Wohnen: Unsere Buchtipps

Wir stellen Neuerscheinungen vor, die Projektvergleiche anhand von Kenndaten anstellen, die schlaue Ideen für eine platzsparende Raumausnutzung präsentieren oder gesellschaftliche und politische Denkanstöße liefern. Außerdem: Spielspaß mit dem Grundriss-Quartett Von Heiko Haberle  

Artikel-Bezahlbar-gut-wohnen-2

Wohnen auf dem Prüfstand Bezahlbarkeit empirisch zu ermitteln und Gebäude objektiv zu vergleichen ist immer ein schwieriges Unterfangen: Hier sind die Mieten hoch, dafür aber auch das Durchschnittseinkommen. Dort ist das Bauen unglaublich günstig, dafür müssen Abstriche beim Komfort gemacht werden. Dieser Herausforderung begegnen die Autoren offensiv, indem sie Zahlen und Fakten, die man in anderen Publikationen oft vermisst, als Hauptthema inszenieren. Diagramme und Grafiken veranschaulichen Baukosten, Bewohnerdichte und Flächenausnutzung oder erklären, wie viele Stunden man in New York, Hamburg oder Shenzhen für eine Monatsmiete im Beispielprojekt durchschnittlich arbeiten muss. Hinzu kommen Angaben zur Anbindung an den ÖPNV, zur Gebäudetechnik oder zur Privatsphäre. Dieses Schema und viele Projekte haben die Autoren aus ihrer englischsprachigen Publikation „Affordable Living“ von 2014 übernommen und mit Unterstützung der Hans Sauer Stiftung neu aufbereitet. Daher wirken nicht mehr alle Beispiele ganz taufrisch und die Projektauswahl bleibt eher international als auf Deutschland bezogen. Da die Projekte aber nicht alleine stehen, sondern ernsthaft ausgewertet und Rückschlüsse auf Bauweisen und Wohnmodelle gezogen werden, bleibt der Lerneffekt dennoch groß genug. Im Übrigen gibt es auch viel zu lesen und zu gucken, wobei die zurückhaltende aber einprägsame Gestaltung von Kathrin Schmuck dafür sorgt, dass kein technisches Vergleichswerk entstanden ist, sondern ein gehaltvolles und schönes Architekturbuch in handlichem Format. Das überzeugte auch die Jury des Deutschen Architekturmuseums, die dafür 2017 den internationalen „DAM Architectural Book Award“ verlieh. Klaus Dömer, Hans Drexler, Joachim Schultz-Granberg Bezahlbar. Gut. Wohnen. Strategien für erschwinglichen Wohnraum jovis Verlag, Berlin, 2016 296 Seiten, 25 Euro  

Artikel-Einfach anders wohnen

Anleitung zum anders wohnen Der Autor Daniel Fuhrhop hatte mit seiner Streitschrift „Verbietet das Bauen!“ für Furore gesorgt. Neubau sei überflüssig. Stattdessen reiche der Bestand völlig aus, wenn er denn besser genutzt würde. Nun liefert Fuhrhop 66 konkrete und alltagsnahe Vorschläge nach, mit denen daheim Platz gespart werden kann oder die Nachbarschaft lebenswerter wird. Im Kleinen beginnt der Autor mit Tipps zum Entrümpeln (z.B. mit einem nur vorgestellten Umzug) oder zur effektiven Raumausnutzung, etwa mit einem ausfaltbaren Gästezimmer oder Möbeln, die zugleich Treppe sind. Es folgen Tipps zum Wohnungstausch, zum Finden von Wohnpartnern, die Senioren im Alltag aushelfen, oder zur Vermietung von ungenutzten Garagen als Band-Probenräume. Dass es Hemmschwellen gibt, ist Fuhrhop klar. Ob man sich das Teilen von Räumen vorstellen kann, kann man ja auch testen, indem man sich online mit Fremden zum Kochen verabredet. Den Einfluss des Einzelnen sieht der Autor dabei bis auf die Quartiers- oder Ortsebene, indem man einfach mal wieder im kleinen Laden nebenan einkauft, womöglich sogar einen neuen Dorfladen gründet oder in ein heruntergekommenes Haus einzieht. Ein erster Schritt gelingt oft schon, wenn man neu sehen lernt, um Qualitäten zu erkennen. Das gilt für Quartiere mit schlechtem Ruf ebenso, wie für die eigene Wohnung. Zu seinen Tipps nennt Fuhrhop weitere hilfreiche Adressen und Ansprechpartner und zitiert Studien. Die gefundene bunte Mischung funktioniert als kurzweilige Lektüre (ab und zu mit einem Schmunzeln) in erster Linie aber als echter Ratgeber, nach dem man zur Tat schreiten sollte. Daniel Fuhrhop Einfach anders wohnen 66 Raumwunder für ein entspanntes Zuhause, lebendige Nachbarschaft und grüne Städte oekom Verlag, München, 2018 128 Seiten, 14 Euro  

Artikel-Grundriss-Quartett5

Wer hat die beste Wohnung? Auf das Set „50 Urban Blocks“ folgen nun „50 Housing Floor Plans“ als Kartenspiel mit inhaltlichem Mehrwert. Dabei dürfte der Aufwand beachtlich gewesen sein, zu  50 herausragenden Mehrfamilienhäusern neueren Datums und aus diversen Ländern vergleichbare Daten und Pläne zu recherchieren. Gezeigt werden jeweils ein Etagen- und ein Wohnungsgrundriss mit praktischer Größenskala. Trumpfen kann man dabei mit Abmessungen, Geschosszahl, Erschließungskernen, Anzahl der Wohnungen, Prozentsatz von Außenraum oder von Fassade.  Ob dabei Großzügigkeit oder Sparsamkeit gewinnen soll, bleibt einem selber überlassen. Wer nicht spielen möchte, kann auch einfach nur Analysieren, Vergleichen und über die Fülle von Grundriss-Ideen staunen. a+t research group 50 Housing Floor Plans Density Series a+t architecture publishers, Vitoria-Gasteiz (E) 55 Karten, englisch/spanisch, 22 Euro hier erhältlich  

Artikel-Allewollenwohnen-

Wohnen verstehen Der Spagat zwischen Gesellschaft, Politik und Geschichte auf der einen und aktuellen Organisationsmodellen und gebauten Beispielen auf der anderen Seite, gelingt diesem Titel außerordentlich gut – ebenso wie der gleichnamigen Wanderausstellung des M:AI (Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW). Das funktioniert  dank eines klaren Layouts mit guten Bildern ebenso wie dank einer schlauen Struktur. Im Kapitel „Küche.Diele.Bad.“ werden Wohnmodelle und Grundrisse von 1900 bis heute betrachtet, die Rolle von Bauaustellungen analysiert oder Baugruppen und Genossenschaftsmodelle erklärt. Im Abschnitt „Akteure“ kommen in aller Kürze aber an sinnvoller Stelle Verbands- und Kammervertreter zu Wort, die in anderen Publikationen mit prominenter platzierten Grußworten vertreten sein mögen, aber weniger Aussicht darauf haben, auch gelesen zu werden. In „Recht auf Wohnen“ werden in einer übersichtlichen Chronologie Meilensteine zur Steuerung des Wohnungsmarktes seit 1794 aufgelistet. Außerdem werden verschiedene Bauland- und Fördermodelle vorgestellt und Baukosten und -standards thematisiert. Zehn gebaute Beispiele mit bezahlbarem Wohnraum sowie eine historische Übersicht von Typologien des Wohnungsbaus findet man anschließend im Kapitel „Architektur – Das Haus“. Den Schluss bildet der Abschnitt „Wohngebiete“ mit Exkursen zu Großwohnsiedlungen und zum Wandel von gesellschaftlichen Visionen und entsprechenden städtebaulichen Leitbildern im Laufe der Zeit. Zwar mögen Experten angesichts der recht kurzen Texte – wie sie eben im Rahmen einer Ausstellung verdaulich sein müssen – keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse gewinnen, doch trotzdem ist ein regelrechter Rundumschlag gelungen. Der kommt leichtfüßig und eingängig wie selten daher, sodass dieses Buch in Analogie zu seinem Titel „Alle wollen wohnen“ für alle geeignet ist, die wohnen – nicht nur für Architekten. Ursula Kleefisch-Jobst, Peter Klöddermann, Karen Jung (Hg.) Alle wollen wohnen gerecht sozial bezahlbar jovis Verlag, Berlin, 2017 248 Seiten, 32 Euro   Neue Wohnungsfragen Warum die Wohnungsfrage wieder hochaktuell ist, was sie von vergangenen Wohnungsfragen unterscheidet und wie sie gelöst werden könnte, beleuchtet dieser Sammelband mit Beiträgen einer Fachkonferenz des Instituts für Europäische Urbanistik der Bauhaus-Universität Weimar. Die Herausgeber möchten eine interdisziplinäre Wohnungsforschung etablieren, zumal der Wohnungsbau unter neoliberalen Vorzeichen – anders als früher – weniger der Daseinsvorsorge folgt, als Mechanismen von Spekulation, „Finanzialisierung“ und „Vermarktlichung“. Wie wieder eine „Responsibiliserung“, also die Übernahme von Verantwortung, gelingen kann, ist dann eine Kernfrage des Buches, das durchaus gut lesbar ist, sofern man sich nicht von den Schlagworten des akademischen Diskurses abschrecken lässt. Die Beiträge unternehmen beispielsweise einen europäischen Vergleich des sozialen Wohnungsbaus, analysieren verschiedene Formen und Phasen von Gentrifizierung oder diskutieren kommunale Strategien, etwa von Frankfurt am Main, Jena, Leipzig, Hamburg und Wien, dessen Strahlkraft jedoch etwas „entzaubert“ wird. Die Berliner Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen Katrin Lompscher erläutert ihre Vorstellungen von einem Wohnraumversorgungsgesetz, während der Stadtsoziologe Andrej Holm für eine „neue Gemeinnützigkeit“ plädiert. Deutlich weniger umfangreich als der politische Rahmen werden alternative Modelle „jenseits von Markt und Staat“ behandelt, etwa der genossenschaftliche Wohnungsbau oder das Konzept der Community Land Trusts in den USA für nicht gewinnorientierten und selbstverwalteten, gemeinschaftlichen Landbesitz. Dabei wurde die von den Herausgebern  gewünschte Interdisziplinarität leider nur eingeschränkt umgesetzt. Zwar findet sich auch ein Exkurs zur Vorfertigung, der beispielhafte Projekte vergleichend analysiert, doch die Stärke dieses Buches ist weniger eine bauliche, als eine soziologische und politische Perspektive. Barbara Schönig, Justin Kadi, Sebastian Schipper (Hg.) Wohnraum für Alle?! Perspektiven auf Planung, Politik und Architektur transcript Verlag, Bielefeld, 2017 358 Seiten, deutsch/englisch, 29,99 Euro    

Baurecht mitgestalten

Was auf dem Baugerichtstag empfohlen wird, dient Politik, Wirtschaft und Verbänden als Richtschnur. Das Treffen 2018 war ein voller Erfolg für die Architektenschaft Von Volker Schnepel Am 4. und 5. Mai 2018 fand der 7. Baugerichtstag statt, dessen Empfehlungen in der Fachwelt sowie bei den Ministerien erfahrungsgemäß auf große Resonanz stoßen und gesetzgeberische Prozesse anregen sollen. Einige der von den Referenten in den Arbeitskreisen ursprünglich vertretenen und zur Diskussion gestellten Thesen widersprachen zum Teil sowohl der Idee eines ausgewogenen und praxisorientierten Planungs-, Bau- und Vergaberechts als auch fundamental den Interessen des Berufsstands. Genannt sei zum Beispiel der Vorschlag an den Gesetzgeber, den Grundsatz der losweisen Vergabe bei BIM-Vergaben aufzuheben. Dem konnten die ehren- und hauptamtlichen Teilnehmer der Länderarchitektenkammern und der Bundesarchitektenkammer durch gute Argumente und Überzeugungsarbeit ebenso erfolgreich entgegenwirken wie der Empfehlung, für die sogenannte Zielfindungsphase im Sinne des § 650p Abs. 2 BGB klarzustellen, dass sie in erster Linie die Leistungsphasen 1 und 2 der HOAI umfasst. Dies würde zu einer zeitlichen Verschiebung des Sonderkündigungsrechts nach hinten führen. Stattdessen lautet die offizielle Empfehlung des Baugerichtstages, klarzustellen, dass die Zielfindungsphase ausschließlich vor der Grundlagenermittlung im Sinne der Leistungsphase 1 stattfindet. Positiv hervorzuheben sind auch die Empfehlungen zur Bauproduktnormung und zur Kohärenz des europäischen und nationalen Regelungssystems, an denen die Bundesarchitektenkammer unmittelbar mitgewirkt hat, sowie diejenigen zur stärkeren Berücksichtigung qualitativer Elemente bei Vergaben. Die Empfehlungen des Baugerichtstages sind hier veröffentlicht Dr. Volker Schnepel lietet die Rechtsabteilung der Bundesarchitektenkammer Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Die Preisfrage

Im bezahlbaren Mietwohnungsbau sind die Rahmenbedingungen eng. Trotzdem testen Architekten die Spielräume aus. Eine Deutschlandreise zu kommunalen oder genossenschaftlichen Projekten und zu neuen Werkswohnungen Von Heiko Haberle Bezahlbar ist relativ. In Stuttgart mögen 10,50 Kaltmiete pro Quadratmeter sensationell sein, in Halle an der Saale sind 8,30 ein Maßstabssprung. Doch im frei finanzierten Neubau sind niedrigere Mieten schwer zu realisieren – selbst wenn die Baukosten deutlich unter 2.000 Euro pro Quadratmeter liegen (KG 300+400). Wesentlich günstiger wird auch im sozialen Wohnungsbau nicht gebaut. Dort werden die Mieten lediglich durch die Förderung auf zum Beispiel 6,50 Euro (Berlin, generell) oder 5,10 Euro (Köln, stärkste Förderart) gesenkt (siehe hier). Ob gefördert oder nicht – der „ganz normale“ Mietwohnungsbau für eine breite Bevölkerung wird von privaten Investoren kaum bearbeitet. Einstweilen liegt die Expertise also bei den städtischen Wohnungsbaugesellschaften und den traditionellen Genossenschaften – und bei den eher kleinen Architekturbüros vor Ort, die mit ihren Auftraggebern nach preiswerten Lösungen suchen. Wiesbaden: Experiment auf Stelzen Projekt: Wohnbau Christian-Morgenstern-Straße Architekten: Christ.Christ associated architects, Wiesbaden Bauherr: GWW, Wiesbadener Wohnbaugesellschaft Fertigstellung: 2016 Konstruktion: Massivbau mit WDVS Wohnungen: 16 frei finanzierte Mietwohnungen Baukosten (brutto KG 300+400 pro Quadratmeter): 2.347 Euro Kaltmieten: zwischen 8,50 und 10,80 Euro, je nach Ausstattungsstandard

Wiesbaden_Artikel_2

Einen überraschenden Anblick bietet in dieser Hinsicht das, was die Wiesbadener Wohnungsbaugesellschaft GWW mit dem örtlichen Büro Christ.Christ am westlichen Stadtrand frei finanziert errichtet hat. Auf einem ehemaligen Garagenhof erheben sich zwei Terrassenhäuser, die an Experimentalbauten denken lassen und durchaus auch so zu verstehen sind. Unter weitgehendem Verzicht auf Erdarbeiten, thronen je Haus acht Wohnungen über nun sogar mehr Parkplätzen, die auch den Nachbarn dienen. Dem abschüssigen Gelände folgend, fällt die Dachlinie ab und verspringen die Geschosse – im sozialen Wohnungsbau wäre das ein Tabu. Überraschend sind auch die Wohnungen, die mit ihren breiten Glasfronten und großen Terrassen als Einfamilienhaus-Ersatz gedacht sind. Tiefe Brüstungen dienen als Sicht- und Lärmschutz sowie Stauraum und Pflanztrog. Im ersten Obergeschoss liegen „Bungalow“-Wohnungen mit drei oder vier Zimmern, darüber Vier-Zimmer-Maisonetten – alle zwischen 100 und 120 Quadratmeter groß. Vermietet wird zwischen 8,50 und 10,80 Euro kalt, was teilweise unter dem Niveau des Mietspiegels liegt. Architekt Roger Christ, der mit der GWW auf der Immobilienmesse Expo Real Kontakt aufgenommen hatte, kennt deren Standards, setzte sich jedoch immer wieder für Sonderlösungen ein: mit Blechen verkleidete, statt nur vergitterte Außen-Wendeltreppen der Maisonetten, farbige Handläufe, sowie individuell entworfene Vordächer zeigen schnell den feinen Unterschied zu den benachbarten Bauten derselben Bauherrin. Die Untersichten der Parkebene wurden in acht verschiedenen Farben gestaltet, von denen sich vier an Treppenläufen und -geländern wiederfinden (wo sie allerdings auf die Standard-Bodenfliesen der GWW treffen). Ein besonderer Clou ist ein eigens produziertes Treppen-Fertigteil mit geschwungener Untersicht, das sofort einen Architekten mit Liebe zum Detail erkennen lässt.

Diagramm_Wohnbau_Christian_Morgenstern_Straße_01

Berührungsängste mit dem günstigen Wohnungsbau hat Christ nicht: „Ich lehne WDVS-Fassaden oder Kunststofffenster nicht prinzipiell ab. Ich versuche eben, die beste gestalterische Lösung damit zu finden.“ Wo sonst Architekten für anthrazitfarbene statt weiße Fensterrahmen kämpfen, setzte Christ es umgekehrt durch: Die Eingangsseite, die als einfache WDVS-Lochfassade grau gestrichen wurde, erhielt zugunsten der räumlichen Wirkung weiße Kunststofffenster mit weißen Rollläden und Laibungen, obwohl diese schmutzanfälliger sind. Ähnliche Vorbehalte gab es zunächst auch gegen die Verschalung der Terrassen mit Lerchen-Holz, denn alles, was Alterungsspuren zeigt und Unterhaltungskosten verursachen könnte, ist für Bauherren, die in großem Maßstab bauen, kritisch. Obwohl solche Sonderlösungen nicht zwangsläufig teurer als die Standards sind, wird sich das Wiesbadener Projekt, das letztendlich 2.347 Euro pro Quadratmeter (brutto KG 300+400) kostete, allein schon wegen der Wohnungsgrößen vermutlich nicht wiederholen, so GWW-Bauleiter Kolja Baier. Aber wertvolle Erfahrungen für das gemeinsame Folgeprojekt, das auch Sozialwohnungen vorsieht, oder für die Erweiterung der Standard dürfte man sicher gemacht haben.   Rosenheim: Wohnhof für Familien Projekt: Wohnbebauung Finsterwalder Straße Architekten: bogevischs buero, München Bauherr: GRWS, Wohnungsbau- und Sanierungsgesellschaft der Stadt Rosenheim GmbH Fertigstellung: 2014 Konstruktion: Massivbau mit WDVS / im Erdgeschoss Stahlbeton, zweischalig mit Kerndämmung Wohnungen: 101 Mietwohnungen, zum Teil Sozialwohnungen / Modellvorhaben der Oberbayerischen Baubehörde „IQ – Inner städtischeWohnquartiere“ – Familienfreundliches Wohnen in der Stadt Baukosten (brutto KG 300+400 pro Quadratmeter): 1.817 Euro Kaltmieten: Zwischen 4,50 und 7,50 Euro

Rosenheim_Artikel_2

  Stuttgart: Einfaches Haus, edler Auftritt Projekt: Mehrfamilienhäuser Stuttgart-Feuerbach Architekten: SESA Schilling Escher Steinhilber Architekten, Stuttgart Bauherr: Robert Bosch Wohnungsgesellschaft Fertigstellung: 2016 Konstruktion: Massivbau mit WDVS Wohnungen: 44 frei finanzierte Werks-Mietwohnungen Baukosten (brutto KG 300+400 pro Quadratmeter): 1.880 Euro, inkl. Tiefgarage Kaltmieten: 10,50 Euro im Durchschnitt

