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Digitalisierung

Rapidograph war gestern

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Zayed University, Abu Dhabi, Hadi Teherani

Auf dem Deutschen Architektenkongress drehte sich alles um den Architekten im digitalen Zeitalter. Welche Rolle hat er bei BIM, welche beim Smart Home und wer verdient das Geld damit?

Text: Heiko Haberle

Dass Architekten – und besonders die deutschen – bei der Digitalisierung hinterherhinken ist inzwischen fast ein Allgemeinplatz geworden, der aber auch am 16. November in Berlin auf dem ersten Deutschen Architektenkongress im Raum Stand. Dabei haben sich nur wenige Berufe in den letzten zwei Jahrzehnten so grundlegend gewandelt, sowohl was das Arbeitsfeld als auch die Arbeitsmittel angeht. Der an diesem Tag viel zitierte Rapidograph dürfte jedenfalls nirgends mehr zum Einsatz kommen. „An BIM führt kein Weg vorbei“, betonte die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer Barbara Ettinger-Brinckmann denn auch zur Eröffnung. Ein automatischer Garant für einen guten Entwurf und eine gute Ausführung sei das aber nicht. Dafür brauche es Architekten, die sich durch BIM auch wieder die an Projektentwickler verloren gegangene Rolle des Koordinators zurückerobern könnten.

Der Hamburger Architekt Hadi Teherani hat sich verlorene Architektenaufgaben zurückgeholt und betreibt in getrennten Gesellschaften Architektur, Produktdesign, Innenarchitektur und Consulting. Teherani gibt freimütig zu, niemals am Computer zu zeichnen, aber natürlich auf digitale Methoden gerade bei anspruchsvollen Freiformen angewiesen zu sein. Besonders Renderings sind ihm aber oft zu genau, obwohl noch gar keine Entwurfsplanung stattgefunden hat. Ebenso führe BIM dazu, sich zu früh auf jene Bauprodukte festzulegen, die als BIM-Objekte vorlägen – für Teherani ein Verlust an Gestaltungsraum.

Bei der Berechnung der Dachkonstruktion der Zayed University in Abu Dhabi konnte das Büro von Hadi Teherani alleine durch eine Umstellung der Rechenmethode Stahl im Wert von 20 Millionen Euro einsparen.

Pioniere und Profiteure

„Die Pioniere haben selten etwas von ihrem Mut“, findet der Berliner Architekt Robert Specht. Für sein Büro habe BIM erst einmal höhere Kosten, mehr Kommunikationsaufwand und keine Mehreinnahmen bedeutet. Er sieht vor allem die Fachplaner als Profiteure. Eine Experimentierphase, bei der parallel zwei- und dreidimensional geplant wird, kann sich eher ein Großbüro wie gmp leisten. Erst vor zwei Jahren hatte man mit BIM begonnen, weil bei einem gemeinsamen Projekt ausländische Büros damit arbeiteten. Doch deren virtuelle Modelle seien sehr ungenau gewesen, wie Hubert Nienhoff und Jochen Köhn berichteten. Inzwischen loben die beiden Planer die schnelle und präzise Arbeit mit BIM. Wichtig sei aber, vorab genau zu definieren, was im Modell gemacht wird und welche Partner daran teilnehmen. Dass das Vertrauen erhöht wird und Planungsfehler früher erkannt werden, schätzt Gerold Reker, Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, an BIM. „Es wird aber nicht lösen, was im Moment schief läuft.“

Die Bauindustrie hat BIM weitgehend implementiert und hofft auf einen größeren Anteil an der Wertschöpfungskette Bau. Doch wenn an dieser auch Architekten maßgeblich beteiligt sein sollen, muss sich BIM auch für kleine Architekturbüros lohnen – besonders wenn es womöglich schon bald zur Bedingung für öffentliche Aufträge wird oder eine neue EnEV Nullenergiehäuser fordert. Dass dabei noch einiges widersprüchlich ist, wurde spätestens beim BIM-Einsteigerworkshop des Kongresses deutlich: Dort erfuhren die Teilnehmer nämlich, dass sich das Planen am digitalen Modell erst ab etwa 15 Millionen Euro Bausumme und nicht bei Stufenbeauftragungen lohne. Doch gerade solche sind oft öffentliche Aufträge.

Sensibles Haus

Während man sich auf dem Architektenkongress weitgehend einig war, dass BIM, trotz Anlaufschwierigkeiten, bald unverzichtbar sein wird, polarisierte das Smart Home deutlich mehr. In den Bereichen Sicherheit, Energiemanagement und Licht haben sich bereits Lösungen etabliert. Hinzukommen werden immer mehr Sensoren für Bewegung, Luft, Licht und Wasser (für den Fall einer Überschwemmung), glaubt Mijo Maric, Leiter der Geschäftsstelle „Smart Living“ beim Bundeswirtschaftsministerium. Im gleichen Maße, wie die gesammelte Datenmenge steige, werden die Preise sinken und die Bedienung einfacher, sodass wir alle, oder spätestens die nächste Generation, das ganz selbstverständlich wollen werden. Doch selbst der technikbegeisterte Maric gesteht ein, dass sich Kernthemen herausbilden werden. Die berührungsempfindliche Küchenarbeitsplatte, das vorheizbare, smarte Bett oder der Kühlschrank, der auf einem Monitor in Originalgröße genau das zeigt, was man nach dem Öffnen der Tür sehen würde, bleiben uns dann womöglich erspart.

