Ressourcenwirtschaft im Bauwesen und die Selbstverständlichkeit rezyklierbarer Häuser.

Der sorgfältige Umgang mit unseren Ressourcen muss zum gemeinsamen Ziel unserer Gesellschaft werden. Das gilt auch für das Bauwesen. Professor Werner Sobek erklärt die Gründe für die träge Entwicklung dieser Branche hin zu mehr Nachhaltigkeit. Interview: Elke Kuehnle Werner Sobek steht weltweit für Engineering, Design und Nachhaltigkeit. Die Arbeiten des Büros zeichnen sich durch die Verbindung von Gestaltung und ausgeklügelten Konzepten zur Minimierung von Energie- und Materialverbrauch aus. Er leitet als Nachfolger von Frei Otto und Jörg Schlaich das Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren an der Universität Stuttgart. Foto: Tillmann Franzen Herr Professor Sobek, sie fordern seit 1992, dass Gebäude extrem effizient, voll rezyklierbar und mit geringem Ressourcenverbrauch gebaut werden.   Sobek: Viele meiner Kollegen schüttelten damals den Kopf und sagten, dass sie „für viele Jahre, ja für die Ewigkeit“ bauen würden. Aber wenn wir uns die gebaute Umwelt anschauen, stellen wir schnell fest, dass das Wenigste die Jahrhunderte überdauert. Vieles wird abgerissen, weil die Gebäude nicht gelungen waren, weil sich die Anforderungen der Nutzer veränderten, weil sich die Standards verschoben. Es ist zu kurz gedacht wenn man sagt, dass es für eine nachhaltige Architektur ausreichen würde so zu bauen, dass die Gebäude lange stehen bleiben. Wir können und dürfen nicht automatisch davon ausgehen, dass die Menschen von morgen das, was wir heute bauen, richtig und schön finden werden. Und: Egal, wie lange ein Gebäude steht, irgendwann muss es doch umgebaut oder gänzlich rückgebaut werden. Spätestens dann stellt sich die Frage nach dem Recycling. Die Grundlagen für eine vernünftige Rezyklierbarkeit legt man in der Planung und wir müssen endlich damit anfangen. Mir war bereits während meines Studiums, das ich ein Jahr nach der ersten Ölkrise 1973 begann, klargeworden, dass wir einem globalen Problem von offensichtlich unglaublichem Ausmaß entgegeneilen. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Ressourcen und  Energie erhöhte sich kontinuierlich, das Müllaufkommen und die Zerstörung der Umwelt nahmen immer bedrohlichere Ausmaße an. Gleichzeitig standen wir am Beginn einer Bevölkerungsexplosion, welche die genannten Phänomene nochmals dramatisch verstärken würde. Das alles war bekannt. Die Politik, ein großer Teil der Wissenschaft und viele Bürger haben dies alles aber – zeitweise bis heute – ignoriert. Ich wollte dies nicht und habe begonnen, an Veränderungen und Entwicklungen zu arbeiten, welche das Bauwesen, das einen erheblichen Anteil an den vorherzusehenden Entwicklungen hatte und haben wird, verändert. Was haben Sie getan, um die Entwicklung voranzutreiben? Im Jahr 2007 habe ich zusammen mit anderen Mitstreitern die Deutsche Gesellschaft für  Nachhaltiges Bauen (DGNB) gegründet. Diese ist eine der  weltweit führenden Initiativen für die Definition, für das Messbarmachen von Nachhaltigkeit in der gebauten Umwelt. Gründung und Aufbau dieser Organisation haben mich sehr viel Lebenszeit gekostet – ich denke aber, dass es sich  gelohnt hat. Ich habe des Weiteren zusammen mit dem damaligen Stuttgarter Oberbürgermeister Professor Wolfgang Schuster das Stuttgart Institute of Sustainability (SIS) gegründet. Diese eher regionale, industriegestützte Initiative untersucht, mit welchen Methoden und Bautechniken wir die von der DGNB formulierten Ziele überhaupt erreichen können. An meinem Institut ILEK wird seit Jahren intensiv an den genannten Themen geforscht. Erfreulicherweise sind viele meiner ehemaligen Mitarbeiter und Doktoranten heute selbst Professoren, so dass aus diesem Kreis ein großer Multiplikatoreneffekt entsteht. So bin ich zuversichtlich, dass die Dinge jetzt befördert werden.

Abbildung: Büro Werner Sobek

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Beispiele für einen nachhaltigen Wand-, Boden- und Deckenaufbau, der sich sortenrein demontieren lässt.

Trotzdem kennt man diese Bauweisen und Materialien heute noch kaum . Nun, wir haben im kleinen Kreis angefangen. Doch mittlerweile erreichen wir Bauherren, Wissenschaftler, aber auch immer mehr Politiker weltweit. Die Dinge beginnen, sich zu ändern. Ich sehe dies mit Freude. Wir haben, heißt es, eine Recyclingquote mineralischer Baustoffe von 85 Prozent. Die Rezyklate werden im Straßenbau verwendet. Die Zahl mag stimmen, wir müssen jedoch hinter ihr folgendes sehen: Es handelt sich zumeist um ein klassisches Downcycling. Natürlich kann man aus Betonschutt beispielsweise Straßenunterbauten oder Lärmschutzwälle bauen. Aber irgendwann ist auch unser Bedarf an Lärmschutzwällen gedeckt. Und dann? Natürlich kann und, besser, sollte man Betonschutt als Zuschlagstoff für neuen Beton verwenden – allerdings darf dieser Betonschutt dann nicht verunreinigt sein, das heißt er darf beispielsweise keinerlei Reste von Anstrichen, Gipsputz, Dübel, etc. enthalten. Wir müssen also im Bauen Technologien entwickeln, bei denen wir die Dinge sortenrein auseinandernehmen können. Die wenigsten Menschen wissen, dass die Zementherstellung mehr Co²-Emissionen produziert, als der weltweite  Luftverkehr. Wie verhält es sich mit der Wiederverwendung nicht mineralischer Materialien, wie Kunststoffen, Kabeln oder Anstrichen? Diese müssen natürlich ebenso kritisch hinterfragt werden. Lackierte Hölzer oder Pressspanplatten, die mit Kunstharzen verklebt sind, kann man nicht einfach auf den Kompost werfen. Irgendein vordergründig schlaues Gremium hat als Ersatzlösung den Begriff des „thermischen Recyclings“ eingeführt – ein unanständiger Begriff, denn er täuscht uns. Thermisches Recycling ist nichts anderes als das Verbrennen häufig wertvoller Rohstoffe. Zudem: Mit aufwändigen Filteranlagen kann man dabei zwar einen Großteil der Schadstoffe, die bei diesen Verbrennungsprozessen entstehen, herausfiltern – es wird aber dennoch Kohlendioxid erzeugt. Das sollten wir in Zeiten des rapiden Global Warming ja tunlichst vermeiden. Die in Wänden und Decken eingebauten Installationen sind häufig nicht mehr oder nur mit großem Aufwand entfernbar. Man denke nur an eingeputzte Elektroleitungen oder Wasserrohre, die zudem meist noch von Wärme- und/oder Schallisolierungen umgeben sind. Putzsysteme, die in der Regel mit einem Anstrichsystem einhergehen, sind häufig weder untereinander trennbar noch lassen sie sich von Beton- oder Ziegelflächen lösen. Für das Recycling oder eine Wiederverwendung für diese Gemische aus mineralischen, metallischen und Kunststoffbauteilen existiert bis heute keine Lösung. Es sei denn, man baut von vornherein ein rezyklierbares Haus mit abbaubaren und wiedernutzbaren Bauteilen. Warum werden trotzdem kaum rezyklierbare Häuser gebaut? Weil dies einige grundlegende Änderungen in der Planung und im Bauprozess erfordern würde und auch Marktverschiebungen nach sich zieht. Zunächst: Das Bauwesen weist einige, nennen wir es „interessante“ Phänomene auf. Eines davon ist die komplette Trennung von Planung und Produktion. Das gibt es sonst in keiner anderen Industrie – obwohl dies, streng genommen, kompletter Unfug ist. An dem aber alle Beteiligten festhalten. Architekten und Ingenieure planen etwas, was dann in einer sogenannten Ausschreibung dokumentiert wird. Die ausführenden Baufirmen bepreisen und übernehmen die Planung, verändern aber typischerweise umgehend Qualitäten, tauschen Baustoffe aus, bringen eigene Standards ein. Das, was am Ende als Gebäude dasteht, weicht immer wieder deutlich von der Planung ab. Und weil es eben einfacher ist, alles miteinander zu verkleben, werden recyclinggerecht geplante Teile immer wieder anders als geplant gebaut. Darüber hinaus fehlt es auf der Baustelle an einem grundlegenden Verständnis seitens der beteiligten Menschen. Recyclinggerechtes Bauen durchzusetzen erfordert also eine Veränderung des Planungs- und des Bauprozesses und es erfordert zudem Veränderungen in der Ausbildung von Planern wie Ausführenden. Das zweite Phänomen: Ein Haus wird heute gebaut und erst nach vielen Jahren umgebaut oder abgerissen. Das bedeutet, dass der Schutt typischerweise eine halbe oder eine ganze Generation später anfällt. In unserer nahezu vollständig auf monetären Profit ausgerichteten Gesellschaft bedeutet dies, dass es den Menschen zumeist einfach egal ist, was später geschieht. Es betrifft sie ja nicht mehr. Bei einem Automobilkonzern ist das etwas anderes. Der läuft Gefahr, dass er das von ihm gebaute Auto nach 10 oder 15 Jahren zurück nehmen muss und damit dann für sein Recycling verantwortlich ist. Im Bauwesen sind die Zyklen länger und die Firmen kleiner. Und: Eine Rücknahmeverpflichtung gibt es im Bauwesen bisher nicht. Nach Ablauf der Gewährleistungsfrist von, je nach Land und Bauwerk, drei bis zehn Jahren, gibt es seitens der Planer und Ausführenden nahezu keine Verbindlichkeit gegenüber dem Produkt „Gebäude“ mehr. Will der Bauherr zum Beispiel sein Gebäude 20 Jahre nach Fertigstellung umbauen und stellt dabei fest, dass vieles überhaupt nicht dem entspricht, was ihm hinsichtlich Rezyklierbarkeit, Resilienz etc. zugesagt wurde, steht er mit dem Problem alleine da. In der Solarindustrie, mit ebenfalls langen Produktlebenszyklen, wird das über die E-Schrott-WEEE-Richtlinie geregelt. Hersteller bilden schon bei in Verkehrbringung von Produkten verbindliche Rücklagen dafür. Wäre das ein Regelungsansatz für das Bauwesen? Wenn wir im Bauwesen ein derartiges Prinzip verankern möchten, gilt es zu überlegen, wie wir das am sinnvollsten machen. Hinsichtlich einer Regelung, wie sie von Ihnen angesprochen wurde, sollte man vorher prüfen, ob das Bauwesen so eine Regelung überhaupt durchhält. Die meisten Baufirmen sind kleine mittelständische Unternehmen. Angesichts ihrer niedrigen Umsatzrenditen bezweifele ich, dass es überhaupt möglich ist, die erforderlichen Rücklagen zu bilden. Es müssten also innovative und branchenweite Regelungen gefunden werden. Denkbar wäre zum Beispiel, dass Bauherren in einen Rücklagenfond einzahlen. Wichtig wäre eine politisch abgesicherte Begleitmaßnahme, die eine Rücklagenbildung überhaupt erst ermöglicht. Die Bauindustrie muss hier eingebunden werden, aber man muss der Bauindustrie hierzu auch vernünftige Margen erlauben. Durch die aktuelle Ausschreibungs- und Vergabepraxis werden die Margen auf ein unerträglich niedriges Maß gedrückt. Dies führt zwangsläufig dazu, dass die Baufirmen nach Vertragsunterschrift sofort versuchen, über Nachträge dasjenige Geld hereinzuholen, das sie eigentlich im Angebot hätten einpreisen müssen – und es führt dazu, dass in der Ausführung immer wieder versucht wird, niedrigwertige Qualitäten einzusetzen. Wenn man einen Auftrag prinzipiell an den billigsten vergibt, dann muss man sich nicht wundern, wenn man Niedrigwertiges bekommt. Die Schweizer sind klüger: Sie vergeben prinzipiell an den Zweitbilligsten – was zu einer wesentlich gesünderen Firmenstruktur führt. Die EU verlangt, dass bis 2025 weniger Sondermüll produziert werden soll. Aber allein 2011 wurden rund 17 Millionen Kubikmeter Mineralwoll-Dämmstoff und etwa 15 Millionen Kubikmeter EPS-, PUR- und extrudierte Polystyrol-Dämmstoffe verbaut. Wie passt das zur Nachhaltigkeit im Bauwesen, zumal die EU ein „thermisches Recycling“ nicht mehr als Entsorgungslösung sieht. Der Gesetzgeber hat viel zu lange auf das einzelne Gebäude fokussiert und sich dabei auch noch ausschließlich auf die Energieeinsparung im Gebäudebetrieb konzentriert. Luftdichtigkeit und Wärmedämmung waren und sind hier die großen Themen. Man hat nicht bedacht, welche Rohstoffe man zur Wärmedämmung heranziehen sollte, ob diese aus dem zur Neige gehenden Erdöl hergestellt werden, wie viel Energie man für ihre Produktion benötigt und wie man sie später wieder rezykliert, das heißt wie man sie in die Stoffkreisläufe zurückführt. Wir müssen zukünftig vieles anders machen, die Betrachtungshorizonte erweitern. Wir brauchen eine Dämmtechnik, die es ermöglicht, dass beispielsweise Polystyrol oder Polyurethan auch in 25 Jahren wieder sortenrein entnommen und für andere Zwecke verwendet werden können – wenn wir es denn schon nicht schaffen, in großem Umfang andere Materialien einzusetzen oder mit prinzipiell anderen Technologien weiterzukommen. Die Aktivhaustechnologie ist hier – nach meinem Dafürhalten – der einzigmögliche Ansatz. Was also ist für eine erfolgreiche Energiewende und nachhaltige Bauwirtschaft erforderlich? Wir brauchen eine konsequente, von der Gesellschaft mitgetragene Zielansage seitens der Politik. Diese könnte so lauten, dass ab einem bestimmten Jahr im Wohnungs- oder Bürobau nur noch ein bestimmter Energieverbrauch pro Kopf (das ist wichtig!) zulässig ist, der ausschließlich aus nicht-fossilen, nicht-nuklearen Energieträgern gedeckt werden darf. Eine solche Zielvorgabe ohne jedwedes Vorschreiben von spezifischen Maßnahmen zur Zielerreichung würde einen unglaublichen Innovationsschub auslösen. Aber – es müsste eben endlich einmal klar gesagt werden. Der sorgfältige Umgang mit unseren Ressourcen muss zum zentralen, gemeinsamen Ziel unserer Gesellschaft werden. Eine solche Grundhaltung würde innerhalb weniger Jahre enorme Veränderungen bewirken. Welche Bedeutung haben Fügetechniken für das nachhaltige Bauen? Wenn wir kleben, müssen wir dies so tun, dass man den Kleber später wieder leicht auflösen kann. Das ist nicht immer einfach realisierbar, man könnte aber beispielsweise im Innenausbau viel mehr wasserlösliche Kleber einsetzen. Ansonsten muss man eben das Spektrum der zur Anwendung kommenden Fügetechniken erweitern: Man kann auch mit Klettverschlüssen arbeiten, mit Verhakungen, magnetischen Befestigungen, und so weiter. Man kann nach wie vor auch schrauben und nageln – aber eben so, dass die Verbindungsstellen später leicht zugänglich sind. Die Nägel dürfen also nicht unter dem Putz liegen, da sie sonst keiner wiederfindet. Nun kann man sagen: die paar Nägel. Doch jeden Tag werden allein Kunststoffdübel im zweistelligen Millionenbereich produziert und verbaut. Vor dem Hintergrund dieser Dimension wird schnell deutlich, dass es Sinn macht, auf die spätere Ausbaubarkeit zu achten. Was ich auf alle Fälle vermeide, sind großflächige Verbundwerkstoffe, die man später nicht mehr trennen kann. Elke Kuehnle ist Journalistin und lebt in München.

Integrierte Gewebe

Technische Textilien werden nicht nur im Membranbau eingesetzt, sondern werden als Fasern oder Gewebe auch in klassische Baustoffe integriert / Text: Iris Kopf Die Anwendungspalette reicht von neuen Möglichkeiten der Armierung mit Carbon-, Glas- oder Aramidfasern im Betonbau über den Umweltschutz im Tiefbau, zum Beispiel zur Bodensicherung und Abdeckung von Deponien, bis hin zu neuen Technologien für die Bauwerkssanierung. Fasern als Verstärkungsmaterialien für Bauteile sind schon seit langem vor allem im Fahrzeugbau oder Sportbereich üblich. Dass sich vor allem Kohlenstofffasern für die Herstellung besonders filigraner Betonstrukturen eignen, ist relativ neu und inspiriert nun Architekten und Hersteller zu neuen Entwürfen. Unter dem Namen „Carbocrete“ erobert zunehmend ein neues Verbundmaterial den Markt. Es ist so fest wie Stahlbeton, aber um bis zu 75 Prozent leichter und langlebiger. Im Vergleich zu Stahlbeton kann Carbocrete nicht rosten, weshalb er sich für Bauteile mit Wasserkontakt besonders eignet. In Forschungsprojekten an der RWTH Aachen, der TU Dresden oder dem Sächsischen Textilforschungsinstitut Chemnitz STFI wurden außerdem die Möglichkeiten von 3D-Textilbewehrungen für Bauelemente untersucht. So wurde im Rahmen eines Verbundprojekts ein neuer Hybridwerkstoff entwickelt, der die Vorteile von Textilbeton und glasfaserverstärktem Kunststoff hinsichtlich Festigkeit, Dauerhaftigkeit und Gestaltungsfreiheit vereint. Für die Bewehrung kamen 3D-Gewirke aus gitterförmig angeordneten Glasfilamentgarnen zum Einsatz. Die Bewehrung aus alkaliresistenten Glasfasern ermöglicht die Herstellung von Bauteilen mit nur zehn Millimetern Dicke und einer Zugfestigkeit von bis zu 165 MP. Eine Zwischenschicht aus Epoxidharz und Polyester-Wabenvlies soll dabei dem Entkoppeln beider Materialien in Bezug auf mechanische, chemische und thermische Eigenschaften vorzubeugen. In Kooperation eines Baustoffherstellers mit der RWTH Aachen und der TU Dresden entstand ein Fassadensystem aus nur 30 Millimeter dicken Betonplatten, die mit einer 3D-Textilbewehrung ausgestattet sind und einem Winddruck bis 1,80 kN/m² standhält. Zum Einsatz kam ein Abstandstextil mit enorm hoher Tragfähigkeit und besonders geringem Eigengewicht. Gegenüber vergleichbaren stahlbewehrten Fassadenelementen werden dabei bis zu 80 Prozent der für die Herstellung benötigten Ressourcen eingespart. Die Betonfassaden können mit verschiedenfarbigen Gesteinskörnungen ausgestattet sowie gestrahlt, geschliffen oder gesäuert werden. Die im Vergleich zu anderen Fassadensystemen günstiger ausfallende Ökobilanzierung konnte vom Institut LCEE aus Darmstadt nachgewiesen werden. Eine besondere Herausforderung ist der Einsatz von Textilbeton im Denkmalschutz, da es um die Sicherung erhaltenswerter Bausubstanz geht. Bisherige Maßnahmen mit bekannten Techniken, oft mit chemischen Produkten, sind meist unbefriedigend, da sie der Witterung nicht standhalten und Rissbildungen nicht verhindern. Deshalb ist besonders unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit – Erhaltung des Baudenkmals unter Verwendung ressourcenschonender Materialien – eine im Rahmen eines Forschungsprojekts der RWTH Aachen entwickelte Textilbetonbandage erwähnenswert, die sich an die Idee einer Lamellenverstärkung anlehnt. Sie wird in Laminiertechnik mit textiler Karbonbewehrung vor Ort hergestellt. Die Bandage kann Kräfte aufnehmen und minimiert die Rissbewegung. Ihr praktikabler Einsatz bleibt nicht auf Gebäude beschränkt, sondern kann auch bauhistorische Kunstwerke wie Mosaiken sichern.

