Tiefpunkt der Architekturgeschichte

Architekten planten in Auschwitz die Bauten für den Völkermord. Das hat vordergründig nichts mit der heutigen Planungs- und Baupraxis zu tun. Aber zum Thema Moral und Verantwortung gehört auch ein Blick in den berufsethischen Abgrund | Von Roland Stimpel Planer des Todesfabriken: Die deutschen Mitglieder der SS-Zentralbauleitung posieren Anfang 1943 vor ihrer Auschwitzer Arbeitsbaracke, die Walter Dejaco entworfen hat. Chef der Bauleitung war der Ingeieur Karl Bischoff (1.Reihe vierter von rechts); seine wichtigsten Architekten waren die Abteilungsleiter Dejaco (3.von rechts) und Fritz Ertl (2.Reihe vierter von links). 100 polnische Häftlinge mussten für sie zeichnen und messen. Sechs Wochen nach dem Überfall von 1939 schlägt Deutschland den Großteil des westlichen Polens seinem Reich zu. Das Städtchen Oświęcim heißt wieder so, wie deutsche Siedler es bei ihrer Besiedlung im Mittelalter getauft hatten: Auschwitz. Darüber freut sich Dr.-Ing. Hans Stosberg, 36-jähriger Stadtplaner in Breslau und seit zwei Jahren NSDAP-Mitglied. Er bekommt nun, wie er sich später erinnert, seinen „ersten größeren städtebaulichen Staatsauftrag“: Raumordnungsskizzen für 13 Gemeinden der überfallenen Region, und später auch die Stelle als „Sonderbevollmächtigter für den Bebauungsplan der Stadt Auschwitz“. Für Stosberg ist es „Ziel allen Planens, deutschen Menschen einen Boden zu bereiten“. Das heißt auch: fort mit der alten „Judenstadt unter der Burg“ und fort mit ihren 7.000 Bewohnern. Für das Fortschaffen ist die SS da. Im Süden von Auschwitz findet sie eine polnische Kaserne mit 22 Blöcken, die zunächst Konzentrationslager für bis zu 10.000 widerspenstige Polen wird. Später sperrt sie auch Kriegsgefangene und Arbeitssklaven ein, dann errichtet sie das Vernichtungslager. Bis kurz vor Kriegsende ist Auschwitz ständig Baustelle. Architekten und Ingenieure der SS planen immer wieder Neues: Aufnahmekomplexe, um die hierher Verschleppten zu entlausen, ihnen Nummern auf den Arm zu tätowieren und sie kahl zu scheren. Hunderte von Baracken, um sie hineinzupferchen. Wachtürme und elektrisch geladene Stacheldrahtzäune, um sie an der Flucht zu hindern oder in den Stromtod zu hetzen. Folterkeller, um sie zu quälen, Bordelle und Menschenversuchslabors, um sie zu missbrauchen, Gaskammern und Krematorien, um sie zu vernichten. Und ein ganzes Lagerhausquartier mit den Erträgen von Raub und Leichenfledderei, in dem sich 1945 noch 1,2 Millionen Kleider, Mäntel und Anzüge fanden, 44.000 Paar Schuhe, 13.000 Brillen und 7.700 Kilogramm Haare, geschoren von Lebenden und Toten. Für all das braucht es willige Planer wie Walter Dejaco. 1930 hat er sein Diplom auf einer Innsbrucker Bauschule gemacht, als gerade die Weltwirtschaftskrise ausgebrochen ist. Er schlägt sich als Bergführer, Skilehrer undd Hilfszeichner durch, tritt 1933 in die SS ein, die in Österreich zu der Zeit verboten ist, kommt dafür fünf Monate in Haft und geht nach Frankreich, Italien und Deutschland. 1939 zieht ihn die SS zum Kriegsdienst ein; im Mai 1940 beordert sie ihn in die Bauleitung des geplanten Lagers Auschwitz. Zehn Tage nach Dejaco folgt Fritz Ertl. Er stammt aus einer wohlsituierten Familie von Architekten und Bauunternehmern, studiert in Salzburg sowie 1928 bis 1931 in Dessau, wo ihn sein Kommilitone Hubert Hoffmann „für die Umgangsformen am Bauhaus viel zu höflich“ findet. Danach steigt er im heimatlichen Linz ins familiäre Baugeschäft ein. Kaum sind die Deutschen in Österreich einmarschiert, tritt Ertl in die SS und die NSDAP ein und dient deren lokalem Wirtschaftsbeirat als „Sachbearbeiter Bauwesen“. Auch ihn beordert die SS zum Polen-Krieg und dann in die Auschwitzer Bauleitung. Der Architekturhistoriker Niels Gutschow hat für sein Buch „Ordnungswahn. Architekten planen im ‚eingedeutschten Osten’“ die Spuren Dejacos, Ertls und Stosbergs verfolgt und ihr Umfeld beschrieben: „Im Dritten Reich gehörten sie zu der Funktionselite, die die Vernichtung in Gang setzte, um auf Vertreibung, Mord und Zerstörung aufzubauen.