter der Geschäftsstelle „Smart Living“ beim Bundeswirtschaftsministerium. Im gleichen Maße, wie die gesammelte Datenmenge steige, werden die Preise sinken und die Bedienung einfacher, sodass wir alle, oder spätestens die nächste Generation, das ganz selbstverständlich wollen werden. Doch selbst der technikbegeisterte Maric gesteht ein, dass sich Kernthemen herausbilden werden. Die berührungsempfindliche Küchenarbeitsplatte, das vorheizbare, smarte Bett oder der Kühlschrank, der auf einem Monitor in Originalgröße genau das zeigt, was man nach dem Öffnen der Tür sehen würde, bleiben uns dann womöglich erspart. Der Architekt wird mit dem Smart Home zum Technologieberater, ist aber mit dem Systemintegrator auf einen weiteren Fachplaner angewiesen. Dass viele Architekten das gar nicht wollen, war auf dem Kongress spürbar. Dass auch viele Bauherren inzwischen wieder eine Sehnsucht nach einfachen und „dummen“ Lösungen haben, wusste der Berliner BDA-Vorsitzende Andreas R. Becher zu berichten. Smart im Alter, smart im Quartier Doch das Smart Home muss kein technikverliebter Selbstzweck sein, machte der Vorstand des Verbandes Sächsischer Wohnungsgenossenschaften Axel Viehweger deutlich. Die sächsischen Genossenschaften nutzen Technologien für den „rollatorengerechten“ Umbau ihres Bestands. Eingebaut wird nur, was tatsächlich gebraucht oder gewünscht ist und was sich bei maximal 6,50 Euro Kaltmiete umsetzen lässt. Nicht gewünscht wird eine automatisierte Fensteröffnung, bewährt haben sich jedoch dimmbare Nachtlichter, Sturzsensoren oder Türen, die sich im Notfall einmalig ferngesteuert öffnen lassen. Alleine in Sachsen schätzt Viehweger den Bedarf auf 100.000 mitalternde Wohnungen, erst 300 sind umgerüstet (mehr berichtet Axel Viehweger hier). „Wir bauen Gesellschaften“, sagt der Freiburger Architekt Wolfgang Frey, der in Deutschland und China ganze Quartiere entwickelt, plant und betreibt. Technik alleine ist für ihn nicht smart, solange sie nicht zum Nutzer passt. Smart ist hingegen, was mehrere Aufgaben erfüllt, also eine begrünte Fassade oder ein Balkongeländer mit Solarzellen. Die von Frey geplanten Nachbarschaften sind funktional durchmischt, sie stoßen kein CO2 aus, haben eine eigene Energieversorgung und beruhen auf einem Gleichgewicht gegenseitiger Bedürfnisse und Abhängigkeiten: Junge Menschen dürfen bei Senioren wohnen und unterstützen diese dafür im Alltag, Studenten leben mit einem Rollstuhlfahrer zusammen, der als Gegenleistung kocht. Für Frey besteht die Aufgabe darin, soziale, ökologische und ökonomische Aspekte mit Hilfe plausibel eingesetzter Technik in Übereinstimmung zu bringen.

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Der erste Deutsche Architektenkongress fand am 16. November in Berlin statt.

Google und Co. wollen ins Haus Die Frage, was und wann Architekten eigentlich noch entwerfen können, drängte sich an diesem Tag geradezu auf. Andreas R. Becher jedenfalls empfahl seinen Kollegen, ihre Ideen als das eigentliche Kapital nicht zu verschleudern. Das Argument, so lange es die Schwerkraft gebe, werde man dann Architekten brauchen, wurde jedoch von Christian Pätz, Elektrotechniker, Kaufmann und Professor an der TU Chemnitz, weitgehend entkräftet. Demnach seien Google, Apple und Amazon auf der Suche nach „Einfallstoren“ in gewinnversprechende Massenmärkte. Das Auto stelle ein solches Einfallstor dar, durch das die Konzerne ins Haus gelangen werden. Das Beispiel Uber im Taxiwesen zeigt, dass die Tech-Giganten auch nicht vor stark reglementierten Geschäfts- und Berufsfeldern zurückschrecken. Sind die Konzerne erst einmal im Markt, werden die Margen ausgeweitet, wobei diese oft rein auf Provisionen beruhen, wie etwa in der Reisebranche. „Selbst wenn weiterhin Architekten die Häuser planen und Handwerker sie aus Beton oder Holz bauten, ist doch entscheidend, wer das Geld damit verdient“, gab Pätz zu bedenken. An dem in den USA entwickelten Hausmodul „Kasita“ demonstrierte Christian Pätz, wie das Thema Architektur in den Massenmarkt gelangen könnte, ohne dass Architekten konkret beteiligt sind. Kasita lässt sich einzeln aufstellen oder stapeln und wirbt mit den Vorteilen eines effizienten, smarten Hauses – nur ohne den Stress. Mit schicken Bildern wird direkt der junge design- und technikaffine Kunde angesprochen. Wie leicht der Zugang von Google und Co. alleine über den Kauf eines solchen Start-ups ist, kann man sich ausmalen. Dass auch die deutsche Fertighausindustrie durch die Digitalisierung ihrer Planung und Fertigung inzwischen damit werben kann, der Kunde könne sein individuelles Haus ganz entspannt „entwerfen“, merkte Gerold Reker schließlich an. Natürlich sind auch daran Architekten beteiligt (siehe DAB 10.2016, „Das Architektenfertighaus“), doch mit dem Maestro mit Skizzenrolle und Rapidograph hat das nichts mehr zu tun. Umso mehr gilt es für Architekten, digitale Prozesse pragmatisch zu nutzen und selbst alltägliche Bauaufgaben, wie es Architekt Robert Specht ausdrückt, „mit Seele zu impfen.“ INFORMATION Der erste Basiskurs nach dem neuen BIM Standard Deutscher Architektenkammern hat Ende November in Wiesbaden stattgefunden. Weitere Termine sind am 25.-27.1.2018 in der Bayerischen Architektenkammer, am 26./27.1. und 9.2.2018 im Institut Fortbildung Bau der AK Baden-Württemberg sowie am 21.-23.2.2018 in der AK Nordrhein-Westfalen. Mehr Informationen und Anmeldung über die jeweilige Landeskammer. GOLDPARTNER

Volle Auftragsbücher dank Wohnungsbau

Die Auftragslage bei freischaffenden Architekten bleibt auf hohem Niveau, wie das ifo Institut ermittelt hat. Die regelmäßige Umfrage wurde allerdings eingestellt Text: Erich Gluch Nach den Umfrageergebnissen des ifo Instituts schätzten die freischaffenden ihre Geschäftssituation zum Beginn des dritten Quartals nochmals deutlich besser ein als in der ersten Jahreshälfte. Damit hat sich die Geschäftslage über rund 13 Jahre hinweg nahezu kontinuierlich verbessert. Nur noch knapp 10 Prozent bezeichneten ihre derzeitige Auftragssituation als schlecht. Bei derart guter Lage überrascht es nicht, dass der größte Teil der Befragten (gut drei Viertel) nun aber von keiner nachhaltigen Veränderung in den nächsten sechs Monaten mehr ausgeht. Im zweiten Quartal 2017 konnten 61 Prozent der befragten Architekten neue Verträge abschließen. Dieser Wert wurde bislang nur selten übertroffen. Das geschätzte Bauvolumen aus den neuen Verträgen (Neubauten ohne Planungsleistungen im Bestand) im Wohnungsbau erhöhte sich gegenüber dem ersten Quartal um rund 20 Prozent. Der Aufwärtstrend im Wohnungsbau scheint sich somit auf hohem Niveau zu stabilisieren. Die Auftragsvergaben für Ein- und Zweifamilienhäuser lagen gut ein Achtel über dem Vergleichswert. Bemerkenswert war eine deutliche Belebung in Bayern. Die Aufträge für Mehrfamilienhäuser variieren von Quartal zu Quartal viel stärker als im Ein- und Zweifamilienhausbau. Das Volumen der neuen Aufträge in diesem Segment konnte zwar im zweiten Quartal 2017 um fast ein Viertel gegenüber dem Jahresanfang gesteigert werden. Die hohen Werte von 2016 wurden allerdings deutlich verfehlt. Im Wirtschaftsbau sorgten einige Großaufträge für eine spektakuläre Auftragsspitze und ein um rund 70 Prozent höheres Volumen. Nur der öffentliche Sektor belebt sich nicht. Die Auftragseingänge für öffentliche Hochbauten waren im zweiten Quartal 2017 erneut rückläufig (minus 44 Prozent). Gegenüber dem Niveau vor fünf Jahren haben sich die Auftragsvolumina in diesem Teilsektor glatt gedrittelt. Erich Gluch ist Dipl.-Ing. und Dipl.-Wirtsch.-Ing. und arbeitet im ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München NACHTRAG Das ifo-Institut führte die Befragung seit Ende der 1970er-Jahre durch – ursprünglich als Forschungsauftrag für das Bundeswirtschaftsministerium. Zuletzt wurden jedes Quartal etwa 500 freischaffende Architekten in allen Bundesländern befragt. Da die Umfrage nun eingestellt wurde, können wir Sie an dieser Stelle zum vorerst letzten Mal mit aktuellen Zahlen versorgen.

Schön bunt

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Der 19-jährige Berliner Paul Eis, derzeit Architekturstudent in Linz, verschönert mit Photoshop allzu triste Plattenbauten, Sichtbetonbalkone oder Putzwüsten. Aber auch anerkannte Wahrzeichen der Baukunst, wie das Berliner Shell-Haus, sind vor dem digitalen Pinsel nicht sicher. Vor hellblauem Hintergrund entstehen meist Kunstwerke in kontrastierendem Pink, Rot, Orange und Gelb. Wer das nachmachen oder den neuen Anstrich des eigenen Hauses simulieren möchte, findet auf der Website des Studenten ein Lehrvideo. Die Kunstwerke sind auch eine Kritik an der zeitgenössischen Architektur und ihrer Weiß-Vorliebe, wie Eis gegenüber Spiegel Online erklärt: „Die meisten Gebäude könnten deutlich interessanter aussehen, aber vielen Architekten ist Farbe anscheinend zu heikel.“  

