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Kommentar

Zur Lage der Architekturkritik

Architekturkritik muss sorgfältig analysieren, worum es gehen soll, und falschen Gegensätzen zuvorkommen

Von Ursula Baus

Stephan Trüby, der frisch gekürte Leiter des legendären Instituts für Grundlagen moderner Architektur der Universität Stuttgart (igma) hatte am 8. April mit einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein Lauffeuer quer durch unsere alten und neuen Medien entfacht. Dabei ging es ihm lediglich darum, die Aufmerksamkeit auf die Initiatoren der neuen Altstadt in Frankfurt zu lenken, einer Rekonstruktion, die – schaut man genauer hin – keine ist. Sei’s drum.

Aufschlussreich für den Zustand der Architekturkritik als inzwischen klassischer Kulturdisziplin ist allerdings, wie dieses Lauffeuer zustande kam. Empörungsrituale bei Facebook und in anderen Internet-Portalen sowie ein offener Brief von Archplus mit renommierten Erstunterzeichnern und -unterzeichnerinnen brachten die Feuilletonisten von der Welt über die Süddeutsche Zeitung bis zurück zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Stellung, und schon raunt man von einer „Debatte“.

Nun bringt das Thema „Rekonstruktion“ seit vielen Jahren Befürworter und Gegner in Rage und ins Grübeln und Forschen. Ausstellungen, Kongresse und tiefschürfende Publikationen liefern inzwischen eine Basis, auf der solche überschaubaren Themen eigentlich gar keine neuen Grabenkämpfe nach sich ziehen dürften. Nichts gegen Grundsatzdiskussionen – von Zeit zu Zeit müssen sie geführt werden. Aber die kruden Wort- und Argumentationsscharmützel, die in den „social media“ vor allem schnell und emotional zustande kommen, haben mit einer seriösen Architekturkritik wenig zu tun; es werden auch Themen aufgeworfen, die einfach falsch gewählt sind. Es rächt sich, dass die Digitalisierung das Tempo rasant steigert, mit dem Meinungshoheiten erobert werden; manche Wissenseliten kapitulieren vor Hashtags und Shitstorms, und wichtige Themen werden verkannt oder „verbrannt“.

Erinnert sei hier an Anna Teut, die vor Kurzem gestorbene Publizistin und Kritikerin. Als Mitgründerin von Daidalos und später der Zeitschrift werk + zeit verfügte sie über ein breites Wissen in Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte, war außerdem versierte Redakteurin und hatte 1967 mit dem Buch „Architektur im Dritten Reich 1933 bis 1945“ gesellschaftspolitisch-historische Themen mit wissenschaftlichem Anspruch aufgegriffen. Aber sie beschränkte sich keineswegs aufs Publizieren, sondern kuratierte Ausstellungen, war im Deutschen Werkbund aktiv – und scheute Konflikte nicht.

Anna Teut hatte Debatten über Interessen und Werte, Wissenschaft und Ethik angestoßen, die in einer kapitalisierten Gesellschaft selbstverständlich in Architektur- und Stadtentwicklungsfragen durchschlagen und differenziert geführt werden müssen. Dafür braucht man eine ernst zu nehmende Architekturkritik, die beispielsweise – um auf die Frankfurter Altstadt zurückzukommen – nicht Rekonstruktion an sich beklagt, sondern sie in diesem konkreten Fall als semantisch missratenen Bildbau benennt, wie es Niklas Maak in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. Mai ansprach. Aufgabe der Architekturkritik muss bleiben, bei der Wahl von Themen erst einmal sorgfältig zu analysieren, worum es gehen kann oder soll, und falschen Gegensätzen und Lagerbildungen zuvorzukommen. So darf man an die unabhängige, propädeutische Rolle der Architekturkritik für die Architekturtheorie erinnern und ihr – altmodisch formuliert – einen Platz im akademischen Lehr- und Forschungsbetrieb wünschen.

Ursula Baus freie Architekturpublizistin und -wissenschaftlerin.

Mehr Informationen und Artikel zum Thema „nachhaltig“ finden Sie in unserem DABthema nachhaltig.

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