Bühne für Baumeister

Hervorgehoben

Ein Theaterregisseur lehrt Architekten wirkungsvolleres Präsentieren. Text: Ralf Kalscheur Als Schauspieler und Theaterregisseur hat Peter Lüder im Laufe seines über 20-jährigen Berufslebens etliche misslungene Inszenierungen erlebt. Doch diese erwischten ihn kalt: Seine Baugenossenschaft hatte einige Architekten eingeladen, in siebenminütigen Kurzvorträgen für ihre Ideen zu werben. „Keiner hat unter 15 Minuten geredet“, erinnert sich Lüder. Was den Theatermann aber richtig quälte, war die Eintönigkeit der Vorstellungen. Eine dröge PowerPoint-Präsentation folgte der nächsten. Hauptdarsteller in Serie: der Beamer, von dessen grellem Licht sich die Referenten bereitwillig ins Halbdunkel drängen ließen, um daraus schattenhaft ein Bild nach dem anderen zu kommentieren. Überzeugend: Als Theaterregisseur kennt Peter Lüder die Tricks einer erfolgreichen Selbstinszenierung vor Publikum. Er gibt sie jetzt auch an Architekten weiter. Foto: Heike Steinweg „Die Veranstaltung war mein Aha-Erlebnis“, sagt Peter Lüder, der erkannte: Bühnengesetze gelten auch für Architekten. Lüder hat bei Peter Zadek am Berliner Ensemble assistiert und danach über 40 Inszenierungen an verschiedenen deutschen Bühnen verantwortet. Doch Beruf und Broterwerb sind in diesem Metier mitunter schwer in Einklang zu bringen. Seine Auftragslage war zuletzt schwankend, aber dann kam Land in Sicht: Der Regisseur bildete sich zum Kommunikationstrainer fort und verknüpfte die Lehren der Rhetorik mit seinem Wissen um die Bühnenwirksamkeit. Vorstellungsrunde und Horrorvorstellung Wir sitzen in einem Seminarraum der Architektenkammer Berlin, auf dem Programm steht: „Mehr Persönlichkeit, weniger PowerPoint – erfolgreich präsentieren“. Theatermann Lüder bittet zur Vorstellungsrunde der 13 Teilnehmer: Sabrina ist eine selbstständige Architektin aus Mitteldeutschland. „Ich habe große Probleme bei der Akquise und bekomme einfach nicht die Aufträge, die ich haben will“, klagt sie. „Ich habe mich gefragt, ob das vielleicht an meinem Auftreten liegt.“ Jens ist an der Reihe, er ist aus Hamburg angereist. „Ich will lernen, souveräner zu wirken, weil ich in meinem Aufgabenbereich auch präsentieren muss. Aber ich bin kein Redner und werde nie einer sein“, sagt er. Das Seminar, das freie Sprechen vor Menschen sei für ihn der reine Horror. Im zweiten Akt bringt Peter Lüder eine Kamera in Position. Wir haben zwei Minuten Zeit, um uns, nun vor Gruppe und Aufnahmegerät stehend, noch einmal vorzustellen und persönliche Erwartungen an das Seminar zu formulieren. Bühne frei für Erik, Chef eines nicht ganz kleinenArchitekturbüros in Hamburg. „Ich habe noch nie einen Rhetorik-Kurs besucht und wollte mal wissen, wie das so ist“, erzählt er, eine Hand gelassen in die Hosentasche steckend. Routine und eine in sich ruhende Ausstrahlung verraten den Präsentations-Profi. Das mit der Hand in der Hosentasche ist übrigens nicht verboten – wenn es zum Auftreten passt, merkt der Trainer an. Er ist kein Freund der ganzheitlichen Körpersprache nach der Lehre Samy Molchos. „Gesten haben keine Bedeutung, sie haben aber sehr wohl Wirkung“, sagt Lüder. ­Abgang, Applaus für Erik. Fast die Hälfte der Seminar-Teilnehmer steht bei ihm in Lohn und Brot. Auch Jens. Reden kann man lernen Die Kamera und 13 Augenpaare, darunter die seines Chefs, beobachten nun seinen Vortrag: Jens, seiner Angst-Situation ausgeliefert. In der Gruppe wird gleich hinterher die Filmaufnahme von Jens’ Auftritt zusammen mit ihm besprochen. Er steht etwas unruhig, verlagert zu oft das Gewicht vom einen auf das andere Bein. „Rennen Sie vor einer Präsentation einmal den Flur runter“, rät Peter Lüder. „Das baut Spannung ab.“ Doch abgesehen vom unsicher wirkenden Wippen ist dem Mann das hohe Lampenfieber, entgegen seiner Befürchtung, kaum anzumerken. Diese Diskrepanz zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung ist ein Phänomen, das die meisten Teilnehmer eint. Carola, Architektin aus Berlin, spricht ihre Nervosität in ihrem Vortrag direkt an. Innerlich, so verrät sie später, verlor sie sogar kurz den Faden, weil sie so aufgeregt war. Nach außen wirkte sie wie die Ruhe selbst. Die permanente Selbstbeobachtung ist eine Falle für den Redner. „Man muss weg von dem Gedanken ‚Die Leute wollen mich bewerten‘ und hin zu der pragmatischen Einstellung gelangen: ‚Die wollen etwas von mir erfahren‘“, erklärt Peter Lüder. Das erfordere viel Übung, denn: „Es gibt keine geborenen Redner. Das ist harte Arbeit. Aber jeder kann lernen, die Rolle des Redners zu spielen, ohne darüber nachzudenken.“ Sabrina, die Schwierigkeiten mit der Akquise hat, ist dran. Lampenfieber ist nicht das Kernproblem der erfahrenen Architektin. Ihr Auftritt indes offenbart Schwächen in Körpersprache und nonverbaler Kommunikation. Ihr fehlt die Bühnenpräsenz. Die Mimik vermittelt keine Überzeugung, die Gestik wirkt schüchtern, der Körperhaltung fehlt die Spannung. Die Folge: Sabrinas Kompetenz-Botschaft geht unter, weil sie nicht gewinnend vorgetragen wird. „Man muss dem Zuhörer emotionales, bildhaftes Futter geben, damit er ihre Gedanken zu seinen machen kann“, sagt Peter Lüder. „Machen Sie zwischen Kernsätzen kurze Pausen, das stellt die Bedeutung des Gesagten heraus. Und senken Sie zum Ende jedes Satzes die Stimme.“ Eine monotone Stimmlage wirkt ungemein ermüdend. Entspannung und Intuition Wir stehen im Kreis und schütteln unsere Arme, schütteln unsere Beine. Wir beugen uns tief nach unten, ganz tief, und berühren unsere Füße. Locker werden. Ruhig atmen. Vor der Körpermitte, etwa in Bauchhöhe, legen wir nun unsere Fingerspitzen gegeneinander und bilden dabei eine Raute. Angela Merkel hat eine ähnliche Geste weithin bekannt gemacht. Fingerspitzen ein paar Sekunden zusammenpressen, dann wieder den Druck lösen. Die Übung soll die Atmung regulieren und helfen, innere Anspannung abzuleiten, lehrt Lüder. Der Kreis öffnet sich. Nacheinander soll jetzt jeder Teilnehmer außen um den Halbkreis herumgehen, um dann auf der imaginären Bühne vor versammelter Mannschaft eine spontane Ansprache zu halten. „Wirkung ist nichts Absolutes, sondern sehr subjektiv“, hat der Trainer uns mit auf den Weg gegeben. „Sie können und müssen nicht allen Leuten gefallen.“ Stattdessen komme es beim freien Reden darauf an, eine eigene Haltung zu entwickeln, intuitiv zu handeln und nicht blind den Rhetorik-Regeln zu folgen. „Wer etwa stur den Blickkontakt sucht, weil die Regel das verlangt, der starrt nur noch“, sagt Peter Lüder. Ich sage: „Guten Tag, ich habe den langen Weg einmal rund um den Kreis gemacht, nur um mich bei Ihnen und Herrn Lüder zu bedanken. Dafür, dass ich als teilnehmender Beobachter hier mitmachen und ein bisschen spionieren darf.“ Na ja. Das Publikum hat mich immerhin nicht mit Tomaten beworfen. Kritik vom Trainer: Ich suche zu wenig den Blickkontakt und rede zu leise. Er schickt mich erneut zum Gang um den Kreis. Beim zweiten Versuch konzentriere ich mich darauf, einige Zuhörer direkt anzusprechen und ihnen dabei in die Augen zu schauen. Leider vergesse ich darüber, lauter zu sprechen. Innerlich formuliere ich recht laut ein Wort mit S. Der Kreislauf des Übens sieht für mich noch viele Runden vor. Zum Glück bin ich in dieser überschaubaren Runde nicht nervös, zumindest nicht sehr. Denn trotz Merkel-Geste und Rennen auf dem Flur – gegen starkes Lampenfieber ist wenig auszurichten. Auch Peter Lüder hat da nur schwachen Trost, wenn er von Schauspielern berichtet, die vor einem Auftritt den ganzen Tag in der Kneipe flippern müssen, um es zu bekämpfen. Er selbst war immer sehr nervös, sobald sich der Vorhang hob, sagt er. Man kann wohl nur mit dem Lampenfieber umgehen lernen, irgendwie. PowerPoint nur in der Nebenrolle In der letzten Übung des Tages möchte Peter Lüder, dass wir mit sechs Drudeln – das sind erklärungsbedürftige Kritzeleien – eine Erfolgsgeschichte erzählen. Man steht also neben dem Tafelschreibblock, kritzelt, vom Publikum halb abgewandt, Comicbilder, sagt etwas dazu und kritzelt wieder. Da macht nicht mehr jeder Teilnehmer mit, der Tag war lang. Das Übungsziel ist zwar nachvollziehbar: Es geht um das lebendige Einbeziehen von Bildern in den freien Vortrag. Berufsnäher wäre es jedoch gewesen, dies mit PowerPoint-Folien zu trainieren. Aber die Seminarteilnehmer haben schon bei der nächsten Präsentation im Job die Gelegenheit, den Beamer mal ein Stück aus dem Rampenlicht zu rücken. Und sich selbst hinein. Wie man nach und nach in die Rolle des Redners wachsen kann, wissen wir ja jetzt. n Die Vornamen der Architekten sind geändert. Ralf Kalscheur ist freier Journalist in Berlin.

Haus-Marken IV: Bock auf Truck

Bauen als Selbstbild von Unternehmen, neudeutsch „Corporate Architecture“, bringt ambitionierte Projekte hervor, aber auch Gags oder bemühte Zeichensprache – Beispiel 4: Im Abbild eines Lkw-Auflegers werden Lkws verkauft. Text: Simone Hübener Mehrere Hektar Schotterfläche, vollgestellt mit Lkws, und dazwischen ein kleiner, unscheinbarer Container mit einigen Büroräumen – so präsentierte sich bis 2011 der Lkw-Handel Füchsl in Oberschleißheim, 20 Kilometer nördlich von München. Dieses Provisorium vermittelte weder einen adäquaten Eindruck noch war es ökologisch sinnvoll: Mit den Räumen wurde gleichzeitig auch die Umgebung geheizt. Der Besitzer bat Palais Mai Architekten aus München um den Entwurf für ein kostengünstiges Betriebsgebäude. Daraus entwickelte sich ein Bauwerk, das kaum deutlicher auf die Tätigkeit des Unternehmens hinweisen könnte.

Foto: Edward Beierle

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Gebautes Markenzeichen: Schwarze Bitumenschindeln bedecken Dach und Fassaden; die Fenster mit Dreifachverglasung werden von gekanteten Alublechen gerahmt.

Da aus wirtschaftlichen Gründen auf einen Keller verzichtet werden sollte, verlegten die Architekten das eigentliche Erdgeschoss um eine Etage nach oben und schoben den benötigten Lagerraum unter die eine Gebäudehälfte. Die andere wurde aufgebockt und dient als Dach für zwei Stellplätze. Die seitlichen Wände lösten die Architekten in zwei auf den Spitzen stehende Dreiecke auf. Bereits dadurch assoziiert man das Gebäude unweigerlich mit einem Lkw-Aufleger, der nur darauf wartet, dass eine der umstehenden Zugmaschinen angefahren kommt und ihn mit auf Reisen nimmt. Die von den Architekten gewählte Dachform verstärkt diese Analogie. Das Satteldach ist fast flach und der First ist asymmetrisch im vorderen Drittel angeordnet, was eine nach vorn drängende Dynamik erzeugt. Parallel zu dieser starken Symbolik hat das aufgeständerte Gebäude zwei weitere wichtige Vorteile: Erstens überblickt der Platzwart das Gelände von seinem Büro aus nun bestens, zweitens finden sich auch die potenziellen Kunden endlich zurecht. Der ursprüngliche, flache Container war zwischen den hohen Zugmaschinen nicht zu sehen, sodass zwei Fahnen auf seinen Standort hinweisen mussten. Trotz dieses gewissen Maßes an Pragmatik mag der Entwurf von Palais Mai manchem zu plakativ erscheinen. Doch muss es in der Architektur immer tierisch ernst zugehen? Bei einem Gebäude dieser Größe – und weit entfernt von den nächsten Häusern – darf man seine Aufgabe auch mal mit einem Augenzwinkern angehen und zu etwas verspielten Lösungen kommen. Beispiel 1: Edel für Möbel – Beim Büroeinrichter Sedus Stoll passen Architektur und Firmenphilosophie bestens zusammen Beispiel 2: Eigenwerbung – Das Stuttgarter Planungsbüro Blocher Blocher Partners nutzt den selbst entworfenen Firmensitz als Visitenkarte siner Leistungsfähigkeit Beispiel 3: Duftöl und Bergkristal – Feng-Shui und Ökotechnik prägen den Bau des Naturkosmetikers Primavera Life Simone Hübener ist Fachjournalistin für Architektur und Bauen in Stuttgart

Digitale Messdiener

Zollstock und Maßband haben beinahe ausgedient – digitale Mess-Systeme sind schneller, präziser und bei häufiger Anwendung kostengünstiger. Es gibt geeignete Techniken für Planung, Energieberatung, Denkmalschutz und mehr. Von Marian Behaneck Jeder misst das Gleiche – und doch braucht jeder andere Ergebnisse: Planer messen Grundrisse oder Fassaden auf, um Bestandspläne anzufertigen oder zu aktualisieren. Energieberater erfassen Räume und Hüllflächen, um die Gebäudeenergiebilanz berechnen zu können. Bauleiter prüfen Rechnungen anhand separat oder gemeinsam mit dem Handwerker erstellter Aufmaße. Denkmalpfleger benötigen porträtierende, verformungsgetreue Aufmaße, mit denen auch der qualitative Bauzustand erfasst werden kann. Facility-Manager erfassen Geometrie- und Sachdaten von Gebäuden oder technischen Anlagen, um diese effizienter bewirtschaften zu können.

Foto: Leica Geosystems

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Raum alt, Technik neu: Es kommt darauf an, was man machen will – beim digitalen Aufmaß bestimmt die Messaufgabe die Werkzeuge.

Für jede Aufgabe bieten Hard- und Softwarehersteller die passende Lösung. Sogar mehr oder weniger brauchbare Aufmaß-Apps für das Smartphone gibt es bereits (siehe auch Online-Übersicht). Entsprechend schwer fällt die Auswahl der richtigen Technik. Hinzu kommt die Vielfalt der Aufmaßverfahren: Es gibt 2D-Aufmaßsysteme, das tachymetrische 3D-Aufmaß, das 2D- oder 3D-Fotoaufmaß und das 3D-Laserscanning (Tabelle und weiterführende Links finden Sie hier). Was sich wann für wen eignet, hängt davon ab, welche Messdaten man braucht und was man damit vorhat. Das Planeraufmaß dient in der Regel der Planerstellung, Aktualisierung oder Bestandsdokumentation. Dafür werden häufig 2D-Erfassungssysteme eingesetzt, bestehend aus einem Laser-Distanzmesser mit PC-Schnittstelle, der Aufmaßsoftware und einer mobilen Hardware. Ist kein Laser-Distanzmesser vorhanden, können Distanzen auch konventionell mit Bandmaß und Zollstock gemessen und manuell eingegeben werden, was jedoch umständlich ist. Das Prinzip der 2D-Systeme ist einfach: Man zeichnet oder wählt eine den tatsächlichen Verhältnissen ähnelnde Grundrissform. Danach fragt das System nacheinander alle erforderlichen Maße ab (Wandlängen, Diagonalen und ggf. die Höhe). Aus den gemessenen Wandlängen und den Raumdiagonalen wird ein maßstäbliches Raumpolygon erzeugt. Mehrere Räume werden über Referenzpunkte verknüpft und sukzessive zu einer Grundriss-Innenkontur zusammengefügt. Die Außenwanddicke wird über Fenster- und Türlaibungen erfasst, sodass eine komplette Grundriss-Skizze entsteht, die anschließend per DXF-Schnittstelle an ein CAD-System zur Weiterbearbeitung übergeben werden kann. Neben diesen geometrischen 2D-Aufmaßsystemen gibt es auch mengen-/raumorientierte Systeme für die Ermittlung des Umfangs von Bauleistungen (siehe unten). Vorteile bieten alle rechnergestützten Aufmaßverfahren: Die strukturierte Abfrage sowie teilweise auch Plausibilitätskontrollen tragen dazu bei, dass Aufmaßdaten möglichst vollständig und korrekt sind – auch wenn man zwischendurch vom Bauherren oder Handy abgelenkt wird. Zudem genügt in der Regel eine Person, während das manuelle Aufmaß mindestens eine messende und eine notierende/skizzierende Person erfordert. Und die digitale Erfassung der Bestandsdaten noch vor Ort erübrigt einen kompletten Arbeitsschritt: die langwierige und fehlerträchtige Eingabe der analogen Messdaten in den Bürorechner. Bei krummen und schiefen, runden oder frei geformten Räumen und Objekten sowie bei der 3D-Erfassung stoßen 2D-Aufmaßsysteme naturgemäß an ihre Grenzen. Für diese Fälle sind tachymetrische Systeme besser geeignet. Das sind auf einem Tachymeter (Kombination aus Winkel- und Distanzmessgerät) oder speziellen Aufmaßgeräten basierende Systeme, die die Raumkoordinaten wichtiger Punkte eines Raumes oder Gebäudes über Horizontalrichtungt, den Vertikalwinkel sowie die gemessene Distanz erfassen. Aus den per Bluetooth auf den mobilen Rechner übertragenen Messdaten werden unmittelbar vor Ort 3D-Aufmaßskizzen erstellt. Teilweise werden parallel sogar echte 3D-Bauteile eingegeben, so dass gleich beim Aufmaß ein BIM-Gebäudemodell entsteht (Building Information Modeling, siehe www.bim-measurement.com). Fotobasierende Aufmaßsysteme sind prädestiniert für die zwei- oder dreidimensionale Erfassung von Gebäudefassaden, Fassadendetails, -oberflächen und -strukturen. Bei diesem Verfahren werden die zum einen durch Betrachterperspektive, zum anderen auch durch die Kamerageometrie oder Optik bedingten Bildverzerrungen im Foto von der Software herausgerechnet. Dazu werden eine Gebäudefassade, eine Innenwand oder ein anderes Objekt, zum Beispiel ein Bestandsplan, mit einer Digitalkamera fotografiert. Das Digitalfoto wird anschließend in das Fotoaufmaß-Programm geladen und perspektivisch entzerrt. Danach wird es an ein CAD-Programm übergeben, kalibriert und quasi „durchgepaust“. Alternativ kann die Neuplanung einfach über das Foto gezeichnet und anschließend gemeinsam ausgegeben werden. Diese Technik wird beispielsweise in der Denkmalpflege für die Erfassung baulicher Schäden (Schadenskartierung) genutzt. Mit Hilfe der so genannten ­Stereofotogrammetrie lassen sich anhand zweier oder mehrerer Fotos auch 3D-Gebäudemodelle generieren. Laserscanner-Systeme haben ihre Stärken bei der schnellen Erfassung komplexer Raum-, Gebäude- oder Anlagenstrukturen, bei der Erfassung historischer Gebäudesubstanz oder bei technischen Anlagen. Im Gegensatz zum oben genannten tachymetrischen Messverfahren erfasst ein zentral aufgestellter Laserscanner nicht einzelne Messpunkte selektiv, sondern in Sekundenschnelle eine Vielzahl von 3D-Objektkoordinaten in einer sogenannten „Punktwolke“. Diese aus mehreren Millionen 3D-Messpunkten bestehenden Daten müssen in einem zweiten Arbeitsgang für die weitere Nutzung (CAD-Planung, Visualisierung etc., siehe z. B. www.laser-scanning-architecture.com) manuell oder halbautomatisch ausgewertet werden. Immer das richtige Werkzeug Planer müssen vorhandene Planunterlagen überprüfen, aktualisieren und digitalisieren – oder neue Bestandspläne erstellen. Diese werden, gegebenenfalls zusammen mit zusätzlich erfassten Objekt- oder Sachdaten, direkt in ein CAD-System eingepflegt oder per Schnittstelle übertragen. Beim Planeraufmaß reicht die Palette von der alphanumerischen Längen-, Flächen- oder Volumenermittlung bis zur umfassenden dreidimensionalen Erfassung einzelner Bauwerke oder ganzer Stadtviertel. Welche der oben beschriebenen Erfassungssysteme dabei zum Einsatz kommen, hängt von der jeweiligen Aufgabenstellung, vom Objekt und den Randbedingungen ab. Von Fall zu Fall ist auch der parallele Einsatz mehrerer Verfahren erforderlich. Auch Energieberater kommen um ein präzises Vor-Ort-Aufmaß oft nicht herum. Für die Raumgeometrie und die Bauteile bieten sich 2D-Erfassungssysteme an. Den Aufwand für eine präzise Hüllflächenermittlung kann man mit einem fotografischen Aufmaß minimieren, wofür auch spezielle Programme offeriert werden (u.a. BKI Fotoaufmaß, Foto-Aufmaß Professional etc.): Das Digitalfoto wird im Programm korrigiert, perspektivisch orientiert, kalibriert und ausgewertet. Alle Wand- und Fensterflächen werden zur weiteren Berechung an ein Energieberatungsprogramm übergeben. Für Bauleiter sind vor allem mengen- oder raumorientierte 2D-Aufmaßsysteme interessant. Sie dienen der Erfassung von Längen, Flächen und Volumina mit nachvollziehbarem Rechenansatz, um Rechnungen prüfen, Leistungen nachweisen oder Angebote erstellen zu können. Dabei werden mithilfe einer meist REB-konformen Formelsammlung und eines Aufmaß-Assistenten Flächen und Abzugsflächen alphanumerisch oder skizzenorientiert erfasst. Je nach Anwendungsfall und Programm werden Raumaufmaße, Spaltenaufmaße oder freie Aufmaße generiert. Die gemessenen Werte lassen sich teilweise den Positionen eines Leistungsverzeichnisses zuordnen (z. B. MWM Piccolo), was beispielsweise die Rechnungsprüfung oder LV-Erstellung rationalisiert. Denkmalpfleger benötigen vor allem porträtierende, verformungsgetreue Aufmaße, mit denen auch Schiefwinkligkeiten, krumme und schräge Bauteile sowie Tragwerksverformungen in einer Genauigkeit von ± 2 mm und höher erfasst werden können. Darüber hinaus müssen der qualitative Zustand, Oberflächen oder Strukturen erfasst werden, weshalb unterschiedliche Methoden, teilweise auch parallel, zum Einsatz kommen: tachymetrische und fotogrammetrische Systeme ebenso wie das Laserscanning. Die Besonderheit des Facility-Management-Aufmaßes liegt in der Erfassung und Verknüpfung von Geometrie- und Sachdaten, wobei letztere meist in Form von Raumbüchern erfasst werden. Diese enthalten Angaben zur Fläche, Höhe, zum Bodenbelag, zu Wandoberflächen, Einbauteilen wie Fenstern und Türen, zu Installationen, zum Inventar und so weiter. Nur wenige Erfassungssysteme können gleichzeitig Geometrie- und Sachdaten in der für das Gebäudemanagement erforderlichen Detaillierung und Struktur erfassen. Daher ist die Auswahl auf einzelne Anbieter, wie z. B. www.grae-bert-isurvey.com, begrenzt. Häufig werden auch spezialisierte Aufmaßdienstleister beauftragt. Mobile Hardware bietet Vor-Ort-Auswertung Mobile „Hardware“ macht das digitale Vor-Ort-Aufmaß erst möglich. Dazu gehören vor allem Notebooks, die kompakteren Netbooks, Tablet-PCs, Smartphones, aber auch Laser-Distanzmessgeräte und Digitalkameras. Dank mobiler Hardware und der darauf installierten Aufmaß-Software erkennt man schon vor Ort, ob alle wesentlichen Messdaten erfasst worden sind. Sind Einzelmaße oder Details unklar, können Fragen unmittelbar am Objekt geklärt werden. Kompakte Pocket-PCs und die zunehmend favorisierten Smartphones haben den Vorteil, dass sie – am Unterarm mit einer speziellen Klettband-Halterung befestigt – beim Aufmaß kaum behindern. Nachteilig ist ihr kleiner Bildschirm. Das Notebook/Netbook oder der Tablet-PC leisten, gegebenenfalls um Schulter und Bauch geschnallt, netzunabhängig für drei bis vier Stunden oft bessere Dienste – bei der Erfassung unmittelbar am Objekt wie bei der Auswertung im Büro. Eine wirtschaftliche Alternative zu Bandmaß und Zollstock sind Laser-Distanzmessgeräte. Die Messwerte können zwar auch vom Display abgelesen und eingetippt werden, rationeller und fehlerfreier ist die Messdatenübertragung per Bluetooth-Funkstandard. Allerdings bietet derzeit nur noch ein Hersteller (Leica Geosystems) entsprechende Geräte an. Bei kurzen Distanzen oder beim Detailaufmaß sind Laser-Distanzmessgeräte eher hinderlich. Praktischer sind ein Zollstock und eine Digitalkamera. Letztere ist auch beim Fassadenaufmaß sehr nützlich, wobei hier Bildauflösungen von mindestens fünf Megapixel und eine gute Kameraoptik Voraussetzung sind. Foto-Handys sind eher eine Notlösung. Gute Technik gibt es natürlich nicht zum Nulltarif. Wer auf der Baustelle digital aufmessen will, muss seine Hardware aufrüsten und deutlich mehr Geld ausgeben als für Zollstock, Bandmaß, Bleistift und Papier. Die Investitionskosten liegen zwischen 1.000 und 2.500 Euro für einfache 2D-Erfassungssysteme, bestehend aus Aufmaßsoftware, mobilem PC, Laser-Distanzmesser inklusive Bluetooth-Schnittstelle und gegebenenfalls einer Kamera. Für 3D-Aufmaßsysteme muss man zwischen 6.000 und 12.000 Euro (tachymetrische Systeme) und zwischen 30.000 und 70.000 Euro (Laserscanner-Systeme) investieren. Fotobasierende Systeme kosten zwischen 500 (einfache Bildentzerrung) und 10.000 Euro (Stereofotogrammetrie). Selbst aufmessen oder aufmessen lassen? Digitale Aufmaßsysteme sind keine Universalwerkzeuge, und nicht alle Verfahren sind für den gelegentlichen Einsatz in einem Architekturbüro geeignet. Kein digitales Aufmaßsystem kann Bauwerke automatisch erfassen. Man kann jedoch den manuellen Aufwand – von der Datenerfassung bis zur Eingabe in ein CAD- oder CAFM-System – erheblich minimieren. Der entscheidende Vorteil ist, dass beim rechnergestützten Aufmaß zugleich gemessen und digitalisiert, teilweise auch unmittelbar zwei- oder dreidimensional konstruiert wird. Die digitalen Messdaten stehen sofort zur Weiterverarbeitung am PC zur Verfügung und ein kompletter Arbeitsgang entfällt: das zeitintensive und fehlerbehaftete Eintippen am PC. Während sich 2D-Erfassungssysteme und das Fotoaufmaß auch für einen gelegentlichen Einsatz eignen, werden tachymetrische und Laserscanner-Systeme schon aus Kostengründen eher als Dienstleistung von Dritten bestellt. Wer selbst etwas erwirbt, sollte auch auf den Auswertungsaufwand und auf eine einfache Bedienung achten. Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz) Nützliche Links und weiterführende Hinweise finden Sie hier.

