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Asyl im Grandhotel

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Global: Die Café-Bar dient als interkultureller Treffpunkt, den Küchenbetrieb bezeichnen die Betreiber als „kosmopolitisch organisiert“.

Flüchtlinge, Urlauber und Kreative unter einem Dach: Das Augsburger „Grandhotel Cosmopolis“ wurde vom mutigen Experiment zum preisgekrönten Modellprojekt – nicht zuletzt, weil der Architekt Neues wagte Text: Christoph Gunßer

Ein leer stehendes, abgewohntes Pflegeheim aus den Sechzigern und ein zusammengewürfelter Haufen Freiwilliger ohne Budget, nur mit Möbeln vom Sperrmüll und ein paar Sachspenden ausgestattet – vor dieser Aufgabe hätten viele das Weite gesucht.

Doch der Augsburger Architekt Michael Adamczyk, Anfang 40, ließ sich auf das kreative Chaos ein und spricht lieber von einem „dynamischen Projektverlauf“: „Viele Menschen haben viele Ideen“, sagt er – und freut sich.

Vier Jahre und rund 100.000 unbezahlte Arbeitsstunden später ist das „Grandhotel Cosmopolis“ ein mit Preisen hochdekoriertes Modellprojekt, dem Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen eine Lobrede hält und die Robert Bosch Stiftung 50.000 Euro spendiert. „Wir wurden von der Realität eingeholt“, sagt Adamczyk.

Eine soziale Skulptur im Herzen Augsburgs

Rückblende: Im Sommer 2011 stößt eine Gruppe Augsburger Künstler auf das seit vier Jahren leer stehende Haus im ruhigen, aber zentral gelegenen Domviertel. Die Gruppe sucht Ateliers und einen alternativen Freiraum. Der Eigentümer, das Diakonische Werk, erwägt gerade, das Gebäude als Sammelunterkunft für Asylbewerber zu vermieten. Die heutige „Flüchtlingskrise“ ist noch nicht in Sicht.

Man kommt zusammen. Der Vorstand der Diakonie lässt sich vom Konzept der Künstler begeistern: „Eine soziale Skulptur im Herzen Augsburgs“ haben die acht Initiatoren es überschrieben. Künstler, Asylbewerber und Touristen sollen im Haus miteinander wohnen und arbeiten. Ein Mietvertrag wird geschlossen, für zehn Jahre, am 1. September 2011 ist Schlüsselübergabe.

Mit dabei ist Michael Adamczyk, der sich in Augsburg seit Langem bürgerschaftlich engagiert, etwa indem er zu Bebauungsplänen Stellung nimmt. Mit dem Auftrag zum Umbau in der Tasche steht er erstmals auf der anderen Seite, er ist nun Projektentwickler. Eine Nutzungsänderung muss beantragt, die nötigste Instandhaltung organisiert werden. Die Diakonie nimmt dafür einen Kredit über 340.000 Euro auf und trägt die laufenden Kosten.

Das Pflegeheim ist zwar arg heruntergekommen, doch eine

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Himmlisch: Das Zimmer „Madonne“ hat die Berlier Künstlerin Claudia Weidenbach gestaltet.

siebenstöckige Landmarke im verwinkelten Domviertel: 66 Zimmer, 2.630 Quadratmeter Nutzfläche. Für die „Umnutzung zur Gemeinschaftsunterkunft mit Ateliers und Gaststätte“ gilt es zunächst die Nachbarn zu überzeugen. Adamczyk mit seiner rasch wachsenden Schar von Helfern rührt die Werbetrommel, macht zum Vorzeigen als Erstes die Lobby flott: Der Tresen stammt aus einem Fotogeschäft, die Plüschmöbel vom Sperrmüll. Vier alte Wanduhren zeigen, wie spät es ist in den Slums von Gaza, auf Lampedusa, in Port-au-Prince und Kenia – nicht das einzige Zitat aus der Welt der Luxushotels: Zu offiziellen Anlässen tragen die „Hoteliers“ rot-goldene Uniformen aus dem Theaterfundus.

