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Ruhrgebiet

Strukturwandel

Der RS1 verläuft auf den Wegen einer alten Bahntrasse von Essen nach Mülheim an der Ruhr.

2018 schließt die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Zwischen Industriebrachen und noch immer rußgeschwärzten Fassaden ist mithilfe kluger Stadtplanung viel Neues entstanden. Ein Streifzug durch die Mitte des ehemaligen Kohlenpotts vom Radschnellweg zum neuen Quartier Nord.

Von Stefan Kreitewolf

München, Hamburg, Berlin, Stuttgart – jede Stadt will sie, keine hat sie: Radschnellwege. In der unscheinbaren Ruhrgebietsstadt Essen wurde die Idee bereits in die Tat umgesetzt. Elf Kilometer führen seit November vom Essener Westen bis zum Bahnhof in Mülheim an der Ruhr. Der glatt asphaltierte Weg bahnt sich seinen Weg über ein stillgelegtes Netz alter Schienen entlang der ehemaligen Güterbahntrasse der Rheinischen Bahn, die früher die Zechen mit den Häfen und Güterbahnhöfen verband.

Auf dem bereits eröffneten Teilstück des Radschnellwegs Ruhr (RS1) fahren täglich 1.100 Radler – selbst im Winter ist hier viel Verkehr. Ab 2020 sollen Fahrradfahrer auf 101 Kilometern zwischen Hamm und Bochum freie Fahrt haben – fast ohne Kontakt zum übrigen Straßenverkehr und gefährliche Kreuzungen. „Ein guter Radschnellweg ist vier Meter breit. Gehweg und Radweg sind voneinander getrennt und im besten Fall haben Radfahrende auch innerorts Vorrang, so kommt man mit dem Fahrrad schneller voran als mit dem Auto“, erläutert Martin Tönnes. Der Planungsdezernent des Regionalverbands Ruhr (RVR) ist so etwas wie der Vater des RS1.

In Mülheim an der Ruhr verläuft der RS1 über ein Viadukt.

Mehr als nur ein Radweg

2010 war das Stillleben auf der A 40 im Kulturhauptstadt-Jahr RUHR.2010 die Initialzündung: „Damals wurde die A40 für einen Tag gesperrt und Fahrradfahrende durften auf die Autobahn, das hat bei mir und das hat in der Region gezündet“, erinnert sich der Mobilitätsexperte. Tönnes, der mehrmals wöchentlich mit einem himmelblauen Pedelec die 23 Kilometer von seinem Heimatort Ratingen ins Essener Zentrum in die RVR-Zentrale fährt, sprach mit Politikern, Stadtplanern und Bauunternehmen. Neben Überzeugungsarbeit in Kommunen und politischen Gremien untersuchte der Regionalverband Ruhr mit einer Machbarkeitsstudie die Chancen, einen Radschnellweg zu planen und zu bauen. „Ab Oktober 2012 analysierten meine Kolleginnen und Kollegen im RVR zusammen mit renommierten Planungsbüros die mögliche Trassenführung, Querungen, Kreuzungen sowie andere Infrastruktur und beschrieben Lösungen und Kosten“, sagt Tönnes. Das Ergebnis im September 2014: Der RS 1 ist möglich. Nach weiteren Gesprächen stand fest: Der erste Radschnellweg Deutschlands kann gebaut werden.

Neues Leben im Viertel: Am Niederfeldsee in Essen-Altendorf.

Das erste Teilstück eröffnete pünktlich zur Bewerbung Essens als Grüne Hauptstadt Europas. Sebastian Artmann von Landesbetrieb Straßenbau NRW erläutert: „Seit Ende 2016 sind Radschnellwege den Landesstraßen in NRW per Gesetz gleichgestellt.“ Das bedeute für den RS1 eine Priorisierung gegenüber untergeordneten Straßen. „Der hohe Ausbaustandard von Radschnellwegen macht das Fahren mit dem Rad zukünftig auch für Pendler attraktiv“, sagt er. Für Tönnes ist der RS 1 indes „mehr als nur eine Straße oder ein Radweg“, wie er sagt. „Der Radschnellweg hat auch das Potenzial, das städtebauliche Umfeld entlang der Route positiv zu beeinflussen“, sagt der 58-jährige Stadtplaner.

