Hadid virtuell

Virtual Reality: Animierte Filme der Serpentine Gallery greifen das frühe zeichnerische Werk der 2016 verstorbenen Architektin auf. (Still: Zaha Hadid) Die Londoner Serpentine Sackler Gallery thematisiert eine weniger bekannte Seite der im März 2016 verstorbenen Star-Architektin und Designerin Zaha Hadid. Im Fokus der jüngst beendeten Ausstellung „Zaha Hadid: Early Paintings and Drawings“ standen Bilder, kalligrafische Zeichnungen und Skizzen der Pritzker-Preisträgerin aus den 1970er- bis in die 1990er-Jahre – aus der Zeit, bevor sie ihr erstes Bauwerk verwirklichte. Gemeinsam mit den Kuratoren inszenierten Zaha Hadid Architects und Google Arts and Culture die frühen Werke der Architektin in Form von „Virtual-Reality-Erlebnissen“, so die Ausstellungmacher. Die kurzen Filme überdauern das Ende der Ausstellung im Internet – und sind das Anschauen auch ohne Datenbrille wert. Dieser heißt „The Peak“: „The Great Utopia“ „The World (89 Degrees)“ „Leicester Square“ Ein Beitrag im dezeen-magazine beschäftigt sich vertiefend mit den VR-Animtationen.

Begreifbare Baukunst

Eine handfeste Ausstellung in Leipzig ist der Bedeutung der Türgriffe in der Architektur gewidmet. (Foto: FSB) Der Gestalter Otl Aicher (1922-1991) brachte mit seinen „Vier Geboten des Greifens“ die Anforderungen an einen guten Türdrücker auf den Punkt: Daumenbremse, Zeigefinger­kuhle, Ballenstütze und Greifvolumen sollte eine Klinke aufweisen. Der Bedeutung von Türgriffen in der Architektur ist eine Ausstellung im Leipziger Grassimuseum (bis 14. Mai 2017) gewidmet. „Begreifbare Baukunst“, so der Titel, ist in einen histori­schen und einen modernen Teil gegliedert und präsentiert insgesamt 30 Stelen mit Türgriffen. Die Entstehungszeit der ausgestellten und berührbaren Türgriffe und Türdrücker reicht vom Anfang des 19. Jahrhunderts (Karl Friedrich Schinkel) über Gestalter wie Otto Wagner, Peter Behrens oder Ludwig Wittgenstein hin zu Neuerungen der Bauhauszeit (Walter Gropius) und schließlich bis zu zeitgenössischen Entwürfen (Jasper Morrison, Gesine Weinmiller, Werner Aisslinger, Schulz und Schulz, gmp Architekten). Die Kuratoren spüren der Frage nach, welche Drückerform und welches Klinkenmaterial zu bestimmten Gebäudetypen passen und auf welche Weise sich die Gesamtarchitektur in einem Detail wiederfinden lässt. Ausführliche Informastionen zur Ausstellung finden Sie hier.

IKEA realisiert Trumps Mauerpläne?

Die Finanzierung der geplanten Mauer an der Grenze zu Mexiko bereitet Präsident Donald Trump noch Kopfzerbrechen. Vielleicht steht die Lösung im IKEA-Katalog? (Foto: Der Postillon) Der Preis ist kein Hindernis für diesen Deal, die „Börder Wåll“ kommt – zumindest wenn es nach der Satire-Seite „Der Postillon“ geht. „IKEA bietet Trump günstige Lösung für Mauer an“, titelt das Blatt – und zeigt einen typischen IKEA-Entwurf samt Inbusschlüssel und abgezählten Schrauben. Die Bauanleitung für die Fertiglösung entlang der Grenze zwischen Mexiko und den USA vergisst auch den Stacheldraht nicht. Wer für die Do-it-yourself-Teilung nach skandinavischem Muster bezahlen muss, vermag auch „Der Postillon“ nicht zu prophezeien – hat dafür aber noch ein schönes Foto von „The Donald“ bei der gewissenhaften Prüfung des Angebots in petto.

Deutscher Architekturpreis 2017 ausgelobt

Die Bewerbungsfrist für den von Bundesbauministerium und Bundesarchitektenkammer gemeinsam ausgelobten Wettbewerb endet am 31. März 2017. Mit dem Deutschen Architekturpreis 2017 sollen für die Entwicklung des gegenwärtigen Bauens beispielhafte Bauwerke ausgezeichnet werden. Prämiert werden Gebäude oder städtebauliche Ensemble, die eine besondere Gestaltqualität aufweisen oder von vorbildlichem Umgang bei der Modernisierung historischer Bausubstanz zeugen und positiv zur Gestaltung des öffentlichen Raumes beitragen. Besonderer Wert wird dabei auf das nachhaltige Bauen gelegt. Auslober des Deutschen Architekturpreises sind das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und die Bundesarchitektenkammer (BAK). Der Preis wird alle zwei Jahre durch den Bundesbauminister im Rahmen eines Festakts verliehen. Eine Jury bewertet die eingereichten Arbeiten hinsichtlich ihrer Einbindung in das städtebauliche und landschaftliche Umfeld, hinsichtlich ihrer äußeren und inneren Gestaltung, hinsichtlich ihres energetischen Konzepts sowie hinsichtlich ihres ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Lösungsansatzes. Zugelassen zur Teilnahme am Deutschen Architekturpreis sind Arbeiten auf dem Gebiet der Architektur und des Städtebaus sowie Arbeiten zur Sanierung und Modernisierung historischer Bausubstanz, die in Deutschland fertig gestellt wurden. Der Preis ist mit 60.000 Euro dotiert; die Hälfte der Summe entfällt auf den Hauptpreis, der Rest wird für bis zu fünf Auszeichnungen und Anerkennungen vergeben. Die Bewerbungsfrist endet am 31. März 2017 um 14 Uhr. Den Auslobungstext finden Sie hier.

