Text: Stefan Kreitewolf
„Das ist einfach nur Schund“, schimpft der alte Mann mit dem Hut. Er meint die neue Christuskirche in Köln und konkretisiert: „Das Türmchen ist wie immer schön, nur diese Klötze kann ich kaum ertragen.“ Weiß und schräg ragen sie auf, fast, als würden sie ineinanderkippen: die beiden neuen Gebäudeteile der Christuskirche in Köln. In ihrer Mitte trotzt der alte Kirchturm im neugotischen Stil den modernen Ideen der Architekten. Einer von ihnen ist Klaus Hollenbeck. Er erklärt: „Die beiden skulptural gestalteten Gebäudevolumen öffnen sich mit einer einladenden Geste zum Stadtgarten und neigen sich gleichzeitig beschützend zum Turm hin.“ Der grimmige Rentner sieht das anders. Kopfschüttelnd zieht er mit seinem Dackel von dannen.
Für die Architekten ist das nicht neu. Hollenbeck und Walter Maier haben mit ihren Büros das Gebäudeensemble gemeinsam entworfen und realisiert. Maier, der seit mehr als zwei Jahrzehnten Kirchenumbauten plant, steckt seit 1997 in Gesprächen zur Sanierung der Christuskirche. Hollenbeck fertigte die Form der beiden Riegel bereits als Gipsskulptur an. Beide wissen: Die Christuskirche polarisiert.
Der Teilabriss und -neubau wurde von Beginn der Planungen an mit Kritik und Polemik begleitet. Ein Kölner Stadtteilmagazin verriss die Pläne der Architekten und titelte etwas undeutlich: „Es geht ums Prinzip“. 2014 entschied sich die Gemeinde von Pfarrer Christoph Rollbühler dennoch, das 1952 in Zeiten finanzieller Nöte errichtete und marode Kirchenschiff abreißen und um den entstandenen Freiraum herum zwei Wohn- und Geschäftsbauten bauen zu lassen. „21 Mietwohnungen und zusätzliche Büros sowie Geschäfte sind so entstanden“, sagt der Pfarrer.
Nach langer Käufersuche und mehreren Enttäuschungen entschied sich die Evangelische Kirche Köln (EKK), selbst den Umbau zu finanzieren. Knapp zehn Millionen Euro investierte die evangelische Kirche in den Um- und Neubau. Eine geistliche Organisation als Immobilienunternehmer? „Das rief natürlich die Gegner auf den Plan“, sagt Rollbühler. Er ließ sich aber nicht beirren und betont: „Wir haben die Kirche ja auch nicht komplett eingeebnet; der Kirchturm selbst ist erhalten geblieben, und darin befindet sich ein neu gestalteter Betraum.“ 199 Menschen finden nun darin Platz.
Mitgliederzahlen sinken, Kirchen verwaisen
Heute ist er sich sicher: „Bei uns ist ein außergewöhnliches Architekturensemble aus historischer Bausubstanz, neuem Kirchenschiff, modernen Gemeinderäumen und einem neuen Gemeindegarten entstanden.“ Architekt Hollenbeck kann dem nur beipflichten: „Der Kirchturm wird durch die beiden Gebäuderiegel nun perfekt in Szene gesetzt. Vorher war die Kirche von der Spichernstraße aus kaum als solche zu erkennen.“ Fakt ist: Die Kirche ist – fernab aller Bewertungen – nun zukunftsfähig. Das alte Kirchenschiff war schlicht zu groß für die schrumpfende Gemeinde. Die Entwicklung steht symptomatisch für das größte Problem deutscher Kirchen derzeit. Die Kirchenaustritte nehmen zu, immer weniger Menschen gehen zum Gottesdienst. Wegen sinkender Steuereinnahmen und schrumpfender Mitgliederzahlen müssen Kirchen immer mehr Sakralbauten verkaufen. In anderen Fällen ist der Erhalt von Kirchen zu teuer oder kleine Gemeinden werden zusammengelegt. Vielen verwaisten Kirchen geht das an die Substanz. Sie werden abgerissen oder verkauft und umgenutzt.
