Landschaftsarchitektur global

Die Cañada Real Galiana gilt als größter Slum Europas. Das Gebiet schlängelt sich durch die Peripherie von Madrid. (Foto: Johann-Christian Hannemann) Mit der Ausstellung „draußen“ (bis 20. August 2017) widmet sich das Architekturmuseum der TU München erstmals der Landschaftsarchitektur. Die Ausstellung zeigt in zehn Fallbeispielen das konkrete Zusammenwirken sowie die systemische Abhängigkeit von Stadt und Umland. Der Begriff der Landschaftsarchitektur scheint in der öffentlichen Vorstellung noch immer von der Sehnsucht bestimmt, für die Harmonisierung zwischen den global wachsenden Städten einerseits und der Natur andererseits zu planen. Die Ausstellung „draußen – Landschaftsarchitektur auf globalem Terrain“ geht von der Prämisse aus, dass es am Anfang des 21. Jahrhunderts kein Fleckchen Erde mehr gibt, in dem die Wirkungen der Urbanisierung, der massiven Ausbeutung fossiler Brennstoffe, der wachsenden Mobilität und die ungebremsten Veränderungen ökologischer Systeme, aber auch die Folgen zunehmender Migration nicht spürbar sind. Initiatoren der Schau sind fünf akademische Teams, die anhand der zehn präsentierten Fallbeispiele grundlegende Forschungen präsentieren. Sie versuchen in den dargestellten Projekten, die von Casablanca über Madrid und Changde bis Kigali und Medellín reichen, komplexe räumliche Situationen zu analysieren, so die Veranstalter. Dabei  beziehen sie verschiedene Instrumente und Disziplinen wie die Soziologie oder Ethnologie heran. Ziel der Ausstellung ist es, den Besuchern eine tiefere Vorstellung von den sich wandelnden Konzepten und Strategien der Landschaftsarchitektur in der Gegenwart zu vermitteln und zugleich ihre wachsende Bedeutung für die Zukunft darzustellen. Weitere Informationen über „draußen“ in München finden Sie hier.

Bäume statt Beton und Glas

Vision: Begrünte Hochhäuser holen den Wald in die Stadt. (Filmstill: Stefano Boeri) Eine Stadt aus grünen Wolkenkratzern: Das ist die Vision von Stefano Boeri. Der Mailänder Architekt zeigt in einem Video, wie das aussehen könnte. Die begrünten Hochhäuser schaffen einen vertikalen Wald – und grüne Ausblicke mitten in der Stadt. Den Stadtwald entwarf Boeri als Vorschlag für eine neue Modellstadt in China, die hochverdichtetes und gesundes Wohnen in Einklang bringen und in dem Land als Vorbild für die grüne Stadtentwicklung der Zukunft dienen soll. In Mailand hat der Architekt seine Vision bereits bei zwei begrünten Hochhäusern verwirklicht. Derzeit ist sein Büro mit der Entwicklung eines ähnlichen Projekts in Nanjing (China) befasst. Wie Stefano Boeri sich seinen vertikalen Stadtwald vorstellt, sehen Sie hier im Film: Einen Bericht mit weiteren Fotos und Informationen über die Arbeit des Büros Stefano Boeri Architetti im Magazin Dezeen finden Sie hier.

Historische Schichten der Stadt

Interaktives Arbeitsformat mit Vorträgen, Gesprächs- und Arbeitsrunden: die Baukulturwerkstatt in Mainz. (Grafik: Bundesstiftung Baukultur) Die Bundesstiftung Baukultur lädt mit einer Baukulturwerkstatt am 10. und 11. Mai 2017 in Mainz dazu ein, über die historisch gewachsene gebaute Umwelt zwischen Bauepochen und Stadtbild zu diskutieren. Zum Auftakt geht es im Zentrum Baukultur Rheinland-Pfalz um den Themenrahmen des Baukulturberichts 2018/19 zum Gebäudebestand und gebauten Erbe. Keynotespeaker der Abendveranstaltung ist Thomas Metz, Generaldirektor der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Am 11. Mai steht ein Werkstatttag im Rathaus Mainz auf dem Programm. Das markante und umstrittene Gebäude aus den 1970er-Jahren und sein Ratssaal im Stil einer Arena bieten den idealen Raum für Fachimpulse und Standpunkte, die anschließend im direkten Austausch mit den Referenten an Werkstatttischen besprochen werden, so die Veranstalter. Die Bundesarchitektenkammer ist bei den Baukulturwerkstätten 2017 wieder Kooperationspartner der Bundesstiftung. Ausführliche Information zum Programm der Baukulturwerkstatt in Mainz finden Sie hier. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Perspektivwechsel im Wohnungsbau

Die Qualität des Wohnens steht im Zentrum der Ausstellung „Neue Standards“. (Foto: Simon Schnepp & Morgane Renou) Welche Wohnstandards benötigt eine sich verändernde Gesellschaft? Die aktuelle Wohnungsbaudebatte und die damit verbundene Frage, wie wir in Zukunft wohnen wollen und können, nimmt der Bund Deutscher Architekten BDA zum Anlass für seine neue Ausstellung. „Neue Standards. Zehn Thesen zum Wohnen“, zu sehen bis zum 7. Mai 2017 im Neuen Museum in Nürnberg, hinterfragt eine Stadtentwicklungspolitik, die ursprünglich in einem humanistischen Verständnis auf die miserablen Lebensverhältnisse in den Städten zu Beginn des 20. Jahrhunderts reagierte. Diese Standards sind mittlerweile zu einem ökonomisch optimierten und mechanistischen Regelwerk mutiert, das heute überholte Lebensformen festschreibt, so die Veranstalter. Doch welche neuen Standards wären nach einem gedanklichen „Re-Set“ sinnvoll und wünschenswert? Und über welche Programmatik müssen sie verfügen, damit Wohnen bezahlbar bleibt, damit Menschen an ihrer Stadt teilhaben können und das Wohnen als architektonischer Raum begeistert? In zehn Thesen plädieren Architektinnen und Architekten dafür, die starke Fokussierung auf technische Standards und regulative Vorgaben gegen die Chance auf eine Diskussion um die Qualität des Wohnens einzutauschen. Die von Olaf Bahner vom Bund Deutscher Architekten BDA und Matthias Böttger, Künstlerischer Leiter des Deutschen Architektur Zentrums DAZ, kuratierte Foyer-Ausstellung versteht sich als Plädoyer für einen Perspektivwechsel im Wohnungsbau, der sich von Standardvorgaben löst und einen Diskurs über ein zukunftsweisendes Wohnen eröffnet. Der Eintritt ist frei; weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.

