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Nachkriegsmoderne

Rückkehr der Ideologen

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Am Hamburger Cityhof entspinnt sich ein prominenter Streit zwischen Gegnern und Befürwortern der Nachkriegsmoderne. Jetzt wurde der Wettbewerb für den Neubau entschieden – und wirft die Frage auf, ob eine „Stadtreparatur“ um jeden Preis sinnvoll ist. 

Text: Claas Gefroi

Der 1957 gleich neben dem berühmten Hamburger Kontorhausviertel eröffnete Verwaltungs- und Einzelhandelskomplex Cityhof von Architekt Rudolf Klophaus ist ein Fanal der Nachkriegsmoderne.

Dass Klophaus hier, auf dem Gelände des einstigen Stadtwalls und unmittelbar angrenzend zum backsteinernen Chilehaus und Sprinkenhof, keine geschlossene Klinker-Blockrandwand, sondern eine offene Struktur mit vier hintereinandergestaffelten, die Lage am Geesthang nachzeichnenden, schneeweißen (heute leider mit Eternit verkleideten) Hochhausscheiben realisierte, war eine wegweisende Entscheidung: Das Projekt der Moderne wurde, nach der Zäsur von Nationalsozialismus und Krieg, wiederaufgenommen und fortgeführt. Klophaus suchte jedoch den Kontrast und knüpfte nicht an die lokalen Bautraditionen verpflichtete Schumacher-Schule, sondern an den Internationalismus der Weißen Moderne an. Dies geschah mit Augenmaß und Blick für den Ort. Natürlich entsprach der Cityhof dem Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt; doch konnte mit den Hochhausscheiben die Baumasse so geschickt verteilt werden, dass wichtige Sichtbeziehungen vom Klosterwall und vom Deichtorplatz auf das Kontorhausviertel erhalten blieben. Städtebau und Architektur der Nachkriegsmoderne waren, dies belegt der Cityhof eindrucksvoll, bei Weitem nicht so ideologisch und rigoros, wie es uns heute scheinen will, sondern durchaus sensibel und ortsspezifisch.

Kinder ihrer Zeit: Auf der linken Seite der denkmalgeschützte Cityhof, auf der rechten der Siegerentwurf des Architekturwettbewerbs (KPW). Der Neubau soll auf acht Geschossen mehr Nutzfläche unterbringen, als die Hochhäuser derzeit aufweisen.

Umso bedauerlicher ist es, dass die Hamburger Politik und Verwaltung hier nun, ungeachtet großer Proteste und mannigfaltiger Kritik aus Architekten- und Bürgerschaft, ein Exempel statuieren will. Der denkmalgeschützte Cityhof wurde 2016 verkauft mit dem Ziel, ihn abreißen und durch eine Neubebauung ersetzen zu lassen, die eine Rückkehr zur behaupteten Tradition von Blockrand und Backsteinmantel verspricht. Es ist nur dem Druck von Architektenkammer, Verbänden und Architektenpersönlichkeiten zu verdanken, dass die Investorenausschreibung noch um die Option erweitert wurde, den Bestand zu erhalten und weiterzuentwickeln. Das städtische Liegenschaftsamt tat das freilich zu Konditionen, die einen Erhalt wirtschaftlich unattraktiv machten. Dennoch bewarb sich ein Konsortium mit dem Architekten Volkwin Marg (gmp) mit einem solchen Vorschlag. Ihr Entwurf lag nach Punkten vorn, wurde allerdings wegen, wie es hieß, nicht unterschriebener Erklärungen disqualifiziert. Es gewann ein Neubau-Vorschlag. Kürzlich wurde nun der vom siegreichen Investor ausgelobte Architekturwettbewerb mit der Vorstellung der Entwürfe abgeschlossen. Der Siegerentwurf von KPW Architekten wurde besonders heftig in Tageszeitungen und Fachpresse kritisiert – Gert Kähler schrieb in der „Zeit” von „Angsthasenarchitektur“.

Behutsame Alternative: der Entwurf von Volkwin Marg für Matrix Hochtief. Das Konsortium hatte sich beim Investorenwettbewerb (der die Grundlage für den Architekturwettbewerb legte) mit dem Vorschlag beworben, den Altbau zu erhalten.