Am Niederfeldsee in Essen-Altendorf, Tönnes‘ Lieblingsplatz am RS1, ist das bereits geschehen. Für das Gewässer wurden Teile des Bahndamms, der das Viertel Jahrzehnte vom dahinter liegenden Freiraum trennte, abgetragen. „Der dadurch entstandene Platz ist nun eine urbane Fläche für die Gemeinschaft mit einer hohen Aufenthaltsqualität“, sagt Tönnes. „Wir haben hier am Niederfeldsee ein Stadtviertel gehabt, das durchaus problematisch war. Heute ist das wieder ein attraktiver und lebenswerter Wohnort“, beschreibt Tönnes den Wandel des Viertels. Es stimmt: Am Ufer des von Regenwasser gespeisten, 2,2 Hektar großen Sees flanieren Familien mit ihren Kindern, auf Holzterrassen machen Einjährige erste Gehversuche. Die 62 Wohneinheiten, die 2015 bezogen und zum Teil mit Blick aufs Wasser im hochpreisigen Segment als auch als Sozialwohnungen angeboten wurden, waren im Nu vergeben, trotz des schlechten Rufs des Viertels.

Früher Schwerindustrie, heute Erholung: Der Krupp-Park in Essen.

Die Neubauten am Niederfeldsee täuschen aber nicht darüber hinweg: In Essen bleibt noch viel zu tun. Die Stadt leidet weiterhin unter Arbeitslosigkeit, Schulden und Leerstand. Wer die alte Bahntrasse Richtung Osten weiterfährt, dort wo das nächste Stück des RS 1 entstehen soll, dem fällt auf: Es gibt sie noch, die Industriebrachen und die vom Ruß der Schlote geschwärzten Fassaden. Dennoch steht die einstige Kohle- und Stahlmetropole dank kluger Stadtplanung relativ gut da. Nachdem die Stadt in den vergangenen vier Jahrzehnten fast 200.000 Einwohner verlor, wächst sie seit drei Jahren wieder. Essen steigerte so sein Bruttosozialprodukt in den vergangenen Jahren stärker als Köln und München. Dass die Stadt viele Konzernzentralen beherbergt, deren Bauten in der Innenstadt eine kleine Skyline bilden, ist auch für die Stadtplanung an Ruhr und Emscher positiv.

Das zeigt zum Beispiel der Krupp-Park, der auf dem Gebiet der ehemaligen Kruppschen Gussstahlfabrik eröffnet wurde und direkt an die neue Konzernzentrale von Thyssen-Krupp grenzt. Das insgesamt etwa 23 Hektar große und 1,3 Kilometer lange Gelände wurde bereits 2009 eröffnet. Was früher unzugängliche Brachfläche war, ist heute das viertgrößte innerstädtische Erholungsgebiet der Stadt.

Natur in der Stadt: Die neue Grüne Mitte Essens.

200 Fahrradmeter weiter entsteht das neue Univiertel auf einer Fläche, die früher als verwahrlostes Stück Land die Hochschule vom Rest der Stadt trennte. Durch den Abriss einer Eisenbahnbrücke an der Gladbecker Straße wurde der Weg für eine attraktive Verbindung in die nördliche Innenstadt freigemacht und das Neubaugebiet von Osten her geöffnet. Zu einer weiteren Aufwertung des Geländes trägt auch der neue, im Sommer 2010 eröffnete Park, mit seinen vier großen Wasserflächen bei, die ausschließlich durch Regenwasser von den Wohngebäuden gespeist werden. Die Luxus-Wohneinheiten am Rande der Innenstadt finden reißenden Absatz.

