Helle Höhle

Auffällig unauffällig: Der Denkmalschutz ließ über der Erde keinen Anbau zu – aber darunter. Institutionen in Platznot erweitern immer häufiger unter der Erde. Ob diese Räume angenommen werden, hängt vor allem davon ab, wie Tages- und Kunstlicht in die neuen Tiefen dringen. Ein besonderer Ausbau gelang nun unter dem Mannheimer Schloss. Von Christoph Gunßer Weitläufig ist das 1720 begonnene Mannheimer Schloss am Rande der Quadrate-Stadt – nach Versailles die größte Residenz Europas. Doch an den langen Fluren seiner vielen Flügel reihen sich nur schmale Gemächer aneinander. Die Universität, die hier seit dem Krieg residiert, nutzt sie für Verwaltung, Bibliothek und Seminarbetrieb. Allein: Hörsäle waren im barocken Raster nicht unterzubringen, Anbauten unterband der Denkmalschutz. Die akute Raumnot schlug sich zuletzt sogar im Ranking der angesehenen Institution nieder. Das Renommee der Mannheim Business School, einer Ausgründung der Universität für die Weiterbildung von Managern, litt offenbar besonders. Deren Leitung verfiel auf die ungewöhnliche Idee, statt des erwogenen Neubaus an anderer Stelle den leer stehenden Kohlenkeller des Schlosses zu nutzen, der zum Teil unter der Mensawiese des Westflügels lag. Inspirierend wirkte dabei der Annex des Städel Museums im nahen Frankfurt, den schneider+schumacher 2012 unter dessen Garten realisiert hatten. So lud man die Architekten mit drei weiteren Büros 2013 zum Verhandlungsverfahren für den 9-Millionen-Bau, den die Business School im Gegenzug für 20 Jahre Nutzungsrecht allein finanzierte. Als erprobte „Maulwürfe“ bekamen sie den Zuschlag.

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Die zwei Hörsäle gleichen anatomischen Theatern.

Michael Schumacher fand „einen düsteren, heruntergekommenen, großen Kellerraum“ vor und fragte sich, ob die diskutierte Oberlichtlösung auch in diesem Fall die sinnvollste wäre: „Können unterirdische Hörsäle, die dazugehörigen Foyers und die zehn geforderten Gruppenarbeitsräume angenehm sein, wenn zwar Tageslicht von oben einfällt, aber kein direkter Ausblick vorhanden ist?“ Tatsächlich sind Aufenthaltsräume in Kellern oft nicht nur für Klaustrophobiker eine Zumutung. Es galt also, den Park mit einzubeziehen. Einen Lichtschacht nach Art eines großen seitlichen „Spatenstichs“ am Schloss verwarf der Denkmalschutz. Am Ende stand die breite geschwungene Glasfassade, die mit einer Modellierung der Wiese korrespondiert. Innerhalb des rechteckigen Baufelds, das, wie einst der Keller, zum Großteil nicht unter, sondern vor der Schlossfassade liegt, entfaltet sich so eine Collage unterschiedlicher Räume mit Blick in den Park. Ausblick ins Grüne Im neuen Studien- und Konferenzzentrum, das den alten Kohlenkeller ersetzt, sind nun der Außenraum und seine Lichtstimmungen stets präsent. Spannungsvoll entwickelt sich die Abfolge von weitem, lichtem Entree im Erdgeschoss des Schlosses über die enger werdende Treppe zum sich wieder weitenden Foyer im Untergeschoss. Hier bilden Park und angrenzender Schlossflügel das Panorama, und man ahnt sogar die Weite des nahen Rheinufers, das hier nur etliche Straßen und Gleise blockieren. Sogar in den zwei Hörsälen ist dieser Horizont präsent: Eine breite Glasfuge trennt die Einbauten vom alles überspannenden Betontisch, sodass der Zusammenhang der Räume deutlich wird.

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Erdgeschoss mit Foyer und Treppe hinab zum Studien- und Konferenzzentrum

Diese Raum-Collage ist so skulptural arrangiert, dass der Architekt zu Recht von einem Stück Land Art spricht. Da das Studienprogramm Vorlesungen und Gruppenarbeit kombiniert, liegen die dazugehörigen Räume nah beieinander. Im Grundriss sind die Funktionen auf drei Ebenen labyrinthisch eng verwoben – für agile Jungdynamiker reizvoll, Rollstuhlfahrer werden damit Mühe haben. Geschickt fügen sich Nebenräume zwischen Quader und Zylinder, dem barocken Genius Loci mit seinen ausgehöhlten Bauchungen und Stülpungen durchaus wesensverwandt. Form und Finish sind ganz und gar zeitgenössisch: Lackierte Möbelbauplatten und horizontale Lamellenwände bilden klare Kanten unter einem dünn verputzten weißen „Himmel“, der sich nur über den Sälen zur Kuppel aufwölbt. Einzig die vom oberen Foyer in die Tiefe führende Wand ist in traditionell samtenem Stucco lustro ausgebildet, weil dieser schmutzabweisender ist und einfach „wertig“ aussieht, wie Projektleiterin Meike Jung betont. Schade, dass dieses Foyer auch eine Box mit Nebenräumen aufnehmen musste, so edel reduziert ihr Design ist. Dies raubt dem Raum unterm fein restaurierten Gewölbe Ausgewogenheit wie Aura. Garderoben und Klos hätten nun wirklich in den Keller gepasst.

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Der schwarze Gang führt zum Aufzug, der rote in einen der zwei Hörsäle.

Die Hörsäle, fast so steil wie in der Anatomie-Lehre, fokussieren die Aufmerksamkeit ganz auf Vortragende und Tafel respektive Whiteboard. Mit jeweils 60 Plätzen intim im Maßstab, bekommen sie durch das intensive Rot von Teppich, Wandbespannung und Möblierung eine Stimmung, die Schumacher als Gegenpol zum Grün der äußeren Kulisse versteht. Erhöhte Aufmerksamkeit der Anwesenden (und der Medien) dürfte die erwünschte Wirkung dieses krassen Totaltheaters sein. Ob sie sich im Laufe der Zeit abnutzt? Dass die Debatten hier enthemmter, emotionaler, gar aggressiv gerieten, wurde bislang nicht berichtet. Es geht in dem Rund ja auch um so „kühle“ Themen wie Buchführung, Steuern und Marketing. Ein Raum sieht rot Die für konzentriertes Arbeiten erforderlichen 500 Lux werden trotz Rot erreicht, indem tageslichtfarbene LED-Strahler indirekt die weiße Kuppel erhellen. Das gleichmäßige, weiche Kunstlicht minimiert Reflexe auf Bildschirmen – Spiegelungen, wie sie in den Glaswänden erwünscht sind. Hier mischen sich Rot- und Grüntöne je nach Standort des Betrachters und erzeugen eine Illusion von Weite. Mit nicht einmal 900 Quadratmetern ist das unterirdische Zentrum nämlich überschaubar. Für die Grundhelligkeit in den übrigen Räumen sorgen kleine, in die Decke eingelassene Strahler. Foyer und Mehrzweckraum, von weißen Lamellenwänden gerahmt, erhellt ein fast weißer Terrazzo-Boden zusätzlich. Total schwarz ausgekleidet ist dagegen der in den Untergrund des Altbaus führende Gang zum Lift. Dies ist wahrlich ein Ort der Kontraste, geradezu ein architektonischer Muntermacher.

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Vor der Glasfront zum Schlossgarten befinden sich ein offener Versammlungsbereich ...

Die sichelförmige Glasfassade, die von einem schmalen Vordach aus Weißbeton geschützt wird, lässt sich im Übrigen nicht verschatten oder abdunkeln; auch Öffnungen gibt es nur für Fluchtwege und Rauchabzug im Brandfall. So verlockend präsent das Grün ist, betreten sollen es die Kursteilnehmer nicht. Hingegen hindert niemand die neugierigen Passanten daran, den „lachenden Mund“ der Glasfassade in Augenschein zu nehmen, sich auf dem abfallenden Rund davor niederzulassen oder die von den Kuppeln herausgedrückten Buckel im Gras zu besteigen. Man ist halt mittendrin im Uni-Betrieb – und doch für sich in der Höhle. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Hell“ finden Sie in unserem DABthema Hell  

Am Anfang waren wir oft die Feuerwehr

Markus Felsch: Direkt nach dem Studium Lighting Design an der HAWK Hildesheim gründete der Hamburger 2004 ein Ingenieurbüro für Lichtplanung. Mit seinem Team hat er seither circa 380 Projekte im In- und Ausland realisiert. Was ist gute Beleuchtung – und wie erreicht man sie? Lichtexperte Markus Felsch über Abwechslung fürs Auge, unangenehme Raumsituationen und die Teamarbeit mit Architekten. Interview: Brigitte Schultz Herr Felsch, womit beginnt eine gute Lichtplanung? Mit dem Licht – nicht der Leuchte! Zuerst steht die Frage: Wie soll das Licht beschaffen sein? Man kann auch mit einer Kerze anfangen, darüber nachzudenken. In welchen Fällen werden Sie als Lichtplaner hinzugezogen? Bei uns landen häufig entweder die Problemfälle oder die Bereiche eines Projekts mit der größten Außenwirkung. Bei einem großen Bürogebäude beispielsweise planen wir meistens nicht die 1.200 Arbeitsplätze, sondern Foyer, Fassade und Besprechungsräume. Dabei sollten eigentlich gerade die für die Mitarbeiter wichtigsten Räume im Fokus stehen. Kann ich ein gutes Gebäude durch eine schlechte Beleuchtung ruinieren – oder andersrum? In Teilen. „Schlecht“ und „gut“ sind schwierige Bewertungskriterien. Es kommt auf die gewünschte Wirkung an. Wenn ich einen Discounter plane, der ein möglichst günstiges Preisniveau vermitteln soll, muss ich ein Licht planen, das im Museum oder zu Hause sehr schlecht wäre. Seit wann gibt es Lichtplanung als eigene Profession? Unser Berufsstand hat sich erst so richtig entwickelt, als es ab dem Jahr 2000 die Möglichkeit des Vollzeitstudiums gab. Ich war einer der ersten vier, die Lichtdesign in Hildesheim studiert haben. Davor gab es zwei, drei Aufbaustudiengänge an ausländischen Hochschulen, zum Beispiel in London. Aber es war ein Inselthema für gestaltungsaffine Elektrotechniker oder technikaffine Architekten. Wie sind die Rollen zwischen Architekt und Lichtplaner verteilt? Bei der Tageslichtplanung sind wir beratende Ingenieure, die zum Beispiel spezielle Gläser vorschlagen, zu schmaleren Rahmenprofilen, anderen Farben mit anderen Reflexionsgraden oder bestimmten Oberflächen raten. Da liegt viel Verantwortung beim Architekten. Wir können ihm durch Simulationen die Sicherheit geben, dass das geplante Ergebnis auch erreicht wird. Beim Kunstlicht – insbesondere bei LED-Beleuchtung, die sich ja rasant entwickelt – spielt unsere Profession eine noch größere Rolle, da hier sehr starke technische Komponenten hineinkommen. Shop im Flughafen Oslo, Syndicate Design, Licht: Felsch Lighting Design Wer hat gestalterisch den Hut auf? Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, das relativ früh herauszufinden. Wir haben zwei Arbeitsweisen: Entweder wir geben selbst eine Gestaltungsidee vor. Oder wir arbeiten im Windschatten und unterstützen den Architekten dabei, seine Idee umzusetzen. Wann steigen Sie idealerweise in ein Projekt ein? Ich bin mit meinem Büro jetzt fast 14 Jahre selbstständig. Am Anfang waren wir oft die Feuerwehr und wurden gerufen, wenn es eigentlich schon zu spät war. Dann konnten wir immer noch Dinge verbessern, aber natürlich nicht die Möglichkeiten ausschöpfen. Der ideale Zeitpunkt ist, wenn der Entwurf steht. Der erste Entwurfsgedanke des Architekten hat schon viel Kraft und Aussage, damit können wir arbeiten. Eis- und Schwimmstadion Köln, Schulitz Architekten, Licht: Felsch Lighting Design Wie bewusst nimmt der Nutzer die Beleuchtung wahr? Wenn sie nicht auffällt, wurde viel richtig gemacht. Bei Umfragen oder Qualitätskontrollen fragen wir nie direkt nach dem Licht, weil dann der Fokus auf ein Thema gelenkt wird, für das man nicht sozialisiert ist. Wir stellen vielmehr Aufgaben, wie Produkte in einem Shop zu suchen, oder finden durch Eye-Tracking heraus, wo die Menschen hinschauen. Damit erfährt man, was sie sehen und – noch viel interessanter – was sie nicht sehen. Sobald ein Nutzer das Licht benennen kann, ist etwas extrem schiefgelaufen. So einen Fall hatte ich letztens. Ich war in einem auf den ersten Blick gut gestalteten Großraumbüro. Es gab ein Leitsystem und ein Farbkonzept. Über den Schreibtischen hingen hochwertige Pendelleuchten – aber immer die gleichen. Sobald man den Blick vom Schreibtisch hob, wurde es irgendwie ungemütlich. Aberhell genug war es. Was war da falsch? Genau aus dieser Art zu planen ist die Profession des Lichtplaners entstanden. Dieses gleichförmige Ausleuchten mit ausreichend Helligkeit und Energieeffizienz basiert auf der DIN 5035. Sie schrieb vor: bei Arbeitsplätzen 500 Lux gleichmäßig im ganzen Raum. Solche Raumsituationen planen oft Elektroplaner oder Leuchtenhersteller, die sich von rechtlichen Ansprüchen freihalten, indem sie die Norm mit der Gießkanne erfüllen. Dabei lässt die aktuelle DIN EN 12464 mehr Differenzierung zu. Hauptsache, keiner kann sich beschweren. Beschweren kann man sich schon, aber man kann niemanden dafür haftbar machen. Obwohl solch eine rein technische Planung einem natürlich auf die Füße fällt, weil die Mitarbeiter wahrnehmen, dass ihr Raum den Charme eines Discounters hat – auch wenn er schönere Oberflächen und Farben aufweist. Aber das Licht zerstört in dem Fall die Aufenthaltsqualität und damit auch die Funktion. Mercaden Böblingen, Boge Johannsen Architekten, Licht: Felsch Lighting Design Wie würde ein Lichtplaner da rangehen? Zuerst würden wir mit dem Auftraggeber oder im besten Fall mit den Mitarbeitern sprechen, wie ihre Arbeitsabläufe sind und in welchen Gruppen gearbeitet wird. Wir würden versuchen, Zonen zu schaffen, damit es Abwechslung fürs Auge gibt. Ginge das aus irgendeinem Grund nicht, würden wir mit den Architekten über Stellwände, Besprechungsinseln oder Ähnliches sprechen, um den Raum zumindest optisch zu unterbrechen, sodass das Auge Ankerpunkte bekommt. Das Problem ist die Gleichförmigkeit? Ja, eigentlich immer. Ob es hundertmal die gleiche Leuchte ist, überall die gleiche Beleuchtungsstärke, die gleiche Farbtemperatur oder das gleiche diffuse Licht ohne definierten Schattenwurf. In ihrem Beispiel sind verschiedenste Gleichförmigkeiten addiert worden. Das würden wir vermeiden. Warum ist Gleichförmigkeit unangenehm? Sie ermüdet das Auge und die Wahrnehmung. Das Gehirn schaltet ab und zieht nur noch ein Bild der Situation aus der Schublade. Man nennt das eine Lock-up-Wahrnehmung. Haben Sie ein Beispiel dafür? Der Klassiker: Sie suchen Ihren Schlüssel. Nachdem Sie schon viermal auf den Schreibtisch geschaut haben, finden sie ihn beim fünften Mal genau dort. Das vom Schlüssel reflektierte Licht ist auch vorher in Ihr Auge gekommen, aber Ihr Gehirn war so „faul“, dass es immer den Schreibtisch ohne Schlüssel aus der Schublade gezogen hat – und die Information des Auges nicht verarbeitet wurde. Ich sehe also oft nicht das, was ich sehe? Was Sie bewusst wahrnehmen, ist ein verarbeitetes Bild. Das unterscheidet sich grundlegend von dem, was in Ihr Auge eingefallen ist. Aufgrund dieser fundamentalen Tatsache funktionieren beispielsweise sehr viele Zaubertricks. Bibliothek 21, Stuttgart, Yi Architects, Licht: Conplaning Wie wichtig ist der Charakter des Lichts? Enorm wichtig. Wir haben das bei einem großen Discounter erlebt, den wir von diffuser auf gerichtete Beleuchtung umgestellt haben. Auf dem Parkplatz haben uns die Kunden angesprochen: „Wahnsinn! Das ist ja jetzt wie beim Feinkosthändler.“ Was hatten Sie konkret geändert? Davor war es gleichmäßig und durchgehend hell. Der hellste Punkt im Raum war die Leuchte. Das ist ganz schlecht, da die Ware ja im Vordergrund stehen soll. Wir haben dann punktuelles Licht mit einer definierten Schattenwirkung geschaffen und das Kontrastverhältnis erhöht, also die Waren heller und die Gänge dunkler gemacht. Verschiedene Warengruppen bekamen verschiedene Lichtfarben, von 2.700 bis 4.500 Kelvin. So haben wir den Raum lichttechnisch modelliert und eine Erlebnisabfolge generiert. Cha Chã Aez, Hamburg, Architektin Schröder, Licht: Felsch Lighting Design Wie häufig ist ein Lichtplaner mit im Team? In Deutschland macht bei den meisten Projekten immer noch ein Leuchtenhersteller die Lichtplanung. Das ist für uns unabhängige Lichtplaner ein großes Problem. Ein mittelständischer deutscher Leuchtenhersteller hat eine genauso große Planungsabteilung wie das größte deutsche, international arbeitende Lichtplanungsbüro. Ab einer bestimmten Projektgröße ist sofort die Industrie beim Architekten, beim E-Planer, beim Projektsteuerer oder beim Bauherrn. Da ist kein Fachplaner mehr dazwischen. Bekommen die Hersteller das gleiche Honorar? Die Hersteller planen vermeintlich kostenfrei – aber sie holen sich das Honorar über den Handelsumsatz wieder rein. Das ist ärgerlich für uns und schwierig für das Ergebnis. Doch die Leuchtenindustrie war vor uns da, und natürlich gibt es auch dort gute Lichtplaner. Wir müssen uns eben unsere Marktanteile erarbeiten. Aber daraus ergeben sich skurrile Situationen. Zum Beispiel? Der Bauherr einer Shopping-Mall bat uns einmal um einen Entwurf, weil er das Gefühl hatte, die Lichtplanung des Elektroplanungsbüros sei nicht das Richtige. Dann sollten beide ihr Konzept präsentieren. Aber statt des E-Planers tauchten zwei Mitarbeiter eines Leuchtenherstellers auf. Sie informierten den Bauherrn, dass der E-Planer das Konzept, für das er bezahlt wird, nicht erklären kann – weil sie es erstellt haben! Wie ging die Geschichte aus? Der Bauherr war außer sich, aber er konnte es nicht mehr zurückdrehen. Der Auftrag war leider schon beim Generalunternehmer. Was ist Ihr Argument dafür, einen unabhängigen Planer mit ins Team zu nehmen, auch wenn dieser Honorar kostet? Die Industrie hat natürlich ein Eigeninteresse. Da ist es wichtig, dass man als Architekt nicht ausgeliefert ist. Der Vertriebler eines Leuchtenherstellers erzählt Ihnen im Zweifel alles, was Sie hören wollen. Wir planen herstellerneutral und können so auch innovative Wege gehen und Sonderlösungen entwickeln. Kunstmuseum Ravensburg, Lederer + Ragnarsdóttir + Oei, Licht: Erco Wer darf Licht planen? Es gibt keine Vorschriften. Ich dürfte, selbst wenn ich ein Haus planen könnte, keinen Bauantrag einreichen. Diesen rechtlichen Schutz gibt es bei der Lichtplanung nicht, das darf jeder. Aber aus meiner Sicht ist ein Studium notwendig, um auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Bevor ich Gestaltung studiert habe, habe ich in Technik und Leuchten gedacht. Durch das Studium bin ich dazu gekommen, Licht zu sehen und zu verbalisieren, mir die Lichtstimmung auszudenken und erst im zweiten Schritt die technische Lösung. Woran erkenne ich, ob ich bei einem Lichtplaner gut aufgehoben bin? Das fängt mit der Kommunikation an. Ein Lichtplaner muss zuhören, die richtigen Fragen stellen und sich in das Projekt reindenken. Wenn er nur nach einem Plan fragt und da Leuchten durchrastert, läuft etwas falsch. Kann man das Ergebnis vorab visualisieren? Die dreidimensionale Darstellung der Lichtkalkulationsprogramme ist ein rein technischer Nachweis. Darüber hinaus gibt es drei Qualitäten der Visualisierung: Vergleichsbilder, mit Photoshop bearbeitete Bilder und zu guter Letzt photoreale Renderings. Renderbüros sind allerdings relativ teuer und sie müssen lichttechnisch gut betreut werden. Ein unrealistisches Rendering ist kontraproduktiv, da es das falsche Bild vermittelt. Wenn ich ein sehr kleines Projekt habe: Kann ich die Lichtplanung als Architekt dann auch gut selbst machen? Klein heißt ja erst mal nur weniger Budget, nicht weniger komplex. Mit viel Geld kann jeder tolle Sachen machen. Je weniger Geld da ist, umso mehr braucht man jemanden, der sich richtig gut auskennt. Das Problem ist eher, dass wir in der Honorarordnung nur ein kleines Anhängsel der Elektroplanung sind. Kirche der Stille, Hamburg, Licht: Felsch Lighting Design Was kann ein Lichtplaner aus dem kleinen Budget rausholen? Mein Paradebeispiel dafür ist eines meiner Lieblingsprojekte, die „Kirche der Stille“ in Hamburg. Ein ganz kleines Projekt, aber mit großen technischen und finanziellen Zwängen, Wünschen und Anforderungen. Worum ging es da? Die Ausgangssituation war ein puristischer Kirchenraum mit acht Wandleuchten, kalt-weißer Lichtfarbe, ganz diffusem Licht, und es gab nur die Möglichkeit, an- und auszuschalten. Die Betreiber haben aber ganz unterschiedliche Anwendungsszenarien, von Andachten und Meditation bis zu Musik- oder Tanzveranstaltungen. Die Aufgabe war, allein mit den vorhandenen acht Wandauslässen eine bessere Beleuchtung zu schaffen. Wie haben Sie das gelöst? Wir haben die Anforderungsprofile in Lichtstimmungen übersetzt. Dafür haben wir Leuchten entwickelt, die direkte und indirekte Anteile haben, komplett dimmbar sind und die Farbe verändern können. Per Funksteuerung können jetzt zwölf verschiedene Lichtszenen abgerufen werden. Klingt aufwendig. Hat sich das gerechnet? Da steckt schon viel Herzblut drin. Aber wir haben nicht draufgezahlt. Das liegt jedoch an der Besonderheit unseres Büros, da wir den Leuchtenbau mit anbieten können. Hätten wir das nur anhand eines Planungshonorars mit einem Leuchtenhersteller machen müssen, hätte es nicht funktioniert. Novartis Campus, Basel, Diener & Diener Architekten, Licht: Licht Kunst Licht Wie viel technisches Wissen brauchen Architekten zur Lichtplanung? Sie müssen die grundsätzlichen Parameter kennen. Beleuchtungsstärken nach DIN, aber noch eher die Leuchtdichten, also wie hell eine Fläche wirkt. Denn das ist die Information, die das Gehirn wirklich verarbeitet. Solche grundsätzlichen Dinge muss man verinnerlicht haben. Und lichttechnische Einheiten, wie Kelvin für die Lichtfarbe. Ein Architekt muss nicht wissen, dass Kelvin ein Temperaturwert aus der Physik ist. Aber er muss wissen, dass 1.500 K ungefähr das Licht einer Kerze ist, 2.700 K eine Glühlampe und 6.500 K Tageslicht bei bedecktem Himmel, also sehr blau, kurze Wellenlängen, hohe Energiedichte. Wir reden die ganze Zeit von Licht – wie wichtig ist Schatten? Enorm wichtig. Das reine Licht hat keine Aussage, es geht immer nur um Kontraste. Aus dem Zusammenspiel zwischen Licht und Schatten entsteht der Kontrast, in dem die Aussage zum Vorschein kommt. Was inspiriert Sie? Zufälle, die sich zum Beispiel durch Reflexionen oder Tageslicht ergeben. Oder Lichtkunst, die Abkopplung des Lichts von Zwängen. Künstler gehen rein über die Gestaltung und die Wahrnehmungspsychologie und erzeugen damit Effekte, die auch mich noch überraschen. Und wo ärgern Sie sich als Lichtplaner? Eigentlich immer in Verwaltungsgebäuden, wenn überall die gleichen Kunststoffleuchten an Wände und Decken geschraubt werden. Oder wenn in Kindergärten oder Schulen stumpf Lichtquellen irgendwo gesetzt werden, Hauptsache hell. Das frustriert mich, weil es einfach anspruchslos ist, und ich weiß, dass es ohne Mehrkosten besser geht. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Hell“ finden Sie in unserem DABthema Hell 