Stuttgart_Arikel-1

Auch heute noch werden Werkswohnungen gebaut – etwa von der Firma Bosch. Gleich gegenüber dem Werk in Stuttgart-Feuerbach errichtete die Robert Bosch Wohnungsgesellschaft in vier Häusern insgesamt 44 Wohnungen, deren Preise sich am unteren Ende des Mietspiegels orientieren. Dass das eine kostenbewusste Planung, ähnlich wie im sozialen Wohnungsbau, bedeuten würde, war Ursula Steinhilber vom Stuttgarter Büro SESA von Anfang an klar, da sie bereits zuvor für die Bauherrin geplant hatte. Die Wohnungsgrößen waren mit 60 bis 65 Quadratmetern für zwei Zimmer, 75 bis 80 Quadratmeter für drei Zimmer und 95 Quadratmetern für vier Zimmer vorgegeben. Darüber hinaus waren die Ansprüche an Ausstattung und räumliche Großzügigkeit aber durchaus gehoben: eine offene Wohnküche von 30 Quadratmetern, zwei Meter tiefe Balkone, Fußbodenheizung und Parkett. Wo andere Architekten zähe Kämpfe ausfechten müssen, berichtet Steinhilber so selbstverständlich von einer rationalen Planung mit gestalterischem Anspruch, als sei sie heutzutage eher die Regel als die Ausnahme. Küchen und Bäder wurden natürlich nebeneinander angeordnet, um Schächte zu reduzieren. Die Häuser sind Vierspänner, trotzdem sind alle Wohnungen zu zwei Himmelsrichtungen ausgerichtet und trotzdem ist das Treppenhaus außenliegend. Durch hofartige Einschnitte vor den Treppenhäusern erscheinen die vier Baukörper zur höher gelegenen Eingangsseite wie eine Kette aus acht zierlichen Kuben. Im Treppenhaus blieb der Beton der Fertigteile sichtbar. „Wenn innerhalb des festgelegten Budgets zum Beispiel durch eine wirtschaftliche Grundstruktur gespart wurde, konnten wir es an anderer Stelle für Architekturqualität ausgeben“, berichtet Steinhilber – etwa für eine Pfosten-Riegel-Konstruktion der Treppenhausverglasung oder für die Ansicht zum Tal. Dort weicht die WDVS-Lochfassade großen Glasflächen und über die gesamte Front reichenden Balkonen, deren Sichtbeton-Fertigteile als massive Geschossdecken inszeniert werden. Dieser Kunstgriff lässt nicht nur an den gehobenen Wohnungsbau denken, sondern umspielt auch geschickt die Kubatur, wie Steinhilber anmerkt: „Obwohl es nicht so aussieht, ist das Haus eigentlich nur eine Kiste.“ Trotz schwierigem Baugrund, in dem alte Stollen zu überbrücken waren, lagen die Baukosten am Ende bei nur 1.880 Euro pro Quadratmeter (brutto KG 300+400 inkl. Tiefgarage). Als Miete werden durchschnittlich 10,50 Euro kalt fällig.   Jena: Spiel mit dem Außenraum Projekt: Friedensberg Terrassen Architekten: Junk & Reich Architekten, Weimar Bauherr: jenawohnen GmbH (kommunales Wohnungsbauunternehmen) Fertigstellung: 2015 Konstruktion: Massivbau mit WDVS Wohnungen: 96 frei finanzierte Mietwohnungen Baukosten (brutto KG 300+400 pro Quadratmeter): 2.015 Euro Kaltmieten: zwischen 8,00 und 10,50 Euro

Jena_Artikel-4

  Berlin: Holzrahmen und Vorhangfassade Projekt: Wohnen am Anger, Adlershof Architekten: roedig.schop architekten, Berlin Bauherr: Stadt und Land (kommunales Wohnungsbauunternehmen) Fertigstellung: 2017 Konstruktion: Massivbau mit hinterlüfteter Fassade aus Holzrahmen (mit Holzfaserdämmung) Wohnungen: 62 frei finanzierte Mietwohnungen Baukosten (brutto KG 300+400 pro Quadratmeter): 1.794 Euro, ohne Tiefgarage Kaltmieten: 9,70 oder 11,90, je nach Ausstattungsstandard

Berlin_Artikel_1

Wer zehn Jahre oder länger in Berlin lebt, wird Kaltmieten von unter 5 Euro als bezahlbar empfinden. Die durchschnittlich 10,57 Euro, die die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land für 62 neue Wohnungen im Entwicklungsgebiet Adlershof aufruft, erscheinen da astronomisch. Vergleicht man sie mit den Mieten privater Eigentümer, sind sie es keineswegs. Als das Projekt 2014 mit einem VOF-Verfahren startete, mussten die landeseigenen Gesellschaften noch nicht die heute geforderten 50 Prozent Sozialwohnungen errichten, sodass der Bau frei finanziert wurde. Das bedeutete nicht, dass es weniger strenge Anforderungen gab, wie Architekt Christoph Roedig vom Berliner Büro roedig.schop berichtet: Kostengrenze, Wohnungsschlüssel, Zimmergrößen und Möblierungsfähigkeit waren weitgehend vorgegeben und wurden nach einem Punktesystem bewertet. „Wenn viele Wohnungen gebaut werden müssen, sind belastbare Kriterien zwar wichtig“, betont Roedig, „doch das führt nicht unbedingt dazu, dass die besten Wohnungen gebaut werden.“ Er zweifelt auch daran, dass in der ganzen Stadt der gleiche Wohnungsschlüssel sinnvoll ist. Erfahrung mit kostenbewussten Bauherren hatten die Architekten zuvor mit Baugruppen gesammelt, weshalb fast niemand sonst diese Referenz hatte, als ab 2011 der Wohnungsbau in Berlin wieder in die Gänge kam. Die Offenheit der Baugruppen für unkonventionelle Wohnformen ist allerdings von den landeseigenen Gesellschaften selten zu erwarten, wofür meist die Vermietungsabteilungen sorgen: „Die können eine klassische 4-Zimmer-Wohnung einfach besser erklären als einen offenen Grundriss mit eingestelltem Raummöbel“, so Roedigs Erfahrung. Sein Büro plant auch für drei weitere landeseigene Gesellschaften. Der rationale Ansatz der Baugruppenprojekte konnte aber sehr wohl übertragen werden: Das Haus in Adlershof wurde in Schottenbauweise errichtet, die Treppenhäuser sind mit sichtbar belassenen Beton-Fertigteilen ausgeführt. Die Außenwände wurden – Roedig ist noch immer etwas überrascht, dass hierfür Offenheit bestand – als Holzrahmenelemente mit Holzfaserdämmung vorgefertigt, denen vor Ort die Fenster eingebaut und eine Eternit-Fassade vorgehängt wurde. „Vorfertigung heißt übrigens nicht, dass alles gleich sein muss“, erklärt Roedig, der damit mit einem Vorurteil aufräumt. So könnten bei der heute üblichen digitalen Fertigung die Formate durchaus unterschiedlich sein. Man müsse nur gut sortieren. Eine Tiefgarage gibt es nur neben dem nördlichen Bauteil. Hier werden die Wohnungen für 11,90 Euro den Quadratmeter kalt vermietet; inklusive Parkett und Aufzug. Im südlichen Abschnitt muss man sich für 9,70 Euro mit Linoleum-Boden und einer einfacheren Sanitär-Ausstattung begnügen und auf einen Aufzug verzichten. Den Kampf für Holzfenster haben die Architekten unterdessen wie viele ihrer Kollegen, die in diesem Bereich arbeiten, aufgegeben, auch weil Kunststofffenster inzwischen ziemlich überzeugend Holzstrukturen imitieren. Obwohl man zugunsten durchgesteckter Wohnungen Zweispänner realisierte, lagen die Baukosten am Ende bei nur 1.794 Euro pro Quadratmeter (brutto KG 300+400 ohne Tiefgarage). „Erst wenn man 300 oder 400 Wohnungen baut, geht es in dieser Qualität noch günstiger“, findet Christoph Roedig. Womöglich bleibt das Adlershofer Projekt ein Einzelfall, denn beim massenhaften Wohnungsbau mit dem zuletzt erhöhten Anteil geförderter Wohnungen sieht der Architekt in Berlin deutliche Rückschritte. „Aber immer wieder gibt es auch bei den Wohnungsbaugesellschaften lobenswerte Experimente ­– zumindest in kleinen Nischen.“   Hamburg: Passivhaus, hanseatisch und günstig Projekt: Weltquartier Wilhelmsburg, Kopfbauten Architekten: Gerber Architekten, Dortmund Bauherr: SAGA (kommunales Wohnungsbauunternehmen) Fertigstellung: 2014 Konstruktion: Massivbau mit zweischaliger Außenwand als Mauerwerk mit Kerndämmung Wohnungen: 75 Sozialwohnungen, teilweise im Passivhaus-Standard / Modellprojekt „interkulturelles Wohnen“ der Internationalen Bauausstellung 2013 Baukosten (brutto KG 300+400 pro Quadratmeter): 2.325 Euro Kaltmieten: 5,70 Euro

Hamburg_Artikel5

  Kempten: Einschaliges Mauerwerk statt WDVS Projekt: Wohnbebauung Ludwigshöhe-Sligostraße Architekten: f64 architekten, Kempten Bauherr: BSG, Bau- und Siedlungsgenossenschaft Allgäu Fertigstellung: 2017 Konstruktion: Massivbau mit monolithischer, einschaliger Außenwand aus dämmstoffgefüllten Ziegeln Wohnungen: 41 Eigentumswohnungen, davon ca. 30% selbstgenutzt / 47 Mietwohnungen, davon 43 geförderte Sozialwohnungen Baukosten (brutto KG 300+400 pro Quadratmeter): Eigentumswohnungen: 1.840 Euro, ohne Tiefgarage / Mietwohnungen: 1.730 Euro ohne Tiefgarage für die Kaltmieten: Sozialwohnungen: einkommensabhängig 4,50, 5,50 oder 6,50 Euro / Vermietete Eigentumswohnungen: ca. 9,00 Euro

Kempten_Artikel-1

Obwohl im bezahlbaren Mietwohnungsbau oft WDVS-Fassaden zum Einsatz kommen, ist der Architekten-Traum von einem monolithischen Wandaufbau eigentlich in greifbarer Nähe. Viele öffentliche oder genossenschaftliche Träger bauen inzwischen oft einschalig mit Mauerziegeln oder Porenbetonsteinen (etwa bei den Wohnungsbaugesellschaften in Berlin oder München). Auch die Bau- und Siedlungsgenossenschaft Allgäu (BSG) aus Kempten baut so – zuletzt sechs Häuser mit insgesamt 88 Wohnungen des Kemptener Büros f64 im Baugebiet „Auf der Ludwigshöhe“. Zur Finanzierung wurden in den drei nördlichen Häusern die Wohnungen an Privateigentümer verkauft, von denen etwa 30 Prozent Selbstnutzer sind. Von den 47 übrigen Wohnungen in den südlichen Häusern werden 43 als Sozialwohnungen einkommensabhängig für Kaltmieten von 4,50, 5,50, oder 6,50 Euro vergeben. Für die frei finanzierten Dachgeschosswohnungen werden 8 Euro verlangt. „Wir haben keinen Spardruck gespürt, sondern sind ganz unverkrampft an die Planung gegangen“, erinnert sich Martin Kopp von f64 Architekten, die den Auftrag nach einem anderen Projekt für die BSG direkt erhalten hatten. „Es mussten kaum Vorgaben formuliert werden. Kostenbewusst zu planen, war für uns selbstredend.“ Gewünscht waren eher kleine Wohnungen, wobei es bei den Wohnungsgrößen gewisse Toleranzen gab. Lediglich über das gesamte Haus gemessen, sollte die Zusammensetzung stimmen. Die gestalterische Energie wurde dort eingesetzt, wo es drauf ankam: Für eine bessere Belichtung und Durchblicke wurden die Häuser nach Westen oder Süden angespitzt. In Kombination mit den Satteldächern – die eine Bedingung des Bebauungsplans waren, allerdings asymmetrisch platziert wurden – sind ungewöhnlich schlank wirkende Baukörper mit abwechslungsreichen Ansichten entstanden. Hinzu kommen die Austritte, die halb Loggien mit farbiger Einfassung, halb tropfenförmige Balkone sind und mit ihren aus Rohren zusammengesetzten Brüstungen eher Körben gleichen. Eine von außen sichtbare Unterscheidung von Eigentums- und Sozialwohnungen haben die Architekten vermieden. Unterschiede bei Bauweise und Ausstattung gibt es aber sehr wohl: Die Eigentumswohnungen sind im Schnitt 88 Quadratmeter groß, besitzen eine Fußbodenheizung und Parkett- oder Fliesenböden. Die Außenwände wurden aus 42,5 Zentimeter starken, mit Mineralwolle gefüllten Dämmziegeln errichtet, womit der KfW-55-Standard erreicht wurde. Die durchschnittlich 76 Quadratmeter großen Sozialwohnungen haben Heizkörper und Vinylböden. 36,5 Zentimeter starke Ziegel führen hier zum KfW-70-Standard. Die Baukosten pro Quadratmeter lagen bei 1.840 Euro für die Eigentumswohnungen (brutto KG 300+400 ohne Tiefgarage) und bei 1.730 Euro für die Mietwohnungen.   Ingolstadt: Modernes Dorf statt Kaserne Projekt: Wohnen am Auwald Architekten: su und z Architekten, München Bauherr: privat Fertigstellung: 2015 Konstruktion: Massivbau mit monolithischer, einschaliger Außenwand aus dämmstoffgefüllten Ziegeln Wohnungen: 36 frei finanzierte Mietwohnungen Baukosten (brutto KG 300+400 pro Quadratmeter): 2.415 Euro Kaltmieten: 12,50 Euro im Durchschnitt

Ingolstadt_Artikel_1

  Halle (Saale): Städtebau klassisch, Inhalt smart Projekt: Königsviertel Architekten: Hans-Otto Brambach und Matthias Dreßler, Halle (Saale) Bauherr: HWF, Hallesche Wohnungsgenossenschaft Freiheit Fertigstellung: 2016 Konstruktion: Massivbau mit WDVS Wohnungen: 114 frei finanzierte Mietwohnungen Baukosten (brutto KG 300+400 pro Quadratmeter): 1.707 Euro, inkl. Tiefgarage Kaltmieten: zwischen 7,80 und 9,90 Euro, je nach Ausstattungsstandard / 8,29 Euro im Durchschnitt

Halle__Artikel-11

Gut zusammengearbeitet haben die Hallesche Wohnungsgenossenschaft Freiheit (HWF) und die ortsansässigen Architekten Hans-Otto Brambach und Matthias Dreßler. Sonst sähe das neue Königsviertel mit 114 Wohnungen dem Wettbewerbsentwurf von 2011 wohl nicht so überaus ähnlich, wie man es selten erlebt: Die HWF wollte es genau, wie vorgeschlagen. In einem heterogenen Umfeld zwischen Hauptbahnhof, Altstadt und einem gründerzeitlichen Wohngebiet demonstrieren die zwei Architekten einen Städtebau wie aus dem Lehrbuch: Die Straßenecke wird mit einem Siebengeschosser betont, den man gegen anfängliche Zweifel der Stadt durchsetzen konnte. Die Blockrandbebauung wird zum Turm hin niedriger und besitzt leichte Knicke, die eine Begrünung des Straßenraums erlauben. Großzügige (leider mit Gittern versperrte) Durchgänge schaffen Blicke zum begrünten Innenhof. Balkone, die dann mit Bambusmatten verhängt werden, wollten Brambach und Dreßler vermeiden. Stattdessen besitzt jede Wohnung zum Hof eine Terrasse oder Loggia, die Dachwohnungen kleine Patios, die gleichzeitig die überhöhte Attikazone prägen. Obwohl man von einem Dogma des bezahlbaren Wohnungsbaus, der kompakten Kiste, abwich, lagen die Baukosten bei nur 1.707 Euro pro Quadratmeter (brutto KG 300+400 inkl. Tiefgarage). Auch wenn die Genossenschaft die gut 17 Millionen Euro Gesamtkosten komplett aus Eigenmitteln bestritt, galten wie im sozialen Wohnungsbau bestimmte Bauweisen aus guter Erfahrung heraus als gesetzt: Wohnungs- und Zimmergrößen, WDVS-Fassade, Kunststofffenster mit Rollläden, Linoleumböden. Gesetzt waren aber auch eine Fußbodenheizung für alle Wohnungen sowie – in Neubauten kaum noch anzutreffen – Bäder mit Fenstern. „Die werden von den meisten Mitgliedern ausdrücklich gewünscht“, wie Marco Offermanns, einer von zwei zuständigen Bauleitern der HWF berichtet. Weil die Mieterschaft großteils über 50 Jahre alt sei, sollten die Grundrisse „eher konventionell“ sein. Dennoch konnten die Architekten in vielen Wohnungen mit Schiebetüren einen überzeugenden Kompromiss zwischen offener Wohnküche und klassischem Zimmergrundriss realisieren. Im Keller finden sich Fahrradräume, Waschküchen und Trockenräume. In der Tiefgarage, die kostensparend nicht unter dem Haus, sondern unter dem Hof liegt, befindet sich eine Elektro-Tankstelle. Im Hof gibt es WLan und in den Treppenhäusern informieren Touch-Screens über die Abfahrtszeiten des Nahverkehrs, die letzte Hausreinigung, anstehende Reparaturen oder Veranstaltungen in der Begegnungsstätte im Erdgeschoss des Turms. Die Mieten starten bei 7,80 Euro kalt und enden bei 9,90 Euro für Dachgeschosswohnungen mit Kamin; der Durchschnitt liegt bei 8,29 Euro. „Die Wohnungen waren in dieser Anzahl keine Selbstläufer“, gibt Offermanns zu. „Wir haben sie aktiv beworben und mehrere Besichtigungstage durchgeführt.“ Doch letztendlich kann sich die Genossenschaft nicht nur über den Deutschen Bauherrenpreis 2018 freuen, sondern auch über ein voll vermietetes Haus in zentraler Lage, für das einige Mieter sogar ihr Eigenheim im Umland aufgegeben haben.   Lübeck: Es geht auch mit Klinker Architekten: Zastrow + Zastrow Stadtplaner und Architekten, Kiel Bauherr: Grundstücks-Gesellschaft TRAVE mbH (kommunales Wohnungsbauunternehmen) Projekt: Tilsitstraße, Wohnen mit Kindern Fertigstellung: 2014 Konstruktion: Zweischaliger Ziegelmassivbau Wohnungen: 92 Mietwohnungen, xxx, Kita Baukosten (brutto KG 300+400 pro Quadratmeter): 1.432 Euro Kaltmieten: ab 5,65 Euro Projekt: 7 Moislinge, Schneewittchenweg Fertigstellung: 2018 Konstruktion: Zweischaliger Ziegelmassivbau Wohnungen: 93 Sozialwohnungen Baukosten (brutto KG 300+400 pro Quadratmeter): 1.933 Euro Kaltmieten: ab 5,65 Euro

Luebeck_Artikel_6

Bild 1 von 5

Tilsitstraße

  Ludwigsburg: Günstig mit eigenem Förderkonzept Projekt: Wohnbebauung Sonnenberg-Mitte Architekten: Ackermann + Raff, Tübingen, Stuttgart Bauherr: Wohnungsbau Ludwigsburg GmbH Fertigstellung: 2013 Konstruktion: Massivbau mit WDVS Wohnungen: 43 Mietwohnungen, davon 23 preisgedämpft nach dem Ludwigsburger Modell „Fair-Wohnen“ Baukosten (brutto KG 300+400 pro Quadratmeter): 1.479 Euro, inkl. Tiefgarage Kaltmieten (Stand Ende 2017): Preisgedämpfte Wohnungen 7,79 im Durchschnitt / Übrige Wohnungen: 10,16 Euro im Durchschnitt

Ludwigsburg_Artikel_2

  Köln: Urbane Mischung an der Peripherie Projekt: Grüner Weg Architekten: ASTOC Architects and Planners, Köln / Molestina Architekten, Köln / Lorber Paul Architekten, Köln Bauherr: GAG Immobilien AG (kommunales Wohnungsbauunternehmen) Fertigstellung: 2016 Konstruktion: Massivbau mit WDVS Wohnungen: 240 Mietwohnungen, davon 56 Sozialwohnungen / dazu 86 Gewerbeeinheiten, Kita, Demenz-WG, Theater Baukosten (brutto KG 300-600 pro Quadratmeter): Frei finanzierte Wohnungen: 1.790 Euro / Geförderte Wohnungen: 1.700 Euro Kaltmieten: Sozialwohnungen; einkommensabhängig 5,10 oder 6,20 Euro / Frei finanzierte Wohnungen: bis 11,90 Euro Mehr zum Projekt hier

WoBaGe_17

Bild 1 von 11

Am Grünen Weg im Stadtteil Ehrenfeld errichtete die GAG 240 Wohnungen, davon 56 geförderte, eine Kita, eine Demenz-WG und 86 Gewerbeeinheiten.