„Grandhotel Cosmopolis“ meint aber vor allem, dass sich hier alle Beteiligten, woher und warum sie auch kommen, auf Augenhöhe begegnen sollen. Es geht nicht um die „Unterbringung“ und „Verwaltung“, sondern um ein respektvolles Miteinander, aus dem etwas Größeres erwächst. Die Begriffe Asylbewerber oder Flüchtling sind daher von Anfang an tabu.

Mit 60 Helfern zum Gesamtkunstwerk

Auf mehreren öffentlichen Anhörungen akzeptiert die Nachbarschaft das neuartige Konzept. Weitaus schwieriger ist es, die Behörden für das Experiment zu gewinnen. Hier müssen die Künstler Abstriche machen. So sind in Bayern für Asylbewerber bis heute abgeschlossene Gemeinschaftsunterkünfte Pflicht. Ein Leben Tür an Tür mit den Künstlern geht also nicht. Ein Gebäudetrakt wird zu diesem Zweck abgeteilt und an die Regierung von Oberbayern vermietet, die Heimleitung und Hausmeister stellt. Doch wenigstens wird im Projektverlauf auf eine zentrale Essensausgabe im Haus verzichtet. Unterdessen entwickelt sich das Haus zum Szenetreff.

Ende 2012 geht es mit dem Bau endlich richtig los: Architekt Adamczyk hat bis zu 60 Helfer zu koordinieren, ungelernte zumeist. Praktikanten, Verurteilte, die ihre Sozialstunden ableisten, Aussteiger, Studenten, die die Gruppendynamik des Projekts erforschen.

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Natürlich: Marissa Reiserer und der Kinderarzt Lauritz Bahnemann gestalteten den Raum „Biotop“.

Aber es gibt auch Handwerker, die ihre Arbeitszeit spenden, Firmen, die Ausstattung oder Material beisteuern: Farbe, Fliesen, Parkett.

Schon deshalb geht es sehr bunt zu im Haus. Vieles wird erst vor Ort entschieden. Nicht immer führen Diskussionen weiter, manches muss erprobt und mehrfach gemacht werden. Gerade Künstler, als die sich hier viele begreifen, wollen experimentieren. „Machen, einfach machen“, war auch für Adamczyk die Devise. „Ich bin froh, dass es auf diese Weise ein Gesamtkunstwerk geworden ist.“

So konnten ab Juli 2013 die Menschen einziehen, „die nicht freiwillig reisen“. Die Behörden hatten schließlich geschluckt, dass nicht alle Zimmer gleich aussehen und dass vieles improvisiert ist. „Im Alltag funktioniert aber vieles ganz reibungslos. Die Übergänge zwischen den Bereichen sind fließend“, berichtet der Architekt. Die 60 bis 65 Bewohner dürfen zwar kein Geld verdienen, aber helfen, wo sie können. Von Anfang an trifft man sich in der gemütlichen Lobby und in der bewusst unfertig belassenen Großküche im Untergeschoss, die auch für Veranstaltungen dient und bald als vegetarisches Restaurant eröffnen soll.

Der Gast zahlt, was er für angemessen hält

Im Oktober 2013 öffnete das Hotel auch für „normale“ Reisende. Vielfalt ist hier ebenso das Prinzip: Die zwölf Zimmer in den oberen Etagen, zumeist mit Balkon und spektakulärem Blick auf die Innenstadt, gestaltete jeweils ein Künstler völlig eigenständig. Auch Michael Adamczyk nahm sich Zeit für einen Raum. Es ist bei Weitem der schlichteste von allen.
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Egalitär: Alle Gäste und Bewohner des Hauses sollen sich nach der Idee von Michael Adamczyk auf Augenhöhe begegnen und unter möglichst gleichen Bedingungen leben.