Über Ordnung

Wolfgang Bachmann. (Foto: Myrzik Jarisch) Architektur hat viele Facetten, sie kann völlig unterschiedlich ausfallen. Was sie in jedem Fall leistet, wenn sie etwas taugt: Sie räumt auf. Text: Wolfgang Bachmann Einer meiner alten Arbeitgeber pflegte sein Büro anhand leicht fasslicher Merksätze zu orientieren. Dazu gehörte die Überzeugung: Ein Haus muss so gut gelungen sein, dass es völlig unwichtig ist, wie man die Dachrinne anschraubt. Daran halten sich die meisten Kollegen und lassen auf den Ansichten ihrer gelungenen Wohnhäuser Fallrohre, Blitzableiter, Satellitenantennen, Markisen, Briefkästen und den ganzen später unvermeidlichen Tand aus dem Baumarkt weg. Ich gehöre ja eher zur Uhrmacherfraktion, weniger zu den Städtebauern. Weil ich glaube, dass die Häuser in Neubaugebieten nicht von vornherein unappetitlich sind, sondern durch geschmacklose Balkongeländer, Haustüren, PVC-Fenster, Terrassenüberdachungen, Gabionen und eine heillose Farbwahl hingerichtet werden. So eine Immobilie zu kaufen, ist unmöglich, denn man würde das alles am liebsten entsorgen – zögert aber umweltbewusst, eine völlig intakte, funktionierende Ausstattung einfach auf den Müll zu werfen, nur weil sie einem nicht gefällt. Aber in den Details spielt die Musik! Vor einigen Jahren durfte ich das neu errichtete Haus eines Architektenpaars besichtigen. Es war ein Höhepunkt an präziser Werkplanung, nirgends gab es Fugen oder Toleranzen, alle Flächen trafen sich in scharfen Kanten, um Räume zu bilden. Fenster- und Türöffnungen reichten vom Boden bis zur Decke, die verborgenen Bänder der Flügel rasteten bei 90 Grad ein. Keine Fliese war geschnitten. In der mattweißen Küche blieben alle Utensilien verborgen, nur drei reife Tomaten waren an entscheidender Stelle auf der schwarzen Anrichte platziert. Die Polstermöbel standen wie mit dem Lineal ausgerichtet auf dem Betonestrich, lediglich die unterschiedlichen Buchrücken in den raumhohen Regalen durften eine kreative Unruhe stiften. Dafür hingen im Bad gebügelte dunkelgraue Handtücher in exakt gleicher Länge auf den Edelstahlbügeln. War dieses Haus etwa kalt und tot? Nein, es hatte eine Aura, eine selbstverständliche Genauigkeit, es gab Ruhe und erinnerte seine Bewohner daran, richtig zu leben.

Lebensinhalt Manufactum?

Wolfgang Bachmann. (Foto: Myrzik Jarisch) Gute Architektur, langlebig, nachhaltig, menschenfreundlich, ohne unterhaltsame Extravaganzen – darauf könnten wir uns verständigen. Aber dafür richtig Geld ausgeben? Text: Wolfgang Bachmann Qualität hat ihren Preis, sagt Hans Kollhoff. Deshalb muss das Bauen teurer werden. Der Berliner Architekt denkt dabei keineswegs an sein Honorar oder macht sich zum Anwalt der Bauunternehmer und Investoren. Kollhoff plädiert für handwerkliche Standards, für eine verträgliche Großstadtarchitektur, deren Schöpfer sich nicht als Künstler betrachten, die nie Dagewesenes aus dem Hut zaubern, sondern zweckdienlich das seit Jahrhunderten Erprobte ständig verfeinern. Solide Häuser sind aus zweischaligen Wänden gemauert, darüber lagert ein Ziegeldach mit Kupferrinnen, die dreifach verglasten Holzfenster haben moderate Formate, in der Diele liegen Steinzeugfliesen, die Haustür ist aus massiver Eiche und unter den liebevoll geschreinerten Briefkästen steht eine Sitzbank. Das ist nicht ganz billig, da wäre man schon froh, wenn wenigstens die Großkopfeten ihre Baupläne bei einem passablen Architekten bestellten, der ihre Villen nicht unbedingt mit Blendarkaden und Gurtgesimsen auf anno Tobak rückdatierte. Aber da lesen wir, dass auch die neuen Autos als „umfassendes elektromobiles Ökosystem“ (Mercedes Benz) teuer werden, vor allem die intelligente Selbststeuerung ins Geld geht. 15.000 € muss man allein für die erforderliche Rechnerleistung veranschlagen. Und da wir gerade beim Geld sind: Auch an der Bekleidung zu sparen, ist nicht mehr zeitgemäß, vor allem politisch inakzeptabel. Diese von Kindern irgendwo in Asien für einen Hungerlohn zusammengeklebten Turnschuhe, getackerten Fetzenjeans und giftig gefärbten T-Shirts dürfen wir uns nicht mehr antun. Anziehsachen aus heimischen Naturmaterialien halten lange; ideal, wenn ein Schneider sich der individuellen Körpermaße annehmen darf. Es beginnt bei Rahmenschuhen, aber wem sage ich das. Doch damit sind die erstrebenswerten Investitionen nicht am Ende. Immer wieder müssen wir lesen, dass die Menschen an der Ernährung sparen. Nicht nur die Seuche der Fastfood-Filialen gehört dazu, auch Zuchtlachs, Eier aus Käfighaltung, Fleisch von der Schweinefabrik und Brot aus dem Backautomat, nur damit der Discounterpreis sich noch um ein paar Cent drücken lässt. Für gesundes Essen muss man einfach mehr ausgeben, fürs Trinken erst recht. Die Liste ließe sich fortsetzen. Womit sollen wir anfangen, mit der Architektur?

Achtung Wahl!

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 legen die Berufsverbände der planenden Berufe den Politikern aller etablierten Parteien ihre gemeinsam formulierten Wahlprüfsteine vor. Architekten und Ingenieure schaffen mit ihren Planungsleistungen die Grundlage für die auch international anerkannte hohe Qualität deutscher Bauten und Bauwerke. Zur Sicherstellung dieser Planungsqualität und zur Bewältigung der immensen Bau-Aufgaben der nächsten Jahre müssen politische Weichenstellungen erfolgen. Dazu legen die Berufsverbände der planenden Berufe den Politikern aller etablierten Parteien im Vorfeld der Bundestagswahl am 24. September 2017 ihre gemeinsam formulierten Wahlprüfsteine vor und bitten sie um Beantwortung ihrer Fragen. Hier können Sie sich über die gemeinsam formulierten Forderungen und Fragen informieren. Die Antworten werden im Sommer 2017 auf der Seite der Bundesarchitektenkammer in zusammengefasster Form zugänglich gemacht.

