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Ländliche Moderne

Kuhstall mit Weltruf

Der Kuhstall von Gut Garkau

Hugo Härings Gut Garkau in Ostholstein ist der wohl einzige moderne Bauernhof der Welt. Der hochfunktionale Entwurf von Kuhstall und Scheune fasziniert, wird für die Nachnutzung aber zum Problem

Von Ulrich Höhns

Es war ein schöner Traum, den der Bauherr Otto Birtner und sein Architekt Hugo Häring Mitte der 1920er Jahre im beschaulichen Klingberg am Großen Pönitzer See, nicht weit von Lübeck entfernt, zumindest in Teilen Wirklichkeit werden ließen. Birtner hatte sich in den USA über neue landwirtschaftliche Methoden und Bauweisen informiert, Häring war dabei, sich zum führenden Vertreter einer organhaften Moderne zu entwickeln und reüssierte gerade in Berlin. Gut Garkau wurde zu seinem frühen Hauptwerk, auch wenn es angesichts der nur fragmentarischen Verwirklichung mit dem Namen mehr verspricht, als die Gestalt der Anlage hält. Ein sehr großes, weit aufgefächertes Gutshaus wurde nicht gebaut, auch ein Pferde- und Schweinestall entstand nicht.

Die Scheune mit ihrem Dachtragwerk nach dem Zollinger-System.

Funktionalität findet Form

Zwei Häuser auf dem Gut sind es, die das Neue Bauen aufs Land brachten: die Scheune mit einem stützenfreien Innenraum, groß wie ein Kirchenschiff, konstruiert mit dem wirtschaftlichen hölzernen Dachtragwerk des netzartigen Zollinger-Systems. Dieser besondere Bau mit seiner markanten Dachform, die an ein umgedrehtes Boot erinnert, rückt bei der Betrachtung der Anlage meistens etwas an den Rand. Weil der Hof nicht mehr bewirtschaftet wird, steht die Scheune leer und wird höchstens noch als Winterlager für Boote genutzt.

Und es ist natürlich der Kuhstall. Er steht im Zentrum des Interesses, wobei nicht vergesssen werden darf, dass er nur ein Teil eines größeren Ganzen hätte sein sollen. Es ist der Kuhstall der Moderne schlechthin und wohl der einzige weltweit, der dieses Etikett für sich reklamieren kann. Auch er steht seit vielen Jahren leer. Sein Grundriss ist birnenförmig, in der Mitte sich öffnend, die Ecken abgerundet oder in eine Spitze auslaufend. Der Bulle steht frei in seiner großen Box im Fluchtpunkt der Anlage, die einundvierzig in ihren kleinen Boxen angebundenen Kühe im Blick.

Grundriss des Kuhstalls: Der Bulle (Im Plan unten stehend) überblickt die im weiten Halbrund stehenden Kühe.

Moderne Architektur, moderne Landwirtschaft

Es darf bei aller Kühnheit und sprechenden Plastizität der Architektur nicht übersehen werden, dass dies eine systemische Erneuerung der Landwirtschaft für einen Zuchtbetrieb war, die Althergebrachtes verbesserte und Abläufe optimierte, sie aber nicht grundlegend änderte. Das Futter wird von oben über geneigte Decken auf den langen Tisch darunter geschoben. Die Betonstützen und -balken sind filigran, wirken amorph. Der Futtersilo hebt sich als aufragende Sonderform vom blauroten Klinkerbau ab, und ist wie dieser im oberen Teil senkrecht mit Holzbrettern verkleidet. Das Leichte krönt das Schwere, traditionelle Materialien werden verwendet, aber in neuen Kombinationen eingesetzt. Die unregelmäßige Form des Gebäudes spiegelt die Betriebsabläufe wider und führt auch Klinker-Schmuckelemente ein, die aber verhalten im Hintergrund bleiben.
El Lissitzky hat den relativ kleinen Stall 1926 fotografiert und eine spiegelsymmetrische Fotomontage des Innenraums entwickelt, die den Avantgarde-Status des Kuhstalls in der Abgeschiedenheit Ostholsteins auf internationales Niveau hob.