Alles so schön nachhaltig

Der Begriff der „Nachhaltigkeit“ fällt in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen. Trotzdem oder genau deswegen nehmen wir ihn im Juni besonders ernst. Was ist für Sie nachhaltig? Was macht nachhaltige Architektur aus, was nachhaltige Planung? Denken Sie an Ökologie, Ökonomie, Soziales oder Baugeschichtliches? Denken wir weit genug? Können Sie das Wort überhaupt noch hören? Schreiben Sie uns Ihre Meinung als Kommentar unten auf dieser Seite oder per E-Mail an: chefredaktion-dab@planetc.co Eine Auswahl der Einsendungen, die bis zum 23. April bei der Redaktion eingehen, wird in Ausgabe 06 veröffentlicht. Die Redaktion behält sich sinnwahrende Kürzungen oder eine Bearbeitung der Einsendungen vor.

Abriss? Nein Danke!

Die Wohnscheibe in Bordeaux vor (links) und nach der Sanierung durch Lacaton & Vassal mit Druot und Hutin. Die Wohnungen erhielten vorgelagerte Wintergärten. Wenn bezahlbarer Wohnraum abgerissen wird, schmerzt das besonders. Dabei gibt es fast immer Alternativen – sogar für Großwohnsiedlungen mit schlechtem Ruf. Eine Ausstellung und ein Symposium in München präsentierten schlaue und erfolgreiche Umbauten aus ganz Europa. Von Melanie Schlegel Ein Penthouse mit Blick über Bordeaux weit über die Kirchturmspitzen der Kathedrale St. André hinweg, zwei Zimmer, 80 Quadratmeter, all das für 350 Euro. Nein! Es fehlt keine Null. Und nein! Der Preis gilt nicht pro Quadratmeter, sondern für die ganze Wohnung. Und nochmals nein! Wer reich ist, hat eher schlechte Karten, diese Wohnung zu beziehen. Während Architekt Christophe Hutin diese Zahlen seinen rund 100 Zuhörern im bis auf den letzten Platz gefüllten Münchner AIT-ArchitekturSalon präsentierte, zeigte er Fotografien von Philippe Ruault. Zu sehen waren sowohl die Wohnungen der jüngst umgebauten und um Wintergärten erweiterten Hochhausblöcke in der Cité du Grand Parc in Bordeaux als auch spektakuläre Ausblicke raus aus den Wohnungen über die Dächer der Stadt. Wohnscheiben in neuem Gewand Diese Großzügigkeit  übertrug sich am 6. März 2018 auch auf das Symposium  „Bezahlbar besser wohnen. Transformation im urbanen Kontext“, denn im Hochbunker in der Münchner Hotterstraße saßen die Zuhörer quasi im Wintergarten der bordelaiser Wohnblöcke zwischen Yucca-Palmen und Fototapeten – der Ausstellungsarchitektur zur zugehörigen Schau „Never demolish!“  Weite, Freiheit und Schönheit. Attribute, die vermutlich nicht jedem Architekten beim ersten Brainstorming zum Entwurf eines Sozialwohnungsbaus einfallen würden; den Architekten Anne Lacaton, Jean-Philippe Vassal und Frédéric Druot dagegen schon. Nach deren erfolgreicher Transformation des Tour Bois le Prêtre, einem Wohnhochhaus mit 100 Sozialwohnungen am Stadtrand von Paris im Jahr 2011, wurden die Architekten von ihrem Bauherrn Bernard Blanc, dem Direktor der sozialen Wohnungsbaugesellschaft Aquitanis erneut beauftragt: dieses Mal mit der Transformation dreier Hochhausscheiben aus den 1960er-Jahren für rund 4.000 Bewohner in Bordeaux. Aufgrund der stattlichen Projektgröße zog der Bauherr für Umbau und Vergrößerung der insgesamt 530 Wohneinheiten das Architekturbüro von Christophe Hutin mit hinzu. Während des Umbaus verschwanden die ursprünglichen Lochfassaden, an deren Stelle es jetzt Vollverglasungen mit Schiebeelementen gibt. Davor liegt eine neue, 3,80 Meter tiefe Raumschicht aus Wintergärten und Balkonen. Innen angebrachte Thermovorhänge unterstützen den Wärmedämmeffekt des Wintergartens. Als Klimapuffer erreicht diese Konstruktion Dämmwerte wie ein 17 Zentimeter dickes WDV-System. Eine Ahnung von bezahlbarem Wohnraum in der Münchner Altstadt Mit der Ausstellung „Never Demolish“ injizieren die Kuratoren Andreas und Ilka Ruby das Thema „bezahlbarer Wohnraum“ direkt ins Herz der Münchner Altstadt; also genau dorthin, wo die Quadratmeterpreise so hoch sind, wie nirgendwo anders in Deutschland. Und sie demonstrieren anhand des Projekts in Bordeaux, dass es sehr wohl Alternativen zur inzwischen leider anerkannten Alternativlosigkeit von Abriss und Neubau gibt. Besucher erfahren in einer 1:1-Installation den grundsätzlichen Raumtypus: die Erweiterung eines Wohnraums durch den Wintergarten. Eine zehn Meter lange und knapp drei Meter hohe Fotowand übernimmt die Rolle der Glasfassade mit Schiebeelementen. Von einer Seite aus simulieren diese Fotos den Blick vom Wintergarten in den Wohnraum und von der anderen Seite den Ausblick vom Wohnraum auf die Wintergärten und weiter über die Dächer von Bordeaux. Reale Thermo- und Sonnenschutzvorhänge wurden vor die Fotowände gehängt und mit Mobiliar wie Sofas, Fernseher, Perserteppich oder Yucca-Palmen ausgestattet. Die Installation verwandelt den Ausstellungsraum in Wohnungen und vermittelt, wie weit und licht es auch im Sozialwohnungsbau sein kann. Rückbau auf die Hardware Aus Amsterdam berichtete Kamiel Klaasse von NL Architects über die Großwohnsiedlung Bijlmermer, die so umstritten und heruntergekommen war, dass große Teile bereits abgerissen wurden. Für eine noch erhaltene Hochhausscheibe, die für nur einen Euro den Besitzer gewechselt hatte, war ein intelligentes Sanierungskonzept die Rettung: Rückbau auf die „Hardware“, variable Grundrissvorschläge und Selbstausbau brachten den Erfolg und neue Bewohner. Nanni Grau und Frank Schönert vom Berliner Büro „Hütten und Paläste“ stellten anhand einiger Projekte verschiedene Strategien urbaner Transformation vor, aus denen resultierend erschwinglicher und sozial verträglicher Wohnraum entsteht. Sie setzen in ihrer Arbeit auf Themen wie urban gardening, Kreislaufsysteme materieller, sozialer und ökonomischer Art, aber auch auf Gemeinschaftsinitiativen oder -nutzungen wie Co-Working Spaces. In allen Vorträgen wurden qualitativ hochwertige (Sozialwohnungsbau-)Projekte gezeigt, die sich durch Größe, Raumstruktur, Belichtung und Komfort mit gehobenen Wohnungsbauten messen können. Deutlich wurde dabei auch, dass Partizipation oder Gemeinschaftseinrichtungen gut mit Energieeffizienz und Bezahlbarkeit vereinbar sind. Tenor: der Verzicht auf die Abrissbirne ist im Wohnungsbau absolut sinnvoll! Melanie Schlegel ist freie Redakteurin und Autorin. Sie lebt in Seefeld (Bayern). MEHR INFORMATIONEN Die Ausstellung „Never Demolish!“ war bereits in Kopenhagen, Aarhus und Hamburg zu sehen und bleibt in München bis zum 16. April 2018. Die nächste Station soll voraussichtlich Basel sein. Passend zum Thema zeigt das Münchner Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne bis zum 21. Mai 2018 die Ausstellung „Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen! Wohnungsbau in Bayern 1918 | 2018“. „Never Demolish!“ Ausstellungsdauer: bis 16. April 2018 AIT-ArchitekturSalon, Galerie für Architektur, Innenarchitektur und Produktdesign Hotterstraße 12, 80331 München Öffnungszeiten: Mi – Mo 10 – 20 Uhr dienstags geschlossen „Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen! Wohnungsbau in Bayern 1918 | 2018“ Ausstellungsdauer: bis 21. Mai 2018 Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne Barer Straße 40, 80333 München Öffnungszeiten: Di – So 10 – 18 Uhr Do 10 – 20 Uhr

Ökobilanz selbst erstellen

Immer öfter wird bei der Planung eines Gebäudes auch sein Lebenszyklus betrachtet. Um dafür eine Ökobilanz zu erstellen, bietet das Bundesinstitut für Bau- Stadt und Raumforschung das Online-Tool eLCA (www.bauteileditor.de) an. Hauptkomponente ist ein Editor, der dem Nutzer das anschauliche Model­lieren von Gebäudebauteilen in verschiedenen Materialien ermöglicht und eine Bauteilbibliothek bereithält. Über eine neu entwickelte Schnittstelle können Daten aus einer EnEV Berechnung an eLCA übergeben werden. MEHR INFORMATIONEN BBSR INFO Nr. 5 / Oktober 2017, Seite 9 BundesBauBlatt 11/2017 Website des BKI Tutorials auf Youtube Zum eLCA Online-Tool  

Orientierungshilfe. Leserbrief von Maria Dilanas

Das Thema Barrierefreiheit bietet Spielräume für unterschiedliche Interpretationen und sorgt für Diskussionsstoff Ein Leserbrief zu unserem Beitrag Orientierungshilfe aus Heft 02.2018, Seite 36 Von Maria Dilanas Dass – wie behauptet – „baurechtlich eine Schwellenhöhe von zwei Zentimetern noch erlaubt“ sei, ist eindeutig nicht der Fall, wie sowohl der DIN 18040 als auch der Mitteilung der obersten Baubehörde Baden-Württemberg zu entnehmen ist (andere Bundesländer haben teilweise vergleichbare Hinweise gegeben). Hierzu zunächst zum Text der DIN 18040: Dort steht eindeutig, dass „untere Türanschläge und -schwellen nicht zulässig“ sind. In der Kommentierung zur DIN 18040 gibt es Passagen, in welchen bereits eine Schwelle mit minimalster Erhöhung als Problem gesehen wird. Wie ich meine zu Recht, denn es gibt Personenkreise, die bereits von geringsten Schwellenhöhen beeinträchtigt werden. Einzig und alleine dann, wenn eine Schwelle „technisch unabdingbar“ ist, kann im begründeten Einzelfall eine Schwelle bis 2 cm Höhe ausgeführt werden, wobei alle am Markt verfügbaren Produkte in die Überlegungen des Planers einzubeziehen sind (so die oberste Baubehörde Baden-Württembergs). Da wir in Deutschland selbst für hochwassergefährdete Gebiete zwischenzeitlich schwellenlose Türen haben und für normale Eingänge bereits seit Jahrzehnten (und zwischenzeitlich zahlreiche) funktionstaugliche Lösungen für schwellenlose Eingänge haben, die den allgemein anerkannten Regeln der Technik entsprechen, könnte ich mir einen begründeten Einzelfall lediglich aus Gründen des erhöhten Schallschutzes vorstellen. Auch hier mag es zwischenzeitlich Lösungen geben, was zu prüfen wäre. Im Übrigen kann die untere Türfreiheit mit bekannten Systemen problemfrei gewährleistet werden. Dies zeigen viele vollkommen schwellenlose  Bauausführungen, sodass es derzeit aus technischer Sicht keinerlei Begründung für eine erhöhte Türschwelle mehr gibt. Da Ihr Artikel einen großen Kreis der Architektenschaft erreicht, halte ich die oben zitierte Angabe für höchst bedenklich, denn sie könnte Planer zur fehlerhaften Planung zu verleiten oder in einer falschen Auffassung des Sachverhalts zu bestätigen. Aus meiner Tätigkeit als Gerichtssachverständige kann ich Ihnen berichten, dass es in Deutschland bereits mehrere Urteile zu diesem Thema gibt. Nahezu alle diese Urteile haben den klagenden Bauherren oder Wohnungserwerbern Recht gegeben: Schwellen sind barrierefrei und insofern schwellenlos herzustellen. Schwellen müssen nicht toleriert werden, wenn kein begründeter Einzelfall vorliegt. Der BGH hat darauf hingewiesen, dass es bereits ausreicht, wenn in einem Prospekt mit einer konkreten Eigenschaft geworben wird. Dies gilt auch für die Beschreibung „barrierefrei“, denn der Begriff der Barrierefreiheit ist ein anerkannter Rechtsbegriff. Als langjähriges Mitglied des Deutschen Baugerichtstags stehe ich zur Frage der Barrierefreiheit und hierbei auch zur Frage der Höhe der Schwellen mit mehreren Richtern von Landgerichten, OLGs und ehemaligen Richtern des BGH in regelmäßigem Kontakt. Diese sehen den Sachverhalt sowohl zivilrechtlich als auch baurechtlich einheitlich. Zugänge sind schwellenlos auszubilden.  Zivilrechtlich schulden Planer und Ausführende eine schwellenlose Ausführung. Diese Anforderung besteht aus baurechtlichen Fragen, sodass es zwar sein kann, dass ein Rückbau einer bereits fehlerhaft erstellten Schwelle baurechtlich nicht gefordert wir jedoch zivilrechtlich sehr wohl geschuldet werden kann. Maria Dilanas ist Architektin und Sachverständige in Bretten Weitere Leserbriefe zum Thema finden Sie hier

Orientierungshilfe. Leserbrief von Nadine Metlitzky, Lutz Engelhardt, Susanne Trabandt

Das Thema Barrierefreiheit bietet Spielräume für unterschiedliche Interpretationen und sorgt für Diskussionsstoff Ein Leserbrief zu unserem Beitrag Orientierungshilfe aus Heft 02.2018, Seite 36 Von Nadine Metlitzky, Lutz Engelhardt und Susanne Trabandt Mit Freude nehmen wir zur Kenntnis, dass sich die Redaktion des Deutschen Architektenblatts immer wieder dem Thema Barrierefreies Bauen widmet. Im Beitrag von Wolfgang Frey „Orientierungshilfe“ entsprechen jedoch die aufgezeigten Lösungsansätze und ‐vorschläge weder den rechtlichen und normativen Rahmenbedingungen, noch den allgemein anerkannten Regeln der Technik und den bautechnischen sowie praktischen Erfordernissen beim Barrierefreien Bauen. Beispielweise nimmt der Autor beim Thema „Welche Türbreite ist die richtige?“ Bezug auf eine lichte Durchgangsbreite von 100 oder 120 cm und ‐höhe von 210 cm. Diese Maße entsprechen weder der aktuellen Normierung DIN 18040‐1 und 2, noch den allgemein anerkannten Regeln der Technik. Entgegen den Vorgaben der Vorgängernormen DIN 18024‐2 und 18025‐1 sowie 2 (zurückgezogen 2010 und 2011), die vom Autor offensichtlich in Frage gestellt werden, stellt die aktuelle Normierung auf lichte Türhöhen von ≥ 205 cm und ‐breiten von ≥ 90 cm ab. Ferner nimmt der Autor sich der „Krux mit den Wenderadien“ an und ist der Meinung, dass für Menschen mit Behinderungen – insbesondere Rollstuhlnutzer – Wenderadien mit einem Durchmesser von 1,5 Metern erforderlich wären. Dies entspricht ebenfalls weder der aktuellen Normierung, noch den allgemein anerkannten Regeln der Technik und auch nicht den praktischen Erfordernissen für eine Rollstuhlnutzung. In der aktuellen Normierung DIN 18040‐1 und 2 – die im Übrigen auch in die Liste der technischen Baubestimmungen im Land Baden‐Württemberg (Bürostandort des Autors) eingeführt wurde – muss für die bauliche Barrierefreiheit während der Planung und Ausführung eine Bewegungsfläche von 150 cm (Breite) und 150 cm (Tiefe) berücksichtigt werden. Unter geometrischen Gesichtspunkten handelt es sich hierbei um ein Quadrat – nicht um einen Kreis. Diese quadratische Fläche ist auch unbedingt erforderlich, da für eine Richtungsänderung von einem Rollstuhlnutzer – und nur davon geht die Normierung aus – aufgrund der Geometrie seines Hilfsmittels die „Ecken“ der quadratischen Bewegungsfläche zwingend erforderlich sind, weil zum Beispiel das Wenden auf dieser Fläche in mehren Zügen stattfindet. Mitnichten ist es für den in der Norm zugrunde gelegten (Standard)Rollstuhlnutzer möglich, in einer kreisrunden Fläche mit Ø 1,50 m eine Richtungsänderung, geschweige denn, eine Wendung vorzunehmen. Die nach Auffassung des Autors erforderlichen „Wenderadien“ stellt der Autor auch in seinem gleichnamig untertitelten Grundrissausschnitt dar und suggeriert damit eine uneingeschränkte Rollstuhlnutzung (R‐Standard) im dargestellten Wohnungsgrundriss. Es sei hier auch drauf verwiesen, dass manche Menschen mit Behinderung durch die Nutzung größerer, als der DIN 18040 zugrunde liegenden, Rollstühle mehr Bewegungsfläche als 1,50 m x 1,50 m benötigen. Ferner nahmen wir mit Verwunderung zur Kenntnis, dass der Autor beim Thema „Beispiele für kostensparende Ausführungen“ zur nachträglichen Montage von Haltegriffen „Holzbohlen auf die Innenseite der Ständerkonstruktion“ montiert. Von solch einer Bastellösung kann nur dringend abgeraten werden. Die Norm zum Barrierefreien Bauen – DIN 18040‐1 und 2 – stellt beispielweise auf eine Belastbarkeit vom 1 kN an der Vorderkante von Stützklappgriffen ab. Dabei muss nicht nur der Stützklappgriff an sich, sondern auch das gesamte Befestigungssystem – d. h. die Befestigung in der Vorwandkonstruktion, die Vorwandkonstruktion selbst und deren Befestigung an Wand, Boden und/oder Decke – die aufkommenden Kräfte verwindungsfrei aufnehmen und ableiten können. Ein bautechnischer Nachweis ist nur durch entsprechende Befestigungssysteme eines Herstellers möglich, nicht jedoch mit Holzbohlen auf der Innenseite von Ständerkonstruktionen. Besonders kritisch ist dies auch unter der Maßgabe zu sehen, dass es sich bei Stütz‐ und Haltegriffen häufig um medizinisch erforderliche Hilfsmittel handelt. Der mit einer solchen Bastellösung einhergehenden Verletzungsgefahr kann nur widersprochen werden. Die vielfachen Bemühungen, den barrierefreien Ausstattungs‐ und Qualitätsstandard in Geplantem und Gebautem weiter voranzubringen, die funktionalen Zusammenhänge der hilfsmittelbedingten Bewegungsabläufe zu erläutern und die Notwendigkeit, die bauliche Barrierefreiheit stärker in die Architekturlehre und ‐praxis zu integrieren, sind mit diesem Artikel bedauerlicherweise deutlich negiert. Diese Darstellung spiegelt erneut die sehr häufig anzutreffende Meinung von Planern wider, Barrierefreiheit wäre lediglich ein lästiges Beiwerk und die vorhandenen Regelwerke seien allesamt unnütz. Uns stellt sich die Frage, warum im Deutschen Architektenblatt ein Artikel veröffentlicht wird, der weder die technischen Anforderungen zu einem Detail – hier bauliche Barrierefreiheit –, noch die fachliche Lösung zur Planung darstellt. Welchen Nutzen soll man aus diesem Artikel ziehen? Ein Architekt, der sich an die gemachten Vorschläge hält, begeht unter Umständen einen Planungsfehler und wird dafür haftbar gemacht. Hier wird eine Meinungsäußerung zu einem sehr relevanten Fachthema publiziert, in der weder eine Auseinandersetzung mit der Gesamtthematik, noch mit den Regelwerken stattfindet. Bei aller Kritik gegenüber Regelwerken und Baustandards wäre genau hier der Platz für eine fachlich fundierte Diskussion und Klarstellung. Selbst wenn es der – durchaus zulässigen – Meinung des Autors entspräche, dass die Regelwerke allesamt unnütz und falsch wären, wünschten wir uns an dieser Stelle – in der Fachzeitung des Berufsstandes der Architekten – einen konstruktiven Umgang mit solchen Fachthemen und deren Problemlösungen. Insgesamt wird mit dem Beitrag dem Barrierefreien Bauen – wie man so schön sagt – ein Bärendienst erwiesen, und der sich mit der Materie neu befassende Architekt dazu verleitet, durch Nichtbeachtung einer DIN einen Planungsfehler zu begehen. Nadine Metlitzky ist Architektin und Öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige und Fachplanerin für Barrierefreies Bauen sowie Fachbuchautorin und Mitherausgeberin des „Atlas barrierefrei bauen“ Lutz Engelhardt ist Architekt, Fachbuchautor für Barrierefreies Bauen und Mitherausgeber des „Atlas barrierefrei bauen“ Susanne Trabandt ist Architektin und Vorsitzende des Arbeitskreises „Barrierefreies Planen und Bauen“ der Architektenkammer Sachsen Weitere Leserbriefe zum Thema finden Sie hier

Baden mit Atmosphäre

Artikel_Emser Therme_11_7351

Bild 1 von 5

Für die neue Emser Therme in Bad Ems haben sich 4a Architekten verschiedene Raumeindrücke und -atmosphären ausgedacht.

