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Glosse

Unmenschlich bauen

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67_Artikel_Ein Porzellanstall nach Gropius, ein Blechfisch von Gehry und eine Präriehundehütte von Frank Lloyd Wright.
Gemaule: Roland Stimpel
Veganismus und Tierrechts-Kampagnen blühen. Es ist Zeit für eine kurze Architekturgeschichte des Tieres, die natürlich mit Vitruv beginnt. Er erzählt, wie der „Häuserbau die menschliche Gesellschaft von einem wilden und tierhaften zu einem friedfertigen, gesitteten Leben“ geführt habe. Nun ja: Das ist Architekten-, aber nicht tierfreundlich. Antiken-Adepten streifen wir nur ganz kurz. Zum Beispiel den Hundesportclub „Agilitydog Palladio“ gleich bei Vicenza sowie Karl Friedrich Schinkel, der in Berlin die Hundebrücke abriss. Erst in der Moderne krönten zwei Großmeister ihr Alterswerk mit Tierbauten. Der 90-jährige Frank Lloyd Wright entwarf eine Hütte für den Labrador Eddie. Natürlich auf seine Art, wie ein Kritiker urteilte: „Das überhängende Dach der Hütte ist typisch für den Prairie Style.“
Noch besser Walter Gropius: Der wagte 1967 ausgerechnet mit dem Porzellanfabrikanten Philip Rosenthal eine Wette übers Porzellanbrennen, verlor natürlich und musste seine Wettschuld mit einem Entwurf einlösen, der die Haus-Sau RoRo (für Rosenthal Rotbühl) beherbergen sollte. Dem Glücksschwein entwarf er einen traditionell kubischen Stall mit Flachdach, Bullauge und Fensterbändern. Doch Gropius starb bald darauf und auch RoRo ging den Weg allen Fleisches. Sein Schweinchen­rosa okkupierte später die Postmoderne, und die Pläne darbten im Firmenarchiv. Jetzt aber haben die Frankfurter Architekten Unique Assemblage den Entwurf des Ahnherrn realisiert. Das ist natürlich keine plumpe Eins-zu-eins-Ausführung, bewahre. Sondern eine fein-ironische Vorwegnahme jedes Nutztier-Schicksals: Der Stall ist aus weiß-goldenem Porzellan, auf welchem das Schwein sonst erst als Steak landet. Die Architekten attestieren dem Stall eine „leichte, fast geisterhafte Erscheinung“. Und sie haben nach ihren Worten „auf poetische Weise ein Gefäß für eine beiläufige Geschichte“ geschaffen.

Kläglich ist dagegen der 56 Meter lange Fisch, den Frank Gehry vor ein Küstenhotel in Barcelona gesetzt hat. Das Blechmonster wirkt sehr leblos – als dekonstruktives Konserventier am Ende der Architektiergeschichte.

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