“ Dutzende planten in Auschwitz, in dem Berliner SS-Amt C 4 „Künstlerische Fachgebiete“ und anderswo für den Völkermord oder profitierten direkt von ihm. Die Historiker Deborah Dwork und Robert Jan van Pelt schreiben in dem Buch „Auschwitz von 1270 bis heute“: „Keiner war als Massenmörder geboren. Doch Schritt für Schritt, Zeichnung um Zeichnung gelangten die Architekten auf Geheiß ihrer Vorgesetzten dahin, dass sie den Schrecken planten und ausführten.“ Sie sind aber nicht nur passive Befehlsempfänger, sondern KZ-Karrieristen: Dejaco bekommt in Auschwitz seine erste Architektenstelle mit eigener Kompetenz. Für Ertl ist es zumindest ein relativ komfortabler Job in Kriegszeiten. Stosberg steigt auf vom Stadtbediensteten zum regionalen Planungschef. Und die drei setzen die Ziele ihrer Partei in Pläne um: Deutschlands Herrschaft und das Verschwinden der Juden. Zeichentisch-Täter. Ein SS-Mann erinnert sich später: „Die KZ-Bauleitung war so stolz auf ihre Leistung, dass im Vorraum eine Zusammenstellung von Bildern aus dem Krematorium ausgehängt wurde.“ Dejaco und Ertl legen im Frühsommer 1940 los, damit ihre SS das Lager mit Gefangenen füllen und bald überfüllen kann. Von Anfang an planen sie mit dem Tod: Bei einem der ersten Umbauten wird das frühere Pulvermagazin zum Krematorium. Die Erfurter Firma Topf montiert zur Leichenverbrennung schon ab dem 5.Juli den ersten Doppelofen ihres neuen Typs „D-57253 Modell Auschwitz“. Während übers Tor der Metallbogen mit dem zynischen Motto „Arbeit macht frei“ kommt, macht die Bauleitung einen Kasernenbau zum Lagergefängnis mit 0,8 Quadratmeter kleinen „Stehzellen“ für bis zu vier Gefangene, richtet den nächsten für Sterilisierungen ein und baut zwischen beiden den Hof mit einer „Schwarzen Wand“ für Erschießungen aus. Zur Hand gehen müssen rund 100 in die Bauabteilung beorderte Häftlinge – Architekten, Vermesser und Ingenieure. Draußen vor dem Lager zeichnet Stosberg Pläne für altdeutsche Stadträume. Häftlinge bauen seinen Rathaus-Entwurf im Stil des Heimatschutzes und sein Quartier im „Deutschen Gasthaus“. Und bis zu 30.000 Zwangsarbeiter schuften am Chemiewerk der IG Farben, das den industriellen Kern der Stadt bilden soll. Also gönnt Stosberg dem KZ in seinem Raumordnungsplan eine „genügende Reservefläche“. Lager-Landschaft: 33 Quadratkilometer umfasst das KZ- “Interessengebiet“. Östlich der Bahn (orange) das Lager Auschwitz 1, links das große Vernichtungslager Birkenau. Rechts außerhalb der roten KZ-Grenze die Stadt Auschwitz. Der Flächenbedarf der SS ist riesig. Sie steckt ein „Interessengebiet“ von 3.300 Hektar ab, mit schließlich 39 Einzellagern und Kommandos. Nachdem es zunächst nur zum Einsperren polnischer Widerstandskämpfer gedacht war, soll es bald auch billige Arbeitskräfte für Landwirtschaft und Chemie liefern. Die SS vermietet sie für drei bis sechs Reichsmark pro Tag; für Verpflegung und Unterkunft kalkuliert sie Kosten von 1,34 Mark. Die Expansion des Lagers finanziert sie aus dem Gewinn – und aus dem Verkaufserlös von Raubgut, das