Haus-Marken I: Edel für Möbel

Hervorgehoben

Bauen als Selbstbild von Unternehmen, neudeutsch „Corporate Architecture“, bringt ambitionierte Projekte hervor, aber auch Gags oder bemühte Zeichensprache – Beispiel 1: Beim Büroeinrichter Sedus Stoll passen Architektur und Firmenphilosophie bestens zusammen. Text: Simone Hübener Ökologie und Nachhaltigkeit sind Schlagworte, die sich Firmen heute gerne auf die Fahne schreiben. Beim Büromöbel-Hersteller Sedus Stoll in Dogern am Hochrhein stand die Auseinandersetzung mit diesen Themen bereits von Beginn, also von 1871 an, auf der Tagesordnung. So verkündet einer der Unternehmensgrundsätze: „Wir handeln konsequent umweltbewusst. Höchste Qualität und Langlebigkeit unserer Produkte sind der wichtigste Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung.“ Die Firma unterstreicht dies auch mit ihrer Architektur am Firmensitz, der zwischen Basel und dem Bodensee gelegen ist. Werte erhalten In einem ersten Schritt zur Corporate Architecture bauten Jockers Architekten aus Stuttgart Ende der 1990er-Jahre einen erst wenige Jahre alten Bürobau um und stockten ihn um eine Etage für das Betriebsrestaurant auf, in dem Lebensmittel aus eigenem Bioanbau verarbeitet und serviert werden. Die drei Stockwerke des Bestandsgebäudes wurden durch ein Atrium miteinander verbunden, das eine großzügige Atmosphäre schafft und über dessen Glasdach Tageslicht ins Innere strömt. Die gläsernen Trennwände der Zellenbüros ermöglichen auch vom Flur Ausblicke auf die bewaldeten Hügel des Schwarzwalds; die Glasfassade bietet den Mitarbeitern die Möglichkeit, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen.

Foto: Jan Bitter / Presse Sedus Stoll

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Das Entwicklungszentrum von Sedus Stoll bei Tag. Foto: Jan Bitter

Dieser Bau signalisiert vor allem eines: Nachhaltigkeit betrifft nicht nur Materialien und Energieverbrauch, sondern auch den Umgang mit den Beschäftigten. Gesunde und motivierte Mitarbeiter sind leistungsfähiger und produktiver, sodass die Sorge um die Qualität der Arbeitsplätze aus der Sicht des Unternehmens nicht ganz selbstlos ist. Damals wurde aber auch schon auf langlebige und qualitativ hochwertige Materialien und Produkte Wert gelegt. Das lässt sich rund 15 Jahre später gut erkennen: Das Gebäude spricht zwar deutlich die Sprache seiner Entstehungszeit, wie sich beispielsweise am voll verglasten, vorgebauten Treppenhaus mit einem ebensolchen Aufzug erkennen lässt, doch die einzelnen Elemente wirken überwiegend wie neu. Vom Stein des Anstoßes zum Firmen-Merkmal Weitaus mutiger war die Unternehmensleitung bei der Sanierung und Erweiterung des bestehenden Hochregallagers. Dessen neue, bunte Fassade trägt eindeutig die Handschrift des Berliner Architekturbüros Sauerbruch Hutton und verbindet diese mit den Grundsätzen von Sedus. Die Fassade sollte ökonomisch und ökologisch sinnvoll sein; sie sollte den Stellenwert widerspiegeln, den das Design bei Sedus mittlerweile eingenommen hat, und sie sollte einen Bezug zum neuen Motto „Place 2.5 – die neue emotionale Kultur des Büros“ herstellen. Was nach einer Wortschöpfung aus der Marketingabteilung klingt, hat bei Sedus Substanz. Soziologen sind der Meinung, dass sich unser Leben an drei Orten abspielt: im Zuhause als erstem Ort, im Büro als zweitem und an dem Ort, an dem wir unsere Freizeit verbringen, als drittem. Das Unternehmen versucht, mit seinen Möbeln, die durch Produkte anderer Hersteller, wie Leuchten und Akustikpaneele, ergänzt werden, den Arbeitsplatz in eine „inspirierende Bürolandschaft“ umzuwandeln. Dass dabei auch Farben eine Rolle spielen, ist evident und wird bei der neuen Fassade des Hochregallagers sichtbar. Bunt ist sie aber auch, damit der 115 Meter breite und 29 Meter hohe Baukörper durch die kleinteilige Gliederung optisch seine Massivität verliert. Um die richtigen Töne zu treffen, studierten die Architekten die Umgebung: die ans Gelände angrenzende Wohnbebauung, den Wald, die Wiesen, den Rhein und vieles mehr. Aus dieser Fülle wählten sie 20 Farbtöne aus, die sich gleichzeitig an das warme Terrakotta des benachbarten Verwaltungsbaus anpassen. Mit dieser Palette schufen sie ein bis ins Detail geplantes Muster. Insgesamt 17.200 gedämmte Stahlblechpaneele in den Abmessungen 1.600 mal 255 Millimeter montierten die Arbeiter. Auf den Längsseiten integrierten die Planer je einmal den Unternehmensschriftzug, zusammengesetzt aus je 24 Paneelen mit 1.100 mal 1.600 Millimetern. Die Schrift ist zwar prägnant und von Weitem sichtbar, im Vergleich zur Gesamtfläche allerdings nicht zu dominant. Der Mut, den Bauherren und Architekten bei diesem Projekt zeigten, lohnte sich aus heutiger Sicht gleich doppelt: Zum einen wirkt der riesige Baukörper, der zur angrenzenden niedrigen Wohnbebauung einen unglaublichen Maßstabssprung darstellt, deutlich kleiner. Zum anderen ist ein Stück Corporate Design entstanden. Das Farbspiel der Fassade hat es sogar auf Pressemappen und diverse Kundengeschenke, wie Notizbücher, geschafft. Es schließt sich hier der Kreis, der bei den Unternehmensgrundsätzen begann und über die Architektur wieder zum Markenauftritt zurückführt. Hochwertig, funktional, ansprechend Mit einem ganz anderen Erscheinungsbild wartet das neue Innovationszentrum auf, das jüngste Architekturprojekt auf dem Campus Dogern. Das Hochregallager war einfach in der Kubatur und auffällig an der Fassade. Das Entwicklungs- und Innovationszentrum macht dagegen durch seine Form auf sich aufmerksam, nicht durch sein weißes, textiles Fassadenkleid. Bereits 2001 ebenfalls von Sauerbruch Hutton geplant, wurde es aufgrund der Wirtschaftskrise erst Jahre später begonnen und Ende 2010 fertiggestellt. Mittlerweile war die Projektleitung an das Berliner Büro Ludloff & Ludloff übergegangen. Jens Ludloff war Büropartner von Sauerbruch Hutton und hatte dieses Projekt gewissermaßen als Startkapital mitbekommen. In diesem Neubau sollten fortan Designer, Entwickler, Einkäufer und Marketingstrategen gemeinsam unter einem Dach forschen und arbeiten. Diesen Anspruch haben die Architekten in der Tat sehr wörtlich genommen. Im Obergeschoss gehen die verschiedenen Arbeitsbereiche fließend ineinander über. Ein großer innerer Kern nimmt Projekt- und Besprechungsräume, eine interne Treppe und mehr auf. Das Erdgeschoss mit Modellwerkstätten und einer Prüfanlage für Bürostühle ist aus funktionalen und akustischen Gründen mit fest stehenden Wänden unterteilt und in Ortbeton ausgeführt. Bei der Wahl der Materialien sowie der Haus- und Energietechnik wurde die Haltung des Unternehmens noch deutlicher in Architektur umgesetzt. Die Fassade besteht aus einem plastifizierten Glasfasergewebe mit hellblauen Abdichtungsbahnen als Unterkonstruktion, das sehr leicht und zugleich extrem strapazierfähig ist. Damit kann das Ziel erreicht werden, eine beständige Fassade mit minimalem Materialeinsatz zu bauen – ganz so, wie es Sedus bei all seinen Produkten praktiziert. Die Analogie zur Stoffbespannung der Stuhlsitze war laut Jens Ludloff nicht explizit gewollt, wirkt aber sehr sympathisch, da damit auch ein Bezug zu den Produkten des Unternehmens hergestellt wird. Als Wandbespannung des inneren Kerns taucht das Textile wieder auf. Der scharrierte Sichtbeton im Eingangsbereich, der dunkelrote Bodenbelag aus Naturkautschuk und die firmeneigenen Möbel vermitteln einen soliden, hochwertigen und langlebigen Eindruck. Genauso wie das Sichtbare überzeugt bei diesem energetisch optimierten Neubau auch das im Verborgenen Liegende. Beheizt und gekühlt wird das Obergeschoss über eine eingeputzte Heiz- und Kühldecke, die mit Brunnenwasser gespeist wird. Aus der Rücklaufleitung wird das Wasser für die Toilettenspülung und die Bewässerung der Außenanlagen abgezweigt. Das anfallende Regenwasser versickert in Rigolen. Alle Leuchten werden tageslichtabhängig gesteuert und sind mit energieeffizienten Leuchtmitteln bestückt. Und eine logische, aber bislang wenig praktizierte Möglichkeit der Energieeinsparung setzten Architekt und Bauherr hier in die Tat um: Die Abwärme der Bürostuhl-Prüfanlage wird durch einen bivalenten Speicher-Wassererwärmer dem Brauchwasser zugeführt und für die Beheizung verwendet. Für Jens Ludloff ist das eine Selbstverständlichkeit, doch entdecken die meisten Industriebetriebe erst langsam das Potenzial der Nutzung von Abwärme. In der Regel werden die warmen Räume mit weiterer Energie und ökologisch völlig unsinnig einfach wieder auf die gewünschte Temperatur heruntergekühlt. Sedus geht auch hier einen Schritt voraus. Gleiche Maßstäbe für Architektur und Möbel Bürostühle wie Gebäude halten keine Ewigkeit und müssen irgendwann wieder auseinandergebaut werden. Bei den Sedus-Stühlen wird das spätere Recycling schon in der Entwicklung bedacht. Auch beim Entwicklungszentrum achteten alle Beteiligten darauf, dass es möglichst wieder in seine ursprünglichen Komponenten zerlegt und gut entsorgt werden kann. Dass darüber hinaus für die Bauarbeiten, wo immer möglich, ortsansässige Handwerker beauftragt wurden, versteht sich bei dieser Herangehensweise schon fast von selbst. Aus städtebaulicher Sicht erfüllt das Entwicklungs- und Innovationszentrum noch eine weitere wichtige Rolle: Es vermittelt zwischen den kleinen Häusern am Ortsrand und dem riesigen Hochregallager. Dies gelang den ­Architekten durch die in allen drei Dimensionen differenzierte Form des Gebäudes, die es als Hintergrund der Wohnhäuser kleiner und als Vordergrund des Lagers ­größer erscheinen lässt. Beispiel 2: Eigenwerbung – Das Stuttgarter Planungsbüro Blocher Blocher Partners nutzt den selbst entworfenen Firmensitz als Visitenkarte seiner Leistungsfähigkeit Beispiel 3: Duftöl und Bergkristall – Feng-Shui und Ökotechnik prägen den Bau des Naturkosmetikers Primavera Life Beispiel 4: Bock auf Truck – Im Abbild eines Lkw-Auflegers werden Lkws verkauft Simone Hübener ist Fachjournalistin für Architektur und Bauen in Stuttgart

Haus-Marken III: Duftöl und Bergkristal

Bauen als Selbstbild von Unternehmen, neudeutsch „Corporate Architecture“, bringt ambitionierte Projekte hervor, aber auch Gags oder bemühte Zeichensprache – Beispiel 3: Feng-Shui und Ökotechnik prägen den Bau des Naturkosmetikers Primavera Life. Text: Simone Hübener Primavera Life stellt in Oy-Mittelberg im Allgäu ätherische Öle und Naturkosmetik her. Die Produkte sollen den Menschen entweder Kraft und Energie verleihen oder für Erholung und Entspannung sorgen. Deshalb lag es nahe, ähnliche Ansprüche an das neue Firmengebäude zu stellen. Wie dies in Architektur umgesetzt worden ist, lässt sich zuallererst an der Lage des Neubaus auf dem Grundstück erkennen. Er befindet sich nahe der nördlichen Grenze, wo eine Mauer den Höhenunterschied zum Nachbarn ausgleicht. Nach Süden hin kann man dagegen von allen Geschossen aus weit in die Allgäuer Hügellandschaft blicken. Diesem Gedanken entsprechend, wurde nicht nur das Bauwerk angeordnet, sondern auch die verschiedenen Abteilungen in ihm. Während man sich dessen als Außenstehender nicht unbedingt bewusst wird, fallen die vielen Rundungen des Gebäudes auf. Scharfe Ecken und Kanten gibt es weder außen noch innen. Architekt Hans-Peter Mayer aus Weitnau ließ sich bei seinem Entwurf von den Formen der Natur inspirieren und konzipierte das Gebäude wie einen Organismus, in dem alle Einzelteile eine genau definierte Funktion übernehmen. Das Herz bildet eine mit Bergkristallen gefüllte Säule, die von der Erde über die ­Bodenplatte bis hinauf ins oberste Geschoss reicht. Die Kristalle sollen verhindern, dass Energie nach draußen fließt. Neben diesen und weiteren Komponenten, die dem Feng-Shui und energetischen Prinzipien entstammen, werden bei Primavera Life auch die ökologischen Aspekte des Bauens großgeschrieben. So plante der Architekt bei den weit spannenden Ortbetondecken mit dem System beeplate von Häussler Ingenieure, das sich an der Leichtigkeit und Stabilität von Bienenwaben orientiert. Dadurch konnten 20 Prozent Stahl und Beton eingespart werden. Die anfallende Abwärme wird für die Temperierung des Gebäudes verwendet; durch die WC-Spülungen fließt Regenwasser. Die Fensterscheiben sind nicht bedampft, wodurch ein Maximum an Tageslicht ins Gebäude strömt. Es wird durch Lamellen in den Fenstern und Fresnelkreuze in den Lichtkuppeln optimal gestreut und, nur bei Bedarf, durch Kunstlicht ergänzt. Dank dieser Technik benötigt man für die Erzeugung von Licht und Wärme fast keine fossilen Brennstoffe.

Foto: Stefan Drexelius

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Organisches Ganzes: Die Hügel und Rundungen der Gartengestaltung greifen die organischen Formen des Gebäudes auf.

