Wie Architekten BIM bewerten

Building Information Modeling (BIM) gilt als die Planungsmethode der Zukunft. Welche Erfahrungen haben Architekten bisher damit, und was erwarten sie von den Kammern? Eine bundesweite Befragung liefert Antworten. Von Nicole Reiß Die Digitalisierung schreitet in allen Bereichen unseres Alltags voran. Im Bereich des Planens und Bauens steht Building Information Modeling (BIM) für eine neue, kooperative Planungsmethode, bei der auf der Grundlage digitaler Modelle eines Bauwerks die für seinen Lebenszyklus relevanten Informationen und Daten konsistent erfasst, verwaltet und in einer transparenten Kommunikation zwischen den Beteiligten ausgetauscht oder für die weitere Bearbeitung übergeben werden. Um ein aktuelles Meinungsbild zu BIM und zum gegenwärtigen Stand der praktischen Anwendung dieser Arbeitsmethode zu erhalten, haben die Architektenkammern der Länder unter Federführung der Bundesarchitektenkammer im Jahr 2017 eine bundesweite Befragung unter den selbstständig tätigen wie anhängig beschäftigten Architektinnen und Architekten aller Fachrichtungen durchgeführt. An der Befragung beteiligten sich 15.206 Kammermitglieder. Dies entspricht einer Rücklaufquote von rund 16%. Bekanntheit und Einsatz von BIM am eigenen Arbeitsplatz Die Befragung wandte sich zunächst der Frage des Bekanntheits- und Nutzungsgrads der Arbeitsmethode BIM zu. Unter den Inhabern von Architektur- und Planungsbüros liegt der Anteil derjenigen, die BIM kennen und bereits im eigenen Büro einsetzen, bei 9%. 74% kennen BIM, nutzen es jedoch (noch) nicht. Den verbleibenden 17% der Büroinhaber ist BIM kein Begriff. Bei näherer Betrachtung der BIM nutzenden Inhaber von Architektur- und Planungsbüros zeigt sich, dass BIM überdurchschnittlich häufig in Büros mit jungen Büroinhabern (bis 40 Jahre), in großen Büros (25 Beschäftigte und mehr), in Büros mit überwiegend gewerblichen Auftraggebern, in Büros mit hohem Neubauanteil und in Büros mit überwiegend großen Projekten (anrechenbare Baukosten > 500.000 Euro) eingesetzt wird. Insbesondere der Zusammenhang zwischen Alter des Büroinhabers und BIM-Nutzung ist von Interesse, deutet er doch darauf hin, dass die nachrückende Inhabergeneration weniger Berührungsängste mit dieser noch recht neuen Arbeitsmethode hat. Unter den in der freien Wirtschaft angestellt tätigen Kammermitgliedern ist der Anteil derer, die BIM kennen und nutzen deutlich höher: Rund ein Fünftel der angestellten Kammermitglieder in Architektur- und Planungsbüros und im Baugewerbe arbeitet bereits mit BIM. Der Mehrheit ist BIM ein Begriff, die Methode wird aber nicht genutzt. 15% der Angestellten in Architektur- und Planungsbüros und 24% der Angestellten in der baugewerblichen Wirtschaft ist BIM nicht bekannt. Bezogen auf die Angestellten in Architektur- und Planungsbüros und im Baugewerbe ergibt sich ebenfalls ein statistisch signifikanter Zusammenhang nach Büro- / Unternehmensgröße. Auch hier kommt BIM in großen Organisationen deutlich häufiger zum Einsatz als in kleineren. Der Zusammenhang zwischen BIM-Nutzung und Büro-/Unternehmensgröße erklärt auch die unterschiedlich hohen Anteile der BIM-Nutzer unter Inhabern von und Angestellten in Architektur- und Planungsbüros: während abhängig beschäftigte Kammermitglieder überwiegend in großen Büros tätig sind, repräsentieren die Büroinhaber mehrheitlich kleine Büros. Am geringsten fällt der Anteil derer, die BIM kennen und bereits nutzen, bei den im öffentlichen Dienst tätigen Kammermitgliedern aus (4%). 57% der im öffentlichen Dienst beschäftigten Kammermitglieder ist BIM bekannt, wird aber nicht genutzt und 39% kennen BIM nicht. BIM-Nutzer: Gründe für die Einführung von BIM Wird BIM genutzt, so wurde es in erster Linie mit dem Ziel der Steigerung von Büroeffizienz (76%), Projekteffizienz (70%) und Projektqualität (59%) sowie zur Minimierung von Schnittstellenproblemen und zur Verbesserung der Projektkoordination (jeweils 44%) eingeführt. Die differenzierende Betrachtung zeigt, dass Beschäftigte im Baugewerbe und im öffentlichen Dienst die Gründe, die sich auf ein verbessertes Zusammenspiel mit anderen Projektbeteiligten beziehen (Minimierung von Schnittstellenproblemen / Verbesserung der Projektkoordination) häufiger anführen als Inhaber von und Angestellte in Architektur- und Planungsbüros. Eine Faktorenanalyse ergibt, dass sich die insgesamt sieben abgefragten Gründe für die Einführung von BIM auf zwei übergeordnete Motive zurückführen lassen. So kann zwischen einer intrinsisch und einer extrinsisch motivierten Einführung der Arbeitsmethode BIM unterschieden werden. Bei intrinsischer Motivation wurde BIM in erster Linie eingeführt, um die Prozesse im Büro und im Projektablauf zu optimieren. Diese Gruppe nennt als Gründe der BIM-Einführung überdurchschnittlich häufig die Erwartung einer Steigerung der Büro- und Projekteffizienz sowie der Projektqualität, einer Reduktion von Schnittstellenproblemen und einer Verbesserung der Projektkoordination. Bei extrinsischer Motivation ist die BIM-Einführung vor allem eine Reaktion auf eine (vermutete) Anforderung bestehender und potenzieller Auftraggeber („Erfüllung einer Anforderung von Auftraggeberseite“, „Erschließung neuer Leistungsfelder“). Einsatz von BIM: Art der mit BIM bearbeiteten Projekte Inhaber von Architektur- und Planungsbüros setzen – sofern sie diese Arbeitsmethode nutzen –BIM mehrheitlich im Rahmen aller Projekte ihres Büros ein (59%). Jeweils rund ein Fünftel der Büroinhaber gibt an, BIM nur bei Projekten mit komplexer Geometrie bzw. nur auf Wunsch des Auftraggebers einzusetzen. Differenziert nach dem Motiv der BIM-Einführung zeigt sich, dass Inhaber, die BIM vor allem mit dem Ziel der Prozessoptimierung eingeführt haben (intrinsische Motivation), BIM deutlich häufiger im Rahmen aller Projekte des Büros einsetzen als Inhaber, die BIM in erster Linie aufgrund externer Vorgaben nutzen. Letztere setzen BIM demgegenüber überdurchschnittlich häufig nur dann ein, wenn der Auftraggeber es fordert. Differenziert nach Bürogröße zeigt sich, dass Inhaber kleiner Büros BIM häufiger bei allen Projekten des Büros einsetzen als große Büros. Dieses Ergebnis erklärt auch, weshalb der Anteil der Angestellten in Architektur- und Planungsbüros, die BIM bei jedem Projekt einsetzen mit 43% geringer ausfällt als der Vergleichsanteil für die Inhaber von Architektur- und Planungsbüros (59%), da erstere vorwiegend in großen Büros tätig sind, während Letztere mehrheitlich kleine Büros repräsentieren. Einsatz von BIM: Kooperation mit Projektbeteiligten Die Möglichkeit, mit allen Projektbeteiligten an einem gemeinsamen Modell zu arbeiten, wird insbesondere in Architektur- und Planungsbüros überwiegend noch nicht genutzt. Anders als Angestellte im Baugewerbe und Beschäftigte im öffentlichen Dienst, die überwiegend gemein-sam mit anderen Projektbeteiligten an digitalen Modellen arbeiten, werden in Architektur- und Planungs-büros häufig BIM-Modelle erstellt, ohne dass die anderen Projektbeteiligten BIM nutzen oder bei denen Änderungen über Import-/Export-Funktionen oder manuell abgeglichen werden müssen. Differenziert nach vorrangigem Motiv der BIM-Einführung zeigt sich, dass Büroinhaber, die BIM zum Zweck der Prozessoptimierung eingeführt haben, häufiger mit Projektpartnern zusammenarbeiten, die kein BIM nutzen. Demgegenüber arbeiten Büroinhaber, die BIM in erster Linie aufgrund einer Marktanforderung nutzen, häufiger mit den anderen Projektbeteiligten an gemeinsamen digitalen Planungsmodellen. Dieses Ergebnis ist damit zu erklären, dass Büros, die BIM in erster Linie nutzen, um einer Anforderung von Auftraggeberseite nachzukommen, in der Regel mit Projektpartnern zusammenarbeiten dürften, die die gleichen Anforderungen erfüllen müssen. Einsatz von BIM: Schwierigkeiten beim Informationsaustausch mit Projektbeteiligten Rund zwei Drittel der Befragten (68%) haben im Rahmen von BIM-Projekten Schwierigkeiten beim Informationsaustausch mit anderen Projektbeteiligten. Das meistgenannte Problem besteht darin, dass ein Teil der Projektpartner (noch) kein BIM nutzt (67%). Daneben berichten die Befragten mehrheitlich von Kompatibilitätsproblemen zwischen unterschiedlichen Softwarelösungen (60%) sowie von Abstimmungsproblemen bei der Pflege gemeinsam genutzter Modelle bzw. – im Fall jeweils eigener Modelle der verschiedenen Projektpartner – fehlender Zuverlässigkeit der Information über Planänderungen durch die Projektpartner (59%). Einsatz von BIM: Projektbeteiligte, die BIM-Modelle nutzen Die von den befragten Kammermitgliedern erstellten BIM-Modelle werden in erster Linie von TGA- (74%) und Tragwerksplanern genutzt (70%). Bei gut einem Drittel der Befragten greift der Bauherr auf das erstellte BIM-Modell zu. Deutlich seltener nutzen ausführende Unternehmen und Projektsteuerer (jeweils 18%), Brandschutzplaner, Facility Manager (jeweils 14%) und Lichtplaner (12%) die BIM-Modelle. Geplante Einführung von BIM Bei der Mehrheit der Befragten, die BIM kennen, bislang jedoch nicht nutzen, ist die Einführung von BIM im eigenen Büro bzw. durch den Arbeitgeber nicht geplant (63%). 6% der Büroinhaber und rund ein Zehntel der abhängig Beschäftigten geben an, die Einführung von BIM werde derzeit vorbereitet. Bei rund einem Viertel der Befragten ist die zukünftige Nutzung von BIM vorgesehen, ohne dass bislang konkrete Maßnahmen ergriffen worden wären. Bei näherer Betrachtung der Inhaber von Architektur- und Planungsbüros, die die Einführung von BIM planen zeigt sich, dass ihre Büros den Büros gleichen, die BIM bereits heute nutzen. Es sind vorwiegend Büros mit jungen Büroinhabern (bis 40 Jahre), große Büros (25 Beschäftigte und mehr), Büros mit überwiegend gewerblichen Auftraggebern, Büros mit hohem Neubauanteil und Büros mit überwiegend großen Projekten (anrechenbare Baukosten > 500.000 Euro). Gleiches zeigt sich für die Angestellten in der freien Wirtschaft: auch hier sind es wieder vor allem die großen Büros / Unternehmen, die BIM gegenüber aufgeschlossen sind. Gründe gegen die Einführung von BIM Befragte, bei denen die Einführung von BIM nicht vorgesehen ist, begründen dies deutlich überwiegend damit, dass die bestehenden Planungsmethoden für die Projekte des Büros / Unternehmens / der Behörde ausreichten (77%). Von rund der Hälfte der Befragten wird zudem das Argument angeführt, dass die Auftraggeber die Verwendung von BIM nicht forderten und eine Einführung daher nicht notwendig sei (47%). Vor allem in Architektur- und Planungsbüros und hier in erster Linie in kleinen Büros wird von einer BIM-Einführung abgesehen, da die Kosten der Einführung als zu hoch empfunden werden und davon ausgegangen wird, dass der Einsatz von BIM erst ab einer bestimmten Büro- bzw. Projektgröße rentabel sei. Bewertung von BIM Die Arbeitsmethode BIM ist noch relativ neu und, wie die Befragungsergebnisse zeigen, im Arbeitsalltag vieler Kammermitglieder noch nicht angekommen. Entsprechend groß ist auch die Unsicherheit, die bei vielen Befragten im Zusammenhang mit BIM besteht. Um eine Bewertung unterschiedlicher Statements zum Thema BIM gebeten, erhalten vor allem kritische Aussagen zu BIM hohe Zustimmung: der Einstieg in BIM sei vor allem von kleinen Büros finanziell nicht zu stemmen (68%), haftungsrechtliche (67%), honorarrechtliche (67%) und urheberrechtliche Fragen (51%) sowie Fragen des Know-how-Schutzes (59%) seien im Zusammenhang mit BIM bislang nicht ausreichend geklärt. Mehrheitlich zustimmend äußern sich die Befragten allerdings auch zu den positiven Aussagen, BIM
  • mache Projekte mit hoher Komplexität wieder beherrschbar (65%),
  • reduziere die Fehleranfälligkeit durch den Wegfall von Mehrfacheingaben (61%) und Modell-Checks (58%),
  • steigere die Effizienz durch schnellere Informationsverfügbarkeit (57%),
  • führe zu einer verbesserten Kommunikation zwischen den Projektbeteiligten (57%) und
  • ermögliche eine verbesserte Visualisierung in der Phase der Projektentwicklung (57%) sowie
  • eine zuverlässigere Kostenkalkulation (53%).
Eine nach (geplanter) BIM-Nutzung differenzierende Analyse der Bewertung von BIM zeigt, dass die Mehrzahl der positiven Aussagen zu BIM von BIM-Nutzern höhere Zustimmungswerte erhalten als von Befragten, die die Einführung von BIM bisher nur planen. Am geringsten fällt die Zustimmung zu den positiven Statements unter den Befragten aus, bei denen der Einsatz von BIM im eigenen Büro / am eigenen Arbeitsplatz nicht geplant ist. Bezogen auf die Mehrzahl der negativen Aussagen gilt der umgekehrte Zusammenhang: BIM-Nutzer lehnen sie am deutlichsten ab, zukünftige BIM-Nutzer schon etwas weniger deutlich und BIM-“Gegner“ äußern sich mehrheitlich zustimmend. Eine interessante Ausnahme gibt es jedoch: die Aussagen, dass honorarrechtliche, haftungsrechtliche und urheberrechtliche Fragen sowie Fragen des Know-how-Schutzes bislang nicht ausreichend geklärt seien, werden unabhängig von der (geplanten) Nutzung von BIM, mehrheitlich als zutreffend bezeichnet. Diese Fragen klären sich also auch im Rahmen der berufspraktischen Anwendung von BIM nicht. Erwartungen an die Architektenkammern im Zusammenhang mit BIM Die im Zusammenhang mit BIM bestehenden Erwartungen der Kammermitglieder an die Architektenkammern waren dann auch Gegenstand der Befragung. Sämtliche im Rahmen dieser Frage vorgegebenen möglichen Aufgaben der Kammer wurden von der Mehrheit der Befragten als sehr wichtig oder wichtig bezeichnet:
  • die Stärkung der Position des Architekten als Koordinator des Planungs- und Bauprozesses (85%),
  • die Entwicklung und Durchsetzung verbindlicher Regelungen im Bereich des Haftungsrechts (82%),
  • das Angebot von Fortbildungsveranstaltungen zum Thema BIM (81%),
  • die Durchsetzung von openBIM und damit eines softwareunabhängigen Austauschformats zur Minimierung von Schnittstellenproblemen (79%),
  • das Angebot von Informations- und Beratungsangeboten zur Vertragsgestaltung (78%) und zu Fragen der Honorierung (75%),
  • die Erarbeitung von Ausbildungsinhalten zu BIM (66%),
  • die Entwicklung und Durchsetzung verbindlicher Regelungen im Bereich des Know-how-Schutzes (66%) und des Urheberrechts (65%) sowie
  • das Angebot vergünstigter Rahmenverträge für BIM-Software (55%).
Dieses Ergebnis verdeutlich noch einmal die große Unsicherheit, die unter den Kammermitgliedern in Bezug auf BIM besteht. Es verdeutlicht auch die zentrale Rolle, die den Kammern bei der Information über BIM, der aktiven Gestaltung in berufsrechtlichen Fragen sowie in der Konzeption von Aus- und Fortbildungsangeboten im Zusammenhang mit BIM zukommt.

Ausschreibungs-Hilfe

Wie Umweltkriterien in Ausschreibungstexten rechtssicher formuliert werden, erläutert Diana Fischer, Inhaberin des Ingenieurbüros Fischer. Von Diana Fischer Der Ruf nach „nachhaltigen“ Gebäuden wird immer lauter – Hilfestellungen zur Umsetzung dieser Forderung in öffentlichen Ausschreibungen gibt es hingegen kaum. Für ausschreibende Architekten bedeutet dies oftmals eine große Unsicherheit bei der rechtssicheren Formulierung von umweltbezogenen Anforderungen an Gebäude und Bauprodukte. Im Vordergrund steht dabei die Frage, welche Umwelteigenschaften und Nachweise bei der umweltorientierten Vergabe öffentlicher Aufträge, dem sogenannten „Green Public Procurement“ (GPP), verlangt werden dürfen, ohne gegen die allgemeinen Vergabegrundsätze der Nichtdiskriminierung, Gleichbehandlung und Transparenz zu verstoßen. Die Einbeziehung von umwelt- und gesundheitsrelevanten Aspekten in den Vergabeprozess ist schon lange möglich. Allerdings waren rechtliche Fragen, insbesondere bei Bauaufträgen oberhalb der EU-Schwellenwerte, nicht abschließend geklärt. Dies hatte zur Folge, dass bei Bauaufträgen in der Regel der Beschaffungspreis als einziges Kriterium herangezogen wurde und auch heute noch wird. Die EU hat diese Problematik erkannt und die Berücksichtigung von Umwelt- und Sozialstandards bei der umfassenden Novellierung des Vergaberechts 2014 vereinfacht. Zudem können die durch ein Bauvorhaben verursachten Lebenszykluskosten seit der Vergaberechtsnovellierung, die seit dem Frühjahr 2016 in deutsches Recht umgesetzt wurde, stärker berücksichtigt werden. Dies ermöglicht der öffentlichen Hand, ihrer Vorbildfunktion gerecht zu werden und eine führende Rolle bei der Verringerung von Umweltbelastungen einzunehmen. Bislang gibt es kaum rechtliche Anforderungen, Kriterien in Bezug auf die Umweltfreundlichkeit von Bauprodukten und Gebäuden in öffentlichen Ausschreibungen zu formulieren. Einzig das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) schreibt in § 45 vor, dass Behörden des Bundes und ähnliche Stellen bei Bauvorhaben prüfen müssen, ob und in welchem Umfang Produkte eingesetzt werden können, die zu weniger und schadstoffärmeren Abfällen führen, aus recycelten Abfällen bzw. wiederverwendeten Materialien bestehen sowie wiederverwendbar oder gut verwertbar sind. Darüber hinaus ist es den ausschreibenden Stellen freigestellt, in Bezug zum Auftragsgegenstand stehende Umweltkriterien festzulegen. Definition von Anforderungen an Gebäude und Bauprodukte Vor der Einbindung der Umweltanforderungen in Ausschreibungen müssen diese zunächst von der Vergabestelle definiert werden. Da das umweltgerechte bzw. nachhaltige Bauen ein relativ neues Themenfeld ist und das Vergaberecht die Berücksichtigung derartiger Kriterien erst seit Kurzem aktiv fördert, gibt es noch nicht viele Standard-Texte, derer sich Ausschreibende bedienen können. Als erste Hilfestellung stehen Ausschreibenden allerdings einige Informationsquellen zur Verfügung. Beispielhaft zu nennen sind hier die Webseite www.beschaffung-info.de des Umweltbundesamtes, die Kompetenzstelle für nachhaltige Beschaffung www.nachhaltige-beschaffung.info, die Plattform WECOBIS, die Vergabekriterien verschiedener Umweltzeichen sowie die GPP-Kriterien der Europäischen Kommission (die GPP-Kriterien finden Sie hier). Auch die Umwelt-Produktdeklarationen des Instituts Bauen und Umwelt e.V. (www.ibu-epd.com) enthalten Hinweise, welche Umwelteigenschaften von bestimmten Produkten verlangt werden können. Auf Basis dieser Quellen können Ausschreibende die für ihr jeweiliges Projekt relevanten Kriterien individuell festlegen. Die ausgewählten Spezifikationen können sich auf sämtliche Phasen des Lebenszyklus, von der Rohstoffgewinnung und -verarbeitung über die Nutzung bis zur Entsorgung, beziehen. Sie müssen sich dabei auch nicht zwangsläufig auf die materiellen bzw. sichtbaren Eigenschaften eines Bauwerkes oder Produktes auswirken oder dem Ausschreibenden einen wirtschaftlichen Vorteil bringen. Wichtig ist jedoch, dass die Anforderungen mit dem Auftragsgegenstand in Verbindung stehen, objektiv überprüfbar, transparent bzw. öffentlich zugänglich und diskriminierungsfrei sind und den freien Warenverkehr innerhalb der EU nicht behindern. Nicht zulässig wäre beispielsweise die Forderung regional hergestellter Baustoffe. Bei der Definition der Umweltkriterien sind die Gebäude- und Produktebene zu unterscheiden. Letztendlich kommt es bei der Bewertung eines Gebäudes immer auf das Gesamtkonzept an, denn nur eine gute Kombination der Baustoffe kann zu einer hohen Gebäudequalität führen. Andererseits ist es sinnvoll, auch auf Produktebene schon Anforderungen zu stellen, die die Einhaltung der Kriterien auf Gebäudeebene unterstützen. Auf Gebäudeebene bieten sich zum Beispiel nachstehende Kriterien an:
  • Übererfüllung der Anforderungen aus der Energieeinsparverordnung (EnEV)
  • Deutliche Unterschreitung der Grenzwerte für die Innenraumluftqualität
  • Erstellung eines Konzeptes für die Bewirtschaftung der Bau- bzw. Abbruchabfälle
  • Durchführung von Gebäude-Ökobilanzen während der Planungsphase
Auf Produktebene könnten beispielsweise folgende unterstützende Anforderungen definiert werden:
  • Maximalgehalt an flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) und Formaldehyd
  • Freiheit von besonders besorgniserregenden Stoffen (SVHC) gemäß REACH-Verordnung
  • Freiheit von Bioziden, Fungiziden, Insektiziden, Flammschutzmitteln, Weichmachern usw.
  • Verwendung von Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft
  • mindestens 60 Masse-% Recyclinganteil und/oder Einsatz recyclingfähiger Produkte
  • Vorlage verifizierter Ökobilanz-Daten, z.B. in Form von Umwelt-Produktdeklaration nach DIN EN 15804 (siehe Abschnitt „Nachweis der Einhaltung von Umweltanforderungen“)
Einbindung von Typ-I-Umweltzeichen In verschiedenen Literaturquellen wird eine Forderung von Typ-I-Umweltzeichen, zum Beispiel dem Blauen Engel, als Nachweis der Einhaltung bestimmter Umweltkriterien empfohlen. Die Möglichkeit, Umwelteigenschaften durch Label nachzuweisen, wird auch durch das neue Vergaberecht unterstützt. Eine direkte Forderung von „gelabelten“ Produkten ist jedoch aus rechtlichen Gründen nicht zulässig. Zu bedenken ist zudem, dass Ausschreibende auch bei der Nennung von Umweltzeichen als mögliche Nachweise prüfen müssen, ob diese Umweltzeichen die nachstehenden Kriterien erfüllen:
  • Die Kriterien zur Erlangung der Umweltzeichen müssen wissenschaftlich begründet, transparent und unabhängig in einem offenen Verfahren erarbeitet sowie allgemein zugänglich sein.
  • Der Ausschreibende muss prüfen, ob alle Kriterien des Labels einen Bezug zum Auftragsgegen­stand haben. Sonst darf er sich nur auf jene Kriterien beziehen, die diese Anforderung erfüllen.
  • Nicht jedes Produkt kann mit einem Umweltzeichen ausgezeichnet werden, da die Zeichengeber festlegen, für welche Produktgruppen sie Anforderungen definieren. Zudem ist es Baustoff-Herstellern aufgrund des hohen Aufwandes nicht möglich, ein Produkt mit allen möglicherweise relevanten Typ-I-Umweltzeichen auszeichnen zu lassen.
  • Aus einem Label geht nicht hervor, wie „gut“ ein Produkt genau ist und wie weit die Gesamtziele auf Bauwerksebene durch seinen Einsatz unterstützt werden. Insbesondere bei Emissionen kann es sinnvoll sein, die genauen Werte zu kennen und nicht nur zu wissen, dass diese unterhalb der Grenzwerte für die Labelvergabe liegen.
  • Weiterhin ist zu beachten, dass es öffentlichen Beschaffungsstellen aufgrund des Nichtdiskriminierungs-Grundsatzes nicht gestattet ist, gelabelte Produkte oder sogar namentlich vorgegebene Produkte explizit zu verlangen. Daher müssen Ausschreibende in jedem Fall die erwarteten Umwelteigenschaften der Produkte selber definieren. Dabei können sie sich selbstverständlich an Typ-I-Umweltzeichen orientieren, aber auch andere Quellen, beispielsweise Umwelt-Produktdeklarationen, als Inspiration heranziehen. Die gewählten Kriterien sind anschließend in den Ausschreibungsunterlagen nachvollziehbar und vollständig aufzuführen, sodass Bieter mit möglichst wenig Aufwand geeignete Produkte finden und ihre Angebote entsprechend kalkulieren können. Auch eine Verstreuung der für einen Bieter notwendigen Informationen innerhalb der Vergabeunterlagen ist dabei zu vermeiden. Verortung von Umweltanforderungen Umweltanforderungen können an verschiedenen Stellen in den Ausschreibungsunterlagen eingebunden werden. Dabei legen die Vergabestellen schon mit der Wahl der Verankerung fest, ob sie die Kriterien als Grundanforderung formulieren oder als Zusatzkriterium positiv bewerten wollen.
  • Ausschreibungstitel
  • Bereits bei der Wahl des Auftragstitels kann auf die besondere Berücksichtigung umweltfreundlicher Produkteigenschaften hingewiesen werden. Eine Ausschreibung für einen Bodenbelag könnte zum Beispiel benannt werden mit „Beschaffung und Einbau eines emissionsarmen Bodenbelags“.
  • Eignungskriterien
  • Ausschreibungen können Anforderungen an die ausführenden Unternehmen und die Bauausführung enthalten. So dürfen Vergabestellen verlangen, dass Erfahrungen im Bereich des umweltfreundlichen Bauens vorliegen oder Bieter über ein Umweltmanagementsystem verfügen. Erfahrung und Kompetenz können jedoch auch als Zuschlagskriterien positiv bewertet werden (siehe Beispielrechnung für Zuschlagskriterien).
  • Leistungsbeschreibung / Technische Spezifikationen
  • In der Leistungsbeschreibung bzw. den technischen Spezifikationen werden die von allen Bietern zu erfüllenden Mindestanforderungen an die Bauleistung bzw. den Beschaffungsgegenstand beschrieben.
  • Zuschlags- bzw. Bewertungskriterien
  • In den Zuschlagskriterien können zusätzliche Präferenzen formuliert werden. Ihre Erfüllung verschafft den jeweiligen Anbietern einen Vorteil bei der Angebotswertung. Das Verfahren zur Bewertung der Zuschlagskriterien ist in den Vergabeunterlagen zu beschreiben. Dabei wird empfohlen, dass ökologische Aspekte zu mindestens 15 Prozent in die Bewertung eingehen sollten – Ausschreibenden ist es jedoch freigestellt, Umwelteigenschaften auch deutlich stärker zu gewichten. Auch eine Kombination von technischen Spezifikationen und Zuschlagskriterien ist möglich. Beispielsweise könnte die Leistungsbeschreibung einen Mindest-Recyclinganteil von 50 % fordern und in den Zuschlagskriterien werden für höhere Anteile zusätzliche Punkte vergeben. Eine Beispielrechnung für Zuschlagskriterien finden Sie hier. Nachweis der Einhaltung von Umweltanforderungen Wie beschrieben, erlaubt das aktuelle Vergaberecht unter bestimmten Voraussetzungen das Verlangen von Typ-I-Umweltzeichen als Beleg für die Einhaltung von Umweltkriterien. Der öffentliche Auftraggeber muss aber andere Gütezeichen akzeptieren, die gleichwertige Anforderungen an die Leistung stellen. Hatte ein Unternehmen keine Möglichkeit, das vom öffentlichen Auftraggeber angegebene oder ein gleichwertiges Gütezeichen innerhalb einer einschlägigen Frist zu erlangen, so muss der öffentliche Auftraggeber ggf. auch andere geeignete Belege akzeptieren. Die nachstehend beschriebenen Umwelt-Produktdeklarationen sind in solchen Fällen sehr gut als Grundlage zum Nachweis von Umweltanforderungen geeignet, da sie Umweltinformationen transparent und – dank einer externen Verifizierung – glaubwürdig darstellen. Umwelt-Produktdeklarationen (Environmental Product Declarations – EPDs) gehören zu den Typ-III-Umweltkennzeichnungen (siehe Info-Kasten „Typen von Umweltkennzeichnungen“). Sie sind keine bewertenden Umweltlabel, sondern stellen Umweltwirkungen von Produkten transparent dar. Damit liefern sie die Basis für weitergehende Berechnungen und Bewertungen, beispielsweise im Rahmen einer Gebäude-Ökobilanz. Darüber hinaus können EPDs zusätzliche umwelt- und gesundheitsrelevanten Produktinformationen enthalten, etwa Angaben zu Emissionen während der Nutzung, Recyclinganteile oder Verwertungsmöglichkeiten nach der Nutzungsphase. Durch ihr einheitliches, übersichtliches Format und die transparente Darstellung aller relevanten Umweltinformationen ersparen EPDs den ausführenden und bewertenden Parteien die Zusammenstellung bzw. Sichtung verschiedenster Dokumente und damit wertvolle Zeit. Aus diesen Gründen werden sie auch in Erwägungsgrund 56 der aktuellen Bauproduktenverordnung (BauPV) als Bewertungsgrundlage von Umwelteigenschaften genannt: „Zur Bewertung der nachhaltigen Nutzung der Ressourcen und zur Beurteilung der Auswirkungen von Bauwerken auf die Umwelt sollten die Umwelterklärungen (Environmental Product Declarations –  EPD), soweit verfügbar, herangezogen werden.“ Diana Fischer ist Inhaberin des Ingenieurbüros Fischer in Krefeld.  