Architektur von Praxisräumen

Praxisräume sollen nicht nur gut funktionieren, sondern auch von Patienten und Mitarbeiternpositiv wahrgenommen werden. Thema einer interdisziplinären Fachtagung in München. (Foto: KB3/Fotolia) Die Bayerische Architektenkammer lädt am 12. Mai 2017 zur Fachtagung „Raum und Gesundheit“ ins Ärztehaus Bayern ein. Zum Thema Neu- und Umbauten von Praxis- und Behandlungsräumen tauschen sich Architekten, Innenarchitekten und Mediziner aus. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen Expertenvorträge und ein daran anschließendes Podiumsgespräch. Effiziente Betriebs- und Raumorganisation, technische und rechtliche Anforderungen wie Akustik, Schallschutz, Haustechnik, Raumklima, Vermeidung von Elektrosmog sind ebenso Themen des Nachmittags wie die zunehmende Digitalisierung und wie neue Technologien die Gestaltung von Klinik- oder Praxisräumen beeinflussen werden. Angesprochen werden zudem Energieeffizienz und Barrierefreiheit aber auch, wie Farben den Genesungsprozess positiv unterstützen, Licht und Beleuchtung am Arbeitsplatz optimal funktionieren und welche Oberflächen sowohl hygienischen als auch atmosphärischen Anforderungen gerecht werden. Informationen wie ein Neu- oder Umbau gefördert werden kann, runden das Informationsangebot ab. Abends besteht Gelegenheit zum persönlichen Austausch mit den Referenten. Die interdisziplinäre Fachtagung wurde von der Bayerischen Architektenkammer und der Bayerischen Landesärztekammer in Kooperation mit dem Bund Deutscher Innenarchitekten BDIA Bayern, dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sowie dem Ärztlichen Kreis- und Bezirksverband München konzipiert. Wer beabsichtigt, seine Praxis, seine Klinik oder das Medizinische Versorgungszentrum um oder neu zu planen oder vorhat, Betriebs- und Arbeitsprozesse umzuorganisieren, kann sich bei der Veranstaltung aus erster Hand informieren, wie das Projekt konzeptionell und organisatorisch vorbereitet werden kann und mit welchen baulichen Auswirkungen auf den Betrieb zu rechnen ist. Der Eintritt ist frei, eine vorherige Anmeldung jedoch erforderlich. Der Besuch der Veranstaltung wird von der Bayerischen Landesärztekammer mit zwei Fortbildungspunkten bewertet. Weitere Informationen finden Sie hier.

Berichte aus der BIM-Praxis

Der Verein buildingSMART lädt zum BIM-Anwendertag ins Kurfürstliche Schloss Mainz. (Foto: Landeshauptstadt Mainz) Der Verein buildingSMART lädt am 9. Mai 2017 zum 15. BIM-Anwendertag ins Kurfürstliche Schloss nach Mainz ein. Unter dem Titel „Planen, Bauen und Betreiben: Berichte aus der BIM-Praxis” stehen den Tagungsteilnehmern fast 40 Vorträge zur Auswahl, die viele Fachdisziplinen sowie alle Phasen im Lebenszyklus von Bauwerken abdecken. Die Referenten, vor allem buildingSMART-Mitglieder, tragen ihre praxisnahen Erfahrungsberichte in vier parallel ablaufenden Sektionen vor, die nach dem Eröffnungsvortrag „BIM – Ja – Wie?“ von Michael Beckert (Architekturbüro Snøhetta) starten. Bereits am 8. Mai 2017 treffen sich Vereinsmitglieder und geladene Gäste zu Arbeitsgruppentreffen, Austausch mit Verbänden und Abendempfang. Die Anerkennung als Fortbildungsveranstaltung ist bei den Architekten- und Ingenieurkammern in Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg beantragt. Ausführliche Informationen zum Programmablauf und zur Anmeldung sowie ein Hotelkontingent finden Sie hier.

Stadtluft vs. Landlust

Wolfgang Bachmann. (Foto: Myrzik Jarisch) Romane sollen uns unterhalten, doch dann stolpert man über einen Satz und ist eine Woche lang damit beschäftigt, die Tragweite des Dichterischen in der Fachliteratur zu finden. Text: Wolfgang Bachmann In Juli Zehs neuem Roman „Unterleuten“, der kenntnisreich die Berliner Aussteiger in der brandenburgischen Provinz verfolgt, finden wir den Seufzer: „Als ob das Leben in der Stadt die Leute besser machte. Als ob eine Stadt mehr wäre als eine Ansammlung von haushoch gestapelten Heimatlosen.“ Die Autorin mag das Dorf, dort lebt sie und sagt in einem Interview über die statistisch festzustellende Landflucht: „Die Bewegung in die Städte ist mehr aus der Not heraus geboren als aus urbaner Euphorie.“ Indes wird in aktuellen Hochschuldebatten für „die schöne Stadt“ plädiert. Als könne man die Verweigerer durch eine Architektur wie aus dem Anker-Steinbaukasten zurückholen in einen bürgerlichen Wohn- und Handelsort mit Kirche, Marktplatz und lauter biederen Häusern. Dagegen möchte Peter Zlonicky die „europäische Stadt“ nicht als ästhetisches Leitbild aufhängen, er betrachtet den Zugewinn durch Immigranten und andere Kulturen als Stärke, die sie als „ein sich ständig veränderndes Amalgam“ durch Transformation gewinnt. Von hier ist es nicht weit zu Koolhaas’ „generischer Stadt“, die Begriffe wie Ort, Straße und Identität hinter sich lässt und „einfach so“ entsteht. Alex Gutzmer, der seine Architekturferne regelmäßig durch Mutmaßungen über die Stadt kompensiert, möchte in so einem gebauten Zweckverband „die Vielschichtigkeit des Urbanen“ erkennen. Aber woran lässt sich das ablesen? An der Anzahl der Coffee-Shops in der Fußgängerzone? Urban bezeichnet lediglich die positiven Qualitäten einer städtischen Lebensweise mit einer öffentlichen und einer privaten Sphäre, die sich in der Architektur abbilden. Nach Andreas Feldtkeller liegt die Utopie darin, dass sie „für alle Individuen und Gruppen“ gelten soll. Sie teilen sich den öffentlichen Raum „von der Last der Herkunft befreit“, so Florian Rötzer. Historisch als „durchgesetzte Demokratie und als reale Chance sozialer Integration“ betrachtet, gibt Walter Siebel Entwarnung: Urbanität hat sich längst von der europäischen Stadt abgelöst. Der Begriff wird inflationär verwendet, um die stimulierenden Facetten des Städtischen ohne weitere Erläuterung zu beschreiben. Wie kamen wir jetzt zu dieser Blütenlese? Auf dem Dorf ist eben alles einfacher, sagt Juli Zeh. Jeder versteht die Probleme, man trifft den Bürgermeister am Gartenzaun. Auch Hierarchien sind abgeschafft: „Eine Frau kann ruck, zuck zur Wortführerin werden, wenn sie die größte Klappe hat.“