Angaben der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) zufolge gibt es auf katholischer Seite bundesweit 24.189 sakrale Kirchengebäude, davon sind gut 23.000 denkmalgeschützt. Matthias Kopp, Pressesprecher der DBK, berichtet: „366 katholische Kirchen sind seit Anfang des 21. Jahrhunderts bundesweit profaniert“ – das heißt für einen Abriss oder eine Umnutzung entweiht – worden. Davon seien bislang 84 Kirchen verkauft worden. „88 Kirchen wurden abgerissen“, ergänzt Kopp. Zwischen 1990 und 2015 seien 272 evangelische Kirchen und Gemeindezentren verkauft worden, erklärt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). 105 protestantische Gotteshäuer seien abgerissen worden. Maier und Hollenbeck sind übrigens strenge Gegner eines Verkaufs von Kirchen. Hollenbeck erläutert: „Die Kirchen sollten nicht einfach ihre Gebäude veräußern, sondern die sinkenden Mitgliederzahlen zum Anlass nehmen, ihre Struktur zu verändern.“ Sie sehen die Kirchen nicht in einer Krise. „Wir sehen eine große Chance für die Kirche, einen Veränderungsprozess zu beginnen“, sagt Hollenbeck. Das bedeute im Fall der Kirchen „eine Umstrukturierung der Gebäude und eine Offenheit gegenüber neuen Nutzungen von Sakralbauten“. Das zeigen Kirchen und Gemeindezentren bundesweit, die als City-, Diakonie-, Kultur- und Konzertkirchen sowie als Stadtteilzentren (vgl. „Zur Stadt geöffnet“) genutzt werden und nicht profaniert wurden.
Verwaiste Sakralbauten könnten temporär umgenutzt werden. Ein Beispiel hat der Architekt direkt zur Hand. „Wir planen gerade eine Whiskey-Brennerei in einer alten Kirche“, verrät Hollenbeck. Das sei perfekt für eine Zwischennutzung von zehn bis 15 Jahren. Der Umbau von ehemaligen Kirchen ist allerdings nicht immer problemlos möglich. DBK-Mann Kopp weiß: „Sofern die Gebäude unter Denkmalschutz stehen, sind die Umnutzungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt.“
Eine „Win-win-win-Situation“?
Die Evangelische Gemeinde Köln stellt sich mit der Christuskirche indes entschieden gegen den Trend der Standortreduzierung und „kämpft ausdrücklich für den Erhalt gemeindlichen Lebens, in dem Glauben, Arbeiten und Wohnen zusammenkommen“, sagt Pfarrer Rollbühler. Er will seine Kirche erhalten, nur etwas kleiner.
Architekt Maier folgt diesem Prinzip auch mit anderen sakralen Bauprojekten. Er nennt es „gesundschrumpfen“. Schließlich sähen sich die Kirchen mit zwei sich gegenseitig befeuernden Entwicklungen konfrontiert. Neben den sinkenden Mitgliederzahlen und damit schrumpfenden finanziellen Einnahmen, stiegen die Unterhalts-, Betriebs- und Energiekosten von Kirchengebäuden stetig. Wie das Problem zu lösen sei, zeige die Christuskirche. „Statt des alten Kirchenschiffs wurden eine deutlich verkleinerte neue Kirche sowie neuer Wohnraum und Gewerbeflächen geschaffen. Dabei wurde die Ressource des wertvollen innerstädtischen Grundstücks für die Zukunft der Gemeinde besser genutzt. Die Kirche tritt nun als Vermieter auf. So hat die Gemeinde geringere Betriebskosten und Einnahmen aus Immobilieneigentum“, sagt Maier.
Deswegen nennt er die Christuskirche „eine Win-win-win-Situation“. Während die beiden ersten „Wins“ für Pfarrer und Gemeindemitglieder stehen, gilt das dritte den neuen Mietern. In den neuen Gebäudeteilen der Christuskirche wohnen nämlich in circa einem Viertel der Wohnungen Flüchtlinge – „innerstädtisch und im Neubau“, betont der Architekt. Nebenan gibt es Büros und einen Zahnarzt. Wer möchte, kann nun nach dem Beten direkt zum Zahn-Bleaching, für das im Fenster offensiv geworben wird. Eine „Win-win-win Situation“? Darauf angesprochen, muss der alte Mann mit dem Dackel grinsen. „So was hätte es früher nicht gegeben.“
MEHR INFORMATIONEN
Kirchengebäude in Deutschland
Evangelische Kirchen und Gemeindezentren: 23.656
unter Denkmalschutz: 17.017
abgerissen: 105
verkauft: 272
Neubau: 391
Katholische Kirchen und Gemeindezentren: 24.189
unter Denkmalschutz: 23.000
abgerissen: 88
verkauft: 84
Neubau: 72
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