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Bauverbot oder was?

Ist Bauen Sünde?

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„Verbietet das Bauen“, propagiert ein Buch. Das kann man nötig finden – oder verheerend

Pro: Hört auf, zu konsumieren!

Text: Michael Wilkens

Modern! Das war doch was! Die Moderne war doch unsere Zukunft! Alles Alte, alles, was unserer Zukunft im Wege stand, musste weg. Das wurde dann eine Zeit lang – auch von Architekten – kritisch gesehen. Aber diese Art Postmoderne ist auch schon wieder vorbei. Inzwischen kommt die Moderne wieder, jetzt als schicke Lobby-Verkleidung! Und mit all ihren altbekannten Dummheiten: reine Wohnsiedlungen, zuweilen sogar am Stadtrand, Siedlungsbau statt Städtebau, Funktionstrennung statt „Kreuzberger Mischung“, Einkaufszentren statt Läden an Stadtstraßen. Und wieder und wieder Abriss von Bestand, vom Alten. Wir sind wieder modern! Da kommt Fuhrhops Streitschrift gerade richtig. Inzwischen gibt verbreiteten Widerstand gegen neuen Autoverkehr, gegen neue Flugplätze, gegen chemischen Pflanzenschutz und vieles mehr. Aber gegen das Bauen im Allgemeinen gibt es erst in den letzten Jahren und nur in den Großstädten Kritik, doch sonst haben die kritischen Ökomenschen nichts gegen Neubau einzuwenden. Fuhrhop fragt: Warum eigentlich nicht? So viele Seiten unseres Lebens sind durch Verbote eingeschränkt. Warum sollte es – auch außerhalb von Bebauungsplänen – kein Bauverbot geben? Jedenfalls solange zum Beispiel der Leerstand nicht durch entsprechende Maßnahmen beseitigt ist? Fuhrhop zählt konkrete Fälle auf, wo zum Schaden der jeweiligen Stadt und der Umwelt neu gebaut wurde, statt die massenhaft leerstehenden Wohnungen oder Büros daneben neu nutzbar zu machen. Ein Irrsinn, der natürlich jeweils seine konkreten Gründe hat. Und man kann auch nicht die einzelnen Akteure dafür haftbar machen. Es ist ein politisches Problem. Die Stadt oder – mit Blick auf die Fördergelder – das europäische Parlament müsste handeln. Ein allgemeines Bauverbot könnte die Frontlinie hier zugunsten von Umbau und Leerstandnutzung verschieben. Eine andere Seite dieser ungebremsten Moderne ist die allgemeine Anspruchshaltung. Man braucht eben so große Wohnungen! Um 1950 waren noch 14 Quadratmeter pro Person der Durchschnitt und normal. Heute wohnen die Deutschen auf 45 Quadratmetern pro Person. Das kommt von der allgemeinen Anspruchshaltung, aber auch von dem vielen Zeug, das wir Konsumenten inzwischen besitzen und von dem wir uns nicht trennen mögen. Da ist wieder das Suffizienzproblem. Es gibt schon genug! Wir haben schon alles und von vielem zu viel. Hört endlich auf, zu konsumieren! Oder, wie es schon 1966 im großen Hörsaal der Berliner TU auf einem Transparent stand: „Hört auf zu bauen!“

Aber das war wohl 50 Jahre zu früh. Jetzt schreibt Fuhrhop: „Es ist weder links noch rechts, das Bauen zu verbieten, sondern eine Frage der Vernunft.“ Und er zeigt, dass eigentlich alle Parteien für ein Bauverbot stimmen müssten: „Konservativ ist es, unsere Häuser und Städte zu bewahren, sozial ist, teuren Neubau abzulehnen, ökologisch, energieintensiven Neubau zu meiden, und liberal, die Freiheit auch für Wenigverdiener und kommende Generationen zu erhalten.“ Jedenfalls ist es ein Verdienst dieses Buches, das Bauen als eine Seite des schädlichen Konsums darzustellen und die Vermeidung solchen Konsums als parteiübergreifend förderwürdig. Es ist gut, dieses Bewusstsein weiterzuverbreiten, besonders an den Hochschulen, wo Stadt- und Bauplanung gelehrt wird. Hier ist Fantasie für eine neue Organisation städtischen Lebens und Wohnens in bestehenden Orten erforderlich. Da kommt die Woge der Flüchtlinge gerade recht, um die eingefahrenen Verwaltungswege zu lockern und neue Wege zu finden. Zum Beispiel: „als letzten Schritt unwilligen Eigentümern Mieter (Flüchtlinge) für lange leer stehende Räume zuzuweisen“. Oder „verfallende Häuser günstig an Erwerber zu geben, die sie (gemeinsam mit Flüchtlingen!) sanieren und selbst beziehen“. Oder „die Instandbesetzung lange leerstehender Häuser (mit Flüchtlingen) dulden oder erlauben“. Das sind drei von – in Klammern von mir ergänzten – „50 Werkzeugen“, die Fuhrhop am Ende aufzählt und die „Neubau überflüssig machen“. Architektur als bildende, als (sinn)bildende Kunst, füge ich etwas pathetisch hinzu, ist wie auch die anderen bildenden Künste an ihr Ende gekommen, auch wenn sie sich noch so spektakulär verbiegt. Auf der letzten documenta 2013 war der große Eingangssaal leer! Nur ein künstlicher Wind wehte da durch. Stattdessen gab es kleine Holzhütten im Park, deren Künstler alle zum Selbermachen animierten. Zum Beispiel gab es dort eine Show mit Bildern, die indische Seeleute auf Anregung zweier Künstler von ihrer Reise nach Dubai geschossen hatten. Jedenfalls keine museale Künstler-Kunst.