Mastställe, Dachterrassen und alte Baunutzungsverordnungen

Foto: Fotolia Unsere Übersicht zeigt, welche aktuellen Urteile zum Bauplanungsrecht für Architekten relevant sind TEIL 2 Text: Hubertus Schulte Beerbühl Kindergarten unabhängig vom Wohnort der Kinder zulässig Hessischer Verwaltungsgerichtshof, Beschluss vom 25. Februar 2017, Az.: 3 B 107/11 Gemäß § 3 Abs. 2 Nr. 2 Baunutzungsverordnung (BauNVO) sind in einem reinen Wohngebiet Anlagen zur Kinderbetreuung zulässig, die den Bedürfnissen der Bewohner des Gebiets dienen. Aber wer ist in diesem Sinne „Bewohner“ und was ist das „Gebiet“? Der Hessische Verwaltungsgerichtshof hat entschieden, dass bei der Definition des Begriffs „Bewohner“ nicht die gegenwärtige persönliche Lebenssituation der in diesem Gebiet ansässigen Grundstückseigentümer zu betrachten ist, sondern die objektive Bewohnbarkeit der Grundstücke. Deshalb kommt es nicht darauf an, ob die gegenwärtigen Mieter oder Eigentümer der umliegenden Wohnungen und Häuser Kinder haben. Das Baurecht ist nämlich grundstücksbezogen, weshalb subjektive persönliche Umstände bei der Beurteilung der Zulässigkeit baurechtlicher Vorhaben grundsätzlich außer Betracht bleiben. In Wohngebieten sind Einrichtungen zur Kinderbetreuung baurechtlich objektiv notwendig. Das „Gebiet“ muss sich nicht mit dem konkret festgesetzten oder faktischen Baugebiet decken. Das hat das Gericht daraus abgeleitet, dass gemäß § 1 Abs. 6 Nr. 3 BauNVO bei der Aufstellung von Bauleitplänen insbesondere „die sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung, insbesondere die Bedürfnisse der Familien, der jungen, alten und behinderten Menschen“ zu berücksichtigen sind. Zu diesen Bedürfnissen gehört der Rechtsanspruch des Kindes auf einen Betreuungsplatze. Gerade wegen der danach gebotenen wohnortnahen Versorgung mit Betreuungsplätzen und den damit verbundenen finanziellen Belastungen der Kommunen sei es vielfach nicht möglich, in jedem Wohngebiet eine Kinderbetreuungseinrichtung einzurichten. Deshalb sei ihr baurechtlich zulässiger Einzugsbereich nicht auf das konkrete Wohngebiet, in dem sie liegen, beschränkt. Die Klage eines Nachbarn dagegen, dass in seinem Baugebiet eine Nutzung erlaubt worden sei, die der Gebietsfestsetzung zuwider liefe, wurde abgewiesen. Alte Baunutzungsverordnung verhindert Wohngruppe Bundesverwaltungsgericht, Beschluss vom 20. Dezember 2016, Az.: 4 B 49/16 Eine psychotherapeutische Wohngruppe, in der minderjährige Mädchen untergebracht sind, um sie auf eine Integration in ihre Familien oder die Überleitung in eine andere geeignete Hilfsform vorzubereiten, ist eine „Einrichtung für soziale Zwecke“ und stellt sich nicht als „Wohnen“ im planungsrechtlichen Sinne dar. Denn der Begriff des Wohnens ist gekennzeichnet durch eine auf Dauer angelegte Häuslichkeit, Eigengestaltung der Haushaltsführung und des häuslichen Wirkungskreises sowie Freiwilligkeit des Aufenthalts. Das war in dem entschiedenen Fall nicht zu bejahen, da für die Mädchen stets eine Hauswirtschafterin oder eine Betreuungskraft anwesend war und die Mädchen sich nicht selbst verpflegten. Allerdings sind nach der heutigen Rechtslage Anlagen für soziale Zwecke in reinen Wohngebieten ausnahmsweise zulässig (§ 3 Abs. 3 Nr. 2 BauNVO); deshalb hätte, ein Nachbar kein Abwehrrecht. Anders ist es aber, wenn die BauNVO in den Fassungen von 1968 oder 1977 anzuwenden ist. Denn nach den damaligen Fassungen waren solche Anlagen nicht, auch nicht ausnahmsweise zulässig. In dem vorliegenden Fall war die Fassung von 1968 zu betrachten, weil diese galt, als der Gemeinderat den Bebauungsplan beschloss. Dieser so genannte Grundsatz der statischen Verweisung hat seine Rechtfertigung darin, dass eine Festsetzung nur die Bedeutung haben kann, die der damaligen Vorstellung des Gemeindeparlaments entsprechen konnte. Bestimmungen, die damals noch nicht existierten, konnten nicht von dessen Wille umfasst sein. Dieser Grundsatz zwang auch dazu, die Bestimmung in § 3 Abs. 4 BauNVO auszublenden, nach der zu den Wohngebäuden auch solche zählen, die ganz oder teilweise der Betreuung und Pflege ihrer Bewohner dienen. Denn auch diese wurde erst 1990 in die BauNVO aufgenommen. Bauhöhen in Umgebung ab Geländehöhe zu betrachten Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 8. Dezember 2016, Az.: 4 C 7.15 und Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz, Urteil vom 8. März 2017, Az.: 8 A 10695/16 Die Frage nach dem Einfügen in die nähere Umgebung ist mit Blick auf das Maß der baulichen Nutzung besonders schwer zu beantworten. Denn sie verlangt  Wertungen und die Kenntnis der Maßstäbe, die die Rechtsprechung für die wenig aussagekräftigen gesetzlichen Begriffe herausgearbeitet hat. Dazu hat das Bundesverwaltungsgericht die in ständiger Rechtsprechung entwickelten Grundsätze bezogen auf das Maß der baulichen Nutzung wie folgt zusammengefasst: Bedeutsam seien solche Maße, die nach außen wahrnehmbar in Erscheinung treten und anhand derer sich die vorhandenen Gebäude in der näheren Umgebung leicht in Beziehung zueinander setzen ließen. Ihre absolute Größe nach Grundfläche, Geschosszahl und Höhe, bei offener Bebauung zusätzlich auch ihr Verhältnis zur Freifläche, prägten das Bild der Umgebung und böten sich deshalb vorrangig als Bezugsgrößen zur Ermittlung des Maßes der baulichen Nutzung an. Gebäude prägen ihre Umgebung nicht durch einzelne Maßbestimmungsfaktoren im Sinne des § 16 Abs. 2 BauNVO, sondern erzielen ihre optische maßstabsbildende Wirkung durch ihr gesamtes Erscheinungsbild. Deshalb sei kumulierend auf die genannten Maßfaktoren abzustellen; die Übereinstimmung von Vorhaben und Referenzobjekten nur in einem Faktor genüge nicht. Diese Grundätze wandte das Oberverwaltungsgericht (OVG) Rheinland-Pfalz an und entschied, dass das von dem Kläger in einem Wohngebiet geplante Mehrfamilienwohnhaus mit einer Grundfläche von 320 Quadratmetern, einer Traufhöhe von 7,20 Meter und einer Firsthöhe von 13 Metern dem in der näheren Umgebung vorhandenen Maß der baulichen Nutzung nicht entspreche. Dabei nahm das Gericht entsprechend der üblichen Praxis der Gerichte als Bereich gegenseitiger Prägung grundsätzlich das Straßengeviert und die dem Baugrundstück gegenüberliegende Straßenseite an. Ferner entschied das Gericht, dass die Höhe der umliegenden Häuser auf die Geländehöhe der jeweiligen Grundstücke bezogen wird. Dies ist insbesondere bei Hanglagen entscheidend. Liegt die zur Bebauung anstehende Grundstücksfläche tiefer als die Flächen der bereits bebauten Grundstücke in der näheren Umgebung, wäre es also verfehlt, für das zulässige Höhenmaß die Höhe der Nachbarbebauung bezogen auf das – tiefer liegende – Niveau des Baugrundstücks zu betrachten. Hinsichtlich der Firsthöhe bemisst sich daher das in der Umgebungsbebauung vorhandene Maß nach dem Abstand des Firstes zu der im Lot darunter befindlichen Geländeoberfläche. Will man darüber hinaus die Traufseite beurteilen, würde das Hinausragen der Bestandshäuser über die Geländeoberfläche bei einer Hangbebauung nicht korrekt erfasst, wenn man lediglich die talseitig erfassbare Höhe berücksichtigte.. Um das Höhenmaß einer Hangbebauung (wie zum Beispiel eine bergseitig eingeschossige und talseitig zweigeschossene Bebauung) zutreffend zu erfassen, ist es vielmehr sachgerecht, eine Mittelung der unterschiedlich hohen Traufseiten vorzunehmen. Als Vorbild kann  die Höhenbegrenzung beim Grenzgaragenprivileg im Abstandsflächenrecht dienen (zum Beispiel „mittlere Wandhöhe“). Bei dieser Methode ergab sich, dass die als Vergleichsobjekte zu betrachtenden Gebäude eine deutlich niedrigere Höhe auswiesen, und zwar sowohl für den zur Straße orientierten als auch für den zum Hang orientierten Wandteil. Wenn auch ein Gebäude sich der Höhe des geplanten Gebäudes näherte, schied dieses als Referenzobjekt aus, weil es eine deutlich kleinere Grundfläche hatte. Die auf Genehmigung gerichtete Klage blieb erfolglos. Geruchsimmission darf trotz Gegenmaßnahmen über Richtwerten liegen Bundesverwaltungsgericht, Beschluss vom 7. April 2016, Az.: 4 B 37/15 Kann einem Landwirt ein weiterer Maststall genehmigt werden, wenn zwar einerseits wegen gleichzeitig vorzunehmender Maßnahmen zur Immissionsminderung an seinen vorhandenen, legalen Ställen insgesamt die Belastung in dem benachbarten Dorfgebiet gleich bleibt oder sogar abnimmt, aber andererseits die Richtwerte zur Geruchsimmission heute und in Zukunft überschritten werden? In dem entschiedenen Fall betrug nach einem im Genehmigungsverfahren eingeholten Gutachten die Geruchsfracht nach der Geruchsimmissionsrichtlinie bereits in gegenwärtigen Zustand 34,7 Prozent der Jahresstunden und würde nach Verwirklichung des Bauvorhabens bei 33,7 Prozent liegen. Dem gegenüber sieht die Richtlinie für Dorfgebiete eine Geruchshäufigkeit von lediglich 15 Prozent der Jahresstunden als zumutbar an. Das OVG Niedersachsen hatte auf die Klage eines Nachbarn hin die gestellte Frage verneint. Eine solche so genannte Verbesserungsgenehmigung verletze den Nachbarn in seinem Anspruch auf Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen, weil der Richtwert immer noch überschritten werde. Das Bundesverwaltungsgericht widersprach dem und ließ die Revision gegen das Urteil zu. Es wies darauf hin, dass zwar im Außenbereich ansässige Betriebe auf die benachbarte Wohnbebauung Rücksicht nehmen müssten, welche Anforderungen das Gebot der Rücksichtnahme stelle, hänge aber wesentlich von den jeweiligen Umständen ab. Dabei dürften bestehende Vorbelastungen nicht außer Betracht bleiben. Was von einem genehmigten Betrieb bislang legal an Belastungen verursacht werde und sich auf eine vorhandene Wohnbebauung auswirke, könne deren Schutzwürdigkeit mindern. Deshalb sei bei der Erweiterung eines legalen Betriebes nur zu prüfen , ob eine Verschlechterung der Immissionslage zu erwarten sei. Das sei hier nicht der Fall und deshalb sei die Genehmigung rechtmäßig und nicht rücksichtslos. Anbau legal, Dachterrasse darauf nicht Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen, Beschluss vom 1. August 2016, Az.: 7 A 937/14 Nach § 34 Abs. 1 Satz 1 BauGB ist ein Vorhaben innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile zulässig, wenn es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt und die Erschließung gesichert ist. Dabei umfasst das Merkmal der überbaubaren Grundstücksfläche neben der konkreten Grundfläche des Bauwerks auch den Standort des Projekts innerhalb der vorhandenen Bebauung. In dem entschiedenen Fall ging es um die Legalität einer Dachterrasse auf einem vor Jahren genehmigten Anbau an ein Wohngebäude und einen darüber zu errichtenden Austritt im Dachgeschoss des fünfgeschossigen Hauses. Das Gericht entschied, dass der als „Abstellraum“ genehmigte Anbau selbst bezüglich des Merkmals der überbaubaren Grundstücksfläche als Vorbild ausscheide und deshalb die faktische hintere Baugrenze nicht verschiebe. Es handele sich um eine die rückwärtige Bebauung nicht prägende Nebenanlage zum Wohnhaus als Hauptanlage. Solche baulichen Anlagen, die von ihrem quantitativen Erscheinungsbild (Ausdehnung, Höhe, Zahl usw.) nicht die Kraft haben, die Eigenart der näheren Umgebung zu beeinflussen – und die der Betrachter also nicht oder nur am Rande wahrnimmt – sind nach der Rechtsprechung bei der Betrachtung auszusondern. Außerdem sind jene Anlagen auszublenden, die zwar quantitativ die Erheblichkeitsschwelle überschreiten, aber nach ihrer Qualität völlig aus dem Rahmen der sonst anzutreffenden Bebauung herausfallen und wegen ihrer Andersartigkeit beziehungsweise Einzigartigkeit den Charakter der Umgebung nicht beeinflussen. Das Gericht sah den nicht unterkellerten Anbau also nicht als Teil des Wohnhauses, Er wurde vielmehr, ähnlich wie eine Garage, als Anhängsel zum Wohnhaus wahrgenommen. Auch eine vom Kläger angesprochene Stützmauer und eine Abgrabung auf einem benachbarten Grundstück schieden als prägende bauliche Anlagen aus. Die faktische hintere Baugrenze versprang deshalb nicht in den rückwärtigen Bereich, so dass die streitige Dachterrasse und der Austritt außerhalb der Baugrenze lagen und planungsrechtlich unzulässig waren. Dr. Hubertus Schulte Beerbühl ist Richter am Verwaltungsgericht Münster und Autor eines Lehrbuchs zum Öffentlichen Baunachbarrecht und zum Baurecht NRW MEHR URTEILE: In Teil 1 unserer Übersicht geht es um: – die landschaftsprägenden Eigenschaften eines Gebäudes – zu viel Einsichtnahme trotz genügend Abstand – realitätsfern gewordene Bebauungspläne – zu viel Lärm durch nicht notwendige Stellplätze – unzulässige Befreiungen von Bebauungsplänen Zu den Beiträgen geht es hier  

Mit Stift und Maus

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Hauptpreis und Gewinner "hybride Zeichnung": Jerome Xin Hao Ng (UK). "Memento Mori - A Peckham Hospice Care Home"

Im digitalen Zeitalter erlangt die künstlerische Zeichnung einen ganz besonderen Wert. Erstmals wurde deshalb der internationale „Architecture Drawing Prize“ vergeben. Die faszinierenden Bilder sind handgezeichnet, am Bildschirm entstanden oder kombinieren beide Techniken.  Es finden sich Schmuckdetails und Stadtansichten aus der Vogelperspektive ebenso wie kühne Architekturvisionen und komplexe Schnittperspektiven. Der Preis möchte an das Zeichnen als traditionelles Ausdrucksmittel vieler Architektengenerationen von Andrea Palladio bis Cedric Price erinnern. Gerade in einer visuell geprägten Kultur solle diese Fähigkeit reaktiviert werden und dabei neue technische Möglichkeiten ausgenutzt werden, wie die Auslober finden. Diese sind das Londoner Büro Make Architects, das Sir John Soane’s Museum London und das World Architecture Festival. Mehr Informationen hier

