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Architekturvermittlung

Damals im Fertighaus

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Der Transport war eine Hürde: Nun aber steht das Quelle-Fertighaus im Freilichtmuseum in Kommern und ist Teil der Reihe „Marktplatz Rheinland“.

Freilichtmuseum – das klingt nach Bauernhof-Romantik. Aber im rheinischen Kommern präsentiert Volker Kirsch nüchterne Nachkriegsbauten – vom Telefonhäuschen bis zum Flüchtlingscontainer.

Text: Stefan Kreitewolf

Mitten in der Eifel steht auf einem bewaldeten Hügel ein Mann und schaut über eine flache Lichtung. Wie auf einem Plateau fallen die Seitenflanken den Berg hinab. Rechts und links: dichter, sattgrüner Mischwald. „Hören Sie das?“, fragt der Museumsarchitekt Volker Kirsch. Zu hören ist für den Stadtmenschen: nichts – oder besser gesagt: nichts, außer dem Rauschen des Windes, Vogelgezwitscher und Grillengezirpe. „Das ist die Ruhe der Eifel“, sagt er. „So kann man arbeiten.“ Und das ist wichtig. Denn Kirsch hat viel zu tun.

Er ist im „Rheinischen Freilicht- und Landesmuseum für Volkskunde“ in Mechernich-Kommern beim Landschaftsverband Rheinland als Architekt angestellt. Er spürt historische Gebäude auf, setzt die alten Fachwerkhäuser auf dem Museumsgelände in Stand, lässt jahrzehntealte Häuser auf Tieflader verfrachten und stellt verschmierte Flüchtlingscontainer aus. Kirsch bezeichnet seine Arbeit selbst als „neuartiges Konzept der Architekturvermittlung“. Dass er das in einem Freilichtmuseum tut, ist auch für ihn „mehr als ungewöhnlich“, wie er selbst sagt.

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Auch innen ist das Quelle-Fertighaus originalgetreu.

Während seines Architekturstudiums festigte sich seine Begeisterung für historische Bauten. Als selbstständiger Planer entdeckte er, dass er seinen Anspruch an Architektur am besten umsetzen kann, wenn er alte Häuser für die Nachwelt erhält. So heuerte er 2012 im „Museum“, wie er es schlicht nennt, an. Kirsch, der vor seiner Tätigkeit im Freilichtmuseum in der praktischen Denkmalpflege und als wissenschaftlicher Mitarbeiter am „Institut für Baugeschichte und Denkmalpflege“ an der Fachhochschule Köln arbeitete, sieht sich selbst als „Erhalter des Alten“. Deswegen sei er „auf Langzeiterfahrung und Nachhaltigkeit gepolt“. Das ist nicht immer einfach. Er muss die Baumeister von einst nicht nur verstehen, sondern historische Gebäude mit modernen Mitteln nutzbar halten. In seinem Büro sitzt er deswegen dem Bauhistoriker Carsten Vorwig gegenüber. Dieser versorgt Kirsch mit historischen Bauplänen, spürt alte Bauten auf und hilft bei der praktischen Umsetzung.

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Die Gaststätte Watteler bildet das Herzstück des „Marktplatzes“.

Lebenswerk Marktplatz

Kirschs größtes Projekt ist der „Marktplatz Rheinland“, auf dem er und seine Kollegen seit 2012 originale Gebäude der Nachkriegszeit präsentieren. „Mit einem besonderen Fokus auf den ländlichen Raum, der seit 1950 einen enormen Wandel erlebt hat“, erläutert Kirsch. Das Projekt umfasst bislang neun Bauten. Kirsch bezeichnet es als „mein Langzeitprojekt“.

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Innen versprüht sie den Charme der 1970er-Jahre. Die Küche bietet auch heute noch deutsch-deftige Mahlzeiten.

„Die Gebäude sollen Originale sein und können aus den unterschiedlichsten Zeiten stammen“, erklärt er. Entscheidend seien neben dem Bau auch die Einrichtung und das Umfeld. „So können die Geschichte eines Hauses, die Wohnausstattung und der Einrichtungsstil gut erfasst und mit der Geschichte ihrer Nutzer verknüpft werden“, sagt Kirsch. Gerade die Kleinigkeiten seien wichtig: originale Bordsteinkanten aus den 1950er-Jahren, eine nicht lupenrein saubere Theke oder Autos und Busse vergangener Zeiten.

Heute finden die Museumsbesucher an der zentralen Flanke des Marktplatzes bereits sein Herzstück: die „Gaststätte Watteler“ von 1974. Das Restaurant bezeichnet Kirsch als „besonderen Glücksfall“. „Es steht stellvertretend für die Idee und das Konzept des Marktplatzes“, sagt er. Denn dabei sei nicht nur das originale Gebäude aus Stein in ganzen Teilen aus dem 60 Kilometer entfernten Eschweiler ins Museum transloziert worden, sondern auch die komplette Einrichtung im Stile der 1970er-Jahre.

Kristallgläser, breite braune Aschenbecher, lederne Knobelbecher und verblichene Bierdeckel: Auch im Flurbereich zeugen originale, pastellfarbene Fliesen vom Geschmack der 1970er-Jahre. Ein Besuch der „Gaststätte Watteler“ fühlt sich an wie eine Zeitreise. Kirsch erläutert, wie das funktioniert: „Wenn möglich führen wir lebensgeschichtliche Interviews. Bei der Gaststätte Watteler stand uns mit der ehemaligen Wirtin Gerti Vermassen eine echte Zeitzeugin zur Verfügung.“ So wurden selbst Anekdoten zum Toilettenanbau, von den ehemaligen Gästen des Restaurants ironisch „brauner Salon“ genannt, und zu der Gartenwirtschaft „Zur Schönen Aussicht“ überliefert.