den Häftlingen gehörte. Die rege Nachfrage nach Zwangsarbeitern kann sie verstärkt bedienen, als Deutschland im Sommer 1941 die Sowjetunion überfällt und dort in der Folgezeit mehr als fünf Millionen Soldaten gefangen setzt. Für sie müssen riesige Lager her. Im Frühherbst kommt der Befehl aus Berlin, westlich des ersten Auschwitzer Lagers, in Birkenau, ein weiteres für zunächst 100.000 Kriegsgefangene zu bauen. Fritz Ertl macht sich sofort an die Arbeit. Am 7. Oktober 1941 entwirft er einen Lageplan mit 180 Baracken. Für diese liefert er am nächsten Tag einen Detailplan mit zwei Meter breiten ungepolsterten Liegenflächen für je drei Gefangene – 550 pro Baracke. Sein Chef Karl Bischoff streicht die Zahl 550 durch und schreibt 744 hin – vier statt drei Gefangene pro Liegeplatz. Die Historiker Dwork und van Pelt: „Zum Schlafen, Sitzen und Aufbewahren seiner Habe erhielt jeder Gefangene jetzt einen ,privaten‘ Raum, welcher der Fläche eines großen Sarges oder dem Volumen eines flachen Grabes entsprach.“ Bischoff und Ertl hätten damit „die deutsche Gleichsetzung von Sowjetsoldat mit Untermensch ins Architektonische übersetzt“. Die SS kalkuliert Baukosten von 12.400 Reichsmark pro Baracke, also knapp 17 Mark pro Gefangenem. Später muss es noch schneller und billiger gehen. Als Häftlingsbaracken dienen jetzt Bausätze für Heeres-Pferdeställe, allerdings nicht im Standard für Rösser mit Fenstern und festem Boden. In einer Baubeschreibung Dejacos heißt es: „Decke: keine; Be- und Entwässerung: keine.“ Und was für 52 Pferde entworfen war, muss jetzt für 400 Gefangene reichen. Die Bauakte vermerkt: „Bei Ausführung der Arbeiten in Eigenregie mit Häftlingen kommt eine Haftungs- und Garantiezeit nicht zur Anwendung.“ Für je 7.000 bis 8.000 Gefangene gibt es nur eine Waschbaracke mit ein paar Hähnen, aus denen Wasser oft nur tröpfelt, und eine Latrinenbaracke, ausgestattet mit einem offenen Betonkanal und einer hölzernen Rückenlehne. Nach späteren Umplanungen sind sie von den Schlafbaracken bis zu 800 Meter entfernt. Der Tod durch Ruhr und Typhus wird in Kauf genommen und tritt massenhaft ein. Diese Lagerplanungen bezeichnet der amerikanische Holocaust-Forscher Terrence Des Pres später als „Fäkalangriff“ gegen die Häftlinge; Dwork und van Pelt sprechen von „biologischer Kriegsführung“. Die Sowjetgefangenen bekommen nur ein Sechstel der kargen Sanitärausstattung, die die SS-Richtlinie für normale KZ-Häftlinge vorsieht. Auch der Bau der Terrorlager ist im Geiste Ernst Neuferts genormt, auf 25 Schreibmaschinenseiten mit präzisen Vorgaben für ein Muster-KZ mit 5.000 Insassen. Erstellt hat diese Richtlinien Hans Kammler, der seinen Dr.-Ing. an der TH Hannover gemacht hat und jetzt Chef der SS-Bauleitung in Berlin ist. Heimeliges Steildach: Die Sorgfalt, die die Auschwitzer Architekten den Häftlingsunterkünften und Sanitäreinrichtungen verweigerten, verwandten sie auf das Krematorium. An Seuchen, Hunger, Misshandlungen und Zwangsarbeit sterben Zigtausende. Zu ihrer Verbrennung sollen Krematorien her. Am 24. Oktober 1941 zeichnet Dejaco einen Prototyp mit Leichenräumen und -rutschen, solidem Kamin und heimeligem Steildach. Dwork und van Pelt: „Die Sorgfalt, welche die Auschwitzer Architekten dem Entwurf der Latrinen verweigerten, verwandten sie auf das Krematorium.“ Im November steigt Dejaco zum Leiter der Planungsabteilung auf. Mit Ertl, der mittlerweile Abteilungsleiter für Hochbau ist, feiert er in der nahen Großstadt Kattowitz und verprügelt auf der Rückfahrt einen Schaffner, der aufs Schließen der Zugtür gedrängt hatte. Ein SS-Gericht verurteilt Dejaco zu drei Monaten Haft; doch der SS-Reichsführer Heinrich Himmler in Berlin verkürzt persönlich die Strafe, denn Dejaco wird gebraucht. Kurz nach seiner Tat wird er sogar zum „Sonderführer“ ernannt. 