Engpass

Verdichtungspolitik der Stadt im Widerspruch mit öffentlicher Sicherheit. Foto: hhpberlin Brandschutzplanung im Zuge der urbanen Nachverdichtung Text: Karsten Foth, Martin Steinert Wohnraum wird knapper und die Städte reagieren mit Verdichtung in Form von Baulückenschließung, Dachgeschossausbauten oder Hochhausbauten. Doch die Städte müssen nicht nur Raum schaffen, in dem sich die Menschen wohlfühlen, sondern wo sie auch in ihrer Mobilität nicht wesentlich eingeschränkt werden. Mobilität muss mit zeitlich, finanziell und ökologisch vernünftigem Aufwand möglich sein. Mit einem neuen Parkraumbewirtschaftungskonzept von Längs- auf Querparken versucht man, diesem Mobilitätswunsch nachzukommen und gleichzeitig die Vielzahl von Autos im Stadtraum zu kompensieren. Doch trotz aller Platzkapazitätsprobleme sollen die Städte auch Erholungszonen bieten, attraktiver und grüner werden. Stadtbäume haben daher eine besondere Bedeutung. Verdichtung steht im Widerspruch zur öffentlichen Sicherheit Die städtischen Maßnahmen zur Verdichtung sowie die zur Steigerung der Attraktivität stehen jedoch oft im Widerspruch mit der Sicherheit im öffentlichen Straßenraum und stellen auch den abwehrenden Brandschutz vor die Herausforderung, bei der Schaffung von mehr Wohnraum einen gleichbleibend hohen Sicherheitsstandard zu gewährleisten. In verstopften Straßen erhöhen sich die Einsatzzeiten der Feuerwehr, was sich wiederum auf Brandszenario, Brandausbreitung und die Brandbekämpfungsmöglichkeiten auswirkt. Die bislang bewährten Lösungsansätze scheitern zunehmend an den sich verändernden Zuständen in den Innenstädten und so wird es immer schwieriger, Menschen mit den Geräten der Feuerwehr zu retten, da der Rettungsweg von der Straße nicht mehr unproblematisch erreicht werden kann, wenn beispielsweise durch das Querparken die Durchfahrtsbreite vieler Straßen auf bis zu drei Meter sinkt und Hubrettungsfahrzeuge, die eine Breite von mindestens 5,50 Meter benötigen, nicht aufgestellt werden können oder weil Stadtbäume grundsätzlich nicht zurückgeschnitten, geschweige denn gefällt werden, um den Rettungsweg für den Neubau (Dachgeschossausbau oder Lückenschließung) über die Feuerwehr-Drehleiter zu ermöglichen. Die Maßnahmen gehen soweit, dass der notwendige zweite Rettungsweg, der in Deutschland seit Jahrzenten in der Bauordnung verankert ist, in Frage gestellt wird beziehungsweise sein Wegfall bedingt durch den Entfall von Anleiterstellen von den Bauaufsichten nicht beachtet und nicht geahndet wird. Dabei dient er als Fluchtweg zur Selbst- und Fremdrettung und für den Löschangriff der Feuerwehr. Enge Straßen, geprägt durch Stadtbäume und geänderte Parkraumordnungen. Foto: hhpberlin Änderungen der letzten Jahre Um in die Planung der Städte der Zukunft zu schauen, lohnt sich ein Blick zurück, denn diverse Änderungen im Wohnungsbau und dem Nutzungsverhalten der Bewohner haben die Zahl der Toten durch Rauch, Feuer und Flammen in den letzten 30 Jahren halbiert. Das sind zum Beispiel:
  • dichte und selbstschließende Türen zwischen Wohnungen und Treppenräumen für besseren Schall- und Einbruchsschutz
  • feuerhemmende und rauchdichte Türen zwischen Treppenräumen und Kellerräumen
  • konkrete Anforderungen an die Verlegung elektrischer Leitungen in Treppenräumen und Fluren
  • nichtbrennbare oder zumindest feuerhemmende Treppen
  • Rauchableitungsöffnungen aus Treppenräumen
  • massive Bauteile statt Holzbalkendecken
  • Rauchwarnmelder in Wohnungen
  • weniger offene Heizstellen (keine Öfen, keine Asche)
  • höher elektrischer Standard der Haushaltsgeräte
  • weniger Rauchen in den Wohnungen
  • selbstlöschende Zigaretten seit November 2011 (senkt die Zahl der durch Zigaretten verursachten tödlichen Unfälle um mehr als 40 Prozent)
Was in Zukunft zu beachten ist Trotz der positiven Entwicklungen der letzten Jahre stellt sich die Frage, was die veränderten Grundlagen und Ziele für die zukünftige Brandschutzplanung bedeuten. Für neue Wohnhochhäuser ergeben sich keine Anforderungen an die Aufstellflächen für die Rettungsgeräte der Feuerwehr, da diese nach der Muster-Hochhausrichtlinie geplant werden und keine Probleme hinsichtlich der Straßenenge haben. Für die Aufstockung bestendender Wohngebäude ergeben sich jedoch mit Bezug auf die bauordnungsrechtlichen Regelungen folgende Fragen für den Brandschutz:
  • Fällt das Gebäude in eine neue Gebäudeklasse?
  • Wird durch die Aufstockung aus dem Gebäude ein Hochhaus (Fußboden des oberen Aufenthaltsraumes über 22 Meter)?
  • Entfällt der Bestandschutz durch eine Aufstockung?
  • Müssen die Geschossdecken (oft feuerhemmende Holzbalkendecken) und/oder die im Treppenraum vorhandenen dichten Türen durch selbstschließende Türen ersetzt werden?
Festzuhalten ist, dass der Rettungsweg über das Gerät der Feuerwehr für die Aufstockung neu bewertet werden muss und dabei vielfach festgestellt wird, dass die Rettung über die Hubrettungsfahrzeuge nicht möglich ist. Doch was geschieht in diesen Fällen mit dem darunter befindlichen Bestand? Muss das Sicherheitsniveau dort angepasst werden? Auswirkungen auf die Planung Planern muss zum einen bewusst sein, dass es keine 100-prozentige Sicherheit geben kann und auch nicht geben muss. Die Bauordnung stellt das gesellschaftlich akzeptierte Sicherheitsniveau und damit die Planungsgrundlage dar. Der Architekt muss also auch in Zukunft die Bauordnung exakt lesen, um eine Planung zu machen, die die Brandschutzmaßnahmen auf das Nötigste beschränkt und nicht auf das Mögliche ausweitet. An Brandschutzsicherheit darf gespart werden, wenn die öffentliche Sicherheit und Ordnung nicht gefährdet wird und wenn die aktuellen Erfahrungen zeigen, dass materielle Aufwendungen nicht erforderlich sind. Zum anderen ist es wichtig, frühzeitig Brandschutzüberlegungen in die Planung einzubeziehen, also bereits in der Leistungsphase 2 zu prüfen, ob die Straße an einem aufzustockenden Bestandgebäude auch so breit ist, dass im Rettungsfall die Standardlösung (das Anleitern der Feuerwehr) greift, oder ob man andere Lösungen, wie den Sicherheitstreppenraum, benötigt. Lösungen zur Sicherstellung der Rettung Die Maßnahmen zur Sicherstellung der Rettung lassen sich, wie im Arbeitsschutzgesetz priorisiert, entsprechend dem TOP-Prinzip in folgende Kategorien einteilen:
  • Technik
  • Organisation
  • Persönliche Schutzausrüstung
Zunächst gilt es, die technischen Gegebenheiten zu nutzen und zu optimieren. Es ist unstrittig, dass die Feuerwehr entsprechend § 3 des Feuerwehrgesetzes Gefahren der öffentlichen Sicherheit, beispielsweise durch Brände, abzuwehren hat, unabhängig davon, ob es sich um Neu- oder Bestandsbauten handelt. Daher muss bei der Frage des zweiten Rettungsweges über das Gerät der Feuerwehr grundsätzlich von einem einheitlichen Maßstab für Alt- und Neubauten ausgegangen werden und die Großstadtfeuerwehren müssen einen realistischen Platzbedarf für ihre Geräte angeben. Nicht passender Fahrzeugbestand der Feuerwehr ist entsprechend des Versorgungsgrundsatzes umzurüsten, wenn andere als die vorhandenen Hubrettungsfahrzeuge den tatsächlichen Straßenverhältnissen besser gerecht wären – zum Beispiel durch eine variable Abstützung, mitlenkende Hinterachsen oder Knickgelenktechnik. Knickgelenktechnik. Foto: hhpberlin Weitere technische Lösungsmöglichkeiten für das Problem können politisch vorangetrieben und ermöglicht werden, indem die Schutzziele angepasst werden. Aus Hamburg und Berlin gab es Vorschläge, den ersten baulichen Rettungsweg durch das Treppenhaus so sicher zu machen, dass auf den zweiten Rettungsweg über die Leitern der Feuerwehr komplett verzichtet werden kann. Berlin hat das Sicherheitsniveau von Sicherheitstreppenräumen abgestuft, Sicherheitstreppenräume für Wohngebäude mit nichtbrennbaren Fassaden und spezielle Brandschutzanforderungen an Wohnungseingangstüren, Flur und den Weg in den Treppenraum definiert und dies als baulich realisierbare und wirtschaftliche Alternativlösung für den Neubau vorgestellt. Der Vorschlag wurde in Berlin bereits in geltendes Recht umgesetzt. Hamburg beschreibt in seinem Pilotprojekt ebenfalls einen Lösungsansatz für Bestandsgebäude unterhalb der Hochhausgrenze. Dafür werden die Wohnungen in einem bestehenden Wohnhaus mit zusätzlicher Brandschutztechnik (Rauchmeldern, Nebelwasserdüsen etc.) ausgestattet, die die Wohnungstür vor dem Durchbrennen schützen beziehungsweise eine Brandausbreitung in den Flur unterbinden sollen. Doch auch für diese Lösung muss die absolute Forderung, dass Feuer und Rauch nicht in den als Sicherheitstreppenraum geltenden Treppenraum eindringen dürfen, herabgesetzt werden. Brandversuche durchgeführt Auf der von hhpberlin organisierten jährlichen Veranstaltung machtboxLive wurden diese beiden Lösungen im Juni 2017 in zwei Großversuchen präsentiert, mit dem Ziel, Erfahrungswerte zum Sicherheitsniveau dieser Vorschläge zu gewinnen. In den Versuchen wurden Wohnungsbrände simuliert und mit Mess- und Videotechnik dokumentiert. Anhand von Dioramen wurden die Versuchsaufbauten veranschaulicht und die Teilnehmer erhielten die Möglichkeit, über die Vor- und Nachteile der einzelnen Versuchsaufbauten zu diskutieren. Eine organisatorische Maßnahme zur Verbesserung der Rettungswegsituation wäre beispielsweise eine flächendeckende Aufklärung mit dem Appell, dass Menschen in den Wohnungen, die nicht vom Brand betroffen sind und in denen die baulichen Voraussetzungen gegeben sind, verbleiben und im Brandfall nicht unnötig die Feuerwehr beschäftigen. Derartige Maßnahmen wären dann im Sinne einer allgemeinen Brandschutzaufklärung als Bestandteil von Bildung und Erziehung gesetzlich zu regeln, wie es beispielsweise im Brandschutzgesetz der DDR der Fall war. Persönliche Schutzausrüstungen zur Sicherstellung der Rettung sind nach der Rangfolge im Arbeitsschutzgesetz nur dann einzusetzen, wenn technische und organisatorische Maßnahmen nicht umgesetzt werden können. Dazu zählen Rettungs-und/oder Fluchthauben, um Personen durch verrauchte Bereiche zu führen. Durch diese erübrigt sich heute in vielen Fällen eine Rettung über die Feuerwehrleitern. Aufgaben für die Zukunft Für die Brandschutzplanung von Wohnungsbauten, die durch die zunehmende Enge in den Städten erschwert wird, werden einheitliche Regeln benötigt, die auch die Bestandsbauten abdecken. Um die Anforderungen an den vorbeugenden Brandschutz erfüllen zu können, muss die Politik klare Entscheidungen bei der Förderung von günstigem Wohnraum in großen Städten treffen. Berlin hat in der Vergangenheit konkrete Erleichterungen für Dachaufstockungen oder für Wohnhochhäuser beschrieben, die den zweiten Rettungsweg überflüssig machen. Vor allem unter Beachtung des reduzierten brandbedingten Todesrisikos heutzutage durch die Nutzungs- und baulichen Änderungen der letzten Jahre ist der Verzicht auf einen zweiten Rettungsweg unter bestimmten Randbedingungen gegenüber dem Großteil des Wohnungsbestands ohne Senkung des Sicherheitsniveaus legitim. Die Feuerwehr muss realistische Mindestanforderungen an die Aufstellflächengröße definieren und den Fahrzeugpark gegebenenfalls an das notwendige Minimum anpassen. Ein Zusammenschluss der großen deutschen Städte bezüglich eines Anforderungsprofils und gemeinsame Ausschreibungen bei der Fahrzeugbeschaffung wären dafür hilfreich. Für Architekten ist die frühzeitige Brandschutzbetrachtung bei der Planung zeit- und geldsparend. Ein Sicherheitstreppenraum im Gebäude kann bei unzulänglicher Straßenbreite eine geeignete Brandschutzlösung darstellen. Auf dieser Grundlage können Bauherren mit Hilfe eines starken Planungsteams einen Brandschutz planen, der auf das Nötigste beschränkt, aber weder unsicher noch gesellschaftlich inakzeptabel ist. Es werden Maßnahmen gebraucht, die den Preis senken, aber nicht die Planungskosten. Dipl.-Ing. Karsten Foth ist geschäftsführender Gesellschafter der hhpberlin Ingenieure für Brandschutz GmbH M. Eng. Martin Steinert ist Sachverständiger für vorbeugenden Brandschutz bei der hhpberlin Ingenieure für Brandschutz GmbH

Der Architekt trägt alles

Online-Umfrage zur Objektversicherung und zur gesamtschuldnerischen Haftung Architekten leiden oft unter den Folgen der Gesamtschuld. Obwohl meist Bauleitungsfehler und Ausführungsmängel zusammentreffen, haftet de facto allein der Architekt. Das treibt die Versicherungsprämien in die Höhe. Architekten, Bauingenieure und Sachverständige können nun ihre praktischen Erfahrungen dazu in ein Forschungsprojekt einfließen lassen, das die Situation analysieren und Verbesserungsvorschläge machen soll. Das Projekt wird von dem Marburger Professor Dr. Voit und der AFC Consulting Group betreut und soll dem Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz in einem Gutachten u.a. Hinweise geben, wie die Ansprüche von Bestellern einer Bauleistung auf Fertigstellung und Mängelgewährleistung verpflichtend abgesichert werden können. Die Architektenkammern sind im Beirat des Forschungsprojekts vertreten und haben erwirkt, dass die gesamtschuldnerische Haftung in diesem Zusammenhang hinterfragt wird. Nehmen Sie an der Online-Umfrage teil, um die Position der Architekten zu stärken.

Orte der Wahl

In Deutschland wird auch an ungewöhnlichen Orten gewählt. Die Fotografen Ansgar Dlugos und Manuel Kaufmann haben einige dokumentiert.

