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Interview

Den Titel ans Revers heften

Ines Wrusch ist freie Innenarchitektin in Hamburg und plant vor allem Geschäftsräume. Als Vorsitzende des Ausschusses der Innenarchitekten in der Bundesarchitektenkammer und als Mitglied im BDIA setzt sie sich für die Aufwertung des Berufsstandes ein. Wie der gesamte Beruf, ist auch das für sie eine Frage der Kommunikation.

Interview: Rosa Grewe

Woran arbeiten Sie berufspolitisch?

Mein Anliegen ist es, allen zu vermitteln, was diesen wunderbaren Beruf ausmacht, mit seiner sehr fundierten, breit gefächerten Ausbildung. Wir wollen zeigen, wozu es uns Innenarchitekten braucht. Dafür arbeiten die Länderkammern und der BDIA eng zusammen.

Woran arbeiten Sie konkret in der BAK?

Wir arbeiten an der besseren Anerkennung des Berufsstandes der Innenarchitekten. Das hat einmal mit der Ausbildung zu tun. Wir möchten bundesweit eine Ausbildung von mindestens vier, besser fünf Jahren und kämpfen dafür, dass ein dreijähriges Studium in keinem Bundesland mehr für den Kammereintrag reicht. Nur so kommen die Hochschulen an die Mittel, um vierjährige Ausbildungen mit Qualität leisten zu können. Außerdem arbeiten wir an der Konkretisierung der Bauvorlageberechtigung für Innenarchitekten.

Geht es um die Erweiterung der Bauvorlageberechtigung für Innenarchitekten?

Nein, es geht um eine Präzisierung der Bauvorlageberechtigung: Alle Länder sichern gesetzlich die Bauvorlageberechtigung für Innenarchitekten zu, aber jede Institution und jeder Sachbearbeiter legt das Gesetz anders aus. Wir fordern da auf BAK-Ebene und eng zusammen mit dem BDIA eine bundesweit einheitliche Anwendung.

Das heißt, Sie versuchen über die BAK Vorgaben an die Länderkammern zu machen?

Weder wir von der BAK noch die Länderkammern können Vorgaben machen, aber wir können Empfehlungen aussprechen. Der Gesetzgeber hat die Kammern auch zu diesem Zweck eingerichtet. Es sind aber die Landesregierungen, die Gesetze machen. Die jeweiligen Kammern versuchen, im Interesse der Architektenschaft ihre Landesregierungen zu beraten. Es ist aber schwierig, die Interessen der Innenarchitekten zu vertreten, denn es gibt ja insgesamt nur wenige Innenarchitekten, von denen sich auch nur sehr wenige in der Kammer engagieren. Man braucht für die berufspolitische Arbeit einen langen Atem …

… und Mitstreiter. Fühlen Sie sich als Minderheitsvertretung ernst genommen?

Früher scheint es schwieriger gewesen zu sein. Ich persönlich habe nie die Erfahrung gemacht, nicht ernst genommen zu werden. Seit ich im Ehrenamt bin, habe ich immer das Gefühl, in allen Gremien respektiert zu werden. Natürlich repräsentieren die Themen der Kammer die Interessen der Mehrheit der Kammermitglieder.

Aber viele Innenarchitekten fühlen sich nicht ausreichend wertgeschätzt. Wie ist das Verhältnis zu den Planerkollegen und zur Öffentlichkeit?

Das ist eine Frage des Kennenlernens. Es ist unglaublich schwer zu vermitteln, was wir eigentlich tun, wie komplex die Aufgaben sind und dass wir zum Beispiel ein vierjähriges Hochschulstudium zur Grundlage haben. Der Gesetzgeber hat diesen geschützten Beruf geschaffen, um auch bei der „Bauaufgabe Innenräume“ sicherzustellen, dass sich jemand darum kümmert, der das Gemeinwohl und die Baukultur im Blick hat.

Woran liegt es, dass selbst Fachleute und Planerkollegen zu wenig über diesen Beruf wissen?