Vorbildliche Innendämmung

Innendämmung ist bauphysikalisch anspruchsvoll. Ein Kongress in Dresden stellt neue Lösungen vor. (Foto: hanohiki/Fotolia) Der Einsatz von Innendämmsystemen in vorbildlich realisierten Sanierungsprojekten steht im Mittelpunkt eines von der Bernhard Remmers Akademie und dem Institut für Bauklimatik der TU Dresden veranstalteten Kongresses in der sächsischen Landeshauptstadt (19. bis 20. Mai 2017). In 17 Vorträgen werden darüber hinaus Demonstrationsprojekte und Feldversuche aus der Forschung vorgestellt. Informationen zum Stand der Normung, zu Fördermöglichkeiten und Wirtschaftlichkeit geben nützliche Hinweise für eine sorgfältige Planung von Innendämmmaßnahmen. Vier Workshops ergänzen das Fachprogramm und ermöglichen einen Einblick in Simulationstools (Delphin, Therakles, BIM HVAC) und die Forschungstätigkeit im bauphysikalischen Labor des Institutes für Bauklimatik. Die begleitende Industrieausstellung vermittelt einen Überblick der auf dem Markt erhältlichen Dämmsysteme und bietet eine Plattform für den intensiven Informationsaustausch. Ausführliche Informationen zum Programm der vierten Ausgabe des Innendämmkongresses sowie die Möglichkeit zur Online-Anmeldung finden Sie hier.

Chinas Architektur-Avantgarde

Die traditionellen, Hutong genannten engen Wohnviertel Pekings erfordern kleine Baulösungen. ZAO/standardarchitecture fand auf 30 Quadratmetern genug Platz für ein hübsches Hostel. (Foto: Su Shengliang) Der Bielefelder Kunstverein zeigt Projekte des chinesischen Büros ZAO/standardarchitecture (bis 17. April 2017). Dessen Arbeit steht nicht für bombastische Großprojekte mit spiegelnden Glasfassaden, sondern für einen sozialen Anspruch, für ein Interesse an der Landschaft und an lokalen Bautraditionen und -materialien. ZAO/standardarchitecture wurde im Jahr 2001 von Zhang Ke gegründet, einem der innovativsten Protagonisten in der neuen Generation chinesischer Architekten. Zum Portfolio des Büros gehören das Novartis-Campus-Gebäude in Shanghai (2016), originelle Projekte wie ein Mikro-Hostel in Pekings engen und alten, Hutong genannten Vierteln (2016) sowie touristische Gebäude in Tibet, darunter das Yarlung Tsangpo River Hostel (2015). Die Arbeiten bilden einen Kontrapunkt zum asiatischen Hochgeschwindigkeitsurbanismus. Das sichtbare Interesse an der umgebenden Landschaft drückt sich auch in der Verwendung ortsüblicher Materialien und im sozialen Anspruch der räumlichen Interventionen aus. Im Vorjahr beteiligte sich das Architekturbüro an der Architekturbiennale Venedig und wurde mit dem Aga-Khan-Preis für Architektur ausgezeichnet. Die Ausstellung im Rahmen der alle zwei Jahre in Bielefeld stattfindenden Reihe „Baukunst“ wird in Kooperation mit dem Bund Deutscher Architekten (BDA) präsentiert. Im Ausstellungszeitraum werden sonntags um 17 Uhr kostenlose Führungen angeboten. Weitere Informationen und Fotos von Projekten finden Sie hier.

Dem Stau davonradeln

Elf Auffahrten führen auf den Bicycle Skyway in Xianmen, der dann die Kurven kriegt und weiter unter der Fahrebene für Busse verläuft. (Filmstill: Dissing + Weitling) Das dänische Büro Dissing + Weitling hat in Xiamen einen spektakulären Radweg realisiert. In fünf Metern Höhe führt der 7,6 Kilometer lange Bicycle Skyway durch die City. Der Radweg verläuft unter Xiamens ebenfalls erhobener Schnellroute für Busse. Zwei gute Wege, dem Stau zu entkommen. Der nach Auskunft der Dänen längste erhobene Radweg der Welt verbindet in der chinesischen Küstenstadt an elf Ein- und Ausfahrten Bahnhöfe, Malls und öffentliche Gebäude. Auf der symbolisch grünen Fahrbahn können in beiden Richtungen bequem zwei Radler nebeneinander rollen: Der Radweg ist 4,8 Meter breit. Xiamens neuer Bicycle Skyway verläuft unter der Fahrebene für die Schnellbuslinien der 3,5-Millionen-Metropole im Südosten Chinas. Zusammen mit der Stadt haben Dissing + Weitling eine großartige und in China einmalige Lösung für Radfahrer gefunden, über den von Autos verstopften Straßen schnell in die zentralen Bezirke zu gelangen. Mehre Verleihstationen für Fahrräder entlang der Strecke sollen die Bewohner inspirieren, das Auto stehen zu lassen und dem Stau in schlechter Luft nachhaltig davon zu strampeln. In ihrer Heimatstadt Kopenhagen hat Dissing + Weitling das ausgezeichnete Radweg-Projekte „The Bicycle Snake“ realisiert, darüber hinaus nachhaltige Verkehrsprojekte in aller Welt. Einen Film, Fotos und ausführliche Informationen über Xiamens himmlischen Pfad für Drahtesel finden Sie hier.  