Fuhrhops Streitschrift mag von den Realisten und Kennern der Bauzwänge belächelt werden. Aber sie ist ein Beitrag zu dieser kommenden Baukunst jenseits der heutigen Moderne: einer Um- und Nichtbaukunst.

Michael Wilkens ist Architekt in Kassel und war Gründer der „Baufrösche“

Contra: Diktatur der Erstarrung

Text: Roland Stimpel

Verbietet das Bauen! Das fordern viele. Zwar nicht gleich wie Daniel Fuhrhop pauschal fürs ganze Land, aber für die eigene Nachbarschaft. Ex-Hausbesetzer in Berlin-Kreuzberg sind da so rigide wie Eigenheimer in Holstein und Oberschwaben: Wir wohnen hier, und das muss reichen. Die einstige Wiese, auf der mein Haus steht, ist längst legitim zugebaut. Aber die Wiese nebenan, auf der ich spazieren gehe, muss selbstverständlich bleiben. Aber kaum einer sagt das so direkt. Man verweist lieber auf angeblich Ökologisches – Flächenfraß, Frischluftschneisen oder Biotopschutz. Und man wedelt neuerdings mit Fuhrhops Buch, in dem steht: Im deutschen Durchschnitt haben wir genug Häuser für alle und alles; neue brauchen wir nicht.

Statistisch mag das hinkommen. Fürs praktische Leben ist die Statistik aber so brauchbar wie die Tatsache, dass das Klima der Sahara und Sibiriens im Durchschnitt sehr mild ist. Was Fuhrhop will, liefe auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und millionenfache persönliche Erstarrung hinaus. Nicht die Gebäude sollen sich unseren Lebensbedürfnissen anpassen, sondern das Leben den Gebäuden. Fuhrhop ignoriert einfach, dass sich Wohnort-Wünsche und Wohnort-Notwendigkeiten, Haushaltsgrößen und private Lebensformen dauernd verändern, erst recht Wirtschafts- und Arbeitswelten: die Organisation von Büros, technische Zwänge in Fabriken, die Funktionen und passenden Standorte von Lagerhallen. Auch lebt zum Glück der Wunsch in uns weiter, für neue oder nicht befriedigte Bedürfnisse Schulen, Altenheime, Museen oder Bibliotheken zu errichten.

Das alles könnten wir mit den vorhandenen Häusern richten, behauptet er. In der Praxis versuchen wir das längst: Schon heute verbauen wir doppelt so viel Geld im Bestand wie in neuen Häusern. Fuhrhop macht ein paar durchaus einleuchtende Vorschläge, wie dieser Anteil noch steigen könnte. Aber die gehen unter in seinem Neubau-Verbotsgeschrei.

Sein Bauverbot liefe auf ein gigantisches soziales Mikado hinaus: Wer sich bewegen will oder muss, hat verloren. Wer immobil ist, profitiert. Durchs Mietrecht geschützte Verträge bleiben billig; der Wert von Eigenheimen, Eigentumswohnungen und Mietshäusern steigt dank Fuhrhop’scher Verknappung. Und falls der Staat dann Preise reguliert, blüht der Schwarzhandel.

Fuhrhop, laut Verlagswerbung „Missionar“, will uns vorschreiben, wie wir unser Privat- und Gemeinschaftsleben zu organisieren haben. Im Kapitel „Mut zur Nähe“ fordert er: „Damit es ohne Neubauten geht, müssen wir zusammenrücken.“ Er jammert der guten alten Zimmerwirtin nach: „Früher war die Untermiete üblich.“ Und er weiß, wie viel Freude die Kollektivierung des Privaten bereitet: „Eine großzügige Küche mit anderen zu teilen kann Spaß machen.“ Individualisten tröstet er: „Man muss nicht gleich das Bett teilen wie die Schlafburschen der Gründerzeit.“ Nicht gleich – was für ein Glück.

