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Alfred Przybylski

Häftling 471 – ein großer Humanist

Im Sommer 1945, kurz nach seiner Befreiung, baut Alfred Przybylski als polnischer Soldat das Modell eines Einfamilienhauses.

Auschwitz-Häftlinge, die im Lager vorerst überleben sollten, bekamen den Namen entzogen und erhielten eine Nummer. Alfred Przybylski war die Nummer 471. Der 20jährige Bautechniker wurde beim Fluchtversuch nach Ungarn gefangen und kam am 14.Juni 1940 mit dem ersten Häftlingstransporte aus dem Gefängnis Tarnow ins Lager. Jahrzehnte später, 1987, erzählt er davon in einem Radio-Interview. Zunächst musste er Bauarbeiten machen – „mit Karren, vollen Karren, im Laufschritt hin und her laufen“. Dann musste er als Vermesser an der Umzäunung des Lagers, im geplanten Chemiewerk und auf den umgebenden Feldern arbeiten, „damals wurden die polnischen Familien ausgesiedelt und die Häusern wurden abgebrochen“. Im Hohlraum eines Winkelmesser schmuggelte er Medikamente ins Lager, die eine Apothekerin ihm draußen zusteckte.

Schließlich kam er in die Bauleitung. Er musste Pläne für Baracken und Krematorien zeichnen; ein Übersichtsplan für Birkenau vom 14.Oktober.1941 mit seiner Häftlingsnummer ist noch erhalten. Zwölf seiner Freunde aus dem Vermessungskommando wurden am 19.Juli 1943 hingerichtet, weil einige Häftlinge geflohen waren und man die Vermesser der Hilfe verdächtigte.

Einmal infizierte ihn ein SS-Arzt für sein Experiment absichtlich mit Fleckfieber, woran er fast gestorben wäre. Die Häftlinge schliefen zu dritt oder viert auf einer schmalen Pritsche. „1944 sind wir nach Birkenau geholt worden und dort dachte ich, wir gehen die Gaskammer, das war ja selbstverständlich“. Dann aber wurde er ins Lager Groß-Rosen verschleppt, sollte Anfang 1945 bei Breslau einen Flugplatz dauern und kam dann nach Buchenwald bei Weimar. Auf der Fahrt ins nächste Lager, Dachau bei München, wurde der Häftlingszug aus der Luft beschossen. Przybylski flüchtete und fand endlich amerikanische Befreier. Er arbeitete dann bei der polnischen Besatzungsarmee in Ostfriesland, bewachte Deutsche und legte Wert auf deren humane Behandlung. Daneben baute er ein Modell für ein schmales Haus mit großem Garten.

Er kehrte nach Warschau zurück, studierte Architektur und plante beim Wiederaufbau der Stadt mit. Daneben engagierte er sich für die Gedenkstätte Auschwitz. 1985 gehörte er einer Kommission an, die Entwürfe für eine Jugendbegegnungsstätte begutachtete. Dabei lernte er den Isnyer Architekten Helmut Morlok kennen. Die beiden schlossen Freundschaft. 1994 starb Przybylski. „Er war durch und durch ein großer Humanist“, sagt Morlok. In der Jugendbegegnungsstätte ist nach Przybylski ein eigener Raum benannt.

Würdigung Alfred Przybylskis durch Helmut Morlok

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