Neue Heimat

Deutschland, Einwanderungsland: Eine Ausstellung in Frankfurt stellt sich Fragen, die seit 2015 durch die Öffnung der Grenzen für rund eine Million Flüchtlinge entstanden sind. (Foto: Jakob Huber) Von Venedig nach Frankfurt: „Making Heimat – Germany, Arrival Country“ wurde 2016 vom Deutschen Architekturmuseum (DAM) im Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale realisiert. Nun präsentiert das DAM die Ausstellung mit erweiterten Themenfeldern und dem Fokus auf die Arrival City Offenbach bis zum 10. September 2017 in Frankfurt. „Making Heimat“ reagiert darauf, dass in den Jahren 2015 und 2016 mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Doch wie kann Heimat „gemacht“ werden? Und von wem? In Zusammenarbeit mit Doug Saunders, Autor von „Die neue Völkerwanderung – Arrival City“, entwickelten die Kuratoren Thesen zu den architektonischen und städtebaulichen Bedingungen, die in den Arrival Cities gegeben sein müssen, damit sich Einwanderer in Deutschland erfolgreich integrieren können. Der Arrival City Offenbach, unmittelbare Nachbarstadt von Frankfurt, wird in der Ausstellung große Bedeutung beigemessen. 58 Prozent der dortigen Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. Die Flüchtlingsbauten, die seit März 2016 in der Online-Datenbank www.makingheimat.de gesammelt werden, erhalten im DAM ein eigenes Ausstellungsgeschoss. Dort wird eine Auswahl von Projekten anhand von Gesprächen, Berichten und Fotografien näher beleuchtet. Die aktuelle Flüchtlingssituation und die Anforderungen an Ankunftsstadtviertel berühren sich an einem entscheidenden Punkt, so die Ausstellungsmacher: Es gibt in Deutschland eine Wohnungskrise. Bezahlbarer Wohnraum muss für alle entstehen. Daher werden ebenfalls ausgewählte aktuelle Wohnungsbauprojekte präsentiert. Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet. Am 29. März etwa wird ein Symposium zum Thema Flüchtlingsbauten veranstaltet, bei dem Architekten und Soziologen der Frage nachgehen, was man aus den Flüchtlingsbauten lernen kann, um bezahlbaren Wohnraum für alle zu schaffen? Ausführliche Informationen über das Symposium, weitere Punkte im Rahmenprogramm und über die Ausstellung im DAM finden Sie hier.

Vertikales Grün

Das Fraunhofer Institut in Oberhausen hat einen speziellen Werkstein für die vertikale Begrünung entwickelt. (Foto: Fraunhofer UMSICHT) Luftqualität, Mikroklima, Schallschutz: Es gibt gute Gründe für die wachsende Beliebtheit vertikaler Begrünung. Das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT) in Oberhausen hat dafür einen speziellen Werkstein entwickelt. Das System für die bodenungebundene Begrünung funktioniert auf der Basis von mineralischen Bauelementen aus Kalksandstein, die zu großflächigen Elementen verbaut und mit verschiedenen Pflanzenarten begrünt werden können. Durch den Einsatz einzelner Bauelemente ist das Modulsystem skalierbar: es lassen sich beliebig große Flächen erstellen. Bislang sind Pilotsysteme in Castrop-Rauxel, im spanischen Orihuela Costa und in Oberhausen zu Forschungszwecken installiert. Ein Industriepartner plane, die Bauelemente bis Mitte 2017 zur Marktreife zu bringen, so die Forscher – zunächst mit dem Fokus auf Privatanwender, die das System als gestalterisches Element im Gartenbereich einsetzen können. Der Nutzen vertikal begrünter Gebäudefassaden geht jedoch über den Privatgebrauch hinaus. In Städten können sie helfen, die Feinstaubbelastung zu reduzieren und das Mikroklima positiv zu beeinflussen. Langfristig gesehen könnten damit beispielsweise auch Lärmschutzwände an Autobahnen realisiert werden, so die Experten von Fraunhofer UMSICHT. Sie kündigen an, dass größere Projekte mit dem System zur vertikalen Begrünung, die vor allem städteplanerischen Charakter haben, künftig weiter ausgearbeitet werden und hoffen auf Kooperationsprojekte mit Kommunen. Einen Informationsfilm, in dem erklärt wird, wie das neue Begrünungssystem funktioniert, finden Sie hier.

Brutales Spiel

Abenteuerlich: Der Brutalismus sah in seinen Betonwelten auch Spielplätze vor. (Foto: Tristan Fewings/RIBA) Der Brutalismus wird wiederentdeckt und kontrovers diskutiert. Die Ausstellung „The Brutalist Playground“ im Vitra Design Museum (bis 30. April 2017) macht die ursprünglichen Konzepte der betonierten Architektur anhand von Spielplätzen erlebbar. Das Architekturkollektiv Assemble, Gewinner des Turner Prize 2015, und der Künstler Simon Terrill nutzten Archivmaterial des Royal Institute of British Architects (RIBA), um heute zerstörte brutalistische Spielplätze nachzubilden. Im Großbritannien der 1950er-Jahre begründet, nahm die eigenwillige Strömung in den Folgejahren ihren Lauf, um kompromisslos kantige Großsiedlungen in internationalen Städten zu zeitigen. Warum nur vermögen heutzutage wieder Menschen wohnlichen Reiz und architektonische Schönheit in den lebensfeindlich wirkenden Gebäudeformationen zu erkennen? Vielleicht trägt persönliches Ausprobieren zum Verständnis bei, denn die kopierten Betonwelten sind Installationen und begehbare Skulpturen zugleich – nicht nur für Kinder. Auch Erwachsene sind dazu eingeladen, in die surrealen Spiellandschaften der Nachkriegszeit einzutauchen und eine neue, unverfälschte Sicht auf die brutalistische Architektur zu gewinnen, so die Ausstellungsmacher. Weitere Informationen über „The Brutalist Playground“ im Vitra Design Museum finden Sie hier.