    BIM für Architekten

    Die Publikation „BIM für Architekten – Leistungsbild, Vertrag, Vergütung stellte die Bundesarchitektenkammer auf der Expo Real 2017 in München gemeinsam mit der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen vor. Die Broschüre ergänzt frühere Publikationen der beteiligten Kammern und stellt in übersichtlicher Form das „Leistungsbild Objektplanung“ dar. Unter anderem werden Fragen beantwortet, wie: Welche spezifisch bei BIM anfallenden Leistungen sind von Architekten zu erbringen, welche sind Aufgabe der Auftraggeber? Wie fügt sich BIM in das Leistungsbild der Architektinnen und Architekten ein? Welche Auswirkungen hat BIM auf die Gestaltung von Architektenverträgen und auf die Honorarberechnung? Dazu werden unter anderem detaillierte Anwendungshinweise zum „Leistungsbild Objektplanung BIM BAK“ gegeben. Weiterhin werden die vorgeschlagenen „Besonderen Leistungen“ nach HOAI Punkt für Punkt erläutert sowie konkrete Klauselvorschläge für Architektenverträge gegeben. Im Anhang werden auch die Themen Urheberrecht, Datenschutz und Berufshaftpflichtversicherung für BIM-Leistungen dargestellt. Broschüre, 90 Seien, Direkter und kostenfreier Download: BIM für Architekten – Leistungsbild, Vertrag, Vergütung

    BIM-Literatur im Überblick

    BIM gewinnt zunehmend an Bedeutung. Wer mehr dazu wissen will, steht häufig vor einem Dickicht an Informationen. Vier Bücher weisen den Weg. BIM für Architekten – Leistungsbild, Vertrag, Vergütung Die von der Bundesarchitektenkammer herausgegebene Publikation zeigt, wie sich BIM in das Leistungsbild der Architekten einfügen lässt, welche Leistungen zu erbringen sind und enthält Empfehlungen zur Honorar- und Vertragsgestaltung. Hier finden Sie die Broschüre zum Download Eine ausführliche Rezension zum Buch finden Sie hier. BIM und Recht Ein neues Buch zum Thema BIM behandelt Themen der Leistungsbeschreibung von BIM-Leistungen, die BIM-Koordination, das Verhältnis von BIM und HOAI, die Haftung beim BIM-Einsatz sowie die Fragen der Datenhoheit, des Datenschutzes und der Urheberrechte. Klaus Eschenbruch, Stefan Leupertz (Hrsg.): BIM und Recht. Werner Verlag Köln 2016, 396 Seiten, 58 Euro, ISBN 978-3-8041-1472-2. Eine ausführliche Rezension zum Buch finden Sie hier. BIM für Architekten – 100 Fragen,100 Antworten Das BIM-Handbuch, herausgegeben von der Bundesarchitektenkammer (BAK) und dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB), führt in alle für Architekten und Ingenieure relevanten Themen ein. Bundesarchitektenkammer (Hrsg.): BIM für Architekten – 100 Fragen,100 Antworten. Baukosteninformationszentrum Deutscher Architektenkammern, 2018,128 Seiten, 29 Euro, ISBN 978-3-945649-28-2. Eine ausführliche Rezension zum Buch finden Sie hier. Building Information Modelling – BIM  Die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen (AKNW) hat im Oktober 2016 den Leitfaden „BIM AKNW“ vorgelegt. Er zeigt vor allem, wie praxistaugliche Leistungsbilder, insbesondere für die Objektplanung, aussehen können und welche vertraglichen Ergänzungen der Architektenverträge empfohlen werden. Hier finden Sie die Broschüre zum Download. Eine ausführliche Rezension zum Buch finden Sie hier.

    Am Wasser gebaut

    Bucht oder Baggersee, Meer oder Flusslandschaft: Kaum etwas ist so beruhigend wie der Ausblick aufs Wasser. Ein Bildband zeigt nun die schönsten Gebäude mit Blick auf Gewässer. Es ist oval, strahlend hell und sticht aus der Szenerie hervor, wie ein Ding nicht von dieser Welt: das Exbury Egg im englischen New Forest. Die Behausung aus Holz schwimmt auf dem Wasser des Beaulieu Rivers. Das Ei ist mutig. Schließlich lässt es sich  auf die Herausforderungen der Natur ein – so wie viele andere Behausungen, die der Bildband „Am Wasser Leben“ zeigt.

    Artikel_Beach House CA

    Bild 1 von 4

    Das Beach House liegt direkt am kanadischen Winnipegsee.

    Zu sehen sind darin Häuser, bei denen das Wasser – buchstäblich – ins Design mit einfloss: entweder aufs Wasser blickend, aufs Wasser gebaut oder das Wasser reflektierend. Das Buch beweist aber auch: Gewässer stehlen jedem Gebäude die Schau. Für ambitionierte Architekten ist dieser Wettbewerb umso spannender, was manch waghalsiger und spektakulärer Entwurf beweist. skr „Am Wasser leben“, Phaidon Verlag, London, 2018, 272 Seiten, 39,95 Euro, ISBN 978-0714876184.

    Strukturwandel

    Der RS1 verläuft auf den Wegen einer alten Bahntrasse von Essen nach Mülheim an der Ruhr. 2018 schließt die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Zwischen Industriebrachen und noch immer rußgeschwärzten Fassaden ist mithilfe kluger Stadtplanung viel Neues entstanden. Ein Streifzug durch die Mitte des ehemaligen Kohlenpotts vom Radschnellweg zum neuen Quartier Nord. Von Stefan Kreitewolf München, Hamburg, Berlin, Stuttgart – jede Stadt will sie, keine hat sie: Radschnellwege. In der unscheinbaren Ruhrgebietsstadt Essen wurde die Idee bereits in die Tat umgesetzt. Elf Kilometer führen seit November vom Essener Westen bis zum Bahnhof in Mülheim an der Ruhr. Der glatt asphaltierte Weg bahnt sich seinen Weg über ein stillgelegtes Netz alter Schienen entlang der ehemaligen Güterbahntrasse der Rheinischen Bahn, die früher die Zechen mit den Häfen und Güterbahnhöfen verband. Auf dem bereits eröffneten Teilstück des Radschnellwegs Ruhr (RS1) fahren täglich 1.100 Radler – selbst im Winter ist hier viel Verkehr. Ab 2020 sollen Fahrradfahrer auf 101 Kilometern zwischen Hamm und Bochum freie Fahrt haben – fast ohne Kontakt zum übrigen Straßenverkehr und gefährliche Kreuzungen. „Ein guter Radschnellweg ist vier Meter breit. Gehweg und Radweg sind voneinander getrennt und im besten Fall haben Radfahrende auch innerorts Vorrang, so kommt man mit dem Fahrrad schneller voran als mit dem Auto“, erläutert Martin Tönnes. Der Planungsdezernent des Regionalverbands Ruhr (RVR) ist so etwas wie der Vater des RS1. In Mülheim an der Ruhr verläuft der RS1 über ein Viadukt. Mehr als nur ein Radweg 2010 war das Stillleben auf der A 40 im Kulturhauptstadt-Jahr RUHR.2010 die Initialzündung: „Damals wurde die A40 für einen Tag gesperrt und Fahrradfahrende durften auf die Autobahn, das hat bei mir und das hat in der Region gezündet“, erinnert sich der Mobilitätsexperte. Tönnes, der mehrmals wöchentlich mit einem himmelblauen Pedelec die 23 Kilometer von seinem Heimatort Ratingen ins Essener Zentrum in die RVR-Zentrale fährt, sprach mit Politikern, Stadtplanern und Bauunternehmen. Neben Überzeugungsarbeit in Kommunen und politischen Gremien untersuchte der Regionalverband Ruhr mit einer Machbarkeitsstudie die Chancen, einen Radschnellweg zu planen und zu bauen. „Ab Oktober 2012 analysierten meine Kolleginnen und Kollegen im RVR zusammen mit renommierten Planungsbüros die mögliche Trassenführung, Querungen, Kreuzungen sowie andere Infrastruktur und beschrieben Lösungen und Kosten“, sagt Tönnes. Das Ergebnis im September 2014: Der RS 1 ist möglich. Nach weiteren Gesprächen stand fest: Der erste Radschnellweg Deutschlands kann gebaut werden. Neues Leben im Viertel: Am Niederfeldsee in Essen-Altendorf. Das erste Teilstück eröffnete pünktlich zur Bewerbung Essens als Grüne Hauptstadt Europas. Sebastian Artmann von Landesbetrieb Straßenbau NRW erläutert: „Seit Ende 2016 sind Radschnellwege den Landesstraßen in NRW per Gesetz gleichgestellt.“ Das bedeute für den RS1 eine Priorisierung gegenüber untergeordneten Straßen. „Der hohe Ausbaustandard von Radschnellwegen macht das Fahren mit dem Rad zukünftig auch für Pendler attraktiv“, sagt er. Für Tönnes ist der RS 1 indes „mehr als nur eine Straße oder ein Radweg“, wie er sagt. „Der Radschnellweg hat auch das Potenzial, das städtebauliche Umfeld entlang der Route positiv zu beeinflussen“, sagt der 58-jährige Stadtplaner. Am Niederfeldsee in Essen-Altendorf, Tönnes‘ Lieblingsplatz am RS1, ist das bereits geschehen. Für das Gewässer wurden Teile des Bahndamms, der das Viertel Jahrzehnte vom dahinter liegenden Freiraum trennte, abgetragen. „Der dadurch entstandene Platz ist nun eine urbane Fläche für die Gemeinschaft mit einer hohen Aufenthaltsqualität“, sagt Tönnes. „Wir haben hier am Niederfeldsee ein Stadtviertel gehabt, das durchaus problematisch war. Heute ist das wieder ein attraktiver und lebenswerter Wohnort“, beschreibt Tönnes den Wandel des Viertels. Es stimmt: Am Ufer des von Regenwasser gespeisten, 2,2 Hektar großen Sees flanieren Familien mit ihren Kindern, auf Holzterrassen machen Einjährige erste Gehversuche. Die 62 Wohneinheiten, die 2015 bezogen und zum Teil mit Blick aufs Wasser im hochpreisigen Segment als auch als Sozialwohnungen angeboten wurden, waren im Nu vergeben, trotz des schlechten Rufs des Viertels. Früher Schwerindustrie, heute Erholung: Der Krupp-Park in Essen. Die Neubauten am Niederfeldsee täuschen aber nicht darüber hinweg: In Essen bleibt noch viel zu tun. Die Stadt leidet weiterhin unter Arbeitslosigkeit, Schulden und Leerstand. Wer die alte Bahntrasse Richtung Osten weiterfährt, dort wo das nächste Stück des RS 1 entstehen soll, dem fällt auf: Es gibt sie noch, die Industriebrachen und die vom Ruß der Schlote geschwärzten Fassaden. Dennoch steht die einstige Kohle- und Stahlmetropole dank kluger Stadtplanung relativ gut da. Nachdem die Stadt in den vergangenen vier Jahrzehnten fast 200.000 Einwohner verlor, wächst sie seit drei Jahren wieder. Essen steigerte so sein Bruttosozialprodukt in den vergangenen Jahren stärker als Köln und München. Dass die Stadt viele Konzernzentralen beherbergt, deren Bauten in der Innenstadt eine kleine Skyline bilden, ist auch für die Stadtplanung an Ruhr und Emscher positiv. Das zeigt zum Beispiel der Krupp-Park, der auf dem Gebiet der ehemaligen Kruppschen Gussstahlfabrik eröffnet wurde und direkt an die neue Konzernzentrale von Thyssen-Krupp grenzt. Das insgesamt etwa 23 Hektar große und 1,3 Kilometer lange Gelände wurde bereits 2009 eröffnet. Was früher unzugängliche Brachfläche war, ist heute das viertgrößte innerstädtische Erholungsgebiet der Stadt. Natur in der Stadt: Die neue Grüne Mitte Essens. 200 Fahrradmeter weiter entsteht das neue Univiertel auf einer Fläche, die früher als verwahrlostes Stück Land die Hochschule vom Rest der Stadt trennte. Durch den Abriss einer Eisenbahnbrücke an der Gladbecker Straße wurde der Weg für eine attraktive Verbindung in die nördliche Innenstadt freigemacht und das Neubaugebiet von Osten her geöffnet. Zu einer weiteren Aufwertung des Geländes trägt auch der neue, im Sommer 2010 eröffnete Park, mit seinen vier großen Wasserflächen bei, die ausschließlich durch Regenwasser von den Wohngebäuden gespeist werden. Die Luxus-Wohneinheiten am Rande der Innenstadt finden reißenden Absatz. Zollverein – Hotspot der Stadtentwicklung Vom Stadtzentrum zweigt ein weiterer Radweg Richtung Norden ab, zur Zeche Zollverein – den Kathedralen der Industriekultur und dem Hotspot der Stadtentwicklung Essens. Die zukunftsweisende Umnutzung der Zeche zum Kunst- und Kulturstandort lockte Museen und Ateliers auf das riesige Areal. Das Red Dot Design Museum feierte im letzten Jahr sein 20-jähriges Jubiläum auf dem Gelände, 2006 kam der beeindruckende Kubus-Bau des japanischen Architekturbüros SANAA hinzu, vor 10 Jahren baute Rem Koolhaas die alte Kohlenwäsche zum neuen Ruhr Museum um. Der Folkwang-Neubau auf dem alten Materiallagerplatz der Zeche Zollverein. Jüngster Neuzugang ist der Neubau der Folkwang Universität der Künste, der Ende letzten Jahres eröffnet wurde. Das „Quartier Nord“ genannte Gebäude führt einen Teil der verstreuten Universitätsbereiche auf dem alten Zechengelände zusammen. Auf annähernd 19.000 Quadratmetern beherbergt das Gebäude neben der Verwaltung und den Büros der Lehrenden Räumlichkeiten für die Studienprogramme des Fachbereichs Gestaltung –Fotografie, Industrial Design, Kommunikationsdesign sowie Kunst- und Designwissenschaft – mit allen dazugehörigen Werkstätten, Ateliers, Laboren und Seminarräumen. Etwas dunkel, aber beeindruckend: Der neue Folkwang-Bau von innen. Der langgestreckte Gebäuderiegel ist in vier Abschnitte gegliedert und mit einer Fassade aus verzinkten Stahlblechplatten versehen. Der verantwortliche Architekt Jan Kliebe vom Stuttgarter Büro MGF Architekten, die 2010 den europaweiten Wettbewerb gewannen, erläutert: „Die vier Kuben verspringen und bieten individuelle Räume für die verschiedenen Aufgaben der Studierenden.“ Durch die vier unterschiedlich proportionierten Baukörper erreichte der Architekt eine kleinteilige Erscheinung des großen Volumens des Gebäudes. Durch seine bündigen Fensterbänder stellt das „Quartier Nord“ eine Referenz zur vorhandenen Industriearchitektur dar. „Und die Aufgänge im Atrium erinnern an die Förderbänder der Zeche Zollverein“, so Kliebe. Der Innenhof, der sich über zwei Etagen erstreckt und das Atrium im östlichen Teil bringen viel Licht in das auf den ersten Blick etwas dunkel erscheinende Gebäude. Bergbau-Panorama: Das Quartier Nord mit Blick auf die Schornsteine der alten Kokerei Zollverein im Hintergrund. Der Bau mit der grauen Fassade ist das Herzstück eines neuen Viertels, das auf dem alten Materiallagerplatz entstehen soll. Hier sind auch Wohnungen und die Ansiedlung von „Designgewerbe“ geplant. Ursprüngliche Pläne zu einer „Designstadt“ wurden mittlerweile verworfen, weil ein Investor aus Saudi-Arabien Verträge nicht einhielt. Das 35.000 Quadratmeter große Areal soll dennoch weiterwachsen. Für Mitte 2018 ist die Fertigstellung eines Hotelneubaus geplant. Danach sollen weitere Büro- und Wohnbauten folgen. Außerdem soll bis 2020 ein „Denkmalpfad Zollverein/Kokerei“ entstehen. Der soll auch mit dem Fahrrad befahrbar sein. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Wandelbar“ finden Sie in unserem DABthema wandelbar Hermann Marth: „Zollverein. Welterbe und Zukunftswerkstatt“. Jovis Verlag, Berlin, 2018, 224 Seiten, 39,95 Euro, ISBN 978-3-86859-476-8.