Die Kreativen schufen tatsächlich einen Kosmos an Lösungen, mutiger als jedes Art-Hotel. Es gibt ein Spiegel- und ein Frauenzimmer, in einem Raum geht ein gipserner Mann durch die Wand, woanders wachsen Bäume in den Ecken. Geräumig, doch (wie die auch angebotenen Hostel-Betten) mit Bad und WC auf dem Flur, kosten die Zimmer 40 oder 60 Euro die Nacht als Minimum. Darüber hinaus gibt der Gast, was er kann und für angemessen hält. „Ein Ort der Träume und der Tränen“, so beschrieb die Lokalzeitung etwas sentimental, aber treffend diese Verschiedenheit unter einem Dach. Denn während die Touristen, auch wegen vieler guter Pressestimmen, bis heute in Scharen kommen, wurden einige der „nicht freiwillig Reisenden“ abgeschoben, als sie gerade Wurzeln geschlagen hatten. Das viel kritisierte Asylsystem lässt sich auch hier nicht aushebeln. Dennoch macht den besonderen Charme des Hauses aus, dass Menschen aus wirklich aller Herren Länder gleichberechtigt aufeinandertreffen: Von Anfang an erfüllten eigentümlich fremde Klänge die Flure. Das Klavier im Foyer wird häufig für unterschiedlichste Musikstile genutzt, ein Akkordeonspieler geht um, ein afghanischer Sänger produzierte hier gar einen Hit. Ein Bastler macht in einem der Ateliers alte Radios flott und bestückt jedes Zimmer mit einem dieser schmucken Kästen. Dabei geht die Gestaltung weiter: Ein Dekorationsmaler verzierte das Treppenhaus. Ein Flur bekam seine aktuelle Gestalt, indem alle Passanten mit einem roten Filzstift über den Goldgrund fahren durften. Das sieht sehr apart aus und steht für Teilhabe. Jede und jeder darf hier Spuren hinterlassen. Die „soziale Plastik“ in seinem Sinne, sie würde Joseph Beuys sicher Freude machen.

Kein Genie im stillen Kämmerlein

Seit das Grandhotel Bundessieger im „Land der Ideen“ wurde und den „Miteinander-Preis“ des Bayerischen Rundfunks gewann, gilt es weithin als Modellprojekt. Michael Adamczyk wird seither häufiger zu Vorträgen eingeladen, er betont aber stets den kollektiven Charakter des Unternehmens. In seinen Augen sind Architekten – als die letzten Generalisten – zwar prädestiniert für diese koordinierende Rolle. Sie müssten aber dazulernen: „Sie sind nicht mehr die Genies, die allein im stillen Kämmerlein Großes erschaffen.“ Viel zu lernen hat aber auch die Bürokratie: Demnächst wird der Architekt eine Gruppe Bauamtsleiter durch das Haus führen.

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Surreal: Der Raum „Maskerade des Lebens“ ist ein Werk der Augsburger Künstlerin Eva Krusche.

Niemand schert sich derweil darum, dass die Hoteliers lediglich eine zehnjährige Zwischennutzung zugestanden bekamen. Architekt Adamczyk, Umbau-erfahren, hat ein Faible für das Informelle, Spontane in Architektur und Städtebau. Gerade die alte Industriestadt Augsburg biete kreativen Zwischennutzern ein reiches Betätigungsfeld, ähnlich wie Berlin nach der Wende. „Der Markt ist noch nicht so leer gefegt wie in München oder Stuttgart.“ Eine gewisse Mindestgröße müsse eine Stadt aber haben für Experimente wie das Grandhotel, sonst fehle die in doppelter Hinsicht kritische Masse.

Seit 1650 feiert die Stadt Augsburg an jedem 8. August ihr Friedensfest. In diesem Sommer haben die Cosmopolis-Hoteliers auf einer Wiese in der Stadt eine mehrwöchige kreative „Peace Conference“ veranstaltet, mit Gästen aus aller Welt. Den spontanen räumlichen Rahmen besorgte Michael Adamczyk: mit einer Ladung Strohballen.


Christoph Gunßer ist freier Fachautor in Bartenstein (Baden-Württemberg)

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