Das Eco-Quartier Clichy Batignolles entstand auf einem alten Güterbahnhof. (Klicken für mehr BIlder)
Mit über 30000 Einwohnern pro Quadratkilometer bieten die nördlichen Pariser Arrondissements die dichtesten Stadtviertel in Europa, sogar dichter besiedelt als Manhattan. Da fügt es sich gut, dass der industrielle Strukturwandel in den letzten Jahren ebendort große Areale brachfallen ließ. Eine weitere Verdichtung war hier indes nicht mehrheitsfähig ohne Zugeständnisse an den grünen Zeitgeist.
Seit 2001 der Sozialist Bertrand Delanoë Bürgermeister wurde, in Koalition mit der Liste Ökologie und den Kommunisten, stand die Lebensqualität der Stadtbevölkerung ganz oben auf der Agenda. Und als seine Stellvertreterin Anne Hidalgo 2014 das Amt übernahm, sollten 100 Hektar neue Parks in Paris entstehen. Seither gibt es Wettbewerbe und Fördertöpfe für Urban Farming, Pocket Parks und soziale Initiativen. Grassroots statt Grand Projets, ließe sich frotzeln. Doch dienten Parks auch den Immobilienunternehmen schon immer als ein gutes Vermarktungsargument.
54 Hektar Neustadt: Clichy-Batignolles
Ein frühes Beispiel für den neuen Wind in den Planungsabteilungen der Stadt, aber auch der Developer ist Clichy-Batignolles (hier die Website mit einem beeindruckenden Vorher-Nachher Luftbild und hier die Planung und Einzelprojekte in einem PDF zusammengefasst, Städtebauliche Planung: Francois Grether, Paris). Zwischen dem kleinteiligen, baulich intakten Stadtteil Batignolles im Süden und der Porte de Clichy im Norden, im 17. Arrondissement, gab es eine weitläufige Bahnbrache. Quer hindurch verläuft außerdem ein noch aktiver Abschnitt der Ringbahn Petite Ceinture (dazu ein weiterer Artikel auf DABonline). Um Platz zu gewinnen, wurde ein Großteil des neuen Stadtviertels auf einer zehn Meter hohen Plattform über einem Teil des Gleisvorfelds des Bahnhofs Saint Lazare errichtet.
Zwar abgestuft zum alten Batignolles, steigen die Gebäude hier teilweise bis über die vom Haussmannschen Stadtkörper vorgegebenen und seit den Bausünden der Nachkriegszeit als sakrosankt geltenden 37 Meter hinaus. Es gibt bis zu 16 Etagen oberhalb der Plattform, und ganz am Nordrand, zum Boulevard Périphérique, durfte Renzo Piano seinen gläsernen Justizpalast sogar 180 Meter auftürmen, abgetreppt, mit 10000 Quadratmetern grünen Dachterrassen, versteht sich. Als Paris sich für die Olympischen Spiele 2012 bewarb, plante man übrigens hier das Athletendorf.
Als verbindende Mitte ein Park
Mitte und Fokus des Viertels ist zum Ausgleich ein zehn Hektar großer Park, von Jaqueline Osty als kleinräumige grüne Lunge mit Regenwasserspeicherung und See, Freizeit- und Gleisgarten gestaltet. Auch wenn die Freitreppen zur alten Stadt ein wenig Montmartre simulieren, die Architekten der 27 Grundstücks-Tranchen sehr auf Vielfalt getrimmt wurden, bleibt das Viertel vom Charakter her vorstädtisch und zwar nicht im Sinne eines Pariser Faubourg, sondern von Peripherie. Straßen dienen hier nur der Erschließung, bilden keine Räume – und sind entsprechend leer.
In den Fassaden der Wohnbauten – insgesamt gibt es 3400 Einheiten – bestaunt man weit wilder als hierzulande ein reiches plastisches Formenspiel: Faltungen in Metall, Holz oder Beton bilden interessante Texturen. Deren häufige Wiederholung und die schiere Höhe der Komplexe erschweren eine urbane Maßstäblichkeit. Stattdessen gibt es neckische Details wie in der Bewegung eingefrorene „flatternde“ Fensterstores, ein Witz, der sich schnell abnutzen dürfte.