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So ein Wahltag ist ja eigentlich auch ein etwas anderer Tag der Architektur: Man bekommt Einblicke in Räumlichkeiten, die man sonst selten betritt. Nur in diesem Fall wird man eben mit geballter Alltagsarchitektur konfrontiert, was ja durchaus erfrischend sein kann. Die meisten werden sicherlich in einer Schule, einem Kindergarten oder einem Gemeindehaus zur Urne gehen. Doch in Deutschland wird auch im Schwimmbad, im Hotel, im Autohaus oder im China-Restaurant gewählt, solange die räumlichen Voraussetzungen stimmen. Mit Bankfilialen jedoch gab es schon Probleme wegen der Überwachungskameras. Man findet sogar Erlebnisberichte vom Wahlgang im Müllheizkraftwerk oder in der Kneipe „Irrenhaus“. Was das für die Politik bedeutet, sei dahingestellt. Einige besondere Wahllokale haben Ansgar Dlugos und Manuel Kaufmann fotografiert. www.ansgardlugos.de www.manuelkaufmann.de  

Achtung! Honorarverlust droht

Ein Architektenvertrag mit einem privaten Auftraggeber unterliegt womöglich dem Widerrufsrecht für Verbraucher Text: Sinah Marx Humorige Juristen bezeichnen den Verbraucher gern als heilige Kuh des Europarechts, weil er besondere Schutzrechte zugesprochen bekommt. Ein Ausdruck des Schutzes, der Verbrauchern zukommt, ist die europäische Verbraucherrechterichtlinie, die vor gut drei Jahren in deutsches Recht umgesetzt worden ist (vgl. DAB 06.14: Mehr Verbraucher-Rechte – mehr Architekten-Pflichten). Seitdem kann ein Architektenvertrag von einem Verbraucher-Auftraggeber, also einer natürlichen Personen, die für sich selbst privat baut, 14 Tage lang widerrufen werden, wenn der Vertrag außerhalb der Geschäftsräume des Architekten abgeschlossen wurde. Darüber müssen Architekten ihre Verbraucher-Auftraggeber – möglichst beweisbar – im Vorfeld des Vertragsschlusses in Textform informieren. Unterbleibt diese Information, kann der Bauherr den Vertrag sogar zwölf Monate und 14 Tage lang frei widerrufen. In einem solchen Fall hat das Oberlandesgericht Köln (OLG) kürzlich entschieden, dass dem Architekten infolge des Widerrufs kein Honorar für die erbrachten Leistungen zusteht (Beschluss vom 23.03.2017 AZ.: 16 U 153/16). Dem Ansinnen der Architektenkammern, den Architektenvertrag – wie den Bauvertrag – gesetzlich vom Widerrufsrecht auszunehmen, ist der Gesetzgeber bisher nicht nachgekommen, obwohl eine ähnliche Sachlage vorliegt. Einer Übertragung der Regelung zum Bauvertrag auf den Architektenvertrag hat das OLG Köln aus europarechtlich-formalen Gründen leider eine Absage erteilt. Deswegen ist es Architekten dringend geraten, vor Abschluss von Verträgen mit Verbrauchern ihren Informationspflichten nachzukommen und bei Verbraucherverträgen, die sie außerhalb ihrer Geschäftsräume schließen, vorab auch über das Widerrufsrecht zu belehren. Mehr Informationen zum Thema beinhaltet oben genannter Artikel; Hilfestellungen zu Formulierungen geben die Architektenkammern. Übrigens: Wenn Architekten Verträge im eigenen Büro schließen, steht dem Auftraggeber kein Widerrufsrecht zu. Sinah Marx ist Rechtsreferentin der Hamburgischen Architektenkammer  

DAB-Umfrage Arbeitsmarkt für Architekten

Waren einst Stellenangebote für Architekten äußerst rar, hat sich die Lage inzwischen nahezu umgekehrt. Inzwischen werden Planer von Baufirmen, Büros und Verwaltungen händeringend gesucht. Wie bewerten Sie Ihre Situation auf dem Arbeitsmarkt? Wie verlief Ihre letzte Jobsuche? oder Wie haben Sie gute MItarbeiter gefunden? Teilen Sie unten auf dieser Seite im Kommentarbereich Ihre Meinung, Erfahrungen, Fragen mit uns und den Kollegen!

Skulptur trifft Architektur

Bei den Skulptur Projekten 2017 in Münster und Marl werden viele Bezüge zum Stadtraum und zu seiner Architektur hergestellt. Unsere Empfehlungen Auswahl: Heiko Haberle Alle zehn Jahre wird Münster bei den Skulptur Projekten um dutzende Skulpturen, Plastiken und Installationen reicher. Kunstliebhaber haben dieses Jahr noch bis zum 1. Oktober für Ihre Entdeckungsreise Zeit. Einige Künstler setzen sich dabei besonders mit vorhandenen und  verschwundenen Bauwerken oder mit dem öffentlichen Raum auseinander. Zweiter Ausstellungsort ist erstmals die von der Nachkriegsmoderne geprägte Stadt Marl, die mit dem Skulpturenmuseum „Glaskasten“ und viel Kunst im öffentlichen Raum ohnehin einen Besuch wert ist. Unser Überblick zeigt, was Sie nicht verpassen sollten.   Christian Odzuck: OFF OFD Am Standort der abgerissenen Oberfinanzdirektion (Architekten: HPP, 1966) rekonstruierte Christian Odzuck die verschwundene Freitreppe als Attrappe. Den früheren Pylon in ihrem Treppenauge deutet er mit Betonfertigteilen an. Die Installation steht in einem Schotterbett, das aus Bauschutt der Oberfinanzdirektion gewonnen wurde. Beleuchtet wird sie von der versetzten und reaktivierten Laterne des ehemaligen Parkplatzes. „Mit der Platzierung seines Werkes vor das Anti-Panorama des brachliegenden Baufeldes verweist Odzuck auf diesen fragilen Schwebezustand zwischen Abriss und Neubau und die städteplanerischen und gesellschaftlichen Potenziale, die daraus entwachsen können“, so die offizielle Werkbeschreibung (WB). Pierre Huyghe: After ALife Ahead In einer dem Abriss geweihten Eissporthalle tut sich der Boden unter den Füßen auf. Unter dem aufgefrästen Beton bricht eine urwüchsige Landschaft hervor, in der Menschen, Tiere und Technik interagieren. Hier leben Ameisen, Bienen, Algen und Bakterien. Menschliche Krebszellen, die sich in einem Inkubator permanent teilen, bestimmen etwa, was man über eine App als virtuelle Ebene auf dem Handy sieht. Die Variationen im Muster eines Schneckenhauses bewirken das Öffnen und Schließen eines pyramidenförmigen Dachfensters. „Biologisches Leben, reale und symbolische Architektur und Landschaft, sichtbare und unsichtbare Prozesse, statische und dynamische Zustände verschmelzen miteinander zu einer unsicheren Symbiose.“ (WB) Ayşe Erkmen: On Water Wie Jesus übers Wasser laufen kann man im Stadthafen von Münster. Ayşe Erkmen macht das Hafenbecken zur Bühne, die eine neue Perspektive auf die Stadt eröffnet. Ganz nebenbei ist das bisher wenig genutzte Südufer plötzlich ganz leicht erreichbar. Das Projekt fragt: „Wie werden Grenzen auf Landkarten gezogen und soziokulturelle Zugänglichkeit auf dem Reißbrett geregelt? Wie können einmal gebaute Hürden physisch und metaphorisch überwunden werden?“ (WB) Der breite Unterwassersteg wurde aus Überseecontainern, Stahlträgern und Gitterrosten konstruiert. Er besitzt keine Absturzsicherung, sodass Vorsicht geboten ist. Daher stehen permanent Rettungsschwimmer und Taucher bereit. Am Wochenende wird das meditative Wasserwandeln allerdings zum bunten Familienevent. Oscar Tuazon: Firebuilding Im noch etwas wilden Außenbereich des Stadthafens ließ Oscar Tuazon ein rätselhaftes Betonobjekt gießen und in der Schalung stehen. Diese sollte abgebrochen und in der Feuerstelle des Objekts verbrannt werden. Als Aussichtsplattform, Sitzbank, Grill und Feuerstelle, die etwa von den hier lebenden Obdachlosen genutzt wird, ist nicht das übliche Kunstpublikum Tuazons Zielgruppe. Die Spuren des Feuers und die vielen Graffitis haben die Skulptur bereits verändert und zeugen von der gewünschten Inbesitznahme. „Der wärmespendenden Skulptur, die als offizielle Architektur im regulierten städtischen Raum kaum denkbar wäre, kommt eine soziale Dimension zu. Sie impliziert eine Form von Partizipation, die sich der Kontrolle ebenso entzieht, wie der Zustand des Niemandslandes.“ (WB) Thomas Schütte: Nuclear Temple 3 Meter hoch und 2,5 Tonnen schwer ist der rätselhafte Kuppelbau aus oxidiertem Stahl in Münsters altem Zoo – als Haus zu klein, als Modell zu groß. Die acht kleinen Tore führen in einen nach oben offenen Kern, der freilich nur Kindern zugänglich ist. Der Kern als Nucleus könnte den Namen erklären. Aber erinnert die Kuppelform nicht auch an ein Atomkraftwerk oder gar an eine Atombombe, womöglich in Originalgröße? Die Deutungsmöglichkeiten sind vielfältig, zumal der „Tempel“ auch die Sichtverbindung zu zwei vorhandenen Rundbauten herstellt: zur Ruine des ehemaligen Eulenturms und zum „Wasserbären“, dem Teil eines alten Wehres. „In dieser Konstellation aktualisiert sich der Blick auf Stadtgeschichte, die immer auch eine technologische und militärische ist, auf Kolonialgeschichte, die in Münster zum Beispiel in den sogenannten Völkerschauen im Alten Zoologischem Garten präsent war (…). Der Nuclear Temple verweist auf die Fluchtlinien der Zivilisation und ihre Vernichtungen.“ (WB) Hito Steyerl: HellYeahWeFuckDie Im „futuristisch-technokratischen“ Gebäude der Westdeutschen Landesbausparkasse (Architekt: Harald Deilmann, 1975) zeigt Steyerl eine Installation aus leuchtenden Betonbuchstaben, Absperrgittern und Filmen. Thematisiert werden die Wechselwirkungen von Massenkultur, Technologie, Macht, Gewalt und Kunst. Der Titel der Installation setzt sich aus den fünf am häufigsten verwendeten Worten der englischsprachigen Musikcharts zusammen. In den Videos geht es um die Entwicklung humanoider Roboter und den Einsatz von Computern im Krieg, etwa in der kurdischen Stadt Cizre. Es ist der Geburtsort des Autors und Ingenieurs al Dschazari, der bereits im Jahr 1205 das Werk „Automata“ über mechanische Apparaturen veröffentlichte.

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Diese junge Dame schaut aus dem Fenster...

CAMP: Matrix Am Theater Münster (Architekten: Harald Deilmann, Max von Hausen, Ortwin Rave, Werner Ruhnau, 1956) stellt das indische Künstlerkollektiv CAMP verschiedene Bezüge zwischen Gebautem und Unsichtbarem, etwa Elektrizität, Kommunikation und Überwachung her. Schwarze Kabel vernetzen den Nachkriegsbau mit dem erhaltenen Portal des Vorgängers. Auf Knopfdruck ertönt die Glocke der benachbarten Kirche, die sogleich, gemixt mit den Beats der Band „Kraftwerk“, zu einem neuen Sound wird. Ein weiterer Knopf animiert auf der anderen Straßenseite eine junge Dame ans Fenster zu treten. Wohnt sie wirklich dort oder ist sie virtuell? „Moderne Architekturelemente und ihre Behauptungen, etwa der Transparenz und Durchlässigkeit versprechende Einsatz von Glasfassaden, werden im Hinblick auf ihre tatsächlichen (…) Qualitäten befragt: Wer befand sich historisch und befindet sich heute vor der Scheibe, wer dahinter? (…) Welche Wege gibt es, sich trotz allem Zugang zum System zu verschaffen?“ (WB) Nairy Baghramian: Beliebte Stellen Baumstamm, Wurm, Schlange? Vor und hinter dem Barockpalais des Erbdrostenhofs wirken organisch erscheinende Segmente einer größeren Form wie mal eben so abgelegt. Die lackierten Bronzerohre spielen mit ihrem Titel auf den „beliebten“ Standort an, der bereits  1987 und 2007 Schauplatz der Skulptur Projekte war. „Baghramian antizipiert mit ihrem Werk (…) die behauptete Ortsspezifik der vorangegangenen Setzungen, die vor allem im Werk von Richard Serra (1987) eine zentrale Rolle spielt. Erst nach der aktuellen Ausstellung, im Fall eines Ankaufs der Arbeit, sollen die Einzelteile der zunächst provisorischen und nur mit einer Vorlackierung versehenen Skulptur verschweißt und das Werk vollendet werden.“ (WB) Abstecher nach Marl: The Hot Wire In Marl findet mit „The Hot Wire“ ein Ableger der Skulptur Projekte statt. Thomas Schütte schuf dafür auf einem unscheinbaren Parkplatz neben dem Rathaus die „Melonensäule“, einen Zwilling seiner Münsteraner „Kirschsäule“ von 1987. Andere Kunstwerke werden zwischen Münster und Marl ausgetauscht, um in anderem Kontext eine neue Wirkung zu entfalten – so auch die Installation „Angst“ von Ludger Gerdes, die sich am Marler Rathaus befindet. Das Skulpturenmuseum „Glaskasten“ zeigt außerdem Modelle aus dem Archiv der Skulptur Projekte. Mehr Informationen: www.skulptur-projekte.de www.skulpturenmuseum-glaskasten-marl.de/de/thehotwire/

Wohnen als Experiment

1. Preis: Tim Schäfer, Pablo Donet Garcia und Tanja Reimer aus Zürich Beim offenen Realisierungswettbewerb einer jungen Genossenschaft werden Wohn- und Architekturgewohnheiten hinterfragt Text: Heiko Haberle Ein „forschendes Bauprojekt“ möchte die Münchener Genossenschaft „Kooperative Großstadt“ in der Messestadt Riem verwirklichen. „San Riemo“ soll 29 Wohnungen für etwa 100 Bewohner, Gemeinschaftseinrichtungen und eine Ausbildungswerkstatt enthalten. Es waren Grundrisse gewünscht, die kollektiv oder individuell genutzt werden können. Dazu lobte die Genossenschaft einen mit 50.000 Euro dotierten offenen Realisierungswettbewerb aus, dessen finale Jurysitzung öffentlich war. So viel Mut wurde mit 62 unkonventionellen Entwürfen belohnt, die sonst so nur an Universitäten zu finden wären. 1. Preis: Zum Laubengang (oben) liegen die offenen Wohnbereiche, zur Straße (unten) die privaten Zonen. Der erste Preis geht an Tim Schäfer, Pablo Donet Garcia und Tanja Reimer aus Zürich. Sie stellen eine rationale Struktur aus Beton und weißem Mauerwerk bereit. Die Wohnungen werden von Laubengängen erschlossen, die auch als Terrassen dienen. Daran schließen sich offene Wohnbereiche an, während die kleinteiligen privaten Zonen zur Straße liegen. 2. Preis: Summacumfemmer und Juliane Greb aus Leipzig Der metallisch-gläserne Baukörper der zweitplatzierten Summacumfemmer und Juliane Greb aus Leipzig ist nahezu komplett mit Räumen ausgefüllt. In einer Mittelzone liegen Treppenhäuser, direkt in die Wohnungen führende Aufzüge und Gemeinschaftsräume mit Verteilerfunktion – in den Außenzonen nutzungsneutrale Zimmer. 3. Preis: Lütjens Padmanabhan Architekten aus Zürich Auf dem dritten Platz kehren mit dem beschwingten, collageartigen Entwurf von Lütjens Padmanabhan Architekten aus Zürich Formen und Farben der frühen 1990er-Jahre zurück. Als Gemeinschaftsfläche dienen doppelgeschossige Zonen, um die herum sich meist kleinere Wohnungen oder Einzelzimmer gruppieren. Alle eingereichten Arbeiten sind auf www.kooperative-grossstadt.de anzuschauen.   Nachtrag Nach einer Überarbeitungsrunde hat die Genossenschaft entschieden, den zweitplatzierten Entwurf von Summacumfemmer und Juliane Greb zu realisieren. Den ersten Preis batrachtet man als mit dem vorhandenen Budget nicht umsetzbar.  