    Elegant, cool, familientauglich

    Das neue Schwimmbad in Hamburg-Ohlsdorf von Czerner Göttsch Architekten bietet vom Schulsport über Wettkämpfe bis hin zu Wellness und Freizeitaktivitäten außergewöhnlich viele Möglichkeiten Von Christina Gräwe Begonnen hatte alles bereits 2005. Das Gelände gegenüber des berühmten Friedhofs Ohlsdorf sollte attraktiver und vielseitiger nutzbar gestaltet werden. Zudem bestand bei dem dort befindlichen Hallenbad aus dem Jahr 1972 dringender Sanierungsbedarf. Die Bauherrin, die Bäderland GmbH, beauftragte das Hamburger Büro Czerner Göttsch Architekten zunächst mit einer Studie zum Raumprogramm und der Positionierung des Baukörpers auf dem Grundstück. Darin lag bereits eine erste große Herausforderung, denn 35 Prozent der Fläche sollten zur Querfinanzierung verkauft werden; dort entstehen Wohnbauten. Das alte Hallenbad sollte ursprünglich bestehen bleiben, wird nun aber aufgrund zu umfangreicher Sanierungsmaßnahmen doch abgerissen. Bis zur Vollendung des Neubaus wird der Schwimmbetrieb dort jedoch durchgängig aufrechterhalten. So blieb nur noch ein relativ schmaler Streifen hinter dem Fritz Schumacher zugeschriebenen Eingangsgebäude des ehemaligen Naturbads aus den 20er Jahren. Das bedeutete, den Freibadbereich der Anlage aus den 70er Jahren zuzuschütten – und genau dagegen regte sich Protest. Ein Bürgerentscheid von 2009 verlangte den Erhalt sowohl der alten Halle als auch der Außenbecken. Dennoch gingen die konkreten Planungen weiter. Eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des Bezirks, der Bauherrin, der Bürgerinitiative sowie den Architekten versuchte, zwischen den gegensätzlichen Haltungen zu vermitteln. Spätestens nachdem sich die Bürgerbewegung intern uneins wurde, wurden die Diskussionen jedoch erfolglos abgebrochen. Die Geschichte schien vollends verfahren, bis schließlich ein Senatsbeschluss ihre Fortsetzung ermöglichte: Bäderland sollte den Bauantrag für den Neubau einreichen, für das Wohnareal ein eigener Bebauungsplan entstehen. An der Protestfront wurde es leiser, das Bürgerbegehren erlebte nach seinem Auslaufen nach zwei Jahren keine Neuauflage. Im Juni 2016 erfolgte der symbolische erste Spatenstich. Umfangreiches Raumprogramm Die Rahmenbedingungen für die Umsetzung des Raumprogramms – Wohnungsbau im Norden, historisches Eingangsgebäude im Osten, Hallenbadbetrieb im Süden, Alsterlauf im Westen – bedeuteten für die Architekten eine weitere Herausforderung. Sie entschieden sich für einen Baukörper, der an das historische Eingangsgebäude andockt, sich in die Tiefe des Grundstücks fortsetzt und eine Schallbarriere zwischen zukünftigem Wohnungsbau und Freigelände des Bades bildet. Das Dach ist dort, wo es die Neigung zulässt, begrünt, so dass der in den Hang geschobene Baukörper mit der Landschaft verschmilzt. Die Fassaden bestehen aus hellen Aluverbundtafeln, einem nachhaltigen, weil pflegeleichten Material, das durch den dezenten, je nach Licht- und Wettersituation changierenden Metallic-Effekt Eleganz und Coolness zugleich ausdrückt. Auf der Süd- und Westseite ist das Schwimmbad überwiegend verglast und gibt den Blick in den Landschaftsraum des Alsterlaufs frei. Die Umkleiden im Norden sind unauffällig gestaltet und verschwinden weitgehend im modellierten Gelände; die zukünftigen Bewohner des verkauften Grundstückteils haben also keine Hinterhofoptik zu befürchten. Das lange fremdgenutzte Eingangsgebäude wird umfassend umgebaut und saniert, der mittlere „Grüne Saal“ mit Jugendstilfliesen und Klinkerboden wieder der alten Bestimmung als Vorhalle zugeführt. Die Flügel im Norden und Süden nehmen die Verwaltung auf und werden an den Hamburger Schwimmclub vermietet. An den Altbau dockt ein geknickter Gebäudeteil mit einem lichten Foyer an. Auf die Besucher wird der Übergang von der gediegenen Backsteinoptik zur schillernden Gestaltung des Foyers wie ein Zeitsprung wirken. Hinter dem Kassentresen gelangen sie zu den tiefer liegenden Umkleiden und Sanitärbereichen. Auch die Schwimmhalle selbst liegt auf der unteren Ebene; sie ist niveaugleich an die Liegewiese angebunden. Der Neubau soll Vereins- und Schulschwimmen dienen, zugleich aber auch als Familienbad funktionieren. Die drei verschiedenen Becken sind in Reihe hintereinandergeschaltet: ein unterschiedlich tiefes 50-Meter-Becken (überdachte wettkampftaugliche Becken gibt es nicht viele) mit Drei- und Ein-Meter-Sprungturm, ein quadratisches Lehr- und Kursbecken, ein amorph geschwungenes Planschbecken mit Wasserspielen und Rutschbahn. Schon durch diese Aufteilung werden simultan ganz unterschiedliche Wasser-Bedürfnisse befriedigt. Der Clou ist aber die zusätzliche Flexibilität der größeren Becken. Das Sportbecken kann durch eine Hubwand in zwei beinahe gleich große Teile getrennt werden; so kommen parallel Trainings- und Freizeitschwimmer zum Zug. Das Lehrbecken hingegen ist in der Horizontalen variabel. Ein Hubboden ermöglicht Tiefen zwischen 1,35 Metern und fast Nullniveau; es können ganz unterschiedliche Aqua-Fitness-Kurse stattfinden und auch Geräte eingesetzt werden. Symbiose von innen und außen Die gläserne Südfassade der Halle lässt sich durch den Einsatz von Falt-Schiebe-Fenstern zu großen Teilen öffnen. „Nicht erst zur üblichen Freibadsaison, sondern schon an den ersten warmen Tagen des Jahres entsteht so beinahe ein Freibad-Feeling“, schwärmt Jürgen Göttsch. Innenraum und Außenanlage gehen „symbiotisch“ ineinander über; zwischen Halle und Wiese verläuft ein Plattenstreifen als Sonnenterrasse und Sauberlaufzone. Die Architekten haben das gut fünf Meter zur Alster abfallende Gelände unaufgeregt und schlüssig in eine Sitzstufenlandschaft an der Stützwand zum südlich angeordneten Parkplatz auf der oberen Ebene, ein Beachvolleyballfeld, Liegeflächen und weitere Wasserspiele zoniert. „Es soll keine Wellnessoase entstehen, sondern ein Familienbad mit erweitertem Angebot für das Vereins- und Schulschwimmen bleiben.“ Die leider notwendige lange Rettungsrampe für die Feuerwehr haben die Architekten geschickt in die Landschaftsgestaltung integriert. Schwimmbadtechnik und Energiekonzept Schwimmbäder gelten als Sonderbauten, und das hat gute Gründe. Die Haustechnik ist überaus komplex, die Materialien müssen sorgsam ausgewählt werden. Göttsch erzählt von dem eigenen Schwimmbadteam, das sie zusammengestellt haben, darunter auch Kollegen mit umfassender Erfahrung zu dieser Aufgabe. Die Haustechnik schluckt 40 Prozent der Baukosten (das Verhältnis im Wohnungsbau liegt bei ca. 80:20). Die Installationen für die Lüftung, Wasseraufbereitung und Heizung sind überwiegend im Keller, der als weiße Wanne ausgebildet ist, und teils unter der Hallendecke untergebracht. Die Räume, die unter anderem Wasseraufbereitungsanlagen, Lüftungszentralen und Lüftungsrohre mit bis zu vier Metern Durchmesser aufnehmen, liegen unterhalb der Becken. Die bewegten Luftmassen sind immens – und werden von den Architekten geschickt genutzt, denn die Wärme der abgesaugten Luft wird über Wärmetauscher zurückgewonnen. Die hocheffiziente Wärmerückgewinnung und Energieerzeugung durch den Einsatz von Kraft-Wärme-Kopplung reduzieren die Heizkosten merklich und leisten einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung. Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Bauphysik, vor allem die hohe Luftfeuchtigkeit, die über 80 Prozent relative Luftfeuchte steigen kann. Das Reizwort hier: Korrosion, denn Chlor und Wasser erzeugen Chloride und damit Gift für Metalle. Jedes Stück Metall bis zur einzelnen Schraube und dem innenliegenden Ständerwerk der Trockenbauwände muss eine höhere Materialklasse als gewöhnlich aufweisen, wird verzinkt und teils zusätzlich mit speziellen Anstrichen versehen. Außerdem muss der Bau absolut frei von Wärmebrücken ausgeführt sein, da sonst Kondenswasser und erneut Korrosion drohen. Im späteren Betrieb wird eine ständige Oberflächenkontrolle stattfinden. Der hohen Luftfeuchtigkeit begegnen die Architekten mit einer intelligent gesteuerten Lüftung, so dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Temperatur und Luftfeuchte entsteht. So können sie etwa vermeiden, die 1,85 Meter hohen Holzbinder der Deckenkonstruktion mit der „chemischen Keule“ zu behandeln. Unterhalb der Decke faltet sich eine helle textile Membran. Sie verleiht dem Raum optisch und atmosphärisch Spannung, versteckt darüber hinaus Installationen und wirkt angenehm ausgleichend auf die Raumakustik. Außerdem können die Architekten hier ein wenig Lichtinszenierung betreiben, zusätzlich zu dem „Pflichtprogramm“, das von der Grundbeleuchtung bis zur Lichtsituation auf der Wasseroberfläche strengen (Sport-) Richtlinien folgt. Die Fensterrahmen sind in der Effektfarbe perlbeige gehalten. Für die Bodenfliesen wählen die Planer drei warme Kiesel- und Sandtöne. Die Fliesen haben eine wasserverdrängende Oberfläche und erfüllen natürlich die Anforderungen an die Rutschfestigkeit. „Wir haben den geringen Gestaltungsspielraum ausgenutzt, um den in Bädern oft störenden aseptischen Eindruck vermeiden“, sagt Jürgen Göttsch. Der Gesamteindruck: „Es soll ein außergewöhnliches Bad entstehen, mit breit gefächertem Angebot, flexibel nutzbar, naturnah gestaltet und mit einem gehörigen Schuss Emotionalität.“ Ab dem Frühjahr 2019 kann sich davon jeder selbst überzeugen, der das neue Schwimmbad mit der poetischen Adresse Im Grünen Grunde aufsucht. Christina Gräwe ist freie Journalistin in Berlin. Mehr Artikel und Informationen finden Sie in unserem DABthema „Schwimmbadbau“

    Wie Frauen aus der Architektur fallen

    Im Büro von Ingeborg Kuhler: die Mitarbeiterinnen Ruth Jureczek und Irene Keil, 1986 Um die Sichtbarkeit von Architektinnen ging es nicht nur in der Ausstellung „Frau Architekt“ im DAM, sondern an deren Rande auch am 3. Februar 2018 beim Symposium „Yes, we plan!“. Von den Planerinnennetzwerken in Deutschland initiierte, zeigte es viele Probleme und Lösungen für eine gleichberechtigte Baubranche. Nur eines blieb unsichtbar: die Männer in der Architektur. Von Rosa Grewe Es gibt schwarze Löcher in der Baubranche. Unauffällig für alle, die frisch aus dem Architekturstudium kommen. Denn das Gleichgewicht bei den Absolventen ist ausgewogen, xx und xy halten sich die Waage. Später verdichtet sich die Lebensmasse: mehr Verantwortung im Job, mehr in der Familie, Ehe, Kinder, pflegebedürftige Eltern. Das sind Verbindlichkeiten, die die Rotation der Masse schneller und schneller drehen. Bis zum Kollaps. Das schwarze Loch, das dann entsteht, verschlingt etwa ein Drittel der weiblichen Masse. Der Zeitpunkt dieses gravitätischen Zusammenbruchs liegt zwischen dem 30. und 40. Geburtstag und nach der Geburt eines Kindes. Ab da ist die Bauwelt im Ungleichgewicht, und um dieses ging es bei dem DAM-Symposium „Yes we plan!“ in Frankfurt. Das Planerinnen-Netzwerk „n-ails“ lud sieben Architektinnen aus Dänemark, Deutschland, Frankreich, Österreich, Schweden, Spanien und der Schweiz ein, um über den beruflichen Alltag von Architektinnen zu berichteten. Zunächst präsentierte die deutsch-britische Architektin Sarah Rivière die Fakten in Europa: Nur 30 Prozent aller in der Architektur arbeitenden Menschen sind weiblich. Nur 24 Prozent aller freiberuflichen Architekten sind weiblich. Nur 10 Prozent der Führungskräfte größerer Architekturbüros sind weiblich. Und selbst dieses letzte Zehntel bleibt oft unsichtbar und unbekannt. In den Erfahrungsberichten der sieben Architektinnen wurde klar, dass das Verschwinden ihrer Kolleginnen vor allem einer fatalen Divergenz von Arbeit und Familie geschuldet ist. Da ist zum Einen der Arbeitsethos in der Architektur, bei dem eine Vollzeittätigkeit mit durchschnittlich 51 Wochenstunden normal ist. Wer nur in Teilzeit arbeitet, wird in der Projektplanung vor allem für Zuarbeiten eingerechnet, hat beruflich weniger Perspektiven und Sicherheit. So arbeiten rund 40 Prozent der Architektinnen und nur 12 Prozent der Architekten in Teilzeit. Das überwiegend von Frauen besuchte Symposium „Yes, we plan!“ im DAM in Frankfurt am 6. Februar 2018 Viele Architektinnen verzichten im Zweifel zugunsten Ihrer Familie ganz auf den Architekturberuf. Während die Architekten eher auf Familienzeit zugunsten der Arbeitszeit verzichten. Zum Anderen ist es aber das traditionelle Familienbild selbst, das in Europa, auch in scheinbar progressiveren Ländern wie Frankreich oder Dänemark, zu einem Ungleichgewicht führt. Das Gros der Familienarbeit erledigen häufig die Frauen. Ein Rat der schwedischen Architektin Alexandra Hagen: „Wählt Euren Ehemann gut aus!“ Überhaupt ging es immer wieder um stereotype Rollenbilder, wie das des männlichen Architekten. Viele Architektinnen sind frustriert ob des für die Baubranche typischen, männlich geprägten Habitus. „Dabei haben Frauen oft das Gefühl, sie müssten überkompensieren und das ist für sie langfristig sehr anstrengend“, sagt Sarah Rivière. Eine britische Umfrage ergab, Architektinnen fühlen sich weniger respektiert in der Branche. Wer das als Gefühlsduselei abtut, sollte auf das ungleiche Geschlechterverhältnis bei Lehraufträgen, Fachtagungen oder auch in den Baufachmedien schauen. Oder aufs Gehaltsgefälle. In Europa verdienen Architekten durchschnittlich 48 Prozent mehr als Architektinnen in gleicher Position. Während für Architektinnen die Luft nach oben dünner wird, wird das Gehaltsgefälle dicker. Alexandra Hagen erklärte, wie gleiche Chancen aussehen können: eine flexible, qualitativ gute und gut finanzierbare Kinderbetreuung, eine gleichmäßig Aufteilung der bezahlten Elternzeit, eine Transparenz von Gehältern, eine gezielte Lenkung und Förderung von Frauen in Führungspositionen. Vor allem aber eine neue Arbeitskultur, in der Arbeitnehmer Familie und Arbeit ausgewogen organisieren können: Meetings in Kernzeiten, Home Office und flexible Arbeitsmodelle, eine straffe Büroorganisation und eine Abkehr vom 50-Wochenstunden-Arbeitsethos. Davon profitieren nicht nur die Architektinnen, auch die Architekten und die Architektur insgesamt, wie Hagen sagt: „Architekten bauen für eine diverse Gesellschaft. Ihre Teams sollten diese Diversität repräsentieren, um die beste Architektur für die Gesellschaft zu erzielen“. Genaugenommen ist die Gleichberechtigung bei Diversität Artikel 3 unseres Grundgesetzes. Doch im Symposium fehlten konkrete Forderungen an die Politik, den Gravitationsstörungen in der Baubranche mit gesetzlichen Vorgaben entgegenzuwirken. Und bis auf circa drei mutige Architekten fehlten auch die Männer, die für die Gleichberechtigung ihrer weiblichen Kollegen und für eine veränderte Arbeitskultur einzustehen wagen. Es war eine Runde starker Architektinnen und unsichtbarer Architekten. Elisabeth von Knobelsdorff und Therese Mogger an der Technischen Hochschule München, 1909/10

    Ikone gerettet

    Ludwig Leos Umlauftank 2 der TU Berlin stand kurz vor dem Verfall. Doch die Ikone der 1970er-Jahre, die ihre technische Bestimmung genussvoll zelebriert, wurde gerettet. Dabei blieb auch das Innere originalgetreu erhalten. Außen erstrahlen Blau und Pink wieder frisch wie am ersten Tag.  Von Rosa Schick Risse, abblätternde Farbe, Feuchtigkeit: Der Umlauftank 2 in Berlin-Tiergarten war in die Jahre kommen. Jahrelang mussten Liebhaber der ungewöhnlichen 1970er-Jahre Architektur zusehen, wie das freche Rosa des Umlaufrohrs und das tiefe Blau der Laborhalle verblassten und die Fassade Rost ansetzte. Doch Hilfe nahte: Die Wüstenrot-Stiftung überprüfte 2012 in einer Machbarkeitsstudie den Umfang einer möglichen Renovierung des denkmalgeschützten Gebäudes, das im Besitz des Landes Berlin ist und von der Technischen Universität Berlin für Strömungsversuche genutzt wird. Die Studie fiel positiv aus. Anfang 2014 wurden die Architekturbüros HG Merz und adb mit der Planung der Sanierung beauftragt. Seit November dieses Jahres erstrahlt das Gebäude wieder in voller Blüte. Der Umlauftank 2 ist eines der wenigen Denkmäler, bei dem ein kompletter Innenraum im Originalzustand erhalten werden konnte. Generell wurde versucht, so viel wie möglich zu erhalten. Fenster und Verglasung sind Original. Damit steht das Gebäude beispielhaft dafür, dass man Gebäude aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gut und denkmalgerecht erhalten kann.

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    Zur Historie: Gebaut wurde das 35 Meter hohe Gebäude auf der Schleuseninsel im Tiergarten in den Jahren 1968 bis 1974 nach einem Entwurf des Berliner Architekten Ludwig Leo, mit Christian Boes als Konstrukteur. Neben der Bundeslehr- und Forschungsstätte der DLRG und Wohnbauten im Märkischen Viertel, ist der Umlauftank 2 wohl das beeindruckendste Bauwerk Ludwig Leos. Die technischen Daten: Das Gebäude ist optisch wie funktional in einzelne Bauteile aufgeteilt. Die zwei gestaltprägenden Elemente, die blaue Laborhalle und das rosafarbene Umlaufrohr werden von 20 Stahlträgern gestützt, die  wiederum auf einem vier Meter hohen Betonsockel fußen. Das mit Aluminiumplatten verkleidete Laborgebäude ist 360 Quadratmeter groß und bietet auf fünf Etagen Arbeitsräume, Technik und Präsentationsräume für die Strömungsversuche. Das aufrechtstehende Umlaufrohr hat an der breitesten Stelle einen Durchmesser von acht Metern und ist zu zwei Dritteln mit Wasser gefüllt, insgesamt 3.300 Tonnen Wasservolumen. Wird das Wasser durch die zwei 2.750 PS starken Diesel-Schiffsmotoren in Bewegung gesetzt, kann es eine Strömungsgeschwindigkeit von 10 m/s erreichen. 3,5 Millionen Euro Sanierungskosten Der obere Teil des Rohrs befindet sich in der Laborhalle und kann geöffnet werden. So ermöglicht es einen Zugang zum Wasserstrom. Dort werden die Schiffsmodelle montiert, sodass das Wasser an dem Modell vorbeifließt und das Strömungsverhalten gemessen werden kann – anders als bei dem im Erdgeschoss befindlichen Flachwasserbecken. Dort muss das Modell durch das Becken gezogen werden, während das Wasser stillsteht. Mit der weltweit längsten Messstrecke ist der Umlauftank 2 von großer Bedeutung für Modellversuche in der Strömungslehre. In keinem andern Umlauftank können in so großem Maßstab Messungen durchgeführt werden. Zugleich steht er ausschließlich zivilen Forschungsabsichten zur Verfügung, da sich die TU Berlin nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dazu verpflichtet hat, keine Forschung für das Militär zu betreiben. Bei der Renovierung des Baus wurde großer Wert auf eine behutsame Ausbesserung der schadhaften Stellen gelegt. Durch das Ausschneiden und Wiederauftragen von PU-Schaum auf dem Rohr und Neueinsetzen von baugleichen Aluminiumpaneelen wurde das Erscheinungsbild wieder hergestellt. Der Originalcharakter des Gebäudes sollte dadurch so gut wie möglich erhalten bleiben und kein neugebautes Abbild des ursprünglichen Baus geschaffen werden. Architekt Hans-Günter Merz erklärt: „Es ging darum, das Gebäude vor dem Botox zu retten, seine Falten rüberzubringen.“ Christine Ahrend, Vizepräsidentin der TU Berlin, fasst seinen Charakter zusammen: „Das Gebäude zeigt, was es ist und was es tut. Es versteckt nichts.“ Die Gesamtkosten dieser vorsichtigen und kleinteiligen Sanierung beliefen sich auf 3,5 Millionen Euro und wurden von der Bauherrin, der Wüstenrot Stiftung, getragen. Im Rahmen der Sanierung  möchte die TU Berlin außerdem die vorhandenen Geh- und Fahrwege ausbessern und sicherstellen, dass der Zugang künftig barrierefrei ist. Rosa Schick arbeitet als Journalistin in Berlin.

    BIM: Fluch oder Segen für Architekten?

    Über BIM als integrale Plattform zum Austausch von Informationen und zu einer kooperativen Gestaltung des Planungsprozesses zwischen Architekten, Ingenieuren und Bauunternehmern wurde bereits vielfach geschrieben. Tatsächliche Anwendungen von BIM in der Praxis sind bislang jedoch noch die Ausnahme. Text: Rainer Pietschmann Insbesondere eine verbesserte Datenkommunikation, die allen Beteiligten in Echtzeit inklusiver jeglicher laufenden Veränderungen zugutekommt, birgt in der Theorie unbestreitbare Effizienzvorteile. Die Frage, wie dieses Werkzeug zum Nutzen aller Beteiligten in der Praxis eingesetzt werden kann, ist eine andere. Schon heute sind internetbasierte Planungsplattformen weit verbreitet. Sie haben aber nur dann einen Mehrwert, wenn die Planungsbeteiligten gemeinsame Regeln zur Projektabwicklung festlegen und diese auch von allen Beteiligten befolgt werden. Ebenso ist insbesondere von Bedeutung, wer die vorgebende und planende Steuerungsrolle einnimmt. So nutzt es beispielsweise wenig, wenn die Planungsänderungen von Erwerbern (sogenannte Sonderwünsche) vom Bauträgervertrieb eingestellt werden, aber keine Festlegungen vorgenommen und kommuniziert werden, was damit nun konkret geschehen soll. Die heutige Realität am Bau sieht leider aber genau so aus. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass das potenziell mächtige Effizienz-Tool BIM der Einbettung in strukturierte Kommunikationsprozesse und klar definierter Verantwortlichkeiten bedarf. Diese Integration muss gesteuert werden, wobei Führung und Verantwortung nur in begrenztem Umfang teilbar sind. Nur wer Verantwortung trägt, wie beispielsweise der Architekt/in für das Gesamtprojekt, greift ein, der steuert und denkt ganzheitlich. Der Architekt/die Architektin ist hierzu von jeher berufen; er/sie kann als Gesamtplaner am besten die anderen Beteiligten führen und koordinieren, er/sie kennt auch die Projektziele am besten und kann daher die notwendigen Kompromisse aus Sicht der Fachplanung etc. am besten zu einer großen und ganzen Gesamtlösung verbinden. Andere Beteiligte wie beispielsweise der Tragwerksplaner, der TGA-Planer oder der Bauphysiker sind hierzu typischerweise weder befähigt, noch dazu bestimmt, diese Rolle im idealen Sollprozess auszufüllen. Die Berufsbilder der Projektsteuerung erscheinen ebenso wenig geeignet, weil Sie vertraglich primär die Kontrollpflicht haben, ob andere ihre Verträge einhalten. Den Planungsprozess gestalten werden sie aber nicht und wollen dies überwiegend auch nicht leisten. Sie stellen daher weniger die kreativ führende Kraft, als primär eine nachverfolgend koordinierende und damit reaktive Einheit im Bauprozess dar. Mithin wird es durch BIM so zur Aufgabe der berufsständischen Organisationen, den Prozess von Gestaltung und Implementierung von BIM mit ihren Mitgliedern maßgeblich zu gestalten. Erste wesentliche Schritte hierzu könnten sein,
  • den Architekten klar die „Gestaltungshoheit“ für Einsatz und Ausgestaltung des BIM zuzuweisen, sowie
  • klare Richtlinien für die Vertragsgestaltung erstellen, wie BIM in Bezug auf Leistung, Haftung und Vergütung zu bewerten ist.
  • Dabei sollte im Vordergrund stehen, die Arbeitsmethode BIM in das bestehende System des Gestaltungs- und Planungsablaufes als Werkzeug zu integrieren, ohne die bestehenden Verantwortlichkeiten schrittweise aufzulösen. Die weitere Entwicklung bleibt spannend. Rainer Pietschmann ist Managing Partner Pietschmann Legal und Vorsitzender des Aufsichtsrates der Schrobsdorff Bau AG (Berlin). Mehr Informationen und Artikel zu BIM finden Sie im DABthema BIM.

    Das letzte Gebet

    Der französische Fotograf Francis Meslet zeigt in einem Bildband verlassene Kapellen, Kirchen und Klöster. Und mit ihnen die stille Welt nach dem letzten Abendmahl. Heruntergekommene Kirchen, verwilderte Kapellen und marode Klöster: Der französische Fotograf Francis Meslet streift seit Jahren durch verlassene Gotteshäuser und lichtet sie ab. Rund 30 Kirchen, Klöster und Kapellen hat er in verschiedenen Ländern Europas ausfindig gemacht und besucht. Meslet ist fasziniert von verlassenen Orten. Der Fotograf ist auf Lost Places, also verlassene Orte, spezialisiert. Mit seinen Fotos gibt er lebensfeindlichen Industrieruinen, verfallenen Villen und alten Hotels eine gewisse Erhabenheit. Den Überbleibseln einer vergangenen Zeit ist er mit intensiver Recherche auf die Schliche gekommen. Manchmal half ihm aber auch der Zufall, berichtet er. Ganz gleich ob Suche oder Zufall: Namen und Orte der Kirchen nennt er nicht. Das Betreten der Gotteshäuser sei teilweise nicht sicher. Außerdem möchte er die Ruinen vor Plünderung schützen. Das ist verständlich. Zum Teil hat der Prunk der Kirchen die Zeit überdauert. Goldene Altare und verzierte Kreuze schmücken die in Meslets Buch „Mind Travels“ abgedruckten Kirchen, Klöster und Kapellen.

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    Gekonnt in Szene gesetzt, zeigt der Fotograf die Überbleibsel einer Gesellschaft, in der das Religiöse eine untergeordnete Rolle spielt. Meslets Buch ist zuweilen romantisch. Dabei ist seine Sicht nicht verklärt. Meslets Sujet ist und bleibt trotz der gewaltigen Patina, der kaputten Balken und der dicken Staubschicht imposant. Das zeigt er in den neun Kapiteln. Eine gewisse Imposanz hat auch die Musik zum Buch, die auf einer CD beiligt. Jedes Kapitel bekommt so eine eigene musikalische Inszenierung. Einige Stücke wurden eigens für das Buch komponiert. Sie erscheinen fast so feierlich wie das letzte Gebet. Francis Meslet: „Mind Travels“, Les Presses du Réel, Nancy , 2017, 152 Seiten, 40,00 Euro, ISBN: 978-2956146-001. Vergessen und vermodert – das ist aber schade, oder? Stimmt! Wie eine architektonische Neubelebung von vernachlässigten Kirchengebäuden funktionieren kann, lesen Sie hier.

    Gewinnen an Weihnachten 2017!