Wir sind einfach nicht gut sichtbar. Eigentlich müssten bei jeder öffentlichen Bauaufgabe, die sich über Innenräume erstreckt, Innenarchitekten per Ausschreibung und per Wettbewerb einbezogen werden. Das findet aber noch nicht statt.

Also eine berufspolitische Diskriminierung oder mangelnde Selbstdarstellung?

Nein, es ist eher eine Unwissenheit der Auftraggeber. Und die Innenarchitekten müssen auch mehr für sich einfordern und sich einbringen. Das ist schwierig, weil wir so wenige sind. Mit mehr Mitgliedern wäre es einfacher, gesehen zu werden.

Aber Stadtplaner und Landschaftsarchitekten sind auch nicht viel mehr.

Ich vermute, es liegt am Alter der Berufe: Die Landschaftsarchitekten sind bei jedem öffentlichen Schulbau gesetzt, aber den Berufsstand gibt es auch schon viel länger. Die Innenarchitektur entstand mit der Veränderung des Arbeitslebens. Heute verbringen wir 90 Prozent unseres Lebens in Innenräumen. Die Innenarchitekten gibt es erst seit etwa 70 Jahren, es braucht einfach Zeit.

Welche Rolle spielen denn Wettbewerbe für die Anerkennung des Berufsstandes?

Wären mehr Innenarchitekten bei Wettbewerben gesetzt, würden sich auch mehr Innenarchitekten um die Bewerbung bei einem Wettbewerb bemühen. Aber ich merke natürlich in der berufspolitischen Arbeit, dass es bei Wettbewerben viele Reformthemen gibt, wie unter anderem die Beteiligung junger Planerbüros. Und dann kommen wir Innenarchitekten und sagen: „Wir bitte auch noch.“

Ist das frustrierend bei so viel ehrenamtlichem Engagement?

Nein, das ist eine Frage der Erwartung. Meine berufspolitische Arbeit ist für mich ein wertvolles Lernfeld darüber, wie Politik funktioniert. Es ist bereichernd, sich mit den dort ebenfalls vertretenen Innenarchitekturkollegen auszutauschen.

Was können die Innenarchitekten denn selbst für mehr Öffentlichkeit tun, neben der berufspolitischen Arbeit, die ja nicht jeder leisten kann?

Das ist eine Frage vom Marketing und vom Selbstverständnis. Innenarchitekten sollten ihren Titel auf dem Revers tragen. Aber es gibt viele Absolventen der Innenarchitektur, die sich den Titel über eine Kammermitgliedschaft gar nicht holen und den Beruf als Planer ohne Listeneintrag ausüben.

Aber wieso das?

Das ist mir ein Rätsel. Vermutlich aus finanziellen Gründen. Aber warum jemand, der mit dem Berufswunsch gestartet ist, auf die geschützte Berufsbezeichnung verzichtet, verstehe ich nicht.

Aber andererseits ist genau das die sichtbare Abgrenzung qualifizierter Innenarchitekten. Brauchen wir im Sinne der Qualitätssicherung eine stärkere Verbindlichkeit zur Kammermitgliedschaft?

Bei den Ärzten und Anwälten ist das ja tatsächlich so. Aber planen darf im Grunde jeder, das ist aber auch schwieriger abzugrenzen. Ich denke nicht, dass es strengerer Regelungen bedarf. Mein Appell geht an die Kunden und Bauherren: Schaut genau hin!

Aber ganz ehrlich, gerade beim Bauen im Bestand konkurrieren Sie doch mit den Hochbauarchitekten?

Es ist die Frage, wie man sich aufstellt. Wer ein Alleinstellungsmerkmal hat, hat eigentlich keinen Konkurrenten.

Sie sind ein sehr optimistischer und konstruktiver Mensch, oder?

Vielen Dank (lacht). Ich übe das. Ich bin gerne Innenarchitektin. Wie alles, funktioniert auch ein Bauprojekt nur geschmeidig, wenn Menschen Dinge gerne tun. Dafür braucht es eine gegenseitige Wertschätzung und Freude an der Arbeit, einfach eine unvoreingenommene Grundhaltung mit Respekt – und Selbstbewusstsein im Beruf.


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