Löcher im Netz

Ein digitalisiertes Gebäude funktioniert nur, wenn die Funktionen definiert und die Gewerke bau- und technikübergreifend interaktiv vernetzt sind – Standard ist das noch lange nicht. Von Marion Goldmann In Zeiten der Digitalisierung stehen vor allem auch intelligent vernetzte Gebäude im Fokus. Während Einfamilienhäuser inzwischen häufig über smarte Technologien verfügen, hat ihre Anwendung im mehrgeschossigen Wohnungsbau noch Seltenheitswert. Bei gewerblichen Immobilien ist die Situation eine andere. Hier reichen die Anfänge in Form der digitalen Gebäudeautomation mehr als drei Jahrzehnte zurück. Es begann mit einfacher und dezentraler Hilfstechnik zum Messen, Steuern und Regeln und betraf im Wesentlichen die Anlagen für Heizung, Lüftung und Klima sowie die Elektroinstallation. Später kamen Beschattung, Beleuchtung, Fenster, Türen, Tore, Sicherheitstechnik und vieles mehr hinzu. Die intensive Weiterentwicklung der Systeme hat dazu geführt, dass heute leistungsfähige Lösungen verfügbar sind, die die Wirtschaftlichkeit der Immobilie, den Komfort sowie die Sicherheit von Betreiber und Nutzer deutlich erhöhen. Das funktioniert aber nur, indem alle Gewerke digital miteinander vernetzt werden – standardmäßig wird das längst noch nicht realisiert. Die Weichen für die gewerkeübergreifende Vernetzung sind bereits bei der Bedarfsplanung und der Projektentwicklung der neu oder umzubauenden Immobilie zu stellen. Planung und Umsetzung aller zu verwirklichenden Funktionen dürfen dann Architekten und Fachplanern nicht mehr einzeln überlassen werden, sonst entstehen nachträglich kaum verbindbare Insellösungen mit höheren Kosten und nicht zufriedenstellenden Ergebnissen. Gefragt ist hier ein Funktionsplaner und Systemintegrator – ein fachübergreifend tätiger und erfahrener Experte –, der dafür sorgt, dass die benötigten Funktionen definiert, in die Planung eingebunden, koordiniert und ausführungsseitig zusammengeführt werden. „Dieses Vorgehen ist in der Baubranche allerdings noch nicht weit verbreitet. Wenn überhaupt, wird dieser Spezialist erst in der Ausführungsphase hinzugezogen, also viel zu spät“, sagt der Ingenieur Bertram Canzler, dessen Büro als Qualitätsprüfer für Bau, Technische Ausrüstung und Facility-Management oft für Prüfungsaufgaben erst bei Projektende hinzugezogen wird. Die Knackpunkte Die meisten Bauherren und Architekten fordern zwar in der Regel gleich bei Projektbeginn, dass das Gebäude digital ausgestattet sein soll, überlassen alles Weitere aber wie gehabt den jeweiligen Fachplanern. Üblich ist, dass beispielsweise der Fachplaner Heizung/ Lüftung/Klima eine digitale MSR-Technik vorsieht; der Fachplaner Elektrotechnik verwendet einen Elektrotechnik-BUS, der Fachplaner Schwachstromtechnik wählt ein BUS-System, das systemspezifisch den Schwachstrom regelt usw. Am Ende sind die Beteiligten dann erstaunt, dass beispielsweise der Sonnenschutz nicht funktioniert. „Besonders problematisch wird es beim Brandschutz, wenn sich Fenster und Türen zur Entrauchung nicht öffnen, wie beim Flughafen Berlin Brandenburg“, sagt Bertram Canzler. Zwar verfügen die einzelnen Systeme über ein hohes technisches Niveau, doch sie müssen interaktiv zu einer übergreifenden Gesamtfunktion verbunden werden – eine Arbeit für Spezialisten. Denn die jeweils firmeninternen Systeme und Anlagen sowie die zahlreichen Komponenten aus den Bereichen Bau und Technik kommunizieren nicht von selbst miteinander. Jedes System spricht quasi seine eigene Sprache. Es gibt zwar seit Jahrzehnten herstellerübergreifende (sogenannte offene) Systeme. Diese setzen aber nur die Funktionen um, die auch von Planungsbeginn an bau- und technikübergreifend projektspezifisch aufeinander abgestimmt sind. Dabei kommt es vor allem darauf an, eine übergreifende Gesamtlösung zu definieren, an die dann gewerkespezifisch angedockt wird. Erlebbare Lösungen Architekten müssen nun keineswegs zum Gebäudeautomations-Experten avancieren. Sie sollten aber erkennen, welche Funktionen überhaupt möglich sind, denn Bau und Technik verschmelzen durch die Digitalisierung immer weiter miteinander. Zunächst muss aber erst einmal bekannt sein, welche Funktionen überhaupt möglich sind. Wichtig ist auch zu wissen, dass die Funktionen nicht mehr aus den einzelnen Gewerken heraus entstehen, sondern sich aus den Bedürfnissen von Bauherren, Betreibern und Nutzern generieren. Seit einiger Zeit steht besonders die Sicherheit im Fokus – und hier geht es nicht nur um den Einbruchschutz, die Anforderungen an den Brandschutz sind ebenfalls gestiegen. Parallel kann die Sicherheitstechnik in Verbindung mit der anderweitig verbauten Technik auch Funktionen der normalen Nutzung übernehmen. Viele einzelne Aspekte greifen demnach wie Zahnräder ineinander. Um die komplexe Problematik zu veranschaulichen, verweist Bertram Canzler auf die von ihm geplante Sonderschau „SECURE! Connected Security in Buildings“ auf der Messe Light + Building: „Architekten können hier zum ersten Mal erleben, wie solche Lösungen produkt- und funktionsübergreifend funktionieren, und sie können die Bedeutung des Funktionsplaners und Systemintegrators kennenlernen.“ Für die Sonderschau wurden die Nutzungen Hotel, Büro und Industrie ausgewählt. Allgemein wird hier gezeigt, wie Komponenten der Elektro- und Nachrichtentechnik mit baulichen Komponenten, wie Türen, Jalousien und Fenstern, mit der Brandmeldeanlage und der Videoüberwachung interaktiv zusammenarbeiten. Ein Szenario wird sein, wie im Brandfall neben der Brandmeldeanlage auch die Fluchtwege freigegeben werden, die Evakuierung durchgespielt und die Fluchtwege- und Markierungsbeleuchtung eingeschaltet wird. Ziel ist die schnelle und situationsbedingt richtige Fluchtweghilfe für die im Gebäude befindlichen Personen. Wie sich Sicherheitstechnik, Komfort, Aufenthaltsqualität und wirtschaftlicher Betrieb in einem digital vernetzten Gebäude ergänzen, wird im Hotelmodul gezeigt. Mit einem Schlüssel oder einer Handy-App kann ein Gast alles bedienen. Parallel kann der Betreiber alles einsehen, denn er hat ebenso Zugriff auf die Daten im System. Hotels lassen sich so mit weniger Personal einheitlich managen – der Betrieb wird einfacher und wirtschaftlicher. Ebenso wie die Überwachung der Zimmer mit einer Meldefunktion, falls jemand stürzt und sich nicht mehr bewegen kann. Bis das im Notfall bemerkt wird, können sonst Stunden vergehen. Im Gegenzug erhält der Gast aber auch mehr Freiheiten und ist vom Hotelpersonal unabhängiger. Ob und wie der Gast damit zurecht kommt, steht in diesem Zusammenhang auf einem anderen Blatt. Sonderschau auf der Light + Building – 18. bis 23. März Die Sonderschau „SECURE! Connected Security in Buildings“ in Halle 9.1 auf dem Frankfurter Messegelände macht neue Trends und Anwendungen der Sicherheitstechnik in den Projektkategorien Hotel, Büro und Industrie erlebbar. Besucher erfahren in den als Technikzentralen aufgebauten Bereichen, wie das Zusammenspiel von Video- und Zutrittsüberwachung, optischer und akustischer Alarmierung, Brand- und Einbruchmeldung funktioniert, und können dies auch selbst erleben und testen. Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Im rechten Licht

Dr. Brigitte Schultz Manchmal muss man in den Keller gehen, um den Blick aufs Licht zu schärfen. Für die letzten trüben Tage des Winters haben wir in der Redaktion ein Ausflugsziel auf dem Zettel: Auf nach Unna! In der kleinen Stadt bei Dortmund kann man zehn Meter unter der Erde mal so richtig Licht tanken – und sich fachlich inspirieren lassen. In den labyrinthartigen Kellern einer ehemaligen Brauerei trifft man auf Installationen, die internationale Lichtkünstler eigens für diese Räume geschaffen haben. In Unna kann man ganz unmittelbar erleben, wie uns Licht beeinflusst und unsere Raumwahrnehmung formt. Im architektonischen Alltag setzt man sich meist nicht so tief mit dem Thema auseinander, wenn man nicht gerade ein unterirdisches Gebäude plant, wie schneider+schumacher in unserem Mannheimer Beispiel. Leider: Allzu oft bildet Beleuchtung noch die Norm ab, nicht die Bedürfnisse. Zu welch unglücklichen Raumsituationen das führen kann – und wie man diese vermeidet –, haben wir im Gespräch mit Markus Felsch diskutiert. Der Hamburger Lichtplaner hat als einer der Ersten in Deutschland Lichtplanung studiert und gibt einen Einblick in die Möglichkeiten und das Selbstverständnis der jungen Profession. Das erhellende Gespräch über unterbewusste Wahrnehmung, unabhängige Planung und gute Beleuchtung mit kleinen Budgets lesen Sie im Interview.

Von Preisen, Städtebau, Normen und Baukultur

Wertstoff- und Straßenreinigungsdepot Augsburg-Nord Von Preisen, Städtebau, Normen und Baukultur – das sind die aktuellen Meldungen. Best of Deutschland Den DAM-Preis für Architektur in Deutschland erhalten bogevischs buero in Arge mit SHAG Architekten für das genossenschaftliche Wohnprojektwagnis ART in München (siehe Bild oben). Die anderen Finalisten waren as-if Architekten mit ihrem Hauptcampus der Zeppelin-Universität Friedrichshafen (siehe Bild oben), Caruso St John Architects mit der Bremer Landesbank sowie Knerer und Lang mit dem Wertstoff- und Straßenreinigungsdepot Augsburg-Nord. Diese und die vielen nominierten Projekte sind jetzt im „Deutschen Architektur Jahrbuch 2018“ versammelt. Es ist bei DOM publishers erschienen und kostet 38 Euro. Städtebaulicher Erfolg Städtebauliche Projekte, die sparsam mit Ressourcen umgehen und einen wichtigen Beitrag für den öffentlichen Raum und das Ortsbild leisten, können noch bis zum 15. April für den Deutschen Städtebaupreis 2018 vorgeschlagen werden. In einer Sonderkategorie werden Orte der Bildung und Kultur ausgezeichnet. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis wird von der Deutschen Akademie für Städtebau- und Landesplanung (DASL) vergeben und von der Wüstenrot Stiftung gefördert. www.staedtebaupreis.de Städtebaulicher Spagat Wie städtebaulicher Denkmalschutz in einem boomenden ebenso wie in einem stagnierenden Umfeld gelingt, soll vom 19. bis 21. April in Rostock diskutiert werden. Beider Tagung „Praxisfeld Historische Städte“ werden neue Ansätze aus der kommunalen Praxis vorgestellt, mit denen der Spagat zwischen baukulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen gelingen kann. Veranstalter sind das Netzwerk historischer Städte „Forum Stadt“ und die DASL. Kosten: von 30 bis 190 Euro. www.forum-stadt.eu VOB/B bleibt unverändert Vor dem Hintergrund des neuen gesetzlichen Bauvertragsrechts im BGB wurde auch über eine Aktualisierung der VOB/B diskutiert. Der Deutsche Vergabe- und Vertragsausschuss hat sich jedoch Ende Januar vorerst dagegen entschieden. Zunächst soll die Entwicklung der Rechtsprechung zum neuen gesetzlichen Bauvertragsrecht, insbesondere unter AGB-rechtlichen Aspekten, verfolgt und daraus etwaiger Veränderungsbedarf der VOB/B abgeleitet werden. Bauleitplanung honoriert Erstmals richtet sich ein „Grünes Heft“ des AHO an Stadtplaner. Heft 36 behandelt „Bewertungsmerkmale für die Ermittlung der Honorarzone in der Bauleitplanung“. Für eine einfache Ermittlung der zutreffenden Honorarzone sorgen Checklisten. Deren Handhabung wird an zehn realen Bebauungsplänen veranschaulicht. Das Heft kostet 32,80 Euro. www.aho.de Normen für die Zukunft Normen betreffen alle. Sie erleichtern das Planen und Bauen, sie reduzieren Risiken und bieten Sicherheit. Aber schränken sie auch kreative Spielräume ein? In jedem Fall bieten sie genug Diskussionsstoff – etwa für die erste „Regionalkonferenz Normung“, zu der die Bayerische Architektenkammer und die Bundesarchitektenkammer am 19.März in das Haus der Architektur nach München einladen. Die Tagung ist kostenlos, eine Anmeldung ist jedoch erforderlich. www.byak.de/aktuelles Baukultur für Europa „Baukultur“ etabliert sich europaweit – als Idee und als Schlagwort. So wurde am Rande des Weltwirtschaftsforums unter Schweizer Federführung die „Davos Declaration“ der europäischen Kulturminister verabschiedet. Sie steht für eine integrative Sichtweise von baulichem Erbe und mutigem Neubau. Dabei wird der dringende Bedarf an einer Aufwertung der gebauten Umwelt erkannt und auf die wachsende Urbanisierung, die Schrumpfung ländlicher Räume, auf Ressourcenknappheit und Flächenverbrauch als Herausforderungen verwiesen. Bewusst wird der deutsche Begriff „Baukultur“ verwendet, der Bauen als kulturelle Praxis erkennen lässt. Vertreter Deutschlands war der Staatssekretär im Bundesbauministerium Gunther Adler. Die Bundesstiftung Baukultur war an der redaktionellen Vorbereitung beteiligt. www.davosdeclaration2018.ch Essener Grugahalle Schöne Schwergewichte Gerade im Kulturerbejahr 2018 verdienen auch die Großstrukturen der Boom-Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Aufmerksamkeit. Schließlich gehören auch sie zu unserem Bestand und längst nicht alle sind teure Sanierungsfälle. Viele sind beliebter Wohnort oder bekanntes Wahrzeichen. Besonders viele „Big Beauties“ findet man im Ruhrgebiet – und auf einer neuen Website von StadtBauKulturNRW und der TU Dortmund Bauwerke wie die Grugahalle in Essen, die (gescheiterte) Wohnvision Habiflex in Wulfen, das RathausMarl oder das Terrassenhaus Girondelle in Bochum werden mit Bildern und Texten porträtiert und auf einer Karte vermerkt. Im Sommer folgen Veranstaltungen und Führungen vor Ort. Marler Rathaus www.bigbeautifulbuildings.de

Verbindlich mit der HOAI

Die HOAI ist durch die Klage der EU-Kommission bedroht. Zeit für eine Reflexion: Was bedeutet die Honorarordnung eigentlich für das Bauwesen hierzulande? Und wo käme die Architektur ohne sie hin? Von Klaus Wehrle Eine so regional ausgeprägte und vielfältige Unternehmensstruktur wie in der deutschen Bauwirtschaft gibt es fast nirgendwo in Europa. Eine Vielzahl von unabhängigen kleinen und mittleren Unternehmen sorgt für einen erheblichen Wettbewerbsdruck, bei dem Baukonzerne nur bei sehr großen Projekten eine Rolle spielen. Das stützt auch die kleinen und mittleren Unternehmen im Bauhandwerk, die sich im Wettbewerb regelmäßig gegen Baukonzerne durchsetzen. Diese kleinteilige Struktur ist ein Bestandteil gelebter Demokratie in der Ökonomie, da viele Menschen und Unternehmen am Wirtschaftsprozess und an geschäftlichen Zusammenhängen beteiligt werden. Gerade beim baulichen Klimaschutz wird es auf eine leistungsfähige und vielfältige Bauwirtschaft in der EU ankommen. Neben den großen Bauaufgaben gibt es insbesondere im Bereich der energetischen Sanierung viele kleine Projekte, für die kleinere und mittlere Unternehmen prädestiniert sind. Die vielfältigen deutschen Unternehmensstrukturen dürfen nicht dadurch gefährdet werden, dass man mit dem Wegfall eines angemessenen Vergütungsrahmens wesentliche Akteure, wie Architekten und Ingenieure, aus dem Spiel nimmt. HOAI garantiert fairen Wettbewerb Das Leitprinzip des deutschen Vergabewesens ist die Trennung von Planung und Ausführung, die bis in die 1880er- Jahre zurückreicht und zu unserem wirtschaftskulturellen Erbe gehört. Den Erfindern dieses Prinzips war es wichtig, dass Planung und Vergabe von Bauleistungen unabhängig von den Lieferinteressen von Bauproduktherstellern oder am Bau agierender Unternehmen stattfinden – ausschließlich zum Vorteil des Auftraggebers. Die Vorbereitung des Wettbewerbs in der Bauwirtschaft um die beste Leistung zu einem angemessenen Preis beginnt in der Planung durch Architekten und Ingenieure. Ihre von Lieferinteressen unabhängigen Leistungsverzeichnisse, die sie technisch und wirtschaftlich auswerten, ermöglichen die Vergleichbarkeit von Angeboten. Architekten und Ingenieure sind so ein systemimmanenter, unverzichtbarer Bestandteil des deutschen Vergabewesens und sichern die unabhängige Vergabe von Bauleistungen. Dieses System funktioniert nur, wenn eine wirtschaftlich unabhängige Grundlage jenseits der am Bau agierenden Unternehmen garantiert ist. Dazu sind für die Vergütung der Planer die verbindlichen Mindest- und Höchstsätze der HOAI ein verlässliches Instrument, das Wettbewerb und Verbraucherschutz sichert. Entfiele die Verbindlichkeit, wäre das System nicht mehr stimmig. Es bestünde die Gefahr der Einflussnahme durch Bauindustrie und Hersteller: Das setzt die Unabhängigkeit der Vergabe aufs Spiel. Besondere Verantwortung als Sachwalter Eine weitere Besonderheit im deutschen Bauwesen ist die unabhängige Stellung von Architekten und beratenden Ingenieuren, die als Sachwalter für ihre Auftraggeber agieren. Um dieses besondere Verhältnis im Sinn eines hervorragenden Verbraucherschutzes zu gewährleisten, ist die Vergütung innerhalb der Mindest- und Höchstsätze der HOAI wesentlich. Sie sichert die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Profession. Dem deutschen Architekten oder beratenden Ingenieur ist es aufs Strengste untersagt, Provisionen von Lieferanten oder Bauprodukteherstellern anzunehmen. Korrumpierbarkeit ist zum einen ein wesentlicher Ausschlussgrund aus der Berufskammer und zum anderen ein beruflich besonders verachtetes Verhalten. Aus der Stellung als „Sachwalter“ gegenüber dem Auftraggeber hat der Bundesgerichtshof in den vergangenen Jahrzehnten eine besondere Sorgfaltspflicht formuliert, aus der eine Haftung resultiert, die über die eines Dienstleisters oder Werkleistenden deutlich hinausgeht. Die gesamtschuldnerische Haftung sorgt dafür, dass ein Architekt oder Ingenieur auch bei sehr geringem Verschulden (es reicht eine Verschuldensquote von einem Prozent!) zur Haftung für den Gesamtschaden herangezogen werden kann. Da von dieser Regelung oft Gebrauch gemacht wird, ist die Versicherungsprämie der Architekten und Ingenieure entsprechend hoch. Diese richtet sich nach den Sätzen der HOAI. Bei Unterschreitung der Mindestsätze kann der Versicherungsschutz entfallen. Ein Wegfall dieser Haftpflichtversicherung wäre eine deutliche Einbuße für den Verbraucherschutz. Die Vergütungsfrage kann also nicht losgelöst von der besonderen Stellung des Architekten und Ingenieurs, seiner Haftung und Verantwortung betrachtet werden. HOAI sichert kleinteilige Bauwirtschaft Die Abwägung für oder gegen einen verbindlichen Honorarrahmen geht mit der Frage einher, welche wirtschaftlichen Strukturen man für die gesamte deutsche und europäische Bauwirtschaft schaffen möchte. Will man die vorhandene kleinteilige Struktur in Deutschland erhalten, ist eine verbindliche HOAI zwingend, da sie eine vergleichbare Vergabe sichert. Die Abschaffung verbindlicher Mindest- und Höchstsätze fördert unweigerlich einen Konzentrationsprozess, der insbesondere der Industrie und den Konzernen zugutekommt, wie es in anderen Ländern zu beobachten ist. Zugleich geht ein solcher Prozess mit dem Verlust von Know-how und damit verbundenen Strukturen einher, etwa bei der Ausbildung junger Menschen. Das Handeln der EU in Bezug auf die HOAI erscheint widersprüchlich: Zum einen werden durch verschiedene Programme kleine und mittlere Unternehmen gefördert. Zum anderen wird die Existenz vieler Unternehmen im Bereich Architektur und Ingenieurwesen durch die angestrebte Abschaffung des Vergütungsrahmens der HOAI bedroht. Damit verfolgt die Kommission im Kern rein neoliberale Absichten und zerstört die bauwirtschaftliche Struktur in Deutschland. Für den Verbraucher- und Klimaschutz sowie die Qualitätswahrung wäre das ein essenzieller Verlust. Volkswirtschaftliche Relevanz Schlussendlich stellt sich die volkswirtschaftliche Frage, ob durch die sukzessive Reduktion von Marktteilnehmern, die durch den Wegfall des Preisrahmens der HOAI erfolgen würde, der Preis für Bauleistungen für den Verbraucher nicht unnötig erhöht wird. Von dieser Entwicklung würden insbesondere Branchenriesen oder Konzerne profitieren. Damit ein System funktioniert, sind immer auch Regeln und Vorgaben notwendig. Die HOAI ist eine solche Vorgabe, um Marktwirtschaft im Baubereich mit der jetzt in Deutschland vorhandenen Struktur zu ermöglichen. Der binnennationale deutsche Markt bleibt im Baubereich mit der Honorarordnung für Marktteilnehmer aller europäischen Mitgliedsstaaten offen; jedes zugelassene Unternehmen kann sich ohne Restriktionen am innerdeutschen Wettbewerb beteiligen. MEHR INFORMATIONEN Die HOAI vor Gericht Im Juni 2017 hat die EU-Kommission die Bundesrepublik Deutschland beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) verklagt, weil sie die verbindliche Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) aufrechterhält. Anfang September 2017 hat die Bundesregierung in der Beantwortung der Klage den Vorwurf, die HOAI sei europarechtswidrig, in vollem Umfang zurückgewiesen. Am 1. November 2017 hat die EU-Kommission beim EuGH ihre Erwiderung eingereicht. Die Bundesregierung wiederum hat die Möglichkeit genutzt, bis zum 11. Dezember 2017 eine Gegenerwiderung einzureichen. Das schriftliche Verfahren ist damit beendet. Die nächsten Schritte sind eine voraussichtlich mündliche Verhandlung und die Stellungnahme des Generalanwaltes, sofern der EuGH hiervon nicht absehen sollte. Wann mit einer Entscheidung des EuGH zu rechnen ist, ist derzeit offen. Wir berichten regelmäßig über das Vertragsverletzungsverfahren gegen die HOAI. Alle Beiträge finden Sie hier