Zeugenschutzprogramm

Wolfgang Bachmann. (Foto: Myrzik Jarisch) Darf man die monumentale Architektur der Nazis unter denkmalpflegerischen oder ästhetischen Gesichtspunkten behandeln? Um das Münchner „Haus der Kunst“ ist diese Diskussion erneut entbrannt. Text: Wolfgang Bachmann Nun hat Ende Januar die Gretchenfrage, wie wir es mit David Chipperfields Plänen für das Münchner „Haus der Kunst“ halten, sogar die politische Kommentarseite in der „Süddeutschen Zeitung“ erreicht. Nachdem die Redaktion Studenten zu einem architektonischen Exorzismus aufgefordert und zahlreiche Vorschläge erhalten hatte, wie man das monumentale Gebäude anfressen könnte, ergriff Okwui Enwezor, der Direktor des Hauses, Partei für seinen Architekten. Daraufhin suchte die Journalistin Sonja Zekri die Balance, da das Thema nicht nur München betreffe, sondern „alle Länder, in denen noch Unrechtsarchitektur steht“. Aber was ist „Unrechtsarchitektur“? Hat sie sich vollgesogen mit der verbrecherischen Politik ihrer Auftraggeber? Oder zeigt das Haus der Kunst nur die bevorzugte Bauweise einer Zeit, in der das Unrecht Gesetz war? Unrechtsarchitektur gab und gibt es zu jeder Zeit. Dazu zählen nicht nur Schwarzbauten, sondern auch Gebäude, die das Zusammenleben stören, weil sie durch ihre beherrschende Monofunktion Einzelhandel oder Bewohner vertreiben. Also eigentlich ein praktikabler Begriff in unserer Nomenklatur: Unrechtsarchitektur. Für die NS-Architektur wäre er zu harmlos. Ein paar Zeilen weiter mildert die Autorin auch ihr Urteil und schreibt von „schuldlosen Steinen“. Sie versteigt sich dabei nicht zu einer konkreten Empfehlung, sondern nennt den Maßstab für Chipperfields Eingriff: Hitlers Absicht mit dem Bau nicht zu vollenden. Da kann so ein verspieltes Herumgefummel auf keinen Fall eine Lösung sein. Es erinnert an die Einfalt, mit Farbschlieren ein Kernkraftwerk zu verhundertwassern. Zustimmen kann man der Leserzuschrift des Architekten Klaus Block aus Berlin. Er plädiert dafür, an das von Millionen Deutschen gelebte, unsagbar grauenhafte Gedankengut mit den Bauten der NS-Zeit zu erinnern. „Deren ständige unverhohlene Präsenz im öffentlichen Raum muss man leider als aufgeklärter deutscher Bürger dauerhaft aushalten können und es somit als stete Aufforderung nehmen, darüber aufzuklären und das Bewusstsein über die allgegenwärtige Anfälligkeit für niedrige Beweggründe der Menschen zu schärfen.“ Heute, wo nationalistisches Gedankengut wieder tragbar wird, sind solche Kainsmale laute Hinweise, unseren eigenen Höllensturz zu erzählen.

Inklusiv gestalten

Best-Practice-Beispiel für barrierefreie Architektur und Ort der Tagung „Inklusiv gestalten“: Das Konferenz- und Beratungszentrum „Der kleine Prinz“ in Duisburg. (Foto: Andreas Probst) Barrierefreies Bauen erfordert viel Fachwissen und Augenmaß. Die Regionalkonferenz „Inklusiv gestalten“ am 16. März 2017 in Duisburg präsentiert Ideen und gute Beispiele aus Architektur und Stadtplanung. Mitveranstalter dieser Regionalkonferenz für den Westen Deutschlands, zu der die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinder­ungen Verena Bentele einlädt, sind die Bundesarchitektenkammer und die Architektenkammer Nordrhein-Westfalens. Auf dem von Katrin Müller-Hohenstein (ZDF) moderierten Tagungsprogramm stehen Impulsvorträge, Best-Practice-Beispiele aus der Region und eine Podiumsdiskussion, die neue interdisziplinäre und intelligente Planungsansätze aufzeigen sollen. Die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung bis zum 10. März 2017 – per Fax (0211/49 67 99) oder per E-Mail unter teilnahme@aknw.de – ist erforderlich. Die Veranstaltung ist als Fortbildung für Mitglieder aller Fachrichtungen der Architektenkammer Nordrhein­-Westfalens mit drei Unterrichtsstunden anerkannt. Mitglieder anderer Länderarchitektenkammern erhalten unter der Rufnummer 0211/49 67 18 Informationen über die Anerkennungsmöglichkeiten. Eine weitere Regionalkonferenz zum Thema wird am 21. April 2017 in Schwerin veranstaltet. Ausführliche Informationen zum Programmablauf der Tagung in Duisburg finden Sie hier.

Hadid virtuell

Virtual Reality: Animierte Filme der Serpentine Gallery greifen das frühe zeichnerische Werk der 2016 verstorbenen Architektin auf. (Still: Zaha Hadid) Die Londoner Serpentine Sackler Gallery thematisiert eine weniger bekannte Seite der im März 2016 verstorbenen Star-Architektin und Designerin Zaha Hadid. Im Fokus der jüngst beendeten Ausstellung „Zaha Hadid: Early Paintings and Drawings“ standen Bilder, kalligrafische Zeichnungen und Skizzen der Pritzker-Preisträgerin aus den 1970er- bis in die 1990er-Jahre – aus der Zeit, bevor sie ihr erstes Bauwerk verwirklichte. Gemeinsam mit den Kuratoren inszenierten Zaha Hadid Architects und Google Arts and Culture die frühen Werke der Architektin in Form von „Virtual-Reality-Erlebnissen“, so die Ausstellungmacher. Die kurzen Filme überdauern das Ende der Ausstellung im Internet – und sind das Anschauen auch ohne Datenbrille wert. Dieser heißt „The Peak“: „The Great Utopia“ „The World (89 Degrees)“ „Leicester Square“ Ein Beitrag im dezeen-magazine beschäftigt sich vertiefend mit den VR-Animtationen.