An zwei Stellen brachen Bauherr und Architekt allerdings mit der konsequenten Umsetzung der Unternehmensphilosophie. Zum einen wurde auf die Außenwände der in Massivbauweise erstellten unteren Geschosse ein Wärmedämmverbundsystem aufgebracht – eine in Sachen Recycling höchst umstrittene Konstruktion. Zum anderen konterkarieren die billig wirkenden Büromöbel den Anspruch, eine hochwertige Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Die Kosten hatten hier Vorrang. Bleibt zu hoffen, dass das bereits fertig ausgearbeitete hochwertigere Konzept irgendwann einmal wieder aus der Schublade hervorgeholt wird. In allen anderen Entscheidungen spiegelt sich dagegen der Wunsch des Bauherrn wider, möglichst naturnah zu bauen. Dieser entspringt nicht nur seiner Überzeugung, sondern passt bestens zu den Primavera-Produkten, deren Rohstoffe seit der Unternehmensgründung aus kontrolliert biologischem Anbau stammen. Beispiel 1: Edel für Möbel – Beim Büroeinrichter Sedus Stoll passen Architektur und Firmenphilosophie bestens zusammen Beispiel 2: Eigenwerbung – Das Stuttgarter Planungsbüro Blocher Blocher Partners nutzt den selbst entworfenen Firmensitz als Visitenkarte siner Leistungsfähigkeit Beispiel 4: Bock auf Truck – Im Abbild eines Lkw-Auflegers werden Lkws verkauft Simone Hübener ist Fachjournalistin für Architektur und Bauen in Stuttgart

Abgerechnet wird am Schluss

Was beim Schreiben der Honorarrechnung zu beachten ist: Fristen, Formvorschriften, Teilleistungen und der Sonderfall des gekündigten Vertrags. Text: Rainer Fahrenbruch Die Erstellung einer ordnungsgemäßen Schlussrechnung ist eine Pflicht des Architekten. Dies ist besonders schwierig und streitträchtig, wenn der Vertrag durch Kündigung vorzeitig beendet wurde. Im Kündigungsfall muss die Ermittlung und Bewertung der erbrachten Leistungen in der Regel unter Verwendung einer üblichen Teilleistungstabelle erfolgen (Kammergericht IBR 2012, 461). Endet der Architektenvertrag, ist der Zeitpunkt zur Abrechnung des Honorars gekommen. Möglich und für beide Vertragsparteien empfehlenswert ist sie auf Grundlage einer Abrechnungsvereinbarung: Die Vertragsparteien finden sich zu einem Abschlussgespräch zusammen, halten fest, dass die Leistung beendet ist und vereinbaren die Höhe der Vergütung. Eine solche Vereinbarung enthält auch die Abnahme der Planungsleistung und kann den Gewährleistungsbeginn definieren, womit künftiger Streit vermieden wird. Eine Abschlussvereinbarung hat für alle Beteiligten Vorteile, ist rechtlich aber nicht erzwingbar. Kommt keine Abrechnungsvereinbarung zustande, muss der Architekt die Honorarrechnung nach den im Architektenvertrag vereinbarten Abrechnungsmodalitäten erstellen. Nicht jede Honorarrechnung muss nach der Systematik der HOAI aufgestellt werden. Vorrangig kommt es darauf an, welches Abrechnungssystem die Vertragsparteien vereinbart haben. Als vereinbarte Abrechnungsmodalitäten kommen zum Beispiel Pauschalhonorar, Zeithonorar oder Honorar nach den jeweiligen Honorarermittlungsgrundsätzen der HOAI in Betracht. Pauschalhonorar ist als Pauschalhonorar abzurechnen, Zeithonorar als Zeithonorar, denn die HOAI gibt kein zwingendes Berechnungssystem vor, sondern nur einen zwingenden Rahmen für zulässige Mindest- und Höchsthonorare (BGH IBR 2009, 335). Wird nach HOAI abgerechnet, sind etwaige Vereinbarungen der Parteien über die Honorarparameter (Objektzusammen­fassung und/oder -trennung, Honorarzone, anrechenbare Kosten, Leistungsbewertung, Honorarsatz) zu beachten. Ist die Honorarvereinbarung nicht schriftlich, nicht bei Auftragserteilung oder nicht im Rahmen ­zwischen Mindest- und Höchst­sätzen abgeschlossen und aus einem dieser Gründe unwirksam, ist nach der Systematik und den Mindestsätzen der HOAI abzurechnen (§ 7 HOAI). Erst die ordnungsgemäß gelegte Honorarschlussrechnung begründet den durchsetz­baren Vergütungsanspruch des Architekten. ­Wurden Abschlagszahlungen geleistet und entgegengenommen, entsteht erst mit der Schlussrechnungslegung der endgültige Rechtsgrund zum Behalten der Abschläge. Durch das Bezahlen von Abschlagsrechnungen hat der Auftraggeber kein Schuldanerkenntnis in Höhe des bezahlten Teilbetrages abgegeben (OLG Düsseldorf IBR 2001, 247), denn Abschlagszahlungen dienen nicht dem Teilanerkenntnis der Honorarforderung, sondern der Erhöhung der Liquidität des Auftragnehmers und dem planmäßigen Mittelabfluss beim Auftraggeber. Insofern werden Abschlagsrechnungen oft nur oberflächlich ­geprüft, solange keine ersichtlichen Überzahlungen drohen. In der Konsequenz trägt der ­Architekt im Honorarprozess die volle Darlegungs- und Beweislast für den gesamten Honoraranspruch auch, soweit hier bereits Abschläge bezahlt wurden (BGH IBR 2008, 98). Da öffentliche Auftraggeber ihrerseits verpflichtet sind, Bauprojekte haushaltsmäßig abzuschließen, enthalten viele mit ihnen abgeschlossene Architektenverträge die ausdrückliche Pflicht des Auftragnehmers, abzurechnen, sobald die Leistung vollständig erbracht ist. Die AVB zum Vertragsmuster Objektplanung Ge­bäude (RBBau, Stand: 2009, abrufbar unter www.bmvbs.de) sehen zur Einreichung der Schlussrechnung des Architekten eine Frist von zwei Monaten vor. Verstreicht sie, kann der Auftraggeber eine sogenannte „Ersatzschlussrechnung“ aufstellen, die dem Auftraggeber den ­Mittelabfluss ermöglicht, aber auch die Ver­jährungsfrist für die Honorarforderung in Gang setzt. Abrechnung des gekündigten ­Architektenvertrages Nur eine prüfbare Honorarrechnung begründet den Honoraranspruch (§ 15 HOAI). Vor Erhalt einer prüfbaren Abrechnung kommt der Auftraggeber nicht in Zahlungsverzug und ist der Honoraranspruch nicht einklagbar. (Mehr zur Prüfbarkeit und Verjährung in „Vorsicht Verjährung“, DAB 12/2007) Besonders schwierig ist die prüfbare Abrechnung, wenn der Architektenvertrag vorzeitig endet. In diesem Fall kommen zwei grundsätzlich verschiedene Vergütungsansprüche nebeneinander in Betracht. Zum einen besteht ein Anspruch auf Vergütung der vertragsgemäß erbrachten Leistung nach § 631 Abs. 1 BGB, § 15 HOAI. Zum anderen kann ein Anspruch auf Ausfallhonorar nach § 649 Satz 2 BGB für die nicht erbrachten Leistungen bestehen. Diese beiden Vergütungsteile müssen getrennt voneinander abgerechnet werden. Die Trennung ist schon aus umsatzsteuerrechtlichen Gründen zwingend, denn das Ausfallhonorar nach § 649 BGB ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes nicht mit Umsatzsteuer belegt (BGH IBR 2008, 70). Ohne eine prüfbare Aufteilung des gesamten Auftragsinhaltes in einen erbrachten und einen nichterbrachten Teil ist die Schlussrechnung nicht prüfbar (BGH IBR 2005, 331). Dies hat nichts mit der Frage zu tun, ob der Architekt berechtigt ist oder beabsichtigt, Ausfallhonorar wegen nicht erbrachter Leistungen geltend zu machen. Im Falle der vorzeitigen Beendigung des Architektenvertrages sind in der Schlussrechnung die erbrachten Leistungen auf jeden Fall nachvollziehbar darzulegen. Wenn Auftragnehmer und Auftraggeber einigungsbereit sind, kann die Darlegung des erbrachten Leistungsanteiles einfach sein. Die Parteien können dann zum Beispiel vereinbaren, dass zum Zeitpunkt der Kündigung die Leistungsphasen 1 bis 4 vollständig, die Leistungsphase 5 mit 21 von 25 Honorarpunkten, die Leistungsphase 6 mit 9 von 10 Honorarpunkten, die Leistungsphase 7 mit 3,5 von 4 Honorarpunkten und die Leistungsphase 8 mit 22 von 29 (beauftragten) Honorarpunkten abgearbeitet wurden. Denkbar wäre auch eine Gesamtvereinbarung des vertraglichen Leistungsstandes mit zum Beispiel 75 Prozent des gesamten Auftragsumfanges. Eine solche Vereinbarung ist erfahrungsgemäß aber nur selten möglich, denn in der Regel erfolgt die vorzeitige Beendigung eines Architektenvertrages vor dem Hintergrund tief greifender Streitigkeiten über Planungsinhalte, Honorarnachträge, Baumängel, Kostensteigerungen und Terminverzüge. In dieser Situation sind die Auftraggeber in der Regel nicht zum Abschluss einer Abrechnungsvereinbarung bereit. Somit muss die Ermittlung des erbrachten Leistungsteiles durch den Architekten unter entsprechender Anwendung des § 8 HOAI erfolgen. Werden nicht alle Leistungsphasen eines Leistungsbildes übertragen, darf das Honorar nur für die übertragenen Leistungsphasen berechnet werden. Werden innerhalb einer Leistungsphase nicht alle Teilleistungen übertragen, so darf für die übertragenen Leistungen nur ein anteiliges Honorar berechnet werden. Diese Vorschrift wird entsprechend angewendet, wenn die Leistungsphasen (oder Grundleistungen aus den Leistungsphasen) zwar übertragen wurden, aber aufgrund vorzeitiger Beendigung des Planungsvertrages nicht mehr erbracht werden. Für die Ermittlung des erbrachten Leistungsanteils enthält die HOAI keinerlei Vorschriften. Insbesondere sind die einzelnen Grundleistungen innerhalb des Leistungsbildes nicht gewichtet. Dennoch ist klar, dass eine gleichgewichtige Berücksichtigung aller einzelnen Grundleistungen im Leistungsbild oder auch nur innerhalb einer Leistungsphase unangemessen wäre. Vielmehr ist zu beachten, dass verschiedene Grundleistungen in der Systematik des Leistungsbildes verschieden wichtig, bearbeitungsaufwendig und haftungsträchtig sind. Teilleistungstabellen Ein seit Jahren gängiges Arbeitsmittel zur Gewichtung von Grundleistungen innerhalb einer Leistungsphase sind die Teilleistungstabellen. Sie geben zur Bewertung einzelner Grundleistungen einen Beurteilungsrahmen (von/bis) vor, der im Einzelfall angemessen ausgefüllt werden muss. Innerhalb eines Auftrages ist die Soll-Gewichtung jeweils angemessen herzustellen. Die Summe der gewichteten Teilleistungen ergibt letztlich wieder die Summe des vorgegebenen Prozentsatzes für die gesamte Leistungsphase. Sodann ist zu ermitteln, mit welchem Anteil die jeweilige Teilleistung erbracht wurde. Ein vorgegebenes Verfahren gibt es hierfür nicht, aus der Rechnung oder den Anlagen muss sich aber ergeben, wie die Anteile gebildet wurden. Denkbar sind sachbezogene, auf die Baukosten bezogene oder zeitbezogene Anteile. Eine Ermittlung könnte in der Praxis zum Beispiel wie folgt aussehen: Voll beauftragt und teilweise erbracht wurden die Grundleistungen nach Anl. 11, 8/a + b (Bauüberwachung inkl. Tragwerksüberwachung), 8/f (Bautagebuch), 8/g (gemeinsame Aufmaße mit den Unternehmen) und 8/i (Rechnungsprüfung). Die Bewertungsspielräume sind laut Steinfort-Tabelle für GL 8/a + b 9,5 bis 14,5, für GL 8/f 0,1 bis 0,7, für GL 8/g 3 bis 4,5 und für GL 8/i 4,5 bis 6,5 Honorarpunkte. Eine angemessene Soll-Gewichtung könnte sein: für GL 8/a und b 13, für GL 8/f 0,5, für GL 8/g 3,5 und für GL 8/i 5 Honorarpunkte. Zur Ermittlung des Ists werden folgende Bewertungen angewendet: Bauüberwachung erbracht für zwölf von 18 Monaten Bauzeit, das sind 12/18 von 13 = 8,67 Honorarpunkte für erbrachte Bauüberwachung; Bautagebuch erbracht für 12 von 18 Monaten Bauzeit, das sind 12/18 von 0,5 = 0,33 Honorarpunkte für das geführte Bautagebuch; Aufmaße geprüft für 15 von 20 Wohneinheiten, das sind 15/20 von 3,5 = 2,625 Honorarpunkte für gemeinsame Aufmaße mit den Unternehmen; Rechnungen geprüft für 800.000,00 Euro von 1.000,000,00 Euro Gesamtkosten, das sind 8/10 von 5 = 4 Honorarpunkte. Es existieren verschiedene Teilleistungstabellen für die Objektplanung Gebäude, Objektplanung Ingenieurbauwerke, Fachplanung Tragwerk und Fachplanung Technische Ausrüstung. Es gibt oftmals keine verbindlichen Festlegungen, welche der üblichen Tabellen (nach Steinfort, Siemon, Korbion/Mantscheff/Vygen, Pott/Dahlhoff/Kniffka und Locher/Koeble/Frik) jeweils Anwendung zu finden hat, da der Vertrag keine Regelungen für den Fall der vorzeitigen Beendigung enthält. Die einzelnen Tabellen beziehungsweise deren Verfasser haben untereinander teils heftige Kritik erfahren. Dies ist verständlich, da man diese Tabellen mit mehr oder weniger großen Spielräumen und mit mehr oder weniger auftraggeber- oder auftragnehmerfreundlicher Orientierung erstellen kann. In der obergerichtlichen Rechtsprechung sind die üblichen Splittingtabellen quasi als einziges taugliches Mittel anerkannt, um den erbrachten/nicht erbrachten Leistungsteil zu ermitteln und darzustellen. Hierbei liegt die „Wahl der Waffen“ (Auswahl der anzuwendenden Teilleistungstabelle) in der Hand desjenigen, der die Abrechnung erstellt. Meint der andere Vertragspartner, die verwendete Tabelle sei unangemessen, muss er dies fundiert begründen (Kammergericht IBR 2012, 461). Von großer praktischer Bedeutung für den Bereich der Bundes- und Landesbauten wird zukünftig sein, dass die neuen Vertragsformulare nach RBBau (Stand: 2009) als Vertragsbestandteil (Anlage zu § 6 des Vertragsmusters) von vornherein eine Teilleistungstabelle integrieren. Damit ist von Anfang an geklärt, dass diese Tabelle anzuwenden ist. Aufgrund der Pflicht zur Verwendung der eingeführten Formulare seitens der Baubehörden ist zukünftig eine starke Verbreitung dieser Teilleistungstabelle zu erwarten. Inwieweit gegen sie rechtliche Bedenken geäußert werden, bleibt noch abzuwarten, denn sie enthält keine Von-bis-Werte mehr, sondern nur noch fest vorgegebene Werte. In den amtlichen Anwendungshinweisen heißt es zwar, dass die vorgegebenen Werte als Orientierungshilfe für durchschnittliche Maßnahmen gemeint sind und im konkreten Einzelfall davon abgewichen werden kann. Faktisch dürfte es aber darauf hinauslaufen, dass in der Praxis vorrangig die ­vorgegebenen Werte verwendet werden, denn jede Abweichung hiervon wäre begründungspflichtig und müsste bereits bei Vertragsabschluss erfolgen. Rainer Fahrenbruch ist Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht sowie Fachanwalt für Verwaltungsrecht in Dresden  

Haus Marken II: Eigenwerbung

Bauen als Selbstbild von Unternehmen, neudeutsch „Corporate Architecture“, bringt ambitionierte Projekte hervor, aber auch Gags oder bemühte Zeichensprache – Beispiel 2: Das Stuttgarter Planungsbüro Blocher Blocher Partners nutzt den selbst entworfenen Firmensitz als Visitenkarte seiner Leistungsfähigkeit. Text: Simone Hübener Von verspielt bis kubisch klar reicht die Bandbreite der Planungen des Stuttgarter Architektur- und Innenarchitekturbüros Blocher Blocher Partners. Es hat gemeinsam mit den beiden Tochterunternehmen Blocher Blocher Shops und Blocher Blocher View 140 Mitarbeiter. Sie entwerfen individuelle Ladenkonzepte, Einfamilienhäuser und auch ganze Stadtteile. Sie erarbeiten Corporate Design und Retail-Grafik und leisten für ihre Kunden auch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ihr eigenes neues Bürogebäude vereint das Verspielte und das kubisch Klare gekonnt miteinander, wodurch eine ungewöhnliche Form und spannungsreiche Innenräume entstanden sind.

Foto: Klaus Mellenthin / Blocher Blocher Partners

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Markant: Der Neubau hebt sich trotz strenger Vorschriften von seiner Umgebung ab.

Bis zum Umzug in den Neubau waren die Mitarbeiter der Unternehmensgruppe in drei Gründerzeithäusern untergebracht. Diese standen zwar nah beieinander, doch die Zusammenarbeit war erschwert. Da den Inhabern gerade Kommunikation und Zusammengehörigkeitsgefühl wichtig sind, bauten sie nahe den alten Standorten neu. Doch wie planen gerade Architekten, die ständig die Anforderungen und Wünsche anderer Bauherren in Gebäude umsetzen, ihren eigenen Firmensitz? Um die eigene Identität herauszustellen, bot sich das zum Verkauf stehende Grundstück geradezu an. Es liegt in einer heterogenen Umgebung, die genügend Spielraum für eine zum Unternehmen passende Gestaltung bot. Mit baurechtlichen Beschränkungen gingen Blocher Blocher Partners geschickt um und wandten sie ins Positive. So war beispielsweise ein klassisches Satteldach vorgeschrieben, das die Planer in ein räumliches Faltdach uminterpretiert haben. Über einer inneren Tragschale mit unterschiedlichen Neigungswinkeln sind Betonfertigteile mit einer Länge von bis zu acht Metern angebracht. Den klassischen Dachüberstand sucht man ebenfalls vergebens, denn Dach und Fassade gehen bündig ineinander über. Einzig ein dunkelgraues, horizontal verlaufendes gelochtes Metallband mit dahinterliegender Rinne markiert den Übergang – die blochersche Interpretation der klassischen Regenrinne. Bereits an diesen beiden Beispielen wird einer der Unternehmenswerte deutlich: Innovation. Blocher Blocher Partners beschreiten mit bekannten Materialien neue Wege, lassen sich auf jedes Projekt neu ein und finden so zu immer anderen Lösungen. Das zeigt sich in ihrem eigenen Neubau auch im Innern. Die überwiegend glatten Oberflächen, wie Sichtbeton und Glas, sind akustisch ungünstig. Akustikpaneele können jedoch nachträglich wie aufgesetzt wirken. Hier sind sie unauffällig in das innenarchitektonische Konzept integriert. Einer der Installationsschächte, der in den beiden Obergeschossen in einen innen liegenden Kern übergeht, ist mit unterschiedlich breiten Holzlamellen verkleidet, die in einem gewissen Abstand voneinander montiert worden sind. Damit nehmen die Architekten dem Innenraum zum einen seine Strenge, denn das dunkle Holz erzeugt zwischen Stahl, Glas und Sichtbeton eine warme Atmosphäre. Zum anderen nimmt das Vlies, das hinter den Hölzern angebracht ist, den Schall auf. Dass die Architekten sich allerdings ausgerechnet für Sipo-Mahagoni, also ein Tropenholz, entschieden haben, lässt sich auch im Hinblick auf die Unternehmensgrundsätze, zu denen neben der Innovation die Nachhaltigkeit zählt, nicht nachvollziehen. Selbstverständlich ist es ein Plantagenholz, FSC-zertifiziert und eignet sich aufgrund seiner Festigkeit sehr gut für Bauteile mit einer langen Lebensdauer, wie etwa für Fensterrahmen. Doch die Wahl eines einheimischen Holzes hätte positive Signale ausgesendet: Gutes findet sich meist auch in der näheren oder mal etwas ferneren Umgebung. Das Bürogebäude eines Architekten transportiert nicht nur die Haltung und die Grundsätze des Unternehmens, sondern manifestiert auch das eigene Können. Es kann und muss dem Kunden auf den ersten Blick die eigene Herangehensweise sichtbar machen und ihn von ihr überzeugen. Bei vielen anderen Entscheidungen standen dagegen ökologische Aspekte eindeutig im Vordergrund. So wird das Gebäude ausschließlich mit erneuerbaren Energien beheizt und gekühlt; für die Toilettenspülung und die Gartenbewässerung wird Regenwasser genutzt; die verwendeten Baustoffe sind – soweit möglich – frei von Schadstoffen. Es finden sich nirgends Boden- und Wandbeläge, die verklebt werden mussten; die verschiedenen Materialien lassen sich sauber voneinander trennen und bei einem Abriss des Gebäudes gut recyceln. Doch dazu wird es bei diesem neuen Bürogebäude wohl nicht so schnell kommen. Denn weit vorausschauend haben die Planer bereits im Entwurf an mögliche Nachnutzungen gedacht. Die einzelnen Etagen können unabhängig voneinander genutzt werden, worauf sogar bereits die Haustechnik ausgerichtet wurde: Strom, Wasser und Co. können geschossweise abgelesen und abgerechnet werden. Dank dieser und zahlreicher weiterer Komponenten erhielten die Architekten von der DGNB ein Vorzertifikat in Gold. Ein Ort des Austauschs Zu den nach außen vermittelten Werten gesellen sich die bürointernen, die am neuen Gebäude ebenfalls abgelesen werden können. Um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken, konzipierten die Planer das Innere des Gebäudes offen: Ein Atrium ermöglicht Blickbeziehungen zwischen den verschiedenen Ebenen; die Büros der einzelnen Projektteams sind durch raumhohe Glaswände voneinander getrennt. Der visuelle Kontakt bleibt so erhalten, die akustischen Störungen werden minimiert. Diesem Konzept, das auch die flachen Hierarchien des Unternehmens widerspiegelt, steht eine Entscheidung allerdings konträr gegenüber. Die Mitarbeiter betreten das Gebäude nicht durch den Haupteingang, zu dem man über eine große, fast schon herrschaftlich wirkende Freitreppe gelangt, sondern durch einen separaten, kleinen und unscheinbaren Nebeneingang. Das soll praktische Gründe haben, doch bei so viel Platz hätte sich sicherlich eine angemessenere Lösung finden lassen. Die Mitarbeiter scheinen sich an diese Tatsache gewöhnt zu haben. Denn bei Blocher Blocher Partners begegnet man großer Freundlichkeit: Chefs und Mitarbeiter grüßen sich gut gelaunt, wenn sie einander begegnen. Das spricht Bände über den Stellenwert, der dem Dialog in diesem Büro beigemessen wird. Und nun trägt auch die offene Gestaltung des neuen Baus ihren Teil dazu bei. Beispiel 1: Edel für Möbel – Beim Büroeinrichter Sedus Stoll passen Architektur und Firmenphilosophie bestens zusammen Beispiel 3: Duftöl und Bergkristall – Feng-Shui und Ökotechnik prägen den Bau des Naturkosmetikers Primavera Life Beispiel 4: Bock auf Truck – Im Abbild eines Lkw-Auflegers werden Lkws verkauft Simone Hübener ist Fachjournalistin für Architektur und Bauen in Stuttgart

