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Glosse

Vom Messie zum Pedanten

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066_artikel_Im Architekturstudium soll auch das Arbeitsumfeld erzieherisch wirken – bloß wie?

Studie: Heiko Haberle

Welche Architektur Räume haben sollen, in denen Architektur studiert wird, darüber ist man uneins: Soll man mit gestaltender Hand Vorbild sein oder schränkt jede ausgeprägte Handschrift die Kreativität ein? Wie inspirierend neutrale Hüllen sein können, kann ich aus eigener Anschauung über die Fakultäten der TU Darmstadt, der TU Berlin und der TU Delft sagen: viel Beton, von Treppen durchzogene Lufträume, eine lebhafte, aber arbeitsame Atmosphäre. Der Denkmalschutz blieb nur der letztgenannten Fakultät auf tragische Weise erspart: 2008 löste ein Wasserrohrbruch einen Kurzschluss in einem Kaffeeautomaten aus. Der folgende Brand wurde durch Bücher, Pläne und Modelle (auch Originale von Le Corbusier und Frank Lloyd Wright) befeuert, bis die oberen Etagen einstürzten und schließlich der ganze Bau abgerissen wurde. Ein bisschen Ordnung und Digitalisierung sind also vielleicht doch nicht verkehrt. Dann sieht es auch in echt mal so aus, wie auf den ­Architekturfotos und die Zeitschrift Baumeister muss sich nicht über herumstehende Modelle wundern, wie unlängst bei einem Unibesuch in Chile. Da bedauert auch der zugehörige Planer: „Wenn schon Architekten nicht auf ihre gebaute Umwelt achten, wer dann?“

Aber auch im klassischen Universitäts-Altbau können sich ambitionierte Professoren austoben, etwa an der UdK Berlin, wo ich studiert habe. Der Generationenwechsel im Lehrkörper vom Alt-68er zum dynamischen Architekturnachwuchs (also Anfang 50) konnte nicht ohne Folgen für das Arbeitsumfeld bleiben. Im Wettstreit der Professoren und ihrer entwerfenden Assistenten wandelten sich zuvor selbstverwaltete Arbeitsräume von der Messie-Wohnung zum lehrstuhleigenen Apple-Showroom. (Man hätte ja auch ein studentisches Praxisprojekt daraus machen können.) Spätestens, als Kautionen einbehalten wurden, weil Spuren eines Cutters auf dem mühsam glatt gestrichenen Linoleum-Belag der maßgezimmerten Tische zu sehen waren, war klar, wo die Reise hingeht: weg vom selbstbestimmten Studium, von Zeichenbrett und Holzwerkstatt. Hin zu Bologna, 3-D-Drucker und Lasercutter. Und die berufliche Zukunft als Zeichner im Großraumbüro war auch schon gebaut.

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