Begreifbare Baukunst

Eine handfeste Ausstellung in Leipzig ist der Bedeutung der Türgriffe in der Architektur gewidmet. (Foto: FSB) Der Gestalter Otl Aicher (1922-1991) brachte mit seinen „Vier Geboten des Greifens“ die Anforderungen an einen guten Türdrücker auf den Punkt: Daumenbremse, Zeigefinger­kuhle, Ballenstütze und Greifvolumen sollte eine Klinke aufweisen. Der Bedeutung von Türgriffen in der Architektur ist eine Ausstellung im Leipziger Grassimuseum (bis 14. Mai 2017) gewidmet. „Begreifbare Baukunst“, so der Titel, ist in einen histori­schen und einen modernen Teil gegliedert und präsentiert insgesamt 30 Stelen mit Türgriffen. Die Entstehungszeit der ausgestellten und berührbaren Türgriffe und Türdrücker reicht vom Anfang des 19. Jahrhunderts (Karl Friedrich Schinkel) über Gestalter wie Otto Wagner, Peter Behrens oder Ludwig Wittgenstein hin zu Neuerungen der Bauhauszeit (Walter Gropius) und schließlich bis zu zeitgenössischen Entwürfen (Jasper Morrison, Gesine Weinmiller, Werner Aisslinger, Schulz und Schulz, gmp Architekten). Die Kuratoren spüren der Frage nach, welche Drückerform und welches Klinkenmaterial zu bestimmten Gebäudetypen passen und auf welche Weise sich die Gesamtarchitektur in einem Detail wiederfinden lässt. Ausführliche Informastionen zur Ausstellung finden Sie hier.

IKEA realisiert Trumps Mauerpläne?

Die Finanzierung der geplanten Mauer an der Grenze zu Mexiko bereitet Präsident Donald Trump noch Kopfzerbrechen. Vielleicht steht die Lösung im IKEA-Katalog? (Foto: Der Postillon) Der Preis ist kein Hindernis für diesen Deal, die „Börder Wåll“ kommt – zumindest wenn es nach der Satire-Seite „Der Postillon“ geht. „IKEA bietet Trump günstige Lösung für Mauer an“, titelt das Blatt – und zeigt einen typischen IKEA-Entwurf samt Inbusschlüssel und abgezählten Schrauben. Die Bauanleitung für die Fertiglösung entlang der Grenze zwischen Mexiko und den USA vergisst auch den Stacheldraht nicht. Wer für die Do-it-yourself-Teilung nach skandinavischem Muster bezahlen muss, vermag auch „Der Postillon“ nicht zu prophezeien – hat dafür aber noch ein schönes Foto von „The Donald“ bei der gewissenhaften Prüfung des Angebots in petto.

Deutscher Architekturpreis ausgelobt

Die Bewerbungsfrist für den von Bundesbauministerium und Bundesarchitektenkammer gemeinsam ausgelobten Wettbewerb endet am 31. März 2017. Mit dem Deutschen Architekturpreis 2017 sollen für die Entwicklung des gegenwärtigen Bauens beispielhafte Bauwerke ausgezeichnet werden. Prämiert werden Gebäude oder städtebauliche Ensemble, die eine besondere Gestaltqualität aufweisen oder von vorbildlichem Umgang bei der Modernisierung historischer Bausubstanz zeugen und positiv zur Gestaltung des öffentlichen Raumes beitragen. Besonderer Wert wird dabei auf das nachhaltige Bauen gelegt. Auslober des Deutschen Architekturpreises sind das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und die Bundesarchitektenkammer (BAK). Der Preis wird alle zwei Jahre durch den Bundesbauminister im Rahmen eines Festakts verliehen. Eine Jury bewertet die eingereichten Arbeiten hinsichtlich ihrer Einbindung in das städtebauliche und landschaftliche Umfeld, hinsichtlich ihrer äußeren und inneren Gestaltung, hinsichtlich ihres energetischen Konzepts sowie hinsichtlich ihres ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Lösungsansatzes. Zugelassen zur Teilnahme am Deutschen Architekturpreis sind Arbeiten auf dem Gebiet der Architektur und des Städtebaus sowie Arbeiten zur Sanierung und Modernisierung historischer Bausubstanz, die in Deutschland fertig gestellt wurden. Der Preis ist mit 60.000 Euro dotiert; die Hälfte der Summe entfällt auf den Hauptpreis, der Rest wird für bis zu fünf Auszeichnungen und Anerkennungen vergeben. Die Bewerbungsfrist endet am 31. März 2017 um 14 Uhr. Den Auslobungstext finden Sie hier.

Über Ordnung

Architektur hat viele Facetten, sie kann völlig unterschiedlich ausfallen. Was sie in jedem Fall leistet, wenn sie etwas taugt: Sie räumt auf. Text: Wolfgang Bachmann Einer meiner alten Arbeitgeber pflegte sein Büro anhand leicht fasslicher Merksätze zu orientieren. Dazu gehörte die Überzeugung: Ein Haus muss so gut gelungen sein, dass es völlig unwichtig ist, wie man die Dachrinne anschraubt. Daran halten sich die meisten Kollegen und lassen auf den Ansichten ihrer gelungenen Wohnhäuser Fallrohre, Blitzableiter, Satellitenantennen, Markisen, Briefkästen und den ganzen später unvermeidlichen Tand aus dem Baumarkt weg. Ich gehöre ja eher zur Uhrmacherfraktion, weniger zu den Städtebauern. Weil ich glaube, dass die Häuser in Neubaugebieten nicht von vornherein unappetitlich sind, sondern durch geschmacklose Balkongeländer, Haustüren, PVC-Fenster, Terrassenüberdachungen, Gabionen und eine heillose Farbwahl hingerichtet werden. So eine Immobilie zu kaufen, ist unmöglich, denn man würde das alles am liebsten entsorgen – zögert aber umweltbewusst, eine völlig intakte, funktionierende Ausstattung einfach auf den Müll zu werfen, nur weil sie einem nicht gefällt. Aber in den Details spielt die Musik! Vor einigen Jahren durfte ich das neu errichtete Haus eines Architektenpaars besichtigen. Es war ein Höhepunkt an präziser Werkplanung, nirgends gab es Fugen oder Toleranzen, alle Flächen trafen sich in scharfen Kanten, um Räume zu bilden. Fenster- und Türöffnungen reichten vom Boden bis zur Decke, die verborgenen Bänder der Flügel rasteten bei 90 Grad ein. Keine Fliese war geschnitten. In der mattweißen Küche blieben alle Utensilien verborgen, nur drei reife Tomaten waren an entscheidender Stelle auf der schwarzen Anrichte platziert. Die Polstermöbel standen wie mit dem Lineal ausgerichtet auf dem Betonestrich, lediglich die unterschiedlichen Buchrücken in den raumhohen Regalen durften eine kreative Unruhe stiften. Dafür hingen im Bad gebügelte dunkelgraue Handtücher in exakt gleicher Länge auf den Edelstahlbügeln. War dieses Haus etwa kalt und tot? Nein, es hatte eine Aura, eine selbstverständliche Genauigkeit, es gab Ruhe und erinnerte seine Bewohner daran, richtig zu leben.