    Exklusives Weihnachtsgewinnspiel für DABnewsletter-Abonnenten DABonline.de verlost zehn Twercs Koffer von Vorwerk. Der Preis Leere Akku-Werkzeuge hinein, volle wieder heraus. Immer geladen und allzeit bereit, dafür sorgt der praktische Twercs Ladekoffer mit seinen vier Ladestationen – für jedes Gerät eine. Dieses Ladesystem ist ein echter Vorreiter und auf dem Markt einzigartig. Zusammen mit einem eingebauten Aufrollkabel von einem Meter Länge sind die Tools somit jederzeit startklar. In dem Koffern enthalten sind eine Akku-Heißklebepistole, eine Akku-Stichsäge, ein Akku-Bohrschrauber sowie ein Akku-Tacker. Die Teilnahme Buchstaben suche und kombinieren: In den DABnewsletter-Ausgaben am 7. und 21. Dezember 2017 (hier können Sie sich zum DABnewsletter anmelden) finden Sie jeweils bis zu sechs Themen. Rufen Sie mit Klick auf „Weiterlesen“ die Beiträge dazu auf. In ihnen sind teilweise Buchstaben versteckt. Finden Sie die Buchstaben und bringen Sie sie in die richtige Reihenfolge, so dass sie ein Wort ergeben, das etwas mit Weihnachten zu tun hat. Sie können bereits mit einem der beiden Begriffe gewinnen. Der Einsendeschluss für beide Begriffe ist der 23. Dezember 2017 um 23:59 Uhr. Die Teilnahmebedingungen 1. Teilnahmeberechtigung Teilnahmeberechtigt ist jede natürliche Person, die das 18. Lebensjahr vollendet, ihren ständigen Wohnsitz in Deutschland hat und mit der am Gewinnspiel teilnehmenden E-Mailadresse beim DABnewsletter (www.DABonline.de/newsletter) registriert und somit Abonnent des DABnewsletters ist. Mitarbeiter der planet c GmbH (Verlag) und deren Angehörige sind nicht teilnahmeberechtigt. Die Teilnahme über Teilnahme- und Eintragungsdienste ist ausgeschlossen, es werden nur persönliche Teilnehmer berücksichtigt. Die Teilnahmebedingungen habe ich gelesen und stimme ihnen zu. 2. Spielregeln Senden Sie eine E-Mail mit dem Lösungswort sowie Ihrem Namen und Ihrer Adresse an dab-verlosung@planetc.co. Einsendeschluss ist der 23.12.2017, 23:59h. Vollständige E-Mails mit dem richtigen Lösungswort, die bis zu diesem Zeitpunkt beim Verlag eingehen, werden bei der Verlosung berücksichtigt. Jeder Abonnent darf nur einmal teilnehmen. Sollte ein Absender weitere Antwortmails absenden, wird er vom Gewinnspiel ausgeschlossen. Die Gewinne werden unter den Teilnehmern verlost, die ihren Name und ihre Adresse vollständig angegeben haben. 3. Gewinn und Gewinnbenachrichtigung
    • Der Gewinner des Preises wird durch Losziehung ermittelt und erhält per Online-, Post-, Versanddienst- oder Speditionssendung seinen Gewinn.
    • Der im Rahmen des Gewinnspiels als Preis präsentierte Gegenstand bzw. die Leistung ist nicht zwingend mit dem gewonnenen Gegenstand / der Leistung identisch. Vielmehr können Abweichungen hinsichtlich Zusammenstellung o. ä. bestehen. Der Preissponsor kann einen als Preis präsentierten Gegenstand bzw. eine Leistung gleichwertigen Gegenstand / gleichwertige Leistung mittlerer Art und Güte auswählen.
    • Der Versand der Gewinne wird teilweise vom Verlag und teilweise zwischen dem Lieferanten und dem Gewinner koordiniert.
    • Gewinne werden in keinem Fall bar ausgezahlt. Dies gilt auch, wenn ein Gewinn nicht mehr in der präsentierten Ausführung lieferbar ist. Der Gewinner erhält dann einen gleichwertigen Ersatz.
    4. Veröffentlichung der Gewinner / Datenschutz Der Teilnehmer sichert mit seiner Teilnahme zu, dass alle von ihm gemachten Angaben der Wahrheit entsprechen. Er erklärt sich durch die Teilnahme am Gewinnspiel ausdrücklich damit einverstanden, auf DABonline.de und im Deutschen Architektenblatt als Gewinner namentlich veröffentlicht zu werden. Die öffentliche Bekanntgabe des Gewinners erfolgt ohne Gewähr. 5. Gewährleistung und Haftung
    • Bei offensichtlichen Mängeln des Gewinns gelten die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Lieferanten. Bei Fristversäumung bestehen keine Gewährleistungsansprüche mehr für offensichtliche Mängel.
    • Der Verlag und die Preissponsoren haften nicht für Sach- und Rechtsmängel des Preises und/oder für die Insolvenz des Lieferanten und die daraus resultierenden Folgen für die Gewinnspieldurchführung und Gewinnabwicklung.
    • Der Verlag und die Preissponsoren haften nicht für Schäden, die durch Fehler, Verzögerungen oder Unterbrechungen in der Übermittlung, bei Störungen der technischen Anlagen oder des Services, durch unrichtige Inhalte, Verlust oder Löschung von Daten, Viren oder in sonstiger Weise bei der Teilnahme an dem Gewinnspiel entstehen können, es sei denn, dass solche Schäden vom Verlag oder den Preissponsoren (deren Organen, Mitarbeitern oder Erfüllungsgehilfen) vorsätzlich oder grob fahrlässig oder durch die Verletzung von Kardinalspflichten herbeigeführt werden. Unberührt bleibt die Haftung für Schäden durch die Verletzung von Leben, Körper und Gesundheit.
    • Der Preissponsor haftet nur für solche Schäden, die er oder einer seiner Erfüllungsgehilfen aufgrund der Verletzung von Kardinalspflichten oder durch vorsätzliches oder grob fahrlässiges Verhalten verursacht hat. Hiervon bleibt ausdrücklich die Haftung für Schäden wegen der Verletzung von Leben, Körper und Gesundheit unberührt.
    6. Vorzeitige Beendigung des Gewinnspiels Der Verlag behält sich vor, das Gewinnspiel zu jedem Zeitpunkt ohne Vorankündigung abzubrechen oder zu beenden. Von dieser Möglichkeit macht der Verlag insbesondere dann Gebrauch, wenn aus technischen Gründen oder rechtlichen Gründen eine ordnungsgemäße Durchführung des Spiels nicht gewährleistet werden kann. Sofern eine derartige Beendigung durch das Verhalten eines Teilnehmers verursacht wurde, kann der Verlag von dieser Person Ersatz des entstandenen Schadens verlangen. 7. Datenschutz
    • Der Teilnehmer erklärt sich ausdrücklich damit einverstanden, dass die von ihm angegebenen Personendaten für die Dauer des Gewinnspiels und dessen Abwicklung vom Verlag oder einem vom Verlag beauftragten Dritten gespeichert und genutzt werden dürfen. Ebenfalls ist der Teilnehmer damit einverstanden, dass seine Daten an den jeweiligen Preissponsor zur Gewinnabwicklung übermittelt werden dürfen und dieser sie ebenfalls zur Gewinnabwicklung speichern und nutzen darf.
    • Es steht dem Teilnehmer jederzeit frei, per schriftlichen Widerruf gegenüber dem Verlag die Einwilligung in die Speicherung und Nutzung aufzuheben.
    • Die Daten des Teilnehmers werden ausschließlich für die Durchführung und Abwicklung des Gewinnspiels vom Verlag, dem Preissponsor und/oder dem Lieferanten genutzt, nicht jedoch für werbliche Zwecke.
    8. Sonstiges
    • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
    • Es findet ausschließlich das Recht der Bundesrepublik Deutschland Anwendung.
    • Sollten einzelne dieser Bedingungen unwirksam sein oder werden, bleibt die Gültigkeit der übrigen Bedingungen hiervon unberührt.
    • Die Teilnahmebedingungen dürfen vom Verlag jederzeit ohne Vorankündigung und Angabe von Gründen geändert werden. Ergänzungen und Nebenabreden bedürfen zu ihrer Wirksamkeit der Schriftform.

    Modellprojekt für Artenvielfalt

    Auf dem Dach des Besucherzentrums der IGA Berlin 2017 entstand ein zukunftsweisender Lebensraum für Flora und Fauna Text: Wolfgang Ansel Dort, wo die Natur durch Baumaßnahmen zerstört und der Boden versiegelt wurde, können Dachbegrünungen Ersatzlebensräume für Flora und Fauna schaffen. Die Entwicklung der Artenvielfalt hängt dabei aber stark davon ab, wie die Lebensräume aufgebaut sind, die den Pflanzen und Tieren auf dem Dach angeboten werden. Durch verschiedene Gestaltungsmaßnahmen und die Berücksichtigung grundlegender Biodiversitätsprinzipien kann die Biotop-Funktion begrünter Dachflächen gezielt gefördert werden. Dieses Konzept wurde auf dem Dach des Besucherzentrums der Internationalen Gartenausstellung in Berlin (IGA Berlin 2017) jetzt erstmals umgesetzt. Gemeinsam mit dem Dachbegrünungsunternehmen fairplants-system GmbH, dem Gründach-Systemhersteller ZinCo GmbH und weiteren Kooperationspartnern wurden durch den Deutschen Dachgärtner Verband verschiedene Biodiversitätsmodule installiert, die auf der knapp 2.000 Quadratmeter großen Fläche Bienen, Schmetterlingen und Käfern Nahrung und Unterschlupf zu gewähren. Im Einzelnen wurden folgende Module installiert:

    IGA_Besucherzentrum

    Bild 1 von 4

    Der Gestaltungsplan für das Biodiversitätsdach stammt von der fairplants-system GmbH aus Pritzwalk.

    Modulation der Substratoberfläche beziehungsweise der Substrathöhe Durch Variationen in der Substrathöhe entstehen unterschiedliche Lebensräume, die das Artenspektrum der Bepflanzung erweitern. Während für niedrigwüchsige, anspruchslose Sedumarten und andere Sukkulenten sechs bis acht Zentimeter Substrathöhe ausreichend sind, wurde auf einzelnen Anhügelungen der Wurzelraum für eine artenreiche Kräuter- und Gräservegetation auf zwölf bis 15 Zentimeter erhöht. Verbesserung der Substratqualität Neben der Substrathöhe spielt auch die Zusammensetzung der Gründach-Systemerden für die Pflanzenetablierung eine wichtige Rolle. Im Bereich der Substratanhügelungen wurden die nährstoffarmen und mineralischen Systemerden herkömmlicher Extensivbegrünungen mit einem organischen Substrat ergänzt, das als Humus- und Nährstofflieferant für die anspruchsvollere Kräuter- und Gräservegetation dient. Vegetationsfreie Bereiche (Sandlinsen und Grobkiesbeete) Vegetationsfreie Bereiche in Form von Sandlinsen, Lehmflächen und Grobkiesbeeten stellen wichtige Biotopbereicherungen dar und werden von Insekten und anderen Dachbewohnern als Versteck, Brut- und Sonnenplätze benutzt. Sandbeete sollen spezielle sandbrütende Insekten anlocken, wie Grabwespen oder Sandbienen. Grobkiesbeete bieten zum Beispiel für Spinnen und Käfer Unterschlupf. Temporäre Wasserflächen An einzelnen Stellen der Dachfläche wurden Folien eingearbeitet und mit Sand abgedeckt, um das Regenwasser über einen längeren Zeitraum auf dem Dach zurückzuhalten. Diese Bereiche sollen das Wasserangebot für Insekten und Vögel verbessern. Pflanzenauswahl Die abwechslungsreiche und vielfältige Bepflanzung mit mehr als 70 verschiedenen Arten ist das Kernstück des Biodiversitätsdaches. Während bei herkömmlichen extensiven Dachbegrünungen in der Regel nur eine geringe Anzahl von Mauerpfeffer-Arten zum Einsatz kommt, enthält der Bepflanzungsplan für das Gründach des Besucherzentrums auf den angehügelten Bereichen zusätzlich einen bunten Mix aus Kräutern und Gräsern. Dabei wurden gezielt Arten ausgewählt, die Bedeutung als Futterpflanzen für Insekten besitzen. Um die Entwicklung und die Dauerhaftigkeit unterschiedlicher Bepflanzungsarten zu testen, wurde neben vorkultivierten Flachballenstauden auf einzelnen Anhügelungen auch Saatgut ausgebracht. Nisthilfen für Insekten Zur dauerhaften Insekten-Ansiedlung werden auf dem Dach verschiedene Nisthilfen eingesetzt. Neben Insektenhotels für Wildbienen und Schlupfwespen kommen Hummelnistkästen und Unterschlupfmöglichkeiten für Florfliegen, Marienkäfer, Raubwanzen und weitere Nützlinge zum Einsatz. Einbringung von Totholz Abgestorbene Äste und Stämme stellen ein besonders wertvolles Strukturelement dar. Totholz wird unter anderem von Moosen, Flechten, Pilzen, Käfern, Fliegen, Mücken, Ameisen und solitären Wildbienen bzw. Wespen, als Lebensraum genutzt, weshalb der Begriff „Biotop-Holz“ treffender erscheint. Zusätzlich können Vögel die Totholzhaufen als Ansitzplätze, Singwarten und Nahrungsbiotope nutzen. Die Entwicklung der Artenvielfalt auf dem Dach ist ein langfristiger Prozess, der im Wechselspiel mit der Umgebung stattfindet. Deshalb wurde ein abgestimmtes und kosteneffizientes Pflegekonzept entwickelt, das über die Laufzeit der IGA 2017 hinausreicht. Dadurch soll die Lebensraumfunktion des Gründaches für Pflanzen und Tiere gezielt gefördert und gleichzeitig der Schutz der Dachkonstruktion dauerhaft gewährleistet werden. Die Dokumentation der Pflanzenentwicklung und das wissenschaftliche Monitoring der Wirksamkeit der verschiedenen Biodiversitätsmodule erfolgen in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Berlin (Institut für Ökologie, Nachwuchsgruppe RuralFutures, Dr. Ina Säumel, Elizabeth Ahner). Dem Deutschen Dachgärtner Verband dient das Biodiversitäts-Gründach in der Zukunft als Referenzprojekt, um bei neuen Gründach-Projekten für eine stärkere Berücksichtigung der Artenvielfalt zu werben. Bereits existierende, artenarme Extensivbegrünungen lassen sich durch den gezielten Einsatz der Module aber auch zu einem Biodiversitätsdach umrüsten. Wolfgang Ansel ist Geschäftsführer des Deutschen Dachgärtner Verband e.V. (DDV) in Nürtingen  

    „Antworten suchen, bevor die Fragen gestellt worden sind“

    Der Architekt und Designer Hadi Teherani hält am 16. November auf dem Deutschen Architektenkongress in Berlin die Keynote zur Rolle des Architekten im digitalen Zeitalter. Ein paar Fragen an den Visionär vorab. Interview: Lars Klaaßen Was ist das Wesen der Architektur im 21. Jahrhundert? Architektur bestimmt sich nach wie vor durch Kreativität und Intelligenz, die überzeugt und begeistert. Es geht um Ästhetik, Funktion, ein umfassendes Verständnis von Ökonomie bzw. Ökologie im Hinblick auf die Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit des Projekts. Intelligente Standortwahl und lange Nutzungszeiträume werden innerhalb der energetischen Fragestellung gerne unterschätzt. Wenn ein Gebäude auf Grundlage seiner komplexen Architektur sein Publikum nicht langfristig findet und überzeugt, helfen angesichts dieses grundsätzlichen Problems kleinere ökologische Raffinessen auch nicht weiter. Welchen Einfluss haben Digitalisierung und smarte Technologien auf das Berufsfeld des Architekten? Man sollte Vereinfachungen des Workflows nicht unterschätzen, aber auch nicht überbewerten. Es ist noch kein guter Fotograf, Filmregisseur oder Autor vom Himmel gefallen, nur weil er digital aufgerüstet hat. Das gilt auch für die Architektur. Wenn man heute noch große Architekten wie Le Corbusier oder Oscar Niemeyer für ihre außergewöhnlichen Leistungen bewundert, fragt niemand nach dem Instrumentarium, das dafür nötig war. Niemand kommt auf die Idee, dass andere technische Abläufe oder Werkzeuge zu noch besseren Ergebnissen hätten führen können. In der Kritik stehen dagegen möglicherweise Denkfehler der ästhetischen, funktionalen oder technischen Planung des Architekten. Wie hat sich Ihre Arbeit als Architekt und Designer durch die Digitalisierung verändert? Natürlich schätze ich die Möglichkeiten der mobilen Arbeit, Recherche und Kommunikation. Digitalisierung erlaubt vielfach ökonomische weil zeitsparende Arbeitsabläufe in der dreidimensionalen Darstellung von Gebäuden, in der Massen- und Kostenermittlung, in der Ausschreibung, im Austausch mit Fachplanern. Building Information Modeling (BIM), eine Methode der optimierten Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden mittels Software, soll die Büroeffektivität um 35 Prozent steigern können, so wird behauptet. Ab 2020 müssen öffentliche Aufträge BIM-orientiert bearbeitet werden. Dem wird sich niemand entziehen können. Aber es gibt keine Software, die über Vorteile in den Arbeitsabläufen hinausgeht. Die Aufgaben des Architekten sind überaus komplex. Im Grunde muss er intuitiv nach Antworten suchen, bevor die passenden Fragen gestellt worden sind. Wie macht man das? Der Architekt muss die Fragen und Anforderungen der Zukunft vorwegnehmen. Architektur und Stadtplanung, selbst nachhaltiges Produktdesign, setzen stets ein Gespür für zukünftige Entwicklungen und möglichst neutrale und variable, aber dennoch spezifische Lösungen voraus. Denn natürlich werden sich die Rahmenbedingungen eines Gebäudes über die Jahrzehnte seiner Nutzung verändern. Wenn Künstliche Intelligenz dazu einen Beitrag liefern könnte, würde ich von einem Durchbruch der Digitalisierung sprechen. Davon sind wir weit entfernt. Die Intuition und Kreativität des Architekten lässt sich nicht errechnen, nicht einmal durch diskursiven Gebrauch des menschlichen Verstandes bzw. durch bewusste Schlussfolgerungen ermitteln. Kreativität verlangt mehr als Datenverarbeitung. Ist Technik oder Reduktion die Lösung für Nachhaltigkeit? Mit der Rückbesinnung auf traditionelle Lösungen ist oft mehr gewonnen als durch technische Aufrüstung. Wenn natürliche Luftbewegungen im Gebäude eine Klimatisierung überflüssig machen können, ist das eine intelligentere Lösung als Maschinen zu betreiben. Stehen Technologie und Kunst im Widerspruch oder eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Architektur? Einen grundsätzlichen Widerspruch sehe ich darin nicht. Technik kann reine Kunst, die sich anders als Architektur nicht dem alltäglichen Gebrauch stellen muss, durchaus beflügeln. Wie verändert sich die Rolle des Architekten in diesem Spannungsfeld – was sollte sie sein? Die Rolle des Architekten bleibt die ewig gleiche, er gestaltet die menschliche Umgebung mit Form gewordener Sinnlichkeit, Kultur, Moral, Botschaft. Die entscheidenden architektonischen Qualitätsmerkmale sind der Raum, das Volumen, der Ausblick, die Dynamik der Überschneidungen und Beziehungen. Ein intelligenter Einsatz der Mittel setzt vor allem auf den Luxus dramatischer Räume mit funktionalen Vorteilen, aber vor allem emotionaler Ausstrahlung. In die Zukunft gedacht: Wie schätzen Sie die Arbeit eines Architekten in 10 oder 20 Jahren ein? Die Herausforderung wird darin bestehen, die Ökonomie einer Lebens- und Arbeitswelt nicht nur als reines Zahlenexempel von Investoren zu begreifen, sondern auch als Bühne für die emotionale Sehnsucht der Menschen. Vom kleinsten Detail bis zur großen Stadt. Alles, was in der Vergangenheit in diesem Sinne möglich war, bleibt auch in Zukunft verfügbar und steigerungsfähig. Letztlich ist Architektur aber auch eine Aufgabe des Bauherrn, des Investors, des Publikums, der Verwaltung, sogar der Regierung. ZUR PERSON Hadi Teherani ist 1954 in Teheran geboren und in Hamburg aufgewachsen. In der Arbeit des deutschen Architekten und Designers spielt ökologisch fundierte Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle. So sind der erste „grüne“ Bahnhof Deutschlands am Frankfurter Flughafen und die Kölner Kranhäuser am Rheinufer wie eine Reihe internationaler Projekte zu weithin wirksamen Landmarken geworden. Teherani hat in Abu Dhabi, Berlin, Dubai, Hamburg, Istanbul, Kopenhagen, Rom und Teheran geplant, sowie in Moskau und Mumbai. In seinem Werkverzeichnis finden sich ein E-Bike, ein Konferenztisch, Ledersitzmöbel, eine modulare Küche, Leuchten, Showrooms und Flagship Stores. Hinzu kommen Hochhäuser, Unternehmenszentralen, Behörden, Einkaufswelten, Börsen, Bahnhöfe, Schulen und Universitäten. In den letzten Jahren hat der Architekt und Designer vor allem innovative Konzepte für einen nachhaltigen urbanen Wohnungsbau entwickelt und realisiert. Lars Klaaßen ist freier Journalist in Berlin.

    Der Kongress im Überblick

    Smarte Technologie trifft Mensch: Transformation oder Tradition? Der Deutsche Architektenkongress beleuchtet am 16. November 2017 die Rolle des Architekten im digitalen Zeitalters.Seien Sie mit dabei. Der erste Deutsche Architektenkongress möchte eine Plattform bieten, die Architekten in einen aktiven Dialog untereinander sowie mit den anderen Playern der Wohn- und Bauwirtschaft bringt. Das Berufsfeld des Architekten im Hinblick auf technologische Entwicklungen, aktuelle Themen und zukünftige Trends wird kritisch beleuchtet und kontrovers diskutiert. Wir adressieren Anforderungen, mit denen der Architekt in seiner täglichen Arbeit konfrontiert ist bzw. Herausforderungen, die auf ihn zukommen und zeigen mögliche Lösungswege auf. In diesem Rahmen werden die aktuelle Gesetzeslage und Rechtsprechung aufbereitet und hilfreiche Tipps gegeben, wie Rechtsfallen vermieden bzw. größtmögliche vertragliche Sicherheit erlangt werden können. Diskutieren Sie mit Vor- und Querdenkern, tauschen Sie sich mit Kollegen aus, networken Sie mit Vertretern aus Kommunen, Bauindustrie, Wohn- und Immobilienwirtschaft. PROGRAMM WIR BEGINNEN UM 9:30 UHR UND ENDEN CA. 18:00 UHR MIT EINEM GEMEINSAMEN AUSKLANG Nils Hille, Fachjournalist und Geschäftsleiter der Deutschen Akademie für Public Relations, führt Sie durch den Tag und sorgt für lebhafte Diskussionen. Er spinnt mit Ihnen und den Referenten den roten Faden und gibt Ihnen eine Zusammenfassung der Ergebnisse mit auf den Weg. 09.30 – 09.35 Begrüßung durch das Deutsche Architektenblatt, Chefredaktion/Verlagsleitung und Nils Hille (Moderator, Fachjournalist und Geschäftsleiter, Deutsche Akademie für Public Relations) 09.35 – 09.50 – ERÖFFNUNG Dipl.-Ing. Barbara Ettinger-Brinckmann Präsidentin Bundesarchitektenkammer – BAK         09.50 – 10.20 – KEYNOTE DAS WESEN DER ARCHITEKTUR IM 21. JAHRHUNDERT Hadi Teherani Architekt und Designer Hadi Teherani Architects GmbH       10.20 – 11.40 – FUTURE VISION: INSPIRATION IM DIALOG – DER ARCHITEKT FÜR EINE SMARTE ZUKUNFT Best Practice Smart Green Tower – ein Gebäude, das denken und handeln kann Dipl.-Ing. Wolfgang Frey, Architekt, Inhaber, Frey Architekten Bringt neue Planungstechnologie auch neue Baukultur? Dipl.-Ing. Robert Specht, Architekt, Geschäftsführer, SPECHT KALLEJA + PARTNER ARCHITEKTEN Smart Living – Wie leben wir 2025? Mijo Maric, Leiter Geschäftsstelle Smart Living – Initiative des BMWi -Technopolis Group Deutschland Diskussionrunde mit den Referenten & Teilnehmern: Was bedeutet die smarte Zukunft für uns Architekten? 11.40 – 12.10 – Kaffeepause 12.10 – 12.50 – ZUR SACHE: DER ARCHITEKT IN DER HAFTUNG – INFORMATION MIT Q&A Haftungsfallen vermeiden – BIM-Systeme, Koordinierungspflichten und Nutzungsfehler Peter Klum, Rechtsanwalt, Vorsitzender Richter am Kammergericht a.D., Generalbevollmächtigter Pietschmann Legal Dipl.-Ing. Architekt Jochen Köhn, Assoziierter Partner – Management, gmp · Architekten von Gerkan, Marg und Partner Dipl.-Ing. Architekt Hubert Nienhoff, Partner, gmp · Architekten von Gerkan, Marg und Partner Rainer Pietschmann, Managing Partner, Pietschmann Legal und Vorsitzender des Aufsichtsrates der Schrobsdorff Bau AG 12.50 – 13.50 – Pause mit Lunchbuffet 13.50 – 14.35 – IMPULSEXPRESS: BERUFSFELD ARCHITEKT QUO VADIS – DER ARCHITEKT ALS ALLROUNDGENIE? Der Architekt als Kunden-Berater, Schnittstellenmanager, Projektentwickler, digitaler Planer, … Volker Auch-Schwelk, Freier Architekt und Sachverständiger Nachhaltiges Bauen, Architektenkammer Baden-Württemberg Andreas Becher, Vorsitzender BDA Berlin, Architekt und Projektentwickler Gerold Reker, Präsident, Architektenkammer Rheinland-Pfalz 14.35 – 15.00 – Future Vision: Google, Apple und Co – (Wie) Werden die IT-Giganten Einzug ins Gebäude halten? Prof. Dr. Christian Pätz, Europäischer Sprecher der Z-Wave Alliance, TU Chemnitz 15.00  – 15.30 – Kaffeepause 15.30 – 16.15 – IMPULSEXPRESS: BEST PRACTICE SMART HOME – DER ARCHITEKT ALS SYSTEMINTEGRATOR Best Practice: Luxussegment Matthias Pfalzgraf, Dipl.-Ing. Elektrotechnik – Energietechnik, Leistungselektronik, Geschäftsführender Gesellschafter, S3P-Engineering Best Practice: Genossenschaftsbau Dr. Axel Viehweger, Vorstand, Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e. V. (VSWG) Diskussionsrunde mit Matthias Pfalzgraf, Dr. Axel Viehweger und Jens Stoll, ALBRECHT JUNG GmbH & Co. KG Der Architekt an der Schnittstelle zwischen Bauwesen, Informationstechnik und Design 16.15 – 16.25 – Vorstellung der Workshops im Plenum PARALLELE WORKSHOPS 16.25 – 17.10 Der Architekt als Bauherrenberater bei Smart Home „Vitruv trifft Pegasus: Rationaler Nutzen für Architekten und emotionale Beratung des Bauherren – Widerspruch oder Einklang?“ Thomas Hardenacke Leiter Architektenberatung BUSCH-JAEGER Elektro GmbH Das erste BIM-Projekt – Was muss man beachten? BIM-Rollen, Aufgabenverteilung und vertragliche Dokumente. Und welche Fehler Sie unbedingt vermeiden sollten.   Dipl. Phys. Andreas Kohlhaas BIM Strategie GSP Network GmbH       Potenziale intelligenter Gebäudeautomation – Aufwändige Planungsprozesse einfach gelöst. Martin Böhle, Bereichsleiter Vertrieb, GASAG Solutions PLUS GmbH Volker Klostermann, Technischer Geschäftsführer, provedo GmbH Mögliche Workshop-Themen
    • BIM
    • ENERGIEEFFIZIENZ
    • SICHERHEIT
    Gern greifen wir auch Ihren Vorschlag auf. Wie Sie Partner für die noch zu besetzenden Workshops werden, erläutere ich Ihnen gern. Kontaktieren Sie mich zeitnah! Stefanie Weber Sales Managerin EUROFORUM DEUTSCHLAND SE       17.10 – 17.30 – Vorstellung der Workshop-Ergebnisse im Plenum und Zusammenfassung der Ergebnisse des Tages Anschließend gemeinsamer Ausklang mit Get Together. Wir freuen uns auf Sie!