Zollverein – Hotspot der Stadtentwicklung

Vom Stadtzentrum zweigt ein weiterer Radweg Richtung Norden ab, zur Zeche Zollverein – den Kathedralen der Industriekultur und dem Hotspot der Stadtentwicklung Essens. Die zukunftsweisende Umnutzung der Zeche zum Kunst- und Kulturstandort lockte Museen und Ateliers auf das riesige Areal. Das Red Dot Design Museum feierte im letzten Jahr sein 20-jähriges Jubiläum auf dem Gelände, 2006 kam der beeindruckende Kubus-Bau des japanischen Architekturbüros SANAA hinzu, vor 10 Jahren baute Rem Koolhaas die alte Kohlenwäsche zum neuen Ruhr Museum um.

Der Folkwang-Neubau auf dem alten Materiallagerplatz der Zeche Zollverein.

Jüngster Neuzugang ist der Neubau der Folkwang Universität der Künste, der Ende letzten Jahres eröffnet wurde. Das „Quartier Nord“ genannte Gebäude führt einen Teil der verstreuten Universitätsbereiche auf dem alten Zechengelände zusammen. Auf annähernd 19.000 Quadratmetern beherbergt das Gebäude neben der Verwaltung und den Büros der Lehrenden Räumlichkeiten für die Studienprogramme des Fachbereichs Gestaltung –Fotografie, Industrial Design, Kommunikationsdesign sowie Kunst- und Designwissenschaft – mit allen dazugehörigen Werkstätten, Ateliers, Laboren und Seminarräumen.

Etwas dunkel, aber beeindruckend: Der neue Folkwang-Bau von innen.

Der langgestreckte Gebäuderiegel ist in vier Abschnitte gegliedert und mit einer Fassade aus verzinkten Stahlblechplatten versehen. Der verantwortliche Architekt Jan Kliebe vom Stuttgarter Büro MGF Architekten, die 2010 den europaweiten Wettbewerb gewannen, erläutert: „Die vier Kuben verspringen und bieten individuelle Räume für die verschiedenen Aufgaben der Studierenden.“ Durch die vier unterschiedlich proportionierten Baukörper erreichte der Architekt eine kleinteilige Erscheinung des großen Volumens des Gebäudes. Durch seine bündigen Fensterbänder stellt das „Quartier Nord“ eine Referenz zur vorhandenen Industriearchitektur dar. „Und die Aufgänge im Atrium erinnern an die Förderbänder der Zeche Zollverein“, so Kliebe. Der Innenhof, der sich über zwei Etagen erstreckt und das Atrium im östlichen Teil bringen viel Licht in das auf den ersten Blick etwas dunkel erscheinende Gebäude.

Bergbau-Panorama: Das Quartier Nord mit Blick auf die Schornsteine der alten Kokerei Zollverein im Hintergrund.

Der Bau mit der grauen Fassade ist das Herzstück eines neuen Viertels, das auf dem alten Materiallagerplatz entstehen soll. Hier sind auch Wohnungen und die Ansiedlung von „Designgewerbe“ geplant. Ursprüngliche Pläne zu einer „Designstadt“ wurden mittlerweile verworfen, weil ein Investor aus Saudi-Arabien Verträge nicht einhielt. Das 35.000 Quadratmeter große Areal soll dennoch weiterwachsen. Für Mitte 2018 ist die Fertigstellung eines Hotelneubaus geplant. Danach sollen weitere Büro- und Wohnbauten folgen. Außerdem soll bis 2020 ein „Denkmalpfad Zollverein/Kokerei“ entstehen. Der soll auch mit dem Fahrrad befahrbar sein.


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Hermann Marth: „Zollverein. Welterbe und Zukunftswerkstatt“. Jovis Verlag, Berlin, 2018, 224 Seiten, 39,95 Euro, ISBN 978-3-86859-476-8.

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