Preis für Bauen im Bestand

Die Bayerische Architektenkammer lobt erstmals einen „Preis für Bauen im Bestand“ aus. Bewerber sind aufgerufen, ihre in Bayern realisierten Projekte bis zum 19. Februar 2017 einzureichen. Die Auszeichnung wird in drei Kategorien verliehen, die mit jeweils 10.000 € dotiert sind: Bauten, die vor 1900 errichtet wurden; Bauten aus der Zeit zwischen 1900 und 1945 sowie Gebäude, die zwischen 1945 und 1985 realisiert wurden. Die eingereichten Projekte müssen in den letzten fünf Jahren saniert oder umgebaut worden sein. Die Gebäude können unter Denkmalschutz stehen, müssen es aber nicht. Einzelne Werke oder besonders herausragende Leistungen können zusätzlich mit dem „Staatspreis Bauen im Bestand“ der Bayerischen Staatsregierung ausgezeichnet werden. Bewerbungen sind über das Online-Portal bauen-im-bestand.byak.de bei der Bayerischen Architektenkammer einzureichen. Die Preisverleihung findet am 20. Juni 2017 in München statt. Die Auslobungsunterlagen finden Sie hier.

Die besten Bauten

Die 21 besten Bauten des Jahres in Deutschland sowie drei ausgewählte Projekte deutscher Büros im Ausland zeigt die Ausstellung in Frankfurt. (Foto: Fritz Philipp) Eine Ausstellung zum DAM Preis 2017 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt (bis 30. April 2017) dokumentiert die 21 besten Bauten des Jahres in Deutschland sowie drei ausgewählte Projekte deutscher Büros im Ausland. Der DAM Preis geht 2017 an Studio Andreas Heller Architects & Designers aus Hamburg für das Europäische Hansemuseum in Lübeck. Die enorme Breite an differenzierten und langfristig wirksamen städtebaulichen Lösungen gab den Ausschlag für die Juryentscheidung. Das Gesamtprojekt besteht nicht nur aus einem neuen Ausstellungsbau, sondern verlangte zugleich eine „Stadtreparatur“ einschließlich der Wiederherstellung verloren gegangener Wegebeziehungen sowie die Sanierung eines Ensembles, das baugeschichtlich vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert reicht, so die Veranstalter. Erstmals wurde die Grundlage der Juryauswahl vom DAM in Zusammenarbeit mit den Architektenkammern der Länder recherchiert. Auf dieser Basis entstand im DAM eine Longlist von 100 Gebäuden, von der 21 Bauten in Deutschland für die Shortlist ausgewählt wurden. Dazu kommen – außer Konkurrenz – drei Bauten deutscher Büros im Ausland. Aus der Gruppe der Bauten auf der Shortlist wählte die Jury schließlich vier Finalisten aus, die vor Ort begutachtet wurden. Auch dies eine Neuerung in der Geschichte des Wettbewerbs. Neben dem Hansemuseum war als zweites Ausstellungsgebäude die von kadawittfeldarchitektur aus Aachen entworfene Grimmwelt in Kassel unter den Finalisten. Auch dies ein mittelgroßes Museun, bei dem auf den Denkmalschutz für die Reste von Vorgängerbauten zu achten war und das brach gefallene Bereiche im Gefüge der Stadt wieder aktivieren sollte. Eine Besonderheit des dritten Finalistengebäudes, der Generalsanierung und Aufstockung eines Wohnhochhauses am Pforzheimer Hauptbahnhof durch Freivogel Mayer Architekten, lässt sich im Rahmen der Ausstellung nicht darstellen: Das Haus blieb fast vollständig bewohnt. In den Bestandswohnungen wurden nur möglichst geringe Eingriffe durchgeführt. Dennoch ist unter energetischen Aspekten ein wegweisendes Gebäude entstanden, das zugleich den Bewohnern mit neu vorgesetzten Loggien einen deutlich gesteigerten Wohnwert bietet, so die Jury. Den eher umgekehrten Weg musste Thomas Kröger aus Berlin gehen. Die von ihm umgebaute Scheune in der Uckermark – der vierte Finalist – war ehedem ein Stall, mit allen Komplikationen, die das für eine Nutzung als Wohngebäude bedeutet. Die Umnutzung ist auchein wichtiger Baustein, um den kleinen Ort Fergitz am Leben zu erhalten. Die weiteren 17 Bauten der Shortlist umfassen ein mannigfaltiges Spektrum an Bauaufgaben und innerhalb dieser sehr unterschiedliche Lösungen. Nicht in der Auswahl für den DAM Preis, aber seit vielen Jahren ein fester Bestandteil dieser Übersicht zur deutschen Gegenwartsarchitektur, sind die Bauten von Architekturbüros aus Deutschland in anderen Ländern: In diesem Jahr werden die Deutsche Schule Madrid, das Centre de Santé et de Promotion Sociale in Laongo, Burkina Faso, und ein Pariser Wohnhaus vorgestellt. Ausführliche Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.