Nicht besser oder schlechter – anders
Doch eine Kritik an den Architekten und ihren Entwürfen ist zu billig. Die Teilnehmer konnten schließlich nur in dem gesetzten Rahmen agieren, der aus den Bedingungen des Investorenwettbewerbs resultierte. Und der gab vor, eine enorme Nutzfläche, noch höher als die des jetzigen Cityhofs, in Gebäuden unterzubringen, die mit acht Geschossen nicht höher sein dürfen als die benachbarten Kontorhäuser. Ebenfalls gewünscht: Blockrandbebauung und dunkler Klinker. Alles, was an den Entwürfen nun kritisiert wird – immense Volumen, enge, dunkle Höfe, endlose Ziegelfassaden, Anbiederung an die Kontorhausarchitektur – müsste also an die Stadt als Ausloberin des Investorenwettbewerbs adressiert werden.

Das neue „Quartier am Klosterwall“ zeigt so vor allem eines: Es fehlt eine Debatte darüber, ob es wirklich sinnvoll ist, auch in stark von der Moderne geprägten Gebieten partout „Stadtreparatur“ zu betreiben und eine Rückkehr zur „europäischen Stadt“ einzuleiten. Der Cityhof ist keine „Wunde“, die geheilt werden, kein „städtebaulicher Irrtum“ – wie es Oberbaudirektor Jörn Walter einmal formulierte – der korrigiert werden muss. Er ist, trotz seiner jahrzehntelangen Verwahrlosung und Verschandelung durch die Stadt, ein bedeutendes Zeugnis einer Epoche, die ein anderes städtisches Leitbild hatte als unsere – kein besseres, kein schlechteres, sondern einfach ein anderes.

Am Beispiel Hamburg zeigt sich, dass unsere Zeit immer weniger bereit oder fähig ist, Brüche und Vielschichtigkeit im Stadtbild zu schätzen oder zumindest auszuhalten. Viele wichtige Bauten der Hamburger Nachkriegszeit sind bereits verschwunden: das Millerntor-Hochhaus und der Astra-Turm auf St. Pauli, die BP-Zentrale in der City Nord. Demnächst fallen die Commerzbank, das Allianz-Hochhaus in der Altstadt, die Oberpostdirektion in der City Nord und das Hermes-Hochhaus in Altona – allesamt eindrucksvolle, teilweise unter Denkmalschutz stehende Bauten von namhaften Architekten. Anderes wird erhalten und teils sensibel saniert, dann aber fast immer um den Preis von gewinnmaximierenden „Mantelbebauungen“ auf dem Grundstück: Das ehemalige Polizeipräsidium am Berliner Tor, das einstige Unilever-Hochhaus, die vormaligen Hochhäuser von Spiegel und IBM sind heute von Neubauten umstellt, die die Sicht auf die Solitärbauten verstellen und ihre städtebauliche Wirkung und Bedeutung beschädigen. Gewiss sind dies Einzelfallentscheidungen mit unterschiedlichen Begründungen, an denen wechselnde Akteure beteiligt waren. Es gibt in Hamburg kein explizit formuliertes Städtebau-Programm für eine Rückkehr zur Stadt des 19. Jahrhunderts in der Formensprache des 21. Jahrhunderts. Doch in der Summe drängt sich der Verdacht auf, hier würden noch immer Rechnungen beglichen und Kämpfe um Leitbilder und Ideologien geführt – von einer heute bestimmenden Politiker- und Städtebauergeneration, die einst selbst die Vätergeneration für ihren Dogmatismus und ihre Starrsinnigkeit kritisierte. Junge Planer, die heutigen Studenten und Absolventen der Architektur und Stadtplanung, haben einen ganz anderen, frischen und interessierten Blick auf die Nachkriegsmoderne. Sie schließen sich zu Initiativen für ihren Erhalt zusammen und müssen dennoch ohnmächtig mitansehen, wie ein Bauwerk nach dem anderen fällt. Die Chance, dass die junge Generation dieses Erbe neu bewertet und sich aneignet, wird gerade verspielt.

Claas Gefroi ist freier Autor sowie Presse- und Öffentlichkeitsreferent der Hamburgischen Architektenkammer. Der Text gibt ausschließlich seine persönliche Meinung wieder.


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