Abgesessene Klobrillen und Asbest

Hinter dem Pächterbungalow, einem einstöckigen Flachdach-Klinkerbau, den Kirsch unmittelbar neben der Gaststätte platzierte, beheimatet der Marktplatz ein originales Quelle-Fertighaus, Baujahr 1965. „Und das ist wirklich etwas Besonderes“, konstatiert Kirsch. Schon der Transport ins Museum war eine kleine Sensation. Es wurde nämlich nicht zerlegt. Vielmehr gelangte das Gebäude in einem Stück von seinem Originalstandort in Stommelerbusch bei Köln mit einem Spezialtieflader auf den Bergkamm in der Eifel. Und das bei einer Gesamtbreite von rund 7,5 Metern und einer Länge von 16 Metern.

Im Inneren sieht das Quelle-Fertighaus wie in den 1960er-Jahren aus. Karo, Teak und Rohrgeflecht sind die bestimmenden Materialien. Der Plattenspieler PK-G der Firma Braun stammt aus dem Jahr 1955, der Grundig-Fernseher von 1960. „Wir wollen alles so lassen, wie es einmal war“, sagt Kirsch. „Eine abgesessene Klobrille bleibt dann eben bewusst bestehen“, erläutert er.

Seine Verbundenheit mit dem Originalzustand hat aber Grenzen – nämlich wenn es um die Gesundheit geht. „Im Quelle-Haus wurden einige Schadstoffe verbaut, Die haben wir aufwendig analysieren und, wo nötig, entfernen lassen“, sagt der ­Museumsarchitekt. Die Problematik war ihm bereits vor dem Erwerb des Baus bekannt. Dennoch wollte er das Haus unbedingt. „Weil es als eines der ersten Fertighäuser die Abkehr vom traditionellen Bauen und Wohnen zeigt“, begründet Kirsch sein Interesse.

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Auch sechs Container einer Flüchtlingsunterkunft sind zu besichtigen und bieten einen beklemmenden Einblick in die Lebensumstände von Geflüchteten. Ein irakischer Bewohner, der zwölf Jahre darin lebte, stiftete seine Einrichtung.

Ebenfalls am Rande der Lichtung finden sich sechs gleichförmige, graue Seecontainer. „Die sind mittlerweile ein gewohntes Bild in deutschen Städten und Gemeinden – als Flüchtlingsunterkünfte“, sagt Kirsch. Für den Besucher sind sie – in einer Senke hinter dem eigentlichen Marktplatz gelegen – nicht gleich sichtbar. „Wie im echten Leben: versteckt, aber doch vorhanden.“ Die Container stammen aus dem rheinischen Titz und wurden von 1992 bis 2012 als Übergangsheim für Flüchtlinge und Asylbewerber genutzt.

Insgesamt fünf Wohneinheiten, ein Sanitärcontainer und ein verbindendes Flurelement umfasst der eigentlich temporäre Bau. Die räumliche Enge, das trostlose Interieur, die nur notdürftig mit Tüchern verhangenen Eisenwände und verblichene Schmierereien an Wänden und Spinden zeugen eindrucksvoll vom Alltag der Neuankömmlinge.

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Vom britischen Militär übernahm das Museum zwei Nissenhütten.

Kirche auf dem Tieflader

Jüngst hat das Freilichtmuseum – dem Thema Migration und Flüchtlinge weiter folgend – zwei ehemalige Nissenhütten eröffnet. Das sind halbrunde, lang gestreckte Wellblechbaracken, die ursprünglich vom britischen Militär als Alternative zum Zelt entwickelt wurden, in denen aber nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend Flüchtlinge aus den ehemals östlichen Gebieten Deutschlands Zuflucht fanden. Nebenbei hat Kirsch noch einen Bunker ausgraben lassen. „Den haben wir bei Bauarbeiten gefunden, er war leer“, berichtet er. Langsam füllt sich der Marktplatz. Bis er aber die gesamte Lichtung auf dem Eifeler Bergkamm füllen wird, werden noch viele Jahre vergehen. „Jedes Jahr soll möglichst ein neues Gebäude in die Baugruppe integriert werden“, sagt Kirsch. Geplant sind unter anderem ein Friseurladen, eine Eisdiele, eine Tankstelle, Gaslaternen und ein Tante-Emma-Laden. „2017 soll ein Trafohäuschen geholt werden, 2018 kommt dann eine ganze Kirche auf den Tieflader“, kündigt Kirsch stolz an. Bei der Suche nach Gebäuden, die in das Konzept des Marktplatzes passen, ist Kirsch auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen.

Schon jetzt ist ihm und seinem Team eines gelungen: die Originalität der Bauten an einem neuen Ort zu erhalten. In der Mitte der Lichtung steht neben einer alten Eiche eine dreckig-gelbe, teils ramponierte Telefonzelle. Stilecht weist ein vergilbtes Papierschild auf altbekannte Weise auf einen Defekt hin: „Wegen mutwilliger Beschädigung geschlossen.“

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