1941 hat der systematische Völkermord begonnen, zunächst mit dem Erschießen, Erschlagen, Totspritzen, Ersticken- und Verreckenlassen vieler Einzelner. Schon bevor im Januar 1942 die Wannsee-Konferenz die „Endlösung“ organisiert, sucht die SS industrielle Tötungsmethoden. In Auschwitz probiert sie das Blausäuregas Zyklon B aus, das zuvor zur Entlausung verwendet wurde. Für Rest-Polens Generalgouverneur Hans Frank ist das Vergiften von Menschen nichts anderes. „Natürlich konnte ich in einem Jahr nicht alle Läuse und Juden vernichten“, meint er 1940. Ab September 1941 töten die Mordkommandos mit Zyklon B ganze Gruppen von Häftlingen im Lager Auschwitz 1. Im Dezember schütten hier SS-Männer zum ersten Mal die Blausäurekristalle durch Deckenlöcher und töten 900 gefangene Sowjetsoldaten. Zu Silvester verschickt Hans Stosberg Grußkarten: „In diesem Jahr 1941 wurde der Aufbau einer neuen deutschen Stadt und die Wiederherstellung des alten schlesischen Ringplatzes geplant und begonnen.“ Am 30. Januar feiert Lagerkommandant Rudolf Höß mit Ertl und anderen den Jahrestag von Hitlers Machtergreifung und bespricht „vordringliche Bauaufgaben im Jahre 1942“, darunter eine neue Kommandantur, die später mit 3,3 Millionen Reichsmark kalkuliert wird. Akut wichtiger sind aber ein Krematorium und ein „Wäschereigebäude mit Entlausung, Zugang und Häftlingsbad“. Für die Neubauten sollen „2.000 einsatzfähige Häftlinge abgestellt werden“. Als der Russlandfeldzug stockt, werden weniger gegnerische Soldaten inhaftiert und sterben hier. Aber die Krematorien sind geplant und die Öfen bestellt. Auschwitz wird zum Zentrum des Völkermords, zumal hier auch Bahn-Fernstrecken zusammenlaufen. Die Krematorien werden zu Tötungsfabriken erweitert. Ihre Beteiligung daran werden nach dem Krieg fast alle kleinreden. Fritz Ertl wird vor Gericht zu Protokoll geben, seine Arbeit sei „ausschließlich bauverwaltungstechnischer Natur“ gewesen. Zur Bauverwaltung des Massenmords leitet er am 19. August 1942 eine Planungsbesprechung über drei Krematorien für Birkenau. Im Protokoll schreibt er von „Badeanstalten für Sonderaktionen“. Vor Gericht sagt er Jahrzehnte später, dass „mir damals bekannt war, dass es sich hierbei um Vergasungen handelt“. Zu dieser Zeit sind am Rand des KZs Birkenau mindestens 50.000 Leichen vergraben. Ihre Zersetzung droht das Trinkwasser von Stosbergs germanischer Musterstadt zu vergiften; die Toten müssen weg. Am 16. September reist Dejaco mit dem Kommandanten Höß ins Vernichtungslager Kulmhof/Chelmno bei Lodz. Dort trifft er einen Berufskollegen, Standartenführer Paul Blobel. Der Prädikats-Absolvent der Baugewerkschule Barmen-Elberfeld war im Vorjahr zuvor Chef jener „Einsatzgruppe“, die allein in Babi Jar bei Kiew 33.000 Juden an zwei Tagen erschossen hat. Jetzt ist er Spezialist für das Beseitigen ausgegrabener Leichen, genannt „Enterdungsaktion“. Er empfiehlt Höß und Dejaco eine Konstruktion, bei der abwechselnd eine Schicht Leichen und eine Schicht benzingetränktes Holz auf einem Rost aus Bahnschienen gelegt werden. Dejaco zeichnet eifrig mit; nach seiner Skizze wird die „Sonderanlage“ in Auschwitz gebaut. Noch lebende Häftlinge müssen dann die 50.000 Toten ausgraben und verbrennen. Ertl lernt eine Polin kennen, schwängert sie und schafft es später, sie als „Volksdeutsche“ einstufen zu lassen, damit er sie heiraten darf. Dejaco wird später sagen: „Ich fand das nicht korrekt.