Neubau, Umbau, Selbstausbau

Wohnungen im Rohbau, Büros in der Wurstfabrik und Haustechnik per Handbetrieb. Am Tag der Architektur 2017 gab es in Berlin und Essen viel zu entdecken Berlin: Veredelt, roh oder farbenfroh Text: Heiko Haberle Mit ganz wenig Geld bauten Praeger Richter Architekten ihr „Ausbauhaus“ für eine Baugruppe in Neukölln. Die regalartige Konstruktion aus Fertigteilen, eine herkömmliche WDVS-Fassade und der Verzicht auf alles Unwesentliche halfen dabei. Die Einheiten wurden als Rohbau, Loft oder Wohnung angeboten. Das „Loft“ mit Estrichboden, Sichtbeton, Heizkörpern, Aufputz-Leitungen und eingestellter Bad-Box kostete nur 1.145 Euro pro Quadratmeter (KG 300-400). Die „Wohnung“ mit ­Zwischenwänden, Leitungen unter Putz, gespachtelten Oberflächen und Parkett nur 150 Euro mehr. Obwohl im zweiten Stock, wähnen sich beim Besuch im Loft-Typ dann selbst Hartgesottene zuerst in einer Garage – bedingt durch Beton, Neonröhren und ­einen raumhohen Rollladen, der wohl eine Abstellkammer verbirgt. Doch die zehn ­Meter Deckenspannweite bei drei Metern Raumhöhe und vor allem die riesige Loggia erzeugen schon nach wenigen Schritten ein lichtes und durchaus wohnliches Gegenbild.

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Ausbauhaus: Die Bewohner konnten sich zwischen drei unterschiedlich weit ausgebauten Typen entscheiden: Selbstausbau, Loft oder Wohnung.

Wie lange solche Experimente noch möglich sein werden, ist fraglich, denn Baugruppen seien wegen steigender Grundstückspreise eine „aussterbende Art“, berichtet Christoph Roedig vom Büro roedig schop bei der Führung durch das Wohnhaus an der Heinrich-Heine-Straße .  Das steht im früheren Mauerstreifen zwischen Mitte und Kreuzberg, wo es noch vor zehn Jahren Grundstücke für unter 200.000 Euro gab. Die Baugruppe zahlte schließlich schon mehr als das Vierfache und verzichtete folglich auf einen Gemeinschaftsraum. Die geplante Dachterrasse wich einem Penthouse. An der Architektur sind jedoch kaum Sparzwänge erkennbar. Statt WDVS-Fassade gibt es viel Glas und Aluminium. Die Straßenseite kann mit verschiebbaren Tafeln aus Streckmetall verschattet werden. Die Gartenfassade besitzt große Balkone. Trotz Pragmatismus ist man engagiert: So verhinderte man, dass nebenan ein Flachbau-Discounter mit Parkplatzwüste entsteht. Das erschwerte allerdings den Bauprozess, weil sich nun auch der Kran an die Grundstücksgrenze halten musste und bei herumliegenden Gegenständen eine Abmahnung drohte. Der Stadt wird diese Standhaftigkeit sicher guttun und bisweilen erfreut das in Auftrag gegebene farbenfrohe Wandbild der Künstlergruppe various&gould.

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Heinrich-Heine-Straße: Die Baugruppe errichtete ihr Haus im ehemaligen Mauerstreifen.

Viel Farbe verbirgt sich auch hinter dem Schuppenkleid der gerade erst eröffneten „Botschaft für Kinder“  des SOS Kinderdorfs. Hier, unweit des Hauptbahnhofs, stapelten Ludloff Ludloff Architekten hinter einer Fassade aus Holztafeln und Sonnenschutzelemnten eine wahrlich bunte Mischung aus Funktionen: ein Ausbildungsrestaurant, darüber ein Konferenzsaal, dann Verwaltung und schließlich zwei Etagen für ein Ausbildungshotel samt Dachbar. Überall finden sich kräftige Farben, sanfte Schwünge und interessante Materialien: Da ist der dunkelblau gestrichene Akustikputz im Restaurant, eine gelbe Sitznische im Konferenzsaal, In den Treppenhäusern ein einfaches Geländer aus dem Wohnungsbau der Nachkriegsmoderne, dafür aber im Foyer ein Handlauf aus Holz. Da sind einzelne Glasbausteine in der  Wand der Bibliothek und die Möbel der Hotelzimmer, die in einer SOS-Einrichtung nach Entwürfen der Architekten gebaut wurden. Das alles überspielt geschickt, dass auch dieses Haus einfach und handfest ist. Die Konferenztechnik mit all ihren Kabeln ist an der Decke sichtbar, aber durch ein weißes Gitter mit ovalen Ausschnitten verschleiert. Außer in den Tagungsräumen wird per Hand gelüftet. Und wer Sonnenschutz braucht, öffnet das Fenster, packt eine der textilen Schuppen an ihrem riesigen Griff und verschiebt sie. So macht Haustechnik Spaß!

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Das Restaurant im Erdgeschoss überzeugt mit Materialkombinationen von Holz, Sichtbeton und Akustikputz, mit roten und blauen Flächen sowie geschwungenen Formen.

Essen: Von der Wurst- zur Denkfabrik Text: Stefan Kreitewolf „Früher hingen hier die Schweinehälften von der Decke“, erzählt Dieter Homscheidt. Der 72-jährige pensionierte Metzger ist nach 22 Jahren Abwesenheit zum ersten Mal zurück an seinem ehemaligen Arbeitsplatz. Bis 1985 arbeitete er in der traditionsreichen Essener „Julius Lind Fleischwarenfabrik“ im Mathildenhof. Seither ist viel passiert. Der Strukturwandel hat das Ruhrgebiet verändert. Das Viertel ist heute Hort der Kreativen. Die Wurstfabrik steht noch. Einzig: „Das Haus ist kaum wiederzuerkennen, aber sehr schön“, sagt Homscheidt. Das ist der Verdienst von Thomas Hannemann. Der Architekt, der den 16-monatigen Umbau in Abstimmung mit Bauherr Arno Sousa durchführte, hat mitgehört. „Dort wo früher die Schweinhälften hingen, ist heute ein lichtdurchflutetes Atrium“, sagt er. „Neben den einstigen Räucherräumen arbeiten heute junge Werber.“ Für Hannemann, der nach der Fertigstellung des Gebäudes im Frühjahr 2016 selbst mit seinem Büro in den Mathildenhof zog, war das Projekt eine echte Herausforderung. „Vieles konnte nur Stein für Stein abgetragen werden“, berichtet der Architekt. Das Gebäude liegt mitten in einem Wohngebiet. Hinzu kommt: „Bei den Arbeiten tauchten immer wieder Räume auf, von denen niemand etwas wusste und die auf keinen Plänen eingezeichnet waren“, sagt Hannemann.

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Die umgebaute Wurstfabrik in Essen

Die alte Fabrik, die Bauherr Sousa erstmals im Februar 2012 im Halbdunkel mit der eigenen Taschenlampe besichtigte, ist im neuen Gewand auf Begegnung angelegt. „Wir haben alles zu Licht gemacht, was es gab, und sogar die alten Lüftungsluken zu Oberlichtern ausgebaut und kleine Gebäudeteile abgerissen“, erzählt Hannemann. Zentrale Themen beim Umbau seien neben Licht, Luft und Kommunikation gewesen. Das passt: Alle acht Büros gehen von dem großen Gemeinschaftsraum ab. Auf 820 Quadratmetern Fläche gibt es sowohl Einzelbüros als auch Co-Working-Spaces. Die große Küche und der Konferenzraum sind offen für alle Mieter. Jedes Büro hat eine eigene Terrasse. Sousa, der insgesamt 1,6 Millionen Euro investierte, erklärt: „Die acht Mietparteien sollen ganz bewusst eine kreative Gemeinschaft bilden.“ Von der Wurst- zur Denkfabrik, das wollten am Tag der Architektur viele Besucher sehen. Während der dreistündigen öffentlichen Begehung waren der Hinterhof und das Gebäude mit circa 200 Besuchern gut besucht. Homscheidt, der per Zufall am Tag der Architektur den Weg zu seinem ehemaligen Arbeitsplatz fand, ist beeindruckt. „Für mich ist das ein wahrer Feiertag“, sagt er und muss weiter. Er ist Besucher und Insider zugleich. Und die nächste Gruppe möchte Geschichten aus der alten Zeit hören. Und prompt hängen zehn Menschen an seinen Lippen, während er von Schweinehälften erzählt. Das gibt es so nur zum Tag der Architektur.

Von wegen grau

In Frankfurt (Oder) lässt sich bestaunen, wie abwechslungsreich die ost-moderne Kunst am Bau und im Stadtraum war. Die Stimmen für ihren Erhalt werden lauter Text: Heiko Haberle Viel Kunst ist schon unwiederbringlich hinter Dämmung verschwunden, wurde einfach verschrottet oder gestohlen. Doch in Frankfurt (Oder) besinnt man sich nun auf das reiche Erbe, das man trotz allem noch besitzt. Als ehemalige Bezirksstadt mit einem im Zweiten Weltkrieg stark zerstörten Zentrum hat man viel Bausubstanz aus den 1950er- bis 1980er-Jahren vorzuweisen. Weil weniger Investitionsdruck herrscht als beispielsweise in Potsdam, konnte sich vieles davon noch im Originalzustand halten, inklusive der begleitenden Kunst. Martin Maleschka kennt wohl jedes einzelne dieser Objekte. Er hat in Cottbus Architektur studiert und ist seitdem unermüdlich als eine Art Aktivist für die ost-moderne Architektur und besonders für die Kunst im Einsatz. Maleschka reist durch ganz Ostdeutschland und dokumentiert  sie systematisch, fotografiert, führt Tabellen, recherchiert Künstler, baut ein Zeitschriften-Archiv auf. Mit seinen Fotos ist er in sozialen Netzwerken unterwegs, doch was er macht, ist zugleich eine längst überfällige kunstwissenschaftliche Grundlagenforschung. Maleschka selbst wuchs in Eisenhüttenstadt auf, der Vater arbeitete im örtlichen Plattenwerk. Wenn er an seinen längst abgerissenen Wohnblock denkt, fallen ihm die großen Wandbilder aus bunten Fliesen ein, die einen Baum, eine Ente, einen Fisch und einen Schwan zeigten. Die Erinnerung an die „Platte“ als Heimat bildet nun den Auftakt zur Ausstellung „Was macht die Kunst, Frankfurt (Oder)?“, die Maleschka gemeinsam mit der Kulturwissenschaftlerin Sahra Damus und dem Professor für Denkmalkunde Paul Zalewski konzipiert hat.

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Mit der ehemaligen Bezirksparteischule, die heute als Nebengebäude des Audimax auf eine Nachnutzung wartet, haben die Ausstellungsmacher schon Ort passend gewählt: Hier hat sich eine farbige Hinterglasmalerei von Eberhard Hückstädt erhalten, die nun Teil der Ausstellung ist. In einem einsehbaren Nebenraum hängt noch das von Peter Rockel entwickelte System aus Stangen und Kugelleuchten, das man aus dem Palast der Republik kennt. Wer ansonsten bestenfalls Beton-Formsteine erwartet, wird eines besseren belehrt. Nicht nur gab es von ihnen unzählige Varianten, sondern außerdem Metallarbeiten, Skulpturen, Sgraffiti (in den Putz gekratzte Reliefs), Mosaike oder glasierte Keramik. Von dieser Vielfalt zeugen neben den Fotos von Martin Maleschka  beispielhafte Objekte, die aus einem Depot der Stadt Frankfurt stammen. Dort werden gerettete Arbeiten eingelagert, bis sie im Idealfall wieder einen neuen Standort finden. Deutlich wird auch, dass die Kunst nicht aus den zentralen Bauabteilungen stammt, sondern durchaus von großen Namen, öfter jedoch von regionalen Künstlern. Zugleich gelingt ein Überblick über die politische Rolle der Kunst und ihre zeitliche Entwicklung: „Die Kunst am Bau war in der DDR viel stärker ausgeprägt als in der BRD“, berichtet Maleschka. „Zunächst sollte der Aufbau des sozialistischen Staates mit Bildern unterstützt werden, zum Beispiel mit Darstellungen lokaler Industriezweige oder Motiven aus dem Familien- und Alltagsleben, etwa der Schlüsselübergabe zur neuen Wohnung. Es folgten aber auch rein dekorative Arbeiten, die sich auf die Natur oder lokale Sehenswürdigkeiten beziehen. Gegen Ende der DDR findet man oft geometrische Muster.“

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Teil der Ausstellung in der ehemaligen Bezirksparteischule ist die Hinterglasmalerei in Acrylfarbe auf mattiertem Glas von Eberhard Hückstädt.

