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Gleichberechtigung

Wie Frauen aus der Architektur fallen

Im Büro von Ingeborg Kuhler: die Mitarbeiterinnen Ruth Jureczek und Irene Keil, 1986

Um die Sichtbarkeit von Architektinnen ging es nicht nur in der Ausstellung „Frau Architekt“ im DAM, sondern an deren Rande auch am 3. Februar 2018 beim Symposium „Yes, we plan!“. Von den Planerinnennetzwerken in Deutschland initiierte, zeigte es viele Probleme und Lösungen für eine gleichberechtigte Baubranche. Nur eines blieb unsichtbar: die Männer in der Architektur.

Von Rosa Grewe

Es gibt schwarze Löcher in der Baubranche. Unauffällig für alle, die frisch aus dem Architekturstudium kommen. Denn das Gleichgewicht bei den Absolventen ist ausgewogen, xx und xy halten sich die Waage. Später verdichtet sich die Lebensmasse: mehr Verantwortung im Job, mehr in der Familie, Ehe, Kinder, pflegebedürftige Eltern. Das sind Verbindlichkeiten, die die Rotation der Masse schneller und schneller drehen. Bis zum Kollaps. Das schwarze Loch, das dann entsteht, verschlingt etwa ein Drittel der weiblichen Masse. Der Zeitpunkt dieses gravitätischen Zusammenbruchs liegt zwischen dem 30. und 40. Geburtstag und nach der Geburt eines Kindes. Ab da ist die Bauwelt im Ungleichgewicht, und um dieses ging es bei dem DAM-Symposium „Yes we plan!“ in Frankfurt.

Das Planerinnen-Netzwerk „n-ails“ lud sieben Architektinnen aus Dänemark, Deutschland, Frankreich, Österreich, Schweden, Spanien und der Schweiz ein, um über den beruflichen Alltag von Architektinnen zu berichteten. Zunächst präsentierte die deutsch-britische Architektin Sarah Rivière die Fakten in Europa: Nur 30 Prozent aller in der Architektur arbeitenden Menschen sind weiblich. Nur 24 Prozent aller freiberuflichen Architekten sind weiblich. Nur 10 Prozent der Führungskräfte größerer Architekturbüros sind weiblich. Und selbst dieses letzte Zehntel bleibt oft unsichtbar und unbekannt. In den Erfahrungsberichten der sieben Architektinnen wurde klar, dass das Verschwinden ihrer Kolleginnen vor allem einer fatalen Divergenz von Arbeit und Familie geschuldet ist. Da ist zum Einen der Arbeitsethos in der Architektur, bei dem eine Vollzeittätigkeit mit durchschnittlich 51 Wochenstunden normal ist. Wer nur in Teilzeit arbeitet, wird in der Projektplanung vor allem für Zuarbeiten eingerechnet, hat beruflich weniger Perspektiven und Sicherheit. So arbeiten rund 40 Prozent der Architektinnen und nur 12 Prozent der Architekten in Teilzeit.

Das überwiegend von Frauen besuchte Symposium „Yes, we plan!“ im DAM in Frankfurt am 6. Februar 2018

Viele Architektinnen verzichten im Zweifel zugunsten Ihrer Familie ganz auf den Architekturberuf. Während die Architekten eher auf Familienzeit zugunsten der Arbeitszeit verzichten. Zum Anderen ist es aber das traditionelle Familienbild selbst, das in Europa, auch in scheinbar progressiveren Ländern wie Frankreich oder Dänemark, zu einem Ungleichgewicht führt. Das Gros der Familienarbeit erledigen häufig die Frauen. Ein Rat der schwedischen Architektin Alexandra Hagen: „Wählt Euren Ehemann gut aus!“ Überhaupt ging es immer wieder um stereotype Rollenbilder, wie das des männlichen Architekten. Viele Architektinnen sind frustriert ob des für die Baubranche typischen, männlich geprägten Habitus.

„Dabei haben Frauen oft das Gefühl, sie müssten überkompensieren und das ist für sie langfristig sehr anstrengend“, sagt Sarah Rivière. Eine britische Umfrage ergab, Architektinnen fühlen sich weniger respektiert in der Branche. Wer das als Gefühlsduselei abtut, sollte auf das ungleiche Geschlechterverhältnis bei Lehraufträgen, Fachtagungen oder auch in den Baufachmedien schauen. Oder aufs Gehaltsgefälle. In Europa verdienen Architekten durchschnittlich 48 Prozent mehr als Architektinnen in gleicher Position. Während für Architektinnen die Luft nach oben dünner wird, wird das Gehaltsgefälle dicker. Alexandra Hagen erklärte, wie gleiche Chancen aussehen können: eine flexible, qualitativ gute und gut finanzierbare Kinderbetreuung, eine gleichmäßig Aufteilung der bezahlten Elternzeit, eine Transparenz von Gehältern, eine gezielte Lenkung und Förderung von Frauen in Führungspositionen. Vor allem aber eine neue Arbeitskultur, in der Arbeitnehmer Familie und Arbeit ausgewogen organisieren können: Meetings in Kernzeiten, Home Office und flexible Arbeitsmodelle, eine straffe Büroorganisation und eine Abkehr vom 50-Wochenstunden-Arbeitsethos. Davon profitieren nicht nur die Architektinnen, auch die Architekten und die Architektur insgesamt, wie Hagen sagt: „Architekten bauen für eine diverse Gesellschaft. Ihre Teams sollten diese Diversität repräsentieren, um die beste Architektur für die Gesellschaft zu erzielen“.

Genaugenommen ist die Gleichberechtigung bei Diversität Artikel 3 unseres Grundgesetzes. Doch im Symposium fehlten konkrete Forderungen an die Politik, den Gravitationsstörungen in der Baubranche mit gesetzlichen Vorgaben entgegenzuwirken. Und bis auf circa drei mutige Architekten fehlten auch die Männer, die für die Gleichberechtigung ihrer weiblichen Kollegen und für eine veränderte Arbeitskultur einzustehen wagen. Es war eine Runde starker Architektinnen und unsichtbarer Architekten.

Elisabeth von Knobelsdorff und Therese Mogger an der Technischen Hochschule München, 1909/10

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