Smarte Bauhelfer

Sehenswert: Zahlreiche Software-Hersteller nutzten die Messen, um ihre Neuerungen zu präsentieren. Die auf den Messen Construct IT, Swissbau und Bautec präsentierten Software-Versionen sollen das Konstruieren, Ausschreiben, Managen und Dokumentieren jetzt noch einfacher machen. Von Marian Behaneck Zum zwölften Mal in Folge hat der TÜV SÜD der grafischen Mengenermittlung von Allplan und Nevartis das Prüfzeichen für Softwarequalität und Funktionalität verliehen. Das Zertifikat bescheinigt den aktuellen Version 2018 die Einhaltung der geltenden Normen, wie der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) und weiterer Standards, bei der grafischen Mengenermittlung ausgewählter Baugruppen. www.allplan.de Neu in der AVA-Software 2017 von Bechmann ist die GAEB-X31-Schnittstelle, mit der erläuternde Informationen, Skizzen und Bilder eingefügt werden können. Ferner wird die Einbindung des BMVI-Handbuchs AKVS 2014 unterstützt. Auch Preisspiegel lassen sich jetzt nach Microsoft Excel exportieren. Das soll „Was-wäre-wenn“-Szenarien und einen einfacheren Angebotsvergleich ermöglichen. Mit der engeren Verzahnung von Bechmann AVA mit Bechmann BIM sollen in der Abrechnungsphase verbaute Mengen zudem transparenter darstellbar, Soll- und Ist-Daten einfacher vergleichbar sein. www.bechmann.de Mit der neuen Zustandskontrolle des AVA- und Baukostenmanagementsystems „California. pro“ wird Hersteller G&W Software zufolge die Bemusterung des aus dem 3D-Modell generierten kaufmännischen Raum- und Gebäudebuches vereinfacht. Mit bis zu fünf farblich individuell einstellbaren Zuständen kann der Nutzer den Status kennzeichnen. Nach Modelländerungen bereits geprüfter Bauteile ändert sich der Status automatisch. Planer erhalten so einen schnellen Überblick über fertige und noch zu prüfende Bauwerksteile. www.gw-software.de Mit der „Archicad-Version 21“ lassen sich Hersteller Graphisoft zufolge Renderings mit Hilfe optimierter Beleuchtungsverfahren noch realistischer, mit weniger Berechnungsaufwand und schneller berechnen. IFC-Dateien kann man als Referenz zum aktuellen Projekt hinzuladen. Dadurch bleibt das Architekturmodell frei von externen Modellen, was die Dateigröße verringert. Das dazugeladene Modell kann in jeder Planungsphase angepasst und aktualisiert werden. Um BIM-Modelle von Statikern oder TGA-Fachplanern im Planungsprozess zu koordinieren und eine konsistente Modell- Qualität bei allen Beteiligten sicherzustellen, bietet die Software ferner eine neue Funktion zur Kollisionsüberprüfung. www.graphisoft.de Angepasst: Das neue Treppenmodul von Archicad 21 passt Treppen-Konstruktionen bei Geschosshöhen-Änderungen auf Wunsch automatisch an. Die mobile Bautagebuch-, Mängelüberwachungs- und Jour-fixe-App „pro-Report“ von Gripsware ermöglicht die Vor-Ort-Dokumentation von Projekten über iOS- oder Android- Smartphones und Tablets. Ausgewertet und weiterverarbeitet werden die Daten mit der im Büro installierten PC-Version. Eine Cloud-Anbindung wird nicht benötigt, die Daten verbleiben beim Anwender. Mit dem Import von IFC-Daten für die Geschoss- und Raumlisten ist pro-Report jetzt auch BIM-fähig. Neu ist außerdem die Version 7 des Bauzeiten- und Projektplaners pro-Plan mit neuen Funktionen zur Dokumentation von Planänderungen und Abweichungen. www.gripsware.de Mit „AVA BIM“ präsentierte Nova Building IT erstmals ein modellbasiertes Baukostenmanagement als Online-Service. Dabei wird das BIM-Modell auf Basis des Open-BIM-Standards bidirektional mit Informationen wie Materialien, Hersteller, Preise, Mengen etc. verknüpft. Diese Daten werden im Raumbuch und in LVs verarbeitet, um Kosten zu planen, Aufträge zu vergeben, Bauleistungen modellbasiert abzurechnen und den Kostenverlauf zu dokumentieren. Das soll die Projektplanung und -steuerung effektiver und wirtschaftlicher machen. Ein Viewer ermöglicht zudem eine virtuelle Objektbegehung. www.avanova.de „AVA 22“ hat dem Hersteller Orca Software zufolge die Prüfung für die AVA-Schnittstellen GAEB DA XML 3.1 und GAEB DA XML 3.2 bestanden und erhielt dafür eine Zertifizierung vom Bundesverband Bausoftware (BVBS). Dazu wurden GAEB-Musterdateien im- und exportiert und mit einem Muster-LV abgeglichen. Das bedeutet, dass der Import von GAEB-Musterdateien DA 86 und DA 31, der Export von GAEB-Musterdateien DA 31 und der Abgleich der Daten mit der GAEB-Musterdatei korrekt verlief. Somit ist Orca AVA 22 gemäß Hersteller auch beim Datenaustausch nach GAEB technisch auf aktuellem Stand. www.orca-software.com Wer statt Digitalkamera, Bleistift und Papier für die Dokumentation von Baustellenaktivitäten oder Mängeln Smartphone oder Tablet mit der passenden App einsetzt, kann seinen Zeit- und Arbeitsaufwand erheblich reduzieren. Mit den Cloud-Lösungen „BauDoc“ von Skill Software, „Baumaster“ von PASit Software oder „Sharesuite“ von der Sharesuite Vertriebs GmbH haben gleich mehrere Anbieter entsprechende Lösungen vorgestellt. Während BauDoc vor allem der mobilen Bautagebuch- Erstellung, Mängeldokumentation und -verfolgung dient, enthält Baumaster zusätzlich auch einen Projektraum für eine Online- Ablage von Planungsunterlagen oder eine Baukostenverwaltung. Sharesuite verfügt als umfassende Projektmanagement Lösung für Bau- und Immobilienprojekte darüber hinaus auch über Kooperations-, Dokumentenmanagement-, Zeiterfassungs- und Controllingfunktionen. www.skillsoftware.de, www.sharesuite.com, www.bau-master.com Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz) Mehr Informationen zum Thema Digital erhalten Sie hier

Kündigung statt Bindung

Foto: Fotolia Mit dem neuen Architektenvertragsrecht im BGB wurde auch ein Sonderkündigungsrecht für Bauherren und Architekten eingeführt. Es findet aber nur bei Verträgen mit Zielfindungsphase Anwendung. Von Eric Zimmermann Seit dem 1. Januar 2018 stehen im BGB erstmals eigenständige Regelungen für den Architekten- und Ingenieurvertrag (§§ 650 p bis t BGB). Zum Zweck der Reform formulierte Gerd Billen, Staatssekretär im Bundesjustizministerium, 2016 in seiner Rede auf dem Deutschen Baugerichtstag so: „Wenn an einem Bauvorhaben ein Architekt oder Ingenieur beteiligt ist, sind weitere Interessen zu berücksichtigen. Auch diese haben wir in den Blick genommen und wollen ihre Rechtsposition durch neue Vorschriften für Architekten- und Ingenieurverträge stärken.“ Eine Stärkung stellt sicherlich die Annahme einer Honorierungspflicht in der Zielfindungsphase dar. Sind wesentliche Planungs- und Überwachungsziele noch nicht vereinbart, soll der Architekt zur Ermittlung dieser Ziele eine Planungsgrundlage und eine Kosteneinschätzung  (vgl. „Neues Architektenrecht“) erstellen und dem Bauherrn zur Zustimmung vorlegen. Dies könnte zum Beispiel ein ausgefüllter Fragenkatalog, ergänzt um grobe Skizzen, sein und eine Kostenermittlung, die nicht einer Kostenschätzung nach DIN 276 entsprechen muss. Das gesetzliche Leitbild eines Vertrags mit Zielfindungsphase gab es bislang nicht. „Mit der Neuregelung soll zugleich einer in der Praxis vielfach zu weit gehenden Ausdehnung der unentgeltlichen Akquise zulasten des Architekten entgegengewirkt werden“, heißt es in der Gesetzesbegründung. Im Rahmen eines Vertrags mit Zielfindungsphase auftragsgemäß erbrachte Leistungen sind vom Bauherrn zu vergüten und stellen keine kostenfreien Akquiseleistungen quasi im vorvertraglichen Bereich dar. Sonderkündigungsrecht des Bauherrn Spiegelbildlich zum Architektenvertrag mit Zielfindungsphase aus § 650 p Abs. 2 BGB führte der Gesetzgeber ein Sonderkündigungsrecht (§ 650 r BGB) nach Vorlage der in der Zielfindungsphase zu erstellenden Planungsgrundlage und Kosteneinschätzung ein. Die Vorschrift gewährt dem Bauherrn, mit dem wesentliche Planungs- und Überwachungsziele noch nicht festgelegt wurden, ein besonderes Kündigungsrecht. Wenn sich der Bauherr zu einem solchen frühen Zeitpunkt, in dem erst einmal eine Planungsgrundlage erstellt werden muss, zum Beispiel bis zur Leistungsphase 8 oder 9 an den Architekten bindet, dann soll auch die Möglichkeit für ihn bestehen, noch frühzeitig aus dem Vertrag auszusteigen. Das Sonderkündigungsrecht ist also die „Exit“-Strategie des Bauherrn für einen Vertrag mit Zielfindungsphase nach Abschluss der Zielfindung. „Das Kündigungsrecht soll“, so heißt es in der Gesetzesbegründung, „insbesondere Verbraucher vor den Rechtsfolgen eines häufig übereilt abgeschlossenen umfassenden Architektenvertrags schützen.“ Das Kündigungsrecht erlischt zwei Wochen nach Vorlage, also Zugang der Unterlagen beim Bauherrn; bei einem Verbraucher als Bauherrn jedoch nur dann, wenn der Architekt ihn bei der Vorlage der Planungsgrundlage und der Kosteneinschätzung in Textform über das Kündigungsrecht, die Frist, in der es ausgeübt werden kann, und die Rechtsfolgen der Kündigung unterrichtet hat. Unterblieb die Aufklärung, besteht das Kündigungsrecht des Bauherrn fort. Die Kündigung durch den Bauherrn muss schriftlich erfolgen, sie bedarf keiner Begründung. Selbst wenn die Planungsgrundlage den Wünschen des Bauherrn entspricht, kann er das Sonderkündigungsrecht ausüben. Kündigt der Bauherr nicht innerhalb der Zwei-Wochen-Frist, erlischt sein Sonderkündigungsrecht. Sonderkündigungsrecht des Architekten Der Gesetzgeber hat auch dem Architekten ein Sonderkündigungsrecht vom Vertrag mit Zielfindungsphase eingeräumt (vgl. § 650 r Abs. 2 BGB). Will der Architekt davon Gebrauch machen, muss er dem Bauherrn eine angemessene Frist setzen, innerhalb derer der Bauherr zu erklären hat, ob er den vorgelegten Unterlagen zustimmt. Verweigert der Bauherr die Zustimmung oder schweigt er sich aus, kann der Architekt den Vertrag kündigen. Welche Frist angemessen ist, ist im Einzelfall zu entscheiden: Für die Planung eines Hauptbahnhofs werden andere Fristen gelten als für das Einfamilienhaus. Grundsätzlich wird in der Regel eine Frist zwischen zwei und vier Wochen als ausreichend anzusehen sein; freilich gibt es auch hierzu Auffassungen, die von deutlich längeren Zeiten ausgehen. Genauso wie die Bauherrenkündigung hat die Kündigung des Architekten schriftlich zu erfolgen. Folge der Kündigung Unabhängig davon, ob der Architekt oder der Bauherr das Sonderkündigungsrecht ausgeübt hat: Der Vertrag ist zwar beendet, aber der Architekt besitzt einen Honoraranspruch für die vertraglich vereinbarten und erbrachten Leistungen. Schließlich hat er im Rahmen des Architektenvertrages mit Zielfindungsphase eine Planungsgrundlage und eine Kosteneinschätzung erstellt. Er kann deshalb die Vergütung verlangen, die auf die bis zur Kündigung erbrachten frühen Leistungen entfällt. Diese Änderung ist daher positiv: Es bleibt zu hoffen, dass sie entsprechend auch angewendet wird. Eric Zimmermann ist Rechtsanwalt (Syndikusrechtsanwalt), Bereichsleiter Recht und Wettbewerb sowie Justiziar der Architektenkammer Baden-Württemberg. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Abgerechnet wie geleistet

Foto: Fotolia Verlangen öffentliche Auftraggeber in einem Verhandlungsverfahren Lösungsvorschläge, die Leistungen nach der HOAI erfordern, richtet sich auch das Honorar danach. Von H. Henning Irmler Architektenleistungen oberhalb des derzeitigen Schwellenwertes in Höhe von 221.000 Euro müssen durch öffentliche Auftraggeber im Rahmen eines Verhandlungsverfahrens nach § 17 Vergabeverordnung (VgV) vergeben werden. Dabei ist der Auftrag im Leistungswettbewerb zu vergeben (§ 76 VgV) und nicht in einem Preiswettbewerb, da die Vergütung aufgrund des verbindlichen Preisrechts der HOAI (weitgehend) vorgegeben ist. Da bei derartigen Verfahren der Preis, nämlich das Architektenhonorar, wegen des zwingenden Preisrechts der HOAI nicht alleiniges Zuschlagskriterium sein darf, verlangen öffentliche Auftraggeber als ein wertendes Zuschlagskriterium häufig das Erarbeiten eines Lösungsvorschlages im Sinne des § 77 VgV. Absatz 2 der Norm schreibt für solche Fälle vor, dass einheitlich für alle Bewerber eine angemessene Vergütung festzusetzen ist. Absatz 3 betont darüber hinaus, dass gesetzliche Gebühren oder Honorarordnungen unberührt bleiben. Lösungsvorschläge im Sinne des § 77 Abs. 2 VgV sind nach der HOAI zu vergüten, wenn Leistungen verlangt werden, die Grundleistungen der HOAI darstellen. So hat die Vergabekammer (VK) Südbayern mit nunmehr rechtskräftigem Beschluss vom 29. Juni 2017 (Az.: Z3-33104-1-13-04/17) entschieden, den das Oberlandesgericht (OLG) München im Ergebnis in einem Hinweis an die Parteien im zwischenzeitlichen Beschwerdeverfahren bestätigt hat. In dem konkreten Fall verlangte der öffentliche Auftraggeber für die Verhandlungsphase in einem VgV-Verfahren das Fertigen eines Lösungsvorschlages nach bestimmten Vorgaben, wobei es sich um Teilleistungen von Grundleistungen der HOAI handelte. Als Vergütung setzte er einen Betrag in Höhe von jeweils 12.000 Euro fest. Ein Architekt rügte diese Festsetzung als Verstoß gegen die HOAI, da nach seiner Berechnung ein dementsprechendes Honorar mit circa 47.000 Euro netto anzusetzen gewesen wäre. Zwischen den Parteien war unstreitig, dass das festgesetzte Honorar in Höhe von 12.000 Euro nicht dem Honorar nach der HOAI entsprach und erheblich darunterlag, wobei die genaue Höhe streitig blieb. Im Mittelpunkt des Rechtsstreites stand somit die Frage, ob lediglich ein angemessenes Honorar, das nicht der HOAI entspricht, oder aber ein HOAI-gemäßes Honorar nach § 77 Abs. 2 VgV festzusetzen sei. Der öffentliche Auftraggeber vertrat die Auffassung, nach Wegfall des § 20 Abs. 3 VOF – der die Honorierung von Lösungsvorschlägen nach der HOAI regelte – im Rahmen der 2016 in Kraft getretenen Vergaberechtsmodernisierung führe § 77 Abs. 3 VgV nicht dazu, dass die HOAI auf Lösungsvorschläge im Sinne des Absatzes 2 anzuwenden sei. Die HOAI fände nämlich (nur) dann Anwendung, wenn Architektenleistungen aufgrund eines Vertrages erbracht würden. Bei Verhandlungsverfahren der VgV handele es sich aber um die sogenannte „Akquisephase“ und es bestünde deshalb (noch) gar kein Vertragsverhältnis, da ein solches ja erst durch das Verhandlungsverfahren begründet werden solle. Vertrag oder Akquise? Diese Auffassung teilt die VK Südbayern nicht. Auch wenn die Regelung des § 20 Abs. 3 VOF alte Fassung nicht mehr gelte, gäbe es keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass der Verordnungsgeber der VgV die Architekten und Ingenieure bei der Ausarbeitung von verlangten Lösungsvorschlägen, die Teilleistungen der HOAI umfassen, schlechter stellen wollte. Vielmehr könne § 77 Abs. 2 und 3 VgV nur so gelesen werden, dass die jeweils festzusetzende Vergütung für Lösungsvorschläge, die Teilleistungen der HOAI enthalten, nur dann als angemessen anzusehen sind, wenn diese Vergütung den Bestimmungen der HOAI entspricht. Das OLG München hat diese Auffassung in seinem oben angesprochenen Hinweis bestätigt: Zwar könnten der Wortlaut des Absatzes 2 beziehungsweise das Fehlen einer § 20 Abs. 3 VOF (alte Fassung) entsprechenden Regelung vordergründig den Anschein erwecken, dass der Verordnungsgeber nur die Notwendigkeit einer „angemessenen“ Vergütung – unabhängig von der HOAI – bejahen wollte. Eine Auslegung allein nach dem Wortlaut sei aber weder mit der Begründung zur Vergaberechtsmodernisierung noch mit dem Zweck der Verordnung in Einklang zu bringen. Es erschließt sich schon nicht, welchen Zweck die Vorschrift des § 77 Abs. 3 VgV haben soll, wenn Teilleistungen der HOAI als Lösungsvorschläge verlangt werden, diese aber nicht nach der HOAI berechnet werden. Die Vorschrift würde ins Leere laufen und ein verbleibender Anwendungsbereich wäre nicht zu erkennen. Dagegen ist § 77 Abs. 2 VgV eine eigenständige „Vergütungsbedeutung“ für solche Leistungen bei Lösungsvorschlägen zuzusprechen, die Grundleistungen der HOAI oder Teilleistungen davon darstellen. Absatz 3 hingegen konkretisiert das Angemessenheitserfordernis des Absatzes 2 für eben solche Leistungen. Werden somit lediglich Lösungsvorschläge verlangt, die keine Grundleistungen der HOAI (oder Teilleistungen davon) erfordern, ist „nur“ auf die Angemessenheit einer Vergütung abzustellen, nicht aber auf die HOAI. Andernfalls ist die Vergütung entsprechend differenziert zu berechnen: Hinsichtlich der Leistungen, die keine Teilleistungen der HOAI darstellen, reicht die „Angemessenheit“ als solche aus und im anderen Fall bestimmt sich die Angemessenheit ausschließlich nach der HOAI. Hinsichtlich der Frage, ob die HOAI nur beim Vorliegen einer vertraglichen Vereinbarung zwischen den Parteien anzuwenden ist, ist auf die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs vom 16. März 2017 (Az.: VII ZR 35/14) hinzuweisen (vgl. „Wann die Werbephase endet“). Danach endet bei dem Abfordern von Leistungen der HOAI jegliche „Akquisephase“ mit der Festsetzung einer Vergütung. In diesem Fall bestimmt sich das Honorar nur nach der HOAI. Die vom Auftraggeber „ausgelobte“ Vergütung ist als Angebot über eine Vergütungsvereinbarung – im Vorfeld des eigentlichen Architektenvertrages – anzusehen, die mit dem Erbringen des Lösungsvorschlags durch den jeweiligen Bewerber angenommen wird. Prof. H. Henning Irmler ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Vergaberecht in Schwerin. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Reiseführer durch den Paragrafendschungel