Eine öffentliche Diskussion über die Kunst in der Stadt möchte Sahra Damus anstoßen. Für die Grünen sitzt die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Viadrina im Stadtparlament und dadurch auch im Stadtentwicklungsausschuss, im Kunstbeirat sowie im Aufsichtsrat der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft. „Wir wollen keine Ostalgie betreiben, sondern eine ernsthafte Debatte darüber führen, was welchen künstlerischen Wert hat“, sagt Damus. Dazu gehöre auch eine fundierte Bestandsaufnahme und Bewertung, um bei bevorstehenden Sanierungen, wie etwa am Rathaus mit seinen bunten Glasfenstern, Auflagen zur Erhaltung formulieren zu können. Große Hoffnungen richten sich außerdem auf das „Lichtspieltheater der Jugend“, das noch inklusive Leuchtschrift und zwei Sgraffiti mit Stadtmotiven auf eine Nachnutzung wartet.  Das gerade gegründete Brandenburgische Landesmuseum für Moderne Kunst wäre beispielsweise ein idealer Nutzer, findet Damus. Wichtige Etappenziele wurden jedenfalls schon auf der Vernissage erreicht: Bei mehreren ausgestellten Werken ließ sich die bisher unbekannte Urheberschaft klären – viele Künstler waren selbst anwesend. Und der Oberbürgermeister schlug erstmals Patenschaften für Kunstwerke vor. Die Ausstellung läuft noch bis zum 13. August. Mehr Informationen gibt es hier Mehr Fotos von Martin Maleschka hier

Zeit im Blick

Terminpläne sind in vielen Leistungsphasen und jeweils mit spezifischen Inhalten gefordert Text: Wolfdietrich Kalusche Für die Terminplanung bei Bauprojekten gab es lange Zeit nur wenige Anhaltspunkte und Grundlagen. Erst in der derzeit gültigen HOAI 2013 hat die Terminplanung in mehrere Leistungsphasen (LPH) als Grundleistung Eingang gefunden. Es gibt viele Fragen in Bezug auf die Werkzeuge, Verfahren oder Darstellungsformen der Terminplanung. Gleiches gilt für die erforderlichen Planungskennwerte oder entsprechende Datensammlungen. Dieser Beitrag ist eine erste praktische Hilfe für die Aufgaben des Architekten bei der Terminplanung. Schulungen dazu werden von den Architektenkammern der Länder angeboten. Terminplanung des Objektplaners Gebäude. Aus: Kalusche, W.; Bartsch, F.: Objektplanung Gebäude. In: Kalusche, W. (Hrsg.): BKI Handbuch HOAI 2013. S. 118-121. (s.u.) Wie die Teilleistungen der Terminplanung praktisch durchgeführt werden sollen, wird nicht durch das Preisrecht HOAI vorgegeben. Es ist im Einzelfall im Architektenvertrag zu regeln. Die in Abbildung 1 genannten Bezeichnungen für die Terminpläne (Fettdruck) und die jeweiligen Inhalte der Terminplanung (x) sind als Vorschlag zu verstehen und werden im folgenden Text in gebotener Kürze erläutert. Planungs- und Bauablauf / Terminrahmen Der Terminrahmen wird im Leistungsbild der HOAI nicht ausdrücklich genannt. Er ist dennoch als eine unverzichtbare Grundlage der Teilleistung der LPH 1 (Grundlagenermittlung) a) Klären der Aufgabenstellung auf Grundlage der Vorgaben oder der Bedarfsplanung des Auftraggebers anzusehen. Der Terminrahmen (auch Rahmenterminplan) ist die erste Aussage zur Dauer eines Bauprojektes. Er bildet die oberste Ebene weiterer notwendiger Terminpläne und ist über den gesamten Projekt- und Bauablauf fortzuschreiben. Der Bauherr soll eine klare Vorstellung haben, zu welchem Zeitpunkt das zu planende Objekt genutzt oder gegebenenfalls veräußert werden kann. Das Ergebnis der Grundlagenermittlung ist auch diesbezüglich zu dokumentieren und zu erläutern. Im Rahmen einer sorgfältigen Projektvorbereitung, zum Beispiel nach DIN 18205:2016-11, Bedarfsplanung im Bauwesen, ist ein Zeitrahmen für das Projekt zu benennen. Fehlen dem Bauherrn die notwendigen Kenntnisse, soll der Architekt ihm den Planungs- und Bauablauf sowie die Rahmenbedingungen erläutern. Auf jeden Fall ist die Projektdauer eine wesentliche Grundlage der weiteren Planung, vorzugsweise unterteilt in Planung (LPH 2-4), Ausführungsvorbereitung (LPH 5-7), Ausführung und Projektabschluss (LPH 8). Generalablaufplan (LPH 2 HOAI) Ab Leistungsphase 2 (Vorplanung) sind gemäß HOAI  Terminpläne aufzustellen. Für die Objektplanung Gebäude ist dies: h) Erstellen eines Terminplans mit den wesentlichen Vorgängen des Planungs- und Bauablaufs. Die an der Planung fachlich Beteiligten leisten Beiträge, die der Objektplaner zu koordinieren und in seine Eigenplanung zu integrieren hat: •    Leistungsbild Tragwerksplanung: e) Mitwirken bei der […] Terminplanung, •    Leistungsbild Technische Ausrüstung: f) […] Terminplanung. Der Generalablaufplan wird aus dem Terminrahmen abgeleitet und weiter aufgegliedert. Die Vorgänge Planung, Ausführungsvorbereitung, Ausführung und Projektabschluss werden weiter unterteilt und um so genannte Meilensteine (wichtige Ereignisse) ergänzt. Es werden Ablaufstrukturen dargestellt, Meilensteine berücksichtigt, Vorgangsdauern geschätzt und es wird die Gesamtdauer ermittelt. Bei Anwendung der Netzplantechnik kann zudem der kritische Weg (Netz der Vorgänge ohne Puffer) aufgezeigt werden. Grobablaufplan Planung (LPH 3 HOAI) Die Terminplanung wird in der Leistungsphase 3 (Entwurfsplanung) fortgeführt: f) Fortschreiben des Terminplans durch den Objektplaner Gebäude und Mitwirken der an der Planung fachlich Beteiligten. Hierbei sollen die Vorgänge Planung und Ausführungsvorbereitung so untergliedert werden, dass alle Planungsleistungen (Beratung und Gutachten eingeschlossen) entsprechend den Leistungsbildern und Verträgen berücksichtigt werden. Als Ergebnisse eines Grobablaufplans Planung sind zu erwarten: •    Anfangs- und Endtermine von Leistungsphasen der Planungsverträge und der Bauverträge, •    Ausführungsdauern der berücksichtigten Vorgänge, •    überschlägige Dimensionierung der Kapazitäten, •    Zwischentermine und Ineinandergreifen von Vertragsleistungen. Auch jahreszeitliche Einflüsse (Niederschlag, Temperaturen) und weitere Rahmenbedingungen müssen bereits in diesem Terminplan berücksichtigt werden. Grobablaufplan Ausführung (LPH 5 HOAI) Im Leistungsbild des Objektplaners Gebäude ist in Leistungsphase 5 (Ausführungsplanung) die Teilleistung d) Fortschreiben des Terminplans vorgesehen. Die Terminplanung soll vor allem das Vergabeverfahren berücksichtigen und die Vergabeeinheiten enthalten. Durch diese werden Art und Umfang von Bauleistungen und Lieferungen vorgegeben, die im Rahmen eines Vertrages oder eines Teilloses von einem Auftragnehmer erbracht werden sollen. Es werden festgelegt: Art der Leistung (Fachlos), Umfang der Leistung (Teillos), Ausführungsdauer, Haftung und Anspruch auf Mängelbeseitigung. Die an der Planung fachlich Beteiligten erbringen für ihren Fachbereich und die jeweilige Anlagengruppe Teilleistungen (Auswahl): •    Leistungsbild Tragwerksplanung: LPH 5a) Durcharbeiten der Ergebnisse der Leistungsphasen 3 und 4 unter Beachtung der durch die Objektplanung integrierten Fachplanungen (Anmerkung: Eine Mitwirkung bei der Terminplanung ist nicht vorgesehen), •    Leistungsbild Technische Ausrüstung: LPH 5 a) Erarbeiten der Ausführungs-planung auf Grundlage der Ergebnisse der Leistungsphasen 3 und 4 (stufenweise Erarbeitung und Darstellung der Lösung) unter Beachtung der durch die Objektplanung integrierten Fachplanungen bis zur ausführungsreifen Lösung, […] d) Fortschreiben des Terminplans. Der Umfang der Bauleistungen (und Lieferungen) im Hochbau kann grob in •    Rohbauarbeiten mit Baustelleneinrichtung und Baugrube, •    Technische Ausrüstung mit Aufzugsanlagen, •    baulicher Ausbau/Innenausbau, •    Freianlagen und •    Ausstattung unterschieden werden und soll bei einer Fachlosvergabe nicht mehr als 20 bis 30 Vergabeeinheiten umfassen. Die Baustelleneinrichtung, die Baufeinreinigung, erforderlichenfalls Winterbaumaßnahmen dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Als Meilensteine bieten sich an: •    Baubeginn, •    Baustelleneinrichtung (Fertigstellung), •    Regenfester Rohbau (Dach und Entwässerung, keine Nässe im Gebäude), •    wetterfester Rohbau (geschlossene Gebäudehülle, kein Wind und keine Nässe), •    winterfester Rohbau (Mindesttemperaturen im Gebäude für den nassen Ausbau). Vergabeterminplan (LPH 6 HOAI) Der Vergabeterminplan (auch Vergabekalender) ist seit der HOAI eine Grundleistung des Objektplaners. Diese Teilleistung in LPH 6 (Vorbereitung der Vergabe) lautet: a) Aufstellen eines Vergabeterminplans. Er enthält alle Vergabeeinheiten für ein Bauvorhaben. Die Vergabeeinheiten werden mit einer Ordnungsnummer, zum Beispiel LV 021, dem Objekt, zum Beispiel Verwaltungsgebäude Nord, der Art der Leistung, zum Beispiel Trockenbauarbeiten, bezeichnet. Sie enthalten ferner Soll-Kosten und Soll-Termine für das Vergabeverfahren. Die Soll-Termine betreffen mindestens die Fertigstellung der Leistungsbeschreibung, den Bekanntmachungstermin, die Submission, die Zuschlagserteilung, die Ausführungsdauer, die Abnahme sowie die Übergabe des Objekts. Nach Erteilung der Beauftragung werden der Auftragnehmer und die Auftragssumme je Vergabeeinheit erfasst, gegebenenfalls werden eine Aufteilung der Leistung in Teillose und Bauabschnitte sowie Zwischentermine festgehalten. Der vom Objektplaner aufgestellte Vergabeterminplan orientiert sich am Terminrahmen und allen weiteren Terminplänen. Er bildet eine wesentliche Voraussetzung für die Ausführung. Bei der Erstellung des Vergabeterminplans ist die Mitwirkung des Auftraggebers und der an der Planung fachlich Beteiligten unerlässlich. Alle Vergabeeinheiten für die Technische Ausrüstung müssen von den Fachingenieuren rechtzeitig beigesteuert werden. Dem Objektplaner obliegen die technische und terminliche Koordination der entsprechenden Beiträge und deren Integration in den Vergabeterminplan. Ablaufplan Ausführung (LPH 8 HOAI) Eine Grundleistung des Objektplaners ist im Rahmen der Objektüberwachung gemäß Ziffer d) das Aufstellen, Fortschreiben und Überwachen eines Terminplans (Balkendiagramm). Hierbei wirken die an der Planung fachlich Beteiligten (Leistungsbild Technische Ausrüstung: d) Aufstellen, Fortschreiben und Überwachen eines Terminplans (Balkendiagramm)) je Fachbereich und Anlagegruppe mit. Die Mitwirkung an der Terminplanung ist im Leistungsbild Tragwerksplanung nicht vorgesehen. Das Überwachen des Terminplans beinhaltet einen regelmäßigen Soll-/Ist-Vergleich. Er dient der Bewertung der tatsächlichen Terminentwicklung und ist eine Grundlage für die Prognose der weiteren Entwicklung im Hinblick auf die Fertigstellung des Objekts insgesamt. Terminkontrollen vor Ort sind auf den Leistungsstand gerichtet, der in Mengen, zum Beispiel Quadratmeter Deckenbelagsarbeiten, oder prozentual, zum Beispiel 50 Prozent des Auftragswertes, erfasst wird. Änderungen im Terminablauf führen zum Fortschreiben des Terminplans. Das soll im Abstand von zum Beispiel maximal zwei Wochen erfolgen. Der Aufwand hierfür kann bei längerer Bauzeit hoch sein. Eine Anpassung der Vergütung ist dann gerechtfertigt. Gewährleistungsverzeichnis (LPH 8 HOAI) Die Objektüberwachung beinhaltet gemäß Buchstabe o) auch das Auflisten der Verjährungsfristen für Mängelansprüche. Hierfür werden die Begriffe Gewährleistungsverzeichnis und Gewährleistungskalender synonym verwendet. Das Auflisten der Verjährungsfristen ist Voraussetzung für das rechtzeitige Durchsetzen von Ansprüchen auf Mängelbeseitigung. Es sind hierbei alle Bauverträge zu berücksichtigen, die zur Erstellung des Objekts beauftragt wurden. Dafür sind der Beginn und das Ende der Gewährleistung je einzelnem Vertrag mit Datum der Abnahme und Übergabe des Objekts festzuhalten. Der Auftraggeber benötigt diese Angaben für die termingerechte Auszahlung vertraglich vereinbarter Sicherheitseinbehalte an die Auftragnehmer oder für die Stornierung alternativer Bankbürgschaften. Vorab sind Gewährleistungsbegehungen vor Ablauf der Auszahlung der Sicherheitseinbehalte und vor Ablauf der Verjährungsfrist für die Mängelbeseitigung durchzuführen. Aufwand und Bewertung der Terminplanung – Vergütung Die Teilleistungen der Terminplanung im Leistungsbild Objektplanung Gebäude und Innenräume werden von Simmendinger wie folgt bewertet und machen zusammen 3,25 Prozent der Vergütung der Grundleistungen des vollständigen Leistungsbildes aus. Ein entsprechender Aufwand ist im Hinblick auf eine erhöhte Termintransparenz und Terminsicherheit ohne Zweifel angemessen. Dr.-Ing. Wolfdietrich Kalusche ist Architekt und Professor für Planungs- und Bauökonomie in Cottbus. Literatur AHO-Fachkommission (Hrsg.): Projektmanagementleistungen in der Bau- und Immobilienwirtschaft, Köln: Bundesanzeiger, Mai 2014 Kalusche, W. (Hrsg.): BKI Handbuch HOAI 2013. Der Praxisleitfaden zur sicheren Anwendung der neuen Honorarordnung für Architekten und Ingenieure, 1. Auflage, Stuttgart, 2013, fortgeschrieben 2016 Kalusche, W.: Projektmanagement für Bauherren und Planer. De Gruyter Oldenbourg Verlag, 4., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, München 2016 Simmendinger, H.: Teilleistungstabellen Objektplanung Gebäude, HOAI 2013, http://www.ibr-online.de/IBRMustertexte/201/TeilleistungstabellenGeb.pdf, aufgerufen am 25.11.2013 Verordnung über die Honorare für Architekten- und Ingenieurleistungen (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure – HOAI) Fassungen 1977 und 2013 Roth, W.; Gaber, B.: GOA 1950. Kommentar zur Gebührenordnung für Architekten, Verlag des Druckhauses Tempelhof, Berlin 1951