“ Doch Ertl geht von seiner Freundin und einem für Kriegsverhältnisse sicheren Platz im Januar 1943 zur Kampfausbildung an eine SS-Pionierschule – weit weg von Auschwitz. Allzu späte Gewissensbisse, Angst vor künftiger Strafe oder eine Flucht vor irgendetwas anderem? Sein Motiv für den Weggang lässt sich heute nicht mehr klären. Stosberg hat in dieser Zeit planerischen Kummer mit der SS: Er will in Auschwitz altdeutsche Stadträume schaffen; die schwarze Truppe plant für ihre Offiziere Eigenheime, die „einen weniger städtischen als vielmehr siedlungsmäßigen Charakter“ haben. Nicht ethisch, nur baulich-ästhetisch stört ihn dies oder das in Auschwitz. Lebhaft diskutiert er laut einem Besprechungsprotokoll die drohende „Verschandelung der an sich reizvollen Landschaft“ durch einen geplanten Verschiebebahnhof. Besser solle das KZ sich „ungestört von den öffentlichen Verkehrseinrichtungen“ entwickeln. Das wiederum ist der SS ganz recht, denn auch sie fühlt sich von neugierigen Blicken gestört, als immer mehr Güterzüge mit zur Ermordung bestimmten Juden anrollen. Dejaco zeichnet am 19. Dezember 1942 jenen Plan mit der Nummer 2003, der die Mordfabrik optimiert und den Tiefstpunkt der Architekturgeschichte markiert. Der Plan enthält nur wenige, scheinbar banale Änderungen für ein neues Birkenauer Krematorium: Bisher war eine Leichenrutsche in den Keller geplant, wo die Toten vor der Einäscherung in einer Halle liegen sollten. Jetzt wird die Rutsche durch eine Treppe ersetzt, die noch lebende Opfer hinuntergehen müssen. Im Keller müssen sie sich ausziehen und dann in den Raum gehen, der bisher als Leichenhalle dienen sollte. In die 210 Quadratmeter große Gaskammer treiben SS-Leute bis zu 1.600 Menschen und schlagen die Türen zu. Durch Deckenlöcher fällt das Zyklon B. Wenn nach einigen Minuten alle tot sind, schaltet jemand die Belüftungsanlage an. Häftlinge müssen durch Türen, die Dejaco eigens umplant, die Leichen herausholen, ihnen Goldzähne ziehen und sie zu den Verbrennungsöfen bringen. Vergast wird bald Tag und Nacht. Überall in Europa treiben SS-Leute 1943 und 1944 Juden und Roma in die Güterzüge, von Norwegen bis Griechenland, von Frankreich bis Russland, transportieren sie nach Auschwitz und hetzen die meisten sofort in die Gaskammern. Mehr als eine Million Menschen sterben. Boden und Blut: Vom Lager nur durch den Fluss Sola getrennt plante Hans Stosberg eine deutsche Musterstadt nach mittelalterlich- schlesischem Vorbild. Die „Judenstadt“ mit 7.000 Menschen hatte dafür zu weichen. Für ihr Terrorregime will die SS 1943 das Lager noch zehn bis zwanzig Jahre betreiben. Stosberg und andere erwägen im Januar eine „spätere Verlegung des KZ-Lagers“. Ein Umzug wäre laut Besprechungsprotokoll „nicht nur für die Stadt, sondern auch für das Lager selbst von Vorteil, weil es zwischen Fluss und Bahn unorganisch“ liegt. Im Mai treffen sich Stosberg, Dejaco und andere im Stadtbauamt und diskutieren über die Straße zwischen Stadt und Lager. Dejaco notiert „in jeder Weise eine Einigung“. Stosberg träumt in einem „Idealplan“ für sein Auschwitz von einer „anheimelnden Wirkung intimer Wohnstraßenräume“ und einer „in der Landschaft sauber abgesetzten Silhouette“. Doch im totalen Krieg gibt es kein ziviles Bauen mehr; auch Stosberg wird Soldat. Während sich die Qualmwolken der Leichenverbrennung über seine Stadt legen, wünscht er zum Abschied, dass sich das Projekt Auschwitz „würdig an die Seite stellen