Lebensinhalt Manufactum?

Wolfgang Bachmann. (Foto: Myrzik Jarisch) Gute Architektur, langlebig, nachhaltig, menschenfreundlich, ohne unterhaltsame Extravaganzen – darauf könnten wir uns verständigen. Aber dafür richtig Geld ausgeben? Text: Wolfgang Bachmann Qualität hat ihren Preis, sagt Hans Kollhoff. Deshalb muss das Bauen teurer werden. Der Berliner Architekt denkt dabei keineswegs an sein Honorar oder macht sich zum Anwalt der Bauunternehmer und Investoren. Kollhoff plädiert für handwerkliche Standards, für eine verträgliche Großstadtarchitektur, deren Schöpfer sich nicht als Künstler betrachten, die nie Dagewesenes aus dem Hut zaubern, sondern zweckdienlich das seit Jahrhunderten Erprobte ständig verfeinern. Solide Häuser sind aus zweischaligen Wänden gemauert, darüber lagert ein Ziegeldach mit Kupferrinnen, die dreifach verglasten Holzfenster haben moderate Formate, in der Diele liegen Steinzeugfliesen, die Haustür ist aus massiver Eiche und unter den liebevoll geschreinerten Briefkästen steht eine Sitzbank. Das ist nicht ganz billig, da wäre man schon froh, wenn wenigstens die Großkopfeten ihre Baupläne bei einem passablen Architekten bestellten, der ihre Villen nicht unbedingt mit Blendarkaden und Gurtgesimsen auf anno Tobak rückdatierte. Aber da lesen wir, dass auch die neuen Autos als „umfassendes elektromobiles Ökosystem“ (Mercedes Benz) teuer werden, vor allem die intelligente Selbststeuerung ins Geld geht. 15.000 € muss man allein für die erforderliche Rechnerleistung veranschlagen. Und da wir gerade beim Geld sind: Auch an der Bekleidung zu sparen, ist nicht mehr zeitgemäß, vor allem politisch inakzeptabel. Diese von Kindern irgendwo in Asien für einen Hungerlohn zusammengeklebten Turnschuhe, getackerten Fetzenjeans und giftig gefärbten T-Shirts dürfen wir uns nicht mehr antun. Anziehsachen aus heimischen Naturmaterialien halten lange; ideal, wenn ein Schneider sich der individuellen Körpermaße annehmen darf. Es beginnt bei Rahmenschuhen, aber wem sage ich das. Doch damit sind die erstrebenswerten Investitionen nicht am Ende. Immer wieder müssen wir lesen, dass die Menschen an der Ernährung sparen. Nicht nur die Seuche der Fastfood-Filialen gehört dazu, auch Zuchtlachs, Eier aus Käfighaltung, Fleisch von der Schweinefabrik und Brot aus dem Backautomat, nur damit der Discounterpreis sich noch um ein paar Cent drücken lässt. Für gesundes Essen muss man einfach mehr ausgeben, fürs Trinken erst recht. Die Liste ließe sich fortsetzen. Womit sollen wir anfangen, mit der Architektur?

Achtung Wahl!

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 legen die Berufsverbände der planenden Berufe den Politikern aller etablierten Parteien ihre gemeinsam formulierten Wahlprüfsteine vor. Architekten und Ingenieure schaffen mit ihren Planungsleistungen die Grundlage für die auch international anerkannte hohe Qualität deutscher Bauten und Bauwerke. Zur Sicherstellung dieser Planungsqualität und zur Bewältigung der immensen Bau-Aufgaben der nächsten Jahre müssen politische Weichenstellungen erfolgen. Dazu legen die Berufsverbände der planenden Berufe den Politikern aller etablierten Parteien im Vorfeld der Bundestagswahl am 24. September 2017 ihre gemeinsam formulierten Wahlprüfsteine vor und bitten sie um Beantwortung ihrer Fragen. Hier können Sie sich über die gemeinsam formulierten Forderungen und Fragen informieren. Die Antworten werden im Sommer 2017 auf der Seite der Bundesarchitektenkammer in zusammengefasster Form zugänglich gemacht.

Preis für Bauen im Bestand

Die Bayerische Architektenkammer lobt erstmals einen „Preis für Bauen im Bestand“ aus. Bewerber sind aufgerufen, ihre in Bayern realisierten Projekte bis zum 19. Februar 2017 einzureichen. Die Auszeichnung wird in drei Kategorien verliehen, die mit jeweils 10.000 € dotiert sind: Bauten, die vor 1900 errichtet wurden; Bauten aus der Zeit zwischen 1900 und 1945 sowie Gebäude, die zwischen 1945 und 1985 realisiert wurden. Die eingereichten Projekte müssen in den letzten fünf Jahren saniert oder umgebaut worden sein. Die Gebäude können unter Denkmalschutz stehen, müssen es aber nicht. Einzelne Werke oder besonders herausragende Leistungen können zusätzlich mit dem „Staatspreis Bauen im Bestand“ der Bayerischen Staatsregierung ausgezeichnet werden. Bewerbungen sind über das Online-Portal bauen-im-bestand.byak.de bei der Bayerischen Architektenkammer einzureichen. Die Preisverleihung findet am 20. Juni 2017 in München statt. Die Auslobungsunterlagen finden Sie hier.