    Ist das etwa schön?

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    Der subjektive Begriff „Schönheit“ ist in der Architektur ein regelrechtes Tabu. Aber ist „schöne Architektur“ nur etwas für Laien? Das Dezember-Heft des DAB widmet sich der Schönheit. Teilen Sie uns dazu vorab Ihre Meinung mit! Eine Auswahl der Einsendungen, die bis zum 30. Oktober 2017 bei der Redaktion eingehen, wird in Ausgabe 12.2017 veröffentlicht. Was finden Sie schön? Gibt es eine objektive Schönheit in der Architektur? Was darf Schönheit in der Architektur kosten? Ist Altes immer schöner als Neues? Wir freuen uns über lange Reflexionen, kurze Kommentare, Zeichnungen oder Bilder rund ums Thema Schönheit. Nutzen Sie die untenstehende Kommentarfunktion oder mailen Sie uns unter chefredaktion-DAB@planetc.co. Die Redaktion behält sich sinnwahrende Kürzungen oder eine Bearbeitung der Einsendungen vor. Eine Auswahl der Einsendungen, die bis zum 30. Oktober 2017 bei der Redaktion eingehen, wird in Ausgabe 12.2017 veröffentlicht.

    Die „mitalternde“ Wohnung

    Altern lebenswert gestalten: sicher und selbstbestimmt wohnen in sächsischen Wohnungsgenossenschaften. Wie das funktioniert, erklärt Dr. Axel Viehweger vom Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e. V. Text: Axel Viehweger Unsere Gesellschaft wird aufgrund der allgemein längeren Lebenserwartung und der bisher anhaltenden geburtenschwachen Jahrgänge immer älter. Der zu erwartende Pflegenotstand, die abnehmende Finanzkraft und der Wegbruch informeller Hilfesysteme werden in den nächsten Jahren vermehrt an Brisanz gewinnen. Den Menschen so lang wie möglich ein Leben in der gewohnten und vertrauten Umgebung zu ermöglichen, gewinnt damit an gesellschaftlicher Bedeutung – vor allem in Bezug auf die Sicherung von anforderungsgerechtem und komfortablem Wohnraum unter Beachtung der Wirtschaftlichkeit.  Die Wohnung entwickelt sich somit immer stärker zum Gesundheitsstandort, da die Konsequenzen des demografischen Wandels alle Lebens- und gesellschaftlichen Bereiche durchdringen. Die Kreativität der Wohnungswirtschaft steht diesbezüglich vor neuen Herausforderungen, denn der Wunsch der Mieter und Mitglieder besteht in einer guten und altersgemäßen Versorgung mit Wohnraum und Dienstleistungen, auch bei physischen oder psychischen Defiziten sowie der autonomen Teilhabe an der Gesellschaft. Die Gewährleistung der Balance zwischen Abhängigkeit aus baulichen Gegebenheiten und technischer Assistenz sowie der Fürsorge für die Betroffenen ist eine solche. Was hier bereits heute bzw. in naher Zukunft Realität ist, trifft in etwa 10 bis 15 Jahren nahezu für alle Regionen Deutschlands zu. Insbesondere die Wohnungsbranche übernimmt in Sachsen die Funktion eines Sozialbarometers, um den baulichen, technischen und sozialen Gestaltungsanforderungen an Wohnraum und Wohnumfeld gerecht zu werden. Schwerpunkt bildet dabei die Bündelung von Dienstleistungen in genossenschaftlich geprägten Wohn- und Lebensräumen zur Erhaltung der Selbstständigkeit, insbesondere der Senioren. Dienstleistungen unterschiedlicher Brachen und Lebensbereiche werden dazu in den Bereichen Komfort, Gesundheit, Sicherheit und Freizeit in dem Konzept der „Mitalternden Wohnung“ des Verbandes Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e. V. kombiniert. Konzept Im verwirklichten Lösungsansatz der „mitalternden Wohnung“ in verschiedenen Wohnungsgenossenschaften in Sachsen, die der VSWG begleitet, wird ein mitwachsendes Konzept umgesetzt, dass durch seine modulare Gestaltung eine hohe Anpassungsfähigkeit an sich verändernde Lebens- und Leistungsanforderungen der Menschen ermöglicht. Das Konzept geht von einem kombinierten Ansatz, bestehend aus wirtschaftlich vertretbaren bautechnischen Maßnahmen in der Wohnung zur Reduktion von Barrieren im Wohnungsbestand, von der Einbindung technischer Unterstützungssysteme zur Assistenz im Wohnalltag sowie von angekoppelten Dienstleistungen für die Mieter, aus. Der Vorzug der „Mitalternden Wohnung“ ist, dass diese auf dem Ansatz basiert, wirtschaftlich vertretbare bautechnische Maßnahmen bedarfsgerecht mit technischen Unterstützungsleistungen zu verknüpfen. „Mitaltern“ bedeutet die altersübergreifende Ausgestaltung des Konzeptansatzes.  Der modulare Systemansatz verbindet dabei technische, soziale und wirtschaftliche Komponenten. Mit diesem multiperspektivischen Ansatz wird eine mittlerweile in der Praxis erprobte Antwort auf technische und bauliche Fragen in unterschiedlichen Beständen sächsischer Wohnungsgenossenschaften gegeben. Das Konzept wird jeweils auf die spezifischen Interessen der Zielgruppen zugeschnitten und in Netzwerken verschiedener Regionen entlang einer Dienstleistungskette etabliert. Mit einem „Design für alle“ (universal design) besitzen die Produkte und Lösungen eine verbesserte Gebrauchstauglichkeit, die sich positiv auf die künftige Nachfrage auswirkt und eine größere soziokulturelle Gerechtigkeit ermöglicht. Ausbaustufen Grundlage bildet eine bautechnisch ertüchtigte und mit ausreichend Anschlussmöglichkeiten ausgestattete Wohnung (Basisausstattung). Diese beinhaltet eine mind. barrierearme Gestaltung der Wohnung: Türöffnungen wurden verbreitert und schwellenlose Raumübergänge geschaffen. Die Duschen wurden bodengleich und mit viel Bewegungsfreiheit ausgestattet. Die Erweiterung der Bewegungsräume vor Sanitäranlagen und der Kücheneinrichtung erleichtern tägliche Routinen. Zusätzlich beinhaltet diese notwendige technische Aktivitäten (z.B. Verlegung von Kabeln und Anschlüssen) zur Schaffung technischer Voraussetzungen für weitere Ausbaustufen. Für das „Grundmodul“ werden erste technische Systeme eingebaut, welche u. a. auch für den Vermieter von wirtschaftlichem Interesse sind, wie beispielsweise die automatische Wasserabschaltung bei Wassererkennung in der Wohnung. Die wohnungsinterne Steuerung arbeitet ohne Zutun des Nutzers. Herzstück ist ein Assistenzsystem, welches „unsichtbar“ in die Wohnung integriert ist, die vorhandenen technischen Systeme miteinander vernetzt und bei Bedarf steuernd bzw. regelnd eingreift, wenn es seitens des Nutzers nicht mehr möglich ist, selbst zu reagieren. Als sichtbares technisches Element wird lediglich pro Raum ein Multisensor eingesetzt, der entsprechende Daten erfassen kann. Eine „erste Ausbaustufe“ zur Visualisierung von Systemzuständen innerhalb der Wohnung setzt die Installation eines Bedienpanels (als zentrale Steuereinheit) voraus. Im Rahmen dieser Ausbaustufe der „Mitalternden Wohnung“ ist die nutzerspezifische Anpassung vorhandener sowie die Einrichtung weiterer technischer Systeme und deren interne Vernetzung möglich. Die grafische Nutzerschnittstelle eröffnet den Nutzern erweiterte Kontroll- und Einstellmöglichkeiten für die wohnungsinterne Steuerung. Das technische Assistenzsystem arbeitet automatisch und unterstützend im Hintergrund, kann bei Wunsch aber auch durch Fingerdruck auf die entsprechenden Symbole des Bildschirmes einfach und komfortabel bedient werden. Mit einer „zweiten Ausbaustufe“ werden die Voraussetzungen für eine Integration externer Leistungsangebote geschaffen. Im Rahmen dieser Ausbaustufe ist die technische Anbindung nahezu aller vor Ort verfügbaren Dienstleistungs- und Unterstützungsangebote möglich. Wohnbegleitende Dienstleistungen, wie Beratung, Betreuungs- und Haushaltsdienstleistungen, Finanz- oder freizeitorientierte Dienstleistungen setzen zudem eine Präsenz der Dienstleister vor Ort voraus und bedürfen darüber hinaus oft auch einer Vernetzung der beteiligten Akteure bzw. Dienstleister untereinander. Die in die Wohnung integrierbaren technischen Systeme schlagen Brücken in das soziale Umfeld der Nutzer, die bei Bedarf somit schnelle und unkomplizierte Hilfe von außen ermöglichen. Das reicht vom einfachen Informationsaustausch über die Anbindung von Hilfen für den Wohnalltag bis hin zur Bewältigung von Notfällen. Funktionalitäten Das System regelt alle eingebundenen technischen Geräte. Die Informationen werden an eine Steuerung geliefert, die auf die jeweiligen Anforderungen der Mitglieder und Mieter eingestellt ist und lassen sich auf einem Touchscreen-Monitor, dem Fernseher, ein Tablett, aber auch wahlweise über das Mobiltelefon bedienen. Funktionen der Wohnung werden über Sensoren gesteuert. Ein nicht ausgeschalteter Herd oder ein offenes Fenster werden an eine Zentraleinheit gemeldet. Warnungen und Informationen werden unaufdringlich auf einem Monitor oder akustisch wiedergegeben. Überwacht und gesteuert werden z. B. zentrale Daten wie Feuchtigkeit, Bewegung und Raumtemperatur oder die Stromversorgung der einzelnen Lichtquellen und der speziellen Küchengeräte. Darüber hinaus werden die Wassersysteme über Havariemelder in Bad sowie Küche kontrolliert und im Notfall abgestellt. Eingebunden in das Netzwerk ist als Dienstleister eine Notrufzentrale, die automatisch z. B. bei einer Wasserhavarie, bei Rauchentwicklung in den Räumen, Einbruch in die Wohnung u. a. alarmiert wird und entsprechende Maßnahmen veranlasst. Eine Vitalüberwachung ist in Erprobung und ein Notruf bei gesundheitlichen Problemen der Mieter installiert. Die Anzeige und Eingabe von Daten erfolgt über ein selbsterklärendes Programmsystem, das so ausgelegt ist, dass alle Altersgruppen den technischen Anweisungen ohne Vorkenntnisse nachkommen können. Vielfältigste Funktionen sind in das Assistenzsystem eingebunden. So sorgt für mehr Komfort und Sicherheit an der Eingangstür ein individueller elektronischer Schlüssel, der die Tür ohne motorischen Aufwand öffnet. In akuten Notsituationen oder bei Havarien stellt eine verschlossene Wohnungseingangstür somit kein Hindernis mehr dar. Eine einfach zu bedienende und zuverlässige Einzelraum-Temperaturregelung realisiert in jedem Raum automatisch die gewünschte Wohlfühltemperatur. Individuelle Parameter können auf jedem Endgerät eingestellt und angezeigt werden. Wird beispielsweise ein Fenster geöffnet, so wird die Wärmezufuhr zum Heizkörper oder Heizkreis unterbrochen. Beim Verlassen der Wohnung wird automatisch geprüft, ob der Herd oder der Geschirrspüler noch eingeschaltet sind oder das Fenster noch offen steht. Erfolgskriterien Seit 2010 und der Nutzung der ersten Wohnung mit technischen Assistenzsystemen in Sachsen ist die Entwicklung weitergegangen und die bestehenden Systeme wurden weiter angepasst.  Schwerpunkte sind u. a., den Umgebungs- sowie den Benutzungskontext robust zu erfassen und in Echtzeit zu analysieren, um aus vergangenen Situationen zu lernen und adäquat auf unbekannte bzw. unvorhergesehene Situationen zu reagieren. Da dies eine Erfassung von sensiblen Nutzerdaten erfordert, ist es besonders wichtig, eine angemessene Berücksichtigung der Privatsphäre und Entscheidungsautonomie der Nutzer zu gewährleisten. Ein Erfolgskriterium für eine hohe Akzeptanz der Technik sind die „Modularität“ der Leistungen, deren „Nachrüstbarkeit“, „Bedienfreundlichkeit“ und die „Unaufdringlichkeit bzw. Kontrollierbarkeit“. Weiterhin wichtig sind die beteiligungsorientierte Einbindung der Endnutzer, eine gutes Kooperationsgeflecht der Wohnungsgenossenschaft sowie geeignete Finanzierungsansätze. Die Erfahrungen der beteiligten Wohnungsgenossenschaften bestätigen, dass mit fortschreitender Entwicklung das Gesamtkonzept der „Mitalternden Wohnung“ finanzierbar ist und sich dieses für den Nutzer der Wohnung in einer Kaltmiete von 7,50 € je qm Wohnfläche bei Vollausstattung wider-spiegelt (Stand 02/2014). Die Kosten von etwa 30.000 € trägt die Genossenschaft, wobei die baulichen Veränderungen davon mit 20.000 € bis 25.000 € den wesentlichsten Anteil erbringen. Zur Refinanzierung wird der Nutzer über die Miete einen Anteil tragen, der je nach gewünschten Assistenzmodulen unterschiedlich sein wird. In die Verwirklichung eines Dienstleistungsnetzwerkes ausgehend von der Wohnung sind die Partner der Wohlfahrt schon in der Phase der Konzepterarbeitung aktiv einzubeziehen. Assistenzsysteme wirksam für den Nutzer einzusetzen, bedingt den Ausbau der Dienstleistung nach Wunsch und Erfordernis für den Nutzer. Kostenersparnisse lassen sich aus Kooperationen erzielen. Nicht außer Acht dürfen die sensiblen Fragen des Datenschutzes und des Haftungsrechtes gelassen werden. Dazu liegen erste Erfahrungen vor, die je nach den Landesrechten der Bundesländer übertragen werden können. Auf der Grundlage der gewonnenen Erfahrungen aus der Pilotwohnung der Wohnungsbau-genossenschaft Burgstädt eG wurden in dieser und weiteren Wohnungsgenossenschaften, z. B. der Wohnungsgenossenschaft „Fortschritt“ Döbeln eG, LebensRäume Hoyerswerda eG, WG „eG“  Penig, WG UNITAS eG  Leipzig, Lösungen bedarfsgerecht weiter entwickelt, modifiziert und umgesetzt. Ausblick Unter Federführung des VSWG wurde ab Oktober 2014 ein neues Projekt in Angriff genommen, das auf den Erkenntnissen der „Mitalternden Wohnung“ aufbaut. Gesamtziel des Projektes „Chemnitz+ – Zukunftsregion lebenswert gestalten“ ist die Entwicklung sowie Evaluation einer modellhaften Implementierungsstrategie zur „integrierten Versorgung“ der Menschen in der Modell-Region „Mittleres Sachsen“ mit unterstützenden und aktivierenden, am individuellen Bedarf ausgerichteten Gesundheits- und Dienstleistungsangeboten für ein langes und selbstbestimmtes Leben innerhalb und im Umfeld ihres gewohnten Wohnumfeldes. Die Wohnung wird durch die Vernetzung relevanter Akteure innerhalb der Region und deren intelligente Anbindung an den Lebensraum zum Gesundheitsstandort weiterentwickelt. Die entstehenden bzw. weiterzuentwickelnden Versorgungs- und Dienstleistungsnetzwerke für ein selbstbestimmtes Leben verfolgen dabei
    • eine Sensibilisierung und Befähigung relevanter Akteure der Gesundheits- und Dienstleistungsregion durch vernetzte Informations- und Kommunikationsstrukturen vor Ort
    • die Sicherung der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sowohl im Rahmen ihrer körperlichen und geistigen Mobilität als auch ihrer sozialen Einbindung ins Wohnumfeld
    • eine optimale Begleitung verunfallter bzw. plötzlich erkrankter Menschen aus der stationären Betreuung zurück in ihr vertrautes Wohnumfeld
    • sowie eine bedarfsgerechte Unterstützung bei eintretenden Funktionseinschränkungen für den Erhalt der eigenen Häuslichkeit und der eigenen Gesundheit innerhalb der Wohnung.
    Die Erarbeitung bedarfsgerechter, regionaler und organisationsspezifischer Lösungsansätze führt sowohl durch die regionale Vernetzung als auch durch die Einbindung überregionaler Expertise zu einer weiteren Stärkung regionaler Unternehmen und Organisationen in der Gesundheitswirtschaft. Dr. Axel Viehweger ist Vorstand des Verbandes Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e.V (VSWG)  

    Ein Gebäude, das denken und handeln kann

    Smart und grün soll es sein, das Gebäude der Zukunft. Frey Architekten aus Freiburg haben die Lösung. Vor dem Deutschen Architektenkongress erklärt Geschäftsführer Wolfgang Frey seine Vision in einem Gastbeitrag. Text: Wolfgang Frey Smart: Ein Gebäude, das denken und handeln kann? Genau das wollen wir. Deswegen entwickeln  wir interdisziplinäre Lösungen für den nachhaltigen Umgang mit Energie für die Städte von morgen. Green: DAbei stürzen wir uns auf die Kraft der Sonne. Die Energie wird durch gebäudeintegrierte Hochleistungs-Photovoltaik Module eingefangen und für vielfältige Weiterverwendung in einer Lithium-Ionen-Batterie mit Megawatt-Speicherkapazität bereitgestellt. Die Vanadium-Redox-Flow-Batterie kann noch mehr: sie kann die gespeicherte Energie innerhalb weniger Minuten in das Versorgungsnetz einspeisen, zur Netzstabilisierung dienen und die Primärenergieversorgung eines ganzen Stadtteils unterstützen. Tower: Ein Turm bietet Räumlichkeiten zum Leben, Wohnen und Arbeiten. Doch Funktionalität kommt in unterschiedlichen Formen und Farben. Dem architektonischen Gestaltungswillen sind keine Grenzen gesetzt. Der Smart Green Tower erhält eine aktive Gebäudehülle aus Glas/Glas-Photovoltaik-Modulen mit Hochleistungszellen. Aus diesem Grund weichen Frey Architekten bewusst von gängiger Standard- Architekturästhetik ab und setzen auf ein Gebäude, dessen äußere Erscheinung die energetische Gesamtkonzeption sichtbar werden lässt. Im Freiburger Pilotprojekt werden die Photovoltaikzellen von der dort ansässigen Firma SI Module geliefert. Die PV-Module bestehen aus monokristallinen Perc-Zellen mit multi Busbar-Technologie der neusten Generation und erreichen eine Zelleffizienz von über 21 Prozent. Die PV-Fassade dient einerseits als Verschattung zur Reduzierung des solaren Wärmeeintrags und schafft andererseits eine Energie-Gebäudehülle, die über eine viertel Million kWh erneuerbaren Stroms am und durch das Gebäude selbst erzeugt. Der jährliche CO2-Austoß wird um über 160 Tonnen reduziert. Zur optimalen Integration der Fassadengestaltung wird hierfür ein neuartiges Verschaltungssystem mit Leistungsoptimierern entwickelt. Diese Elektrifizierung zukünftiger Gebäude trägt enorm zum Klimaschutz und der Reinhaltung unserer Städte bei. Smart Grid Der Smart Green Tower soll als Nukleus eines Smart Green Districts dienen, der durch die Einbindung bestehender und neuer Gebäude, mit jeweils eigenen regenerativen Erzeugern unte Inanspruchnahme des integrierten Großspeichers entsteht. Ein wesentliches Ziel ist es dabei, eine aus energetischer und wirtschaftlicher Sicht optimierte lokale Energieversorgung auf Stadtteilebene zu entwerfen und in Folgeprojekten umzusetzen. In künftigen Stromnetzen wird es wichtig sein, die nachhaltig erzeugte Energie nicht nur effizient zu nutzen, sondern sie dann zu verbrauchen, wenn sie reichlich und kostengünstig zur Verfügung steht. Umgekehrt sollte bei geringem Angebot an erneuerbarer Energie der Strombezug durch gezieltes Abschalten flexibler Verbraucher reduziert und der Restbedarf möglichst aus dem Batteriespeicher bedient werden. Über den Batteriespeicher des Smart Green Tower können Lastspitzen geglättet werden. Lastspitzen entstehen in der Regel in der Mittags- und Abendzeit (u.a. wenn Bewohner ihre Küche nutzen). Die Aufrechterhaltung dieser zeitlich kurzen, enormen Energienachfrage ist mit hohem Aufwand und hohen Kosten verbunden. Die Einspeisung der Energie des Smart Green Towers aus der eigenen Batterie glättet die Lastspitzen, wodurch die Netze entlastet und die Netzstabilität verbessert wird.  Aquaponik Als weiteres Highlight wird eine Aquaponik-Anlage integriert. Hierbei wird die Abwärme der Speicherbatterien genutzt, um ein Wasserbecken in einem Gewächshaus mit Nutzpflanzen aufzuheizen. Auf diese Weise wird die Aufzucht von Fischen und die Kultivierung von Nutzpflanzen in einer Symbiose verbunden. Gleichzeitig wird die Batterie effizient gekühlt. Auch die Pumpen zur automatischen Bewirtschaftung werden über die Energie der Solaranlage gespeist. Bei der Aquaponik-Anlage handelt es sich um einen geschlossenen Wasser- und Nährstoffkreislauf. Aufgrund des Gewächshaus-Charakters kann Aquaponik klima- Und somit ortsunabhängig installiert werden. Auf diese Weise entsteht ein Upgrade des Urban Farmings. Dieses System ist ein aktiver Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie des Gesamtkonzeptes. Betrieben und überwacht kann die Bepflanzungsanlage durch Bewohner mit Handicap, die im Smart Green Tower oder in der unmittelbaren Umgebung wohnen. Würdige Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen werden dadurch ermöglicht. SMART GREEN TOWER FREIBURG
    • Bauphase 2017 – 2019
    • Ehemaliger Güterbahnhof Freiburg
    • 51 Meter hoch
    • 5.600 qm Grundstücksgröß
    • 15.000 qm Gewerbe- und Wohnflächen
    Dipl.-Ing. Wolfgang Frey, Architekt, ist Inhaber von Frey Architekten in Freiburg.