Flexibel bleiben

Wie Wohnprojekte für Flüchtlinge auch andere Gruppen integrieren können, lesen hier. Außerdem im Fokus der Architekten: Umnutzung. Text: Frank Maier-Solgk Die Flüchtlings-Ausnahmesituation in den Jahren 2015 und 2016 hat oft zu schnellen und preiswerten Unterbringungslösungen geführt – das war gewünscht und notwendig. Selten entstanden daraus jedoch dauerhafte, integrativ konzipierte, geschweige denn architektonisch interessante Wohngebäude. Nach den Turnhallen und Gemeinschaftsunterkünften kamen die Container-Behausungen, neuerdings die Bauten in Modulbauweise. Erst allmählich bilden sich neue durchdachtere Entwicklungen heraus, die die Erfahrungen aus den letzten Jahren berücksichtigen. Hier lohnt es sich, einige Einzelfälle unter die Lupe zu nehmen. Wohnen über dem Parkplatz Ein durchaus originelles Pilotprojekt der Landeshauptstadt München entstand im Rahmen des Programms „Wohnen für Alle“ und wurde im Dezember 2016 fertig gestellt. Über einem 4.200 Quadratmeter großen Parkplatz wurden 100 neue Wohnungen in einem viergeschossigen Wohnriegel in Holzsystembauweise (Gewofag Wohnungsbaugesellschaft, Architekt: Florian Nagler) errichtet, der auf einer Konstruktion aus Stahlbetonstützen und Unterzügen aufsitzt. Der Zugang zu den 86 Einzimmerwohnungen und 14 Wohnungen mit 2,5 Zimmern erfolgt über Laubengänge, die sich gelegentlich zu geräumigeren Bereichen weiten. Gemeinschaftsräume und eine Dachterrasse mit Spielbereiche sowie Flächen für den Anbau von Gemüse und Kräutern bieten weitere Möglichkeiten der Gemeinschaftsbildung. Die Bauzeit betrug insgesamt sieben Monate. Das für die Belegung zuständige Amt für Wohnen und Migration achtet auf eine ausgewogene Vergabe der Wohnungen in Bezug sowohl auf Altersklassen als auch, was die Zahl an Migranten betrifft. 51 Prozent der Wohnungen werden an anerkannte Flüchtlinge und andere Wohnungslose mit Registrierbescheid vergeben. Die Nettokaltmiete beträgt 9,40 Euro. Die Nutzer sind in diesem Fall also vergleichsweise heterogen und baulich entpuppt sich der neue Wohnblock mit seiner abgerundeten Schmalseite sogar als eine Bereicherung der städtebaulichen Situation. Wie sich jedoch die Wohnsituation vor Ort entwickeln wird, ist damit freilich noch lange nicht entschieden. Unterkunft für Geflüchtete, Bunsenstraße Kassel | foundation 5+, Baufrösche, HHS, Clemens Kober, Reichel Architekten und Spöth Architekten, Foto: Constantin Mayer-Köln. Erst Flüchtlinge, dann Studenten Ein anderes interessantes Beispiel steht in Kassel und sieht ein klein wenig nach einer Siedlung der 1950er-Jahre aus. Das Projekt besteht aus drei dreigeschossigen Baukörpern aus verputztem Porenbeton – einem Eingangsbau sowie zwei Gebäuden, die durch ein außenliegendes Treppen- und Spielhaus zu einer Hofanlage verbunden sind. Das Ensemble bietet Platz für aktuell 180 Flüchtlinge, die in 36 für jeweils zwei bis acht Personen ausgelegten Wohnungen leben. Von vorneherein wurde eine spätere Nutzung für Sozialwohnungen oder Studentenapartments vorgesehen. Es handelt sich also eher um klassischen Wohnungsbau, der besonders flexibel konzipiert wurde. Die Umsetzung erfolgte auch in diesem Fall in nur sieben Monaten und wurde durch die enge Zusammenarbeit der sechs beteiligten Kasseler Planungsbüros, der städtischen Wohnungsbaugesellschaft (GWG) und der Baubehörde möglich. Teil des Projekts, das inzwischen durch die Landesinitiative Baukultur Hessen ausgezeichnet wurde, sind Räume für Sprachunterricht, ein Waschsalon mit angeschlossener Teeküche und eine Werkstatt. Wenn die Häuser nicht mehr zur Unterbringung für Flüchtlinge benötigt werden, sollen darin, wie es heißt, bezahlbare Apartments (mit Größen von 26 bis 76 Quadratmetern) entstehen. Gesamtlage noch immer angespannt Die beiden Beispiele finden sich auch in der Datenbank zu neueren Flüchtlings-Wohnprojekten www.makingheimat.de, die das Deutsche Architektur Museum (DAM) als Teil seines Biennale-Konzepts von 2016 aufgebaut hatte. Die entsprechende Ausstellung wurde erweitert und ist nun in Frankfurt zu sehen, begleitet von Fachsymposien rund um die Themen Migration und Integration. Die kontinuierlich aktualisierte Datenbank, eine Listung von Wohnprojekten unterschiedlicher Größe, mit unterschiedlichen Belegungsverhältnissen, unterschiedlicher Bauweise und mit den jeweiligen Kostenangaben, vermag sicherlich weiterhin Kommunen Entscheidungshilfen zu geben. Das Thema hat an Aktualität schließlich nichts verloren, auch wenn die Flüchtlingszahlen im Jahr 2016 von zuvor 900.000 auf 280.000 zurückgegangen sind. Nach wie vor nämlich leben laut DAM rund 300.000 Migranten in Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften. Alleine in Nordrhein-Westfalen werden nach Angaben der NRW.BANK 120.000 Wohnungen für Flüchtlingshaushalte benötigt. Trotz ihrer Aktualität mutet das Programm der Ausstellung in Frankfurt heute zum Teil überholt an. Die Thesen des kanadischen Autors Doug Saunders („Arrival City“), die für die Konzeption ursprünglich maßgebend waren, reflektieren eine stark positiv gekennzeichnete Ankunftssituation von Flüchtlingen. Eine aktualisierte Analyse der vielfältigen urbanen und gesellschaftlichen Bedingungen für zukünftige Integration müsste vermutlich aber die Verschärfung der Wohnsituation und nicht zuletzt auch die psychologischen Abwehrmechanismen innerhalb der Gesellschaft berücksichtigen. Vielleicht ist es für ein systematisches Resümee aber auch noch zu früh und vielleicht kann ein Ausstellungshaus wie das DAM dies auch nicht alleine leisten. Es gebe, so die Kuratorin der Frankfurter Ausstellung Anna Scheuermann, nicht die einzelne konkrete Lösung, die sich überall aufdränge; meist sei der Ort ausschlaggebend. Ein Fazit sei der Wunsch nach größerer Flexibilität und nach geringeren Bauauflagen hinsichtlich Barrierefreiheit oder Wärmedämmung; und schließlich würde die große Zahl an Holzmodulbauten diesen aktuellen Trend bestätigen. An sich aber wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, die Integrationsperspektiven, die sich aus den bisher realisierten Flüchtlingsunterkünften und Wohnprojekten hinsichtlich Standort, Größe, Bauweise, Nutzergruppen oder Umfeldverträglichkeit ergeben, zu analysieren und entsprechende Empfehlungen auszusprechen. Foto: Constantin Mayer-Köln. Monostrukturen überdenken Wohin die Entwicklung geht, ist aber bei genauerer Durchsicht im Prinzip schon jetzt erkennbar: die Stichworte sind Ausweitung der Nutzergruppen und Standortanalyse. So hat die ehemalige Erstaufnahmeeinrichtung im rheinland-pfälzischen Lautzenhausen ihre neuen Mieter inzwischen gefunden. Hier wurde in den Monaten des größten Andrangs Mitte Oktober 2015 ein vorgefertigter dreistöckiger Holzbau in nur drei Monaten Bauzeit und vier Wochen Planung errichtet. Das Gebäude (33m lang, 15m breit, 9m hoch) wurde aus vorgefertigten Elementen in Holztafelbauweise (Raster Module 3x6m) errichtet, im Innen- und Außenbereich wurden heimische Hölzer eingesetzt. 200 Flüchtlinge fanden darin Unterkunft. Nach deren Auszug wurde der Bau Ende 2016 nun für eine neue Nutzergruppe umgerüstet. Ab sofort stehen die 126 Wohnungen nun den Studierenden der Hochschule der Polizei Rheinland-Pfalz zur Verfügung. In Berlin setzt man auf so genannte Modulare Unterkünfte für Flüchtlinge (MUFs). Rund 3.320 Wohnraumplätze werden in der Stadt derzeit durch die Wohnungsbaugesellschaften errichtet; 1603 Mietverträge mit Flüchtlingen wurden inzwischen abgeschlossen; alles noch vergleichsweise wenig im Vergleich zum Bedarf. Nach Berechnungen der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) suchen noch rund 40.000 Flüchtlinge eine Wohnung. Erst in letzter Zeit zeichnen sich grundsätzliche Veränderungen an den vielfach kritisierten MUFs ab. So soll das jüngste, noch in Planung befindliche Projekt der WBM, ein zunächst für 500 Flüchtlinge ausgelegtes Projekt an der Quedlinburger Straße in Berlin-Charlottenburg nun im Hinblick auf seine Nutzung überdacht werden. Der Modulcharakter bleibt erhalten, bezieht sich jedoch (nur) auf zwei alternative Grundrisse und vorgefertigte Badzellen. Die Frage der Akzeptanz durch die Bevölkerung in der unmittelbaren Umgebung sowie die Nähe zur Universität, legen laut Steffi Pianka von der WBM ein Überdenken im Hinblick auf eine nachhaltigere Nutzung nahe. Nach Angaben des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten soll das Projekt nun „das erste Objekt werden, das eine Kombination aus einer Gemeinschaftsunterkunft und einem gemeinschaftlichem Wohnzentrum beinhaltet“. Frank Maier-Solgk ist Publizist zu Architektur- und Kulturthemen in Düsseldorf.

Städtisch und sozial

Auch so kann städtischer Wohnungsbau aussehen: Die Siedlung Grüner Weg in Köln Für bezahlbaren Wohnraum sind nicht zuletzt die kommunalen Gesellschaften zuständig. Aber wie arbeiten die eigentlich und wie sehen die Ergebnisse in Berlin, Köln und München aus? Text: Heiko Haberle In den Architekturmedien sind kommunale Wohnungsbauten kaum präsent. Wenn doch, stehen sie in Wien und neuerdings auch oft in Paris, manchmal noch in München und Frankfurt am Main. Trieb die Wohnungsfrage einst die berühmtesten Baumeister um, ist großmaßstäblicher Wohnungsbau heute bei vielen Architekten, besonders bei sehr namhaften Büros, grundsätzlich kein Thema. Auch für die sechs Berliner Wohnungsbau-Gesellschaften war dies bis vor wenigen Jahren so. Doch nun arbeiten sie jeweils an etwa einem Dutzend Neubauten. Hinzu kommt der Ankauf privater Projektentwicklungen oder bezugsfertiger Wohnungen. Nach dem neuen Koalitionsvertrag müssen 50 statt bisher 30 Prozent der selbst errichteten Wohnungen den Förderrichtlinien entsprechen. Diese werden dann für durchschnittlich 6,50 Euro kalt pro Quadratmeter vermietet. Weil die Förderung umgerechnet etwa 1,50 Euro beträgt, muss sich die Wohnung bei acht Euro pro Quadratmeter rechnen. Berlin: Bauen neu lernen Es galt zunächst, wieder eigene Bauabteilungen aufzubauen und Strategien zu formulieren: Gefragt sind kompakte Bau­körper mit kompakten Grundrissen. Übereinander sollen gleiche Wohnungen liegen und die Räume möglichst nutzungsneutral sein. Gut ist die Wiederholbarkeit von Bauteilen und Planungsabläufen und die Vereinheitlichung von Maßen, etwa für Balkone. Schlecht sind Versprünge in der Konstruktion oder an den Fassaden und sowieso alles, was hohe Instandhaltungskosten bedeutet. Keller sind teuer, weshalb Abstellräume auf den Etagen oder auf dem Dach liegen sollen. Hinzu kommen Standards für Böden (meistens Laminat, meistens Fußbodenheizung), Sanitärobjekte, Fliesen und die Haustechnik. Das Wärmedämm-Verbundsystem (WDVS) ist übrigens kein Standard, sondern nur eine Alternative und dann auch ohne Polystyrol. Stattdessen soll monolithisch gebaut werden, also etwa mit Porenbeton-Steinen ohne zusätzliche Dämmung. Die Wirtschaftlichkeit eines Projekts wird an diversen Parametern abgelesen, etwa dem Verhältnis von Nutzfläche zu Bruttogrundfläche (bei der degewo idealerweise 66 bis 76 Prozent) oder dem Verhältnis der addierten Türen- und Fensterflächen an der Fassade zur Nutzfläche (zwölf bis 15 Prozent). Die Baukosten pro Quadratmeter liegen bei den landeseigenen Gesellschaften im Schnitt bei 1.730 Euro (KG 300–500), die scheinbar besonders rationell arbeitende degewo erreicht sogar 1.650 Euro (KG 200–500).