E-Mail mit Mehrwertsteuer

Hervorgehoben

Die Anforderungen an elektronisch übermittelte Rechnungen wurden gesenkt. Von Markus Prause Seit Juli 2011 können Rechnungen, die den Empfänger zum Vorsteuerabzug berechtigen, ihm technisch einfacher elektronisch übermittelt werden – per E-Mail, De-Mail, Computer-Fax, Faxserver, Web-Download oder EDI. Mehr als ein Jahr später hat das Bundesfinanzministerium jetzt Details erläutert. Elektronisch übermittelte Rechnungen werden nunmehr umsatzsteuerlich auch dann anerkannt, wenn sie weder eine qualifizierte elektronische Signatur tragen noch ein sogenanntes EDI-Verfahren verwendet wird. Papier- und elektronische Rechnungen sind jetzt im Wesentlichen gleichgestellt. Beide müssen die Echtheit der Herkunft, die Unversehrtheit des Inhaltes und die Lesbarkeit der Rechnung gewährleisten und bestimmte Angaben enthalten – Name und Anschrift von Absender und Empfänger, Steuernummeroder Umsatzsteueridentifikationsnummer, Ausstellungsdatum, fortlaufende Rechnungsnummer, Leistungszeitpunkt und mehr. Der Empfänger der Rechnung muss ein sogenanntes innerbetriebliches Kontrollverfahren etablieren, um die Vorsteuer-Abzugsfähigkeit der Rechnung zu sichern. Mit ihm müssen die Echtheit der Herkunft, die Unversehrtheit des Inhalts sowie die Lesbarkeit der Rechnungen geprüft und dokumentiert werden. In der Wahl des Verfahrens ist der Unternehmer frei. Die Sicherstellung kann nach wie vor durch eine Übermittlung per elektronischer Signatur erfolgen. Es genügt aber beispielsweise auch ein manueller Abgleich der Rechnung mit sonstigen geschäftlichen Unterlagen (zum Beispiel Kopie der Bestellung, Lieferschein). Das innerbetriebliche Kontrollverfahren unterliegt keiner gesonderten Dokumentationspflicht. Elektronische Rechnungen sind genau wie Papierrechnungen zehn Jahre aufzubewahren; in dieser Zeit müssen die Echtheit der Herkunft, die Unversehrtheit des Inhaltes sowie die Lesbarkeit gewährleistet sein. Eine elektronisch übermittelte Rechnung ist nur gültig, wenn der Empfänger diesem Übermittlungsweg zustimmt. Dafür genügt eine Vereinbarung in den allgemeinen Geschäftsbedingungen oder das tatsächliche Praktizieren und stillschweigende Billigen dieser Handhabung – vor allem dadurch, dass der Empfänger die elektronisch übermittelte Rechnung bezahlt. Markus Prause ist Rechtsanwalt in Hannover

Platz ist in der schmalsten Lücke

Foto: Jakub Szcesny / Centrala

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Das wohl schmalste Wohnhaus Polens, von Architekt und Designer Jakub Szcesny

Mit 152 Zentimetern ist der Abstand zwischen zwei Häusern zwar zu schmal für eine Autoeinfahrt, doch für ein Wohnhaus reicht die Lücke allemal. Das dachte sich jedenfalls der polnische Architekt und Designer Jakub Szczęsny und entwarf für ein handtuchgroßes, nun ja, „Grundstück“ in Warschau das wohl schmalste Wohnhaus des Landes. Weil das Projekt nicht den Bauvorschriften entspricht, wird es bei den Behörden als bewohnbares Kunstwerk geführt und soll nach seiner Fertigstellung als Atelier und temporäre Arbeitsresidenz für Künstler dienen. Mit ähnlicher Bescheidenheit versucht auch der Berliner Van Bo Le-Mentzel, für den Wohnungsmangel Abhilfe zu schaffen: Sein Ein-Quadratmeter-Haus aus Holz lässt sich an jedem beliebigen Ort aufstellen. Dazu mehr unter www.hartzivmoebel.de

Mangelware Neubau

Der Bauherren-Schutzbund (BSB) und das Institut für Bauforschung Hannover (IFB) haben 100 zwischen 2009 und 2011 errichtete Ein- und Zweifamilienhäuser auf Baumängel untersucht. Ihr Befund: Im Schnitt weist ein Neubau auch nach zwischenzeitlichen Kontrollen und der Bauabnahme mehr als ein Dutzend Mängel auf. Vor allem im Bereich Rohbau, Statik und Dachkonstruktion gibt es Defizite ; aber auch Wärmedämmung sowie Schall- und Brandschutz sind sehr fehleranfällig. Die Ursachen für diese Mängel liegen zum überwiegenden Teil in einer mangelhaften Bauausführung; nur etwa ein Fünftel ist auf Planungsfehler zurückzuführen.

Lob der Hauptstraße

Einst waren sie die Lebensadern der Stadt, heute sind viele Hauptstraßen zu Autopisten degeneriert. Doch sie bieten größte Potenziale für mehr Urbanität. Text: Harald Bodenschatz Lebendige Hauptstraßen sind Aushängeschilder der Städte. An ihnen liegen die bedeutendsten Gebäude und Einrichtungen, sie stiften Identität, hier ballt sich der Stolz der umliegenden Stadtteile. In großen Städten bilden sie außerhalb der Zentren oft die wichtigsten Gliederungs- und Orientierungsräume. Doch meist sind die Hauptstraßen längst nicht mehr das, was sie einmal waren: pulsierende Kraftlinien der Stadt. Sie haben heute einen schlechten Ruf: Hier herrscht meist das Automobil und damit Stress, Lärm und Feinstaub. Erstklassige Adressen sind zu drittklassigen geworden. Wer lebt denn noch gerne in den Prachtwohnungen der Hauptstraßen? Wer geht dort begeistert einkaufen? Wer flaniert voller Freude neben den vielen Autos? Die große Zeit der Hauptstraßen ist vorbei, ihre Gegenwart ist grau, aber sie haben eine Zukunft: Nicht nur andere Autos und mehr Fahrräder werden unsere Hauptstraßen gründlich verändern, sondern auch die Richtlinien der Europäischen Union zu Feinstaub und Lärm. Dazu kommt, dass die Bauten der autogerechten Stadt in die Reparaturjahre gekommen sind. Für diese Reparaturen gibt es auch Geld, oft mehr als für die Stadtentwicklung. Wir müssen all diese Chancen nutzen. Aufstieg und Fall Hauptstraßen gibt es in der europäischen Stadt seit der Antike. Rom, die Mutter aller Großstädte, wird noch heute durch 2.000 Jahre alte Straßen wie die Via Aurelia, die Via Flaminia oder die Via Salaria gegliedert. Während der Industrialisierung veränderten viele Hauptstraßen Europas ihr Gesicht, und neue entstanden – oft an den früheren, jetzt urbanisierten Landstraßen. Rathäuser, Geschäfte, Gastwirtschaften, Kultureinrichtungen, Kaufhäuser und Banken prägten ihr Bild. Hier entfaltete sich der moderne Massenverkehr – Pferde-Omnibusse, Straßenbahnen und Droschken. Diese Straßen wurden zur prächtigen Bühne des neuen Bürgertums, dort wurde gewohnt, gearbeitet, eingekauft, gespeist und flaniert. Paris mit seinen neuen Boulevards war das viel bewunderte Vorbild. Straßenleben: Vielerorts gibt es noch mehr Potenzial für urbandes Leben als auf der Bolkerstraße in Düsseldorf. Bisher wird es meist von Autoverkehr unterdrückt. Foto: Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die Hauptstraßen ihre Attraktivität. In den kleinen Städten und Gemeinden wurden sie dem Durchgangsverkehr geopfert. In den großen Städten wurden sie zu Autopisten. Straßenbahnen wurden eingestellt, Grünanlagen mussten Parkplätzen weichen, das Leben entlang der Straßen wurde immer unattraktiver. In jüngster Zeit haben auch noch Großbauten der Post und Kaufhäuser ihre Funktion verloren. Zwar wurden in den Kernen von Städten und Stadtteilen viele dieser Straßen zu Fußgängerzonen umgebaut. Aber das machte sie zu monofunktionalen Konsumstraßen und degradierte andere zu Zubringern. In der Außenstadt mutierten Hauptstraßen oft zu Verkehrshöllen. Das Wort „Ausfallstraße“ sagt alles über die Wertschätzung von Radialen. Chancen einer Renaissance Doch in jüngerer Zeit gibt es mehr und mehr „Rückbau“ von Fahrbahnen und Parkplätzen – zugunsten von Fußgängern, Fahrradfahrern und Anwohnern. Vor allem in den Ortskernen kleiner Städte und Gemeinden finden sich zahlreiche Beispiele für eine Wiederbelebung. Auch in den Zentren der größeren Städte ist dieser Prozess bereits fortgeschritten. Ein großer Versuch startete in Bochum mit einem Gestaltungskonzept für die „Cityradialen“ (Dokumentation der Rahmenplanung 2004). Allerdings geschieht ein Rückbau meist nur dann, wenn neue Umgehungs- oder Entlastungsstraßen den Umbau erleichtern. Richtig hart wird es erst, wenn Autofahrern nichts Neues, Rascheres geboten wird. Dort wird es erst Bewegung geben, wenn mit der Förderung einer neuen, nachhaltigeren Mobilität Ernst gemacht wird. Die drei folgenden Beispiele liegen zwischen der alten „Entlastung“ durch zusätzliche Straßen und der radikalen Verminderung von Autoverkehrsfläche ohne Ersatz an anderer Stelle: Es sind Versuche, Kompromisse zwischen dem Wunsch nach mehr Stadt und dem fortbestehenden Druck des Autoverkehrs zu finden. Wendelstein ist ein Kleinzentrum bei Nürnberg mit knapp 16.000 Einwohnern. In der Kaiserzeit wurde die Hauptstraße des Altortes prachtvoll ausgebaut, erhielt ein neues Rathaus und einen „Schönen Brunnen“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie an den lawinenartig zunehmenden Durchgangsverkehr angepasst. Die beiden Eingangsbereiche in den Altort wurden weit aufgerissen. Gegen die Zerstörung ihres Lebensraums protestierten schließlich viele Bürger. Mit der Aufnahme in das Städtebauförderungsprogramm 1985 startete der Markt Wendelstein ein behutsames Stadterneuerungsprojekt. Auftakt und Schlüsselvorhaben war die Umgestaltung des belasteten Hauptstraßenzuges. Für den fließenden und ruhenden Verkehr gab es neue Regeln; die beiden aufgerissenen Eingangsbereiche wurden neu gestaltet und der gesamte Hauptstraßenzug erhielt ein neues, fußgängerfreundlicheres Profil. Heute ist die Hauptstraße attraktiv für Geschäfte und Gastronomie, und weitaus weniger Autos durchfahren sie. Allerdings wurde sie durch eine Staatsstraße entlastet. Die erneuerte Hauptstraße bietet auch dem jetzt Alten Rathaus und dem „Schönen Brunnen“ wieder eine würdige Bühne. Sie ist nunmehr wieder die Mitte und der Stolz Wendelsteins. Bottrop: Parkplätze statt Bäumen Die kleine Großstadt Bottrop im Ruhrgebiet ringt heute um eine postindustrielle Zukunft. Dazu gehört eine attraktivere Stadt, vor allem in ihren Hauptstraßen und Plätzen. Die Osterfelder Straße verbindet das Zentrum mit einer Autobahn. In der Allee sollen jetzt außerhalb des Zentrums breitere Gehwege, separate Radspuren in beide Richtungen, aber 43 zusätzliche Parkplätze für Anwohner geschaffen werden – doch Letzteres zulasten von 56 großen alten Alleebäumen. In einer Umfrage hatten sich Anwohner zuvor beides gewünscht – sowohl Bäume als auch Parkplätze. Möglich ist aber offenbar nur eines. Gegen das Fällen der Bäume wurden später 1.750 Unterschriften gesammelt. Doch nach lebhaften Auseinandersetzungen stimmte eine Mehrheit im zuständigen Ausschuss schließlich für die Stellplätze und gegen die Bäume. Berlin: Center und Stadtraum Die Schloßstraße im Südwesten von Berlin ist Teil des einstigen Königswegs nach Potsdam und der späteren Reichs- und Bundesstraße 1. Während der Spaltung der Stadt bildete sie sich als verkehrsreiche und monotone Einkaufsmeile hoher Kaufkraft heraus. Außerdem entstanden dort städtebauliche Marksteine der Nachkriegsmoderne: das Hochhaus Steglitzer Kreisel, die Restaurant-Skulptur „Bierpinsel“ und drei Plätze, die allesamt nicht als Stadtplätze funktionierten. In geringem Abstand entstand in den 1960er- Jahren eine parallele Stadtautobahn, doch auf der Schloßstraße änderte sich nichts – im Zuge des U-Bahn-Baus wurde sie sogar noch mehr auf Autogerechtigkeit getrimmt. Fußgänger drängelten sich auf schmalen Pfaden entlang der Schaufenster. In den letzten Jahren wurden hier vier Einkaufszentren neu- oder ausgebaut, die die Passanten aus dem unattraktiven Stadtraum nach drinnen saugten. Doch nach jahrzehntelangem Ringen erhielt die Straße jetzt endlich ein neues Profil. Es wurde – und das ist gut so – keine Fußgängerzone geschaffen, aber den Gehenden bedeutend mehr Raum gegeben. Auch die Fahrradfahrer erhielten eine Spur; dem Autoverkehr ist in jeder Richtung eine verblieben. Auch wenn es Kinderkrankheiten gibt, vor allem mangelnden Respekt gegenüber den Fahrradspuren und weiterhin viel Durchgangsverkehr, ist die Veränderung spürbar und die Straße angenehmer geworden. Für die zahlreichen Berliner Radialstraßen hat eine Gruppe von Fachleuten (einschließlich des Autors) das Konzept „Radikal Radial!“ zur Diskussion gestellt, das aus stadtentwicklungspolitischen Gründen die Reurbanisierung dieser Straßen fordert. Das Konzept soll dreierlei Impulse schaffen: Es stärkt neben den Hauptstraßen selbst auch die Viertel dahinter, es verbindet Innen- und Außenstadt und festigt so die gesamte Großstadt und ihre Region. Olympische Urbanisierung Die Zukunft der Hauptstraßen ist ein internationales Thema. Von Paris über Madrid bis Los Angeles wird an ihrer Reurbanisierung gearbeitet. Besonders beachtenswert ist London. Dort hat Bürgermeister Boris Johnson die Initiative ergriffen, die High Streets (so heißen die Hauptstraßen in England) aufzuwerten. Ein Modellprojekt ist die sogenannte High Street 2012. Sie vernetzt die Londoner City mit den olympischen Wettkampfstätten. Um sie als facettenreichen Querschnitt durch den Londoner Osten zu inszenieren, wurden die Aufenthaltsqualität für Fußgänger erhöht und Besonderheiten der Stadtteile entlang der Straße hervorgehoben: Der Straßenraum erhielt ein neues Profil und wurde durch Grünanlagen aufgewertet, historische Gebäude wurden erneuert, Straßenmärkte attraktiver gestaltet. Lokale Initiativen erhielten Unterstützung, sodass die kulturelle Vielfalt der angrenzenden Gebiete jetzt stärker sichtbar ist. London will auch nach den  Olympischen Spielen die knapper werdenden Mittel für öffentliche Räume und neue öffentliche Gebäude an den Hauptstraßen konzentrieren. Ungehobene Schätze Die Wiederbelebung der Hauptstraßen dient dem großen Ziel der nachhaltigen „Stadt der kurzen Wege“. Die Hauptstraßen mit ihren markanten Gebäuden bieten zudem Platztod: Wer mit dem Auto grüne Welle hat, schafft Kölns Alstadt in 90 Sekunden. Die Fläche im Zentrum des Neumarkts heißt "Mittelinsel". Foto: Raimond Spekking / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons) bedeutende Identifikationspunkte innerhalb der Stadtregion. Und sie sind eine künftige Adresse für den wachsenden Stadttourismus. Was gerne übersehen wird: Auch an den Hauptstraßen wird immer noch vor allem gewohnt, wenngleich oft stark belastet durch Lärm und Abgase. Das Wohn- und Geschäftshaus war ihr dominanter Bautyp – ein ausgesprochen urbaner Typ, der heute wieder neu interpretiert werden muss. Das Thema ist aber in der Fachwelt noch nicht richtig angekommen, erst recht nicht in der Politik. Die Umgestaltung der öffentlichen Räume im Zeichen einer neuen Mobilität bewegt Landschaftsarchitekten, aber bisher nur wenige Architekten. Doch entlang der Hauptstraßen verbirgt sich ein großes Bauprogramm: Nutzungswandel und Modernisierung vieler Gebäude, der Neubau von Wohn- und Geschäftshäusern und öffentlichen Einrichtungen. Bibliotheken, Volkshochschulen und Familienzentren sollten wieder an den Hauptstraßen konzentriert werden, denn diese sind hervorragend erschlossen und werden intensiv genutzt. Die Wiederbelebung der Hauptstraßen sollte auch in das Städtebauförderungsprogramm eingebunden werden. Vor allem aber müssen die öffentlichen Mittel für die Reparatur der Verkehrsinfrastruktur flexibler genutzt werden können. Die großen Straßen haben größte ungehobenen Potenziale für mehr Urbanität. Und nicht zuletzt sind stärker belebte, begrünte, begangene und anders befahrene Hauptverkehrswege auch ein besonders wirksamer Beitrag zur Energiewende. Prof. Dr. Harald Bodenschatz ist Architektursoziologe, Stadtplaner und Publizist in Berlin

Unbewohnte Ballungszentren

Auf Reisen sieht jeder die gigantischen, abgeschotteten Logistikzentren von draußen. Wie sieht es drinnen aus – und was haben sie mit Architektur zu tun? Text: Cornelia Dörries Das Ding heißt „Mega Center“, hat 70.000 Quadratmeter, gehört dem Logistik-Unternehmen Fiege und liegt prominent am Autobahndreieck Hamburg-Moorfleet. Doch auch der zweifellos ortskundige Taxifahrer war noch nie da und bestätigt: Logistikzentren sind für alle, die beruflich nichts damit zu tun haben, Terra incognita. Hier kommt keiner zufällig hin. Und falls doch, scheitert er spätestens an der Zugangskontrolle des gut gesicherten Areals: Einlass erhalten nur angemeldete Lkw, die Fracht bringen oder