    Durchsturzsicherheit auf Flachdächern

    Durchsturzsicheres Glas unterhalb einer Lichtkuppel Auch durchsturzsichere Dachelemente, wie Lichtkuppel, Lichtplatten und Lichtbänder, erfordern für dauerhafte Sicherheit zusätzliche bautechnische Maßnahmen Text: Andreas Heiland Die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft – BG BAU – hat Anfang 2017 das neue Präventionsprogramm „Bau auf Sicherheit. Bau auf Dich.“ gestartet. Ziel ist eine deutliche Reduzierung der Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten in der Bauwirtschaft. Das Programm setzt die Schwerpunkte zunächst dort, wo das Unfall- und Gesundheitsrisiko aufgrund langjähriger Analysen besonders hoch ist. Dazu gehören Absturzunfälle, die insbesondere aus großen Höhen, wie von Dächern, oftmals besonders tragisch enden. Maßnahmen gegen Absturz vom Dachrand sind meist bekannt. Auf Flachdächern wird jedoch oft die Sicherheit von Bauteilen gegen Durchsturz unterschätzt. Infokasten_Massnahmen Gebäude mit Flachdächern müssen aus vielfältigen Gründen betreten werden. Ob nun die Dachentwässerung oder Oberlichter gereinigt, ob die Dachbegrünungen gepflegt, ob Undichtigkeiten des Daches beseitigt, oder ob technische Anlagen auf dem Dach inspiziert, gewartet oder repariert werden sollen, immer müssen gewerkespezifische Fachkräfte das Dach betreten. Infokasten_Regelwerke Werden Flachdächer von Beschäftigten betreten, müssen die Arbeitsplätze und Verkehrswege auf dem Dach den Anforderungen des staatlichen Arbeitsschutzrechts und der Unfallverhütungsvorschriften des zuständigen Unfallversicherungsträgers entsprechen. Diese Anforderungen sind insbesondere in der Arbeitsstättenverordnung (Anhang 2.1 „Schutz vor Absturz und herabfallenden Gegenständen, Betreten von Gefahrenbereichen“) und der dazugehörigen Arbeitsstättenregel A2.1 sowie der UVV „Bauarbeiten“ aufgeführt. Bei Arbeiten auf Flachdächern sind die Hauptgefahren Absturz über den Dachrand und Durchsturz durch nicht ausreichend tragfähige Bauteile. Schutzmaßnahmen gegen Absturz am Dachrand sind insbesondere:
    • Brüstung am Dachrand oder dauerhaft installierter Seitenschutz (Umwehrung) oder eine Kombination aus beiden,
    • dauerhaft installierte Einrichtungen für die Montage eines zum Gebäude gehörenden Seitenschutzes,
    • mobiler Seitenschutz (Flachdach-Seitenschutz),
    • persönliche Schutzausrüstung (PSA) gegen Absturz an beweglichen Anschlagpunkten (Schienen- oder Seilsystem),
    • PSA gegen Absturz an Einzelanschlagpunkten.
    Da diese Schutzmaßnahmen meistens gut bekannt sind, soll hier die Durchsturzsicherheit von Bauteilen in Flachdächern betrachtet werden. Eine Durchsturzsicherheit ist oftmals bei lichtdurchlässigen Dachelementen nicht gewährleistet, zum Beispiel bei Lichtkuppeln, Lichtplatten, Lichtbändern und Flachdachfenstern. Bei lichtundurchlässigen Dachflächen sind Faserzementplatten kritisch, weil sie ohne zusätzliche Verstärkung i.d.R. nicht durchsturzsicher sind. Gebrochene Faserzementplatte mit Armierung Vorsicht bei Flachdach-Bauteilen Faserzementplatten Heute werden in Faserzementplatten überwiegend Polypropylenbänder als Armierung eingebaut, die für eine Durchsturzsicherheit sorgen. Beim Begehen ohne lastverteilende Beläge oder bei einem Sturz können die Platten zwar brechen, aber die Kunststoffbänder verhindern ein Durchstürzen von Personen. Trotzdem gelten Faserzementplatten als „nicht begehbar“, weil sie erstens brechen können und weil zweitens die Oberfläche aufgrund der Wellenform eine Stolper- und Sturzgefahr darstellt. Flachdächer werden häufig von Flachdachfenstern und Lichtkuppel durchbrochen. Flachdachfenster Technisch gibt es heute keinerlei Probleme, die Durchsturzsicherheit von Verglasungen zu gewährleisten. Das häufig eingesetzte Verbund-Sicherheitsglas (VSG) kann zwar beim Aufprall einer Person brechen, aber die Kunststofffolien zwischen den einzelnen Glasplatten halten. Allerdings gibt es zurzeit zum Prüfen von Glas auf seine Durchsturzsicherheit keine Basis, weil sich die neue Norm für Verglasungen immer noch im Entwurf (DIN 18008-6 Stand Februar 2015) befindet. Lichtplatten und Lichtbänder aus Kunststoff Oberlichter wie Lichtkuppeln, Lichtplatten oder Lichtbänder dienen der natürlichen Belichtung von Gebäuden und sind auf Flachdächern allgegenwärtig. Sie können auch zur Belüftung und Entrauchung eingesetzt werden. Die Größe von Lichtkuppeln beginnt bei ca. 0,60 x 0,60 m und endet bei ca. 3,00 x 3,00 m. Unter Lichtplatten werden flache Dachbauteile mit gewellten oder trapezförmigen Profilen verstanden. Lichtplatten können zu Lichtbändern aneinandergereiht werden. Unter Lichtbändern werden aber vor allem auch tonnen- oder satteldachförmig gewölbte lichtdurchlässige Konstruktionen verstanden, die es in Breiten bis zu ca. 6 m gibt. Diese Lichtbänder müssen der DIN EN 14963 entsprechen. Das Hauptproblem von Lichtkuppeln, Lichtplatten und Lichtbändern besteht darin, dass die lichtdurchlässigen Flächen aus Kunststoff bestehen, zum Beispiel Acryl, Polycarbonat oder PVC. Der Kunststoff versprödet mit zunehmender Dauer der UV-Einstrahlung und durch andere, beispielsweise umweltbedingte oder nutzungsbedingte, schädliche Einflussfaktoren. Diese Oberlichter sind heute in der Regel nach der Herstellung zunächst durchsturzsicher. Während der Nutzungsdauer verändert sich jedoch der Kunststoff, so dass die Durchsturzsicherheit irgendwann mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr gegeben ist. Deshalb erhalten positiv getestete Oberlichter aus Kunststoff ohne zusätzliche bautechnische Maßnahmen nur das Prüfergebnis „durchsturzsicher 1 Jahr nach Einbau“. Man ist sich also sicher, dass die Versprödung bis zu einer Zeitspanne von einem Jahr noch nicht so weit vorangeschritten ist, dass Personen durchstürzen könnten. Dieses Wissen hilft aber dem Betreiber einer Immobilie mit Oberlichtern nicht, weil er sein Gebäude schließlich länger als ein Jahr nutzen möchte. Um hier Abhilfe zu schaffen, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, durch entsprechende bautechnische Maßnahmen Oberlichter dauerhaft durchsturzsicher herzustellen. Bautechnische Maßnahmen Durchsturzgitter und Verbund-Sicherheitsglas Durchsturzgitter für Oberlichter als Sicherheit gegen Durchsturz gibt es in vielen verschiedenen Ausführungen. Sie sind der Klassiker bei den konstruktiven Maßnahmen, die von den Herstellern gegen Durchsturz angeboten werden. Durchsturzgitter sind auch nachträglich einbaubar und können in einer verstärkten Ausführung auch als Einbruchschutz dienen. Es gibt auch Lichtkuppeln, bei denen unterhalb der Kunststoffkuppel zusätzlich eine Verbund-Sicherheitsglasscheibe eingebaut ist. Diese kann ebenfalls in der Lage sein, einen tieferen Absturz zu verhindern. Aus Arbeitsschutzsicht sind Durchsturzgitter jedoch nachrangig zu anderen Ausführungen einzustufen, weil sie einen Durchsturz nicht verhindern, sondern nur auffangen. Beim „kontrollierten Durchsturz“ entsteht jedoch eine erhebliche Gefährdung durch Schnittverletzungen, weil die durch UV-Einstrahlung versprödeten Kunststoffschalen beim Brechen in scharfkantige Stücke zersplittern.

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    Lichtkuppel mit Durchsturzgitter

    Überdeckungen und Seitenschutz Zum Bauteil gehörende Überdeckungen bieten neben der Durchsturzsicherheit häufig auch einen Hagelschutz. Oberlichter mit Überdeckungen bieten tatsächlich eine Durchsturzsicherheit im Gegensatz zum Durchsturzgitter. Sie sind deshalb dem Einsatz von Durchsturzgittern vorzuziehen. Es gibt jedoch einen gewissen Nachteil bei solchen Elementen, die zu Wartungszwecken geöffnet werden müssen. In diesem Fall wird eine weitere Schutzmaßnahme erforderlich, wie zum Beispiel ein Anschlagpunkt für PSA gegen Absturz oder ein Durchsturzgitter. Es sind auch nachträgliche Überdeckungen von Oberlichtern möglich. Außerdem können Lichtkuppeln auch mit einem Seitenschutz gesichert werden.

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    Oberlicht mit Überdeckung

    Verstärkung der Konstruktion Insbesondere bei Lichtbändern werden integrierte Durchsturzsysteme angeboten. Die Verstärkung der Konstruktion durch innen oder außen liegende Metallbänder ist einem auf das Lichtband abgeklappten Seitenschutz nachempfunden. Die Stegabstände dürfen jedoch nur max. 0,30 m betragen und die „abgeklappte Seitenschutzhöhe“ muss mindestens 1,20 m hoch sein. Aus Arbeitsschutzsicht ist eine solche Verstärkung der Konstruktion eine sehr gute Maßnahme gegen Durchsturz. Verstärkung der Konstruktion durch Metallbänder Fallstopp-Beschichtung Es gibt einen Hersteller, der Beschichtungen als Schutz gegen Durchsturz für Lichtkuppeln anbietet. Die in vier Arbeitsgängen aufzutragende Beschichtung wirkt im ausgehärteten Zustand wie eine hochfeste Kunststofffolie. Auch wenn die Lichtkuppel bricht, verhindert die Beschichtung ein Durchstürzen von Personen. Der Hersteller gibt eine Gewährleistung von fünf Jahren, die auf zehn Jahre verlängert werden kann. Die „Fallstopp-Beschichtung“ ist insbesondere für Lichtkuppeln im Bestand interessant. Bei der Verarbeitung müssen die Vorgaben des Herstellers jedoch strikt eingehalten werden.

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    Prüfung einer Lichtkuppel mit Fallstopp-Beschichtung

    Anschlagpunkte für PSA gegen Absturz Neben technischen Schutzmaßnahmen können Abstürze auch durch Anseilschutz verhindert werden. In der Hierarchie der Schutzmaßnahmen rangiert Anseilschutz allerdings noch hinter den Durchsturzgittern. Beim Anseilschutz liegt das Problem meistens in der praktischen Umsetzung: Sind alle betroffenen Personen während der gesamten Einsatzdauer angeseilt? Sind alle Auffanggurte und Verbindungsmittel geeignet und geprüft? Ist gewährleistet, dass abgestürzte und im Seil hängende Personen kurzfristig gerettet werden können, um ein Hängetrauma zu verhindern? Ist sichergestellt, dass Verbindungsmittel nicht an scharfen Kanten zerschnitten werden können? Werden Festpunkte auf einem Flachdach installiert, handelt es sich überwiegend um vorkonfektionierte Anschlageinrichtungen. In diesen Fällen sind für den Nachweis der bauwerksseitigen Lastableitung die Angaben der Montageanleitung des Herstellers bzw. der allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung zu berücksichtigen. Sollen bauliche Einrichtungen wie zum Beispiel Geländer als Anschlagpunkte genutzt werden, ist für deren Nachweis eine charakteristische Last von mindestens 6 kN für eine Person anzusetzen. Dabei ist ein Teilsicherheitsbeiwert von 1,5 für die Weiterleitung der Last ins Bauwerk zu berücksichtigen. Ein horizontales Seilsicherungssystem lässt sich auf stark bebauten Dachlandschaften flexibel installieren und ist auf verschiedenen Dachtypen einsetzbar. Prüfgrundsätze Seit Februar 2015 gibt es einen neuen Prüfgrundsatz für das Prüfen von Bauteilen auf ihre Durchsturzsicherheit (GSBAU-18). Dieser bezieht sich auf Bauteile, die bestimmungsgemäß nicht betreten werden, die sich jedoch in der Nähe von Arbeitsplätzen oder Verkehrswegen befinden, und auf die deshalb eine einzelne Person stürzen kann. Bauteile aus Glas sind vom Anwendungsbereich der GS-BAU-18 ausgenommen. Wie bereits erwähnt, erhalten positiv getestete Lichtkuppeln, Lichtplatten oder Lichtbänder nur ein eingeschränktes Prüfergebnis „Durchsturzsicher 1 Jahr nach Einbau“. Ausgenommen von dieser zeitlichen Einschränkung sind jedoch solche Produkte, die durch zusätzliche Maßnahmen die Durchsturzsicherheit dauerhaft gewährleisten können. Prüfungen nach GS-BAU-18 werden auch von der DGUV Test, Prüf- und Zertifizierungsstelle, Fachbereich Bauwesen durchgeführt. Der Prüfgrundsatz GS-BAU-18 kann bezogen werden über pr-dguv-test@bgbau.de. Neben der Prüfung von Bauteilen auf Durchsturzsicherheit werden auch wieder temporäre Seitenschutzsysteme geprüft und zertifiziert. Dipl.-Ing. Andreas Heiland, BG BAU – Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft, Fachabteilung Prävention Beitrag aus „BauPortal 4/2017

