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Glosse

Bahnen ziehen

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67_ArtikelIm Bahnhof einkaufen? Das ist schäbig und falsch. Wir sollen dort schwimmen gehen. Text: Roland Stimpel

Kaufleute und Städte vertrugen sich mal ziemlich gut: Wo sich die Handelswege kreuzten, erblühten die Kommunen; sie wiederum nährten und schützten den Warenverkehr. Das aber ist ungefähr 1.000 Jahre her. Für die gängige Stadtkritik sind seit ein paar Jahrzehnten die Läden ein böser Feind, wie immer sie gerade auftreten: Gierige City-Händler verdrängten das Wohnen. Dann verdrängten Kaufhäuser die individuellen Händler. Center verdrängen das gute alte Kaufhaus. Amazon verdrängt überhaupt alles.

Ein besonders fieser Feind ist der Handel im Bahnhof. In der „Süddeutschen Zeitung“ verdammte ihn jetzt die Autorin Laura Weißmüller als „Ausverkauf der Stadt“ und donnerte: „Was einmal das wichtigste Gebäude einer Stadt war, verkommt zur privaten Shopping Mall“. Bis dahin hatte ich das Thema allzu blauäugig gesehen und den Bahnhof als bessere Alternative zum Altstadt- oder Grüne-Wiese-Center: 100.000 Leute täglich kommen ohne Auto her und können beim Umsteigen mitnehmen, was sie gerade brauchen. Dank der Ladenmieten kann die Bahn ihre Ticketpreise dämpfen und sich besser gegen Billigflieger und Discount-Busse behaupten. Nach meinem naiven Eindruck hatten sich zwischen Bahnsteigen und Boutiquen die dicksten und buntesten Menschenströme gewälzt. Von Laura Weißmüller lerne ich jetzt aber, dass die Stationen „mit unnötigen Billigläden vollgekleistert“ sind und „die Öffentlichkeit kaum mehr vorkommt“.

Sie weiß aber, wie man das ändern kann: „Was zum Beispiel spricht dagegen, eine Bibliothek an einen Bahnhof anzuschließen?“ Ja, was? Mindestens fünfmal in Deutschland gibt es das; Luckenwalde in Brandenburg hat dafür sogar den Deutschen Städtebaupreis bekommen. Aber das ist eine zu kleinstädtische Öffentlichkeit und wohl unter dem Radarschirm der metropolitanen Kritikerin. Die hat gleich noch eine flottere Idee: „Warum kein Schwimmbad im Zwischengeschoss?“ Bingo! Wir packen zu Hause die Badehose ein, zahlen im Bahnhof erst mal Eintritt, kleiden uns um, duschen, setzen die Chlorbrille auf und kraulen bei der Bahn unsere Bahnen. Kein Händler stört beim Tauchen. So geht urbane Öffentlichkeit.

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