Mit guter Architektur entstehen Schwimmbäder, die wirtschaftlich sind und in denen man sich wohlfühlt. Auch Bestandsbauten lassen sich aufwerten. Von Martin Reimer Im Hinblick auf die wirtschaftliche Lage sehen sich Kommunen und Betreiber immer mehr vor die Herausforderung gestellt, ein attraktives Badeangebot zu ermöglichen und zugleich die Themen der Nachhaltigkeit im Blick zu behalten. Vor diesem Hintergrund ist es ein Gebot der Zeit, bei der Planung eines Bades nicht nur die Baukosten zu berücksichtigen, sondern vor allem die künftigen Betriebs- und Unterhaltskosten weitestgehend zu minimieren. Schließlich fällt bei Bädern der größte Teil der Gesamtkosten in der Nutzungsphase an. Die Bau- bzw. Beschaffungskosten spielen eine vergleichsweise nachgeordnete Rolle. Auch zeigt sich immer wieder, dass Bäder aufgrund mangelhafter Planung bereits nach kurzer Zeit teilsaniert werden müssen – umso wichtiger ist es, diese Projekte sorgsam zu planen. Doch welche Anforderungen muss eine zeitgemäße Badelandschaft erfüllen und wo sind die Stellschrauben für eine wirtschaftliche und energetisch optimierte Bauweise? Wichtig ist es, dem Bad ein zeitgemäßes und ansprechendes Ambiente zu verleihen. Denn für die wirtschaftliche Effizienz sind nicht nur geringe Bau-, Unterhalts und Betriebskosten entscheidend, sondern ebenso eine hohe Besucherakzeptanz. Und die steigt, je freundlicher und einladender die Atmosphäre ist und mit ihr auch der langfristige Erfolg für den Betreiber. Beispielsweise liegt sämtlichen von uns geplanten Sport- und Freizeitbauten eine Art Leitbild oder Vision zugrunde, die sich auf die Lage und die Geschichte des Ortes bezieht und sich in der Architektur spiegelt. So entsteht – in Kombination mit einem individuellen Badeangebot, das gemäß den Anforderungen des Bauherrn und den Bedürfnissen der Nutzer entwickelt wurde – in jedem Bad eine ganz besondere und individuelle Aufenthaltsqualität. Entscheidende Faktoren sind neben der Formgebung die Wahl der Materialien, die Farbgestaltung und vor allem eine präzise Ausarbeitung bis ins Detail. Erst in diesem Zusammenspiel gelingt es, Wohlfühlräume mit hoher ästhetischer und funktionaler Qualität zu schaffen. So steht hinter jeder gestalterischen Entscheidung ein Thema, das die Nachhaltigkeit berührt.

Artikel_SZ Leonberg_Matthiessen_22_CF017672

Bild 1 von 5

Das Sportzentrum Leonberg hat sein markantes Erscheinungsbild behalten.

Nehmen wir die Reinigungsfreundlichkeit eines Bades als Beispiel für ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit. Die Reinigungskosten sind bei Bädern im Vergleich zu anderen Gebäuden sehr hoch. Hier spielt die Materialwahl eine entscheidende Rolle. Innovative Oberflächenveredelungen, zum Beispiel bei Feinsteinzeug-Fliesen, sorgen beim Boden- und Wandbelag für höhere Schmutzresistenz sowie einen hohen Reinigungskomfort. Das wirkt sich positiv auf die Betriebskosten aus. Darüber hinaus wird durch die entsprechende Materialwahl zugleich die Menge an chemikalienhaltigen Reinigungsmitteln reduziert, was der Umwelt zu Gute kommt. Auch steigern in der Regel qualitativ hochwertige Materialien, Bauteile und technische Anlagen durch geringeren Instandhaltungsaufwand den Werterhalt und erhöhen die Langlebigkeit eines Gebäudes mitsamt Interieur.

Artikel_SZ Leonberg Sauna_Matthiessen_07_CF034329

Bild 1 von 4

Der neu gestaltete Außenbereich der Sauna im Sportzentrum Leonberg.

Die Praxis zeigt, dass es einige wesentliche Stellschrauben gibt, die unmittelbar für Kosteneffizienz im späteren Betrieb und Unterhalt sorgen. Natürlich muss die komplette Gebäudehülle energetisch optimiert, das heißt mit neuer Dämmung und entsprechend hochwertigen Verglasungen versehen werden. Die Wärmedämmung von Wänden, die im Erdreich liegen sowie von Außenrutschen birgt hohe Einsparpotenziale. Ein entscheidender Punkt hierbei ist: Bei Bädern rechnen sich Investitionen in eine gut gedämmte Gebäudehülle schneller als bei Schulen oder anderen Gebäuden, da Bäder ganzjährig beheizt werden müssen. Ebenso zentral ist die technische Gebäudeausrüstung. Sind Haus- und Bädertechnik auf dem neuesten Stand, hat das wesentlichen Einfluss auf den künftigen Energie- und Wasserverbrauch. Beispielsweise sorgt eine optimierte, bedarfsorientierte Lüftungsregelung für enorme Energieeinsparungen. Auch lässt sich Energie sparen, wenn außerhalb der Betriebszeiten die Hallenfeuchte erhöht und eine Wärmerückgewinnung mit möglichst hohem Wirkungsgrad eingesetzt wird.

Artikel_FBO_Ditz_Freizeit_2558_E1

Bild 1 von 8

Auch das neue Freizeitbad in Offenburg wurde von 4a Architekten geplant. Es besitzt einen Innen- und einen Außenbereich sowie mehrere Saunen.

Eine weitere Stellschraube bei den Betriebskosten ist die Beleuchtung. Der Einsatz von LEDs und deren optimale Positionierung im Raum verbessern deutlich die Energieeffizienz eines Gebäudes. Diese Maßnahmen ermöglichen eine Energieeinsparung bei der Beleuchtung bis zu 50 Prozent im Vergleich zu in die Jahre gekommenen Bädern. Dabei sorgt ein durchdachtes Lichtkonzept nicht nur für eine effiziente Ausleuchtung eines Bades, sondern auch für ein stimmungsvolles Ambiente. Beispielsweise erzeugen differenzierte Hell- und Dunkelzonen eine angenehme Atmosphäre. Diese steigert deutlich die Aufenthaltsqualität eines Bades und damit auch die Besucherzahlen, was zum monetären Erfolg des Betriebs beiträgt. Eine hohe Planungs- und Ausführungsqualität wirkt sich ebenfalls maßgebend auf die späteren Instandhaltungskosten aus. Bäder muss man sich als eine Art Teekessel vorstellen – Konstruktion und eingesetzte Materialien werden extrem beansprucht. Neben der hohen Luftfeuchte setzt vor allem das chlor- bzw. salzhaltige Wasser den Oberflächen zu. Das heißt, die Gebäudehülle muss dampfdicht, sämtliche Dichtungsebenen richtig geplant und vor allem auch ausgeführt sein, um die Langlebigkeit des Gebäudes zu sichern.

Artikel_Lochenbad_Ditz_6635

Bild 1 von 5

Das Lochenbad in Balingen-Weilstetten wurde von 4a Architekten modernisiert.

Ein weiteres gutes Beispiel für den Zusammenhang von Ökonomie und Ökologie ist das Thema Wasser. Zunächst geht es darum, den Verbrauch zu minimieren. Ein Weg dazu ist die Kreislaufführung – hier gilt es natürlich, die Qualität im Sinne der Hygiene zu erhalten. Zum verantwortungsvollen Umgehen mit der Ressource gehört auch, das genutzte Wasser aufzubereiten; das heißt es zu reinigen sowie die Temperatur abzusenken und dabei Energie über Wärmetauscher rückgewinnen, bevor es in die Umwelt zurückgegeben wird. Zum Ressourcen schonenden Betrieb eines Bades gehört selbstverständlich auch ein ausgefeiltes Energiekonzept. Hier stellt sich für Architekten und Fachplaner die Frage, inwieweit sie lokale Gegebenheiten und regenerative Energien nutzen können, beispielsweise Geothermie, solare Gewinne, Fernwärme und heiße Quellen. Vor diesem Hintergrund wird die umfassende Aufgabe des Architekten deutlich: Er ist für den Wohlfühlfaktor verantwortlich, damit die Badelandschaft möglichst viele Besucher anlockt und auch ökonomisch ein Erfolg wird. Ein wichtiger Punkt dabei ist: Gestaltung nicht nur eine Frage des großen Budgets. Denn die Praxis zeigt: Auch ein unscheinbares 70er-Jahre-Sportbad lässt sich mit überschaubaren Maßnahmen und in kurzer Bauzeit in technischer, energetischer und auch atmosphärischer Hinsicht für die Besucher attraktiv gestalten. Zudem sollten im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit nicht nur die Errichtungs-, sondern auch die Lebenszykluskosten berücksichtigt werden – von der Errichtung über die Nutzung bis hin zur Modernisierung eines Gebäudes. Martin Reimer ist Geschäftsführer der 4a Architekten in Stuttgart

Frau Fotograf

Gerd Wiegand: Olympiaparkhaus, München, 1972 Unter den wenigen deutschen Architekturfotografinnen ist Sigrid Neubert eine der bekanntesten. Sie begeleitete vor allem den Wiederaufbau in den 1950er- bis 1970er-Jahren. Eine Ausstellung in Berlin würdigt die heute 90-jährige Sigrid Neubert machte 1954 an der Bayerischen Staatslehranstalt für Fotografie ihre Meisterprüfung. Nach einer Zeit als Werbefotografin für die Glas- und Keramikindustrie konzentrierte sie sich in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre ganz auf die Architekturfotografie. Stilistisch orientierte sie sich dabei an US-amerikanischen Vorbildern und entwickelte eine eigene, immer wieder durch atmosphärische Dichte und ungewöhnliche Perspektiven gekennzeichnete Bildsprache. Sie arbeitete rund 30 Jahre vor allem in München und Bayern, aber auch in Österreich mit vielen bedeutenden Architekten zusammen. Sie fotografierte unter anderem für Kurt Ackermann, Alexander von Branca, Bea und Walther Betz, Hans-Busso von Busse, Hardt-Waltherr Hämer, Karl Schwanzer und Gustav Peichl, aber auch für hervorragende, heute zu Unrecht in Vergessenheit geratene Architekten wie Paul Stohrer, Detlef Schreiber oder Herbert Groethuysen.

10_Neubert_Artikel_7

Bild 1 von 11

Karl Schwanzer: BMW-Hauptverwaltung, München, 1972

Mit ihren einprägsamen und kontrastreichen Fotografien, die weltweite Verbreitung erfuhren, arbeitete Sigrid Neubert die ikonische Wirkung vieler bekannter Bauwerke heraus. Hier sind neben den Olympiabauten von Günter Behnisch, vor allem das BMW-Ensemble von Karl Schwanzer, oder die Hauptverwaltung der Hypo-Bank von Bea und Walter Betz zu nennen. Ihre hochästhetischen Fotografien verankerten diese Bauwerke entscheidend in der öffentlichen Wahrnehmung. Seit den 1970er-Jahren schuf sie ebenso eindrucksvolle Naturbilder, denen sie sich ab 1990 ausschließlich widmete. Mit der Sonderausstellung „Fotografien. Architektur und Natur“ und dem begleitenden Buch ist eine sehr großzügige Schenkung von Sigrid Neubert verbunden. INFO Die Ausstellung „Fotografien. Architektur und Natur“ ist bis zum 3. Juni 2018 im Berliner Museum für Fotografie zu sehen.

Orientierungshilfe. Leserbrief von Ekkehard Hempel

Das Thema Barrierefreiheit bietet Spielräume für unterschiedliche Interpretationen und sorgt für Diskussionsstoff Ein Leserbrief zu unserem Beitrag Orientierungshilfe aus Heft 02.2018, Seite 36 Von Ekkehard Hempel Zu dem oben genannten Beitrag, der die angeblichen Dogmen der Barrierefreiheit aufbrechen will, nehme ich als Sachverständiger für Barrierefreies Planen und Bauen der Architektenkammer Sachsen und langjähriger Mitarbeiter beziehungsweise Obmann im Normenausschuss „Barrierefreies Bauen“ beim DIN Berlin, autorisiert durch die Bundesarchitektenkammer, wie folgt Stellung: Zunächst stelle ich fest, dass in der Veröffentlichung auch eine Reihe durchaus richtiger Aspekte zum Barrierefreien Bauen, auch in prognostischer Sicht, dargestellt wird. Demgegenüber verengt allerdings der Verfasser, der im Stil eines Heilsbringers gegenüber dem doofen und scheinbar lebensfremden Vorschriftenwerk auftritt, das Barrierefreie Bauen zunächst polemisch und fehlerhaft faktisch auf die Schwellenlosigkeit „für einen bestimmten Nutzerkreis“, die angeblich wiederum „andere Barrieren aufbaut.“ Bodengleiche Duschen Angeblich seien bodengleiche Duschen mit Siphons ausgerüstet, die nicht in der Lage seien, größere Wassermengen abzuleiten. Ich habe mehrere Pflegeheime, Behindertenheime und verwandte Objekte geplant und gebaut und bin nie auf solche Schwierigkeiten gestoßen. Eine angemessene Fußbodenhöhe, Anschlussnennweite, Ablaufleistung und Anstauhöhe vermeidet die kritisierten Probleme. Mit oder ohne Schwellen Nach Frey sei „Baurechtlich (…) eine Schwellenhöhe von 2 cm noch erlaubt“. Er zweifelt allerdings zu Recht die Sinnhaftigkeit dieser Angabe an. Nach DIN 18040-2 Abschnitt 4.3.3.1, Satz 2, sind „(…) untere Türanschläge und Schwellen (…) nicht zulässig. Sind Sie technisch unabdingbar, dürfen sie nicht höher als 2 cm sein.“ Der letzte Satz ist unsinnig, da schwellenloses Bauen technisch immer möglich gemacht werden kann. Es ist unter Umständen eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Daher gilt also die grundsätzliche Unzulässigkeit von Schwellen und unteren Anschlägen. Frey beschreibt, dass er Fußpunkte bei Außentüren als Anschlag von 8 mm Höhe ausbilden lässt. Schwellenloses Bauen, also barrierefreies Bauen im echten Sinn, wird demgegenüber bei Außentüren mit dem Autor offenbar unbekannten Alumat-Konstruktionen realisiert. Bei schwellenlos vorzusehenden Innentüren verweist er zu Recht auf Absenkdichtungen. Für Terrassentüren hat er offenbar keine Lösung. Die von ihm genannten Fremdkörper, etwa kleine Steinchen im Schwenkbereich von Drehflügeltüren, sind zum einen ausgesprochen selten und zum anderen bei der Auswahl der vorgenannten Türkonstruktionen nicht relevant. Welche Türbreite ist die richtige? Wolfgang Frey behauptet allen Ernstes, dass „im veralteten Bewusstsein des behindertengerechten Bauens“ lichte Durchgangsmaße von mindestens 100 cm oder 120 cm gefordert worden wären. Ein lichtes Durchgangsmaß von 120 cm ist eher für den Krankenhausbau von Bedeutung (hier korrekt 125 cm), wurde aber für barrierefreie Türen, also zum Beispiel für Rollstuhlbenutzer, nie gefordert. Gefordert wird in DIN 18025 / 1992 für barrierefreie, sprich rollstuhlgerechte Türen, ein lichtes Durchgangsmaß von 90 cm. Bei DIN-gerechten Türen ergibt sich ein Richtmaß von 100 cm und ein lichtes Durchgangsmaß von 95 cm bzw. 96 cm. Dem Praktiker ist andererseits bekannt, dass ein großer Teil der Rollstuhlbenutzer – abhängig von der Rollstuhlbreite – komfortabel auch Türen mit einer Durchgangslichte von 82 cm bis 83 cm passieren kann. Dies ist bei Altbauten durchaus von Bedeutung. Das Richtmaß beträgt hier 87,5 cm. Die in der früheren Normung (DIN 18024 / 1998, DIN 18025 / 1992) geforderte lichte Durchgangshöhe von 210 cm für Türen wurde aus der Akzelleration, also dem übermäßigen Längenwachstum ab der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, abgeleitet. Die vom Verfasser genannte Brandschutzverordnung aus dem Jahr 1917 ist sicher eine fantasievolle Begründung, sie war allerdings im zuständigen Normenausschuss nicht bekannt und nicht relevant. Im Übrigen erscheint auch die Höhe von 210 cm für einen Huckepack-Transport von Erwachsenen zu gering. Der Unsinn der Brandschutzverordnung aus dem Kaiserreich ist inzwischen sogar in das Internet eingegangen.Da die Durchgangshöhe von 210 cm zu Türen mit Richtmaßen von 225 cm geführt hätte, wurde sie nie realisiert. Die jetzige Normung empfiehlt 205 cm, die ein Richtmaß von 212,5 cm ermöglichen. Der Verfasser sieht darüber hinaus, völlig unbegründet, die seitliche Bewegungsfläche von 50 cm am Türdrücker kritisch (DIN 18040-2, Bild 4). Er sollte vielleicht doch einmal im Rollstuhl versuchen, eine Tür ohne diese Bewegungsfläche – möglichst noch in einem schmalen Flur –, in Schlagrichtung zu öffnen. Die Krux mit den Wenderadien Von Fachleuten des Barrierefreien Bauens werden keine „Wenderadien“ oder „Bewegungsradien“ sondern Bewegungsflächen gefordert. Die klassische rollstuhlgerechte Bewegungsfläche beträgt 150 cm im Quadrat. In einem Kreis mit einem Durchmesser von 150 cm beziehungsweise einem Radius von 75 cm kann sich der Rollstuhlfahrer eben nicht im Kreis bewegen, sondern er rangiert in der genannten quadratischen Fläche. Auch das Baurecht kennt keine „Wenderadien“. Bei seinen Ausführungen zur Planung von Schlafzimmern rennt der Verfasser zum Teil offene Türen des Vorschriftenwerks ein. Eine 150 cm breite Bewegungsfläche am Bett des Rollstuhlbenutzers wurde bisher immer nur an einer Seite, seiner Zustiegsseite, gefordert. Die Bemerkung zur Bettengröße ist gewagt. Das ein körperlich eingeschränkter Mensch ein 2 mal 2 Meter großes Bett beansprucht, scheint an der Realität zügig vorbei zu gehen. Möglicherweise meint Frey ein Doppelbett für zwei Personen. Die Bettengröße von 1 x 2 Meter ist demgegenüber durchaus denkbar, zumal als eventuelles Pflegebett. Das einschlägige Vorschriftenwerk schreibt übrigens keinerlei Bettengröße vor. Beispiele für kostensparende Ausführungen Eine Temperaturbegrenzung im Hinblick auf Waschtische kann mit unterschiedlichen Mitteln herbeigeführt werden, um Verbrühungen zu vermeiden. Ein barrierefreier Waschplatz ist allerdings durch Flach- oder Unterputzsiphons gekennzeichnet. Ein Verbrühen an diesen Siphons ist nicht möglich. Der Begriff „Wasserhahn“ scheint im Übrigen nicht ausgesprochen fachtechnisch zu sein. Die Aussagen zur individuellen Höhenpositionierung von Sanitärobjekten, Möbeln und Griffsystemen werden akzeptiert. Als Hilfsmittel für die variable Verankerung von Haltegriffen werden im Trockenbau allerdings in der Regel keine Holzbohlen, sondern faktisch standardisierte Schichtenholzplatten verwendet. Es gibt im Übrigen auch keine Forderung, individuelle barrierefreie Wohnungen komplett und ohne Einbeziehung der späteren Nutzer mit Griffsystemen und sonstigen technischen Hilfen auszurüsten. Die Ausführungen zum Tieferlegen von Bedienungseinrichtungen erscheinen nicht direkt zielführend. Das unbeabsichtigte Anlehnen bei Nottastern mit der Konsequenz eines Fehlalarms erscheint als Argumentationshilfe schon fast komisch. Tiefer gelegte Fenstergriffe beeinträchtigen – nebenbei bemerkt – die Funktion des Fensters in keiner Weise. Voraussetzung ist allerdings, einen Komfortbeschlag zu verwenden. Hinweise zum Grundriss Abgesehen vom ungünstigen Zuschnitt des Zimmers 1 fällt beim flüchtigen Draufsehen auf, dass die Ausstattung der Küche kaum für eine rollstuhlgerechte Nutzung geplant ist. Über eine zum Wohnraum offene Küche gehen die Meinungen ohnehin auseinander. Trotz geräuschgedämmter Dunstabzugshauben und Geschirrspüler ist die übliche Geräuschkulisse, der Duft von Gebratenem im Wohnraum und der nicht zu vermeidende Blick auf schmutziges Geschirr nicht jedermanns Sache. Bei dem Grundrissbeispiel steht auch noch die Waschmaschine in der offenen Küche. Dr. Ekkehard Hempel ist freier Architekt und Sachverständiger für Barrierefreies Bauen in Dresden Weitere Leserbriefe zum Thema finden Sie hier