Treppenwitze: Das Besteigen ausländischer Treppen ist lehrreich, aber auf eigene Gefahr. Wer bestimmt, wie unsere Städte und Häuser aussehen? Die Ausstellung „Form folgt Paragraph“ im Architekturzentrum Wien trägt Normen, Richtlinien und Bauvorschriften aus aller Welt zusammen und erklärt auf diese Weise, warum die Welt so ist, wie sie ist. Von Wojciech Czaja Was ist ein Tageslichtquotient? Warum gibt es weltweit so viele verschiedene Treppenvorschriften? Und warum werden die Dachlandschaften in Wien, München und Berlin immer hässlicher und kleinteiliger? Diesen Fragen widmet sich noch bis zum 4. April eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien (AzW). „Form folgt Paragraf“, so ihr Titel, der den weltberühmten Funktionsaphorismus von Louis Sullivan auf die Schippe nimmt, ist aber keineswegs eine so knochentrockene Angelegenheit, wie man im ersten Moment vermuten könnte, sondern eine humoristische Zusammenstellung manifest gewordener Normen, Richtlinien und Bauvorschriften, die teils sinnvolle, teils haarsträubende bauliche Lösungen mit nach ziehen. Die Ausstellung, die die Entstehung von Architektur aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel betrachtet, richtet sich nicht nur an Fachleute, sondern explizit auch an Publikum von der Straße. „Die Gesellschaft hat ein gewisses Bild von Architektur als Ausdruck einer kreativen, künstlerischen Kraft“, sagt AzW-Direktorin Angelika Fitz. „Entsprechend arrogant und übermenschlich werden Architektinnen und Architekten in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Wir möchten zeigen, dass die gebaute Umwelt auch von ökonomischen und vor allem von juristischen Kräften geprägt und geformt ist. Vielleicht versteht der Laie nach dem Rundgang etwas besser, warum die Brandschutztür in seinem Wohnhaus so schwer zu öffnen ist – und dass nicht der Architekt an diesem Umstand allein schuld ist.“ Darüber hinaus lernt man beispielsweise, dass Wiener Erde, die beim Bau eines Kellers ausgehoben und abtransportiert wird, nach zwei Kilometern Lkw-Fahrt von Gesetzes wegen zu Abfall mutiert. Dass Kinderlärm in Österreich von den Lärmschutzbestimmungen ausgenommen ist, während in Deutschland – so geschehen in einer Wohnhausanlage in Berlin, die die Ausstellung zeigt – Kinderspielplätze mitunter mit Schallschutzmauern umbaut werden müssen. Und dass im Guide to Street Vending in New York City ganz genau geregelt ist, wie weit ein Flohmarkttisch vom Randstein und somit von der Fahrbahn entfernt zu stehen hat. Alles hat seine Ordnung. Und jede Ordnung hat ihre Hüter. Besonders absurd sind die sich mitunter eklatant unterscheidenden Stufenvorschriften, die keineswegs mit kurzen oder langen Beinen unterschiedlicher Ethnien und Gesellschaften zu tun haben, sondern schlicht und einfach Produkt des Paragrafendschungels sind. Im AzW sind die weltweiten Unterschiede nicht nur erfass-, sondern auch auf 1 : 1-Modellen physisch erlebbar. Und zwar auf eigene Gefahr, wie am Eingang der Ausstellung zu lesen ist, weil, nun ja, die im Ausland legale Treppe im Inland illegal ist. Während man in Neuseeland mit einer maximal erlaubten Treppensteigung von 32 Grad die Höhe erklimmen darf, gleicht die japanische Treppe mit bis zu 57 Grad Steigung fast einer halsbrecherischen Hühnerleiter, auf der man sich gut und gerne am Geländer festhält. Und dass die US-Amerikaner mit 115 Zentimetern die mit Abstand größte Mindestbreite für den Bereich Einfamilienhaus haben, ist in Anbetracht des dort grassierenden Hamburger-Hungers leider nicht nur ein Treppenwitz. Ergänzt wird die Ausstellung von allerlei exotischen Paragrafenkonsequenzen aus aller Welt – anhand konkreter Beispiele aus Almere (experimenteller Städtebau), Zürich (Baugespanne bei Bauvorhaben), Tirana (Umgang mit Denkmalschutz), Tokio (Belichtungsvorschriften), Zhengzhou (Modulbauweise), Paris (Lebensmittelschutz in Backstuben) und London (Brandschutzvorschriften nach dem Brand des Grenfell Towers). Die Dichte der oft sinnentleerten Akten zeigt sich in der Ausstellungsarchitektur des Wiener Büros Planet, das aus insgesamt 7.000 weißen, leeren Aktenordnen Trennwände aufstellte. Der Wahnsinn ist augenscheinlich.

Gemeinsam planen

Tillman Prinz, Bundesgeschäftsführer der Bundesarchitektenkammer Da trifft kreative Freiheit auf normierte Präzision, Ganzheitlichkeit auf technische Detailgenauigkeit. Man findet ja keine guten TGA-Ingenieure“ ist einer der Standardsätze von Architekten.  Gemeint ist nicht der bundesweite Fachkräftemangel, die Betonung liegt auf „gut“ im Sinne der Architekten und meint Verständnis für architektonische Konzepte und die Arbeits- und Herangehensweise des Architekten. Während die Kenntnisse im Bereich TGA selten infrage gestellt werden, vermissen viele Architekten aufseiten der TGA-Ingenieure – oder eher TA-Ingenieure, denn es geht schon lange nicht mehr nur um Gebäude – ein Gespür für den besonderen ganzheitlichen Planungsansatz der Architekten. Die umfassende Verantwortung des Architekten für die Erfüllung sämtlicher, auch stillschweigender Wünsche des Bauherrn sowie die korrekte und reibungslose Koordination aller Fachplanungen und Gewerke unterscheidet sich von der spezifischen Verantwortung der TA-Ingenieure, gesetzliche und technische Vorgaben im Bereich der technischen Ausrüstung mangelfrei einzuplanen. Das führt immer wieder zu gegenseitigem Unverständnis. Architekten sind es gewohnt, auf einer leeren Fläche ganze Welten zu erdenken; TA-Ingenieure erdenken die hierfür erforderlichen technischen Welten in den dafür vorgegebenen Räumen. Damit wird sofort klar, warum beispielsweise bei Planänderungen eine enge Abstimmung erforderlich ist. Architekt und TA-Ingenieur – beide Berufe haben einen hohen Anspruch an Perfektion. In der Zusammenarbeit trifft kreative Freiheit auf normierte Präzision, ganzheitliche Betrachtungsweise auf technische Detailgenauigkeit. Beides ist für gute Architektur und Ingenieurbaukunst unerlässlich. Doch nicht nur der individuelle Anspruch an die eigene Leistung erschwert die reibungslose Zusammenarbeit, sondern auch rechtliche und wirtschaftliche Zwänge. Der hohe Grad der technischen Normung hat weitreichende Haftungsfolgen für Architekten und Ingenieure. Veränderte Montagewege oder auch der vermehrte Einbau von Fertigteilen ohne Einpassungsspielraum erfordern mehr TA-Planung, während sie die Planungsfreiheit des Architekten reduzieren. Der Bauherr jedoch erwartet eine wirtschaftliche und reibungslose Umsetzung seiner Zielvorgaben. Eine weitere wesentliche Herausforderung in der Zusammenarbeit ist die zu verbessernde Synchronisierung der Planungsabläufe. Dieses Ziel ist nur zu erreichen, wenn alle Planungsbeteiligten – vom Bauherrn über den Architekten bis zum TA-Ingenieur – ihre Vorstellungen rechtzeitig kommunizieren, gemeinsam abstimmen und Probleme offen und konstruktiv lösen. Der Erfolg jedes Projekts hängt von einer solch kooperativen Planungskultur und dem gleichberechtigten und transparenten Miteinander ab. Die jeweiligen Aufgaben und Verantwortlichkeiten ergeben sich aus der Rolle der Beteiligten im Planungsprozess. Das Unterpfand jeder erfolgreichen Zusammenarbeit von Architekten und TA-Ingenieuren ist eine veränderte Herangehensweise: vom Selbstverständnis zum gegenseitigen Verständnis. In einem eineinhalbjährigen intensiven Dialogprozess haben engagierte Architekten und TA- Ingenieure unter Moderation von Bundesarchitektenkammer und Bundesingenieurkammer die Störfaktoren herausgearbeitet, die es für eine bessere Zusammenarbeit zu überwinden gilt, und Handlungsvorschläge vorgelegt. Die Ergebnisse sind in einer Broschüre und auf der Website www.gemeinsam-planen.de zusammengestellt, die im Februar vom Bundesbauministerium auf der bautec in Berlin vorgestellt wurde. Dabei werden gesetzliche und vertragliche Pflichten verglichen, insbesondere aber der offene Blick auf Charaktere und Arbeitsweisen geschärft, der zu Verständnis und Sympathie für die jeweils andere Seite führt.

Lehrstoff Licht

Wie man Architektur mit Licht in Szene setzt oder Licht als praktisches Hilfsmittel nutzt, vermitteln Fachbücher oder Fortbildungen. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten bieten auch die Architektenkammern ihr Fachwissen an. Von Heiko Haberle Philippe P. Ulmann, Handbuch und Planungshilfe, Licht und Beleuchtung, DOM publishers, Berlin, 2015, 410 Seiten, 88 Euro FÜR NEUGIERIGE Wer sich erstmals mit der Lichtplanung befassen will, findet in diesem Buch wichtige Grundlagen. Es beginnt bei der menschlichen Wahrnehmung und führt über Basiskenntnisse der Elektronik zur Vorstellung verschiedener Leuchtmittel. Anschließend geht es detaillierter um die Steuerung von Tageslicht und um den gestalterischen Einsatz von Kunstlicht in Innen- oder Außenräumen. Ein eigenes Kapitel befasst sich mit der Lichtsimulation. Dabei sind auch die eher technischen Abschnitte ansprechend und übersichtlich gestaltet. Im Projektteil wird es dann aber übertrieben. Man sieht viel zu viele schöne Bilder von bunt beleuchteten (und meist bekannten) Prachtbauten aus aller Welt: Opernhäuser, Flughäfen, Wolkenkratzer. Aber wie viele Architekten haben schon solche Bauaufgaben? Leider ist das Thema Licht fast nur visuell präsent, denn wie die gezeigten Lichtstimmungen genau erreicht wurden, bleibt bei den allgemein-architektonischen Beschreibungen oft im „Dunkeln“. Auch die detaillierte Fallstudie einer Brückenbeleuchtung in Kalifornien ist nicht gerade alltagsnah. Wer sich von der ausgiebigen Projektschau nicht blenden lässt oder genau das mag, hält trotzdem ein ernst zu nehmendes Fachbuch für Einsteiger in Händen. Torsten Braun, Markus Felsch, Roland Greule, Lichtplanung und Lichtdesign. Konzepte – Technik – Beispiele, Rudolf Müller, Köln, 2016 188 Seiten, 79 Euro FÜR NEUE EXPERTEN Wer nach dem Interview mit Markus Felsch noch mehr von ihm lernen möchte, kann das in Buchform tun. Wo vor dem Siegeszug der LEDs Bauherren und Architekten ein Basiswissen gehabt hätten, bestehe nun ein Technologie- und Wissensvorsprung der Hersteller, den Felsch und seine Mitautoren verkürzen möchten. Ausführlicher als beim Handbuch von DOM publishers und mit vielen hilfreichen Grafiken und Fotos wird auf die Anatomie des Auges und die Wahrnehmung von Farben und Helligkeit eingegangen – ebenso auf physikalische Grundlagen, Normen und Verordnungen oder Leuchtmittel. Die Kapitel zur Lichtplanung thematisieren auch die Bedarfsanalyse, Lichtsteuerung und -simulation sowie das Energieeinsparpotenzial mittels Tageslicht. Projektbeispiele gibt es eher wenige, die dafür aber der deutschen Berufspraxis entsprechen. Die Lichtplanung wird an ihnen genau erläutert. Das Buch hat kaum weniger oder schlechtere Bilder als der Band von DOM publishers, was durch das Layout, das an eine (zwar ambitionierte) wissenschaftliche Studie erinnert, leider nicht ausgespielt wird. Gerade bei einem so visuellen Thema ist das schade – wenn auch angesichts der Inhaltsschwere verkraftbar. FÜR KURZENTSCHLOSSENE AK Bayern: Barrierefreiheit und Flexibilität. Licht, Farbe und Leitsysteme 6. März 2018, München | 150 bis 220 Euro AKs Niedersachsen und Bremen: Lichtplanung – Kunstlicht und Tageslicht. Beleuchtungskonzepte – eine Symbiose mit der Architektur 17. April 2018, Hannover | 125 bis 185 Euro AK Hessen: Lichtplanung im öffentlichen Raum –Plätze, Wege, Grünzonen, Fassaden 18. April 2018, Wiesbaden | 149 bis 299 Euro AK Baden-Württemberg: Farbe und Licht in der Architektur 3. Mai 2018, Karlsruhe | 175 bis 305 Euro AK Baden-Württemberg: Lichtplanung – Kunstlicht und Tageslicht 4. Juli 2018, Freiburg | 175 bis 305 Euro Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Hell“ finden Sie in unserem DABthema Hell

Gesamtschuld, ja – aber….

Foto: Fotolia Paragraf 650 t BGB verbessert die Situation für Architekten: Bei Überwachungsfehlern muss der Bauherr nun erst den Bauunternehmer um Nachbesserung bitten. Von Markus Prause Auf der Baustelle führt der Bauunternehmer seine Leistungen gemäß den bauvertraglichen Vereinbarungen aus. Der Architekt überwacht die Arbeiten. Trotz dieses Vier-Augen-Prinzips kann es zu Mängeln bei der Bauausführung kommen. Die Gesamtschuld Der Architekt haftet dann wegen eines Überwachungsfehlers nach den allgemeinen werkvertraglichen Vorschriften (§ 650 q i. V. m. §§ 633 ff. BGB) und auch den Bauunternehmer trifft die werkvertragliche Haftung (§ 650 a i. V. m. §§ 633 ff. BGB). Dem Bauherrn stehen also Ansprüche gegen beide Verursacher zu – der Fall der Gesamtschuld. Wird nun einer der Gesamtschuldner in Anspruch genommen, hat dieser den Schaden zunächst zu hundert Prozent zu tragen und kann erst nach der Befriedigung der Ansprüche des Bauherrn intern beim anderen Beteiligten hinsichtlich dessen Verursachungsbeitrags Rückgriff nehmen (Innenregress). Der Bauherr konnte bislang frei wählen, gegen wen er vorgehen wollte. Allzu oft traf es den Architekten, weil der Bauherr von ihm beziehungsweise seiner Versicherung direkt Geld verlangen kann – auch ohne den Schaden zu beseitigen. Denn wenn eine Bauleistung wegen einer mangelhaften Objektüberwachung fehlerhaft ausgeführt wurde, ist eine Nacherfüllung durch den Architekten nicht möglich. Da der Architekt nicht die Bauleistung schuldet, hat er kein Recht, den Bauwerksmangel selbst zu beseitigen. Er haftet direkt auf Schadensersatz in Geld. Dem Bauunternehmer hingegen muss zunächst Gelegenheit gegeben werden, den Mangel selbst zu beseitigen. Erst wenn die Nacherfüllung scheitert, kann der Bauherr vom Unternehmer Geld verlangen. Erleichterung bei Überwachungsfehlern Diese Belastung für die Architekten minimiert nunmehr § 650 t BGB: Der Bauherr muss zunächst erfolglos den Bauunternehmer zur Nacherfüllung auffordern, bevor er die Kosten der Mangelbeseitigung vom Architekten verlangen kann. Der Architekt darf also die Zahlung von Schadensersatz verweigern, solange der Bauherr nicht den Versuch unternommen hat, den Bauunternehmer zur mangelfreien Herstellung der Bauleistung zu bewegen. Diese zur Leistungsverweigerung berechtigende Einrede steht ihm aber nur bei einem Überwachungsfehler und nicht bei Planungs- oder Ausschreibungsfehlern zu. Das Leistungsverweigerungsrecht endet, wenn der Bauherr dem Bauunternehmer einmal eine angemessene Frist zur Nachbesserung gesetzt hat und die Frist fruchtlos verstrichen ist. Einer Klage gegen den Bauunternehmer bedarf es nicht. Solange dem Architekten das Leistungsverweigerungsrecht aus § 650 t BGB zusteht, ist der Bauherr übrigens nicht berechtigt, der Honorarforderung des Architekten Schadensersatzansprüche entgegenzuhalten. Regelungen im Architektenvertrag Rein aus Klarstellungsgründen könnte die Regelung des § 650 t BGB in den Architektenvertrag aufgenommen und wie folgt formuliert werden: „Nimmt der Bauherr den Architekten wegen eines Überwachungsfehlers in Anspruch, der zu einem Mangel an dem Bauwerk geführt hat, kann der Architekt die Leistung verweigern, wenn auch der ausführende Bauunternehmer für den Mangel haftet, und der Bauherr diesem Unternehmer noch nicht erfolglos eine angemessene Frist zur Nacherfüllung bestimmt hat.“ Versuche von Bauherren, das Recht aus § 650 t BGB im Architektenvertrag auszuschließen, werden aller Voraussicht nach scheitern. § 650 t BGB stellt ein neues gesetzliches Leitbild auf, das zumindest durch allgemeine Geschäftsbedingungen nicht ausgehebelt werden kann. Praxishinweis Wird der bauüberwachende Architekt mit Schadensersatzansprüchen konfrontiert, sollte er prüfen, ob dem Anspruch die Einrede aus § 650 t BGB entgegengehalten werden kann – auch, um den Blick des Bauherrn auf den Bauunternehmer zu lenken. Gleichzeitig sollte der Architekt in jedem Fall seine Berufshaftpflichtversicherung einschalten, um seiner Anzeigepflicht zu genügen und das weitere Vorgehen abzustimmen. Markus Prause ist Syndikusrechtsanwalt und Justiziar der Architektenkammer Niedersachsen. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier

Nur wer plant, wird befreit?