Wenn Wohnungen und Arbeitsplätze nicht beieinander liegen, sollen wir per „Boom-Schrumpf-Bahn“ fernpendeln. Als positives Beispiel nennt Fuhrhop den ICE von Berlin nach Wolfsburg, in dem täglich ein paar Hundert VW-Angestellte pendeln. Er findet es aber gut, wenn Millionen Menschen mit horrendem Aufwand an Geld, Zeit, Nerven, Strom und Lärm täglich zweimal 180 Kilometer durchs Land rasen. Zur Erinnerung: Sein Bauverbot soll ökologisch und sozial die Welt retten.

Man könnte sich beruhigen: Solange wir eine Demokratie haben, wird es kein landesweites Bauverbot geben. Aber da sind ja noch die Spießer, die das Bauen lokal verhindern. Sie leben vor allem in Städten, wo die Freiflächen knapp sind und besonders viele Etablierte sie sich bewahren möchten. Zum Beispiel die auf Berlins Tempelhofer Feld. Es darf erst mal nicht bebaut werden; stattdessen entsteht eine Großsiedlung dort, wo nur wenige protestieren: auf einem Wiesengrund namens Elisabethaue. Mit geräumigen Eigenheimen und viel Autoverkehr, da die Straßenbahn zur City eine Stunde braucht. Neuen Flächenfraß, Energieverbrauch, Umweltschäden und soziale Entmischung – das will Fuhrhop angeblich nicht. Aber dazu führt sein Buch.

Daniel Fuhrhop20_Artikel_

Verbietet das Bauen!
oekom verlag ­München 2015, 192 Seiten, 17,95 Euro

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Ein Gedanke zu “Ist Bauen Sünde?

  1. Es ist schon seltsam, wie immer alles „Schwarz auf weiß“ in Deutschland diskutiert wird. Leider bleibt die Synthese dabei allzu häufig auf der Strecke.
    Fuhrhops „Streitschrift“ liefert wichtige Anregungen. Nicht mehr. Aber – auch nicht weniger.
    Stichworte: „Sanierungsstau“ vs. „Energiewende“ und – „Willkommenskultur“ vs. „Mangel an bezahlbarem Wohnraum“ in Ballungszentren – eigentlich – „Herausforderungen an Stadt- und Regionalplanung“.
    Michael Wilkens‘ Überschrift versäumt es, den „Konsumenten“ – uns selbst da als „Teilhabende“ und „Teilnehmende“ an essentiellen gesellschaftlichen Wandlungs-, besser – „Umbauprozessen“ klar herauszustellen.
    Suffizienz und Effizienz vermögen sich da zu ergänzen in Maßnahmen, die Sicherheit für und mit Menschen hier und dort nachhaltig erzeugen.
    Robert Stimpels Überschrift indes verkündet eine „Diktatur der Erstarrung“ und findet manchen Schuldigen dafür – Fuhrhop genauso wie viele andere vermeintliche „Bauverhinderer“.
    Gerade das von ihm genannte Beispiel Tempelhofer Feld jedoch zeigt, wie polarisiert alles ist – wie tief die Gräben und der Vertrauensverlust zwischen potentiellen und tatsächlichen „Teilhabenden“ und „Teilnehmenden“ an essentiellen gesellschaftlichen Wandlungs-, besser – „Umbauprozessen“ sind. Und – es zeigt auch, dass da viele Chancen für einen Dialog – für Vertrauensaufbau und mehr auf beiden Seiten stetig verpasst werden. Seien es „Anreize“ – nicht nur für Investoren, sondern auch für die Bürger – für „Nachbarschaften“ etwa zur „Neu-Formation von Genossenschaften“ etc. Dies kann auch mittels kompetent moderierter integrativer Planverfahren – Wettbewerb, Werkstatt-Verfahren, Charette etc. geschehen. Oder seien es viele andere Verfahren, bei denen z.B.gerade der in „wildem Streubesitz“ befindliche Mietwohnungsbaubestand (ca. 40 % desselben) und dessen Eigentümer ermutigt werden, „Sanierungsstau“ am eigenen Objekt „suffizient und effizient“ mit Partnern (Architekten – uns also) anzugehen.
    Von einer „Diktatur der Erstarrung“ kann eher im Zusammenhang mit diesem Vertrauensverlust vieler Bürger ins Paradigma der „freien Märkte“ gesprochen werden. Dieses Paradigma bringt „exklusive“ – zunehmend auch ins „Segregative“, also „Ausgrenzende“ mündende Planungsverfahren mit sich.
    „Integrative“ Verfahren indes könnten uns da viel weiter auch beim sinnigen Abwägen zu den Themen Um- oder Neubau bringen. Zudem im Sinne eines Weiterbauens – auch dessen, was einmal als „soziale Marktwirtschaft“ der Mitte eines zerstörten Gemeinwesens wieder Frieden bringen sollte. Ein „Frieden“, der nicht selbstverständlich ist – der auch erkämpft – also – gewollt sein muss.

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