Bitte nicht setzen

2010: LONDON COURTS OF JUSTICE BENCH Der öffentliche Raum soll zum Aufenthalt einladen. Oder nicht? Mehr oder weniger subtil werden im Kampf gegen Obdachlose, Skater oder Terroristen öffentliche Bänke zum Instrument der Segregation. Der britische Fotograf und Gestalter James Furzer zeigt Beispiele Von Heiko Haberle “Versteckt hinter einer Fassade aus Funktion und Form, verbirgt sich eine aggressive und feindliche Architektur”, kritisiert James Furzer. Obwohl allerorten von Barrierefreiheit und Zugänglichkeit die Rede ist, werden bestimmte Gruppen abgewehrt – und zwar mit gestalterischen Mitteln. Mit Stadtmöbeln kann sehr genau gesteuert werden, wo, wie und wie lange man sich erholen soll oder welche Freizeitaktivität an welchem Ort stattfinden soll. Schlafen soll man jedenfalls nicht! Zentrale Armlehnen erleichtern zwar Senioren das Aufstehen, verhindern aber auch das Hinlegen. Locker verteilte Einzelsitze statt breiter Bänke erschweren das Versammeln von Gruppen und deren Kommunikation. An Haltstellen findet man oft nur noch Sitzstangen oder im Stehen zu benutzende Rückenlehnen. Fenstersimse werden mit Metalldornen versehen.

UnbequemeBaenke_14

Bild 1 von 11

2012: CAMDEN BENCH

Die „Camden Bench“ erfüllt sogar noch viel mehr Funktionen und wurde preisgekrönt als „Best practice street cleansing“ (Keep Britain Tidy) und „Best practice for reducing crime“ (Design Council) aber auch als „Best European practice for inclusive design“ (Centre for Accessible Environments). Ihre angeschrägte Sitzfläche ist zu unbequem zum Schlafen, ihre geschwungene Kontur zu unberechenbar für Skater. Durch den Verzicht auf Spalten und Öffnungen kann sich weder Müll ansammeln, noch ein verdächtiger Gegenstand deponiert werden. Dank versteckter Verankerungen ist sie mit einem Kran umsetzbar und kann zu Barrieren zusammengestellt werden. James Furzer findet, dass Designer mit solchen Objekten ihre gesellschaftlichen Pflichten verletzen und wünscht sich eine „freundlichere Gestaltung“, die insbesondere auch ganz gezielt Obdachlosen dienen sollte: „Architektur sollte zur Benutzung anregen, und das Leben derjenigen verbessern, die sie notgedrungen dringender benötigen als die üblichen Kunden eines Architekten.“ MEHR INFORMATIONEN James Furzer fotografiert nicht nur, sondern gestaltet auch selbst. So hat er etwa ein Raummodul für Obdachlose entwickelt, das an Bestandsgebäude angehängt werden kann.

Druckfrisch modelliert

Profigeräte wie der BigRep One erstellen auch große Modelle oder Möbel-Prototypen. Wer keine Lust auf zerschnittene Tische, klebstoffverschmierte Finger und ruinierte Lineale hat, „druckt“ sein Arbeits- oder Wett-bewerbsmodell. Eigene 3D-Drucker oder Dienstleister machen es möglich. Von Marian Behaneck Trotz aller Digitalisierung sind reale, „begreifbare“ Modelle aus der Architektur nicht wegzudenken.  Da immer häufiger BIM-konform dreidimensional geplant wird, sind die Daten für den digitalen Modellbau meist schon früh vorhanden. Aus diesen Daten lassen sich rechnergestützt schnell und präzise Architekturmodelle herstellen – mit Hilfe additiver (3D-Druck, Rapid Prototyping) oder subtraktiver Verfahren (numerisch gesteuerte Fräsen, Fräs-/Schneideplotter). Beim 3D-Druck werden Modelle aus einem flüssigen, pulverförmigen oder festen Ausgangsmaterial mit Hilfe chemischer und/oder physikalischer Prozesse Schicht für Schicht aufgebaut. Dabei können auch Objekte aus unterschiedlichen Materialien oder Farben und sogar bewegliche Funktionsmodelle in einem Arbeitsgang gefertigt werden. Die Objekte können auch transparent, transluzent oder elastisch sein. Je nach Druckverfahren sind verschiedene Materialien druckbar: Kunststoff-, Keramik-, Gips-, Holz- oder Metallwerkstoffe. Die Präzision und die Oberflächenqualität hängen ab von der Druckauflösung des Ausgabegerätes in X-, Y- und vor allem in Z-Richtung, was der Schichtdicke entspricht. Gängige Schichtdicken liegen zwischen 0,2 und 0,5 Millimeter (Heimdrucker) sowie 0,05 und 0,001 Millimeter (Profi- und Industriedrucker). Im Architekturmodellbau zum Einsatz kommen vor allem filamentbasierende, also mit einem fadenförmigen, schmelzbaren Material arbeitende Extrusions-Systeme wie das Fused Deposition Modeling (FDM), pulverbasierende Systeme wie das Lasersintern (SLS) oder flüssigkunststoffbasierende Photopolymer-Systeme wie die Stereolithografie (SLA). Die Geräte-Bandbreite reicht von kleinen Heim-Druckern ab 500 Euro für Modelle bis etwa 25 x 20 x 15 Zentimeter Größe über Profi- oder Desktopdrucker ab 5.000 Euro für Modellgrößen bis etwa 40 x 25 x 20 Zentimeter bis zu  High-End-Anlagen ab etwa 100.000 Euro. Bei Bedarf lässt sich der 3D-Druck mit subtraktiven Verfahren kombinieren, um etwaetwa aus Karton, Holz, Kork, Polystyrol, Acrylglas oder Metallen filigrane Fassadendetails zu fräsen. Auch für detailreiche Städtebaumodelle ist der 3D-Druck eine Alternative. Dabei können verschiedenen Verfahren und Materialien kombiniert werden.  Wo kommen die 3D-Daten her? Die Druckdaten werdem über CAD- oder Modellierprogramme generiert. Das wichtigste 3D-Datenformat STL (STereoLitography) unterstützen inzwischen viele Programme (etwa 3DS-Max, Allplan, ArchiCAD, Catia, Cinema4D, FormZ, Maya, MegaCAD, Rhino 3D, SketchUp, SolidWorks, Vectorworks). Weitere kompatible Datenformate sind STEP, IGES, 3DS, OBJ, VRML, DXF, DWG. Wichtig sind geometrisch korrekt konstruierte Innen- und Außenflächen sowie vollständige, eindeutige und fehlerfreie Volumina. Häufig ist eine aufwändige Aufbereitung und Korrektur, manchmal gar eine komplette Neuerstellung der Geometriedaten erforderlich. Eine weitere Datenquelle für die additive Fertigung ist das 3D-Laserscanning. Dabei werden Objekte oder Gebäudemit handgeführten oder motorisch rotierenden Scannern in wenigen Minuten dreidimensional erfasst. Hinterschneidungen, Hohlräume oder Fehlstellen erfordern allerdings eine Nachbearbeitung der Daten und eine Überführung in ein CAD-Volumenmodell. Auch aus 3D-Bibliotheken, wie etwa dem Google 3D-Warehouse, Thingiverse, YouMagine oder Pinshape, lassen sich Modelldaten entnehmen. Dort gibt es auch Architekturbauteile, allerdings sollte man bei einer kommerziellen Nutzung die Lizenzbedingungen beachten. Drucken lassen statt selbst drucken Auf den Druck größerer Architekturmodelle haben sich einige Anbieter, wie 4D Concepts, R.G. Pilch, Trinckle 3D oder Ulf Teller 3D-Druck spezialisiert (Übersicht und Tipps unter DABonline.de/tag/3D-Druck. In der Regel wird das 3D-Modell in den gängigen Datenformaten hochgeladen und auf typische Fehler wie nicht geschlossene Oberflächen geprüft. Anschließend werden Druckverfahren und Material, Baugröße und Anzahl bestimmt sowie eine eventuelle Nachbearbeitung gewählt (Flächen plan fräsen, lackieren etc.).Danach wird der Preis angezeigt. Dieser reicht von 50 Cent bis 5 Euro pro Kubikzentimeter und mehr. Deshalb sollte man sich vorher Angebote einholen, Referenzmodelle anschauen und gegebenenfalls Einsparmöglichkeiten überlegen, etwa ein anderes Verfahren wählen, oder Material durch Hohlräume einsparen. Das fertige Objekt erhält man nach 4 bis 14 Tagen. Insbesondere für komplexe Formen ist der 3D-Druck ideal und häufig konkurrenzlos. Wegen der hohen Investitions- und Betriebskosten und das des nötigen Know-hows sind professionelle Geräte für Architekturbüros aber nicht wirtschaftlich. Den konventionellen Architekturmodellbau wird der 3D-Druck  also nicht ersetzen. Arbeitsmodelle bauen nach wie vor Praktikanten billiger und schneller. Für den Bau von Städtebau-, Präsentations- oder Wettbewerbsmodellen ist der rechnergestützte Modellbau als Dienstleistung dagegen eine echte Alternative.   INTERVIEW: VOM CAD ZUM MODELL Was Architekten bei der Beauftragung und Übergabe von 3D-Druckdaten beachten sollten, verraten drei Druckdienstleister im Interview Von Marian Behaneck Welche Modelle werden häufig nachgefragt? 4D Concepts: Städtebauliche Modelle, Präsentationen für Museen für die virtuelle Darstellung per Beamer-Projektion, Wettbewerbsmodelle oderModelle für die Ausführungsplanung. Trinckle: Häufig werden Architekturmodelle in einem homogenen Material mit rauer Oberfläche nachgefragt oder wenn komplexe Geometrien benötigt werden, die nicht oder nur schwer von Hand herzustellen sind. Gerade bei letzterem bietet der 3D-Druck viele Vorteile, beispielsweise bei Hinterschneidungen. R.G. Pilch: Modelle für Wettbewerbe und Präsentationen werden gleichermaßen nachgefragt. Auch personalisierte Modelle gewinnen zunehmend an Bedeutung, beispielsweise 3D-gedruckte „Visitenkarten“. Welche Drucktechnologien und -materialien bevorzugen Architekten? 4D Concepts: Meistens kommt das selektive Lasersintern zum Einsatz. Dabei verwenden wir den PA12-Kunststoff, 3D-Druckmaterial ist Polymergips. Details werden im PolyJet- bzw. MultiJet-Verfahren (spezielles Verfahren für sehr geringe Schichtdicken) erstellt. Trinckle: Im Wesentlichen SLS (Lasersintern), FDM (Fused Deposition Modeling), SLA (Stereolithografie) und für große Objekte PMMA (Polymethylmethacrylat-Druck). Als Materialien kommen verschiedenste Kunststoffe mit unterschiedlichen Eigenschaften zum Einsatz. Aktuell drucken wir auch vermehrt Metalle wie Silber oder Stahl. R.G. Pilch: Das Selektive Lasersintern (SLS). Das Material Nylon in der Farbe weiß, ist aus meiner Sicht die zur Zeit beliebteste Technologie mit einem guten Kosten/Nutzen-Verhältnis. Vollfarbige Modelle lassen sich durch das Inkjet Powder Printing (3DP) mit einem gipsähnlichen Material realisieren. Und auch edle Modellskulpturen aus Stahl oder Bronze sind machbar. Welche Nachbearbeitungen oder Kombinationen mit anderen Techniken sind bei Ihnen möglich? 4D Concepts: Drucken, Fräsen, Blockmaterial kleben, mit Plexiglas oder anderen Materialien kombinieren, lackieren – ähnlich dem herkömmlichen Modellbau. Trinckle: Architekten bevorzugen häufig raue Objektoberflächen. Sie vermitteln einen gewissen Purismus, der Objekte edler erscheinen lässt. Natürlich offerieren wir auch glatte oder gefärbte Oberflächen. Für spezielle Anforderungen arbeiten wir mit Modellbauern zusammen, die aufäendigere Nachbearbeitungen vornehmen können. R.G. Pilch: Falls gewünscht, wird das Modell koloriert und es werden Umgebungsdetails wie Autos oder Figuren hinzugefügt. Wie lange dauert die Erstellung eines durchschnittlichen Modells? 4D Concepts: Je nach Größe, Detailgrad, Fertigungsverfahren und gewünschter Farbgebung individuell von 4 Tagen bis etwa 6 Arbeitswochen. Trinckle: Obwohl jeder 3D-Druck eine Individualfertigung ist, erhalten unsere Kunden das Modell in der Regel schon nach 8 Tagen. In dringenden Fällen können wir die Zeit gegen Aufpreis auch deutlich verkürzen. R.G. Pilch: Nach Freigabe der Druckdatei durch den Kunden beträgt die Lieferzeit in der Regel zwei Wochen. Ansonsten ist die Dauer abhängig davon, ob mir eine analoge Skizze oder CAD-Datei vorliegt. Welche Datenformate benötigen Sie? 4D Concepts: Für die einfarbige Fertigung ist das STL-Format notwendig. Für die farbige Herstellung (direkt gedruckt) müssen die Datensätze eingefärbt oder mit Texturen belegt werden. Trinckle: Am liebsten ist uns das STL-Format. Dieses kann von fast jedem CAD-Programm ausgegeben werden. Alternativ auch PLY, 3MF, 3DS, STEP, IGES oder andere Formate. Beim Export sollte man darauf achten, eine ausreichende Auflösung (Tesselierung) einzustellen. 0,1 mm Kantenlänge der Dreiecke bei gekrümmten Flächen ist meist optimal. R.G. Pilch: Für einfarbige Modelle ist das STL-Format ideal und für Farbmodelle aufgrund der Texturen VRML 2. Wenn Kunden DWG-Dateien senden, ist das auch in Ordnung. Bisher konnten wir alle Kundendaten verarbeiten, respektive konvertieren. Worauf muss man beim Modell achten, bzw. welche Fehler machen Planer häufig? 4D Concepts: Auf die ausreichenden Wandstärken der Bauteile (Fenster, Türen, Zwischenwände, etc.) nach dem Skalieren. Trinckle: Ein einfaches “Runterskalieren” von einem Original-Modell, welches zur Planung eines realen Gebäudes erstellt wurde, ist fast immer problematisch, sofern keine entsprechenden Anpassungen in der Modelldatei vorgenommen werden. In der Original 3D-Zeichung sind meist zu viele Details wie dünne Wände, Stützen, Geländer etc. vorhanden. Bei kleinmaßstäblichen Modellen werden diese Details dann zu klein für den 3D-Druck. Hier benötigen wir bestimmte, vom Material abhängige Mindestwandstärken, außerdem sollte man bestimmte Modelldetails weglassen. Hohlräume können nur abgebildet werden, wenn ausreichend große Zugänge zur Entfernung des Restmaterials existieren. Wichtig für einen sauberen 3D-Druck ist, dass die Mindestvorgaben des jeweiligen Verfahrens eingehalten werden. Dazu stehen auf unserer Website stehen den Designguidelines auch Infos zu Druckverfahren, Materialien und Mindestanforderungen. R.G. Pilch: Je nach Druckverfahren sind unterschiedliche Mindestwandstärken zu berücksichtigen. Das Modell muss ein geschlossenes Volumen haben, also „wasserdicht“ sein. Ansonsten gelten auch hier physikalische Gesetze. So mag etwa eine Stütze mit einem Millimeter Durchmesser druckbar sein, sie wäre allerdings nicht solide. Das Druckmodell sollte also nur jene Details zeigen, die im gewünschten Druckmaßstab auch solide sind. Was sind die Besonderheiten des Architektur-Modellbaus, worauf sollte man noch achten? 4D Concepts: Ein Vorteil ist die einfache und gleichbleibende Wiederholbarkeit der Fertigung, gegebenenfalls in verschiedenen Skalierungen. Trinckle: Architektur-CAD ist häufig nicht für den 3D-Druck ausgelegt, weshalb oft Fehler in den Modellen, etwa nicht verbundene Kanten entstehen. Dies lässt sich meistens relativ leicht im CAD-Programm bereinigen, wenn man darauf achtet. Mit kostenlosen Programmen wie Netfabb Basic kann man das auch erkennen und teilweise beheben. R.G. Pilch: Zu den Vorteilen gehören ein hoher Detailgrad, große Materialauswahl, Personalisierung, beispielsweise mit 3D-Logo, leichte Reproduzierbarkeit, beliebige Stückzahl, und die kostengünstige Herstellung von Kleinstserien. ADRESSEN (Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit) Druckeranbieter: www.3dsystems.com, www.4dconcepts.de, www.alphacam.de, www.arcam.com, www.concept-laser.de, www.envisiontec.com, www.eos.info, www.fabtory.de, www.hp.com/de, www.kisters.de, www.makerbot.com, www.materialise.de, www.slm-solutions.com, www.realizer.com, www.stratasys.com, www.toolcraft.de, www.voxeljet.de Dienstleister: www.3d-activation.de, www.3d-fabrik.eu, www.3d-labs.de, www.3d-prototyp.com, www.3dsystems.com, www.4dconcepts.de, www.alphacam.de, www.bigrep.com, www.fabberhouse.de, www.fabtory.de, www.fkm-lasersintering.de, www.hawener.de, www.makeyourproduct.com, www.prototypen.de, www.rapidobject.com, www.r-g-pilch.de, www.sculpteo.de, www.shapeways.com, www.speedpart.de, www.staegi.de, www.teller-3d-druck.de, www.trinckle.com/architects.php, www.voxeljet.de 3D-Druckvorlagen: 3dwarehouse.sketchup.com, www.thingiverse.com, www.youmagine.com, www.pinshape.com. Weitere Infos, Literatur und Quellen: www.3d-drucken.de        3D-Druck-Blog www.3d-grenzenlos.de    Online-Magazin, Suche: Architektur www.3dhubs.com        3D-Druckservice-Suche www.3druck.com        Online-Magazin www.euromold.com        Messe für Additive Fertigung etc. www.findafab.com/de    Druckdienstleister suchen www.rtejournal.de        Forum für Rapid Prototyping www.wikipedia.de         Suche: 3D-Druck, Lasersintern etc. Literatur: Oswald, A.: Modellbau für Architekten, Handbuch und Planungshilfe, DOM Publishers, Berlin, 2011 Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz)

Skelett oder Platte?