Foto: Fotolia Architekten, die nicht in Architekturbüros arbeiten, werden oft nicht von der gesetzlichen Rentenversicherung befreit. Das hängt von der genauen Tätigkeit ab. Von Florian Hartmann Wer in letzter Zeit als angestellte Architektin oder angestellter Architekt die Stelle gewechselt hat, wird es möglicherweise am eigenen Leib erfahren haben. Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) prüft deutlich strenger als in der Vergangenheit, ob der Stellenwechsler weiterhin von der Versicherungspflicht befreit wird­. Im Fokus der DRV stehen dabei die angestellten Berufsangehörigen, die – so die Sprache der DRV – einer sogenannten „nicht klassischen“ Tätigkeit nachgehen­. Damit meint sie Personen, die nicht in einem Architekturbüro arbeiten, sondern beispielsweise bei einer Bauaufsichtsbehörde als Innenarchitekten, bei einer Messegesellschaft oder als Immobiliensachverständige bei einer Sparkasse­. Lehnt die DRV den Befreiungsantrag ab, kann der Betroffene Widerspruch einlegen und in einem weiteren Schritt die Sozialgerichte anrufen­. Aktuell sind insbesondere drei Entscheidungen von Landessozialgerichten (LSG) ergangen, die (potenzielle) Stellenwechsler und Arbeitgeber kennen sollten. ­Die in diesen Fällen ebenfalls zu beachtende Entscheidung des LSG NRW zur Befreiungsfähigkeit einer Landschaftsarchitektin wurde hier bereits besprochen (siehe „Befreiendes zur Befreiung“)­. Keine Befreiung als Energieberater Ein nicht rechtskräftiges Urteil mit möglicherweise weitreichenden Folgen für den Berufsstand hat das LSG NRW zur Befreiungsfähigkeit eines „Energieberaters“ gesprochen (LSG NRW Urteil vom 19.05.2017, Az­.: L 14 R 1109/14). Nach Auffassung des Gerichts hat ein Energieberater, der „lediglich“ energetisch beratend im Sinne des §1 Abs. 1 und Abs. 5 Baukammerngesetz NRW (BauKaG NRW) tätig ist, keinen Anspruch auf Befreiung von der Mitgliedschaft in der DRV­. Er übe keine „hinreichend berufsspezifischen Tätigkeiten wie ein Architekt aus.“­ Berufsspezifisch tätig und damit befreiungsfähig sei nur derjenige, dessen Tätigkeit dem „Kernbereich der Tätigkeit eines Architekten“ zuzuordnen sei­. Das sei nur dann der Fall,  wenn die Tätigkeit einen „Querschnitt der wesentlichen Aufgabenbereiche“ des Ÿ§1 BauKaG NRW umfasse­. Dabei gäbe der „planende Aspekt, die Bauwerksausführung und Bauüberwachung“ der Architektentätigkeit ihr „Gepräge“­. Wer diese prägenden Elemente in seiner Stellenbeschreibung nicht vorweisen könne, arbeite nicht als Architekt­. Eine Befreiung sei ausgeschlossen­. Sollte diese Rechtsprechung Bestand haben, steht zu befürchten, dass diese zunächst nur für Nordrhein-Westfalen geltende Sichtweise auch auf andere Bundesländer übertragen wird und sich der Grundsatz durchsetzt: Nur wer plant, ist berufsspezifisch als Architekt tätig und kann sich von der Versicherungspflicht in der DRV befreien lassen. Alle diejenigen, die nicht planen – etwa die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bauaufsichtsbehörden oder Sachverständige – müssten in die DRV­. Das kann nicht richtig sein! Folgerichtig unterstützen die Architektenkammer NRW und ihr Versorgungswerk die sogenannte Nichtzulassungsbeschwerde zum Bundessozialgericht (BSG) in dieser Sache, um eine Überprüfung der Entscheidung herbeizuführen. Es ist zu hoŒffen, dass das BSG erkennt: Architekt ist jeder, der Berufsaufgaben nach dem Baukammern- beziehungsweise Architektengesetz erfüllt­. Befreiung als Immobiliengutachterin Positiv für den Berufsstand ist hingegen eine Entscheidung des LSG Baden-Württemberg (Urteil vom 27.06.2017, Az­.: L 11 R 2694/16)­. Das Gericht hat festgehalten: „Eine Architektin, die bei einer Sparkasse als Wertgutachterin für Immobilien abhängig beschäftigt ist, hat einen Anspruch auf Befreiung von der Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung, wenn sie als Mitglied der Architektenkammer Baden-Württemberg Pflichtmitglied im Versorgungswerk der Architektenkammer ist­“. Dieses Urteil steht nur auf den ersten Blick im Widerspruch zur vorgenannten Entscheidung. Im Unterschied zum Energieberater konnte die Wertgutachterin darlegen und beweisen, dass sie nicht „nur“ als Sachverständige arbeitet, sondern auch betraut ist „mit der bautechnischen Beurteilung von Gebäuden und Sachverhalten der Prüfung von Kostenberechnungen, Baukostenanalysen, Erstellung von Planunterlagen für Gebäude, fürdie keine Planunterlagen vorhanden sind, und (perspektivisch) der Koordination der hausinternen Bauvorhaben“. Die Gutachterin erfüllt also, um in der Sprache des LSG NRW zu bleiben, einen „Querschnitt“ der Berufsaufgaben einer Architektin. Vor diesem Hintergrund kann jedem Architekten, der von der DRV befreit werden möchte, nur geratenwerden, seine Tätigkeit intensiv daraufhin zu überprüfen, ob sie nicht planende Elemente im Sinne des ’“”§1 BauKaG NRW oder der übrigen Ländergesetze enthält. Einmal befreit, immer befreit? Honig saugen kann man schließlich aus einem anderen Urteil des LSG NRW (Urteil vom 14.03.2017, Az.: ›L 18 ”œR 852/16). Die Richter haben entschieden, dass die Formulierung eines Befreiungsbescheids aus dem Jahr” 1995 so zu verstehen sei, dass die seinerzeit ausgesprochene Befreiung auch bei einem Tätigkeitswechsel gilt, also in dieser besonderen Fallgestaltung vom Grundsatz: „Einmal befreit, immer befreit“ auszugehen sei. Auch diese Entscheidung ist positiv für den Berufsstand! Wer sich auf dieses Urteil berufen möchte, sollte aber zunächst prüfen, ob die Formulierung seines Befreiungsbescheides mit der Formulierung im Urteil übereinstimmt. Zudem hat das LSGNRW in dieser Sache ausdrücklich die Revision zum BSG zugelassen. Von dieser Möglichkeit hat die DRV dem Vernehmen nach schon Gebrauch gemacht, sodass abzuwarten ist, wie die Bundesrichter den Fall beurteilen. Stärkung der freien Berufe Auch wenn Architektinnen und Architekten, unterstützt von ihren Kammern und derenVersorgungswerken, Erfolge vor den (Landes-)Sozialgerichten erzielen (siehe hier), bleibt die Situation unbefriedigend. Es kann nicht sein, dass die DRV oder die Sozialgerichte entscheiden, wer Architekt ist und wer nicht. Deshalb hat die Bundesarchitektenkammer eine Projektgruppe gegründet, die unter Leitung von Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer NRW und Vorsitzender des Verwaltungsausschusses des Versorgungswerkes der Kammer, Vorschläge erarbeitet hat, wie das Befreiungsrecht imSinne des Berufsstandes reformiert werden sollte. Ein Erfolg auf NRW-Landesebene ist bereits gelungen. So haben CDU und FDP in ihrem Koalitionsvertrag wörtlich festgehalten›: „Wir wollen die freien Berufe in unserem Land weiter stärken. Ihre Selbstverwaltungsstrukturen und ihre Versorgungswerke haben sich bewährt und wirkenstabilisierend. Einer Aufweichung dieser Strukturen treten wir daher genauso entgegen wie einer Absenkung der hohen Ausbildungsstandards“. Dr. Florian Hartmann ist Geschäftsführer und Justiziar der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen TIPP Stellenwechsel richtig angehen! Wer als angestellter Architekt die Stelle wechseln möchte, ist gut beraten, Folgendes zu beachten: Im Befreiungsverfahren verlangt die DRV, zumindest wenn der Arbeitgeber kein Architekturbüro ist, die Vorlage des Arbeitsvertrages, einer Stellen- und Funktionsbeschreibung sowie, falls vorhanden, der Stellenausschreibung. Im Arbeitsvertrag fordert die DRV in der Regel, dass der Stellenwechsler ausdrücklich als „Architekt“ angestellt ist. In der Stellenund Funktionsbeschreibung ist die Tätigkeit des Betreˆffenden anhand der Berufsaufgaben des jeweils einschlägigen Architekten- oder Baukammerngesetzes – etwa §Œ1 BauKaG NRW – und, weil die DRV das regelmäßig gerne so hätte, ergänzend anhand der Leistungsphasen der HOAI detailliert darzustellen. Insgesamt gilt: Je ausführlicher die Tätigkeit beschrieben wird und je vollständiger die eingereichten Unterlagen von Anfang an sind, desto größer sind die Chancen auf eine Befreiung. Stellenwechsler sollten deshalb sehr frühzeitig mit ihrem neuen Arbeitgeber klären, ob die sozialrechtlichen Anforderungen, auch wie sie die DRV stellt, erfüllt werden können. Beratung auf dem Weg zur Befreiung können Mitglieder bei ihrer jeweiligen Architektenkammer und ihrem Versorgungswerk erhalten. Gesagt sei aber auch noch einmal: (Noch) völlig unproblematisch ist der Stellenwechsel von einem Architekturbüro in ein anderes oder etwa von einer Stadtverwaltung in ein Architekturbüro. Im Fokus der DRV stehen „nur“ diejenigen Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten oder Stadtplaner, die, wie es die DRV nennt, „nicht klassisch“ beschäftigt sind, also außerhalb eines Architekturbüros angestellt sind. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier 

In erster Instanz befreit

Foto: Fotolia Die unteren Sozialgerichte urteilen zur DRV-Befreiung oft anders als die Landessozialgerichte und schauen dabei auf wichtige Details. Von Kathrin Körner Auch die erstinstanzlichen Sozialgerichte beschäftigen sich oft mit der Versicherungspflicht in der Deutschen Rentenversicherung (DRV). Die zweite Instanz, also das jeweilige Landessozialgericht (LSG), kann von deren Rechtsprechung allerdings durchaus abweichen. Zudem fühlt sich die DRV selten über den Einzelfall hinaus an die Entscheidungen der erstinstanzlichen Gerichte gebunden (siehe hier). Da die Entscheidungen der LSGs ihrerseits vom Bundessozialgericht „kassiert“ werden können, ist erst eine Entscheidung von dort geeignet, für Rechtssicherheit zu sorgen. Bauvorlageberechtigung kein Kriterium Unerheblich für eine Befreiung von der Rentenversicherungspflicht ist, jedenfalls nachAuff‹assung erstinstanzlicher Sozialgerichte, ob der Architekt als Bauvorlageberechtigter tätig ist (Urteil des SG München vom 12.10.2016, Az“.: S Ž”15 R 2628/15; ebenso SG Detmold vom 29.11.2016, ‘˜ŽŽ‘„Ž’Az.: “S 6 ’R 156/16). Für die Befreiung spielt es keine Rolle, ob die aktuelle Beschäftigung des Architekten das Einreichen von Bauvorlagen umfasst oder nicht. Hilfreich ist der Hinweis auf die in der Praxis benötigte Bauvorlageberechtigung gegebenenfalls aber allemal. Wer von ihr Gebrauch macht, ist zu befreien. Andersherum funktioniert es nicht“. Wer sie nicht gebraucht, kann trotzdem befreit werden. Mehr als Planen und Zeichnen Nach Ansicht des SG Stuttgart soll für eine Befreiung nicht erforderlich sein, dass sämtliche spezifischen Berufsaufgaben eines Architekten tatsächlich im Rahmen seiner konkretenTätigkeit ausgeübt werden (Bescheid vom 29.11.2016, Az.:“ S ‘Ž21 R 3692/14; ebenso SG Detmold vom 29.11.2016, Az.: “S 6 ’R 156/16). Entgegen der von der DRV vertretenen Ansicht handele es sich bei der berufstypischen Tätigkeit eines Architekten nicht nur um das bloße Planen und Zeichnen von Bauvorhaben sowie die spätere Bauüberwachung. Vielmehr gehe der Aufgabenbereich weit darüber hinaus (SG München, Urteil vom‘Ž„ 21.07.2017, Az.: “S‘ 27 RŽ‘˜’ 1297/16 sowie Urteil vom 22.09.2017, Az.: “S 27 R 3445/16). Eine andere Au‹ffassung vertritt das LSG NRW hinsichtlich eines Energieberaters (siehe hier). So hat auch das SG Heilbronn entschieden, dass etwa auch die Pflege von Geschäftsbeziehungen und Kundenakquise mit dem Ziel der Durchführung einer Marktanalyse essenzieller Bestandteil des Berufsbilds eines Architekten sein können (Bescheid vom „„•‘„Ž10.08.2017, Az.: “S 13 R 4067/15. Ein Architekt befasse sich außerdem oftmals mit Querschnittsaufgaben „in denen viele Disziplinen interdisziplinär zusammenarbeiten“ (so u.a. das SG München, Urteil vomŽ 12.10.2016, ‘Ž„‘„Ž’Az.: “S 15 2628/15 sowie Urteil vom‘‘„˜‘„Ž 22.09.2017, Az.:“S 27 R 3445/16). Stellenausschreibung unerheblich Ob eine konkreteTätigkeit als berufsspezifisch für einen Architekten einzustufen ist oder nicht, hängt nicht von den laut Stellenanzeige hypothetisch infrage kommenden anderenQualifikationen ab. Dies wurde von den Sozialgerichten einhellig festgestellt und entspricht dem in der Befreiungsnorm verankerten „Tätigkeitsbezug“. Unerheblich ist demnach, obdie Stelle auch von Personen anderer Berufsgruppen hätte besetzt werden können. DieArbeitgeber hätten ein legitimes Interesse, durch eine Stellenausschreibung möglichst viele verschiedene Bewerber anzusprechen. Demnach sei es unschädlich, dass in einer Stellenanzeige neben Architekten auch Bauingenieure, Städtebauer oder ähnliche Berufe gesucht würden. (SG Frankfurt a. Main, Gerichtsbescheid vom 25.10.2016, Az.: A S 31 R 541/15; ebenso SG Stade, Urteil vom 13.11.2017, Az.: A 4 R 158/15). Konkrete Tätigkeit entscheidend Die erstinstanzlichen Gerichte begründen schlüssig, dass allein die tatsächlich ausgeübte Beschäftigung entscheidend ist (SG München, Urteile vom 08.12.2016, Az.: S 30 R‰‰Š‰‹ 2449/14; vom 29.05.2017, Az.: S 7 R 823/16 sowie vom 08.08.2017, Az.: S 47 R 2846/16; SG Heilbronn, Bescheid vom 10.08.2017, Az.: S 13 R 4067/15). Bestätigt wird dies auchdurch eine Entscheidung des SG München’, das festgestellt hat’, dass die Befreiung nicht personen-’ sondern rein tätigkeitsbezogen erfolgt (Urteil vom 21.07.2017, Az.: S 27 R 1297/16). Berufsständische Bewertung maßgeblich Die Rolle der Architektenkammern wurde durch die erstinstanzlichen Gerichte gestärkt. Das SG München sowie das SG Landshut haben klargestellt’, dass es nicht in der Zuständigkeit der Rentenversicherung liege, ’zu entscheiden, ’wer als Architekt einzuordnen sei. Nicht allzu fest verankert dürfte bei der DRV schließlich das Fachwissen darüber sein’, was den Architektenberuf aktuell ausmacht.  Herausgestellt wird’, dass die Definition der kammerpflichtigen akademischen Berufe den Kammern selbst im Zusammenwirken mit dem Gesetzgeber überlassen bleiben müsse (SG München, ’Urteilvom 08.12.2016, Az.: S 30 R 2449/14 und SG Landshut’, Urteil vom ŠŽ‘Ž’29.05.2017, Az.: S 7 R 823/16). In der bislang ergangenen obergerichtlichen Rechtsprechung findet sich diese Überlegung – Kammermitgliedschaft als Indiz für Befreiungsfähigkeit – leider noch nicht. Kathrin Körner ist Rechtsanwältin (Syndikusrechtsanwältin) bei der Bayerischen Architektenkammer. Mehr Informationen zum Thema Recht erhalten Sie hier 

Zeichen setzen

Viel Giebel, viel Publicity: Rathaus und Bürgersaal in Bissendorf sorgen mit ihrer selbstbewussten Silhouette für Aufmerksamkeit und Diskussionen. Identität, Stolz, Orientierung – fünf Städte und Gemeinden haben ihren öffentlichen Raum neu geordnet. Mit dem Bau von Rathäusern, Bibliotheken oder Stadthallen schaffen sie eine neue, multifunktionale Mitte für ihre Bürger. Von Christoph Gunßer Bissendorf ist eine niedersächsische Kleinstadt. Kaum jemand kannte den Ort  – bis 2016 das neue Rathaus eingeweiht wurde, das „Hallenhaus mit dem spitzen Giebel“. Man kann die Geste des hohen Hauses etwas übertrieben finden, manieriert oder auch unangemessen, doch fast alle namhaften Architekturzeitschriften brachten Artikel zu dem zeichenhaften Ensemble. So ticken sie halt, die Medien. Sie sehnen sich nach dem Besonderen. Luft und Raum: Dank seiner Höhe ist der Bissendorfer Ratssaal natürlich belüftbar. Sinnbild des Gemeindelebens: Rathaus Bissendorf Dabei war es schon bemerkenswert, dass die Gemeinde 2012 trotz geringem Budget einen beschränkten Realisierungswettbewerb ausschrieb: Im Sanierungsgebiet um die Kirche sollte ein Verwaltungsbau für ŒŽ45 Mitarbeiter mit Bürgersaal angesiedelt werden. Blocher partners aus Stuttgart gewannen, indem sie an das „Niedersachsenhaus“ anknüpften – manchmal erkennen erst Ortsfremde die Chance einer Aufgabe. Anders als die ortskundigeren Kollegen teilten sie das Raumprogramm in Rathaus und Bürgersaal auf. Zum Kirchplatz hin zeigt das Ensemble also zwei Giebelseiten. Beide sind in hellem Klinker ausgeführt, der aus der Gegend stammt und auch an der Kirche ähnlich vorkommt. Das vertikal gefalzte Zinkblech der mächtigen Dächer verbindet Alt und Neu ebenfalls. Hinter dem Saal wurde ein Bürgergarten geschaffen. Der Verwaltungsbau ist ein niedriger, schlichter Zweispänner mit Kastenfenstern. Der Saal jedoch, ein stützenfreier Raum mit offenem Dachstuhl, ist zwölf Meter hoch und öffnet sich durch große Glasflächen auf allen Seiten – „Sinnbild eines offen-demokratischen Gemeindelebens“, wie die Jury des Niedersächsischen Staatspreises für Architektur noch im selben Jahr befand. In Sichtbeton und Eiche realisiert, beherbergt er neben Ratssitzungen auch Kulturveranstaltungen. Im Stadtraum wirkt das zeichenhafte Gebäude als Bindeglied zwischen dem Kirchplatz und einem neuen „Bürgergarten“. Für nur›œ 3,7 Millionen Euro gab es hier also viel Raum, viel Silhouette und viel Publicity. Bescheidener Helfer: Das Rathaus Maitenbeth spannt gemeinsam mit seinem Pendant, der denkmalgeschützten Alten Post, den neuen Rathausplatz auf. Neuer Rahmen für ein altes Ortsbild: Rathaus Maitenbeth Eine ganze Nummer kleiner ist Maitenbeth, ein Ort mit kaum 2.000 Einwohnern im Landkreis Mühldorf in Oberbayern. Aber auch hier ging es um die Neufassung und Stärkung eines zentralen Raumes durch ein neues Rathaus, für das die Gemeinde 2013 einen Wettbewerb ausschrieb. Andreas Meck Architekten aus München entschieden ihn für sich mit einem schlichten Langhaus, das das Vorhandene subtil ergänzt. „Alte Post“ und neues Rathaus bilden so ein Ensemble, in dem die Kultur- und Verwaltungseinrichtungen der Gemeinde gemeinsam untergebracht sind. Beide Baukörper spannen den neuen Rathausplatz auf, den die Bürger entlang einer alten Wegeverbindung in Richtung Kirche überqueren. Das neue Gebäude dient dabei nur als Rahmen, als Hintergrund. Es ordnet sich unter, ist auch architektonisch leise‹: Hell verputzt, mit Fensterfaschen unter bergendem Satteldach, kann man es zeitlos nennen oder einfach angemessen. 2015 fertiggestellt, wurde es bislang in keiner Fachzeitschrift publiziert. Dem Ort tut es trotzdem gut. Mutige Mischung: Die Marktscheune Hallstadt vereint Nahversorgung, Café und Kultur. Multifunktionaler Mittelpunkt: Marktscheune Hallstadt Einen entschieden neuen Akzent setzten dagegen in Hallstadt imJahr 2015 die Weimarer Architekten Anke Schettler und Thomas Wittenberg mit quaas stadtplaner, Weimar und plandrei Landschaftsarchitektur, Erfurt. Die am nördlichen Rand von Bamberg gelegene Stadt mit rund 8.000 Einwohnern wollte ihr Zentrum mit einem neuen Stadtbaustein stärken. Schauplatz war ein stark verkehrsbelastetes Quartier südlich des Marktes. Im Rahmen der gewachsenen Parzellen- und Baustruktur sollte ein zukunftsfähiges Nutzungsprogramm entwickelt werden. In einem zweistufigen Einladungswettbewerb, der bereits„… 2009 als offene Werkstatt mit Bürgerbeteiligung stattfandƒ, wurde der Entwurf des interdisziplinären Weimarer Teams ausgewählt. Kernstück der neuen Mitte ist die an der Stelle eines leer gefallenen Supermarktes errichtete Marktscheune. Sie liegt in einem heterogenen Stadtraum: ‰Ein „Anger“ƒ, der de facto als Parkplatz und voll asphaltierte Anlieferzone dient, ƒverbindet den Bau mit der stark befahrenen Mainstraße, ƒwährend südlich private Grünflächen angrenzen. Das Gebäude kombiniert einen Supermarkt im Erdgeschoss mit einer Art Stadthalle,  ƒ„Kulturboden“ genanntƒ, die auch privaten Veranstaltern offen steht. Die Architektur orientiert sich im Umriss am Vorhandenen,  ragt aber durch große Fensterflächen und die Metallverkleidung doch heraus. Für die gelungene Integration und die Belebung eines Problemviertels gab es „•–2016 eine Auszeichnung beim Deutschen Städtebaupreis. Bindeglied: Die Stadthalle Lohr ersetzt den Vorgängerbau an selber Stelle. Sie vermittelt zwischen Altstadt, Industriegebiet und dem Main. Monolith am Main: Stadthalle Lohr Nicht untypisch für aufstrebende Kleinstädte ist die Entstehungsgeschichte der Stadthalle in Lohr, einer Stadt mit 16.000 Einwohnern in Unterfranken. Das neue Haus an der Ortseinfahrt entstand nach Plänen von Bez… + Kock, Stuttgart, und wurde Ende† 2016 eröffnet. Die alte Stadthalle riss man†ˆ 2005 ab. Der Wettbewerb für einen Neubau samt Erlebnisbad mündete in eine immer kostspieligere Planung, die ein Bürgerbegehren †Š2009 stoppte. Im anschließenden VOF-Verfahren für den Bau einer Stadthalle siegte das Stuttgarter Büro. Die zuletzt mit anmutigen Kulturbauten hervorgetretenen Entwerfer planten einen siebeneckigen Solitär, der zwischen der Innenstadt und den angrenzenden Hotel- und Freizeitbauten vermitteln soll. Entstanden ist ein relativ ruhiger, steinerner Bau, der in alle Richtungen Präsenz zeigt. Das verschlossen wirkende Gebäude mit den kleinen Fenstern beherbergt ein überraschend helles Foyer, das über mehrere Etagen reicht. Eine umlaufende Galerie im ersten Stock führt in die Konferenzbereiche, während die Saal-Empore über ein Panoramafenster Ausblicke auf den Main im Süden eröffnet. Die etwas modisch versprengten Fenster wirken mit ihren Holzrahmen wie Bilder in einer Gemäldegalerie. Heller Backstein, derzeit ebenfalls sehr beliebt, betont nicht nur die Plastizität des Gebäudes; –er zieht sich bis ins Foyer, das auf diese Weise halb außen zu liegen scheint. Der Saal mit— 800 Plätzen bietet Raum für Musik-, Theater-, und Konferenzveranstaltungen; weitere Mehrzweckräume finden sich im Obergeschoss. Auch Foyer, Empore und die Freiterrasse können in Darbietungen einbezogen werden. So ist die am Ende über† 20 Millionen Euro teure Halle eine zwar recht extravagante, doch vielseitig nutzbare Ergänzung zur kleinteiligen Altstadt. Silhouette als Signet: Stadtbibliothek Heidenheim Inmitten von Heidenheim, dem 50.000-Einwohner-Städtchen nördlich von Ulm, sorgte zuletzt ein noch mächtigeres öffentliches Bauwerk für Aufsehen – und Kontroversen. Die neue Stadtbibliothek von Max Dudler, Berlin, besetzt dort seit Kurzem das Areal der ehemaligen Justizvollzugsanstalt am Rande der Altstadt. Dem Bauplatz entsprechend, schlug der bekennend bibliophile Entwerfer im Wettbewerbˆ‰Š 2013 eine lang gestreckte Bücherburg vor, die ziemlich kompromisslos realisiertwurde. Zum Glück, sagen die Anhänger solch dominanter Kolosse;Ž für andere zieht der wuchtige Bau neue Grenzen in der Stadt und wirkt eher unzugänglich. Dabei versucht der Baukörper zwischen der historischen Altstadt und der Nachkriegsarchitektur der Heidenheimer Innenstadt zu vermitteln. Das Obergeschoss des massiven Riegels folgt in seiner Kontur einer „Stadtsilhouette“: Die Architekten nahmen so die Kleinteiligkeit der Nachbarschaft auf. Auch hier prägt wie in Lohr und Bissendorf ein hellbeiger Wasserstrich-Ziegel im wilden Verband die Fassaden, deren Fenster indes nicht ganz so arg aus der Reihe tanzen. Hier soll der raue Baustein Bezüge zum nahen Schloss Hellenstein herstellen, ist aber auch einfach ein wunderbar haptisches Finish, dasdem analogen Inhalt des Gebäudes entspricht. Ein Buch fasst man ja auch gern an. Kontroverser Koloss: Hinter der verschlossen wirkenden Fassade der Stadtbibliothek Heidenheim liegen in linearer Reihung Leseräume, ein Medienzentrum, das Stadtarchiv, ein Café und ein Veranstaltungssaal. Auf Šš3.700 Quadratmetern Nutzfläche wechseln sich wie in der Stadt öffentliche und intimere Zonen ab. Leseräume, ein Medienzentrum, das Stadtarchiv, ein Café und ein Saalfür kleinere Veranstaltungen folgen linear aufeinander. Durch den zweiten Stock zieht sich ein 110 ‰‰Meter langer stützenfreier Raum mit fünf hohen Sälen, den Spitzen der „Skyline“. Der‰ 18,2 Millionen Euro teure Neubau drückt dem disparaten Quartier seinen Stempel auf, bildet so aber auch einen starken, unübersehbaren Mittelpunkt. Weiterhin ist eine „Neuordnung der Ortsmitte“ hierzulande Gegenstand einiger Wettbewerbe. Ein Grund: •Es fließen Fördergelder. Wie in den gezeigten Beispielenpendeln die Ergebnisse zwischen der Suche nach dem Besonderen im Bestand und der spektakulären Setzung von Neuem. Selbst bei Letzterem überwiegt jedoch, dem Zeitgeist entsprechend, eine Art pragmatischer Regionalismus. Nach vielen unsensiblen Eingriffen in der Vergangenheit – die letzte Hochzeit der „neuen Zentren“ waren die ‰1960-er – ist eine gewisse Vorsicht im Umgang mit Überkommenem sicher angebracht. Ohne anpässlerisch zu sein, können auch und gerade kontextuelle Konzepte neue Perspektiven eröffnen. Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Öffentlich“ finden Sie in unserem  DABthema Öffentlich  

