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Schwerpunkt City und Vorstadt

Eine geballte Ladung Läden

Seit fast 50 Jahren entwirft und modernisiert das Düsseldorfer Büro RKW Einkaufszentren – von der grünen Wiese bis zur City. Noch entstehen immer neue, doch es könnte mit den Centern bergab gehen  Text: Nils Hille

 

Sie haben sie mit eingeführt, sie groß und immer größer gemacht, sie immer wieder in neuen Formen erscheinen lassen oder der Zeit gemäß angepasst. Und sie werden auch ihren Untergang begleiten. Die Planer von RKW Architektur + Städtebau begleiten die Shoppingcenter in Deutschland von der ersten Stunde bis heute. Wie nur wenige andere kennt das Büro mit Hauptsitz in Düsseldorf die Entwicklung dieses Bautyps. Zahlreiche Center, Malls und Galerien im Lande stammen aus seiner Feder. Wenn sie zurückblicken, dann bereuen Friedel Kellermann, Barbara Possinke und Johannes Ringel, drei der insgesamt neun geschäftsführenden Gesellschafter von RKW, nicht viel. Ringel: „Es war alles zu seiner Zeit das Richtige. Sicher würden wir heute nicht mehr so bauen wie zu Beginn, aber das ist der natürliche Lauf der Dinge.“

Zu Beginn – das war 1964. In diesem Jahr eröffnete mit dem Main-Taunus-Zentrum in Sulzbach bei Frankfurt am Main das erste in sich abgeschlossene Shoppingcenter in Deutschland. Das Prinzip adaptierten Investoren aus Amerika, wo es der dorthin aus Österreich emigrierte Architekt Victor Gruen erdacht hatte. RKW war in Sulzbach dabei. Damals entstanden 73 Geschäfte auf 40.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Heute sind es rund 100 Läden mehr und mit 91.000 Quadratmetern hat sich der Platz mehr als verdoppelt. Der Umsatz stieg schon in den ersten zehn Jahren um das Dreieinhalbfache.

Das Nordwestzentrum im Frankfurter Viertel Nordweststadt aus den 1960er-Jahren beherbergt neben vielen Läden auch öffentliche Einrichtungen.

Im gleichen Jahr eröffnete auch der Bochumer „Ruhr-Park“ – ebenfalls nicht in der City, sondern wie in Sulzbach draußen an der Autobahn. Kellermann erinnert sich: „Es gab einfach großen Bedarf an Verkaufsflächen. Die Städte sahen dafür keinen Raum im Zentrum. Da gingen die Investoren mit ihren Projekten vor die Tore oder an den Rand der Stadt, mit direktem Anschluss an Verkehrsadern.“ Mit Geschäften aller Sparten unter einem Dach, die die Konsumenten wetter­unabhängig immer trockenen Fußes erreichen konnten. Und mit ausreichenden, meist kostenlosen Parkplätzen.

Gerade das Einkaufen mit dem Auto wurde zu dieser Zeit zu einem immer größeren Thema für die Deutschen. Doch die Stellflächen in den Citys waren sehr begrenzt. Zudem entstanden erste Fußgängerzonen, die das direkte Anfahren der Geschäfte unmöglich machten. Am Stadtrand konnten dagegen mal eben noch ein paar Hundert Quadratmeter Brachland mehr zu Parkplätzen umgewandelt werden. „Damals dachten auch wir Architekten und Städteplaner, die Grüne-Wiese-Center seien das richtige Modell. Später mussten wir erfahren, was wir den Innenstädten damit angetan haben“, sagt Kellermann heute selbstkritisch.

Einerseits wurde durch die Verlagerung ins Umfeld oft historischer Innenstadt-Substanz der Abriss erspart. Andererseits wanderte Kaufkraft ab. Regionale Fachhändler konnten sich nicht mehr gegenüber der gebündelten Ketten-Konkurrenz im Center behaupten und mussten schließen. Leerstand und immer mehr Kritik waren die Folge. Manche Investoren und Betreiber reagierten schnell darauf und wählten zentralere Standorte – etwa für das Frankfurter Nordwestzentrum (NWZ). Es war nicht nur ein Shoppingcenter, sondern auch ein komplex geplantes Zentrum des Neubauviertels „Nordweststadt“. Einrichtungen wie Polizei, Bürgerhaus und Hallenbad sind in die Anlage seit der Eröffnung 1968 integriert. Sie ist jedoch von einem Straßenring umschlossen und zu Fuß bis heute nur über fünf Brücken erreichbar.

Stetige Weiterentwicklung zum Glanzerhalt

Lange hielt sich die ursprüngliche Form aber nicht. Wegen der abschreckenden Gestaltung und wegen Baumängeln blieben Besucher und Ladenmieter weg. Gar über Abriss wurde diskutiert, doch ein neuer Eigentümer modernisierte das NWZ Mitte der 1980er-Jahre. Kellermann plante im Rahmen dieser größten Revitalisierung eines Stadtteilzentrums unter anderem riesige Glasdächer, die die beiden Ladenpassagen seitdem überspannen. Mit dieser Lösung sorgte RKW international für Aufsehen. „Und bis heute, immer wieder saniert und erweitert, erfüllt das NWZ seine vielen Funktionen als Stadtteilzentrum“, sagt Kellermann.