Maßlos

Wolfgang Bachmann. (Foto: Myrzik Jarisch) Das Wohnen am Existenzminimum planen? Viel schöner ist doch Bauen mit unbegrenztem Budget für die ganz Reichen. Text: Wolfgang Bachmann Erst war das Geld alle, dann kam der Bauherr abhanden. Das ist der Generalbass in den Werkberichten gestandener Architekten, die damit belegen, wie ihr kreatives Gewerbe im Lauf der Jahre zu einer aufopferungsvollen Beschäftigung mit sparwütigen, desinteressierten Investoren verkommen sei. Aber es geht auch anders. Es gibt sie noch, die private Bauherrschaft, die sich eine Villa bauen lässt wie der Geldadel im 19. Jahrhundert. Sie geht mit ihren Wohnwünschen zu einem Architekten, vulgo: sie lässt ihn kommen, wenn sie Samstagnacht bei einer Zwischenlandung kurz Zeit hat. Was sie in Auftrag gibt, ist auf jeden Fall groß. 700, 800 Quadratmeter Wohnfläche für zwei Personen sind keine Seltenheit, eine Familie braucht schon 1.200, aber da ist das Au-Pair mitgerechnet. Diese Häuser sind hervorragend gebaut. Wenn man sie zusammen mit dem Architekten besichtigt, verliert man die Orientierung. Sechs Meter Raumhöhe über dem Essplatz, den ein acht Meter langer Tisch beherrscht, ein halbes Dutzend Schlafräume, alle mit einem Bad groß wie ein Klassenzimmer, vor dem Kamin Lederpolster von Kobe-Rindern, in der Garage vier hubraumstarke Limousinen, zwei Plätze sind noch frei. Alles vom Besten und Teuersten, es sind Hersteller, deren Namen man ehrfürchtig ausspricht. Sie lieferten die größten Scheiben, die dicksten Bretter, die schönsten Steine. Was die Handwerker fertigten, hat der Architekt im Maßstab 1:1 gezeichnet. Er hätte nie gedacht, dass er einmal in den Zwischenwänden verschwindende Schiebetüren mit einer Verkleidung aus Tombak-Gewebe detaillieren würde. Er genoss es, sich an seine brachliegenden Talente zu erinnern. Endlich einmal kein Wohnungsbau nach Förderrichtlinien! Hier hatte er alle Freiheiten. Die Marmortreppe wurde zweimal abgerissen, weil sie dem Bauherrn zu unbequem war. Das ist der Maßstab. Natürlich hat man alle Nachhaltigkeitsparameter weit übertroffen. Aber was heißt das schon, wenn man bei der Herstellung die Energie verbraucht, aus der sonst ein ganzer Wohnblock entsteht? Wo stecken die Herrschaften eigentlich, die uns so ungeniert durch ihre Räume streifen lassen? Die wohnen hier nicht, sagt der Architekt, die sind im Jahr nur für ein paar Tage in der Stadt. Dann ist ihnen das eigene Haus lieber als ein Hotel.

Strukturwandel in Los Angeles

In der Dokumentationsfilmreihe „Lost LA“ des kalifornischen Lokalsenders KCET erinnern eindrucksvolle Aufnahmen an eine längst vergangene Zeit in Los Angeles. (Filmstill: KCET) In Downtown Los Angeles wurden bis Mitte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Gebäude und Hügel dem Erdboden gleich gemacht. Es entstand ein weitverzweigtes Autobahnnetz und kein Bürger sollte mehr als sechs Kilometer von einer Autobahnauffahrt entfernt leben. Was Los Angeles im Namen des Strukturwandels verloren hat, thematisiert die Dokumentationsfilmreihe „Lost LA“ des kalifornischen Lokalsenders KCET auch mit eindrucksvollen historischen Bewegtbildern. Die zehnminütige Episode „Lost Hills“ startet nach dem Klick, weitere Folgen, etwa über das Kanal- und das Tunnelsystem der Metropole, sind auf der Homepage abrufbar.

Route der Industriekultur in Weimar

Die Wanderausstellung „Industrie – Erbe – Moderne” des Regionalverbands Ruhr macht an der Bauhaus-Universität Weimar Station. (Foto: Marion Steiner) Auf ihrer Reise durch Europa macht die Wanderausstellung der Route der Industriekultur des Regionalverbands Ruhr noch bis zum 9. Februar 2017 Station in Weimar. Die Ausstellung „Industrie – Erbe – Moderne“ hat sich zum Ziel gesetzt, aktuelle wissenschaftliche ebenso wie praktische Fragen der Industriedenkmalpflege zu diskutieren. Damit wollen die Organisatoren vermitteln, dass das gebaute und das immaterielle industrielle Erbe nicht allein für den Blick in die Geschichte von Interesse sind. Sie können ebenso dabei helfen, eine regionale Identität und eine gemeinsame kulturelle Zukunft zu gestalten. Die Ruhrgebietsschau gastiert im Hauptgebäude der Bauhaus-Universität auf Einladung der Hausherren sowie des Bauhaus-Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur und Planung und des DFG-Graduiertenkollegs Identität und Erbe der Bauhaus-Universität Weimar und der TU Berlin. Weitere Informationen finden Sie hier.

Fremde Räume in Herford

Internationale Künstler reagieren mit massiven Eingriffen auf die eigenwillige Architektur des von Frank Gehry entworfenen Museums Marta Herford. (Foto: Marta Herford) Frank Gehry lässt sich für seine bewegten, dekonstruktivistischen Gebäude von Künstlern inspirieren. Das von Gehry entworfene Marta Herford, ein Museum für zeitgenössische Kunst mit besonderem Blick auf Architektur und Design, kehrt diese Beziehung um. Für die Ausstellung „Der fremde Raum – Angriffe, Verwandlungen, Explosionen“ (bis 5. Februar 2017) reagieren acht internationale Künstler auf die eigenwillige Architektur des Museums und machen sie neu erfahrbar. Wuchernde Formen bedecken parasitengleich die Wände, Materialberge docken wie Raumschiffe an, Farben erobern explosionsartig die Oberflächen. Der fremd gewordene Raum macht die Energie des Schöpferischen erlebbar und entwickelt eine neue Poesie, so beschreiben die Veranstalter die Ausstellungsidee. Regelmäßig samstags und sonntags werden jeweils zwei kundige Führungen angeboten. Kostenpunkt: nur 2,50 Euro, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Am Sonntag, 5. Februar, übernimmt der Künstlerischen Direktor, Roland Nachtigäller, die Abschiedstour um 15 Uhr selbst. Weitere Informationen über das Museum, die Ausstellung und den Weg nach Herford finden Sie hier.