Holzkonstruktionen können aus flächigen oder aus stabförmigen Elementen bestehen. Welches System gewählt wird, oder ob beide kombiniert werden, hängt von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, ästhetischen Ansprüchen, dem vorhandenen Platz auf der Baustelle und dem Know-How von Planenden und Ausführenden ab. Unsere Autorin stellt verschiedene Konstruktionsweisen vor und berichtet über die Entwicklung des Holzbaus. Der Bericht liegt als PDF zum Download vor.

Holz mit Schwung

Der moderne Ingenieurholzbau bietet hohe gestalterische Freiheit und macht eine visionäre Architektur möglich. Weil die Konstruktionen immer schlanker werden, lassen sich auch anspruchsvolle Formen wirtschaftlich umsetzen. Von Susanne Jacob-Freitag Eine Reihe internationaler Projekte zeigt, dass die Holzbauweise nicht zuletzt aufgrund der technologischen Innovationen mittlerweile weit verbreitet ist. Davon zeugen vor allem Projekte in Ländern, die keinen traditionellen Bezug zu dem Baustoff besitzen. Oft wählen inzwischen auch renommierte Architekten den Holzbau, um dessen technisches Potenzial zur Realisierung ihrer Ideen zu nutzen. Hier sei das Pariser Museum der Louis Vuitton Stiftung von Frank Gehry erwähnt – ein Mischbau aus Holz, Glas und Stahl, das an ein Schiff unter vollen Segeln erinnert, sowie der Neubau für die Filmkunst-Stiftung Fondation Jérôme Seydoux Pathé von Renzo Piano, ebenfalls in Paris, oder – ganz aktuell – das im April 2017 eröffnete Konzerthaus „La Seine Musicale“ von Shigeru Ban und Jean de Gastines auf der l‘Ile Seguin, einer Insel im Südwesten von Paris. Auch das neue Weinmuseum in Bordeaux ist einzigartig und wirbt seit seiner Eröffnung außer für Wein ganz nebenbei auch für das Bauen mit Holz. Detailliertere Informationen über diese Projekte sowie den modernen Holzbau insgesamt enthält die Festschrift der Studiengemeinschaft Holzleimbau „Sternstunden des Ingenieurholzbaus“ aus dem Juli letzten Jahres.

Louis Vuitton Museum01

Bild 1 von 9

Museum der Fondation Louis Vuitton von Frank Gehry

Der Holzbau von heute lädt vor allem dazu ein, einfach zu denken, um komplexe Formen optimal zu realisieren. Eines der hierfür in Frage kommenden Mittel ist neben Brettschichtholz das Furnierschichtholz. Es besteht aus mehreren, verklebten Schälfurnierschichten der Fichte und wird dadurch zu einem formstabilen und leistungsfähigen Werkstoff. Beeindruckende Bauten wie etwa der Metropol Parasol vom Berliner Architekturbüro Jürgen Mayer H. in der Altstadt von Sevilla (Spanien) konnten nur mit Furnierschichtholz errichtet werden. Ein anderes Beispiel ist die Immanuelkirche in Köln, die 2015 mit dem Deutschen Architekturpreis und dem Deutschen Holzbaupreis ausgezeichnet wurde. Ein Projekt der Superlative stellt außerdem eine Sportanlage in Clamart bei Paris (Frankreich) dar: Hohlkasten-Träger aus Furnierschichtholz bilden die komplexe, hochtragfähige Struktur des gitterartigen Tragwerks, das mithilfe von 3D-Software modelliert und dimensioniert wurde. Furnierschichtholz ermöglichte hier wesentlich schlankere Bauteilabmessungen als Brettschichtholz. Das organisch geschwungene Dach ist in seiner Dimension und Ausführung bisher einzigartig, weshalb es im Folgenden näher beleuchtet wird. Dach als Landschaft Bei der Sportanlage Clamart bei Paris bestand die architektonische Herausforderung darin, zwei gegensätzliche Stadtviertel zu verbinden: ein Wohngebiet mit Einfamilienhäusern und einen Bezirk aus bis zu zwölf geschossigen Hochhäusern mit Sozialwohnungen. Gleichzeitig sollte der Neubau die auf dem Campus bereits vorhandenen vier Schulgebäude ergänzen, ebenso aber durch eine eigene Formensprache überzeugen und das gesamte Viertel optisch aufwerten. So fällt dem Betrachter heute auch unmittelbar das lang gestreckte Dach mit seinen sanften Hebungen und Senkungen ins Auge, das den Vorstellungen der Architekten zufolge die hügelige Landschaft der Umgebung aufgreift. Ein Gitterwerk aus Holz, das die Dachschwünge formt und an den Enden des Gebäudes zu Wänden heruntergezogen wurde, überspannt das Ganze wie eine Klammer. Entwurf und Konzept für das Gebäude lieferte – in Übereinstimmung mit den Wünschen der Behörden vor Ort – Gaëtan Morales und sein Team vom Architekturbüro Gaëtan Le Penhuel aus Paris. Auf einer Grundfläche von 5.200 Quadratmeter beherbergt die Anlage mit 130 Metern Länge und 40 Metern Breite eine Sporthalle, einen Trainingsraum für Kampfkünste, einen Leichtathletikbereich und einen Tennisplatz. Dem Gebäude liegt ein Konstruktionsraster von drei Meter in Längs- und Querrichtung zugrunde. Auf diesem Raster haben die Architekten zunächst das Raumprogramm untergebracht. Da die Anordnung der einzelnen Sportbereiche wesentlichen Einfluss auf die Dachform haben würde – Täler und Erhebungen des Daches sollten sinnvoll mit den Raumfunktionen in Übereinstimmung gebracht werden – verwendeten sie viel Mühe auf eine entsprechende Einteilung. So musste etwa die Tennishalle eine gewisse Höhe erhalten, damit dort auch hohe Bälle gespielt werden können, ohne dass diese die Dachkonstruktion berühren. Die Längsfassaden wurden mit einer Art Stahlgitter, das heißt Stahlstützen mit diagonal darüber angeordneten, stabilisierenden Stahlprofilen, tragend ausgeführt. Die Stützen dienen den Längsträgern als Auflager bzw. den äußersten Querträgern, die die Traufe der Holzdachkonstruktion bilden, zur Aufhängung. Das Tragwerk der Längsfassade, die den Schulgebäuden auf dem Campus zugewandt ist, misst an der höchsten Stelle knapp zwölf Meter mit Dachaufbau, der mit einer Aluminiumeindeckung abschließt. Als Fassadenmaterial wählten die Architekten milchglasartige Polycarbonat-Platten. Die Fassadengestaltung der Gebäudelängsseiten stellt einen Bezug zu den Nachbargebäuden her und integriert den Neubau damit gut ins Gesamtensemble des Campus. Die zu Wänden heruntergezogenen Dachflächen im Norden und Süden dagegen schließen den Sportkomplex nicht nur formschön ab, sondern dienen auch als Lärmschutz für die seitlich anschließenden Wohngebiete. Form und Funktion 3D-optimiert Der Designprozess für das Gebäude erfolgte auf Basis einer 3D-Software. Damit entwickelten die Architekten die ersten Entwürfe und Volumenmodelle am Computer. Zusammen mit dem Ingenieurbüro Van Santen & Associés (VS-A) aus dem französischen Lille, das mit der Konstruktion des Tragwerks und der Gebäudehülle beauftragt war, verfeinerten sie diese Modelle: Bei der Formfindung legten sie ein engmaschiges Netz als virtuelles Tuch so über den Grundriss mit den einzelnen Raumvolumen der Sportbereiche, dass es die Struktur darunter abbildete. Dieses neue Gesamtvolumen variierten sie am Bildschirm solange, bis Form und Funktion optimal zusammenpassten. Wegen der vielen verschiedenen Krümmungsradien, der außergewöhnlichen Gebäudeabmessungen und der großen ovalen Öffnung im Dach mit Achsmaßen von 18 und 36 Metern über dem Leichtathletikbereich modellierten und berechneten die VS-A-Ingenieure zahlreiche Varianten der Tragstruktur und analysierten bzw. prüften so ihre Effizienz. Auch die Dachentwässerung beeinflusste die Modellierung der Konstruktion. Regenwasser darf sich auf dieser komplexen Oberfläche nirgendwo anstauen und zu unkontrollierten Zusatzlasten führen. Aus all diesen Randbedingungen resultierte die endgültige Form des lang gestreckten Daches. Da der Prozess der Modellierung auch die Vordimensionierung der Querschnitte mit sich bringt und diese für einen filigranen Gesamteindruck möglichst schlank ausfallen sollten, was mit Brettschichtholz nicht zu erreichen war, schlugen die Ingenieure vor, Kerto-Furnierschichtholz für die Träger zu verwenden. Hohlkasten-Träger aus Furnierschichtholz Hohlkasten-Träger, die wie eine Röhre aus Furnierschichtholz- bzw. Kerto-Q-Platten zusammengesetzt sind, können wesentlich schlanker dimensioniert werden; sowohl wegen der Gewichtseinsparung durch den Hohlraum, vor allem aber wegen der Materialeigenschaften, denn das Furnierschichtholz besteht aus nur drei Millimeter dicken, längs und quer verklebten Schälfurnierschichten. Durch die flächige Lagenverklebung ist es besonders formstabil, verfügt über eine hohe Biege-, Zug- und Druckfestigkeit und kann daher zweiachsige Beanspruchungen, wie sie bei Bogenbindern auftreten, problemlos aufnehmen. Gleichzeitig lassen sich Bogenbinder aus Furnierschichtholz mit kleineren Krümmungsradien ausführen als mit Brettschichtholz, und derer gab es viele wie beispielsweise die Doppelkurven in bestimmten Abschnitten des Daches oder die Übergänge des Daches in die Wandkonstruktionen an den Schmalseiten des Gebäudes. Kerto-Q stellte daher für die komplexe Geometrie des Daches, die die Träger bzw. das Material der Träger zweiachsig beansprucht, einen idealen Werkstoff dar. Mit ihm ließ sich nicht nur die architektonische Vision realisieren, das Dach der Sportanlage mit schlanken Trägern auszuführen, sondern auch sie wirtschaftlich herzustellen. Das Dachtragwerk besteht aus 41 (mehrteiligen) Bogen-Hauptträgern in Gebäude-Querrichtung sowie aus 562 kurzen, dazwischen eingefügten, ebenfalls bogenartigen Nebenträgern in Gebäudelängsrichtung. Beide reihen sich jeweils im Abstand von drei Metern aneinander und bilden zusammen einen räumlichen Trägerrost im Raster von drei mal drei Meter. Jeder Träger ist ein Unikat. Auf die Grundfläche projiziert sind die Hauptträger zwar jeweils 39 Meter bzw. die Nebenträger drei Meter lang. Durch die unterschiedlichen Krümmungen und Neigungen aber hat jeder eine andere Abwicklungslänge und individuelle Form. Bei den Nebenträgern variieren die Längen zwischen 2,8 und 4,3 Metern. Dipl.-Ing.(FH) Susanne Jacob-Freitag ist freie Baufachjournalistin in Karlsruhe BAUTAFEL SPORTZENTRUM IN CLAMART Baukosten: Schulhaus und Sportanlage: ca. 30,78 Mio. Euro (netto), davon Sportanlage: Los 1: ca. 4,35 Mio. Euro (netto), Los 2 (Dachkonstruktion, Dachaufbau und Fassade): ca. 4,76 Mio. Euro (netto) Bauherr: Stadt Clamart, F-92140 Clamart, www.clamart.fr Architektur: Gaëtan Le Penhuel & Associés architectes, F-75002 Paris, www.lepenhuel.net 3D-Modellierung und Vordimensionierung Gebäudehülle: VS-A, Van Santen & Associés, F-59000 Lille, www.vs-a.eu Dachkonstruktion und Fassade: Poulingue SAS, F-27210 Beuzeville, www.poulingue.fr Tragwerksplanung und Konzeption Holzkonstruktion: Charpente Concept SA, F-74800 St. Pierre-en-Faucigny, www.charpente-concept.com Ausführendes Holzbauunternehmen: Metsä Wood, Division construction, F-92407 Courbevoie cedex, www.metsawood.com/fr

Grau und rau

03_Artikel_Brutalismus_7

Bild 1 von 15

John Madin: Birmingham City Library, Birmingham, Großbritannien, 1969–1973, 2016 abgerissen

Die Ausstellung „SOS Brutalismus“ im Deutschen Architekturmuseum präsentiert die expressive Betonbaukunst als weltweite Bewegung – und zwar so prägnant, dass auch der letzte Gegner zum Fan werden muss. Von Heiko Haberle Diese Ausstellung ist ein Meilenstein: Nicht nur, dass sie eine lange geringgeschätzte Architektursprache endgültig  rehabilitiert, schafft sie dabei noch den Spagat zwischen Fachwelt und Popkultur. Um die Ausstellung herum gelingt das mit viel Aktivität in sozialen Netzwerken, auf denen brutalistische Fundstücke ohnehin gerade regelrecht zelebriert werden, und einer eigenen Projektdatenbank.  In Vorbereitung auf die Ausstellung hatten das DAM und die Wüstenrot Stiftung die Website SOS Brutalismus aufgebaut, an der Fans der Betonarchitektur aus aller Welt aktiv mitwirken. So entstand bereits eine umfangreiche Sammlung von Bildern, Standorten und wichtigen Informationen, die insbesondere für bedrohte Bauten entscheidend sein können.

Artikel_Brutalismus-Ausstellung_

Bild 1 von 7

Die Ausstellung im DAM beeindruckt mit Modellen aus Pappe oder Beton in verschiedenen Maßstäben

In der Ausstellung selbst gelingt der Spagat dank einer übersichtlichen und umso eingängigeren Präsentation. Viel Lesen muss man hier nicht, denn die Informationen transportieren sich gänzlich über die kurzen Texte, die vielen bauzeitlichen wie aktuellen Fotos sowie Modelle in unterschiedlichen Größen und Materialien. Um zu verstehen, wie ablehnend bereits damals Politik und Presse dem Beton gegenüber standen, reichen markige Zitate, die von „brutaler Hässlichkeit“, „breiig-schmierigen und charakterlosen Massen“ oder einer „betonierten Ostseeküste“ sprechen. Um andererseits zu verstehen, wie stolz dann viele Kommunen doch insbesondere auf ihre neuen Rathäuser oder Kulturzentren waren, reicht eine Sammlung eingesandter Postkarten mit Architekturmotiven – etwa aus Pforzheim, das derzeit den Umbau seines Nachkriegs-Zentrums angeht. Eine lange Reihe kleiner Betonmodelle, die Studenten der TU Kaiserslautern anfertigten, unterstreichen die Skulpturalität dieser Architektur. Ebenfalls in Kaiserslautern gebaute Modelle aus grobem Karton im Maßstab 1:20 betonen die konstruktiven Aspekte und dominieren dabei ganz selbstverständlich den Ausstellungsraum.

03_Artikel_Brutalismus_16

Bild 1 von 14

Victor Leviash / Naum Matusevich: Gebäude 5, Elektrotechnisches Institut Leningrad (heute: Saint Petersburg Electrotechnical University), Sankt Petersburg, Russland, 1965–1975

Der Horizont ist nicht kleiner als weltweit gefasst. Dabei ist jeder Erdregion oder jedem wichtigen Land nur eine Schautafel mit wenigen Beispielen gewidmet. Zwangsläufig wird der Experte dabei wichtige Gebäude aus Deutschland oder Europa vermissen und womöglich auch den Begriff Brutalismus als nicht ganz wissenschaftlich korrekt angewandt empfinden. Doch das neu eröffnete  Panorama einer eigentlich eher als Nischen-Architektur empfundenen Bauweise entschädigt dafür allemal. Hinzu kommen interessante Randinformationen, die laienverständlich etwa über verschiedene Methoden der Verschalung oder der Beton-Nachbearbeitung informieren. Dass das „Tabu“ begangen wurde, komplett auf Pläne zu verzichten, macht „SOS Brutalismus“ nur noch relevanter. Mit dieser Ausstellung könnte es endlich gelingen, die Wertschätzung der  „Beton-Monster“ aus der Fachwelt und aus der zwar wachsenden aber vor allem bildverliebten Fangemeinde auf Instagram und Co. hinaus in eine breite Öffentlichkeit zu tragen. Die Ausstellung ist noch bis zum 2. April 2018 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main zu sehen. MEHR INFORMATIONEN www.dam-online.de www.sosbrutalism.org