Platz da

Geht doch: Der Place de la République in Paris zeigt, wie viel mehr Aufenthaltsqualität möglich ist, wenn der Wille da ist (nach der Umgestaltung). Die Vormachtstellung des Autos ist nicht in Stein gemeißelt. Immer mehr europäische Städte schaffen mit klugen Projekten einen echten öffentlichen Raum. Von Frank Maier-Solgk Der öffentliche Raum gilt als Mikrokosmos des Urbanen und als Sinnbild der europäischen Stadt. Entsprechend hoch sind die planerischen und gestalterischen Anforderungen an ihn: Er soll hohe Aufenthaltsqualität besitzen, alsVersammlungsort dienen, sicher sein und Phänomenen wie Gentrifizierung oderKommerzialisierung entgegenwirken; und im Sinne der Ökologie soll er die städtische Resilienz verbessern. Stadtplätze haben heute mehr denn je eine Vielzahl von Aufgaben zu bewältigen. Bahnhofsplätze etwa demonstrieren – ob in Hannover oder München, Bonn oder Frankfurt – wie schwierig es ist, mehrere Funktionen miteinander zu verknüpfen. Oft bringen selbst Neugestaltungen viel frequentierter Räume ein zwiespältiges Ergebnis. Beispielhaft steht hier der Leipziger Platz in Berlin. Im originalen Grundriss wiederaufgebaut, erhielt er Anfang der 2000-“””er-Jahre auch eine neue Freifläche, die an den Ursprung durch Gartenarchitekt Peter Joseph Lenné erinnern soll – eine von einigen Bäumen bestandene Wiese, die heute jedoch von einer sechsspurigen Verkehrsschneise durchschnitten wird. Sie zeigt: Der Autoverkehr weicht auch auf den Stadtplätzen des Landes nur sehr langsam anderen Prioritäten. So sah der Place de la République zuvor aus. Neue Agoras Gegenläufige Trends sind derzeit klarer im Ausland erkennbar. Jüngst wurde der Wettbewerb für das Tor zum Brüsseler Europaviertel, den Schumanplatz, entschieden.Nach dem Entwurf der Büros COBE und BRUT soll der dem Autoverkehr vorbehaltene Kreisel in den nächsten zwei Jahren in eine teilweise überdachte, weitgehend Fußgängern vorbehaltene Agora verwandelt werden. Prominenter Vorläufer und Beispiel für den hiersichtbaren Paradigmenwechsel ist der Pariser Place de la République, der zweitgrößte Platz der Stadt, der vormals ebenfalls ausschließlich vom kreisenden Verkehr dominiert wurde. 2013 wurde er vom Pariser Büro TVK aufwändig erneuert. Der Verkehr beschränkt sich nun auf eine Längsseite des Platzes, so dass ein ausgedehnter, mit der Umgebung verbundener und mit neuem Brunnen und einem Café-Pavillon aufgewerteter Fußgängerbereich entstand. Vom Kreisel zum Platz: Aktuelles Wettbewerbsergebnis für den Schumanplatz in Brüssel. Das Tor zum Europaviertel soll zukünftig auch Fußgänger anziehen. Überhaupt erweist sich die französische Hauptstadt als erstaunlich fortgeschritten auf dem Weg zur „grünen“ Stadt. Neue Straßenbahnen und zahllose Fahrradstationen gehören schon seit Längerem zum Stadtbild. Nun ist eine weitere Reduktion des Individualverkehrs entlang der Seine geplant sowie eine neue Aufteilung auch von Verkehrsachsen wie der Rue de Rivoli zugunsten von Fahrrädern und 20 Hektar neue Bepflanzung von Mauern und Dächern. Stadtplanerisch zentral ist die Bildung von grünen Verbindungen wie die Verlängerung der zentralen Ost-West-Achse, die als begrünter Streifen über La Défense hinaus bis weit ins Umland führen soll (Jardins de l’Arche). Als Pendant zur großmaßstäblichen Planung werden kleinere Verkehrsstraßen in sogenannte „rues vegetales“ umgewandelt. Diese sollen neben einer zusätzlichen Bepflanzung mit Bäumen ein Kopfsteinpflaster erhalten, das in seinen Fugen Pflanzenwachstum erlaubt. 20 grüne Straßen, pro Arrondissement eine, sind geplant. Brücken bauen: Kopenhagen verbindet vorbildlich bessere Fahrradmobilität mit attraktivem öffentlichem Raum. Brücke „Cirkelbroen“ Brücken und grüne Schneisen Vernetzung, Begrünung und nicht zuletzt die Weiterentwicklung der Fahrradmobilität sind auch in Kopenhagen maßgeblich. Rund› 40 Prozent der Bewohner der dänischen Hauptstadt radeln bereits zur Arbeit. Breite Radwege und grüne Welle für Radfahrer liefern dafür die richtige Infrastruktur. Neue Fahrradbrücken verbinden Stadtteileœ: Die 220 Meter lange, sich wie eine Schlange windende Cykelslange und die Cirkelbroen, die der Künstler Olafur Eliasson entworfen hat, sind neue öffentliche Räume, die zu Markenzeichen der Stadt avanciert sind. Grüne Strahlen: Mailands „raggi verdi“ vernetzen neue Plätze und Wege innerhalb der dicht bebauten Stadt. Foto: Porta Nuova Varesine Auch in Mailand sind neu gestaltete Plätze und Wege Bausteine eines vernetzten Systems, das per Fuß oder Fahrrad begehbare Bezüge und Sequenzen einschließlich neuer Innenhöfe innerhalb der dicht bebauten Stadt schafft Die seit mehreren Jahren unter der Regie des deutschen Landschaftsarchitekten Andreas Kipar entwickelten grünen Strahlen (raggi verdi) erreichen eine weit ausholende Dimension. Leitidee ist eine „permeable Stadt“, ein Prinzip, das Kipar vor Jahren schon in einem Masterplan für dieRuhrmetropole Essen entwickelt hat. Mittlerweile wurden dort, im Vorfeld von „Essen – Grüne Hauptstadt 2017­€‚ƒ“ zahlreiche Einzelmaßnahmen umgesetzt, die die Stadt in Form von neuen Wegen dem renaturierten Bereich des Emschertales näherbrachten. Dennoch, so Kipar im Gespräch, gehe es bei diesen und anderen „grünen Schneisen“ nicht darum, vorhandenen und neu aktivierten Verbindungen nur einen grünen Anstrich zu geben. Gerade in den Städten Europas, wo der Wert des Freiraums mit zunehmender Verdichtung steige, müsse ihm grundsätzlich ein größeres Maß an gestalterischer Aufmerksamkeit – auch von Architektenseite – geschenkt werden. Von der Hochstraße zum Fußgängertal Größere, in diesem Sinn gestalterisch anspruchsvolle Erneuerungen, die eine klassische Platzgestaltung miteinschließen, sind selten. Eine Ausnahme könnte in Deutschland Düsseldorf darstellen, das jahrzehntelang über seine Stadtmitte stritt. Erst der Abriss der denkmalgeschützten Hochstraße „Tausendfüßler“ und der Bau einer U-Bahn und eines Autotunnels schufen die Voraussetzung für eine Neuarrondierung des zentralen Bereichs im Umfeld der architektonischen Nachkriegsikonen Dreischeibenhaus (HPP) und Schauspielhaus (Bernhard Pfau). Einer der Leitgedanken für die Neuplanung war, den benachbarten Hofgarten in die neue Mitte hineinzuziehen. So sieht Christoph Ingenhovens Siegerentwurf des Wettbewerbs, der derzeit umgesetzt wird, eine Landschaft im fast wörtlichen Sinn vorš: einTal für Fußgänger mit freier Blickbeziehung, dessen neue Randbebauung in der Form von „Bergen“ erfolgt (Freiraumplanungš FSWLA). Grünes Tal: In Düsseldorf schuf die Verlegung des Autoverkehrs unter die Erde Raum für eine neue Stadtmitte für Fußgänger. Sie ist derzeit im Bau. Die Visualisierung zeigt eine pyramidale, als Aufenthaltsort konzipierte Schräge mit grünem Belag, gegenüber ein terrassenförmiges, üppig bepflanztes Bürohaus, das fast andie hängenden Gärten der Semiramis erinnert. Auf das Ergebnis kann man gespannt sein. Der Plan mit seinem grünen, Fußgängern vorbehaltenen Korridor demonstriert jedenfalls markant einen aktuellen Trend der Gestaltung öžffentlicher Räume.   BITTE NICHT SETZEN Warum uns der Aufenthalt im öƒffentlichen Raum manchmal zur Qual gemacht wird? Fotos des Briten James Furzer von absichtlich unbequemen Bänken finden Sie hier Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Öffentlich“ finden Sie in unserem  DABthema Öffentlich

Von Freiräumen, Architektentreffen, Hausbooten und modernen Schätzen

Von Räumen, Architektentreffen, Schätzen und Moderne: Das sind die aktuellen Meldungen. Aktivierte Räume Die siegreichen Projekte beim Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis ’Œ†ˆsind jetzt in einer Broschüre versammelt. Dabei machen viele Projekte Stadt- oder Landschaftsräume neuerlebbarŠ: der „Rheinboulevard“ mit seiner langenSitztreppe gegenüber dem Kölner Dom(Planorama€)€, die renaturierte Sieg anstelle eines Parkdecks in Siegen (Atelier Loidl)€, die Spiel- und Skatelandschaft „Play˜_Land“ in Oberhausen (wbp,€ Foto)€, das Biosphärenband „:Šterranova“ an den Braunkohlegruben im Erftkreis (bbz) oder der durch Licht inszenierte Fritz-Gruber-Platz in Köln (Hiltrud M. Lintelœ/scape). Das kostenlose Heft kann beim bdla bestellt werden. www.deutscher-landschaftsarchitektur-preis.de   Mit sicherer Hand Mit einer guten Skizze lässt sich mehr denn je beeindrucken. Die Architektenkammer Sachsen bietet daher für Teilnehmer aus ganz Deutschland wieder das Seminar „Elbflorenz“an. Der Dresdener Architekt Wolfram Richter vermittelt dabei technische Fertigkeiten und künstlerische Ausdrucksweisen, €widmet sich aber auch dem Einsatz von Skizzen im Kundengespräch oder als Protokoll. Nächster Termin ist am†‡ 16. und†ˆ 17. Februar. Kosten: 150 Š†‹Œbis 300 ŽŒŒEuro www.aksachsen.org/akademie   Großes Architektentreffen Die positiven Impulse von Energiewende und Digitalisierung stehen am 1. März im Mittelpunkt des zweiten Landeskongresses für Architektur und Stadtentwicklung „Archikon“ der Architektenkammer Baden-Württemberg. Dabei geht es in der Messe Stuttgart vom großen Maßstab der Stadtentwicklung bis ins Detail der Baustoffe. Besonderes Augenmerk wird auf den Gestaltungsaspekt und auf Low-Tech-Konzepte gelegt. Es stehen außerdem Seminare zu Personalmanagement, €Vergabeverfahren oder  Haftungsfragen auf dem Programm. Kosten: 135 Š†Ž‹bis†‡‹ 165 Euro www.archikon-akbw.de   Thüringens Schätze Über 2.300 Gebäude, die 680 —•Büros seit– 1994 in Thüringen gebaut haben, hat die dortige Architektenkammer in einem neuen Online-Architekturführer zugänglich gemacht. Wohnhäuser und Schulen, Innenräume und Landschaftsgestaltungen werden mit Fotos, Projekttexten und -daten präsentiert. Querverweise führen zu anderen Bauten der gleichen Planer. Die optisch ansprechende und übersichtliche Datenbank ist auch für die mobile Nutzung optimiert. www.architektur-thueringen.de   Wohnen mit Anschluss Wohnungs- und quartiersbezogene Konzepte und Projekte, die auf aktuelle Mobilitätsanforderungen reagieren, können für den Deutschen Verkehrsplanungspreis•–— vorgeschlagen werden. Der von der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung ausgelobte Wettbewerb ist offšen für alle Fachrichtungen. Abgabeschluss ist der›œ 5. April. www.srl.de   Schön und sparsam „Ästhetisch und effŸizient Wohnraum schaffšen und modernisieren“ ist das Thema des diesjährigen KfW Awards Bauen. Gesucht werden Projekte mit energie- und kostensparenden Bauweisen, optimaler Flächennutzung und generationenübergreifenden Wohnkonzepten – natürlich verpackt in gute Architektur. Bewerben können sich private Bauherren bis zum –1. März. www.kfw-awards.de   Bauplatz Wasser Auf Hausboote haben sich die Architekturbüros der Kooperative „CoopWaterHouse“ spezialisiert und auf Hamburger Wasserwegen einige realisiert. Zwei davon zeigten wir bereits, ohne dass die kooperierenden Büros (Planwerk; Rost.Niderehe; tun-architektur; sprenger von der lippe) in Verbindung mit dem genannten Verein „Internationale Bootsexperten“ stehen. Der Bezirk Hamburg Mitte bietet außerdem einen kostenlosen Genehmigungsleitfaden zum Download an und leistet anderen Kommunen gerne Amtshilfe. www.hamburg.de/mitte/wasserleben www.coopwaterhouse.de   Moderne hautnah Wer sich davon überzeugen will, dass Architektur im Stile des Bauhauses oder der International Style im Alltag und als Stadt funktionieren, sollte vom 22. bis 26. März nach Tel Aviv reisen. Neben der „Weißen Stadt“ werden das Weizmann Haus von Erich Mendelsohn, die Jerusalemer Altstadt und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Museum von Moshe Safdie besucht. Anbieter ist die Architektenkammer Berlin zusammen mit der Agentur „Ticket B“. Es werden Fortbildungspunkte vergeben. Die „Weiße Stadt“ Polens ist Gdingen. Dorthin, sowie nach Danzig und Sopot geht es mit „Ticket B“ im Mai. www.ticket-b.de

»Man ist nur so wichtig wie die Fachwelt, die hinter einem steht«

Die Bundesstiftung Baukultur feiert ihr zehnjähriges Bestehen. Wir sprachen mit Reiner Nagel und Barbara Ettinger-Brinckmann über den Stand der Dinge. Interview: Brigitte Schultz Zehn Jahre Bundesstiftung: Wo steht die Baukultur im Land? Ettinger-Brinckmann: Die Stiftung ist ja aus einem Unmut herausgeboren, der Ruf nach Qualität war laut. Was sie in zehn Jahren erreicht hat, ist sensationell! Es ist eine breite Debatte entstanden mit einer Vielzahl von Kongressen, Werkstätten, Symposien und dem Baukulturbericht für den Bundestag. Überall in Deutschland machen sich Länder und Kommunen das Thema zueigen. Nagel: Viele haben inzwischen zumindest eine grobe Vorstellung davon, was mit Baukultur gemeint ist. Man kann damit argumentieren. Barbara Ettinger-Brinckmann: Die freischaffende Architektin und BAK-Präsidentin ist seit 2012 im Beirat der Bundesstiftung Baukultur, seit 2016 ist sie stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsrats. Also alles gut? Ettinger-Brinckmann: Die Gegenkräfte sind immer noch stark. Den ökonomischen Interessen, die das Bauen heute beherrschen, müssen wir ständig entgegensteuern und verdeutlichen, dass Architektur nicht nur ein kurzfristiges Investment ist. Nagel: Bei dieser Verantwortung des Bauherrn setzen wir an, egal ob privat oder institutionell. Ettinger-Brinckmann: Man kann es nicht oft genug sagen: ŒEigentum verpflichtet, dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen. Jedes Bauen prägt den ö‘ffentlichen Raum. Leider haben wir wenige Instrumente, um auf diese Verpflichtung aufmerksam zu machen oder sie konkret einzufordern. In diese Lücke ist die Bundesstiftung gestoßen. Haben Sie das Gefühl, dass Sie die Bauherren, die Investoren wirklich erreichen? Nagel: Wir wissen, dass es genau diese Menschen erreichen muss. Zum einen finden wir immer mehr Gehör in der Immobilienwirtschaft,  wir kennen uns in diesem Raum ganz gut aus. Zum anderen treten wir niedrigschwellig an die Häuslebauer heran, zum Beispiel in einer Kolumne in der Mitgliederzeitung der ö‘ffentlichen Bausparkassen mit über einer Million Lesern. Ettinger-Brinckmann: Dass wir den Markt der „Häuslebauer“ als qualifizierte Architekten weitgehend verloren haben, ist ein großes und unübersehbares Problem. Genauso wie diePrivatisierungswelle des Baurechts. Reiner Nagel: Der Architekt und Stadtplaner ist seit 2013 Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. Zuvor war er Abteilungsleiter in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin. Er lehrt an der TU Berlin im Bereich Urban Design. Kann eine Stiftung bei solch grundsätzlichen Problemen etwas ausrichten? Nagel: Die Frage istŒ: Wird man gehört oder nervt man? Deshalb muss man genau hingucken.Wir haben das Recht, den Baukulturbericht alle zwei Jahre dem Bundeskabinett und dem Parlament vorzulegen. Den nutzen wir nicht als Anklagepapier, sondern für strukturierte Überlegungen, die die Sache nach vorn bringen. Das hat jetzt zweimal stattgefunden, zu den Themen Großstadt und ländliche Räume. Und es findet GehörŒ: Die Abgeordneten nehmen sich dessen sehr an und vermitteln es an die Bürgermeister in ihren Wahlkreisen. So verfangen unsere Argumente, wenn viele sehenŒ: Es geht besser. Haben Sie ein konkretes Beispiel? Nagel: Gerade hat der Stadtrat von Dinkelsbühl einstimmig ein innerstädtisches Outlet-Center abgelehnt. Noch vor einem Dreivierteljahr sah das ganz anders aus. Wir konnten mit anderen zusammen Beispiele liefern, weshalb ein auf kurzfristige Rendite angelegtes Bauprojekt riskant ist für den Ort, und eine bessere bauliche Zukunft aufzeigen. In welchen Bereichen haben Sie sich in den letzten Jahren besonders engagiert? Nagel: 2015 haben wir uns sehr dafür eingesetzt, dass Provisorien für Geflüchtete nicht der Wohnungsbau der Zukunft werden. Das kam an und hat geholfen, das Schlimmste zu verhindern. Ein anderes Thema sind Infrastrukturbauten.  Darüber reden wir seit zwei Jahren mit der Deutschen Bahn, die ja nicht nur Bahnhöfe, sondern auch Strecken,  Brücken, Lärmschutzwände usw. baut. Das Gestaltungspotenzial dieser Ingenieurbauwerke mit der DB herauszuarbeiten, ist Ende letzten Jahres in Frankfurt erstmals gelungen. Jetzt könnte man ketzerisch sagen: Kümmert sich um solcheThemen nicht schon die Bundesarchitektenkammer? Ettinger-Brinckmann: In unseren Länderkammergesetzen steht natürlich auch die Förderung der Baukultur. Aber wenn wir dafür werben, kann man uns immer unterstellen,  es ginge uns nur um uns selbst. Da ist die Neutralität und Unabhängigkeit der Stiftung sehrförderlich. Eine Bundesstiftung kann viel besser sagen: ‘Lasst die qualifizierten Architekten ran! Und ihr Rederecht im Bundestag kann man nicht hoch genug bewerten. So einen Status haben die Kammern nicht. Wie finanziert sich dieses Engagement? Nagel: Gegenwärtig fördert der Bund die Stiftung jährlich mit 1,5 Millionen Euro. Hinzu kommen Projektmittel und Fundraising. Aber dauerhaft generieren wir Einnahmen aus der Mitgliedschaft im Förderverein, die zum Glück langsam anwächst. Derzeit haben wir etwa 1.100 Mitglieder. Welche Rolle hat der Förderverein? Geht es vor allem um finanzielle Unterstützung? Nagel: Nein. Man ist im politischen Umfeld nur so wichtig und wird gehört wie die Fachwelt, die hinter einem steht. Wenn Frau Merkel mit dem ADAC unterwegs ist, weißsie, dass dahinter› 19 Millionen Mitglieder stehen. Oder der Mieterbund räuspert sich kurz und sagt „unsere drei Millionen Mitglieder“. Wenn wir sagen: ‘„Wir haben 1.100 Mitglieder“, sagt Frau Merkel vielleicht höflich‘: „Das ist aber anständig“. Ettinger-Brinckmann: Das sind noch viel zu wenig. Ich appelliere an alle Kollegen:‘Tretet dem Förderverein bei! Die Bundesstiftung ist ein unabhängiger Promoter auch unsererAngelegenheiten, den wir mit aller Kraft unterstützen müssen. Gerade jetzt, wo es bei den meisten ganz gut läuft, sollten wir daran mitwirken, dass gutes Bauen und Planen nicht gleich wieder vom Tisch gewischt werden kann, wenn es schwieriger wird. Was bringt mir als Architekt die Mitgliedschaft im Förderverein? Nagel: Man stärkt mit einem vergleichsweise niedrigen Beitrag die Arbeit eines Teams, das die eigenen Interessen voranbringt. Architekten sind ja häufig, zumal in kleinen Städten, Einzelkämpfer für gute Qualität. Da tut es gut, sich mit einem Verein rückzukoppeln, der das reflektiert. Der Förderverein ist ein inspirierendes Netzwerk aus allen Ecken des Bauens, das es an anderer Stelle meines Wissens nicht gibt. Und man kann natürlich, ganz pragmatisch, damit werben. Ettinger-Brinckmann: Man kann das nicht in Euro messen. Je mehr die Baukultur ins öffentliche Bewusstsein kommt, desto deutlicher wird, dass man letztendlich gar nicht an qualifizierten Planern vorbeikommt. Und wenn sich die Qualität des Gebauten verbessert, nützt es auch uns Architekten. Unser Ruf ist nämlich gar nicht so toll. Wir werden mit jedem missglückten Bau, der herumsteht, identifiziert, egal, wie dieser entstanden ist. Wenn die Baukultur sich verbessert, bekommt auch unser Berufsstand ein besseres Ansehen. Kann ich bei der Bundesstiftung anrufen, wenn ich in meinem Ort das Gefühl habe, die Baukultur geht den Bach runter? Nagel: Das passiert ständig. Wenn es von bundesweitem Interesse ist, steigen wir in die Debatte ein. Im letzten Jahr habe ich etwaŒŽ 80 Vorträge gehalten, um sozusagen über Bande etwas zu erreichen. Aber wir sind nicht nur als Troubleshooter unterwegs, sondern haben den Anspruch, selbst zu gestalten. Welche Themen haben Sie sich für die nächsten Jahre vorgenommen? Nagel: Nachdem wir die räumlichen Perimeter Stadt und Land intensiv bearbeitet haben, kümmern wir uns stark um den Gebäudebestand. Da herrscht eine gewisse Einfalt. Daraus kann eine neue Architekturthematik entstehen. Und es führt uns auch zu der Frage: Was ist eigentlich gute Gestaltung? Was ist Schönheit? Wir trauen uns inzwischen zu, das zu beschreiben. Gestaltqualität und emotionale Berührtheit durch Architektur werden in Zukunft eine größere Rolle spielen. Ettinger-Brinckmann: Das ist auch mir ein wichtiges Anliegen, dass man über Schönheit sprechen darf und soll – ein ganz wichtiger Aspekt von Nachhaltigkeit. Vieles wird ja einfach irgendwo in den ö˜ffentlichen Raumgestellt: die ganze kleine Infrastruktur, Glas-, Papier- und sonstige Container, dieStadttechnik, Trafohäuschen, Postverteilerkästen, Schilder. Oder das Thema Verkehr: “Sowohl mit der Autoinfrastruktur als auch mit U-Bahn-Eingängen und Haltestellen wird viel Stadtzerstörung betrieben. Soll heißen“: Es gibt viel zu tun. Nagel: Wir könnten beide gemeinsam ins Schwärmen geraten über die Möglichkeiten, die wir noch nutzen könnten. Aber dazu brauchen wir eben noch mehr Unterstützung durch diejenigen, denen das wichtig ist. MEHR INFORMATIONEN: BAUKULTURWERKSTATT Am 8. und 9. März lädt die Bundesstiftung Baukultur zur Baukulturwerkstatt „Bestandsaufnahme“ nach Dessau-Roßlau. Programm und Anmeldung unter www.bundesstiftung-baukultur.de FÖRDERVEREIN Der gemeinnützige Förderverein unterstützt die Ziele und die Arbeit der Bundesstiftung Baukultur. Die Mitgliedschaft kostet für Privatpersonen 90 Euro jährlich, für Studenten 20 Euro. Die Möglichkeit zum Beitritt, eine Übersicht der Mitglieder und weitere Informationen unter www.bundesstiftung-baukultur.de/foerderverein