Paperworld in Frankfurt

Die Paperworld ist mit ihrer Sonderschau zum Thema „Büro der Zukunft“ auch für Architekten interessant. (Foto: Jens Liebchen) In Zukunft werden sich in den Bürokomplexen neue Raumkonzepte ergeben und mit ihnen auch neue Produkte gefragt sein, sind die Veranstalter der Paperworld überzeugt. Die Fachmesse für Papier, Bürobedarf und Schreibwaren in Frankfurt am Main bietet vom 28. bis 31. Januar 2017 Einblicke in das „Büro der Zukunft“. Die neue, so betitelte Sonderschau, die sich speziell an Architekten, Innenarchitekten und Planer richtet, thematisiert die zunehmende Digitalisierung und die vielfältigen Anforderungen an neue Formen der Zusammenarbeit. Die Bürofläche von morgen in Frankfurt ist aufgeteilt in: Die Kommunikationszone für den spontanen Wissenstransfer und das interne Get-together mit Kollegen, die Konzentrationszone als Rückzugsort, die Meetingzone zum Informationsaustausch mit externen Gästen und die Inspirationszone zum Entspannen oder Anregen neuer Ideen. Messebesucher können diese Zonen besichtigen und erfahren überdies, welche Rollen die Faktoren Klima, Akustik, Ergonomie und Verpflegung in dem Zukunftskonzept spielen. Die Schau stellt innovative Produkte vor, etwa interaktive Präsentationstechnik, ergonomische Büromöbel, digitalen Schreibgeräte oder individuell regelbare Beleuchtungslösungen. Die Planung und Gestaltung der Fläche übernimmt die Architektenplattform World-Architects gemeinsam mit dem Architekten André Schmidt (Berlin). Täglich werden Führungen und Vorträge angeboten sowie Best-Practice-Beispiele vorgestellt. Ausführliche Informationen über die Sonderschau und das weitere Messeprogramm finden Sie hier. Mehr Berichte rund um die Büroausstattung finden Sie in unserem DABthema.

Auto-Suggestion

Wolfgang Bachmann. (Foto: Myrzik Jarisch) Nur wenige Architekten haben einmal eine Autokarosserie entworfen. Dass es (deshalb) mit dem KFZ-Design nicht weit her ist, darin sind sie sich einig. Text: Wolfgang Bachmann Architekten haben zu Autos eine besondere Beziehung. Es betrifft den Typ, den Hersteller und die beiden erlaubten Farben, also schwarz oder weiß. Undenkbar, dass einer mit einem türkisfarbenen Hyundai herumfährt. Auch die beiden architekturkritischen Edelfedern bei der Sonntags-FAZ und der SZ teilen diese Neigung und leisten sich hin und wieder eine Abschweifung ins selbstbewegte Leben. Immobilie und Automobile unterscheiden sich ja hauptsächlich durch das Präfix. Diese Verwandtschaft bedeutet aber auch, dass Architekten Kraftfahrzeuge mit dem ganzen Sachverstand ihrer Profession betrachten. Man kann ihr naheliegendes Urteil in einem knappen Satz zusammenfassen: Autos werden immer hässlicher! Wenn man zum Beispiel Gelegenheit hat, mit Carsten Roth in seinem (geleasten) Porsche Panamera durch Hamburg zu kreuzen, bleibt es nicht aus, dass er von seinen beiden alten Lincolns schwärmt: pfeilgerade Karosserien, ohne Schnörkel, mit Proportionen, als hätte jemand die einzelnen Bauteile nach Vitruv ausbalanciert. So was gibt es heute nicht mehr. Klar, wenn das Blech dünner werden muss, um Gewicht zu sparen, heißt das, mit Beulen, Sicken und Wülsten für Steifigkeit zu sorgen. Auch der Luftwiderstandsbeiwert ist so lästig wie beim Bauen die Energieeinsparverordnung. Aber in erster Linie orientieren sich die schwülstigen Details am Publikumsgeschmack – wie in der Möbelbranche mit den überdimensionierten Polsterlandschaften. Vermutlich werden unsere Geschmacksuntiefen längst von Google und Facebook eingesammelt. Und dann erschrickt man bei jeder Modellüberarbeitung über fischblasige Scheinwerfer, Rückleuchten, die an ein Blumenhockermosaik erinnern, staunt über die krummen Kurvenlinien der Seitenscheiben, die Felgen im Ninja-Design und als letzte Untat über Auspuffrohre, die mit schief geschwollenen Chromlippen symmetrisch aus dem Heck starren. Im Grunde passt das ja. Die Antiquiertheit des Fortbewegungsmittels kokettiert noch einmal mit postmodernem Kutschenbarock. Leider haben Dieter Rams und Werner Sobek zusammen nie ein Auto entworfen. Sonst könnte ich vielleicht noch einmal schwach werden.

Willkommen mit Pop-Art

Ein neues Flüchtlingszentrum in Paris empfängt Neuankömmlinge aus Krisengebieten wie in einer schützenden Blase. (Foto: Filmstill) Um die Entstehung wilder Camps zu verhindern, haben die französischen Behörden gegen Ende des vergangenen Jahres in Paris ein „aufblasbares“ Aufnahmezentrum für Migranten eröffnet. Das im nordöstlichen Viertel Porte de la Chapelle gelegene humanitäre Zentrum wurde für 6,5 Millionen Euro nach Entwürfen des Büros studio 6b in Zusammenarbeit mit dem deutschen Leichtbauexperten Hans Walter Müller gebaut. Die Konstruktion, deren Blasenstruktur durch Luftdruck ihre Form erhält, begrüßt die Neuankömmlinge mit Pop-Art-Dekoration. Hunderte Flüchtlinge, vor allem aus Eritrea, Somalia, Sudan und Afghanistan, wurden bereits zur Registrierung durch den runden Willkommenspunkt geführt. Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen wussten der Nachrichtenagentur Reuters zu berichten, dass die Abwicklung dort bislang störungsfrei verlaufe – und das freundliche Design von Müllers Blasen zur Beruhigung der Menschen beitrage. Der 84-jährige Architekt wohnt selbst seit Jahrzehnten in einem „aufblasbaren“ Haus. Das humanitäre Zentrum genießt in Frankreich Modellcharakter. Wie es im Centre humanitaire d’accueil pour migrants in Porte de la Chapelle zugeht, sehen Sie hier im Film. Weitere Informationen finden Sie hier.