Links die Scheune, rechts der Kuhstall

Es war sensationell, dass hier erstmals der Versuch unternommen wurde, die Architektur eines landwirtschaftlichen Nutzgebäudes einer grundlegenden, baulich-organisatorischen Reform zu unterziehen. Damit wurden bessere hygienische und wirtschaftliche betriebstechnische Standards begründet und mit Traditionen gebrochen, die sich nicht bewährt hatten. Es entstand eine vollkommen neue, konsequent für den Bedarf entwickelte Form und damit ein Aufgabenfeld, das die Modernisten der 1920er-Jahre bis dahin nicht zur Kenntnis genommen hatten.

Häring schuf hier im Grunde ein neuzeitliches Zweiständerhaus. Das Innentragwerk erlaubte statisch unbelastete Außenwände als reine Klimahülle, und die nach innen geneigten Decken leiteten die Abluft permanent zu den hochgelegenen, umlaufenden Lüftungsschlitzen nach außen. Gleichzeitig entstand so darüber eine geneigte Ebene für das Futter. Die angelagerten Bereiche für das Jungvieh, die Jungbullen und den Rübenkeller treten jeder für sich und jeweils anders plastisch hervor und geben dem Haus seine charakteristische, von jeder Seite anders erscheinende Form.

Zu gut entworfen

Anfang der 1970er-Jahre wurde die Milchwirtschaft des Hofes eingestellt. Gut 40 Tiere waren schon damals zu wenig, um einen rentablen Betrieb zu führen. Ein Bulle wurde nicht mehr gebraucht, sondern nur sein Sperma für die künstliche Besamung der Kühe. Es zeichnete sich der Beginn der Massentierhaltung ab, in industriell anmutenden, hallengroßen Boxenlaufställen mit hunderten, wenn nicht über tausend Tieren auf Spaltenböden und der damit einhergehenden massenhaften Produktion von Gülle, die irgendwo bleiben muss.

Aus heutiger Sicht mutet die Garkauer Anlage in ihrer Programmatik wie eine archaische Hofutopie an. Der Idealismus, mit dem hier Neues gewagt wurde, musste sich schon bald einer gewandelten Wirklichkeit geschlagen geben. Das maßgeschneiderte Baukorsett des Stalls war starr und eng; es funktionierte nur wie vorgegeben oder überhaupt nicht. Der Hof ließ sich damit ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr rentabel betreiben.
Ein Versuch scheiterte, im Rinderstall Schweine zu züchten. Der Bau sollte abgerissen werden. Der Lübecker Architekt Eberhard Zell engagierte sich neben anderen für den Erhalt und mobilisierte auch internationale Kollegen. Das Haus wurde unter Denkmalschutz gestellt, und Zell zeichnete dann für die Sanierung verantwortlich. Das liegt über vierzig Jahre zurück. Der heutige Eigentümer verschließt sich Besuchswünschen, was angesichts seiner schlechten Erfahrungen mit Architekturenthusiasten verständlich ist, die sich einzeln oder in Reisebus-Gruppenstärke über jede Benimmregel hinwegsetzten und das Privatgelände und die Bauten ungefragt betraten.

Akut gefährdet

Garkau ist heute wieder in Gefahr. Seine beiden wichtigsten Gebäude stehen leer, ihr Zustand verschlechtert sich von Jahr zu Jahr. Über Ideen für neue Nutzungen und dafür erforderliche Ein- und Umbauten werden sich der Eigentümer und das Denkmalamt nicht einig. Dabei müsste jetzt dringend alles unternommen werden, um dieses einzigartige, international wahrgenommene Bauzeugnis der Moderne zu erhalten und ihm eine Zukunft zu sichern.


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