    Bewährtes Prinzip aufgegeben

    Abdichtung nicht genutzter Dächer Die neue Flachdachrichtlinie und die neue DIN 18531 „Abdichtung von Dächern“ beinhalten nicht mehr die gleichen Planungskonzepte und ergänzen sich auch nicht mehr, wie bisher üblich. Was gilt nun als anerkannte Regel der Technik? Es werden die Unterschiede erläutert und Empfehlungen für den Umgang mit den Regelwerken gegeben. Text: Christian Herold Die DIN 18531 „Abdichtungen für nicht genutzte Dächer“ aus dem Jahr 2010 wurde in den letzten Jahren überarbeitet und für die Abdichtung von genutzten Dächern sowie die Abdichtung von Balkonen, Loggien und Laubengängen erweitert. Sie ist als Ausgabe Juli 2017 mit dem neuen Titel „Abdichtung von Dächern sowie von Balkonen, Loggien und Laubengängen“ in den Teilen 1 bis 5 [1] zusammen mit den anderen neuen Normen für Abdichtungen DIN 18532, DIN 18533, DIN 18534, DIN 18535 und der neuen Begriffsnorm DIN 18195 [2, 3, 4, 5, 6] veröffentlicht wurden. Parallel dazu hat auch der Zentralverband des deutschen Dachdeckerhandwerks e.V. (ZVDH) die bisher geltende Flachdachrichtlinie aus dem Jahr 2008 überarbeitet und als Ausgabe Dezember 2016 [7] veröffentlicht. Somit gibt es, wie bisher, zwei maßgebliche Regelwerke für die Abdichtung von Dächern. Dazu ist Folgendes festzustellen: Die neue Flachdachrichtlinie unterscheidet sich von der bisherigen Flachdachrichtlinie vom Oktober 2008 zum einen durch einen über die Abdichtung von Dächern hinausgehenden, auf andere Abdichtungsbereiche erweiterten Geltungsbereich. Zum anderen wurden für die Abdichtung von Dächern wesentlichen Änderungen an konzeptionellen und stofflichen Planungskriterien und Regelungen vorgenommen. Letzteres hat zur Folge, dass sich deutliche Unterschiede zur neuen DIN 18531 ergeben. Dies ist deswegen bemerkenswert, da der ZVDH im DIN-Arbeitsausschuss immerhin mit vier Vertretern mitgearbeitet hat. Während in der Vergangenheit die aktive Beteiligung des ZVDH an der Normung von Dachabdichtungen immer auch sicherstellen sollte – und dies auch hat – dass sich beide Regelwerke sinnvoll ergänzen, und dass es keine grundsätzlichen Unterschiede in Bezug auf die Planungs- und Ausführungsregelungen zwischen Norm und Flachdachrichtlinie gibt, stellt nun die neue Flachdachrichtlinie an wesentlichen Stellen einen Gegenentwurf zur neue DIN 18531 dar. Es fehlt in der neuen Flachdachrichtlinie daher auch jeglicher Hinweis auf die DIN 18531 als die zurzeit geltenden Norm für die Abdichtung von Dächern. Dies macht deutlich, dass sich die Flachdachrichtlinie als ein eigenständiges Regelwerk ohne Bezug zu den normativen Regeln versteht. Trotz intensiver Bemühungen im DIN-Arbeitsausschuss, die Einheitlichkeit zwischen Norm und Richtlinie zu wahren, konnte letztlich über wesentliche Punkte mit den Vertretern des ZVDH kein Konsens erzielt werden. Bereits zur Entwurfsfassung der neuen Flachdachrichtlinie 2015 wurden viele Kritikpunkte von maßgeblichen Fachkreisen vorgetragen – genannt sei hier die Bundesarchitektenkammer – die insbesondere auch auf die Problematik des Auseinanderfallens von normativen und Verbandsregeln hingewiesen und dringend gebeten hat, diese Einheitlichkeit nicht zu gefährden. Dem ist der zuständige Fachausschuss des ZVDH leider nicht gefolgt. Planer und Ausfuhrende haben es nun in der Praxis mit in Teilen unterschiedlichen Regelungen in der DIN 18531 und in der Flachdachrichtlinie zu tun. Dies ist in höchstem Maß problematisch, denn es bedeutet für Planer und Ausfuhrende eine erhebliche Unsicherheit, wenn es um die Frage geht, was als „anerkannte Regel der Technik“ nach den werkvertragsrechtlichen Bestimmungen des BGB und der VOB einzuhalten ist. Streitfälle sind somit vorprogrammiert, die bisher zumindest aus diesem Grunde vermieden werden konnten. In den folgenden Abschnitten werden die wesentlichen Unterschiede in beiden Regelwerken dargestellt und die Frage behandelt, wie damit bei der Planung und Ausführung von Dachabdichtungen umgegangen werden kann. Das Regelwerk im Bauwesen Das Technische Regelwerk im Bauwesen kennt verschiedene Regelungsebenen: Bauaufsichtliche Regeln Bauaufsichtliche Regeln dienen der Erfüllung der Schutzziele der Landesbauordnungen in Bezug auf Sicherheit und Ordnung, Leben, Gesundheit und die natürlichen Lebensgrundlagen [8]. Diese Regeln stellen gesetzliche Mindestanforderungen dar, die immer einzuhalten sind. Sie können von den „anerkannten Regeln der Technik“ abweichen, wenn dies zum Erreichen bauaufsichtlicher Schutzziele von den bauaufsichtlich zuständigen Gremien als erforderlich angesehen wird. In den Bauregellisten sind die Regeln für die erforderlichen Eigenschaften von Bauprodukten angegeben. In der zukünftigen Musterverwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB) werden alle bisherigen bauaufsichtlichen Regelungen zu Bauprodukten und zur Konstruktion von Bauwerken und Bauteilen zusammengefasst. Neben als bauaufsichtliche Regeln übernommene Normen gibt es für Produkte und Bauarten auch allgemeine bauaufsichtliche Zulassungen (abZ), allgemeine bauaufsichtliche Prüfzeugnisse (abP) und europäische technische Zulassungen/Bewertungen (ETA). Normative Regeln Normative Regeln sind europäische Stoffnormen (DIN/EN), die zum Teil mit nationalen Anwendungsnormen verknüpft sind und nationale Konstruktionsnormen (DIN) für Bauwerke und Bauteile. Beispiele dafür sind DIN EN 13707 (Bitumenbahnen für Dachabdichtungen [9] DIN EN 13956 (Kunststoff- und Elastomerbahnen für Dachabdichtungen) [10] und die gemeinsame nationale Anwendungsnorm DIN SPEC 20000-201 [11]. Weiterhin ist DIN 18531 die nationale Konstruktionsnorm für die Abdichtung von Dächern mit diesen und anderen Stoffen. Sie ist im Unterschied zu den Stoffnormen derzeit bauaufsichtlich nicht eingeführt. Die normativen Regeln werden als privatrechtliche Regeln nach den Vorgaben der DIN 820 [12] auf der Grundlage des aktuellen „Standes der Technik“ erstellt. Sie sollen sich als „allgemein anerkannte Regeln der Technik“ etablieren (siehe Abschnitt Planungs- und Ausführungsgrundsätze). Ihre Anwendung ist zunächst freiwillig, wenn sie nicht als übernommene bauaufsichtliche Regeln verpflichtend einzuhalten sind, wenn sie nicht zwischen den Vertragspartnern vereinbart werden, oder wenn sie nicht als „anerkannte Regel der Technik“ eine vertragsrechtliche Bindungswirkung im Rahmen eines Werkvertrages erlangen. Regeln von Verbänden Aus der jeweiligen Interessenlage der Verbände von Produktherstellern und Ausführenden werden vielfach Merkblätter oder Richtlinien erstellt, die sich auf die Verarbeitung der Produkte und deren Anwendung und Ausführung beziehen, die für die in den Verbänden organisierte Firmen von Wichtigkeit sind. Sie ergänzen die stoffübergreifend abgefassten normativen Regelungen in produkt- und ausführungsspezifischer Weise. Sie müssen auch nicht dem Anspruch genügen, in allen Punkten als „anerkannte Regel der Technik“ zu gelten. Sie können im Sinne der Weiterentwicklung des „Standes der Technik“ auch über etwa bestehende normative Regeln hinausgehen. Bei den abdichtungsrelevanten Regeln wurde bisher von den Verbänden darauf geachtet, dass sie auf bestehende normative Regeln verweisen und dazu nicht in Widerspruch stehen. Die Abfassung und Abstimmung dieser Verbandsregeln mit den Fachkreisen erfolgt nach eigenen Regelungen der Verbände. Als Beispiele für solche Regeln im Abdichtungsbereich seien genannt:
    • Die Technischen Regeln für die Planung und Ausführung von Abdichtungen mit Polymerbitumen- und Bitumenbahnen (abc der Bitumenbahnen) des Industrieverbandes Bitumen-, Dach- und Dichtungsbahnen e. V. (vdd), [13]
    • die bisherigen Fachregeln für Abdichtungen – Flachdachrichtline – des Zentralverbandes des deutschen Dachdeckerhandwerks e.V. (ZVDH),
    • das Merkblatt Verbundabdichtungen des Zentralverbands des deutschen Baugewerbes e.V. (ZDB) [14],
    • der Leitfaden für die Planung und Ausführung von Abdichtungen von Dächern, Balkonen und Terrassen mit Flüssigkunststoffen nach ETAG 005 der Deutschen Bauchemie e. V. (DBC) [15].
    Voraussetzung für die sichere Anwendung der bauaufsichtlichen und normativen Regelungen ist, dass sie sich ergänzen und nicht zueinander im Widerspruch stehen. Idealerweise können diese Regeln zusammen insgesamt oder in Teilen als „anerkannte Regeln der Technik“ gelten und so die Grundlage für die Planung und Ausführung der Dachabdichtung bilden. Diese Annahme galt bisher auch für die DIN 18531 und die Flachdachrichtlinie. Jetzt gilt das so nicht mehr, da die hierfür notwendige Einheitlichkeit der neuen DIN 18531 und der neuen Flachdachrichtlinie in wesentlichen Punkten nicht mehr besteht. Änderungen und Unterschiede zwischen der DIN 18531 und der Flachdachrichtlinie Die neue DIN 18531 wurde in Übereinstimmung mit den Regelungen der DIN 820-1 so formuliert, dass sie den „Stand der Technik“ auf diesem Gebiet erfasst. Sie ist eine sogenannte „nachfahrende“ Norm [16], mit der auch solche in der Vergangenheit mit Erfolg praktizierten Maßnahmen und Verfahrensweisen bei der Planung und Ausführung der Abdichtung von Dächern, die bisher nicht normativ geregelt waren, in die Norm aufgenommen wurden. Dies ist eine Voraussetzung dafür, dass sich die DIN 18531 als „anerkannte Regel der Technik“ etablieren kann (siehe auch Abschnitt „Planungs- und Ausführungsgrundsätze). Auf die wesentlichen Unterschiede zwischen der neuen DIN 18531 und der neuen Flachdachrichtlinie wird im Folgenden eingegangen. Daraus wird deutlich, wo sich bei der Planung Schwierigkeiten und Konflikte ergeben können. Geltungsbereiche Der Geltungsbereich der neuen Flachdachrichtlinie bezieht sich zunächst, wie bisher, auf nicht genutzte Dachflachen und genutzte Dach- und Deckenflächen (intensiv begrünte Flachen, Terrassen, Dächer mit Solaranlagen, Balkone, Loggien und Laubengänge). Dies erfolgt jetzt in Übereinstimmung mit dem auch auf genutzte Dachflachen erweiterten Geltungsbereich der neuen DIN 18531. Es ist festzustellen, dass der bisherige Verweis in der Flachdachrichtlinie, wonach DIN 18531 zu beachten ist, entfallen ist. Dies weist darauf hin, dass der ZVDH die Flachdachrichtlinie jetzt als eine eigenständige, von der Norm unabhängige Verbandsregel versteht. Weiterhin wurde der Geltungsbereich der neuen Flachdachrichtlinie auch auf erdüberschüttete Deckenflachen sowie auf befahrene Dach- und Deckenflachen (z. B. Parkdächer, Parkdecks außer Brücken) erweitert. Dies sind Abdichtungsbereiche, die in der neuen DIN 18533 „Abdichtung von erdberührten Bauteilen“ bzw. der neuen DIN 18532 „Abdichtung befahrbarer Verkehrsflachen aus Beton“ umfassend behandelt und geregelt sind. Auch hier fehlt jeder Hinweis auf die Existenz und Geltung dieser Normen. Die normativen Reglungen zur Abdichtung dieser Flächen gehen über das Wenige, was hierzu in der Flachdachrichtlinie gesagt wird, weit hinaus und stehen dazu zum Teil auch im Widerspruch. Die Flachdachrichtlinie, kann daher für diese Anwendungsbereiche nicht maßgeblich sein. Dies soll aber hier im Einzelnen nicht analysiert werden. Die folgenden Aussagen beziehen sich nur auf den Geltungsbereich der DIN 18531 für die Abdichtung von Dächern. Konzeptionelle Reglungen für die Planung Der grundlegende Unterschied zwischen der neuen DIN 18531 und der neuen Flachdachrichtlinie besteht aber in den unterschiedlichen konzeptionellen Reglungen für die Planung von Dachabdichtungen. Anwendungsklassen für Abdichtungen (K1/K2) In der neuen Flachdachrichtlinie wurden die Anwendungsklassen (frühere Bezeichnung: Anwendungskategorien) K1 und K2 gestrichen. Damit entfällt die Differenzierung zwischen einer Standardausführung (K1) und einer höherwertigen Ausführung (K2) der Abdichtung. Der ZVDH begründet dies mit angeblich höheren marktüblichen Ansprüchen und Forderungen der Auftraggeber an Abdichtungen, die eine K1-Klassifizierung nicht mehr zulassen würde. Dabei wird jedoch verkannt, dass eine Regelung, die den „Stand der Technik“ abbilden soll, das gesamte Spektrum funktionierender und angewandter Ausführungsmöglichkeiten erfassen muss, damit eine den unterschiedlichen Anforderungen entsprechende differenzierte Planung und Ausführung vorgenommen werden kann. Diese Ausführungsvarianten müssen nicht immer gleichwertig sein. Die qualitativen und wirtschaftlichen Unterschiede müssen jedoch für den Planer und somit auch für den Auftraggeber erkennbar sein. Dies ist Sinn und Zweck des in der DIN 18531 weiterhin bestehenden Klassifizierungssystems K1 und K2, da es nach Auffassung des Normenausschusses durchaus je nach Zielsetzung des Bauherrn einfachere oder höherwertigere Ausführungsvarianten geben muss, die dann auch regelkonform angewendet werden dürfen. Mit der Norm wird damit dem Planer auch weiterhin ein wichtiges Instrument zur Verfügung gestellt, mit dem er qualitativ erforderliche Unterschiede beim Aufbau der Dachabdichtung begründen, planen und ausführen kann. Eigenschaftsklassen für Abdichtungsprodukte (E1…E4) In der neuen Flachdachrichtlinie wurde die Klassifizierung von Abdichtungsbahnen nach thermischen und mechanischen Eigenschaften (Eigenschaftsklassen E1 bis E4) nicht mehr aufgenommen. Dies steht im Widerspruch zu den weiterhin geltenden Regelungen der DIN SPEC 20000-201, in der die Zuordnung von Bahnen zu diesen Eigenschaftsklassen erfolgt. Es steht auch im Widerspruch zur neuen DIN 18531, wonach für Abdichtungen bei bestimmten Einwirkungsklassen Abdichtungsprodukte mit bestimmten Eigenschaftsklassen erforderlich sind. Dies wird aus Sicht des DIN-Arbeitsausschusses weiterhin für erforderlich gehalten, um mit dieser Zuordnung ggf. auch Ausschlüsse von ungeeigneten Produkten nach europäischen Normen vornehmen zu können. Einwirkungsklassen für Abdichtungen (IA…IIB) In der neuen Flachdachrichtlinie wurden auch die Einwirkungsklassen für Abdichtungen (frühere Bezeichnung: Beanspruchungsklassen) IA, IB, IIA, IIB gestrichen. Unterschiedliche Abdichtungskonstruktionen für hohe/mäßige thermische und hohe/mäßige mechanische Einwirkungen gibt es danach nicht mehr. In der neuen DIN 18531 wird diese langjährig eingeführte Klassifizierung weiterhin verwendet. Dies wurde vom DIN-Arbeitsausschuss für erforderlich gehalten, damit bei der Planung die äußeren Einwirkungsbedingungen für eine Dachabdichtung nach den in der Norm genannten Kriterien einheitlich zugeordnet werden können und der dafür geeignete Aufbau der Abdichtung bestimmt werden kann. Dies erhöht die Planungssicherheit. Nicht genutzte/genutzte Dachflächen In der neuen Flachdachrichtlinie wird beim konstruktiven Aufbau der Abdichtungsschicht nicht mehr systematisch zwischen genutzten und nicht genutzten Dachflächen unterschieden. In der DIN 18531 erfolgt weiterhin eine systematische, tabellarische Zuordnung der möglichen Abdichtungskonstruktionen zu den Anwendungsbereichen nicht genutzte/genutzte Dächer. Auch dies erhöht die Planungssicherheit. Gefälle In der bisherigen Flachdachrichtlinie wie auch in der DIN 18531 war die Gefälleanforderung von < / ≥ 2 % mit den Anwendungsklassen K1 und K2 verknüpft und somit eindeutig geregelt. Da die Anwendungsklassen in der neuen Ausgabe der Flachdachrichtlinie entfallen sind, sind die Gefälleregelungen jetzt nur noch sehr unscharf formuliert. Die für höherwertige Abdichtungen (K2) bisher gestellte Anforderung an ein geplantes Mindestgefälle von 2 % wird nicht mehr gestellt. Es wird lediglich eine grundsätzliche Empfehlung (soll) für ein geplantes Gefälle von ≥ 2 % gegeben und es werden Beispiele genannt, wann gefällelose Flächen erforderlich werden können. Der bisher bestehende Zusammenhang zwischen Gefälle und Qualität der Abdichtungsschicht (geringeres Gefälle als 2 % bis zu 0 % mit der Folge von zeitweiliger Pfützenbildung bei wechselnden Beanspruchungen der Abdichtung durch Trocknungs- und Befeuchtungsprozesse nur in Verbindung mit höherer Qualität der Abdichtungsschicht) wurde aufgegeben. In der neuen DIN 18531 sind die bisherigen Gefälleanforderungen beibehalten und präzisiert worden:
    • Grundsätzliche Empfehlung (sollte) für ein geplantes Mindestgefälle 2 %,
    • bei höherwertiger Abdichtung (K2) Forderung eines Mindestgefälles von 2 %,
    • Gefälle von < 2 % nur bei K1 möglich, jedoch mit einer höherwertigen Abdichtung mit K2-Qualitat.
    Auch hier sah der DIN-Arbeitsausschuss die Notwendigkeit, an der bisherigen und jetzt noch weiter präzisierten Regelung, insbesondere an dem Zusammenhang zwischen Gefälle, Anwendungsklassen und Qualität der Abdichtung festzuhalten, da dies nach wie vor als „Stand der Technik“ anzusehen ist. Stoffliche und konstruktive Regelungen Im konstruktiven Aufbau der Abdichtungsschicht mit Bitumen- und Polymerbitumenbahnen, Kunststoff- oder Elastomerbahnen sowie mit flüssig zu verarbeitenden Abdichtungsstoffen gibt es zwischen DIN 18531 und der Flachdachrichtlinie unterschiedliche verwendbare Stoffe. Nach DIN 18531 richtet sich der Aufbau der Abdichtungsschicht nach der Zuordnung der Abdichtung zu den Anwendungsklassen K1 und K2, den Einwirkungsklassen IA bis IIB, der Nutzung und dem Gefälle < / ≥ 2 %. In der neuen Flachdachrichtlinie gibt es diese direkten Zuordnungen nicht mehr. Dies führt teilweise zu unterschiedlichen Abdichtungskonstruktionen. Abdichtung nicht genutzter Dächer Abdichtung mit Bitumen- und Polymerbitumenbahnen Da es in der neuen Flachdachrichtlinie keine Eigenschaftsklassen (E1 bis E4) mehr gibt, die eine eindeutige Stoffansprache über die DIN SPEC 20000-201 ermöglichen, sind die verwendbaren Stoffe in ihrem Aufbau unübersichtlich im Text beschrieben worden. Die wesentlichen Abweichungen bei den Stoffen sind:
    • Die in der Flachdachrichtlinie genannten Bahnen PYP G 200 DD und PYP PV 200 DD gibt es nach DIN SPEC 20000-201 nicht. Sie können somit nach DIN 18531 auch nicht verwendet werden.
    • KSP Bahnen mit mindestens 2,8 mm Dicke dürfen anders als in der Flachdachrichtlinie nach DIN 18531 nicht nur als untere Lage, sondern auch als obere Lage, jedoch dann mit einer höheren Dicke von mindestens 3,2 mm, verwendet werden.
    • Bitumenschweißbahnen mit Glasgewebe (G 200 S4) oder Polyestervlies (PV 200 S5) sind nach Flachdachrichtlinie als untere Lage nur unter schwerem Oberflächenschutz zulässig. Nach DIN 18531 dürfen sie bei Gefälle > 2 % in der Anwendungsklasse K1 auch ohne schweren Oberflächenschutz eingesetzt werden.
    • Bitumenschweißbahnen mit Glasvlieseinlage (V 60 S4) sind nach der Flachdachrichtlinie nicht anwendbar. Nach DIN 18531 sind sie bei K1 als untere Lage einer Abdichtung bei nicht genutzten Dächern und mäßiger mechanischer Einwirkung (IIA, IIB) anwendbar.
    Abdichtung mit Kunststoff- oder Elastomerbahnen Die Mindestschichtdicken von Kunststoff- oder Elastomerbahnen wurden in der neuen Flachdachrichtlinie zum Teil angehoben. Die Unterschiede zu DIN 18531 sind:
    • In der Flachdachrichtlinie beträgt die Mindestschichtdicke von Kunststoffbahnen aus PVC-P, EVA, PIB oder FPO mit Einlage, Verstärkung oder Kaschierung 1,5 mm, für ECB- Bahnen 2,0 mm bei einem Mindestgefalle von 2 %. TPE-Bahnen sind nicht vorgesehen. In DIN 18531 beträgt die Mindestschichtdicke von Kunststoffbahnen aus PVC-P, EVA oder FPO homogen oder mit Einlage, Verstärkung oder Kaschierung je nach Anwendungsklasse, Nutzung und Gefälle 1,2 oder 1,5 mm, für ECB-Bahnen 2,0 oder 2,3 mm, für PIB-Bahnen generell 1,5 mm. TPE-Bahnen dürfen mit 1,2 oder 1,5 mm Mindestschichtdicke verwendet werden. Die generelle Forderung nach einem Mindestgefälle wird nur bei Anwendungsklasse K2 erhoben.
    • Die Mindestschichtdicke von homogenen PVC-P und EVA-Bahnen beträgt in der Flachdachrichtlinie 1,5 mm. Sie dürfen nur unter schwerem Oberflächenschutz lose verlegt werden oder sind mit der Unterlage zu verkleben (Grund: eine befürchtete Gefahr von Schäden durch instabile Rissausbreitung bei extremer Kälte, sogenanntes „Shattering“). In DIN 18531 beträgt die Mindestschichtdicke je nach Anwendungsklasse und Gefälle wie bisher 1,2 bzw. 1,5 mm. Weitere Einschränkungen gibt es hier nicht, da der Nachweis über die Ursachen von Shattering-Schäden und mit welchen Maßnahmen sie verhindert werden können, nach Auffassung des DIN-Arbeitsausschusses nicht so eindeutig erbracht wurde, dass daraus normative Regelungen abgeleitet werden konnten. In der Norm gibt es allerdings eine Anmerkung, dass bei Kunststoff-Dichtungsbahnen, zum Beispiel durch die Verwendung von Einlagen und/oder Verstärkungen das Risiko des Shattering-Versagens minimiert werden kann.
    • In der Flachdachrichtlinie beträgt die Mindestschichtdicke für EPDM-Bahnen mit Kaschierung oder Verstärkung 1,6 mm, bei homogenen Bahnen 1,3 / 1,5 mm (nicht genutzt / genutzt). In DIN 18531 beträgt die Mindestschichtdicke für EPDM-Bahnen mit Kaschierung oder Verstärkung je nach Anwendungsklasse, Nutzung und Gefälle 1,3 bzw. 1,6 mm, bei homogenen Bahnen 1,1 / 1,3 oder 1,5 mm.
    Abdichtung genutzter Dächer Abdichtung mit flüssig zu verarbeitenden Abdichtungsstoffen Abdichtung mit Flüssigkunststoffen (FLK) Sowohl nach der Flachdachrichtlinie als auch nach DIN 18531 können Flüssigkunststoffe (FLK) aus Polyesterharz (UP), Polyurethanharz (PUR) 1K oder 2K und Polymethylmethacrylatharz (PMMA) verwendet werden. Die anzuwendenden Abdichtungssysteme müssen eine Europäische Technische Zulassung oder Bewertung (ETA) auf der Basis von ETAG 005 [17] haben. Die daraus hergestellte Abdichtungsschicht muss eine Einlage von mindestens 110 g/m2 aufweisen. Hinsichtlich der Mindesttrockenschichtdicken und der je nach Anwendungsklasse, Nutzung und Gefälle erforderlichen Leistungsstufen nach ETAG 005 gibt es Unterschiede zwischen der Flachdachrichtlinie und DIN 18531. Nach Flachdachrichtlinie beträgt die Mindesttrockenschichtdicke 2,1 mm, nach DIN 18531, je nach Anwendungsklasse, Nutzung und Gefälle 1,8 bzw. 2,1 mm. Die erforderlichen Leistungsstufen der Abdichtungssysteme aus FLK nach ETAG 005 unterscheiden sich in DIN 18531 nach den Einwirkungsklassen IA, IB, IIA, IIB. In DIN 18531 wird weiterhin auch eine direkt genutzte FLK-Abdichtung mit einer in der Abdichtungsschicht integrierten Nutzschicht geregelt. Abdichtung in Verbindung mit Gussasphalt Eine Abdichtung von Dachflächen in Verbindung mit Gussasphalt ist in der Flachdachrichtlinie nicht vorgesehen. In DIN 18531 wurde diese Abdichtungsbauart, wie sie in der alten DIN 18195 Teil 5 für mäßige und hohe Beanspruchungen geregelt war, für genutzte Dächer übernommen. Die Abdichtungsschicht besteht aus verschiedenen zweilagigen Kombinationen aus Asphaltmastix, Gussasphalt oder einer Polymerbitumen-Schweißbahn. Sie sind für alle Anwendungsbereiche gleichermaßen einsetzbar. Eine weitere Unterscheidung nach Anwendungsklassen und Gefälle erfolgt nicht. Abdichtung von Balkonen, Loggien und Laubengängen Abdichtung von Balkonen, Loggien und Laubengängen Nach DIN 18531 Teil 5 wie auch nach der Flachdachrichtlinie können alle für genutzte Dächer genannten Abdichtungsvarianten auch auf Balkonen, Loggien und Laubengängen angewendet werden. Gegenüber der Flachdachrichtlinie sieht die DIN 18531 im Teil 5 für diesen Anwendungsbereich jedoch ein wesentlich erweitertes stoffliches und konstruktives Spektrum vor:
    • Es dürfen Flüssigkunststoffe (FLK) mit einer ETA auf der Basis von ETAG 005 mit einer Mindesttrockenschichtdicke von 2,0 mm mit einer separaten Schutzschicht oder mit einer integrierten Schutzschicht verwendet werden. Die Abdichtungsschicht benötigt hier keine Einlage.
    • Es dürfen flüssig zu verarbeitende Abdichtungsstoffe im Verbund mit Fliesen- und Platten (AIV-F) nach DIN EN 14891[18] aus Dichtungsschlämmen (CM), und reaktionsharzen (RM) verwendet werden.
    • Es dürfen kunststoffmodifizierte Bitumendickbeschichtungen (PMBC) nach DIN EN 15814 [19] mit einer Schutzschicht verwendet werden.
    • Es dürfen kaltselbstklebende Bahnen mit HDPE-Trägerfolie mit einer Schutzschicht verwendet werden.
    • Alternativ zu einer Abdichtung darf auch eine Beschichtung mit den Oberflächenschutzsystemen OS 8, OS 10 oder OS 11 nach der Richtlinie für Schutz und Instandsetzung von Betonbauteilen (RL SIB) [20] verwendet werden. Die Beschichtung ist direkt begehbar. Es wird darauf hingewiesen, dass eine Beschichtung keine Abdichtung im Sinne dieser Norm ist, da sie nicht in allen Eigenschaften gleichwertig mit den Abdichtungsbauarten ist, wie sie für Dächer in den anderen Teilen der Norm geregelt sind. Eine Beschichtung dient in erster Linie dem Schutz des beschichteten Bauteils gegen das Eindringen von schädigenden Stoffen. Sie können aber auf Balkonen, Loggien und Laubengängen durchaus auch die hier erforderliche abdichtende Wirkung für die darunterliegenden Bereiche haben, wenn bei der Anwendung dieser Stoffe die besonderen Eigenschaften und Erfordernisse dieser Systeme nach RL-SIB insbesondere im Hinblick auf die Instandhaltung der Beschichtung beachtet werden. Mit dieser Reglung wird der langjährige Stand der Technik in diesem Anwendungsbereich erstmals auch normativ erfasst, sodass die Planung und Anwendung mit einer Beschichtung aus OS 8, OS 10 oder OS 11 regelkonform ist. In der Flachdachrichtlinie wird die Verwendung von Beschichtungen mit OS-Systemen grundsätzlich, insbesondere auch für Balkone, Loggien und Laubengange ausgeschlossen.
    Planungs- und Ausführungsgrundsätze für die Abdichtung von Dächern, Balkonen, Loggien und Laubengängen nach den anerkannten Regeln der Technik Neben den öffentlich-rechtlichen Bestimmungen des Baurechts gelten für die Planung und Ausführung der Abdichtung von Dächern, Balkonen, Loggien und Laubengängen die werkvertragsrechtlichen Bestimmungen des § 633 Abs. 2 BGB bzw. § 13 Abs. 1 VOB/B. Nach BGB ist das Werk mangelfrei, wenn es die vereinbarte Beschaffenheit hat. Wenn keine Vereinbarung getroffen wurde, ist das Werk mangelfrei, wenn es sich für die vertraglich vorausgesetzte, sonst für die gewöhnliche Verwendung eignet und wenn es eine übliche Beschaffenheit aufweist, die der Besteller erwarten kann. Nach geltender Rechtsprechung ist das der Fall, wenn dazu die „anerkannten Regeln der Technik“ eingehalten werden. Im VOB-Vertrag wird diese Forderung auch direkt gestellt. Zu weiteren Details der rechtlichen und inhaltlichen Bedeutung der „anerkannten Regeln der Technik“ im Bauwesen wird auf die einschlägigen Vorträge zu diesem Thema auf den Aachener Bausachverständigentagen 2016 hingewiesen [16, 21, 22, 23]. Grundsätzlich gilt also für die Planung und Ausführung der Abdichtung von nicht genutzten und genutzten Dächern sowie Balkonen, Loggien und Laubengängen, dass die „anerkannten Regeln der Technik“ einzuhalten sind. Nach DIN EN 45020 [24] ist eine anerkannte Regel der Technik eine „technische Festlegung, die von einer Mehrheit repräsentativer Fachleute als Wiedergabe des Standes der Technik angesehen wird.“ Nach einer im deutschen Rechtsraum weithin gebräuchlichen Definition ist dies eine „Regel, die in der Wissenschaft als theoretisch richtig erkannt ist, die in der Praxis bei dem nach neuestem Erkenntnisstand vorgebildeten Techniker bekannt ist, und die sich aufgrund fortdauernder praktischer Erfahrung überwiegend als technisch geeignet und bewährt durchgesetzt hat.“ Das Regelwerk für die Abdichtung von Dächern bestand bisher aus der DIN 18531, Ausgabe 05/2010 und der Flachdachrichtlinie, Ausgabe 10/2008. Sie beinhalteten die gleichen Planungskonzepte und ergänzten sich in sinnvoller Weise. Zusammen galten sie weithin als „anerkannte Regel der Technik“ und stellten damit eine verlässliche Planungs- und Ausführungsgrundlage dar. Das hat sich mit den Neuausgaben der Flachdachrichtlinie vom Dezember 2016 und der DIN 18531 vom Juli 2017 geändert. In der Flachdachrichtlinie gibt es, wie im Abschnitt „Änderungen/Unterschiede zwischen der neuen DIN 18531 und der neuen Flachdachrichtlinie“ ausführlich dargelegt wurde, keinen Verweis mehr auf die DIN 18531 und es sind wesentliche Planungsrundsätze der Vorgängerausgabe nicht mehr enthalten. Somit kommt es in beiden Regelwerken an verschiedenen Stellen zu unterschiedlichen Regelungen. Die Planung einer Dachabdichtung nach der neuen Flachdachrichtlinie kann somit zu Abweichungen von den Regeln der neuen DIN 18531 führen. Mehr noch kann es aber bei der Planung nach der neuen DIN 18531 zu Abweichungen von oder gar zu Widersprüchen zu den Regelungen der Flachdachrichtlinie kommen. Mit diesem Problem sind nun Planer und Ausführende konfrontiert und sie müssen sich damit auseinandersetzen. Es ist nicht mehr ohne weiteres erkennbar, wonach zu planen und auszuführen ist, wenn die „anerkannten Regeln der Technik“ eingehalten werden sollen. Es spricht aber sehr vieles dafür, dass die neue DIN 18531 als „anerkannte Regel der Technik“ und somit als Planungs- und Ausführungsgrundlage anzusehen ist. Diese Feststellung ergibt sich aufgrund folgender Zusammenhänge: Nach DIN 820-1, in der die Grundlagen der Normungsarbeit geregelt sind, soll sich jede DIN-Norm, also auch die DIN 18531, als „anerkannte Regel der Technik“ etablieren. Dazu soll in die Normung der jeweilige Stand der Technik eingebracht werden. Nach DIN EN 45020 wird „ein normatives Dokument … zum Zeitpunkt seiner Annahme als Ausdruck der anerkannten Regeln der Technik anzusehen sein, wenn es in Zusammenarbeit der betroffenen Interessen … erzielt wurde.“ Normung Die für die Erarbeitung von DIN-Normen geltenden Regelungen von DIN 820 über die Zusammensetzung von Normenausschüssen sowie die Information und Beteiligung der Öffentlichkeit beim Normungsverfahren sollen dies sicherstellen. Eine einstimmige Beschlussfassung ist hierfür nicht unbedingt erforderlich. Nach der einschlägigen Rechtsprechung besteht die begründete Vermutung, dass Normen, die wie DIN-Normen nach DIN 820 in einem entsprechenden Beratungs- und Konsultationsverfahren mit den interessierten Kreisen entstanden sind, zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung den „anerkannten Regeln der Technik“ entsprechen. Es ist aber auch immer kritisch zu hinterfragen, ob die Reglungen einer Norm zum Planungs- und Anwendungszeitpunkt tatsächlich (noch) den „anerkannten Regeln der Technik“ entsprechen. Es spricht somit vieles dafür, dass die neu veröffentlichte DIN 18531 derzeit die „anerkannten Regeln der Technik“ zumindest in großen Teilen darstellt. Neben Normen haben auch Hersteller- und Handwerksrichtlinien oder Merkblätter ihre Berechtigung und ihren festen Platz im deutschen Regelwerk. Sie ergänzen Normen im Hinblick auf hersteller- und handwerksbezogene Aspekte, die in dem gewünschten Detailierungsgrad keinen Platz in einer Norm haben. Bei vielen konstruktiven und ausführungstechnischen Regelungen sind sie zum Teil auch Vorläufer von späteren normungstechnischen Regelungen. Bei der Bearbeitung von Richtlinien und Merkblättern im Abdichtungsbereich wurde bisher immer auch darauf geachtet, keine Widersprüche zwischen Normen und außernormativen Regelungen entstehen zu lassen, damit sie zusammen mit den Normen als ein Regelwerk angesehen werden können. Das galt bisher auch für die Flachdachrichtlinie im Verhältnis zur DIN 18531. Um diese Einheitlichkeit und damit die Anwendbarkeit der Richtlinie im Zusammenhang mit der Norm zu unterstreichen, wurde in der bisherigen Flachdachrichtlinie auf die geltende DIN 18531 verwiesen. Dass dieser Verweis in der neuen Flachdachrichtlinie nicht mehr aufgenommen wurde, zeigt deutlich, dass diese Einheitlichkeit mit der neuen DIN 18531 und damit die begründete Vermutung, dass sie zusammen mit der Norm die „anerkannten Regeln der Technik“ darstellen, nicht mehr besteht. Handwerks- und Herstellerrichtlinien oder Merkblätter haben allein schon aufgrund ihrer durch die Verbandsinteressen bestimmten Inhalte andere Zielsetzungen und aufgrund ihres Zustandekommens zunächst einmal nicht die Vermutung für sich, die anerkannten Regeln der Technik für ein gesamtes Fachgebiet darzustellen. Sie heißen auch Richtlinien oder Merkblätter und dürfen sich nicht Normen nennen. Einzelregelungen in Richtlinien oder Merkblättern können sicherlich als anerkannte Regel der Technik gelten. Dort aber, wo es klare Widersprüche zu normativen Regelungen gibt, besteht die begründete Vermutung, dass die entsprechenden Regelungen der Norm die anerkannten Regeln der Technik darstellen. Ein Blick auf die Zusammensetzung der jeweiligen Arbeitsausschüsse bei der Normung und bei den Verbänden und die angewandten Verfahren zur Einbeziehung und Berücksichtigung von Meinungen und Stellungnahmen der Fachöffentlichkeit zeigt die unterschiedliche Basis und Entstehungsweise sehr deutlich: Im DIN-Arbeitsausschuss erfolgten die Beratungen zu DIN 18531 in Abstimmung mit ca. 25 Vertretern von Wissenschaft und Forschung, Sachverständigen, Bundesarchitektenkammer, Bundesingenieurkammer, Materialprüfung, öffentliche Hand, Bauaufsicht, Herstellerverbänden, Verarbeiterverbänden und Verbrauchern. Der Beschluss zur Veröffentlichung der DIN 18531 erfolgte nach einem durch die DIN 820 geregelten Einspruchsverfahren durch die Fachöffentlichkeit, bei dem 625 Kommentare und Einsprüche behandelt wurden. Eine vergleichbare Zusammensetzung von Bearbeitergruppen und Transparenz der Verfahrensweise gibt es bei den Verbänden nicht und sie muss es für diese Art von Verbandsregeln auch nicht unbedingt geben. Das allein aber zeigt deutlich den Bedeutungsunterscheid zwischen Norm und Verbandsregel. Angesichts dieser neuen Situation behaupten nun Vertreter des Zentralverbandes des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) in Vorträgen und Veröffentlichungen zu diesem Thema, die neue Flachdachrichtlinie sei die „anerkannte Regel der Technik“ auf dem Gebiet der Abdichtung von Dächern. Damit ist der Anspruch verbunden, dass die Verbandsmitglieder des ZVDH und darüber hinaus auch andere die neue Flachdachrichtlinie als maßgebend für die Planung der Abdichtung von Dächern anzusehen haben. Dem muss ausdrücklich widersprochen werden. Abgesehen davon, dass der Urheber einer Regel (auch nicht ein Normenausschuss) behaupten kann, seine Regel sei die „anerkannte Regel der Technik“ – denn eine Regel muss sich erst als „anerkannte Regel der Technik“ in der praktischen Anwendung etablieren – spricht aus den oben genannten Gründen vieles dafür, dass die neue DIN 18531 und nicht die neue Flachdachrichtlinie als „anerkannte Regel der Technik“ anzusehen ist. Der ZVDH stützt mit dieser Behauptung insbesondere seine eigenen Mitglieder in einen ggf. folgenschweren Konflikt: Wie soll sich ein Dachdecker verhalten, der bei der Planung und der Ausführung verpflichtet ist, die „anerkannten Regeln der Technik“ einzuhalten, wenn er einerseits von seinem Verband aufgefordert wird, die Verbandsregeln einzuhalten, er andererseits aber mit gegensätzlichen Regelungen einer Norm konfrontiert ist, die aus den genannten Gründen die starke Vermutung für sich hat, als „anerkannte Regel der Technik“ zu gelten und wenn er gegebenenfalls darüber auch vor Gericht Rechenschaft ablegen muss, dass er die „anerkannten Regeln der Technik“ auch eingehalten hat? Welche Regel gilt denn nun? Es ist zu erwarten, dass aus den genannten Gründen die Rechtsprechung – wie bisher – davon ausgehen wird, dass bei Unterschieden zwischen beiden Regelwerken die neue DIN 18531 als „anerkannte Regel der Technik“ anzusehen ist und nicht die neue Flachdachrichtlinie. Schlussfolgerung Es wird daher empfohlen, die neue DIN 18531 als Planungsgrundlage für die Abdichtung von nicht genutzten und genutzten Dächern sowie von Balkonen, Loggien und Laubengängen im Sinne einer „anerkannten Regeln der Technik“ heranzuziehen und die neue Flachdachrichtlinie nur bei den Punkten zu berücksichtigen, soweit diese nicht oder nicht anders in der Norm geregelt sind. Man befindet sich damit planerisch auf der sicheren Seite, denn es besteht hierbei die begründete Vermutung, dass mit der Anwendung der Norm auch die „anerkannten Regeln der Technik“ eingehalten werden. Diese Vermutung ist allerdings widerlegbar. Daher ist eine Norm im Einzelfall immer auch mit kritischem Sachverstand anzuwenden und daraufhin zu überprüfen, ob sie insgesamt oder nur in einzelnen Regelungen (noch) den „anerkannten Regeln der Technik“ entspricht. Hierzu wird auch auf die Hinweise des DIN im Normenheft 10 [25] verwiesen. Dipl.-Ing. Christian Herold war bis 2014 leitender Baudirektor im Deutschen Institut für Bautechnik (DIBt) in Berlin und ist jetzt als freier Sachverständiger für die Abdichtung von Bauwerken tätig. Außerdem arbeitet er in den Normenausschüssen für die Abdichtung von Bauwerken (DIN 18531, DIN 18532, DIN 18533, DIN 18534, DIN 18535) uns ist Obmann im Normenausschuss der DIN 18532 Beitrag aus „Der Bausachverständige“ 4|2017)) LITERATUR [1] DIN 18531-1:2017-07, Abdichtung von Dächern sowie von Balkonen, Loggien und Laubengängen — Teil 1: Nicht genutzte und genutzte Dächer – Anforderungen, Planungs- und Ausführungsgrundsätze DIN 18531-2:2017-07, Abdichtung von Dächern sowie von Balkonen, Loggien und Laubengängen — Teil 2: Nicht genutzte und genutzte Dächer — Stoffe DIN 18531-3:2017-07, Abdichtung von Dächern sowie von Balkonen, Loggien und Laubengängen — Teil 3: Nicht genutzte und genutzte Dächer — Auswahl, Ausführung, Details DIN 18531-4:2017-07, Abdichtung von Dächern sowie von Balkonen, Loggien und Laubengängen — Nicht genutzte und genutzte Dächer — Teil 4: Instandhaltung DIN 18531-5: 2017-07, Abdichtung von Dächern sowie von Balkonen, Loggien und Laubengängen — Nicht genutzte und genutzte Dächer — Teil 5: Balkone, Loggien und Laubengänge [2] DIN 18532:2017-07, Abdichtung von befahrbarenen Verkehrsflächen aus Beton, Teile 1 bis 6 [3] DIN 18533:2017-07, Abdichtung von erdberührten Flächenbauteilen, Teile 1 bis 3 [4] DIN 18534:2017-07, Abdichtung von Innenräumen, Teile 1 bis 4 [5] DIN 18535:2017-07, Abdichtung von Behältern und Becken, Teile 1 bis 3 [6] DIN 18195:2017-07, Abdichtung von Bauwerken – Begriffe [7] Fachregel für Abdichtungen – Flachdachrichtlinie – Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks e.V., Ausgabe Dezember 2016 [8] Musterbauordnung (MBO) Fassung November 2002, zuletzt geändert durch Beschluss der Bauminister Konferenz vom 13.05.2016 [9] DIN EN 13707:2017-05, Abdichtungsbahnen – Bitumenbahnen mit Trägereinlage für Dachabdichtungen – Definitionen und Eigenschaften [10] DIN EN 13956:2013-03, Abdichtungsbahnen – Kunststoff- und Elastomerbahnen für Dachabdichtungen – Definitionen und Eigenschaften [11] DIN SPEC 20000-201:2015-08, Anwendung von Bauprodukten in Bauwerken – Teil 201: Anwendungsnorm für Abdichtungsbahnen nach Europäischen Produktnormen zur Verwendung in Dachabdichtungen [12] DIN 820, Normungsarbeit Teile 1 bis 4 [13] Technische Regeln für die Planung und Ausführung von Abdichtungen mit Polymerbitumen- und Bitumenbahnen – abc der Bitumenbahnen, 2012, Entwurf 2017, vdd Industrieverband Bitumendach- und Dichtungsbahnen e.V. [14] Merkblatt Verbundabdichtungen, Hinweise für die Ausführung von flüssig zu verarbeitenden Verbundabdichtungen mit Bekleidungen und Belägen aus Fliesen und Platten für den Innen- und Außenbereich, Zentralverband des Deutschen Baugewerbes e.V. (ZDB), 2012 [15] Leitfaden für die Planung und Ausführung von Abdichtungen von Dächern, Balkonen und Terrassen mit Flüssigkunststoffen nach ETAG 005, Deutschen Bauchemie e,V, (DBC), 2011 [16] Zöller, M.: Der Übergang neuer Bauweisen zu anerkannten Regeln der Bautechnik – ein Bewertungsproblem für Sachverständige, Tagungsband der Aachener Bausachverständigentage 2016, Wiesbaden, Springer Vieweg, S. 116. ff. [17] ETAG 005, European Technical Approval Guideline 005/Leitlinie für Europäische Technische Zulassung 005/Leitlinie für die Europäische Technische Zulassung für flüssig aufzubringende Dachabdichtungen, 2005 [18] DIN EN 14891:2017-05, Flüssig zu verarbeitende wasserundurchlässige Produkte im Verbund mit keramischen Fliesen- und Plattenbelägen – Anforderungen, Prüfverfahren, Konformitätsbewertung, Klassifizierung und Bezeichnung [19] DIN EN 15814:2015-03, Kunststoffmodifizierte Bitumendickbeschichtungen zur Bauwerksabdichtung – Begriffe und Anforderungen [20] DAfStb-Betonbauteile:2001-10, Instandsetzungs-Richtlinie: 2001- 10, RLSIB:2001-10 – Schutz und Instandsetzung von Betonbauteilen (Instandsetzungs-Richtlinie), Oktober 2001 [21] Herold, C.: Entwicklung von DIN-Normen zur Einführung als anerkannte Regel der Technik und ihre Anwendung, Tagungsband der Aachener Bausachverständigentage 2016, Wiesbaden, Springer Vieweg, S. 135 ff. [22] Seibel, M.: Anerkannte Regeln der Technik an der Schnittstelle zwischen Recht und Technik – Inhalt und Konkretisierung in der Praxis (status quo), Tagungsband der Aachener Bausachverständigentage 2016, Wiesbaden, Springer Vieweg, S. 99 ff. [23] Halstenberg, M.: Anerkannte Regeln der Technik an der Schnittstelle zwischen Recht und Technik – Grenz- und Problemfälle, Tagungsband der Aachener Bausachverständigentage 2016, Wiesbaden, Springer Vieweg, S. 10 ff. [24] DIN EN 45020:2007-03 Normung und damit zusammenhängende Tätigkeiten – Allgemeine Begriffe [25] DIN Normenheft 10, Grundlagen der Normungsarbeit des DIN, 2001