In Jahren wie diesen

Wolfgang Bachmann. (Foto: Myrzik Jarisch) Menschen und Häuser altern, sie haben jedoch unterschiedliche Lebenserwartungen, die leider oft gewaltsam enden. Wenn man sie unversehrt sieht, weiß man nicht, was sie noch vor sich haben. Text: Wolfgang Bachmann In Juli Zehs jüngstem Roman „Unterleuten“ erinnert sich einer der Protagonisten, wie er mit einem Makler ein Haus besichtigt hat. Als er sich das erste Mal der Wohnzimmertür näherte, blieb er stehen, um die verschnörkelte, vielleicht hundert Jahre alte Messingtürklinke zu bewundern. „Als die Klinke an der Tür befestigt wurde“, überlegte er in dem Moment, „hatten die Leute, die das bezahlten, noch nichts von zwei bevorstehenden Weltkriegen gewusst. Sie hatten sich gefreut, ein frisch gebautes Haus mit allem Komfort zu beziehen. Der Türklinke hatten sie vermutlich keine besondere Beachtung geschenkt.“ Der Messingdrücker hat seine Besitzer spielend überlebt. Dieses Nebeneinander unterschiedlicher Lebenserwartungen kann man als tragisch bezeichnen. Oft werden die Menschen älter als ihre schlecht gebauten oder von wechselnden Verwertungsinteressen bestimmten Häuser, im Prinzip erreichen solide Gebäude jedoch das höhere Alter. Furchtbar, wenn sie doch durch Kriege zerstört werden. Von feindseligen Menschen, die selbst nicht unsterblich sind. Manche herausragenden Bauwerke wie zum Beispiel das Goethehaus in Frankfurt wurden danach wieder aufgebaut. Darüber entzündete sich der Disput der Denkmalpfleger. Aber das Problem reicht tiefer. Werner Durth erinnerte kürzlich an diese Nachkriegsdebatte und wies darauf hin, dass das berühmte Haus nicht durch einen Blitzschlag oder Bügeleisenbrand vernichtet wurde, sondern durch einen Weltkrieg, den Deutschland begonnen hat. Insofern kann man, wenn ein Bauwerk wie unversehrt aus den Trümmerbergen hervorgeht, das Spurenbeseitigen deuten, als werde damit eine Schuld versteckt. Eine Überlegung, die sich weiterspinnen lässt. Es gibt Gebäude, an deren schmucken Fassaden sind die Baujahre eingemeißelt: 1940, 1942… Sie wurden als heimelige Wohnstätten errichtet, während Hitlers Reichswehr die Häuser in den Nachbarländern in Schutt und Asche legte. Es ist gut, dass man die Baujahre deutlich lesen kann. Was die Menschen damals wohl von ihren komfortablen Behausungen erwartet haben? Auch wir wohnen in einem alten Haus. Wer weiß, was noch vor ihm liegt. Zum Glück hat es keine verschnörkelten Messingklinken.

Lebensraum der Zukunft

Zukunftsfähige Lösungen für urbane Lebensräume werden mit dem fünften Projektwettbewerb für nachhaltiges Bauen ausgezeichnet. Architekten und Studierende können sich noch bis zum 21. März 2017 am Wettbewerb um die LafargeHolcim Awards beteiligen. Die internationale Auslobung zum Thema nachhaltiges Bauen zeichnet Projekte und Konzepte aus den Bereichen Architektur, Landschaftsarchitektur, Städtebau, Ingenieurwesen, Technologie und Materialwissenschaft aus. Die fünfte Ausgabe des mit insgesamt zwei Millionen Dollar dotierten Projektwettbewerbs sucht die „weltweit besten Ideen, die im Kontext der rapide steigenden Urbanisierung Lösungen präsentieren und somit die Lebensqualität steigern“. Die Teilnahme am Wettbewerb ist kostenlos und muss online und in Englisch erfolgen. Die Hauptkategorie der Auslobung steht Architekten, Planern, Ingenieuren, Bauherren und Bauunternehmen offen, die nachhaltige Antworten auf technologische, ökologische, sozioökonomische und kulturelle Aspekte des Bauens entwickelt haben. Die eingegebenen Projekte müssen ein fortgeschrittenes Entwurfsstadium erreicht haben und Chancen für eine Realisierung nachweisen. Die Ausführung der eingereichten Arbeiten darf frühestens am 4. Juli 2016 begonnen haben. Studierende und junge Architekten bis 30 Jahre können in der Kategorie „Next Generation“ kühne Ideen einreichen – unabhängig davon, wie wahrscheinlich deren Umsetzung ist. Weitere Informationen und die Ausschreibungsunterlagen finden Sie hier.

Radikal einfach

Francis Kéré schafft in seinem Heimatland Burkina Faso und anderswo mit einfachen und ortstypischen Mitteln zweckmäßige Architektur. (Foto: Daniel Schwartz) Hierzulande bekannt wurde Francis Kéré im Jahr 2009 mit dem Projekt „Operndorf Afrika“ für Christoph Schlingensief. Auf dem afrikanischen Kontinent gilt der Architekt wegen seiner konsequenten Verknüpfung von ethischen und ästhetischen Prinzipien schon länger als wichtiges Vorbild für die kommende Generation. Das Architekturmuseum der TU München präsentiert mit der Ausstellung „Francis Kéré. Radically Simple“ (bis 26. Februar 2017) die bislang größte Überblicksausstellung zu seinen ausgeführten Werken und laufenden Projekten. Der in Burkina Faso geborene und seit rund zwölf Jahren in Berlin ansässige Kéré  gehört zu den wichtigsten internationalen Vertretern einer sozial engagierten und zweckmäßigen Architektur. Schon mit seinem ersten Werk, der Grundschule in Gando (Burkina Faso) gewann er 2004 den Aga Khan Award for Architecture. Die Ausstellung zeigt neben weiteren Bauten in Afrika sowie in China auch Projekte und Entwürfe für Deutschland, wo Francis Kéré zwei städtebauliche Wettbewerbe gewonnen hat. Überdies ist die Werkschau Kérés internationaler Ausstellungstätigkeit gewidmet. Er gehört in der Architekturszene der Gegenwart zu den außergewöhnlichen Talenten, weil es ihm gelingt, die tiefen kulturellen Prägungen seines Heimatlandes mit den Erfahrungen, die er seit dem Studium an der TU Berlin in Deutschland gemacht hat, in einen neuen, dritten Weg zu übersetzen, so die Veranstalter. Zur Ausstellung ist der erste Katalog aller bisherigen Arbeiten und Projekte Kérés im Hatje Cantz Verlag erschienen. Im Rahmenprogramm werden ab dem 12. Januar 2017 mehrere Filmtage zum Ausstellungsthema mit Aufnahmen des Videokünstlers Daniel Schwartz angeboten. Am 9. Februar hält Francis Kéré einen Vortrag und spricht anschließend mit Chris Dercon. Weitere Informationen finden Sie hier.