Hinter den Mustern mischen sich vielerlei Nutzungen, das muss man einräumen: Frei finanzierte und Sozialwohnungen mischen sich mit Seniorenheim, Wohnheimen und öffentlichen Einrichtungen im selben Block, wobei der Blick auf die alte Stadt meist den teuren Wohnungen vorbehalten ist. Am Westrand zu den Gleisen, die zum Bahnhof Saint-Lazare führen, ballen sich 140000 Quadratmeter Büros und ein 30000 Quadratmeter mächtiges Einkaufszentrum im Sockel. Am anderen Ende des Sockels haben Baumschlager Eberle einen im Vergleich zu den Nachbarbauten ziemlich unauffälligen urbanen Holzbau mit „green offices“ realisiert, der mit einem Energiebedarf von nur 22,9 kWh/m²a glänzt.
Anspruchsvoller Öko-Standard
Tatsächlich gelang es der Stadt, in den zwei zugrundeliegenden „Zones d´aménagement concerté“, also Sanierungsgebieten, einen dem Passivhausstandard vergleichbaren Code festzuschreiben. Das funktioniert dank 3500 MW/a liefernder Photovoltaik (40 Prozent des Strombedarfs) und Geothermie. Die zapft 28 Grad warmes Wasser aus 650 m Tiefe, was 85 Prozent des Wärmebedarfs decken soll.
Bedenkt man, dass in Frankreich immer noch ein Drittel der Haushalte mit Strom heizt – 58 AKWs machen´s möglich – , ist das hier ein beachtlicher Standard, das den vom Ministerium für den ökologischen Wandel (!) vergebenen Titel „Ecoquartier“ verdient hat. Obendrauf gibt es noch eine innovative Müllentsorgung via Unterdruck, gleich einer Rohrpost, was den Lkw-Verkehr minimieren soll.
Vom Unort zum Vorzeigeviertel: die Docks von Saint-Ouen
Ein weiteres der bislang insgesamt sechzehn zertifizieren Ecoquartiers in Frankreich steht nur wenige Kilometer nördlich (die neue fahrerlose Metrolinie 14 führt seit Kurzem geradewegs dorthin), im einst schmutzigen und tiefroten Vorstadtgürtel von Saint-Ouen. Wer nur flüchtig auf den Stadtplan blickt, findet dessen Lage an der Seine superb, doch die Wirklichkeit sah lange Zeit anders aus. Der historische Vorhafen von Paris – die Schiffe sparten sich eine weite Flussschleife – wurde im 19. Jahrhundert zum Industrieschwerpunkt. Auch später spie Paris alles Unpassende hierhin aus, zum Beispiel die Müllverbrennung, die hier direkt an der Seine bis heute die Luft verpestet.
Nach aufwändiger Dekontamination der brachgefallenen Flächen – die ganze Gegend schwimmt angeblich auf einer nicht mehr erreichbaren Blase aus giftigen Kohlenwasserstoffen – wächst hier bis 2025 ein einhundert Hektar großes Vorzeigeviertel, das Saint-Ouens Schmuddelimage endgültig ad acta legen sollte (hier die Website des Quartiers Les Docks de Saint Ouen und hier als PDF zusammengefasst, Konzept: maparchitecture mit dkm-architectes und etamine). Vorab einigte man sich mit der Stadt Paris, dass hier viele Sozialwohnungen entstehen sollten, für die man in Paris keinen Platz mehr fand.
Auch eine neue Großklinik für den Pariser Norden und die Reginalverwalter der Ile-de-France werden hier entstehen – noch immer ist der Norden also der „Überlauf“ der Hauptstadt. Die Linien des Grand Paris Express genannten neuen High Tech-Metro-Netzes führen hier vorbei und binden das eher verschlafen wirkende Saint-Ouen mit seinen nur 50000 Einwohnern bestens an. Gut 5000 Wohnungen werden am Ende um die als Natur-See renaturierten Docks entstehen. Auch hier gilt Niedrigenergiestandard.