Erbe teilen

Axel Teichert, Präsident der Architektenkammer Sachsen-Anhalt. Gefragt sind neugierige Mitstreiter, die Fragen nach dem Gestern, Heute und Morgen stellen. Es ist Europäisches Kulturerbejahr! Das von der EU-Kommission initiierteThemenjahr fordert unter dem Motto „Sharing Heritage“ jeden auf, unser kulturelles Erbe – eingebettet in die europäische Geschichte – für sich und andere neu zu erschließen und es dann zu teilen: œmit seinen Nachbarn und deren Gästen, mit seinen Bauherren in angeregten Gesprächen und mit staunenden Touristen, dort wo kulturelles Erbe bereits gut präsentiert ist, aber der kleine Schatz zwei Straßen weiter noch in keinem Reiseführer steht. Teilen – vor allem das vorhandene Wissen über unsere Kultur und alles, was uns ausmacht. Und mit wem kann man das besser als mit Kindern und Jugendlichen in Deutschland und ganz Europa? Die Antwort auf die Frage, wie in der heutigen Zeit vergänglicher Banalitäten der Blick für das Dauerhafte und Schöne, das Verständnis für geschichtliche Entwicklungen und die Verantwortung für das Erbe zu fördern sind, wird entscheidend dafür sein, wie unser Lebensraum künftig wertgeschätzt wird und wie unser Lebensstandard und unsere Lebensumstände dem Maßstab nachhaltiger Qualität standhalten können. Erbe teilen heißt auch zu erkennen, wie ähnlich doch unsere Wurzeln sind. Für uns in Sachsen-Anhalt, dem Kernland deutscher Geschichte, steht nach der Beschäftigung mit Mittelalter und Reformation nun die Vorbereitung des Bauhaus-Jubiläums 2019 im Fokus – und das ganz eng im Zusammenhang mit Sharing Heritage. Der Gedanke des „Neuen Bauens“ verband in den frühen 1920er- und 1930er-Jahren Architekten in ganz Europa und der Welt miteinander. Viele Aufgaben, vor denen heute Stadtplaner und Architekten stehen, waren auch damals aktuell. Vergleichen wir nur den sozialen Wohnungsbau in Wien mit dem in Rotterdam, in Berlin oder in Magdeburg. Die Siedlungen, städtebaulich beispielhaft gelöst, sind bis heute uneingeschränkt beliebt und manchmal gehören sie bereits zum UNESCO-Welterbe. Herausragende Einzelbauwerke jener Zeit finden sich in allen Ländern. Unsere landesweiten Aktivitäten zum Bauhaus-Jubiläum werden von Salzwedel bis Zeitz, von der Lutherstadt Wittenberg über Magdeburg und Dessau bis Sangerhausen in einem Schülerwettbewerb gebündelt. Eng sind wir mit unserem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie bei der Durchführung dieses Projektes verknüpft, dessen Ergebnisse deutschlandweit und international bekanntgemacht werden sollen. Wer Erbe teilt, schaff…t zugleich ein Netzwerk. Als eines von‡ˆ 34 nationalen Projekten wird beispielsweise das von der Landesarbeitsgemeinschaft Architektur und Schule und der Bayerischen Architektenkammer erdachte Projekt „LostTraces“ auf die Suche nach „verlorenen“ Orten gehen, die nicht auf Bayern beschränkt bleiben soll. Gefragt sindbundesweit Mitstreiter, die neugierig genug sind, vor Ort auf Spurensuche zu gehen, die Fragen nach dem Gestern, Heute und Morgen stellen und die „verloren“ geglaubte Orte gemeinsam gestalten und damit wieder in das öff…entliche Bewusstsein rücken. Nicht zuletzt setzt das Teilen des Erbes auch Impulse. Die Zahl der deutschland- undeuropaweiten Initiativen ist groß und vielfältig und das nicht nur, weil viele Projekte auchfinanziell unterstützt werden. In unserer Verantwortung liegt es, das Verbindende herauszustellen, denn heute geht es darum, das Gemeinschaftliche als Grundlage zu nutzen, um Netzwerke zu knüpfen und miteinander in Kontakt zu kommen. Unsere belastbare Basis sind gemeinsame Werte und Wurzeln. Nicht nur Parlament, Rat oder Kommission, sondern WIR sind Europa! Wenn diese Erkenntnis am Ende des Themenjahres steht und Jugendliche – die Zukunft Europas – mehr voneinander wissen und Trennendes in den Hintergrund tritt, ist genau das erreicht, was die Initiatoren verfolgten. Selten war Teilen so leicht und wirkungsvoll.

Einfach mal aufräumen

Dr. Brigitte Schultz Ob in Maitenbeth oder Paris – der eigentliche Gewinn liegt in neuen Wegen und Beziehungen. Fünf Dörfer und Gemeinden, fünf Wettbewerbe, fünf herausragende Ergebnisse: Die Titelgeschichte dieses Hefts führt uns zu Kommunen, die aufgeräumt haben. Beim Bau öffentlicher Gebäude haben sie die Chance ergriffen, zugleich den öffentlichen Raum zu verbessern und ihre Ortsmitte räumlich und funktional neu zu ordnen. Egal ob ein wortwörtlich „hohes Haus“ unübersehbar auf sich aufmerksam macht, wie in Bissendorf, oder ein neues Rathaus sich bescheiden im Hintergrund hält, wie in Maitenbeth – über die gelungene Gestaltung hinaus liegt der eigentliche Gewinn im städtebaulichen Einfluss der Neuzugänge, in neuen Wegen und Beziehungen. Doch auch unter den derzeit beliebten Giebeldächern versteckt sich manche Überraschung. Eine mutige Mischung wie in Hallstadt, wo eine „Marktscheune“ Supermarkt, Café und Stadthalle kombiniert, tut nicht nur dem direkten Umfeld gut. Auf den Straßen und Plätzen jenseits solcher Wettbewerbsgebiete bleibt indes viel zu tun. Welche Potenziale hier noch zu heben wären, zeigt der Blick nach Kopenhagen, Brüssel, Mailand oder Paris, die an zentralen Stellen den Autoverkehr in seine Schranken weisen. Der Vorher-nachher-Vergleich des Place de la République, wo eine simple Änderung der Straßenführung Raum für echtes öffentliches Leben frei machte, sollte als Inspiration in jeder Stadtverwaltung hängen. Manchmal kann guter öffentlicher Raum so einfach sein.

Frau Architekt

Architekturnachwuchs: Almut Grüntuch-Ernst bewältigt Entwurfsgespräch und Kinderbetreuung gleichzeitig. Mit Armand Grüntuch (links) hat sie inzwischen fünf Kinder. Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) porträtiert entwerfende Frauen – von der ersten Architektin bis zur berufstätigen Mutter von heute. Von Heiko Haberle Ingeborg Kuhler beeindruckte mich schon, bevor ich sie kannte – mit ihrem Mannheimer Museum für Technik und Arbeit, einem weißen „Ozeanliner“, der durch spannende Raumerlebnisse und eine intelligente Rampenerschließung fasziniert. Der Wettbewerbsgewinn und die Beauftragung einer‚ƒ 38-Jährigen mit einem Großprojekt war nicht nurˆ‰ƒŠ 1982 eine Sensation. 1984 wurde Kuhler an der HdK Berlin die erste (!) Entwurfsprofessorin Westdeutschlands, bei der später auch ich studierte. Ich erlebte eine leidenschaftliche Lehrerin, geschätzt für ihre inspirierenden Vorlesungen, gefürchtet für ihre Entwurfskritiken, die regelmäßig zu Verzweiflung und Studienabbrüchen führten – oft bei jungen Frauen. Dass Familie und Architektur zusammen nicht funktionieren würden, ließ sie die Studentinnen am ersten Tag wissen. Im Büro von Ingeborg Kuhler Ingeborg Kuhler ist eine vonŠŠ 22 deutschen Architektinnen, die das DAM noch bis zum 8.  März in der Ausstellung „Frau Architekt“ würdigt. Mehrere Frauen, die endlich aus dem Schatten von Männern treten: ™Lotte Stam-Beese, Marlene Moeschke-Poelzig, Lilly Reich (Kollegin von Mies van der Rohe) und Gertrud Schille, die Planerin vieler Planetarien in der DDR und im Ausland, die eher dem Schalenbauer Ulrich Müther zugeschrieben werden. Einige Frauen spezialisierten sich auf vermeintlich „weibliche“ Aufgaben, wie Bauschmuck, Möbel, Innenräume oder Kindergärten. Oft aus Mangel an Alternativen, wie die Erfinderin der „Frankfurter Küche“ Margarete Schütte-Lihotzky meinte™: „Ich hatte mit Küche und Kochen nichts am Hut. Aber die Männer um mich herum haben mich zu dieser Aufgabe gedrängt“. Vorgestellt werden jedoch auch die Stadtarchitektin von Neubrandenburg Iris Dullin-Grund, die Stahlbauerin Verena Dietrich oder die Kibbuz-Planerin Lotte Cohn. Die politisch bestens vernetzte Sigrid Kressmann-Zschach betätigte sich schließlich als berüchtigte Immobilienspekulantin. Vielleicht hatte sie verstanden, was Zaha Hadid ein Rätsel blieb: ™„Keine Ahnung, was männliche Architekten mit ihren Kunden machen – Golfen, Segeln, ein paar Drinks an der Bar?“ Elisabeth von Knobelsdorff und Therese Mogger an der Technischen Hochschule München, 1909/10 Wie visionär und durchsetzungsstark die Frauen waren oder sind, wird leider von der kleinteiligen und braven Ausstellungsgestaltung nicht vermittelt. Auch fehlen eine kuratorische Einordnung, statistische Daten, aktuelle und historische Bezüge™. Welche Gesetze verhinderten weibliche Karrieren? Entwerfen Frauen anders und arbeiten sie an kleineren Projekten (siehe Online-Diskussion zu „Wenn Frauen nicht bauen“)? Was bedeutet es, dass „Bauherren“ meist männlich sind? Was davon ist gar nicht branchenspezifisch? Zumindest angerissen werden diese Fragen in Video-Interviews. Viele Architektinnen berichten darin, dass dank Eltern- und Teilzeit heute geht, was Ingeborg Kuhler bezweifelte – Architektinnen mit Familie. Aber man versteht auch, dass noch viel zu tun ist. Sonst wäre nicht etwa die derzeit erfolgreiche 40-jährige Anna Heringer, wie sie sagt, erst durch den Beruf zur Feministin geworden. FRAU FOTOGRAF Architekturfotografinnen sind ebenfalls Ausnahmen. Eine der bekanntesten ist Sigrid Neubert, der das Berliner Museum für Fotografie eine Ausstellung widmet. Wir zeigen eine Bildauswahl.

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Ärger mit Immobilienhaien oder dem Planungsamt oder das Wunschprojekt in weiter Ferne? Roland Stimpel hat drei Kollegen besucht, die ihren Architektenalltag literarisch aufarbeiten. Von Roland Stimpel Manfred Reckers Dichterzelle liegt im Keller seines Eigenheims im rheinischen Hilden. Bücherkartons stapeln sich auf dem Boden, auf dem Fensterbrett stehen sauber aufgereiht 15 Pfeifen. Hier wirkt der langjährige Architekt als Autor von bisher drei Thrillern. Den ersten haben Recker und seine Frau selbst erlebt: ƒSie kauften ein Rittergut, wurden vom neuen Gatten der Verkäuferin jahrelang drangsaliert und schließlich mit gerichtlicher Hilfe vertrieben. Das ist rundˆ‰ 20 Jahre her, aber wenn er erzählt, ist noch immer der „Schatten auf der Seele“ spürbar – so hat Recker sein erstes Buch genannt, das für ihn auch durchaus eine Selbsttherapie war. „Mit Anfangˆ‰ 20 habe ich mal gedacht, Schriftstellern wäre eine schöne Betätigung. Aber es ging wegen des Berufs nicht“. Stattdessen führte Recker lange Jahre ein Architekturbüro in Herten im Ruhrgebiet. Bevor er die Ritterguts-Katastrophe aufarbeitete, hat er sich kreatives Schreiben angeeignet und einen Fernkurs „Wie schreibt man einen erfolgreichen Roman“ absolviert. Das merkt manƒ: Handlungsfaden, Spannungsbogen, Cliff•hanger, Steigerung zum Schluss, Dialoge, Action und etwas Atmosphäre im häufigen Wechsel – alles da. Recker ging dann den Leidensweg jedes unbekannten Autorsƒ: „Ich habe um die™š 87  Verlage angeschrieben. Wohl jeder zweite Lektor in Deutschland hat das Buch in seiner Schublade. “Als es schließlichd er MG-Verlag in Prüm in der Eifel druckte, musste Recker zur Ankurbelung des Verkaufs erst zwei Lesungen in der Nähe jenes Ritterguts veranstalten. Das brachteœ‰‰ 600 Verkäufe und Mut für ein zweites Buch. In „Der Kongress“ wird ein deutsches Pharma-Unternehmen von einem amerikanischen schikaniert. Reckers Frau arbeitete lange in der Branche. Mord und Mauscheleien Recker wurde selbst Verleger. ƒEr ist einer der acht Anteilseigner und bisher der einzige Autor von „read & relax“. Sein jüngstes Buch führt ihn in den angestammten Beruf: „Der Architekt“ heißt es, biografisch angeregt, aber nicht realitätsbasiert. Auch hier sind die Rollen klar verteiltƒ: Die reife Hauptfigur (etwa wie Recker) und seine Familie sind die Guten; gegenüber steht eine Phalanx von Übeltätern – Baurätin und Banker, kleiner Sachbearbeiter und lokaler Immobilienhai, Makler und Planungsamtsleiter. Am Rand agieren ein paar Naive, Läuterungsfähige: ƒBauherren und vor allem ein junger Architekt, den der Senior auf die richtige Spur bringt. Neben Mord, Sabotage und Kidnapping gibt es auch den Berufsalltag mit unbedarften Kunden, neidischen Konkurrenten, drängelnden Mietern und maulenden Nachbarn. „Die Details müssen stimmen“, ist das Prinzip des Romanhelden wie das seines Autors, „sonst verreißt der Kenner die ganze Geschichte“. Bei Details und Story bleibt Recker auf der sicheren Seite. Er neigt nicht zur Entführung in atmosphärisch, sinnlich oder verbalfremde Welten. Jetzt denkt der Architekt über einen Roman zu Immobilienfonds nach. Er hatte mal mit dem schillernden Kölner Investor Josef Esch zu tun, der ihn zur überhöhten Bewertung eines Objekts verführen wollte. Der Autor hat eine Missionƒ: „Ich will darüber aufklären, was in der Branche hinter den Kulissen abläuft“. Romanze im Nachkriegsbau Ortswechsel ins Architekturbüro MEW in Köln. Madeleine Wolf, die mit ihrem Mann das Büro führt, wollte einst Journalistin werden. Mitœ 56 hat sie nun ihren ersten Roman geschrieben: „Das Projekt hat mich einfach angesprungen“. Auf einem Wiener Kongress hatte sie von einem Hilfs- und Selbsthilfeprojekt für Flüchtlinge gehört, mit Wohnen und Arbeiten in einem Haus. „Ich fand es schade, dass es in Köln nichts dergleichen gibt“. Also baute sie es in ihrer Fantasie: Die Hauptfigur ist die psychisch nicht ganz unkomplizierte Schulsekretärin Maja. Sie erbt das leer stehende Mietshaus der Mutter, das sogleich vom Wohnungsamt für Flüchtlinge requiriert wird. Mit Hilfe der Architektin Anne und des Sozialarbeiters Rafael findet Maja zu einem neuen, glücklichen Leben mit Migranten in ihrem Haus. Die meisten Episoden erzählt Maja in der Ich-Form, Texte aus Sicht von Rafael und Anna sind eingestreut. „Ich wollte die Architektin als Nebenfigur, die das Projekt logistisch betreutund einen kühleren Blick hat“. Ab und zu wird es fachlich und emotional zugleich, etwa wenn die Architektin mit ihrem Mann über Majas Nachkriegshaus diskutiert: „Ach Tilman, seufzt Anne, die Sechziger zeigen eine ästhetische Qualität, die durchaus mit einer Reduktion verbunden ist. Weniger Fläche, mehr Nutzungsmöglichkeiten und somit geringerer Energieverbrauch, da müssen wir heute auch wieder hinkommen! Annes Augen blitzen.Tilman küsst ihre Hand“. Wolf schildert ihr Vorgehen beim Schreiben als „ähnliches Verfahren wie beim Entwerfen.  Man geht an Situationen und Randbedingungen und fragt: Was soll herauskommen? Dann nimmt man die Einzelstränge auseinander und versucht sie zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzubringen“. Diszipliniert schrieb sie neben der Arbeit jeden Tag vier Seiten. Verlegt hat sie ihr Werk im Selbstpublizier-Verlag Twentysix – gedruckt „on demand“ und als E-Book. „Das Buch hat einen Hauch von Märchen, enthält aber vieles, was tatsächlich irgendwo realisiert ist. Es ist eher eine Utopie – und auch einfach ein Wunschtraum“. Und schon sitzt Wolf wieder an einem Buch. Diesmal soll es düsterer, dystopischer werden. Für sie ist Schreiben auch Abenteuer: „Wenn man jung bleiben will, muss man etwas machen, was einem ein bisschen Angst macht“. Heiteres vor Beton Anders als die Literatur seiner zwei Berufskollegen strahlen die Texte aus der Feder des Münchener Architekten Frank Becker-Nickels bayerisch-barocke Heiterkeit aus. Er zeichnet, malt, fotografiert und schreibt unter dem Kürzel „Fra’BENI“ architektur- und andere realitätsbezogeneTexte in jeder denkbaren Form: „Notizen, Skizzen, Szenen, Gespräche, Dialoge, Monologe, Gedichte und Gedanken zwischenTraum und Wirklichkeit“ kündigt er im Vorwort seiner „Ode ans OD“ an – womit das Olympische Dorf in München gemeint ist.  Dort wohnt er seit über 40 Jahren und erfreut Besucher als, mit seinen œž75 Jahren noch sehr temporeicher, Fremdenführer. Das Quartier – der Versuch einer perfekten Wohnwelt aus einem Betonguss – inspirierte ihn zuŸ 260 šgroßformatigen Seiten über jedweden Aspekt, von Tiefgaragen bis zu Rollatoren. Das Ganze ist so assoziativ wie subjektiv und auch immer wieder weg von Architektur und Häusern, hin zu den Bewohnern: „Wir stehen unter Denkmalschutz. Unsere Bauten. Unsere Außenanlagen. Unser Umfeld. Manche der älteren Ureinwohner inzwischen vielleicht auch.“ Ohne Hemmungen parodiert er klassische Lyrik: „Denk ich ans Dorf wohl in der Nacht, da bin ich um den Schlaf gebracht und bin bald wieder aufgewacht, weil wer volltrunken Lärm gemacht“. Wer dem Dorf fernsteht, kann mit dem Buch wenig anfangen – aber wer es vor oder nach einem Besuch liest, hat einigen Gewinn. Der Beruf hielt auch Becker-Nickels lange vom Dichten ab; erst in Altersmuße schrieb er ein Erwachsenenmärchen über eine kleine Wolke. Dieses und weitere Werke sind in wechselnden Selbst- und Klein-Verlagen erschienen und weniger ortsbezogen als das Münchener Dorfbuch. Zu nennen sind seine Gedichtbände„ARCH’s Zeilen + Verse“ sowie „ARCH’s geballte(r) Faust“ und schließlich „Auf den Platz gekommen“ – laut Selbstwerbung „Die eigene Anthologie des Architekten P. über den öffentlichen Platz mit Szenen + Märchen + Dia + Monologen + Garantiert kein Fachbuch über Plätze“. MEHR INFORMATIONEN Mehr Informationen zu den vorgestellten Autoren finden Sie online. Auch direkte Buchbestellungen sind möglich. Manfred Recker Madeleine Wolf mit Leseprobe Frank Becker-Nickels Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Öffentlich“ finden Sie in unserem  DABthema Öffentlich  