Ganz in Weiß

Wolfgang Bachmann. (Foto: Myrzik Jarisch) Darf Architektur altern? Natürlich, das hält sie aus. Unser pedantischer Autor will es aber nicht akzeptieren und greift korrigierend ein. Text: Wolfgang Bachmann Es gehört zu den Marotten älterer Leute, von früher zu berichten. Was es damals gegeben hat, was nicht und was man sich noch gar nicht vorstellen konnte. Unsere jungen Kollegen haben es beispielsweise nicht mehr erlebt, dass man seine Mitteilungen im Moment des Verfassens auf Papier fixieren musste. Schreibmaschinen hießen diese Geräte, und sie hörten auf so wunderbare Namen wie Erika, Gabriele oder Contessa. Da gab es kein unentschlossenes Fabulieren, irgendwas Hinschreiben, ich-kann-es-ja-nachher-löschen. Es sah peinlich aus, wenn man radiert oder falsche Buchstaben martialisch mit einem x vernichtet hatte. Bis dann das Tipp-Ex erfunden wurde. Das Korrektur-Utensil kam zuerst als weiß beschichtetes Folienblättchen, dann als Flüssigkeit, zuletzt als Korrekturband in die Schreibstuben. Wir haben uns besonders mit den kleinen Fläschchen angefreundet. Zunächst enthielten sie noch giftige Substanzen, später waren sie auf Wasserbasis hergestellt. Eingetrocknet sind beide, gab es keinen griffbereiten Verdünner. Was hat das mit Architektur zu schaffen? Ganz einfach: Tipp-Ex flüssig ist die Instandhaltungs- und Korrekturtinktur der Moderne. Scharfkantige, weiße Architektur ist nur akzeptabel, wenn sie scharfkantig und weiß bleibt. Sie nimmt keine Patina an wie ein alter Dielenboden, sie existiert nur mit dem Reinheitsgebot, makellos, fleckenlos. Was für ein Unglück, wenn man mit den Ölfingern vom Autobasteln neben den Lichtschalter tippt, die Kinder sich beim Türöffnen an der Wand abstützen und das Staubsaugerkabel an der Kante des Kamins scheuert. Die Verletzungsmöglichkeiten für die weiße Architektur sind endlos. Ein Bild umgehängt, eine Mücke erschlagen, einen Koffer durchs schmale Treppenhaus getragen – und wir brauchen Tipp-Ex. Mit dem zierlichen Pinselschwämmchen lassen sich im Nu alle unachtsamen Lebenszeichen entfernen. Mit der Zeit muss man allerdings das blendende Weiß etwas abtönen, am besten geht es mit Hausstaub oder Zigarettenasche. Ich habe inzwischen eine ganze Batterie unterschiedlicher Korrekturflakons, für jedes Zimmer die passende Farbe. Mein Vorschlag wäre, eine Art Patronengurt anzubieten, damit wir Architekturenthusiasten alle nötigen Nuancen immer mit uns führen können. Das sollte uns die weiße Architektur wert sein!

Spannende Dächer

Drahtseilakt: Ohne leistungsstarke Computer gelang es Frei Otto, gewagte Dachkonstruktionen umzusetzen (Foto: saai/Karlsruher Institut für Technologie, Werkarchiv Frei Otto) Auf den Pritzker-Preis 2015 musste Frei Otto (1925-2015) zu lange warten. Immerhin hat der Architekt die Anerkennung der ihm posthum verliehenen Auszeichnung noch erlebt. Das Südwestdeutsche Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) und die Wüstenrot Stiftung in Kooperation mit dem Karlsruher ZKM haben die Ehrung zum Anlass genommen, die bisher größte Ausstellung zum Werk eines der innovativsten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts zu veranstalten. „Frei Otto. Denken in Modellen“ (bis 12. März 2017) zeigt sowohl bekannte, als auch völlig unbekannte Projekte. Das Material umfasst insgesamt über 200 Modelle, Objekte, Werkzeuge und Instrumente, über 1.000 Fotos, Zeichnungen, Skizzen, Pläne und Filme sowie mehrere medientechnische Großprojektionen. Sämtliche Modelle werden in ihrer Maßstäblichkeit geordnet, inhaltlich und historisch in Beziehung gesetzt und auf einer rund 50 Meter langen Tischkonstruktion präsentiert. Die Ausstellung wird von einem „offenen Archiv“ ringförmig eingefasst, das Einblick in die wichtigsten biografischen Stationen Ottos gibt, darunter etwa das Stuttgarter Institut für leichte Flächentragwerke. Projektionen und großformatige Naturstudien sollen den Besuchern überdies den „poetischen und zugleich wissenschaftlichen Kosmos der Gedankenwelt“ Frei Ottos eröffnen, der die Modellhaftigkeit der Natur erkannte und versuchte, diese für die Architektur und den Ingenieurbau nutzbar zu machen. Weitere Informationen zur Ausstellung im ZKM Karlsruhe finden Sie hier.

Frankfurt. Die Altstadt

Wolfgang Bachmann. (Foto: Myrzik Jarisch) Mit „Moderne trifft Tradition“ lockte das Architektenblatt im September nach Frankfurt. Was es zu sehen gibt, stellt das bisher Gewisse in Frage. Betroffen sind alle Architekturfakultäten. Text: Wolfgang Bachmann Wenn man im Abstand von einigen Monaten nach Frankfurt kommt, wird einem die zentrale Baustelle zwischen Dom und Römer immer unheimlicher. Es geht voran, Geschichte wird gemacht. Die vierte Altstadt in hundert Jahren entsteht, Industrie und Handwerk finden dabei in einer beispiellosen Kooperation zusammen. Hatte man am Römer Ende der 1980er Jahre noch echte Fachwerkhäuser geschnitzt und sie mit zwei assistierenden modernen Hauszeilen brandschutzsolide erschlossen, so ist nun alles außer Rand und Band. Wenn in spätestens zwei Jahren alles fertig wird, darf man sich auf das wetteifernde Feuilleton freuen, das sich über diese Architektur-Melange erhitzen wird. Es geht um ein innerstädtisches Quartier, in dem Handel und Wandel, Wohnen und Thronen, Wahrheit und Lüge, Kommerz und Kunst in allen Maßstäben miteinander verflochten sind. Die Projektleiterin der städtischen Baugesellschaft, die ab Leistungsphase 6 die Ausführung an ein generalplanendes Architekturbüro delegiert hat, nennt diese Typologie „eine Einkaufsmall ohne Dach“. Damit ist die labyrinthisch verzweigte Erdgeschosszone gemeint, über der sich auf oft winzigen Parzellen fünf Wohngeschosse türmen. Noch kann man die betonierten Außenwände sehen, die nach einer satten Mineralfaserdämmung hinter mehr oder weniger mittelalterlich scharrierten Sandsteinen oder Putz verschwinden. Fachwerk endet (später unsichtbar) in Stahlschuhen, massive Eichenpfosten werden von Rohrprofilen stabilisiert. Bewahrte, transloszierte oder nachgebildete Spolien verbinden passivhausnahe Architektur mit Kunstgewerbe. Was im Kleinen zwischen einer Nahezu-Rekonstruktion und abstrakt nachgezeichneten Umrissen changiert, wiederholt sich im städtebaulichen Maßstab. Sowohl in der Höhenentwicklung der Tiefgarage nebst karolingischen und merowingischen Fundamenten als auch im umgeleiteten Verlauf des historischen Krönungswegs zeigt sich der beherzte Griff in die Asservatenkammer der Baukultur. Vielleicht schmeichelt das Ergebnis unserem Bauchgefühl. Es wird auf jeden Fall einmalig werden, uns fehlen noch die Worte. Weder möchten wir nach der Fertigstellung mit den Architekturkritikern, noch in ferner Zukunft mit den Archäologen tauschen.