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Berlin: Die Treskow-Höfe im Stadtteil Karlshorst sind eine eher klassische und ruhige Wohnanlage, die aber dank ihrer Durchwegung und der offenen Erdgeschosszonen weniger abweisend wirkt, als so manches Investorenprojekt. Die HOWOGE erhielt dafür den Bauherrenpreis 2016.

Diese handfesten Kriterien finden sich in einem sehr gut gemachten Handbuch der Berliner Gesellschaften, das auch andere bedeutsame Themen enthält: Demografie, neue Wohnformen, Vorfertigung, Holzbau und BIM. Nur ein Abschnitt über Architektur als Gestaltung fehlt. Stattdessen wird erläutert, dass großflächige Neuplanungen anstatt kleinteiliger Nachverdichtungen wünschenswert seien. Letztere erforderten nämlich eine „individualisierte Architektur“ und Bürgerbeteiligung, sodass die Baukosten „im Gegensatz zu den vereinbarten Zielen des ,bezahlbaren Wohnens‘“ stünden. Da wundert es nicht, dass auf den Websites der sechs Gesellschaften und bei den ersten fertigen Ergebnissen neben einigen gelungenen Beispielen leider auch architektonischer Durchschnitt dabei ist: mit gestaltlosen Fassaden (meistens doch mit WDVS), mit kleinen Fenstern und Raumaufteilungen wie damals. „In Bezug auf die Grundrisse höre ich Argumente wie vor 30 Jahren, die aber heutiger Lebens­realität widersprechen: dass eine Küche ­eine Tür haben müssen oder das Kinderzimmer nicht größer als das Elternschlafzimmer sein dürfe“, sagt der Architekt Ulrich Schop. Sein Büro roedig.schop architekten ist gleich für drei Berliner Gesellschaften tätig und hat bereits viele Wohnhäuser für kostenbewusste Baugruppen geplant. Als Argument werde von den Kaufleuten aus der Vermietungsabteilung stets der Mieterwunsch nach klassischen Grundrissen angeführt: „Aber die Frage ist doch, was zuerst da war: die einseitige Nachfrage oder ein wenig differenziertes Angebot.“ Ob bei einem Projekt mehr oder weniger Offenheit für Neues da sei, habe schlussendlich immer mit den konkret beteiligten Personen zu tun, findet Schop. Immerhin offene Küchen konnte die Architektin Anika Wolff, Inhaberin des Berliner Büros Ligne Architekten, gegenüber der HOWOGE bei deren „Treskow-Höfen“ im Stadtteil Karlshorst durchsetzen. Der Komplex, an dem auch Cramer Neumann Architekten einige Bauteile planten, besteht aus 414 Wohnungen, einer Kita und zwei Senioren-WGs und ist das erste große ­Berliner Neubauprojekt. Dafür wurden zwei leer stehende Studentenwohnheime abgerissen und ein drittes in den Komplex integriert. Als das Projekt 2012 anlief, war die Wohnungsbauförderung noch nicht offiziell wieder aufgelegt, weshalb die ­HOWOGE am Objekt eigene Kriterien entwickeln musste. Auch ohne Förderungen liegen die Mieten zwischen sieben und elf Euro kalt, also nur wenig über dem geförderten Mietniveau von 6,50 Euro und dem frei finanzierten Mietniveau von durchschnittlich zehn Euro pro Quadratmeter bei der ­HOWOGE. Das gelang nur mit strengen Richtlinien, etwa zu Raumgrößen und -bezügen, Balkontiefen und Ausstattungen. „Die meisten Vorgaben sind eine sinnvolle Orientierung, müssen aber vielleicht nicht bis auf den letzten ­halben Quadratmeter erfüllt werden“, findet Wolff rückblickend und stellt fest, dass der Bauherr bei neueren Projekten mit Grundrissvorgaben lockerer umgehe. Das erstaunt fast, da ja nun die teils deutlich strengeren Förderkriterien vorliegen. Diese setzt die HOWOGE mit einem eigenen „Wohnungsbewertungssystem“ um, was den Vorteil hat, dass nicht alle Räume alle Anforderungen erfüllen müssen, solange die Wohnung und das Gesamtprojekt insgesamt wirtschaftlich bleiben. Das detaillierte System, das mit Punktevergabe und Ampelkennzeichnungen arbeitet, führt aber auch zu grotesken Annahmen möglicher Möblierungskonflikte: „Aufgrund der Überschneidung der Bewegungsfläche der Schrankmodule im Schlafzimmer mit dem Beistelltisch wird in diesem Zimmer nur ein Punkt erreicht.“ Die „Treskow-Höfe“ sind nicht das Resultat eines Planungswettbewerbs, sondern eines Generalübernehmer-Verfahrens, bei dem sich Bauunternehmen im Team mit Architekten bewarben. Die HOWOGE wendet ansonsten aber auch andere Vergabearten an. Einfacher macht es sich die degewo: Um sich immer neue Verfahren zu sparen, hat man mit sieben Büros Rahmenverträge für Planungsleistungen abgeschlossen – ein erst seit Kurzem nach EU-Recht existierendes Modell. In der Reihenfolge ihrer Platzierung beim Auswahlverfahren werden nun den Büros die Aufträge angeboten. Die degewo muss also nicht jedes Mal neue Partner „einarbeiten“, ob dabei aber architektonische Vielfalt entsteht, bleibt abzuwarten. Köln: Stadt an der Peripherie wagen Mangelnde Vielfalt kann man dem funktional durchmischten Quartier „Grüner Weg“ der Kölner GAG im etwas ruppigen Stadtteil Ehrenfeld nicht vorwerfen. Auf dem Gelände einer Fabrik für Destillationsgeräte wurden 15 Punkthäuser oder kurze Zeilen, die keine Vorder- oder Rückseiten kennen, locker verstreut. Darin befinden sich 86 Gewerbeeinheiten, eine Kita, eine Demenz-WG, das neue Domizil des „Kölner Künstler Theaters“ sowie 240 Wohnungen, davon 56 geförderte. Das mutige und sehr urbane städtebauliche Konzept stammt vom Büro ASTOC, ebenso ein Drittel der Entwürfe; der Rest von Molestina Architekten und dem Büro Lorber Paul.

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Köln: Am Grünen Weg im Stadtteil Ehrenfeld errichtete die GAG 240 Wohnungen, davon 56 geförderte, eine Kita, eine Demenz-WG und 86 Gewerbeeinheiten.

Die Entwürfe beherzigen weitgehend die im Berliner Zusammenhang genannten Kriterien. Zusätzlich gilt bei der GAG eine WDVS-Fassade, bestenfalls mit Klinkerriemchen verblendet, als gesetzt. Geförderte und frei finanzierte Wohnungen unterscheiden sich weder in ihrer Bauweise noch bei Haustechnik, Fenstern oder Fassaden. Nur die Ausstattung oder die Anzahl der Bäder variiert. Es gibt, wie generell im sozialen Wohnungsbau, keine Quersubventionierungen. Jede Wohnform muss sich selbst rechnen. Daher ist der Unterschied bei den Baukosten pro Quadratmeter eher gering: für die geförderten Wohnungen 1.700 Euro (KG 300–600), für die frei finanzierten 1.790 Euro. Die Kaltmieten reichen von 5,10 bis 11,50 Euro pro Quadratmeter. Entsprechend wenig unterschied sich auch die Planung für die zwei Bereiche, berichtet Annette Paul vom Büro Lorber Paul und ergänzt: „Einschränkungen gibt es bei allen Planungsaufgaben. Man kann sich auch im sozialen Wohnungsbau kreative Räume suchen.“ Am Grünen Weg waren das etwa die Farbgebung, die Texturen und die unterschiedlichen Balkone, die teilweise Kabinen gleichen. Obwohl auch hier offene Küchen im geförderten Segment machbar waren, wünscht sich Paul, dass sich zudem offene Flure und fließende Räume leichter realisieren ließen und die Grundrisse nutzungsneutraler wären. Dass sich die Wohnungen im frei finanzierten Bereich, mit ihren teilweise hervorragenden und außergewöhnlichen Grundrissen (darunter sind auch Maisonettes mit Büro unten und Wohnung oben) so gut vermarkten ließen, sollte bei der GAG und beim Fördergeber jedenfalls nicht unbeachtet bleiben. Leider wurden alle geförderten Wohnungen in dem der Straße am nächsten gelegenen Bauabschnitt untergebracht: einerseits, weil die GAG die Finanzierungsarten nicht innerhalb eines Gebäudes mischt; andererseits, weil nur die dortigen niedrigen Häuser förderfähig waren: Zur Planungszeit galt eine Obergrenze von maximal vier Etagen plus Staffelgeschoss; heute wären sieben Geschosse machbar. München: Neue Erfahrungen sammeln In München hingegen werden frei finanzierte Wohnungen mit den von Stadt oder Land geförderten gemischt, wobei die geförderten Wohnungen bis zu 80 Prozent eines Projekts ausmachen können. Die Zusammensetzung der an verschiedene Zielgruppen gerichteten Fördermodelle wird projektspezifisch durch die Stadt vorgegeben. Je nach Förderart liegen die Kaltmieten zwischen 5,25 und 10,50 Euro pro Quadratmeter. Die Mietpreise beginnen also noch unter dem Berliner Niveau, aber das Bauen ist in München teurer: 1.900 Euro (KG 300–400) pro Quadratmeter bei der GEWOFAG und 1.850 Euro (KG 300–400) bei der GWG. Aber dafür entsteht vorzeigbare Architektur. So wirbt etwa die GEWOFAG auf ihrer Website offensiv mit der Ästhetik ihrer Bauten. Dieser Sinn für gestalterische Qualität ist sicher auch ein Resultat vieler Wettbewerbe. Von ihnen sei man aber etwas abgekommen, weil man schöne Siegerentwürfe zu oft abspecken musste, wie Dr. Klaus-Michael Dengler, Sprecher der Geschäftsführung, erklärt. Stattdessen führe man mehr Konzeptstudien im Rahmen von VOB-Verfahren durch. Auch mit Generalunternehmern arbeite man nun zusammen, wie am Dantebad, wo mit nur einem Jahr Planungs- und Bauzeit ein weiterhin nutzbarer Parkplatz mit 100 Wohnungen in Holz-Hybridbauweise überbaut wurde (mehr zu diesem Projekt hier).

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München: Die GEWOFAG errichtete nach Entwürfen des Berliner Büros léonwohlhage 272 Wohnungen, die meisten gefördert.

Die monolithische Bauweise, die sich aber nur bis zu einer bestimmten Geschosszahl eignet, ist bei GWG und GEWOFAG Standard. Es wird also gemauert, denn serielles Bauen sei noch nicht prinzipiell günstiger, sagt Dengler, was sich aber bald ändern könne. Noch mehr Ideen aus der Bauindustrie wünscht sich Gerda Peter, Geschäftsführerin der GWG und selbst Architektin. Vor allem aber wünscht sie sich ein Hinterfragen von Standards. „Wir wollen und müssen die Förderrichtlinien beachten, dabei möglichst transparent arbeiten, und wir haben wenig Spielraum bei der Auftragsvergabe. Dazu kommen diverse bauliche Richtlinien und Normen: energetische Standards, der Stellplatznachweis oder der Schallschutz, bei dem wir unsere Mieter teilweise regelrecht entmündigen. Wir müssen fragen, was wir wirklich für bezahlbaren und qualitätvollen Wohnraum brauchen.“ Entsprechend errichtet die GWG derzeit für geplante 1.450 Euro (KG 300-400) pro Quadratmeter ein „Minimalprojekt“ ohne Tiefgarage, mit nur einem Schacht pro Wohnung, nur einem Fenster­format und in Teilen ohne Aufzug. Die Elektroinstallation liegt auf der Wand in einer Medienleiste und auf eine individuelle Abrechnung der Heizkosten wird verzichtet. München: An der Isoldenstraße ­planten 03 Archi­tekten für die ­GEWOFAG 69 Wohnungen, davon 63 geförderte. Das Haus strahlt nach außen und innen Großzügigkeit aus, nicht ­zuletzt wegen der hohen Eingangsbereiche und klug ­organisierter Grund­risse. Für solche Experimente haben die routinierten Münchener Gesellschaften neben dem Tagesgeschäft noch Kapazitäten. Aber auch in Berlin ist man langsam aus der Lernphase heraus, in der die Zahlen dominierten. Inzwischen ist Vielversprechendes in der Pipeline: aus Holz, aus Modulen und sogar eine Fassade aus Streckmetall. Auch mehrere Architekten aus dem Baugruppensegment sowie schweizerische und österreichische Büros, die für interessanten Wohnungsbau stehen, haben Aufträge erhalten. Dazu passt, was Gerda Peter von der GWG feststellt: „Architekten interessieren sich wieder für den Wohnungsbau und schrecken auch nicht mehr davor zurück, sich auf die Förderrichtlinien einzulassen und damit zu arbeiten.“ Mehr Informationen und Artikel zum Thema „bezahlbar“ finden Sie in unserem DABthema bezahlbar.