Kleingärten als grüne Lunge
Als die kommunistische Mehrheit im Stadtrat 2014 nach fast siebzig Jahren kippte und die Bürgerlichen übernahmen, lag das noch nicht an den Neubürgern. Doch wurde das Raumprogramm „angepasst“. Radikal ökologisch wirkt hier nichts mehr. Wie in Clichy-Batignolles sind die großen Baublöcke architektonisch bunt gestrickt. Vorn am See tummeln sich die Türme mit ihren Stirnseiten fast wie eine Bauausstellung. Großer Friedensstifter im Getümmel ist auch hier die Natur, die hier sogar angeeignet wird: Gut gepflegte Mietergärten machen einen Großteil der grünen Mitte aus. Daneben gibt es ein Bürgerhaus in Gestalt eines Riesengewächshauses (Landschaft von Land´act mit Ecosphere).
Dort, wo laut Stadtplan aber alle Augen hinwandern, zum Seine-Ufer, ist indes kaum ein Durchkommen. Dort dröhnt weiterhin der Verkehr. Links raucht immer noch die Müllverbrennungsanlage. Sie versorgt die Ökosiedlung vorerst noch mit Fernwärme, wird aber durch einen schicken Bürokomplex ergänzt.
Ein Arbeiterbezirk im Umbruch
Vis-à-vis, auf der Seine-Insel, soll bis 2024 das olympische Dorf entstehen. Wenn auch die restriktive Pariser Verkehrspolitik einmal auf die nördliche Peripherie abfärbt, besteht eventuell Hoffnung auf ein autofreies Seine-Ufer. Bislang bündelt man den Ziel- und Quellverkehr im Gebiet immerhin in drei Quartiersgaragen, darunter ein innovatives Silo. Ein kompaktes neues Schulgebäude, das einen ganzen Stadtblock einnimmt, erfüllt den Passivhaus-Standard.
Eine riesige alte Fabrikhalle von Alstom wurde edel umgebaut, unter anderem für ein Designbüro. Reste der alten Arbeiterkolonie gab man indes zum Abbruch frei, für ziemlich gesichtslose Wohngebäude. Noch ist hier Vieles im Umbruch. Doch erwartet Saint-Ouen eine sicher sauberere, wenn auch gentrifizierte Zukunft.
Holz und Lehm in Paris? Aber klar!
War schon Haussmanns Paris wirklich keine ausgesprochen grüne Stadt, so fehlte ein Baustoff darin ganz bestimmt: Holz. Den sucht man auch in den Ecoquartiers fast vergeblich (Ausnahme siehe oben).
Auf einer kleinen Bahnbrache unweit des Gare du Nord entsteht aber tatsächlich ein ganzes Ensemble aus Holzbauten. An der Rue Ordener entwarfen Biecher Architectes, Paris, ein (nicht zertifiziertes) Ecoquartier im Kleinen, das seine hier gezeigten Schwesterprojekte nicht nur ökologisch in den Schatten stellt, mit einer engen Verzahnung der Nutzungen über und neben einem alten Shed-Gebäude der Bahn. Der Bezug zur Geschichte stimmt, und vor allem der Maßstab.
Als weiterer typischer Öko-Baustoff hat es übrigens auch der Lehm bis nach Paris geschafft. Im Südosten, in Ivry, entsteht derzeit ein nutzungsgemischtes Quartier aus diesem Baustoff. Der ist hier sozusagen Abfall: Er stammt aus dem U-Bahnbau des Grand Paris Express.
War dieser Artikel hilfreich?
Weitere Artikel zu:
Eines der „neckische(n) Details wie in der Bewegung eingefrorene „flatternde“ Fensterstores, ein Witz, der sich schnell abnutzen dürfte“ ist in Spanien und anderen südlichen Ländern ein probates Mittel, direkte Sonneneinstrahlung zu verhindern und kühlende Belüftung zu gewährleisten. Dort besonders auch an Balkonen installiert, verschiebbar und somit flexibel tun sie auch hier sicher gute Dienste. Nämlich dort, wo keine künstliche Belüftung, keine mechanische Verschattung gewünscht ist….