Die besten Bauten

Die 21 besten Bauten des Jahres in Deutschland sowie drei ausgewählte Projekte deutscher Büros im Ausland zeigt die Ausstellung in Frankfurt. (Foto: Fritz Philipp) Eine Ausstellung zum DAM Preis 2017 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt (bis 30. April 2017) dokumentiert die 21 besten Bauten des Jahres in Deutschland sowie drei ausgewählte Projekte deutscher Büros im Ausland. Der DAM Preis geht 2017 an Studio Andreas Heller Architects & Designers aus Hamburg für das Europäische Hansemuseum in Lübeck. Die enorme Breite an differenzierten und langfristig wirksamen städtebaulichen Lösungen gab den Ausschlag für die Juryentscheidung. Das Gesamtprojekt besteht nicht nur aus einem neuen Ausstellungsbau, sondern verlangte zugleich eine „Stadtreparatur“ einschließlich der Wiederherstellung verloren gegangener Wegebeziehungen sowie die Sanierung eines Ensembles, das baugeschichtlich vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert reicht, so die Veranstalter. Erstmals wurde die Grundlage der Juryauswahl vom DAM in Zusammenarbeit mit den Architektenkammern der Länder recherchiert. Auf dieser Basis entstand im DAM eine Longlist von 100 Gebäuden, von der 21 Bauten in Deutschland für die Shortlist ausgewählt wurden. Dazu kommen – außer Konkurrenz – drei Bauten deutscher Büros im Ausland. Aus der Gruppe der Bauten auf der Shortlist wählte die Jury schließlich vier Finalisten aus, die vor Ort begutachtet wurden. Auch dies eine Neuerung in der Geschichte des Wettbewerbs. Neben dem Hansemuseum war als zweites Ausstellungsgebäude die von kadawittfeldarchitektur aus Aachen entworfene Grimmwelt in Kassel unter den Finalisten. Auch dies ein mittelgroßes Museun, bei dem auf den Denkmalschutz für die Reste von Vorgängerbauten zu achten war und das brach gefallene Bereiche im Gefüge der Stadt wieder aktivieren sollte. Eine Besonderheit des dritten Finalistengebäudes, der Generalsanierung und Aufstockung eines Wohnhochhauses am Pforzheimer Hauptbahnhof durch Freivogel Mayer Architekten, lässt sich im Rahmen der Ausstellung nicht darstellen: Das Haus blieb fast vollständig bewohnt. In den Bestandswohnungen wurden nur möglichst geringe Eingriffe durchgeführt. Dennoch ist unter energetischen Aspekten ein wegweisendes Gebäude entstanden, das zugleich den Bewohnern mit neu vorgesetzten Loggien einen deutlich gesteigerten Wohnwert bietet, so die Jury. Den eher umgekehrten Weg musste Thomas Kröger aus Berlin gehen. Die von ihm umgebaute Scheune in der Uckermark – der vierte Finalist – war ehedem ein Stall, mit allen Komplikationen, die das für eine Nutzung als Wohngebäude bedeutet. Die Umnutzung ist auchein wichtiger Baustein, um den kleinen Ort Fergitz am Leben zu erhalten. Die weiteren 17 Bauten der Shortlist umfassen ein mannigfaltiges Spektrum an Bauaufgaben und innerhalb dieser sehr unterschiedliche Lösungen. Nicht in der Auswahl für den DAM Preis, aber seit vielen Jahren ein fester Bestandteil dieser Übersicht zur deutschen Gegenwartsarchitektur, sind die Bauten von Architekturbüros aus Deutschland in anderen Ländern: In diesem Jahr werden die Deutsche Schule Madrid, das Centre de Santé et de Promotion Sociale in Laongo, Burkina Faso, und ein Pariser Wohnhaus vorgestellt. Ausführliche Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.

Maßlos

Wolfgang Bachmann. (Foto: Myrzik Jarisch) Das Wohnen am Existenzminimum planen? Viel schöner ist doch Bauen mit unbegrenztem Budget für die ganz Reichen. Text: Wolfgang Bachmann Erst war das Geld alle, dann kam der Bauherr abhanden. Das ist der Generalbass in den Werkberichten gestandener Architekten, die damit belegen, wie ihr kreatives Gewerbe im Lauf der Jahre zu einer aufopferungsvollen Beschäftigung mit sparwütigen, desinteressierten Investoren verkommen sei. Aber es geht auch anders. Es gibt sie noch, die private Bauherrschaft, die sich eine Villa bauen lässt wie der Geldadel im 19. Jahrhundert. Sie geht mit ihren Wohnwünschen zu einem Architekten, vulgo: sie lässt ihn kommen, wenn sie Samstagnacht bei einer Zwischenlandung kurz Zeit hat. Was sie in Auftrag gibt, ist auf jeden Fall groß. 700, 800 Quadratmeter Wohnfläche für zwei Personen sind keine Seltenheit, eine Familie braucht schon 1.200, aber da ist das Au-Pair mitgerechnet. Diese Häuser sind hervorragend gebaut. Wenn man sie zusammen mit dem Architekten besichtigt, verliert man die Orientierung. Sechs Meter Raumhöhe über dem Essplatz, den ein acht Meter langer Tisch beherrscht, ein halbes Dutzend Schlafräume, alle mit einem Bad groß wie ein Klassenzimmer, vor dem Kamin Lederpolster von Kobe-Rindern, in der Garage vier hubraumstarke Limousinen, zwei Plätze sind noch frei. Alles vom Besten und Teuersten, es sind Hersteller, deren Namen man ehrfürchtig ausspricht. Sie lieferten die größten Scheiben, die dicksten Bretter, die schönsten Steine. Was die Handwerker fertigten, hat der Architekt im Maßstab 1:1 gezeichnet. Er hätte nie gedacht, dass er einmal in den Zwischenwänden verschwindende Schiebetüren mit einer Verkleidung aus Tombak-Gewebe detaillieren würde. Er genoss es, sich an seine brachliegenden Talente zu erinnern. Endlich einmal kein Wohnungsbau nach Förderrichtlinien! Hier hatte er alle Freiheiten. Die Marmortreppe wurde zweimal abgerissen, weil sie dem Bauherrn zu unbequem war. Das ist der Maßstab. Natürlich hat man alle Nachhaltigkeitsparameter weit übertroffen. Aber was heißt das schon, wenn man bei der Herstellung die Energie verbraucht, aus der sonst ein ganzer Wohnblock entsteht? Wo stecken die Herrschaften eigentlich, die uns so ungeniert durch ihre Räume streifen lassen? Die wohnen hier nicht, sagt der Architekt, die sind im Jahr nur für ein paar Tage in der Stadt. Dann ist ihnen das eigene Haus lieber als ein Hotel.