Orientierungshilfe

Wie man mit bedarfsgerechten und durchdachten baulichen Lösungen die Dogmen der Barrierefreiheit aufbrechen kann. Von Wolfgang Frey Die Begriffe „Barrierefreiheit“ und „behindertengerecht“ geben immerwieder Anlass zu Diskussionen. In der Architektur, weil das Ziel der Aufgabe thematisiert wird und im Bauwesen, weil bautechnische Konstruktionen angepasst werden müssen. Dabei reduziert sich die bautechnische Frage fast ausschließlich auf die Schwellenlosigkeit füreinen bestimmten Nutzerkreis, den „Standardrollstuhlfahrer“. Den gibt es allerdings ebenso wenig wie „den Behinderten“.  Wir haben es mit behinderten Kindern, mit rechts-oder linksseitig Eingeschränkten, mit spastisch veranlagten Personen oder mit Menschen zu tun, die besondere mentale Merkmale aufweisen. Die generelle Schwellenlosigkeit, also der Wegfall horizontaler Bodenbarrieren, erleichtert zwar vielen Personengruppen – zum Beispiel Menschen mit eingeschränkter Mobilität, mit Kinderwagen, Rollatoren, Rollstuhl, etc. – den Alltag. Es ist jedoch darauf zu achten, dass dabei nicht wieder andere Barrieren aufgebaut werden. Bodengleiche Duschen Wer schon einmal in einem durchgehend bodenebenen Bereich geduscht hat, möchtediesen nicht mehr missen. Befragt man dazu den Hausmeister, hört man ihn fluchen. Warum? Bodengleiche Duschen sind durch den Flachsiphon nicht in der Lage, größere Wassermengen aufzunehmen. In Verbindung mit den herkömmlichen Ablagerungen in einem Abfluss besteht daher eine hohe Wasserrückstaugefahr, die insbesondere Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Sehbehinderungen nicht wahrnehmen können. Durch den praktisch planebenen Boden in der Wohnung läuft das Wasser dann statt in den Abfluss zur Tür. Um solche Überschwemmungen zu verhindern, grenzen wir bodengleich geflieste Duschbereiche mit einem Hohlkammer-Gummiprofil ab. Das ist mit dem Rollstuhl leicht zu überfahren, da es sich bis auf wenige Millimeter zusammendrückt, es bildet aber im eingegrenzten Duschbereich ein Wasserrückhaltevolumen von rund ˜™30 Litern, sodass selbst bei Verstopfung des Bodeneinlaufs Bauschäden verhindert werden.Viel wichtiger jedoch: šSelbst der ältere Mensch, der nicht mehr gut sehen kann und nicht bemerkt, dass das Wasser nicht abfließt, hat die Chance, das ansteigende Wasser zu sehen oder es zu bemerken, wenn er mit den Füßen darin steht. Mit oder ohne Schwellen? Baurechtlich ist eine Schwellenhöhe von zwei Zentimetern noch erlaubt. Die Sinnhaftigkeit dieser Angabe lässt sich jedoch nicht generalisieren. Sind solche Schwellen beispielsweise für sportliche Rollstuhlfahrer leicht überwindbar, werden sie bei Menschen, die den Rollstuhl aufgrund einer Armlähmung nur eingeschränkt selbst manövrieren können, zu einem unüberwindbaren Hindernis (da sich besonders auf diese Passage hin mehrere Leser kritisch zu Wort gemeldet haben, wurde am Ende des Textes eine präzisierte Formulierung ergänzt). Es kommt also entscheidend auf den ausgewogenen Umgang mit der Thematik an, indem man die Bedürfnisse der Bewohner und die Bautechnik in Einklang bringt. In unseren Gebäuden sind die Schwellen zur Außentür grundsätzlich acht Millimeter hoch. Sie sind aber nicht als Kanten oder Absätze ausgebildet, sondern der angrenzende Boden ist mit einem leichten Gefälle zurSchwelle hin ausgebildet. Das bemerkt kein Nutzer – aber für die meisten Planer, Techniker und Handwerker ist das undenkbar. Schwellenloser Durchgang: Ein Absenken der unteren Türkante würde zu Blockierungen selbst durch das kleinste Steinchen führen. Ein direkt mit den Bodenschwellen im Zusammenhang stehender, aber im Baurecht völlig unbekannter Aspekt ist die untere Türfreiheit. Die Schwelle ist ja technisch gesehen nur der untere Türanschlag. Eine geringere Schwellenhöhe erfordert demnach ein Absenken der unteren Türkante, will man nicht unter derTür durch einen Spalt sehen. Das bedeutet, dass nichts, weder Teppich noch Fußabstreifer, im Schwenkbereich derTür liegen darf, weil diese nur knapp über dem Boden schwenkt. Bei Innentüren ist mit einem absenkenden Element eine Dichtigkeit möglich. Bei Terrassentüren wird das aber schwierig. Bereits kleineFremdkörper, wie beispielsweise Steinchen oder auf den Boden gefallene Gegenstände des täglichen Gebrauchs„, können zu Blockierungen führen. Diese sind besonders für seheingeschränkte Menschen oder Menschen mit reduzierter Handlungsfähigkeit eine erhebliche Beeinträchtigung. Bei einer acht Millimeter hohen Schwelle schwenkt die Tür aber leicht über kleine Fremdkörper hinweg  – und das Problem ist gelöst. Trotz des leichten Fußbodengefälles lässt sich die Schwelle gut überfahren. Welche Türbreite ist die richtige? Zur Barrierefreiheit gehören auch entsprechende Türdurchgangsmaße. Allerdings nicht wie im veralteten Bewusstsein des behindertengerechten Bauens„, bei dem lichte Türdurchgangsmaße von mindestens ““100 oder 120  Ÿ“Zentimetern bei einer lichten Durchgangshöhe vonŸ“ 210 Zentimetern angestrebt werden. Die erhöhten lichten Türdurchgangsmaße gehen auf eine Brandschutzverordnung aus dem Jahr 1917 zurück. In dieser Ursprungsfassung wird im Brandfall die Rettung der Behinderten durch Huckepacktrage nangenommen. Das kann heute nicht mehr seriös als Grundlage dienen. Werden beispielsweise Türen pflichtgemäß überbreit eingebaut,„ ist zwar sichergestellt,„dass für jeden denkbaren Fall niemand kritisiert werden kann„, weil auch ein breiterRollstuhl mitabstehenden Elementen gut hindurch manövrierbar ist und immer nochseitlich Platz übrig ist. Aber es bedeutet auch, „dass ein sehr breites Türblatt aufgeschwenkt werden muss. Der Aufschlagradius wird deutlich größer„, sodass man weiter zurücktreten oder mit dem Rollstuhl zurückmanövrieren muss, „bis die Tür geö‹ffnet ist. Außerdem ist das Gewicht solcherTüren deutlich höher„, was körperlich eingeschränkte Menschen oder Kinder nicht ohne Weiteres bewältigen können. Türen mit Automatikfunktion sind auch kein Allheilmittel. Für Menschen mit Autismus, Blinde oder Kinder kann eine solche Barriere gefährlich werden. Breitere Türen benötigen schließlichauch mehr Platz. In Kombination mit der Vorgabe„, dass zwischen Türgriff und seitlicher Wandbegrenzung ein Abstand von mindestens 50’“ Zentimetern einzuhalten ist„, werden Flure und Zimmer rund’“ 50 bis•“ 60 Zentimeter breiter. Hier sind individuelle Lösungen gefragt„, um nicht durch kontraproduktive Ansätze Barrieren aufzubauen. Wenderadien sollten den realen Verhältnissen der tatsächlichen Nutzung entsprechen. Die Krux mit den Wenderadien Die Forderung nach Bewegungsradien in allen Räumen bedingt ebenfalls größere Wohnungen. Hat eine Standard-˜3-Zimmer-Wohnung zum Beispiel“ 70 Quadratmeter„, ergeben sich bei der „Behindertenwohnung““ 90 Quadratmeter. Menschen mit Behinderung sind aber leider nicht wohlhabender und können sich meist keine höhere Miete leisten. So kann die behindertengerechte Wohnung an sich bereits zu einer finanziell unüberbrückbaren Barriere werden. Das Baurecht kennt Wenderadien in unterschiedlichen Dimensionen. Aber eine einfache Überlegung macht das Problem sichtbar: Wird der„’ 1,5-Meter-Radius im Schlafzimmer voneinem Nutzer aufgrund seiner speziellen Behinderung benötigt„, wird er nur eine Bettseite regelmäßig nutzen und nicht um das Bett herumfahren. Wenn der Planer aber die „’1,5 Meter auf allen drei Seiten einzeichnet„, entstehen große überflüssige Räume; und das ist weltfremd. Auch wird nicht jeder körperlich eingeschränkte Mensch ein zwei mal zwei Meter großes Bett beanspruchen. Wir sehen stattdessen ein schmaleres Bett vor und den Wenderadius für den Rollstuhl nur einseitig. Beispiele für kostensparende Ausführungen Zur Barrierefreiheit zählt auch die uneingeschränkte Nutzbarkeit des Mobiliars. So gewährleistet die Unterfahrbarkeit von Waschtischen nicht nur die mechanische Erreichbarkeit mittels Rollstuhl„, sondern beispielsweise auch den Verbrühschutz. Bei zentraler Warmwasserversorgung muss das Wasser mit circa 60 Grad Celsius im System zirkulieren,„ um die Gesundheitsanforderungen, „vor allem den Legionellenschutz, „zu erfüllen. Fließt dieses heiße Wasser durch den Wasserhahn„, würde es beim Abfließen durch den Siphon eine Verbrennung der möglicherweise gefühllosen Beine des Rollstuhlfahrers zur Folge haben. Dabei stellt sich die Frage„, wie viele im Haus wohnende Rollstuhlfahrer querschnittsgelähmt sind und deshalb kein Gefühl in den Beinen haben, und in Shorts am Waschtisch sitzend, den Siphon unbeabsichtigt berühren. Da wir immer für alle Menschen, vor allem für jene mit kognitiven Einschränkungen,  dafür sorgen müssen, dass sie sich nicht verbrühen, bauen wir ohnehinTemperaturvorlaufbegrenzer in den Wasserhahn ein. Diese Maßnahme erübrigt sich bei einer dezentralen Warmwasserversorgung, die das Einstellen der Temperatur bei 38 Grad Celsius direkt an der Zapfstelle erlaubt  und deren Installationskosten deutlich günstiger sind. Die Höhenpositionierung vonToiletten, Waschtischen, Küchenmöbeln etc. ist stark von individuellen Bedürfnissen geprägt. Sind variable Küchenhöhen im Einzelfall sinnvoll, so ist die generelle Forderung nach einer Anhebung der Montagehöhe von Toiletten, insbesondere für ältere Menschen kontraproduktiv. Das selbstständige Aufstehen soll erleichtert werden, wird aber in der Realität durch den schmächtiger werdenden Körperbau älterer Menschen erschwert. Beim Haltegri‹ff sollte die Möglichkeit bestehen, ihn dort zu montieren, wo ihn der Nutzer braucht. Dazu befestigen wir beim Erstellen der Wand rechts und links neben der Toilette eine Holzbohle aufder Innenseite der Ständerkonstruktion. Der Haltegriff ‹wird dann für den jeweiligen individuellen Fall ausgewählt und auf der benötigten Seite und in der erforderlichen Höhe montiert. Wohnungen prophylaktisch mit Haltegri‹ffen auszustatten, ist nicht sinnvoll und vor allem teuer. Unseren Erfahrungen zufolge benötigen wir bei’““ 100 Wohnungen maximal bis zu zehn Haltegri‹ffe. Die Forderung, Schalter, Fenstergri‹ffe etc. generell tiefer zu positionieren, ist ebenfalls nicht zweckdienlich. Gerade bei Nottastern führt das unbeabsichtigte Anlehnen häufig zu Fehlalarm, sodass die Leitstelle dazu neigt, diese Alarmierungen nicht mehr ernst zu nehmen. In der Praxis erleben wir außerdem Beschädigungen durch Rangieren, zum Beispiel mit mechanischen Geh- oder Transporthilfen oder Staubsaugern. Fenstergri‹ffe, die tiefer und damit unsymmetrisch angebracht sind, beeinträchtigen die Funktion, weil keine symmetrische Kraft zur Fensterbedienung entfaltet werden kann und die Kippoption damit praktisch wegfällt. Was nutzt die Erreichbarkeit des Fenstergriffes, wenn dessen Anordnung die Funktion aufhebt? Türspione, die in der falschen Höhe angebracht sind,  erweisen sich generell als nutzlos. Wir bohren das Loch dorthin, wo wir es brauchen. Das kostet rund™“ 20 Euro. Sollte sich der Bedarf ändern, wird ein neues Loch gebohrt. DieTürhat dann entweder zwei Spione oder der erste wird abgedeckt. Wolfgang Frey ist Geschäftsführer der Frey Gruppe in Freiburg.   GEÄNDERTE FORMULIERUNG Mit oder ohne Schwellen? Nach DIN 18024 und DIN 18025 sind untere Türanschläge und –schwellen grundsätzlich zu vermeiden. Sind sie technisch unbedingt erforderlich, dürfen sie nicht höher als 2 cm sein. Sind solche Schwellen beispielsweise für sportliche Rollstuhlfahrer leicht überwindbar, werden sie bei Menschen, die den Rollstuhl aufgrund einer Armlähmung nur eingeschränkt selbst manövrieren können, zu einem unüberwindbaren Hindernis. Zu diesem Beitrag haben wir mehrere kritische Leserbriefe erhalten, die Sie hier finden. MEHR INFORMATIONEN Wolfgang Frey, Thomas Klie, Judith Köhler: Die neue Architektur in der Pflege – Bausteine erfolgreicher Wohnmodelle; Dieses Buch stellt vier Modellprojekte vor, darunter den Schwanenhof in Eichstetten, die jeweils die einzelnen Bereiche Geschichte, Konzept, Architektur und Finanzierung erläutern. Verlag Herder, 2013, 352 Seiten, 24,99 Euro Wolfgang Frey – Architekt und Stadtplaner „Die Idee, behinderten Menschen damit gerecht zu werden, dass nach einem Standardrepertoire ,behindertengerecht‘ gebaut wird, ist naiv und nicht zielführend“, sagt Wolfgang Frey. Der Architekt und Stadtplaner aus Freiburg weiß, wovon er spricht, schließlich blickt er auf viele Jahre Erfahrung auf diesem Gebiet zurück. Sein erstes Projekt, die Seniorenanlage Schwanenhof in Eichstetten, realisierte er Mitte der 1990er Jahre. Es sollte die Abwanderung aus dem badischen Winzerdorf aufhalten und speziell für ältere und pflegebedürftige Menschen eine Heimat schaffŽen. Da sich kein Investor fand, übernahm Frey diesen Part und mit ihm die Verantwortung für ein langfristig funktionierendes Konzept. Dazu musste er mit den Menschen kommunizieren, ihren Bedarf erfragen und entsprechende Lösungen anbieten. Im Prinzip ist das bis heute so geblieben, nur ist aus dem Architekturbüro von damals die Frey Gruppe hervorgegangen, die als Investor, Projektentwickler, Immobilienverwalter und Architekturbüro agiert und heute international Stadtquartiere entwickelt. In allen Bauprojekten des Unternehmens sorgt eine eigene gemeinnützige Mietverwaltungsgesellschaft für die Vermietung, die soziale Durchmischung der Bewohnerstruktur und faire Mietpreise. Für die Planung der Projekte gilt der Grundsatz, Lebensräume für alle zu schaffen. „Ein normaler Rollstuhlfahrer kann bei uns in jede Wohnung einziehen“, so Wolfgang Frey. Vermeintliche Kostentreiber, wie das schwellenlose Bauen und der höhere Flächenbedarf bei Wohnungen für behinderte Menschen, sind für ihn längst kein Thema mehr. Dazu muss man die Bedürfnisse der Bewohner und die Bautechnik einfach nur in Einklang bringen, wie sein Fachbeitrag zeigt. Mehr Informationen zum Thema Technik erhalten Sie hier 

Ringen um Referenzen

Baukultur in Bischofsheim: Hinter der Douglasienschalung des Büros von MIND AC verbirgt sich ein offener Holzmassivbau. MIND Architects Collective ernten für ihre kleinen Bauten großes Lob. Doch der Weg zum wirtschaftlich erfolgreichen Büro ist für das junge Duo trotz vieler Ehrungen steinig. Von Christoph Gunßer Die Wanderjahre waren für Jan Dechow und Julia Buschlinger 2013 vorbei. Nach dem Studium an der FH Wiesbaden und Stationen in namhaften Großbüros in Holland, Belgien, der Schweiz und China (er) und als Projektleiterin eines Kindergartenneubaus in Frankfurt (sie) machte sich das Paar in Bischofsheim bei Mainz als MIND Architects Collective selbstständig. Den Anstoß dazu gab ein Investor, der sie ein hölzernes Apartmenthaus in Berlin planen ließ, später aber wegen schlechter Vermarktung einen Rückzieher machte. Ein weiterer Anlass für die Gründung war, dass sich das Duo ein Leben in China nicht vorstellen konnte. Dort war Dechow zuletzt bei Ole Scheeren beschäftigt. Ausbaufähig: Der elegant eingefügte wie ausgeführte Erstling machte schnell die Fachwelt aufmerksam. Gerne würden die Architekten öfter, wie hier, alle Leistungsphasen bearbeiten. Einen Teil der großzügigen Etagen ihres selbstgebauten Büros haben sie erst einmal vermietet. Nun also Bischofsheim: Das eigene Büro- und Wohngebäude planten sich die Heimgekehrten mit Hilfe der Verwandtschaft selbst. Wo zuvor eine Doppelgarage stand, wuchs ein subtil eingefügter Holzmassivbau. Der eigentümliche Duktus mit großzügig fließenden Innenräumen machte rasch die Fachwelt aufmerksam. Die Architektenkammer Hessen reihte den Erstling 2016 unter die vorbildlichen Bauten ein; beim Deutschen Architekturmuseum und dem BDA stand er auf der Shortlist. Ein Iconic Award, ein German Design Award und der best architects Award wurden verliehen, die dafür üblichen hohen Kosten dem jungen Büro erlassen. Doch so lang die Liste der Ehrungen und Publikationen auch ist – größere Aufträge fehlen. Raffniert: In einem Wohnhaus-Anbau, ebenfalls in Bischofsheim, verbinden MIND AC wieder ungewöhnliche Form mit rationeller Massivholzkonstruktion. Entwürfe für kostengünstige Häuser fertigt das Architektenpaar derzeit viele, aber von solchen Aufträgen kann das Büro nicht leben, meint Dechow, das sei dann eher wie ein Hobby. „Je höher der Aufwand für die Kosteneinsparungen, desto geringer wird nach HOAI unser Honorar“, klagt Buschlinger. „Eine Beauftragung über alle Leistungsphasen ist meist nicht gegeben. Mitarbeiter können wir uns bisher nicht leisten, da die Einnahmen nicht kalkulierbar sind.“ Ein Teufelskreis Gerade nach der intensiven Publicity kämen reichlich Anfragen potenzieller Bauherren: „Wir können uns die Akquise sparen.“ Ohne weitere Referenzen trauten diese dem jungen Büro dann oft doch nicht genug, klagt Dechow – ein Teufelskreis. Wer keine reiche Verwandtschaft habe, könne diese Referenzen einfach nicht bauen. Öffentliche Aufträge für kleine Büros? Im Ausland geht das! Bei öffentlichen Aufträgen versperrt die fehlende Erfahrung ohnehin den Zugang zu Bewerbungsverfahren. Selbst in Kooperation mit dem etablierten, international tätigen Büro COBE hat es MIND AC vor einiger Zeit nicht in die Auswahl für einen Wettbewerb in Mainz geschafft – „provinziell“ findet Jan Dechow das. Und offene Wettbewerbe mit hundert Teilnehmern, das tue man sich nicht an, sagt er. Große Büros wie OMA könnten Wettbewerbe über lukrative Großaufträge quersubventionieren und zahlten ihren jungen Teams kaum Salär – der Architekt hat es selbst erlebt. In der Schweiz gebe es bei Wettbewerben hingegen generell eine Aufwandsentschädigung durch den Auslober. Dank seiner Auslandserfahrung ist Dechow gut vernetzt mit jungen Büros andernorts. In Belgien und Skandinavien kämen Newcomer leichter an öentliche Bauaufträge und könnten sich so profilieren, berichtet er. Dort genieße eine innovative Baukultur mehr Wertschätzung. Büros wie BIG, COBE oder ADEPT sind aus solchen Starterprogrammen hervorgegangen. „Der Teamgeist zwischen den etablierten und den jungen Büros ist dort viel ausgeprägter“, ergänzt Julia Buschlinger. „Es entstehen spannende Kollektive. In Deutschland ist das Konkurrenzdenken dagegen viel zu hoch. Jeder hat Angst, zu kurz zu kommen.“ Buschlinger und Dechow sind davon überzeugt, dass die heutigen Anforderungen in einem Kollektiv von Architekten und Spezialisten viel eŒffzienter zu lösen sind – und tragen den Begriff daher im Büronamen. Gut genutzt: Die Architekten haben ein Händchen für intelligente Konzepte, die auch im Kleinen ein großzügiges Raumgefühl erzeugen. Im Wohnhaus-Anbau schaffen sie durch schräges Platzieren von Wänden und Treppe auf 100 Quadratmetern fließende Übergänge und überraschende Perspektiven. Idealismus und Freiheit In dieser eher prekären Situation blieb den Partnern vorerst nur, als zweites Standbein einen Lehrauftrag an der Hochschule RheinMain (sie) und eine Assistenz an der TU Darmstadt (er) anzutreten – sie brauchen das Geld. Also wechseln sie sich unter der Woche im Büro ab und arbeiten oft die Wochenenden durch. Den geräumigen Neubau teilen sie sich einstweilen mit einem Maklerbüro. „Hätte ich gewusst, wie stressig die Selbstständigkeit ist, hätte ich es vielleicht bleiben lassen“, meint Dechow heute. „Letztendlich lieben wir es aber, unser Büro zu führen“, insistiert seine Partnerin, „gerade dass wir unserem Idealismus folgen und die Freiheit haben, nur das zu verwirklichen, wo wir zu 100 Prozent dahinterstehen.“ Tatsächlich registrieren die Architektenkammern seit Jahren einen Rückgang bei den Büro- Gründungen. Als Start-up fühlten sich die beiden von der Architektenkammer anfangs auch ziemlich allein gelassen. So sei die Regelung, dass Absolventen nur vier Jahre lang Ermäßigungen bei Fortbildungen bekommen, realitätsfern, denn die meisten Abgänger machten sich erst nach einigen Jahren selbstständig: „Als Gründer hatten wir in den ersten Jahren weniger Geld als im Studium“, erinnert sich die Chefin. Seit der Prämierung durch die Architektenkammer 2016 läuft es besser: „Momentan arbeiten wir mit der hessischen Architektenkammer sehr gut zusammen und werden unterstützt“, betont Buschlinger. So wurden sie zum DAM-Preis vorgeschlagen und in Vorträge einbezogen. „Das ist die beste Akquisearbeit, die wir uns vorstellen können. Es bietet die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit ein Gesicht zu bekommen.“ Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Klein“ finden Sie in unserem DABthema Klein