Von heiß zu kalt: Bauen im klimatischen Kontext

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt beleuchtet den Siegeszug einer neuen, hedonistischen Architektur am Beispiel der Bauten des dänischen Büros Bjarke Ingels Group (BIG). (Foto: Ivan Baan) Unter klimatisch extremen Bedingungen dient die Architektur in erster Linie dem Schutz vor Hitze oder Kälte. Umso milder oder gemäßigter die Umgebung ist, desto mehr Spielraum gibt es für kulturelle, programmatische und politische Einflussfaktoren auf die Gestaltung der Gebäude. Die Ausstellung „Hot To Cold. Anpassung in der Architektur – Eine Odyssee“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt (bis 12. Februar 2017) nimmt den Besucher mit auf die Reise von den heißesten zu den kältesten Orten der Welt. Sie zeigt, auf welche Weise die Entwürfe von Bjarke Ingels Group (BIG) aus Kopenhagen, New York und London von den jeweiligen kulturellen und klimatischen Kontexten geprägt werden. Im Zentrum der Schau stehen Modelle und Prototypen sowie Bilder des Architekturfotografen Iwan Baan, der viele der thematisierten Projekte dokumentiert hat. Darüber hinaus zeigen Filmbeiträge das Leben, wie es in und um die von BIG entworfenen Gebäude herum stattfindet, so die Veranstalter. Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.

Von Meschede in die Welt

Vor 50 Jahren begann Eckhard Gerber seine Karriere. Eine Ausstellung ist den Arbeiten seines Büros gewidmet. (Foto: HGEsch, Hennef) Zum 50-jährigen Jubiläum von Gerber Architekten (Dortmund) zeigt die Ausstellung „Meilensteine aus fünf Jahrzehnten“ im Aedes Architekturforum Berlin (11. Dezember 2016 bis 19. Januar 2017) die verschiedenen Strategien und Herangehensweisen des Büros anhand ausgewählter Bauten. 1966 gründete Eckhard Gerber in Meschede sein erstes Büro mit dem Namen „Werkgemeinschaft 66“. Auf der Grundlage gewonnener Wettbewerbe wuchs Gerber Architekten, das seit 1979 in Dortmund ansässig ist, stetig und zählt heute rund 170 Mitarbeiter mit Filialen in Hamburg, Berlin, Riad und Shanghai. Anhand von Zeichnungen, Modellen, Fotos, Renderings, Büchern und Filmen werden Projekte wie das Harenberg City-Center in Dortmund (1994), die Neue Messe in Karlsruhe (2003), die King Fahad Nationalbibliothek in Riad (2013) oder die Justus-Liebig-Universität in Gießen (2016) im Kontext des jeweiligen Zeitgeistes und der Bauaufgaben beleuchtet. Überdies werden Besuchern die Planungen des Koranmuseums in Al Madinah al Munawarah, der Haram Intermodal Metrostation in Riad (Saudi-Arabien) sowie des Bürogebäudes HEHE Holdings in Taiyuan (China) vorgestellt. Zum 50-jährigen Firmenjubiläum erscheint das Buch „Eckhard Gerber Baukunst 2 – Gerber Architekten Projekte und Bauten“, herausgegeben von Frank R. Werner, im Jovis Verlag. Weitere Informationen über die Ausstellung finden Sie hier.

Wassertürme für Afrika

Turmartige Tauwasser-Kollektoren sollen in dürregeplagten Entwicklungsländern das lebensrettende Nass aus höheren Luftschichten gewinnen. (Foto: Warka Water) „Jeder Tropfen zählt“: So lautet der Leitgedanke des Warka-Water-Projekts, das der italienische Architekt Arturo Vittori ins Leben gerufen hat. Turmartige Holzkonstruktionen sollen in Afrika mittels Nebelkondensation Wasser gewinnen. Die zwölf Meter hohen und 80 Kilogramm schweren Tauwasser-Kollektoren basieren auf Bambusgerüsten, die mit Polyesternetz umspannt sind. Das Netz fängt gewissermaßen den nächtlichen Nebel ein: An den Maschen bilden sich Tropfen, die ins schattige Turminnere abgeleitet werden, bevor sie verdunsten. Dorfbewohner in dürregeplagten afrikanischen Regionen können die Türme ohne den Einsatz elektrischer Werkzeuge erstellen. Statt tiefe Brunnen zu bohren oder kilometerweit zur nächsten Wasserstelle laufen zu müssen, wird das Kondensat einfach in einem Tank am Fußende des Turms gesammelt. Bis zu 100 Liter sauberes Wasser pro Tag sollen Dorfbewohner mit den ebenso sinnvollen wie architektonisch ansprechenden Warka-Wassertürmen sammeln können. Größere Konstruktionen, die in noch höhere Luftschichten reichen, hat Vittori schon im Kopf. Ein sehenswerter Film stellt den Architekten und sein Design, das von in Äthiopien wachsenden Warka-Bäumen inspiriert ist, vor.