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Schwerpunkt: City und Vorstadt

Stadt – Land – Klang

Kann man eine Stadt an ihren Tönen erkennen? Ja, meinen Klanggärtner und Akustik-Urbanisten  Text: Stefanie Krebs

 

Klingt die Vorstadt anders als die City? Diese Frage bringt den Experten, der es wissen müsste, etwas in Verlegenheit. Der Klangkünstler Thomas Kusitzky ist Mitbegründer der Forschungsgruppe „Auditive Architektur“ an der Universität der Künste in Berlin. Er hat eine akustische Langzeitbeobachtung der Schweizer Stadt Schlieren durchgeführt. Zwar sei Schlieren eine typische Agglomerationsgemeinde, wie es in der Schweiz heißt, aber eben auch eine eigenständige Stadt – und wolle das auch sein. Doch der Klangforscher räumt ein: „Momentan ist es allerdings so, dass Schlieren eigentlich ausschließlich von Mobilitätsklang geprägt ist.“ Und er zählt auf: zwei Kantonstraßen, die Hauptbahnstrecke nach Zürich mit Güterverkehr, die Einflugschneise vom Züricher Flughafen, Autobahn, Pendlerverkehr. Laut, aber charakteristisch für Siedlungsbereiche, die sich das knappe städtische Umland mit Verkehrsbändern und Gewerbezonen teilen.

Architekten, Stadt- und Umweltplaner befassen sich in der Regel weniger mit der Gestaltung der akustischen Umwelt, sondern eher mit der Abwehr oder Reduktion von Lärm. Doch allmählich wandelt sich die Perspektive. Gerade gab es in Hamburg eine Tagung zur Lärmminderung, die sich auch mit Zukunft „leiser“ Mobilität befasste – dazu sprach der Schweizer Andres Bosshard, der sich selbst als Klanggärtner versteht. London engagierte schon im Jahr 2004 einen Sound Manager für die Stadt – ein bislang ungewöhnlicher Beitrag zur Umsetzung der EU-Umgebungslärmrichtlinie. Und auf der Tagung „The Global Composition“ diskutierten im Juli internationale Klangforscher über urbane Klänge und deren Gestaltung.

Im Schweizer Schlieren will man nun die (vor-)städtische Klangqualität verbessern, unterstützt durch die Berliner Forscher um Thomas Kusitzky. Diese wollen nicht unbedingt Objekte gestalten oder neue Klänge in die Umgebung einfügen. Die Arbeit des „auditiven Architekten“ besteht zunächst darin, Bedingungen für eine neue Wahrnehmung der klanglichen Umwelt zu schaffen, also Räume für bewusstes Hören zu entwerfen.

Städtische Hörenswürdigkeiten

Vorarbeit zu einer Kultur des Hörens leistete der kanadische Klangforscher R. Murray Schafer mit dem von ihm initiierten „World Sound-scape Project“, einem ehrgeizigen Programm, das seit 1970 weltweit die Klänge unserer Umwelt erforscht, archiviert und schließlich auch neu komponiert. Schafers Buch „The Tuning of the World“, auf Deutsch „Die Ordnung der Klänge“, entwickelte sich in der Fachszene zum Kultbuch. Heute beziehen sich viele Klanggestalter auf Schafers Begriff der „Soundscape“, der „Klanglandschaft“. Darunter versteht er das Zusammenspiel zwischen den Umweltgeräuschen und dem Menschen, der sie aktiv wahrnimmt. Voraussetzung für jede Klanggestaltung, so Schafer, ist ein genaues Hinhören.

Im österreichischen Linz hat man das Hören sogar zur touristischen Marketingstrategie erhoben. „Hörstadt Linz“ heißt das Label, maßgeblich erdacht durch den Musiker und Klangkünstler Peter Androsch. Es wurde im Rahmen der Kulturhauptstadt Linz 2009 entwickelt. Damals verabschiedete der Linzer Stadtrat einstimmig die „Linzer Charta“: ein akustisches Programm, das Stadtentwicklung unter klanglichen Gesichtspunkten betreiben will.

Neben den Linzer Sehenswürdigkeiten wirbt man hier mit Hörenswürdigkeiten. Der „Hör-stadtführer“ beschreibt die Stadt Linz fast wie den Klangkörper eines Musikinstrumentes. Das liest sich dann so: „Der Alte Markt bildet zusammen mit seinem akustischen Gegenstück am unteren Hofberg ein Doppelkammer-Resonanzsystem, das die Echos aus der Hofgasse, aus der Altstadt und dem weiteren Verlauf des Hofbergs immer wieder neu spiegelt, fokussiert und schließlich um mehrere Häuserecken herum ausklingen lässt.“

Geschrieben hat das der Schweizer „Klanggärtner“ Andres Bosshard. Was Klangtore, Donnerbögen und Flüsterkuppeln sind, macht er in seiner Theorie einer „Choreophonie des Stadtklangs“ anschaulich, präziser formuliert: hörbar. Denn Bosshard begreift die Stadt als begehbares Musikinstrument: als akustischen Raum, der Schall auf unterschiedlich Weise schluckt und reflektiert. Wer das verstanden hat, kann auch planerisch damit arbeiten.

Neue Tonspuren in der Stadt

So beim stark verlärmten Nauener Platz in Berlin: Unter dem Motto „Vom lauten Ort zum klingenden Platz“ wurde die Neugestaltung als Modellprojekt vom Bundesbauministerium gefördert. Ein wesentlicher Baustein war die Arbeit des wissenschaftlichen Teams um Brigitte Schulte-Fortkamp, Professorin für Psychoakustik an der TU Berlin. Es führte neben akustischen Messungen auch Hörspaziergänge, sogenannte Soundwalks, und zahlreiche Interviews mit den Nutzern und Nutzerinnen des Platzes durch. Deren lokale Hörexpertise sollte Grundlage für die Umgestaltung sein.

