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Kolumne

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Wolfgang Bachmann. (Foto: Myrzik Jarisch)

Darf man die monumentale Architektur der Nazis unter denkmalpflegerischen oder ästhetischen Gesichtspunkten behandeln? Um das Münchner „Haus der Kunst“ ist diese Diskussion erneut entbrannt.

Text: Wolfgang Bachmann

Nun hat Ende Januar die Gretchenfrage, wie wir es mit David Chipperfields Plänen für das Münchner „Haus der Kunst“ halten, sogar die politische Kommentarseite in der „Süddeutschen Zeitung“ erreicht. Nachdem die Redaktion Studenten zu einem architektonischen Exorzismus aufgefordert und zahlreiche Vorschläge erhalten hatte, wie man das monumentale Gebäude anfressen könnte, ergriff Okwui Enwezor, der Direktor des Hauses, Partei für seinen Architekten. Daraufhin suchte die Journalistin Sonja Zekri die Balance, da das Thema nicht nur München betreffe, sondern „alle Länder, in denen noch Unrechtsarchitektur steht“. Aber was ist „Unrechtsarchitektur“? Hat sie sich vollgesogen mit der verbrecherischen Politik ihrer Auftraggeber? Oder zeigt das Haus der Kunst nur die bevorzugte Bauweise einer Zeit, in der das Unrecht Gesetz war?

Unrechtsarchitektur gab und gibt es zu jeder Zeit. Dazu zählen nicht nur Schwarzbauten, sondern auch Gebäude, die das Zusammenleben stören, weil sie durch ihre beherrschende Monofunktion Einzelhandel oder Bewohner vertreiben. Also eigentlich ein praktikabler Begriff in unserer Nomenklatur: Unrechtsarchitektur. Für die NS-Architektur wäre er zu harmlos.

Ein paar Zeilen weiter mildert die Autorin auch ihr Urteil und schreibt von „schuldlosen Steinen“. Sie versteigt sich dabei nicht zu einer konkreten Empfehlung, sondern nennt den Maßstab für Chipperfields Eingriff: Hitlers Absicht mit dem Bau nicht zu vollenden. Da kann so ein verspieltes Herumgefummel auf keinen Fall eine Lösung sein. Es erinnert an die Einfalt, mit Farbschlieren ein Kernkraftwerk zu verhundertwassern.

Zustimmen kann man der Leserzuschrift des Architekten Klaus Block aus Berlin. Er plädiert dafür, an das von Millionen Deutschen gelebte, unsagbar grauenhafte Gedankengut mit den Bauten der NS-Zeit zu erinnern. „Deren ständige unverhohlene Präsenz im öffentlichen Raum muss man leider als aufgeklärter deutscher Bürger dauerhaft aushalten können und es somit als stete Aufforderung nehmen, darüber aufzuklären und das Bewusstsein über die allgegenwärtige Anfälligkeit für niedrige Beweggründe der Menschen zu schärfen.“ Heute, wo nationalistisches Gedankengut wieder tragbar wird, sind solche Kainsmale laute Hinweise, unseren eigenen Höllensturz zu erzählen.

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