Der Architekt wird mit dem Smart Home zum Technologieberater, ist aber mit dem Systemintegrator auf einen weiteren Fachplaner angewiesen. Dass viele Architekten das gar nicht wollen, war auf dem Kongress spürbar. Dass auch viele Bauherren inzwischen wieder eine Sehnsucht nach einfachen und „dummen“ Lösungen haben, wusste der Berliner BDA-Vorsitzende Andreas R. Becher zu berichten.

Smart im Alter, smart im Quartier

Doch das Smart Home muss kein technikverliebter Selbstzweck sein, machte der Vorstand des Verbandes Sächsischer Wohnungsgenossenschaften Axel Viehweger deutlich. Die sächsischen Genossenschaften nutzen Technologien für den „rollatorengerechten“ Umbau ihres Bestands. Eingebaut wird nur, was tatsächlich gebraucht oder gewünscht ist und was sich bei maximal 6,50 Euro Kaltmiete umsetzen lässt. Nicht gewünscht wird eine automatisierte Fensteröffnung, bewährt haben sich jedoch dimmbare Nachtlichter, Sturzsensoren oder Türen, die sich im Notfall einmalig ferngesteuert öffnen lassen. Alleine in Sachsen schätzt Viehweger den Bedarf auf 100.000 mitalternde Wohnungen, erst 300 sind umgerüstet.

„Wir bauen Gesellschaften“, sagt der Freiburger Architekt Wolfgang Frey, der in Deutschland und China ganze Quartiere entwickelt, plant und betreibt. Technik alleine ist für ihn nicht smart, solange sie nicht zum Nutzer passt. Smart ist hingegen, was mehrere Aufgaben erfüllt, also eine begrünte Fassade oder ein Balkongeländer mit Solarzellen. Die von Frey geplanten Nachbarschaften sind funktional durchmischt, sie stoßen kein CO2 aus, haben eine eigene Energieversorgung und beruhen auf einem Gleichgewicht gegenseitiger Bedürfnisse und Abhängigkeiten: Junge Menschen dürfen bei Senioren wohnen und unterstützen diese dafür im Alltag, Studenten leben mit einem Rollstuhlfahrer zusammen, der als Gegenleistung kocht. Für Frey besteht die Aufgabe darin, soziale, ökologische und ökonomische Aspekte mit Hilfe plausibel eingesetzter Technik in Übereinstimmung zu bringen.

Google und Co. wollen ins Haus

Die Frage, was und wann Architekten eigentlich noch entwerfen können, drängte sich an diesem Tag geradezu auf. Andreas R. Becher jedenfalls empfahl seinen Kollegen, ihre Ideen als das eigentliche Kapital nicht zu verschleudern. Das Argument, so lange es die Schwerkraft gebe, werde man dann Architekten brauchen, wurde jedoch von Christian Pätz, Elektrotechniker, Kaufmann und Professor an der TU Chemnitz, weitgehend entkräftet. Demnach seien Google, Apple und Amazon auf der Suche nach „Einfallstoren“ in gewinnversprechende Massenmärkte. Das Auto stelle ein solches Einfallstor dar, durch das die Konzerne ins Haus gelangen werden. Das Beispiel Uber im Taxiwesen zeigt, dass die Tech-Giganten auch nicht vor stark reglementierten Geschäfts- und Berufsfeldern zurückschrecken. Sind die Konzerne erst einmal im Markt, werden die Margen ausgeweitet, wobei diese oft rein auf Provisionen beruhen, wie etwa in der Reisebranche. „Selbst wenn weiterhin Architekten die Häuser planen und Handwerker sie aus Beton oder Holz bauten, ist doch entscheidend, wer das Geld damit verdient“, gab Pätz zu bedenken.

An dem in den USA entwickelten Hausmodul „Kasita“ demonstrierte Christian Pätz, wie das Thema Architektur in den Massenmarkt gelangen könnte, ohne dass Architekten konkret beteiligt sind. Kasita lässt sich einzeln aufstellen oder stapeln und wirbt mit den Vorteilen eines effizienten, smarten Hauses – nur ohne den Stress. Mit schicken Bildern wird direkt der junge design- und technikaffine Kunde angesprochen. Wie leicht der Zugang von Google und Co. alleine über den Kauf eines solchen Start-ups ist, kann man sich ausmalen. Dass auch die deutsche Fertighausindustrie durch die Digitalisierung ihrer Planung und Fertigung inzwischen damit werben kann, der Kunde könne sein individuelles Haus ganz entspannt „entwerfen“, merkte Gerold Reker schließlich an. Natürlich sind auch daran Architekten beteiligt (siehe DAB 10.2016, „Das Architektenfertighaus“), doch mit dem Maestro mit Skizzenrolle und Rapidograph hat das nichts mehr zu tun. Umso mehr gilt es für Architekten, digitale Prozesse pragmatisch zu nutzen und selbst alltägliche Bauaufgaben, wie es Architekt Robert Specht ausdrückt, „mit Seele zu impfen.“

 

INFORMATION

Der erste Basiskurs nach dem neuen BIM Standard Deutscher Architektenkammern hat Ende November in Wiesbaden stattgefunden. Weitere Termine sind am 25.-27.1.2018 in der Bayerischen Architektenkammer, am 26./27.1. und 9.2.2018 im Institut Fortbildung Bau der AK Baden-Württemberg sowie am 21.-23.2.2018 in der AK Nordrhein-Westfalen. Mehr Informationen und Anmeldung über die jeweilige Landeskammer.

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