Rapidograph war gestern

Zayed University, Abu Dhabi, Hadi Teherani Auf dem Deutschen Architektenkongress drehte sich alles um den Architekten im digitalen Zeitalter. Welche Rolle hat er bei BIM, welche beim Smart Home und wer verdient das Geld damit? Deutscher Architektenkongress Text: Heiko Haberle Dass Architekten – und besonders die deutschen – bei der Digitalisierung hinterherhinken ist inzwischen fast ein Allgemeinplatz geworden, der aber auch am 16. November in Berlin auf dem ersten Deutschen Architektenkongress im Raum Stand. Dabei haben sich nur wenige Berufe in den letzten zwei Jahrzehnten so grundlegend gewandelt, sowohl was das Arbeitsfeld als auch die Arbeitsmittel angeht. Der an diesem Tag viel zitierte Rapidograph dürfte jedenfalls nirgends mehr zum Einsatz kommen. „An BIM führt kein Weg vorbei“, betonte die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer Barbara Ettinger-Brinckmann denn auch zur Eröffnung. Ein automatischer Garant für einen guten Entwurf und eine gute Ausführung sei das aber nicht. Dafür brauche es Architekten, die sich durch BIM auch wieder die an Projektentwickler verloren gegangene Rolle des Koordinators zurückerobern könnten. Der Hamburger Architekt Hadi Teherani hat sich verlorene Architektenaufgaben zurückgeholt und betreibt in getrennten Gesellschaften Architektur, Produktdesign, Innenarchitektur und Consulting. Teherani gibt freimütig zu, niemals am Computer zu zeichnen, aber natürlich auf digitale Methoden gerade bei anspruchsvollen Freiformen angewiesen zu sein. Besonders Renderings sind ihm aber oft zu genau, obwohl noch gar keine Entwurfsplanung stattgefunden hat. Ebenso führe BIM dazu, sich zu früh auf jene Bauprodukte festzulegen, die als BIM-Objekte vorlägen – für Teherani ein Verlust an Gestaltungsraum (Mehr berichtet Hadi Teherani im Interview). Bei der Berechnung der Dachkonstruktion der Zayed University in Abu Dhabi konnte das Büro von Hadi Teherani alleine durch eine Umstellung der Rechenmethode Stahl im Wert von 20 Millionen Euro einsparen. Pioniere und Profiteure „Die Pioniere haben selten etwas von ihrem Mut“, findet der Berliner Architekt Robert Specht. Für sein Büro habe BIM erst einmal höhere Kosten, mehr Kommunikationsaufwand und keine Mehreinnahmen bedeutet. Er sieht vor allem die Fachplaner als Profiteure. Eine Experimentierphase, bei der parallel zwei- und dreidimensional geplant wird, kann sich eher ein Großbüro wie gmp leisten. Erst vor zwei Jahren hatte man mit BIM begonnen, weil bei einem gemeinsamen Projekt ausländische Büros damit arbeiteten. Doch deren virtuelle Modelle seien sehr ungenau gewesen, wie Hubert Nienhoff und Jochen Köhn berichteten. Inzwischen loben die beiden Planer die schnelle und präzise Arbeit mit BIM. Wichtig sei aber, vorab genau zu definieren, was im Modell gemacht wird und welche Partner daran teilnehmen. Dass das Vertrauen erhöht wird und Planungsfehler früher erkannt werden, schätzt Gerold Reker, Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, an BIM. „Es wird aber nicht lösen, was im Moment schief läuft.“ Die Bauindustrie hat BIM weitgehend implementiert und hofft auf einen größeren Anteil an der Wertschöpfungskette Bau. Doch wenn an dieser auch Architekten maßgeblich beteiligt sein sollen, muss sich BIM auch für kleine Architekturbüros lohnen – besonders wenn es womöglich schon bald zur Bedingung für öffentliche Aufträge wird oder eine neue EnEV Nullenergiehäuser fordert. Dass dabei noch einiges widersprüchlich ist, wurde spätestens beim BIM-Einsteigerworkshop des Kongresses deutlich: Dort erfuhren die Teilnehmer nämlich, dass sich das Planen am digitalen Modell erst ab etwa 15 Millionen Euro Bausumme und nicht bei Stufenbeauftragungen lohne. Doch gerade solche sind oft öffentliche Aufträge. Sensibles Haus Während man sich auf dem Architektenkongress weitgehend einig war, dass BIM, trotz Anlaufschwierigkeiten, bald unverzichtbar sein wird, polarisierte das Smart Home deutlich mehr. In den Bereichen Sicherheit, Energiemanagement und Licht haben sich bereits Lösungen etabliert. Hinzukommen werden immer mehr Sensoren für Bewegung, Luft, Licht und Wasser (für den Fall einer Überschwemmung), glaubt Mijo Maric, Leiter der Geschäftsstelle „Smart Living“ beim Bundeswirtschaftsministerium. Im gleichen Maße, wie die gesammelte Datenmenge steige, werden die Preise sinken und die Bedienung einfacher, sodass wir alle, oder spätestens die nächste Generation, das ganz selbstverständlich wollen werden. Doch selbst der technikbegeisterte Maric gesteht ein, dass sich Kernthemen herausbilden werden. Die berührungsempfindliche Küchenarbeitsplatte, das vorheizbare, smarte Bett oder der Kühlschrank, der auf einem Monitor in Originalgröße genau das zeigt, was man nach dem Öffnen der Tür sehen würde, bleiben uns dann womöglich erspart. Der Architekt wird mit dem Smart Home zum Technologieberater, ist aber mit dem Systemintegrator auf einen weiteren Fachplaner angewiesen. Dass viele Architekten das gar nicht wollen, war auf dem Kongress spürbar. Dass auch viele Bauherren inzwischen wieder eine Sehnsucht nach einfachen und „dummen“ Lösungen haben, wusste der Berliner BDA-Vorsitzende Andreas R. Becher zu berichten. Smart im Alter, smart im Quartier Doch das Smart Home muss kein technikverliebter Selbstzweck sein, machte der Vorstand des Verbandes Sächsischer Wohnungsgenossenschaften Axel Viehweger deutlich. Die sächsischen Genossenschaften nutzen Technologien für den „rollatorengerechten“ Umbau ihres Bestands. Eingebaut wird nur, was tatsächlich gebraucht oder gewünscht ist und was sich bei maximal 6,50 Euro Kaltmiete umsetzen lässt. Nicht gewünscht wird eine automatisierte Fensteröffnung, bewährt haben sich jedoch dimmbare Nachtlichter, Sturzsensoren oder Türen, die sich im Notfall einmalig ferngesteuert öffnen lassen. Alleine in Sachsen schätzt Viehweger den Bedarf auf 100.000 mitalternde Wohnungen, erst 300 sind umgerüstet (mehr berichtet Axel Viehweger hier). „Wir bauen Gesellschaften“, sagt der Freiburger Architekt Wolfgang Frey, der in Deutschland und China ganze Quartiere entwickelt, plant und betreibt. Technik alleine ist für ihn nicht smart, solange sie nicht zum Nutzer passt. Smart ist hingegen, was mehrere Aufgaben erfüllt, also eine begrünte Fassade oder ein Balkongeländer mit Solarzellen. Die von Frey geplanten Nachbarschaften sind funktional durchmischt, sie stoßen kein CO2 aus, haben eine eigene Energieversorgung und beruhen auf einem Gleichgewicht gegenseitiger Bedürfnisse und Abhängigkeiten: Junge Menschen dürfen bei Senioren wohnen und unterstützen diese dafür im Alltag, Studenten leben mit einem Rollstuhlfahrer zusammen, der als Gegenleistung kocht. Für Frey besteht die Aufgabe darin, soziale, ökologische und ökonomische Aspekte mit Hilfe plausibel eingesetzter Technik in Übereinstimmung zu bringen.

Euroforum_Artikel_3

Bild 1 von 6

Der erste Deutsche Architektenkongress fand am 16. November in Berlin statt.

Google und Co. wollen ins Haus Die Frage, was und wann Architekten eigentlich noch entwerfen können, drängte sich an diesem Tag geradezu auf. Andreas R. Becher jedenfalls empfahl seinen Kollegen, ihre Ideen als das eigentliche Kapital nicht zu verschleudern. Das Argument, so lange es die Schwerkraft gebe, werde man dann Architekten brauchen, wurde jedoch von Christian Pätz, Elektrotechniker, Kaufmann und Professor an der TU Chemnitz, weitgehend entkräftet. Demnach seien Google, Apple und Amazon auf der Suche nach „Einfallstoren“ in gewinnversprechende Massenmärkte. Das Auto stelle ein solches Einfallstor dar, durch das die Konzerne ins Haus gelangen werden. Das Beispiel Uber im Taxiwesen zeigt, dass die Tech-Giganten auch nicht vor stark reglementierten Geschäfts- und Berufsfeldern zurückschrecken. Sind die Konzerne erst einmal im Markt, werden die Margen ausgeweitet, wobei diese oft rein auf Provisionen beruhen, wie etwa in der Reisebranche. „Selbst wenn weiterhin Architekten die Häuser planen und Handwerker sie aus Beton oder Holz bauten, ist doch entscheidend, wer das Geld damit verdient“, gab Pätz zu bedenken. An dem in den USA entwickelten Hausmodul „Kasita“ demonstrierte Christian Pätz, wie das Thema Architektur in den Massenmarkt gelangen könnte, ohne dass Architekten konkret beteiligt sind. Kasita lässt sich einzeln aufstellen oder stapeln und wirbt mit den Vorteilen eines effizienten, smarten Hauses – nur ohne den Stress. Mit schicken Bildern wird direkt der junge design- und technikaffine Kunde angesprochen. Wie leicht der Zugang von Google und Co. alleine über den Kauf eines solchen Start-ups ist, kann man sich ausmalen. Dass auch die deutsche Fertighausindustrie durch die Digitalisierung ihrer Planung und Fertigung inzwischen damit werben kann, der Kunde könne sein individuelles Haus ganz entspannt „entwerfen“, merkte Gerold Reker schließlich an. Natürlich sind auch daran Architekten beteiligt (siehe DAB 10.2016, „Das Architektenfertighaus“), doch mit dem Maestro mit Skizzenrolle und Rapidograph hat das nichts mehr zu tun. Umso mehr gilt es für Architekten, digitale Prozesse pragmatisch zu nutzen und selbst alltägliche Bauaufgaben, wie es Architekt Robert Specht ausdrückt, „mit Seele zu impfen.“ INFORMATION Der erste Basiskurs nach dem neuen BIM Standard Deutscher Architektenkammern hat Ende November in Wiesbaden stattgefunden. Weitere Termine sind am 25.-27.1.2018 in der Bayerischen Architektenkammer, am 26./27.1. und 9.2.2018 im Institut Fortbildung Bau der AK Baden-Württemberg sowie am 21.-23.2.2018 in der AK Nordrhein-Westfalen. Mehr Informationen und Anmeldung über die jeweilige Landeskammer. GOLDPARTNER

Volle Auftragsbücher dank Wohnungsbau

Die Auftragslage bei freischaffenden Architekten bleibt auf hohem Niveau, wie das ifo Institut ermittelt hat. Die regelmäßige Umfrage wurde allerdings eingestellt Text: Erich Gluch Nach den Umfrageergebnissen des ifo Instituts schätzten die freischaffenden ihre Geschäftssituation zum Beginn des dritten Quartals nochmals deutlich besser ein als in der ersten Jahreshälfte. Damit hat sich die Geschäftslage über rund 13 Jahre hinweg nahezu kontinuierlich verbessert. Nur noch knapp 10 Prozent bezeichneten ihre derzeitige Auftragssituation als schlecht. Bei derart guter Lage überrascht es nicht, dass der größte Teil der Befragten (gut drei Viertel) nun aber von keiner nachhaltigen Veränderung in den nächsten sechs Monaten mehr ausgeht. Im zweiten Quartal 2017 konnten 61 Prozent der befragten Architekten neue Verträge abschließen. Dieser Wert wurde bislang nur selten übertroffen. Das geschätzte Bauvolumen aus den neuen Verträgen (Neubauten ohne Planungsleistungen im Bestand) im Wohnungsbau erhöhte sich gegenüber dem ersten Quartal um rund 20 Prozent. Der Aufwärtstrend im Wohnungsbau scheint sich somit auf hohem Niveau zu stabilisieren. Die Auftragsvergaben für Ein- und Zweifamilienhäuser lagen gut ein Achtel über dem Vergleichswert. Bemerkenswert war eine deutliche Belebung in Bayern. Die Aufträge für Mehrfamilienhäuser variieren von Quartal zu Quartal viel stärker als im Ein- und Zweifamilienhausbau. Das Volumen der neuen Aufträge in diesem Segment konnte zwar im zweiten Quartal 2017 um fast ein Viertel gegenüber dem Jahresanfang gesteigert werden. Die hohen Werte von 2016 wurden allerdings deutlich verfehlt. Im Wirtschaftsbau sorgten einige Großaufträge für eine spektakuläre Auftragsspitze und ein um rund 70 Prozent höheres Volumen. Nur der öffentliche Sektor belebt sich nicht. Die Auftragseingänge für öffentliche Hochbauten waren im zweiten Quartal 2017 erneut rückläufig (minus 44 Prozent). Gegenüber dem Niveau vor fünf Jahren haben sich die Auftragsvolumina in diesem Teilsektor glatt gedrittelt. Erich Gluch ist Dipl.-Ing. und Dipl.-Wirtsch.-Ing. und arbeitet im ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München NACHTRAG Das ifo-Institut führte die Befragung seit Ende der 1970er-Jahre durch – ursprünglich als Forschungsauftrag für das Bundeswirtschaftsministerium. Zuletzt wurden jedes Quartal etwa 500 freischaffende Architekten in allen Bundesländern befragt. Da die Umfrage nun eingestellt wurde, können wir Sie an dieser Stelle zum vorerst letzten Mal mit aktuellen Zahlen versorgen.

Schön bunt

PaulEis_3

Der 19-jährige Berliner Paul Eis, derzeit Architekturstudent in Linz, verschönert mit Photoshop allzu triste Plattenbauten, Sichtbetonbalkone oder Putzwüsten. Aber auch anerkannte Wahrzeichen der Baukunst, wie das Berliner Shell-Haus, sind vor dem digitalen Pinsel nicht sicher. Vor hellblauem Hintergrund entstehen meist Kunstwerke in kontrastierendem Pink, Rot, Orange und Gelb. Wer das nachmachen oder den neuen Anstrich des eigenen Hauses simulieren möchte, findet auf der Website des Studenten ein Lehrvideo. Die Kunstwerke sind auch eine Kritik an der zeitgenössischen Architektur und ihrer Weiß-Vorliebe, wie Eis gegenüber Spiegel Online erklärt: „Die meisten Gebäude könnten deutlich interessanter aussehen, aber vielen Architekten ist Farbe anscheinend zu heikel.“

Mastställe, Dachterrassen und alte Baunutzungsverordnungen

Foto: Fotolia Unsere Übersicht zeigt, welche aktuellen Urteile zum Bauplanungsrecht für Architekten relevant sind TEIL 2 Text: Hubertus Schulte Beerbühl Kindergarten unabhängig vom Wohnort der Kinder zulässig Hessischer Verwaltungsgerichtshof, Beschluss vom 25. Februar 2017, Az.: 3 B 107/11 Gemäß § 3 Abs. 2 Nr. 2 Baunutzungsverordnung (BauNVO) sind in einem reinen Wohngebiet Anlagen zur Kinderbetreuung zulässig, die den Bedürfnissen der Bewohner des Gebiets dienen. Aber wer ist in diesem Sinne „Bewohner“ und was ist das „Gebiet“? Der Hessische Verwaltungsgerichtshof hat entschieden, dass bei der Definition des Begriffs „Bewohner“ nicht die gegenwärtige persönliche Lebenssituation der in diesem Gebiet ansässigen Grundstückseigentümer zu betrachten ist, sondern die objektive Bewohnbarkeit der Grundstücke. Deshalb kommt es nicht darauf an, ob die gegenwärtigen Mieter oder Eigentümer der umliegenden Wohnungen und Häuser Kinder haben. Das Baurecht ist nämlich grundstücksbezogen, weshalb subjektive persönliche Umstände bei der Beurteilung der Zulässigkeit baurechtlicher Vorhaben grundsätzlich außer Betracht bleiben. In Wohngebieten sind Einrichtungen zur Kinderbetreuung baurechtlich objektiv notwendig. Das „Gebiet“ muss sich nicht mit dem konkret festgesetzten oder faktischen Baugebiet decken. Das hat das Gericht daraus abgeleitet, dass gemäß § 1 Abs. 6 Nr. 3 BauNVO bei der Aufstellung von Bauleitplänen insbesondere „die sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung, insbesondere die Bedürfnisse der Familien, der jungen, alten und behinderten Menschen“ zu berücksichtigen sind. Zu diesen Bedürfnissen gehört der Rechtsanspruch des Kindes auf einen Betreuungsplatze. Gerade wegen der danach gebotenen wohnortnahen Versorgung mit Betreuungsplätzen und den damit verbundenen finanziellen Belastungen der Kommunen sei es vielfach nicht möglich, in jedem Wohngebiet eine Kinderbetreuungseinrichtung einzurichten. Deshalb sei ihr baurechtlich zulässiger Einzugsbereich nicht auf das konkrete Wohngebiet, in dem sie liegen, beschränkt. Die Klage eines Nachbarn dagegen, dass in seinem Baugebiet eine Nutzung erlaubt worden sei, die der Gebietsfestsetzung zuwider liefe, wurde abgewiesen. Alte Baunutzungsverordnung verhindert Wohngruppe Bundesverwaltungsgericht, Beschluss vom 20. Dezember 2016, Az.: 4 B 49/16 Eine psychotherapeutische Wohngruppe, in der minderjährige Mädchen untergebracht sind, um sie auf eine Integration in ihre Familien oder die Überleitung in eine andere geeignete Hilfsform vorzubereiten, ist eine „Einrichtung für soziale Zwecke“ und stellt sich nicht als „Wohnen“ im planungsrechtlichen Sinne dar. Denn der Begriff des Wohnens ist gekennzeichnet durch eine auf Dauer angelegte Häuslichkeit, Eigengestaltung der Haushaltsführung und des häuslichen Wirkungskreises sowie Freiwilligkeit des Aufenthalts. Das war in dem entschiedenen Fall nicht zu bejahen, da für die Mädchen stets eine Hauswirtschafterin oder eine Betreuungskraft anwesend war und die Mädchen sich nicht selbst verpflegten. Allerdings sind nach der heutigen Rechtslage Anlagen für soziale Zwecke in reinen Wohngebieten ausnahmsweise zulässig (§ 3 Abs. 3 Nr. 2 BauNVO); deshalb hätte, ein Nachbar kein Abwehrrecht. Anders ist es aber, wenn die BauNVO in den Fassungen von 1968 oder 1977 anzuwenden ist. Denn nach den damaligen Fassungen waren solche Anlagen nicht, auch nicht ausnahmsweise zulässig. In dem vorliegenden Fall war die Fassung von 1968 zu betrachten, weil diese galt, als der Gemeinderat den Bebauungsplan beschloss. Dieser so genannte Grundsatz der statischen Verweisung hat seine Rechtfertigung darin, dass eine Festsetzung nur die Bedeutung haben kann, die der damaligen Vorstellung des Gemeindeparlaments entsprechen konnte. Bestimmungen, die damals noch nicht existierten, konnten nicht von dessen Wille umfasst sein. Dieser Grundsatz zwang auch dazu, die Bestimmung in § 3 Abs. 4 BauNVO auszublenden, nach der zu den Wohngebäuden auch solche zählen, die ganz oder teilweise der Betreuung und Pflege ihrer Bewohner dienen. Denn auch diese wurde erst 1990 in die BauNVO aufgenommen. Bauhöhen in Umgebung ab Geländehöhe zu betrachten Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 8. Dezember 2016, Az.: 4 C 7.15 und Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz, Urteil vom 8. März 2017, Az.: 8 A 10695/16 Die Frage nach dem Einfügen in die nähere Umgebung ist mit Blick auf das Maß der baulichen Nutzung besonders schwer zu beantworten. Denn sie verlangt  Wertungen und die Kenntnis der Maßstäbe, die die Rechtsprechung für die wenig aussagekräftigen gesetzlichen Begriffe herausgearbeitet hat. Dazu hat das Bundesverwaltungsgericht die in ständiger Rechtsprechung entwickelten Grundsätze bezogen auf das Maß der baulichen Nutzung wie folgt zusammengefasst: Bedeutsam seien solche Maße, die nach außen wahrnehmbar in Erscheinung treten und anhand derer sich die vorhandenen Gebäude in der näheren Umgebung leicht in Beziehung zueinander setzen ließen. Ihre absolute Größe nach Grundfläche, Geschosszahl und Höhe, bei offener Bebauung zusätzlich auch ihr Verhältnis zur Freifläche, prägten das Bild der Umgebung und böten sich deshalb vorrangig als Bezugsgrößen zur Ermittlung des Maßes der baulichen Nutzung an. Gebäude prägen ihre Umgebung nicht durch einzelne Maßbestimmungsfaktoren im Sinne des § 16 Abs. 2 BauNVO, sondern erzielen ihre optische maßstabsbildende Wirkung durch ihr gesamtes Erscheinungsbild. Deshalb sei kumulierend auf die genannten Maßfaktoren abzustellen; die Übereinstimmung von Vorhaben und Referenzobjekten nur in einem Faktor genüge nicht. Diese Grundätze wandte das Oberverwaltungsgericht (OVG) Rheinland-Pfalz an und entschied, dass das von dem Kläger in einem Wohngebiet geplante Mehrfamilienwohnhaus mit einer Grundfläche von 320 Quadratmetern, einer Traufhöhe von 7,20 Meter und einer Firsthöhe von 13 Metern dem in der näheren Umgebung vorhandenen Maß der baulichen Nutzung nicht entspreche. Dabei nahm das Gericht entsprechend der üblichen Praxis der Gerichte als Bereich gegenseitiger Prägung grundsätzlich das Straßengeviert und die dem Baugrundstück gegenüberliegende Straßenseite an. Ferner entschied das Gericht, dass die Höhe der umliegenden Häuser auf die Geländehöhe der jeweiligen Grundstücke bezogen wird. Dies ist insbesondere bei Hanglagen entscheidend. Liegt die zur Bebauung anstehende Grundstücksfläche tiefer als die Flächen der bereits bebauten Grundstücke in der näheren Umgebung, wäre es also verfehlt, für das zulässige Höhenmaß die Höhe der Nachbarbebauung bezogen auf das – tiefer liegende – Niveau des Baugrundstücks zu betrachten. Hinsichtlich der Firsthöhe bemisst sich daher das in der Umgebungsbebauung vorhandene Maß nach dem Abstand des Firstes zu der im Lot darunter befindlichen Geländeoberfläche. Will man darüber hinaus die Traufseite beurteilen, würde das Hinausragen der Bestandshäuser über die Geländeoberfläche bei einer Hangbebauung nicht korrekt erfasst, wenn man lediglich die talseitig erfassbare Höhe berücksichtigte.. Um das Höhenmaß einer Hangbebauung (wie zum Beispiel eine bergseitig eingeschossige und talseitig zweigeschossene Bebauung) zutreffend zu erfassen, ist es vielmehr sachgerecht, eine Mittelung der unterschiedlich hohen Traufseiten vorzunehmen. Als Vorbild kann  die Höhenbegrenzung beim Grenzgaragenprivileg im Abstandsflächenrecht dienen (zum Beispiel „mittlere Wandhöhe“). Bei dieser Methode ergab sich, dass die als Vergleichsobjekte zu betrachtenden Gebäude eine deutlich niedrigere Höhe auswiesen, und zwar sowohl für den zur Straße orientierten als auch für den zum Hang orientierten Wandteil. Wenn auch ein Gebäude sich der Höhe des geplanten Gebäudes näherte, schied dieses als Referenzobjekt aus, weil es eine deutlich kleinere Grundfläche hatte. Die auf Genehmigung gerichtete Klage blieb erfolglos. Geruchsimmission darf trotz Gegenmaßnahmen über Richtwerten liegen Bundesverwaltungsgericht, Beschluss vom 7. April 2016, Az.: 4 B 37/15 Kann einem Landwirt ein weiterer Maststall genehmigt werden, wenn zwar einerseits wegen gleichzeitig vorzunehmender Maßnahmen zur Immissionsminderung an seinen vorhandenen, legalen Ställen insgesamt die Belastung in dem benachbarten Dorfgebiet gleich bleibt oder sogar abnimmt, aber andererseits die Richtwerte zur Geruchsimmission heute und in Zukunft überschritten werden? In dem entschiedenen Fall betrug nach einem im Genehmigungsverfahren eingeholten Gutachten die Geruchsfracht nach der Geruchsimmissionsrichtlinie bereits in gegenwärtigen Zustand 34,7 Prozent der Jahresstunden und würde nach Verwirklichung des Bauvorhabens bei 33,7 Prozent liegen. Dem gegenüber sieht die Richtlinie für Dorfgebiete eine Geruchshäufigkeit von lediglich 15 Prozent der Jahresstunden als zumutbar an. Das OVG Niedersachsen hatte auf die Klage eines Nachbarn hin die gestellte Frage verneint. Eine solche so genannte Verbesserungsgenehmigung verletze den Nachbarn in seinem Anspruch auf Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen, weil der Richtwert immer noch überschritten werde. Das Bundesverwaltungsgericht widersprach dem und ließ die Revision gegen das Urteil zu. Es wies darauf hin, dass zwar im Außenbereich ansässige Betriebe auf die benachbarte Wohnbebauung Rücksicht nehmen müssten, welche Anforderungen das Gebot der Rücksichtnahme stelle, hänge aber wesentlich von den jeweiligen Umständen ab. Dabei dürften bestehende Vorbelastungen nicht außer Betracht bleiben. Was von einem genehmigten Betrieb bislang legal an Belastungen verursacht werde und sich auf eine vorhandene Wohnbebauung auswirke, könne deren Schutzwürdigkeit mindern. Deshalb sei bei der Erweiterung eines legalen Betriebes nur zu prüfen , ob eine Verschlechterung der Immissionslage zu erwarten sei. Das sei hier nicht der Fall und deshalb sei die Genehmigung rechtmäßig und nicht rücksichtslos. Anbau legal, Dachterrasse darauf nicht Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen, Beschluss vom 1. August 2016, Az.: 7 A 937/14 Nach § 34 Abs. 1 Satz 1 BauGB ist ein Vorhaben innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile zulässig, wenn es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt und die Erschließung gesichert ist. Dabei umfasst das Merkmal der überbaubaren Grundstücksfläche neben der konkreten Grundfläche des Bauwerks auch den Standort des Projekts innerhalb der vorhandenen Bebauung. In dem entschiedenen Fall ging es um die Legalität einer Dachterrasse auf einem vor Jahren genehmigten Anbau an ein Wohngebäude und einen darüber zu errichtenden Austritt im Dachgeschoss des fünfgeschossigen Hauses. Das Gericht entschied, dass der als „Abstellraum“ genehmigte Anbau selbst bezüglich des Merkmals der überbaubaren Grundstücksfläche als Vorbild ausscheide und deshalb die faktische hintere Baugrenze nicht verschiebe. Es handele sich um eine die rückwärtige Bebauung nicht prägende Nebenanlage zum Wohnhaus als Hauptanlage. Solche baulichen Anlagen, die von ihrem quantitativen Erscheinungsbild (Ausdehnung, Höhe, Zahl usw.) nicht die Kraft haben, die Eigenart der näheren Umgebung zu beeinflussen – und die der Betrachter also nicht oder nur am Rande wahrnimmt – sind nach der Rechtsprechung bei der Betrachtung auszusondern. Außerdem sind jene Anlagen auszublenden, die zwar quantitativ die Erheblichkeitsschwelle überschreiten, aber nach ihrer Qualität völlig aus dem Rahmen der sonst anzutreffenden Bebauung herausfallen und wegen ihrer Andersartigkeit beziehungsweise Einzigartigkeit den Charakter der Umgebung nicht beeinflussen. Das Gericht sah den nicht unterkellerten Anbau also nicht als Teil des Wohnhauses, Er wurde vielmehr, ähnlich wie eine Garage, als Anhängsel zum Wohnhaus wahrgenommen. Auch eine vom Kläger angesprochene Stützmauer und eine Abgrabung auf einem benachbarten Grundstück schieden als prägende bauliche Anlagen aus. Die faktische hintere Baugrenze versprang deshalb nicht in den rückwärtigen Bereich, so dass die streitige Dachterrasse und der Austritt außerhalb der Baugrenze lagen und planungsrechtlich unzulässig waren. Dr. Hubertus Schulte Beerbühl ist Richter am Verwaltungsgericht Münster und Autor eines Lehrbuchs zum Öffentlichen Baunachbarrecht und zum Baurecht NRW MEHR URTEILE: In Teil 1 unserer Übersicht geht es um: – die landschaftsprägenden Eigenschaften eines Gebäudes – zu viel Einsichtnahme trotz genügend Abstand – realitätsfern gewordene Bebauungspläne – zu viel Lärm durch nicht notwendige Stellplätze – unzulässige Befreiungen von Bebauungsplänen Zu den Beiträgen geht es hier