Foto: Fiege Logistik

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Nachtaktiv: Die Logistikbranche ist ein 24-Stunden-Betrieb. In den über das gesamte Bundesgebiet verteilten Fracht- und Distributionszentren wird rund um die Uhr gearbeitet.

abholen. Hier werden Güter angeliefert, zum Teil gelagert, zum Teil sofort umgeschlagen, konfektioniert, kommissioniert und irgendwann abtransportiert, um neuen Waren Platz zu machen: der Stoffwechsel der Konsumgesellschaft. Die nach dem Fahrzeugbau zweitgrößte Wirtschaftsbranche in Deutschland konnte 2011 auf einen Jahresumsatz von gut 220 Milliarden Euro verweisen, stellt 2,6 Millionen Arbeitsplätze und betreibt riesige Standorte im ganzen Land. Ihre Wachstumsraten sind beachtlich; auch hinsichtlich des Immobilienbedarfs. Die baulichen Manifestationen dieses Erfolgszweigs der deutschen Wirtschaft sind keine gleißenden Konzernzentralen, sondern blickdichte, erratische Kästen in unwirtlicher, gleichwohl verkehrsoptimierter Lage. Nach außen hin tritt die Branche nur in Gestalt von Transportfahrzeugen und besagten Kästen – sogenannten Logistikzentren – in Erscheinung. Fast unabhängig von den Stadtregionen bilden sie neue, unbewohnte Ballungszentren des Warenverkehrs – ob im Hamburger Südosten, am Autobahndreieck Bad Hersfeld oder in Schkeuditz bei Leipzig zwischen Flughafen, Güterverkehrszentrum und Autobahnkreuz. Sie sind die fast unbekannten Hauptstädte des Warenverkehrs. Dass es sich bei Letzteren um hochkomplexe technisch-räumliche Organisationsformen handelt, die mitnichten nur der Lagerung von Waren dienen, bleibt der Allgemeinheit jedoch weitgehend verborgen. Höchste Zeit also für einen Lokaltermin. Große Kisten mit Köpfchen Fieges riesiger Komplex in Hamburg umfasst sieben eingeschossige Hallenschiffe mit jeweils 10.000 Quadratmetern Lagerfläche; die Hallen selbst haben eine lichte Höhe von 12,50 Metern. In ihnen herrscht die für hohe Räume typische, ruhige Erhabenheit; nur ein geschmeidiges Surren liegt in der Luft. Es kommt von den Gabelstaplern, die emsig über den glatten Boden huschen, um plötzlich, scheinbar auf ein geheimes Kommando hin, zwischen den endlosen Hochregalreihen zu verschwinden und wenig später mit Kartons an ganz anderer Stelle wieder aufzutauchen. Diese Stapler, ausgestattet mit einem elektronischen Display, gehorchen einem Routenplan, der von der Leitstelle vorgegeben wird. Dort verknüpft ein digitales Gehirn über permanenten Datenabgleich das externe Versorgungssystem – jenen unablässigen Strom von Frachtlastern auf den Autobahnen – mit den Regalflächen im Inneren, Wareneingangs- und -ausgangsterminen sowie freien Ladetoren. Der studierte Architekt und Immobilienökonom Jan Dünzelmann verantwortet bei Fiege den Immobilienbestand und ist auch für die Projektentwicklung solcher Hallen zuständig. „Bei der Planung dient meist das aktuelle Geschäft als Ausgangspunkt“, sagt er gleich zu Anfang. „Danach richten sich Größe, Lage und Art der Logistikimmobilie.“ Gearbeitet wird meist mit Betonfertigteilen, und die internen Abmessungen einer Standardhalle richten sich ganz schlicht nach einer Grundgröße: der handelsüblichen Euro-Palette. Ihren Maßen liegen Gangbreite, das Stützenraster und die Tiefe der Hochregale zugrunde. Orte der Arbeitsteilung Der Mindestabstand der Stützen beträgt bei allen Hallentypen mindestens zwölf Meter; Unterschiede gibt es nur bei der jeweiligen Hallentiefe. Bei Cross-Docking-Hallen für den raschen Warenumschlag sind kurze Wege gefragt – 30 bis 40 Meter bei einer Gesamtfläche von weniger als 10.000 Quadratmetern sind hier die Norm. Klassische Lagerhallen kommen bei weniger Fläche auf wenigstens 70 Meter Tiefe, während Distributionsimmobilien mit komplexeren Abläufen deutlich größer ausfallen. Etwa fünf bis zehn Prozent der geplanten Fläche werden für Büronutzungen ertüchtigt. Doch Halle ist nicht gleich Halle. Die Fraunhofer-Arbeitsgruppe „Supply Chain Services“ unterscheidet zwischen so genannten Cross-Docking-Zentren, also reinen Warenumschlagplätzen für die Lieferung und den direkten Weitertransport, klassischen Lagerhäusern sowie Distributionsimmobilien, zu denen auch das „Mega Center“ des Logistikkonzerns Fiege in Hamburg zählt. Vor allem diese als Mega Center bezeichneten Standorte sind weit mehr als nur Warenumschlagplatz. „Wir nutzen zunehmend eigene Bereiche für den sogenannten Value-added -Service“, so Dünzelmann. Dabei handelt es sich um Dienstleistungen, die der Produktion selbst und dem Verkauf von Waren durch den Einzelhandel vorgelagert sind und vom Logistikunternehmen angeboten werden; meist sind es Abläufe mit geringem Automatisierungsgrad, die in Handarbeit erfolgen. Bei Fiege in Hamburg hat an diesem Morgen gerade ein global agierender Spirituosenhersteller Getränke auf Paletten angeliefert. Jetzt werden sie für eine saisonale Verkaufsaktion des Einzelhandels per Hand in eigens gefertigte Spezialverpackungen und Displays sortiert – eine zusätzliche Tätigkeit, für die weder der Hersteller noch der Handel die notwendigen Kapazitäten so kurzfristig und günstig bereitstellen kann. Die Arbeitsplätze für den Value-added -Service erfordern andere räumliche Strukturen als die Hochregallager. Sie sind auf der in sechs Metern Höhe eingehängten Mezzanin-Ebene der Halle angesiedelt und verfügen über Tageslicht und eigene Sanitärtrakte. Es sind abgeschlossene Bereiche, die mehr mit einer Fabrik gemeinsam haben als mit einer Logistikhalle. Außerdem wird die Mezzanin-Ebene auch für Büros und Verwaltungsräume genutzt. „Die Logistikbranche wird im Zuge der Prozessoptimierung zunehmend bestimmte Fertigungs- und Produktionsschritte übernehmen“, erklärt Jan Dünzelmann. „Sogenannte ‚Light – Industrial’- Flächen und Logistikhallen verschmelzen dabei zu einem Immobilientyp.“ Schon heute gibt es Logistikstandorte, die sich auf bestimmte Industriezweige spezialisiert haben – mit entsprechend ausgestatteten, technisch hochgerüsteten Hallen, die kaum mehr als Warenlager oder Umschlagplätze zu bezeichnen sind. Die grauen Kästen sind differenzierter, als sie von außen wirken. Sie werden zu Bestandteilen des Produktionsprozesses. Und weil dieser die Arbeit von Menschen erfordert, steckt in ihnen auch mehr Leben, als der Blick von draußen ahnen lässt. Die Herren der Hochregale Fiege gehört zu den Big Playern der Branche. Der 1873 gegründete Familienbetrieb mit Zentrale in Greven bei Münster hat 11.000 Mitarbeiter an 210 Standorten in insgesamt 18 Ländern und gebietet über Lager- und Logistikflächen im Umfang von drei Millionen Quadratmetern

Neues am Neckar

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Gewagt, gewonnen: Die Fassade eines Gesundheitszentrums bringt Bewegung auf den Campus Foto: Dipl.-Ing. Dirk Hennings Mit diesem Neubau hat sich Tübingen eine kleine Extravaganz geleistet: Das Gesundheitszentrum auf dem Gelände der Universitätsklinik, entworfen vom Frankfurter Architekturbüro Woerner und Partner, erhebt sich mit seiner Gestaltung auch im übertragenen Sinn über die von heterogener Bebauung geprägte Umgebung. Dem eingeschossigen Flachbau wurde ein siebengeschossiger runder Turm aufgesetzt, dessen Fassade von einem unregelmäßigen Muster verschieden großer und unterschiedlich gestalteter quadratischer Fensteröffnungen überzogen ist. In dem Gebäude befinden sich neben dem Medizinischen Trainings- und Rehabilitationszentrum (MTR) auch die Abteilung Sportmedizin, eine psychosomatische Tagesklinik sowie das Gästehaus des Klinikums.

Große Kunst und großes Geld

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Wer den HOAI-Höchstsatz wegen des gestalterischen Werts seines Projekts überschreiten will, muss dazu ein Werk der Baukunst im Sinne des Urheberrechts schaffen. Von Axel Planckemann Ein Architekt hatte mit seinem Bauherrn eine Honorarvereinbarung getroffen, welche die Höchstsätze der HOAI überstieg. Im späteren Rechtsstreit über das Honorar argumentierte der Architekt vor Gericht mit dem besonderen gestalterischen Wert seines Projekts und führte an, schon seine früheren Bauten seien in Kollegen- und Kunstkreisen außerordentlich gewürdigt worden. Doch das allein überzeugte das Oberlandesgericht Stuttgart nicht. Nach seinem Urteil vom 29.5.2012 (Az.: 10 U 142/11, ergänzender Text auf DABonline.de) muss für eine Überschreitung der HOAI-Höchstsätze zumindest ein Werk der Baukunst geschaffen werden, das heißt ein urheberrechtsschutzfähiges Werk. Das Urteil verknüpft auf interessante Weise urheberrechtliche Gesichtspunkte mit der honorarrechtlichen Bewertung von Höchstsatzüberschreitungen nach der HOAI. Die dort festgesetzten Höchstsätze dürfen nur bei außergewöhnlichen oder ungewöhnlich lange dauernden Leistungen durch schriftliche Vereinbarung überschritten werden. Dabei bleiben Umstände außer Betracht, die bereits für die Einordnung in Honorarzonen oder im Rahmen der Mindest- und Höchstsätze mitbestimmend gewesen sind. Grundlage ist § 4 Abs. 3 HOAI der früheren Fassung, welcher sich inhaltlich unverändert in § 7 Abs. 4 HOAI der gegenwärtig geltenden Fassung wiederfindet. Beim Bewerten der Höchstsatz-Überschreitung folgte das Gericht zunächst der Rechtsprechung des BGH. Danach liegt eine rechtswidrige Honorarüberschreitung nicht bereits vor, wenn ein einzelner honorarbildender Abrechnungsfaktor falsch angewendet wird. Voraussetzung ist vielmehr, dass ein von den Vertragsparteien vereinbartes Gesamthonorar die Höchstsätze der HOAI insgesamt übersteigt. Das traf hier zu: Für Gebäude und Freianlage waren jeweils Honorare vereinbart, die sogar die Höchstsätze der Honorarzone V überstiegen. Dies wurde vom Gericht beanstandet. Ausgehend vom Wortlaut des § 4 Abs. 3 HOAI alter Fassung, darf ein Höchstsatz nur überschritten werden, wenn er keine leistungsgerechte Honorierung gewährleistet, weil sich die Leistungen mit den in der HOAI angebotenen Honorarkriterien nicht mehr bewerten lassen. Das ist aber ein Ausnahmefall, denn die Kriterien der HOAI bieten in der Regel ausreichende Möglichkeiten, Architektenleistungen angemessen zu vergüten. Soll eine solche Ausnahme auf die Außergewöhnlichkeit der Leistungen im künstlerischen Bereich gestützt werden, so ist nach Auffassung des Gerichtes jedenfalls ein Werk der Baukunst zu schaffen, das heißt ein urheberrechtsschutzfähiges Werk. Die Urheberrechtsfähigkeit wird durch Bezug auf die einschlägige obergerichtliche Rechtsprechung konkretisiert: Es müsse sich um eine persönliche geistige Schöpfung mit individueller Prägung und einem ausreichenden künstlerischästhetischen Gehalt handeln, welche über die Lösung einer fachgebundenen technischen Aufgabe unter Anwendung bekannter Lösungsmuster gerade durch Einsatz besonderer gestalterischer Elemente hinausgeht und so das Bauwerk über „das Übliche“ hinaushebt. Nach Auffassung des Gerichts bietet die HOAI für eine solche Beurteilung verlässliche Maßstäbe an, unter anderem auch die Regelung über die Honorarzonen. Nur wenn die baukünstlerische Qualität des fraglichen Gebäudes mit der Honorarsystematik und den honorarbildenden Faktoren der HOAI überhaupt nicht mehr erfasst werden kann, liegen demnach außergewöhnliche Leistungen vor. Das hat der Architekt im vorliegenden Fall nicht belegen können; allerdings hat er es wohl im Prozess an entsprechenden Nachweisen fehlen lassen. Sein Hinweis auf das Renommee früherer Bauten hat das Gericht jedenfalls nicht überzeugt. Nach dem Urteil kann nur in der konkreten Planung im Einzelfall beurteilt werden, ob eine außergewöhnliche Leistung vorliegt oder nicht. Früheres baukünstlerisches Schaffen eines namhaften Architekten allein rechtfertige dagegen nicht per se Honorarvereinbarungen, die die Höchstsätze übersteigen. Beraten von Sachverständigen, hat das Gericht sowohl das Gebäude als auch die Freianlagen der Honorarzone IV zugeordnet und dem Architekten in dieser Honorarzone den jeweiligen Höchstsatz zugesprochen. Soweit seine Honorarvereinbarung über diese Höchstsätze hinausging, hat das Gericht eine Teilnichtigkeit des Vertrages erklärt.

Ungleiche Partner?

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Wie viel Bauqualität ist in öffentlich-privaten Partnerschaften möglich, wo der Architekt nur noch Sachwalter der Bieterfirma ist? Zwei Beiträge zur Diskussion. Wettbewerb als Schlüssel zum Erfolg Günther Hoffmann leitet die Abteilung Bauwesen im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) Öffentlich-private Partnerschaften (ÖPP) haben sich als Beschaffungsalternative der öffentlichen Hände etabliert, auch im Baubereich. Neben dem klassischen Eigenbau des öffentlichen Bauherrn, dem Kauf oder der Anmietung einer Immobilie kann auch diese Beschaffungsform im Einzelfall ökonomisch sinnvoll und vorteilhaft sein. Deshalb hat das Bundesbauministerium bestimmt, dass bei den Bauvorhaben des Bundes im Rahmen der Varianten-Untersuchung die Wirtschaftlichkeit auch dieser Beschaffungsvariante zu prüfen ist. Der geplante Neubau für das Bundesministerium für Bildung und Forschung in Berlin (BMBF) hat die Eignungskriterien erfüllt. In einer umfangreichen Wirtschaftlichkeitsuntersuchung wurde prognostiziert, dass eine Durchführung als ÖPP-Projekt gegenüber einer klassischen Eigenbaulösung Vorteile bietet. Vor diesem Hintergrund wird das Projekt nun als erstes ziviles Hochbauprojekt des Bundes in öffentlich-privater Partnerschaft errichtet und betrieben. Bei ÖPP-Projekten der öffentlichen Hand wird häufig kritisch vermerkt, dass ÖPP und Architekturqualität nicht zusammenpassen würden. Der Bund trägt als öffentlicher Bauherr eine besondere baukulturelle Verantwortung, die sich in seinen baupolitischen Zielen widerspiegelt. Dazu gehören gute städtebauliche Einbindung, hohe gestalterische, soziokulturelle, ökologische, technisch-funktionale und wirtschaftliche Qualität genauso wie überdurchschnittliche Energieeffizienz und schonender Ressourceneinsatz. Diese Qualitätsanforderungen muss der Bund unabhängig von der Beschaffungsform gewährleisten. Wie kann dies aber bei ÖPP-Verfahren, die als VOB-Verhandlungsverfahren mit eingeschränktem Bieterkreis durcugeführt werden, gelingen? Für das Projekt BMBF wurden dazu folgende Schritte festgelegt:
  • Überprüfung der architektonischen Qualität durch ein unabhängiges baufachliches Bewertungsgremium,
  • baufachliche Begleitung durch die Bundesbauverwaltung
  • hoher Stellenwert von Architektur, Gestaltung und Funktionalität
  • Aufstellung einer differenzierten Bewertungsmatrix
Ergänzend wurden weitere Qualitätsanforderungen zu den Themen Nachhaltigkeit, Energie und Klimaschutz gestellt. Im März 2010 wurde für das erste zivile ÖPP-Hochbauprojekt des Bundes ein europaweiter Teilnahmewettbewerb gestartet. Im Dezember 2010 wurden die beiden Bewerber ermittelt, deren Angebot in Qualität und Preis die Anforderungen am besten erfüllte. Bis Anfang März 2011 wurden noch nicht hinreichend geklärte gestalterische, architektonische und funktionale sowie vertragliche und finanzierungstechnische Aspekte erörtert. Nach Abgabe der finalen Angebote im Mai 2011 wurde im August 2011 das Angebot beauftragt, das am Ende qualitativ und preislich am besten überzeugte. Inzwischen ist der ÖPP-Vertrag auf dieser Grundlage unter Dach und Fach gebracht worden. Auftragnehmer ist ein Konsortium unter Führung der Unternehmen BAM Deutschland AG und Amber GmbH. Die Planung erfolgt durch das Stuttgarter Architekturbüro Heinle, Wischer und Partner. Mit den Bauarbeiten wurde Anfang 2012 begonnen; die Fertigstellung ist für September 2014 geplant. Das Investitionsvolumen beträgt rund 115 Millionen Euro. Schon jetzt lässt sich das Fazit ziehen: ÖPP und Bauqualität schließen sich nicht aus. Es ist bei ÖPP-Verfahren entscheidend, auch qualitative Anforderungen und Ziele frühzeitig zu definieren und sie mit baufachlichem Sachverstand verfahrensbegleitend durchzusetzen. Beim BMBF-Neubauvorhaben ist es gelungen, ein komplexes Bundeshochbauvorhaben einschließlich Planung, Betrieb und Finanzierung zu wirtschaftlichen Konditionen und mit hoher architektonischer Qualität zu beauftragen. Die Bewertung der planerischen Konsequenzen durch einunabhängiges baufachliches Bewertungsgremium hat sich hier als Schlüssel zum Erfolg erwiesen. Gute Architektur- und Bauqualität kommt nicht von allein. Erhebliche Herausforderungen Joachim Brenncke ist Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer ÖPP kann eine Beschaffungsvariante für öffentliche Bauten sein, wenn Prozess und Produkt optimiert werden. Das wird am Beispiel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung deutlich. Hier sind wesentliche Voraussetzungen zur Qualitätssicherung erfüllt worden, die die Bundesarchitektenkammer seit Jahren fordert. So besitzen hier der öffentliche und der private Partner beide die fachliche Qualifikation und Kompetenz, um in allen Phasen des ÖPP-Projektes die zahlreichen Entscheidungen bewusst und in Kenntnis aller Konsequenzen zu fällen. Architektur, Gestaltung und Funktionalität wurde ein hoher Stellenwert eingeräumt; sie wurden durch ein unabhängiges baufachliches Bewertungsgremium überprüft. Bewerbungsaufwand darf nicht zu hoch sein Die Komplexität eines ÖPP-Projektes stellt bei den für die Bewerbung umfangreichen Unterlagen nicht nur Bieter vor erhebliche Herausforderungen, sondern insbesondere auch die öffentlichen Auftraggeber, die diese Unterlagen bewerten und eine qualifizierte Entscheidung treffen müssen, die auch der vergaberechtlichen Nachprüfung standhält. Die an eine Bewerbung gestellten Anforderungen müssen daher der jeweiligen Aufgabe angemessen sein, um sowohl die Bieter nur im Rahmen ihrer zeitlichen und finanziellen Leistungsfähigkeit zu fordern als auch den öffentlichen Partner zu schützen. Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist hierbei die Vergütung der Bieter im Vergabeverfahren. Ein zu hoher Vergabeaufwand ohne angemessene Vergütung, gerade für die nicht erfolgreichen Bieter, verhindert in künftigen Verfahren die Abgabe der besten Angebote. Hier lohnt sich die Hinzuziehung unabhängiger Fachleute durch den öffentlichen Auftraggeber, um die vorhandenen Haushaltsmittel möglichst wirtschaftlich so einzusetzen, dass nur Lösungsvorschläge von höchster Qualität eingereicht werden. Die Planer müssen honorar- und haftungsrechtlich angemessen abgesichert sein, um auch künftig qualifizierte Büros für derartige Bauaufgaben gewinnen zu können. Architekturqualität und Bewerber-Auswahl Die Auswahl des privaten Partners basiert auch auf den Vorstellungen zur Architektur des geplanten Projektes. Sei es bei der Vergabe im Architektenwettbewerb, im Verhandlungsverfahren oder in Ausnahmefällen im wettbewerblichen Dialog: Eine qualifizierte Beurteilung des Bieterkonsortiums auch unter planerischen Gesichtspunkten ist unerlässlich. Umso wichtiger ist sie bei einer Finanzierung über ÖPP, da wie erwähnt die späteren Einflussmöglichkeiten auf den Planungsprozess gewollt gegen null tendieren. Die qualifizierte Beurteilung entlastet die Bauverwaltung – und sie ist nötig, da das gesamte Qualitäts- und damit das finanzielle Risiko im Ergebnis beim öffentlichen Auftraggeber als Nutzer und regelmäßig späterem Eigentümer des Projektes verbleibt. Die Beratung des öffentlichen Auftraggebers durch kenntnisreiche Architekten ist daher hilfreich. Der Auftraggeber braucht einen Sachwalter Seit jeher versteht sich der Architekt nicht nur als bloßer Erbringer von Planungsleistungen für den Auftraggeber, sondern stets als Sachwalter des Bauherrn. Der Architekt vertritt damit den Anspruch, sämtliche Interessen des Bauherrn für diesen in gestalterischer, wirtschaftlicher und nutzungsbedingter Hinsicht unabhängig wahrzunehmen. Architekten in ÖPP-Verfahren sind jedoch im Rahmen ihrer vertraglichen Pflichten regelmäßig als Sachwalter allein für den privaten Bieter tätig. Schon dadurch verbietet sich die gänzlich unabhängige und umfassende Interessenwahrnehmung für den öffentlichen Partner. Hinzu kommt, dass übliche sachwalterische Aufgaben des Architekten, beispielsweise die Vorbereitung und Vergabe von Bauausführungsleistungen sowie die Überwachung der Bauausführung, nicht unabhängig von diesem wahrgenommen werden können. Denn der Architekt ist innerhalb des Konsortiums in der Regel Auftragnehmer der Baufirma (des Bieters), deren Arbeit er zu überwachen hat. Damit wird nicht nur rechtlich, sondern auch faktisch die bewährte sachwalterische Leistung des Architekten spezifisch für den öffentlichen Auftraggeber beeinträchtigt. Eine begleitende unabhängige Qualitätskontrolle würde hier während der Planungs- und Bauphase zusätzlich die Interessen des öffentlichen Auftraggebers sichern.