möge den Schöpfungen unserer Vorfahren, die diesen Boden bereits vor Jahrhunderten durch ihr Blut und ihren Schweiß geweiht haben“. Es gehe darum, „ein Stück versteppter Erdoberfläche zu einer wirklichen Kulturlandschaft zu gestalten und das geschändete Angesicht dieses Landes wieder der Gesundung zuzuführen“. Dejaco entwirft nun Räume für eine neuartige Ultraschall-Entlausungsanlage von Siemens, schlägt sich mit Zementmangel herum, mit Luftschutzbunkern und Löschteichen sowie der „Tarnung der Krema” mit Rohrmatten. Zwischendurch ist er in Frankreich, kommt aber im Oktober 1944 zurück. Als die Sowjettruppen näherrücken, sprengt die SS die Krematorien von Birkenau, doch die meisten Baupläne bleiben erhalten. Die Mehrzahl kommt ins KGB-Archiv, wo sie rund ein halbes Jahrhundert unzugänglich liegt. Hans Stosberg leitet ab 1948 das Planungsamt von Hannover, wo er 1933 an der TH seinen Doktortitel erworben hatte. Sein neuer Chef, Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht, hat seine Abhärtung in Albert Speers „Wiederaufbaustab“ bekommen. Der Architekturhistoriker Werner Durth beschreibt 1977 Hillebrecht und Stosberg in Hannover als „gut trainiertes Team, das auch ohne planungsrechtliche Voraussetzungen eigenständig Entscheidungen treffen kann”. Stosberg bleibt 20 Jahre Amtsleiter und lebt bis 1989. Ertl gerät kurz in amerikanische Kriegsgefangenschaft, Dejaco für fünf Jahre in sowjetische. Beide arbeiten danach wieder als Architekten; 1961 werden sie von Auschwitz-Überlebenden angezeigt. Österreichs Justiz lässt sich bis zum Prozess elf Jahre Zeit. Dann sind viele Zeugen tot und andere erinnerungsschwach. Entscheidende Dokumente liegen noch in Moskau unter Verschluss. Das Gericht kommt zu dem Schluss, Ertl und Dejaco seien nicht die „geistigen Urheber“ der Gaskammern. Beide werden freigesprochen; sie leben bis 1979 und 1982. Söhne von allen dreien wählen lange nach dem Krieg den Beruf ihrer Väter. Über einen hieß es in Wikipedia bis zum 7.November, kurz nach einer Anfrage des Architektenblatts in seinem Büro: „Als Architekt steht Ertl in einer familiären Tradition.“

„Der erste Schritt war entscheidend“

Raphael Gross 2010 untersuchte in seinem 2010 erschienenen Buch  „Anständig geblieben: Nationalsozialistische Moral“ die ethischen Hintergründe der Täter im Dritten Reich. Der Buchtitel spielt auf einen berüchtigten Satz des SS-Führers Heinrich Himmler über Massenerschießungen an: „Dies durchgehalten zu haben, und dabei … anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht.“ Der Historiker Prof. Dr. Raphael Gross ist Direktor des Fritz-Bauer-Instituts und des Jüdischen Museums in Frankfurt sowie des Leo-Baeck-Instituts in London. Die Architekten in Auschwitz fingen mit einem Gefangenenlager an und planten schließlich Gaskammern. Was muss geschehen, damit jemand einen moralischen Grundsatz nach dem anderen fallen lässt? Zu den einzelnen Personen lässt sich wenig sagen, wenn keine Aussagen aus der damaligen Zeit von ihnen überliefert sind – zum Beispiel Tagebücher. Aber ich denke, hier wurden nicht moralische Grundsätze einer nach dem anderen fallen gelassen, sondern es wurde die ganze Zeit einer Art nationalsozialistischer Moral gefolgt. Deren Grundlage war eine partikulare Ethik, die nur für die eigene Gruppe, die sogenannte arische Volksgemeinschaft, galt, die dagegen andere brutal abwertete, vor allem Juden und sogenannte Gemeinschaftsfremde. Diese Ethik war nicht ohne Bedeutung für alles Folgende bis zum Holocaust. Die Täter gingen den Weg dahin zwar Schritt für Schritt – ohne zu wissen, wie weit sie gehen würden. Aber der erste Schritt war der entscheidende: Wer die eigene Gruppe zu Herrenmenschen erklärt und andere zu Untermenschen, der hat schon eine Grundeinstellung, die mit Auschwitz enden kann. Wie konnte ein Architekt in Auschwitz planen, der am Bauhaus eine ganz andere Ethik kennengelernt hatte? Wir wissen ja nicht, ob er sie nur kennengelernt oder ob er sie für sich selbst übernommen hat. Auch die Nazis propagierten gute Wohnverhältnisse – aber eben nicht für alle. Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob jemand gute Architektur für einen Anspruch aller Menschen hält oder nur für den Anspruch deutscher Volksgenossen. Wer so denkt, der kann den Abgewerteten, Ausgeschlossenen auch die Architektur der KZs zumuten. Gab es auf der einen Seite die Fanatiker, auf der anderen Seite die Technokraten, die ohne eigene Überzeugung mitmachten? Nur aus äußerem Antrieb agiert niemand. Und es kommt darauf letztlich nicht an: Alle Täter verhielten sich, als ob sie überzeugt seien. Für sein Verhalten ist jeder verantwortlich. Die Organisatoren der Verbrechen waren oft intelligente, gebildete Menschen. Viele Täter sahen ihren eigenen Antisemitismus als rational begründet – ganz im Sinne Adolf Hitlers, der schon 1919 einen „Antisemitismus der Vernunft“ propagiert hatte. Diese Täter mochten das NS-Hetzblatt „Stürmer“ wegen seiner Primitivität verachten. Aber das taten sie wesentlich auf der ästhetischen Ebene, nicht auf der ethischen. Auch unter den Tätern war von massenhafter Tötung fast nie direkt die Rede; sie gebrauchten in der Regel Tarnwörter. War das rein taktisch bedingt oder sprachen sie nicht direkt darüber, weil sie hier irgendwo doch noch Tabus sahen? Fast niemand sieht sich als Verbrecher, während er seine Tat verübt. Die versuchte Geheimhaltung entsprang vielmehr einem Elitegedanken: Wir, die wir diese schwierigen Taten begehen, wissen mehr als die anderen. Und sie wollten natürlich Widerstand und Protest vermeiden. Sie sahen sich sogar selbst als besonders human an – gegenüber denen, die das nach ihrer Ansicht verdienten, nämlich ihren eigenen Leuten. Und gerade das führte zur schlimmsten Inhumanität. So war ein wesentliches Motiv für die Konstruktion der Gaskammern, sich und den eigenen Kameraden die Arbeit des Tötens zu erleichtern, physisch und psychisch. Konnte ein Architekt in Auschwitz den Befehl verweigern? Von dort ist kein Fall bekannt, in dem es jemand versucht hat. Aber es gab solche Fälle in den sogenannten Einsatzgruppen, die in Polen und Russland Hunderttausende Juden erschossen haben. Hier haben Männer das Mittun verweigert. Und es gibt keine Belege, dass dafür irgendjemand hart bestraft worden wäre. Auch der eine Architekt in Auschwitz wurde ja nicht verfolgt, der nach Ihren Unterlagen offenbar aus eigenem Antrieb von dort weggegangen ist. Auch Architekten in Auschwitz sagten später: Hätte ich es nicht getan, dann hätte es ein anderer getan. Und das Ergebnis wäre das gleiche gewesen. Letzteres mag sogar stimmen. Aber Leute sind schwer erträglich, die sich damit entschuldigen wollen, dass sie nur Teil einer großen Gruppe waren. Denn sie haben es doch selbst getan, und dafür sind sie auch selbst verantwortlich. Diese Entschuldigung ist wirklich zu durchschaubar. Wie sollten Deutsche, und speziell deutsche Architekten, heute mit Auschwitz umgehen? Sie sollten die Gedenkstätte unterstützen. Oder was meinen Sie? Politisch-moralisch unterstützen oder ästhetisch? Materiell und praktisch. Die Fragen stellte Roland Stimpel.