Audioringe und Ohrenbänke sind ein Ergebnis des aufwendigen partizipativen Planungsprozesses. Gestaltet hat sie die Berliner Landschaftsarchitektin Barbara Willecke nach den Hörwünschen der Anwohner. Jetzt kann man es sich in den Tiefen der Ohrenbank bequem machen und per Knopfdruck wahlweise Vogelzwitschern, Kiesstrand oder Wellenplätschern lauschen.

Auch in anderen Projekten arbeitet Barbara Willecke mit Klang. Sie setzt beispielsweise Blätterrauschen ein, sei es natürlich oder künstlich, um unliebsamen Verkehrslärm zu maskieren, wie es in der Fachsprache heißt. Doch sie mahnt zugleich zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Klängen im öffentlichen Raum. Den Versuch, mit klassischer Musik am Hamburger Hauptbahnhof unerwünschte Bevölkerungsgruppen zu vertreiben, führt sie als Negativbeispiel einer ausschließenden Planung an. Ziel ihrer Klanggestaltung sei es, die Menschen zu integrieren und Wahlmöglichkeiten zu eröffnen.

Zu Umsicht beim Einsatz neuer Klänge in der Stadt raten auch Jan Paul Herzer und Max Kullmann. Der Sounddesigner und der Architekt führen in Berlin gemeinsam das Büro für akustische Szenografie „Hands on Sound“. Bei seinen Klanginstallationen im öffentlichen Raum geht das Duo behutsam vor: Es gelte, immer wieder die Balance zu finden zwischen einer Aufwertung der klanglichen Umwelt und einer akustischen Übersättigung. Auch sei akustische Inszenierung kein Allheilmittel – etwa gegen das Mobilitätsverhalten der Gesellschaft. Klanggestalter könnten nicht die Welt retten, sie allerdings in kleinen Schritten verbessern – projektweise. Ein Klangereignis, das sich mithilfe des Teilnehmers allmählich aufbaut und wieder verklingt, entwickelte das Büro mit der temporären Installation „Birdhouse Music Box“. Der Parkbesucher wurde auf eine Schaukel eingeladen, die mit einem Klangcomputer verbunden war. Mit den zunehmenden Schwingungen der Schaukel wurden auch die gehörten Klänge allmählich vielschichtiger und vervollständigten sich schließlich zu einer hochkomplexen Fuge von Bach.

Europäische Klanglandschaften

Lisa Lavia ist Geschäftsführerin der britischen „Noise Abatement Society”, einer gemeinnützigen Lärmbekämpfungsgesellschaft. Statt nur gegen Lärm zu protestieren, setzt sich die Gesellschaft für eine aktive klangliche Gestaltung unserer Umwelt ein. Lavia betont, dass die Klangqualität unserer Umwelt, der Soundscape, genauso des Schutzes und der Pflege bedarf wie die Wasser- und Luftqualität. In ihren Augen ist Lärmverschmutzung immer Ausdruck eines Mangels an Pflege der Soundscape.

So hat die Gesellschaft in Brighton in Zusammenarbeit mit der Stadt eine kreative Lösung entwickelt, um mit neuen Soundscapes die Lärmbelästigung auf einer Partymeile zu reduzieren – ohne die Partygänger zu vertreiben. Am lauten, aggressiv aufgeheizten Feiern auf offener Straße hatte sich ein Konflikt zwischen genervten Anwohnern und Clubbetreibern entzündet. Ein Künstler wurde beauftragt, eine temporäre Soundinstallation für die Partymeile zu entwickeln, die sowohl den Anwohnern als auch dem Partyvolk gefällt, dieses aber zugleich beruhigt – eine Chill-out-Zone unter freiem Himmel. Das Klangexperiment, das man schließlich im Rahmen eines Kunstfestivals durchführte, war so erfolgreich, dass man nun an dauerhaften Konzepten arbeitet.

Die Stadt Brighton gibt ihre positiven Erfahrungen jetzt an andere Städte weiter. Ein Forum dafür bietet die europäische Initiative „Action on the Soundscapes of European Cities and Landscapes“. In diesem Aktionsprogramm für die Klangräume von Städten und Landschaften tauscht man europaweit neue Ideen und ­Praxisbeispiele aus – damit Klanggestaltung eines Tages zum Alltagsgeschäft der Stadtplaner gehört.

Dr. Stefanie Krebs ist Landschaftsarchitektin und Fachautorin in Hannover

 

Hören, Lesen, Kontaktieren

World Soundscape Project, gegründetvon Murray Schafer in Vancouver, mit Klangbeispielen

Beratungsbüro Lärmkontor

Buch und CD:
Andres Bosshard: Stadt hören. Klangspaziergänge in Zürich, Zürich 2009, 192 Seiten und Audio-CD, 42 €. Mehr hier

Forschungsstelle Auditive Architektur
an der Universität der Künste Berlin

Schafer, R. Murray (2010): Die Ordnung der Klänge. Eine Kulturgeschichte des Hörens, Mainz. (engl. Originalausg. 1977). Mehr hier

Hörstadt: ein österreichisches Labor für Akustik, Raum und Gesellschaft

Büro für Akustische Szenografie, Berlin

Video der Klanginstallation „Birdhouse Music Box“ von „Hands on Sound“


Gemeinnützige britische Lärmbekämpfungsgesellschaft

EU-COST-Initiative „Action on the Soundscape of European Cities and Landscapes“

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