In dem teilbedachten Hürth Park nahe Köln finden die Bürger auch Arztpraxen, Banken und ein Kino.

Der Hürth Park von 1977 ist ein ähnliches Beispiel. Das Einkaufszentrum von RKW im Kölner Südwesten liegt mitten zwischen Wohngebieten und wurde durch denselben US-amerikanischen Investor wie 13 Jahre zuvor der Bochumer Ruhr-Park finanziert. Direkt nebenan entstand ein paar Jahre später das Rathaus. Gymnasium, Kindergarten und Sportplätze sind nicht weit entfernt. An der teils überdachten Mall finden die Besucher nicht nur Geschäfte, sondern auch Arztpraxen, Banken und ein Kino. Auch hier hält sich das Multifunktions-Modell bis heute, unter anderem durch eine Revitalisierung im Jahr 2008, für die ebenfalls das Düsseldorfer Büro sorgte.

Oft gehen die Betreiber noch ein großes Stück weiter, wie Barbara Possinke erklärt: „Immer häufiger werden alte Center sogar ganz entmietet, entkernt und wieder neu aufgebaut. Das ist keine Seltenheit mehr.“ Auch bei eigenen Projekten ist das nach zehn bis dreißig Jahren der Fall. „Gute Architektur garantiert nicht immer die Funktionsfähigkeit des Centers. Es gehören viele Dinge dazu“ – etwa Erreichbarkeit, Wegeführung, Lärmschutz oder Luftreinheit. Auch darum versucht sich das Büro zu kümmern und die Bauherren entsprechend zu beraten.

Das Warenhaus Karstadt hat im vorderen Teil des Erfurter „Anger 1“ für kleinere Einzelhändler Platz gemacht und ist in den neuen Anbau gezogen – mit Erfolg.

Um diese Themen geht es auch bei den innerstädtischen Einkaufszentren, die ab den 1980er-Jahren Einzug in die zentralen Fußgängerzonen gehalten hatten. Johannes Ringel: „Nach gut zehn Jahren steht meist die Modernisierung eines Centers an. Viele wurden vor der Jahrtausendwende gebaut und müssen jetzt revitalisiert werden.“ Im vergangenen Jahr konnte RKW so auf der Düsseldorfer Königsallee das „Sevens“ wiedereröffnen, das das Büro im Jahr 2000 gebaut hatte. Eine vereinfachte Wegeführung und eine neue Ladenstruktur sollen mehr Umsatz bringen. Zudem wird es bald eine Direktverbindung zur benachbarten Kö-Galerie geben, einst gebaut von Walter Brune und heute im Eigentum der Investmentbank Merrill Lynch und der ECE, die bisher nur über den Bürgersteig der Königsallee erreichbar war.

Ankermodell für Warenhäuser

Die zweite Reihe nutzten die RKW-Architekten in Erfurt für ein besonderes Modell im „Anger 1“. Mit viel Überzeugungskraft sorgten sie dafür, dass das Warenhaus Karstadt von der vermeintlichen Bestlage direkt an der Flaniermeile in der Altstadt etwas nach hinten rückte. Vorn dagegen, in dem denkmalgerecht sanierten Kaufhaus „Römischer Kaiser“ von 1908, finden die Konsumenten seit 2000 etliche kleinere Geschäfte. Im gut doppelt so großen Anbau haben weitere Läden Platz gefunden. Hier dominiert aber Karstadt, zu dem sämtliche Wege auf allen Etagen führen. Barbara Possinke: „Das ergibt eine Win-win-Situation, denn Warenhaus wie Einzelhändler profitieren jeweils von ihrem attraktiven Umfeld. Dieses Ankermodell würde eigentlich in vielen Städten funktionieren, doch meist weigern sich die Warenhausbetreiber, umzudenken.“ Das hätten sie nach Ansicht der Architektin aber dringend nötig: „Den Niedergang vieler Warenhäuser haben die Shoppingcenter mitverursacht – und er wird auch noch weitergehen.“ RKW hat schon in einigen Städten zentral liegende Warenhäuser, die schließen mussten, zu kleinen Centern umgenutzt. „Neue Magnete halten die Kunden in den Zentren“, erklärt Ringel.

Doch Possinke gibt auch den moderneren Einkaufszentren keine lange Lebensdauer: „Zukünftig wird es Shoppingcenter nicht mehr geben. Die Menschen gehen zwar in die Städte, um sich Mode anzuschauen. Sie lassen dann aber nur noch per Computer maßnehmen und die passgenaue Ware ist zwei Tage später bei ihnen zu Hause. Dafür brauchen die Händler keine großen Verkaufsflächen mehr.“ Sollte sich die Zukunft wirklich so gestalten, befürchten die Architekten von RKW aber keinen Auftragsschwund. Ringel sieht bereits ein neues Tätigkeitsfeld: „Wir werden für die Konversationsflächen schon Lösungen finden. Die Fachmärkte, die heute meist auf der grünen Wiese gebaut werden, könnten wir gut wieder in die Innenstädte holen.“

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