    Absturzsicherheit auf Flachdächern

    Ausnahmereglung bei Intensivbegrünung: Sollte aus technischen Gründen kein Geländer direkt am Dachrand möglich sein, erlaubt die DIN 4426 eine Kombination von in der Dachfläche befindlichem Geländer und linearer Anschlageinrichtung. Die neue Fassung der DIN 4426 vom Januar dieses Jahres enthält nun auch Maßnahmen für Dachbegrünungen Text: Dieter Schenk Flachdächer werden immer mehr zu Arbeitsplätzen. Nicht nur die Abdichtung und die Dachbegrünung müssen regelmäßig gepflegt werden, die dort immer häufiger installierten technischen Anlagen, wie Klimageräte, Solar- und Mobilfunkanlagen, müssen ebenfalls kontrolliert und gewartet werden. Dementsprechend steigt auch die Zahl der Fachkräfte, die das Flachdach für die Arbeiten betreten müssen. Die seit Januar 2017 gültige Ausgabe der DIN 4426 „Einrichtungen zur Instandhaltung baulicher Anlagen – Sicherheitstechnische Anforderungen an Arbeitsplätze und Verkehrswege – Planung und Ausführung“ berücksichtigt nun diese Entwicklung, indem die Norm um Kapitel zur Dachbegrünung und Photovoltaikanlagen ergänzt wurde. Die neuen Regelungen für die Absturzsicherung bei Dachbegrünungen finden sich in Kapitel 5.6 der DIN 4426. Dabei wird – analog zur Einstufung aus den Dachbegrünungs-Richtlinien der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL) – unterschieden in:
  • Extensivbegrünungen, bei deren Wartung eine Absturzsicherung durch PSAgA (Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz) zulässig ist und (mindestens) Einzelanschlagpunkte oder lineare Anschlageinrichtungen zu installieren sind.
  • Intensivbegrünungen, für die permanente Schutzmaßnahmen (z. B. ausreichend hohe Attika oder Geländer) vorzusehen sind.
  • Einfache Intensivbegrünungen, hier sind die Schutzmaßnahmen planerisch auf die zu erwartende Pflegehäufigkeit abzustimmen.
  • Empfehlung Schienensystem: Laut DIN 4426 sind Schienensysteme anderen linearen Einrichtungen zum Anschlagen von PSAgA (Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz) vorzuziehen. Die Norm führt weiter aus: „Schienensysteme sind anderen linearen Einrichtungen zum Anschlagen von PSAgA vorzuziehen.“ Hinter dieser Empfehlung stehen Praxiserfahrungen, wonach es bei Seilsystemen vorkommen kann, dass das Seil durchhängt und überwachsen werden kann, wodurch die Nutzung beeinträchtigt wird. Außerdem spielt hier die gegenüber Schienensystemen verminderte Blitzstrom-Festigkeit mit hinein. Die Forderung nach einem dauerhaften Geländer bei Intensivbegrünungen wird nicht bei allen Architekten auf Gegenliebe stoßen. Ein kleines „Schlupfloch“ lässt die Norm mit folgender Ergänzung zu: „Ist bei der Änderung dauerhafter baulicher Anlagen ein Geländer als permanente kollektive Schutzmaßnahme an der Absturzkante des Daches aus technischen Gründen nicht möglich, kann eine Kombination von in der Dachfläche befindlichem Geländer und dauerhafter linearer Anschlageinrichtung zum Einsatz kommen.“ Die Norm trägt damit der Überlegung Rechnung, dass viele Personen, die sich in einer Dachinnenfläche aufhalten, sich häufig nicht der Besonderheiten und Gefahren des Arbeitsplatzes Dach bewusst sind. Diese Personen müssen durch einen Kollektivschutz gesichert werden. Die wenigen Personen, die sich am Dachrand bewegen müssen, um dort beispielsweise Pflegemaßnahmen durchzuführen, müssen sich des erhöhten Gefährdungspotenzials bewusst sein, beziehungsweise in entsprechenden Sicherheitseinweisungen darauf hingewiesen werden. Sie sind damit in der Lage, unter den besonderen Bedingungen der PSAgA zu arbeiten. Sicherlich für manche Projekte ein guter Kompromiss, allerdings bedarf es dazu der Argumentation, dass ein Geländer direkt am Dachrand aus technischen Gründen nicht möglich ist. So betrachtet regelt die neue DIN 4426 die Absturzsicherung angemessen, weder wird das Thema verharmlost noch verkompliziert. Dieter Schenk ist Geschäftsführer der ZinCo GmbH und Delegierter des Deutschen Dachgärtner Verbandes DDV im DIN 4426-Ausschuss

    Bewegte Behausung

    Wohnen und zugleich mobil sein – das ist ein Bedürfnis, dem die Menschheit schon seit mehr als tausend Jahren mit einfallsreicher Architektur zum Mitnehmen begegnet. Auf mehr als 300 Seiten zeigt der Bildband „Mobitecture“ eine überraschende Fülle mobiler Wohnlösungen und begeistert jede Seite aufs Neue mit fantasievollen Formen und Farben. Von einer knallgelben Notfallkapsel, die auch bei Wirbelstürmen, Tsunamis und Erdbeben das Überleben sicherstellen soll über kunterbunte Mülltonnen-Häuschen bis hin zum Pappkarton-Zelt „Cocoon“: Diese Fotosammlung beweist einmal mehr, dass der künstlerischen Freiheit und menschlichen Kreativität auch in puncto Behausung keine Grenzen gesetzt sind. Doch die mobile Architektur von heute hat weitaus mehr zu bieten, als die jahrhundertalten Beduinenzelte aus Ziegenhaar oder die kegelförmigen Tipis indianischer Nomadenstämme: Inspiriert von den räumlichen und archetektonischen Zwängen, die das Stadtleben mit sich bringt, sind die Konstruktionen nah am Leben gebaut. Obdachlosigkeit, politische Migration, Reiselust und das Bedürfnis Räume zu reaktivieren – all diesen Themen widmen sich die präsentierten Objekte mit einer Mischung aus Genialität und Absurdität. Je vielfältiger und facettenreicher die abgebildeten Behausungen ausfallen desto plumper und simpler wirkt das kleinformatige Buch. Das Layout ist puristisch. Der Leser darf sich über unaugefregt Infos freuen. Auf jeder Seite erklärt eine Kurzbeschreibung das Designobjekt und fasst die Namen der Künstler, das Produktionsjahr und den Standort des Baus zusammen. Symbole an den Seitenrändern liefern Auskunft darüber, wie das Objekt fortbewegt werden kann. Summa Summarum ist Mobitecture ein durchaus erfrischendes Buch, das mit klarer Struktur und übersichtlichem Aufbau punktet, die Grandiosität der mobilen Architektur jedoch teilweise mit rohen Worten und mäßiger Bildqualität verschleiert. tz Rebecca Roke: „Mobitecture. Architecture on the Move“, Phaidon Verlag, London, 2017, 320 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-0-71487-349-7.

    Auf zur EXPO REAL!

    Die Immobilienmesse Expo Real wächst national und vor allem auch international. Besonders erfreulich ist, dass sich zunehmend auch Unternehmen aus dem Bereich Architektur und Planung präsentieren.Die Bundesarchitektenkammer (BAK) hat die Bedeutung dieser wichtigen Messe rund um Projektentwicklung, Planen und Bauen früh erkannt. Mit einem gemeinsamen Stand mit Partnern wie der Bundesstiftung Baukultur (BSBK), der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) und dem Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen, schafft sie auch in diesem Jahr einen Anker für zahlreiche Veranstaltungen und Diskurse zu aktuellen Themen der Architektur und Stadtentwicklung. Und natürlich befördert sie damit auch Gespräche möglicher Bauherren und Investoren mit deutschen Planern. Als zuständiger Staatssekretär für Bau und Stadtentwicklung und als Stiftungsratsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur ist es mir ein wichtiges Anliegen, die BAK und die Stiftung in ihrer wichtigen Netzwerkarbeit bestmöglich zu unterstützen. In vielen Gesprächen und Diskussionsrunden mit Vertretern der Immobilienwirtschaft, mit Architekten und Planern, aber auch mit Vertretern aus kommunaler Politik und Verwaltung werden wir ausloten, wie wir die Rahmenbedingungen für gutes Planen und Bauen bestmöglich weiterentwickeln können. Die Verbreitung des Baukultur-Gedankens für eine bessere Qualität unserer gebauten Umwelt ist mir dabei besonders wichtig. Vor allem bei den Vertretern der Immobilienbranche, die über wichtige Qualitätsaspekte des Bauens und Wohnens entscheiden, ist die Sensibilisierung für eine gute Planungs- und Prozesskultur essentiell. Das erhält eine umso größere Dimension angesichts der technologischen, architektonischen und stadtentwicklungspolitischen Herausforderungen, vor denen wir stehen. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt mittlerweile in Städten. Die Vereinten Nationen schätzen, dass dieser Anteil bis 2050 auf zwei Drittel steigen wird. Allein von 2014 bis 2015 zogen in Deutschland mehr als eine Million Menschen in die Städte – Tendenz steigend. Architekten und Städtebauer, Verwaltungen und Wirtschaft sowie die Politik müssen die Zukunftsplanung unserer Städte gemeinsam meistern. Aufgaben für eine nachhaltige und intelligente Stadtentwicklung werden auf der Expo Real thematisiert. Mit dem verstärkten Zuzug der Menschen in die Städte steht auch das Thema bezahlbarer Wohnraum weiterhin auf der Tagesordnung ganz oben. Was erwartet Sie noch auf der Expo Real? Neben guten Konzepten für unsere immer dichter werdenden Innenstädte brauchen wir innovative Ideen, wie in schrumpfenden Kommunen lebendige Ortskerne erhalten werden können. Zum Thema „Innenentwicklung“ wird daher die BSBK mit allen Beteiligtenn diskutieren. Die BAK wird die Auswirkungen der Klimaschutzziele auf Planung und Bauen thematisieren. Wir werden über das serielle Bauen und die Digitalisierung in Gebäudeplanung und Stadtentwicklung sprechen – und nicht zuletzt wieder mit den NAXPaten zusammentreffen, um die Leistungen deutscher Architekten international bekannt zu machen. Diese Themen bestimmen, wie wir in Zukunft leben werden. Daher lade ich Sie ein, nach München zu kommen, um Ihr Know-how und Ihre Kreativität aktiv in die aktuellen Diskussionen einzubringen und die wichtigen Entscheider von der Expertise der Architekten und Planer zu überzeugen! Gunther Adler ist Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.

    10 Regeln für Bauherrn

    Höher, dichter, flexibler – wer künftig städtisch und urban wohnen möchte, wird sich in seinen Lebensgewohnheiten umstellen müssen. Zumindest in den Metropolen. REGEL 1: Absprachen mit dem Partner Das klingt banal – ist es aber nicht. Experten berichten es immer wieder: Bauvorhaben sind für viele Partnerschaften eine echte Prüfung. Da hilft es enorm, wenn beide klar äußern, welche Wünsche sie ans neue Zuhause haben. Um danach die Zuständigkeiten zu klären: Wer übernimmt die Kommunikation mit dem Architekten oder der Baufirma, wer kümmert sich um die Finanzierung, wer erledigt den Papierkram? Und wie wird der andere über den Stand der Dinge informiert? Wichtig auch: inmitten der Aufregungen auch mal die Ruhe für ein Wellness-Wochenende zu finden. REGEL 2: Viele Musterhäuser anschauen! Pläne zu zeichnen ist wunderbar, 3-D-Animationen am Computer oder die immer beliebter werdenden Virtual Reality-Rundgänge simulieren tolle Wohnräume – aber nichts geht über den sinnlichen Eindruck eines Raumes, eines Hauses, in dem man steht. Selbst wenn Sie gar nicht neu bauen wollen, hilft der Besuch in Musterhäusern, die eigenen Wohnbedürfnisse besser kennenzulernen. Hier lässt sich erleben, wie groß ein Wohnzimmer von 30 Quadratmetern tatsächlich ist, welche Fußbodenbeläge einem die liebsten sind, welche Wandfarben und Fliesen das neue Zuhause schmücken sollen. Manche Musterhäuser sind so gelungen, dass sie eine kostenlose Einrichtungsberatung darstellen. REGEL 3: Lassen Sie sich Zeit! Die meisten Bauvorhaben dauern länger als gedacht. Die Planung braucht noch Zeit, die Bank hat weiteren Klärungsbedarf, es liegen nicht alle Kos­tenvoranschläge vor. Wer jetzt schon die Mietwohnung gekündigt hat oder unbedingt Weihnachten im neuen Zuhause feiern will, kann in unan­genehme Bedrängnis kommen.So entstehen schlechte Kompromisse oder Pfusch unter Zeitdruck. Und womöglich muss man in ein Haus einziehen, in dem noch die Handwerker arbeiten. Planen Sie deswegen mit einem großzügigen Zeitpuffer. Die weiteren sieben wichtigen Regeln für angehende Bauherren lesen Sie auf unserem Partner-Portal Wohnglück.de, Deutschlands neuer Adresse für die Themenfelder Bauen, Wohnen & Leben. Bei den weiteren sieben Bauherren-Regeln geht es um die Stichworte:
    • Experten
    • Terminplanung
    • Bemusterung
    • Baudetails
    • Bautagebücher
    • u.a.m
    WEITERLESEN auf Wohnglück.de: 10 Regeln für Bauherren

    Asmaras ausgezeichnete Architektur

    Das „Cinema Impero“ in Asmara gilt als bestes Beispiel der Moderne in Eritrea. Eritreas Hauptstadt Asmara ist in die Liste der Unesco-Weltkulturerbestätten aufgenommen worden. Das ermöglichten auch deutsche Architekten. Asmara, die Hauptstadt von Eritrea, zählt ab sofort zum Weltkulturerbe der Unesco. Das Welterbekomittee der UN-Kulturorganisation nahm die Stadt offiziell in die Liste auf. Die Stadt gilt als eindrucksvolles Beispiel europäischer Städtebaukunst des 20. Jahrhunderts. Bis heute ist der Einfluss der ehemaligen Kolonialmacht Italien (1890 bis 1941) auf die Architektur der Stadt sichtbar. Viele der futuristischen, monumentalistischen oder rationalistischen Gebäude sind erhalten und prägen noch heute das Bild der im Nordosten Afrikas gelegenen Stadt. Die Verwaltungsgebäude, Schulen, Fabriken, Kinos, Tankstellen, Villen und Wohnbauten gelten als als außergewöhnliche Beispiele der frühen Moderne. Asmara bildet damit das beste Beispiel der architektonischen Umsetzung der Moderne auf dem afrikanischen Kontinent. Deutsche Architekten unterstützten die Unesco-Initiative in Zusammenarbeit mit der Projektgruppe Asmara, einem Zusammenschluss von Eritreern sowie äthiopischen und deutschen Architekten. Zuvor hatte die Projektgruppe bereits mehrere Ausstellungen zu Asmara  in Europa realisiert. Der Fotograf Stefan Boness beleuchtet in seinem eigens zur Verleihung des Unesco-Weltkulturerbes neu aufgelegten Buch „Asmara. Africa’s Jewel of Modernity“ insbesondere die Ende der 1930er- und Anfang der 1940er-Jahre errichteten Bauten. Über mehrere Monate war er im Land unterwegs und fotografierte private, öffentliche sowie industrielle Gebäude und inszenierte sie im Kontext ihres städtischen Umfeldes. Boness gelingt es mit dem Buch, die einzigartige Atmosphäre Asmaras einzufangen. Einer scheinbar stillstehenden Zeit, Ausdruck zu verleihen. Essays zur Geschichte und Architektur Asmaras sowie ein Blick in die Zukunft der Stadt ergänzen den umfangreichen Bildteil. Dabei wird auch nicht verschwiegen, dass sich Eritrea nach der Unabhängigkeit des Staates 1993 zu einer Militärdiktatur entwickelt hat. Stefan Boness: „Asmara. Africa’s Jewel of Modernity“, Jovis Verlag, Berlin, 2016, 96 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-86859-435-5 – only in English.