Zentren und Center

Hervorgehoben

Gerold Reker, Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz Der öffentliche Raum hält die Städte zusammen – erschließungstechnisch und ästhetisch, sozial und ökologisch. Doch er wird vielfach beansprucht und dabei auch bedroht: in seiner Fläche von Verkehr und vielen anderen Nutzungsansprüchen, an seinen Rändern von privater Abschottung, Ignoranz und Konkurrenz. DABonline.de befasst sich im Monat September mit besonders schwierigen Stadträumen: Da gibt es die rasch wachsenden Zentren der Logistik an den Knotenpunkten des Verkehrs. Sie sind nicht urban im herkömmlichen Sinn, sind aber ein neuer Typ von Ballungskern, der an Architekten und Stadtplaner neue Herausforderungen stellt. Da gibt es in vielen Städten Hauptstraßen mit ungehobenen urbanen Schätzen. Man muss nur den Mut haben, den Asphalt der Fahrbahnen und Parkplätze aufzugraben. Und in den Innenstädten gibt es die viel diskutierten Einkaufszentren. Sie können die City stärken, den Bedarf nach Handelsflächen decken und im günstigen Fall positiv auf ihr Umfeld ausstrahlen. Sie können aber auch einen zu großen Teil der lokalen Kaufkraft in ihr Inneres saugen und bisher lebendige Straßen im Umfeld abtöten. Sie können an die Stelle städtischer Vielfalt und Offenheit eine überwachte, vom Umfeld isolierte Schein- Öffentlichkeit stellen. Man sollte sie also weder verteufeln noch kritiklos hinnehmen. Bevor sich Center-unerfahrene Städte aber einem erfahrenen Center-Investor ausliefern, sollten sie in einem öffentlichen Prozess ihren eigenen Willen diskutieren und herausarbeiten. Dabei geht es nicht nur um Struktur und Standorte der Handelsflächen, sondern auch um Stadträume als Orte der freien, öffentlichen Begegnung der Bürger – auch derer, die gerade nicht als Konsumenten unterwegs sind. Es gibt Alternativen zum introvertierten, gegenüber der Stadt abgeschotteten Center – ein Beispiel wird auf Seite 12 vorgestellt. Erste Erbauer und Betreiber von Einkaufszentren wollen nicht mehr Gegenwelten oder Surrogate zur urbanen Welt bieten, sondern wollen ein Teil von ihr werden. Denn auch viele der kaufenden Stadtbürger wollen mehr, als die abgeschotteten Center ihnen bieten können. Sie wollen Vielfalt und Überraschung nicht nur bei den Waren, wollen die traditionelle Innenstadt-Verflechtung von Handel, bürgerschaftlichem Leben, Kultur und Zeugnissen der Geschichte – und sie wollen zumindest bei Sonnenschein unter freiem Himmel sein. Trotz aller Grabgesänge ist der öffentliche Stadtraum noch lange nicht tot. Gerade die medialen und virtuellen Welten brauchen konkrete, lebendige Gegengewichte. Architekten und Planer sind gefragt. Doch es braucht auch den politischen Willen der Städte, baukulturelles und urbanes Bewusstsein der lokalen Öffentlichkeit sowie nicht zuletzt ausreichende personelle Kraft und Kompetenz in den kommunalen Ämtern. Mit all diesen Größen sollten wir planen. Wir sollten sie zum Gedeihen urbaner Zentren nutzen – mal mit stärker integrierten Einkaufszentren. Aber manchmal auch besser ohne sie.

Auslands-Akquise: Riviera und Arabien

Auch 2013 fördert die Bundesregierung die Teilnahme von Architekten an der Immobilienmesse Mipim in Cannes. Die Anmeldefrist läuft bis Mitte September. Eine Markterkundungsreise führt interessierte Planer vom 24. bis 28. November nach Saudi-Arabien. Das Programm wird organisiert vom Netzwerk Architekturexport in Kooperation mit der Außenhandelskammer Saudi-Arabien. Die Teilnehmer lernen staatliche und privatwirtschaftliche Institutionen des Landes kennen und knüpfen Kontakte. Informationen zu Messe und Reise unter www.architekturexport.de

Zilles Millionärs-Milieu

Luxuswohnen heute: keine Sonne, kein Schlafraum und zum Klo eine Weltreise. Text: Roland Stimpel Wann immer mich der Sozialneid packt, studiere ich zum Abregen die Grundrisse von Wohnpalästen der Premium-Highend-Residenz-Exzellenz-Exquisit-Extraordinär-Klasse. Extra ordinär, das trifft es. Im Preissegment ab 5.000 Euro pro Quadratmeter findet sich bei teuerster Ausstattung und gigantischem Flächenkonsum oft die Alltagsqualität eines ordinären Edelslums, Zille sein Milljonöh. Also der Berliner Hinterhof: In ein schlauchförmiges Grundstück mitten im Straßenblock werden gerade die Fehrbelliner Höfe gequetscht, ein „Ensemble aus historischen Wohnhäusern, loftartigen Fabrikgebäuden und hochwertig ausgebauten Neubauflächen“. Man genießt den Luxus, dem Edel-Nachbarn gegenüber aus gut sechs Metern Entfernung aufs goldene Tellerchen zu starren. In den unteren Wohnungen grüßt die Sonne nachmittags zwischen vier und halb fünf, jedenfalls im Juni. Auch lange Wege zum Außenklo waren einst ein Privileg der Armen. Heute müssen die Reichen marschieren: Im „Yoo Berlin“ ist in einer lang gestreckten 306-Quadratmeter- Klause direkt hinterm „Entree“, vulgo Wohnungstür, die „Bibliothek“. Schlägt dem Lesenden die Zugluft auf die Blase, dann führt sein Weg in der sehr offenen Wohnlandschaft durch die Esszone, die Wohnzone und die Kochzone und am Abstellraum vorbei durch „Flur 2“. Ist an dessen Ende das Gästeklo besetzt, biegt man um die Ecke auf „Flur 3“, passiert später die Ankleide und erreicht schließlich am Ende des Raums „Schlafen 1“ das rettende „Bad 1“. Noch ein Arme-Reiche-Leute-Phänomen ist die Stube-Küche-Wohnung. Im Berliner Sony- Center hat sie 150 Quadratmeter, davon sind 90 Prozent ein sehr repräsentativer Wohn- Koch-Ess-Schlafsaal, der Rest ein Bad und rätselhafterweise noch ein Gästebad. Für welchen Übernachtungsbesuch? Das kann nur der Engel vom Escort-Service sein. So ordinär ist natürlich nur Berlin, wo auch das Millionärsleben arm, aber sexy ist. Hamburger residieren viel edler. Die laut Makler „wohl exklusivste Wohnimmobilie der Hansestadt“ namens „Kristall Holzhafen“ liegt weit überm Einraumstandard: „Die Wohnungen sind in einen Tages- und einen Nachtbereich gegliedert.“  

Lagerarbeit

Logistikarchitektur ist eine Planungsaufgabe, die nicht immer gestalterischen Ehrgeiz erfordert. Hier zählt vor allem Ökonomie. Von Leila Haidar Weil Spediteure oft den Großteil ihrer Investition in das Logistikzentrum stecken, spielen Funktionalität und Wirtschaftlichkeit dieser Gebäude eine noch größere Rolle als in anderen Bereichen der Bauplanung. Der wichtigste Aspekt ist die optimale Raumnutzung: möglichst große Lagerflächen auf möglichst kleinem Raum. Spezialisiert auf kleinere Lagerhallen unter 2.000 Quadratmetern ist Architekt Franz-Josef Marks aus Obersulm bei Heilbronn. „Viele Vorgaben, wie Brandschutzmaßnahmen, greifen bei kleineren Gebäuden noch nicht. Dadurch können wir besonders wirtschaftlich bauen“, weiß der 53-Jährige. Der Spediteur Roland Rüdinger errichtet mit dem Architekten gerade seine elfte Lagerhalle im ländlichen Boxberg bei Tauberbischofsheim. Marks geht sehr sparsam mit den Materialien um. Zwar setzt er den recht teuren hochfesten Stahl (ST 57) ein, wendet aber Tricks an, um das Gesamtgewicht der Halle zu reduzieren. Beispielsweise plant er Stützen, die unten einige Zentimeter schmaler sind als oben. Das tut der Statik keinen Abbruch und nutzt Lastreserven aus, spart aber Stahl. Träger, Binder und Stützen sind Fertigteile, die auf der Schweißstraße zu einem T-Träger zusammengeschweißt werden, je nach Anforderungen des Objekts. Weil bei der Lagerung von Saatgut, Werkzeugmaschinen und Schrauben kein besonders hohes Gewicht auf das Gebäude wirkt, sparte Marks außerdem an Fundament und Unterbau.

Foto: Amazon

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Scheinbares Chaos: Auch wenn es im Amazon-Logistikzentrum Leipzig unübersichtlich aussieht, kennt der Computer den Stadort jedes einzelnen Produkts.

Seit 27 Jahren konzentriert sich Marks auf Industriebau. Für die sich ändernden Anforderungen im Logistikbereich hält sich der seit 2004 selbstständige Architekt mit Besuchen auf Fachmessen und einem guten Kontakt zu Herstellern und Anbietern auf dem Laufenden. Auch lernt er von seinen Kunden – und diese von ihm: Als die Spedition Rüdinger vor vier Jahren ihr erstes Projekt mit Marks realisierte, setzte sie noch auf Blocklager. Doch der Architekt erklärte dem Bauherrn, dass man Multifunktionshallen erstellen kann, die sowohl für die Regallagerung von Kleinteilen wie auch als Blocklager dienen können, ohne dass dem Transporteur die Kosten explodieren. Weil gerade bei kleineren und mittleren Lagergebäuden die Raumausnutzung eine große Rolle spielt, setzt Marks beim aktuellen Projekt die Stützen des Leichtstahlbaus außerhalb der Fassade. Damit gewinnt der Bau 140 Quadratmeter Nutzfläche. Dank der Stützenfreiheit im Inneren sind die Regalsysteme nicht unterbrochen. Das wiederum erleichtert den computergesteuerten Staplern, die durch die Hallen fahren werden, die Arbeit. Auf Industriebauten spezialisiert sind auch die Architekten um Joseph Pape aus Herford. Schwerpunkt des 13-köpfigen Teams sind Bauten für die Möbel-, Bekleidungs- und Milchindustrie. Ihr im Corporate Design des Discounters Kik gestaltetes Logistikgebäude in Bönen bei Hamm punktet mit neuesten Standards bei der Sicherheit. Neben einer Brandmeldeanlage und einem Einbruchmeldesystem wurde auch eine umfassende Videoüberwachung installiert. Das Büro plante eine Erweiterung der aus vier Trakten bestehenden Halle um eine weitere Einheit mit 10.000 Quadratmetern. Außerdem wurde die Multifunktionshalle in der unmittelbaren Nachbarschaft um ein 34 Meter hohes automatisches Hochregallager mit 3.500 Quadratmetern und 16.000 Palettenplätzen ergänzt. Es gibt jeweils zwölf Tore für Warenein- und -ausgang und 188 zusätzliche Pkw-Stellplätze. 650 Quadratmeter für Büro- und Sozialfunktionen sind den Lagerhallen angegliedert. Hier berücksichtigten die Planer die besonders strengen Brandschutzmaßnahmen für Textilien und installierten eine „Early Suppression Fast Response“-Sprinkleranlage. Pape, der Architektur und Innenarchitektur unter anderem in Spanien studierte, geht auf eigene Weise an das Zusammenspiel von Design und Funktionalität heran. Während viele Industriearchitekten aus wirtschaftlichen Gründen mit immer gleichen Bauteilen arbeiten, setzt er auf individuelle Lösungen und bezieht die Vorstellungen des Auftraggebers in die Planung ein. „Nur gemeinsam mit dem Bauherrn kann gute Architektur gelingen. Wir wollen einer Marke ein architektonisches Gesicht geben“, sagt Pape. Sein Büro sieht sich als Zusammenschluss von Generalisten mit einem guten Netzwerk aus Fachplanern. Auch wenn man bei Pape keine Lagerhalle von der Stange bekommt, spielt die Ökonomie eine große Rolle. „Das Budget müssen wir natürlich einhalten; das stellen wir durch intensive Baubetreuung sicher“, so Pape. Während sich kleinere Architekturbüros selbst Fachwissen über Brandschutz und Innenausbau aneignen, lagert das Paderborner Architekturbüro Kühling diese Dinge an Fachplaner aus. Schon das siebente Logistikgebäude für den Online-Riesen Amazon plante es jüngst. „Insgesamt sind bestimmt 20 Fachingenieure an der Planung beteiligt“, sagt Ute Gerken, Architektin für Industriebau bei Kühling. Das Handelsunternehmen bereicherte Deutschland in den vergangenen Jahren mit sieben Logistikzentren. Derzeit sind zwei Projekte mit je 120.000 Quadratmetern im Bau. 450 Meter lang, 170 Meter breit und 12,5 Meter hoch wird das eingeschossige Logistikzentrum, das gerade in Pforzheim entsteht. Dort soll künftig nicht nur das gesamte Amazon-Angebot lagern, sondern es sollen auch Produkte von Handelspartnern Platz finden. In Auftrag gegeben hat dieses Projekt der größte Eigentümer von Logistikimmobilien in Deutschland: Der australische Investor Goodman verfügt hierzulande über rund 1,5 Millionen Quadratmeter Logistikfläche. Für den Rohbau der Amazon-Projekte stellt er als Bauherr 25 bis 30 Millionen Euro zur Verfügung; Amazon wird die Anlagen anschließend mieten. Seit 1999 besteht das auf Logistik- und Industriebauten spezialisierte Büro Kühling mit seinen sieben Mitarbeitern. Beim Planen achten Kühling und sein Team vor allem auf den sauberen Warenfluss. „Das fängt bei den Außenanlagen an. Heranfahrende Lkw sollen den Fußgängern möglichst nicht in die Quere kommen“, weiß Ute Gerken. Optimale Transportbedingungen herrschen auch zwischen den vier Brandabschnitten einer Halle. Kühlings Team arbeitet hier mit klar strukturierten Wegen und mit Toren zwischen den einzelnen Units. Rampen verbinden die Bereiche auf unterschiedlichen Höhen. Optik und Gestaltung sind die Stiefkinder der Logistikarchitektur. Doch Architekt Stefan Fehse aus Berlin kann mit seinem Industrieprojekt für die Dronco AG auch gestalterisch punkten. Die Erweiterung einer Produktionsstätte mit Versandabteilung im fränkischen Wunsiedel plante der Betonfan stilsicher und kostengünstig. Den repräsentativen Eingangsbereich verkleidete er mit Lärchenholz aus dem Wald neben dem Grundstück. Der simple und funktionale Bau gewinnt so einen Bezug zur Umgebung, ein Stück Regionalität in einem international agierenden Unternehmen. Die warmen Holzelemente stehen in angenehmem Kontrast zum Sichtbeton. Fehse sieht sich aber nicht als Pionier: „Wir sind keine Architekten, die aus dem Logistikbau eine Schule machen wollen. Warenlager müssen vor allem funktional und wirtschaftlich sein.“ Leila Haidar ist freue Journalistin in Stuttgart