Mit Stift und Maus

Architekturzeichnungen_

Bild 1 von 8

Hauptpreis und Gewinner "hybride Zeichnung": Jerome Xin Hao Ng (UK). "Memento Mori - A Peckham Hospice Care Home"

Im digitalen Zeitalter erlangt die künstlerische Zeichnung einen ganz besonderen Wert. Erstmals wurde deshalb der internationale „Architecture Drawing Prize“ vergeben. Die faszinierenden Bilder sind handgezeichnet, am Bildschirm entstanden oder kombinieren beide Techniken.  Es finden sich Schmuckdetails und Stadtansichten aus der Vogelperspektive ebenso wie kühne Architekturvisionen und komplexe Schnittperspektiven. Der Preis möchte an das Zeichnen als traditionelles Ausdrucksmittel vieler Architektengenerationen von Andrea Palladio bis Cedric Price erinnern. Gerade in einer visuell geprägten Kultur solle diese Fähigkeit reaktiviert werden und dabei neue technische Möglichkeiten ausgenutzt werden, wie die Auslober finden. Diese sind das Londoner Büro Make Architects, das Sir John Soane’s Museum London und das World Architecture Festival. Mehr Informationen hier

Engpass

Verdichtungspolitik der Stadt im Widerspruch mit öffentlicher Sicherheit. Foto: hhpberlin Brandschutzplanung im Zuge der urbanen Nachverdichtung Text: Karsten Foth, Martin Steinert Wohnraum wird knapper und die Städte reagieren mit Verdichtung in Form von Baulückenschließung, Dachgeschossausbauten oder Hochhausbauten. Doch die Städte müssen nicht nur Raum schaffen, in dem sich die Menschen wohlfühlen, sondern wo sie auch in ihrer Mobilität nicht wesentlich eingeschränkt werden. Mobilität muss mit zeitlich, finanziell und ökologisch vernünftigem Aufwand möglich sein. Mit einem neuen Parkraumbewirtschaftungskonzept von Längs- auf Querparken versucht man, diesem Mobilitätswunsch nachzukommen und gleichzeitig die Vielzahl von Autos im Stadtraum zu kompensieren. Doch trotz aller Platzkapazitätsprobleme sollen die Städte auch Erholungszonen bieten, attraktiver und grüner werden. Stadtbäume haben daher eine besondere Bedeutung. Verdichtung steht im Widerspruch zur öffentlichen Sicherheit Die städtischen Maßnahmen zur Verdichtung sowie die zur Steigerung der Attraktivität stehen jedoch oft im Widerspruch mit der Sicherheit im öffentlichen Straßenraum und stellen auch den abwehrenden Brandschutz vor die Herausforderung, bei der Schaffung von mehr Wohnraum einen gleichbleibend hohen Sicherheitsstandard zu gewährleisten. In verstopften Straßen erhöhen sich die Einsatzzeiten der Feuerwehr, was sich wiederum auf Brandszenario, Brandausbreitung und die Brandbekämpfungsmöglichkeiten auswirkt. Die bislang bewährten Lösungsansätze scheitern zunehmend an den sich verändernden Zuständen in den Innenstädten und so wird es immer schwieriger, Menschen mit den Geräten der Feuerwehr zu retten, da der Rettungsweg von der Straße nicht mehr unproblematisch erreicht werden kann, wenn beispielsweise durch das Querparken die Durchfahrtsbreite vieler Straßen auf bis zu drei Meter sinkt und Hubrettungsfahrzeuge, die eine Breite von mindestens 5,50 Meter benötigen, nicht aufgestellt werden können oder weil Stadtbäume grundsätzlich nicht zurückgeschnitten, geschweige denn gefällt werden, um den Rettungsweg für den Neubau (Dachgeschossausbau oder Lückenschließung) über die Feuerwehr-Drehleiter zu ermöglichen. Die Maßnahmen gehen soweit, dass der notwendige zweite Rettungsweg, der in Deutschland seit Jahrzenten in der Bauordnung verankert ist, in Frage gestellt wird beziehungsweise sein Wegfall bedingt durch den Entfall von Anleiterstellen von den Bauaufsichten nicht beachtet und nicht geahndet wird. Dabei dient er als Fluchtweg zur Selbst- und Fremdrettung und für den Löschangriff der Feuerwehr. Enge Straßen, geprägt durch Stadtbäume und geänderte Parkraumordnungen. Foto: hhpberlin Änderungen der letzten Jahre Um in die Planung der Städte der Zukunft zu schauen, lohnt sich ein Blick zurück, denn diverse Änderungen im Wohnungsbau und dem Nutzungsverhalten der Bewohner haben die Zahl der Toten durch Rauch, Feuer und Flammen in den letzten 30 Jahren halbiert. Das sind zum Beispiel:
  • dichte und selbstschließende Türen zwischen Wohnungen und Treppenräumen für besseren Schall- und Einbruchsschutz
  • feuerhemmende und rauchdichte Türen zwischen Treppenräumen und Kellerräumen
  • konkrete Anforderungen an die Verlegung elektrischer Leitungen in Treppenräumen und Fluren
  • nichtbrennbare oder zumindest feuerhemmende Treppen
  • Rauchableitungsöffnungen aus Treppenräumen
  • massive Bauteile statt Holzbalkendecken
  • Rauchwarnmelder in Wohnungen
  • weniger offene Heizstellen (keine Öfen, keine Asche)
  • höher elektrischer Standard der Haushaltsgeräte
  • weniger Rauchen in den Wohnungen
  • selbstlöschende Zigaretten seit November 2011 (senkt die Zahl der durch Zigaretten verursachten tödlichen Unfälle um mehr als 40 Prozent)
Was in Zukunft zu beachten ist Trotz der positiven Entwicklungen der letzten Jahre stellt sich die Frage, was die veränderten Grundlagen und Ziele für die zukünftige Brandschutzplanung bedeuten. Für neue Wohnhochhäuser ergeben sich keine Anforderungen an die Aufstellflächen für die Rettungsgeräte der Feuerwehr, da diese nach der Muster-Hochhausrichtlinie geplant werden und keine Probleme hinsichtlich der Straßenenge haben. Für die Aufstockung bestendender Wohngebäude ergeben sich jedoch mit Bezug auf die bauordnungsrechtlichen Regelungen folgende Fragen für den Brandschutz:
  • Fällt das Gebäude in eine neue Gebäudeklasse?
  • Wird durch die Aufstockung aus dem Gebäude ein Hochhaus (Fußboden des oberen Aufenthaltsraumes über 22 Meter)?
  • Entfällt der Bestandschutz durch eine Aufstockung?
  • Müssen die Geschossdecken (oft feuerhemmende Holzbalkendecken) und/oder die im Treppenraum vorhandenen dichten Türen durch selbstschließende Türen ersetzt werden?
Festzuhalten ist, dass der Rettungsweg über das Gerät der Feuerwehr für die Aufstockung neu bewertet werden muss und dabei vielfach festgestellt wird, dass die Rettung über die Hubrettungsfahrzeuge nicht möglich ist. Doch was geschieht in diesen Fällen mit dem darunter befindlichen Bestand? Muss das Sicherheitsniveau dort angepasst werden? Auswirkungen auf die Planung Planern muss zum einen bewusst sein, dass es keine 100-prozentige Sicherheit geben kann und auch nicht geben muss. Die Bauordnung stellt das gesellschaftlich akzeptierte Sicherheitsniveau und damit die Planungsgrundlage dar. Der Architekt muss also auch in Zukunft die Bauordnung exakt lesen, um eine Planung zu machen, die die Brandschutzmaßnahmen auf das Nötigste beschränkt und nicht auf das Mögliche ausweitet. An Brandschutzsicherheit darf gespart werden, wenn die öffentliche Sicherheit und Ordnung nicht gefährdet wird und wenn die aktuellen Erfahrungen zeigen, dass materielle Aufwendungen nicht erforderlich sind. Zum anderen ist es wichtig, frühzeitig Brandschutzüberlegungen in die Planung einzubeziehen, also bereits in der Leistungsphase 2 zu prüfen, ob die Straße an einem aufzustockenden Bestandgebäude auch so breit ist, dass im Rettungsfall die Standardlösung (das Anleitern der Feuerwehr) greift, oder ob man andere Lösungen, wie den Sicherheitstreppenraum, benötigt. Lösungen zur Sicherstellung der Rettung Die Maßnahmen zur Sicherstellung der Rettung lassen sich, wie im Arbeitsschutzgesetz priorisiert, entsprechend dem TOP-Prinzip in folgende Kategorien einteilen:
  • Technik
  • Organisation
  • Persönliche Schutzausrüstung
Zunächst gilt es, die technischen Gegebenheiten zu nutzen und zu optimieren. Es ist unstrittig, dass die Feuerwehr entsprechend § 3 des Feuerwehrgesetzes Gefahren der öffentlichen Sicherheit, beispielsweise durch Brände, abzuwehren hat, unabhängig davon, ob es sich um Neu- oder Bestandsbauten handelt. Daher muss bei der Frage des zweiten Rettungsweges über das Gerät der Feuerwehr grundsätzlich von einem einheitlichen Maßstab für Alt- und Neubauten ausgegangen werden und die Großstadtfeuerwehren müssen einen realistischen Platzbedarf für ihre Geräte angeben. Nicht passender Fahrzeugbestand der Feuerwehr ist entsprechend des Versorgungsgrundsatzes umzurüsten, wenn andere als die vorhandenen Hubrettungsfahrzeuge den tatsächlichen Straßenverhältnissen besser gerecht wären – zum Beispiel durch eine variable Abstützung, mitlenkende Hinterachsen oder Knickgelenktechnik. Knickgelenktechnik. Foto: hhpberlin Weitere technische Lösungsmöglichkeiten für das Problem können politisch vorangetrieben und ermöglicht werden, indem die Schutzziele angepasst werden. Aus Hamburg und Berlin gab es Vorschläge, den ersten baulichen Rettungsweg durch das Treppenhaus so sicher zu machen, dass auf den zweiten Rettungsweg über die Leitern der Feuerwehr komplett verzichtet werden kann. Berlin hat das Sicherheitsniveau von Sicherheitstreppenräumen abgestuft, Sicherheitstreppenräume für Wohngebäude mit nichtbrennbaren Fassaden und spezielle Brandschutzanforderungen an Wohnungseingangstüren, Flur und den Weg in den Treppenraum definiert und dies als baulich realisierbare und wirtschaftliche Alternativlösung für den Neubau vorgestellt. Der Vorschlag wurde in Berlin bereits in geltendes Recht umgesetzt. Hamburg beschreibt in seinem Pilotprojekt ebenfalls einen Lösungsansatz für Bestandsgebäude unterhalb der Hochhausgrenze. Dafür werden die Wohnungen in einem bestehenden Wohnhaus mit zusätzlicher Brandschutztechnik (Rauchmeldern, Nebelwasserdüsen etc.) ausgestattet, die die Wohnungstür vor dem Durchbrennen schützen beziehungsweise eine Brandausbreitung in den Flur unterbinden sollen. Doch auch für diese Lösung muss die absolute Forderung, dass Feuer und Rauch nicht in den als Sicherheitstreppenraum geltenden Treppenraum eindringen dürfen, herabgesetzt werden. Brandversuche durchgeführt Auf der von hhpberlin organisierten jährlichen Veranstaltung machtboxLive wurden diese beiden Lösungen im Juni 2017 in zwei Großversuchen präsentiert, mit dem Ziel, Erfahrungswerte zum Sicherheitsniveau dieser Vorschläge zu gewinnen. In den Versuchen wurden Wohnungsbrände simuliert und mit Mess- und Videotechnik dokumentiert. Anhand von Dioramen wurden die Versuchsaufbauten veranschaulicht und die Teilnehmer erhielten die Möglichkeit, über die Vor- und Nachteile der einzelnen Versuchsaufbauten zu diskutieren. Eine organisatorische Maßnahme zur Verbesserung der Rettungswegsituation wäre beispielsweise eine flächendeckende Aufklärung mit dem Appell, dass Menschen in den Wohnungen, die nicht vom Brand betroffen sind und in denen die baulichen Voraussetzungen gegeben sind, verbleiben und im Brandfall nicht unnötig die Feuerwehr beschäftigen. Derartige Maßnahmen wären dann im Sinne einer allgemeinen Brandschutzaufklärung als Bestandteil von Bildung und Erziehung gesetzlich zu regeln, wie es beispielsweise im Brandschutzgesetz der DDR der Fall war. Persönliche Schutzausrüstungen zur Sicherstellung der Rettung sind nach der Rangfolge im Arbeitsschutzgesetz nur dann einzusetzen, wenn technische und organisatorische Maßnahmen nicht umgesetzt werden können. Dazu zählen Rettungs-und/oder Fluchthauben, um Personen durch verrauchte Bereiche zu führen. Durch diese erübrigt sich heute in vielen Fällen eine Rettung über die Feuerwehrleitern. Aufgaben für die Zukunft Für die Brandschutzplanung von Wohnungsbauten, die durch die zunehmende Enge in den Städten erschwert wird, werden einheitliche Regeln benötigt, die auch die Bestandsbauten abdecken. Um die Anforderungen an den vorbeugenden Brandschutz erfüllen zu können, muss die Politik klare Entscheidungen bei der Förderung von günstigem Wohnraum in großen Städten treffen. Berlin hat in der Vergangenheit konkrete Erleichterungen für Dachaufstockungen oder für Wohnhochhäuser beschrieben, die den zweiten Rettungsweg überflüssig machen. Vor allem unter Beachtung des reduzierten brandbedingten Todesrisikos heutzutage durch die Nutzungs- und baulichen Änderungen der letzten Jahre ist der Verzicht auf einen zweiten Rettungsweg unter bestimmten Randbedingungen gegenüber dem Großteil des Wohnungsbestands ohne Senkung des Sicherheitsniveaus legitim. Die Feuerwehr muss realistische Mindestanforderungen an die Aufstellflächengröße definieren und den Fahrzeugpark gegebenenfalls an das notwendige Minimum anpassen. Ein Zusammenschluss der großen deutschen Städte bezüglich eines Anforderungsprofils und gemeinsame Ausschreibungen bei der Fahrzeugbeschaffung wären dafür hilfreich. Für Architekten ist die frühzeitige Brandschutzbetrachtung bei der Planung zeit- und geldsparend. Ein Sicherheitstreppenraum im Gebäude kann bei unzulänglicher Straßenbreite eine geeignete Brandschutzlösung darstellen. Auf dieser Grundlage können Bauherren mit Hilfe eines starken Planungsteams einen Brandschutz planen, der auf das Nötigste beschränkt, aber weder unsicher noch gesellschaftlich inakzeptabel ist. Es werden Maßnahmen gebraucht, die den Preis senken, aber nicht die Planungskosten. Dipl.-Ing. Karsten Foth ist geschäftsführender Gesellschafter der hhpberlin Ingenieure für Brandschutz GmbH M. Eng. Martin Steinert ist Sachverständiger für vorbeugenden Brandschutz bei der hhpberlin Ingenieure für Brandschutz GmbH