Teure Kostengrenzen

Bauherren versuchen, alle Kostenrisiken auf Architekten abzuwälzen. Beim Vertragsabschluss ist daher Vorsicht geboten. Von Erik Budiner und Axel Plankemann Dass Auftraggeber Einfluss auf die Kosten ihrer Baumaßnahmen nehmen, ist selbstverständlich. Seit einigen Jahren verstärkt sich jedoch das Bestreben der Bauherren, alle Kostenrisiken des Bauens deutlich auf die Architekten zu verlagern. Dies ist angesichts des obergerichtlich bestätigten „Kooperationscharakters“ eines Architektenvertrages und der Vielzahl der am Projekt Mitwirkenden, die auch maßgeblich die Kosten beeinflussen, ein für die Architekten ernst zu nehmender, häufig nicht mehr kontrollierbarer und zu beeinflussender Vorgang. Konsequenz sind nicht nur versicherungsrechtliche Probleme (vgl. „Kosten als Risiko“), sondern zunächst ein gesteigerter Aufklärungsbedarf bei den Architekten als Hauptbetroffenen. Ihren Niederschlag gefunden hat diese Entwicklung in einer Vielzahl von Vertragsmustern nicht nur gewerblicher Auftraggeber, sondern gerade auch der öffentlichen Hand. Wo früher „voraussichtliche Kosten“ und „vorläufige“ Kostenrahmen vertraglich aufgenommen wurden, verlangen Auftraggeber immer häufiger garantieähnliche Zusagen des Architekten, dass ein wie auch immer ermitteltes, bisweilen lediglich politisch vorgegebenes Baubudget in keinem Fall überschritten wird. Besonders trickreiche Vertragsformulierer verknüpfen dies zusätzlich mit einer Malus-Regelung nach § 7 Abs. 7 HOAI. Das erinnert an die Feststellung eines Richters des siebten BGH-Senates, nach deutscher Vertragsphilosophie sei der Abschluss auch eines Werkvertrages nicht selten einer wechselseitigen Kriegserklärung ähnlicher als der einvernehmlichen, fachgerechten Regelung unterschiedlicher Interessen und Risiken in einem auf Kooperation angelegten Vertragsverhältnis. Werkvertrag und Kosten-Vereinbarung Grundlage für die Beurteilung der Verantwortung des Architekten sind die Regelungen des Werkvertragsrechts. Der Architektenvertrag enthält die maßgeblichen Rechte und Verpflichtungen, aus denen sich Feststellungen zu Mängeln des Architektenwerks treffen lassen. Dazu legt § 633 Abs. 2 BGB lakonisch fest, ein Werk sei frei von Sachmängeln, wenn es die vereinbarte Beschaffenheit habe. Dies schließt „vereinbarte Beschaffenheiten“ im Kostenbereich ein. Vertraglich verpflichtende Beschaffenheitsvereinbarungen sind einerseits abzugrenzen gegenüber unverbindlichen Kostenrahmen „zur Orientierung“, aber andererseits gegenüber Kostengarantien, mit denen schlecht beratene Architekten für jeden Fall einer Kostenüberschreitung einstehen müssten. Kosten und Vertragspflichten Vorgaben des Auftraggebers für die zu realisierende Baumaßnahme sind vielgestaltig. Sie reichen von der Grundstücksausnutzung über Größen, Flächen, Nutzungsanforderungen, Funktionen, Technik und Materialien bis zu den hieraus resultierenden Kosten. Für den finanzierenden Privatauftraggeber spielen die Kosten der Baumaßnahme ebenso eine Rolle wie für den Investor oder den öffentlichen Auftraggeber im Rahmen seines Haushalts. Werden solche Kostenvorgaben (im Idealfall einvernehmlich) verbindlich zwischen den Parteien im Architektenvertrag festgelegt, so handelt es sich dabei um eine Beschaffenheitsvereinbarung. Sie ist Maßstab für die Vertragserfüllung ebenso wie für Mängelfeststellungen. Bei der Diskussion über vertragliche Kostenvereinbarungen wird häufig übersehen, dass der BGH bereits im Jahre 1998 den Architekten ausdrücklich zu einer wirtschaftlichen Planung und Ausführung verpflichtet hat. Ein Mangel des Architektenwerkes könne, so der BGH, auch dann vorliegen, wenn gemessen an den vertraglichen Leistungsverpflichtungen „übermäßiger Aufwand“ getrieben wird (BauR 1998, 354). Das gilt weiterhin auch ohne ausdrückliche vertragliche Vereinbarung. Beschaffenheitsvereinbarung: Risiken des Architekten Die Besonderheit einer Beschaffenheitsvereinbarung über die Kosten liegt darin, dass der Architekt für die Einhaltung einer Kostenobergrenze unter bestimmten Gesichtspunkten auch ohne eigenes Verschulden einstehen muss. Insbesondere kann der Auftraggeber bei Verfehlung des Kostenziels ohne zusätzliche Vergütung „Nacherfüllung“ verlangen, d. h. im Stadium der Planung eine vollständige Überarbeitung der bis dahin gefertigten Pläne mit dem Ziel einer Einhaltung der Kostenobergrenze. Bessert der Architekt trotz Aufforderung seine Pläne nicht nach, so kann ihm aus wichtigem Grunde gekündigt werden. Aber auch wenn keine Kündigung erfolgt, bildet die vertraglich festgelegte Baukostenobergrenze zugleich die Obergrenze der anrechenbaren Kosten für die Berechnung des Architektenhonorars (BGH BauR 2003, 566). Interessant ist, dass dem Architekten auch bei der Nachbesserung bereits vertragliche Einschränkungen begegnen können. So sieht z. B. das Vertragsmuster des Bundes vor, dass Kostenkorrekturen nicht so gestaltet sein dürfen, „dass die Einsparungen durch absehbare höhere Nutzungskosten (insbesondere Betriebs- und Instandhaltungskosten) aufgezehrt werden“. Zudem gelten zugunsten des Architekten bei einer solchen Beschaffenheitsvereinbarung keine Toleranzspielräume. Jede Überschreitung der vertraglich vereinbarten Kostenobergrenze stellt einen werkvertraglichen Mangel dar. Besonderes Augenmerk ist deshalb auf die vertragliche Definition der „Kosten“ zu legen. Dort muss klargestellt sein, welche Kosten der Beschaffenheitsvereinbarung zugrunde gelegt werden. Begriffe wie „Herstellungskosten“ oder „Baukosten“ sind aufgrund der großen Interpretationsspielräume ungeeignet. Dass in einer Vereinbarung nur die Einbeziehung jener Kostengruppen der DIN 276 sachgerecht ist, auf die der Architekt auch unmittelbaren Einfluss nehmen kann, ist leider eine zu wenig verbreitete Erkenntnis. Gerade die Vertragsmuster öffentlicher Auftraggeber sehen vor, dass auch Kostengruppen aus der Verantwortungssphäre des Bauherrn (z. B. die Kostengruppe 700) Teil der Beschaffenheitsvereinbarung werden. Fachlich und rechtlich verantwortbar kann aber eine vertraglich geregelte Kostenverantwortung nur sein, wenn sie sich auf die Kostengruppen 300 und 400 der DIN 276 beschränkt. Sind der Vereinbarung Bruttokosten zugrunde gelegt (Vertragsmuster des Bundes), würden sogar Erhöhungen der Mehrwertsteuer zulasten des Architekten gehen. Die Sichtung von Vertragsmustern nachfragestarker professioneller und öffentlicher Bauherren zeigt, dass hier kaum mehr von sinnvollen Vereinbarungsmöglichkeiten, sondern eher von schwer verhandelbaren Vorgaben zur Risikoabwälzung gesprochen werden muss (z. B. kommunale Vertragsmuster). Positiv hervorzuheben ist daher eine Vorgabe aus einem kirchlichen Vertragsmuster: Dieses sieht vor, dass bis zur Vorplanung zwar eine Budgetvorgabe des Bauherrn gilt, diese jedoch durch die Kostenberechnung aus der Leistungsphase 3 als Kostenobergrenze ersetzt wird. Bei einer Vereinbarung dieser Art hat der Architekt den erforderlichen Einfluss auf die Bestimmung der Kosten, auch der Zeitpunkt für eine Festlegung (Abschluss des Entwurfs) ist sachgerecht gewählt. Kein Schadensersatz ohne Verschulden Im Rahmen werkvertraglicher Mängelhaftung ist der Schadensersatzanspruch nach § 634 Nr. 4 BGB einer der möglichen Ansprüche des Auftraggebers. Er setzt aber in jedem Fall ein Verschulden voraus, d. h. der Mangel muss vom Architekten zu vertreten sein. Dies ist er insbesondere dann nicht, wenn Kostensteigerungen nachgewiesenermaßen durch den Bauherrn selbst veranlasst wurden (z. B. durch von ihm veranlasste Planungs-, Programm- und Standardänderungen) und der Architekt ihn auf die daraus resultierenden Kostensteigerungen rechtzeitig hingewiesen hat. Ist ein Bauwunsch objektiv mit dem vom Bauherrn vorgegebenen Kostenrahmen nicht zu realisieren, kann dies frühestens ab dem Zeitpunkt zu einem Schadensersatzanspruch führen, in dem die Unmöglichkeit der Realisierung erkennbar ist. Das besondere Risiko liegt für den Architekten aber bereits in der oben beschriebenen vertraglichen Definition des Kostenrahmens. Umfasst die vereinbarte Kostenobergrenze tatsächlich solche Kosten und Kostengruppen, die vom Architekten grundsätzlich nicht zu beeinflussen sind oder von Dritten (z. B. Fachingenieuren) verursacht werden, so übernimmt der Architekt ein beträchtliches, kaum zu steuerndes und damit auch kaum zu rechtfertigendes Risiko. Schaden: Bei Vorteilsausgleich kein Anspruch Das Vorliegen von Mängeln im Zusammenhang mit einer Beschaffenheitsvereinbarung über die Kosten führt allerdings nicht in jedem Fall zu einem ersatzfähigen Schaden des Auftraggebers. Einerseits kann ein Schadensersatzanspruch auch bei einem Mangel des Architektenwerks ausgeschlossen sein, wenn der Auftraggeber im Hinblick auf die übersteigenden Kosten einen entsprechenden Mehrwert erhält (Vorteilsausgleich). Im Übrigen kann einer Schadensersatzforderung auch entgegengehalten werden, dass es sich bei einem Teil der Mehrkosten um solche Aufwendungen handelt, die auch bei ordnungsgemäßer Planung und Erstellung des Objektes nach den vertraglichen Vorgaben angefallen wären (Sowieso-Kosten als Sonderfall des Vorteilsausgleichs). In beiden Fällen geht es darum, dass der Auftraggeber durch die Geltendmachung von Mängelrechten nicht zusätzlich bereichert wird. Soweit den erhöhten Kosten ein realer Gegenwert in Form von Wertsteigerungen oder anderen finanziellen Vorteilen gegenübersteht, fehlt es beim Bauherrn an einem Schaden. Ein solcher, den Architekten entlastender Vorteilsausgleich erfolgt allerdings nicht, wenn der Bauherr diesen Mehrwert tatsächlich nicht realisieren kann, also wenn etwa bei einem Wohnungsbauunternehmen erhöhte Baukosten nicht mehr in die Kalkulation und Vereinbarung von Verkaufspreisen einfließen, wenn bei Investitionsbauten Mehrkosten nicht weitergereicht oder durch höhere Mieteinnahmen kompensiert werden, Subventionen entfallen oder ein gleichwertiges Bauwerk tatsächlich auch zu geringeren Kosten hätte errichtet werden können. Rechtsanwalt Erik Budiner (München) und Rechtsanwalt Axel Plankemann (Hannover) als Autoren für den Rechtsausschuss der Bundesarchitektenkammer

Passgenau

Foto: Lisa Farkas

Im Planquadrat R 7 der Quadrate-Stadt Mannheim wurde kürzlich ein Wohnhaus des Frankfurter Architekten Stefan Forster fertiggestellt, das mit klassischen Proportionen und soliden Materialien wie ein gebautes Manufactum-Bekenntnis daherkommt: Es gibt sie noch, die guten Dinge. In diesem Fall sind es eine elegante, horizontal geführte Klinkerfassade mit feingemauerten Simsen und Staffelgeschossen sowie die gelungene städtebauliche Einpassung in die Umgebung mit Hochhaus- und Blockrandbebauung aus den 1950er-Jahren. Die Fensterbänder mit dem Relief aus Betonwerkstein und Klinker zitieren die örtliche Architekturtradition. Das der Einfachheit halber nach seinem Standort R 7 benannte Gebäude ist ein KfW-40-Effizienzhaus und öffnet sich an der Rückseite mit durchgehenden Balkons zum Lamey-Garten.

Die Not mit dem zweiten Rettungsweg

Der zum Brandschutz geforderte zweite Rettungsweg stellt Planer vor technische und architektonische Herausforderungen. Von Sylvia Heilmann Unbestritten führt die Notwendigkeit, aus einem Aufenthaltsbereich zwei Rettungswege ins Freie nachzuweisen, immer wieder zu Konflikten. Insbesondere in Bestandsgebäuden erfordert diese im § 33 (1) MBO eindeutig formulierte Gesetzmäßigkeit ein interdisziplinäres Zusammenwirken aller am Bau Beteiligten. Belange der Ästhetik, meist auch des Denkmalschutzes, der Konstruktion, der Grundrissgestaltung, der Nutzungsspezifik, der Benutzbarkeit, der Gebäudesicherheit und nicht zuletzt der Kosten spielen hierbei eine maßgebende Rolle. Prinzipiell bestehen seitens des Gesetzgebers zwei Möglichkeiten, den 2. Rettungsweg nachzuweisen:
  • eine weitere notwendige Treppe nach § 34 MBO  (siehe 1.),
  • eine mit Rettungsgeräten der Feuerwehr erreichbare Stelle, wobei die Feuerwehr über die hierfür erforderlichen Rettungsgeräte auch verfügen muss und bei Sonderbauten wegen der Personenrettung keine Bedenken haben darf (siehe 2.).
Aus diesem Grundsatz lässt sich Zweierlei schnell erkennen:
  •  Auch die so genannte „Nottreppe“ (häufig als Außentreppe geplant) ist eine notwendigeTreppe, für die § 34 MBO uneingeschränkt gilt und für die eine allgemein anerkannte Regel der Technik als Entwurfsnorm zu berücksichtigen ist (DIN 18065)

    Foto: Dipl.-Ing. Sylvia Heilmann

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    Neue Außentreppe aus Stahl, bewusst vom Gebäude abgesetzt

  • Regelmäßig ergeben sich die Bedenken beim Einsatz der Rettungsgeräte in Sonderbauten dann, wenn
    • einerseits die Rettungsgeräte, die benötigt werden, nicht verfügbar sind und
    • anderseits die zur Verfügung stehende Zeit für die Personenrettung nicht ausreicht, um alle Personen sicher aus dem Gebäude zu evakuieren.
  • Die zur Verfügung stehende Zeit ergibt sich dabei immer im Einzelfall z. B. aus dem Feuerwiderstand raumabschließender oder tragender Bauteile, welche die Personen solange schützen oder tragen sollen, bis die Feuerwehr vor Ort ist, die Rettungsgeräte einsatzbereit (Hilfsfrist) sind und zudem die Evakuierung erfolgreich abgeschlossen wurde. Bei einer durchschnittlichen Rettungsrate von 3 min pro Person können mit einfachen und logischen Ableitungen ganz schnell die tatsächlichen Bedenken begründet (siehe Beispiel Bild 3) oder die Machbarkeit des Einsatzes der Rettungsgeräte nachgewiesen werden. Bild 3: Der Einsatz der Rettungsgeräte der Feuerwehr ist bei 140 Kindern pro Geschoss ausgeschlossen! T 90+RS-Türen auf F 30-B-Decken ist kein zielführender Nachweis! Die bauordnungsrechtliche Zulässigkeit ist nicht gegeben. Grundsätzlich ist eine Evakuierung von Kindern, hilfsbedürftigen Personen, alten oder kranken Menschen über tragbare Rettungsgeräte der Feuerwehr ausgeschlossen. Das liegt zum einen an der zur Verfügung stehenden Zeit (Rettungsrate kontra Bauteilqualität) sowie der meist großen Personenanzahl (hohe Belegungsdichte), hängt zum anderen aber auch mit der besonderen physischen und /oder psychischen Konstitution der zu evakuierenden Personen zusammen. Weisen z. B. Holzbalkendecken nur einen Feuerwiderstand von F 30-B (REI 30) auf (siehe Beispiel im Bild 3) verbleiben bei einer Hilfsfrist der Feuerwehr von 12 Minuten bis zum Versagenszustand der Geschossdecken (30 Minuten) insgesamt 18 Minuten. In dieser Zeit können bei Einsatz der Tragleitern sechs Personen evakuiert werden. Daher ist für die im Bild 3 dargestellte Situation keine sichere Evakuierung aller Personen nachweisbar. Illustration: Dipl.-Ing. Sylvia Heilmann Der 2. Rettungsweg ist neben der Sicherheitsstromversorgung und der Sicherheitsbeleuchtung die einzige bauordnungsrechtlich geforderte Redundanz, was darauf zurückzuführen ist, dass der „Ausfall der ersten Versorgungs- bzw. Erschließungsebene“ regelmäßig unterstellt wird bzw. dass der Ausfall des ersten Rettungsweges (vor allem durch Raucheintritt) nicht ausgeschlossen werden kann, ja sogar planmäßig einkalkuliert wird. Sobald sich das Erfordernis eines 2. baulichen Rettungsweges an oder in einem bestehenden mehrgeschossigen Gebäude ergibt, ist zunächst die Frage zu beantworten, in welcher Weise der Höhenunterschied überwunden werden kann. Hierfür bieten sich prinzipiell verschiedene Lösungsansätze, die in Anhängigkeit der spezifischen Gegebenheiten mehr oder weniger praktikabel sind. Bild 4: Möglichkeiten der Höhenüberwindung zur Evakuierung von Personen. Illustration: Dipl.-Ing. Sylvia Heilmann Die Wahl des 2. Rettungsweges ist abhängig von
    • den Platzverhältnissen im Gebäude und auf dem Grundstück,
    • den Grundrissstrukturen (Zugänglichkeit des RW, Erschließung der Nutzungen),
    • den konstruktiven Gegebenheiten (Fundamentierung, Verankerung am und im Gebäude, Durchbruch im Gebäude, Lastableitung neuer / alter Bauteile),
    • den ästhetischen Ansprüchen (Fassadengestaltung, Denkmalschutz),
    • den nutzungsspezifischen Erfordernissen (hilfsbedürftige Personen, Belegungsdichte),
    • den monetären Bedingungen (Investitionen, Wartungskosten, steuerliche Abschreibung usw.),
    • den versicherungsrechtlichen Vorgaben (Einbruchschutz, Betriebsunterbrechung).
    Die angenehmste, aber sicher auch kostenintensivste Art der Höhenüberwindung ist der Aufzug, wobei seine Benutzung im Brandfall nur möglich ist, wenn es sich um einen Feuerwehraufzug nach DIN EN 81-72 handelt. Die einfachste und nur für flache Gebäude geeignete Art der Höhenüberwindung ist offensichtlich die Rampe (Wendel- oder Spiralrampe oder geneigte Ebene), wobei diese Lösung aufgrund der nur geringen Neigung einen erheblich größeren Platzbedarf für die Höhenüberwindung nach sich zieht, als eine Treppe. Der Vorteil ist, dass deren Benutzung auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen möglich ist. Die üblichste und vom Gesetzgeber vorgegebene Art der Höhenüberwindung (siehe 1.) ist eine weitere notwendige Treppe. Aufgrund der Vielfältigkeit der Treppen ist deren Einsatz nahezu uneingeschränkt möglich. Vorteile sind neben dem geringen Platzbedarf (je nach Treppenkonstruktion) vor allem der hohe Vorfertigungsgrad, die umfangreiche Materialauswahl und die freie Gestaltung der Treppe. Nachteil ist, dass Treppen in der Regel von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ohne fremde Hilfe nicht benutzt werden können. Außentreppen sind meist leichter anzubauen, als Innentreppen im Gebäude zu integrieren, was letztlich auch mit dem Verlust von Nutzfläche im Gebäude zusammenhängt. Gleichfalls sind Außentreppen ohne Treppenraum in brandschutztechnisch ungeschützter Form nur zulässig, wenn deren Benutzung nicht durch Öffnungen in der Fassade beeinträchtigt wird (siehe Bild 5). Bild 5: Außentreppe, die durch Fenster unter dem Podest beeinträchtigt wird. Zudem fehlt ein Treppenzugang aus dem Obergeschoss. Foto: Dipl.-Ing. Sylvia Heilmann Die kritischste und von Genehmigungsbehörden meist mit zusätzlichen Auflagen versehene Art der Höhenüberwindung ist die Rettungsrutsche. Sie ist nur im Einzelfall und nur dann genehmigungsfähig, wenn zusätzliche Bedingungen erfüllt werden (siehe Bild 6). Bild 6: Rettungsrutsche vor geschlossener Wandscheibe zur Evakuierung aus dem Obergeschoss. Zusätzlich müssen die Gebäudeseiten für die Feuerwehrgeräte erreichbar sein (Außenangriff). Regelmäßige Übungen und ausreichend geschultes Personal sind weitere Bedingungen, die erfüllt sein müssen. Dieser Rettungsweg schließt sich allerdings für Kleinkinder bis 3 Jahre aus. Foto/Illustration: Dipl.-Ing. Sylvia Heilmann Besonders anspruchsvoll werden die Konflikte, wenn mit dem Baunebenrecht (umfasst unter anderem das Umwelt- und Immissionsschutzrecht, das Gewerbe- und Arbeitsstättenrecht, das Fachplanungsrecht) ein scheinbares Übermaß an „Nebenforderungen“ die „Rechtsdisziplin“ empfindlich strapaziert. Beispielsweise seien hier die berufsgenossenschaftlichen Regeln (BGR) oder auch die Vorschriften der Unfallkassen benannt, deren Einhaltung in Deutschland hohe Priorität genießt. Eine autarke und rein formale Entscheidungsfindung widerspricht hier meist dem Erfordernis nach einer „interdisziplinären Gebäudeplanung“. Das gilt im Besonderen für die Bewertung von bestehenden Gebäuden, die den modernen Vorschriften „von Natur aus“ nur selten gerecht werden können. Eine risikogerechte Herangehensweise, ein eigenverantwortliches Ermessen über zwingende Notwendigkeiten von materiell-rechtlichen Forderungen, über mögliche konstruktive Abschläge und über nutzungsspezifische Einschränkungen ist hier von allen Beteiligten, auch den Prüf- und Genehmigungsinstanzen, obligatorisch. Es kann und muss erwartet werden, dass die Grenzen eines Handlungs- und Ermessensspielraums im konkreten Einzelfall erkannt und in Hinsicht auf Zweck und Ziel der entsprechenden Vorschrift ausgenutzt werden. Dazu gehört, dass unverzichtbare Notwendigkeiten durchgesetzt werden. Dazu gehört auch, dass ggf. von einer undurchführbaren oder unzweckmäßigen bzw. nicht zielführenden Regel zugunsten einer Ersatzmaßnahme Abstand genommen wird. Sind beispielsweise die bestehenden Platzverhältnisse auf dem Grundstück so eingeschränkt, dass nur Wendeltreppen mit geringem Platzbedarf zum Einsatz kommen können, ist in Abwägung aller Befindlichkeiten zu überprüfen, ob diese im Einzelfall und ausnahmsweise nicht dem Ziel dennoch dienlich sein können, auch wenn die Vorschriften andere Lösungen bevorzugen. Wendeltreppen finden aber selten die Akzeptanz der Versicherungsträger. Es muss daher abgewogen werden, welche Maßnahmen dem Gebäude, den Nutzern, dem Investor, dem Versicherungsträger, der Öffentlichkeit, den Ausführenden zumutbar sind und damit letztlich auch nachhaltigen Bestand haben. Und manchmal ist eben auch die Wendeltreppe als einzige akzeptable Lösung ins Kalkül zu ziehen (siehe Bild 7). Bild 7: Denkmalgeschützte Schule, bei der wegen des „Fassadenschutzes“ keinesfalls Außentreppen, sondern neue Wendeltreppen in den beiden Innenhöfen zugelassen wurde. So konnte der 2. RW nach Kompromissfindung und Abwägung aller Belange, auch des Unfallschutzes, nachgewiesen werden. Im Rahmen eines Abweichungsantrages kann nachgewiesen werden, dass deren Benutzung ausschließlich dem Brandfall vorbehalten bleibt und dass keine konkreten Gefahren bestehen. Illustration: Dipl.-Ing. Sylvia Heilmann Dipl.-Ing Sylvia Heilmann ist Prüfingenieurin sowie öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für baulichen Brandschutz in Dresden und Fachautorin. Zum Büro unter http://www.ibheilmann.de/